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Maria von Salisch, Oliver Hormann, Peter Cloos, Katja Koch, Claudia Mähler (Hrsg.) (2021). Fühlen Denken Sprechen. Alltagsintegrierte Sprachbildung in Kindertageseinrichtungen

Authors:
Rezension
Diskurs Kindheits- un d Jugendforschung/
Discourse. Journal of Childhood and Adolescence Research Heft 3-2022, S. 397-399 https://doi.org/10.3224/diskurs.v17i3.11
Maria von Salisch, Oliver Hormann, Peter Cloos, Katja Koch, Claudia
Mähler (Hrsg.) (2021). Fühlen Denken Sprechen. Alltagsintegrierte
Sprachbildung in Kindertageseinrichtungen
Rezension von Kristina Schierbaum
Die Expertise „Bildung durch Sprache und Schrift“ (kurz BiSS), eine Bund-Länder-
Initiative zur Sprachförderung, Sprachdiagnostik und Leseförderung, fokussierte in der
ersten Projektphase (2013-2018) u.a. auf Maßnahmen im Elementarbereich, um die all-
tagsintegrierte Förderung von Sprache voranzubringen und zu optimieren. Das interdis-
ziplinäre Längsschnittprojekt „Professionalisierung alltagsintegrierter sprachlicher Bil-
dung bei ein- und mehrsprachig aufwachsenden Kindern Fühlen Denken Sprechen
(kurz FDS) ist ein BiSS-Entwicklungsprojekt, das mit dem Ziel angetreten war, eine Fort-
bildung für frühpädagogische Fachkräfte zu entwickeln, die das Emotions- und Sachwis-
sen von Kindern über drei Jahren im Bereich der Naturwissenschaft in den Blick nimmt.
Daneben galt es, auch die Wirksamkeit der FDS-Fortbildung zu evaluieren.
Unter der Überschrift „Fühlen Denken Sprechen Alltagsintegrierte Sprachbildung
in Kindertageseinrichtungen“ ist nun der siebte Band der Schriftenreihe Sprachliche Bil-
dungerschienen. Es handelt sich um einen Sammelband der Herausgeber:innen Maria
von Salisch, Oliver Hormann, Peter Cloos, Katja Koch, Claudia Mähler und weitere:r Au-
tor:innen, der zum ersten Mal alle wesentlichen Erkenntnisse und Ergebnisse von FDS im
Detail und nicht nur als Einzelbefunde präsentiert und zusammenfasst.
Bei FDS handelt es sich um eine Fortbildungsreihe, die (und das ist ein Novum) nicht
nur bestimmte Sprachlehrstrategien trainiert, sondern die alltagsintegrierte Sprachförde-
rung mit Entwicklungsgelegenheiten sowohl für das wissenschaftliche Denken (Sprechen
über die Sprachwelt) als auch für das Emotionswissen (Sprechen über die Innenwelt) der
Kinder verknüpft (S. 7). Es ist zu betonen, dass es sich nicht um ein weiteres additives
Trainingsprogramm für Kinder mit besonderen Sprachförderbedürfnissen handelt. Viel-
mehr wird auf eine Veränderung des Gesprächsverhaltens der pädagogischen Fachkräfte
im Alltag gesetzt (S. 172), um in der Kindertagesstätte alle Kinder in ihrer Sprachent-
wicklung zu unterstützen.
Der vorliegende Band stellt in 13 Kapiteln die zentralen Bausteine und Erkenntnisse
der FDS-Intervention und ihre Evaluation vor: Im ersten Teil werden nicht nur wesentli-
Maria von Salisch, Oliver Hormann, Peter Cloos, Katja Koch, Claudia Mähler (Hrsg.)
(2021). Fühlen Denken Sprechen. Alltagsintegrierte Sprachbildung in Kindertagesein-
richtungen. Münster, New York: Waxmann. 196 Seiten, ISBN: 978-3-8309-4302-0.
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che Prinzipien und Voraussetzungen im Feld der sprachlichen Bildung und Förderung im
Elementarbereich nachgezeichnet und die ihnen zugrundeliegenden theoretischen An-
nahmen herausgearbeitet, sondern auch die theoretischen Grundlagen und empirischen
Evidenzen zur Entwicklung des wissenschaftlichen Denkens in der frühen Kindheit wie
auch die Wechselbeziehung von wissenschaftlichem Denken und Sprache sowie Sprache
und Emotionswissen aufgezeigt. Außerdem werden der konzeptionelle Aufbau und die
Durchführung der aus sechs Modulen bestehenden FDS-Fortbildung vorgestellt. Der
zweite Teil des Bandes informiert über die theoretischen Grundlagen der Evaluation, die
Stichprobe und die Evaluation durch ein Kontrollgruppendesign.
Daneben werden auch die Ergebnisse in Hinblick auf die pädagogischen Fachkräfte
vorgestellt. Sie basieren u.a. auf der quantitativen Analyse von Sprachlehrstrategien und
Dialogmustern sowie der qualitativen Untersuchung pädagogischer Interaktionen im
Rahmen videografierter „Mahlzeiten“ und „Bilderbuchbetrachtungen“. Die Videoauf-
nahmen wurden in Anlehnung an die Videoanalysen der Dokumentarischen Methode
nach Bohnsack (2009) und Nentwig-Gesemann und Nicolai (2017) sowie ausgewählten
Schritten der erziehungswissenschaftlichen Videografie nach Dinkelaker und Herrle
(2009) ausgewertet (S. 102).
Der dritte Teil umfasst die Evaluation auf Kinderebene und deren Ergebnisse. Ziel
war es, die Auswirkung der FDS-Intervention auf die Entwicklung der Sprache, des wis-
senschaftlichen Denkens und des Emotionswissens zu untersuchen. Die Stichprobe be-
stand aus 280 Kindern (143 Jungen, 137 Mädchen), die zum ersten Messzeitpunkt zwi-
schen drei und vier Jahre alt waren. Insgesamt wurden dreizehn verschiedene (standardi-
sierte) Messinstrumente und (vom Projektteam entwickelte) Aufgaben bzw. Aufgabenva-
rianten eingesetzt.1 Um bspw. einen Lernzuwachs auf Seiten der Kinder zu dokumentie-
ren und deren Sprachstand zu erfassen, wurde zu allen drei Messzeitpunkten der PPVT-4
(Dunn & Dunn, 2005; dt. Lenhard et al., 2015), AWST-R (Kiese-Himmel, 2005) und
SETK 3-5 (Grimm et al., 2015) durchgeführt. Die Auswertungen zeigten, dass sich das
Alter der Kinder und der Zeitpunkt der Sprachstandserhebung, der Bildungshintergrund
der Eltern wie auch Ein- und Mehrsprachigkeit auf die Sprachentwicklung auswirken. Ge-
rade Kinder, die mehrsprachig aufwachsen oder deren Eltern über einen niedrigeren Bil-
dungshintergrund verfügen, profitieren bspw. in Hinblick auf den Wortschatzerwerb und
das Satzverständnis von einer alltagsintegrierten Sprachbildung, wie sie im Rahmen der
Fortbildungsreihe FDS den Fachkräften vermittelt wurde.
Den Abschluss des Bandes bildet ein Fazit, in dem neben Chancen auch die Grenzen
alltagsintegrierter Sprachförderung kritisch diskutiert werden.
Um die Anlage der FDS-Konzeption und die Evaluation sowie deren Befunde nach-
vollziehen und verstehen zu können, stehen die einzelnen Kapitel in Verbindung zueinan-
der und bauen aufeinander auf. Die logische Gliederung unterstützt die Leser:innenschaft,
sich in Bezug auf einzelne Aspekte im Band zurechtzufinden. Am Ende eines jeden Kapi-
tels erfolgt von den Autor:innen zumeist eine Zusammenfassung oder Diskussion, was
hilfreich ist, da die Fülle und Differenziertheit der quantitativen und qualitativen Daten-
analyse beeindruckt und die Präsentation der Ergebnisse sehr dicht ist. Die Sprache ist
klar, aber aufgrund vieler statistischer Fachbegriffe und Ausführungen auch sehr an-
spruchsvoll.
Insgesamt gelingt es den Autor:innen sehr gut, zentrale theoretische Aspekte des
Spracherwerbs und der Sprachunterstützung im Elementarbereich vorzustellen und für
den Zusammenhang von Sprache und wissenschaftlichem Denken wie auch Sprache und
Diskurs Kindheits- und Jugendforschung Heft 3-2022, S. 397-399 399
Emotionswissen zu sensibilisieren. Außerdem wurde eine neue wie innovative Fortbil-
dungsreihe (mit einem Fokus auf mehrsprachig aufwachsende Kinder) theoriegeleitet
entwickelt, durchgeführt und sorgfältig wie umfassend evaluiert (S. 126), die zur Profes-
sionalisierung des pädagogischen Handelns im Elementarbereich beiträgt. Die FDS-
Fortbildungsreihe grenzt sich eindeutig von additiven Sprachfördermaßnahmen ab und
ergänzt die alltagsintegrierte Sprachbildung um kognitive wie emotionale Entwicklungs-
aspekte (S. 171). Zudem und auch das ist nicht selbstverständlich bietet die Anlage
der Studie die Möglichkeit, Veränderungen von pädagogischen Fachkräften im Hinblick
auf ihre Praxis alltagsintegrierter Sprachbildung (ihr Sprachförderhandeln) mit den Ver-
änderungsprozessen bei den Kindern (Fortschritte in Bezug auf das Sprachwissen, Sach-
wissen und Emotionswissen) im Rahmen weiterer Analysen in Beziehung zu setzen.
Anmerkung
1 Sprachentwicklungstest für Kinder (SETK 3-5); Peabody Picture Vocabulary Test (PPVT-4), Akti-
ver Wortschatztest für 3- bis 5-jährige Kinder (AWST-R), Skala zur Erfassung des Emotionswissens
(Test of Emotion Comprehension), Adaptiver Test des Emotionswissens (ATEM), Intelligence and
Development Scales Preschool (IDS-P); Head Toes Knees Schoulder Test (HTKS), Kaugummiauf-
gabe, Fantasietiereaufgabe, Theory of Mind-Skala, Bielefelder Screening zur Früherkennung von
Lese-Rechtschreibschwierigkeiten (BISC) und Coloured Progressive Matrices (CPM).
Literatur
Dunn, Lloyd M. & Dunn, Douglas M. (2005). Peabody Picture Vocabulary Test (4th edition). Frankfurt
a.M.: Pearson.
Grimm, Hannelore, Aktaş, Maren & Frevert, Sabine (2015). SETK 3-5. Sprachentwicklungstest für drei-
bis fünfjährige Kinder. Diagnose von Sprachverarbeitungsfähigkeiten und auditiven Gedächtnisleis-
tungen. Göttingen: Hogrefe.
Kiese-Himmel, Christiane (2005). AWST-R. Aktiver Wortschatztest für 3- bis 5-jährige Kinder Revisi-
on. Weinheim: Beltz Test.
Lenhard, Alexandra, Lenhard, Wolfgang, Segerer, Robert & Suggate Sebastian (2015). Peabody Picture
Vocabulary Test. 4. Ausgabe. Göttingen: Hogrefe.
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AWST-R. Aktiver Wortschatztest für 3- bis 5-jährige Kinder - Revisi-on
  • Christiane Kiese-Himmel
Kiese-Himmel, Christiane (2005). AWST-R. Aktiver Wortschatztest für 3-bis 5-jährige Kinder -Revision. Weinheim: Beltz Test.