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Auswirkung von moralthematischem Kontext, sozialem Geschlecht und Angstbewältigungsstrategien auf die Bereitschaft zu zivilcouragiertem Handeln : eine empirische Untersuchung

Authors:

Abstract

Three hypotheses were tested to prove the effect of personal and situational factors on the willingness to act couragedly according to one’s convictions (in german: „zivilcoura-giertes Handeln“). In the first hypothesis it was claimed that the willingness is higher if the personal attributes „Cognitive Avoidance“ and „Vigilance“ are high. In the second hypothesis it was claimed that the willingness is higher if the personal attribute „Femininity“ is high and the attribute „Maskulinity“ is low. In the third hypothesis it was claimed that in situations containing a moral dilemma of the „justice“ type the willingness is higher if the personal attribute „Masculinity“ is high. All three hypothesis had to be rejected. The explorative analysis of the data showed that there may be a non-interactional influence of the personal attributes „Cognitive Avoidance“ (ß=0,128), „Femininity“ (ß=0,150) and „Masculinity“ (ß=0,265). This should be testet in a follow-up study. In drei Hypothesen wurde geprüft, welche Auswirkung situationale und personale Faktoren auf die Bereitschaft zu zivilcouragiertem Handeln haben: (1) ob die Bereitschaft steigt, wenn bei einer Person die Persönlichkeitsmerkmale „Kognitive Vermeidung“ und „Vigilanz“ niedrig ausgeprägt sind, (2) ob die Bereitschaft steigt, wenn „Femininität“ hoch und „Maskulinität“ niedrig ausgeprägt sind und (3) ob die Bereitschaft in Konfliktsituationen mit gerechtigkeitsthematischen Moraldilemmata steigt, wenn das Persönlichkeitsmerkmal „Maskulinität“ hoch ausgeprägt ist. Die Interaktionshypothesen konnten nicht bestätigt werden. Explorative Datenanalysen weisen aber darauf hin, dass die Faktoren „Kognitive Vermeidung“ (ß=0,128), „Femininität“ (ß=0,150) und insbesondere „Maskulinität“ (ß=0,265) möglicherweise einen Einfluss in Form von Haupteffekten ausüben. Dies müsste allerdings in einer Folgeuntersuchung geprüft werden.
Auswirkung von moralthematischem Kontext, sozialem
Geschlecht und Angstbewältigungsstrategien auf die
Bereitschaft zu zivilcouragiertem Handeln
Eine empirische Untersuchung
lizensiert unter creativecommons
Bereitschaft zu zivilcouragiertem Handeln II
Auswirkung von moralthematischem Kontext, sozialem Geschlecht und
Angstbewältigungsstrategien auf die Bereitschaft zu zivilcouragiertem Handeln
Eine empirische Untersuchung
Als Diplomarbeit vorgelegt dem Vorsitzenden des Prüfungsausschusses
für die Diplomprüfung im Fach Psychologie an der Universität zu Köln
von
Rohangis M. Mohseni (Matrikel-Nr.: 3259242)
aus Köln
angefertigt bei
Frau Prof’in Dr. Brigitte Scheele
und
Herrn Prof. Dr. Norbert Groeben
Köln, den 18.06.2004
Bereitschaft zu zivilcouragiertem Handeln III
Gewidmet
unzähligen Opfern
unnötiger Gewalt
Bereitschaft zu zivilcouragiertem Handeln IV
Danksagung
An dieser Stelle möchte ich den Menschen danken, die bei der Entstehung dieser Arbeit geholfen
haben. Der größte Dank gilt den Berufsschülern und -schülerinnen, die freundlicherweise an der
Untersuchung teilgenommen haben, sowie ihren Lehrern und Lehrerinnen, die bei der
Durchführung geholfen haben. Bei Frau Prof’in Dr. Brigitte Scheele möchte ich mich für die
engagierte, unterstützende und motivierende Betreuung bedanken. Ebenso gilt mein Dank Prof. Dr.
Norbert Groeben sowie den Herren Dipl.-Psych. Tobias Richter, Dipl.-Psych. Erik Koch, Dipl.-
Psych. Johannes Naumann und Dipl.-Psych. Markus Appel für die Hinweise, Anregungen und
Verbesserungen bei der Wahl der Forschungsmethode sowie der Datenauswertung. Insbesondere
Herrn Koch danke ich für die Anregungen und Verbesserungen des Methodenteils dieser Arbeit.
Last but not least danke ich meiner Lebensgefährtin für ihre unendliche Geduld und ihr großes
Verständnis.
Bereitschaft zu zivilcouragiertem Handeln V
Inhaltsverzeichnis
ABSTRACT ......................................................................................................................................................................1
1. FORSCHUNGSFRAGE UND FORSCHUNGSBEREICH....................................................................... 2
1.1. FORSCHUNGSFRAGE.........................................................................................................................................2
1.2. GEGENSTANDSVORVERSTÄNDNIS ....................................................................................................................2
1.2.1. Menschenbildannahmen..............................................................................................................................3
1.2.2. Welche Menschenbildannahmen gibt es in der Psychologie?.....................................................................3
1.2.3. Welche Menschenbildannahme ist für diese Untersuchung die geeigneteste? ...........................................4
2. THEORETISCHER HINTERGRUND.......................................................................................................5
2.1. ZIVILCOURAGE.................................................................................................................................................5
2.1.1. Epistemologische Zivilcouragetheorie........................................................................................................5
2.1.2. Motivationale Voraussetzungen für die Bereitschaft zu Zivilcourage.........................................................8
2.2. MORAL ..........................................................................................................................................................10
2.2.1. Handlungstheoretische Moraltheorien.....................................................................................................10
2.2.2. Moralthematischer Kontext als situationsseitige Voraussetzung für zivilcouragiertes Handeln..............14
2.2.3. Zwischenfazit.............................................................................................................................................15
2.3. GENDER .........................................................................................................................................................16
2.3.1. Handlungstheoretische Gendertheorien ...................................................................................................16
2.3.2. Gender als personseitige Voraussetzung für Zivilcourage ....................................................................... 22
2.4. ÄNGSTLICHKEIT.............................................................................................................................................23
2.4.1. Handlungstheoretische Ängstlichkeitstheorien.........................................................................................24
2.4.2. Angstbewältigungsstrategien als personseitige Voraussetzung für zivilcouragiertes Handeln................26
3. EMPIRISCHE FRAGESTELLUNG / HYPOTHESEN..........................................................................28
3.1. THEORETISCH-INHALTLICHE HYPOTHESEN (TIHN) .......................................................................................28
3.1.1. TIH1: Angstreduktionsstrategien...............................................................................................................28
3.1.2. TIH2: Gender (Feminine)..........................................................................................................................29
3.1.3. TIH3: Kontext (G) und Gender (Maskuline/Androgyne)...........................................................................29
3.1.4. Theoretisch-inhaltliche Erkundungsfrage1: Kontext (F) und Gender (Vergleich zwischen Femininen und
Maskulinen/ Androgynen).........................................................................................................................29
3.1.5. Theoretisch-inhaltliche Erkundungsfrage2: Kontext (G) und Gender (Vergleich zwischen Femininen und
Maskulinen/ Androgynen).........................................................................................................................29
3.2. STICHPROBE................................................................................................................................................... 29
3.3. OPERATIONALISIERUNGEN............................................................................................................................. 30
3.3.1. UV: Moralthematischer Kontext............................................................................................................... 30
3.3.2. AV: Bereitschaft zu zivilcouragiertem Handeln........................................................................................32
3.3.3. PV1: Soziales Geschlecht..........................................................................................................................33
3.3.4. PV2: Art des Umgangs mit angsterregenden Situationen......................................................................... 34
3.3.5. Kontrolle allgemeiner Störeffekte.............................................................................................................35
3.4. EMPIRISCH-INHALTLICHE HYPOTHESEN (EIHN)............................................................................................38
3.4.1. EIH1: Angstreduktionsstrategien...............................................................................................................38
3.4.2. EIH2: Gender (Feminine)..........................................................................................................................39
3.4.3. EIH3: Kontext (G) und Gender (Maskuline/Androgyne)...........................................................................39
3.4.4. Erkundungsfrage1: Kontext (F) und Gender (Vergleich zwischen Femininen und
Maskulinen/Androgynen)..........................................................................................................................39
3.4.5. Erkundungsfrage2: Kontext (G) und Gender (Vergleich zwischen Femininen und
Maskulinen/Androgynen)..........................................................................................................................40
Bereitschaft zu zivilcouragiertem Handeln VI
4. VERSUCHSPLANUNG UND -DURCHFÜHRUNG...............................................................................41
4.1. VORUNTERSUCHUNGEN .................................................................................................................................41
4.1.1. Voruntersuchung 1: Szenarienbewertung durch Experten/innen (Experten-Rating)................................41
4.1.2. Voruntersuchung 2: Szenarienbewertung durch Berufsschüler/innen......................................................42
4.1.3. Voruntersuchung 3: Überprüfung des gesamten Fragebogeninstrumentes durch Berufsschüler/innen...44
4.2. VERSUCHSPLANUNG ......................................................................................................................................44
4.2.1. Versuchsplananlage..................................................................................................................................44
4.2.2. Versuchsplan.............................................................................................................................................46
4.2.3. Berechnung der optimalen Stichprobengröße...........................................................................................48
4.3. STATISTISCHE VORHERSAGEN UND TESTHYPOTHESEN ..................................................................................50
4.3.1. SV1: Angstreduktionsstrategien (Vigilanz/ Kognitive Vermeidung)..........................................................50
4.3.2. SV2: Gender (Feminine)............................................................................................................................52
4.3.3. SV3: Kontext (G) und Gender (Maskuline/Androgyne) ............................................................................. 53
4.4. VERSUCHSDURCHFÜHRUNG...........................................................................................................................54
4.4.1. Versuchsmaterial ......................................................................................................................................54
4.4.2. Versuchsraum ...........................................................................................................................................55
4.4.3. Hilfsmittel und Geräte...............................................................................................................................55
4.4.4. Versuchsablauf..........................................................................................................................................55
4.4.5. Versuchsinstruktion...................................................................................................................................56
4.4.6. Stichprobenbeschreibung..........................................................................................................................57
5. ERGEBNISSE .............................................................................................................................................58
5.1. DATENERFASSUNG.........................................................................................................................................58
5.1.1. Fehlende Werte.........................................................................................................................................58
5.1.2. Elimination invalider Fragebögen(-teile).................................................................................................58
5.2. DATENQUALITÄTSÜBERPRÜFUNGEN ..............................................................................................................60
5.2.1. Überprüfung des Verhältnisses von Fürsorge- zu Gerechtigkeitsfragebögen ..........................................60
5.2.2. Überprüfung der Unterschiedlichkeit von Steuerfachangestellten und Bürokaufleuten ...........................63
5.2.3. Überprüfung des Validitätsindikators „Zivilcourage“.............................................................................64
5.2.4. Überprüfung der Treatment-Checks „Fürsorge“ und „Gerechtigkeit“...................................................65
5.2.5. Überprüfung der Verteilung der Treatment-Check-Mittelwerte in den Teilstichproben ..........................66
5.2.6. Überprüfung der Abhängigkeit der Zivilcourage-Indikatoren..................................................................66
5.2.7. Überprüfung der Mindesteffektgrößen......................................................................................................69
5.3. DATENAUSWERTUNG .....................................................................................................................................70
5.3.1. Überprüfung der Anwendungsvoraussetzungen........................................................................................70
5.3.2. Lineare Regressionen................................................................................................................................76
5.3.3. Diskriminanzanalyse.................................................................................................................................81
5.4. STATISTISCHE VORHERSAGE..........................................................................................................................84
5.5. EMPIRISCH-INHALTLICHE HYPOTHESEN.........................................................................................................85
5.6. THEORETISCH-INHALTLICHE HYPOTHESEN/ DISKUSSION DER ERGEBNISSE................................................... 87
5.7. DATENEXPLORATION .....................................................................................................................................91
5.7.1. Erkundungsfragen..................................................................................................................................... 91
5.7.2. A-posteriori-Regressionen ........................................................................................................................92
5.7.3. Zusammenfassung der Ergebnisse aus der Datenexploration................................................................100
6. ZUSAMMENFASSUNG UND EMPFEHLUNG....................................................................................101
6.1. ZUSAMMENFASSUNG DER UNTERSUCHUNGSERGEBNISSE ............................................................................101
6.2. EMPFEHLUNGEN FÜR ZUKÜNFTIGE UNTERSUCHUNGEN ...............................................................................101
7. LITERATURVERZEICHNIS.................................................................................................................102
Bereitschaft zu zivilcouragiertem Handeln VII
8. ANHANG...................................................................................................................................................105
8.1. BEISPIELSZENARIO AUS DER SZENARIENBEWERTUNG DURCH EXPERTEN/INNEN (ERSTE VORUNTERSUCHUNG)
.....................................................................................................................................................................106
8.2. BEISPIELSZENARIO AUS DER SZENARIENBEWERTUNG DURCH BERUFSSCHÜLER/INNEN (ZWEITE
VORUNTERSUCHUNG)..................................................................................................................................107
8.3. BEISPIELSZENARIO AUS DER SZENARIENBEWERTUNG DURCH BERUFSSCHÜLER/INNEN (DRITTE
VORUNTERSUCHUNG/ HAUPTUNTERSUCHUNG) ........................................................................................... 108
8.4. UNTERSUCHUNGSPLAN ................................................................................................................................109
8.5. FRAGEBÖGENZUSATZINFORMATIONEN ........................................................................................................110
8.6. DER MODIFIZIERTE GEPAQ (DRITTE VORUNTERSUCHUNG/ HAUPTUNTERSUCHUNG).................................114
8.7. DER VOLLSTÄNDIGE FRAGEBOGEN AUS DEM ERSTEN UNTERSUCHUNGSABSCHNITT ...................................115
8.8. DER FRAGEBOGEN FÜR STUDIERENDE AUS DEM ERSTEN UNTERSUCHUNGSABSCHNITT .............................. 134
8.9. DER VOLLSTÄNDIGE FRAGEBOGEN AUS DEM ZWEITEN UNTERSUCHUNGSABSCHNITT .................................137
8.10. MITTELWERTE DER TREATMENT-CHECK DIFFERENZINDIKATOREN.............................................................156
8.11. REGRESSIONEN ZU DEN VIER ZIVILCOURAGE-INDIKATOREN .......................................................................159
8.12. REGRESSIONEN ZU DEN DREI SUBSTICHPROBEN........................................................................................... 163
Bereitschaft zu zivilcouragiertem Handeln 1
Abstract
Abstract (Deutsche Fassung)
In drei Hypothesen wurde geprüft, welche Auswirkung situationale und personale Fakto-
ren auf die Bereitschaft zu zivilcouragiertem Handeln haben: (1) ob die Bereitschaft steigt,
wenn bei einer Person die Persönlichkeitsmerkmale „Kognitive Vermeidung“ und „Vigi-
lanz“ niedrig ausgeprägt sind, (2) ob die Bereitschaft steigt, wenn „Femininität“ hoch und
„Maskulinität“ niedrig ausgeprägt sind und (3) ob die Bereitschaft in Konfliktsituationen
mit gerechtigkeitsthematischen Moraldilemmata steigt, wenn das Persönlichkeitsmerkmal
„Maskulinität“ hoch ausgeprägt ist. Die Interaktionshypothesen konnten nicht bestätigt
werden. Explorative Datenanalysen weisen aber darauf hin, dass die Faktoren „Kognitive
Vermeidung“ (ß=0,128), „Femininität“ (ß=0,150) und insbesondere „Maskulinität“
(ß=0,265) möglicherweise einen Einfluss in Form von Haupteffekten ausüben. Dies
müsste allerdings in einer Folgeuntersuchung geprüft werden.
Abstract (english version)
Three hypotheses were tested to prove the effect of personal and situational factors on the
willingness to act couragedly according to one’s convictions (in german: „zivilcoura-
giertes Handeln“). In the first hypothesis it was claimed that the willingness is higher if
the personal attributes „Cognitive Avoidance“ and „Vigilance“ are high. In the second
hypothesis it was claimed that the willingness is higher if the personal attribute „Feminin-
ity“ is high and the attribute „Maskulinity“ is low. In the third hypothesis it was claimed
that in situations containing a moral dilemma of the „justice“ type the willingness is
higher if the personal attribute „Masculinity“ is high. All three hypothesis had to be
rejected. The explorative analysis of the data showed that there may be a non-interactional
influence of the personal attributes „Cognitive Avoidance“ (ß=0,128), „Femininity“
(ß=0,150) and „Masculinity“ (ß=0,265). This should be testet in a follow-up study.
Bereitschaft zu zivilcouragiertem Handeln 2
1. Forschungsfrage und Forschungsbereich
1.1. Forschungsfrage
Diese Diplomarbeit ist angesiedelt im Bereich der Forschung zu Zivilcourage. Dabei geht es im
Allgemeinen um die Frage, wie Jugendliche in Zivilcouragesituationen reagieren, und im Beson-
deren, wovon es abhängt, ob ein/e Jugendliche/r in einer Zivilcouragesituation beherzt eingreift –
oder ein Eingreifen unterlässt. Diese Frage ist nicht nur von akademischem Interesse, sondern hat
auch im Alltag einen großen Stellenwert. Für den Schulalltag beispielsweise betont die Forschung
zu „Gewalt und Mobbing in der Schule“ immer wieder, welche positiven Auswirkungen zivilcoura-
giertes Handeln zur Etablierung einer gewaltfreien Schule hat. Aber auch außerhalb der Schule
zeigen Aktionen wie z. B. „Arsch huh – Zäng ussenander“ (zu Hochdeutsch: „Arsch hoch, Zähne
auseinander“ – eine Aktion der Kölner Polizei), dass zivilcouragiertes Handeln als ein probates
Gewaltpräventionsmittel angesehen wird.
Trotz dieser Relevanz für die Gesellschaft existieren vergleichsweise wenige Untersuchungen,
die sich mit Zivilcourage beschäftigen. Hinzu kommt, dass fast ausschließlich Erwachsene unter-
sucht wurden, sodass die gefundenen Ergebnisse nicht unbedingt Geltung für Jugendliche bean-
spruchen können. Daher erscheint es lohnenswert, einige Bedingungen für zivilcouragiertes
Handeln bei Jugendlichen genauer unter die Lupe zu nehmen. Ein Vergleich dieser beiden Gruppen
könnte Rückschlüsse zu der Entwicklung zivilcouragierten Handelns vom Jugend- zum Erwachse-
nenalter ermöglichen.
Dieser Entschluss wirft direkt die Frage auf, welche Bedingungen denn untersucht werden
sollen. Forschungsergebnisse aus dem Bereich der Moralpsychologie lassen vermuten, dass die
Moralthematik einer Situation in Zusammenwirkung mit dem sozialen Geschlecht einer Person zu
unterschiedlichem Handeln führen könnte. Zu diesem Thema gibt es bereits eine Untersuchung im
Rahmen eines experimentalpsychologischen Praktikums (Eggert, C., Eschweiler, J., Jung, S., Loh-
weber, C. & Nolte, H., 1997), welche allerdings einige methodische Schwächen aufweist. Auf diese
Untersuchung soll aufgebaut werden, wobei sämtliche Mängel auszuräumen sind. Außerdem soll
mit der Persönlichkeitsvariable „Art des Umgangs mit angsterregenden Situationen“ eine weitere
Variable in die neue Untersuchung aufgenommen werden.
Die Forschungsfrage lautet also: Hat die Moralthematik einer solchen Zivilcouragesituation, das
soziale Geschlecht eines/r Jugendlichen und seine/ ihre typische Art des Umgangs mit angsterre-
genden Situationen eine Auswirkung auf seine/ ihre Bereitschaft zu zivilcouragiertem Handeln?
1.2. Gegenstandsvorverständnis
Die oben genannte Frage hat trotz ihrer alltagsnahen Formulierung durchaus wissenschaftlichen
Anspruch. Für die Beantwortung von (wissenschaftlichen) Fragen sind in der empirischen Psycho-
logie Beobachtungen notwendig. Dabei ist es sinnvoll, sich zuerst darüber klar zu werden, mit
welcher „Brille“ die Beobachtung durchgeführt werden soll, denn „[w]issenschaftliche Forschung
hat keinen voraussetzungsfreien Zugang zu ihrem Gegenstand; sie kann ihn nicht einfach als
solchen erfassen und dann ‚unverfälscht’ darstellen, obwohl das bisweilen immer noch in der
Forschungspraxis unterstellt wird. Vielmehr läßt sich ein Gegenstand nur vermittelt über das
Instrument der jeweils benutzten Methode erkennen (vgl. Groeben 1986, 49ff.; 128ff.)“ (Groeben,
Wahl, Schlee & Scheele, 1988, S. 11). Man kommt also zu ganz unterschiedlichen Ergebnissen, je
nachdem, welche Methode verwendet wird. „[D]ie Auswahl und Anwendung der Methoden, die
Bereitschaft zu zivilcouragiertem Handeln 3
Regeln für die Forschungsprozeduren und die Auswertung der Ergebnisse haben sich an der
Stimmigkeit zum Gegenstands(vor)verständnis zu orientieren.“ (Groeben et al., 1988, S. 12).
1.2.1. Menschenbildannahmen
Da der Gegenstand der Psychologie das „Erleben und Verhalten von Menschen“ ist, lässt sich das
Gegenstands(vor)verständnis auch als Menschenbildannahme bezeichnen. Möchte man im Bereich
der Psychologie das Erleben und Verhalten von Menschen untersuchen, so ist also zuerst die geeig-
neteste Menschenbildannahme auszuwählen. Auf der Basis dieser Annahme wird im Anschluss eine
passende Methode gewählt und mit dieser die Forschungsfrage untersucht. Zwar ist die explizite
Auswahl der Menschenbildannahme vor der Durchführung einer Untersuchung eher die Ausnahme
denn die Regel; aber das Problem verschiebt sich so lediglich auf die nächste Stufe, da die Wahl der
Menschenbildannahme implizit über die Wahl der Forschungsmethode getroffen wird. Hierdurch
wiederum wird die Forderung missachtet, die Methode passend zum Gegenstand auszuwählen. Um
dies zu vermeiden, müssen vor der Untersuchung zwei Fragen beantwortet werden: (1) Welche
Menschenbildannahmen gibt es und (2) wie treffe ich die Entscheidung, ob sie für meine Frage-
stellung geeignet ist?
1.2.2. Welche Menschenbildannahmen gibt es in der Psychologie?
Groeben (1986, S. 405) schlägt drei Menschenbildannahmen oder auch Subjektmodelle vor, die den
gesamten Bereich der Psychologie abdecken sollen: Handeln, Tun und Verhalten. Dabei ist die
Kategorie „Handeln“ dadurch gekennzeichnet, dass dem Menschen folgende Fähigkeiten unterstellt
werden: Willkürlichkeit, Kontrolle über die Umwelt, Intentionalität (im engeren Sinn), Bewusstheit
etc. Die Kategorie „Verhalten“ unterstellt das Gegenteil: Unwillkürlichkeit, Kontrolle durch die
Umwelt, Funktionalität etc. Die breite Restkategorie des Tuns ermöglicht weitere Unterdifferenzie-
rungen wie „Auseinanderfallen von subjektiver Intention und objektiver Motivation“ einerseits und
„rein konventionaler (nicht-bewusster) Sinnhaftigkeit“ andererseits.
Ein Beispiel soll dies verdeutlichen: Wenn ich etwas „will“, dann kann ich mir „intentional“ ein
Ziel setzen, das ich durch Einflussnahme auf meine „Umwelt“ erreiche. An diesem Ziel richte ich
meine Aktivitäten aus, ich werde quasi vom Ziel „angezogen“. In dem Fall handle ich. Wenn ich
hingegen lediglich auf die Umwelt reagiere und meine Aktivitäten nicht von meinem freien Willen,
sondern von meinen Gewohnheiten gesteuert werden, ich also von den Gewohnheiten „angetrieben“
werde, dann verhalte ich mich. Wenn ich denke, dass ich etwas „aus einem bestimmten Grund“
mache, während ich mich in Wirklichkeit selbst „über den wahren Grund täusche“, oder wenn ich
etwas auf Grund von (bspw. gesellschaftlichen) Konventionen mache, ohne dass mir dies bewusst
ist, dann tue ich etwas.
Die Kategorie des Handelns modelliert den Menschen also auf eine positive Weise, da ihm hier
viele positive Eigenschaften unterstellt werden, während die anderen beiden Kategorien den
Menschen auf eine weniger positive bis negative Weise modellieren. Nach Erb (1997) ist aber nicht
immer nur die Einheit des Handelns zulässig:
„Vielmehr ist auch der Rückgriff auf z.B. verhaltenstheoretische Menschenbildannahmen durch-
aus sinnvoll und angezeigt, wenn entweder vom Gegenstandsbereich her keine handlungstheore-
tische Modellierung erklärungskräftig ist oder aber z.B. in der Theorienanwendung bestimmte
‚reduktionistische’ Technologien als Durchgangsstadium zur (Wieder-)Gewinnung nicht-reduk-
tionistischer Subjektmerkmale (wie Handlungsfähigkeit, Rationalität etc.) notwendig sind“ (S.
210).
Bereitschaft zu zivilcouragiertem Handeln 4
Dabei sollte die „Wahl der anthropologischen Subjektmodelle möglichst explizit, bewusst“ erfol-
gen und „unter der Bewertungsperspektive der Vermeidung unnötigen Leidens gerechtfertigt“
werden (l. c.). Als Integrationsmöglichkeit sieht Erb (l. c.) die systemtheoretisch-ökologischen
Subjektmodelle, die eine Vernetzung der Organismushaftigkeit (Natur), der sozialen Kulturalität
(Kultur), und der individuellen Geistigkeit (Transzendenz) anstreben. Dennoch warnt auch Erb
(1997) vor einer eklektizistischen Vorgehensweise:
„Ein derartiger [anthropologischer] Pluralismus darf allerdings nicht mit Beliebigkeit verwech-
selt werden, die völlig inkompatible Kernannahmen bzw. Subjektmodelle nebeneinder [sic] stellt
oder miteinander zu verbinden sucht. Die anthropologische Explikation und Rekonstruktion wird
immer auch herausarbeiten müssen, welche Menschenbilder unter dem Ziel einer Modellunifika-
tion miteinander verbindbar sind bzw. bei welchen der Versuch einer Zusammenführung zu einer
(untolerablen) ‚Modellhybridisierung’ (Herzog 1984, 288ff.) führen würde“ (S. 214).
1.2.3. Welche Menschenbildannahme ist für diese Untersuchung die geeigneteste?
Auch die Frage nach der Auswahl des jeweils geeignetesten Subjektmodells wird von Erb (1994)
beantwortet:
„Soweit ich sehe, enthält vor allem das Forschungsprogramm Subjektive Theorien eine Antwort
auf diese Indikationsfrage, und zwar in Form einer Abfolgesequenz (von Subjektmodellen,
Sprachspielen, Methodologiekriterien etc.), die ebenfalls von der schon skizzierten ethischen
Rechtfertigungsperspektive aus begründet wird. Danach sollte man zunächst mit einer hand-
lungstheoretischen Modellierung beginnen, bei der die Deckungsgleichheit von subjektiver
Intention (aus der Ersten-Person-Perspektive) und ‚objektiver’ Motivation (aus der Dritten-
Person-Perspektive) impliziert ist, und nur, wenn für diese Modellierung keine empirische
Geltung nachgewiesen werden kann, auf tuns- oder verhaltenstheoretische Ansätze zurückgrei-
fen“ (S. 216f.)
Eine Wahl des Menschenbildes ist somit sinnvoll, sie sollte explizit erfolgen und ethisch gerecht-
fertigt werden. Es sollte jenes Bild gewählt werden, welches erklärungskräftig ist und unnötiges
Leid am ehesten vermeidet. Daher sollte zunächst vom handlungstheoretischen Modell ausgegan-
gen werden, und nur bei fehlender empirischer Geltung auf tuns- oder verhaltenstheoretische
Ansätze zurückgegriffen werden. Da es bisher nur wenige Untersuchungen zu Zivilcourage gibt,
kann nicht von fehlender empirischer Geltung ausgegangen werden, weswegen von einem hand-
lungstheoretischen Modell auszugehen wäre. Daher muss für diese Untersuchung eine Zivilcoura-
getheorie zugrunde gelegt werden, die von einem solchen Modell ausgeht.
Bereitschaft zu zivilcouragiertem Handeln 5
2. Theoretischer Hintergrund
2.1. Zivilcourage
2.1.1. Epistemologische Zivilcouragetheorie
Im Bereich Zivilcourage (im Folgenden „ZC“) gibt es bisher nur wenige Forschungsarbeiten. Daher
ist es schwierig, zufrieden stellend empirisch bestätigte ZC-Theorien zu finden. Eine weitere
Schwierigkeit ergibt sich dadurch, dass aus ethischen Gründen eine Theorie mit handlungstheore-
tischem Subjektmodell einer Theorie mit tuns- oder verhaltenstheoretischem Modell vorzuziehen ist
(zur Begründung Abschnitt 1.2.3). Diese Anforderung gilt solange, bis für das handlungstheore-
tische Subjektmodell „keine Geltung nachgewiesen werden kann“ (Erb, 1997, S. 216), was bei ZC
(bisher?) nicht der Fall ist. Meines Wissens kann zurzeit nur die ZC-Theorie bei Kapp und Scheele
(1996), Scheele und Kapp (2002) bzw. Scheele (2004) die Anforderung erfüllen. Daher bildet jene
Theorie die Grundlage dieser Untersuchung, weswegen sie im Folgenden genauer beschrieben
werden soll.
Definition von Zivilcourage im Rahmen des Forschungsprogramms Subjektive Theorien
Scheele und Kapp (2002, S. 4f.) stellten fest, dass es noch kein eingeführtes Konstrukt „Zivilcou-
rage“ gibt, weswegen sie eine Begriffsdefinition anstrebten. Dazu nutzen sie zum einen
Forschungsergebnisse aus den angrenzenden Bereichen „Ungehorsam“, „Altruismus“ und „Morali-
sches Handeln“ (siehe hierzu Kapp & Scheele, 1996, S. 126-130) und zum anderen das Alltagsver-
ständnis von 20 Psychologiestudierenden, welches in Form von Subjektiven Theorien erhoben
wurde. „’Subjektive Theorien’ bezeichnen ... die z.T. sehr weitreichende, potentiell höchst indivi-
duelle (intentionale) Bedeutungsdimension des jeweiligen Handelns“ (Erb, 1997, S. 197). Im ersten
Schritt wurden 41 Szenarios im sozialen Bereich von Mut und Helfen analysiert. Die Analyse sollte
folgende Frageaspekte beantworten helfen: (1) Wer tritt ein/ (2) für wen oder was/ (3) unter
welchem Druck/ (4) vor wem/gegen wen auf welche Weise? (o. c., S. 8). Es resultierten (in
Abgrenzung zu anderen Formen der Einmischung) sechs Merkmale für die Zuschreibung von ZC
(vgl. Scheele & Kapp, 2002, S. 14).
Subjektive Theorien zum Konzept Zivilcourage
Im zweiten Schritt wurde die Analyse mit Hilfe der 20 Subjektiven Theorien einerseits auf ihre
Brauchbarkeit überprüft und andererseits inhaltlich ausdifferenziert (l. c.). Aus den Subjektiven
Theorien wurde je eine Modalstruktur für den definitorischen Bereich und eine für den empirischen
Bereich von ZC gebildet (Kapp & Scheele, 1996, S. 136f.; ebenso Scheele & Kapp, 2002, S. 16ff.):
Bereitschaft zu zivilcouragiertem Handeln 6
notwendige Voraussetzung notwendige Voraussetzung
Inkaufnahme
negativer
Konsequenzen für
die eigene Person
Druck/Kritik durch
Gegenposition
Gegenposition
einer Mehrheit
oder Machtinstanz
Öffentliches
Bekennen/Vertreten
der eigenen
Wertüberzeugung
Inkaufnahme der
Unwirksamkeit
eigenen Handelns
Überwindung einer
inneren
Hemmschwelle
und
und
und
Minderheiten-
position notwendige Voraussetzung
Rationalitäts-
kriterien und
zum Beispiel/so wie
Reflektiertheit der
Handlung/ Kein
Fanatismus
ZIVILCOURAGE
das ist/das heißt
damit/um zu Verteidigung von
moralischen Werten
zum Beispiel/so wie
Unterstützung von
hilfsbedürftigen
Menschen
Aufrechterhaltung
der eigenen
Integrität/
Authentizität
damit/um zu
Freie Handlungs-
entscheidung
notwendige Voraussetzung
zum Beispiel/so wie
das ist/das heißt Keine institutionelle
Verpflichtung
Kritik/Protest/
Widerstand gegen
Unrecht
Abb. 1: Zusammenfassung der Subjektiven Theorien zu Zivilcourage: Definitorischer Bereich (Kapp & Scheele, 1996, S. 136)
Bereitschaft zu zivilcouragiertem Handeln 7
und
Oberbegriff/Unterkategorie
Lebensgeschicht-
liche Bedingungen
Kritische
Auseinandersetzung
mit gesellschafts-
politischen Fragen
(Frühe)
Sozialisations-
bedingungen
Erfahrungen von/
(Mit-) Erleben von
Zivilcourage
und
Auseinander-
setzung mit
Vorbildern für
Zivilcourage
und
führt zu
Persönlichkeits-
merkmale
Oberbegriff/Unterkategorie
das ist/das heißt
Sicherheit bezüglich
der eigenen
Wertüberzeugung
Soziale
Unabhängigkeit/
Autonomie
und
Sensibilität/
Bedürfnis, Leid zu
vermindern
Wissen über
situationsspezifische
Fähigkeiten
Selbstsicherheit/
Selbstbewußtsein/
Selbstvertrauen
und und Konfliktbereitschaft/
Konfliktfähigkeit
und und Verantwortungs-
bewußtsein führt zu
Oberbegriff/Unterkategorie
Erleichternde
Bedingungen
Spontaneität/
ernstgenommene
Emotionalität
Unterstützung/
Solidarität in
konkreter Situation
Ideeller Rückhalt bei
Freunden
und
und
Hoffnung auf
positive Wirkung
und
je mehr, desto mehr
ZIVILCOURAGE
je mehr, desto weniger
Oberbegriff/Unterkategorie
Erschwerende
Bedingungen
Angst vor negativen
Konsequenzen/
Repressionen und Intransparenz der
Situation
Situative Bedingung
Verletzung subjektiv
relevanter
Wertvorstellungen
führt zu
Sensibilisierung/
Verbesserung der
Gesellschaft
oder
Vorbild/ Anstoß/
Ermutigung für
andere Personen
führt zu
und Zufriedenheit/ Stolz/
Erleichterung
oder
Aufrechterhaltung
von Selbstachtung
und
Selbstbewußtsein
oder
Anerkennung durch
gleichgesinnte
andere Personen
Erwünschte Folgen:
Fremdbezogen und Selbstbezogen
Oberbegriff/Unterkategorie
führt allerdings auch zu
Unerwünschte
Folgen
nur, wenn auch Moralische
Empörung/
Entrüstung
Zentrale Moderatorvariable
zum Beispiel/so wie
Negative
Konsequenzen/
Repressionen der
Gegenposition
führt allerdings auch zu
Frustration/
Resignation und Radikalisierung/
Arroganz/ Rigidität
Abb. 2: Zusammenfassung der Subjektiven Theorien zu Zivilcourage: Empirischer Bereich (Kapp & Scheele, 1996, S. 137)
Bereitschaft zu zivilcouragiertem Handeln 8
Aus den beiden Modalstrukturen leiteten Scheele und Kapp (2002; siehe auch Scheele, 2004, S. 86)
folgende Definition für Zivilcourage ab:
„Zivilcouragiertes Handeln (1) ist ein (verbales) Aufstehen/Handeln gegen kritikwürdige
Zustände, Handlungen, Meinungen, etc., (2) wobei die (öffentliche) Mehrheit mit dieser Kritik
nicht übereinstimmt; (3) enthält die Konfliktstruktur zwischen dem Bedürfnis, einerseits
(soziale) Missstände zu bekämpfen, und andererseits dem Bedürfnis nach eigener physischer
bzw. psychischer Unversehrtheit; (4) wobei die Bekämpfung der Missstände vor allem auf die
altruistische Motivation der Verhinderung beziehungsweise Verminderung von Leid anderer
zurückgeht; (5) ist verbunden mit der Wahl zwischen der (subjektiv) belastenden Sanktion
durch (über-)mächtige andere oder (bei Unterlassung von zivilcouragiertem Handeln) Belastung
durch eigene Schuld- beziehungsweise Schamgefühle, (6) wobei sich diese Schuld-
beziehungsweise Schamgefühle vor allem auf die moralische Integrität als zentralem Merkmal
des eigenen Selbstkonzepts (Ideal-Selbst) beziehen; (7) es ist gekennzeichnet durch ein Veröf-
fentlichungsobligat; wobei die moralische Empörung/Entrüstung das zentrale Moment für den
Handlungsimpuls darstellt, (9) der durch Zielangemessenheit und RezipientInnenorientiertheit
gekennzeichnet sein muss, (10) zugleich (aber) universelle Menschenrechte nicht verletzen
darf.“ (S. 22)
Dabei ist es nach Scheele (2004) „beim gegenwärtigen Forschungsstand kaum sinnvoll, die definie-
renden Merkmale von ‚Zivilcourage’ möglichst vollständig festlegen zu wollen“ (S. 86f.). Statt-
dessen plädiert sie für die Festlegung prototypischer Merkmale bei fließenden Begriffsgrenzen, was
zum einen eine Abgrenzung zu eindeutig unterschiedlichen Konzepten (z. B. „mutige Hilfeleistung
in Übereinstimmung mit dem Mehrheitskonsens“ wie beim Retten einer ertrinkenden Person) und
zum anderen das Herausarbeiten paralleler Aspekte an benachbarten Fällen (z. B. dem Retten von
Juden im Dritten Reich) ermöglicht (l. c.).
2.1.2. Motivationale Voraussetzungen für die Bereitschaft zu Zivilcourage
Die Modalstruktur zum empirischen Bereich kann auch als Strukturierung der Handlungsmotivation
zu ZC aufgefasst werden. Das erweiterte Motivationsmodell von Heckhausen soll dies veranschau-
lichen. Heckhausen (1989, S. 466-472; siehe auch Rheinberg, 1997, S. 125-135) unterscheidet in
diesem Modell vier Arten von Erwartungen, die eine Handlung bestimmen (siehe Abb. 3):
Situation (S) Handlung (H) Ergebnis (E) Folge (F)
SÆE-Erwartungen
EÆF-Erwartungen
(Instrumentalität)
HÆE-Erwartungen
H-SÆE-Erwartungen
Abb. 3: Vier Arten von Erwartungen (aus Heckhausen, 1989, S. 468)
Aus der Abbildung wird ersichtlich, dass die handlungsleitenden Erwartungen von der Situation,
dem (antizipierten) Handlungsergebnis und den (antizipierten) Handlungsfolgen abhängen. Ob eine
Handlungsfolge Anreizwert hat, d. h. ob sie von einer Person als „wünschenswert“ erlebt wird,
hängt wiederum von den Motiven einer Person ab. Eine Handlung lässt sich somit aus einer
Bereitschaft zu zivilcouragiertem Handeln 9
Interaktion der persönlichen Motive, der situativen Umstände sowie der (intendierten)
Handlungsfolgen erklären. Diese „Trias“ der Motivation (Folgen, Motiv, Situation) lässt sich für
den Bereich ZC aus der Modalstruktur zum empirischen Bereich ablesen (zu den Determinanten
von ZC siehe auch Frey, Neumann & Schäfer, 2001 sowie Frey, Schäfer und Neumann, 1999).
(Un-)erwünschte Handlungsfolgen
Erwünschte Folgen der Handlung sind (1) die Sensibilisierung/ Verbesserung der Gesellschaft bzw.
die Vorbildfunktion für andere Personen und (2) die Aufrechterhaltung von Selbstachtung und
Selbstbewusstsein bzw. Anerkennung durch Gleichgesinnte. Unerwünschte Folgen sind die negati-
ven Konsequenzen/ Repressionen der Gegenposition.
Voraussetzungen in der Person (Motive)
Damit die oben genannten Handlungsfolgen als erwünscht bzw. unerwünscht erlebt werden, müssen
aufseiten der Person folgende Motive vorliegen (die Motive werden in der Modalstruktur als
„Persönlichkeitsmerkmale“ bezeichnet): (1) das Bedürfnis, Leid zu vermindern, (2) das Wissen
über situationsspezifische Fähigkeiten, (3) Selbstsicherheit, (4) Konfliktbereitschaft bzw. -fähigkeit
sowie (5) Verantwortungsbewusstsein. Das Konglomerat dieser 5 Kompetenzen möchte ich im
Folgenden als ZC-Kompetenz bezeichnen, wobei von einem komplexen Kompetenzbegriff
ausgegangen wird, wie er z. B. auch in Form der Lese- und Medienkompetenz Verwendung findet
(zu dieser Auffassung des Kompetenzbegriffs siehe Sutter & Charlton, 2002, S. 129-140, insbeson-
dere S. 138f.).
Voraussetzungen in der Situation (situative Umstände)
Beim motivationalen Einflussfaktor „Situation“ wird lediglich eine Bedingung genannt: die Verlet-
zung subjektiv relevanter Wertvorstellungen. Allerdings lassen sich die in der Modalstruktur
genannten erleichternden und erschwerenden Randbedingungen z. T. als weitere situationale
Einflussfaktoren auffassen. Es wird also um so eher zu zivilcouragiertem Handeln kommen, je mehr
eine Person in der ZC-Situation (1) Solidarität erfährt, (2) Rückhalt bei Freunden verspürt und (3)
sich eine positive Wirkung ihrer Handlung verspricht. Eher nicht zu zivilcouragiertem Handeln
kommt es, je (1) größer die Angst vor negativen Konsequenzen ist und je (2) intransparenter die
Situation ist.
Angenommene Interaktion von Motiven und situativen Umständen
Wenn eine Person mit den oben genannten Persönlichkeitsmerkmalen (d. h. eine Person mit ZC-
Kompetenz) auf eine Situation stößt, in welcher eine oder mehrere ihrer subjektiv relevanten Wert-
vorstellungen verletzt werden, dann wird sie moralisch empört bzw. entrüstet sein. Diese Empö-
rung/ Entrüstung wird je nach erleichternden und erschwerenden Bedingungen zu zivilcouragiertem
Handeln führen (siehe dazu auch die Untersuchung von Laner, Benin & Ventrone, 2001). Welche
Wertvorstellungen für eine Person subjektiv relevant sind, hängt von ihrer moralischen Orientierung
ab. Daher soll im nächsten Abschnitt erläutert werden, was eine moralische Orientierung ist, welche
Formen es gibt und in welchem Zusammenhang die Formen zu ZC stehen.
Bereitschaft zu zivilcouragiertem Handeln 10
2.2. Moral
In der oben genannten Konzeption von ZC „spielen die Wertorientierungen des Subjekts eine zent-
rale Rolle für die Motivation von zivilcouragiertem Handeln“ (Scheele, 2004, S. 86f.), wobei unter
Wertorientierungen „umfassend-allgemeine kognitive Strukturen zu verstehen [sind], die in Form
von Werten, Normen, Standards, Regeln etc. Auskunft darüber geben, was Personen zeitüberdau-
ernd und situationsübergreifend für wichtig erachten“ (l. c.). Die Wertorientierungen finden sich in
der Modalstruktur einerseits in Form der (un-)erwünschten Handlungsfolgen wieder und anderer-
seits in Form der persönlichen Motive. Es stellt sich also „die Frage, welche Wertorientierung auf
höchstem Abstraktionsniveau für die Motivation zu Zivilcourage konstitutiv sein könnte“ (l. c.).
Nach Scheele und Kapp (2002) bieten sich dafür „derzeit vor allem zwei Ansätze aus dem Bereich
der Moralentwicklung an – und zwar zum einen die ‚Ethik der Gerechtigkeit’ (sensu Kohlberg) und
zum anderen die ‚Ethik der Fürsorge’ (sensu Gilligan)“ (S. 28). Aus diesem Grund sollen beide
Ansätze im Folgenden genauer beschrieben werden. Anschließend soll erläutert werden, inwiefern
sie sich auf zivilcouragiertes Handeln auswirken (können). Begonnen werden soll mit dem Ansatz
von Kohlberg.
2.2.1. Handlungstheoretische Moraltheorien
Gerechtigkeitsmoral
Im Bereich der Psychologie stammen die einflussreichsten Arbeiten zur Moral von Lawrence Kohl-
berg, wobei Kohlberg wiederum auf Piagets Arbeiten aufbaut. Nach Kohlbergs Moraltheorie gibt es
sechs Stufen der moralischen Entwicklung. Die höchste Stufe erreicht der Mensch dann, wenn er
gelernt hat, alle Menschen – einschließlich sich selbst – gleich zu behandeln. Diese Konzeption von
Moral wird daher auch „Gerechtigkeitsorientierung“ genannt. Die Gerechtigkeitsorientierung setzt
nach Gilligan (1987/1991) „Getrenntsein voraus und entsprechend das Bedürfnis nach einer äuße-
ren, verbindenden Struktur“ (S.97). Ihr Ziel ist die Übereinstimmung mit den anderen (d. h. maxi-
male Unparteilichkeit), was erreicht wird durch die Gleichbehandlung der Ansprüche aller
Menschen einschließlich der eigenen. Die unmoralischste Handlung wäre, wenn jemand sich selbst
mehr Rechte als Anderen einräumen würde (also wie ein Despot handeln würde). Nach Gilligan
besteht „[d]as Fehlerrisiko bei Gerechtigkeitsurteilen [...] in deren latentem Egozentrismus, in der
Neigung, die eigene Perspektive mit einem objektiven Standpunkt zu verwechseln, sowie in der
Versuchung, andere auf die eigenen Kriterien festzulegen, indem man sich selbst an ihre Stelle
setzt.“ (l. c.). Ein moralisches Dilemma lässt sich unter der Gerechtigkeitsorientierung dann optimal
lösen, wenn „die mit den Lösungen verknüpften Wertvorstellungen in die einzig richtige Rangord-
nung gebracht worden sind und sich das (Schein-)Dilemma dann wie von selbst auflöst. (So zumin-
dest die Sichtweise, die Carol Gilligan von der Kohlberg-Theorie hat.)“ (Schreiner, 1987, S.239).
In der Gerechtigkeitsorientierung gibt es drei hierarchische Ebenen: die „präkonventionelle“, die
„konventionelle“ und die „postkonventionelle“. Jede Ebene lässt sich weiter in zwei Stufen unter-
teilen, wodurch sich insgesamt sechs Stufen ergeben: Auf der präkonventionellen Ebene basieren
moralische Urteile zuerst auf quasi-physischen, äußeren Geschehnissen (Stufe 1: Vermeidung von
Strafe) und dann auf inneren Bedürfnissen (Stufe 2: eine Hand wäscht die andere). Auf der konven-
tionellen Ebene basieren sie zuerst auf den Erwartungen anderer (Stufe 3: Zustimmung) und dann
auf der Einhaltung der konventionellen Ordnung (Stufe 4: Recht und Gesetz). Auf der postkon-
ventionellen Ebene basieren sie zuerst (Stufe 5) auf der Sozialvertragsordnung (Stufe 5) und dann
auf universellen ethischen Prinzipien (Stufe 6: kategorischer Imperativ).
Bereitschaft zu zivilcouragiertem Handeln 11
Fürsorgemoral
Nach Gilligan (1987/1991) hielt Kohlberg die Gerechtigkeitsorientierung für die einzig mögliche
Form des moralischen Urteilens. Dies läge daran, dass er bei der Entwicklung seiner Theorie rein
männliche Stichproben verwendet habe. Trotzdem habe seine Theorie unzulässigerweise den
Anspruch gestellt, auch für Frauen Gültigkeit zu haben. Die Unterschiede zwischen Männern und
Frauen führe er darauf zurück, dass Frauen im Vergleich zu Männern ein durchschnittlich niedrige-
res moralisches Niveau hätten. Gilligan zweifelte jedoch daran, dass Frauen im Vergleich zu
Männern ein niedrigeres moralisches Entwicklungsniveau haben sollten. Daher suchte sie nach
einer anderen Erklärung für die von Kohlberg gefundenen Unterschiede beim moralischen Urteilen.
Sie entdeckte, dass Frauen moralische Probleme oft anders definieren, als von der traditionellen
Moralpsychologie her bekannt. Frauen schienen ihr von einer gänzlich „anderen Stimme“ des
Gewissens geleitet zu werden (der aktuellen Forschungsstand zur Geschlechtsabhängigkeit der
Moralorientierungen findet sich in Abschnitt 2.3.2). Die von Gilligan (1987/1991) bei Frauen
entdeckte Fürsorgeorientierung setzt voraus, dass es zwischen Menschen „eine Verbindung und
entsprechend die Möglichkeit des Verstehens gibt.“ (S.97). Ziel dieser moralischen Orientierung ist
das Verstehen der Anderen (d. h. maximale Verbundenheit), was erreicht wird durch das Verbun-
densein mit anderen Menschen (in wechselseitigen Abhängigkeiten) und die daraus folgende
einfühlsame Reaktion. Die unmoralischste Handlung wäre, wenn jemand sich isolieren und sich
gleichgültig gegenüber Anderen verhalten würde. „Das Fehlerrisiko bei Fürsorge-Urteilen besteht
in der Neigung, zu vergessen, daß man eigene Kriterien hat, und sich so weit auf die Perspektive
des anderen einzulassen, daß man sich selbst als ‚selbstlos’ begreift und sich nach den Kriterien
anderer definiert.“ (Gilligan, 1987/1991, S.97). Moralische Dilemmata lassen sich unter dieser
Orientierung nie optimal lösen, weil „sie für irgendwen Beeinträchtigungen oder Verletzungen nach
sich ziehen.“ (Schreiner, 1987, S.239). Die folgende Tabelle soll die zentralen Unterschiede
zwischen den beiden moralischen Orientierungen kurz zusammenfassen.
Tabelle 1: Gerechtigkeitsorientierung vs. Fürsorgeorientierung
Gerechtigkeitsorientierung Fürsorgeorientierung
anzustrebender (=positiver) Pol Gleichheit Bindung
zu vermeidender (=negativer) Pol Unterdrückung Verlassenheit; Gleichgültigkeit
Handlungsgebot Handle nicht unfair! Lasse jemanden in Not nicht im
Stich!
Gebot bzw. Gesetz Alle Menschen sind gleich Liebe deinen Nächsten wie dich
selbst
Die drei Ebenen der Gerechtigkeitsorientierung lassen sich auf die Fürsorgeorientierung übertragen.
Anders als im Gerechtigkeitsmodell von Kohlberg bestehen die Ebenen im Fürsorgemodell keines-
wegs aus zwei separaten Stufen; stattdessen bestehen die erste und zweite Ebene aus je einem
Stadium und je einer Übergangsphase zum nächsten Stadium, wobei die Übergangsphase in der
dritten und damit letzten Ebene fehlt. Auf der präkonventionellen Ebene des Fürsorgemodells basie-
ren moralische Urteile zuerst auf dem eigenen Überleben (d. h. Isolierung). Das eigene Selbst ist
das einzige Objekt der Fürsorge. In der Übergangsphase wird die Isolierung aufgegeben zugunsten
der Zugehörigkeit und der Verbindung zu anderen, denn das eigene Überleben scheint von der
Akzeptanz durch Andere abhängig zu sein. Somit soll ein Leben vermieden werden, „das für alle
beteiligten Personen konflikthaft oder belastend sein würde“ (Garz, 1996, S. 104). Auf der konven-
tionellen Ebene basieren die Urteile zuerst auf der Einhaltung der konventionellen Ordnung. Die
Bereitschaft zu zivilcouragiertem Handeln 12
Konventionen erfordern die Einnahme eines altruistischen Standpunktes (d. h. sanft, sensibel und
taktvoll handeln) und die Fürsorge für Andere. Dabei müssen eigene Bedürfnisse zurückgestellt
werden. In der Übergangsphase wird eine rein altruistische Perspektive kritisch gesehen; bei einem
Konflikt zwischen eigenen und fremden Bedürfnissen werden die eigenen Bedürfnisse nicht mehr
verleugnet. Stattdessen wird überlegt, wie man gleichzeitig für sich und Andere verantwortlich bzw.
fürsorglich handeln kann. Auf der postkonventionellen Ebene basieren die Urteile auf der Maxime
der Gewaltlosigkeit (tue dir und anderen keine Gewalt an). Ein Maximum an Gewaltlosigkeit wird
erreicht durch Selbstverantwortlichkeit, Fürsorge für sich selbst und Anteilnahme für Andere (zu
den Moralorientierungen und deren Beziehung zur sozialen Perspektive siehe auch Heidbrink,
1996). Zur Verdeutlichung der Unterschiede folgt eine Gegenüberstellung der Ebenen beider
moralischen Orientierungen:
Tabelle 2: Die Ebenen in der Gerechtigkeits- und der Fürsorgeorientierung
Ebene Gerechtigkeitsorientierung Fürsorgeorientierung
Quasi-physische, äußere Ge-
schehnisse Vermeidung von Strafe Eigenes Überleben
Innere Bedürfnisse Eine Hand wäscht die andere Zugehörigkeit und Verbindung
Erwartungen anderer Zustimmung Selbstloser Altruismus
Einhaltung der konventionellen
Ordnung Recht und Gesetz Verantwortung für sich und
Andere
Gesellschaftliche
Ethikprinzipien Sozialvertragsordnung Gewaltlosigkeit (tue dir und
anderen keine Gewalt an).
Allgemein gültige Ethikprinzi-
pien Kategorischer Imperativ (tue
nur das, was du selbst zum
Gesetz machen würdest).
Am besten lässt sich der Unterschied zwischen den beiden Orientierungen durch die Stachel-
schwein-Fabel in der Fassung von Nunner-Winkler (1994, zit. n. Scheele & Kapp, 2002) illustrie-
ren:
„Den ganzen Sommer über haben die Maulwürfe Gänge und Höhlen gegraben; das Stachel-
schwein sonnte sich derweilen. Der Winter brach an. Das Stachelschwein fror erbärmlich und
erbat Aufnahme in den unterirdischen Bau. Die Maulwürfe ließen es ein. Es war aber sehr eng,
und alle mussten sich dicht zusammendrängen. Das Stachelschwein aber stach. ‚Was tun?’ Die
‚gerechte’ Antwort lautete: ‚Wer nicht mitgegraben hat, der hat keinen Anspruch auf einen Platz,
wenn dieser knapp ist.’ Die ‚fürsorgliche’ Antwort lautete: ‚Bei der Kälte können wir das
Stachelschwein nicht rauswerfen. Wir legen ihm eine Decke um, dann sticht sich keiner mehr an
ihm.’“ (S. 29)
Mögliche Integration beider Moralen
Angesichts der Existenz zweier Orientierungen stellt sich die Frage, ob diese wie Wasser und Feuer
unvereinbar nebeneinander existieren, oder ob eine Integration denkbar bzw. möglich ist. Gilligan
beantwortet diese Frage, indem sie die beiden Orientierungen mit Kippbildern vergleicht. Kippbil-
der sind Bilder, die zwei verschiedene Objekte gleichzeitig darstellen, wobei aber immer nur ein
Objekt gleichzeitig visuell wahrgenommen werden kann. Sobald versucht wird, das andere Objekt
wahrzunehmen, scheint das Bild zu „kippen“, d.h. das neue Objekt wird wahrgenommen, das alte
scheint im gleichen Augenblick zu verschwinden (siehe Abb. 4). Trotzdem kann sich ein/e
Bereitschaft zu zivilcouragiertem Handeln 13
Betrachter/in jederzeit darüber bewusst sein, dass es zwei Möglichkeiten gibt, das Bild zu betrach-
ten.
Abb. 4. Ein einfaches Kippbild, das als Vase (weiße Figur) oder als zwei sich anschauende Gesichter (schwarze Figur) wahrgenom-
men werden kann.
Nach Gilligan soll dieses Phänomen auf die moralischen Orientierungen übertragbar sein: Beide
Orientierungen stellen eine mögliche moralische Sichtweise dar; zur gleichen Zeit kann ein morali-
sches Problem aber nur aus einer einzigen Perspektive betrachtet werden, selbst wenn der/ die
Betrachter/in sich der Existenz beider Perspektiven bewusst ist. Sobald ein Wechsel der Perspektive
stattfindet, wird nicht nur die Situation anders wahrgenommen, sondern gleichzeitig wird auch
etwas ganz Anderes als das eigentliche Problem angesehen. Nach Gilligan (1987/1991) lässt sich
dieses Phänomen empirisch belegen (zur Rechtfertigung der Annahme zweier Moralorientierungen
siehe auch Gilligan, 1986; kritisch dazu Linn, 2001, Lourenco, 1991, sowie Tronto, 1987, sowie
Linn, 2001; methodische Kritik von Luria, 1986, Puka, 1989, 1991, sowie Walker, 1986;
zusammenfassend Heidbrink, 1996, S.112-119). Nun wäre es denkbar, dass eine Person bei der
Lösung eines moralischen Problems nur eine Perspektive einnimmt, oder dass sie (ständig)
zwischen beiden Perspektiven hin- und herwechselt. Gilligan (1987/1991) hält Letzteres zwar für
möglich, vermutet aber, dass in dem Fall die eine Perspektive die andere überschattet. Die
Einnahme nur einer Perspektive hält sie für wahrscheinlicher und postuliert eine „Tendenz, die
Aufmerksamkeit nur auf eine Art von Problemen zu konzentrieren und die anderen nur minimal zu
berücksichtigen“ (S. 88). Hierfür nennt sie zwei theoretische Gründe: Zum einen „kann die
Einnahme einer von zwei möglichen Perspektiven eine klare Entscheidung erleichtern“, zum
anderen lässt sich „der Wunsch nach Klarheit“ aber auch „als Ausdruck eines tiefsitzenden
menschlichen Bedürfnisses nach Lösung oder Geschlossenheit begreifen“ (l. c., S. 80). Dabei lässt
sie offen, welche Perspektive dominiert: (1) die Gerechtigkeitsperspektive, in der Fürsorge als
Unterpunkt existiert oder (2) die Fürsorgeperspektive, in der Gerechtigkeit als Unterpunkt existiert.
Im ersten Fall wäre die untergeordnete Fürsorge eine Gnade, „die mildert, was Recht ist“ (Gilligan,
1987/1991, S.86). Wenn es sich um die eigenen Rechte handelt, die durch Milde freiwillig
eingeschränkt werden, dann wäre dies eine Form von Altruismus. Das Maximum wäre erreicht,
wenn gänzlich auf eigene Ansprüche verzichtet wird. Trotzdem wäre in einem solchen Fall nicht
von einer dominierenden Fürsorgeperspektive auszugehen, weil die eigenen Ansprüche von den
Ansprüchen der Anderen weiterhin getrennt bleiben. Auf die Stachelschwein-Fabel bezogen würde
die Antwort lauten: „Wer nicht mitgegraben hat, der hat keinen Anspruch auf einen Platz, wenn
dieser knapp ist. Wir sind aber so gnädig und werfen das Stachelschwein trotzdem nicht raus.“ Im
zweiten Fall (Gerechtigkeit ist der Unterpunkt) wäre die untergeordnete Gerechtigkeit eine
„Achtung für andere Menschen und deren eigene Vorstellungen“ zu verstehen (Gilligan,
1987/1991, S. 87). Das Maximum wäre erreicht, wenn die Toleranz nicht weiter gesteigert werden
könnte. Trotzdem wäre in einem solchen Fall nicht von einer dominierenden
Gerechtigkeitsperspektive auszugehen, weil die Erhaltung der Verbundenheit mit den Anderen
wichtiger wäre als die Gleichbehandlung.
Bereitschaft zu zivilcouragiertem Handeln 14
2.2.2. Moralthematischer Kontext als situationsseitige Voraussetzung für zivilcouragiertes
Handeln
Nachdem erläutert wurde, was eine moralische Orientierung ist und welche Formen es gibt, soll nun
der Zusammenhang zu ZC verdeutlicht werden. Wie bereits gesagt, ergibt sich aus der handlungs-
theoretischen Modellierung, dass nur dann eine Handlung realisiert wird, wenn eine Person mit
einer bestimmten Motivlage bzw. Intention (hier: ZC-Kompetenz) auf eine passende Situation trifft
(hier: Situation, die moralische Empörung oder Entrüstung auslöst). Bei den Situationen kann in
Anlehnung an die Moralpsychologie zwischen zwei Varianten unterschieden werden: (1) Situatio-
nen, in denen Verstöße gegen das moralische Gerechtigkeitsprinzip Empörung auslösen und (2)
Situationen, in denen die Empörung durch Verstöße gegen die Fürsorgemoral ausgelöst wird. Zur
Erinnerung: Ein Verstoß gegen das Gerechtigkeitsprinzip wäre es, wenn jemand parteilich wird
bzw. die Ansprüche von Menschen (einschließlich der eigenen) ungleich behandelt, sich selbst also
mehr Rechte als den Anderen einräumt. Ein Verstoß gegen das Fürsorgeprinzip wäre es, wenn
jemand sich isoliert und sich gleichgültig gegenüber anderen verhält. Nach Scheele (2004) scheint
die Fürsorgeorientierung damit „eine bessere Basis für zivilcouragiertes Handeln abzugeben als die
Gerechtigkeitsorientierung“ (S. 88). Dies liegt nach Scheele (l. c.) daran, dass „die ausschlaggeben-
den motivationalen Elemente der moralischen Situationsauffassung und -bewertung, nämlich die
aktuelle Betroffenheit, das empathische Mitleiden und die Verantwortungsübernahme für den ande-
ren [...] von der Wertestruktur der Fürsorgeorientierung her direkt ableitbar [sind], von der männli-
chen Gerechtigkeitsorientierung dagegen nicht“. Die Fürsorgeorientierung hilft also, bei einer
Verletzung subjektiv relevanter Wertvorstellungen die Absicht zum Eingreifen aufzubauen. Im
Rubikon-Modell von Heckhausen (1989, S. 203-218; vgl. auch Rheinberg, 1997, S. 168-176)
entspricht dies der prädezisionalen Phase bis zur Bildung der Intention (d. h. der Handlungsabsicht).
In anderen Worten: In Situationen, in denen zivilcouragiertes Handeln gefragt ist, hilft die
Fürsorgeorientierung, den „Rubikon“ zu überschreiten (siehe Abb. 5).
Handeln
Handlungspsychologische Phasen-Abfolge
Intentions-
initiierung Intentions-
desaktivierung
Intentions-
realisierung
Bewerten
VOLITION MOTIVATIONVOLITION
präaktional aktional postaktional
Fiat-Tendenz
präaktionale Phase
Intentions-
bildung
"Rubikon"
Wählen
MOTIVATION
prädezisional
Fazit-Tendenz
Abb. 5: Schematische Darstellung der vier Handlungsphasen des Rubikon-Modells (Heckhausen, 1989, S. 212)
Bereitschaft zu zivilcouragiertem Handeln 15
Hingegen ist die Fürsorgeorientierung bei der Umsetzung dieser Handlungsabsicht (d. h. bei der
Intentionsrealisierung) eher hinderlich. Dies hat nach Scheele (2004) folgende Gründe:
„Für die Realisierung dieser Absicht im realen zivilcouragierten Handeln scheinen die mit der
Fürsorgeorientierung verbundenen ‚weiblichen’ Sozialisationsmerkmale (wie etwa Kommunika-
tionsstil und –bedürfnisse, das Nichtvertrautsein mit der Öffentlichkeit etc.) ... als ungeeignet
[scheinen].... Es bleibt aber die Frage, ob nicht die Gerechtigkeitsmoral für die Umsetzung der
Handlungsabsicht (auch und gerade in der Öffentlichkeit) zielführender ist (Intentionsrealisie-
rung) “ (S. 92).
Nach Scheele (l. c.) führt das „vom Kontext abstrahierende Denken und die unparteiliche Regel-
konstanz“ der Gerechtigkeitsorientierung zu einem Informationsverarbeitungsmuster, welches
„recht genau den Merkmalen der ‚Handlungsorientierung’ (nach Kuhl 1983) [entspricht], die für die
Phasen des Wollens und der Entscheidung, nicht aber der Motivation und Absichtsbildung charak-
teristisch ist“. Diese theoretische Zuordnung der Moralorientierungen zu den motivationalen Phasen
bedarf nach Scheele (l. c.) allerdings noch der empirischen Überprüfung (eine erste empirische
Untersuchung mit Jugendlichen findet sich bei Hermann & Meyer, 2004; siehe auch Frey et al.,
1999; zum handlungstheoretischen Zusammenhang zwischen Selbstsicherheit und prosozialem
Handeln vgl. Kuhl, 1986).
2.2.3. Zwischenfazit
Als Zwischenfazit kann festgehalten werden: Zivilcouragiertes Eingreifen hängt nicht nur von den
situativen Umständen ab, sondern auch von den Motiven des Helfers/ der Helferin. Damit es zu
zivilcouragiertem Handeln kommen kann, muss aufseiten der eingreifenden Person ZC-Kompetenz
vorliegen und die situativen Randbedingungen müssen stimmen. Daneben bestimmt die moralische
Orientierung der eingreifenden Person, ob sie eine Zivilcourage-Situation überhaupt als solche
wahrnimmt. Wird die Zivilcourage-Situation gar nicht erst als solche aufgefasst, so kann es nicht zu
einer moralischen Empörung/ Entrüstung kommen, wodurch in der Folge ein helfendes Eingreifen
ausbleibt. Damit ist die moralische Orientierung eine zentrale Moderatorvariable, wobei sich zwei
Formen voneinander unterscheiden lassen: die Fürsorge- und die Gerechtigkeitsorientierung. Es
wird vermutet, dass die Fürsorgeorientierung den Aufbau einer Hilfsabsicht fördert, während die
mit ihr verbundenen Sozialisationsmerkmale (siehe Abschnitt 2.3.2) bei der Umsetzung dieser
Absicht eher störend wirkt. Hier scheint die Gerechtigkeitsorientierung geeigneter zu sein. Der
vermutete Zusammenhang zwischen Zivilcourage und Moralorientierung wird dadurch weiter
verkompliziert, dass die Moralorientierung einer Person möglicherweise von ihrem Geschlecht
abhängt:
„Beide Wertorientierungen gehören zwar zum Bestand der kollektiven Wertorientierungen
(zumindest der westlichen Kulturen), ihre je unterschiedliche Relevanz für die beiden getrennten
Lebensbereiche (öffentlich vs. privat) bedingt allerdings eine geschlechterspezifische Sozialisa-
tion. Jungen werden für ihre zukünftigen Aufgaben in der Arbeitswelt in erster Linie gerechtig-
keitsorientiert sozialisiert, Mädchen dagegen für ihre zukünftigen Aufgaben im häuslich-privaten
Bereich vor allem fürsorgeorientiert“ (Scheele, 2004, S. 88).
Dies ist allerdings nur eine theoretische Annahme, die bisher nicht überzeugend nachgewiesen
werden konnte (zur Gender(un-)abhängigkeit der Moralorientierung siehe Baumrind, 1986,
Bereitschaft zu zivilcouragiertem Handeln 16
Broughton, 1983, Nunner-Winkler, 1993, Walker, 1984, Tronto, 1987, sowie Jones & Watt, 1999).
Der Grund dafür könnte sein, dass in den Untersuchungen „nicht zwischen biologischem und sozi-
alem Geschlecht (‚sex’ vs. ‚gender’) unterschieden wurde“ (l. c.). „Mittlerweile besteht aber in der
Forschung weitgehend Einigkeit darüber, dass die Kategorien ‚männlich’ und ‚weiblich’ in diesem
Zusammenhang als soziale Kategorien (im Sinne von ‚gender’) verwendet werden (sollten)“ (l. c.).
Auch nach Alfermann (1996) hat sich „das biologische Geschlecht als wenig aussagekräftig für
viele psychische Merkmale erwiesen, das psychologische hingegen entweder als wertvolle Ergän-
zung ... oder als allein differenzierende Variable“ (S. 63). Aus diesem Grund soll im folgenden
Abschnitt erklärt werden, was genau unter dem „sozialen/ psychologischen Geschlecht“ bzw.
„Gender“ verstanden wird und wie der (vermutete) Zusammenhang zur Moralorientierung bzw. ZC
letztendlich aussieht.
2.3. Gender
2.3.1. Handlungstheoretische Gendertheorien
Die in der Sozialpsychologie am weitesten verbreitete Theorie zur Erklärung von Geschlechterun-
terschieden ist die Geschlechterrollentheorie von Alice Eagly. Nach Eagly (1987, S. 32) erklärt sich
das geschlechtertypische Verhalten zum einen durch Geschlechterrollen und zum anderen durch
geschlechtertypische Fähigkeiten und Einstellungen:
Geschlechterunterschiede
im Sozialverhalten
Geschlechtertypische
Fähigkeiten und Einstellungen
Geschlechterrollen
Geschlechterstereotype
Geschlechterrollenerwartungen
Abbildung 6: Zusammenhang zwischen Geschlechterrolle, -rollenerwartung, -fähigkeiten, -einstellungen und -verhalten
Wie die Abbildung zeigt, lässt sich die „Geschlechterrolle“ in zwei Bestandteile unterteilen: In eine
normative Komponente, die sog. „Geschlechterrollenerwartung“, und in eine beschreibende
Komponente, das sog. „Geschlechterstereotyp“. Eagly (l. c.) behauptet, dass der oben gezeigte
Zusammenhang zwischen Geschlechterrollen und Geschlechterunterschieden in der historischen
Arbeitsteilung der Geschlechter begründet ist (siehe Abb. 7, Box 1), die für die Entstehung der
geschlechterbezogenen Erwartungen (Box 2a) und der geschlechtertypischen Fähigkeiten und
Einstellungen (Box 2b) verantwortlich sein soll, welche wiederum für die Geschlechterunterschiede
im Sozialverhalten (Box 3) verantwortlich sind.
Bereitschaft zu zivilcouragiertem Handeln 17
Geschlechterrollen-
erwartungen
2a
Arbeitsteilung
zwischen den
Geschlechtern
1Geschlechter-
unterschiede im
Sozialverhalten
3
Geschlechtertypische
Fähigkeiten und
Einstellungen
2b
Abbildung 7: Die Theorie der sozialen Rollen (modifiziert nach Eagly, 1987, S.32).
Für diese Untersuchung ist es irrelevant, ob die Unterschiede durch die Arbeitsteilung entstanden
sind. Wichtig ist lediglich, dass es tatsächlich messbare Unterschiede im Sozialverhalten gibt, die
von den Erwartungen des sozialen Umfeldes an die eingenommene (Geschlechter-)rolle abhängen.
Um den komplexen Zusammenhang richtig verstehen zu können, ist es wichtig zu begreifen, was
genau mit Geschlechterrollenerwartung, Geschlechterstereotyp usw. gemeint ist. Für diese Begriffe
gibt es ein Alltagsverständnis, das in seiner Bedeutung von der wissenschaftlichen Konzeption
abweicht bzw. abweichen kann. Solche Abweichungen können zu großen Missverständnissen
führen (siehe bspw. Alfermann, 1996, S. 50). Deswegen sollen im Folgenden in einer Art Exkurs
die Begriffe „Geschlechterstereotype“ bzw. „Geschlechterrollenerwartungen“ in ihrer wissen-
schaftlichen Bedeutung expliziert werden.
Exkurs: Geschlechterstereotype
Geschlechterstereotype bestehen aus „kognitive[n] Strukturen, die sozial geteiltes Wissen über die
charakteristischen Merkmale von Frauen bzw. Männern enthalten“ (Eckes, 1997, S. 17f.). In ande-
ren Worten: Innerhalb einer Kultur gibt es in den Köpfen der Menschen eine Reihe von Merkmalen,
die dem typischen Mann bzw. der typischen Frau von allen Mitgliedern dieser Kultur zugeschrieben
werden. Nach Eckes dienen diese (Geschlechter-)stereotype der „unsicherheitsreduzierende[n]
Verarbeitung von Information über Personen, Gruppen, Situationen usw. ebenso ... wie ... eine[r]
effektive[n] Planung und Realisation interpersonellen Verhaltens“ (l. c.). Stereotype sind nach
dieser Auffassung also nicht (ausschließlich) negativ zu bewerten, da sie wichtige und nützliche
Funktionen haben.
Die Inhalte der Frauen- bzw. Männerstereotype resultieren gemäß Eaglys Theorie daraus, dass
Menschen annehmen, Frauen und Männer hätten genau die Eigenschaften und Merkmale, die nach
allgemeiner Auffassung für die Ausübung ihrer Rolle förderlich sind bzw. verlangt werden. Somit
fühlen sich Frauen und Männer auf Grund der Zugehörigkeit zu einem bestimmten Geschlecht dazu
angehalten, bestimmte Verhaltensweisen zu zeigen, die typisch für dieses Geschlecht sind. Der
Rückkopplungsmechanismus zwischen Geschlecht und Rollenverständnis führt zur Stabilisierung
des geschlechterstereotypen Denkens (sog. „self-fulfilling-prophecy“).
Bereitschaft zu zivilcouragiertem Handeln 18
Bei den Inhalten unterscheidet das so genannte „Dreiecksmodell“ (siehe Abb. 8) von Deaux und
Kite (1985) drei Klassen von Merkmalen, die verschiedene Inhalte von Geschlechterstereotypen
umfassen:
(1) Definierende Merkmale, d. h. biologische Geschlechterunterschiede. Diese Merkmale sind
äußerlich sichtbar und äußern sich auch im Verhalten.
(2) Identifizierende Merkmale, d. h. (physische) Hinweisreize (z. B. Kleidung), die das Erken-
nen einer Person als weiblich oder männlich ermöglichen.
(3) Zugeschriebene Merkmale, d. h. diejenigen Merkmale, die aufgrund der wahrgenommenen
Geschlechterzugehörigkeit „nur“ geschlussfolgert werden. Die zugeschriebenen Merkmale
bilden die hauptsächliche Grundlage für die Geschlechterstereotype.
Inferenz
schwieriger Inferenz
leichter
Frauen Männer
Zugeschrie-
bene
Merkmale
Zugeschrie-
bene
Merkmale
Identi-
fizierende
Merkmale
Identi-
fizierende
Merkmale
Defini-
rende
Merkmale
Defini-
rende
Merkmale
Abbildung 8: Das Dreiecksmodell stereotyper Geschlechtermerkmale (leicht modifiziert nach Deaux & Kite, 1985)
Nach dem Dreiecksmodell fällt Menschen die Inferenz von den definierenden zu den zugeschriebe-
nen Merkmalen leichter als die umgekehrte Inferenz, weil sie leicht aus wenigen bekannten Merk-
malen auf eine Fülle von Eigenschaften schließen. Ein Beispiel soll dies veranschaulichen. Ein
definierendes Merkmal der Kategorie „Frau“ könnte z. B. sein: „Hat weibliche Geschlechtsorgane“.
Da dieses Merkmal in unserem Kulturkreis nur eingeschränkt sichtbar ist, handelt es sich aber nicht
automatisch um ein identifizierendes Merkmal. Identifizierende Merkmale wären dann „hat breites
Becken“, „hat langes Haar“ usw. Treffe ich nun auf eine Person, die diese identifizierenden Merk-
male besitzt, dann identifiziere ich sie als „Frau“ und schreibe ihr aufgrund dieser Klassifikation
ganz leicht eine ganze Reihe weiterer (körperlicher und sozialer) Merkmale zu, die für mich nicht
sichtbar sind. Möglich wäre z. B., dass ich Frauen für warmherzig halte und daher auch diese mir
nicht bekannte Person für warmherzig halte, weil sie eine Frau ist. Die umgekehrte Inferenz von
den zugeschriebenen Merkmalen zu den definierenden Merkmalen fällt Menschen hingegen schwe-
rer: Beispielsweise kann ich bei einer warmherzigen Person nicht unbedingt darauf schließen, dass
sie eine Frau ist.
Auf der Grundlage einer Vielzahl von Untersuchungen lässt sich eine ganze Reihe von zugeschrie-
benen Merkmalen aufstellen (überwiegend Listen von Persönlichkeitsmerkmalen), die sich statis-
Bereitschaft zu zivilcouragiertem Handeln 19
tisch reliabel in zwei Kategorien einteilen lassen. Die erste Kategorie (siehe Tabelle 3) enthält das
kulturelle Männerstereotyp mit den Merkmalen „unabhängig“, „dominant“, „selbstständig“,
„ehrgeizig“, „zielstrebig“, „rational“ und „willensstark“. Die zweite Kategorie enthält das kulturelle
Frauenstereotyp mit den Merkmalen „abhängig“, „verständnisvoll“, „emotional“, „sanft“, „warm-
herzig“, „gesprächig“ und „anlehnungsbedürftig“. Synonym für diese Kategorien stehen nach Eckes
(1996, S. 57f.) die von Parsons und Bales geprägten Begriffe „Instrumentalität“ (für das Männerste-
reotyp) bzw. „Expressivität“ (für das Frauenstereotyp), die von Bakan eingeführten Begriffe
„agency“ bzw. „communion“ oder auch die von Bem bzw. Deaux und Lewis verwendeten Begriffe
„Maskulinität“ bzw. „Feminität“ (siehe Tabelle 3). Genauer gesagt sind nach Alfermann (1996, S.
59) mit „Maskulinität Eigenschaften und Verhaltensdispositionen [gemeint], die als typisch für
Männer anzusehen sind, die somit zum männlichen Stereotyp und zur männlichen Rolle gehören“.
Unter Femininität werden entsprechend die „typisch“ weiblichen Eigenschaften und Verhaltens-
dispositionen verstanden.
Tabelle 3: Stereotyp-Kategorien
Synonyme von Kategorie Männerstereotyp Kategorie Frauenstereotyp
Deaux und Lewis; Bem Maskulinität Femininität
Bakan Agency Communion
Parsons und Bales Instrumentalität Expressivität
unabhängig abhängig
dominant sanft
selbstständig anlehnungsbedürftig
ehrgeizig verständnisvoll
zielstrebig gesprächig
rational emotional
Persönlichkeits-
merkmale
willensstark warmherzig
Nach Eckes (1997, S. 51) existieren Geschlechterstereotype nicht bloß in den Köpfen, sondern
manifestieren sich mehr oder weniger deutlich in den Effektstärken psychologischer Untersuchun-
gen. Sie können wesentlich zur Perpetuierung bzw. Stabilisierung von Geschlechterverhältnissen
beitragen, wenn sie sich erst einmal innerhalb einer Gesellschaft etabliert haben (l. c.). Eine Unter-
suchung von Banaji, Hardin und Rothman (1993) zeigt, dass Geschlechterstereotype sogar unbe-
wusst wirken (können). In ihrer Untersuchung aktivierten Banaji et al. mittels Priming ein zweistu-
figes Geschlechterstereotyp (Aggression vs. Abhängigkeit). Anschließend sollten die VPn eine
neutral gehaltene Geschichte über eine Zielperson (männlich vs. weiblich) lesen und das aggressive
sowie abhängige Verhalten diese Zielperson mit Hilfe einer Ratingskala beurteilen. Ergebnis der
Untersuchung war, dass sowohl die männlichen als auch die weiblichen VPn in Übereinstimmung
mit den jeweiligen Geschlechtsstereotypen im Vergleich zur Kontrollgruppe die weibliche Zielper-
son als abhängiger und die männliche Zielperson als aggressiver bewerteten. Stereotype wirken
sogar dann, wenn man sich ihrer bewusst ist. Dies zeigt zumindest eine Untersuchung von Nelson,
Acker und Manis (1996), in welcher die VPn ihnen unbekannten Personen fast immer einen
geschlechtsstereotypen Beruf zuwiesen, obwohl sie vorher informiert wurden, dass die Verteilung
50-50 sein muss.
Bereitschaft zu zivilcouragiertem Handeln 20
Exkurs: Geschlechterrollenerwartungen
Während die oben genannten Stereotype die Eigenheiten von Männern und Frauen lediglich
beschreiben, so beinhalten Geschlechterrollen die normativen Erwartung(en) bestimmter Eigen-
schaften und insbesondere Verhaltensweisen (Alfermann, 1996, S. 31). „Normativ“ bedeutet, dass
die Erwartungen Vorschriften beinhalten, wie Männer bzw. Frauen zu sein bzw. sich zu verhalten
haben. Rollengerechtes Verhalten wird von der Gesellschaft positiv bewertet (und ggf. belohnt),
rollenuntypisches Verhalten wird negativ bewertet (und ggf. sanktioniert). Wird dieser Sachverhalt
mit dem Dreiecksmodell von Deaux und Kite verbunden, dann ergibt sich folgender Zusammen-
hang: Wird eine Person auf Grund ihrer äußeren Merkmale als Frau bzw. Mann identifiziert, dann
wird von ihr bzw. ihm erwartet, die zugeschriebenen Geschlechtermerkmale zu besitzen bzw. sich
geschlechterrollengerecht zu verhalten. Das Umfeld bewertet rollengerechtes Verhalten positiv,
rollenabweichendes Verhalten negativ.
Zur sozialen Rolle des Mannes gehört auch, Ernährer der Familie zu sein bzw. für die
Außenbeziehungen und die berufliche Rolle da zu sein; zur sozialen Rolle der Frau gehört es dage-
gen, für die familialen Angelegenheiten und die Innenbeziehungen zuständig zu sein (Alfermann,
1996, S. 31). Zwar ist diese Rollentrennung heute nicht mehr so strikt; dennoch sind immer noch
überwiegend Männer in der beruflichen Sphäre tätig und auch berufstätige Frauen bleiben auf ihre
primäre Funktion der (Ehe-)Frau und Mutter konzentriert (l. c.). Nach Alfermann (1996) sind
„Geschlechterrollen ... von großer Reichweite und von allgemeiner Art.... [Sie üben] in sehr vielen
Kontexten einen Einfluß auf Wahrnehmung und Handeln aus ... – auch da, wo sie ‚eigentlich’ unbe-
deutend sein müßten, wie z. B. im beruflichen Alltag“ (S. 32).
Exkurs: Geschlechterunterschiede und geschlechtertypisches Verhalten
„Geschlechtertypische Fähigkeiten und Einstellungen“ sind die tatsächlich messbaren Unterschiede
zwischen den Geschlechtern (z. B. bei den motorischen Fähigkeiten, beim räumlichen Denken etc.;
eine Übersicht findet sich in Alfermann, 1996, S. 160-168; eine Aufarbeitung bisheriger
Forschungsergebnisse findet sich in Scheele, 1998). Für unsere Fragestellung interessieren am
ehesten die Geschlechterunterschiede beim hilfreichen Verhalten: Während die weibliche Rolle
Frauen dazu veranlasst, eher gemeinnützig zu handeln, sind männliche Hilfeleistungen hauptsäch-
lich durch die Ideale des „Helden“ oder des „Ritters“ geprägt (o. c., S. 129f.), wobei unter Helden-
taten riskante altruistische Taten zur Rettung Anderer verstanden werden. Ein weiterer Aspekt
heldenhaften Verhaltens ist nach Alfermann die Anwesenheit weiterer potenzieller Helfer, „[d]enn
ein Held kann nur dann ein Held sein, wenn er Öffentlichkeit hat“ (l. c.). Insbesondere wäre zu
erwarten, dass Frauen häufiger Zielpersonen von Hilfeleistungen sind, weil sie als schwach und
verletzlich gelten, während Männer in Notsituationen eher Kavaliersverhalten erwarten lassen (l.
c.). Diese Hypothese wird sowohl durch eine Metaanalyse von Eagly und Crowley (1986, zit. n.
Appel, Koch und Schreier, 2003, S. 35f.) gestützt diese Aussage. Hier wurden Untersuchungen
zusammengefasst, in denen experimentell untersucht wurde, wie Personen in Situationen reagieren,
die ein helfendes Eingreifen nahe legen. Tatsächlich konnte ein mittlerer Größenunterschied in der
Art gefunden werden, dass Männer in diesen Situationen häufiger ihre Hilfe anbieten. Nach
Schreier et al. (l. c.) ist dabei aber zu berücksichtigen, dass alle diese Situationen bestimmte
Gemeinsamkeiten aufweisen, die eine Verallgemeinerung verbieten: Die Situationen fanden in der
Öffentlichkeit statt, es waren Zuschauer/innen anwesend, es waren andere potenzielle Helfer/innen
anwesend und die betroffene Person bat nicht direkt um Hilfe. Trotz oder gerade wegen dieser
Einschränkungen kann man m. E. die männliche Rolle des „Helden“ bzw. „Ritters“ als empirisch
Bereitschaft zu zivilcouragiertem Handeln 21
gestützt sehen. Die Annahme zur Hilfsbereitschaft von Frauen konnte nach Alfermann (1996) aber
bisher nicht validiert werden, „da die Versuchsanordnungen selten Situationen beinhalteten, die an
weibliche Kompetenzen und Geschlechtsrollenerwartungen anknüpfen“ (S. 132).
Das soziale Geschlecht
Nach dem obigen Exkurs über Geschlechterstereotpye, Geschlechterrollenerwartungen und
Geschlechter(verhaltens)unterschiede soll nun erklärt werden, was dies eigentlich mit dem sozialen
Geschlecht zu tun hat, wobei die Begriffe „soziales Geschlecht“ und „psychologisches Geschlecht“
bedeutungsgleich verwendet werden. Das soziale Geschlecht ist die Geschlechtsrollenidentität einer
Person, welche sich von der Geschlechtsidentität unterscheidet. Letzteres meint nach Alfermann
(1996)
„die Entwicklung einer stabilen Geschlechtsidentität als männlich bzw. weiblich, die einen
notwendigen Bestandteil der Entwicklung darstellt.... Ein Junge muß erkennen, daß er ein Junge
ist und dieses männliche Geschlecht auch stets beibehalten wird, ein Mädchen, daß es ein
Mädchen ist und stets eine weibliche Person bleiben wird“ (S. 57).
In der Regel fällt die Geschlechtsidentität mit dem biologischen Geschlecht zusammen; die
Ausnahme wären Männer, die sich als Frauen fühlen bzw. Frauen, die sich als Männer fühlen. Nach
Serbin et al. (1993, zit. n. Alfermann, 1996, S. 57) haben Kinder spätestens mit sechs Jahren eine
stabile Geschlechtsidentität aufgebaut. Neben der biologisch fundierten Geschlechtsidentität gibt es
die psychologisch bzw. sozial fundierte Geschlechtsrollenidentität, die nach Alfermann (1996) darin
besteht, dass die „Geschlechtsrollenentwicklung in der Übernahme von als maskulin und/oder
feminin geltenden Attributen, Interessen, äußeren Symbolen (z.B. Schmuck), interpersonalen Präfe-
renzen usw. resultiert“. Die Bezeichnung „maskulin – feminin“ (im Gegensatz zu „männlich –
weiblich“) soll den Unterschied zwischen dem biologischen und dem sozialen Geschlecht hervor-
zuheben, der darin besteht, dass das soziale Geschlecht weit weniger genetisch bedingt und daher
im Laufe des Lebens leichter und deutlicher veränderbar ist. Im Rahmen des Androgyniekonzeptes
(vgl. Alfermann, 1996, S. 59-62) besteht außerdem ein weiterer Unterschied darin, dass es beim
sozialen Geschlecht Mischformen gibt: (1) einen androgynen Typ mit vielen maskulinen und
gleichzeitig vielen femininen Eigenschaften/ Dispositionen und (2) einen indifferenten Typ mit
wenigen maskulinen und wenigen femininen Eigenschaften/ Dispositionen (zur Interaktion
zwischen den Dimensionen vgl. Hall & Taylor, 1985). Das Androgyniekonzept basiert nach Alfer-
mann (1996) darauf, dass „die psychologische Geschlechterrollenorientierung auf (mindestens)
zwei Dimensionen anzusiedeln sei, nämlich einer Maskulinitäts- und einer Femininitätsdimension,
und daß jedes Individuum, Mann wie Frau, unabhängig vom biologischen Geschlecht auf diesen
beiden Dimensionen jeden beliebigen Punkt einnehmen kann“ (S. 59). Insgesamt ergeben sich vier
soziale Geschlechter (maskulin, feminin, androgyn, indifferent). Ein Mann oder eine Frau kann
androgyn, feminin, maskulin oder indifferent sein, muss dies aber nicht Zeit seines bzw. ihres
Lebens bleiben.
Tabelle 4: Die vier sozialen Geschlechter
Maskulinität
Ausprägung Hoch Niedrig
Hoch Androgyn Feminin
Femininität Niedrig Maskulin Indifferent
Bereitschaft zu zivilcouragiertem Handeln 22
2.3.2. Gender als personseitige Voraussetzung für Zivilcourage
Nachdem geklärt wurde, was unter dem sozialen Geschlecht verstanden wird, soll nun der
Zusammenhang zur Moralorientierung aufgezeigt werden: Nach Scheele (2004) werden die
Moralorientierungen geschlechterspezifisch sozialisiert, d. h. „Jungen werden für ihre zukünftigen
Aufgaben in der Arbeitswelt in erster Linie gerechtigkeitsorientiert sozialisiert, Mädchen dagegen
für ihre zukünftigen Aufgaben im häuslich-privaten Bereich vor allem fürsorgeorientiert“ (S. 88).
Eine feminin sozialisierte Person sollte also fürsorgeorientierter und dadurch sensibler für Verstöße
gegen das Fürsorgeprinzip sein, während eine maskulin sozialisierte Person vice versa eher
Verstöße gegen das Gerechtigkeitsprinzip wahrnehmen wird. In der Untersuchung von Eggert,
Eschweiler, Jung, Lohweber und Nolte (1997) zeigte sich, dass Letzteres entgegen der theoretischen
Erwartung auch für androgyne Personen gilt. Da das Verstehen und Lösen von Fürsorgekonflikten
sich vom Verstehen und Lösen von Gerechtigkeitskonflikten unterscheidet, kommt es in der Folge
zu einer unterschiedlichen Informationsaufnahme und Verarbeitung: Während Jungen ein Denken
erlernen, das von konkreten Personen, persönlichen Beziehungen und aktuellen Kontexten
abstrahiert, erlernen Mädchen ein Denken, das auf konkrete Personen und deren aktuelle
Bedürfnisse sowie Lebenskontexte bezogen ist (vgl. Scheele, 2004, S. 88f.).
Dieses theoretische Postulat der geschlechtsabhängigen Moralerziehung wurde empirisch umfas-
send geprüft (zur Geschlechtsabhängikeit der Moralorientierung vgl. Baumrind, 1986; kritisch dazu
Broughton, 1983). Die Autorinnen Jaffee und Hyde (2000, zit. n. Scheele, 2004, S. 89) fassten
unzählige Einzeluntersuchungen in einer Analyse zusammen und kamen zu dem Schluss, dass die
Genderabhängigkeit nicht nachgewiesen werden konnte. In der Mehrzahl der analysierten Untersu-
chungen wurde aber der Zusammenhang zwischen Moralorientierung und biologischem Geschlecht
untersucht, weswegen die Behauptung der Autorinnen nicht auch für das soziale Geschlecht
Geltung beanspruchen kann. Dafür spricht auch, dass laut den Autorinnen beide (biologischen)
Geschlechter beide Moralorientierungen kennen und in Abhängigkeit vom Problemkontext verwen-
den. Dabei gibt es nach Scheele (l. c.) aber eine geschlechtertypische Voreinstellung in der Art, dass
die weibliche Sozialisation mehr auf die Fürsorgeorientierung und die männliche mehr auf die
Gerechtigkeitsorientierung ausgelegt ist. Diese Annahme wird durch verschiedene empirische
Untersuchungen gestützt (vgl. Scheele, 2004, S. 89f.). Scheele zieht das Fazit, dass „Frauen wie
Männer ...– in unserer Kultur – in beiden moralischen Werthaltungen sozialisiert [werden]; dabei
dominiert derzeit noch die Fürsorgeorientierung in der weiblichen und die Gerechtigkeitsorientie-
rung in der männlichen Sozialisation“. Vermutet werden kann also, dass die Moralorientierung
nicht geschlechtsabhängig, sondern genderabhängig sozialisiert wird
Im Zusammenhang mit zivilcouragiertem Handeln bedeutet dies nun Folgendes: Theoretisch
wäre zu erwarten, dass feminin sozialisierte Personen sowohl bei Verstößen gegen das Fürsorge-,
als auch bei Verstößen gegen das Gerechtigkeitsprinzip Anteil am Leid ihre Mitmenschen nehmen,
was eine moralische Empörung bei ihnen auslösen sollte, wodurch sich die Intention bilden sollte,
zivilcouragiert handelnd einzugreifen. Leider verschlechtert die feminine Sozialisierung gleichzeitig
die Wahrscheinlichkeit, diese Motivation auch in eine Handlung umzusetzen (zum Zusammenhang
zwischen Fürsorgeorientierung und Erfahren von Öffentlichkeit vgl. Day, 2000). Maskulin und
androgyn sozialisierte Personen hingegen sollten „nur“ sensibel für Verstöße gegen das Gerechtig-
keitsprinzip sein. Dafür dürften bei ihnen durch die maskuline Sozialisierung die Chancen besser
stehen, eine gebildete Intention in eine Handlung umzusetzen. In der Untersuchung von Eggert et
al. (1997) wurde dieser theoretisch vermutete Zusammenhang erstmals empirisch geprüft: Mit
einem Experiment wurde untersucht, wie sich die UV „Soziales Geschlecht“ in Interaktion mit der
UV „Moralthematischer Kontext“ auf die AV „Bereitschaft zu zivilcouragiertem Handeln“
Bereitschaft zu zivilcouragiertem Handeln 23
auswirkt. Die von Eggert et al. (1997) aufgestellten Hypothesen ließen sich zwar nicht bestätigen;
dennoch entsprachen die statistischen Trends der vorhergesagten Richtung. Außerdem zeigte sich in
einer Datenexploration, dass die in der Untersuchung zahlenmäßig überwiegend maskulinen und
androgynen Personen in gerechtigkeitsorientierten Kontexten eher zu zivilcouragiertem Handeln
bereit sind, als in fürsorgeorientierten (eine Aufarbeitung der Ergebnisse von Eggert et al. findet
sich in Scheele, 1999). Möglicherweise hätten die Hypothesen bestätigt werden können, wenn die
im Rahmen eines experimentalpsychologischen Praktikums entstandene Arbeit weniger methodi-
sche Mängel und Suboptimalitäten aufgewiesen hätte. Wenn alle oben genannten Sachverhalte
zusammengefasst werden, dann ergibt sich in Anlehnung an das Rubikon-Modell (vgl. Abb. 5)
folgendes theoretisches Motivationsschema:
Intentions-
bildung Intentions-
initiierung
wirkt positiv
wirkt nur
positiv bei
Gerechtigkeits-
konflikten
FEMININITÄT
MASKULINITÄT
Wahrnehmung einer
Konfliktsituation
durch eine Person
mit ZC-Kompetenz
Intentions-
desaktivierung
Bereitschaft zu ZC ZC-Handeln
Rubikon Intentions-
realisierung
wirkt negativ
wirkt positiv
Abb. 9: Motivationale Wirkung der Moralorientierung und des sozialen Geschlechts auf die Bereitschaft zu zivilcouragiertem
Handeln
Der vermutete Zusammenhang zwischen Gender, Moralorientierung und Zivilcourage soll nun im
Rahmen dieser Arbeit – in Anlehnung an die Untersuchung von Eggert et al. – erneut überprüft
werden, wobei einerseits auf eine Verbesserung der Forschungsmethodik geachtet und andererseits
eine weitere Variable in die Untersuchung mit aufgenommen werden soll: die
Angstbewältigungsstrategien.
2.4. Ängstlichkeit
Nach Scheele und Kapp (2002, S. 10) ist das Spannungsverhältnis zwischen dem Bedürfnis, soziale
Missstände aus der Welt zu schaffen, und dem Bedürfnis nach eigener physischer und psychischer
Unversehrtheit ein prototypisches Merkmal zivilcouragierten Handelns. Für den Mut, der beim
zivilcouragierten Handeln benötigt wird, lassen sich nach Szagun (1990, zit. n. Scheele, 1999)
„folgende psychologische Merkmale ansetzen: die Überwindung von Angst, das Eingehen eines
Risikos sowie das subjektive Bewusstsein in Bezug auf das Risiko“ (S. 46). Bei den Subjektiven
Theorien zum empirischen Bereich (vgl. Abb. 2) finden diese Merkmale ihre Entsprechung in den
Persönlichkeitsmerkmalen „Konfliktbereitschaft“ sowie „Selbstbewusstsein“. Es wäre daher zu
erwarten, dass (sozial) wenig ängstliche Menschen ihre Ängste bzw. ihre innere Hemmschwelle
leichter überwinden und somit eher eingreifen, als (sozial) ängstliche Menschen. Um den Zusam-
menhang zur Angst exakt abbilden zu können, soll im Folgenden kurz der Stand der Angstfor-
schung aufgezeigt werden, um im Anschluss das aktuelle Modell der Bewältigungsmodi von
Bereitschaft zu zivilcouragiertem Handeln 24
Krohne zu erläutern. Danach soll der Bezug zwischen diesem Modell und Zivilcourage hergestellt
werden.
2.4.1. Handlungstheoretische Ängstlichkeitstheorien
Bei den Ängsten kann zum einen zwischen „normalpsychologischen“ Phänomenen und „abnormen“
Ängsten (Phobien, Panikattacken usw.) und zum anderen zwischen der Angst als Zustand (engl.:
state) und der Angst als Persönlichkeitsmerkmal (engl.: trait) unterschieden werden (vgl. Krohne,
1996a, S. 4f.). Wie oben bereits erläutert, interessiert für den hier zu untersuchenden Zusammen-
hang vor allem die Angst als Persönlichkeitsmerkmal (bzw. „Motiv“). Da es sich bei Zivilcourage-
Situationen um „echte“ Gefährdungssituationen handelt, kann außerdem der Bereich der „abnor-
men“ Ängste vernachlässigt werden. Es verbleibt somit die Angst als Persönlichkeitsmerkmal im
normalpsychologischen Bereich, für die nach Krohne (o. c.) meist der Begriff „Ängstlichkeit“
verwendet wird. Krohne (o. c.) definiert Ängstlichkeit als „intraindividuell relativ stabile, aber
interindividuell variierende Tendenz (trait), Situationen als bedrohlich wahrzunehmen und hierauf
mit einem erhöhten Angstzustand zu reagieren (vgl. Spielberger, 1972)“ (S. 7). Vom Konstrukt
„Furcht“ grenzen die meisten Forscher die Angst dadurch ab, dass Furcht eher ein Flucht- bzw.
Vermeidensmotiv ist, während Angst eher das Motiv ist, weitere Informationen über bedrohungs-
relevante Situations- und Verhaltensaspekte zu suchen (vgl. Krohne, 1996a, S. 9). Bei der Ängst-
lichkeit wurden bereits verschiedene Formen untersucht, die sich hinsichtlich der Angstursache
grob in selbstwertbedrohende und physisch bedrohliche Situationen unterteilen lassen. ZC-Situatio-
nen dürften in beide Kategorien fallen, da hier sowohl ein Bedürfnis nach physischer als auch nach
psychischer Unversehrtheit besteht (vgl. Scheele, 2004, S. 86).
Es wird angenommen, dass Menschen verschiedene Strategien nutzen (können), um ihre Ängste
in bedrohlichen Situationen zu bewältigen. Krohne (1996a) definiert Angstbewältigung als „jene
kognitiven oder verhaltensmäßigen Maßnahmen, die darauf ausgerichtet sind, die Quelle einer
Bedrohung zu kontrollieren und den durch diese Quelle ausgelösten emotionalen Zustand mit
seinen verschiedenen (somatischen und kognitiven) Komponenten zu regulieren“ (S. 80). Wie beim
Androgynitätskonzept wurde dabei anfangs – im Rahmen des Konstrukts „Repression-Sensitiza-
tion“ – von einer Eindimensionalität der Strategien ausgegangen, während es später – im Rahmen
des Modells der Bewältigungsmodi – zur Annahme einer Zweidimensionalität kam. Da die neueren
Modelle aber mehr oder weniger auf dem alten basieren, soll zuerst das ursprüngliche Konstrukt
erläutert werden und im Anschluss das „verbesserte“ Modell der Bewältigungsmodi.
Repression-Sensitization
Nach Krohne (1996b, S. 153f.) ist „Repression-Sensitization ... ein zentrales persönlichkeitspsy-
chologisches Konstrukt im Rahmen der Stress- bzw. Angstbewältigungsforschung. Es bezeichnet
die variable Tendenz von Personen, ihre Aufmerksamkeit einem potentiell angstauslösenden Sach-
verhalt zuzuwenden (Sensitization) bzw. diese von ihm abzuziehen (Repression)“. Das Konstrukt
geht nach Krohne (l. c.) auf zwei Traditionen zurück: eine „wahrnehmungspsychologische“ und
eine „klinische“. Während die erste zum Ziel hatte, die Wirksamkeit von Personmerkmalen in
Prozessen der Wahrnehmung, des Erinnerns oder Denkens nachzuweisen, wurde von der zweiten
angenommen, dass es Abwehrmechanismen zur Angstreduzierung gibt, um das psychoanalytische
„Ich“ vor dem „Es“ zu schützen. Die Verbindung beider Ansätze führte nach Krohne (o. c., S. 155)
zu der Auffassung, dass sich Angst entweder durch die Vermeidung gefahrbezogener Reize
(Represser) oder durch verstärkte Aufmerksamkeit (Sensitizer) reduzieren lässt. Da beide Strategien
Bereitschaft zu zivilcouragiertem Handeln 25
sich nach dieser Konzeption gegenseitig ausschließen, handelt es sich um ein eindimensionales
Konstrukt mit zwei Polen. Neuere Modelle konzipieren die beiden Verhaltensformen außerdem als
Oberstrategien, die aus unterschiedlichen Strategien bestehen (z. B. „Ablenkung vom bedrohlichen
Reiz“ im Fall von Repression), die wiederum in Akte aufgeteilt werden können (z. B. Alkohol
trinken, um sich abzulenken), welche schließlich aus einzelnen Reaktionen bestehen (vgl. Krohne &
Egloff, 1999, S. 12). Das Konstrukt setzt also nicht auf der Ebene des beobachtbaren Verhaltens an,
sondern stellt eine Abstraktion auf höchster Ebene dar. Zur Messung des Persönlichkeitsmerkmals
setzte sich nach Krohne (1996b) „die 1961 von Byrne vorgelegte ‚Repression-Sensitization’-(R-S-
)Skala [durch], die aus Items der MMPI-Skalen ‚Depression’, ‚Psychasthenie’, ‚Welsh Anxiety’,
‚Hysterie’ sowie der Kontrollskalen K und L gebildet wurde“ (S. 157).
Kritik trat nach Krohne (o. c.) am R-S-Konzept auf, als eine „große Zahl von Studien keine oder
nur schwache Assoziationen zwischen der R-S-Skala und theoretisch relevanten Verhaltensindika-
toren nachweisen konnten“ (S. 160). Zwei Kritikpunkte (vgl. Krohne, 1996b, S. 160ff.) bezogen
sich auf das Messinstrument