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Räume anders denken - wie sich digitale und analoge Räume vor Ort treffen.

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Abstract

Schulz, P. & Müller, A.-L. (2022): Räume anders denken - wie sich digitale und analoge Räume vor Ort treffen. In: Zipf, A.; Growe, A.; Schmidt, S. & Schüßler, J. (Hrsg.): Klimawandel. Herausforderungen für die Menschheit (= HGG-Journal, Band 35). Heidelberger Geographische Gesellschaft, Heidelberg. S. 23-32.
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Räume anders denken – wie sich digitale und analoge Räume vor Ort treffen
Philipp Schulz & Anna-Lisa Müller
In vielen laufenden Forschungsprojekten ist die Beschäftigung mit der
Corona-Pandemie und der Versuch, sie und ihre Auswirkungen empi-
risch und konzeptionell zu fassen, Thema. Hier geht es beispielsweise um
Fragen der Territorialisierung ( 2020), der sozialen Teilhabe
( &  2020) oder der Bedeutung digitaler Infrastruk-
turen für die Organisation von Gesellschaft und ihren Institutionen (-
 &  2020). Aber auch räumliche Neuordnungen wie etwa das
social distancing – das ja ein spatial distancing war – wurden diskutiert.
-
ten die Art, wie wir alltäglich miteinander interagierten – eine größere
räumliche Distanz machte lauteres Sprechen notwendig und führte dazu,
-
alen Räume, die so vor Ort konstituiert wurden, waren damit andere als
in der sogenannten Vor-Corona-Zeit. Menschenschlangen auf Gehwegen
vor Geschäften begannen, das Bild im öffentlichen Raum zu prägen. Wenn
nur eine begrenzte Anzahl an Menschen im Geschäft zugelassen waren
oder man warten musste, bis eine Person aus der Tür hinausgekommen
war, damit man dieselbe Tür als Eingang nutzen konnte, entstanden drau-
ßen im Freien Schlangen von Menschen mit vergleichsweise großem Ab-
stand zwischen den einzelnen Personen. Hinzu kamen die Gesichtsmas-
ken: zunächst sogenannte community masks, dann medizinische Masken.
Die Notwendigkeit, Masken zu tragen, veränderte aufgrund der schieren
Materialität der Masken vieles an der Interaktion: Mimik war kaum noch
lesbar, die Stimme klang dumpfer, Lippenlesen war nicht mehr möglich,
das Wiedererkennen von Personen wurde schwieriger. Auch hier folgte
 
im Neuen und der Etablierung der neuen Ordnung. Ein weiteres Beispiel,
an dem sich die materiell-räumliche Neuordnung der Gesellschaft nach-
zeichnen lässt, ist in den diversen Videokonferenzen zu sehen. Auch wenn
die Wahlfreiheit des Ortes praktisch eingeschränkt war, so bestand doch
die theoretische Möglichkeit, von jedem beliebigen Ort aus sozusagen ‚im
Büro‘ zu erscheinen. Geschah dies während der ersten Welle der Pande-
mie noch vom sporadisch eingerichteten heimischen Schreibtisch, war an
wärmeren Sommertagen doch auch das ein oder andere Balkongeländer
im Hintergrund sichtbar – zumindest dann, wenn nicht auf die virtuellen
Hintergründe aus leeren Lofts, schicken Altbauten oder futuristischen
Phantasiewelten zurückgegriffen wurde.
Forschung aktuell
Wissenschaftliche Artikel | Projektabschlussberichte
In: Growe, A., Zipf, A. & Schmidt, S. (Hrsg.) (2021):
Klimawandel – Herausforderungen für die Menschheit. HGG-Journal 35 | 2020/2021. Heidelberg. S. 23–39.
24 Forschung aktuell
Unser Anliegen ist es nun zu zeigen, dass die sozialräumlichen Verän-
derungen, die derzeit beobachtbar sind, nicht nur Veränderungen einer
Gesellschaft in der Krise sind. Vielmehr, so unser Argument, haben wir es
gegenwärtig mit räumlichen und sozialen Veränderungen zu tun, die in
Teilen von der Pandemie verstärkt werden oder besonders in den Blick
der Öffentlichkeit geraten, die sich aber in ihrer Struktur schon länger
abzeichnen und ihre Wirksamkeit auch jenseits der Pandemie entfalten:
Räume werden zunehmend durch ein Zusammenspiel von analogen und
digitalen Interaktionen und Settings konstituiert. Ihre Veränderbarkeit
und ihre Einbettung in gesellschaftliche Kontexte zeigt sich in besonderer
Weise durch das Konstrukt der Hybridräume.
Hybridräume in Zeiten der Pandemie
Schon in der ersten Phase der Pandemie, die insbesondere von der Irri-
tation eingespielter Handlungsroutinen und der Suche nach neuen Hand-
lungsmöglichkeiten geprägt war, wurde die räumliche Dimension deut-
lich. Zum einen ist die Pandemie ein globales Phänomen: Ansteckungen
mit dem SARS-CoV-2-Virus breiten sich grenzüberschreitend aus, und
temporäre shutdowns oder lockdowns etwa von Industriebetrieben beein-
-
nungen auf lokaler Ebene. Das Alltagsleben und die sozialen Interaktionen
vor Ort wurden durch Abstandsregelungen überformt: Die Aufforderung,
mindestens anderthalb Meter Abstand zueinander zu halten, führte dazu,
dass Menschen, wenn sie sich auf der Straße trafen, mit großer Distanz
und Distanziertheit umeinander herumgingen. Darüber hinaus kam es zu
Stigmatisierungen von Menschen aufgrund ihrer – vermeintlichen – Her-
kunft aus China, wo das Virus zum ersten Mal merkbar für Menschen in
Erscheinung getreten war. Und auch das Schließen von Grenzen, die Rück-
holaktionen für UrlauberInnen mit deutscher Staatsbürgerschaft und die
Bedeutung des Wohnortes für die Möglichkeiten der Freizeitgestaltung
in einer Zeit, in der Fitnessstudios, Sportanlagen und Musikschulen ge-
schlossen waren, sind Beispiele der räumlichen Dimension dieser Pande-
mie und ihrer nicht nur biologisch-medizinischen, sondern auch sozialen,
politischen und ökonomischen Konsequenzen.
Die lokalen, nationalen und transnationalen Räume, die während der
Pandemie konstituiert wurden, unterschieden sich damit von den Räu-
men, die in einer vor-pandemischen Zeit zu beobachten waren und das
Handeln vieler prägten. Territoriale Grenzen, etwa in der Europäischen
Union, entfalteten neue Wirksamkeit und regulierten auch die räumliche
Mobilität von EU-BürgerInnen und damit ihre Modi der Raumproduktion.
Abstandhalten und Zugangskontrollen in lokalen Supermärkten, Auffor-

die sich privat treffen durften, veränderten die sozialen Räume auch auf
der Mikroebene.
Abb. 1: Räumlich-materielle Rearrangements in
pandemischen Zeiten
(Fotos: Anna-Lisa Müller 2020)
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Wissenschaftliche Artikel | Projektabschlussberichte
Und schließlich hielten digitale Technologien Einzug in die Versuche, die
Pandemie und ihre Auswirkungen zu kontrollieren. In Deutschland wurde
tra-
cken; später traten Smartphone-Apps wie die Luca-App in den Alltag, mit
denen der Aufenthalt in wiedereröffneten Restaurants oder Hotels eben-

Diese digitalen Technologien wurden nun Teil der Infrastrukturen, mit
denen der Alltag in der Pandemie geregelt und ermöglicht wurde. War es
zu Beginn der Pandemie vor allem die physisch-räumliche Dimension der
Infrastrukturen, die angepasst wurde, beobachten wir jetzt eine zuneh-
mende Ergänzung der vorhandenen um digitale Infrastrukturen (digitaler
Impfpass, Erweiterungen der Corona-Warn-App, eigene Kanäle von Regie-
rungseinrichtungen in sozialen Medien wie Whatsapp oder Threema, …).
Damit treten neben die räumlichen Neuordnungen vor Ort andere, di-
gitale Formen der Neuordnung, welche dazu beitragen, Hybridräume zu
schaffen. Schritt eins waren die physischen Umbauten in sogenannten
   󰆀    
verkauft wurde, wurde im dazugehörigen Bäcker genutzt, um den räumli-
chen Abstand zwischen den KundInnen und zwischen Kunde oder Kundin
und VerkäuferIn sicherzustellen. Mit Klebeband wurde am Boden mar-
kiert, welche Abstände zwischen den KundInnen einzuhalten sind. Und
  
mit dem wiederum, so die Annahme, Abstände der KundInnen unterein-
ander besser eingehalten werden konnten oder die Anzahl der Personen
im Geschäft reguliert wurde.
26 Forschung aktuell
Schritt zwei waren dann die digitalen Werkzeuge, die eingeführt wur-
den, um sowohl die räumliche Ausbreitung des Virus nachzuverfolgen als
auch Informationen darüber zu verbreiten und um die Kontaktdatener-
fassung jenseits von Papier und Stift möglich zu machen. Darüber hinaus

Ausbreitung des Virus und der unterschiedlichen statistischen Werte, die
in diesem Zuge Teil des öffentlichen Diskurses wurden (7-Tage-Inzidenz,
Neuinfektionen, 7-Tage-R-Wert etc.), zu einer visuell präsenten, verräum-
lichten Darstellung der pandemischen Situation, und zwar lokal, national
als auch global.
Das hier verfolgte Argument lautet nun, dass wir es in beiden Fällen
(Grillkohle als Abstandhalter, Corona-Warn-App als digitale Technologie
zur Organisation des Alltags) mit Technologien zu tun haben, die in ihrer
konkreten Ausgestaltung zwar neu waren, die aber strukturell bekannt
waren. Materialität und Digitalität sind seit Langem Teil unserer Raum-
produktionen und unserer sozialen Interaktionen; im Sinn der Actor-Net-
work-Theory ( 1988; 2007) lässt sich hier von sozio-materiellen
Assemblagen sprechen. Diese sozio-materiellen Assemblagen oder Gefü-
ge erhalten durch digitale Technologien eine andere Qualität und lassen
ein sozio-materiell-digitales Gefüge entstehen: Das Smartphone (Mate-
rialität) wird von einer Person in einem bestimmten Kontext (Sozialität)
benutzt, um Informationen aus der App zu erhalten oder an sie weiter-
zugeben (Digitalität). Durch dieses dreifache Zusammenspiel entstehen
Hybridräume, der analoge Raum wird um eine Ebene des digitalen Raums
angereichert, Informationen aus dem einen werden in den anderen Raum
übertragen und vice versa. Dadurch entstehen schließlich neue Formen
der sozialräumlichen Strukturierung unseres Zusammenlebens und neue
Formen sozialer Räume, die individuell oder kollektiv konstituiert wer-
den.

hybriden Räumen zu tun, die konstituiert werden. Sie weisen bestimm-
te, quasi pandemische Merkmale auf, unterscheiden sich aber strukturell
nicht von hybriden Räumen in nicht-pandemischen Zeiten. In beiden Fäl-
-

Hybridräume in nicht-pandemischen Zeiten
Einer dieser nicht-pandemischen Hybridräume kann in der Nachbar-
schaft und damit im Alltag vieler Menschen gefunden werden. Verwiesen
sei an dieser Stelle auf verschiedenste Nachbarschaftsplattformen, die
sich der Vernetzung im lokalen Nahraum verschrieben haben und dabei
schon der inneren Logik nach zu einer Verknüpfung von analogem Raum
und digitaler Sphäre beitragen. Im deutschsprachigen Raum ist die Platt-
form nebenan.de am weitesten verbreitet, wobei in den letzten Jahren
eine Marktkonsolidierung stattgefunden hat, die ein typisches Element
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Wissenschaftliche Artikel | Projektabschlussberichte
der Plattformökonomie darstellt. Dabei kommt es aufgrund der positiven
direkten Netzwerkeffekte dazu, dass der Nutzen einer Plattform dann be-
sonders hoch ist, wenn diese von vielen NutzerInnen nachgefragt und be-
spielt wird. Viele Akteure auf der Nachfrageseite gehen einher mit einer
Steigerung der Interaktionsmöglichkeiten, was wiederum anziehend auf
neue Nutzergruppen wirkt ( &  2018, 400). Vereinfacht
lässt sich diese Überlegung am Beispiel des Messenger-Dienstes Whats-
App nachzeichnen, der nur dann sinnvoll eingesetzt werden kann, wenn
möglichst viele Kontakte aus dem eigenen Netzwerk die App ebenfalls
nutzen. Gleichzeitig steigt der Anreiz zur Nutzung für jedes weitere In-
dividuum, wenn es davon ausgehen kann, dass neue Kontakte in der Re-
gel über den Dienst erreichbar sein werden. Ähnlich verhält es sich bei
vielen sozialen Netzwerken und auch bei den Nachbarschaftsplattformen,
die auf eine hohe relative und absolute Nutzungsquote angewiesen sind
und daher die Verdrängung von Mitbewerbern forcieren. Die Folge sind
sogenannte Winner-takes-all-Märkte, die als monopolartige Gebilde eine
marktführende Plattform hervorbringen ( 2016, 39).
Bevor nun der hybride Charakter der Nachbarschaft beschrieben wird,
soll zunächst eine Annäherung an das klassische Nachbarschaftsverständ-
nis vorgenommen werden. In der Literatur bestehen seit jeher verschie-
       
Kombination aus räumlichen und sozialen Merkmalen abgestellt (-
 2018, 30;  et al. 2015, 27;  2012, 453 F.). -
 (1960, 447) vermittelt bereits früh zwischen diesen beiden Polen,
indem Nachbarschaften als ein „System sozialer Interaktionen [angese-
hen werden können], die aus einem örtlich gemeinsamen Siedeln oder
Wohnen der Menschen stammen. Hierbei wird deutlich, dass nicht jede
nahräumliche Agglomeration zu einer Nachbarschaft wird, sich aber jede
Nachbarschaft durch eine räumlich bedingte soziale Nähe auszeichnet.
Anders formuliert kann Nachbarschaft als soziale Nähe durch räumliche

(1973, 18) die Nachbarschaft als „eine soziale Gruppe, deren Mitglieder
primär wegen der Gemeinsamkeit des Wohnortes miteinander interagie-
ren. Nachbar ist dann der Begriff für alle Positionen, die manifest oder
latent Träger nachbarlicher Funktionen sind“. Hierbei handelt es sich bis
         
deutschsprachigen Nachbarschaftsforschung.
Die erwähnten nachbarschaftlichen Funktionen lassen sich wiederum
in drei Nachbarrollen oder Handlungsmuster übertragen, die das Zusam-
menleben und die Interaktion im Stadtteil prägen.  (2012, 456)
spricht in diesem Zusammenhang von einer Primärgruppe, die einen Ori-
entierungsrahmen bietet, der auch als Bezugsgröße für soziales Handeln
übersetzt werden könnte. Bereits  (1973, 43 f.) hat die hier wirken-
den nachbarschaftlichen Funktionen beschrieben und die jeweiligen Rol-
len des Nothelfers, des Sozialisationsagenten und des Kommunikations-
partners benannt.
28 Forschung aktuell
Die Nachbarrolle des Nothelfers kann unterschiedlich ausgeformt sein
und reicht von der einmaligen Hilfeleistung in absoluten Ausnahmesitu-
ationen bis hin zur gelegentlichen Unterstützung im Alltag. Der Nutzen
dieser Unterstützung geht jedoch über die einzelne Situation und das Ver-
hältnis zwischen den direkt beteiligten Personen hinaus. Denn „allein das
Wissen um die Bedarfe und Angebote der anderen Anwohnenden [kann]
schon zu einem Gefühl der Zugehörigkeit und Verbundenheit beitragen“
( &  2020, 13). Als Sozialisationsagent richtet sich das Han-
deln der NachbarIn insbesondere an Kinder und Zugezogene, die dadurch
mit lokalem Wissen und den vor Ort geltenden Regeln – egal ob formal-
gesetzlich oder kollektiv-verabredet – in Berührung kommen (
2018, 45). Denkbar ist hier entweder eine vorausschauende Sozialisation
durch die direkte Aussprache der Erwartungshaltungen oder eine Sank-
tionierung im Falle eines festgestellten Fehlverhaltens. Gerade bei dem
erstgenannten Aspekt zeigen sich bereits Merkmale des Kommunikati-
onspartners, der lokale Wissensbestände vermittelt und darüber hinaus
auch als Vertrauens- und Bezugsperson in der Nachbarschaft ansprechbar
bleibt ( &  2020). Da soziale Interaktionen als Kommunika-
tions- und Austauschprozesse zu den Grundbedürfnissen des Menschen
gezählt werden können, kommt der Nachbarrolle des Kommunikations-
 

et al. 2021, 11).
Eine Reihe an Interviews mit Betreibern und NutzerInnen deutschspra-
chiger Nachbarschaftsplattformen zeigt, dass die zuvor beschriebenen

die Funktion des Nothelfers wird darauf verwiesen, dass ein lokales Un-
terstützungsnetzwerk in verschiedenen Situationen von Vorteil sein kann:
In welcher Lebenslage muss man sein, um hilfsbedürftig zu sein? Das ist meiner
persönlichen Einschätzung nach glaube ich falsch. Tatsächlich glaube ich, dass
man in jeder Lebenslage Hilfe brauchen kann. Und dafür keine spezielle Lebens-
lage notwendig ist. (Interview Plattformbetreiber)
Solche Unterstützungsnetzwerke funktionieren dann besonders gut,
wenn zuvor bereits kürzere Begegnungen zwischen den Beteiligten statt-
gefunden haben und ein gewisses Maß an weak ties besteht ( &
 2020, 1744).  et al. (2021, 484) sprechen darüber
hinaus an, dass die einmal gewährte Unterstützung nicht nur zur Dank-
barkeit, sondern im Umkehrschluss auch zu entgegengesetzter Unterstüt-
      
somit zu einer Steigerung des Sozialkapitals, wobei die gewährte Hilfe als
Investition und die erhaltene Hilfe als Ertrag angesehen werden kann.
Vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie hat sich nun zumindest ein
Teil dieser Kontaktmöglichkeiten in den digitalen Raum verlagert. Das
zeigt sich einerseits an den steigenden Nutzerzahlen, andererseits aber
auch durch konkrete Beispiele in den Nachbarschaften. So berichtet eine
Nachbarin, dass ihr der Austausch mit anderen Menschen trotz der zeit-
weise geltenden Kontaktbeschränkungen wichtig war und sie deshalb
einen Treffpunkt über das Videokonferenzsystem Zoom eingerichtet hat:
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Leute mit ähnlichen Interessen in unmittelbarer Umgebung kennenlernen, das
nde ich ganz interessant. Und das hat geklappt. Und ich bin aktiv. Also ich habe
zum Beispiel einen Stammtisch angezettelt, den wir vor Corona auch durchge-
führt haben. Wir haben uns also ab und zu mal in irgendeiner Kneipe getroen.
Und während Corona habe ich jetzt einen Videostammtisch daraus gemacht.
[…] Also ich habe mir eine Zoom-Lizenz geleistet und habe die Leute eingeladen
zu einem Video-Stammtisch. Und das hat auch geklappt. Da haben sich dann ein
paar Leute getroen, wir haben uns gefreut, dass wir uns mal wieder sehen, dass
wir mal wieder miteinander reden. (Interview Nutzerin)
In einem anderen Fall berichtet ein Nutzer davon, wie die Kommuni-
kation über Beiträge und Kommentare auf der Plattform nebenan.de zur
Aushandlung einer nachbarschaftlichen Positionierung beigetragen hat.
Hier dient der Austausch einem konkreten Zweck, der andernfalls eventu-
ell durch spontane Gespräche am Gartenzaun oder bei semi-öffentlichen
Nachbarschaftstreffen adressiert worden wäre. Den Anlass bildete ein
Flyer, der im Stadtteil verbreitet wurde:
Bei uns war mal wieder so ein Zettel im Briefkasten, anonym wie schon letztes
Mal, also sollte man es einfach ungelesen wegwerfen. Das war so ein Flyer mit
Fake-News zum Thema Corona. Dieses Machwerk im Briefkasten strotzt vor
Verdrehungen und Falschbehauptungen. Ich frage mich, was das soll?! Hat da
jemand ein Brett vor dem Kopf? Längs oder quer, mir egal… Wer will uns da
warum verunsichern und in die Irre führen? (Interview Nutzer)
-
kussion darüber, wie mit derartigen Falschbehauptungen umzugehen sei
und welche Haltungen in der Nachbarschaft akzeptiert werden können.
Es zeigt sich damit, dass auch die Rolle des Sozialisationsagenten in der
digitalen Nachbarschaft durch einzelne NutzerInnen angenommen wird
und eine Diskussion über Werte und Normen geführt werden kann.
Diese drei Beispiele zeigen, dass digitale Nachbarschaften nicht grund-
sätzlich anders funktionieren, als dies aus der klassischen Nachbarschafts-
forschung zu erwarten gewesen wäre. Gerade während der sogenannten
ersten Welle der Corona-Pandemie war die Rolle des Nothelfers dominie-
rend, bei der die Unterstützung hilfsbedürftiger NachbarInnen im Vorder-
grund stand oder allgemein auf das Thema des sozialen Zusammenhalts
abgezielt wurde. In vielen Fällen wurde Unterstützung beim Einkaufen
angeboten, aber auch der bereits erwähnte Online-Stammtisch kann zur
gemeinschaftlichen Nutzungsweise der Plattform gezählt werden. In die-
sem Sinne ist die digitale Nachbarschaft tatsächlich kontingent, situativ

Einhergehend mit einer allgemein beobachtbaren Müdigkeit gegenüber
der Pandemie und den damit einhergehenden Einschränkungen (WHO/
EURO 2020, 7) lässt sich auch eine Veränderung des Beitragsverhaltens
auf der Nachbarschaftsplattform nebenan.de nachweisen. Nachdem an-
fänglich die gegenseitige Unterstützung im Vordergrund stand, befasst
sich inzwischen fast die Hälfte aller Beiträge mit dem Angebot von oder
Suche nach gebrauchten Gegenständen. Auch die Suche nach Nachbar-
schaftshilfe wurde abgelöst durch die Suche nach sonstigen Dienstleis-
tungen, was einigen aktiven NutzerInnen bereits negativ aufgefallen ist:
30 Forschung aktuell
Wir haben die Erfahrung mit einem Herrn gemacht, der hat also immer um Hilfe
gebeten für alles Mögliche. Zum Beispiel eine Putzhilfe, oder dies, oder jenes.
Und war dann fürchterlich empört, dass jemand gesagt hat: Ja, ich komme ger-
ne zum Putzen, aber ich will ein bisschen Geld dafür haben. Ja so hat er sich die
Nachbarschaft nicht vorgestellt. (Interview Nutzerin)
Unser Leben mit und in Hybridräumen
Egal ob nun gemeinschaftlich oder pragmatisch motiviert, die allermeis-
ten Beiträge auf Nachbarschaftsplattformen beziehen sich nicht allein auf
die digitale Welt. Beispielhaft genannt sei hier nochmals die während Co-
rona aufgekommene Hilfsbereitschaft beim Einkaufen, die nur durch die
Übergabe der Einkäufe im physischen Raum erfolgreich sein kann. Aber
auch Empfehlungen zu lokalen Geschäften, die Suche nach einem entlau-
fenen Haustier oder das Verleihen von Werkzeugen besitzt immer eine
materielle Komponente. In all diesen Fällen kann die Kommunikation
über die Plattform erfolgen, weitere Handlungen sind aber unbedingt auf
den direkten Austausch angewiesen. Die zuvor theoretisch dargestellte
Verknüpfung von Materialität, Sozialität und Digitalität manifestiert sich
bei der Nutzung digitaler Nachbarschaftsplattformen in der Alltagswelt
der NutzerInnen.
 und  (2018, 26) betonen in diesem Zusammenhang,
„dass nachbarschaftliche soziale Netzwerke heute nicht mehr entweder
digital oder analog verortet sind, sondern in der Regel beide Dimensionen
miteinander verbinden“. Hier zeigt sich, dass der physische Sozialraum

Kontakte nicht vollständig durch digitale Interaktionen ersetzt werden
sollten. Als neue Form der Nachbarschaft sprechen  et al. (2019,
        
„realräumliche Nachbarschaften, die digital unterstützt, generiert und
etabliert werden.
Damit sind Nachbarschaften ein gutes Beispiel für die räumlichen und
sozialen Veränderungen, die in Teilen von der Pandemie verstärkt werden
oder besonders in den Blick der Öffentlichkeit geraten, die sich aber in ih-
rer Struktur schon länger abzeichnen und ihre Wirksamkeit auch jenseits
der Pandemie entfalten. Für das Beispiel der Nachbarschaften lässt sich
festhalten, dass sich die Corona-Pandemie auch auf die digitale Kompo-
nente ausgewirkt hat, wobei sich die Effekte allerdings eher auf die inhalt-
liche und weniger auf die strukturelle Ebene beziehen. Trotz dieser inhalt-
lichen Veränderungen beim Beitragsverhalten kann der zuvor dargestellte
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neben der gemeinschaftlichen Perspektive auch eine pragmatische, auf
den eigenen Nutzen fokussierte Ausrichtung zu beobachten ist, die ih-
rerseits nicht unbedingt eine Besonderheit des digitalen Raums darstellt.
Vielmehr ist auch die klassische Nachbarschaft durch Phasen einer inten-
siveren oder einer weniger engen Interaktion geprägt und der Blick auf
die individuelle Bedürfnisbefriedigung läuft dem grundsätzlichen Charak-
31
Wissenschaftliche Artikel | Projektabschlussberichte
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Nachbarschaften und soziale Räume insgesamt werden, so argumen-
tieren wir auf der Basis des empirischen Beispiels der Nachbarschaften,
zunehmend durch ein Zusammenspiel von analogen und digitalen Inter-
aktionen und Settings konstituiert. Ihre Veränderbarkeit und ihre Einbet-
tung in gesellschaftliche Kontexte zeigt sich in besonderer Weise durch
das Konstrukt der Hybridräume, welches für die Analyse der aktuellen
Entwicklungen gut geeignet ist. Deutlich geworden ist auch, dass aktuelle
Diskurse aus Wissenschaft und Alltagswelt kombiniert betrachtet werden
sollten und beim Verständnis des Themenkomplexes um Corona, Digita-
lisierung und Gesellschaft ein geographischer Raumbezug vorteilhaft ist.
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tigue. Reinvigorating the public to prevent COVID-19. Selbstverlag: Kopenhagen. 27 S.
AutorInnen
Philipp Schulz, M.Sc.
Abt. Nordamerika und Stadtgeographie, Geographisches Institut, Universität Heidelberg
philipp.schulz@uni-heidelberg.de
PD Dr. Anna-Lisa Müller

amueller@uni-bielefeld.de
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Article
Full-text available
Zusammenfassung Die Corona-Krise hat weitreichende Konsequenzen für den Betrieb kommunaler Einrichtungen in ganz Europa. Besonders die freiwilligen Einrichtungen der kulturellen Bildung wie Öffentliche Bibliotheken, die jenseits der formalen Bildung einen Beitrag zur Bildungsgerechtigkeit leisten, wurden geschlossen. Öffentliche Bibliotheken mussten ihre Dienstleistungen und Angebote anpassen und neue Formate entwickeln. Der Beitrag zeigt die aktuellen Entwicklungen in Deutschland und Europa auf und beleuchtet die Folgen für die Bildungsgerechtigkeit in Städten und Kommunen.
Article
Full-text available
This paper explores the potential impact of the Covid-19 pandemic on people’s perceptions of cohesion in their local communities; particularly for vulnerable groups/communities, such as ethnic minorities or those living in highly deprived neighbourhoods. To this end, we examine both trends over time in overall levels of cohesion as well as patterns of positive and negative changes experienced by individuals using nationally representative data from Understanding Society Study. We test whether rates of positive-/negative-change in cohesion over the pandemic-period differed across socio-demographic groups and neighbourhood characteristics. These trends are then compared to patterns of positive-/negative-change over time experienced in earlier periods to test whether the pandemic was uniquely harmful. We show that the overall levels of social cohesion are lower in June 2020 compared to all of the examined pre-pandemic periods. The decline of perceived-cohesion is particularly high in the most deprived communities, among certain ethnic minority groups and among the lower-skilled. Our findings suggest that the pandemic put higher strain on social-resources among vulnerable groups and communities, who also experienced more negative changes in other areas of life.
Article
This paper proposes and tests a theoretical model to investigate the mechanism underpinning local social support exchange via online neighborhood networks (ONNs). We drew on community psychology, social support, and social media literature and used a survey conducted in the Dutch‐speaking part of Belgium among 561 ONN users (nfemales = 409; 72.9%) between 18 and 82 years old (Mage = 43.73; SDage = 15.37). We found that engaging in online neighboring behaviors was associated to both online and offline neighborhood sense of community. Subsequently, these provide access to perceived local social support and the intention to mobilize local social support online. The latter was predominantly explained via the path along online sense of community. ONNs facilitate local bridging behavior, connecting otherwise distinct local networks and ties. At the same time, online neighboring behaviors provide the normative context that supports the exchange process.
Article
Neighborhoods remain primary units of measurement and empowerment among city planners, and governments ask neighborhood groups to take on more of the work of the “state.” Missing from these discussions of neighborhood expectations is how to effectively foster social capital and sense of community among neighbors and what it means to be a neighbor today. Through interviews with residents in a Lawrence, KS, neighborhood, we asked what makes an ideal neighbor. Findings show residents regard, or would like to regard, neighborhood as a service-oriented community built on informal, mutual aid rather than social, political, or consumer services–based models dominant in scholarly literature. However, participants voiced concern about how people can know when others need help if they do not know each other. We find that proximity, chance encounters, and informal communication are key and offer suggestions for revised roles of planners, policy makers, and researchers in neighborhood empowerment.
Chapter
There has hardly been any other development that has changed our everyday lives as significantly as digitalisation, and there is hardly anything as commonplace as neighbourship. Despite the links between these two concepts growing, they have been neglected in social science research in Germany so far. The prevailing sentiment is that the Internet and social media sites have no connection to the real world, but there are countless neighbourship groups on Facebook, Twitter hashtags named after neighbourhoods or entire websites, such as ‘nebenan.de’, which endeavour to strengthen local community bonds through digital means. In short, the social developments in this respect are already considerably more advanced than the knowledge that exists about it. This anthology makes a fundamental contribution to the sociological debate on digitalisation and neighbourship by aiming to provide an overview of the relationship between digitalisation and neighbourship on the one hand, and open up avenues for further research on the other. It therefore examines and systematises attempts to strengthen local community bonds using digital media from different perspectives.
Chapter
Karl-Sigismund Kramer streicht in seiner volkskundlichen Rekonstruktion der „Nachbarschaft als bäuerliche Gemeinschaft“ heraus, dass „das Wort Nachbar (…) verhältnismässig spät entstanden“ wäre (Kramer 1954, S.29). In den bisherigen wissenschaftlichen Auseinandersetzungen, aber auch im eingangs skizzierten Programmdiskurs, wird der Begriff Nachbar meist epistemologisch vom alt- resp. mittelhochdeutschen Begriff „nāhgibūr(o)“ bzw. „nāchgebūr(e)“, welcher wiederum auf das westgermanische „naehwa-gabūr(ōn)“ zurück geht, abgeleitet (Gehl 2005, S.701; Hamm 1973, S. 133).
  • A Becker
  • O Schnur
  • C Hannemann
  • F Othengrafen
  • J Pohlan
  • B Schmidt-Lauber
  • R Wehrhahn
  • S Güntner
Becker, A. & Schnur, O. (2020): Die Digitalisierung des Zusammenlebens. Über die Wirkung digitaler Medien in Quartier und Nachbarschaft. In: Hannemann, C.; Othengrafen, F.; Pohlan, J.; Schmidt-Lauber, B.; Wehrhahn, R. & Güntner, S. (Hrsg.): Jahrbuch StadtRegion 2019/2020. Schwerpunkt: Digitale Transformation. Springer VS: Wiesbaden. S. 3-24.
  • M Koletsi
  • N Sfakianos
  • A Papadopoulou
  • D Karras
  • G Vagis
  • K Koskinas
Koletsi, M., Sfakianos, N., Papadopoulou, A., Karras, D., Vagis, G. & Koskinas, K. (2021): Virtually Together: Developing a Local Social Network for Neighborhoods. In: Bulletin of Science, Technology and Society, 41 (1). S. 10-19.