ArticlePDF Available

Abstract

http://hw.oeaw.ac.at/3677-4
Fabian Kanz
Karl Grossschmidt
Stand der anthropologischen Forschungen zum
Gladiatorenfriedhof in Ephesos
Einleitung
Die vorliegende Arbeit soll den aktuellen Stand der anthropologischen Forschungen an den Knochen und
Knochenfragmenten aus dem Bereich des Gladiatorenfriedhofs in Ephesos zeigen. Dieser wurde unerwartet
im Jahre 1993 bei der Erforschung des Verlaufs der Damianosstoa etwa 300 m östlich des Stadions am Nord-
fuß des Panayırdağ freigelegt (Abb. 1. 1a). Die ausgegrabene Fläche umfasste ca. 20 und eine 3 m tiefe,
mehrere tausend Knochen führende Erdschicht, in der sich zusätzlich zwei Pithoi mit menschlichem Leichen-
brand fanden. Detaillierte anthropologische Untersuchungen durch die Verfasser begannen 2001. Erste Vor-
arbeiten von E. Reuer und S. Fabrizii-Reuer
1
legten die Vermutung nahe, dass es sich bei den bestatteten
Männern zumindest teilweise um Gladiatoren gehandelt haben könnte
2
. Neben der Klärung dieser Frage wird
versucht, auch einige Lebensumstände mithilfe anthropologischer Untersuchungen zu rekonstruieren. Frage-
stellungen zur Berufs- und Arbeitsbelastung, zum Zugang unterschiedlichster Ressourcen, beispielsweise der
medizinischen Versorgung, oder zur Ernährung und deren Auswirkungen auf das Skelett werden im Vergleich
mit der damaligen ephesischen Normalbevölkerung verfolgt.
In Ephesos wurde auf anthropologisch-archäologischem Forschungsgebiet begonnen, Knochen römischer
Gladiatoren als biologische Urkunden zu nutzen, um einen Vergleich mit den bisherigen Ergebnissen experi-
mentalarchäologischer Untersuchungen
3
und archäologischer oder kulturgeschichtlicher Forschungen
4
zu
ziehen und einen Beitrag zu deren Falsifizierung oder Verifizierung zu liefern.
Material und Methode
Der große Anteil dislozierter Knochen und die unregelmäßigen Lagen der Bestatteten deuten im Gegensatz
zur damals üblichen, entsprechend regulären Bestattungspraxis der Römer auf eine längerfristige Belegung
und eher lieblose Deponierung der Leichen hin. Wegen dieser außergewöhnlichen Fundsituation mussten
spezielle, für die Analyse von Massengräbern geeignete anthropologische Untersuchungsformen herange-
zogen werden.
Das Konvolut aus dem Gladiatorenfriedhof umfasst die mit DAM93G bezeichneten Funde aus der Grabung
Damianosstoa 1993, Sondage 1, Laufmeter 25–32. Hinzu kommt der mit DAM93P bezeichnete menschliche
1
S. Fabrizii-Reuer, Gräber im Bereich der Via Sacra Ephesica (Kurzfassung), in: H. Friesinger F. Krinzinger (Hrsg.), 100 Jahre
Österreichische Forschung in Ephesos. Akten des Symposions Wien 1995, AForsch 1 (1999) 461 ff.; E. Reuer – S. Fabrizii-Reuer,
Anthropologische Untersuchungen, ÖJh 64, 1995, 29 f.; dies., Anthropologische Untersuchungen, ÖJh 63, 1994, 27 f.; S. Fabrizii-
Reuer E. Reuer, Die Ergebnisse der anthropologischen Untersuchungen von 18 kg Leichenbrand aus der Ringnekropole von
Ephesos, in: D. Knibbe H. Thür (Hrsg.), Via Sacra Ephesica II, BerMatÖAI 6 (1995) 62 ff.
2
F. Kanz – K. Grossschmidt, Gladiator Cemetery in Ephesus: Anthropological and Forensic Findings, in: Proceedings of the Inter-
national Congress of Anthropology, 21.–23. November 2003, Athens (in Druck); K. Grossschmidt – F. Kanz, Knöcherne Evidenz.
Der anthropologische Befund, in: Gladiatoren in Ephesos. Tod am Nachmittag (2003) 19 ff.; F. Kanz K. Grossschmidt, Waf-
fenwirkung und Verletzungsspuren, in: ebenda 43 ff. sowie dies., Head injuries of Roman gladiators, Forensic Science Inter-
national 2005 (in Druck).
3
M. Junkelmann, Das Spiel mit dem Tod. So kämpften Roms Gladiatoren (2000).
4
T. Wiedemann, Kaiser und Gladiatoren. Die Macht der Spiele im antiken Rom (2001).
Fabian Kanz Karl Grossschmidt104
Leichenbrand aus den beiden im
selben Grabungsbereich gebor-
genen Pithoi (Pithos I und Pithos
II). Als Vergleichsgruppe dienen
die Skelette aus den Grabungen im
Bereich der Damianosstoa der Jah-
re 1991–94. Mit Ausnahme der In-
dividuen der sog. Ost- und West-
kammer der Grabung 1991 (3.–5.
Jh.) handelt es sich dabei um Ephe-
sier des 1.–3. Jahrhunderts n. Chr.
5
.
Die Vergleichsstichprobe umfasst
55 Erwachsene (28 Frauen und 27
Männer), davon 18 Erwachsene (10
Frauen und 8 Männer) aus der sog.
Ost- und Westkammer der Grabung
Damianosstoa 1991, im Folgenden
bezeichnet mit DAM91, weiters 6
Erwachsene (3 Frauen und 3 Män-
ner) aus dem sog. Feigengarten der
Grabung Damianosstoa 1992, im
Folgenden bezeichnet mit DAM92,
dazu 16 Erwachsen (8 Frauen und
8 Männer) aus der Grabung Damia-
nosstoa 1993, Sondage 1, Laufme-
ter 32–35 und Sondagen 2, 3 und 4,
im Folgenden mit der Bezeichnung
DAM93NG, und schließlich 15 Er-
wachsene (7 Frauen und 8 Männer)
aus der Grabung Damianosstoa
1994, im Folgenden bezeichnet mit
DAM94. Die Lage der einzelnen
Grabkomplexe geht aus dem Über-
sichtsplan Abbildung 1 hervor.
Die Sterbealters- und Geschlechtsdiagnosen wurden in Anlehnung an die anlässlich der paläodemogra-
phischen Konferenz in Sarospatak erarbeiteten Richtlinien vorgenommen
6
. Die üblicherweise verwendeten
morphologischen Kriterien für die Diagnose des Sterbealters wurden modifiziert: Anhand einer definierten
Stichprobe histologischer, in Kunstharz eingebetteter Dünnschliffe von Prämolaren wurde versucht, das tat-
sächliche Sterbealter zu ermitteln
7
. Die Vorgangsweise wird kurz in Abbildung 2 oben dargestellt: links oben
die Ansicht einer Mandibula (Unterkiefer) von rechts, darunter deren Zahnbogen mit den Kauflächen. Der
Grad der Abrasion dieser Flächen kann mit dem Sterbealter mehr oder weniger korrelieren, ist aber von vie-
len Faktoren, wie z. B. der Zusammensetzung der Ernährung, abhängig und deshalb nicht immer zuverlässig
zu bestimmen. Im Zahnzement der Zahnwurzel (Abb. 2 r. o.: histologischer Querschnitt durch die Zahn-
5
W. Pietsch, Außerstädtische Grabanlagen von Ephesos, in: Friesinger Krinzinger (Anm. 1) 457 ff.; ders. E. Trinkl, Der Gra-
bungsbericht der Kampagnen 1992/93, in: Knibbe Thür (Anm. 1) 19 ff.
6
D. Ferembach – I. Schwidetzky – M. Stloukal, Empfehlungen für die Alters- und Geschlechtsdiagnose am Skelett, Homo 30, 1979,
1 ff.
7
S. I. Kvaal T. Solheim D. Bjerketvedt, Evaluation of Preparation, Staining and Microscopic Techniques for Counting Incre-
mental Lines in Cementum of Human Teeth, Biotechnic & Histochemistry 71, 1996, 165 ff.; U. Wittwer-Backofen H. Buba,
Age estimation by tooth cementum annulation: perspectives of a new validation study, in: R. D. Hoppa J. W. Vaupel (Hrsg.),
Paleodemography. Age distributions from skeletal samples (2002) 107 ff.
1 Übersichtsplan der Ostseite des Panayırdağ mit Lokalisation der einzelnen
Grabkomplexe
105stand der anthropoloGischen ForschunGen zum GladiatorenFriedhoF in ephesos
wurzel) entsteht nach dem Zahndurch-
bruch infolge der dann einwirkenden
mechanischen Kaubelastung jährlich
ein Zuwachsring in Form einer Dop-
pelbande aus je einem hellen, schwach
mineralisierten und einem dunklen,
stark mineralisierten Ring (Abb. 2 r. u.
im Detail). Ab der deutlich untermine-
ralisierten Durchtrittslinie des Zahnes
(hier im 13. Lebensjahr) werden die
Zuwachsringe gezählt (in diesem Fall
9), was ein Sterbealter von 22 Jahren
ergibt. Mithilfe der hinreichend gro-
ßen Stichprobe konnte die im Normal-
fall angewendete, einfach und schnell
zu handhabende makromorphologische
Methode der Sterbealtersbestimmung,
die im konkreten Fall ein Sterbealter
von 25–28 Jahren ergab, modifiziert
und den realen Verhältnissen besser
angepasst werden.
Die Körperhöhenschätzungen für
männliche Skelettindividuen erfolgten
anhand der Tabellen von E. Breitinger
8
, für weibliche Skelettindividuen nach H. Bach
9
.
Zur Bestimmung der Minimum Number of Individuals (MNI) wurde nach T. D. White
10
vorgegangen;
nachstehend eine Auflistung der verwendeten Skelettregionen (mit Abkürzungen): Aus dem Bereich des Cra-
niums das Os petrosum (PET), das Os occipitale (OCC), die Glabella (GLA) und das Os zygomaticum (ZYG),
weiters wurden alle Zähne (DEN) und vom Postcranium der Humerus (HUM) und das Femur (FEM) berück-
sichtigt.
Die Methoden der Leichenbranduntersuchungen entsprechen denjenigen von F. W. Rösing
11
und J. Wahl
12
,
osteopathologische Veränderungen wurden nach bewährten Lehr- und Handbüchern
13
erfasst und differential-
diagnostisch beurteilt.
Der Zahnkaries wurde verstärktes Augenmerk geschenkt: Die Karieshäufigkeit in einer Population kann
entweder über den Prozentsatz der Individuen mit mindestens einem kariösen Defekt (Kariesfrequenz) oder
über den Prozentsatz der kariösen Zähne (Kariesintensität) bestimmt werden. Um die Kariesintensität korrekt
ermitteln zu können, ist die Erfassung des intravitalen Zahnverlustes notwendig, ist doch dieser fast immer
Ursache eines vorangegangenen Kariesbefalls. Der hohe Dislokationsgrad der Bestatteten im Bereich des
Gladiatorenfriedhofs macht nur die Bestimmung der Kariesintensität sinnvoll.
8
E. Breitinger, Zur Berechnung der Körperhöhe aus den langen Gliedmaßenknochen, Anthropologischer Anzeiger 14, 1937, 249
ff.
9
H. Bach, Zur Berechnung der Körperhöhe aus den langen Gliedmaßenknochen weiblicher Skelette, Anthropologischer Anzeiger
20, 1965, 12 ff.
10
T. D. White, Human Osteology² (2000); ders., Prehistoric Cannibalism at Mancos 5MTUMR-2346 (1992).
11
F. W. Rösing, Methoden aus Aussagemöglichkeiten der anthropologischen Leichenbrandbestimmung, Archäologie und Natur-
wissenschaft 1, 1977, 53 ff.
12
J. Wahl, Ein Überblick über die Bearbeitung und Aussagemöglichkeiten von Brandgräbern, PZ 57, 1982, 1 ff.
13
D. R. Brothwell T. D. Sandison, Disease in Antiquity (1967); M. Eder P. Gedigk, Lehrbuch der Allgemeinen Pathologie und
der Pathologischen Anatomie (1985); J. H. Holzner (Hrsg.), Arbeitsbuch Pathologie (1985); D. J. Ortner G. J. Putschar, Iden-
tification of Pathological Conditions in Human Skeletal Remains (1981); P. A. Janssens, Paleopathology. Diseases and Injuries
of Prehistoric Man (1970); R. T. Steinbock, Paleopathological Diagnosis and Interpretation. Bone Diseases in Ancient Human
Populations (1976); S. Zivanovic, Ancient Diseases (1982).
1a Lagebeziehung des Suchschnitts, zugleich Sondage 1, zur Damianosstoa
Fabian Kanz Karl Grossschmidt106
Zur Untersuchung der traumatischen Veränderungen am Knochen wurden die für forensische Pathologie
und Anthropologie entwickelten Methoden und Techniken angewendet
14
. Die Datenerhebung folgte dabei den
für gerichtsmedizinische Bearbeitungen von Mordfällen vorgesehenen ähnlichen Methoden. Diese beinhalten
Rekonstruktion, Illustration, Beschreibung, Interpretation und Klärung der Wundabfolge. In diesem Zusam-
menhang sollte auch der Zeitpunkt bestimmt werden können, zu dem das betroffene Individuum die Verlet-
zung erlitten hat, d. h., ob es sich um ein post, peri oder ante mortem zugefügtes Trauma handelt.
Für die histologischen Untersuchungen der Knochenproben wurden unentkalkte, in Methylmetakrylat
eingebettete Dünnschliffe angefertigt. Von ihnen wurden mit spezieller Röntgentechnik sog. Mikroradio-
graphien hergestellt, um auch unterschiedliche Mineralisierungsgrade feststellen zu können. Nach Ätzung der
Oberflächen mit Ameisensäure wurden die Präparate histologisch gefärbt. Alle Schliffpräparate wurden mit
Durchlichtmikroskop im Hellfeld und im polarisierten Licht beurteilt
15
.
Die Bestimmung der chemischen Zusammensetzung der Knochen erfolgte aus Bohrkernen der Knochen-
kompakta; mit einem Diamant-Trepanationsbohrer (Dm 1 cm) wurden diese aus der Diaphysenmitte von
Humerus und Femur gewonnen. Nach einem Totalaufschluss wurden Elementprofile der mineralischen Be-
standteile atomspektroskopisch (ICP-AES) gemessen
16
und die Mittelwerte der einzelnen Gruppen miteinan-
der verglichen.
14
W. R. Maples, Trauma analysis by the forensic anthropologist, in: K. J. Reichs (Hrsg.), Forensic Osteology: advances in the
identification of human remains (1986) 218 ff.; K. J. Reichs (Hrsg.), Forensic Osteology: advances in the identification of human
remains² (1998); W. U. Spitz, Spitz and Fishers medicolegal investigation of death: guidelines for the application of pathology
to crime investigation² (1992).
15
H. Plenk, The Microscopic evaluation of Hard Tissue Implants, in: D. F. Williams (Hrsg.), Techniques of Biocompatibility
Testing 1(1986) 35 ff.
16
F. Kanz – K. Großschmidt, Spuren und Mengenelementbestimmungen in den Trockenmumien aus der barockzeitlichen Gruft der
Pfarrkirche von Altlichtenwarth in Niederösterreich, 38, 1999, 691 ff.; F. Kanz I. Steffan, Monitoring of Ancient Human
2 Unterkiefer eines Gladiators (DAM 78/93). Histologische Sterbealtersschätzung anhand des Dünnschliffs einer Zahnwurzel
107stand der anthropoloGischen ForschunGen zum GladiatorenFriedhoF in ephesos
Ergebnisse und Diskussion
In diesem Kapitel wird zunächst auf das Ergebnis der Neubearbeitung des Leichenbrands aus den beiden
Pithoi eingegangen, sodann werden für die Bestattungen des Gladiatorenfriedhofs der MNI-Index, die anthro-
pologischen Basisdaten (Geschlecht, Sterbealter, Körperhöhe) und Rekonstruktionen der Lebensbedingungen
(Traumata, Waffenwirkung, Ernährung, Zahnerkrankungen, medizinische Versorgung) vorgestellt.
Bei der osteologischen und paläopathologischen Neubearbeitung des menschlichen Leichenbrands aus den
Pithoi vom Gladiatorenfriedhof stand die Klärung eines möglichen Zusammenhangs mit dem Gladiatoren-
friedhof im Vordergrund. Darüber hinaus konnte auch die Abfolge der Belegung dieser beiden Gefäße geklärt
werden: Es muss eine Massenverbrennung stattgefunden haben, nach der alle verbliebenen Skelettelemente
zu einem Haufen gesammelt worden waren. Der viel geringere Fragmentierungsgrad der Knochen und die
wenigen Zähne in Pithos II zeigen, dass dieser als Erster vorwiegend mit großen Knochenstücken befüllt
worden war. Danach wurde der Pithos I mit den am Boden des Verbrennungsplatzes verbliebenen, wesentlich
kleineren Knochenstücken und der Hauptmasse der Zähne angefüllt.
Beweisend für die gleichzeitige Belegung beider Pithoi ist die Tatsache, dass aus beiden Gefäßen mehre-
re aus unterschiedlichen anatomischen Regionen und von unterschiedlichen Individuen stammende, einander
entsprechende oder ergänzende Knochenfragmente zusammengefügt werden konnten. Damit ist u. a. auch
eine Interpretation
17
im Hinblick auf soziale Unterschiede zwischen den Bestatteten beider Pithoi obsolet,
Body Burden of Lead by ICP-AES-ICP: A Case Report on 18th Century Mummies from Austria, ICP Information Newsletters
27, 3, 2001, 8 ff.
17
Fabrizii-Reuer Reuer (Anm. 1:1995) 62 ff.
3 Schätzung der MNI: Ossa petrosa 4 Schätzung der MNI: Zähne aus Pithos I und Pithos II
Fabian Kanz Karl Grossschmidt108
weshalb auch die Schätzung des MNI-Index neu erfolgen musste: Aufgrund aller erhaltenen Ossa petrosa
(Felsenbeine, Abb. 3) und Zähne (Abb. 4) verringerte sich die Mindestindividuenzahl auf 18 (Tab. 1).
Tabelle 1: MNI beider Pithoi, absolut und relativ
MNI absolut MNI %
Männer
13 72
Frauen
3 17
Kinder
2 11
Total
18 100
Als Ursache für diese doch ungewöhnliche Massenverbrennung könnte man eine epidemische Infektions-
krankheit mit hoher Mortalität annehmen oder von Opfern einer Naturkatastrophe (beispielsweise Erdbeben
oder Überschwemmung) ausgehen. Wegen der starken Fragmentierung der Knochenbruchstücke konnten
traumatische Veränderungen nicht sicher festgestellt werden. Im Knochenkollektiv sind zumindest drei Frau-
en und zwei Kinder vertreten, weshalb der Schluss nahe liegt, dass es sich bei den in den Pithoi bestatteten
Individuen nicht um Gladiatoren handeln kann. Zusätzlich stützt der Befund der Spurenelementanalysen
(s. Diagramm 4, DAM93P) diese Annahme.
Abschließend ist festzustellen, dass die gegenständlichen Knochenfunde aus den oben angeführten Grün-
den für weitere Überlegungen zum Gladiatorenfriedhof nicht mehr herangezogen werden können. Innerhalb
des Friedhofareals wurde zudem eine Sklavin bestattet, was darauf hinweist, dass es sich um keinen exklusiv
genutzten Bestattungsplatz gehandelt haben kann.
Basisdaten Minimum Number of Individuals (MNI)
Zur Bestimmung der Mindestanzahl an Bestatteten auf dem Gladiatorenfriedhof wurde das Grabungsareal in
fünf Bereiche (I–V) eingeteilt, die sich durch die Fundverwaltung, aber vor allem durch baulich bedingte
Unterteilungen des Friedhofs anboten (Abb. 5). Es konnten bei den für diese Untersuchung berücksichtigten
sieben Skelettregionen zwischen den fünf Abschnitten des Friedhofs keine einander entsprechenden oder
zueinander passenden Knochen gefunden werden.
Nach einigen Vorerhebungen wurden die am häufigsten erhaltenen Skelettregionen ausgewählt, in den fünf
Grabungsbereichen auf eventuelle bilaterale Zugehörigkeit hin untersucht und anschließend gezählt; die am
häufigsten repräsentierte Region ist danach für die Berechnung des MNI heranzuziehen. Die Ergebnisse der
Zählung für die fünf Bereiche des Friedhofs und für die ausgewählten Skelettregionen sind in Tabelle 2 wie-
dergegeben. Daraus lässt sich ableiten, dass innerhalb des ergrabenen Bereichs mindestens 68 Individuen
bestattet worden sind.
5 Suchschnitt im Detail mit
Unterteilungen (I–V)
109stand der anthropoloGischen ForschunGen zum GladiatorenFriedhoF in ephesos
Tabelle 2: MNI-Bestimmung: Anzahl der erhaltenen Skelettregionen in den fünf Grabungsbereichen
Areal PET OCC GLA ZYG HUM FEM DEN MNI
I
8 5 5 2 4 13 3 13
II
17 22 11 3 7 18 12 22
III
1 2 1 0 3 9 1 9
IV
13 10 6 7 8 12 10 13
V
11 6 4 5 1 4 7 11
Total
50 15 27 17 23 56 33 68
Basisdaten Geschlecht
Die anthropologischen Geschlechtsbestimmungen ergaben, dass sich innerhalb des gesamten Kollektivs von
68 Individuen lediglich eine Frau fand, alle anderen wurden mit der Kategorie »männlich« belegt. Im Fall
des weiblichen Individuums aus dem Grabungsbereich IV könnte es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um
die Sklavin namens Serapias, deren Grabrelief hier in situ gefunden wurde, handeln
18
.
Diagramm 1 zeigt die prozentuelle Verteilung der Geschlechter im Gladiatorenfriedhof im Vergleich mit
der normalen Population aus Ephesos im 1.–3. (5.) Jahrhundert n. Chr. Es ist eindeutig, dass es sich wegen
des eklatanten Ungleichverhältnisses zwischen den beiden Geschlechtern im Falle des Samples DAM93G um
eine Sonderbestattung und um keinen normalen Friedhof handeln kann. Das in der Vergleichsstichprobe
DAM93P auffallende Missverhältnis der Geschlechter resultiert wie oben erwähnt ebenfalls aus einer
Sonderbestattung.
18
Pietsch Trinkl (Anm. 5) 19 ff.
Diagramm 1: Geschlechterverteilung in den untersuchten Gruppen
Fabian Kanz Karl Grossschmidt110
Basisdaten Körperhöhe
Die durchschnittliche Körperhöhe der Gladiatoren betrug 168 cm 3 cm), hier zeigt sich kein Unterschied
zur männlichen ephesischen Normalbevölkerung im 1.–3. (5.) Jahrhundert n. Chr., die im Durchschnitt 169 cm
(± 3 cm) erreichte (Diagramm 2). Die geschätzte Körperhöhe der einzigen Frau im Gladiatorenfriedhof betrug
162 cm.
Basisdaten Sterbealter
Auch die Ergebnisse zum Sterbealter der Gladiatoren zeigen eine von der üblichen Verteilung innerhalb eines
Friedhofs drastische Abweichung: Von 67 männlichen Individuen mussten 66 der adulten Altersklasse mit
einer Häufung im frühadulten Bereich zugewiesen werden, nur ein einziges Individuum (G/111/93/B)
19
ord-
nete sich in die Sterbealtersklasse Matur.
Berufs- und Arbeitsbedingungen Traumata
Bei der Analyse von Traumata am Skelett steht die Unterscheidung zwischen ante-, peri- und postmortalem
Entstehungszeitpunkt im Vordergrund: Antemortale Verletzungen sind durch mehr oder weniger stark ausge-
prägte Heilungsspuren und Knochenreaktionen an den Wundrändern gekennzeichnet. Perimortale Verlet-
zungen sind unmittelbar um den Todeszeitpunkt zugefügt worden, weisen keinerlei Heilungsspuren auf,
hingegen aber charakteristische Zeichen für Veränderungen am sog. nassen, durchbluteten Knochen, wie z. B.
radiäre Spannungsbrüche. Im Gegensatz dazu stehen postmortale Verletzungen, die nach dem Tod am nicht
mehr durchbluteten, trockenen Knochen erfolgen und ebenfalls durch eine typische Bruchcharakteristik ge-
kennzeichnet sind, wie dem Fehlen von Entspannungsbrüchen. Im Regelfall handelt es sich um ausgrabungs-
bedingte, durch hellere Färbung auffallende Verletzungen am Knochen (Abb. 6). Rein methodisch ist es nicht
möglich, mit Sicherheit zwischen unmittelbar vor dem Tod oder kurz danach zugefügten Verletzungen zu
unterscheiden.
19
K. Grossschmidt F. Kanz, Der älteste Gladiator aus Ephesos, in: B. Brandt – V. Gassner S. Ladstätter (Hrsg.), Synergia. Fest-
schrift F. Krinzinger I (2005) 93 ff.
Diagramm 2: Mittlere Körperhöhen (KH) und deren Standardabweichungen (SD) der untersuchten Gruppen
111stand der anthropoloGischen ForschunGen zum GladiatorenFriedhoF in ephesos
Zur näheren Erklärung sind die betreffenden drei Arten von Traumata am Schädel eines Gladiators darge-
stellt (Abb. 6 o.). Es handelt sich hierbei um Stichverletzungen. Aus einer antemortal entstandenen Verletzung
wurde eine Knochenprobe entnommen und histologisch untersucht (Bildleiste r.): Oben zeigt die Mikro-
radiographie des unentkalkten histologischen Schliffs, dass der Mineralisierungsgrad einheitlich, an den
Wundrändern sogar geringfügig höher erscheint. In der Mitte ist das ungefärbte histologische Präparat im
Hellfeld des Durchlichtmikroskops zu sehen, unten dieselbe Situation im polarisierten Licht. Hier ist das
Kollagen (hellblau) bis hin zu den Wundrändern zu erkennen, was wiederum ein Beleg für eine lange vor
dem Tod des Individuums erfolgte antemortale Verletzungsspur ist, die sich im Heilungs- bzw. Umbauprozess
befindet.
Die Art der Waffe und die Stärke der eingesetzten Kraft für die Attacke erzeugen typische charakteristische
Spuren am Knochen und können daher zur Interpretation des Vorganges herangezogen werden: So erzeugen
Klingeninstrumente Traumata vom Typus der scharfen Gewalt mit glatten, poliert wirkenden Flächen an den
Wundrändern. In Abhängigkeit vom Angriffswinkel der Waffe verursachen Klingen entweder Stich-, Schnitt-
oder Hiebverletzungen. Stichwunden sind generell tiefer als breit und weisen eine punktförmige Läsion mit
eingedrücktem Rand auf, Schnittwunden sind breiter als tief und manifestieren sich am Knochen als Läsionen
mit einem gleichsam poliert wirkendem Rand und einem gegenüberliegendem aufgerautem Rand.
Stichverletzungen sind umschriebene, scharfrandige Gewebsdurchtrennungen mittels spitzer, schmaler und
meist auch scharfer Gegenstände, die man nach Stichwerkzeugen (Messer, Schraubenzieher), Stichwaffen
(Dolch, Stilett, Bajonett) und Zufallsfremdkörpern (z. B. Glassplittern) unterscheiden kann. Stichverletzungen
von Organen der Brust- und Bauchhöhle verlaufen infolge massiver Blutungen in die Körperhöhlen meist
tödlich. In der Brusthöhle können sie eine Reihe typischer tödlicher Komplikationen nach sich ziehen – schon
ein nur wenige Zentimeter tiefer Lungenstich bedingt durch Blutungen in den Bronchialbaum das allmähliche
6 Unterscheidung peri-, ante- und postmortaler Verletzungsspuren am Schädel. Rechts Knochendünnschliff, oben Mikroradiogra-
phie, Mitte Durchlichtbild, unten Polarisation
Fabian Kanz Karl Grossschmidt112
Ersticken oder Ertrinken im eigenen Blut. Nicht selten erfolgt bei einem Herzstich nur eine Herzbeutel-
tamponade mit geringer Blutung, bei der aber durch das mechanische Hindernis die Schlagkraft kontinuierlich
abnimmt und zum Tod führt. In der Bauchhöhle ist wegen ihrer Lage und Größe bevorzugt die Leber betrof-
fen. Bemerkenswert ist, dass die Eröffnung eines auch nur kleinkalibrigen Blutgefäßes bereits einen tödlichen
Blutverlust zur Folge haben kann. Bauchstiche mit Verletzungen des Magens oder des Darms bedingen wegen
des dabei in die Bauchhöhle austretenden hochinfektiösen Darminhalts nach einigen Tagen eine tödliche
Sepsis.
Schnittverletzungen sind meist bei geringer Tiefe lang, mit spitzem Wundwinkel. Die Wundränder sind in
der Regel glatt, es sei denn, die Schneide war mit Scharten oder Wellenschliff versehen, was eine die Waffe
charakterisierende Spur hinterlässt. Der Querschnitt einer Schnittwunde ist bei einer zur Oberfläche senkrech-
ten Schnittführung keilförmig. Wunden klaffen stärker, wenn der Schnitt quer oder schräg zu den Spaltlinien
der Haut verläuft. Bei tangentialen Schnitten überlappt der freie Wundrand den zum Wundbett abfallenden
Wundabschnitt. Häufigste Todesursache ist wie bei den Stichverletzungen das Verbluten, das sich auch über
Stunden oder Tage erstrecken kann. Ist die Halsregion durch einen Stich oder Schnitt betroffen, so tritt als
lebensgefährliche Komplikation das Ersticken infolge von Blutaspiration direkt in die Luftröhre bzw. in den
Kehlkopf hinzu, oder es droht eine Luftembolie mit einem langsamen Versagen der Atmung.
Das Beispiel einer verheilten Schnittverletzung ist an der Kalotte eines Gladiators gut zu erkennen
(Abb. 7). Auch hier wurde eine Probe entnommen und histologisch aufgearbeitet. In der linken Bildleiste oben
zeigt die Mikroradiographie die gleichmäßige Mineralisierung des Schädelknochens, die roten Pfeile markie-
ren die ursprüngliche Eindringtiefe und Basis der Kompressionszone, unterhalb befindet sich regulär struk-
turierter Knochen. Das Bild links unten macht wiederum die Situation im polarisierten Licht mit vorhandenem
Kollagen augenscheinlich.
7 Gut verheilte Schnittverletzung am Schädel (DAM 111/93). Links Knochendünnschliff, oben Mikroradiographie, Mitte
Durchlichtbild, unten Polarisation
113stand der anthropoloGischen ForschunGen zum GladiatorenFriedhoF in ephesos
Hiebverletzungen stellen einen Übergang zur stumpfen Gewalt dar, weil sie in der Regel durch schwere,
wuchtige Gegenstände wie Beile, Äxte, Hacken, Säbel oder Ähnlichem verursacht werden. Neben ihrer mehr
oder weniger ausgeprägten Schärfe haben diese auch eine zertrümmernde Wirkung. Hiebwerkzeuge haben
vielfach Scharten, sind diese groß genug, hinterlassen sie Schürfungen an den Wundrändern und Knochen.
Hiebverletzungen sind weit seltener als Schnitt- oder Stichwunden und betreffen überwiegend das Schädel-
dach.
Traumata vom Typus der stumpfen Gewalt treffen breitflächig bis flächenhaft-kantig die Körperoberfläche
und führen zu direkten und indirekten Schädigungen. Es gibt in der Einwirkung auf den menschlichen Körper
fließende Übergänge zwischen Gegenständen, die mit großer Energie auftreffen und zwischen Bewegungen
des menschlichen Körpers auf einen ruhenden Gegenstand hin (z. B. beim Sturz). Bei den mit Energie auf-
treffenden Gegenständen bestimmen deren Masse und Geschwindigkeit die entfaltete Wirkung, im anderen
Fall sind die physikalisch-mechanischen Eigenschaften des menschlichen Körpers bestimmend. Es kommt
dadurch zu einer großen Variabilität der Verletzungen, zumal Haut, Unterhautgewebe, Muskelfaszien, Mus-
kulatur, Knochen und gelenkige Knochenverbindungen unterschiedliche Druck- und Zugfestigkeit aufweisen
und somit das Verletzungsbild an den Extremitäten und am Kopf bestimmen. Topographie, Konsistenz und
Fixierung der parenchymatösen Organe bedingen die Pathomechanik und das Schädigungsmuster der Kör-
perhöhlen beim Einwirken stumpfer Gewalt.
Ein derartiges Verletzungsbild am Schädel ist in Abbildung 8 unten zu erkennen: Stumpfe Gewalt, wahr-
scheinlich durch den Schild des Gegners verursacht, wirkte über das linke Tuber frontale (r. o.) quer in das
rechte Os parietale des Schädels ein. Das Opfer lag dabei auf dem Rücken, der Schädel war nicht durch einen
Helm geschützt. Radiäre, feine Frakturlinien, Berstungsbrüche der Kalotte mit Verschiebung der Knochenan-
teile und teilweisen Versinterungsspuren an den Bruchkanten weisen darauf hin, dass es sich um ein perimor-
8 Individuum DAM 73/93 mit einem durch stumpfe Gewalt verursachten massiven Trümmerbruch des Schädels
Fabian Kanz Karl Grossschmidt114
9 Die sieben häufigsten Gladiatorentypen im 2. und 3. Jh. n. Chr. mit Schutzbekleidung und Angriffswaffen.
Rahmen r. u.: Summation der Schutzwirkung und beobachtete verheilte und akute Verletzungen
tales und nicht postmortales Geschehen gehandelt hat. Berstungsbrüche haben die Tendenz zur Ausbreitung
auf die Schädelbasis, die im vorliegenden Fall jedoch nicht erhalten ist. Zwei oder mehrere nacheinander
entstandene Frakturen lassen sich anhand der ‘Puppe-Regel’ erkennen, da sich Frakturen des Schädeldaches
nur bis zu einer bereits bestehenden Frakturlinie ausbreiten
20
. Im vorliegenden Fall handelte es sich um eine
massive Gewalteinwirkung, die unmittelbar zum Tod des Individuums führte. Als Nebenbefund ist im Bereich
der rechten Schläfenregion eine alte, verheilte, aber noch nicht bis an die Oberfläche aufgefüllte Verletzung
der Kalotte zu bemerken.
Berufs- und Arbeitsbedingungen Verletzungsanalyse
Abbildung 9 gibt einen graphischen Überblick über die im 2. und 3. Jahrhundert verbreitetsten sieben Gla-
diatorentypen (armaturae) und ihre Bewaffnung und Schutzausrüstung. Daraus leiteten sich auch die typischen
Paarungen ab, bei denen auf Ausgewogenheit und Chancengleichheit im Kampf geachtet wurde.
Tabelle 3: Summation der verheilten und akuten Verletzungen, bezogen auf ihre Lokalisation und die Anzahl der davon
betroffenen Individuen
Lokalisation verheilt akut betroffene Individuen
Cranium
16 10 15
Postcranium
16 29 29
Total
32 39 44
20
B. Forster, Praxis der Rechtsmedizin für Mediziner und Juristen (1986).
115stand der anthropoloGischen ForschunGen zum GladiatorenFriedhoF in ephesos
Nimmt man ein gleichmäßiges Vorkommen der sieben Gladiatorentypen im Friedhof von Ephesos an und
betrachtet den Effekt der Schutzausrüstung, so ist aus der folgenden Tabelle 4 deren relative Verteilung er-
sichtlich: Bei sechs Gladiatorentypen waren der Kopf mit einem Helm und der rechte Arm mit Bandagen
geschützt, es ergibt sich rechnerisch jeweils ein Schutzeffekt von 85,7%; bei allen sieben Typen war der
linke Arm geschützt, daraus errechnet sich ein vollständiger (100%) Schutzeffekt usw.
Tabelle 4: Verteilung der Schutzausrüstung
Cranial Rumpf Arm r. Arm l.
Ober-
schenkel r.
Ober-
schenkel l.
Unter-
schenkel r.
Unter-
schenkel l.
%-iger Schutz 85,7 14,3 85,7 100,0 28,6 28,6 28,6 71,4
nicht geschützt 6,0 1,0 6,0 7,0 2,0 2,0 2,0 5,0
% verheilt 50,0 12,5 9,4 12,5 0,0 0,0 9,4 6,3
nicht verheilt 16,0 4,0 3,0 4,0 0,0 0,0 3,0 2,0
% akut 25,6 33,3 0,0 0,0 25,6 15,4 0,0 0,0
nicht akut 10,0 13,0 0,0 0,0 10,0 6,0 0,0 0,0
Eine graphische Darstellung der Verteilungen zeigt Abbildung 9 rechts unten. Zieht man nun die tatsäch-
lich festgestellten Verletzungsspuren heran, so konnten z. B. am Kopf 16 verheilte und 10 akute Verletzungen,
am Postkranium insgesamt 16 verheilte und 29 akute beobachtet werden.
An dieser Stelle muss betont werden, dass die erfasste Anzahl der Schädeltraumata sicher realistischer ist
als die Zahl der Traumata im postcranialen Bereich, da diese vor allem nur Weichteile betroffen haben. Hier
können ausschließlich Verletzungen erfasst werden, die Spuren am Knochen hinterlassen haben. Auch die
Zuordnung zu einem bestimmten Individuum ist wegen des stark gestörten Massengrabes äußerst schwierig
bis unmöglich und wirkt sich deshalb negativ auf eine korrekte quantitative Zuteilung aus.
Die relative Häufigkeit verheilter Verletzungen am Schädel könnte man dahingehend erklären, dass diese
nicht im ludus erfolgt sind, sondern teilweise schon viel früher, zu einer Zeit, als diese Skelettindividuen noch
nicht als Gladiatoren tätig waren. Plausibler erscheint aber die Interpretation, dass die Gladiatoren im ludus
auch ohne Helm und Schild trainiert haben.
Die Verteilung der akuten Traumata zeigt ein bei aktiven, kämpfenden Gladiatoren zu erwartendes Muster.
Was die tödlichen Schädelverletzungen betrifft, so sind diese eindeutig überrepräsentiert, auch wenn man
berücksichtigt, dass postcraniale tödliche Weichteilverletzungen nicht erfasst werden können.
Ausgenommen beim retiarius gehörte ein gut sitzender Helm mit festem Halt, der nur selten im Kampf
verloren wurde, zur Standardausstattung der Gladiatoren. Auch wenn bekannt ist, dass es Kämpfe gab, bei
denen der Helm abgelegt werden musste, so waren diese nicht allgemein üblich. Die Anzahl der überpropor-
tional vorhandenen perimortal entstandenen Löcher in den Schädeln könnte mit der Tätigkeit des Arenabe-
diensteten erklärt werden, der als dis pater, »den Hammer mit sich tragend, die Leichen der Gladiatoren
hinwegführte«
21
. Damit wäre auch der Bezug zum etruskischen Todesdämon Charun gegeben, der als ge-
flügeltes Monster dargestellt wird und einen Hammer mit sich führte, um die Sterbenden zu töten.
Aufgrund der großen Zahl von 39 akuten tödlichen Verletzungen bei nur 67 Individuen und des Umstands,
dass der Großteil der tödlichen postcranialen Verletzungen gar nicht erfasst werden konnte, ist mit großer
Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass in dem als Gladiatorenfriedhof bezeichneten Areal ausschließlich
aktive, im Kampf getötete Gladiatoren bestattet worden sind.
Lebensbedingungen Ernährung und Mineralstoffe
»… und gaben den Gladiatoren reichliche Nahrung, gladiatoria sagina genannt«
22
, die zwar gut mästete
23
,
sonst aber im schlechten Ruf stand
24
. Ganz begreiflich, denn sie bestand wesentlich aus Bohnen und Gers-
21
Tert. apol. 15, 4.
22
z. B. Tac. hist. 2, 88.
23
Cypr. 1, 7.
24
Iuv. 11, 20 (mit Schol.).
Fabian Kanz Karl Grossschmidt116
tenspeisen, was den Gladiatoren den Spottnamen hordearii einbrachte
25
. »Nach der Fechtübung reichte man
den Leuten nötigenfalls einen Trunk von ausgelaugter Asche, der angeblich heilsam wirkte auf die durch
Schlag und Stoß hergenommenen Eingeweide.«
26
Gladiatoren können von allen modernen Sportartgruppen am besten mit Kampfsportlern wie Boxern,
Ringern, Judokas oder mit Schnellkraftsportlern wie Fechtern und modernen Fünfkämpfern verglichen wer-
den. Nach heutigen sport- und ernährungswissenschaftlichen Erkenntnissen sind die Ernährungsziele bei
Kampfsportlern darin zu sehen, dass fast alle Muskelgruppen des Körpers für aerobe Energiegewinnung
eingesetzt werden. Hierzu ist die Bereitstellung energiereicher Phosphate, von Kohlenhydraten und Glykogen
erforderlich. Ernährungsziele bei Schnellkraftsportlern bestehen darin, über die Muskelkraft hinaus Anforde-
rungen an die Ausdauer zu leisten. Muskelkraft, Schnelligkeit, Koordination und Konzentration sind Charak-
teristika dieser Sportartgruppe. Nach der Entwicklung der Muskelmasse mit einer eiweißreichen Basisernäh-
rung sind Übungen zum Erreichen der Schnelligkeit und Koordination mit kohlenhydratreicher Ernährung zu
unterstützen. Für einen im Training befindlichen männlichen Spitzensportler dieser Sportartgruppen (Alter
19–25 Jahre, Gewicht 70 kg) sollte sich dessen täglicher Energiebedarf von 4 800 kcal zu 19% aus Eiweißen,
zu 30% aus Fett und zu 51% aus Kohlenhydraten zusammensetzen. Nach Berechnungen anhand moderner
Nährwerttabellen wäre mit einer Tagesration von 450 g weißer Bohnen, 280 g Gerste und 290 g Olivenöl
dieser Grundbedarf zu decken, zusätzlich müsste aber Calcium substituiert werden, da von den 1 820 g/Tag
nur 618 g zu erreichen sind
27
. Die Trainings- und Kampftätigkeit der Gladiatoren mit einer hohen Belastung
des Skelett- und Muskelapparats erforderte aber geradezu eine Überversorgung mit Calcium, welche durch
die kontinuierliche Verabreichung eines Aschetrunks gewährleistet wurde.
Aufgrund der chemisch-analytischen Spuren- und Mengenelementuntersuchungen am Knochen kann ein
kurzer Einblick in die Ernährungsgewohnheiten der Gladiatoren im Vergleich zur ephesischen Normalbevöl-
kerung gegeben werden: Das nichtessentielle Spurenelement Strontium (Sr) wird, weil dem Calcium chemisch
25
Plin. nat. 18, 72; Gal. 1, 19, 529 K.
26
Varro bei Plin. nat. 36, 202.
27
K. R. Geiß M. Hamm, Handbuch der Sportlerernährung (1990).
Diagramm 3: Mittlere Sr/Ca- und Zn/Ca-Quotienten und die Standardabweichung der untersuchten Gruppen
117stand der anthropoloGischen ForschunGen zum GladiatorenFriedhoF in ephesos
sehr ähnlich, in das Knochenmineral eingebaut und mit steigender Trophiestufe abgereichert
28
, Herbivore
haben deshalb hohe, Carnivore niedrigere Sr-Werte. Die Sr-Werte der Gladiatoren (Diagramm 3, DAM93G)
sind im Vergleich mit allen anderen zeitgleichen Gruppen aus Ephesos eindeutig und signifikant erhöht.
Die Erhöhung der Strontiumsignatur der Gladiatorengruppe wird vom hauptsächlichen Calciumliefe-
ranten
29
verursacht, der in diesem Fall in dem »Trunk aus ausgelaugter Asche« zu finden ist. Hinsichtlich der
Strontiumwerte weist die einzige Frau in diesem Kollektiv einen Wert von 5,5 auf, kein Gladiator liegt unter
8,0. Dieser Umstand allein lässt den Schluss auf eine diesbezügliche Diskriminierung der Gladiatoren gegen-
über der Normalbevölkerung zu!
Der erhöhte Einbau von Strontium infolge der Ernährungsumstellung nach Eintritt in den ludus dauerte
mehrere Monate, erst nach dieser Zeitspanne konnte es zu dieser signifikanten Änderung der Sr-Signatur im
Knochen kommen. Dieser Umstand belegt eindeutig, dass alle untersuchten Gladiatoren Mitglieder des ludus
gewesen sein müssen und sich kein ad gladus-Verurteilter unter den hier Bestatteten befand.
Lebensbedingungen Zahnerkrankungen
Im Konvolut des Gladiatorenfriedhofs konnten insgesamt 357 Zähne gefunden werden, davon 31 mit Karies-
befall, an 542 Alveolarhöhlen wurden 44 intravitale Zahnverluste festgestellt.
Unter ‘Karies’ (Zahnfäule) versteht man gemeinhin einen Abbau der Zahnhartsubstanz mit dem patholo-
gischen Bild einer Nekrose oder einer Gangrän des Schmelzes und des Dentins. Nach Auflösung des Schmelzes
greift die Zahnfäule auf das darunter liegende eigentliche Zahnbein (Dentin) über, so kann es bei fortschrei-
tendem Verlauf zum Verlust der gesamten Zahnkrone und zu Entzündungen des Zahnhalteapparats und zu
Wurzelabszessen kommen. Im günstigsten Fall resultiert nur der intravitale Verlust des Zahnes, unbehandel-
te Eiterherde können aber in den Körper disseminieren, bevorzugt werden dabei die Herzklappen befallen,
mit fatalen Spätfolgen. Die Auflösung der Zahnhartsubstanz wird u. a. durch Säuren bewirkt, die bei der
Vergärung von Kohlehydraten durch Mikroorganismen entstehen, ein Effekt, der durch einen hohen Vermah-
lungsgrad des Getreides und mit zunehmender Breiigkeit der Nahrung gesteigert wird. Auch Menge und
Zusammensetzung des Speichels spielen eine wesentliche Rolle bei der Verbreitung und Vermehrung der für
Karies verantwortlichen Mikroorganismen. So ist der Speichel primär alkalisch und puffert oder neutralisiert
somit die in der Mundhöhle entstehenden Säuren. Die Speichelproduktion ist sehr stark von psychischer
Belastung und Stress abhängig, allgemein bekannt sind der sprichwörtlich trockene Mund und das Kleben
der Zunge am Gaumen während Stressphasen
30
.
Generell wurden bei den Vergleichsstichproben nur adulte Individuen berücksichtigt, um keine Verfäl-
schung der Ergebnisse durch das höhere Sterbealter zu erzeugen. Im Vergleichskollektiv DAM92 waren mit
nur zwei Individuen zu wenig Zähne erhalten, um statistisch berücksichtigt zu werden: eine junge Frau ohne
Karies und ein maturer Mann mit starkem Befall. Die Zähne des Leichenbrandes aus den beiden Pithoi
(DAM93P in Diagramm) wiesen zwar keine Karies auf, allerdings ist infolge der Verbrennung und des teil-
weisen Abplatzens des Schmelzes eine vernünftige Beurteilung höchst unsicher bis unmöglich, weshalb das
Kollektiv auch aus diesem Grund für einen Vergleich nicht herangezogen wurde.
Beurteilt wurde einerseits die akute aktuelle Karies (%C), das ist die Summe aller kariösen Zähne im
Verhältnis zur Summe aller erhaltenen Zähne, und andererseits die ‘vergangene’ Karies (%E), die sich aus
dem Index von intravital verlorenen Zähnen zur Gesamtheit der erhaltenen Alveolen ergibt. Bekanntermaßen
geht den meisten Fällen eines intravitalen Zahnverlustes eine Karies voraus. Die Kariesintensität (%C + %E)
ist die Summe des Prozentsatzes kariöser Zähne (%C) in Bezug zu den erhaltenen Zähnen und des Prozent-
satzes intravitalen Zahnverlustes (%E) in Bezug zu den erhaltenen Alveolen.
28
R. W. Elias Y. Hirao C. C. Patterson, The circumvention of the natural biopurfication of calcium along nutrient pathways by
atmospheric inputs of industrial lead, Geochimica et Cosmochimica Acta 46, 1982, 2561 ff.
29
J. H. Burton L. E. Wright, Nonlinearity in the relationship between bone Sr/Ca and diet: paleodietary implications, American
Journal of Physical Anthropology 96, 1995, 273 ff.
30
P. Caselitz, Ernährungsmöglichkeiten und Ernährungsgewohnheiten prähistorischer Bevölkerungen, BAR International Series 314
(1986) 143 ff.
Fabian Kanz Karl Grossschmidt118
Bei den Gladiatoren zeigt sich, dass deren akute Kariesfrequenz die höchsten Werte aufweist und bei ihnen
auch als Einzige über derjenigen der vergangenen Karies liegt (Diagramm 4). Der Grund hiefür kann in der
in Form von Eintöpfen gereichten Gladiatorendiät in Verbindung mit permanentem psychischem Stress liegen,
beides stark kariesfördernde Faktoren.
Lebensbedingungen Medizinische Versorgung
Aus der Literatur ist die erstklassige medizinische Versorgung der Gladiatoren bekannt: So hatte jede Gladia-
torengattung eigene, spezialisierte Ärzte und Masseure. Galenus, der wohl bekannteste Arzt römischer Zeit,
war mehrere Jahre als Gladiatorenarzt in Pergamon tätig.
Kasuistik Radiusfraktur
Die exzellente medizinische Versorgung kann anhand einer gut verheilten Radiusfraktur belegt werden
(Abb. 10): An der Speiche (radius) des linken Armes eines Gladiators ist am distalen Ende an der Ventralseite
eine schräg von medial oben nach distal unten verlaufende, ganz leichte, mit den Fingerkuppen tastbare Er-
habenheit zu spüren (l. u., mit »B« gekennzeichnet). Am konventionellen Röntgenbild ist keine Veränderung
zu erkennen, jedoch ist im digitalen Durchlichtröntgen bei