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Die Flutkatastrophe im Juli 2021 Ein Jahr danach: Aufarbeitung und erste Lehren für die Zukunft

Authors:
  • German Committee for Disaster Reduction - DKKV
Die Flutkatastrophe
im Juli 2021 in Deutschland
Ein Jahr danach: Aufarbeitung
und erste Lehren für die Zukunft
Deutsches Komitee Katastrophenvorsorge e.V.
62
DKKV-Schriftenreihe
Die Flutkatastrophe im Juli 2021 in Deutschland
Ein Jahr danach: Aufarbeitung und erste Lehren für die Zukunft
Impressum
Herausgeber: Deutsches Komitee Katastrophenvorsorge e.V. (DKKV)
Geschäftsstelle: Kaiser-Friedrich-Str.13
D 53113 Bonn
Tel: 0228 / 26 199 570
Fax: 0228 / 26 199 571
www.dkkv.org
Projektleitung: Benni Thiebes, Ronja Winkhardt-Enz, Isabelle Kleeschulte
Dank: Wir bedanken uns bei Janos Bogardi und Zbigniew W. Kundzewicz
für die sorgfältige Begutachtung des Berichts in seiner englischen
Version, sowie Reimund Schwarze und Martin Voss für die hilfreiche
Kommentierung dieser Ausgabe der DKKV Schriftenreihe.
Des Weiteren danken wir allen Teilnehmenden der Expert:innen-
delegation vom September 2021, ohne die diese Ausgabe der
Schriftenreihe nicht zustande gekommen wäre.
Bildnachweis: Von oben nach unten, von links nach rechts
Alexander Fekete, Janos Bogardi, Rhein-Erft-Kreis, Michael Dietze
Zitation: DKKV (Hrsg., 2022): Die Flutkatastrophe im Juli 2021 in Deutschland.
Ein Jahr danach: Aufarbeitung und erste Lehren für die Zukunft.
DKKV-Schriftenreihe Nr. 62, Bonn
Hinweis: Der Hauptbericht ist eine übersetzte und leicht abgeänderte Version
des Beitrags The July 2021 ood disaster in Germany” von W. Kron,
R. Bell, B. Thiebes & A.H. Thieken im 2022 HELP Global Report on Water
and Disasters, herausgegeben vom Sekretariat des High-level Experts
and Leaders Panel on Water and Disasters (HELP), c/o GRIPS 7-22-1
Roppongi Minato-ku Tokyo 106-8677 Japan; www.wateranddisaster.org
Design: Bassim Hashim – Satz und Logo – info@satzundlogobonn.de
Druck: Bonndruck 24 – In den Tannen 27 – 53757 Sankt Augustin
Auage: Bonn, Deutschland | August 2022 I 2. überarbeitete Auage
ISBN online: 978-3-933181-72-5
ISBN Druck: 978-3-933181-71-8
Alle Rechte des Herausgebers und der Autoren vorbehalten
© Deutsches Komitee Katastrophenvorsorge e.V. 2022
3
Die Flutkatastrophe im Juli 2021 in Deutschland
Inhaltsverzeichnis
Abbildungs- und Tabellenverzeichnis...................................................
Übergeordnete Lehren aus der Flutkatastrophe 2021.................................
Vorwort Katja Dörner.....................................................................
Vorwort Cornelia Weigand...............................................................
Vorwort Kenzo Hiroki.....................................................................
Einleitung..................................................................................
Die Flutkatastrophe im Juli 2021 in Deutschland
Zusammenfassung...................................................................
1 Das auslösende Wetterereignis
1.1 Hydro-meteorologischer Kontext......................................................
1.2 Die betroenen Gebiete..............................................................
1.3 Klimatologischer Kontext.............................................................
1.4 Die Rolle des Klimawandels ...........................................................
2 Die Flutkatastrophe
2.1 Abüsse und Wasserstände ...........................................................
2.2 Historischer Kontext..................................................................
2.3 Folgen und Schäden...................................................................
2.4 Bemerkenswerte Vorkommnisse........................................................
2.5 „Bernds” Platz in der Statistik...........................................................
3 Katastrophenhilfe
3.1 Wettervorhersage und Frühwarnung in Deutschland....................................
3.2 Warnverfahren.......................................................................
3.3 Vorhersage und Frühwarnung bei den Überschwemmungen im Juli 2021.................
4 Lehren für das Katastrophenmanagement
4.1 Gestörte Warnwege und individuelles Verhalten........................................
4.2 Gelernte und noch zu lernende Lektionen..............................................
5 Vorsorge, Schutz und bauliche Aspekte
5.1 Wie haben die bestehenden Systeme ihre Aufgaben erfüllt?.............................
5.2 Hochwasservorsorge – was ist zu tun?.................................................
5.3 Katastrophenvorsorge und Katastrophenmanagement..................................
5.4 Hochwasserversicherung.............................................................
6 Wiederaufbau und künftige Maßnahmen
6.1 Nationaler Wiederaufbauplan........................................................
6.2 Grundsätze und Besonderheiten des Wiederaufbaus...................................
6.3 Forschungsprojekte zur Resilienz.....................................................
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4Die Flutkatastrophe im Juli 2021 in Deutschland
7 Schlussfolgerungen
7.1 Für die Katastrophe verantwortliche Faktoren...........................................
7.2 Bauvorsorge und Hochwasserrisikomanagement........................................
7.3 Frühwarnung und Verhalten...........................................................
7.4 Raumplanung........................................................................
Zusammenfassung der Aktivitäten zur Aufarbeitung der Flutkatastrophe..........
Referenzen................................................................................
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Die Flutkatastrophe im Juli 2021 in Deutschland
Abbildungsverzeichnis
Abb. 1: Verfügbarer Bodenwasserspeicher (mm) in den obersten 60 cm unter Grünland
am 12. Juli 2021 (DWD 2021)
Abb. 2: 72-Stunden-Niederschlag in Deutschland vom 12. Juli 2021, 5:50 UTC bis 15. Juli 2021,
5:50 UTC (verarbeitet von R. Bell aus RADOLAN-Daten des DWD (kombinierte Radar-
und Stationsdaten))
Abb. 3: Niederschlagsanalyse auf der Grundlage von 72-stündigen hydro-meteorologischen
Rasterdaten vom 12. bis 14. Juli 2021 (links) und 16. bis 18. Juli 2021 (rechts) (DWD 2021)
Abb. 4: 24-Stunden-Niederschlag im Katastrophengebiet in Westdeutschland vom 14. Juli 2021,
5:50 UTC bis 15. Juli 2021, 5:50 UTC (verarbeitet von R. Bell aus RADOLAN-Daten des DWD
(kombinierte Radar- und Stationsdaten))
Abb. 5: Kumulierte Niederschläge in der Woche vom 11. bis 17. Juli 2021 in Europa als Prozentsatz
der Mittelwerte von 1982-2010 (DWD 2021)
Abb. 6: Lage der Orte im Ahrtal (European Environment Agency EEA)
Abb. 7a: An das Hochwasser von 1804 erinnert eine Inschrift „Ten 21 Julius a(nno) 1804 hat tie ar
gestanten so hoch alhir Emmericus Lejihs” - „(An) dem 21. Juli 1804 hat die Ahr hier so hoch
gestanden. Emmericus Lejihs (Eigentümer)”. An das Jahr 1910 erinnert die Tafel
„Hochwasserstand 13.06.1910” (Fotos A. Fekete)
Abb. 7b: Wasserstandsmarken in Walporzheim: Die Marke von 1910 liegt etwa 50 cm über dem
Bodenniveau; die Marke von 1804 liegt 1,7 m und die Marke von 2021 3,5 m über dem
Hochwasserstand von 1910 (Foto A. Fekete)
Abb. 8: Ansammlung von Treibgut (Verklausung) an einer Brücke bei Altenahr (DLR 2021)
Abb. 9: Scheitelabüsse in der Ahr und ihren Zuüssen (aus Roggenkamp & Herget (2022), DGM:
Landesvermessungsamt Rheinland-Pfalz)
Abb. 10: Bad Neuenahr: Die Flut kam plötzlich und mit großer Geschwindigkeit und Macht in der
Nacht; den Menschen blieben nur wenige Minuten, um ihr Leben zu retten; einige
ertranken beim Versuch, Wertgegenstände in Sicherheit zu bringen. (Foto J. Bogardi)
Abb. 11: Zerstörte Brücke in Bad Neuenahr-Ahrweiler (Foto P. Ruland)
Abb. 12: Lage von Campingplätzen im Ahrtal und in Seitentälern (Abussdaten: Roggenkamp & Herget
(2022), DGM: Landesvermessungsamt Rheinland-Pfalz)
Abb. 13: Jährliche Gesamtschäden (in Werten von 2018) aus „reinen” Hochwasserereignissen und
Schäden aus Überschwemmungen bei schweren konvektiven Stürmen (SCS) in Deutschland
1980-2021 (Kron et al. 2019 überarbeitet, Schäden 2019-2021 sind geschätzt)
Abb. 14: Überschwemmte Bereiche während des Hochwassers im Juli 2021 und neu berechnetes –
vorläuges – 100-jährliches Überschwemmungsgebiet nach dem Hochwasser
(R. Bell basierend auf SGD Nord 2021)
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Tabellenverzeichnis
Tabelle 1: Denitionen des Deutschen Wetterdienstes (DWD) für „Starkregen” (DWD 2022);
die Warnung wird in drei durch Schwellenwerte denierte Stufen eingeteilt.
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6Die Flutkatastrophe im Juli 2021 in Deutschland
Übergeordnete Lehren aus
der Flutkatastrophe 2021
Benni Thiebes und Melanie Schwarz
Ein zentraler Aspekt von Resilienz ist die Fähigkeit
zu lernen, sich anzupassen und weiterzuentwickeln.
In diesem Sinne müssen Krisen- und Katastrophen-
ereignisse aufgearbeitet werden, um sich für zu-
künftige Ereignisse besser aufstellen zu können.
Die Aufarbeitung der Flutkatastrophe durch unter-
schiedliche Akteure aus Wissenschaft, operativer
Praxis, Politik und Zivilgesellschaft hat eine Viel-
zahl von Deziten sichtbar gemacht und Lehren
hervorgebracht (siehe Seite 45). Diese sollten
zum jetzigen Zeitpunkt nicht als lessons-learned,
sondern vielmehr als lessons identied oder lessons
to learn bezeichnet werden. Die identizierten
Dezite und daraus abgeleiteten Empfehlun-
gen für Verbesserungen allein sind noch nicht
mit einer Verbesserung und einem intensiven
Lernprozess gleichzusetzen. Hierzu bedarf es
einer Überführung in institutionelles Wissen und
Handeln. Dieser Prozess hat zweifellos begonnen,
ist aber noch lange nicht abgeschlossen. Wei-
terhin muss berücksichtigt werden, dass noch
nicht alle Aufarbeitungsprozesse beendet sind.
Verschiedene Untersuchungsausschüsse arbeiten
derzeit noch intensiv an der Aufarbeitung der
Ereignisse. Weiterhin stehen ausführliche Auswer-
tungen und Evaluierungen der Einsätze durch
die operative Praxis aus, u. a. durch das Techni-
sche Hilfswerk (THW), die Hilfsorganisationen
und durch die Vereinigung zur Förderung des
Deutschen Brandschutzes e.V. (vfdb). Auch von
der Wissenschaft und der (Rück-)Versicherungs-
branche sind bislang nicht alle Untersuchungen
abgeschlossen und publiziert.
Dementsprechend sind die hier zusammenge-
stellten übergeordneten Handlungsempfehlun-
gen nicht als abschließend zu verstehen und eine
Ausweitung ist in den kommenden Monaten und
Jahren zu erwarten.
Die im Folgenden zusammengestellten zwölf
Handlungsempfehlungen fassen einige zentrale
lessons to learn aus einer übergeordneten Per-
spektive zusammen. Diese Empfehlungen sind
das Ergebnis der Auswertung der unterschiedli-
chen Stellungnahmen, Berichte, Forschungs-
arbeiten und Aktivitäten (siehe Seite 45) sowie
des aktiven Austauschs im Rahmen von Fachge-
sprächen, Tagungen, Workshops und Diskussio-
nen mit Expert:innen aus Wissenschaft, operati-
ver Praxis und Politik.
Grundsätzlich sind die meisten der zusammen-
gestellten Lehren nicht neu und wurden bereits
in der Vergangenheit in ähnlicher Form festge-
halten. Dennoch veranschaulichte die Flutkata-
strophe, wie aktuell und relevant diese Erkennt-
nisse nach wie vor sind.
1. Stärkung der Risikowahrnehmung und
Förderung einer positiven Risikokultur
Um in Krisen angemessen reagieren zu können,
ist es notwendig, Risiken vorausschauend ein-
schätzen zu können. Dafür sind eine Entwicklung
der gesellschaftlichen Risikowahrnehmung und
eine proaktive Risikokultur, die nicht nur häug
wiederkehrende, sondern auch seltene und
singuläre Ereignisse bedenkt, notwendig. Lokale
Risiken sind der jeweils örtlichen Bevölkerung
jedoch oftmals unbekannt, werden unterschätzt
oder verdrängt und auch professionelle Akteure
des Risikomanagements schätzen Schadenspoten-
ziale in einer sich dynamisch und intransparent
entwickelnden Lage oft nicht adäquat ein.
Daher ist es notwendig, Strategien und konkrete
Aktivitäten zu entwickeln, um in einem positiven
Rahmen über Risiken und den Umgang mit ihnen
zu sprechen. So kann eine oene Kommunika-
tion über potenzielle Gefahren und dadurch eine
bessere Risikowahrnehmung erzielt werden.
2. Verbesserung der Risikokommunikation
Eine sachliche und unaufgeregte Risikokommu-
nikation stellt eine zentrale Grundlage für eine
erfolgreiche Krisenkommunikation und eine e-
ziente Reaktion der Bevölkerung im Krisen- oder
Katastrophenfall dar. Dazu müssen Risiken ganz-
heitlich, d. h. unter Berücksichtigung der Gefahr,
der Vulnerabilitäten wie auch der bestehenden
oder fehlenden Schutzkapazitäten fortlaufend und
transparent kommuniziert werden. So kann das
Risikobewusstsein in der Bevölkerung geschärft,
die Risikowahrnehmung aufrechterhalten und ein
angemessener Umgang mit Risiken erreicht wer-
den. Hierbei sollten nicht nur häug auftretende
Ereignisse, wie z. B. ein 10-jährliches Hochwasser,
sondern auch historische Extremereignisse be-
rücksichtigt werden. Durch zielgruppengerechte
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Die Flutkatastrophe im Juli 2021 in Deutschland
und attraktive Formate kann die Selbstwirksam-
keit jedes Einzelnen in den Vordergrund gestellt
werden. Hierzu gibt es zahlreiche Ideen. Bei Dorf-
oder Stadtfesten könnten beispielsweise histori-
sche Hochwasserstände mit Luftballons markiert
werden, um dadurch Gefahren zu verdeutlichen.
Für ein positives Framing sollten nicht die Schäden
und Verluste in den Vordergrund gestellt werden,
sondern stattdessen die erfolgreiche Bewältigung
der Krise oder die gesellschaftliche Solidarität im
Katastrophenfall. Weiterhin könnten Hochwasser-
marken an Bushaltestellen oder Lichtmasten ange-
bracht werden. In jedem Fall ist Risikokommunika-
tion gesamtgesellschaftlich zu denken. Dies kann
vom Kindergarten über Schulen und Universitäten
bis hin zu Fernsehwerbelmen reichen.
3. Fokus auf Vorsorge
Zahlreiche Studien zeigen, dass Vorsorge kosten-
ezienter ist als Nachsorge. Vorsorge ist jedoch
nicht nur Aufgabe der Politik und der Verwaltung,
sondern muss auch von der Bevölkerung selbst
umgesetzt werden. Dazu zählt z. B. persönliche
Dokumente sicher zu lagern, einen Notfallruck-
sack vorzubereiten, Schutzmaßnahmen für das
Eigenheim zu prüfen und ggf. zu installieren
sowie Warn-Apps zu nutzen. Zusätzlich können
Versicherungen z. B., durch vergünstigte Prämien
Anreize für die Vorsorge setzen und zudem einen
zügigen Wiederaufbau unterstützen. All diese
Empfehlungen sind nicht neu. Zentral ist hier-
bei, den Fokus auf Vorsorge mit einer eektiven
Risikokommunikation zu verbinden, damit die
bekannten Maßnahmen auch praktisch umge-
setzt werden.
4. Verbesserung von Risikoanalysen
Die vorhandenen Gefahren- und Risikokarten
schätzten die Lage für die Flutkatastrophe falsch
ein und deckten nicht die real betroenen Gebie-
te ab. Dies ist u. a. durch die fehlende Berücksich-
tigung historischer Extremereignisse begründet.
Lokal führten zudem die Verklausungen an
Brücken und Ablagerungen von Geschiebe zu
höheren Hochwasserständen als erwartet, da
diese Interaktion zwischen dem Hochwasser und
der Infrastruktur nicht hinreichend in Risikoanaly-
sen berücksichtigt wurde. Auch weitere Kaska-
deneekte, wie Erosionsrisiken, müssen beachtet
werden. Es besteht also zweifellos Handlungs-
bedarf, Risikoanalysen umfassend zu modellie-
ren und diese regelmäßig zu prüfen. Daneben
müssen Risikoanalysen besonders vulnerable und
im Katastrophenfall auf Hilfe angewiesene Perso-
nengruppen berücksichtigen und eine Grund-
lage für die Planung von Evakuierungen darstel-
len. Zudem können bessere Risikoanalysen die
Risikowahrnehmung nachhaltig stärken und eine
bessere Planung von Maßnahmen ermöglichen.
5. Mehr Raum für Flüsse
und Wasserrückhaltung
Die weiträumige Versiegelung von Flächen und
fehlende Rückhaltebecken verstärken den Ober-
ächenabuss und führen zu schnelleren An-
stiegen von Pegeln sowie zu insgesamt höheren
Pegelständen. Durch z. B. blau-grüne Infrastruk-
turen kann nach dem Prinzip der Schwammstadt
der Abuss von Niederschlagswasser verringert
und verzögert werden. Auch Hochwasserrück-
haltebecken können große Mengen an Nieder-
schlagswasser zwischenspeichern und damit die
Scheitel einer Hochwasserwelle senken. Natur-
basierte Lösungen, wie die Speicherung von
Wasser in Auen und Poldern, sind bei der Hoch-
wasserschutzplanung stärker zu berücksichtigen.
Flussbegradigungen hingegen können einen
schnelleren Abuss bedingen und dadurch die
Hochwassergefahr erhöhen. Gleichzeitig sollte
diskutiert werden, inwiefern Vorgaben zur Land-
nutzung einer Anpassung bedürfen und in eini-
gen Gebieten ein Siedlungsrückzug angemessen
ist. Es ist zudem notwendig, neben historischen
Großereignissen auch die zu erwartenden Aus-
wirkungen des Klimawandels in die Raumplanung
zu integrieren, da diese die Gefahr von Extrem-
ereignissen weiter verschärfen können.
6. Stärkung von kritischen Infrastrukturen
Die Flut beschädigte mehrere Einrichtungen kri-
tischer Infrastrukturen (KRITIS) schwer – darunter
Kommunikationsnetze, die Strom- und Gasversor-
gung, Krankenhäuser und Kläranlagen. Die Ver-
sorgung der lokalen Bevölkerung konnte dadurch
nicht aufrechterhalten werden. Durch die zentrale
Bedeutung, die KRITIS für das gesellschaftliche
Zusammenleben einnimmt, ist ein verbesserter
Schutz dieser Infrastrukturen notwendig. Dies
geschieht durch eine stärkere Berücksichtigung
in Gefahrenkarten und bei Risikoanalysen sowie
durch konkrete Schutzziele für sensible Infra-
strukturen.
8Die Flutkatastrophe im Juli 2021 in Deutschland
7. Frühwarnung neu denken
Die Warnung der Bevölkerung stellte vor und wäh-
rend der Flutkatastrophe eine zentrale Herausfor-
derung dar. Als Folge wurde mit Cell Broadcasts
und dem Ausbau des Sirenennetzes bereits eine
Verbesserung der Warninstrumente angestoßen.
Die rein technische Übermittlung einer Informati-
on ist aber nicht hinreichend; erforderlich ist viel-
mehr, die Gefahrenlage greifbar und für unter-
schiedliche Menschen unmittelbar ansprechend
sowie verknüpft mit Handlungsanweisungen
zu veranschaulichen. Denn nur eine Warnung,
die die Bevölkerung erreicht, von der jeweiligen
Person in ihrer Bedeutung und Tragweite richtig
verstanden wird und ihr die nun noch möglichen
Handlungsmöglichkeiten veranschaulicht, führt
optimal zur Risikominimierung. Dementsprechend
müssen z. B. die Kommunikationskanäle ziel-
gruppengerecht gewählt werden, sodass sie die
gefährdete Bevölkerung und vulnerable Gruppen
erreichen. Die Altersverteilung der Todesopfer an
der Ahr zeigt, dass der Großteil der Opfer über 60
Jahre alt war – eine Altersgruppe, die beispiels-
weise nicht vollständig über Warn-Apps oder
soziale Medien erreicht werden kann. Neben den
Kommunikationskanälen ist auch die Sprache so
zu wählen, dass die Warnung von der allgemeinen
Bevölkerung sowie von besonders vulnerablen Grup-
pen verstanden wird. Eine Information, die die Nie-
derschlagsintensität in Millimeter pro Stunde an-
gibt, wird vermutlich von vielen Menschen nicht
richtig interpretiert. Eine illustrative Beschreibung
der konkreten Folgen (impact-based forecasting)
und qualitative Aussagen, wie „das größte Hoch-
wasser, das Sie jemals erlebt haben” sind dafür an-
gemessener. Klare Handlungsanweisungen ohne
Verneinungen erweisen sich zudem als eektiver,
denn Negationen können verwirren und falsche
Impulse auslösen. Klare Aussagen wie „suchen Sie
das Obergeschoss auf” erweisen sich als zielfüh-
render, als darauf hinzuweisen, dass man nicht in
den Keller gehen soll.
8. Krisenkommunikation und -management
robuster gestalten
Beim Krisenmanagement und der Krisenkommuni-
kation stehen das Management und der Austausch
von Informationen während einer akuten Krise
im Vordergrund. In einzelnen Krisenstäben, z. B.
in Bad Neuenahr-Ahrweiler, war die Befähigung
zur Erstellung von Lagebildern stark beeinträch-
tigt und eine eziente Steuerung der Hilfs- und
Rettungsmaßnahmen stark eingeschränkt. Die
Stabsarbeit wurde zudem erschwert, da viele Be-
teiligte selbst von der Katastrophe betroen waren.
Weiterhin spiegelt sich die bedeutende Rolle
des Ehrenamts im Bevölkerungsschutz zum Teil
auch in den Krisenstäben wider. Häug haben
diese jedoch nur wenig oder keine Erfahrung
mit Großschadenslagen. Die Schwierigkeiten,
die es bei der Arbeit des Krisenstabes und der
operativen Einsatzkräfte gab, können durch zuvor
geübte Abläufe und organisationsübergreifende
Übungen sowie den Einsatz von erfahrenen Ex-
pert:innen reduziert werden. Robustere Kommu-
nikationsmaßnahmen können den Zusammen-
bruch des Digitalfunks sowie des Netzempfangs
verhindern und die Kommunikation der operati-
ven Kräfte und die Koordinierung der Rettungs-
maßnahmen verbessern.
9. Bessere Koordinierung
Die Koordinierung der Einsatzkräfte, Freiwilligen
und Spontanhelfenden während und nach der
Katastrophe stellte eine große Herausforderung
dar, insbesondere da Kommunikations- und
Transportnetze durch das Hochwasser stark be-
einträchtigt wurden. Neben den professionellen,
größtenteils aber ehrenamtlichen Helfer:innen
sind auch die ungebundenen Spontanhelfer:in-
nen besser in der Krisenkommunikation, in Be-
wältigungsmaßnahmen und die Aufbauplanung
einzubinden, um Helfende besser koordinieren
und ezienter einsetzen zu können. Die zahlrei-
chen Menschen, die im Katastrophenfall der be-
troenen Bevölkerung helfen und die Aufräum-
arbeiten unterstützen, müssen deshalb durch
geschulte Expert:innen koordiniert werden.
Zusätzlich wurde durch die Gründung des Ge-
meinsamen Kompetenzzentrums Bevölkerungs-
schutz (GeKoB) im Nachgang der Katastrophe
inzwischen eine stärkere Einbindung des Bundes
in der Koordinierung im Krisenfall implementiert.
10. Den Notfall planen und üben
Um eine eektive Reaktion im Katastrophenfall
zu ermöglichen, müssen Katastrophen und Eva-
kuierungen sowohl mit Einsatzkräften als auch
mit der Bevölkerung regelmäßig geübt werden.
Diese sollten auf Risikoanalysen aufbauen und
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Die Flutkatastrophe im Juli 2021 in Deutschland
besonders vulnerable Gruppen und deren ziel-
gerichtete Unterstützung bei der Evakuierung
berücksichtigen. In anderen Ländern sind Kata-
strophenübungen ein essenzieller Bestandteil
des Schul- und Universitätslebens (z. B. Japan,
Neuseeland, USA) und ermöglichen es, Abläufe
zu trainieren und Umsetzungsschwierigkeiten
bereits in den Übungen zu erkennen. In Deutsch-
land sind solche Übungen bislang unüblich. Ein
erster Schritt in Richtung einer regelmäßigen
Katastrophenübung wurde mit der Einführung
eines deutschlandweiten Warntages im Jahr
2020 bereits erprobt, aber zeigte noch erhebliche
technische und organisatorische Dezite in der
Vorbereitung und Abstimmung von Bund- und
Länderaktivitäten.
11. Angepasstes Material
für operative Hilfskräfte
Durch operative Einsatzkräfte im Katastrophen-
schutz wurden bereits eine Reihe von Lehren aus
der Bewältigung der Flutkatastrophe gezogen
(z. B. 15 Big Points (Vfdb 2021)). Unter anderem
bei der Ausrüstung von Einsatzkräften zeigten
sich Dezite. Während der Evakuierungs- und
Rettungsmaßnahmen am 14. und 15. Juli man-
gelte es z. B. an einsatzfähigen Hubschraubern
mit Seilwinden, um Personen von Hausdächern
retten zu können. Zu einer verbesserten Aus-
rüstung zählt neben technischem Equipment,
wie watfähigen Fahrzeugen, auch eine bessere
persönliche Schutzausrüstung. Denn gerade
in Katastrophengebieten wie an der Ahr, bei
denen Verkehrswege und Brücken für Tage und
Wochen zerstört waren, sind Einsatzkräfte für
längere Zeit auf sich gestellt. Die zusätzlichen
Investitionen in den Zivilschutz, auch in Reaktion
auf den Ukrainekrieg, bieten die Möglichkeit, die
Ausstattung im Katastrophen- und Zivilschutz zu
modernisieren.
12. Nicht nur wiederaufbauen
sondern „Build Back Better”
Diskussionen über die Gestaltung des Wiederauf-
baus begannen bereits kurz nach der Flutkata-
strophe. Ein Wiederaufbau, der das vergangene
Ereignis und die Lehren daraus nicht berücksich-
tigt, würde zukünftig erneut zu gravierenden
Schäden führen. Der Wiederaufbau sollte deshalb
als Chance für eine resiliente Transformation
verstanden werden und unter dem Aspekt „Build
Back Better” gestaltet und umgesetzt werden,
was auch bedeutet, dass an manchen Stellen gar
nicht wieder aufgebaut werden sollte. Für einen
nachhaltigen und resilienten Wiederaufbau sind
neben einer wissenschaftlichen Begleitung auch
interkommunaler Austausch und Kooperation
notwendig. So können zukünftige Extremer-
eignisse vergleichbarer Magnitude zu weniger
Opfern und geringeren Schäden führen.
10 Die Flutkatastrophe im Juli 2021 in Deutschland
Vorwort Katja Dörner
Die Flutkatastrophe im Juli 2021 forderte nicht
nur mehr Todesopfer als jedes andere Hoch-
wasser der letzten 60 Jahre, sondern verur-
sachte auch höhere Schäden als jedes andere
Ereignis der deutschen Nachkriegsgeschichte.
Leider wissen wir, dass aufgrund der Klimakrise
zukünftig immer mehr solcher Extremereignisse
auftreten werden. Bei einer sich rapide verän-
dernden Umwelt und neuen gesellschaftlichen
Entwicklungen ist ein proaktiver, adaptiver und
zielgruppenorientierter Umgang mit bekannten
wie künftigen Risiken gefordert.
Um diesen Herausforderungen zu begegnen,
müssen wir gemeinsam aus vergangen Kata-
strophen lernen und die Entwicklung zukünftiger
Ereignisse zu neuen Katastrophen verhindern.
Das DKKV hat deshalb direkt nach der Flut damit
begonnen, Expert:innen aus der Wissenschaft,
der operativen Praxis sowie Betroene zusam-
menzubringen. So konnten Potenziale identi-
ziert und Synergien geschaen werden, die die
Lernfähigkeit der Gesellschaft fördern und somit
die gesamtgesellschaftliche Resilienz stärken.
Diese Ausgabe der Schriftenreihe und die damit
verbundenen Aktivitäten sind ein Ergebnis
davon. Neben dem Hauptartikel, der das Ereignis
dokumentiert und aufarbeitet, beinhaltet sie eine
Zusammenfassung der Aktivitäten zur Aufarbei-
tung der Flut sowie erste Lehren für die Zukunft.
Es ist mir ein Anliegen, dass das DKKV sich auch
weiterhin als Mittler und Plattform einbringt, um
die Zusammenarbeit von Wissenschaft, Praxis,
Politik und Zivilgesellschaft in allen Bereichen
Katja Dörner
DKKV Vorstandsvorsitzende
der Katastrophenvorsorge und Resilienzstärkung
zu unterstützen. Gerade der DKKV-Flutverteiler
mit seinen Austauschtreffen zeigt, wie wichtig
auch „bottom-up” Initiativen sind, um sich aus-
zutauschen und gemeinsam Katastrophen wie
diese aufzuarbeiten und weiteren vorzubeugen.
Wir müssen uns heute auf den Weg hin zu einer
resilienteren Gesellschaft machen, indem wir
gemeinsam Brücken bauen, die uns vernetzen
und den Wissensaustausch stärken.
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Die Flutkatastrophe im Juli 2021 in Deutschland
Vorwort Cornelia Weigand
Mit der Flutkatastrophe im Juli 2021 haben wir
erleben müssen, wie eine unbeschreibliche
Naturgewalt über das Ahrtal hereingebrochen
ist. 134 Menschen haben in der Nacht ihr Leben
verloren, Tausende ihr gesamtes Hab und Gut.
Die Wunden zu heilen und neue Perspektiven zu
schaen, muss unser vordringlichstes Ziel sein.
Die Flutkatastrophe hat alles übertroen, was bis-
her vorstellbar war. Dies trit sicherlich auf viele
betroene Gebiete in Belgien, den Niederlanden,
in NRW und vor allem an der Ahr zu. Auch die Vor-
bereitungen auf ein Jahrhunderthochwasser, wie
sie an vielen Bereichen der Ahr stattgefunden ha-
ben, haben bei diesen Wassermassen kaum oder
keine Wirkung gezeigt. Wir sind sehr dankbar über
die große Solidarität und Hilfe, die wir nach der
Katastrophe erfahren durften. Gleichzeitig müssen
wir aus den Erfahrungen bei der Bewältigung die-
ser Katastrophe Lehren für die Zukunft ziehen.
Vieles muss sich im Risiko- und Krisenmanagement
verbessern, um zukünftigen Ereignissen mehr ent-
gegensetzen zu können. Daher ist es wichtig, dass
wir aus den Erfahrungen der betroenen Regionen
lernen und dies gesamtgesellschaftlich aufarbeiten.
Wir müssen uns fragen, wie ein effektiver Kata-
strophenstab aufgebaut werden sollte und welche
Arbeitsweise effektive Hilfe verspricht. Bessere
Schutz- und Warnmöglichkeiten im Katastro-
phenfall müssen untermauert werden mit einer
zielgruppengerechten Risikokommunikation und
all das vor dem Hintergrund eektiver Hochwas-
serschutzkonzepte. Dabei gilt es, von Tief „Bernd”
massiv betroene, teils zerstörte Orte und glei-
chermaßen auch nichtbetroene Orte auf die
Risiken der Zukunft vorzubereiten. Hierzu ist die
Synthese der wissenschaftlichen, politischen und
zivilgesellschaftlichen Perspektiven fundamental.
Cornelia Weigand
Landrätin im Kreis Ahrweiler
Gerne habe ich nach diesen Erfahrungen die
Aktivitäten des DKKV in Hinblick auf die Auf-
arbeitung unterstützt. Bietet das DKKV doch
besonders auch dem für das Risikomanagement
so wichtigen Austausch eine Plattform. Das
DKKV hofft mit diesem Bericht, dessen Ergeb-
nisse aus einer breit angelegten Betrachtung
resultieren, einen wichtigen Baustein liefern zu
können für das Ziel, den Wiederaufbau in eine
neue, klimaneutrale Zukunft zu begleiten, den
Menschen an der Ahr eine nachhaltige Per-
spektive zu geben und Pläne für die kommen-
den Jahre zu erstellen, die uns als Gesellschaft
resilienter machen.
12 Die Flutkatastrophe im Juli 2021 in Deutschland
Vorwort Kenzo Hiroki
Wasser ist Leben. Wasser ist aber gleichzeitig auch
eine Bedrohung für das Leben. Wasserbedingte
Katastrophen fordern einen hohen Tribut an Men-
schenleben; der Verlust an Lebensgrundlagen so-
wie viele weitere kurz- und langfristige soziale und
wirtschaftliche Auswirkungen sind immens. In den
letzten 20 Jahren waren vier Milliarden Menschen
unmittelbar durch von Naturereignissen ausgelös-
ten Katastrophen betroen, davon 3,8 Milliarden
oder 95 % durch wasserbedingte Katastrophen.
Das bedeutet, dass jeder Mensch auf der Erde im
Durchschnitt zweimal in seinem Leben in eine
Katastrophe gerät. Der wirtschaftliche Schaden ist
enorm. Weltweit waren in den letzten 20 Jahren
Verluste von über zwei Billionen Dollar zu verzeich-
nen. Wasserbedingte Katastrophen behindern auf
jeden Fall eine nachhaltige Entwicklung, unabhän-
gig davon, ob es sich um Industrie- oder Entwick-
lungsländer handelt.
Katastrophen treten immer wieder auf und
bedrohen die Menschen unaufhörlich, auch
während der COVID-19-Pandemie. Die schweren
Regenfälle und Überschwemmungen, die im Juli
2021 viele Länder Europas heimsuchten, sind ein
alarmierendes Beispiel für extreme hydrologi-
sche Ereignisse, die auf der Erde immer häuger
und schwerwiegender werden. Die dreistellige
Zahl der Todesopfer in Deutschland und Belgien
macht die Katastrophe zu einer der schlimmsten
in Europa in der jüngeren Vergangenheit. Was
können wir aus dieser Katastrophe lernen, damit
die Welt besser auf die Zukunft vorbereitet ist?
Der Klimawandel, der hydrologische Extreme
verschärft, ist eine oensichtliche Ursache für
das Ereignis. Da Wasser bei 80 % der Folgen
des Klimawandels eine Rolle spielt, kann dieser
zusammen mit anderen Antriebskräften des glo-
balen Wandels – Bevölkerungswachstum, rasche
Verstädterung, steigende Vermögenswerte –
Prof. Kenzo Hiroki
Professor, National Graduate Institute for Policy Studies
(GRIPS), Japan
Koordinator des High-level Experts and Leaders Panel on
Water and Disasters (HELP)
dazu führen, dass wasserbedingte Katastrophen
häuger auftreten und sogar noch heftiger aus-
fallen. Katastrophenvorsorge, Wasserwirtschaft
und Anpassung an den Klimawandel sollten nicht
länger als getrennte Themen behandelt werden.
Dieser Beitrag über Starkregen und die Flut im
Juli 2021, der von renommierten Expert:innen
verfasst wurde, gibt uns Hinweise darauf, wie wir
uns besser vorbereiten und dringende Maßnah-
men ergreifen können, um die Risiken von Kata-
strophen zu verringern, die uns schon morgen
treen können.
13
Die Flutkatastrophe im Juli 2021 in Deutschland
Einleitung
Ronja Winkhardt-Enz
Die starken Regenfälle im Juli 2021, die in verschie-
denen Teilen Deutschlands zu großächigen Über-
schwemmungen und Sturzuten führten, haben
massive Schäden verursacht. Diese Flutkatastro-
phe war die schlimmste Katastrophe in Deutsch-
land in den letzten 60 Jahren und forderte mehr
als 180 Menschenleben. Diese hohe Opferzahl
ist gesellschaftlich unannehmbar und erschwert,
dass das erste Ziel des Sendai-Rahmenwerks für
Katastrophenvorsorge 2015-2030 (UNDRR 2015),
die Zahl der Todesopfer durch Naturgefahren im
Zeitraum 2020-2030 im Vergleich zum Zeitraum
2005-2015 deutlich zu reduzieren, erreicht wer-
den kann.
So einschneidend diese Ereignisse bzgl. der Konse-
quenzen sind, so wichtig ist es auch, diese in voller
Oenheit und Breite aufzuarbeiten. Die Gescheh-
nisse zum Starkregen und Hochwasser im Juli 2021
werden deshalb von vielen Akteuren der Wissen-
schaft, Politik und Praxis untersucht, diskutiert und
aufgearbeitet (siehe Seite 45). Dies bietet eine gro-
ße Chance, den Austausch und die Forschung
übergreifend und integrativ durchzuführen. Als
größte nationale Plattform im Bereich Katastro-
phenvorsorge (DRR) sieht sich das DKKV auch
in diesem Fall als Mittler zwischen Wissenschaft,
Politik und Praxis. So organisierte das DKKV eine in-
ternationale Expert:innendelegation, um das Ka-
tastrophengebiet zu besuchen, mit der Bürger-
meisterin von Altenahr zu sprechen und Heraus-
forderungen und Lösungen zu diskutieren. Die
Delegation wurde vom Koordinator des UN High-
level Experts and Leaders Panel on Water and
Disasters (HELP) initiiert und von der Universität
Bonn und dem DKKV mitorganisiert. Hieraus re-
sultierte nicht nur die sogenannte Flutplattform,
mit einer Übersicht von Forschungsarbeiten zur
Flutkatastrophe 2021 und dem Flutverteiler mit
seinen Austauschtreen, sondern auch der HELP
Bericht (Kron et al. 2022), der hier in seiner über-
setzten Form den Hauptteil dieser Ausgabe der
DKKV-Schriftenreihe bildet.
Der Bericht „Die Flutkatastrophe im Juli 2021 in
Deutschland” geht zunächst auf das auslösende
Wetterereignis ein, bevor die Flutkatastrophe be-
schrieben und analysiert wird. Daraufhin werden
die Katastrophenhilfe, die Frühwarnung und das
Warnverfahren beleuchtet. Daraus werden dann
erste Lehren für das Katastrophenmanagement
gezogen und es wird auf Vorsorge, Schutz und
Strukturfragen eingegangen. Vor der Schlussfol-
gerung werden der Stand des Wiederaufbaus
und künftige Maßnahmen vorgestellt.
Während übergeordnete Lehren bereits einleitend
auf Seite 6 zu nden sind, werden im Anschluss an
den Hauptbericht die Aktivitäten zur Aufarbeitung
der Flutkatastrophe zusammenfassend dargestellt.
14 Die Flutkatastrophe im Juli 2021 in Deutschland
Die Flutkatastrophe
im Juli 2021 in Deutschland
Rainer Bell
Geographisches Institut, Universität Bonn
Wolfgang Kron
im Ruhestand, (ehem. Geo Risks Research, Munich Re)
Benni Thiebes
Deutsches Komitee Katastrophenvorsorge
Annegret Thieken
Institut für Umweltwissenschaften und Geographie,
Universität Potsdam
Zusammenfassung
Vom 12. bis 19. Juli 2021 wurden verschiedene Re-
gionen in Europa von extremen Niederschlägen
heimgesucht, die durch ein quasistationäres Tief-
druckgebiet namens „Bernd" ausgelöst wurden.
Betroen waren vor allem zwei Bundesländer in
Westdeutschland, Nordrhein-Westfalen und
Rheinland-Pfalz, sowie angrenzende Regionen
in Belgien. Das Juli-Hochwasser war die teuerste
Katastrophe in Deutschlands jüngerer Geschich-
te, mit Schäden in der Größenordnung von
33 Milliarden Euro. Mindestens 189 Menschen
starben, mehr als bei jedem anderen Hochwasser
in Deutschland in den letzten 50 Jahren. Einige
enge Täler in der Eifel wurden innerhalb weniger
Stunden sintutartig von Wassermassen überu-
tet, die noch nie dagewesene Ausmaße erreich-
ten. Es kam zu extremen Zerstörungen durch
Überschwemmungen, Treibgut, Ufererosion und
Ablagerungen. Die lokale Verkehrsinfrastruktur,
die Strom-, Gas- und Wasserversorgung sowie die
Telekommunikationsnetze wurden stark beschä-
digt und unterbrochen.
Obwohl die Wetterdienste einige Tage im Voraus
schwere Regenfälle vorausgesagt hatten, funktio-
nierten das Frühwarnsystem und die Evakuierung
nicht erwartungsgemäß. Die Warnungen der
herausgebenden Behörde erreichten viele der
vorgesehenen Empfänger:innen nicht rechtzei-
tig und manche Frühwarnketten funktionierten
nicht wie geplant. Daher wurden mancherorts
die Evakuierungsmaßnahmen zu spät oder gar
nicht eingeleitet. Außerdem unterschätzten viele
derjenigen, die Warnmeldungen erhalten hatten,
die Schwere des bevorstehenden Ereignisses.
Der Hilfs- und Wiederaufbauprozess wurde zu
einer nationalen Aufgabe. Unmittelbar nachdem
das Wasser zurückgegangen war, kamen Tausende
Ersthelfer:innen (die meisten von ihnen Freiwillige)
aus dem ganzen Land, um bei den Aufräumar-
beiten zu helfen und die Bewohner:innen mit
Hilfsgütern zu versorgen. Der Wiederaufbau der
Region wird mit Bundesmitteln unterstützt und
von neu eingerichteten Forschungsprojekten
begleitet, die einen sinnvollen, nachhaltigen und
resilienten Wiederaufbau der zerstörten Täler
gewährleisten sollen. Gefördert werden sowohl
Infrastrukturmaßnahmen als auch die Unterstüt-
zung von Hausbesitzer:innen und Gewerbetrei-
benden. Weniger als die Hälfte von ihnen war
gegen einen solchen Katastrophenfall versichert.
15
Die Flutkatastrophe im Juli 2021 in Deutschland
Abb. 1: Verfügbarer Bodenwasserspeicher (mm) in den obersten 60 cm unter
Grünland am 12. Juli 2021 (DWD 2021)
1 Das auslösende
Wetterereignis
1.1 Hydrometeorologischer Kontext
Sowohl der Mai als auch der Juni 2021 waren in
Westdeutschland, mit 10-40 % mehr Niederschlag
als im Durchschnitt, bereits recht feucht. Dies
führte zu einer hohen Bodenfeuchte in weiten
Teilen des Landes. Insbesondere in der südlichen
Hälfte Deutschlands standen weniger als 10 mm
(10 l/m) Porenvolumen für die Speicherung von
Bodenwasser zur Verfügung (Abb. 1).
Vor dem Juli-Hochwasser führte bereits eine
13-tägige Unwetterserie, die vom 18. bis 30. Juni
2021 von Westen nach Osten durch die Mitte des
Landes zog, zu großer Zerstörung. Gewitter, Stark-
regen, Hagel und Blitzeinschläge verursachten
dabei versicherte Schäden in Höhe von 1,7 Mrd.
Euro – davon rund 400 Mio. Euro durch Über-
schwemmungen (GDV 2021). Dies bedeutet, dass
die Gesamtschäden wahrscheinlich in der Größen-
ordnung von 3 Mrd. Euro lagen.
Ab dem 12. Juli 2021 zog das atmosphärische Tief-
druckgebiet „Bernd” über Mitteleuropa. Es beweg-
te sich nur sehr langsam vorwärts, zeitweise blieb
es stationär. Diese Drucklage führte feuchtwarme
Luft aus dem nördlichen Mittelmeerraum über
Slowenien und Österreich in die Tschechische
Republik und Polen und schließlich nach Nord-
deutschland.
1 Meteorologische Daten und Beschreibungen aus DWD (2021)
16 Die Flutkatastrophe im Juli 2021 in Deutschland
Am Abend des 14. Juli lag die Temperatur in West-
deutschland bei etwa 14 C, während in Nord-
deutschland 30 C und Gewitter gemeldet wurden.
Die sehr warme und feuchte Luft im Norden wurde
in das Tief hineingezogen. Gleichzeitig zog kalte
Luft aus Frankreich nach Deutschland. Die Ver-
mischung dieser Luftmassen führte zu außerge-
wöhnlichen Kondensationsprozessen und aufgrund
der langsamen Vorwärtsbewegung von „Bernd”
zu extremen Gebietsniederschlagsmengen von
teilweise mehr als 150 mm in 72 Stunden (Abb. 2).
„Bernd” blieb bis zum 19. Juli 2021 aktiv und verur-
sachte Überschwemmungen nicht nur in Deutsch-
land, sondern in weiten Teilen Europas.
1.2 Die betroffenen Gebiete
Die anhaltenden und lokal sehr intensiven Nieder-
schläge betrafen mehrere Regionen Deutschlands
nacheinander von West nach Ost (Abb. 3). Am 12. Juli
elen im Südwesten Deutschlands (Teile von Baden-
Württemberg, Hessen, Rheinland-Pfalz, Saarland
und Nordrhein-Westfalen) bis zu 50 mm Nieder-
schlag in 24 Stunden. Am 13. Juli elen in einigen
Regionen Mitteldeutschlands (Ruhrgebiet, Nord-
hessen, Nordbayern und Sachsen) Niederschläge
mit örtlichen Intensitäten von mehr als 40 mm in
30 Minuten, fast 90 mm in 2 Stunden und regional
mehr als 150 mm an einem Tag. In der Stadt Hagen
maßen die Behörden 241 mm in 22 Stunden. Die
Niederschläge traten als Dauerregen auf, die sich
Abb. 2: 72-Stunden-
Niederschlag in Deutschland
vom 12. Juli 2021, 5:50 UTC
bis 15. Juli 2021, 5:50 UTC
(verarbeitet von R. Bell aus
RADOLAN-Daten des DWD
(kombinierte Radar- und
Stationsdaten))
mit episodischen Starkregenperioden abwechselten.
In zahlreichen Dörfern, aber auch größeren Städten
(z. B. Wuppertal, Hagen, Solingen, Köln, Bonn, Düssel-
dorf ) kam es zu lokalen heftigen Regenfällen und
schweren Überschwemmungen.
Die Katastrophe im Westen von Rheinland-Pfalz (RLP)
und in der südlichen Hälfte von Norrhein-Westfalen
(NRW) begann am 14. Juli 2021. Starke Niederschlä-
ge, die immer wieder von intensiven Schauern unter-
brochen wurden, trafen ein Gebiet, das sich von Dort-
mund (Norden) über Köln bis Trier (Süden) hin er-
streckte (Abb. 4). Großächig wurden mehr als 100 mm
in 72 Stunden registriert, mit regionalen Spitzenwerten
von über 150 mm in nur 24 Stunden. Der 14. Juli war
der regenreichste Tag in Köln seit Beginn der Messun-
17
Die Flutkatastrophe im Juli 2021 in Deutschland
Abb. 4: 24-Stunden-Nie-
derschlag im Katastrophen-
gebiet in Westdeutschland
vom 14. Juli 2021, 5:50 UTC
bis 15. Juli 2021, 5:50 UTC
(verarbeitet von R. Bell aus
RADOLAN-Daten des DWD
(kombinierte Radar- und
Stationsdaten))
Abb. 3: Niederschlagsanalyse auf der Grundlage von 72-stündigen hydro-meteorologischen Rasterdaten vom
12. bis 14. Juli 2021 (links) und 16. bis 18. Juli 2021 (rechts) (DWD 2021)
gen vor 70 Jahren. Ganze Einzugsgebiete in den
betroenen Gebieten in RLP und NRW verzeichneten
hohe Niederschlagsmengen. Der Regen traf auf eine
Region mit hoher Bodenfeuchte und weitgehend
ausgeschöpftem Rückhaltevermögen des Bodens.
Weiträumiger Oberflächenabfluss, teilweise sogar
in Form von Schichtfluten, war die Folge. Doch
auch ungesättigte Böden hätten die enormen
Niederschlagsmengen nicht aufnehmen können.
Das Wasser wurde dadurch in den oft sehr engen
Tälern der Flüsse Ahr, Erft, Rur, Kyll, Prüm, Wupper,
Ruhr und ihrer Nebenflüsse kanalisiert (Abb. 4).
Breite [ºN]
Breite [ºN]
Länge [º O] Länge [º O]
HYDRAS Deutschland, 12.07.2021 - 14.07.2021
Mittelwert: 22,5 Minimum: 0,0
Std.-Abweichung: 27,3 Maximum: 188, 8 Mittelwert: 5,9 Minimum: 0,0
Std.-Abweichung: 14,0 Maximum: 173,7
HYDRAS Deutschland, 16.07.2021 - 18.07.2021
18 Die Flutkatastrophe im Juli 2021 in Deutschland
Darüber hinaus kam es zu lokalen Sturzuten, ohne
dass ein größeres Gewässer beteiligt war. Bäche
und Flüsse traten fast allerorts über die Ufer. Es
kam zu massiven Erosionen, Auskolkungen und
Unterspülungen von Hängen, Straßen, Bahnlinien
und Gebäuden sowie zum Umstürzen von Bäu-
men. An vielen Stellen wurden die Wasserstände
durch die Verklausung von Brücken durch Treibgut
erheblich erhöht. Nach der Flut verbot die Landes-
regierung von RLP die Lagerung von Brennholz
und anderem unbefestigtem Material im freien
Gelände. Diese Vorsichtsmaßnahme sollte verhin-
dern, dass bei einer erneuten Überschwemmung
wieder hohe Mengen an Treibgut anfallen.
Am Pegel Altenahr überschritt der Wasserstand
der Ahr den Wert von 9 m und lag damit mehr als
8 m über dem Normalwert bei einem mittleren
Abfluss von 7 m/s und mehr als 5 m über dem
Wert beim amtlich ermittelten 100-jährlichen
Hochwasserabfluss von 241 m/s. In Altenahr
wurden sogar 10 m beobachtet, wobei diese Zahl
durch die lokalen hydraulischen Verhältnisse
(z. B. Sedimentablagerungen oder Rückstau) ver-
fälscht gewesen sein kann.
Während Tief „Bernd” vom 15. bis 19. Juli in süd-
östlicher Richtung weiterzog, fielen in Ostsachsen
und Südostbayern hohe Niederschlagsmengen
(Abb. 3 rechts). Wiederum verstärkten orografische
Effekte (am Erzgebirge, der Lausitz und an den
Alpen) die Intensitäten. Es kam zu zahlreichen
Sturzfluten und kurzen extremen Hochwasser-
wellen in einigen Nebenflüssen des Rheins und
der Mosel.
Insgesamt brachte „Bernd” in weiten Teilen West-,
Mittel- und Osteuropas außergewöhnliche Nieder-
schläge (Abb. 5). Sie führten in Großbritannien
(v. a. London), Frankreich, der Schweiz, den
Benelux-Ländern, der Tschechischen Republik,
Österreich, Italien, Polen, der Slowakei, Ungarn,
den nördlichen Balkanländern, Rumänien und
Bulgarien zu Überschwemmungen und Schäden,
die aber – mit Ausnahme von Belgien – deutlich
geringer ausfielen als in RLP und NRW.
Abb. 5: Kumulierte Niederschläge in der Woche vom 11. bis 17. Juli 2021 in Europa als Prozentsatz der Mittel-
werte von 1982-2010 (DWD 2021)
[%]
19
Die Flutkatastrophe im Juli 2021 in Deutschland
1.3 Klimatologischer Kontext
Die mittlere 72-stündige Gebietsniederschlagsmenge
von 127 mm vom 12. bis 14. Juli in den sechs Einzugs-
gebieten von Ahr, Erft, Rur, Prüm, Kyll und Wupper
entsprach etwa 170 % der mittleren Juli-Gesamtnie-
derschlagsmenge von 1991 bis 2020. Im Einzugsge-
biet der Ruhr waren es 104 %. Die täglichen Stations-
niederschlagsmengen zwischen 80 und 120 mm in
der Eifel südlich von Köln entsprachen in etwa 100-
jährlichen Tagesniederschlagsereignissen. Die Analyse
eines 30-jährigen Niederschlagsdatensatzes für die
beiden Einzugsgebiete von Ahr und Erft (siehe Abb. 4)
ergab jedoch ein 24-Stunden-Flächenmittel von
93 mm, ein Wert, dem bei einer Häugkeitsanalyse
eine Wiederkehrperiode in der Größenordnung
von 15.000 Jahren zugeordnet wird (Kreienkamp
et al. 2021). Dies zeigt, wie extrem das Ereignis war.
Dennoch wurde im Jahr 2021 kein deutscher Nieder-
schlagsrekord gebrochen. An ungewöhnlich vielen
Wetterstationen im Westen des Landes wurden aber
bisherige Höchstwerte überschritten.
Punktuelle Niederschläge von 150 mm innerhalb
von 24 Stunden sind in Deutschland keine Selten-
heit. Nur zwei Wochen zuvor, am 30. Juni 2021,
waren in drei Landkreisen im Nordosten Branden-
burgs rund 300 mm gefallen, also doppelt so viel.
Brandenburg ist jedoch ach und hat sandige Bö-
den mit hoher Inltrationskapazität, so dass dieser
Regen zwar erhebliche, aber keine katastrophalen
Schäden verursachte. Hätte er sich über die Eifel
statt über Brandenburg ergossen, wäre es dort zu
einem noch katastrophaleren Ereignis gekommen.
Großächige Niederschläge mit mehr als 100 mm in
24 bis 48 Stunden sind in Deutschland jedoch selten.
Solche Intensitäten treten meist nur lokal auf und
haben kleinräumige Überschwemmungen zur Folge.
Die Niederschlagsintensität im Juli 2021 variierte im
Verlauf des Ereignisses erheblich. Zu Beginn traten
fast nur kurze Starkregen mit einer Dauer von einer
bis sechs Stunden auf. Im Folgenden wurde eine Mi-
schung aus episodischen Ereignissen (d. h. solche mit
unterbrochenem Regen) und Dauerereignissen (d. h.
ununterbrochener Regen) verzeichnet. Dies führte zu
sehr hohen Niederschlagshöhen in den Zeitspannen
von 9 bis 48 Stunden. Die meisten Niederschlags-
mengen in der ersten Phase des Tiefs wurden in Mit-
tel- und Westdeutschland als 100-jährliche – und oft
noch viel seltenere – Ereignisse eingestuft. Der DWD
orientiert sich bei seinen Warnungen vor Starkregen
an festgelegten Schwellenwerten der Niederschlags-
intensität, getrennt nach kurzzeitigen Starkregen von
einer bis sechs Stunden Dauer und Dauerregen von
zwölf bis zweiundsiebzig Stunden Dauer (Tab. 1).
Tabelle 1: Denitionen des Deutschen Wetterdienstes (DWD) für „Starkregen” (DWD 2022);
die Warnung wird in drei durch Schwellenwerte denierte Stufen eingeteilt.
20 Die Flutkatastrophe im Juli 2021 in Deutschland
Bereits im Juli zählte das Jahr 2021 zu den fünf
niederschlagsreichsten Jahren in Deutschland seit
dem Jahr 2000, obwohl der September – neben
dem Mai – üblicherweise der Monat mit den
stärksten Regenfällen ist. Zwar kann Starkregen
überall in Deutschland auftreten, aber extreme
Ereignisse mit langer Dauer (9 bis 72 Stunden) sind
typisch für die Mittel- und Hochgebirgsregionen
(GDV 2019).
1.4 Die Rolle des Klimawandels
Die Durchschnittstemperatur ist in Deutschland
seit dem späten 19. Jahrhundert noch stärker
gestiegen (etwa 1,6 °C) als im globalen Durch-
schnitt (1,2 °C). Tief „Bernd” könnte ein Vorbote
dessen gewesen sein, was in Zukunft vermutlich
mit größerer Häufigkeit zu erwarten ist. Bei dem
Flutereignis spielte allerdings die Tatsache, dass
wärmere Luft mehr Feuchtigkeit aufnehmen und
damit auch abgeben kann, wohl weniger eine
Rolle als die weltweit gestiegenen Temperaturen,
welche sich auf die globalen atmosphärischen
Zirkulationsmuster auswirken.
Der polare Jetstream hat in den letzten zehn Jahren
seine Eigenschaften deutlich verändert. Er verlang-
samt sich zeitweise und wird schwächer, wodurch
der ehemals stabile Luftstrom nun Ausbuchtungen
aufweist, die bis in den Süden Mitteleuropas rei-
chen können. Die Mäander können Hochs und Tiefs
einschließen, die dadurch quasi-stationär werden
und über mehrere Wochen in einem großen Gebiet
entweder extrem feuchte oder extrem trockene
und heiße Perioden erzeugen. Zahlreiche wetter-
bedingte Katastrophen in den vergangenen zwei
Jahrzehnten können auf ein solches Verhalten des
Jetstreams zurückgeführt werden. Das vielleicht
auälligste Ereignis fand im Jahr 2010 statt, als
Westrussland in einem atmosphärischen Hoch-
druckgebiet eine rekordverdächtige Hitze- und
Waldbrandsaison erlebte und Pakistan zur gleichen
Zeit unter katastrophalen Regenfällen litt, die zur
Indus-Flut führten (Homann et al. 2021).
Aus einer Analyse der täglichen Niederschlagsda-
ten der letzten 70 Jahre hat der Deutsche Wetter-
dienst ermittelt, dass Häufigkeit und Intensität von
Starkregenereignissen (>20 mm/d) in Deutschland
leicht zugenommen haben, obwohl die Gesamt-
zahl der Regentage abgenommen hat. Der Weltkli-
marat IPCC hat in seinem jüngsten Sachstandsbe-
richt (IPCC 2021) eine ähnliche Aussage getroffen.
Es gibt jedoch noch keine statistische Aussage
darüber, ob sich Wettersysteme aufgrund des Kli-
mawandels länger über einer bestimmten Region
halten. Einigkeit besteht jedoch darüber, dass die
natürliche Variabilität auch in den kommenden
Jahrzehnten dominieren wird. Wo, wann und wie
schwerwiegende Extremereignisse auftreten und
wo es zu Katastrophen kommt, wird weiterhin
hauptsächlich von der jeweiligen Situation und
den lokalen Gegebenheiten abhängen.
Das Verweilen eines Mäanders des Jetstreams war
ein wesentlicher Faktor von „Bernd”. Das Tiefdruck-
gebiet bewegte sich nicht weiter, was dazu führte,
dass riesige Wassermengen auf ein und dasselbe
Gebiet abregneten. Die Ereignisse wurden von
39 Forscher:innen der World Weather Attribution
Initiative analysiert. Sie kamen zu dem Ergebnis,
dass die Wahrscheinlichkeit von extremen Nie-
derschlagsereignissen wie bei den Überschwem-
mungen im Juli 2021 für beliebige Regionen in
Westeuropa aufgrund des Klimawandels um den
Faktor 1,2 bis 9 gestiegen ist. Diese Analyse zeigte
auch, dass die Niederschlagsintensität in Westeu-
ropa aufgrund des anthropogenen Klimawandels
zwischen 3 und 19 % zugenommen hat (Kreien-
kamp et al. 2021).
21
Die Flutkatastrophe im Juli 2021 in Deutschland
2 Die Flutkatastrophe
2.1 Abflüsse und Wasserstände
Der Untergrund in der Eifel besteht überwiegend
aus Schiefergestein, das die Versickerung erschwert
und den Untergrund nahezu undurchlässig macht.
In den oberen Einzugsgebieten der Flüsse finden
sich meist wellige Landschaften mit flachen bis
moderaten Neigungen; die Flusstäler haben dicht
bebaute enge Talsohlen und steile Flanken, die mit
Weinreben bepflanzt sind und keine Bodenbede-
ckung aufweisen. Diese wenig strukturierten und
damit „hydraulisch glatten” Flächen bieten kaum
Fließwiderstand und beschleunigen den Abfluss.
Die orografischen Gegebenheiten, das Fehlen von
Rückhalteflächen, versiegelte städtische Flächen
und dichte Besiedlung waren in Verbindung mit
den feuchten Bodenverhältnissen und den enor-
men Niederschlagsmengen die Hauptfaktoren für
das Hochwasser. Besonders das Ahrtal ist in Bezug
auf Abflüsse, Wasserstände sowie Verluste an
Menschenleben und Sachwerten hervorzuheben.
Der Fluss ist mit 89 km zwar nicht der längste in
der Region und hat auch nicht das größte Einzugs-
gebiet (900 km), aber es lag fast vollständig im
Zentrum des Niederschlags (vgl. Abb. 4).
Der Abfluss in der Ahr, der normalerweise unter
10 m/s liegt, schoss innerhalb weniger Stunden
auf geschätzte 700 bis 1200 m/s hoch, wobei der
Abb. 6: Lage der Orte im Ahrtal
Wasserspiegel am Pegel Altenahr (Abb. 6) von 1 m
auf über 9 m anstieg. Beim Erreichen von 5 m wurde
die Mess-Station zerstört, so dass der tatsächliche
Scheitelwert nur geschätzt werden konnte. Der
höchste gemessene historische Wert (am 2. Juni 2016),
der damals für ein etwa 100-jährliches Hochwasser
gehalten wurde, lag bei 236 m/s mit einem Pegel-
stand von 3,71 m. Eine statistische Einordnung des
außergewöhnlich großen Ahr-Ereignisses von 2021
ist aufgrund der vergleichsweise kurzen beobachte-
ten Zeitreihe seit 1946, selbst bei Hinzuziehung der
beiden historischen Großereignisse von 1804 und
1910, äußerst schwierig. Die Wiederkehrperiode des
geschätzten Abusses in der Ahr dürfte aber (weit)
jenseits von 500 Jahren liegen.
Die für Juli 2021 gültigen Hochwassergefahrenkarten
für das Ahrtal beruhen auf vollständigen homogenen
Abussaufzeichnungen seit 1946. Bei der Erstellung
dieser Karten wurden historische Extremereignisse
nicht berücksichtigt, wie es in Deutschland dem
Stand der Technik entspricht. Daher beträgt der
100-jährliche Abusswert am Pegel Altenahr „nur”
241 m³/s. Eine Häugkeitsanalyse durchgeführt im
Graduiertenkolleg NatRiskChange (Thieken et al. 2021),
die historische Werte seit 1804 berücksichtigt, ergab
für den Abuss 2016 eine Wiederkehrperiode von nur
etwa 30 Jahren, nicht von 100 Jahren. Diese Analyse
zeigte auch, dass die meisten der in die Extrem-
wertstatistik eingehenden Jahreshöchstwerte von
Winterhochwassern stammten, während Extrem-
ereignisse im Sommer zwar selten waren, dafür
aber die höchsten.
22 Die Flutkatastrophe im Juli 2021 in Deutschland
2.2 Historischer Kontext
Das Ereignis im Juli 2021 wurde sofort als „beispiel-
lose” Überschwemmung bezeichnet, die man „noch
nie im Leben gesehen hat”. Das war richtig und
falsch zugleich. Es war nicht das erste extreme Hoch-
wasser im Ahrtal. Neben dem erwähnten – niedrige-
ren – Ereignis von 2016 gibt es historische Berichte
über vergleichbare Extremhochwasser in den Jah-
ren 1804 und 1910 mit 63 bzw. 52 Todesopfern.
Abbildung 7 zeigt ein Haus in Walporzheim (9 km
flussabwärts von Altenahr und 16 km flussauf-
wärts von der Mündung der Ahr in den Rhein)
mit drei Wasserstandsmarken. Der Wasserstand
im Juli 2021 war um etwa 3,5 m höher als der von
1910. Der Vergleich der Hochwassermarken allein
ermöglicht jedoch keine genaue Schätzung des
Abflusses im Jahr 2021.
Abb. 7a, oben: An das Hochwasser von 1804 erinnert
eine Inschrift „Ten 21 Julius a(nno) 1804 hat tie ar gestan-
ten so hoch alhir Emmericus Lejihs” - „(An) dem 21. Juli
1804 hat die Ahr hier so hoch gestanden. Emmericus
Lejihs (Eigentümer)”. An das Jahr 1910 erinnert die Tafel
„Hochwasserstand 13.06.1910” (Fotos A. Fekete)
Abb. 7b, links: Wasserstandsmarken in Walporzheim:
Die Marke von 1910 liegt etwa 50 cm über dem Boden-
niveau; die Marke von 1804 liegt 1,7 m und die Marke
von 2021 3,5 m über dem Hochwasserstand von 1910
(Foto A. Fekete)
1910
1804
2021
7a
7b
23
Die Flutkatastrophe im Juli 2021 in Deutschland
In den vergangenen 100 Jahren hat sich das
Tal stark verändert, von der Umgestaltung des
Flussbettes über den Bau von Brücken bis hin
zur Bebauung der Talsohle. Vor allem die beiden
letztgenannten Faktoren dürften einen großen
Einfluss auf die Wasserstände gehabt haben. Die
meisten Brücken waren während des Ereignisses
durch Totholz, entwurzelte Bäume und Schutt
verklaust, was zu einem Rückstau des Wassers und
damit zu höheren Wasserständen führte (Abb. 8).
Auch standen mehr Gebäude als 1910 und 1804
in einem Bereich, in dem das Wasser bei extremen
Abflüssen strömt. Sie verursachten einen höheren
Strömungswiderstand und wohl auch Rückstau. Es
ist sehr wahrscheinlich, dass dies neben der Ab-
lagerung von Geröll und Schlamm ein Grund für
die deutlich höheren Wasserstände im Jahr 2021
im Vergleich zu 1804 war (unter der Annahme,
dass sich die Abflüsse in den beiden Jahren nicht
wesentlich unterschieden).
Roggenkamp & Herget (2014) schätzten die
Abflüsse in Walporzheim für die beiden Ereignisse
von 1804 und 1910 auf 1180 bzw. 540 m/s. Der
Abfluss des Jahres 2021 wird von verschiedenen
Forscher:innen zwischen diesen beiden Werten
angesiedelt. Ein auf die Region angepasstes und
mit den beobachteten Niederschlägen betriebe-
nes Niederschlag-Abfluss-Modell ergab am Pegel
Altenahr einen Abfluss von 850 m³/s (persönli-
che Mitteilung des Hochwassermeldedienstes
Rheinland-Pfalz am 10.02.2022). Roggenkamp und
Herget (2022) rekonstruierten auf der Basis von
Geländebefunden einen Scheitelabfluss in der
Ahr zwischen Rech und Dernau von ca. 1120 m³/s
(±100 m³/s).
010 20 m
Abb. 8: Ansammlung von Treibgut (Verklausung) an einer Brücke bei Altenahr (DLR 2021)
24 Die Flutkatastrophe im Juli 2021 in Deutschland
Abb. 9 zeigt eine Übersicht über die von ihnen
rekonstruierten Scheitelabflüsse im Haupttal wie
auch in den Nebentälern und belegt, dass die
nördlichen Nebenflüsse entsprechend der Nieder-
schlagsverteilung die größten Abflussmengen
beisteuerten. Allerdings ist anzumerken, dass die
einzelnen Abflussscheitel aufgrund der zeitlichen
Dynamik nicht einfach aufaddiert werden dürfen.
Bemerkenswert ist, dass die Zeitspanne zwischen
den drei Ereignissen 1804, 1910 und 2021 mit
etwa 110 Jahren annähernd gleich lang war.
Das Hochwassermanagement und insbesondere
der Einfluss von Stauseen hatten einen spürbar
positiven Effekt. Dabei wurden erhebliche Unter-
schiede zwischen Einzugsgebieten mit und ohne
große Staudämme deutlich. Im Gegensatz zu den
Einzugsgebieten von Ahr und Erft, in denen fast
keine Stauseen zu finden sind – zumindest keine
von nennenswerter Größe, sondern nur einige
kleine Dämme ohne Hochwasserrückhaltefunktion
– verfügt das Einzugsgebiet der Rur über ein kom-
plexes System von Talsperren. Während oberhalb
der Rurtalsperre im Einzugsgebiet der Urft (dem
Gebiet mit den höchsten Niederschlagsmengen)
extreme Überschwemmungen auftraten, die in
einigen Dörfern zusammen 15 Todesopfer forder-
ten, war der Abfluss unterhalb der Rurtalsperre
niedriger als der höchste bislang gemessene Wert.
Der Staudamm hat also noch höhere Schäden
verhindert.
Im nördlichen und mittleren NRW, wo zahlreiche
große Talsperrensysteme vor allem für die Trinkwas-
serversorgung existieren (z. B. an Ruhr und Wupper),
spielten Talsperren eine erhebliche Rolle bei der
Abminderung der Hochwasserscheitel. Das stark
betroene Wupper-System mit seinen 14 Dämmen
blieb von einer Katastrophe verschont, auch wenn
viele Siedlungen überutet wurden.
Praktisch alle Stauseen waren bis zum Rand gefüllt
und ihre Hochwasserentlastungen im Einsatz. Die
Abüsse betrugen in einigen Fällen das Doppelte
des Bemessungshochwassers, d. h. eines 10.000-
jährlichen Ereignisses, das bei der Planung eines
großen Staudamms zugrunde gelegt wird. Trotz der
großen Zuüsse überstanden alle Dämme die Flut
ohne nennenswerte Schäden, obwohl manche von
ihnen mehr als 100 Jahre alt waren. Schwere Schä-
den traten nur an einigen kleinen Dämmen auf, die
nicht Teil eines Reservoir-Systems waren.
Abb. 9: Scheitelabflüsse in der Ahr und ihren Zuflüssen(aus Roggenkamp & Herget (2022),DGM: Landesvermes-
sungsamt Rheinland-Pfalz)
25
Die Flutkatastrophe im Juli 2021 in Deutschland
2.3 Folgen und Schäden
Das Juli-Hochwasser hat vielerorts Chaos, Zerstö-
rung und Leid verursacht, Menschen verletzt und
getötet und viele unter Schock gesetzt (Abb. 10).
Insgesamt verloren bei den Hochwassern vermut-
lich 189 Menschen in fünf Bundesländern ihr Leben,
135 in RLP, 49 in NRW und fünf in anderen Bundes-
ländern. Zusätzlich werden noch immer zwei Män-
ner vermisst. Eine Feuerwehrfrau in RLP und drei
Feuerwehrmänner in NRW starben im Dienst. Ein
weiterer Feuerwehrmann der Ehrenabteilung kam
in NRW während einer privaten Rettungsaktion um.
Leider wurde auch von mindestens vier Selbst-
morden in Folge des Ereignisses berichtet. Exakte
Zahlen von Toten sind bei Naturkatastrophen oft
schwierig zu benennen, da manchmal – z. B. bei
einem Herzinfarkt oder einem Unfall – nicht ein-
deutig ein kausaler Zusammenhang mit dem
Naturereignis feststellbar ist.
Allein in RLP wurden rund 770 Menschen verletzt,
Tausende sind traumatisiert. Im Kreis Ahrweiler
(RLP) elen 134 Menschen der Katastrophe zum
Opfer. Die meisten von ihnen (106) waren ältere
Menschen über 60 Jahre; drei Kinder unter 14 Jahren
starben (DKKV 2022). Das Verhältnis von Frauen (70)
zu Männern (65) war ausgeglichen – ein Muster, das
in Europa auch im Zusammenhang mit Sturmuten
an der Nordseeküste, 1953 in den Niederlanden
und 1962 in der Stadt Hamburg, beobachtet
wurde. In NRW waren 25 Städte und Kreise von
den Überschwemmungen betroen. Von den 49
Todesopfern in NRW waren 31 männlich und 18
weiblich, was dem typischen Geschlechtermuster
der Hochwassertoten in Europa, den USA und
Australien mit einer deutlichen Überrepräsentation
von Männern entspricht. Auch hier waren ältere
Menschen häuger betroen als es ihr Anteil an
der Gesamtbevölkerung vermuten lässt: 32 der 49
Opfer waren älter als 60 Jahre, was ihre besondere
Vulnerabilität verdeutlicht; viele von ihnen hatten
bereits bestehende Krankheiten oder waren in ihrer
Mobilität eingeschränkt.
An den unmittelbaren und mittelfristigen Hilfsmaß-
nahmen beteiligten sich Feuerwehren, das Tech-
nische Hilfswerk (THW ), das Deutsche Rote Kreuz
(DRK) und verschiedene andere, meist ehrenamtli-
che, Hilfsorganisationen, die Polizei und sogar die
Bundeswehr mit ihren schweren Räumungsgeräten.
Darüber hinaus reisten eine Vielzahl von nicht spezi-
sch in der Katastrophenhilfe geschulten freiwil-
ligen Helfer:innen in die betroenen Gebiete und
boten Unterstützung an. Sie halfen bei Aufräumar-
beiten oder brachten und verteilten Lebensmittel,
Getränke, lebensnotwendige Dinge des täglichen
Bedarfs (z. B. Hygieneartikel), Kleidung, Möbel usw.
Auch zu Beginn des Jahres 2022 waren noch Frei-
willige aus ganz Deutschland vor Ort.
Abb. 10:
Bad Neuenahr: Die Flut
kam plötzlich und mit
großer Geschwindigkeit
und Macht in der Nacht;
den Menschen blieben
nur wenige Minuten,
um ihr Leben zu retten;
einige ertranken beim
Versuch, Wertgegen-
stände in Sicherheit zu
bringen. (Foto J. Bogardi)
26 Die Flutkatastrophe im Juli 2021 in Deutschland
Das Ausmaß der Schäden bei Wohngebäuden
könnte sich auf bis zu 15 Mrd. Euro belaufen. Ein
Großteil des geschätzten Gesamtschadens von
33 Mrd. Euro ist auf die großflächige Zerstörung
der Infrastruktur zurückzuführen. Im Ahrtal wurden
103 Straßenbrücken zerstört oder schwer beschädigt.
Landesweit (RLP) wurden 106 km Orts-, Kreis- und
Landesstraßen, 115 km Bahngleise und sieben
Eisenbahnbrücken unterspült, zerstört oder be-
schädigt und damit unbenutzbar. In der Kreisstadt
Bad Neuenahr-Ahrweiler, die durch die Ahr in
zwei Teile geteilt wird, verschwanden 13 von 15
Brücken (Abb. 11).
So etwas kann zu großen Problemen führen, wenn
sich die Feuerwache, die Polizei oder das einzige
Krankenhaus auf der anderen Seite des Flusses
befinden. Zahlreiche Versorgungseinrichtungen
wie Kläranlagen, Wasser-, Gas- und Stromnetze
wurden unterbrochen, 17 Schulen wurden schwer
beschädigt, und 19 Pflegeheime mussten evakuiert
werden. Sechs Krankenhäuser und zwei Rehabilita-
tionszentren wurden überflutet; ein Krankenhaus
wird für immer geschlossen bleiben. In Kliniken
befinden sich häufig wichtige und teure Geräte
im Keller. Ein Totalausfall der Stromversorgung
zwang das Klinikpersonal in der Stadt Eschweiler,
300 Patient:innen während der Evakuierung durch
das Treppenhaus zu tragen und damit zu gefähr-
den. Hunderte von Arztpraxen waren betroffen;
viele von ihnen mussten wochenlang geschlossen
bleiben, einige sogar für immer. Mehr als 330
Menschen wurden mit Hubschraubern von den
Dächern ihrer Häuser oder von Bäumen gerettet.
Unmittelbar nach der Flut waren bis zu 165.000
Menschen ohne Strom, Trinkwasser und Mobilfunk-
verbindung. Undichte Gasleitungen behinderten
die Hilfsmaßnahmen. Der 100 Jahre alte, 17 m hohe
Steinbachdamm (siehe Abb. 4) drohte zu brechen
und eine tödliche Flutwelle in ussabwärts gelegene
Ortschaften zu schicken. Ein katastrophaler Bruch
konnte durch das Eingreifen eines Arbeiters verhin-
dert werden, der mit seinem Bagger abgerutschtes
Dammmaterial entfernte, das den Grundablass
blockierte, und somit das Bauwerk sicherte.
Abb. 11: Zerstörte Brücke in Bad Neuenahr-Ahrweiler (Foto P. Ruland)
27
Die Flutkatastrophe im Juli 2021 in Deutschland
Entlang der Wasserläufe kam es zu gewaltigen
Erosionen, wobei es den dramatischsten Vorfall in
Erftstadt-Blessem gab, wo die Erft ihr Bett verließ
und eine Kiesgrube überflutete. Durch die starke
Rückwärtserosion stürzten acht Gebäude in die
Grube oder wurden durch Unterspülung irre-
parabel beschädigt. Glücklicherweise kam hier
niemand unmittelbar ums Leben, aber das Bild
dieses Ortes wurde zu einem der Symbole für die
Gewalt der Flut. Darüber hinaus kam es zu erheb-
lichen Verkehrsbehinderungen, da eine Autobahn
gesperrt werden musste, was zu einem tödlichen
Autounfall unmittelbar nach dem Hochwasser
führte. Ein weiterer tödlicher Unfall ereignete sich
später im August, als eine Schülerin im hohen
Verkehrsaufkommen auf einer Umleitung durch
Erftstadt-Blessem von einem Auto erfasst wurde.
Die Aufforderung zum Verlassen des Risikogebiets
kam in einigen Fällen (zu) spät. Im Ahrtal waren
schätzungsweise 42.000 Menschen betroffen,
17.000 von ihnen erlitten massive Verluste. Im
gesamten Bundesland RLP lag die Zahl der Betrof-
fenen bei 65.000. Rund 8.800 Gebäude entlang
der Ahr wurden beschädigt (DKKV 2022); fast 200
Wohnhäuser und 275 weitere Gebäude wurden
vollständig zerstört oder mussten abgerissen
werden. In zahlreichen Fällen mussten bereits
wiederhergestellte Häuser, die Ölschäden erlitten
hatten, Monate später abgerissen werden, weil
die – vermutlich gesundheitsschädlichen – Ölaus-
dünstungen nicht beseitigt werden konnten. Noch
im April 2022 fiel die Entscheidung, dass dies allein
in Altenahr mindestens 13 Häuser betrifft; weitere
könnten folgen. Eine große Anzahl von Autos ver-
sank im Wasser oder wurde weggeschwemmt.
Das Ahrtal ist eine der wichtigsten Weinbauregi-
onen in Deutschland. Von 563 Hektar Rebflächen
wurden ca. 60 Hektar beschädigt oder verwüstet.
Auch öffentliches Eigentum und nicht zur Infra-
struktur gehörende Vermögenswerte wurden
schwer getroffen. In Krankenhäusern fielen die
Klimaanlagen in den Operationssälen aus, Kirchen
wurden verschlammt und unterspült, Friedhöfe
erodiert und verwüstet, und natürlich wurden
auch Rathäuser und andere Gebäude, in denen
sich wichtige Dokumente befanden, Opfer der
Wassermassen. Menschen, die in ihren überflute-
ten Wohnungen persönliche Dokumente verloren
hatten, konnte nicht geholfen werden, da auch
viele amtliche Dokumente und elektronische
Datensicherungen in den Fluten untergingen.
In Bad Neuenahr-Ahrweiler war etwa ein Drittel
des Personals der öffentlichen Verwaltung selbst
von der Flut betroffen und wurde aber gleichzeitig
auch dringend benötigt, um den verzweifelten
Einwohner:innen der Stadt zu helfen.
Zwar liegen noch keine Daten aus dem Jahr 2021 vor,
aber ein Vergleich der durchschnittlichen Schaden-
grade an Häusern beim Flusshochwasser 2013
und den Sturzuten 2016 in Deutschland, deren
Dynamik mit der Flut im Juli 2021 vergleichbar war,
ergab, dass sie im ersten Fall (2013: 9 % für Gebäude,
19 % für Hausrat) deutlich niedriger waren als im
zweiten (2016: 21 % für Gebäude, 39 % für Hausrat)
(Thieken et al. 2022a).
2.4 Bemerkenswerte Vorkommnisse
Die Eifelregion ist bei Touristen sehr beliebt. Entlang
der Ahr und einiger ihrer Nebenüsse benden
sich zahlreiche Campingplätze (Abb. 12). Mehrere
dieser Plätze liegen ussaufwärts der obersten
Pegelstation, was ein Problem darstellt, wenn die
Frühwarnung auf beobachteten Messungen beruht.
So sind auf dem Campingplatz Stahlhütte in Dorsel
unterhalb der Einmündung des Ahbachs in die Ahr
sieben Menschen gestorben, auf dem Camping-
platz im Sahrbachtal zwei. Die meisten Camping-
plätze wurden stark beschädigt oder vollständig
zerstört.
Der tragischste Vorfall ereignete sich in der Stadt
Sinzig (Abb. 6). Das Erdgeschoss des „Lebenshilfe-
hauses”, eines Heims für 36 Menschen mit Behinde-
rung, das fast 300 m von der Ahr entfernt liegt (aber
innerhalb des offiziellen Extremhochwasserbe-
reichs!), wurde binnen weniger Minuten überutet.
Zwölf Bewohner:innen, die nicht in der Lage waren,
aus eigener Kraft in das Obergeschoss zu gelangen,
ertranken. Es wurde ein Ermittlungsverfahren darü-
ber eingeleitet, welche Warnungen herausgegeben
worden waren und wie sie umgesetzt wurden.
28 Die Flutkatastrophe im Juli 2021 in Deutschland
In Deutschland heizen viele Menschen ihre Wohnun-
gen mit Holzpellets. Diese Pellets werden oft in den
Kellern der Häuser oder in Nebengebäuden gela-
gert. Sie nehmen massiv an Volumen zu, wenn sie
mit Wasser in Berührung kommen. Es gibt Berichte,
dass selbst 24 cm dicke Ziegelwände unter dem
Druck aufgequollener Pelletlager barsten, so dass
Gebäude instabil wurden und abgerissen werden
mussten. Außerdem verwandelt sich die Pelletmas-
se, die sich normalerweise wie ein Granulat verhält,
in einen monolithischen, betonartigen Block, wenn
sie durchfeuchtet wird.
In NRW setzte eine überflutete Heizungsanlage
eine größere Menge CO frei. Zwei Personen, die
im Keller arbeiteten, wurden bewusstlos, fielen ins
Wasser und ertranken. In einer anderen Stadt fing
eine überflutete Ölheizung Feuer, zwei Menschen
starben. Diese Fälle unterstreichen die Notwendig-
keit von hochwasserangepasster Heizungssysteme
in flutgefährdeten Gebieten, ganz zu schweigen
von den Verschmutzungsproblemen durch ausge-
laufenes Öl.
Ein weiteres spektakuläres Ereignis war die Über-
utung des Braunkohletagebaus Inden im Einzugs-
gebiet der Rur. Der Deich des Flüsschens Inde war
gebrochen, und das Wasser strömte in die Grube,
wodurch eine 4,5 Hektar große Schlucht entstand.
Tragischerweise kam dabei ein Raupenfahrer ums
Leben.
Im äußersten Südosten Bayerns rund um Berchtes-
gaden verursachten Sturzuten und Erdrutsche
nach massiven, kurzzeitigen Regenfällen (ein bis
drei Stunden) erhebliche lokale Schäden und
zerstörten die weltberühmte Bob-, Rodel- und
Skeletonbahn.
Abb. 12: Lage von Campingplätzen im Ahrtal und in Seitentälern (Abflussdaten: Roggenkamp & Herget (2022),
DGM: Landesvermessungsamt Rheinland-Pfalz)
29
Die Flutkatastrophe im Juli 2021 in Deutschland
2.5 „Bernds” Platz in der Statistik
„Bernd” verursachte nach 2002, 2010, 2013 und
2016 den fünften Milliardenschaden in Deutsch-
land im 21. Jahrhundert durch Überschwemmun-
gen (Abb. 13). Keines der drei vorangegangenen
Ereignisse hatte jedoch so viele Todesopfer, Verletzte
und Gesamtschäden zur Folge wie das Hochwasser
2021. Die jüngste Schätzung liegt bei 33 Mrd. Euro
(Stand: 10. Januar 2022) (Munich Re 2022). In RLP
elen bis zu 20 Mrd. Euro Schaden an, von denen
75 % nicht versichert waren (DKKV 2022). Nur eine
Katastrophe – ohne Einbezug von Hitzewellen
und Kälteeinbrüchen – hat seit 1900 in Deutsch-
land mehr Todesopfer gefordert: die Hamburger
Sturmut vom Februar 1962, bei der mindestens
347 Menschen starben.
Europaweit forderte „Bernd” wahrscheinlich 230
Menschenleben (Tote und Vermisste): 191 in Deutsch-
land, 38 in Belgien und eines in Österreich. Belgien
meldete einen geschätzten versicherten Schaden
von 2,164 Mrd. Euro (RTBF 2021), was darauf schließen
lässt, dass dort mit Gesamtschäden in mindestens
zwei- bis vierfacher Höhe gerechnet werden muss.
Addiert man die Schadenzahlen aus allen anderen
betroenen Ländern, ergibt sich eine Gesamtsumme
von 46 Mrd. Euro (Munich Re 2022).
Abb. 13 zeigt die Abfolge der jährlichen Hochwasser-
schäden in Deutschland von 1980 bis 2021. Dabei
wird zwischen „reinen” Hochwassern und Hoch-
wassern infolge von schweren konvektiven Ereig-
nissen (Severe Convective Storms, SCS; Gewittern)
unterschieden. Solche Wetterphänomene verur-
sachen in den meisten Fällen nicht nur Überschwem-
mungen, sondern auch Schäden durch Sturmböen
und Hagelschlag, die sich in der Regel nicht von-
einander trennen lassen. Als Faustregel kann man
davon ausgehen, dass 50 % der Schäden auf Über-
schwemmungen entfallen. Während die Balken in
Abb. 13 für reine Überschwemmungen eine große
Volatilität, aber keinen eindeutigen Trend über den
dargestellten Zeitraum aufweisen, nehmen die
SCS-bedingten Schäden oensichtlich zu.
Es scheint, dass nach den großen Flussüberschwem-
mungen in den Jahren 1993 und 1995 (Rheingebiet)
sowie 2002 und 2013 (Elbe-, Donaugebiet) extrem
kostspielige Sturzfluten (d.h. durch kurzzeitige,
intensive Regenfälle verursachte Überschwem-
mungen) immer mehr an Bedeutung gewonnen
haben, was die Schäden in Milliardenhöhe anbe-
langt. Im Jahr 2010 kosteten die Überschwemmungen
in Ostsachsen über eine Milliarde Euro, 2016 sum-
mierten sich die Schäden in zwei Regionen Süd-
deutschlands auf 2,5 Milliarden Euro. Der 33-Mil-
liarden-Euro-Schaden von 2021 war der dritte in
dieser Reihe.
Man darf aber auch nicht vergessen, dass der Großteil
(zwei Drittel) der 11,6 Mrd. Euro Schadensumme im
Jahr 2002 (Originalwert) durch Sturzuten im säch-
sischen Erzgebirge entstanden ist – durch ganz
ähnliche Niederschläge wie 2021 in der Ahr-Erft-Region.
Das Phänomen teurer Sturzuten ist demnach kein
neues Phänomen, sondern nur (noch) nicht im
Bewusstsein der Öentlichkeit angekommen.
Abb. 13: Jährliche Gesamtschäden (in Werten von 2018) aus „reinen" Hochwasserereignissen und Schäden
aus Überschwemmungen bei schweren konvektiven Stürmen (SCS) in Deutschland 1980-2021 (Kron et al. 2019
überarbeitet, Schäden 2019-2021 sind geschätzt)
30 Die Flutkatastrophe im Juli 2021 in Deutschland
3 Katastrophenhilfe
3.1 Wettervorhersage und
Frühwarnung in Deutschland
In Deutschland gehört die Warnung vor bedroh-
lichen Wetterereignissen, einschließlich poten-
zieller Starkregen und Überschwemmungen von
Gebieten, die nicht an Wasserläufen liegen, zu den
Aufgaben des Deutschen Wetterdienstes (DWD).
Hochwasservorhersage und -warnung sind recht-
lich gesehen Aufgaben der Bundesländer.
Sobald ein Unwetterereignis erkannt wird, werden
bis zu 48 Stunden vor seinem Eintreten ozielle
Warnmeldungen veröentlicht; Vorab-Meldungen
werden sogar schon fünf Tage vorher in der Wochen-
vorhersage Wettergefahren herausgegeben. In diesen
Berichten wird die erwartete Entwicklung der Wetter-
lage in den folgenden 24 Stunden basierend auf
numerischen Simulationen beschrieben. Eine früh-
zeitige Warnung vor Wolkenbrüchen ist jedoch
schwierig, da diese Art von Ereignissen in der Regel
von dynamischen, konvektiven Gewitterzellen hervor-
gerufen wird, die oft lokal und kleinräumig auftreten.
Obwohl die numerischen Modelle heutzutage
sehr leistungsfähig sind, ist die Herausforderung,
genaue Werte für Zeitpunkt, Ort und Intensität von
Starkniederschlägen zu ermitteln, oft zu groß. Die
Modelle sind nur in der Lage, Vorhersagen für diese
drei Parameter innerhalb bestimmter Bandbreiten
zu treen.
Die Hochwasservorhersagen für Flüsse werden von
der jeweiligen Hochwasserzentrale der 16 Bundes-
länder auf der Grundlage der Wettervorhersagen
des DWD erstellt. Für die großen Flüsse und ihre
Hauptzubringer gibt es hydrologische und hydrau-
lische Modelle, aber auch für viele mittlere und
sogar kleinere Flüsse liegen Vorhersagen vor. Die
zu erwartende Abussentwicklung in den folgen-
den Stunden ist im Internet (bereitgestellt von der
Hochwasserzentrale des jeweiligen Bundeslandes)
länderübergreifend unter https://www.hochwas-
serzentralen.de für jeden Hochwassermeldepegel
abruf bar.
3.2 Warnverfahren
In der Erwartung eines potenziellen Katastrophen-
ereignisses ist es besonders wichtig, die gefährdete
Bevölkerung sowie die am Katastrophenmanage-
ment Beteiligten (Behörden, Katastrophenhilfs-
dienste usw.) schnell und gezielt zu informieren
und zu warnen. Eine präzise Frühwarnung ist eine
der wirksamsten Maßnahmen, um Leben zu retten.
Behörden und Organisationen mit Sicherheitsauf-
gaben entscheiden über den Inhalt der Meldungen
und den Zeitpunkt der Versendung. Die von Bund
und Ländern eingesetzten Instrumente zur War-
nung der Bevölkerung sind: öentlicher Rundfunk
(Radio und Fernsehen), Handy-Apps, Sirenen und
Fahrzeuge mit Lautsprechern. Darüber hinaus gibt
es ozielle Warnwege zu Behörden und bestimmten
Empfängergruppen (z.B. Akteure des Katastrophen-
schutzes). Im Katastrophenfall ist die sofortige
Information, d. h. die Benachrichtigung über ein
bevorstehendes oder bereits eingetretenes Ereignis,
von entscheidender Bedeutung.
Die Verfahren zur Frühwarnung vor Wetter- und
Hochwasserereignissen wurden nach 2002 geändert,
als der DWD eine zusätzliche violette Warnstufe 4
für extreme, potenziell lebensbedrohliche Ereignisse
einführte. Auch die Zusammenarbeit zwischen den
verschiedenen öentlichen Stellen (DWD, Hoch-
wasserzentralen, Katastrophenschutz) wurde ver-
bessert und die Arbeitsabläufe wurden harmoni-
siert. Dennoch kann die Organisation der Hochwas-
servorhersage und -warnung von Bundesland zu
Bundesland noch unterschiedlich sein.
In Deutschland gibt es mehrere Apps zur Verteilung
von Warninformationen an die Bevölkerung. Eine ist
NINA (Notfall-Informations- und Nachrichten-App)
des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und
Katastrophenhilfe (BBK), eine andere WarnWetter
des DWD. Katwarn ist eine App des Fraunhofer-
Instituts für Offene Kommunikationssysteme
(Fraunhofer 2022), die den Nutzer:innen Warnungen
und Handlungsempfehlungen für ihre jeweilige
Umgebung gibt. Es gibt auch Apps von Versiche-
rungsunternehmen. Warnmeldungen behördlicher
Institutionen (z. B. BBK, DWD, örtliche Feuerwehren)
werden über MoWaS, ein Mehrwege-Warnsystem
des BBK (BBK 2022), verbreitet. Sowohl NINA als
auch Katwarn zeigen diese Meldungen an.
3.3 Vorhersage und Frühwarnung bei
den Überschwemmungen im Juli 2021
Das Ereignis vom Juli 2021 wurde vom Vorhersage-
und Warnsystem insgesamt gut erfasst. Der DWD
und andere private Wetterdienstleister hatten früh-
zeitig vor Starkniederschlägen gewarnt und die
potenziell betroenen Landkreise gaben 150 War-
nungen auf dem MoWaS des BBK über Apps und
über die Medien heraus. Das Landesamt für Umwelt
in RLP veröentlichte am 14. Juli um 15:30 Uhr eine
31
Die Flutkatastrophe im Juli 2021 in Deutschland
Hochwasserwarnung. Der vorhergesagte Wasser-
stand am Pegel Altenahr/Ahr (5,19 m) lag dabei
deutlich über dem höchsten bis dahin gemessenen
Wasserstand (3,71 m im Jahr 2016) und löste die
höchste Warnstufe aus. Sie wurde kurz nach 17 Uhr
über die Warn-Apps und andere Medien verbreitet.
Trotz einer Zwischenprognose, die einen niedriger-
en Wert (ca. 4 m) auswies – bedingt durch den Ausfall
eines Pegels und die Tatsache, dass der DWD die zu
erwartenden Niederschläge herabgesetzt hatte –
blieb die hohe Warnstufe bestehen. Die folgenden
Vorhersagen – nach dem Ausfall der Pegel Müsch
und Altenahr – waren 5,30 m um 20 Uhr, 6,81 m
um 21:30 Uhr und 7 m um 22:25 Uhr. Am frühen
Morgen des 15. Juli überschritt der Wasserstand
schließlich 9 m (Kirschstein 2022).
32 Die Flutkatastrophe im Juli 2021 in Deutschland
4 Lehren für das
Katastrophenmanagement
4.1 Gestörte Warnwege
und individuelles Verhalten
Trotz der rechtzeitigen Kenntnis der bevorstehen-
den außergewöhnlichen Regenfälle und der Durch-
führung der üblichen Vorbereitungsmaßnahmen
konnten sich sowohl die Behörden als auch die
Menschen in der Region nicht vorstellen, wie hoch
und wie schnell die Flutwellen sein würden.
In RLP und NRW gab es gravierende Probleme in
der Frühwarnkette. Vorhersagen und Warnungen
waren von den zuständigen Behörden herausge-
geben worden, aber die Informationskette war
teilweise unterbrochen und die Warnung blieb auf
dem Weg zu den Menschen stecken. Es schien,
dass sowohl individuelle Fehlentscheidungen als
auch Verfahrensmängel für diese Vorfälle ver-
antwortlich waren. Sie wurden zu Fällen, die von
Staatsanwält:innen und Parlamentsausschüssen
untersucht wurden.
In vielen Fällen erreichte die Warnung die Betrof-
fenen nicht, weil die Warnsysteme nicht richtig
funktionierten oder – wie im Fall der Sirenen – de-
montiert worden waren. Warnungen über Smart-
phones konnten nur diejenigen erreichen, die die
entsprechende App installiert hatten. Viele Men-
schen hatten ihre Smartphones nachts ausgeschal-
tet, und in einigen Gebieten waren der Strom und
die Mobilfunknetze wegen des Hochwassers sofort
unterbrochen. Auch die Warnungen unterschieden
sich nicht wesentlich von denen eine Woche zuvor,
als „normale” Starkregen- und Unwetterereignisse
angekündigt worden waren. Man kann also von
einem gewissen Ermüdungseekt bei der Wahrneh-
mung solcher Meldungen ausgehen.
Automatische Anzeigen, Vorhersagen und Warnun-
gen sind zwar hilfreich, reichen aber oft nicht aus,
um die Zielpersonen im Extremfall angemessen
zu informieren. Um es anschaulich auszudrücken:
Sie „schreien den Adressaten nicht mit eindringli-
cher Stimme an”. Selbst ein blinkender roter Punkt
auf dem Display ist nicht vergleichbar mit einem
Anruf von Mensch zu Mensch, der die entschei-
denden Akteure wie Polizei, Hochwasserschützer:in
und Katastrophenmanager:in über den Ernst der
Lage informiert. Im Ahrgebiet gab es in den zwei
Wochen vor der Katastrophe mehrere Unwetter-
warnungen, einige davon mit der höchsten (roten)
Stufe. Diese Ination von Warnungen ist im Hinblick
auf die Ezienz kontraproduktiv. Was fehlt, ist eine
klare Ansage: „Holt eure Leute raus! Sofort und auf
der Stelle!”.
Allein die Höhe der Flutwelle war von niemandem
vorhergesehen worden, weder von den Expert:innen
noch von der Bevölkerung; sie kam völlig überraschend.
Die Katastrophenmanager:innen zweifelten zum Teil
an der Glaubwürdigkeit der Vorhersagewerte. Daher
ordneten sie teilweise keine Evakuierungen an oder
zögerten in einigen Fällen, vermutlich weil die Ausru-
fung des Notstands auch mit Kosten verbunden ist,
die von den Landkreisen getragen werden müssen.
Außerdem vernachlässigten (oder vergaßen) einige
lokale Behörden die Existenz von Hochwassergefah-
ren und -risikokarten, als sie die zu evakuierenden
Gebiete auswählten. Es muss eingeräumt werden,
dass die Evakuierungen mancherorts zwar auf der
Grundlage der Gefahrenkarten für ein extremes
Hochwasser erfolgten, das tatsächliche Ausmaß der
Flut jedoch die kartierten Gebiete übertraf.
Von den 189 Menschen, die in Deutschland ihr Leben
verloren, starben 134 im Ahrtal. Mehr als die Hälfte
dieser Todesfälle ereignete sich in Bad Neuenahr-
Ahrweiler. Es ist nicht möglich, alle Todesfälle be-
stimmten Ursachen zuzuordnen (z. B. keine oder zu
späte Warnung, Versuche, Gegenstände aus den
überuteten unteren Teilen der Häuser zu retten,
usw.), aber der besonders tragische Fall der zwölf
Todesopfer im Lebenshilfehaus in Sinzig (siehe
Abschnitt 2.4) ist eindeutig eine Folge der unterlas-
senen Evakuierung des Hauses.
Eine von Thieken et al. (2022b) durchgeführte Um-
frage ergab, dass 29 % in RLP und 35 % in NRW der
von der Flut betroenen Menschen aussagten:
„Ich wurde nicht gewarnt oder bin nicht auf das be-
vorstehende Hochwasser aufmerksam geworden”.
Diese Zahlen passen gut zu den Ergebnissen früherer
Umfragen nach Sturzuten in Deutschland, die –
mit wenigen Ausnahmen – zwischen etwa 25 und
40 % liegen. Bei reinen Flussüberschwemmungen
schneiden Warnungen deutlich besser ab; nur 5 %
der betroenen Bevölkerung wurden im Juni 2013
nicht erreicht. Im Juli 2021 fand etwa die Hälfte der
Menschen (48 %) die Warnungen (sehr) glaubwürdig,
aber nur 15 % erwarteten, dass die Situation mit weit-
reichenden Überutungen und lebensbedrohlichen
Situationen sehr ernst werden würde. Der Anteil der
Befragten, die zwar gewarnt wurden, aber nicht wuss-
ten, was sie tun sollten, um ihr Leben und ihr Eigen-
tum vor dem Hochwasser zu schützen, lag bei 41 %
in RLP bzw. 51 % in NRW, was ebenfalls recht typisch
für Sturzuten in Deutschland ist. Dieser Mangel
33
Die Flutkatastrophe im Juli 2021 in Deutschland
an Wissen und Bewusstsein zeigt deutlich, dass die
größte Herausforderung darin besteht, die Aufmerk-
samkeit der Menschen zu erreichen, und nicht darin,
die technischen Systeme und die Frühwarnkette zu
optimieren. Die Risikokommunikation in Bezug auf
Starkniederschläge und Sturzuten ist im Vergleich
zur Risikokommunikation bei typischen Flusshoch-
wassern unterentwickelt.
Eine Person, die in einem Haus in der Nähe eines
kleinen Nebenusses der Ahr wohnte, war evakuiert
worden, kehrte aber zurück, um einen Hund zu
retten, und ertrank im Keller des Hauses, nachdem
sich die Feuerwehr wegen des steigenden Was-
sers zurückgezogen hatte. Solche Fälle, in denen
Menschen in Panik oder ohne ihr eigenes Risiko
richtig einzuschätzen handeln, werden oft nach
Hochwasserereignissen publik. Rettungsversuche
von Haustieren oder Autos sind bei Überschwem-
mungen eine häuge Todesursache.
4.2 Gelernte und
noch zu lernende Lektionen
Bis in die 1990er Jahre hatte praktisch jede Kommune
in Deutschland eine Sirene. Als nach dem Ende des
Kalten Krieges die Notwendigkeit zur Warnung vor
Luftangrien nicht mehr gesehen wurde und gleich-
zeitig Kommunikationsmittel zur Alarmierung der
Feuerwehren (z. B. Piepser, Handys) zur Verfügung
standen, wurden die Sirenen in den meisten Orten
abgebaut. Dies wird von Katastrophenschützer:innen
seit vielen Jahren kritisiert. Sirenen sind zuverläs-
sige und robuste Warnmittel und zumindest eine
wichtige zusätzliche Methode, um eine Botschaft
zu vermitteln. Informationen über mobile Geräte
wie Mobiltelefone sind nur möglich, wenn die
Mobilfunk- und Stromnetze intakt sind. Es ist ent-
scheidend, sich nicht nur auf ein einziges Mittel
zu verlassen, sondern eine Reihe von Systemen
zu verwenden, die auf bestimmte Adressaten und
Situationen zugeschnitten sind. Steht eine Krise
unmittelbar bevor oder ist sie bereits im Gange, ist
digitale Kommunikation allein nicht ausreichend.
Die Stromversorgung (auch die der Mobilfunk-
masten) kann ausfallen, während die Sirenen – mit
Batterien als Reserve – betrieben werden können.
Feuerwehr- und Polizeifahrzeuge mit Lautsprechern
sind ebenfalls eine Option (vorausgesetzt, die
Straßen sind befahrbar), und auch das Läuten der
Kirchenglocken sollte nicht vergessen werden.
Eine weitere Methode zur Warnung des zivilen
Sektors ist Cell Broadcast, d. h. alle Mobiltelefone in
dem betroenen Gebiet erhalten automatisch eine
Textnachricht. Diese Methode ist – anders als in
einigen anderen Ländern wie den Niederlanden,
Italien und den USA – in Deutschland noch nicht
verfügbar. Als eine Konsequenz aus der Hochwasser-
katastrophe beschloss der Bundestag allerdings
einige Wochen nach dem Hochwasser die Einfüh-
rung von Cell Broadcast.
Ein entscheidender Aspekt bei Warnungen ist die
Ergänzung der reinen Alarmmeldung durch spezi-
sche Anweisungen, was zu tun (oder zu unterlas-
sen) ist und wie man sich verhalten soll. Warn-Apps
bleiben im Allgemeinen auf der Ebene vorformu-
lierter Aussagen und lassen Empfehlungen vermis-
sen, die konkret auf das bevorstehende Ereignis und
die angesprochene Zielgruppe zugeschnitten sind.
Eine Smartphone-Wetter-App liefert eine Reihe von
Zahlen und vielleicht einen standardisierten Wort-
laut einer Warnung. Im Gegensatz dazu interpretiert
ein Fachmann oder eine Fachfrau im Fernsehen die-
se Zahlen und sagt den Menschen, was sie zu er-
warten haben und was sie tun sollten. Außerdem muss
vor einem Ereignis und während des Ereignisses
unterschieden werden. Während des Ereignisses
müssen detaillierte Informationen über spezische
lokale Situationen verbreitet werden, z. B. über un-
passierbare Straßen, sichere Sammelplätze (und wie
man dorthin gelangt), drohende akute Gefahren, usw.
Der allgemeine Mangel an Vorbereitung (einschließ-
lich nachlässiger oder fehlender Schutzmaßnahmen)
spiegelt ein geringes Risikobewusstsein in Bezug
auf extreme Wetterereignisse wider – sowohl bei
Einzelpersonen als auch bei Gruppen und Gemein-
den. Es ist eine modizierte, lokalisierte Risikowahr-
nehmung erforderlich. Sturzuten, die typischer-
weise kleinräumig sind und weit entfernt vom
eigenen Wohnort auftreten, schaen kein ausrei-
chendes Bewusstsein, auch wenn Nachrichten
aus den betroenen Gebieten zwar gehört, das
Eintreten eines ähnlichen Ereignisses am eigenen
Standort aber nicht als Möglichkeit angesehen
wird. Die Menschen zögern daher, Vorsichtsmaß-
nahmen zu ergreifen. Angesichts eines drohenden
Extremereignisses neigen Alteingesessene jedoch
möglicherweise dazu, zu glauben, sie hätten alles
unter Kontrolle, während Zugezogene sich eher
unsicher fühlen und vorsichtiger sind. Um dieser
Haltung entgegenzuwirken, muss ein Umdenken
stattnden und eine positive Risikokultur geschaf-
fen werden. Die Bevölkerung muss künftig besser
mit der Frühwarnung als Teil eines ezienten Kata-
strophenmanagements vertraut gemacht werden.
Die Einführung von „Warntagen” und häuge (z. B.
jährliche) Übungen zur Vorbereitung auf den Kata-
strophenfall in der Öffentlichkeit und in Schulen
sowie in Unternehmen sind unerlässlich.
34 Die Flutkatastrophe im Juli 2021 in Deutschland
5 Vorsorge, Schutz
und bauliche Aspekte
5.1 Wie haben die bestehenden
Systeme ihre Aufgaben erfüllt?
Der Hochwasserschutz entlang der relativ kleinen
Flüsse in der Eifel ist wenig ausgeprägt. Rückhalte-
räume sind an den Gewässern wegen des sehr
begrenzten Platzes in den engen Tälern kaum
vorhanden. Nur in den Oberläufen von Ahr und Erft
benden sich einige kleine Hochwasserrückhalte-
becken. An den meisten Stellen gibt es keine Hoch-
wasserdeiche oder -mauern. Dort, wo es bauliche
Schutzmaßnahmen gibt, fallen diese kaum auf, weil
sie meist klein sind. Auch wenn sichtbare Hoch-
wasserschutzanlagen von manchen als störend
empfunden werden, haben sie doch die Wirkung,
dass sie – wie an der Küste oder entlang großer
Flüsse – auch zum Gefahrenbewusstsein beitragen
können. Fehlen sie, so sind ins Auge fallende Hoch-
wassermarken umso wichtiger.
Die materiellen Folgen signikanter Überschwem-
mungen werden in erster Linie bestimmt durch
1) die vorhandenen exponierten Werte und ihre An-
fälligkeit, und 2) die Möglichkeiten, wie das Hoch-
wasser beeinusst werden kann. Letzteres umfasst
alles, was auf den Abuss und die Strömung einwirkt:
Landnutzung, natürlicher Rückhalt, Entwässerungs-
systeme, Gewässerausbau, Stauseen, Deiche, Hoch-
wassermauern, Hochwasserumleitungen, usw.
Bei diesen Themen wurden in den letzten Jahren,
insbesondere nach den großen Hochwasserereig-
nissen 2002 und 2013, etliche Dezite und Fehler
der letzten Jahrhunderte erkannt und korrigiert.
Der ansteigende Trend der Schäden, hervorgerufen
durch die Bebauung von Wohn-, Gewerbe- und
Industriegebieten an risikoreichen Stellen, ist jedoch
– wie überall auf der Welt – seit vielen Jahrzehnten
ungebrochen. Der Aufschrei und die Forderungen
in der Öentlichkeit, den Medien und der Politik
nach schadenträchtigen Ereignissen klingen in der
Regel innerhalb weniger Monate wieder ab.
In Europa wurden mit der Einführung der Hochwas-
serrisikomanagement-Richtlinie (EU 2007) für jedes
Mitgliedsland Karten mit der Hochwassergefahr
und dem Hochwasserrisiko durch Flüsse gefordert.
Die Mitgliedsstaaten haben die Möglichkeit, die Ge-
fahr von pluvialen Überschwemmungen (aufgrund
von zu geringer Kapazität von Kanalisationssys-
temen) zu vernachlässigen. Die Richtlinie war ein
wichtiger Schritt in Richtung Risikomanagement
und Risikominderung. Deutschland hat nach 2002
und 2013 weitere bemerkenswerte Fortschritte bei
der Verbesserung der Hochwasservorsorge und des
Hochwasserschutzes gemacht. Das Hochwasser von
2002 gab den Anstoß zu einer Neuformulierung von
Geboten und Verboten im Wasserhaushaltsgesetz
(WHG), die (im Wesentlichen) lautet: „Die Auswei-
sung neuer Siedlungsächen in ausgewiesenen
100-jährlichen Überschwemmungsgebieten
(= typisches Bemessungshochwasser) ist unzulässig.”
Diese prinzipiell begrüßenswerte Vorgabe wird
jedoch durch neun Ausnahmen modiziert – und
abgeschwächt. Nur einer dieser neun Punkte be-
zieht sich auf Hochwasserschäden, indem es heißt:
„Gebäude sind so zu errichten, dass bei Eintritt des
Bemessungshochwassers keine baulichen Schäden
zu erwarten sind”. Die anderen beziehen sich auf
Aspekte, die für die Schadenminderung irrelevant
sind, wie Gesundheit, Abussgeschehen, usw.
Die Kehrseite einer solchen Regelung ist, dass der
Gesetzgeber nur wenig bis gar keinen Einuss auf
die Vermeidung von Sachschäden bei Ereignissen
hat, bei denen die Annahmen für das Bemessungs-
hochwasser überschritten werden. Es besteht
jedoch Honung, dass sich dies ändert. Der Koali-
tionsvertrag von SPD, Grünen und FDP, welche seit
Dezember 2021 die neue Bundesregierung bilden,
sieht eine Überprüfung des Ausnahmekatalogs im
WHG vor mit dem Ziel, die Risiken zu reduzieren.
Eine Konsequenz aus dem Hochwasser 2013 war ein
Nationales Hochwasserschutzprogramm, das sich auf
die Verbesserung und den Ausbau von Retentions-
räumen zur Abmilderung von Hochwasserspitzen
und auf die Beseitigung von Schwachstellen konzen-
triert. Die Gesamtkosten der mehr als 100 ausgewie-
senen Maßnahmen werden auf fast 5,5 Milliarden
Euro geschätzt (BMUV 2014). Sie werden jedoch
hauptsächlich entlang der großen Flüsse durchge-
führt, da die geförderten Maßnahmen bundesland-
übergreifende Wirkung entfalten müssen.
Diese Maßnahmen haben den Status des Hochwas-
serschutzes in Deutschland denitiv positiv verändert.
Allerdings beziehen sie sich fast ausschließlich auf
Flusshochwasser, während der Schutz vor lokalen
Sturzuten kaum berücksichtigt wird. Mehrere
außergewöhnliche Ereignisse (u. a. 220 mm Nieder-
schlag in 100 Minuten in der Stadt Münster im Jahr
2014 und zerstörerische Sturzuten in kleineren
Städten in Süddeutschland im Jahr 2016) haben
das Bewusstsein für diese Art von Überutungen
geschärft. Angesichts der Charakteristika solcher lo-
kaler Katastrophen ist es in erster Linie die Aufgabe
und Verantwortung der Gemeinden – und nicht
die von Bund und Ländern –, ihr eigenes Risiko zu
erkennen und zu verringern. In den letzten Jahren
35
Die Flutkatastrophe im Juli 2021 in Deutschland
haben einige Gemeinden Anstrengungen unter-
nommen, um das Risiko zu minimieren, andere wie-
derum haben sich diesbezüglich zurückgehalten.
Das Juli-Hochwasser 2021 wird hoentlich dazu
beitragen, diese Bemühungen zu intensivieren.
In den Siedlungen entlang der Eifelüsse ist der Tal-
grund dicht bebaut, da die Hänge steil, oft geolo-
gisch instabil und schwer zu erschließen sind. Daher
war eine sehr große Zahl an Häusern betroffen.
Traditionell werden die Gebäude in Deutschland
als Mischkonstruktionen aus Mauerwerk und Beton
errichtet. Geschossdecken und Kellerwände (die
meisten Häuser sind unterkellert) werden aus Ort-
beton hergestellt. Die oberirdischen Wände sind
aus Ziegeln gemauert. Holzbauten sind selten, aber
Fertighäuser sind seit einigen Jahrzehnten immer
häufiger anzutreffen. Trotz ihres relativ hohen
Potenzials, äußeren Einwirkungen zu widerstehen,
wurden viele Gebäude zerstört oder so stark beschä-
digt, dass sie einen Totalschaden erlitten. Wenn
nicht Strömungen mit hoher Geschwindigkeit, der
Aufprall großer Trümmerteile oder Unterspülungen
Zerstörung brachten, war auslaufendes Öl häug die
Ursache für großen Schaden. Denn die Mehrzahl der
Häuser wird mit Heizöl beheizt. Sobald Öl in das Mau-
erwerk (gebrannte Lehmziegel oder Porenbeton)
eindringt, wird ein Haus unbewohnbar. Der Geruch
und die gesundheitsschädlichen Gasemissionen
können viele Jahre lang anhalten. Fast immer muss
zumindest der Putz entfernt werden. Als Faustregel
gilt: ölverschmutztes Hochwasser verdoppelt bis
verdreifacht den Schaden.
Einrichtungsgegenstände in überuteten Stock-
werken erleiden in der Regel einen Totalschaden
durch den Kontakt mit (kontaminiertem) Wasser,
Schlamm, Fäkalien und Öl. Zerstörte Möbel und
Haushalts-/Büro-/Laden-/Werkstattgegenstände
türmten sich entlang der Ahr und anderer Ge-
wässer zu kilometerlangen und meterhohen Müll-
halden auf – auch noch Monate nach dem Ereignis.
Müllverbrennungsanlagen und Deponien konn-
ten die riesigen Mengen – Hunderttausende von
Tonnen – nicht bewältigen. Allein aus dem Ahrtal
wurden rund 300.000 Tonnen abtransportiert, eine
Masse, die der Abfallmenge von 35 Jahren des
gesamten Kreises Ahrweiler entspricht.
5.2 Hochwasservorsorge – was ist zu tun?
Um großen Schäden vorzubeugen, empehlt es sich
für Bewohner:innen, Unternehmen und Gemeinden,
dass sie sich ihr individuelles Risiko und die poten-
zielle Gefährdungslage durch Extremwetter aus-
reichend bewusst machen. Der erste Schritt beim
Risikomanagement und die Entscheidungsgrundlage
für zukünftige mobile oder permanente Maßnahmen
ist eine fundierte Analyse der Gefährdung. Perma-
nente bauliche Maßnahmen sind mobilen Lösungen
vorzuziehen, da letztere eine ausreichende Vorlauf-
zeit benötigen (die bei einer Sturzut in der Regel
nicht gegeben ist) und bei der Umsetzung mit Pro-
blemen und Verzögerungen verbunden sein können.
Die Anfälligkeit von Siedlungen für Starkregenereig-
nisse kann durch die Erhöhung der Speicherkapazität
von Wäldern und landwirtschaftlichen Flächen, die
Wiederherstellung von Überschwemmungsgebie-
ten und die Bereitstellung zusätzlicher oener Grün-
ächen innerhalb dicht bebauter Gebiete verringert
werden. Die Idee der Schwammstadt zielt eindeutig
in die richtige Richtung, auch wenn ihre Wirksam-
keit bei Extremereignissen begrenzt ist. Um das
Risikobewusstsein der Bevölkerung zu schärfen,
sind Konzepte erforderlich, die von der Stadt- und
Regionalplanung über Frühwarnsysteme bis hin zu
Evakuierungsübungen und Katastrophenmanage-
ment reichen.
Der Staat kann keinen umfassenden Schutz für das
individuelle Eigentum bieten, und er kann indivi-
duelle, private Schäden nicht vollständig abdecken.
Das Wasserhaushaltsgesetz besagt, dass jede und
jeder Einzelne für seinen Eigenschutz und seine Ei-
genvorsorge selbst verantwortlich ist. Hochwasser-
schutzmaßnahmen zur Vermeidung oder Vermin-
derung von Schäden an Haus und Grundstück sind
daher Aufgabe des Eigentümers, sei es in Bezug auf
die Gestaltung von Garten und Haus oder die Ab-
dichtung von Lichtschächten und Kellereingängen.
Während es zu dieser Verantwortung gehört, über
den Schutz für sich und sein Eigentum informiert zu
sein, müssen die Eigentümer:innen frühzeitig in die
Planungsprozesse von Kommunen und Behörden
eingebunden, durch transparente Entscheidungs-
prozesse beteiligt und zur gemeinsamen Reali-
sierung von Schutzkonzepten ermutigt werden.
Die Erfahrung zeigt, dass die Maßnahmen umso
besser angenommen und umgesetzt werden, je
früher und aktiver Anwohner:innen in die Schutz-
bemühungen einbezogen werden. Sie können sich
anhand von Hochwassergefahrenkarten darüber
informieren, ob ihr Haus (und dessen Umgebung)
von einem Flusshochwasser oder Sturzutereignis
betroen sein kann und wie hoch die Wahrschein-
lichkeit dafür ist.
Es gibt eine Fülle von Informationsblättern, News-
lettern, Broschüren und Internetseiten, in denen Be-
hörden, Gemeinden, Versicherer, Hilfsorganisationen,
u. a. Informationen und Empfehlungen geben, wie
36 Die Flutkatastrophe im Juli 2021 in Deutschland
man sich und sein Hab und Gut vor Hochwasser,
Sturm, Blitzschlag, Erdrutsch, Schneedruck, Frost,
Erdbeben, usw. schützen kann. Es ist für alle
Bürger:innen ratsam, einige davon zu lesen, um
zumindest einen Eindruck vom richtigen Handeln
und Verhalten zu bekommen – und auch um eine
Vorstellung davon zu haben, wo man etwas im
Bedarfsfall noch einmal nachschlagen kann.
Eine recht umfassende Informationsquelle ist das
Handbuch des Bundesamtes für Bevölkerungs-
schutz und Katastrophenhilfe (BBK) „Die unter-
schätzten Risiken Starkregen und Sturzfluten” (BBK
2015). Hausbesitzer:innen in Deutschland können
zudem den „Hochwasserpass” nutzen, ein Instru-
ment, mit dem sich die Risikosituation eines Hauses
einschätzen lässt und der ggf. Empfehlungen zur
Verbesserung nahelegt. Darüber hinaus ist eine Ver-
sicherung gegen Hochwasserschäden (und andere
Naturgefahren) für die meisten Hausbesitzer:innen
sehr empfehlenswert und sollte von ihnen in Be-
tracht gezogen werden. Sie erhöht die eigene Resi-
lienz erheblich und kann die Sorgen über nanzielle
Folgen nach einer Katastrophe vergessen lassen.
Die eektivste Methode zur Vermeidung von Schä-
den besteht darin, überschwemmungsgefährdete
Gebiete von Gebäuden freizuhalten. Leider ist der
Druck von Einheimischen und Bauherr:innen, Häu-
ser, Werkstätten und Fabriken zu errichten, in Ver-
bindung mit dem Streben der Gemeinden nach Wei-
terentwicklung (und Einnahmen durch den Verkauf
von Grundstücken an künftige Eigentümer:innen)
so groß, dass diese einfache Methode nur selten
eine Chance hat – vor allem, wenn gleichzeitig die
gesetzlichen Beschränkungen zu schwach sind.
5.3 Katastrophenvorsorge und
Katastrophenmanagement
Deutschland ist erfahren genug, um mit normalen
Hochwassern, auch mit größeren, gut und routiniert
umzugehen. Aufgrund der guten Bewältigung die-
ser Hochwasser entsteht das trügerische Gefühl,
alles unter Kontrolle zu haben. Dies führt zu Proble-
men bei extremen, seltenen Hochwassern. Beim
Umgang mit einer Katastrophe besteht ein deut-
licher Unterschied zwischen lokalen, kurzfristigen
Überschwemmungen mit hoher Intensität, die
durch konvektive Wolkenbrüche verursacht werden
(pluviale Überschwemmungen, Sturzuten), und
großächigen, langanhaltenden Flussüberschwem-
mungen. Im ersten Fall werden lokale Einsatzkräfte
benötigt, die kaum Zeit haben, ihre Einsatztätigkeit
vorzubereiten. Das bedeutet, dass diese Helfer:innen
über breit angelegte, geschulte und sofort anwend-
bare Fähigkeiten verfügen müssen, um auf ein
Ereignis angemessen und unmittelbar reagieren
zu können. Im Gegensatz dazu ist es bei einem
Flusshochwasser in der Regel möglich, sich auf den
Einsatz vorzubereiten, auch wenn die Vorlaufzeit
vielleicht nur einen Tag beträgt. Man kann sich ein
Bild von der Situation machen, mögliche Maßnah-
men diskutieren und eine Strategie entwickeln.
Häug sind Überschwemmungen eine Mischung
aus beiden Arten von Ereignissen. Sie beginnen
mit lokalen Sturzuten, die schließlich in ein
größeres Flusshochwasser münden. Ein dritter Typ
ist ein stationäres Tief, das nicht nur eine hohe
Niederschlagshöhe mit sich bringt, sondern auch
eingebettete Zellen, die Niederschlagsintensitäten
erzeugen können, die mit denen eines Gewitters
vergleichbar sind. Das Hochwasser von 2021 war
das Ergebnis eines solchen Ereignisses. Es betraf
nicht nur ein Einzugsgebiet, sondern eine Reihe
mittelgroßer Flüsse wie die Ahr, Erft, Rur, Prüm, Kyll
und Wupper, jeweils mit einer Länge in der Größen-
ordnung von 100 km und Einzugsgebietsgrößen
zwischen 827 und 2361 km.
Seit 2004 werden alle drei Jahre regelmäßige Krisen-
managementübungen (LÜKEX) unter Beteiligung
von Akteuren aus verschiedenen Verwaltungen und
anderen Sektoren durchgeführt. Bei diesen vom BBK
geleiteten Übungen werden ktive Extremszenarien
simuliert, um sich auf mögliche Katastrophensituatio-
nen vorzubereiten, die durch extreme Naturereig-
nisse, technische Unfälle, terroristische Anschläge
usw. entstehen können. Bestehende Pläne, Konzepte
und Bewältigungskapazitäten werden in realisti-
scher Umgebung getestet und trainiert. An den
LÜKEX-Übungen sind Krisenstäbe von Bundes- und
Landesbehörden, Betreiber kritischer Infrastrukturen
(z. B. Energie, Kommunikation etc.) und Katastrophen-
schutzorganisationen beteiligt.
Neben den professionellen, gut ausgebildeten öent-
lichen Akteuren bilden organisierte zivile ehren-
amtliche Helfer:innen das Fundament der Katastro-
phenhilfe in Deutschland. Sie spielen eine entschei-
dende Rolle im Katastrophenmanagement, wahr-
scheinlich mehr als in jedem anderen Land. Die THW-
Einheiten (Bundesanstalt Technisches Hilfswerk),
Feuerwehren und Hilfsorganisationen sowie viele
Verbände und Organisationen mit karitativen und
gemeinnützigen Zielen stützen sich weitgehend
auf Freiwillige. Nur in Großstädten gibt es Berufsfeuer-
wehren (insgesamt etwa 100). In den meisten Fällen
üben alle Mitglieder einer Feuerwehr – von der
Führungsebene bis zur Jugendfeuerwehr – ihre
Tätigkeit als freiwillige Freizeitbeschäftigung aus,
37
Die Flutkatastrophe im Juli 2021 in Deutschland
haben aber das Recht, im Falle eines Notdienstes
von ihrem Arbeitgeber freigestellt zu werden.
Leider haben die deutschen Freiwilligeneinheiten
mit Nachwuchsmangel in ihren Organisationen zu
kämpfen. Immer weniger (junge) Menschen haben
sich in den letzten Jahren dazu entschlossen, einen
Teil ihrer Freizeit einem freiwilligen Engagement
im Bereich des Bevölkerungsschutzes zu widmen.
Man darf auch nicht vergessen, dass viele Freiwillige,
die sich in der Katastrophenhilfe engagieren, ein
eigenes Haus oder eine eigene Wohnung und eine
Familie haben, die in der Zeit, in der sie im Einsatz
sind, selbst von Hochwasser betroen sein können.
Wenn sich eine Katastrophe wie im Juli 2021 ereig-
net, entschließen sich zivile Helfer:innen aus dem
ganzen Land, in die betroenen Orte zu reisen und
ihre Hilfe anzubieten. Diese enorme Bereitschaft zur
Unterstützung durch Mithelfen und Spenden war
auch nach den Hochwasserereignissen im Ahr- und
Erfttal zu spüren. Täglich trafen unzählige Freiwillige
ein, um zu helfen. Dadurch wurden die Aufräumar-
beiten erheblich beschleunigt.
In diesem Zusammenhang ist die Organisation über
soziale Netzwerke sehr hilfreich und effizient ge-
worden. Problematisch ist, dass die meisten dieser
spontanen Freiwilligen nicht über die grundlegen-
den Kenntnisse über die zu verrichtenden Aufgaben
verfügen, die nur durch Schulungen erworben wer-
den können. Dieses Wissen kann dazu beitragen, im
Katastrophenfall Leben zu retten.
Die Eigenverantwortung der Bürger:innen ist ein
wesentlicher Bestandteil der Stärkung der Resilienz
der Gesellschaft und eine mächtige Komponente
bei der Abwehr von Katastrophen. Die Ereignisse
vom 14. und 15. Juli 2021 und ihre verheerenden
Folgen lösten nicht nur eine Diskussion darüber aus,
welche Präventivmaßnahmen von der Regierung
ergrien werden sollten, um ein solches Ausmaß
an Schäden zukünftig zu vermeiden, sondern auch
darüber, was jede(r) Einzelne tun kann.
Das BBK empehlt, einen Notfallplan zu erstellen,
an dem alle Bewohner:innen eines Hauses beteiligt
sind. Es hilft sehr, wenn sämtliche Mitglieder eines
Haushalts vor einem Extremereignis wissen, was sie
zu tun haben, zum Beispiel: Wer kümmert sich um
die jungen, alten oder kranken Personen? Wer küm-
mert sich um die Haustiere? Wer bringt wichtige
Dokumente an einen sicheren Ort? Wer schaltet
Strom, Gas, Heizung usw. ab? Noch wichtiger ist es,
zu wissen, wo bestimmte Dinge zu nden sind:
der Hauptstromschalter, das Hauptgasventil, per-
sönliche Dokumente, Versicherungsverträge und
nicht zu vergessen: nicht ersetzbare Gegenstände
wie ein Familienalbum oder geerbte Gegenstände
von hohem persönlichem Wert.
5.4 Hochwasserversicherung
Die Versicherung gegen Überschwemmungsschäden
kann von Hausbesitzer:innen und Unternehmen als
Zusatz zur regulären Gebäudeversicherung abge-
schlossen werden. Die reguläre Versicherung deckt
nur Feuer- und Sturmschäden ab und wird von mehr
als 80 % der deutschen Immobilienbesitzer:innen
genutzt. Die Hochwasserversicherung ist Teil des
Gesamtpakets Elementarschadenversicherung, zu-
sammen mit anderen Gefahren wie Starkregen,
Rückstau, Erdbeben, Erdrutsch, Erdsenkung, Schnee-
druck, Lawine und Vulkanausbruch. Die deutschland-
weite Marktdurchdringung liegt bei 46 %, gegen-
über 19 % im Jahr 2002. Dieser Prozentsatz protiert
von der immer noch 94-prozentigen Marktdurch-
dringung in Baden-Württemberg (BW); die anderen
15 Bundesländer kommen im Durchschnitt nur
auf 35 % bei einer Spanne von 23-49 % (RLP: 37 %,
NRW 47 %). Der Grund dafür ist, dass in BW bis 1994
eine staatliche Pichtversicherung bestand, die dann
aus europarechtlichen Gründen (Monopolverbot)
aufgegeben werden musste. Große Flusshochwasser
und Sturzflutereignisse in den Jahren 2002, 2005,
2010, 2013 und 2016 sowie intensive gemeinsame
Marketingkampagnen der Versicherungswirtschaft
und der meisten Bundesländer haben zu dieser Zu-
nahme geführt, die allerdings immer noch als zu nie-
drig angesehen wird. Der Anteil der Wohnungen
mit einer Hausratversicherung liegt bei 28 %.
Die Prämien für die Elementarschadenversicherung
basieren auf dem 2001 vom Gesamtverband der
Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) einge-
führten Einstufungssystem ZÜRS (Zonierungs-
system für Überschwemmung, Rückstau und
Starkregen). Das System wurde seither mehrfach
verbessert und erweitert und wird alle zwei Jahre
aktualisiert, um Änderungen bei der hydrologisch-
hydraulischen Situation (wie neue oder erhöhte
Deiche, verbesserter Hochwasserschutz usw.) zu
berücksichtigen. Heute besteht es aus vier Klassen:
GK4 (Gefahrenklasse 4), die das 10-jährliche Über-
schwemmungsgebiet darstellt, GK3 das 100-jährliche
Gebiet, GK2 das Gebiet, das von einem extremen
Hochwasser betroffen sein könnte (etwa das
200-jährliche Hochwasser), und GK1 den Rest, d. h.
Gebiete, die wahrscheinlich nicht von einem Fluss-
hochwasser betroen sein werden. Diese Zonen
wurden (bzw. werden) für alle Flüsse und Seen in
Deutschland mit einer Gesamtlänge von 55.000 km
berechnet und festgelegt. 98,5 % aller Adressen
38 Die Flutkatastrophe im Juli 2021 in Deutschland
liegen in GK1 und GK2 und sind damit problemlos
zu einem günstigen Preis versicherbar (Prämie in
GK1: 0,2-0,3 Promille der Versicherungssumme). Nur
0,4 % der Adressen benden sich in GK4, wo die
Versicherung sehr teuer und/oder nur mit einem
hohen Selbstbehalt möglich ist.
Nicht ussbürtige Überschwemmungen werden im
System erst seit 2019 berücksichtigt, als eine zusätz-
liche Bewertungsstufe für lokale Starkregenereignisse
eingeführt wurde. Deutschland ist in drei Starkregen-
klassen (SGK) unterteilt, die 1) Standorte auf einer
Kuppe oder im oberen Bereich eines Hangs (SGK1,
22 % der Fläche), 2) auf mittleren/unteren Hang-
bereichen oder in der Ebene (SGK2, 66 %) und
3) im Tal oder in der Nähe eines Bachs (SGK3, 12 %)
widerspiegeln.
Nach jedem größeren Hochwasser wird über die Ein-
führung einer obligatorischen Überschwemmungs-
versicherung diskutiert, eine Lösung, die vom GDV
nicht befürwortet wird. Der Verband schlägt eine
Lösung vor, bei der die Elementarversicherung
automatisch in künftige Verträge aufgenommen
wird, allerdings mit einer Opt-out-Klausel. Das heißt,
die Kunden müssen aktiv ablehnen, gegen Elemen-
targefahren versichert zu werden, wenn sie dies
wünschen. Der GDV fordert, dass diese Änderung der
Versicherungspolicen mit strengeren gesetzlichen
Beschränkungen für das Errichten von Gebäuden in
überschwemmungsgefährdeten Gebieten, Vorschrif-
ten für hochwassersicheres Bauen in bestimmten
Bereichen und Klimaanpassungsmaßnahmen seitens
der Regierung einhergehen muss. Anfang Juni 2022
forderten die Bundesländer eine Pichtversicherung
gegen Elementarschäden; die Bundesregierung
stimmte einer Prüfung der Einführung zu.
Es ist ungerecht, wenn die Regierung Schäden von
Nichtversicherten mit Steuergeldern ausgleicht,
während die Versicherten ihre Erstattung auf der
Grundlage von Verträgen erhalten, für die sie Prä-
mien bezahlt haben. Eine solche Politik untergräbt
auch die Bemühungen der Betroffenen um Scha-
denverhütung und Schadenminderung. Einige
deutsche Bundesländer, z. B. Sachsen und Bayern,
haben daher eine Regelung eingeführt, wonach
nur diejenigen, die keine Elementarversicherung
abschließen können (z. B. wegen ihrer hohen in-
dividuellen Gefährdung), eine Entschädigung aus
öffentlichen Geldern erhalten können. Wie diese
Regelung nach einem künftigen Überschwem-
mungsereignis durchgesetzt wird, steht auf einem
anderen Blatt. Die politische Situation zu diesem
Zeitpunkt (z. B., ob eine Wahl bevorsteht) kann
dieses gut gemeinte Gebot außer Kraft setzen.
Die Schäden aus der Kfz-Versicherung machen bei
Überschwemmungen oft einen erheblichen Teil
der versicherten Schäden aus, da die Teilkasko-
versicherung in Deutschland weit verbreitet ist.
Auch wenn die meisten Autos einen Totalschaden
erleiden, wenn sie unter Wasser gesetzt oder weg-
geschwemmt werden, ist es keine gute Idee, zu
versuchen, ein bedrohtes Auto zu retten. Eine hohe
Zahl von Todesfällen steht im Zusammenhang
mit solchen Aktionen und dem Durchfahren von
Wasser bei Überutungen. Solche Todesfälle sind
denitiv vermeidbar.
Das Hochwasser von 2021 war der höchste versicher-
te Schaden, der jemals bei einem Einzelereignis in
Deutschland entstanden ist, und übertraf den bis-
herigen Rekord von 4,8 Mrd. Euro aus dem Elbe-
Donau-Ereignis von 2002. Die Versicherer zahlen
voraussichtlich rund 8,5 Mrd. Euro für Schäden im
Zusammenhang mit „Bernd”. Die versicherten Sach-
schäden für rund 213.000 gemeldete Fälle beliefen
sich auf 8,1 Mrd. Euro, die Kfz-Versicherung steuerte
350 Mio. Euro bei (GDV 2021).
39
Die Flutkatastrophe im Juli 2021 in Deutschland
6 Wiederaufbau und
künftige Maßnahmen
6.1 Nationaler Wiederaufbauplan
Nur wenige Wochen nach der Hochwasserkatastro-
phe beschlossen Bund und Länder ein Finanzpaket
von bis zu 30 Milliarden Euro, um den Wiederaufbau
der Infrastruktur in den betroffenen Regionen zu
unterstützen und den Menschen vor Ort zu helfen,
ihre Lebensverhältnisse wiederherzustellen. Zusätz-
lich wurden Mittel aus dem EU-Katastrophenfonds
beantragt. An private Haushalte im Kreis Ahrweiler
wurden in den Wochen nach der Hochwasserkata-
strophe Soforthilfen in einer Größenordnung von
25 Mio. Euro ausgezahlt; für ganz RLP betrug diese
Hilfe rund 33 Mio. Euro. Im Durchschnitt erhielten
die privaten Haushalte 2.000 Euro.
6.2 Grundsätze und Besonderheiten
des Wiederaufbaus
Beim Wiederaufbau müssen einige Grundsätze
beachtet werden. Die Rettung von Menschenleben
hat Vorrang, weshalb der Schwerpunkt auf Vorher-
sage, Warnung und Evakuierung liegt. Das Ausmaß
der Überschwemmungen muss gemildert werden,
indem den Flüssen Raum gegeben wird (natürliche
Rückhalteräume) und Wasser gezielt zurückgehal-
ten wird (Dämme), wo immer dies möglich ist.
Abflusshindernisse (z. B. enge Brückendurchlässe)
müssen vermieden oder beseitigt werden. Quellen
von Treibgut im Einzugsgebiet und entlang der
Flüsse müssen so klein wie möglich gehalten werden.
Für die Flächennutzungs-, Bau- und Evakuierungs-
planung müssen aktuelle Hochwasserkarten zur
Verfügung gestellt werden, in denen historische
Hochwasserereignisse berücksichtigt sind. RLP hat
dies in der zweiten Hälfte des Jahres 2021 zumindest
in einer vorläugen Version bereits getan (Abb. 14).
Am Pegel Altenahr beispielsweise hat der neue
100-jährliche Abfluss von rund 420 m³/s den bishe-
rigen Wert von 241 m³/s ersetzt.
Wiederaufbau schafft Fakten. Ein vorrangiges
Ziel im Wiederaufbauprozess ist es, eine hohe
Resilienz für die Zukunft zu schaffen. Ein grund-
legendes Problem ist dabei der Konflikt zwischen
schneller Erholung und sinnvollen Maßnahmen.
Die Menschen brauchen so schnell wie möglich
Wohnungen und Verkehrseinrichtungen, während
die Planung Zeit braucht, nicht zuletzt für fundier-
te Diskussionen zur Integration der verschiedenen
Aspekte einer Gesellschaft. Nach einer Entschei-
dung der Landesregierung RLP dürfen bis auf
34 alle Häuser an ihrem bisherigen Standort im
Ahrtal wieder aufgebaut werden. Die Zukunft wird
zeigen, wie nachhaltig die getroffenen Entschei-
dungen sein werden.
Abb. 14: Überschwemmte
Bereiche während des
Hochwassers im Juli 2021
und neu berechnetes –
vorläuges – 100-jährlches
Überschwemmungsgebiet
nach dem Hochwasser
(R. Bell basierend auf SGD
Nord 2021)
40 Die Flutkatastrophe im Juli 2021 in Deutschland
Die ersten Anstrengungen galten der Wiederher-
stellung der Verkehrs-, Strom-, Wasser- und Abwas-
ser-, Gas- und Telekommunikationssysteme. Diese
konnten in viel kürzerer Zeit als befürchtet repariert
werden. Insbesondere die Heizgasversorgung, die
in Bad Neuenahr-Ahrweiler stark in Mitleidenschaft
gezogen worden war, konnte noch vor dem Winter
wiederhergestellt werden.
Ein weiterer vorrangiger Bereich war die Bereitstel-
lung von Wohnraum für Menschen, die ihre Häuser
verloren hatten oder die unbewohnbar waren.
In Sinzig, Bad Neuenahr-Ahrweiler und Altenahr
wurden 170 Mobilheime eingerichtet, um Men-
schen ohne Wohnung über den Winter zu bringen.
Sie können bis zu drei Jahre in diesen Unterkünften
bleiben und zahlen nur eine sehr geringe Miete.
Auf diese Weise können die Bewohner:innen ihre
sozialen Kontakte und Verbindungen aufrechter-
halten und werden gleichzeitig ermutigt, in der
Region zu bleiben und nicht wegzuziehen. Der
psychische Druck auf die Menschen ist ohnehin
schon hoch, aber wenn insbesondere Alte, Kranke
und Pegeintensive ihr häusliches Umfeld verlassen
müssen, ist das für sie eine zusätzliche psychische
Belastung. Die Katastrophe wird höchstwahrschein-
lich langfristige Auswirkungen auf die betroenen
Gebiete haben. Die Stadt Bad Neuenahr-Ahrweiler
befürchtete ursprünglich, dass ein Drittel der
30.000 Einwohner:innen in Zukunft nicht mehr in
der Stadt leben wollte. Das wäre ein herber Verlust
für diese orierende Kurstadt im Ahrtal. Laut neue-
ren Erkenntnissen scheint sich dieser Bevölkerungs-
verlust aber wohl nicht einzustellen.
Eines der Probleme nach Überschwemmungen
sind giftige und unhygienische Schlammreste, die
Böden und Wände sowohl im Inneren als auch
außen bedecken. Um Häuser wieder bewohnbar zu
machen, wurden „Eektive Mikroorganismen (EM)”
eingesetzt. Diese Mischung aus verschiedenen Mikro-
organismen wird mit Wasser vermischt und wirkt
wie ein natürliches Reinigungsmittel. Es ist voll-
ständig biologisch und enthält keine Chemikalien.
EM verhindert Schimmel, Fäulnis und schlechte
Gerüche.
Der immense Umfang des Wiederaufbaus führte
zu einem gravierenden Mangel an professionellen
Bauunternehmen, Handwerksbetrieben, quali-
zierten Fachkräften und vor allem an Baumaterial.
Dieses bekannte Phänomen wird als „Nachfrage-
schub (demand surge)” bezeichnet und ist nach
Katastrophen häug zu beobachten. Dabei steigen
nicht nur die Preise, sondern es werden auch unlau-
tere und betrügerische Angebote von bestimmten
Firmen und Personen gemacht. Die Stadt Erftstadt
gab eine Warnung heraus: „Vorsicht bei der Abgabe
von Soforthilfe-Anträgen. Es sind Betrüger:innen
unterwegs, die Daten abgreifen wollen.” Im Jahr 2021
el der Nachfrageschub nach der Katastrophe mit
allgemeinen Lieferverzögerungen und steigenden
Preisen zusammen, die durch unterbrochene Liefer-
ketten aufgrund der Covid-19-Pandemie verursacht
waren. Inwieweit die Pandemie den Wiederaufbau-
prozess behindert hat, muss jedoch noch unter-
sucht werden.
Neben den materiellen Verlusten war auch Geld
direkt betroen. Die Bundesbank ersetzte Bargeld
in Höhe von mehr als 100 Millionen Euro. Für den
Umtausch kamen Banknoten und Münzen in Frage,
die zu mindestens 50 % erhalten waren. Fast 60
Millionen Euro wurden von Privatpersonen abge-
geben; der Rest ging an Banken, um das in Tresoren
und Schließfächern verlorene Geld zu ersetzen. Das
Trocknen und Zählen der 1,5 Millionen nassen, ver-
schmutzten oder verschimmelten Scheine erwies
sich für die Bundesbank als Herausforderung. Die
Banknoten klebten zusammen, bildeten manch-
mal betonähnliche Klumpen und zerelen beim
Trennen. Zählmaschinen konnten nicht eingesetzt
werden. Nach der Behandlung der Scheine in Wä-
schetrocknern – mit Duftstoen gegen den Geruch
– wurde die Zählung von Hand vorgenommen.
Diese Aufgabe wurde bis Ende 2021 abgeschlossen;
danach begann die Reinigung von 1,2 Millionen
Münzen.
6.3 Forschungsprojekte zur Resilienz
Die Bundesregierung (Ministerium für Bildung und
Forschung) hat mehrere Forschungsprogramme
aufgelegt, um den Wiederaufbauprozess in RLP und
NRW wissenschaftlich zu beraten und zu begleiten.
Das Programm KAHR steht für Klimaanpassung,
Hochwasser und Resilienz und ist mit 5,2 Millionen
Euro für den Zeitraum 2021-2024 ausgestattet. Ziel
ist es, den Akteuren beim Wiederaufbau neueste
wissenschaftliche Erkenntnisse zur Klimaanpassung
und zum Katastrophenmanagement zur Verfügung
41
Die Flutkatastrophe im Juli 2021 in Deutschland
zu stellen, um einen nachhaltigen und klimaresi-
lienten Bauzustand zu erreichen. 13 Partner aus
verschiedenen Disziplinen sind an der Beratung der
Akteure auf unterschiedlichen Ebenen (kommunal,
regional, bundeslandweit, national) beteiligt. Vorge-
schlagene Präventionsmaßnahmen werden bewertet
und auf die jeweiligen lokalen Bedürfnisse zugeschnit-
ten. Die entwickelten Konzepte für Hochwasser und
Extremniederschläge gehen über die Festlegung von
Überschwemmungsgebieten hinaus. Raumpla-
nerische Vorsorgemaßnahmen und solche auf der
Grundstücksebene werden gestärkt und Bewälti-
gungskapazitäten für künftige – möglicherweise
stärkere – Ereignisse werden durch die Zusammen-
arbeit der Bereiche Wasserwirtschaft, Katastrophen-
management und Raumplanung optimiert.
Ein weiteres interdisziplinäres Projekt, HoWas2021,
beschäftigt sich mit „Governance und Kommunika-
tion im Krisenfall des Hochwasserereignisses im Juli
2021” und wird mit 1,5 Millionen Euro für 18 Monate
gefördert. Fünf Universitäten und eine Reihe von
Bundes-, Landes- und privaten Akteuren untersu-
chen die Verbesserung von Vorhersagen, Krisen-
kommunikation und Katastrophenmanagement bei
der Bewältigung von Extremwetterlagen. Anhand
von Expert:inneninterviews, Metaanalysen und
ausgewählten Fallstudien in den vom Hochwasser
2021 betroenen Regionen werden die verschiede-
nen Phasen der Katastrophenbewältigung analy-
siert. Dabei wird der Schwerpunkt auf die Bevölke-
rungsschutzorganisationen und die längerfristigen
Wiederaufbauprozesse gelegt.
Neben dem physischen Wiederaufbauprozess darf
man auch den psychischen Erholungsprozess der
Menschen nicht vergessen. Hunderte, wenn nicht
Tausende haben wahrscheinlich eine posttrauma-
tische Belastungsstörung (PTBS) entwickelt, als sie
sahen, wie ihr Hab und Gut und damit ihr „Leben”
im Wasser versank. Eine PTBS kann auch noch Wo-
chen und Monate nach dem auslösenden Ereignis
auftreten. Die Erfahrung zeigt, dass etwa 30 % der
Überlebenden von Naturkatastrophen an dieser
Störung leiden. Symptome sind: Flashbacks (d. h.
die verstörenden Szenen tauchen immer wieder vor
dem geistigen Auge auf), erhöhte Suizidneigung,
Angststörungen, Depressionen, Somatisierungsstö-
rungen (d. h. unerklärliche Schmerzen ohne körper-
liche Ursache) und Panikattacken. Es ist notwendig,
diesen Menschen psychologische Hilfe anzubieten.
Um diesen Anforderungen gerecht zu werden, wur-
de im Dezember 2021 das Trauma Hilfe Zentrum im
Ahrtal eingerichtet.
42 Die Flutkatastrophe im Juli 2021 in Deutschland
7 Schlussfolgerungen
7.1 Für die Katastrophe
verantwortliche Faktoren
Die folgenden Faktoren waren ausschlaggebend für
das Hochwasser im Juli 2021 in Deutschland:
1. extreme Niederschläge, sowohl in Bezug auf
die Gesamtmenge als auch auf die Intensität,
im Zusammenhang mit einer quasistationären
Wetterlage in Europa;
2. geringes Rückhaltevermögen in den Einzugs-
gebieten aufgrund der vorherrschenden
feuchten Bedingungen und der topograschen
Gegebenheiten;
3. sehr schneller Oberächenabuss, kurze
Konzentrationszeiten und reißender Abuss in
den Wasserläufen aufgrund des steilen Gefälles
in den betroenen Regionen;
4. schnell ansteigende Wasserstände und rasch
zunehmende Fließgeschwindigkeiten, die
mitunter durch die Verklausung von Brücken
und andere Strömungshindernisse lokal
erhöht wurden;
5. das Wasser, das mehrere Meter hoch selbst
durch weit vom Fluss entfernte niedrig gele-
gene Gebiete strömte, nachdem es über die
Ufer getreten war, stellte eine große Gefahr für
Menschen dar und entwickelte eine immense
Zerstörungskraft für Gebäude und andere
Strukturen;
6. Beschädigung von Bauwerken (z. B. Gebäude,
Brücken) durch den Aufprall großer Objekte
wie Baumstämme, Fahrzeuge und anderes
Treibgut;
7. Erosion von Ufern, Auskolkung, Unterspülung
von Bauwerken und Sedimentablagerungen
(Geröll, Schlamm);
8. Probleme und Verzögerungen bei der
Warnung und Evakuierung;
9. Gefahrenkarten, die die tatsächliche Situation
nur unzureichend widerspiegelten;
10. der Überraschungseekt in Verbindung mit
dem mangelnden Vorstellungsvermögen der
Menschen und (einiger) Katastrophenmana-
ger:innen, dass ein solches Ereignis tatsächlich
eintreten würde.
Hochwasserkatastrophenmanagement kann nur
dann erfolgreich sein, wenn alle Risikokompo-
nenten – Gefährdung, Exposition, Vulnerabilität
– wirksam reduziert werden. Die Verbesserung von
Frühwarnsystemen und die Aufklärung der Gesell-
schaft erfordern genaue Kenntnisse über die Risiken
in den betreenden Gebieten auf der Grundlage
zuverlässiger Gefahren- und Risikokarten, wobei der
Schwerpunkt auf kritischen Infrastrukturen liegen
muss.
Es war oensichtlich, dass die Gefahr, die vom Hoch-
wasser im Juli 2021 ausging, unterschätzt wurde.
Die Warnstufe 4 wurde vom DWD rechtzeitig aus-
gegeben, aber die Dringlichkeit dieser Information
ging auf dem Weg zu den beteiligten Akteuren und
Betroenen teilweise verloren. Todesfälle auf über-
uteten Straßen und in überschwemmten Häusern
zeigen, dass die Warnungen die Menschen nicht
rechtzeitig erreichten oder nicht konkret genug
waren, so dass sie adäquat hätten handeln können.
Aber auch individuelles Fehlverhalten war sicherlich
in vielen Fällen ein Faktor.
Die Evakuierung erfolgt in der Regel auf der Grund-
lage von Gefahren- und Risikokarten, die potenziell
überschwemmungsgefährdete Gebiete zeigen.
Diese Karten müssen auf dem neuesten Stand sein
und mögliche Veränderungen aufgrund des Klima-
wandels und der örtlichen Gegebenheiten berück-
sichtigen. Sie sollten historische Hochwasser und
deren Überschwemmungsgebiete widerspiegeln.
Fehlende Hinweise auf frühere Ereignisse („Anker-
beispiele”) erschweren die Bewertung von Maßnah-
men und deren Durchsetzung. Außerdem müssen
die Gebiete angegeben werden, die überutet
werden, wenn Deiche und andere Schutzeinrich-
tungen versagen, sowie der Zeitpunkt, zu dem eine
Hochwasserwelle aus dem Einzugsgebiet eintreen
wird (Konzentrationszeit) und die Fließgeschwindig-
keiten in bestimmten Bereichen. Ungenaue Karten
können zu Fehlentscheidungen führen. Eine kurze
Zeitspanne vom Niederschlag bis zur Überutung
von Gebäuden und Abüssen mit einem hohen
Zerstörungspotenzial erfordern eine extrem schnelle
Entscheidungsndung.
Das Wissen und die Risikowahrnehmung von Insti-
tutionen und Bevölkerung sind entscheidend dafür,
wie schnell und umfassend Notfallmaßnahmen
ergrien werden. Wie Umfragen in Deutschland
zeigten, ist das Verständnis von Warnstufen und
Risikokarten in der Bevölkerung bei Sturzuten we-
niger ausgeprägt als bei Flusshochwassern. Nur wer
richtig reagiert, kann die Folgen für seine Gesund-
heit und Objekte mindern. Innovative technische
43
Die Flutkatastrophe im Juli 2021 in Deutschland
Warnmittel und -methoden müssen durch Aufk-
rungs- und Kommunikationsmaßnahmen ergänzt
werden.
Warnungen mit Vorhersagen von potenziellen Aus-
wirkungen haben großes Potenzial, die Reaktion im
Ereignisfall zu verbessern Mit ihnen lassen sich Gebäu-
de und Infrastrukturkomponenten identizieren, die
vermutlich überflutet werden. Bestehende Hoch-
wasservorhersagemodelle müssen um Modellkom-
ponenten erweitert werden, die die überuteten
Gebiete und mögliche Folgen (lebensgefährliche
Bereiche, mögliche Schäden) aufzeigen.
Aus diesen Erkenntnissen ergeben sich Lehren, die
in den drei folgenden Bereichen umgesetzt werden
müssen:
7.2 Bauvorsorge und
Hochwasserrisikomanagement
Extreme Sturzuten lassen sich nicht vermeiden,
aber hochwasserangepasste und hochwasserresis-
tente Gebäude sowie dauerhafte bauliche Schutz-
maßnahmen können die Schäden verringern. Bei
der Planung neuer Brücken muss berücksichtigt
werden, dass Hochwasser große Mengen an Ge-
schiebe und Treibgut mit sich führt. Dem kann be-
gegnet werden, indem man größere Brückendurch-
lässe vorsieht. Wenn möglich, sollte eine Bauweise
gewählt werden, die sich bei extremen Ereignissen
als resilient erweist. Das bedeutet, dass die Brücke
nicht nur den physischen Belastungen während des
Hochwassers standhalten sollte, sondern dass das
Wasser auch bei einer verstopften Önung ohne
nennenswerten Rückstau und Erosion der Ufer am
Bauwerk vorbeiießen kann. Um dies zu gewähr-
leisten, sollten die Auahrrampen so gestaltet sein,
dass sie überströmt werden können, ohne dass
es zu Erosion kommt. Schließlich muss die Brücke
unmittelbar nach dem Rückzug des Hochwassers
benutzbar sein, bestenfalls ohne oder mit nur
geringen Schäden.
Hochwassermanagement und operativer Hoch-
wasserschutz müssen mögliche Extremszenarien
vorhersehen, auch wenn sie nicht wahrscheinlich
erscheinen. Die technischen Einsatzmöglichkeiten
und die Vorbereitung der Kommunikation müssen
mit allen potenziellen Beteiligten und Akteuren im
Krisenfall geprüft und abgestimmt werden. Das
BBK fordert eine stärkere Einbindung und Zusam-
menarbeit der Behörde mit den Krisenstäben der
Bundesländer. Im Zuge einer Neuausrichtung wird
zur besseren Koordination ein Kompetenzzentrum
Bevölkerungsschutz eingerichtet, an dem das BBK,
die 16 Bundesländer, Hilfsorganisationen und Ret-
tungsdienste beteiligt sind. Es muss Standards ge-
ben wie einheitliche Karten und Begrie, die von
allen beteiligten Akteuren, Behörden, Wasserwirt-
schaftsämtern, Katastrophenschutzeinheiten und
Bürger:innen verwendet werden. Es sollten Übun-
gen durchgeführt werden. Die Forderung: „Üben -
üben - üben!” ist mehr als nur ein Schlagwort.
7.3 Frühwarnung und Verhalten
Elementare und rechtzeitige Information und Vorbe-
reitung auf den Ernstfall sind von entscheidender
Bedeutung. Die hohe Zahl der Todesfälle ließ den
Schluss zu, dass viele Bewohner:innen nicht aus-
reichend darüber informiert waren, mit welchen
Gefahren sie in ihren Häusern rechnen mussten, wie
sie sich vorbereiten und wie sie sich im Ereignisfall
verhalten sollten. Die rein meteorologische Aussage
muss in eine konkrete Gefahr (mögliche Folgen)
übersetzt und mit spezischen Handlungsanwei-
sungen versehen werden. Nur dann können die
Gemeinden und Einwohner:innen sie verstehen
und in die Tat umsetzen.
Ein ezientes Frühwarnsystem ist eine der wich-
tigsten Komponenten des Katastrophenschutzes.
Ein solches System muss robust sein und über
Redundanzen verfügen, einschließlich Personal und
Medien, die nicht auf das Stromnetz angewiesen
sind. Seine Struktur sollte an den regionalen Bedarf
angepasst sein, damit es auch in einem kleinen
Einzugsgebiet eingesetzt werden kann. Dabei
müssen die lokalen Gegebenheiten und möglichen
Auswirkungen berücksichtigt werden.
Die Adressaten (Bevölkerung und Akteure des
Katastrophenmanagements) müssen aufgeklärt,
informiert und in Bezug auf das Risikowissen ge-
schult werden. Dies kann über Schulen, Fernseh-
spots zu Frühwarnung, Gefahrenkarten, Broschüren
und Kurzlehrgänge über angemessenes Verhalten
geschehen. Zum Risikowissen gehören Notfallpläne
und für den Einzelnen eine Vorstellung davon, wie
man sich angemessen verhält. Werkzeuge und
Geräte für die Hochwasserabwehr sollten zur
Verfügung stehen. Ein Versicherungsschutz wird
dringend empfohlen.
7.4 Raumplanung
Eine hochwassersensible Raumplanung hält die
bei extremen Abüssen aktivierten Fließwege und
Überschwemmungsbereiche frei von Häusern und
44 Die Flutkatastrophe im Juli 2021 in Deutschland
anderen Bauwerken wie Straßen, Bahngleisen und
Brückenauahrten sowie Bepanzungen. Um Schä-
den zu vermeiden, sollte man darauf verzichten,
hochwassergefährdete Gebiete zu entwickeln und
dort zu bauen. Im Hinblick auf den Wiederaufbau
kann dies bedeuten, die Forderung „Build Back Bet-
ter (Bau besser)” durch „Build Back Elsewhere (Bau
woanders)” zu ersetzen, wo immer dies möglich
ist. Die Identizierung von Stellen, an denen Wasser
stehenbleiben oder sich sammeln kann (Senken), und
seiner bevorzugten Fließwege bei starken Regenfäl-
len hilft, Schäden zu vermeiden. Es sollten Abuss-
möglichkeiten geschaen werden, die das Wasser
ohne schwerwiegende Folgen nutzen kann.
Ozielle Datenbanken mit Ereignis- und Schaden-
daten fehlen. Bislang haben private Unternehmen
(z. B. Rückversicherer) und nichtstaatliche Einrich-
tungen (z. B. Universitätsinstitute) die Sammlung
dieser Daten übernommen, aber diese Art und
Weise ist nicht vollständig, zuverlässig und nach-
haltig. Ein Unternehmen kann von einem Tag auf
den anderen beschließen, seinen Dienst einzustel-
len – und niemand kann das verhindern. An einer
Universität kann das Betreiben der Datenbank von
einer einzigen Person abhängen und enden, wenn
diese Person geht oder die Mittel gekürzt werden.
Die Datenerhebung, -verarbeitung und -bereitstel-
lung muss daher als öentliche Aufgabe wahrge-
nommen werden, deren Kontinuität und Qualität
garantiert ist. Abgesehen von ihrer Bedeutung für
die Dokumentation sind diese Daten eine wertvolle
Grundlage für die Ausweisung von Entwicklungsge-
bieten und Einschätzung von Katastrophenrisiken.
Die gesetzlichen Bestimmungen in Deutschland sind
zu locker, wenn es darum geht, ein Gebäude in einer
Hochrisikozone zu errichten. In der Schweiz z. B.
ist bei Projektplanungen das Bauen in einer „roten
Zone” ausnahmslos verboten. Schwammstädte
mit weniger versiegelten Flächen, mehr Parks und
begrünten Dächern können Wasser speichern und
so nicht nur den Abuss aus der Stadt verringern,
sondern gleichzeitig das Stadtklima durch ihren
Einuss auf Luftfeuchtigkeit, Luftqualität und Tem-
peratur verbessern.
Die künftige Ausrichtung auf ein umfassendes Hoch-
wasserrisikomanagement und eine entsprechende
Katastrophenvorsorge muss als gemeinsame Auf-
gabe unter Einbeziehung von Raum- und Stadtpla-
nung, Verkehrsplanung, Meteorologie, Hydrologie,
Wasserbau, Sozialwissenschaften, Kommunikation,
Verwaltung und Katastrophenhilfe erfolgen, um nur
einige zu nennen. Wissenschaftliche Erkenntnisse
und neue Forschungsergebnisse müssen so ver-
mittelt werden, dass sie für jeden verständlich sind.
Entscheidungsträger:innen und Bürger:innen müs-
sen davon überzeugt werden, wissenschaftlichem
Fachwissen zu vertrauen und sich darauf zu verlassen.
Planer:innen und Entscheidungsträger:innen ihrer-
seits müssen mit ihren Empfehlungen mehr Leute
erreichen. Wissen ist vorhanden, aber oft gelingt es
den Expert:innen nicht, es in den politischen und
gesellschaftlichen Raum, d.h. zu den Menschen, zu
bringen.
Die Hochwasserkatastrophe vom Juli 2021 hat ge-
zeigt, dass nicht nur die Erforschung von Extrem-
wetterlagen, sondern auch die Frühwarnung, das
Bewusstsein für die Risiken und die Vorsorgemaß-
nahmen verbessert werden müssen. Darüber hin-
aus muss es politische Leitlinien geben, die sich
insbesondere mit Starkregen und Sturzuten be-
fassen. Bei letzteren stehen andere Maßnahmen im
Mittelpunkt als bei Flussüberschwemmungen.
45
Die Flutkatastrophe im Juli 2021 in Deutschland
Zusammenfassung der
Aktivitäten zur Aufarbeitung
der Flutkatastrophe
Ronja Winkhardt-Enz und Benni Thiebes
Als direkte Reaktion auf die Flutkatastrophe rief das
DKKV eine Austauschplattform ins Leben, auf der
allgemeine Informationen zur Flut, Veröentlichun-
gen und Pressebeiträge sowie Informationen zum
Flutverteiler, den Austauschtreen und aktuellen
Forschungsaktivitäten zu nden sind (DKKV 2021).
Um Doppelforschung zu vermeiden und einer
dadurch bedingten Überforderung und Ermüdung
der Befragten vorzubeugen, können auf der DKKV
Flutplattform auch Umfragen eingereicht werden,
um einen Abgleich zu ermöglichen und Synergien
zu schaen. Die dort eingereichten und gesammel-
ten Informationen ermöglichen es nun, hier einen
Überblick der Aktivitäten zur Aufarbeitung der Flut-
katastrophe zu erstellen, wobei diese Zusammen-
fassung keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt.
Im Folgenden wird eine Auswahl an Projekten und
Fördermaßnahmen, Veröentlichungen, aktuellen
Umfragen, Berichten der Politik und von Untersu-
chungsausschüssen sowie Netzwerken zusammen-
gefasst.
Das Bundesministerium für Bildung und Forschung
(BMBF) fördert verschiedene Projekte, um den Wie-
deraufbauprozess wissenschaftlich zu beraten und
zu begleiten. Das Projekt „KAHR – Klima-Anpassung,
Hochwasser und Resilienz” – organisierte in diesem
Rahmen bereits eine erste Wissenschaftskonferenz,
um wissenschaftlichen Austausch anzuregen und
erste Lehren aus der Flutkatastrophe zu erarbeiten
und vorzustellen. Als ein Ergebnis der ersten Konfe-
renz wurden zehn Empfehlungen der Wissenschaft
für den Wiederaufbau und die Zukunftsfähigkeit
der utbetroenen Regionen zusammengestellt
(KAHR 2022). Diese weisen weitreichende Über-
schneidungen zu den Lehren aus der Flutkatastro-
phe in diesem Bericht (Seite 6) auf. Weitere Informa-
tionen zu KAHR sowie zu „HoWas2021 – Governance
und Kommunikation im Krisenfall des Hochwasser-
ereignisses im Juli 2021” wurden bereits in Kapitel 6.3
„Forschungsprojekte zur Resilienz” beschrieben.
Andere Forschungsprojekte zu hydro-meteorolo-
gischen Extremereignissen wurden bereits vor der
Flutkatastrophe initiiert. Dazu gehört auch die Förder-
maßnahme „Wasser-Extremereignisse” (WaX 2022),
in der zwölf Vorhaben zu unterschiedlichen Metho-
den, Managementstrategien und -maßnahmen von
wasserbezogenen Naturgefahren wie Hochwasser,
Starkregen und Dürre forschen. Diese beschäftigen
sich u. a. mit urbanen Wasserextremen und Wasser-
infrastrukturen, mit Hoch- und Niedrigwasserma-
nagement sowie mit der Vorhersage und Kommu-
nikation von Wasserextremen.
Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Kata-
strophenhilfe (BBK) hat im Zuge von Sturmtief
„Bernd” eine Informationsseite zur Hochwasserlage
in Deutschland eingerichtet. Darüber hinaus wurden
die unterschiedlichen Aspekte der Katastrophe im
Magazin „Bevölkerungsschutz: Pandemie und Hoch-
wasserkatastrophe” (4/2021) beleuchtet (BBK 2021a).
Das BBK hat zudem ein Handbuch für Bürger:innen
und Kommunen zu unterschätzten Risiken von Stark-
regen und Sturzuten veröentlicht. In diesem Zuge
wurde auch der Abschlussbericht des Projekts der
Strategischen Behördenallianz „Anpassung an den
Klimawandel: Klassikation meteorologischer Ex-
tremereignisse zur Risikovorsorge gegenüber Stark-
regen für den Bevölkerungsschutz und die Stadt-
entwicklung (KlamEx)” veröentlicht (BBK 2021b).
Der neue Ereigniskatalog umfasst alle Starkregen-
ereignisse in Deutschland seit 2001. Mit Fokus auf
den besiedelten Raum wurden Zusammenhänge
zwischen Einsatzorten bei Starkregenvorkommen
und siedlungsspezischen Parametern untersucht.
Das Center for Disaster Management and Risk Re-
duction Technology (CEDIM) des Karlsruher Insti-
tuts für Technologie (KIT) hat im Rahmen einer
Forensischen Katastrophenanalyse einen Bericht
zu dem Ereignis im Juli 2021 mit Fokus auf Nord-
rhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz veröffent-
licht (Schäfer et al. 2021). Darin wird unter ande-
rem auf meteorologische und hydrologische
Hintergründe eingegangen sowie die Rolle des
Klimawandels bei diesem Hochwasser einge-
schätzt. Des Weiteren wird das Ereignis in den
historischen Kontext der Ahr eingeordnet. Zum
Schluss wird eine erste Abschätzung zu den Schä-
den der Überutungen gegeben und die Auswir-
kungen auf den Verkehr visualisiert. Kurze Zeit
später wurde eine Ergänzung veröffentlicht, die
Niederschlagssummen für Postleitzahlengebiete
abbildet. Darüber hinaus wird das Ausmaß der
Unwetterschäden in Bezug auf das Bahn- und
Straßenverkehrsnetz erläutert.
Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR)
hingegen erfasste Luftbilder und Auswertungen
von satellitengestützten Daten von betroenen
Regionen, hauptsächlich von Nordrhein-Westfalen
und Rheinland-Pfalz und wertete sie mit weiteren
Erdbeobachtungsdaten für die Helfer:innen aus.
Zusätzlich hat das Zentrum für satellitengestützte
Kriseninformation (ZKI) des DLR Hochwasser-
46 Die Flutkatastrophe im Juli 2021 in Deutschland
informationen aus Satellitendaten abgeleitet. Diese
wurden an Rettungskräfte weitergegeben und als
Lageinformation veröentlicht (DLR 2021).
Der Deutsche Wetterdienst (DWD) hat die Aufarbeitung
der Flutkatastrophe mit einer hydro-klimatologischen
Einordnung der Stark- und Dauerniederschläge im Zu-
sammenhang mit dem Tiefdruckgebiet „Bernd” vom
12. bis 19. Juli 2021 unterstützt. Dabei wird zunächst
auf die Wetter- und Ausgangslage eingegangen und
folglich der zeitliche und regionale Verlauf beschrie-
ben. Darauf aufbauend erfolgt die klimatologische
Einordnung (DWD 2021). Forscher:innen des DWD
haben zusammen mit insgesamt 39 Forscher:innen
der World Weather Attributions Initiative eine Studie
durchgeführt (Kreienkamp et al. 2021), die sich mit
dem Einuss des Klimawandels auf die Starkregen-
fälle im Juli 2021 beschäftigte: Die Wahrscheinlich-
keit, dass es zu extremen Regenfällen wie im Juli 2021
in Deutschland, Belgien, den Niederlanden und Lux-
emburg kommt, die zu Überschwemmungen führen,
hat sich durch den Klimawandel um das 1,2- bis
9-fache erhöht. Aus der Studie geht außerdem her-
vor, dass sich die Intensität dieser extremen Nieder-
schläge aufgrund der durch den Menschen verur-
sachten globalen Erwärmung in der Region zwischen
3 und 19 Prozent erhöht hat.
Von den Helmholtz-Zentren haben sich gleich meh-
rere mit der Flutkatastrophe im Juli 2021 beschäftigt.
Stellvertretend werden hier einige Arbeiten des
Helmholtz-Zentrum Potsdam – Deutsches GeoFor-
schungsZentrum (GFZ) und des Helmholtz-Zentrum
für Umweltforschung (UFZ) zusammengefasst. Am GFZ
ist eine internationale Gruppe von Forscher:innen um
den GFZ-Hydrologen Bruno Merz den Fragen nachge-
gangen, wie eine Flut zur Katastrophe wird und was
Ursachen und Auswirkungen von Hochwasserkata-
strophen an Flüssen sind (Merz et al. 2021). Wissen-
schaftler:innen des GFZ, der Universität Potsdam und
des Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) ha-
ben zudem das Statement „Extreme Hochwasser blei-
ben trotz integriertem Risikomanagement eine Her-
ausforderung” veröentlicht (Thieken et al. 2021). Das
Statement beschäftigt sich unter anderem mit den Fra-
gen, warum die Hochwasserkatastrophe im Ahrtal
so unerwartet kam und wie historische Erkenntnisse ge-
nutzt werden können, um Vorhersagen zu verbessern.
Das UFZ hat im Zusammenhang mit der Flutkatastro-
phe „Fünf Prinzipien für klimasichere Kommunen und
Städte” veröentlicht (Kuhlicke et al. 2022). In diesem
programmatischen Beitrag werden wesentliche
Prinzipien vorgestellt, an denen sich der Umbau
von Städten und Gemeinden orientieren sollte, um
ihre Klimasicherheit zu erhöhen.
Viele der Forderungen wurden bereits nach den gro-
ßen Hochwassern 1993 und 1995 am Rhein bzw. im
Nachgang zu den zerstörerischen Hochwassern 2002
und 2013 öentlich gemacht. Mit diesem Statement
soll auch ihre Bedeutung nochmals unterstrichen
werden. Die Prinzipien gehen über die Gemeinde-
und Stadtgrenzen hinaus, da viele Maßnahmen
zwar in Städten wirken, aber auf anderer räumlicher
oder föderaler Ebene entschieden und umgesetzt
werden müssen. Die Prinzipien sollen helfen, die
Klimasicherheit von Städten und Gemeinden stärker
zu priorisieren. Während einige Prinzipien unmittel-
bar angegangen und zeitnah umgesetzt werden
sollten (z. B. Frühwarnung und Bevölkerungsschutz),
sind andere nur längerfristig umsetzbar (Umbau von
Infrastruktursystemen, Steigerung der Speicher-
fähigkeit von Landschaften). Weitere Statements
aus Wissenschaft und Praxis sammelte zudem die
Helmholtz-Klima-Initiative auf ihrer Webseite (Helm-
holtz-Klima-Initiative 2022). Nicht zuletzt hat das
Umweltbundesamt (UBA) das Papier „Klimaresilienz
stärken – Bausteine für eine strategische Klima-
risikovorsorge” veröentlicht, um verschiedene
Maßnahmen hauptsächlich für Immobilien und Inf-
rastrukturen für die strategische Klimarisikovorsorge
zusammenzustellen (UBA 2021).
Eine direkte Umfrage mit Bewohner:innen der vom
Starkregen- und Hochwasserereignis betroenen
Orte hat beispielsweise die Arbeitsgruppe Geogra-
phie und Naturrisikenforschung der Universität
Potsdam in Form einer Online-Befragung durch-
geführt. Aufgrund der immensen Schäden und
zahlreichen Todesopfer, die zu beklagen sind, wird
mit dieser Umfrage der Frage nachgegangen, ob,
wann und wie die Menschen vor Ort gewarnt wurden
(Thieken et al. 2022b). In Bezug auf Einsatzkräfte und
Spontanhelfende wurden einige Umfragen und For-
schungen von der Technischen Hochschule Köln
(THK) durchgeführt. Beispielsweise haben Vetre-
ter:innen der THK, der Universität Wuppertal und der
Universität Bonn anhand einer Umfrage ermittelt,
welche Erfahrungswerte die Spontanhelfer:innen
im Rahmen ihrer Einsätze zur Flutbewältigung ge-
sammelt haben. Dabei sollen die Umfrageergeb-
nisse insbesondere Aufschluss über die Bedeu-
tung von Faktoren wie Motivation, Koordination,
Arbeitsschutz und gesellschaftlicher Grundhal-
tungen geben. Basierend auf solchen Umfragen
wurden Berichte über Motivation, Zufriedenheit
und Risiken von Einsatzkräften und Helfer:innen
bei den Hochwassereinsätzen 2021 und 2013 in
Deutschland sowie Lehren aus dem Starkregen
und den Überschwemmungen in Deutschland
2021 veröentlicht (Fekete 2021). Weitere Umfragen
und Interviews wurden auch im Forschungsprojekt
47
Die Flutkatastrophe im Juli 2021 in Deutschland
Resilienz und Evakuierungsplanung für sozioökono-
mische Infrastrukturen im medico-sozialen Kontext
(RESIK) der Katastrophenforschungsstelle (KFS) der
Freien Universität Berlin durchgeführt, um Abläufe
und Herausforderungen bei Evakuierungen sowie
Möglichkeiten zur Steigerung der Resilienz von
Krankenhäusern zu untersuchen. Im Forschungs-
projekt RESIK wird nicht nur das Krankenhaus selbst
als Teil der Kritischen Infrastruktur betrachtet, son-
dern auch das Netzwerk, das für den Erhalt eines
Krankenhauses notwendig ist (RESIK 2022). Es gibt
zudem auch länderübergreifende Studien, wie die
der Zurich Flood Resilience Alliance, die eine ganz-
heitliche Analyse der Hochwasserereignisse in
Deutschland, Belgien, den Niederlanden und Luxem-
burg basierend auf einer Synthetisierung von wissen-
schaftlichen Informationen und Medienberichten
vor allem durch semistrukturierte Expert:innen-
interviews durchgeführt hat. Die Ergebnisse dieser
Studie wurden im Juni 2022 veröentlicht (Flood
Resilience Portal 2022).
Des Weiteren werden auf der DKKV Flutplattform
einige studentische Umfragen und deren Ergebnisse
gelistet (DKKV 2021).
Da die Flutkatastrophe auch politisch aufgearbeitet
wird, gibt es sowohl in Nordrhein-Westfalen als auch
in Rheinland-Pfalz einen Untersuchungsausschuss.
Hierzu wurde beispielsweise auch der Abschluss-
bericht des vom Ministerium des Innern berufenen
Kompetenzteams Katastrophenschutz in Nordrhein-
Westfalen zu Rate gezogen. Dabei handelt es sich
nun um die Quintessenz der intensiven Beratungen
dieses Kompetenzteams Katastrophenschutz. Die
große Chance der Arbeit dieses interdisziplinär ar-
beitenden Kompetenzteams war es, Antworten auf
die drängenden Fragen zur Weiterentwicklung des
Katastrophenschutzes in Nordrhein-Westfalen zu
nden und damit Lösungswege aufzuzeigen (Minis-
terium des Innern des Landes Nordrhein-Westfalen
2022). Ein vergleichbarer Bericht wurde auch vom
Wiederaufbaustab im rheinland-pfälzischen Innen-
ministerium veröentlicht (Ministerium des Innern
und für Sport des Landes Rheinland-Pfalz 2022a).
Ein Jahr nach der Flutkatastrophe hat das Innen-
ministerium von Rheinland-Pfalz einen Bericht über
die Fortschritte des Wiederaufbaus veröentlicht
(Ministerium des Innern und für Sport des Landes
Rheinland-Pfalz 2022b). Des Weiteren wurde für
beide Länder je ein Bericht bei Dipl. Ing. Albrecht
Broemme, Vorstandsvorsitzender des Zukunftsfo-
rum öentliche Sicherheit e.V. (ZOES) und ehemali-
ger Präsident des THW, in Auftrag gegeben, um
nach dem Unwetterereignis Strategien zur Vor-
beugung, Vorbereitung, Koordinierung, Nachberei-
tung und zur verbesserten Resilienz zu erarbeiten
(Broemme 2022a, Broemme 2022b). Auf Bundesebene
wurde im Kabinett bereits der Abschlussbericht der
eingerichteten Stäbe des Bundesministeriums des
Innern, für Bau und Heimat (BMI) und des Bundes-
ministeriums der Finanzen (BMF) zusammen mit
beteiligten Behörden, aber auch anderer wichtiger
Akteure wie den Hilfsorganisationen vorgestellt
(BMI 2022). Der Abschlussbericht zur Flutkatastrophe
baut auf den Zwischenbericht vom September 2021
auf. Der Bericht umfasst nicht nur Informationen zu
Schäden und Maßnahmen, sondern setzt auch einen
Schwerpunkt auf die Erkenntnisse, die aus den ver-
heerenden Ereignissen gewonnen wurden.
Neben den Untersuchungsausschüssen und Ab-
schlussberichten haben einzelne Parteien/Fraktio-
nen Statements zum Thema der Flutkatastrophe
veröentlicht, in denen Vorschläge für eine Stärkung
des Bevölkerungs- und Katastrophenschutzes
gemacht werden (vgl. Die Grünen 2022; Ministerium
des Innern des Landes Nordhein-Westfalen 2022).
Neben dem DKKV, das zum Thema Flutkatastro-
phe 2021 eine Themenseite, ein Statement, einen
Newsletter sowie die Flutplattform aufgesetzt hat,
setzten sich auch andere Netzwerke mit den Star-
kregenereignissen auseinander. Dazu gehört auch
die DKK Starkregen Initiative, die ein informelles, inter-
und transdisziplinäres Netzwerk darstellt, das sich
für Starkregenvorsoge und Klimaresilienz einsetzt
(DKK 2022). Die Vereinigung zur Förderung des Deut-
schen Brandschutzes e.V. hat anlässlich der Flutkata-
strophe eine Expertenkommission aus Vertreter:innen
der zivilen Gefahrenabwehr, Wissenschaft und wei-
teren Fachleuten einberufen, um die Erfahrungen
der rheinland-pfälzischen und nordrhein-westfäli-
schen Starkregenkatastrophe auszuwerten (Vfdb
2021). Für das Netzwerk des Hochwasser Kompetenz
Centrum e.V (HKC) Köln steht vor allem die Frage
nach zentralen Handlungsfeldern im Mittelpunkt.
Dabei werden insbesondere Risikokommunikation,
Frühwarnung und Alarmpläne, Bauvorsorge, Hoch-
wasserentstehung in der Fläche, Anpassung an
hydro-klimatische Extreme, Umgang mit den be-
stehenden Instrumenten zur Vorsorge vor Hoch-
wasser und Starkregen benannt (HKC 2021).
Auch wenn diese Zusammenfassung der Aktivitä-
ten zur Aufarbeitung der Flutkatastrophe aufgrund
der Vielzahl an Projekten, Forschungen, Umfragen
und Veröentlichungen nicht alle Aktivitäten mit-
aufnehmen konnte, zeigt sie doch wie inter- und
transdisziplinär und ganzheitlich die Flutkatastrophe
48 Die Flutkatastrophe im Juli 2021 in Deutschland
beleuchtet und aufgearbeitet wird. Auch auf poli-
tischer Ebene hat die Flutkatastrophe zu Aufarbei-
tungsprozessen geführt. So wurden im Deutschen
Bundestag bereits mehrere Anhörungen durchge-
führt. Bei einer öentlichen Anhörung des Ausschus-
ses für Inneres und Heimat am 04. Juli 2022 mahnten
beispielsweise Expert:innen zu besseren Strukturen
im Bevölkerungsschutz (Deutscher Bundestag 2022).
Dies zeigt, dass die Aktivitäten zur Aufarbeitung der
Flutkatastrophe 2021, der Wissenstransfer und das
Lernen von- und miteinander den Wiederaufbau im
Sinne von „build back better” nachhaltig begleiten
können. Nur wenn die Lehren für eine risikoinfor-
mierte, klimasensitive und nachhaltige Entwicklung
angewandt werden, können wir die Zukunft resilient
gestalten.
49
Die Flutkatastrophe im Juli 2021 in Deutschland
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53113 Bonn
Phone: +49 (0)228/26 199 570
Email: info@dkkv.org
Internet: http://www.dkkv.org
DKKV-Schriftenreihe 62, August 2022
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Article
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Several severe flood events hit Germany in recent years, with events in 2013 and 2016 being the most destructive ones, although dynamics and flood processes were very different. While the 2013 event was a slowly rising widespread fluvial flood accompanied by some severe dike breaches, the events in 2016 were fast-onset pluvial floods, which resulted in surface water flooding in some places due to limited capacities of the drainage systems and in destructive flash floods with high sediment loads and clogging in others, particularly in small steep catchments. Hence, different pathways, i.e. different routes that the water takes to reach (and potentially damage) receptors, in our case private households, can be identified in both events. They can thus be regarded as spatially compound flood events or compound inland floods. This paper analyses how differently affected residents coped with these different flood types (fluvial and pluvial) and their impacts while accounting for the different pathways (river flood, dike breach, surface water flooding and flash flood) within the compound events. The analyses are based on two data sets with 1652 (for the 2013 flood) and 601 (for the 2016 flood) affected residents who were surveyed around 9 months after each flood, revealing little socio-economic differences – except for income – between the two samples. The four pathways showed significant differences with regard to their hydraulic and financial impacts, recovery, warning processes, and coping and adaptive behaviour. There are just small differences with regard to perceived self-efficacy and responsibility, offering entry points for tailored risk communication and support to improve property-level adaptation.
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Recent studies have shown that hydro-climatic extremes have increased significantly in number and intensity in the last decades. In the Northern Hemisphere such events were often associated with long lasting persistent weather patterns. In 2018, hot and dry conditions prevailed for several months over Central Europe leading to record-breaking temperatures and severe harvest losses. The underlying circulation processes are still not fully understood and there is a need for improved methodologies to detect and quantify persistent weather conditions. Here, we propose a new method to detect, compare and quantify persistence through atmosphere similarity patterns by applying established image recognition methods to day to day atmospheric fields. We find that persistent weather patterns have increased in number and intensity over the last decades in Northern Hemisphere mid-latitude summer, link this to hydro-climatic risks and evaluate the extreme summers of 2010 (Russian heat wave) and of 2018 (European drought). We further evaluate the ability of climate models to reproduce long-term trend patterns of weather persistence and the result is a notable discrepancy to observed developments.
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Pluvial floods claimed more than 180 lives in Germany in July 2021, when a large and slow-moving storm system affected Germany and many neighbouring countries. The death tolls and damages were the highest since 1962 in Germany, and soon after, the crisis management was under public critique. This study has undertaken an online survey to understand crisis management better and identify lessons to learn. It has received a positive interest among operational relief forces and other helpers (n = 2264). The findings reveal an overall satisfaction with the operation in general as well as personal lessons learned. It also reveals shortcomings in many areas, ranging from information distribution, coordination, parallel ongoing COVID-19 pandemic, infrastructure resilience, and other factors. Just as well, areas for improvement of the crisis management system are suggested by the respondents. Cooperation and support by the affected population are perceived as positive. This helps to inform other areas of research that are necessary, such as studies on the perception by the affected people. The gaps in assessments of operational forces and some methodological constraints are discussed to advance future follow-up studies. View Full-Text Keywords: disaster management; emergency management; civil protection; flood Germany; needs assessment; loss and damage; volunteers; voluntary helpers; response
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Disastrous floods have caused millions of fatalities in the twentieth century, tens of billions of dollars of direct economic loss each year and serious disruption to global trade. In this Review, we provide a synthesis of the atmospheric, land surface and socio-economic processes that produce river floods with disastrous consequences. Disastrous floods have often been caused by processes fundamentally different from those of non-disastrous floods, such as unusual but recurring atmospheric circulation patterns or failures of flood defences, which lead to high levels of damage because they are unexpected both by citizens and by flood managers. Past trends in economic flood impacts show widespread increases, mostly driven by economic and population growth. However, the number of fatalities and people affected has decreased since the mid-1990s because of risk reduction measures, such as improved risk awareness and structural flood defences. Disastrous flooding is projected to increase in many regions, particularly in Asia and Africa, owing to climate and socio-economic changes, although substantial uncertainties remain. Assessing the risk of disastrous river floods requires a deeper understanding of their distinct causes. Transdisciplinary research is needed to understand the potential for surprise in flood risk systems better and to operationalize risk management concepts that account for limited knowledge and unexpected developments.
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Damage caused by floods has generally increased in Europe over the decades, and reducing the flood risk has become a recognised priority throughout the continent. Floods constitute a burden on the economies of European countries and insurance companies, not only because of the damage they cause but also because of the costs of structural flood defences and safety measures in general. The main reasons for the increasing flood risk are: presence of settlements and the growing value of assets in flood-prone areas; climate and environmental (land use and land cover) changes that always happen but have recently been accelerated because of radically different demographic conditions and technological progress. Statistical analyses by Munich Re’s NatCatSERVICE database underline the high relevance of floods to European societies. The reasons for the rising trends in flood losses are explained. The flood risk is borne by various stakeholders – individuals, businesses, governments and the insurance sector. This paper discusses the taxonomy of floods, presents flood statistics for Europe and examines the reasons for flood risk increase. It also examines flood risk reduction, focusing on various aspects of flood insurance as a means of risk transfer.
Wetter und Klima -Warnkriterien
DWD (2022): Wetter und Klima -Warnkriterien;
Post-Event Review Capability
  • Flood Resilience Portal
Flood Resilience Portal (2022): Post-Event Review Capability. https://floodresilience.net/perc/
Die Katastrophe war um 17.17 Uhr sichtbar
  • G Kirschstein
Kirschstein, G. (2022): Die Katastrophe war um 17.17 Uhr sichtbar, Rheinzeitung 2022/2/31
Rapid attribution of heavy rainfall events leading to the severe flooding in Western Europe during
  • Kreienkamp
Kreienkamp et al. (2021): Rapid attribution of heavy rainfall events leading to the severe flooding in Western Europe during July 2021. https://www.worldweatherattribution.org/heavy-rainfall-which-led-to-severe-flooding-in-westerneurope-made-more-likely-by-climate-change/
The July 2021 flood disaster in Germany
  • W Kron
  • R Bell
  • B Thiebes
  • A H Thieken
Kron, W., Bell, R., Thiebes, B. & Thieken, A. H. (2022): "The July 2021 flood disaster in Germany" in 2022 HELP Global Report on Water and Disasters, herausgegeben vom Sekretariat des High-level Experts and Leaders Panel on Water and Disasters (HELP), c/o GRIPS 7-22-1 Roppongi Minato-ku Tokyo 106-8677 Japan;