ArticlePDF Available

Kritische Reflexionen empirischer Forschungsmethodik: Workshop der Kommission Wissenschaftstheorie im Verband der Hochschullehrer für Betriebswirtschaft e.V. für Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftler in der Betriebswirtschaftslehre

Authors:

Abstract and Figures

Dieses Discussion Paper enthält die Beiträge und einiges darüber hinausgehendes Material des Workshops zum Thema Kritische Reflexion empirischer Forschungsmethodik , der vom 7.9. 9.9.2006 an der ESCP-EAP in Berlin stattfand. Der Workshop wurde von der Kommission Wissenschaftstheorie im Verband der Hochschullehrer für Betriebswirtschaft (VHB) mit Unterstützung durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) und die Arbeitsgruppe Nachwuchs im VHB durchgeführt.
Content may be subject to copyright.
Diskussionsbeiträge des Fachbereichs Wirtschaftswissenschaft
der Freien Universität Berlin
Betriebswirtschaftliche Reihe
2007/5
Kritische Reflexionen empirischer Forschungsmethodik
Workshop der Kommission Wissenschaftstheorie im Verband der
Hochschullehrer für Betriebswirtschaft e.V.
für Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftler
in der Betriebswirtschaftslehre
Michaela Haase (Hrsg.)
3-938369-53-1
Februar, 2007
„Kritische Reflexionen empirischer Forschungsmethodik“
Workshop der Kommission Wissenschaftstheorie
im Verband der Hochschullehrer für Betriebswirtschaft e.V.
für Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftler
in der Betriebswirtschaftslehre
Abstract
Dieses Discussion Paper enthält die Beiträge und einiges darüber hinausgehendes
Material des Workshops zum Thema „Kritische Reflexion empirischer
Forschungsmethodik“, der vom 7.9. – 9.9.2006 an der ESCP-EAP in Berlin stattfand.
Der Workshop wurde von der Kommission Wissenschaftstheorie im Verband der
Hochschullehrer für Betriebswirtschaft (VHB) mit Unterstützung durch die Deutsche
Forschungsgemeinschaft (DFG) und die Arbeitsgruppe Nachwuchs im VHB
durchgeführt.
Adresse: Konzeption und Organisation
des Workshops:
PD Dr. Michaela Haase Juniorprof. Dr. Martin Eisend (FUB)
Freie Universität Berlin PD Dr. Michaela Haase (FUB)
Marketing Department Dr. Jochen Koch (FUB)
Garystraße 21 Prof. Dr. Thomas Wrona (ESCP-EAP)
14195 Berlin
Tel.: (030) 838- 54589
Fax: (030) 838- 52958
E-mail: mhaase@wiwiss.fu-berlin.de
Web: http://www.fu-berlin.de/wiwiss/marketing
Inhaltsverzeichnis
Seite
1 Einleitung - Martin Eisend et.al. ..........................................................................1
2 Programmübersicht .............................................................................................5
3 Vorträge .............................................................................................................6
3.1 Qualitative Forschungsmethodik - Sigrid Quack ......................................6
3.2 Quantitative Forschungsmethodik - Martin Eisend...................................11
3.3 Mixed Methodology - Philipp Mayring....................................................14
3.4 Reflexion der Methodenwahl - Rolf Brühl...............................................18
3.5 Zur Legitimation der Disziplinen Wirtschaftsinformatik und
Information Systems - René Riedl ...........................................................24
4 Weltbild und Forschungsfrage - Einige kritische Thesen......................................31
4.1 Thesenpapier Martin Eisend ....................................................................31
4.2 Thesenpapier Jochen Koch ......................................................................33
4.3 Thesenpapier Michaela Haase..................................................................35
5 Gegenstand und Informationsbedarf: Zur Relevanz von Erkenntnis- und
Wissenschaftstheorie für die Methodenwahl - Michaela Haase ............................38
6 Bericht und Fazit - Leonhard Dobusch.................................................................65
7 Literaturverzeichnis.............................................................................................69
1
1 Einleitung
von Martin Eisend et. al.
Dieses Discussion Paper enthält die Beiträge und einiges darüber hinausgehendes
Material des Workshops zum Thema „Kritische Reflexion empirischer
Forschungsmethodik“, der vom 7.9. – 9.9.2006 an der ESCP-EAP in Berlin stattfand.
Der Workshop wurde von der Kommission Wissenschaftstheorie im Verband der
Hochschullehrer für Betriebswirtschaft (VHB) mit Unterstützung durch die Deutsche
Forschungsgemeinschaft (DFG) und die Arbeitsgruppe Nachwuchs im VHB
durchgeführt.
Der Workshop richtete sich an Nachwuchswissenschaftlerinnen und
Nachwuchswissenschaftler ab der Phase der Promotion, die bereits Erfahrungen mit
empirischer Arbeit haben und die Methodik der empirischen Forschung, die
Anwendungsmöglichkeiten bestimmter Methoden, die Interpretation von
Ergebnissen sowie ihre Verankerung in Metatheorien kritisch reflektieren wollen.
Die empirische Forschung in der Betriebswirtschaftslehre hat in den letzten Jahren
wieder stark an Bedeutung gewonnen. Viele Nachwuchswissenschaftlerinnen und
Nachwuchswissenschaftler haben diese zunehmende Relevanz erkannt und eignen
sich Kenntnisse der qualitativen oder quantitativen Methoden an, um diese in ihren
Arbeiten erfolgreich ein- und umzusetzen. Der Schwerpunkt dieser Aktivitäten liegt
dabei häufig auf der Einübung und zunehmend perfektionierten Anwendung
spezifischer Methoden. Die empirische Forschungsmethodik wird dabei meist
(explizit oder implizit) vor dem Hintergrund bestimmter paradigmatischer Leitideen
ausgewählt. Einer kritischen Reflexion der praktizierten Methode wird dabei oftmals
eine zu geringe Bedeutung beigemessen. Fragen nach der Indikation, den
Anwendungsvoraussetzungen, -möglichkeiten und -grenzen, ihren
wissenschaftstheoretischen Bezügen sowie der Berücksichtung alternativer oder
simultaner methodischer Zugänge werden zu wenig aufgegriffen. Auch eine
wissenschaftstheoretische Reflexion wie sie im Bereich rein konzeptioneller
Forschung zum Standard gehört findet in der Regel nicht statt. Häufig werden
zudem Gräben gezogen und Barrieren kultiviert (insbesondere zwischen qualitativen
und quantitativen Methoden), die jedoch einer wissenschaftstheoretischen
Begründung bis heute harren.
Mit dem Workshop wollte die Kommission Wissenschaftstheorie dazu einladen, über
die bestehende Praxis – aber auch über darüber hinausgehende Möglichkeiten der
Anwendung und Begründung von Methoden nachzudenken. Die Vermittlung von
Grundlagenkenntnissen der empirischen Sozialforschung war explizit nicht Gegen-
stand dieser Veranstaltung, sondern diese wurden vorausgesetzt. Der Workshop
zielte vielmehr darauf ab, bestehende Methodenkenntnisse zu konsolidieren, zu
erweitern und kritisch zu beleuchten. Insbesondere sollte er eine Gelegenheit bieten,
die Verwendung von Methoden vor dem Hintergrund der persönlichen
(akademischen) Biografie sowie der teils expliziten, teils impliziten Kontexte und
Bewertungen zu reflektieren. Auch wollte der Workshop dazu beitragen,
konfrontatives Denken bezüglich der quantitativen und qualitativen Methoden sowie
2
ihrer wissenschafts- und erkenntnistheoretischen Hintergründe zu überprüfen und
gegebenenfalls zu verändern.
Die Veranstaltung begann im Anschluss an eine Einführung mit der Bearbeitung
einer „offenen“ Fallstudie. Drei unterschiedlich zusammengesetzte Kleingruppen
wurden auf der Grundlage des durch eine Fallstudie gegebenen „empirischen
Materials“ mit der Aufgabe konfrontiert, dem Fall eine Problemstellung zu
entnehmen und diese in ein als geeignet erachtetes Forschungsdesign zu überführen.
Die Fallstudie wurde so konzipiert, dass sie sowohl eine quantitative als auch
qualitative Herangehensweise durch die Teilnehmerinnen und Teilnehmer zulässt.
Danach wurden die jeweiligen Ergebnisse von drei Referenten, die in
unterschiedlicher Weise methodisch ausgewiesen sind (quantitativ, qualitativ,
hybrid) aufgenommen und kommentiert.
Dabei wurden zwei nicht unverbundene Ebenen berücksichtigt, die auch als die
beiden thematischen Schwerpunkte des Workshops aufgefasst werden können:
einerseits die Ebene der jeweiligen Methode und ihrer Anwendungen, die damit
verbundenen Wissensanforderungen, handwerklichen Fähigkeiten und Gütekriterien,
andererseits die Ebene der Reflexion aus den Perspektiven insbesondere von
Wissenschafts- und Erkenntnistheorie.
Die erstgenannte Ebene der Veranstaltung zielt auf die bestehende Praxis, ihre
Reflexion und Verbesserung mit Bezug auf den Erkenntnisbeitrag des Einsatzes der
jeweiligen Methoden. Hier ist auch die insbesondere im angelsächsischen
Sprachraum verbreitete Kritik an dem unreflektierten Einsatz von Methoden zu
nennen. Diese Kritik stellt z. B. auf die problematische Identifikation von
statistischer mit analytischer und ökonomischer Relevanz ab, umfasst aber auch die
Verwendung bzw. den Test von „trivialen“ Hypothesen. Bezüglich der qualitativen
Studien ist u. a. die oft vernachlässigte Rolle des theoretischen Vorwissens und
damit die Frage, inwieweit auch diese Form der empirischen Forschung
theoriegeleitet ist – zu berücksichtigen. Schließlich bildet die aktuelle Diskussion um
die Möglichkeiten und Grenzen von „mixed methodologies“ einen Gegenstand dieser
Ebene.
Die zweitgenannte Ebene fokussiert die erkenntnistheoretischen Grundlagen der
jeweiligen Methoden (bei den qualitativen Methoden z. B. der Symbolische
Interaktionismus, die Ethnomethodologie oder der Strukturalismus, bei den
quantitativen Verfahren z. B. induktive und deduktive Statistik). Dabei steht die
Frage im Vordergrund, ob die jeweiligen Methoden zwingend mit bestimmten
wissenschafts- und erkenntnistheoretischen Positionen verbunden sind (zumeist
werden Konstruktivismus und Positivismus gegenübergestellt) oder ob sie davon
unabhängig allein entsprechend der Forschungsfrage gewählt werden können – oder
ob auch Positionen dazwischen möglich sind.
3
Die Ziele des Workshops bestanden
! in der Verbesserung der meta-methodischen wissenschaftlichen Praxis der
Teilnehmerinnen und Teilnehmer,
! in der Erweiterung des Horizonts bzw. des Möglichkeitsraums von Methoden
für empirisches Arbeiten,
! in einer verbesserten Fähigkeit zur Einordnung der eigenen Praxis in
bestehende erkenntnis- und wissenschaftstheoretische Zusammenhänge
und damit insgesamt in einer kritischen Überprüfung des jeweiligen „Weltbildes“
bezüglich der Methoden, ihrer Anwendungsmöglichkeiten und Hintergründe.
Das Programm
Inhaltlich folgte das Workshop-Programm den unten aufgezählten Schwerpunkten:
I Fallstudie
Einführung in die Fallstudie und Bearbeitung des empirischen Materials in
Kleingruppen, die methodisch jeweils mit einem qualitativen, einem quantitativen
oder einem „mixed“ Analyseverfahren vorsortiert waren. Nach der Bearbeitungszeit
in Kleingruppen erfolgten Kurzpräsentationen der Ergebnisse im Plenum.
II Expertendiskussionen
Die Organisatoren hatten Experten zu den unterschiedlichen methodischen
Ausrichtungen eingeladen. Diese hatten die Aufgabe, einerseits die zuvor im Plenum
vorgestellten Problemlösungen zu beurteilen und andererseits eine grundsätzliche
Einordnung der Methodenwahl vorzunehmen. Frau Dr. Sigrid Quack vom WZB
übernahm die Expertendiskussion zu den qualitativen Methoden, Prof. Dr. Philipp
A.E. Mayring von der Universität Klagenfurt die Diskussion und Beurteilung der
„mixed methods“. Prof. Dr. Werner Nienhüser von der Universität Duisburg-Essen,
der als Experte für die quantitativen Methoden eingeladen worden war, erkrankte
leider so kurzfristig, das eine externe Vertretung nicht mehr zu finden war. Der Part
wurde daher von einem Mitglied der Antragstellergruppe, Juniorprofessor Dr. Martin
Eisend von der Freien Universität Berlin, übernommen.
Im Anschluss an die Expertendiskussionen erfolgte eine Reflexion der
Methodenwahl aus politischer, wissenschaftssoziologischer und historischer
Perspektive durch Prof. Dr. Rolf Brühl von der ESCP-EAP in Berlin. Zuvor hatte ein
Teilnehmer des Workshops, Dr. René Riedl von der Johannes Keppler Universität
Linz, eine kurze Analyse zur Rolle der Methodenwahl für die Legitimation der
Disziplinen Wirtschaftsinformatik und Information Systems präsentiert, die er auf
Anfrage der Antragstellergruppe als Demonstrationsbeispiel vorbereitet hatte.
4
III Weltbild und Forschungsfrage
Dieser Programmteil wurde durch drei Präsentationen aus der Antragstellergruppe
eingeleitet, die sich mit der erkenntnis- und wissenschaftstheoretischen Reflexion der
Methodenwahl und deren Bezügen zur Forschungsfrage befassten: Juniorprof. Dr.
Martin Eisend erläuterte seine Position des „critical realism“, während Dr. Jochen
Koch eine konstruktivistische Position darstellte. PD Dr. Michaela Haase betonte in
ihrem Thesenpapier, dass die erkenntnistheoretische Position keine Vorentscheidung
für eine bestimmte Methode erzwingt.
IV Bewertung
Der Workshop stieß auf sehr großes Interesse bei Nachwuchswissenschaftlerinnen
und Nachwuchswissenschaftlern aus der Betriebswirtschaftslehre. Dass ein großer
Bedarf an einer kritischen Auseinandersetzung mit der Auswahl und Verwendung
von Methoden besteht, wird auch daran deutlich, dass der Workshop dreifach
überbucht war. Die Gesamtkonzeption des Workshops hat sich nach Ansicht der
Antragstellergruppe bewährt.
5
2 Programmübersicht
6
3 Vorträge
3.1 "Qualitative Forschungsmethodik" - Sigrid Quack
Übersicht über die Themen
(1) Was ist qualitative Forschung?
(2) Welche theoretischen Traditionen?
(3) Weshalb qualitative Forschung?
(4) Forschungsdesign
! Formulierung einer Fragestellung
! Anlage der Untersuchung
(Welche Erhebungsmethoden?)
(Wie analysiert man qualitative Daten?)
(5) Welche Gütekriterien gibt es für qualitative Forschung?
(6) Wie gelangt man zu einem theoretisch relevanten Beitrag?
(1) Was ist qualitative Forschung?
Einige Gemeinsamkeiten
! Intensiver und längerer Kontakt mit dem Forschungsfeld mit dem Ziel einer
„gesättigten“ Empirie
! Forschungsdesign zielt ab auf
o ganzheitliches Erfassung eines Phänomens oder Zusammenhangs
o subjektiv gemeinten Sinn der beteiligten Akteure
o Beschreibung und Analyse von Phänomenen im sozialen Kontext
! Methodische Herangehensweise geleitet von:
o Offenheit
o Fremdheit zwischen Forscher und Untersuchungsfeld
o Forschung als Kommunikationsprozess
7
! Flexibles Forschungsdesign:
o offene Erhebungsverfahren
o induktive Auswertungsverfahren
o rekursiver Forschungsprozess
o mehrere Interpretationen möglich: Welche ist die plausibelste?
(2) Welche theoretischen Traditionen?
! deutsche Hermeneutik und Phänomenologie
! verstehende Soziologie
! nach 2. WK USA: Interaktionismus, sozialer Konstruktivismus
! Anthropologie
Gemeinsamkeiten:
! Es gibt keine „objektive“ soziale Wirklichkeit
! Induktive oder rekursive Theoriebildung
(3) Weshalb qualitative Forschung?
Wissenschaftlicher Kenntnisstand:
! Theorieentwicklung
! Empirische Studien
Forschungsgegenstand:
! Phänomene, über die bisher nur wenig bekannt ist
! Phänomene mit unklaren Abgrenzungen zur Umwelt
! Phänomene, bei deren Beschreibung und Erklärung eine Vielzahl von
Merkmalen zum Tragen kommen, aber nur vergleichsweise wenige Fälle
existieren
8
Fragestellung:
! “Wie” und “warum” Fragen
! Nachvollzug des subjektiv gemeinten Sinns
! dichte Beschreibung sozialen Handelns und sozialer Milieus
! Rekonstruktion deutungs- und handlungsgenerierender Strukturen
(4) Forschungsdesign
Formulierung einer Fragestellung
! Qualitative Forschung ist kein „easy get“, deshalb:
! Identifikation einer Forschungslücke, deren Bearbeitung mit qualitativen
Methoden einen Beitrag zur wissenschaftlichen Debatte verspricht
! Von welcher Theorie (welchen sich widersprechenden Theorien) wird diese
Fragestellung angeleitet?
! Wie lässt sie sich in empirische untersuchbare Teilfragestellungen
aufgliedern?
! Übersetzung wissenschaftliche in alltagsweltliche Konzepte und Sprache
Anlage der Untersuchung
! Theoretische Fallauswahl
! Einzelfallstudien
! Illustrativer Fall
! Kritischer Fall
! Abweichender Fall; Ausnahmefall
! Vergleichende Fallstudien
! Method of agreement/disagreement
! Negativer Fall
! Prozessanalyse/longitudinale Designs
9
(5) Welche Gütekriterien gibt es für qualitative Forschung?
! Keine allgemeine akzeptierten Konventionen für Objektivität, Zuverlässigkeit
(Reliabilität) und Gültigkeit (Validität)
! Objektivität im Widerspruch zu erkenntnistheoretischen Grundlagen des
qualitativen Paradigmas
! Transparenz statt Reliablität?
! Triangulation als Ersatz oder Alternative zur Validierung?
! Validierung (Legewie im Anschluss an Habermas):
o Konsensuelle Validierung (in der Arbeitsgruppe)
o Kommunikative Validierung (zwischen Forscher und „Befragten“)
o Argumentative Validierung (Wissenschaftler und Nicht-
Wissenschaftler)
! Gefahr von Worthülsen: Wer, was, wie?
(6) Wie gelangt man zu einem relevanten Beitrag?
! Was lernen wir aus der Forschung, das wir nicht schon wussten? Wie
unterscheiden sich Ergebnisse von anderen? Rückbindung an Literatur, die
zur Formulierung der Forschungsfrage führte
! Induktive, “gegenstandsverankerte” Theoriebildung mittlerer Reichweite
durch
o Interpretation der Daten und Zusammenfassung zu abstrakteren,
theoretischen Kategorien und Konzepten (Typenbildung)
o „gesättigte“ Beschreibung von Beziehungen und
Wirkungszusammenhängen (Mechanismen)
o Analyse von Sachverhalten, die existierenden Theorien widerstreben
oder von ihnen nicht erklärt werden können
! Spezifikation von Theorien durch
o Identifikation von bestimmten Kontextbedingungen
o Differenzierung zwischen verschiedenen Typen von Phänomenen
10
Kontakt
Dr. Sigrid Quack
Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung
Reichpietschufer 50
10785 Berlin
Tel.: +49 30 25491 113
Fax: +49 30 25491 118
Email: quack@wzb.eu
Internet: www.wz-berlin.de
11
3.2 "Quantitative Forschungsmethodik" - Martin Eisend
Eigene Position, wissenschafts- und erkenntnistheoretische Grundlagen
! „scientific realism“, d.h. der Glaube daran, dass der langfristige praktische
Erfolg einer Theorie als Indiz für die tatsächliche Existenz der darin
beschriebenen Einheiten und Strukturen gilt (realistisches Weltbild)
! Forschungsfragen können konzeptionell oder empirisch (qualitativ oder
quantitativ) er-/bearbeitet werden
! Ziel (langfristig praktische Erfolg von Theorien) bestimmt das Primat für
empirische, „quantitative“ Methoden.
Konsequenzen des Weltbilds des „scientific realism“
! Suche nach Forschungsfragen, die Erfolg versprechen (populäre Themen,
wissenschaftlicher Mainstream)
! Orientierung an wissenschaftlichen Strukturen, die entscheiden, welche Ideen
als langfristig erfolgreich zu beurteilen sind (Orientierung an Auswahlkriterien
von Zeitschriften, Geldgebern), was wiederum zur Orientierung an einem
theoretischen, inhaltlichen und methodischen Mainstream führt
! Untersuchung dieser Fragen mit Methoden, die Angriffen gut standhalten
(Bevorzugung von quantitativen über qualitativen Methoden: je „quantitativer“
desto besser; Anwendung von standardisierten Techniken, Vermeidung von
individuellen, neu entwickelten Techniken)
Probleme bei der Verwendung quantitativer Methoden
Primat der Methode
! Überbewertung von Methoden und Gütekriterien vs. Inhalt; Methode wird vom
Mittel zum Ziel der Forschung
! „Sauberes“ Testen trivialer Hypothesen
„Methodendilletantismus“
! Zwang zur Anwendung quantitativer Methoden
! Anwendung komplexer Methoden durch ungeschulte Laien
! Blindheit gegenüber erkenntnistheoretischen Grundlagen
12
Methodische Spezialisierung
! Anwendung für eine Forschungsfrage ungeeigneter, aber gut beherrschbarer
Methoden
! Fokussierung von Forschungsfragen, die mit einer beherrschbaren Methode
bearbeitet werden können
13
Kontakt
Juniorprof. Dr. Martin Eisend
Juniorprofessur für Marketing/Marktkommunikation
Marketing-Department
Freie Universität Berlin
Otto-von-Simson-Str. 19
14195 Berlin
Tel: 030-83854460
Email: eisend@wiwiss.fu-berlin.de
Internet: www.fu-berlin.de/wiwiss/marketing
14
3.3 "Mixed Methodology" - Philipp Mayring
Paradigmenstreit in der Sozialforschung
! Geisteswissenschaft versus Naturwissenschaft
! Positivismusstreit
! Konstruktivismusdebatte
! Interpretative Wende, qualitative Wende, Human Science Approach
Probleme von Mono-Method Research
! Zunehmende Komplexität der Forschungsfragestellungen
! Verknüpfung mit Stand der Forschung
! Multiple Studien, Forschungsverbünde
! Forderung nach Interdisziplinarität
Überwindung des Paradigmenstreits
! Pragmatische Position (Greene, Patton): Forschungs-bzw. Praxisproblem im
Vordergrund, lösungsorientiert
! Konstruktivistische Position (Cacarelli& Greene, Guba& Lincoln; Gergen):
Paradigma als soziale Konstruktion, „De-Kuhnifizierung“, Multiple Lösungen,
Analyse von Diskursen über „Wirklichkeit“
! Dialektische Position (Salomon, Ragin, Geertz, Fielding& Fielding):
Methodensynergie, syntheseorientiert, prozessorientiert, Triangulation
Mixed Methodologies: Beispiele
! Explorative Datenanalyse (Tukey)
! Triangulation (Denzin)
! Design-Erhebung-Auswertung (Tashakkorie & Teddlie)
! Makro-Mikro-Ebene (Erzberger)
! Sequenzmodell (Bryman)
! Configurational Comparative Research (Ragin)
15
Kombinationsmodelle (componentdesign)
Grundgedanken: Komplementarität, Sequentialität, Expansion
Ansätze:
! Vorstudienmodell (qual quant)
! Differenzierungsmodell (quant qual)
! Generalisierungsmodell (quant qual)
! Triangulationsmodell (qual quant)
Integrationsmodelle
Grundgedanken: Ein übergeordnetes Design, Embeddedness, iterativ
(Schrittmodelle), spiralförmig oder ganzheitlich
Ansätze:
! Explorative Mischstudien
! Deskriptive Mischstudien
! Zusammenhangsanalysen (Vergleichsstudien mit Korrelationen)
! Kausalanalysen und Interventionsstudien (qualitativ und quantitativ-
experimentell mit Fallanalysen)
Beispiel I: Qualitative Inhaltsanalyse
! Qualitative Erhebungen (offene Interviews oder offener Fragebogen)
! Kategorienbildung und Kategorienzuordnung (Codierung) als qualitativ-
interpretativer, aber regelgeleiteter Akt
! Quantitative Analyse der Kategorienzuordnungen (Häufigkeiten,
Zusammenhänge)
16
Beispiel II: Coolness (Mayring & Alexandrowicz 2003)
! Explorative Studie: Sammlung von Definitionselementen
! Modellbildung durch Grounded Theory
! Quantitative Modelltestung
Kleidung Coolness
Accessoires Selbstvertrauen
Leistungen
17
Kontakt
Prof. Dr. Philipp Mayring
Institut für Psychologie,
Abteilung Angewandte Psychologie und Methodenforschung
und Zentrum für Evaluation und Forschungsberatung (ZEF)
Universität Klagenfurt
Email: philipp.mayring@uni-klu.ac.at
18
3.4 Reflexion der Methodenwahl - Rolf Brühl
Politische, wissenschaftssoziologische und historische Perspektiven
Inhalt
(1) Reflexion
(2) Perspektiven der Methodenwahl
(3) Dimensionen des Forschungsprozesses
(4) Politische, wissenschaftssoziologische und historische Perspektiven
(1) Reflexion
19
(2) Perspektiven der Methodenwahl
(3) Dimensionen des Forschungsprozesses
Quelle: verändert aus Brühl 2006
20
Alternative Weltbilder
Quelle: verkürzt aus Guba/Lincoln, 1994, S. 109
(4) Politische, wissenschaftssoziologische und historische Perspektiven
Politische Perspektive
21
Traditionelle wissenschaftssoziologische Perspektive
Weitere wissenschaftssoziologische Perspektive
Wissenschafts-/Erkenntnistheorie wird von sozialen Phänomenen beeinflusst.
22
Historische Perspektive
23
Kontakt
Prof. Dr. Rolf Brühl
Lehrstuhl für Unternehmensplanung und Controlling
ESCP-EAP Europäische Wirtschaftshochschule Berlin
Heubnerweg6
14059 Berlin
Tel: 030-32 007 150
Fax: 030-32 007 107
Email: rolf.bruehl@escp-eap.de
Internet: www.escp-eap.de/lehrstuehle/bruhl/?id=34
24
3.4 Zur Legitimation der Disziplinen Wirtschaftsinformatik und
Information Systems - René Riedl
Übersicht über die Themen:
(1) Wirtschaftsinformatik vs. Information Systems: Historische Entwicklung
(2) Erkenntnisziel der Wirtschaftsinformatik und Information Systems
(3) Was bedeutet Legitimation?
(4) Zitate von Fachvertretern zur Legitimation
(5) Legitimation in der WI –Relevance
(6) Legitimation in der IS –Rigor
(7) Forschungsmethoden in der WI
(8) Forschungsmethoden in der IS
(1) Wirtschaftsinformatik vs. Information Systems
! Wirtschaftsinformatik (WI)
o 1963: Gründung des Betriebswirtschaftlichen Instituts für
Organisation und Automation an der Universität zu Köln
o 1975: Gründung der WKWI (ursprünglich WK Betriebsinformatik)
im VHB
o „Es war in erster Linie eine Marktlücke, weil die Betriebswirte und
die Informatiker das Zwischenfeld vernachlässigt hatten, zum Teil
sogar ausgesprochenarrogant auftraten, immer wenn die Rede auf
betriebliche Anwendungen der Computer generell kam.“
Peter Mertens [zitiert aus Lange 2006]
! Information Systems (IS)
o 1970er: Die ersten Publikationen unter der Bezeichnung „MIS“
erscheinen
o 1977: Start der aktuell höchst gerankten Zeitschrift „MIS Quarterly“
o 1980: Start der aktuell höchst gerankten Konferenz „ICIS“
o „What really drove a lot of the early working Information Systems
was the idea that we were supporting management.“
Gordon B. Davis [zitiert nach Lange 2005]
25
(2) Erkenntnisziel von WI und IS
(3) Was bedeutet Legitimation?
! Anerkennung durch andere wissenschaftliche Disziplinen
! Anerkennung in der (betrieblichen) Praxis
! Anerkennung in der Gesellschaft und Politik
(ist z. B. hoch bei Medizin, Physik oder Chemie)
26
(4) Zitate von Fachvertretern zur Legitimation
(5) Legitimation in der WI –Relevance
! Gründung der Disziplin
o Interessierte Personen erkennen eine Marktlücke: Vorwiegend BWLer
(z. B. Hansen, Heinrich, Kurbel, Mertens, Scheer)
o Nachfrage aus der Industrie (insbesondere IBM)
! Legitimation
o Gestaltungsorientierung und damit verbundene Dominanz von
konstruktions-orientierten Methoden wie Modellierung und Bau von
Prototypen –Anerkennung in der (betrieblichen) Praxis hohe
Drittmittel Anerkennung durch verwandte wissenschaftliche
Disziplinen (mehr die BWL als die Informatik)
o Gute Jobchancen für Absolventen –Anerkennung in der Gesellschaft
und Politik (obwohl die Disziplin im Vergleich zu etablierten
Wissenschaften kaum wahrgenommen wird)
27
! Wissenschaftlichkeit
o Pragmatisches Erkenntnisziel (Wie sollen die Probleme der Praxis
gelöst werden?)
(6) Legitimation in der IS –Rigor
! Gründung der Disziplin
o Managementunterstützung durch den IT-Einsatz (z. B. DSS),
unterschiedliche Herkunftsbereiche (z. B. Business Administration,
OR, CS)
o Nachfrage aus der Industrie
! Legitimation
o Erklärung der Wirklichkeit –Einsatz von Methoden der
Naturwissenschaften und der behavioristischen Forschung (Lab
Experiments und Surveys = Quantitative Methoden) –Etablierte
Journals von internationalem Format (z. B. MISQ oder ISR)
Anerkennung durch verwandte wissenschaftliche Disziplinen an den
Business Schools
o Verhältnis zur Praxis: Nicht deren Probleme werden gelöst (wie in der
WI), sondern man sieht die Praxis als Datenlieferant
! Wissenschaftlichkeit
o Theoretisches Erkenntnisziel (Warum sind bestimmte Sachverhalte
genau so?)
28
(7) Forschungsmethoden in der WI
29
(8) Forschungsmethoden in der IS
30
Kontakt
Dr. René Riedl
Institut für Wirtschaftsinformatik – Information Engineering
Johannes Kepler Universität Linz
Altenberger Straße 69
4040 Linz
Österreich
Tel : +43 (0)732 2468 9454
Fax: +43 (0)732 2468 9452
Email: rene.riedl@jku.att
Internet: www.ie.jku.at
31
4 Weltbild und Forschungsfrage – Einige kritische Thesen
4.1 Thesen Methodologie und Weltbild:
Zur Relevanz erkenntnistheoretischer Positionen für die Methodenwahl
Martin Eisend
Ausgangspunkt der Überlegungen ist ein Weltbild, das von den meisten Forschern in
meiner Disziplin (Marketing) vertreten wird, nämlich ein „realistisches“ Weltbild,
wie es am ehesten in den Positionen eines „scientific realism“ (inclusive seiner
Abwandlungen, z.B. „critical realism“) erfasst wird, d.h. im wesentlichen der Glaube
daran, dass der langfristige praktische Erfolg einer Theorie als Indiz für die
tatsächliche Existenz der darin beschriebenen Einheiten und Strukturen gilt.
! Wie jedes wissenschaftliche Weltbild gibt es dafür keinen endgültigen
Beweis, sondern es bleibt (bisher zumindest) eine Glaubensfrage des
Wissenschaftlers und seiner Disziplin. An dieser Tatsache scheitert jede
Diskussion über die letztendliche Gültigkeit eines Weltbilds der
Wissenschaft.
! Eine Forschungsfrage kann empirisch oder konzeptionell bearbeitet werden,
beide Zugänge zur Erfassung von „Realität“ sind möglich. Eine A-Priori-
Überlegenheit eines Zugangs gibt es nicht, sondern kann nur durch den
praktischen Erfolg der sich ergebenden Erklärungsmuster für die Realität
beurteilt werden.
! Das gleiche trifft auf die Wahl der Methoden, insbesondere die
Unterscheidung zwischen qualitativen und quantitativen Methoden zu (die
Grenzlinie wird dabei relativ beliebig definiert). „Besser“ ist die Methode, die
erfolgsversprechender ist.
! Allerdings ergibt sich eine Reihe von Konsequenzen aus dem Weltbild des
„scientific realism“. Wenn nämlich der langfristige praktische Erfolg von
Theorien entscheidend ist, dann streben Wissenschaftler natürlich danach,
langfristig praktisch erfolgreiche Theorien zu entwickeln, die möglichst allen
„Angriffen“ widerstehen.
32
Daraus ergeben sich im Hinblick auf Forschungsfragen und die darauf
anzuwendenden Methoden folgendes:
! die Suche nach Forschungsfragen, die erfolgsversprechend sind (populäre
Themen)
! die Orientierung an wissenschaftlichen Strukturen, die entscheiden, welche
Ideen als langfristig erfolgreich zu beurteilen sind (Orientierung an
Auswahlkriterien von Zeitschriften, Geldgebern), was wiederum zur
Orientierung an einem theoretischen und inhaltlichen Mainstream führt
! die Untersuchung dieser Fragen mit Methoden, die Angriffen gut standhalten
(Bevorzugung von quantitativen über qualitativen Methoden; Anwendung
von standardisierten Techniken, Vermeidung von individuellen, neu
entwickelten Techniken)
33
4.2 Thesen Methodologie und Weltbild:
Zur Relevanz erkenntnistheoretischer Positionen für die Methodenwahl
Jochen Koch
! Ausgangspunkt für die folgenden Überlegungen ist die erkenntnistheoretische
Einsicht, dass es keinen direkten und außersprachlichen Zugang zur Realität gibt.
Realität ist immer sprachvermittelt und damit letztlich eine Konstruktionsleistung
kognitionsfähiger, d.h. sozialer und psychischer Systeme. Insofern stellt sich das
üblicherweise an radikalkonstruktivistische Positionen herangetragene Problem
des Solipsismus nicht, denn psychische Systeme sind immer in sozialen
Systemen eingelassen und die sprachlich wahrgenommene Welt ist immer auch
eine kollektive, da Sprache keine individuelle, sondern eine kollektive
Errungenschaft darstellt.
! Mit dieser erkenntnistheoretischen Position ich noch keinesfalls eine Präferenz
für oder eine Ablehnung von bestimmten Methoden der Forschung verbunden.
Was Forschungsmethoden insgesamt betrifft, stellt sich zunächst immer einmal
die Alternative zwischen konzeptioneller und empirischer Erforschung. Insofern
stellt die Option für empirische Forschung eine begründungspflichtige Wahl dar,
und muss letztendlich ihren Einsatz damit begründen, dass es um konzeptionell
nicht zu lösende Probleme geht, d.h. Probleme, die nicht ausschließlich durch
reines Nachdenken, Theoretisierung und mittels sprachlicher Logik und
Argumentation zu lösen sind.
! Insofern muss die Empirie im Vergleich zur konzeptionellen Forschung einen
Informationsüberschuss bieten, der zu nutzen ist, um theoretisch-konzeptionell
nicht entscheidbare Entscheidungen treffen zu können. In diesem Sinne ist der
empirische Zugriff auf die Realität aber immer „theoriegeleitet“ und damit auch
„erkenntnistheoriegetränkt“. Umgekehrt gibt es jedoch außer im rein
formalwissenschaftlichen Bereich keine empiriefreie Theorie, d.h. kein reines
theoretisches Wissen, dass einzig und alleine auf „innerer Anschauung“ oder
besser: Logik beruht. Dennoch gibt es insofern ein Primat konzeptioneller
gegenüber empirischer Forschung, da erkenntnistheoretische Prämissen letztlich
konzeptioneller Natur sind und nicht empirisch begründet werden können, da
empirische Forschung ihrerseits bereits auf erkenntnistheoretischen Prämissen
beruht. In diesem Sinne müssen erkenntnistheoretische Prämissen konzeptionell
begründet werden, d.h. durch Logik der Argumentation im Diskurs.
34
! Was nun die Unterscheidung zwischen quantitativer und qualitativer empirischer
Forschung betrifft, so bringt die hier skizzierte erkenntnistheoretische Position
keine Präferenz für die eine oder die andere Seite. Eine solche gibt es allenfalls
graduell und sie trifft weniger die Unterscheidung zwischen quantitativ und
qualitativ, als die zwischen Beobachtung und Verstehen. Diese Überlegung geht
einher mit der ebenfalls dem Konstruktivismus zuzuschreibenden
Unterscheidung zwischen trivialen und nicht-trivialen Maschinen. Damit gemeint
ist eine zentrale erkenntnistheoretische Annahme, die man über den Gegenstand
der empirischen Betrachtung trifft.
! Handelt es sich um eine triviale Maschine, d.h. um ein kausalverstehbares Input-
Output-Modell, so lassen sich Methoden der Beobachtung anwenden, um
Informationen über den Gegenstand zu generieren. Handelt es sich hingegen um
eine nicht-triviale Maschine, so hat man mit einer Black-Box zu rechnen, in der
selbstorganisierte Prozesse stattfinden, die sich der Fremd- aber auch der
Selbstbeobachtung entziehen. In diesem Falle lassen sich auch nur bedingt auf
reiner Beobachtung beruhende Daten gewinnen, die immer auf gewissen
Wahrscheinlichkeitsannahmen beruhen und mittels des Gesetzes der großen Zahl,
nicht-triviale Maschinen letztlich wie triviale Maschinen behandeln.
! Entscheidend für die Methodenwahl ist deshalb die Frage, inwieweit eine
Methode sich eignet zum Beobachten trivialer Maschinen oder zum Verstehen
nicht-trivialer Maschinen. In diesem Sinne gibt es jedoch keine eindeutige
Zuordnung von quantitativen Methoden zum Bereich der Beobachtung und
qualitativen Methoden zum Bereich des Verstehens, wohl aber eine tendenzielle.
! Davon unabhängig ist jedoch die Frage, inwiefern diese Unterscheidungen
(Beobachtung/Verstehen und trivial/nicht-trivial) bereits erkenntnistheoretisch
präjudiziert ist: die hier vorgetragene erkenntnistheoretische Position sieht
jedenfalls die Existenz sowohl trivialer als auch nicht-trivialer Maschinen vor
und ist damit offenen für „Werkzeuge“ der Beobachtung wie des Verstehens und
damit für quantitative wie qualitative Methoden.
! Entscheidend sind damit letztlich für die Frage, inwiefern eine bestimmte
erkenntnistheoretische Position eine bestimmte Forschungsmethode impliziert
zweierlei Aspekte:
1. inwieweit präjudiziert diese Position eine Entscheidung für Beobachten oder
für Verstehen?
2. inwieweit präjudiziert diese Position eine Annahme des
Erkenntnisgegenstandes als triviale oder nicht-trivale Maschine?
35
4.3 Thesen Methodologie und Weltbild:
Zur Relevanz erkenntnistheoretischer Positionen für die Methodenwahl
Michaela Haase
! Solange man nicht erkenntnistheoretisch von einer widersprüchlichen Basis
ausgeht, sind die Unterschiede zwischen der analytischen Wissenschaftstheorie
und hermeneutisch-phänomenologischen Ansätzen eher durch das Bedürfnis
nach Abgrenzung und die Beschäftigung mit unterschiedlichen Fragestellungen
bedingt als durch inhärente Antagonismen.
! Weder erkenntnistheoretische Annahmen noch irgendwelche Methoden
ermöglichen einen Zugang zu einer objektiven Wirklichkeit. „Wirklichkeit“ ist
daher immer nur das, was durch die Anwendung von Wissen und Methoden
(bzw. Theorie und Erfahrung) „entsteht“, „konstruiert“ wird etc. Wie sich diese
Wirklichkeiten zu einer möglichen objektiven Realität verhalten, ist nicht
feststellbar.
! Wenn man also konsistent von zwei Wirklichkeiten reden möchte in
Anlehnung an Dilthey von einer geistes- und einer naturwissenschaftlichen
Wirklichkeit –, dann sind beides keine vom erkennenden Subjekt
unabhängigen Wirklichkeiten.
! Die konstruktivistische Erkenntnistheorie sagt nichts über die Beschaffenheit
der Welt; ihr Gegenstand entsteht durch Konstruktionen 1. und 2. Ordnung.
Auf der einen Seite schließen weder Radikaler noch Sozialer Konstruktivismus
aus, dass durch Konstruktionen 1. und 2. Ordnung Phänomene entstehen
können, die auch mit quantitativen Methoden untersucht werden können. Auf
der anderen Seite ändert das Einnehmen einer realistischen Position nichts an
den Erkenntnismöglichkeiten. In dieser Hinsicht besteht der Unterschied zur
konstruktivistischen Position einzig darin, dass der erkenntnistheoretische
Realist seinen Erkenntnissen E noch etwas hinzufügt – je nach Spielart z.B.
„wir glauben, das E wahr ist“ oder „wir glauben, dass sich die durch E
ausgedrückten Dinge so oder so ähnlich verhalten“.
36
! Unterschiedliche erkenntnistheoretische Positionen haben keine zwingenden
Auswirkungen auf die alltägliche wissenschaftliche Arbeit und die
Methodenwahl. Über das Weltbild von Wissenschaftlern, die glauben, die
Erkenntnistheorie würde dieses oder jenes erfordern oder verbieten (z. B.
Verallgemeinerungen oder Regelmäßigkeiten), können solche Auswirkungen
dennoch entstehen. Methoden sind Mittel und als solche für bestimmte Zwecke
geeignet oder nicht. Die Frage nach den Zwecken (DN-Erklärung vs.
Verstehen, Falsifikation oder Informationsgewinnung) spielt eine genauso
große Rolle wie die Frage nach den geeigneten Mitteln. Diese Zwecke sind
allerdings eher von der wissenschaftstheoretischen als von der
erkenntnistheoretischen Position eines Wissenschaftlers abhängig.
! Die Erkenntnistheorie liefert nicht also den Gegenstand, nicht die
Fragestellungen und nicht die Methoden. Die nächsten Fragen sind daher: Wie
kommen Geistes- und Naturwissenschaften zu ihren Gegenständen? Mit
welchen Methoden werden sie untersucht? Antworten auf solche Fragen
wurden insbesondere von der Wissenschaftstheorie gegeben, insbesondere in
Verbindung mit der Entwicklung von Metatheorienauffassungen (Theorien
über Theorien). Theorien sind sowohl Instrument zur Erzielung von
Erkenntnissen als auch diejenige Entität, die diese verkörpert. Aus der
analytischen Wissenschaftstheorie heraus entstand dabei (in sprachlicher
Analogie zur Theoretizität der Beobachtung) die These von der Theoretizität
der Ontologie: Sie besagt, dass Theorien ihre Gegenstände bestimmen.
Begrenzt „kontrollierbar“ sind die ontologischen Behauptungen der Theorien
einerseits holistisch (durch die aktuellen Theorien und ihre
Vorgängertheorien), andererseits durch das Alltagswissen der Mitglieder der
wissenschaftlichen Gemeinschaften. „Dazwischen“ könnte man die
Anwendungsintentionen der Erfahrungswissenschaftler verorten, d.h. ihre
Absicht, eine Theorie auf die soziale Realität anzuwenden). Auf diese Weise
entsteht eine Verbindung zwischen konkreten Problemen oder Phänomenen
und Theorien.
! Die hermeneutischen oder auch sozial-konstruktivistischen Ansätze haben
keine Metatheorienauffassung entwickelt. Dies ist möglicherweise der Grund
dafür, dass sie das Objekt wissenschaftlicher Erkenntnis in den Konstruktionen
1. Ordnung erblicken (und in dem, was sich daraus für die soziale Realität
ergibt). Was es gibt, bestimmt daher nicht die Theorie, sondern ist vorgegeben
oder Vorraussetzung sozialtheoretischer Analyse (die Konstruktionen 1.
Ordnung). Dabei kommt es auch vor, dass der semantische Spielraum für
wissenschaftliche Theorien auf das sozialtheoretisch Gegebene beschränkt
wird. Ein entsprechendes methodisches Prinzip (wie das Adäquanzprinzip bei
Schütz) ist aber nicht zwingend. Auch der Logische Positivismus hat in der
Frühphase seiner Entwicklung Anstrengungen unternommen, die Semantik von
Theorien auf das Gegebene (in diesem Fall über Sinnesdaten oder
Beobachtungen vermittelt) zu beschränken. Diese Anstrengungen sind
fehlgeschlagen.
37
! Für den Logischen Positivismus mit seinem Hintergrund in der Logik und
Mathematik und seinem Fokus auf die Naturwissenschaften, wurden in
Verbindung mit dem damaligen Ziel der Rückführung wissenschaftlicher
Erkenntnis auf das Gegebene bestimmte Methoden und Konzepte entwickelt,
wie z. B. operationale Definitionen, Reduktionssätze oder andere Formen von
Brückenprinzipien. Unter Bezugnahme auf Logik und Mathematik wurden
ebenfalls qualitative, komparative und quantitative Begriffe eingeführt. Vor
diesem Hintergrund sind quantitative Begriffe die höchste Stufe der
Begriffsentwicklung. Vergleichsweise negative Bewertungen qualitativer
Methoden beruhen auf einer Selbstbeschränkung des Sinnverstehens auf
Klassifikation und einer nach wie vor fehlenden Akzeptanz von allgemeinen
Gütestandards.
! Die Popper-Schule verfügt ebenfalls nicht über eine Metatheorienkonzeption.
Die den Hypothesentests zugrunde liegenden Hypothesen haben häufig nur
eine unzureichende Verankerung in den erfahrungswissenschaftlichen
Theorien, d.h. sie sind aus diesen zumeist nicht deduzierbar. Falsifikationen der
Hypothesen können deshalb auch nicht gegen die Theorie gerichtet werden.
Unabhängig davon hat der Hypothesentest als Instrument der
Gedankenkontrolle und Informationsgewinnung Bedeutung.
! Die Methoden stehen also im Dienst der Erkenntnisgewinnung. Ob die Zwecke
und Ziele, zu deren Erreichung die Methoden eingesetzt werden, sinnvoll sind
oder nicht, dazu sagen Wissenschaftstheorie und Metatheorienkonzeptionen
mehr aus als die Erkenntnistheorie.
38
5 Untersuchungsgegenstand und Informationsbedarf:
Zur Relevanz von Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie für die
Methodenwahl1
Michaela Haase
„(D)er epistemologisch relevante Antagonismus
in der Sozialforschung (besteht) nicht zwischen
qualitativen und quantitativen und auch nicht
zwischen standardisierten und nicht-
standardisierten Untersuchungen, sondern
zwischen hermeneutischen und szientistischen
Methodologien und Methodiken“ (Hitzler/ Eberle
2003: 118).
5.1 Einführung
Dieser Beitrag befasst sich mit der Relevanz der Erkenntnis- und
Wissenschaftstheorie für die Methodenwahl. Mit ihm sind die folgenden Ziele
verbunden: Erstens soll betont werden, dass die Wahl der Forschungsmethoden
egal, ob mit quantitativem oder qualitativem Zuschnitt – in erster Linie von der
Fragestellung und den Zielen einer empirischen Untersuchung abhängig ist. Zweitens
(dies war auch ein Ziel des Workshops) soll hervorgehoben werden, dass die
Methoden vor einem bestimmten wissenschaftshistorischen Kontext als Instrumente
zur Beantwortung von Fragestellungen entwickelt wurden, die selbst in diesem
Kontext zu verstehen sind. So ist es kein Zufall, dass Methoden, die auf das
Erreichen allgemeinen und abstrakten Wissens zielen, vor dem Hintergrund einer
bestimmten Theorieauffassung entwickelt wurden, die solches Wissen hoch
bewertet. Für Methoden, die individuelle, kontextgebundene Interpretationen
erfassen sollen, gilt dies gerade nicht. Sofern man auf allgemeines Wissen zielt, kann
man Methoden aus dem ersten Bereich anwenden; sofern man Wissen nicht aus
seinem Kontext lösen möchte bzw. abstraktes Wissen nicht anstrebt, wählt man
Methoden aus dem zweiten Bereich.
1 Eine vorangehende Fassung dieses Beitrags bildete die Grundlage für das Thesenpapier gleichen
Titels in Kapitel 4.3.
39
Im obigen Zitat von Hitzler/ Eberle (2003) wird ein Antagonismus zwischen
hermeneutischen und szientistischen Methodologien2 und Methodiken3 festgestellt.
Negative Auswirkungen auf den Forschungsprozess sind dann zu erwarten, wenn ein
nur vermeintlicher Antagonismus dazu führen würde, die Orientierung an
Fragestellung und Informationsbedarf aufzugeben bzw. bestimmte Methoden nicht
einzusetzen, obwohl dies möglich und sinnvoll wäre. Das gleiche wäre der Fall,
wenn ein Antagonismus zwar vorhanden wäre, aber seine Auswirkungen auf die
Wahl von Methoden nicht so weitreichend sind, wie vermutet. Eine Orientierung an
Fragestellung und Informationsbedarf macht daher eine erkenntnis- und
wissenschaftstheoretische Reflexion von Methoden keineswegs überflüssig.4 Zwar
kann ein geringes Verständnis der Zusammenhänge von Methodenwahl und
philosophischen Voraussetzungen durchaus mit der Beherrschung von Methoden
verbunden sein. Die weit verbreitete Kritik an einem unreflektierten Einsatz von
Methoden zeigt aber die Grenzen solchen Vorgehens.5 Es ist anzunehmen, dass der
Einsatz empirischer Methoden im Forschungsprozess zu besseren Ergebnissen führt,
wenn ein Forscher nicht nur mit den Instrumenten und ihren Möglichkeiten vertraut
ist: Wer auf empirischem Weg Informationen sucht oder Wissen zu generieren
versucht und nicht weiß, was er suchen und auch erhalten kann, wird über „rigor“
beim Einsatz der jeweiligen Methode kaum hinauskommen. Der wichtigste Grund
dafür, sich mit erkenntnis- und wissenschaftstheoretischen Aspekten der Methoden
zu beschäftigen, besteht nicht darin, echte wie vermeintliche Antagonismen besser zu
verstehen. Er besteht im Verständnis des Zusammenspiels von Theorie und Empirie.
Im Umkehrschluss kann man nicht sagen, dass erkenntnis- und
wissenschaftstheoretisches Wissen zu „rigor“ beim Einsatz von Methoden befähigt.
Es liefert auch keine einheitlichen Aussagen zur Interpretation empirischen Wissens.
Aber es ist eine Voraussetzung dafür, eine Position beziehen zu können. Das
Ergebnis einer solchen Reflexion kann die bestehende Praxis und ihr Verständnis
verbessern. Dabei geht es um das Beziehen und Begründen einer Position gegenüber
der bestehenden Praxis wie auch gegenüber einer kontingenten, aber nicht
realisierten Praxis.6
2 Strauss/Corbin (1998: 3) definieren “methodology” als “a way of thinking about studying social
reality”. “Methodologie” wird auch synonym zu “Wissenschaftstheorie” gesetzt, aber dann meist im
engeren Sinn, d. h. ohne Berücksichtigung historischer, soziologischer oder politischer Aspekte
verwandt.
3 Hier ist die Lehre von den Methoden und ihren Verwendungen gemeint; dies ist ein engerer
Themenbereich als der mit „Wissenschaftstheorie“ bezeichnete.
4 Wenn z. B. Hathaway (1995: 555) betont, dass die Methodenwahl ein „understanding of the
philosophical assumptions concerning reality, the role of the researcher, what is knowledge, and what
are data“ erfordert, so kann dies als grundlegender Anspruch an jede Forschungsarbeit aufgefasst
werden.
5 Vgl. z. B. McCloskey (1983), Zellner (1984), McCloskey/Ziliak (1996), Gigerenzer (2004).
6 Nur die eine oder andere Art von Methoden zu benutzen, kann zu begrenzten Resultaten führen. Vgl.
z. B. Hathaway (1995: 556).
40
Aber nicht nur die Einnahme einer Position im Hinblick auf quantitative und
qualitative Methoden ist erforderlich, diese Position muss auch konsistent sein. Wer
sowohl quantitative als auch qualitative Methoden einsetzt, kann nicht, je nach
Sachlage, die erkenntnis- und wissenschaftstheoretische Position wechseln. Wenn
man also den Informationsbedarf als ausschlaggebend für die Methodenwahl
annimmt, dann müssen die erkenntnis- und wissenschaftstheoretischen Positionen in
den Hintergrund treten können. Unter Anerkenntnis der Unterschiede ist eine Basis
für die Anwendung der Methoden und eine konsistente Interpretation der dadurch
erzielten Ergebnisse zu finden.
Im folgenden Abschnitt sollen die Hintergründe der Konflikte zwischen Hermeneutik
und Szientismus näher betrachtet werden. Der Beitrag kommt zu dem Ergebnis, das
die stärksten Einflüsse der Erkenntnistheorie bzw. einem erkenntnistheoretischen
Dualismus zuzusprechen sind.
5.2 Zu den Hintergründen des Antagonismus zwischen Hermeneutik
und Szientismus
Obwohl Wilson (1982: 487) vor einem Vierteljahrhundert noch mutmaßte, dass „die
Kontroverse um qualitative und quantitative Methoden (…) vielleicht die
hartnäckigste in der Sozialwissenschaft“ ist, scheint sich hier eine Veränderung der
Auffassungen vollzogen zu haben:7 Eine Charakterisierung von qualitativen und
quantitativen Methoden als gegensätzlich ist danach verfehlt. Dies zeigt sich auch
darin, dass „es bisher nicht gelungen ist, qualitative und quantitative Analyse
definitorisch klar abzugrenzen“ (Mayring 2001: Abschnittsnummer 7) bzw. – im
Hinblick auf die Methodiken – in der Existenz von „mixed methods“8. Mayring
(2002: 19 ff.) stellt daher auch klar, dass die von ihm angeführten fünf Postulate
qualitativen Denkens keine Alternative zu quantitativem Denken darstellen.
Ausgangspunkt dieses Abschnitts ist daher die These, dass hermeneutische und
szientistische Methodologien und Methodiken im Gegensatz oder Konflikt
zueinander stehen (Hitzler/Eberle 2003: 118). Mit dem Ausdruck „Szientismus“ ist
die Auffassung verbunden, dass die vor dem Hintergrund der Naturwissenschaften
und ihrer wissenschaftstheoretischen Probleme entwickelten Methoden allgemeine
Anwendung auf alle Wissenschaften finden: „Die szientistische These besagt nur,
daß (sic!) überall echte Erkenntnis (im Unterschied zu dem, was irrtümlich für
Erkenntnis gehalten wird) von der Art ist, wie wir sie in der Mathematik oder in den
exakten Naturwissenschaften vorfinden (Kamitz 1973: 22, Hervorhebung im
Original).
7 Vgl. Mayring (2001: Absatznummern 2 und 3) für Hinweise.
8 Zu „mixed methodologies“ vgl. auch Tashakkori/Teddlie (2002).
41
Die Hermeneutik setzt gegen alle in den Naturwissenschaften eingesetzten Methoden
das Verstehen. Sie kann als „Wurzel qualitativen Denkens“ (Mayring 2002: 13)
angesehen werden: „Darunter (der Hermeneutik, M. H.) sind alle Bemühungen zu
verstehen, Grundlagen wissenschaftlicher Interpretation zur Auslegung von Texten
zu erarbeiten“. Mayring (ebd.) führt Beispiele für solche Ansätze innerhalb der
Geisteswissenschaften an und skizziert die Entwicklungslinie der Hermeneutik von
Illyricus, einem evangelischen Theologen aus dem 16. Jahrhundert, über Dilthey (19.
Jahrhundert) bis zu den Ansätzen des 20. Jahrhunderts (insbesondere von Heidegger
und Gadamer9). Er hält dann fest: „Den Grundgedanken dieser hermeneutischen
Ansätze könnte man so skizzieren: Texte, wie alles vom Menschen Hervorgebrachte,
sind immer mit subjektiven Bedeutungen, mit Sinn verbunden; eine Analyse der nur
äußerlichen Charakteristika führt nicht weiter, wenn man nicht diesen subjektiven
Sinn interpretativ herauskristallisieren kann“ (ebd.: 13 f.). Diesen subjektiven Sinn
zu verstehen, kann als das Ziel solcher Analysen bezeichnet werden.
Mantzavinos (2006: 8 ff.) kennzeichnet den Verstehensbegriff bei Dilthey durch
kommunikative Aspekte sowie durch Vorgänge des Hineinversetzens, Nachbildens
und Nacherlebens sowie (hier wird der methodische Aspekt sichtbar) durch eine
Analyse in wissenstheoretischer Absicht. Insgesamt ist Mantzavinos zuzustimmen,
das es bei Dilthey nicht deutlich wird, ob und inwiefern es sich beim Verstehen um
eine wissenschaftliche Methode handelt. Ein maßgeblicher Punkt ist dabei, inwieweit
das innere Erleben von Menschen durch andere Menschen erfasst und zum
Ausgangspunkt von Erkenntnissen werden kann. Es ist unklar, inwiefern Verstehen
einen privilegierten Zugang zu geistigen Tatsachen bieten kann.10 Der
Verstehensbegriff von Dilthey und anderen ist insbesondere von Max Weber
kritisiert worden. Weber (1973: 67 ff.) weist die Vorstellung zurück, dass Verstehen
auf dem Hineinversetzen in andere beruht; er setzt einen auf Abstraktion und
Urteilskraft basierenden Verstehensbegriff dagegen.
Wenn Hermeneutik und Szientismus so verstanden werden, dass Verstehen nur in
den Geisteswissenschaften (und sonst keine andere Methode) eingesetzt werden kann
bzw. nur in den Naturwissenschaften verbreitete Methoden (und sonst keine anderen)
in den Geisteswissenschaften eingesetzt werden sollen, so kann man von einem
Antagonismus sprechen. Dieser besagt bezüglich der Hermeneutik, dass in den
Geisteswissenschaften nur Sinnverstehen möglich ist und dieses nur durch
hermeneutische Methoden erfolgen kann. Die Anwendung anderer, nicht auf
Verstehen zielende, Methoden ist nicht möglich ist (insbesondere, weil es dafür gar
keine Anwendungen gibt). In Bezug auf die Naturwissenschaften beinhaltet eine
solche Position, dass es keiner besonderen geisteswissenschaftlichen Methoden
bedarf (weder des Verstehens, das methodisch angezweifelt wurde, noch irgendeiner
anderen spezifisch geisteswissenschaftlichen), da sie nicht zu „echter Erkenntnis“
führen.
9 Vgl. Mantzavinos (2006) für eine Analyse der Konzeptionen von Dilthey, Heidegger und Gadamer.
10 Selbst, wenn dieser Zugang vorhanden wäre, wäre damit noch nicht automatisch die Geltung dieses
Wissens gesichert (es sei denn, man könnte zeigen, einen Zugang zu einer sicheren Wissensquelle zu
besitzen). Vgl. Mantzavinos (2006: 14).
42
Solche extremen Positionen sind keineswegs zwingend. Eine Hermeneutik, die der
Auffassung ist, dass nur sie bzw. die verstehende Methode das Sinnverstehen in den
Geisteswissenschaften ermöglicht, schließt nicht aus, dass auch quantitative
Methoden in den Geisteswissenschaften eingesetzt werden können – wenn auch nicht
mit dem Ziel des Sinnverstehens.11 So können neben qualitative Methoden, die ihre
Grundlage im Verstehen sehen, auch quantitative Methoden, die Regelmäßigkeiten
erfassen und Erklärungen stützen, treten. Dies ist, wie sich weiter unten zeigen wird,
auch mit der Annahme einer anti-realistischen Position in Bezug auf die
Erkenntnistheorie vereinbar, da ja Regelmäßigkeiten angenommen bzw. „gefunden
werden können ohne dass behauptet werden muss, dass sie „real“ im Sinne des
Bestehens einer geistesunabhängigen objektiven Realität sind. Hermeneutische und
szientistische Methodiken stehen dann nicht im Gegensatz zueinander, sondern
haben das Potenzial, unterschiedlichen Informationsbedarf zu decken.
Es ist zu beachten, dass die szientistische These sich auf die Klasse der in den
Naturwissenschaften verwandten oder möglichen Methoden bezieht (also qualitative
Methoden nicht grundsätzlich ausschließt). Es bestehen jedoch die Klassifikationen
der Wissenschaften reflektierende Zuordnungen von wissenschaftstheoretischen
Auffassungen, die den Dualismus von Geistes- und Naturwissenschaft auf dieser
Ebene fortsetzen. Die Zuordnung von quantitativen Methoden zum Positivismus und
von qualitativen Methoden zu anti-positivistischen Positionen beruht darauf. Diese
Zuordnung mag die Wissenschaftspraxis teilweise reflektieren.12 Damit reflektiert sie
aber, wie weiter unten noch diskutiert wird, eher die Interpretation der sozialen
Realität durch wissenschaftliche Gemeinschaften (der Wissensproduktion und der
historisch-pragmatischen Bedingungen, unter denen sie stattfindet) als einen
Antagonismus, der aus Wissenschaftstheorie herrührt. Vor diesem Hintergrund
kommt Hunt (2003: 218; Hervorhebung im Original) zu dem Schluss: „qualitative
and quantitative methods are not even rivals. They are not, or at least should not be,
adversaries. Rather, sometimes qualitative studies add to what we know from
quantitative research and sometimes it is just the reverse. Therefore, rather than
rivals, qualitative studies complement quantitative research.”13
Bezüglich der Methoden kann es gegensätzliche Auffassungen über die ihre Eignung
für die Erreichung bestimmter Ziele und darüber, welcher Art der Beitrag einer
Methode zur Zielerreichung ist, geben. So kann man bezweifeln, dass quantitative
Methoden zum Sinnverstehen beitragen können. Aber auch die Sinnhaftigkeit von
Zielen kann in Frage gestellt werden.
11 Kelle/Erzberger (2003: 303) weisen darauf hin, dass das Konzept der Triangulation damit vereinbar
ist, das mit quantitativen und qualitativen Methoden dasselbe soziale Phänomen, unterschiedliche
Aspekte desselben Phänomens oder gar unterschiedliche Phänomene erfasst werden.
12 Nach Hunt (2003: 199 und 220, Fußnote 2) ist in den Sozialwissenschaften, insbesondere im
Marketing und in der Konsumentenforschung (consumer research), die Auffassung Konsens, dass die
gegenwärtige Forschung durch den Positivismus dominiert wird.
13 Kelle/Erzberger (2003: 304) weisen darauf hin, dass der Einsatz qualitativer und quantitativer
Methoden in einem Untersuchungsdesign zu Ergebnissen führen kann, die übereinstimmen, sich
tendenziell ergänzen, sich aber auch widersprechen können.
43
Dies wurde oben anhand des Sinnverstehens bereits deutlich: Wenn Sinnverstehen in
den Geisteswissenschaften kein (begründetes) Ziel ist, dann werden keine Methoden
dafür benötigt. Wenn man es aber für ein begründetes Ziel hält, dann schließt das
nicht aus, dass es noch andere begründete Ziele geben kann. Aber nicht nur mit
Bezug auf Methoden und Untersuchungsdesign, auch mit Bezug auf die Erkenntnis-
und Wissenschaftstheorie kann die Sinnhaftigkeit von Zielen in Frage gestellt
werden. Beispiele dafür sind das Streben nach Wahrheit oder Wahrheitsnähe oder die
Suche nach Gesetz- oder Regelmäßigkeiten: Die Entwicklung von Begriffen zur
Bestimmung der Wahrheitsähnlichkeit oder Wahrheitsnähe macht vor dem
Hintergrund einer nicht-realistischen Position keinen Sinn;14 wer in den
Geisteswissenschaften keine Gesetzmäßigkeiten annimmt, braucht auch keine
Methoden für ihre Bestimmung.
Unvereinbarkeiten liegen nicht in den Methoden, sondern resultieren aus anderen
Bereichen und werden auf die Methoden übertragen. Wie unten dargestellt wird, gibt
es Positionen in der Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie, die nicht miteinander
vereinbar sind (wie die Annahme einer realistischen und einer anti-realistischen
Position). Diese Positionen sind aber keineswegs zwingend mit quantitativen oder
qualitativen Methoden verbunden. Sie erzwingen keine Konsequenzen für die Praxis
der Wissensproduktion. Da aber die Wissensproduktion nicht nur den Gesetzen der
Logik folgt, sondern auch eine soziale Aktivität ist, haben sich solche Konsequenzen
trotzdem entwickelt: Realistische Positionen werden in Verbindung mit quantitativen
Methoden und „szientistischen“ Positionen in der Wissenschaftstheorie (bzw. dem
Positivismus) gebracht und nicht- oder anti-realistische Positionen mit qualitativen
Methoden bzw. der verstehenden Methode.
Es ist vermutlich nicht falsch, dass realistische Positionen heute stärker in den
Naturwissenschaften verbreitet sind als in den Geisteswissenschaften15, dass
qualitative Methoden eher in den Geistes- als in den Naturwissenschaften eingesetzt
werden bzw. dass sich eher die Verwender der qualitativen Methoden als die
Verwender der quantitativen Methoden nicht- oder anti-realistischen Positionen
zuordnen lassen. Dadurch wird leicht übersehen, dass diese erkenntnistheoretischen
Zuordnungen teilweise nicht zwingend, teilweise falsch sind. Die Zuordnung von
Positivismus und Realismus (vgl. auch Hunt 2003: 206) ist verfehlt, da im frühen
und Logischen Positivismus und der darauf beruhenden „szientistischen“
Wissenschaftstheorie realistische Positionen vorerst die Ausnahme waren.16 Sie
beruht darauf, dass Positionen der analytischen Wissenschaftstheorie
fälschlicherweise dem Positivismus zugerechnet werden (Haase 1998: 94 f.). Wie
weiter unten noch deutlich wird, sind die frühen und Logischen Positivisten und die
heutigen Radikalen Konstruktivisten erkenntnistheoretisch näher beieinander als man
bei oberflächlicher Betrachtung vermuten würde.
14 Das schließt nicht aus, das ein solcher Begriff in anderen Kontexten von Bedeutung sein kann.
15 Gibbons et al. (1994: 42) halten fest: „When they practise science, scientists behave as realists.
They believe that some reality exists out there, with which they have established a suitable form of
communication not only verbally or conceptually, but in a robust, technical sense as well”.
16 Innerhalb des Wiener Kreises (vgl. Stadler 1997) können die Positionen u. a. von Feigl, Kraft und
Schlick dem erkenntnistheoretischen Realismus zugeordnet werden. Dabei stand das Anliegen im
Vordergrund, Erkennen vom Erleben abzugrenzen.
44
5.3 Zur Rolle der Erkenntnistheorie
Lenzen (1980: 171) definiert mit Bezug auf die Encyclopedia of Philosophy den
Begriff der Erkenntnistheorie wie folgt: „Epistemology, or the theory of knowledge,
is that branch of philosophy which is concerned with the nature and scope of
knowledge, its presuppositions and basis, and the general reliability of claims to
knowledge“. Wissenschaftstheorie ist nach Lenzen ein Spezialfall einer allgemeinen
Theorie des Wissens, nämlich des wissenschaftlichen Wissens. Als Gegenstand der
Erkenntnis und Quelle des Wissens wird zumeist die Wirklichkeit genannt:
„Erkenntnis wird ungefähr als Erfassen der ‚Wahrheit’ und Wahrheit oft als
‚adaequatio mentis et rei’ aufgefasst, d. h. unphilosophisch gesprochen als
Übereinstimmung zwischen der Welt und unserem Bild von der Welt“ (ebd.: 173).
Unterschiede in den erkenntnistheoretischen Positionen äußern sich darin, welcher
Art die angenommene Wirklichkeit ist und was von ihr als erkennbar gilt. Eine
systematische Darstellung von Erkenntnistheorien folgt der Unterscheidung
zwischen realistischen und idealistischen Theorien:
Abb. 1
Realistische Erkenntnistheorien gehen davon aus, dass es eine vom erkennenden
Subjekt unabhängige Wirklichkeit gibt und dass der Gegenstand der Erkenntnis vom
Erkenntnisvorgang unberührt bleibt. Eine Konsequenz dieser Position ist, dass eine
Theorie wahr sein kann, unabhängig davon, ob das jemand glaubt. Vertreter
idealistischer Positionen dagegen gehen davon aus, dass die Wirklichkeit sich erst im
erkennenden Subjekt konstituiert (vgl. Lenzen 1980: 173). Eine zum erkennenden
Subjekt externe Wirklichkeit, die unabhängig von der menschlichen Erkenntnis auf
eine bestimmte Weise beschaffen ist, kann es danach nicht geben.
45
Idealistische Positionen werden weiterhin in empiristische und rationalistische
Positionen unterteilt. Die Einteilung beruht auf unterschiedlichen Antworten auf die
Frage nach der Quelle der Erkenntnis: Für Rationalisten (Plato, Descartes, Kant) ist
es die Vernunft; für Empiristen (Hume, Berkeley, Locke) die Sinneswahrnehmung.17
Carnap (1966: 60 f.) führt die idealistische Position als Gegenbehauptungen zur
„These des Realismus“ ein: „1. real ist nicht die Außenwelt selbst, sondern nur die
Wahrnehmungen oder Vorstellungen von ihr (‚Nichtrealität der Außenwelt’); 2. real
sind nur meine eigenen Bewusstseinsvorgänge, die sog. Bewusstseinsvorgänge der
Anderen sind bloße Konstruktionen oder gar Fiktionen (‚Nichtrealität des
Fremdpsychischen’)“.18 Beide Thesen, die realistische wie ihre Verneinung, liegen
für Carnap (1966: 63 f.) „jenseits der Erfahrung und sind daher nicht sachhaltig“ und
insofern nicht „wissenschaftlich sinnvoll (…): Das besagt nicht: die beiden
Teilthesen seien falsch; sondern: sie haben überhaupt keinen Sinn, in Bezug auf den
die Frage, ob wahr oder falsch, gestellt werden könnte“.
Die realistische Position kann anhand zweier Teilthesen (vgl. Devitt 1980) näher
charakterisiert werden: Die erste Teilthese besagt, dass es eine objektive, externe und
geistesunabhängige Wirklichkeit gibt, die zweite, dass diese erkennbar ist. Es ist
möglich, die erste Teilthese anzunehmen und die zweite abzulehnen aber nicht
umgekehrt. Die beiden Adjektive „geistesunabhängig“ und „extern“ können dazu
verwandt werden, um die Objektivität der Wirklichkeit zu charakterisieren, die durch
die erste Teilthese festgeschrieben wird: geistesunabhängig und extern ist die
Wirklichkeit, wenn sie bezüglich Existenz und Beschaffenheit von menschlichen
Erkenntnismöglichkeiten und mentalen Zuständen unabhängig ist. Diese Form der
Objektivität schließt eine mögliche objektive Existenz mentaler Entitäten aus.19
Angenommen wird im Realismus die geistesunabhängige (nicht mentale) Existenz
einer materiellen oder physikalischen Welt.
Die erste Teilthese kann auch als ontologische Teilthese, die zweite als
erkenntnistheoretische Teilthese des Realismus bezeichnet werden. Die
Identifikation von „Wirklichkeit“ mit „objektiver Realität“ kann besagt noch nichts
über das Ausmaß ihrer Erkennbarkeit. Anhand dieser beiden Teilthesen kann die
Vielfalt realistischer Positionen nachgezeichnet werden (was hier aber nicht
geschehen soll). Es ist allerdings bedauerlich, wenn Vertreter der Verstehenden
Soziologie oder des Konstruktivismus in ihrer Kritik an realistischen Positionen nicht
17 Poppers Kritischer Rationalismus versuchte zwischen beiden Positionen zu vermitteln. Allerdings
war Popper kein Idealist, sondern Realist. Es fällt jedoch auf, dass es bei Popper keine Auszeichnung
von Theorien gibt, die Anlass zu Vertrauen in diese Theorie geben könnten (vgl. Devitt 1980: 24,
Fußnote 3) und dass Popper die Ansicht der Logischen Positivisten, insbesondere von Carnap teilt,
dass es sich beim Realismus um eine metaphysische Position handelt (Carnap 1966: 60 ff.). Devitt
(1980: 18) dagegen fasst den Realismus als „overarching empirical hypothesis“ auf, der sich –
zumindest in bestimmten Teilbereichen – als falsch herausstellen könnte.
18 Wie Carnap (1966: 60) darlegt, wird die These von der Nichtrealität des Fremdpsychischen nur von
Vertretern einer radikalen Richtung des Idealismus, des Solipsismus, geteilt.
19 Devitt (1980: 13 f.) benennt als Beispiele Intuitionen, die noch nicht Gegenstand der
Konzeptualisierung wurden (Kant) oder Sinnesdaten, die sich nicht im Wahrnehmungsprozess
befinden (unsensed sense data) im Phänomenalismus.
46
auf die verschiedenen Spielarten des Realismus eingehen bzw. die realistische
Position mit eher naiv realistischen Positionen und Szientismus gleichsetzen.20
a
b
c
Teilthese I
1 (Zelle 11)
1 (Zelle 12)
0 (Zelle 13)
Teilthese II
1 (Zelle 21)
0 (Zelle 22)
0 (Zelle 23)
Tabelle 1:
Mögliche Haltungen zu den beiden Teilthesen des Realismus21
Spalte a in Tabelle 1 subsumiert alle Positionen, die die objektive Realität in
irgendeiner Form für erkennbar halten. Der „positive“ Extremfall ist der Naive
Realismus, der „negative“ Extremfall, das, was Devitt (1980: 15) „weak realism“
nennt. Die letztgenannte Position ist „completely unspecific about what exists; it
requires only that something does“ (ebd., Hervorhebung durch Devitt). Spalte b
subsumiert Positionen, die eine objektive Realität annehmen oder für möglich, aber
nicht für erkennbar halten. Spalte c steht für negative Haltungen gegenüber beiden
Teilthesen – und damit für idealistische Positionen. Was in Spalte c nicht zum
Ausdruck kommt, ist, dass es für den Idealisten durchaus eine Wirklichkeit gibt
aber eben nicht die, die der Realismus annimmt. Es handelt sich dabei um auf die
Kantsche Terminologie zurückzugreifen – nicht um die „Wirklichkeit an sich“,
sondern um die „Wirklichkeit für uns“.22
Nimmt man die erste Teilthese an, lehnt die zweite aber ab, so können die
Konsequenzen einer solchen Haltung durchaus denen einer nicht-realistischen
Position entsprechen. Auf diese Weise könnte selbst auf der Grundlage einer
konstruktivistischen Position die erste Teilthese des wissenschaftlichen Realismus
akzeptiert werden – weil sie für Wissenschaftstheorie und Methodik folgenlos bleibt.
Der „untere Rand“ (wenn man den naiven Realismus als „oberen Rand“ bezeichnet)
der auf der einen Seite durch Zelle 21 (a, II, 1) und auf der anderen Seite durch Zelle
22 (b, II, 0) symbolisierten Positionen können kaum unterscheidbar sein. Auch (b, II,
0) und c unterscheiden sich kaum. Aus diesem Grunde möchte Devitt (1980) den
„unteren Rand“ von (a, II, 1) bzw. „weak realism“ aus dem Spektrum der
realistischen Positionen ausschließen: „The weak realist’s world is one that perhaps
even Nelson Goodman would allow, a world ‚without kinds or order or motion or
rest or pattern’. As Goodman points out, this ‘world is not worth fighting for’ (1978,
p.20). What difference does believing in it make? It is a world we cannot know about
20 In Helle (1999: 4) findet sich dafür ein Beispiel, da dort der „szientistischen Position
zugeschrieben wird, dass sie Theorien als Modelle der Wirklichkeit“ betrachte und die „Vorlage
möglichst getreu nachgebildet“ werden soll.
21 „1“ steht für „ja“, „0“ für „nein“.
22 Als „Wirklichkeit für uns“ ist auch das Gegebene im Positivismus aufzufassen.
47
or talk about. It cannot play a role in explaining any phenomenon. It is an idle
addition to idealism: anti-realism with a fig-leaf“ (Devitt 1980: 15).23
5.3.1 Zur Wirklichkeit von Positivismus und Radikalem
Konstruktivismus
Eine Gleichsetzung von Positivismus und Realismus ist falsch. Nach Abb. 1 zählt der
Positivismus zu den idealistischen Positionen. Es ist daher nicht verwunderlich, dass
Radikaler Konstruktivismus und Positivismus im Hinblick auf die erste und zweite
Teilthese des wissenschaftlichen Realismus Parallelen aufweisen. Der Radikale
Konstruktivismus lehnt die Existenz einer Außenwelt nicht ab; er würde aber nicht
für sie „kämpfen“24; für den Positivismus dagegen ist die Annahme einer Außenwelt
Metaphysik (Carnap 1966). Bezogen auf Tabelle 1 ließe sich der Radikale
Konstruktivismus bei Spalte b oder c und der Positivismus bei c verorten.
Während der Positivismus in Bezug auf die Teilthese 1 radikaler ist als der Radikale
Konstruktivismus, sind sich beide Positionen in den Konsequenzen bezüglich
Teilthese 2 ähnlich: Der Radikale Konstruktivismus behauptet, dass eine objektive
geistesunabhängige Außenwelt, selbst wenn sie existierte, nicht erkennbar wäre:
Erkenntnis ist „eingeschlossen“ in der menschlichen Konstruktion; die Außenwelt
bzw. Systemumwelt liefert ein „Feedback“ zu den auf den Konstruktionen
beruhenden menschlichen Aktionen, das analog zu den Reizen der Nervenzellen,
die sich nur durch die Intensität, nicht durch die Qualität unterscheiden – keine
qualitative Differenzierung erlaubt. Der frühe Sinnesdaten-Positivismus (z.B vom
Mach) nimmt an, dass Erkenntnis bzw. Wissen auf den Wahrnehmungen der
Sinnesorgane beruht; diese liefern jedoch keineswegs ein Abbild der Außenwelt25
(vgl. Kamitz 1973: 68 ff.). Wie auch der Radikale Konstruktivismus ist auch der
Positivismus keine rein philosophische Erkenntnistheorie, sondern eine
physiologisch-psychologisch-philosophische Erkenntnistheorie (der Radikale
Konstruktivismus dagegen hat Wurzeln in der Biologie oder Neurologie). Der
Unterschied zwischen frühem Positivismus und Radikalem Konstruktivismus besteht
darin, dass letzterer bei den Reizen der Nervenzellen keine qualitative
Differenzierung erlaubt, während ersterer ein Gegebenes annimmt, welches auf der
Grundlage einer qualitativ differenzierenden Sinneswahrnehmung (die z. B.
zwischen Farben und Geräuschen unterscheidet) konstituiert wird.
23 Devitt bezieht sich auf Nelson Goodmans „Ways of Worldmaking“ (1978), Indianapolis: Hackett.
24 Mit Berkeley stimmt der Radikale Konstruktivismus darin überein, dass es unvernünftig wäre,
etwas die Existenz zu bescheinigen, was nicht oder nicht irgendwann wahrgenommen werden
kann/könnte“ (Glasersfeld 1992, zitiert nach Flick 2003: 154).
25 Von der Außenwelt handeln diejenigen empirischen Aussagen, die „nicht von den eigenen oder
fremden Bewusstseinsvorgängen handeln“ (Kamitz 1973: 38).
48
Auf dieses Gegebene müssen die gedanklichen Konstruktionen zurückführbar sein.26
Das Gegebene jedoch ist nicht das Kantsche „Ding an sich“, sondern ein „Ding für
uns“.
Während der Realist gerade nicht auf der Ebene der Erscheinungen, der Phänomene
etc. stehen bleiben will, sondern so gut wie möglich die „dahinter liegende“
Wirklichkeit oder wenigstens deren Strukturen erkennen will, beruht im Positivismus
das nicht hintergehbare Gegebene auf Sinneswahrnehmungen. Erst in der Spät- und
Auflösungsphase des Logischen Positivismus kam es in Verbindung mit dem
Received View, der Theorieauffassung des Logischen Positivismus, zur Entwicklung
und Verbreitung realistischer Positionen, wie dem Wissenschaftlichen Realismus
(Boyd 2002). Insbesondere Carnap, der die Entwicklung des Received View mehr als
jeder andere Philosoph beeinflusst hat, war kein Realist. Die erkenntnistheoretische
Position des Realismus gewann bezüglich des Received View (im Anschluss an
Hempels Arbeiten zum Problem der theoretischen Terme) erst an Boden als sich der
Logische Positivismus schon dem Ende seiner Entwicklung näherte bzw. von einer
wissenschaftstheoretischen Schule in eine Art und Weise Philosophie zu betreiben
überging (die analytische Philosophie).
5.3.2 Zum erkenntnistheoretischen Dualismus zwischen Natur- und
Geisteswissenschaft
Wie sich aus der Charakterisierung der ersten Teilthese des Realismus ergab, ist nach
realistischer Auffassung die objektive Realität nicht-mentaler Art (weder subjektiv
noch objektiv mentaler Art und auch die Welt ist nicht aus Geist aufgebaut). Die
Wirklichkeit ist wie sie ist – unabhängig von menschlichem Wissen über sie. Spalte c
in Tabelle 1 beinhaltet eine Ablehnung der ersten und der zweiten Teilthese des
wissenschaftlichen Realismus und damit auch die Ablehnung der Annahme einer
geistesunabhängigen externen objektiven Wirklichkeit. Das bedeutet jedoch nicht,
dass gar keine Wirklichkeit angenommen wird. Die Ablehnung von Teilthese 1
ermöglicht die Annahme von Wirklichkeiten, die durch die Attribute
geistesabhängig, intern oder subjektiv gekennzeichnet sind.
26 „Um die Erkenntnisinhalte zu analysieren, muss die Erkenntnistheorie die Gegenstände (Begriffe)
der (Real-)Wissenschaft in ihren verschiedenen Gebieten (Natur- und Kulturwissenschaften)
untersuchen. Und zwar muss sie feststellen, auf welche anderen Gegenstände die Erkenntnis
irgendeines Gegenstandes ‚zurückgeht’. Es geschieht somit eine Analyse der Gegenstände, die
‚höheren’ werden auf ‚niedere’ zurückgeführt. Die nicht weiter rückführbaren Gegenstände heißen die
‚(erkenntnistheoretisch) grundlegenden’ Gegenstände“ (Carnap 1966: 10).
49
Die Annahme von zwei Wirklichkeiten laut Tabelle 1 bezieht sich auf alle
Wissenschaften. Alle können in Spalte c mit eigenen Wirklichkeiten aufwarten. Mit
der Entwicklung der Geisteswissenschaften27 und als Folge ihrer
wissenschaftstheoretisch-methodischen „Emanzipation“ von den
Naturwissenschaften werden die „ways of worldmaking“ sortiert: Wie in Tabelle 2
dargestellt, werden die Wirklichkeit von Teilthese 1 den Naturwissenschaften und
diejenigen Wirklichkeiten, die auf der Verneinung von Teilthese 1 beruhen, den
Geisteswissenschaften zugesprochen:
NW
a
c
GW
c
Teilthese
I
1
Teilthese
I
0
Teilthese
II
1
Teilthese
II
0
Tabelle 2:
Annahme gesonderter objektiver Wirklichkeiten für Natur- und
Geisteswissenschaften
(NW bzw. GW)
Tabelle 2 zeigt bezüglich der Geisteswissenschaften nur die Abgrenzung zu den
Naturwissenschaften. Die beiden Werte in der Spalte c im rechten Teil der Tabelle
sind Ausdruck der Negation der Annahme einer objektiven Realität, aber nicht von
anderen Wirklichkeiten (der sprachlichen Einfachheit halber wird nachfolgend auch
hier nur von einer geisteswissenschaftlichen Wirklichkeit gesprochen). Die
Geisteswissenschaften befassen sich mit einer Wirklichkeit, die auf der geistigen
Tätigkeit des erkennenden Subjekts beruht. Diese geisteswissenschaftliche
Wirklichkeit ist daher nicht geistesunabhängig und insofern nicht objektiv; sie wird
damit in den Gegensatz zu einer als objektiv aufgefassten Wirklichkeit der
Naturwissenschaften gestellt. Natur- und geisteswissenschaftliche Wirklichkeit
werden als nebeneinander existierend gedacht, wodurch der Dualismus von Natur-
und Geisteswissenschaft betont wird. Man kann so in den Naturwissenschaften
Wissen über eine geistesunabhängige externe objektive Außenwelt erzielen, während
die geisteswissenschaftliche Erkenntnis sich auf eine Wirklichkeit bezieht, für die
diese Attribute nicht zutreffen.
27 Dilthey, der diesen Begriff prägte, hat auch die Disziplinen dazu gezählt, die heute als
„Sozialwissenschaften“ bezeichnet werden. Vgl. Apel (1980: 247), wonach nach Dilthey zu den
Geisteswissenschaften diejenigen Wissenschaften zählen, „welche die Ordnungen des Lebens in Staat,
Gesellschaft, Recht, Sitte, Erziehung, Wirtschaft, Technik und die Deutungen der Welt in Sprache,
Mythos, Kunst, Religion, Philosophie und Wissenschaft zum Gegenstand haben“. Apel zitiert
Rothacker, E. (1926): Logik und Systematik der Geisteswissenschaften, München, S. 3.
50
Kaum jemand wird bestreiten, dass beträchtliche Unterschiede zwischen Natur- und
Geisteswissenschaften bestehen, die sich aus dem Gegenstand ergeben und auch die
Verwendung unterschiedlicher Methoden erfordern. Diese Unterschiede rechtfertigen
jedoch nicht die Annahme einer realistischen Position (Annahme von Teilthese I und
II) in Verbindung mit einer naturwissenschaftlichen Wirklichkeit und zugleich die
einer nicht-realistischen Position (Ablehnung von Teilthese I und II bzw. nur von
Teilthese II) in Verbindung mit einer geisteswissenschaftlichen Wirklichkeit. Sofern
sich die Erkenntnistheorie mit den Voraussetzungen und Möglichkeiten
menschlicher Erkenntnis befasst, bezieht sie sich auf alle Wissenschaften. Wenn
Menschen nur zu erkennen vermögen, was vor ihrem Bewusstsein als Realität
erscheint, dann hat das Konsequenzen nicht nur für die Geistes-, sondern auch für die
Naturwissenschaften.28 Umgekehrt: Wenn es eine objektive, geistesunabhängige
Wirklichkeit gibt, dann auch für die Geisteswissenschaften. Positionen, die bezüglich
der Naturwissenschaften von einer objektiven geistesunabhängigen Realität
ausgehen, dies aber bezüglich der Geisteswissenschaften ablehnen, sind nicht
konsistent.
Unten werden zwei Möglichkeiten diskutiert, die zur Vermeidung eines
Widerspruchs hervorgebracht werden können.
Möglichkeit 1
Eine Möglichkeit könnte in der Einschränkung der realistischen Position, z. B. auf
einen „common-sense realism“ (CSR), gesehen werden (a, II, 1CSR). Der Realist muss
ja keinesfalls gegenüber allen möglichen Entitäten ein Commitment eingehen. Er
kann sich auf das beschränken, was im „common sense“ als existierend angenommen
wird29 oder auf das, was beobachtbar oder „tangible“ (Hunt 2003: 29130) ist. Der
Wissenschaftliche Realismus [darstellbar als (a, II, 1SR)31] dagegen beinhaltet auch
eine Verpflichtung gegenüber den „meisten“ unbeobachtbaren32, durch
wissenschaftliche Theorien spezifizierten Entitäten (vgl. Devitt 1984: 22, Boyd
2002). Dabei kann ein Unterschied gemacht werden in der ontologischen
Verpflichtung gegenüber Entitäten, die in verschiedenen Theorien und über einen
längeren Zeitraum relevant sind bzw. die auch in instrumentellen Zusammenhängen
Bedeutung haben (z. B. Elementarteilchen) gegenüber Entitäten, die erst seit kurzer
Zeit bzw. von umstrittenen Theorien spezifiziert werden (z. B. Strings oder
Paralleluniversen).
28 Insofern kann man die Entstehung des Radikalen Konstruktivismus als eine „nachholende
Entwicklung“ in Richtung auf eine Vereinheitlichung der Wirklichkeitsauffassungen in Geistes- und
Naturwissenschaft auffassen.
29 Vgl. das Beispiel von Devitt (1984: 22): „trees objectively exist independently of the mental“.
30 Sozialwissenschaftliche Theorien könnten sich auf die Existenz von Menschen verpflichten:
“people occupy central positions, and people are, to say the least, tangible” (Hunt 2003: 291;
Hervorhebung im Original).
31 SR = Scientific Realism.
32 Diese Unterscheidung folgt der Entwicklung des Received View bzw. der durch den Logischen
Positivismus entwickelten Theorieauffassung.
51
Im Hinblick auf die Wirtschaftswissenschaft könnte Wissenschaftlicher Realismus
z. B. bedeuten, dass sich Wirtschaftswissenschaftler auf die Existenz von Märkten,
Organisationen, Präferenzen oder Dienstleistungen verpflichten oder teilweise
verpflichten.
CSR hat den Vorteil, dem von Putnam vorgebrachten Argument der Meta-Induktion
zu entgehen: „The entities of present theories do not exist from the perspective of
some theory we shall adopt in the future. So we have no reason to suppose these
entities exist. Anti-realism would be more plausible than realism” (Devitt 1984: 17).
Allerdings ist dieses “Entkommen” nur prima facie, da die Common-Sense-Entitäten
zwar nicht den ontologischen Behauptungen aktueller Theorien entsprechen, aber
kaum unabhängig von jeder Form von Theorien sind.
CSR beruht also darauf, dass der realistische „claim“ auf Common-Sense-Entitäten
eingeschränkt wird. Auf dieser Grundlage ließe sich eine geisteswissenschaftliche
Wirklichkeit entfalten, gegenüber der keine Verpflichtungen eingegangen werden.
Der oben genannte Widerspruch in der erkenntnistheoretischen Haltung gegenüber
Natur- und Geisteswissenschaften wird dadurch vermieden, dass der
Geisteswissenschaftler Realist ist, der realistische „claim“ aber auf Commons-Sense-
Entitäten beschränkt wird.
Möglichkeit 2
Die zweite Möglichkeit, einen Widerspruch zu vermeiden, besteht in der Annahme
einer anti-realistischen Position (Spalte c). Nicht-Realismus heißt für die
Geisteswissenschaften, dass eine objektive soziale Realität angenommen werden
kann, die nicht geistesunabhängig ist. Die Gegenstände der sozialen Realität sind
somit nicht unabhängig davon, was wir von ihnen wissen.
Für den Geisteswissenschaftler heißt das, dass die Annahme von CSR nicht möglich
ist. Die anti-realistische Position beinhaltet nicht, dass die Wirklichkeit der
Geisteswissenschaften nicht objektiv bzw. nicht extern ist. Objektive Existenz kann
mit Geistesabhängigkeit einhergehen, da es objektives Mentales (z. B. die
eingeborenen Ideen bei Plato) geben kann. Die verstehende Methode in den
Geisteswissenschaften sollte gerade die Beschränktheit der geisteswissenschaftlichen
Erkenntnis auf das Eigenpsychische aufheben. Das hermeneutische Verstehen und
der Wechsel zu einer physikalischen Dingsprache im Positivismus können als
unterschiedliche Antworten auf dasselbe Problem aufgefasst werden, nämlich des
Problems des Fremdverstehens psychischer Vorgänge. Verstehen (zumindest bei
Dilthey) wie auch der Physikalismus sind Versuche, der subjektivistischen
eigenpsychischen Erkenntnisbasis zu entkommen.33
33 Der Positivismus war um eine Wissenschaftssprache bemüht, deren Grundbegriffe sich nicht auf
Eigenpsychisches beziehen: „Nach Carnap hat eine physikalische Sprache gegenüber einer
Erlebnissprache den Vorteil, dass die in physikalischer Sprache beschriebenen Ereignisse prinzipiell
von jedem Benützer dieser Sprache beobachtet werdennnen und daher die in physikalischer
Sprache formulierten Aussagen intersubjektiv nachprüfbar sind“ (Kamitz 1973: 159, Hervorhebung
im Original).
52
Mit Bezug auf den Gegenstand der Geisteswissenschaften kann man festhalten, dass
der CSR für sie bestenfalls irrelevant und der Wissenschaftliche Realismus nicht
plausibel ist, wenn man annimmt, dass das, was ist, erst durch den Sinn, der ihm
zugesprochen wird, ist. Damit können geistige Gegenstände zwar objektiv, aber nicht
unanhängig davon sein, was wir von ihnen wissen.
Um zu der Frage zurück zu kommen, inwieweit sich ein erkenntnistheoretischer
Antagonismus zwischen Hermeneutik und Szientismus auf die Methodenwahl
auswirkt, können jetzt zwei Kriterien angegeben werden:
K1: Methoden, die die Existenz einer objektiven Realität voraussetzen, sind in
den Geisteswissenschaften nicht anwendbar.
K2: Methoden, die zur Gewinnung von Informationen oder Erkenntnissen führen,
die für die Geisteswissenschaften irrelevant sind, sind in den
Geisteswissenschaften nicht sinnvoll einsetzbar.
Da die Anwendung quantitativer Methoden nicht die Annahme einer realistischen
Position voraussetzt, trifft K1 nicht zu. Realistische Position sind zwar heutzutage34
bei Naturwissenschaftlern weit verbreitet – aber auch Naturwissenschaftler bzw.
auch Wissenschaftler, die quantitative Methoden verwenden, können Nicht-Realisten
sein. K2 ist Gegenstand des nächsten Abschnitts: Dort wird diskutiert, ob aus der
Wissenschafts- und Erkenntnistheorie hervorgeht, dass die Verwendung quantitativer
Methoden in den Geisteswissenschaften nicht sinnvoll ist.
5.4 Wissenschaftstheorie und Methodenwahl
5.4.1 Die Wissenschaftstheorie des Logischen Positivismus
Eine Unterscheidung zwischen Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie erfolgte erst ab
etwa 1920 mit der Entstehung des Wiener Kreises. Die Wissenschaftstheorie befasst
sich mit einer besonderen Form der Erkenntnis, nämlich der wissenschaftlichen
Erkenntnis. Da diese in Theorien verkörpert ist, ist die Analyse der
wissenschaftlichen Erkenntnis von der Analyse wissenschaftlicher Theorien nicht zu
trennen. Es ist daher kein Zufall, dass mit der Entwicklung der Wissenschaftstheorie
auch die einer Theorieauffassung, einer Theorie über Theorien, einherging.
34 Vor der Entwicklung des Wiener Kreises waren in Deutschland Neo-Kantianische Positionen stark
vertreten (vgl. Stadler 1997: 82), die sich insbesondere mit mechanisch-materialistischen
Auffassungen auseinandersetzten.
53
Ein Teil der Wissenschaftstheorie ist die Theorie der Begriffsformen (Carnap 1969:
59 ff., Stegmüller 1980: 61) bzw. eine Begriffshierarchie, die (aufsteigend) von
klassifikatorischen (qualitativen) Begriffen über komparative Begriffe zu
quantitativen Begriffen führt.35 Die Assoziation dieser Begriffshierarchie mit einem
Werturteil bezüglich der Güte von Methoden, die qualitative, komparative oder
quantitative Begriffe verwenden, hat vermutlich mit zu einer Minderbewertung von
qualitativen gegenüber quantitativen Methoden beigetragen. Wilson (1982: 492)
begründet das Vorurteil, „daß (sic!) quantitative den qualitativen Methoden
grundsätzlich überlegen seien“ mit der Annahme, dass die theoretisch und
methodologisch interessanten Dinge eben mit quantitativen Methoden erforscht
würden. In analoger Weise kann auch Mantzavinos (2006: 18) verstanden werden:
Wenn man sich, wie die Hermeneutik, nur mit der Frage befasst „Was ist x?“ (wobei
die Hermeneutik auf diese Frage die Antwort „x ist eine geistige Tatsache“ gibt),
kommt man über eine Klassifikation, nämlich die Einordnung von Objekten in
Klassen, nicht hinaus. Ob es gelingt, einen Grundbereich in Äquivalenzklassen zu
zerlegen (qualitative Begriffe) und ob es zusätzlich möglich ist, die
Äquivalenzklassen zu ordnen oder Funktionen zu bilden (komparative und
quantitative Begriffe), hat nichts damit zu tun, ob es sich um natur- oder
geisteswissenschaftliche Begriffe handelt. Nachteilig wäre es für die
Geisteswissenschaften, wenn komparative und quantitative Begriffe nicht gebildet
werden, obwohl dies möglich und sinnvoll ist.
Die Theorieauffassung des Logischen Positivismus, der Received View, entwickelte
sich in enger Anlehnung an oder in enger Verbindung einerseits mit
Naturwissenschaften, andererseits mit Logik und Mathematik. Der Received View
war durch die Probleme und Fragestellungen, die sich aus der Beschäftigung mit
diesen Disziplinen ergaben, geprägt. Die Wissenschaftstheorie befasst sich nicht nur
mit Theorien und der in ihnen verkörperten Erkenntnis, sondern auch damit, wie
diese mit anderen Quellen der Erkenntnis zusammenhängt. Allgemein formuliert
kann Erkenntnis auf Theorien und auf das, was außerhalb von Theorien gegeben ist,
zurückgeführt werden.36 Diese Gegenüberstellung findet sich bereits bei August
Comte, der sich der Entwicklung einer antimetaphysischen, positivistischen
Wissenschafts- und Gesellschaftstheorie verschrieben hatte: Dabei wird die starke
Rolle der Tatsachen wird durch eine ebenso starke Rolle der Theorie „ausbalanciert“.
35 So führt Stegmüller (1980: 62) qualitative oder klassifikatorische Begriffe als „primitivste Stufe“
und „quantitative Begriffe als „höchste Stufe wissenschaftlicher Begriffsformen“ ein. Er betont
zudem: „Die alltägliche Weltbetrachtung ist vorwiegend qualitativ, die physikalische dagegen rein
quantitativ“ (ebd.: 61).
36 Die starke Rolle der Tatsachen gegenüber der Theorie bzw. die Gegenüberstellung von Theorie und
Empirie als voneinander völlig unabhängige Dinge wurde 1958 durch Hansons These von der
Theoretizität der Beobachtung relativiert. Wissenschaftliche Realisten wie Popper oder Boyd
unterstützen diese Argumentation: „Almost all of the methods scientists actually use in conducting
experimental or observational studies are theory-dependent: they depend for their justification on
knowledge reflected in previously established theories“ (Boyd 2002: 3).
54
Die Entwicklung des Received View ist durch den Versuch der Vermittlung von
allgemein-abstrakter Erkenntnis und erst persönlich-subjektiv, später auch
intersubjektiv, etablierter Tatsachen kennzeichnet. Die empiristische Tradition, aus
der der Positivismus hervorging, betonte bezüglich der Empirie die subjektive
Sinneswahrnehmung. Später erfolgte eine Objektivierung auf Beobachtungssätze.
Ausgehend vom Sinnesdatenpositivismus von Mach über Protokoll- bis hin zu
Beobachtungssätzen werden den Theorien als Verkörperungen wissenschaftlicher
Erkenntnis Aussagen über das Gegebene gegenübergestellt. Ursprünglich wurde
dabei verlangt, dass die theoretische Erkenntnis zur Gänze auf das Gegebene
rückführbar sein sollte. In Verbindung mit der Ausformulierung der
Theorienkonzeption (des Received View) wurde aber deutlich, dass die Rückführung
aller gedanklichen Konstruktionen bzw. Theorien auf ein Gegebenes nicht
durchführbar ist.
Die Wissenschaftstheorie des Logischen Positivismus betont die Rolle von Theorien
für die Formulierung und Erzielung von wissenschaftlichen Erkenntnissen. Sie
beruht aber nicht auf einem erkenntnistheoretischen Realismus, d. h. sie verlangt
nicht, dass sich diese Erkenntnisse auf eine objektive, geistesunabhängige
Wirklichkeit beziehen. Der Received View, die vom Logischen Positivismus
entwickelte Theorieauffassung, ist epistemologisch neutral. Das heißt aber auch, dass
die Methoden, die auf seiner Grundlage entwickelt wurden, in dieser Hinsicht neutral
sind. Die Schlussfolgerung, die sich bezüglich K2 (vgl. 5.3.2) bereits im Hinblick auf
die Erkenntnistheorie ergab, wird auch durch die Wissenschaftstheorie gestützt.37
Dies trifft auch auf den Kritischen Rationalismus und die in diesem Kontext
entwickelten oder präferierten Methoden zu – obwohl Popper Realist war.38
5.4.2 Erkenntnistheorie und Methode
Ein erkenntnistheoretischer Dissens hat dann Auswirkungen auf die
wissenschaftstheoretische Position oder die Methodenwahl, wenn – wie in K2 –
formuliert – die Wahl bestimmter Ziele als unsinnig oder der Einsatz bestimmter
Methoden als unzweckmäßig kritisiert wird. Das kann z. B. der Fall sein, wenn
Verstehen und Erklären einander gegenübergestellt werden und Vertreter der
verstehenden Richtung keine Hypothesen und Theorien aufstellen bzw. entwickeln
wollen, weil sie der Auffassung sind, dass es gar keine (oder auch nur in den Geistes-
37 Nicht alle Theorieauffassungen sind epistemologisch neutral. Vgl. z. B. Suppe (1989) bzw. die
Diskussion des Ansatzes in Haase (1995).
38 Popper, obwohl involviert in den so genannten Positivismusstreit, war nie ein Positivist, sondern
von Anfang an Kritiker positivistischer Positionen. Die Differenzen beruhen u. a. auf Poppers
Abneigung gegenüber der Verwendung von Logik und Mathematik bei der Repräsentation
wissenschaftlicher Erkenntnis bzw. auf seiner Betonung der Bedeutung der Alltagssprache für die
Wissenschaftstheorie sowie in der Annahme von Falsifizierbarkeit als Abgrenzungskriterium
gegenüber pseudo- und vor wissenschaftlichen Sätzen (Popper 1989: 82 ff.).
55
oder Sozialwissenschaften) keine Gesetzmäßigkeiten oder Quasi-
Gesetzmäßigkeiten39 gibt, die für Erklärungszwecke herangezogen werden könnten.
Wenn Vertreter der verstehenden Methode aus dem oben genannten Grund keine
Hypothesen und Theorien aufstellen bzw. entwickeln wollen, dann bestehen
unterschiedliche Auffassungen darüber, was in den Natur- oder
Geisteswissenschaften grundsätzlich als erkennbar gehalten wird und welche
Methoden als geeignet angesehen werden: verstehende und erklärende Methode
werden in Gegensatz zueinander gebracht (vgl. Apel 1980: 247) und der Dissens
erkenntnistheoretisch begründet.
Wie bereits Max Weber in seinen Arbeiten zum Idealtypus deutlich machte, ist es
nicht zwingend, Verstehen und Erklären als Gegensatzpaar zu sehen. Dabei scheint
es einfacher zu sein, Aspekte des Verstehens in die erklärende Methodik einzuordnen
als umgekehrt. So kommen Schnell et al. (1999: 102) u. a. zu dem Ergebnis, dass
Verstehen „eine äußerst wichtige heuristische Quelle für Hypothesen und Theorien
in den Sozialwissenschaften“ sei, aber keine Vorzüge gegenüber einer DN-Erklärung
aufweise, insbesondere nicht um allgemeine Aussagen herumkomme. Obwohl es
weiter gehender Analysen bedürfte um zu ermitteln, in welchem Verhältnis
qualitative Methoden und das hermeneutische Verstehen heutzutage gesehen werden
können bzw. was unter „Verstehen“ zu verstehen ist, können qualitative Methoden
sowohl von Natur- als auch von Geisteswissenschaftlern eingesetzt werden.40 Für die
Bewertung von K2 spielt es keine Rolle, ob die Mehrzahl der Geisteswissenschaftler
über das Verstehen hinaus gehende Erklärungsziele akzeptiert oder die Mehrzahl der
Naturwissenschaftler auch das Verstehen als Methode der Erkenntnisgewinnung
betrachtet. Entscheidend ist, dass es eine potenzielle nicht-leere Schnittmenge von
Methoden gibt, die von den Vertretern beider Lager eingesetzt werden können (vgl.
auch die Beispiele am Schluss von 5.4.4).
5.4.3 Theorieauffassung und Methode
Die frühe Wissenschaftstheorie des Logischen Positivismus hat zugleich eine
Metatheorienkonzeption hervorgebracht, während dies für die Hermeneutik oder den
Konstruktivismus nicht zutrifft. Eine Metatheorienkonzeption – als Theorie über
Theorien befasst sich mit denjenigen Entitäten, die die natur- und
geisteswissenschaftlichen Erkenntnisse verkörpern und ausdrücken. Es ist sicher
auch der engen Verbindung zwischen der frühen Wissenschaftstheorie und
39 Darunter sind Sätze zu verstehen, an die geringere Anforderungen bezüglich der
Behauptungsreichweite gestellt werden als an Gesetze, die „immer und überall“ gelten sollen.
40 Ein Beispiel für eine Rolle von Intuition in den Naturwissenschaften ist die Position von Henri
Bergson (1859 1941). Wie Kamitz (1973: 38) dargestellt, war dieser „der Meinung, d(sic!) die
auf Verstand und Sinneswahrnehmung gegründete wissenschaftliche Erkenntnis nur ein grobes und
für rein praktische Zwecke brauchbares Bild der Wirklichkeit zeichne, und daß r eine adäquate
Erfassung von Entwicklungsprozessen, etwa in der organischen Natur, eine besondere Art der
Erfahrung vonnöten sei, die er ‚Intuition’ nannte (wobei dieses Wort hier … im Sinne eines speziellen
menschlichen Erkenntnisvermögens zu verstehen ist)“.
56
naturwissenschaftlichen Problemen oder Fragestellungen zu verdanken, dass sich
Hermeneutik und sozial-konstruktivistische Positionen eher im Zusammenhang mit
der Entwicklung der geisteswissenschaftlichen Disziplinen als durch die
Wissenschaftstheorie verbreitet haben. Dies hat sicher dazu beigetragen, dass sich
auf der Grundlage insbesondere der Phänomenologie eine Vorstellung von dem
Gegebenen oder den Tatsachen der sozialen Wirklichkeit entwickelte, die der Rolle
wissenschaftlichen Wissens bei der Bestimmung dessen, was es in der sozialen
Wirklichkeit gibt, keine originäre Rolle einräumte.
Ein Merkmal einer spezifischen geisteswissenschaftlichen Wirklichkeit besteht daher
darin, dass nicht Theorien die geisteswissenschaftliche Wirklichkeit spezifizieren.
Für die Konstruktionen der Wirklichkeit 1. Ordnung, die auf die „Akteure der
sozialen Realität“ oder die epistemischen Subjekte zurückgehen, wird vielmehr die
Rolle des Alltagswissens betont. Wissenschaftliche Theorien befassen sich als
Konstruktionen 2. Ordnung mit Konstruktionen 1. Ordnung. Der Gegenstand der
Analyse wird so nicht durch die anzuwendende Theorie bestimmt (als Konstruktion
der wissenschaftlichen Akteure bzw. der über die Theorie verfügenden
wissenschaftlichen Gemeinschaft), sondern durch die Konstruktionen der nicht-
wissenschaftlichen Akteure. Vor diesem Hintergrund können Flick et al. (2003)
interpretiert werden, die als Kennzeichen qualitativer Forschungspraxis u. a.
angeben, das es darum geht,
! die „Lebenswelten ‚von innen heraus’ aus der Sicht der handelnden
Menschen zu beschreiben“ (S. 14) oder betonen,
! dass der „Kommunikation in der qualitativen Forschung einen
herausragende Rolle zukommt“ (S. 21) bzw. festhalten,
! dass die Strategien der Datenerhebung selbst einen kommunikativen,
dialogischen Charakter aufweisen“ (ebd.).
Was Menschen wissen können bzw. was durch diese Methoden herausgefunden
werden kann, beruht auf dem Alltagswissen und dessen Weiterentwicklung. Das
Alltagswissen ist aber vom wissenschaftlichen Wissen nicht abgelöst; es enthält das
Wissen vergangener Theorien. Seine Entwicklung ist zudem vom Glauben an
metaphysische Prinzipien, wie an das Kausalitätsprinzip, geprägt. In diesem Sinn ist
die oben erwähnte starke Orientierung am Alltagswissen zu verstehen und dass der
untersuchte Gegenstand bzw. die an ihn herangetragene Fragestellung den
Bezugspunkt für die Auswahl und Bewertung von Methoden bildet.41 Die Theorie
bestimmt nicht den Gegenstand, in dem sie ihn spezifiziert bzw. deutlich macht,
worum es sich dabei handelt; sie kann bestenfalls dazu beitragen, den Gegenstand
deutlicher zu sehen: Die Theorie ist wie eine Brille oder ein Fernglas, mit der man
eine Landschaft sichtbar macht (Helle 1999: 4). Die Landschaft aber ist – als
Konstruktion 1. Ordnung – gegeben.
41 Mayring (2001: Absatznummer 30) betont: “Durch den Einbezug qualitativer Analysestrategien
gewinnt solche Forschung an Offenheit für den Gegenstand und damit auch an Alltagsnähe”.
57
Wenn die soziale Realität eine Konsequenz von Konstruktionen 1. Ordnung ist (und
all der Prozesse und Phänomene, die sich daraus wieder ergeben können), dann stellt
sich die Frage, ob und wo das bei der Theoriebildung wie -anwendung zu
berücksichtigen ist. Auf die Arbeiten von Schütz, der auf phänomenologischer
Grundlage die methodisch-methodologischen Probleme der Sozialwissenschaften
reflektierte, kann an dieser Stelle verwiesen werden. Vor dem Hintergrund seiner
Zugehörigkeit zum Mises-Zirkel in Wien war Schütz auch mit ökonomischen
Theorien und ihrer Behandlung des Individualhandlungsproblems bzw. des Mikro-
Makro-Übergangs vertraut. Schütz kritisiert die in der Ökonomik verbreitete
Vorgehensweise, den Übergang von der Individual- zur Makroebene rein methodisch
bzw. nicht inhaltlich zu interpretieren. Durch das von Schütz formulierte
Adäquanzpostulat ist die Theoriebildung aber semantisch an das Verständnis der
Individuen gebunden (vgl. Schutz 1962: 43 f.; Haase 2003: 109 f.). Ähnlich, wie das
im Received View mit Bezug auf das Gegebene der Fall war, wird die Theorie bei
Schütz semantisch auf die konstruierte soziale Realität limitiert: „Kühne Entwürfe“
wie bei Popper oder kontrafaktische Repräsentationen, wie in der Ökonomik üblich
(Vilks 1998, Sudgen 2002), haben es da schwer. Eine solche – radikale Haltung
bezüglich der Semantik wissenschaftlicher Theorien wird aber dadurch, dass
sozialwissenschaftliche Theorien sich mit Konstruktionen 1. Ordnung und dem
Alltagswissen befassen, keineswegs notwendig gemacht. Dies wurde auch von
Dilthey deutlich gesehen, der die historische Schule in Deutschland als richtigen
Ansatz, aber auch als methodisch völlig unzureichend betrachtete.
Während sozial-konstruktivistische Ansätze in Bezug auf die Relevanz der Theorie
ähnlich restriktiv wie der frühe und Logische Positivismus agieren (wobei die
Entwicklung des Letztgenannten diesbezüglich durch eine permanente
Liberalisierung gekennzeichnet war), hat sich die analytische Wissenschaftstheorie
noch zu wenig mit den Konsequenzen einer geisteswissenschaftlichen Wirklichkeit
für die Methodik befasst (vgl. Mantzavinos 2006: 2, Mayring 2002: 19 und 149).
Eine Folge davon ist, dass sich quantitativ arbeitende Sozialwissenschaftler auf
methodisch weitaus besser bereitetem Grund bewegen als qualitativ vorgehende
Forscher.42
Die nachfolgenden Beispiele können keine umfassenden wissenschaftshistorischen,
-soziologischen und -politischen Untersuchungen ersetzen. Sie können jedoch
zeigen, dass quantitative und qualitative Methoden vor ganz unterschiedlichem
erkenntnis- und wissenschaftstheoretischem Hintergrund eingesetzt werden können.
42 Mayring (2002: 141) weist darauf hin, dass die qualitativ orientierte Forschung die Gütekriterien
der quantitativ orientierten Forschung nicht einfach übernehmen kann, sondern nach neuen Kriterien
suchen muss.
58
Beispiel 1
Dieses Beispiel nimmt Bezug auf die oben bereits angesprochene Behandlung des
Individualhandlungsproblems in der Ökonomik, hier auf der Grundlage der
Konzeption der Chicago-Schule bzw. von Gary S. Becker. Danach werden
Annahmen über Voraussetzungen individuellen Handelns getroffen43, aber im
Anwendungsfall wird ihr Zutreffen oder Nichtzutreffen nicht festgestellt. Wenn ein
ökonomisches Modell darauf beruht, dass die Akteure bestimmte Werthaltungen
oder Präferenzen aufweisen, dann setzt seine Anwendung voraus, dass das Zutreffen
dieser Annahme ermittelt wird (vgl. Mayring 2002: 20). Sofern dazu
kontextspezifisches Wissen erforderlich ist, kann dies durch die Anwendung
qualitativer Methoden gewonnen werden. Das in der Ökonomik häufig nicht so
vorgegangen wird (vgl. die Kritik von Opp 1999 dazu), scheint daran zu liegen, dass
die Feststellung des Vorliegens von Anwendungsbedingungen aus der einen
Perspektive (hier aus einer kritisch-rationalistischen) für wichtig genommen werden
und aus der anderen nicht (aus der Sicht vieler Ökonomen, die das
Individualhandlungsmodell rein formal interpretieren). Der letztgenannte Fall kann
damit verbunden sein, dass sich innerhalb von wissenschaftlichen Gemeinschaften
oder Schulen Vorgehensweisen oder Routinen entwickeln haben, so dass die
Methodenwahl stärker von institutionellen Beharrungskräften (Konventionen und
Gebräuche) und eventuell auch von Pfadabhängigkeiten beeinflusst wird als von
Antagonismen, die den Methoden bzw. ihren erkenntnis- und
wissenschaftstheoretischen Hintergründen zuzurechnen sind.
Beispiel 2
Dieses Beispiel befasst sich mit dem Charakter der Managementwissenschaft als
akademische Disziplin. Grundlage der heutigen Managementwissenschaft bzw.
MBA-Ausbildung sind sozialwissenschaftliche Disziplinen, insbesondere Ökonomik,
Soziologie und Psychologie. Deren Voraussetzungen oder Streben nach Rationalität,
Objektivität, Allgemeinheit und Wertfreiheit (zumindest sehen dies Clegg und Ross-
Smith so, vgl. Clegg/Ross-Smith 2003: 85) stehen im Gegensatz zu einer Sichtweise
der Managementwissenschaft als Phronesis: „Phronesis, as an Aristotelian term,
refers to a discipline that is pragmatic, variable, context-dependent, based on
practical rationality, leading not to a concern with generating formal covering
lawlike explanations but to building contextual, case-based knowledge“ (ebd.: 86).
Für Clegg/Ross-Smith (2003) sind es nicht die Theorien der
Managementwissenschaft, sondern die „contexts of mundane practice“ (ebd.: 87), die
den Gegenstand der Managementwissenschaft bestimmen. Das Wissen, das aus der
Praxis des Managements resultiert (practice-based knowledge), steht im „simple
contrast“ zu den „’laws’ of natural science and the ‚science’ of management“ (ebd.).
43 Der Chicago Man handelt auf der Basis „gegebener Präferenzen und eines Entscheidungsprozesses,
der kognitive Aktivitäten nur in Verbindung mit Kalkulationen und Parameter Updates zulässt“
(Haase 2003: 94).
59
Zwar gibt es keine gesetzlichen Zusammenhänge bzw. diese werden für die
phronetisch aufgefasste Managementwissenschaft nicht als relevant angesehen. Es
gibt jedoch „patterns“, die durch regelgeleitetes, kompetentes (skilfull) Handeln
entstehen, so dass methodisch neben „postpositivist, philosophically oriented
writing“ (ebd.: 96) durchaus quantitative Analysen treten können.44
5.4.4 Erkenntnis konstruierter Wirklichkeit
Erkenntnistheoretische Fragen spielen für die Praxis der Wissensproduktion also
dort, wo die Methoden zum Einsatz kommen keine Rolle. Carnap (1966: 62 ff.)
macht das am Beispiel zweier Geographen deutlich, die übereinstimmen, wenn sie
einen Untersuchungsgegenstand als Naturwissenschaftler betrachten, aber
divergieren, wenn sie ihn philosophisch interpretieren: „Dann sagt der Realist:
‚diesem von uns gemeinsam festgestellten Berg kommen nicht nur die gefundenen
geographischen Eigenschaften zu, sondern er ist außerdem auch real’ (…). Der
Idealist dagegen sagt: ‚im Gegenteil, der Berg selbst ist nicht real, real sind nur
unsere (oder bei einer anderen, der solipsistischen’ Spielart des Idealismus: ‚nur
meine’) Wahrnehmungen und sonstigen Bewusstseinsvorgänge“ (ebd.: 63). Der eine
Naturwissenschaftler glaubt daran, dass seine Erkenntnisse solche über die objektive
Realität sind, und der andere daran, dass es sich bei diesen Erkenntnissen um solche
„für uns“ handelt. Dieser Glaube über den Status der Erkenntnisse ändert, abgesehen
von Auswirkungen auf die Motivation und deren mögliche Konsequenzen für das
Handeln, die die Einnahme der einen oder anderen Position mit sich bringen mag,
nichts an den tatsächlichen Aktivitäten der Wissenschaftler: Beide
Naturwissenschaftler setzen die Methoden ein, die sie zur Erzielung der angestrebten
Erkenntnisse für geeignet halten.
Die Argumentation von Carnap ist richtig; sie wird in ähnlicher Form von Helle aus
sozialwissenschaftlich-verstehender Perspektive vorgetragen: „Was der Mensch für
Wirklichkeit hält, mag ganz falsch sein, aber dennoch wird er aufgrund dessen
handeln, was er für sich als wirklich hinnimmt. Das Denken und Handeln des
Einzelnen mag von der Realität ‚da draußen’ weitgehend abgekoppelt sein, es ist
gleichwohl wirklich in dem Sinn, dass es geschieht: man wird es schwerlich
ignorieren können“ (Helle 1999: 4). Auch Helle kann man so verstehen, dass die
erkenntnistheoretische Position bei der Ausübung und Bewertung der praktischen
wissenschaftlichen Arbeit in den Hintergrund tritt.
Carnap hat allerdings nicht berücksichtigt, dass die philosophische Position
Wissenschaftler dazu bringen kann, bestimmte Methoden bevorzugt zur Anwendung
zu bringen und andere zu meiden. Seine Argumentation setzt zudem voraus, dass
beide Geographen sich bezüglich des Gegenstandes und der Analysemethoden einig
44 Clegg/Ross-Smith (2003) geht es in ihrem Beitrag nicht um eine Methodendiskussion. Sie sehen
vielmehr im „Positivismus“ eine Ursache für eine weltweite Homogenisierung der
Managementausbildung. Dagegen möchten sie „methodological and other forms of pluralism“ (ebd.:
96) setzen.
60
sind. Dass der Gegenstand ihnen nicht im Wege steht, ist der Theorie zu verdanken,
die ihre Perspektive auf den Gegenstand ebenso eint wie sie die Methoden zu seiner
Untersuchung teils benennt, teils selbst generiert. Gerade diese Voraussetzung ist in
den Geisteswissenschaften nicht unbedingt gegeben. Hinzu kommt, dass
wissenschaftliche Gemeinschaften nicht nur durch die Syntax und Semantik
erfahrungswissenschaftlicher Theorien geprägt sind, sondern eben auch durch
historische, soziologische und politische Faktoren: Wenn das Bedürfnis nach
Abgrenzung im Vordergrund steht – und dies war bei den Geisteswissenschaften der
Fall –, dann spielt es nur eine untergeordnete Rolle, dass zwei
Geisteswissenschaftler, so sie denn dieselbe Theorie anwenden würden, auf ein
Methodenspektrum zurückgreifen könnten, dass es ihnen ermöglicht, Ergebnisse zu
erzielen, über die sie sich einig sind – unabhängig davon, ob der eine Realist und der
andere Idealist ist.
Das die soziale Wirklichkeit ein Ergebnis permanenter Konstruktionsprozesse ist,
besagt noch nichts über die Art der Erkenntnisse, die über diese Konstruktionen zu
erzielen sind: Es kann sich um kontextbezogene Einzelaussagen handeln, die teils
verbunden, teils unverbunden nebeneinander stehen45; die Konstruktionen können
das Ergebnis „freier“ Wirklichkeitskonstruktion darstellen (nicht determiniert sein)
oder diese Freiheit kann auch nur Einbildung sein (mit den entsprechenden
Konsequenzen für die Theoriebildung); die Konstruktionen können aus der Sicht
der Theorie Regelmäßigkeiten, Systematiken aufweisen oder auch nicht. Das die
soziale Wirklichkeit das Ergebnis von Konstruktionen ist, bietet – je nach der
gewählten Fragestellung grundsätzlich sowohl für qualitative als auch für
qualitative Methoden Ansatzpunkte.46
5.5 Schluss
Die Ursache des Antagonismus zwischen hermeneutischen und szientistischen
Methodologien und Methodiken ist das Bedürfnis der Geisteswissenschaften nach
Abgrenzung von den Naturwissenschaften. Von den Befürwortern der
geisteswissenschaftlichen Autonomie wurde ein objektwissenschaftlicher
Unterschied (der Gegenstand der Erkenntnis) zur Begründung eines
erkenntnistheoretischen Dissenses herangezogen, die methodisch-methodologisch
auf Phänomenologie und Hermeneutik beruht. Dabei wird der
objektwissenschaftliche Unterschied überzogen und in Bezug auf die
Erkenntnistheorie das „Pferd von hinten aufgezäumt“: Zwar muss die Methode dem
Gegenstand angepasst sein; der Gegenstand ist jedoch nicht vor und unabhängig von
Theorie und Methode vorhanden. Dafür haben Wissenschaftshistoriker und
45 Eine solche Verbindung entsteht z. B. dadurch, dass interpretierende Auswertungsurteile in
unterschiedlichen Textstellen zu finden sind. Vgl. Mayring (2001: Absatznummer 14).
46 Vgl. Mayring (2001: Absatznummer 6), der fordert, „dem Gegenstand und der Fragestellung ein
Primat gegenüber der Methode zuzubilligen. Erst muss geklärt werden, was untersucht werden soll,
dann muss erwogen werden, welche Methoden dafür angemessen sind.
61
Philosophen wichtige Hinweise geliefert, die hier nur stichwortartig genannt werden
sollen: Holismus (Duhem, Quine), Theoretizität der Beobachtung (Hanson, Popper),
Theoretizität der Ontologie (Kuhn, Moulines) und T-Theoretizität (Sneed). Es gibt
keinen Grund zur Annahme, dass die Geisteswissenschaften davon zur Gänze
unberührt sind.
Anhang
Der Anhang fasst einige wichtige Aspekte des Beitrags in einer Gegenüberstellung
von Positivismus und Konstruktivismus zusammen. Da der Radikale
Konstruktivismus kaum Konsequenzen für die Wissenschaftstheorie formuliert hat,
wird die sozial-konstruktivistische Position von Schütz ergänzend berücksichtigt.
A Ist Erkenntnis möglich? Wo ist sie verkörpert?
B Was ist Erkenntnis, wenn es keinen Zugang zur objektiven Realität gibt?
C Konsequenzen für die empirische Forschung
62
A
Radikaler und Sozialer
Konstruktivismus
Früher und Logischer Positivismus
Ist
Erkenntnis
möglich?
Wo ist sie
verkörpert?
Erkenntnis der objektiven Realität ist
nicht möglich; Erkenntnis basiert auf
subjektiven Konstruktionen
Wissen liegt in den Menschen und
ihren Sozialbeziehungen.4 7
Die Theorie ist eine heuristische
Konstruktion; ein gedankliches
Hilfsmittel zur Erkenntnisgewinnung.
Konstruktionen 2. Ordnung folgen
Konstruktionen 1. Ordnung oder
Konstruktionen 2. Ordnung werden
semantisch auf Konstruktionen 1.
Ordnung zurückgeführt (Schütz)
Aufgabe der verstehenden Theorie ist
es „Zugang zu Erkenntnissen zu
eröffnen, die sonst unzugänglich
bleiben würden“ (Helle 1999: 4).
Erkenntnis der objektiven Realität ist nicht
möglich; Erkenntnis basiert auf
Sinneswahrnehmung/Beobachtung
Wissen ist in Sätzen verkörpert.
Wissen ist in Theorien ausgedrückt, die auf
das Gegebene zurückgeführt werden können
oder mit ihm teilweise in Verbindung stehen
(Beobachtungssätze, Brückenprinzipien).
Theorien ordnen Beobachtungssätze; sie
dienen der Gedankenkontrolle
(Instrumentalismus der Frühphase: Mach)
Theorien gehen semantisch über das, was in
menschlichen Gemeinschaften interaktiv
hervorgebracht wird (soziale Realität auf
der Grundlage von Konstruktionen 1.
Ordnung) hinaus
(Spätphase des Logischen Positivismus4 8)
47 Nach Mayring (2001: Abschnitt 18) ist die Einzelfallanalyse das „Ideal qualitativer Forschung, da
wir hier in einer ganzheitlichen Sicht auf das Subjekt komplexe Beziehungen des Einzelnen mit seiner
Umwelt beschreiben können“.
48 In dieser Spätphase wird bereits der Einfluss des Wissenschaftlichen Realismus deutlich. Die
semantische „Befreiung“ der Theorien vom (wie auch immer) Gegebenen (deutlich wird dies auch
durch Poppers Konzept der hnen Entwürfe) erhält durch den Wissenschaftlichen Realismus einen
starken Schub.
63
B
Radikaler und Sozialer
Konstruktivismus
Früher und Logischer Positivismus
Was ist
Erkenntnis,
wenn es
keinen
Zugang zur
objektiven
Realität gibt?
Naturwissenschaften:
Wir erhalten durch die Außenwelt bzw.
Systemumwelt ein Feedback, das wir
als „Erfolg“ oder „Misserfolg“ (in
Bezug auf bestimmte Experimente etc.)
interpretieren. Wir verstehen das
Feedback nicht; es enthält dafür nicht
die Grammatik. Wir können höchstens
verstehen, warum wir bestimmte
Ergebnisse als „Erfolg“ oder
„Misserfolg“ interpretieren. Auch die
Naturwissenschaften führen so letztlich
nicht zur Erkenntnis der Natur, sondern
von uns selbst.49
Sozialwissenschaften:
Wir versuchen, uns selbst zu
verstehen.50
Erkenntnismöglichkeiten sind begrenzt
(Sinnesdaten, später Sätze über Ich-
Empfindungen und Beobachtungen), aber
(im Rahmen der Begrenzung) auch
gerechtfertigt. Wahrheit im
korrespondenztheoretischen Sinn ist nicht
impliziert.
49 Dazu würde Poppers Formulierung passen „Die Natur antwortet nicht, wenn man sie fragt“: Wir
stellen die Fragen und wir geben die Antworten.
50 „(D)er Einzelne muß (sic!) eingestehen, daß er nicht mal sich selbst eindeutig erkennen kann“
(Helle 1998: 3, im Original teilweise kursiv. Die Hervorhebung ist an dieser Stelle dem Original
hinzugefügt).
64
C
Radikaler und Sozialer
Konstruktivismus
Früher und Logischer Positivismus
Konsequenzen
für die
empirische
Forschung
Wissen wird durch Beobachtung,
Befragung und Beschreibung
identifiziert.
Eine verstehende Theorie bildet ihren
Gegenstand nicht ab. “Gleichwohl
muss auch eine solche Theorie einem
kritischen Test unterworfen werden
können“ (Helle 1999: 4).
Die Beurteilung der
Forschungsergebnisse erfordert die
Berücksichtigung des Forschers. Der
Forscher muss daher seine
Vorannahmen, idealtypischen oder
anderen Theoriekonstruktionen
ausdrücklich zur Diskussion stellen.
Kriterium des Tests: Leistung = das
Erarbeiten neuer Einsichten.
Die Einsicht in menschliches Handeln
kann sich bewähren51.
Die wissenschaftliche Gemeinschaft
kann eine Art „shared mental model“52
entwickeln; dies ist die objektive
Wirklichkeit des Konstruktivismus.
Protokollsätze und Beobachtungssätze
sind eine Wissensquelle. An dieser setzt
die Vernunft ordnend und schließend an.
Die Wissenschaftspraxis beruht auf
Spielregeln; sie entwickelt Gütekriterien,
Standards und Maßstäbe
Die Antworten auf die Teilthesen des
Realismus spielen für die
Wissenschaftspraxis keine Rolle: Es ist
egal, ob Forscher von der Erkennbarkeit
der real existierenden Außenwelt
ausgehen oder das eine wie das andere
leugnen; ihre Handlungspraxis wird davon
nicht beeinflusst (Carnap 1966).
Der Glaube an zweite Teilthese kann die
Formulierung von Fragestellungen und
die Entwicklungen von Methoden fördern,
die auch zu einer erfolgreichen Praxis
beitragen (Erkenntnis als positiv
bewertete Praxis; wissenschaftlicher
Realismus als motivationales Element).
51 Diese Form der Bewährung ist nicht zu verwechseln mit Bewährung im Popperschen Sinn. Eine
Hypothese gilt dort als bewährt, wenn sie zahlreichen ernsthaften Falsifikationsversuchen
standgehalten hat.
52 So verstehe ich folgenden Satz von Helle (1999: 8): „In Verlängerung des Konzepts von der
sozialen Konstruktion der Wirklichkeit wird die VS (Verstehende Soziologie, M. H.) der Zukunft die
Bedingungen untersuchen müssen, unter denen die Herstellung von Gewissheit interaktiv gelingt“
(Hervorhebung im Original).
65
6 Bericht und Fazit – Leonhard Dobusch
„Kritische Reflexionen empirischer Forschungsmethodik“:
Workshopbericht und Fazit
Der unverkennbare Bedeutungszuwachs empirischer Forschung in der
Betriebswirtschaftslehre hat in den letzten Jahre nicht nur zu einer steigenden
Methodenfokussierung geführt, sondern zugleich die wissenschaftstheoretische
Fundierung der Forschung in den Hintergrund treten lassen. Während sich der
methodische Diskurs in erster Linie auf Probleme der Methodenentwicklung und
ihrer unmittelbaren Anwendung im spezifisch-empirischen Kontext konzentriert, ist
die Frage nach einer kritischen Reflexion und Begründung der empirischen
Forschungsmethodik eher vernachlässigt worden. Dieses Reflexionsdefizit, welches
sich beispielsweise an einer strikt gehandhabten, aber nur wenig begründeten
Dichotomisierung von quantitativen und qualitativen Methoden zeigt, war
Ausgangspunkt und Thema eines vom 7. bis 9. September in Berlin stattfindenden
Workshops.
Unter dem Dach der Kommission Wissenschaftstheorie des VHB und mit Förderung
der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) organisierten Michaela Haase, Martin
Eisend, Jochen Koch (alle Freie Universität Berlin) und Thomas Wrona (ESCP-EAP
Berlin) ein Arbeitsforum und diskutierten gemeinsam mit geladenen
Methodenexpert(inn)en und 24 ausgewählten Teilnehmerinnen und Teilnehmern
über die Notwendigkeit und Möglichkeiten einer wissenschaftstheoretischen
Vertiefung des methodischen Diskurses. Die Ziele des nahezu dreifach überbuchten
Workshops waren dementsprechend hoch gesteckt: In bewusstem Gegensatz zu
herkömmlichen Workshops für die (unmittelbare) Anwendung hochspezialisierter
quantitativer oder qualitativer Methoden wurden Fragen nach Indikation sowie
Anwendungsvoraussetzungen, -möglichkeiten und -grenzen quer über
methodentheoretische Denkschulen hinweg aufgeworfen. Dem Titel des Workshops
entsprechend sollte über diese Fragen vor wissenschaftstheoretischem Hintergrund
gemeinsam reflektiert und diskutiert werden. Die üblicherweise starre Zweiteilung
quantitativ-qualitativ wurde gleich in mehrfacher Hinsicht unterlaufen: Dem
Gedanken eines produktiven „sowohl-als-auch“ beider Ansätze entsprach eine
gleichberechtigte Dreiteilung des Programms in „eher qualitativ“, „eher quantitativ“
und „mixed“ – wobei eine Aufteilung in Untergruppen nur einmal stattfand und
ansonsten immer gemeinsam über alle Herangehensweisen diskutiert wurde. Die
Vielfalt der Ansätze und Positionen, die es in der Folge zu bewältigen und nutzen
galt, machte gleich zu Beginn ein lockeres „World Café“ deutlich, wo Fragen wie
„Warum überhaupt empirisch Forschen?“, „Was beinhaltet ein Forschungsdesign?“
oder „Skizzieren Sie ihre eigene wissenschaftstheoretische Position!“ das Spektrum
von Wissen und Standpunkten der Teilnehmer/innen sichtbar machten.
Besondere Herausforderung für eine kritische Reflexion empirischer
Forschungsmethodik ist sicherlich die notwendige Balance zwischen abstrakt-
wissenschaftstheoretischer Fundierung und konkret-kontextabhängiger Anwendung.
66
Um eine Balance zwischen den beiden Perspektiven zu ermöglichen und einem
Verweilen im Allgemeinen entgegenzutreten, waren bereits im Vorfeld unter den
TeilnehmerInnen Datenträger mit sowohl quantitativen als auch qualitativen Daten
zu einem empirischen Fall („Apple Computer“) verteilt worden.
Die geladenen MethodenexpertInnen konnten sich so bei ihren
diskussions(ein)leitenden Vorträgen auf Diskussionen und Lösungsvorschläge
beziehen, die vor Ort am Material von Untergruppen ausgearbeitet und anschließend
präsentiert worden waren. Vor die Aufgabe gestellt, für die gegebenen Daten ein
Forschungsdesign (eher qualitativ, quantitativ oder mixed) zu entwerfen, zeigte sich
gleichzeitig die Notwendigkeit wie auch die Schwierigkeit eines intensiveren
Diskurses über die Leitfragen des Workshops: Die (sub-)disziplinären Unterschiede
in Sprache und Herangehensweise beispielsweise zwischen VertreterInnen
organisationaler oder wirtschaftsinformatischer Forschungsschwerpunkte – führten
zu teils heftigen Kontroversen über sämtliche Aspekte des zu entwerfenden
Forschungsdesigns. Diesen subdisziplinären Unterschieden und einer großen
Bandbreite erkenntnistheoretischer Perspektiven zum Trotz konnten letztlich alle
Gruppen ein Forschungsdesign zur Diskussion stellen.
In ihrem Referat über (eher) qualitative Methoden konnte Dr. Sigrid Quack
(Wissenschaftszentrum Berlin) denn auch auf zwei qualitative Forschungsdesign-
Skizzen bezugnehmen. Nach einer kurzen Darstellung weithin unumstrittener
Prinzipien qualitativer Forschung versuchte sie, mit verbreiteten Mythen
beispielsweise rund um Fallstudiendesigns aufzuräumen. Mit Sätzen wie „Unser
Denken ist sehr stark durch Vergleiche strukturiert. Und das gilt auch für
Einzelfallstudien.“ betonte sie die Notwendigkeit, über bloßes „Story Telling“
hinauszugehen – ohne die Wichtigkeit einer „Thick Description“ eines Falls zu
unterschätzen. Besonderen Wert legte Quack auch auf die gebotene theoretische
Einbettung jeglicher qualitativer Forschung: „Qualitative Forschung ist kein ‚Easy
get’“ und erfordere genauso wie quantitative Forschung die Identifikation einer
Forschungslücke und die Anleitung der Forschung durch Theorie, heißt es dazu auch
in ihren Vortragsunterlagen. Mit ihren abschließenden Ausführungen zu den
Gütekriterien qualitativer Forschung war auch gleich der Boden für die
anschließende Diskussion bereitet, in der Mixed-Methods-Experte Prof. Dr. Philipp
A.E. Mayring (Universität Klagenfurt) unterschiedlichen Gütekriterien für
Fallanalysen auf der einen und Feldstudien auf der anderen Seite einforderte.
Wie seine „qualitative“ Vorrednerin bezog sich auch der als Experte für eher
quantitative Designs für den krankheitsbedingt leider verhinderten Prof. Dr. Werner
Nienhüser eingesprungene Mitorganisator Juniorprof. Dr. Martin Eisend in seinem
Vortrag auf die ausgearbeiteten Forschungsdesigns. Daneben führten seine
Ausführungen zur geringeren Angreifbarkeit sowie zur leichteren Verallgemeinerung
der Ergebnisse bei quantitativen Forschungsmethoden zur Diskussion über das
zentrale Problem des Kausalitätsnachweises mittels Korrelationsstatistiken. Kritische
Anmerkungen über den spürbaren Druck gerade für NachwuchsforscherInnen, sich
aus Gründen der Karriere quantitativer Methoden zu bedienen und nicht aus Gründen
wie der Gegenstandsangemessenheit, mündeten in wissenssoziologische Debatten.
67
Nachdem er zuvor bekräftigt hatte, dass „der aufgeklärte Post-Positivist und der
aufgeklärte Konstruktivist durchaus miteinander Reden können,“ plädierte Prof.
Mayring in seinen Ausführungen zu „Mixed Designs“ vor allem dafür, die
individuelle paradigmatische Verortung in seinen Forschungsarbeiten zu explizieren.
Als Gründe für gestiegenen Bedarf nach Mixed Designs verwies er auf die
zunehmende Komplexität der Fragestellungen und die zunehmenden Probleme mit
„Mono-Method Research“. Als praktische Umsetzungsmöglichkeit präsentierte er
einerseits Kombinationsmodelle, bei der sich quantitative und qualitative Methoden
komplementär, sequentiell oder expansiv ergänzen, und andererseits
Integrationsmodelle mit einem einheitlich-übergeordneten Design.
Ein anschließendes Impulsreferat von Dr. René Riedl (Johannes Kepler Universität
Linz, Österreich) über die „Legitimation der Disziplinen Wirtschaftsinformatik und
Information Systems“ bezog schließlich auch noch Überlegungen hinsichtlich des
disziplinären Selbstverständnisses in Bezug auf die Wahl und Dominanz bestimmter
Forschungsmethoden mit ein.
Der zusammenfassenden Reflexion der Methodenwahl auf Basis eines einleitenden
Referats von Prof. Dr. Rolf Brühl (ESCP-EAP Berlin) unter Berücksichtigung der
verschiedenen Perspektiven (politische, wissenschaftssoziologische und historische)
einer derartigen Entscheidung folgten „einige kritische Thesen“ der Organisatoren
Martin Eisend und Jochen Koch. Ihre durchaus dichotome epistemologische
Selbstverortung zwischen „scientific“ und „critical realism“ der eine,
konstruktivistisch der andere öffnete ein weites Feld für die abschließenden
Diskussionen rund um die erkenntnistheoretischen Fundierungen einer reflektierten
Methodenwahl. Michaela Haase vertrat in ihrem Thesenpapier die Auffassung, dass
die erkenntnistheoretische Position keine Vorentscheidung zugunsten einer
bestimmten Methode erzwinge bzw. dass die Methodenwahl durch die Fragestellung
und den jeweiligen Informationsbedarf des Forschers bestimmt sei.
Der Verlauf dieser Diskussion machte zum Abschluss des Workshops zwei Dinge
noch einmal besonders deutlich: In der Betriebswirtschaftslehre gibt es im Bereich
der empirischen Forschung kein allein dominierendes methodisches und/oder
erkenntnistheoretisches Paradigma. Im Gegenteil, viele Fragen rund um
„(Post)Positivismus versus Konstruktivismus“ sind alles andere als geklärt, der
Diskurs teilweise heftig. Gleichzeitig bewies aber sowohl der Workshop an sich als
auch die Qualität des geführten Diskurses, dass zwischen VertreterInnen der
einzelnen Positionen durchaus Ebenen konstruktiver Kommensurabilität geschaffen
werden können. Die lebendige Diskussionskultur und die rege Teilnahme zeigten
wiederum, dass der (meta-)methodische Diskurs nicht nur notwendig und möglich
sondern unter den Nachwuchsforscher/innen auch gewünscht ist.
68
Kontakt
Leonhard Dobusch, MMag.
Freie Universität Berlin - Fachbereich Wirtschaftswissenschaft
DFG-Graduiertenkolleg: „Pfade organisatorischer Prozesse“
http://www.pfadkolleg.de
69
7 Literaturverzeichnis
Ahrens, Thomas/ Chapman, Cristopher S. (2006): Doing Qualitative Field Research
in Management Accounting, in: Accounting, Organizations and Society,
S. 819-841
Apel, Karl-Otto (1980): Geisteswissenschaften. In: Speck, Josef (Hrsg.):
Handbuch wissenschaftstheoretischer Begriffe, Band 2, Göttingen:
Vandenhoeck & Ruprecht, S. 247-254.
Barnes, Barry/ Bloor, David/ Henry, John (1996): Scientific Knowledge. A
Sociological Analysis, London: Athlone.
Boyd, Richard (2002): Scientific Realism. In: Stanford Encyclopedia of
Philosophy. http://plato.stanford.edu/entries/scientific-realism/ (Zugriff am
10.8.2005).
Brenner, Peter J. (1993): Habilitation als Sozialisation, in: Geist, Geld und
Wissenschaft, hrsg. v. Brenner, P.J., Frankfurt a.M.: Suhrkamp, S. 318-356.
Brühl, Rolf (2006): Fortschrittskonzeptionen in der Wissenschaftstheorie,
Wirtschaftswissenschaftliches Studium, 35. Jg., 2006, Heft 11, S. 594-599
Carnap, Rudolf (1969): Einführung in die Philosophie der Naturwissenschaft.
München: Nymphenburger.
Carnap, Rudolf (1966): Scheinprobleme in der Philosophie: Das Fremdpsychische
und der Realismusstreit. Nachwort von Günther Patzig. Frankfurt am Main:
Suhrkamp.
Chen, W.S./ Hirschheim R. (2004): A Paradigmatic and Methodological
Examination of Information Systems Research from 1991 to 2001. In:
Information Systems Journal 14, S. 197-235.
Clegg, Stewart R./ Ross-Smith, Anne (2003): Revising the Boundaries:
Management Education and Learning in a Postpositivist World. In: Academy
of Management Learning and Education 2 (1), S. 85-98.
Devitt, Michael (1984): Realism and Truth. Oxford: Basis Blackwell.
Flick, Uwe (2003): Konstruktivismus. In: Flick et al. (2003), S. 150-163.
Flick, Uwe/ von Kardorff, Ernst/ Steinke, Ines (Hrsg.) (2003): Qualitative
Forschung: Ein Handbuch. Hamburg: Rowohlt.
70
Gibbons, Michael/ Limoges, Camille/ Nowotny, Helga/ Schwartzmann, Simon/
Scott, Peter/ Trow, Martin (1994): The New Production of Knowledge: The
Dynamics of Science and Research in Contemporary Societies. London et al.:
Sage.
Gigerenzer, G. (2004): Mindless Statistics, The Journal of Socio-Economics 33,
S. 587-606.
Guba, Egon G./ Lincoln, Yvonna S. (1994): Competing Paradigms in Qualitative
Research, in: Handbook of Qualitative Research, hrsg. v. Denzin, N. K.,
Lincoln, Y. S., Thousand Oaks: Sage, S. 105-117.
Haase, Michaela (1995): Galileische Idealisierung: Ein pragmatisches Konzept.
Berlin und New York: De Gruyter.
Haase, Michaela (2003): Rationales und soziales Handeln: Beiträge der
ökonomischen und soziologischen Institutionentheorie. In: Schmid,
Michael/Maurer, Andrea (Hrsg.): Ökonomischer und soziologischer
Institutionalismus: Interdisziplinäre Beiträge und Perspektiven der
Institutionentheorie und –analyse. Marburg: Metropolis, S. 91-116.
Haase, Michaela (1998): Neue Institutionenökonomik, axiomatische Methode und
“Economics-of-rhetoric-approach“: Zum Verhältnis von Betriebswirtschafts-
und Wissenschaftstheorie. In: Gerum, Elmar (Hrsg.): Innovation in der
Betriebswirtschaftslehre. Tagung der Kommission Wissenschaftstheorie.
Wiesbaden: Gabler, S. 65-90.
Hathaway, Russel S. (1995): Assumptions Underlying Quantitative Research:
Implications for Institutional Research. In: Research in Higher Education 36
(5), S. 535-562.
Hitzler, Ronald/ Eberle, Thomas S. (2003): Phänomenologische Lebensweltanalyse.
In: Flick, S. 109-117.
Helle, Horst Jürgen (1999): Verstehende Soziologie. München/ Wien: Oldenbourg.
Hunt, Shelby D. (2003): Controversy in Marketing Theory: For Reason, Realism,
Truth, and Objectivity. Armonk und London: Sharpe.
Kamitz, Reinhard (1973): Positivismus: Befreiung vom Dogma, München und Wien,
Langen Müller.
Kelle, Udo/ Erzberger, Christian (2003): Zu den verschiedenen Aspekten der
Integration von qualitativen und quantitativen Forschungsergebnissen. In: Flick
(2003), S. 299-318.
71
König, W./ Heinzl, A./ Rumpf, M.-J./ von Poblotzki, A. (1996): Zur Entwicklung der
Forschungsmethoden und Theoriekerne der Wirtschaftsinformatik. Eine
kombinierte Delphi- und AHP-Untersuchung. In:
Heilmann, H./ Heinrich, L.J./ Roithmayr, F. (Hrsg.): Information Engineering –
Wirtschaftsinformatik im Schnittpunkt von Wirtschafts-, Sozial- und
Ingenieurwissenschaften. München –Wien, S. 35-65.
Kuhn, Thomas S. (1976): Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen, 2. Aufl.,
Frankfurt a. M.: Suhrkamp.
Lange, C. (2005): Development and Status of the Information Systems /
Wirtschaftsinformatik Discipline. An Interpretive Evaluation of Interviews
with Renowned Researchers: Part II –Results Information Systems Discipline.
ICB-Research Report No. 3, December, Universität Duisburg-Essen.
Lange, C. (2006): Entwicklung und Stand der Disziplinen Wirtschaftsinformatik und
Information Systems – Interpretative Auswertung von Interviews: Teil III
Ergebnisse zur Wirtschaftsinformatik. ICB - Research Report No. 4, February,
Universität Duisburg-Essen.
Lenzen, W. (1980): Erkenntnistheorie im Verhältnis zur Wissenschaftstheorie. In:
Speck, Josef (Hrsg.): Handbuch wissenschaftstheoretischer Begriffe, Band 2,
Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, S. 171-175.
Luhmann, Niklas (1991): Die Wissenschaft der Gesellschaft, 2. Aufl., Frankfurt a.
M., Suhrkamp.
McCloskey, Donald (1983): The Rhetoric of Economics. Journal of Economic
Literature 21 (2), S. 481-517.
McCloskey, Deidre/ Ziliak, Stephen T. (1996): The Standard Error of Regressions.
Journal of Economic Literature 34 (March), S. 97-111.
Mantzavinos, Chris (2006): Naturalistische Hermeneutik. Mohr Siebeck: Tübingen.
Mayring, Philipp (2001, Februar): Kombination und Integration qualitativer und
quantitativer Analyse (31 Absätze). Forum Qualitative Sozialforschung/Forum:
Qualitative Social Research (Online Journal) 2 (1). Verfügbar über:
http://qualitative-research.net/fqs/fqs.htm (Zugriff am 8.1.2007).
Opp, Karl-Dieter (1999): Contending Conceptions of the Theory of Rational Action.
In: Journal of Theoretical Politics 11 (2), S. 171-202.
Popper, Karl R. (1989): Falsifizierbarkeit, zwei Bedeutungen von. In: Seiffert,
Helmut/ Radnitzky, Gerard (Hrsg.), Handlexikon zur Wissenschaftstheorie,
München, Ehrenwirth, S. 82-86.
72
Shadish, W. R./ Cook, T. D./ Campbell, D. T. (2002): Experimental and Quasi-
experimental Designs for Generalized Causal Inferences, Boston, Houghton,
Mifflin.
Smith, J. K./ Hodkinson, P. (2005): Relativism, Criteria and Politics, in: The
Sage Handbook of Qualitative Research, hrsg. v. Denzin, N., Lincoln, Y. S., 3.
Aufl., Thousand Oaks: Sage, S. 915-932.
Schutz, Alfred (1962): On the Methodology of the Social Sciences, In: Natanson,
Maurice (Hrsg.): Alfred Schutz. Collected Papers I: The Problem of Social
Reality. The Hague/Boston/London, Nijhoff, S. 207-259.
Stadler, Friedrich (1997): Studien zum Wiener Kreis; Ursprung, Entwicklung und
Wirkung des Logischen Empirismus im Kontext. Frankfurt am Main,
Suhrkamp.
Stegmüller, Wolfgang (1980): Begriffsbildung. In: Speck, Josef (Hrsg.): Handbuch
wissenschaftstheoretischer Begriffe, Band 2, Göttingen, Vandenhoeck &
Ruprecht, S. 61-69.
Strauss, Anselm/ Corbin, Juliet (1998): Basics of Qualitative Research: Techniques
and Procedures for Developing Grounded Theory. Thousand
Oaks/London/New Dehli: Sage.
Sugden, Robert (2000): Credible Worlds: The Status of Theoretical Models in
Economics, Journal of Economic Methodology 7 (1), 1-31.
Suppe, Frederick (1989): The Semantic Conception of Theories and Scientific
Realism. Urbana et al.
Tashakkori, Abbas/ Teddlie, Charles (Hrsg.) (2002): Handbook of Mixed Methods in
Social and Behavioral Research, Thousand Oaks u. a.: Sage.
Vilks, Arnis (1998): Common Sense, formale Modelle und Phantasie in der
Wirtschaftswissenschaft, in: Priddat, Birger/ Vilks, Arnis (Hrsg.):
Wirtschaftswissenschaft und Wirtschaftswirklichkeit. Marburg, Metropolis, S.
297-310
Weber, Max (1973): Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre, 4. Auflage.
Tübingen, Mohr Siebeck.
Wilson, Thomas P. (1982): Qualitative „oder“ quantitative Methoden in der
Sozialforschung. In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie
34, S. 487-598.
Zellner, Arnold (1984): Basic Issues in Econometrics. Chicago, University of
Chicago Press.
ResearchGate has not been able to resolve any citations for this publication.
Chapter
Die Neue Institutionenökonomik (nachfolgend: NIÖ) gilt als eine auch für die betriebswirtschaftliche Theorienbildung relevante Modifikation der neoklassischen Mikroökonomik. Es kann ohne Übertreibung behauptet werden, daß sowohl die Allgemeine Betriebswirtschaftslehre als auch die Speziellen Betriebswirtschaftslehren durch institu-tionenökonomisches Gedankengut Anregungen und Anreize zur Weiterentwicklung erfahren haben. Möglicherweise gehen die Einflüsse der NIÖ auf die betriebswirtschaftlichen Theorien aber noch über den Status von „Anreizen“ etc. hinaus: Nach Terberger beispielsweise haben diese durch die NIÖ endlich ein theoretisches Fundament zur Verfiigung, „das einerseits in der neoklassischen Tradition verhaftet war und insofern den Ruf der harten Theorie für sich verbuchen konnte, sich aber andererseits nicht gegen die Fragen der Unternehmenspraxis verschloß , mit denen sich die Betriebswirtschaftslehre traditionell beschäftigte. Kaum 20 Jahre sind seit den ersten Veröffentlichungen zur Neuen Mikroökonomie vergangen (...) und schon hat die Welle des Neo-Institutionalismus sämtliche Teildisziplinen der Betriebswirtschaftslehre erfaöt.“1
Article
The concept of bounded rationality provides a premise from which one can interrogate the development of management as an academic discipline founded on the assumptions of a "normal" science. Our concern is with the consequences of this for the content of management education and its addressees, namely the students (receivers), and teachers and texts (senders) that carry and disseminate the ideas and pedagogy of management education. We draw a distinction between a science of objects and a science of subjects, arguing that the latter is a more appropriate frame for the discipline of management. We introduce the idea of management knowledge based on "phronesis," central to which is a concern with power, history, and imagination. We discuss power and the politics of organizing as a case study and conclude that if the teachers and graduates of today's schools of business and management were to aspire to Aristotelian virtues of " phronesis," they would need to learn in an environment in which discursive plurality is accepted and acknowledged, and where obstinate differences in domain assumptions are explicitly tolerated. In terms of pedagogy, we need to refocus the curriculum less around answers to apparent problems and more on questions that undercut the apparent problematics of the answers proposed.