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Narrative Ästhetik: Können Narrative ästhetisch sein - und falls ja, wie?

Authors:

Abstract

Können Narrative ästhetisch sein? Ein explorativer Aufsatz aus dem Bereich der Neuroästhetik
Narrative Ästhetik:
Können Narrative ästhetisch sein - und falls ja, wie?
von
Nikodem Jan Skrobisz
Hausarbeit zum Seminar:
Philosophische und psychologische Ästhetik
Dozent: Prof. Dr. Joerg Fingerhut
Wintersemester 2021/2022
Ludwig-Maximilians-Universität München
Fakultät für Philosophie, Wissenschaftstheorie und Religionswissenschaft
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung..............................................................................................................................1
2. Die Probleme einer Narrativen Ästhetik..........................................................................1
3. Eine empirische Lösung durch die Neurologie...............................................................4
4. Eine logische Lösung durch den Kognitivismus.............................................................5
5. Schlussgedanken..................................................................................................................7
6. Quellen..................................................................................................................................8
7. Eigenständigkeitserklärung................................................................................................9
1. Einleitung
Kann eine Geschichte ästhetisch sein? Oder etwas präziser und zugleich allgemeiner
formuliert: Können Narrative die Objekte eines ästhetischen Urteils sein und falls ja,
wie ist das möglich? Auf den ersten Blick scheint das keine schwierige Frage zu sein,
schließlich scheinen wir ästhetische Urteile zu fällen, wenn wir Erzählungen als
schlecht oder schön, langweilig oder spannend bewerten. Auch scheint es intuitiv bei
Narrativen ähnlich wie in der bildenden Kunst so etwas wie bestimmte ästhetische
Stile zu geben, die von Menschen als unterschiedlich ansprechend empfunden
werden in der Literatur gibt es kafkaeske oder lovecraftsche Geschichten, in der
Politik heroische und antagonistische Narrative. Doch wenn wir genauer hinsehen,
scheint es gar nicht so klar zu sein, ob unser ästhetisches Erleben von Narrativen
tatsächlich genauso funktioniert wie das von materiellen Artefakten wie Gemälden
oder Bildern. Wenn wir sagen, dass eine Geschichte „schön“ ist, ist das die gleiche
Art von „Schönheit“, wenn wir über ein Gemälde sprechen? Die Existenz einer
Narrativen Ästhetik erscheint im Licht einer sorgfältigen Betrachtung alles andere als
klar zu sein.
2. Die Probleme einer Narrativen Ästhetik
Wenn in der Philosophie, Psychologie und Neurologie sich mit Ästhetik befasst wird,
so fokussiert sich die Untersuchung von ästhetischen Erlebnissen und Urteilen vor
allem auf materiell vorhandene Artefakte der bildenden Kunst und Architektur.
Wenn narrative Kunstformen wie Literatur und Film mal herangezogen werden, so
rückt der Fokus der Untersuchung schnell auf Inhalt und Form – darauf wie ein Bild
wirkt, das Framing einer Szene, ein Lichteffekt, der Klang eines Verses doch die
ästhetische Beurteilung von Narrativen, jenen abstrakten Seelen von Literatur und
Film, ist ein weitestgehend blinder Fleck in der Erforschung der Ästhetik. Was kein
Zufall ist, denn Narrative unterscheiden sich (ähnlich wie Musik) von gängigen
materiellen Artefakten in drei fundamentalen und das Erfassen eines gegebenenfalls
vorhandenen ästhetischen Urteils erschwerenden Aspekten: (1) Ihrer Immaterialität
oder mentalen Essenz, (2) ihrer temporalen Extension und (3) ihrer Medialität und
Kontextualität.
(1) Alle gängigen als ästhetisch erlebbaren Artefakte der bildenden und
darstellenden Künste sind sinnlich zugänglich, sogar die Musik ist es. Narrative sind
es nicht, sie können nur mental erlebt werden. Narrative sind per se abstrakte,
mentale Muster von Vorstellungen meist kausal verwobener Ereignisse, Symbole
und Charaktere. Sie können zwar durch Sprachen und Symbole vermittelt werden
in Form eines Hörbuchs, eines Textes, eines Stummfilms et cetera, und all diese
Trägermedien sind an sich ästhetischen Urteilen zugänglich, aber sie sind nicht
identisch mit dem Narrativ, welches sie tragen. Während ein Gemälde oder ein
Filmeszene ein sinnliches Objekt und damit wissenschaftlich operationalisierbar ist,
existiert ein Narrativ nur als Vorstellung von sinnlichen Erlebnissen, die sich über
einen längeren Rezeptions- und Reflektionszeitraum im individuellen Bewusstsein
und Gedächtnis bildet.
1
(2) Narrative haben damit zusätzlich eine signifikante temporale Extension während
ihrer Rezeption: so kann es sein, dass wir erst ein, zwei hundert Seiten eines Romans
über mehrere Tage hinweg lesen, bis das große Narrativ sich in unserem Kopf in
seiner Gänze zusammensetzt und es mental erlebbar und vollständig beurteilbar ist.
(3) Narrative brauchen aufgrund ihrer mentalen Natur materielle Trägermedien in
Form von Sprache oder Kunst. Narrative und visuelle Artefakte sind daher in der
Regel eng miteinander verwoben, am stärksten in Filmen, aber auch in politischen
Erzählungen durch Symbole, Gesten und Bilder; sogar ein Roman bedient sich mit
Titelbild, Formatierung und Schriftarten visueller Medien, sodass es kaum möglich
ist, konfundierende Variablen auszuschließen, wenn man ein Narrativ auf seinem
reinen ästhetischen Gehalt untersuchen will, denn das Medium selbst kann und wird
ästhetisch beurteilt. Nicht nur das: Narrative sind durch Subtexte und Paratexte in
einer Kultur stehts in einem Cluster von komplexen Memes und weiteren Narrativen
eingewoben, sodass ihr Rezeption massiv von einem individuellen Kontext abhängt.
Dies führt auch zu der meisten Verwirrung bei der Untersuchung von ästhetischen
Urteilen von Narrativen. Wenn jemand gefragt wird, ob er zum Beispiel die
Geschichte Bruce Waynes in dem Film „The Dark Knight“ als ästhetisch erlebte, so
ist ein „Ja“ oder „Nein“ nicht unbedingt eine klare Antwort. Wenn er sich nämlich an
sein Erlebnis des Films zurückerinnert, so wird er zweifelsohne auch sein
ästhetisches Urteil zu den visuellen Elementen des Films wie Stunts, Effekten,
Kostümen und Lichteffekten sein Urteil beeinflussen, vielleicht sogar vollständig
füllen. Ebenso ist es bei einem Hörbuch: Ist die Geschichte per se schön oder war der
Klang der Stimme des Vorlesers so angenehmen? Narrative werden nie pur erlebt,
sondern sind immer Teil einer größeren Komposition aus Artefakten, sprachlichen
und visuellen Stilmitteln. Den gegebenen vorhandenen Anteil des Narratives am
ästhetischen Urteil herauszufiltern erscheint empirisch kaum möglich und nur
introspektiv zugänglich.
Auf dem introspektiven Weg dieser Filterung begegnen uns jedoch Probleme der
sprachlichen Konfusion: Wenn eine Geschichte eine Tragödie ist, wie Shakespeares
„Macbeth“ oder Sophokles‘ „König Ödipus“, wird kaum ein Mensch von sich aus
sagen, dass die Geschichten schön sind, enden sie doch mit tragischem Leid, welches
alles andere als angenehm oder moralisch gut ist. Jedoch scheinen diese Geschichten
intuitiv eine hohe ästhetische Qualität zu haben über ihre Formen und Medien
hinaus, die nach tausenden von verschiedenen Adaptionen heutzutage kaum noch in
Originalform rezipiert werden und die auf das ihnen inhärente Narrativ
zurückzuführen ist. Dieser ästhetische Wert scheint neben anderen intuitiv auch
zu der hohen Fitness als Memes in der kulturellen Evolution und Überlieferung
dieser Geschichten beizutragen. Ähnliches lässt sich auch über politische Narrative,
insbesondere von marxistischen oder sorelianischen Mythen intuitiv annehmen.
Narrative, diese unsichtbaren Fadenknäule aus mentalen Repräsentationen und
Konstruktionen, sind so wenig greifbar wie eine Metapher. Man kann sie in fein
säuberliche – und meist auch selbst ästhetisch anmutende – Formalisierungen gießen
2
wie die 3-Akt oder 5-Akt Struktur oder auch eine Ringform, wie der von Dan
Harmon Story Circle, der selbst auf Joseph Campbells Konzept der Heldenreise
basiert. Man kann sich auch nach Richard Dawkins aus der darwinistischen
Perspektive der Memetik analysieren, aus George Sorels machiavellistischen Mythos-
Sicht oder aus einer Diskurstheorie wie Habermas oder Foucault. Aber all diese
Formalisierung, all diese Versuche Narrative oder auch nur ein partikuläres Narrativ
theoretisch zu erfassen, sind selbst Narrative über Narrative, Meta-Narrative.
Narrative sind nämlich im Leben von uns Homo narrans überall: sie sind die Methode
mit der wir unsere Identitäten konstruieren (vgl. McAdams 2001), unser Wissen über
die Welt integrieren, ihm Sinn geben und daran navigieren. Narrative strukturieren
als cognitive primitives (vgl. Comer, Taggart, 2021, S. 102) unser ganzes Erleben von
uns Selbst und der Welt. Von der Geschichte, die wir uns selbst erzählen darüber wer
wir sind, was wir gerade tun, über die Geschichten der Menschheit und der Welt,
über die Vermittlung moralischer Werte, die Navigation unseres Alltags und das
soziale Miteinander, wird unser Denken und Erleben durch eine engmaschige,
ständig wandelnde Matrix aus subjektiven Narrativen geleitet. Das Streben aus
dieser subjektiven Matrix auszubrechen, sich aus der Subjektivität zu befreien und
das Objektive zu greifen zu bekommen, ist der wissenschaftliche Prozess. Mit all
seinen Methoden durch Operationalisierung, empirisches Testen und Falsifizieren
versucht die empirische Naturwissenschaft die narrative Subjektivität von der
Wirklichkeit zu schälen, um die Realität freizulegen. Sie ist im Hinblick auf die
Geschichte der letzten Jahrtausende der Menschheit neben den logischen
Strukturwissenschaften wie Mathematik und Informatik, sicherlich die darin
erfolgreichste Methode. Doch gerade wenn es um die Erfassung der Subjektivität
selbst geht zum Beispiel bei dem Versuch Bewusstsein, Narrative oder Qualia zu
operationalisieren - tut sich die Naturwissenschaft hier oft schwer zu einem größeren
Verständnis beizutragen. Was nicht verwundern sollte, sind ihre Methoden doch
darauf ausgelegt genau das Subjektive aus dem Weg zu räumen, was sonst die Sicht
auf die Realität verzerrt.
Allerdings: Mögen Geist und Natur subjektiv und beim methodischen Zugang
geschieden sein, so sind sie objektiv Teil der gleichen Realität, leben wir Menschen
doch schließlich in – wie es scheint – einer physikalischen Welt und sind ein Teil von
ihr, mit jedem einzelnen Neuron und damit zwangsläufig auch mit jeder einzelnen
noch so unsinnigen Idee, die darüber verrechnet wird. (vgl. Comer, Taggart 2021,
S.11) Deswegen ist es gar nicht so abwegig darauf zu setzen, dass die
Naturwissenschaften zumindest bald in der Lage sein werden uns aufzuklären, ob
das ästhetische Urteil über die Geschichte vom Hexer Geralt das gleich ästhetische
Urteil ist wie das über ein Gemälde von Van Gogh.
3. Eine empirische Lösung durch die Neurologie
Wie können uns die empirischen Naturwissenschaften dabei helfen zu klären, ob
Narrative selbst Gegenstände ästhetischer Erfahrungen und Urteile sein können?
Entgegen einem weitverbreiteten Skeptizismus unter den Geisteswissenschaftlern,
die wohl aus Unbehagen über das Eindringen der Naturwissenschaften in ihre
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ureigene Domäne, gern einen vermeintlichen Szientismus beklagen oder sich in
poststrukturelle Semantikspiele flüchten, hat die Neurowissenschaft mittlerweile
einiges Substanzielles über die materiellen Substrate narrativer Erlebnisse zu sagen.
Die seit Jahren rapide sinkenden Kosten für Technologien wie fMRI-Scans
ermöglichen es Neurowissenschaftlern mittlerweile in ihrer Forschung holistischer
vorzugehen. Statt wie in früheren empirischen Forschungen der Psychologie und
Neurowissenschaften einzelne Reize möglichst zu isolieren und dann einen
Schnappschuss von der korrelierenden Hirnaktivität zu machen, können nun
Gehirnaktivitäten über längere Zeiträume hinweg präzise aufgezeichnet werden. So
ließ zum Beispiel ein Forschungsteam um Alexander Huth und Jack Gallant
Probanden 10 bis 15 Minuten lange Podcasts hören, während diese in fMRI Scannern
lagen. Die Auswertung der Gehirnaktivität, während der Rezeption dieser längeren
Narrative, ermöglichte es dem Forschungsteam einen semantischen Atlas zu
entwerfen, eine Karte der Aktivitäten und Interkationen verschiedener
Hirnaktivitäten für verschiedene Bedeutungen und Begriffe. (vgl. Comer, Taggart,
2021, S.146) Mittlerweile verstehen wir immer mehr, wie Gedächtnis,
Vorstellungskraft, Semantik und die Verarbeitung von externen Stimuli im Gehirn
ablaufen und auch wenn die Wissenschaft noch weit entfernt zu sein scheint von
einer integrierten Theorie, einer vollständigen Karte, die die wundersamen
Mechanismen des menschlichen Gehirns endgültig entschlüsselt, nähern wir uns
dieser immer weiter an. Eigene Bücher wie „Brain, Mind and the Narrative
Imagination“ von Christopher Comer und Ashley Taggart integrieren immer mehr
der neurologischen und psychologischen Forschung zu einem Verständnis, welches
die Lücke zwischen Geisteswissenschaften und Naturwissenschaft zu schließen
verspricht.
Trotz dieser Fortschritte steht die Neurowissenschaft in vielerlei Hinsicht noch an
den Anfängen beim Erlangen des Verständnisses über das Zusammenspiel der
neurologischen Substrate, ihrer komplexen Interaktionen und den daraus
resultierenden subjektiven Erlebnissen, von Bewusstsein, über Qualia bis hin zu
Narrativen. Das Schlagen der Brücken zwischen dem Subjektiven und dem
Objektiven ist hier die größte epistemische Herausforderung und wird noch einige
Innovationen und Integrationen in der wissenschaftlichen Methodik abverlangen, bis
das Jahrhunderte alte Schisma zwischen Geistes- und Naturwissenschaften
überwunden wird. Gleichzeitig kämpfen die Neurowissenschaften damit, dass
empirische Beobachtungen und Korrelationen zwischen vielen konfundierenden
Hirnaktivitäten und subjektiven Erlebnissen sich wohl nie restlos zu klaren
Kausalmodellen aufdröseln lässt. Das Gehirn ist stetx aktiv und reaktiv und in einem
Labor in einem fMRI Scanner zu liegen, eine starke konfundierende Variable, da es
doch ein eher wenig alltägliches Erlebnis für die meisten Probanden ist. Es lässt sich
auch nicht durch diese rein empirischen Methoden Korrelation und Kausalität restlos
unterscheiden, es lässt sich nicht prüfen, ob das Gehirn gerade das Narrativ oder
vielmehr einen konfundierenden Reiz wie ein visuelles Stimuli als ästhetisch
beurteilt. Was ästhetische Urteile genau sind, wie sie funktionieren, ob sie Affekte
oder etwas anderes sind, lässt sich zum aktuellen Stand noch nicht mittels der
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neurowissenschaftlichen Methoden restlos klären. Ebenso wenig bieten sie aktuell
eine Antwort auf unsere Frage, ob Narrative ästhetisch sein können.
4. Eine logische Lösung durch den Kognitivismus
Ein alternativer Weg, um sich der Lösung unserer Frage zu näheren, ohne auf das
eventuell erfolgreiche Fortschreiten der Neurologie zu warten, ist von unserem
Verständnis der Ästhetik zu den Narrativen hinab zu deduzieren, ob sie denn
ästhetisch sein können. Statt abzuwarten, bis empirisch alles abgetastet wurde,
können wir im Vogelflug gleich von oben hinab betrachten, wie eigentlich Ästhetik
funktioniert und ob es hier eine Überschneidung zum Reich der Narrative gibt.
Eventuell auch ein paar Hypothesen induzieren, um sie später zu prüfen.
Einen Weg für dieses Vorgehen liefert die Theorie des Aesthetic Cognitivism bzw.
ästhetischen Kognitivismus. Dieser Denkschule nach bestimmt sich der ästhetische
Wert eines Artefakts wesentlich durch seine Natur als eine Quelle des Verstehens,
ausgehend von Nelson Goodmans These: „the arts must be taken no less seriously
than the sciences as modes of discovery, creation, and enlargement of knowledge in
the broad sense of advancement of the understanding, and thus that the philosophy
of art should be conceived as an integral part of metaphysics and epistemology”
(Nelson, 1995, S. 102)
Die Theorien des ästhetischen Kognitivismus können im Grund auf zwei
Behauptungen reduziert werden: „(1) Epistemic claim: Artworks have cognitive
functions (2) Aesthetic claim: Cognitive functions of artworks partly determine their
artistic value“ (vgl. Baumberger 2013, S.1)
Wenn wir etwas als ästhetisch empfinden, so erkennen wir kognitiv ein Muster,
welches uns ein besseres Verständnis der Welt liefert und bestehendes Wissen hilft
besser zu integrieren und zu verknüpfen. Zum Beispiel empfinden die meisten
Menschen eine zartrosane Errötung auf den Wangen einer jungen Frau als äußerst
ästhetisch, wobei diese zugleich eine soziobiologische Signalkraft über die
Gesundheit der Frau hat, also ein besseres Verständnis über ihren Zustand
ermöglicht. Ein Film oder ein Buch erweitert unser Verständnis der Welt noch weiter,
weil es uns andere Situationen, Welten und Persönlichkeiten simulieren und besser
verstehen lässt. Gemälde, Theaterstücke und Gedichte funktionieren gerade
dadurch, dass sie die Welt „verdichten“, sie konzentrieren komplexe und weite
Zusammenhänge in Metaphern oder sie heben bestimmte Aspekte der Welt oder von
Beziehungen in ihr hervor, sodass wir sie deutlicher erkennen und kognitiv
verarbeiten können. Literatur und Film, also narrative Kunstformen, werden in
Texten zum ästhetischen Kognitivismus besonders oft als Beispiele angebracht – was
nicht verwundert, sind Narrative ja von ihrer Natur aus Erklärungen, die uns das
Verständnis der Welt erleichtern.
Narrative, die eine besonders starke Erklärungskraft zu haben scheinen, wirken
besonders ästhetisch und damit anziehend auf uns. Wobei hier anzumerken ist, dass
das nicht bedeutet, dass sie auch wahr sein müssen. Viele Verschwörungstheorien,
populäre Bilder und Mythen haben eine unglaubliche Erklärungskraft und sind
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entsprechend oft ansprechend – vernünftig, geschweige denn wahr sind sie dennoch
in der Regel nicht. Aber sie ermöglichen ein Verständnis, denn sie verknüpfen und
erweiterten bestehendes Wissen, zu integrierten Wissenskörpern.
Narrative scheinen von dieser Betrachtungsweise heraus wesentlich für den
kognitiven und damit ästhetischen Wert eines Anschauungsobjekts. Bei genauerer
Betrachtung, scheinen Narrative die Grundlage von Ästhetik zu sein. Wenn
Narrative cognitive primitives sind und als small spatial stories die Grundlage unseres
mentalen Begreifens darstellen, wie es Mark Turner theoretisiert (vgl. Comer,
Taggart 2021, S.102), dann ist es plausibel, dass die verdichteten Muster, die wir als
kognitiv reichhaltig verarbeiten und damit ästhetisch wertvoll erleben, nichts als
winzige Narrative sind. Ein Gemälde erzählt schließlich etwas zwar nicht mit der
Sprache, aber mit Bildern – so erzählt zum Beispiel Pablo Picassos Guernicagemälde
eindrucksvoll, verdichtet quasi, vom Schrecken der Luftangriffe der Legion Condor
auf die Stadt Guernica während das Spanischen Bürgerkriegs. Überzeichnet und
abstrakt illustriert und erklärt es den Schrecken sogar stärker, als ein Sachtext es
ermöglichen würde. Zugleich ist dieses Gemälde ein gutes Beispiel für den
Unterschied zwischen Schönheit und Ästhetik, den wir bereits zuvor streiften, als es
um Tragödien ging: Kaum jemand wird dieses Gemälde als wirklich schön
beschreiben, sein ästhetischer Wert lässt sich jedoch kaum bestreiten und mit
seinem kognitiven, narrativen Gehalt effektiv erklären.
Die Antwort auf unsere initiale Frage könnten demnach lauten: Nicht nur können
Narrative ästhetisch sein Ästhetik ist narrativ, und zwar jede Form von Ästhetik.
Was wir als ästhetisch erleben, ist das Erkennen von stimmigen, kognitiv wertvollen
Mustern, die die Welt erklären, also Narrativen. Kleine, nicht-sprachliche Narrative
bei Gemälden, Statuen und der Musik, gemischte Narrative in Film und Theater und
die explizitesten Narrative in sprachlichen Kunstformen wie der Literatur.
5. Schlussgedanken
Letzendlich reicht keine einzelne Methodik vollständig aus, um das komplexe
Zusammenspiel von Ästhetik und Narrativen in das Licht der Erkenntnis zu bergen.
Das logische Vorgehen, das Bilden von Theorien wie der des ästhetischen
Kognitivismus, bieten Hypothesen, doch erst deren empirische Prüfung durch die
Naturwissenschaften wird uns einen sicheren Halt für unsere Annahmen bieten und
uns erlauben das Wissens als vorläufig bestätigt oder zumindest noch nicht
falsifiziert zu benutzen. Die in dieser Arbeit formulierten Ideen und die Möglichkeit
Narratologie und Ästhetik zu vereinen, indem man von einem ästhetischen
Kognitivismus ausgehend Narrative als cognitive primites für ästhetisches Erleben
annimmt, sollen nur als Anstoß für weitere Überlegungen und Untersuchungen
dienen.
Was bringt uns das nun?, mag so mancher Leser sich bereits gefragt haben. Was
bringt das zu wissen, ob und wie die Ästhetik einer Geschichte die gleiche Art von
Ästhetik ist wie die eines Gemäldes? Was bringt es uns überhaupt den Kopf zu
zerbrechen, wie Ästhetik und Narrative und vor allem ihr Wechselspiel miteinander
funktionieren? Ist das nicht alles überintellektualisierte Haarspalterei, ein Haufen
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nutzloser semantischer Spiele? Hätte ich die Zeit nicht besser damit verbracht über
eine Effizienzsteigerung bei den Produktionsabläufen von Halbleiterchips
nachzudenken, statt über Ästhetik und Narrative?
Narrative Ästhetik, die Anschauung wie Narrative ästhetisch oder Ästhetik narrativ
sein können und der theoretische Zugang dazu, den ich hier skizziert habe, nutzen
vermutlich direkt höchstens Schriftstellern und Philosophen. Indirekt nutzt sie uns
allen, denn wofür leben wir Menschen denn, wenn nicht für Ästhetik und Narrative?
Wenn nicht um das Schöne und Wertvolle zu erleben und in Geschichten zu gießen,
und wenn es nur Geschichten über uns selbst sind? Halbleiterchips, Reisfelder und
Raffinerien ermöglichen unser modernes Überleben, aber unsere Zivilisation, die
wiederrum erst den Raum für diese Technologien schafft, wird von Narrativen
zusammengehalten, sie wird erst davon ermöglicht. Der Mensch ist ein erzählendes
Wesen, ein homo narrans, und das ist, was uns von den meisten Tieren unterscheidet,
und es ist die Grundlage unserer Kultur, unserer Zivilisation, unserer
Wissenschaften und Anschauungen, die wir nur zu oft nach dem Ästhetischen
ausrichten.
Die fundamentalen Fragen, die sich an dem komplexen Zusammenspiel von Geist
und Materie auftun, sind aufgrund ihrer Schwierigkeit jene an denen wir unsere
epistemischen Werkzeuge zu schmieden und schleifen haben, wenn wir im
Verständnis dieser Welt und uns selbst voranschreiten wollen. Denn sie ermöglichen
uns besser zu verstehen wer wir sind, was die Welt ist und wie wir durch ihre
Wunder und Wagnisse am besten navigieren können. Auch das ist ein Narrativ.
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6. Quellen
Armstrong, P. B. (2008): Form and History: Reading as an Aesthetic Experience and
Historical Act. In: Modern Language Quarterly 69 (2), S. 195–219. DOI:
10.1215/00267929-2007-032.
Baumberger, Christoph (2013): Art and Understanding. In Defence of Aesthetic
Cognitivism. Online verfügbar unter https://philpapers.org/rec/BAUAAU-2.
Comer, Christopher Mark; Taggart, Ashley (2021): Brain, mind, and the narrative
imagination. London, New York, Oxford, New Delhi, Sydney: Bloomsbury
Academic.
Cools, Arthur; Verheyen, Leen (2019): The Cognitive Value of Literary Fiction. An
Introduction: Zenodo. Online verfügbar unter https://zenodo.org/record/4067143.
Goodman, Nelson (1995): Ways of Worldmaking. 7. Aufl. Indianapolis: Hackett.
McAdams, Dan P. (2001): The Psychology of Life Stories. In: Review of General
Psychology 5 (2), S. 100–122. DOI: 10.1037/1089-2680.5.2.100.
Skrobisz, Nikodem (2020): Rechtsextreme Verschwörungstheorien und faschistische
Mythen. Hg. v. Der Freydenker. Online verfügbar unter
https://www.derfreydenker.de/2020/08/02/rechtsextremismus-und-
verschworungstheorien-sorelianische-mythen-im-faschismus-und-der-grose-
austausch/, zuletzt aktualisiert am 21.02.2022, zuletzt geprüft am 27.03.2022.
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7. Eigenständigkeitserklärung
Ich versichere, dass ich die vorgelegte Seminararbeit eigenständig und ohne fremde
Hilfe verfasst, keine anderen als die angegebenen Quellen verwendet und die den
benutzten Quellen entnommenen Passagen als solche kenntlich gemacht habe. Diese
Seminararbeit ist in dieser oder einer ähnlichen Form in keinem anderen Kurs
vorgelegt worden.
Nikodem Jan Skrobisz
München, den 30.03.2022
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