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Kein Chair zum Ausruhen. Kein Chair zum Ausruhen Idee und Leitgedanken des neuen UNESCO-Chair „Global Citizenship Education – Culture of Diversity and Peace” an der Universität Klagenfurt

Authors:

Abstract

Kein Chair zum Ausruhen Idee und Leitgedanken des neuen UNESCO-Chair „Global Citizenship Education – Culture of Diversity and Peace” an der Universität Klagenfurt. Kommentar über Schwierigkeiten und Möglichkeiten transformativer Bildung für eine gerechtere Welt. *** Idea and guiding principles of the new UNESCO-Chair "Global Citizenship Education - Culture of Diversity and Peace" at the University of Klagenfurt - a commentary on the difficulties and possibilities of transformative education for a more just world.
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Österreichische
UNESCO-Kommission
Jahrbuch 2020
VORWORT
75 JAHRE UNESCO – QUO VADIS?
BILDUNG
WISSENSCHAFT
KULTUR
KOMMUNIKATION UND INFORMATION
ANHANG
IMPRESSUM
INHALT
20
20
2
4
6
14
20
39
46
48
Österreichische
UNESCO-Kommission
Jahrbuch 2020
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Als im Februar 2020 das Treen der Europäischen National-
kommissionen in Cascais (Portugal) stafand, ahnte niemand,
dass es für die Beteiligten die letzte physische Zusammen-
kun für lange Zeit sein sollte. Denn üblicherweise gibt es
im Lauf eines Jahres etliche Gelegenheiten, bei denen Ver-
treter*innen der 199 Nationalkommissionen (NatComs)
weltweit miteinander in Austausch treten. Das Netzwerk
der Europäischen NatComs ist ein Forum, das Zusammen-
arbeit ermöglicht, eine Plaform, die sich dem Austausch
und der Kooperation widmet und die Ziele der UNESCO in
den einzelnen Ländern voranbringt.
UNESCO-Nationalkommissionen sind einzigartig im
UN-System. Ihr Alleinstellungsmerkmal ist ihre profunde,
langjährige Kenntnis von Prozessen sowohl auf inner-
staatlicher wie auch auf UNESCO-Ebene. Zudem ist es
eine ihrer zentralen Aufgaben, den Austausch zwischen
Mitgliedstaat, UNESCO und Zivilgesellscha voranzutreiben.
Sie informieren, beraten, managen, verwalten – sie ver-
suchen, den „Geist der UNESCO“ in den Mitgliedstaaten
nicht nur am Leben zu erhalten, sondern stets aulühen
zu lassen.
Die ÖUK beteiligt sich sehr aktiv sowohl am bereits
genannten Netzwerk der Europäischen NatComs, als auch
an jenem aller Nationalkommissionen weltweit sowie am
sog. Viererausschuss der deutschsprachigen Kommissionen
und kooperiert regelmäßig zu spezifischen Aspekten mit
anderen Nationalkommissionen. Dieser Austausch ist –
zusätzlich zu den vielfältigen nationalen Aufgaben – ein
zentrales Anliegen für die ÖUK und wesentlich für unser
Verständnis von multilateraler Zusammenarbeit. Von ihm
profitieren auch unsere innerstaatlichen Aktivitäten, sei
es auf Grund der Inspiration durch andere Nationalkommis-
sionen, sei es durch konkrete gemeinsame Projekte.
So ist es uns auch im herausfordernden „Pandemie-Jahr
2020 gelungen, zahlreiche Aktivitäten gemeinsam mit
anderen Nationalkommissionen zu realisieren. Besondere
Aufmerksamkeit erfuhr durch das UNESCO-Sekretariat in
Paris ein ursprünglich von den deutschsprachigen National-
kommissionen initiiertes Positionspapier zur Strategischen
Transformation der UNESCO. Durch zahlreiche NatComs aller
Kontinente breit unterstützt zeigt es, welche entscheidende
Rolle diese für die Organisation spielen. Enge Kooperation
mit anderen Nationalkommissionen gibt es etwa auch im
Bereich multinationaler Einreichungen, für das Jahr 2020 sind
hier im Immateriellen Kulturerbe die Lippizanerzucht sowie
die Flößerei zu nennen. Außerdem wurden, gemeinsam mit
den deutschsprachigen UNESCO-Kommissionen, mehrere
Publikationen zur Kulturellen Vielfalt aus dem Englischen
übersetzt und einem deutschsprachigen Interessent*innen-
kreis zugänglich gemacht. Auch waren die Nationalkom-
missionen wesentlich in die vorbereitenden Arbeiten zur
UNESCO-Empfehlung zur künstlichen Intelligenz involviert
und im Bildungsbereich sehr gefordert, der durch die Pande-
mie wieder massiv ins Zentrum der UNESCO-Bemühungen
gerückt ist.
Dieser kleine Ausschni gemeinsamer Aktivitäten zeigt
bereits, wie zentral diese Kooperationen sind – und wie
sehr der ständige, auch informelle, Austausch die Arbeit
der österreichischen UNESCO-Kommission bereichert und
zu ihrem Erfolg beiträgt. Dafür bedanke ich mich nicht nur
bei unseren internationalen Partner*innen, sondern auch
bei unseren Fördergeber*innen und Unterstützer*innen in
Österreich sowie selbstverständlich beim Team der Öster-
reichischen UNESCO-Kommission!
Mag.a Patrizia Jankovic, Generalsekretärin
© Nits che
Mag.a Patrizia Jankovic
VORWORT
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Das Jahr 2020 war ohne Zweifel ein Außergewöhnliches.
Als sich Anfang März 2020 der erste „Lockdown“ ankündigte,
rechneten wohl die Meisten von uns mit einer relativ raschen
Rückkehr zur Normalität. Dass und wie die Covid-19-Pande-
mie das gesamte Jahr prägen sollte, schien zu diesem Zeit-
punkt kaum vorstellbar.
Bald schon wurde jedoch deutlich, wie tiefgreifend die
Auswirkungen der Krise sein würden – und wie stark sie das
Mandat der UNESCO betreen. In einer für eine internationale
Organisation eindrucksvollen Geschwindigkeit wurden u.a.
Webinare in verschiedensten Bereichen (z.B. für Bildungs-
verantwortliche) angeboten, Veranstaltungsreihen (z.B. zur
Situation von Künstler*innen) ins Leben gerufen und auch
für statutarische Treen der UNESCO-Organe neue Formen
gefunden.
Auch die Österreichische UNESCO-Kommission sah sich
mit der Situation konfrontiert, ihre Jahresplanung verändern
zu müssen. Eine ihrer zentralen Stärken – die Kooperation
mit vielfältigen Partner*innen aus Verwaltung, Wissen-
scha, Forschung und Zivilgesellscha – bedeutet norma-
lerweise, dass Treen abgehalten, Workshops veranstaltet,
in persönlichen Gesprächen Informationen ausgetauscht
werden. Insbesondere die Zusammenarbeit mit der Zivil-
gesellscha war – und ist – stark vom direkten, unmiel-
baren Kontakt getragen. So schien es anfangs nur schwer
vorstellbar, wie dieser Austausch in Zeiten von Kontakt-
beschränkungen und „physical distancing“ weiter bestehen
kann.
Es war daher beeindruckend zu sehen, wie innerhalb
kurzer Zeit Möglichkeiten geschaen wurden, die Koope-
ration erfolgreich aufrechtzuerhalten: langhrig etablierte
Veranstaltungen, wie etwa die Jahrestagung der Österreichi-
schen UNESCO-Schulen oder die Klausurtagung Kulturelle
Vielfalt, wurden in den virtuellen Raum verlegt, aber auch
vollständig neue Formate entwickelt. Nennen möchte ich
exemplarisch den Virtuellen Salon zum Immateriellen Kul-
turerbe oder die Online-Workshop-Reihe „Künstlerische
Freiheit schützen – Allianzen bilden“. Zudem beteiligte sich
die ÖUK auch an der von der UNESCO ins Leben gerufenen
ResiliArt-Reihe, die die Auswirkungen der COVID-19-Pande-
mie auf Kunst- und Kulturakteur*innen ins Zentrum rückt.
In Österreich fand ein ResiliArt-Talk im April gemeinsam
mit der IG KiKK (Kulturinitiativen in Kärnten/Koroška) zum
Thema Kultur & Demokratie sta, ein zweiter im Dezember
mit VIDC/kulturen in bewegung zu Herausforderungen des
internationalen Kulturaustauschs. Das Jahr 2020 hat also
für große Herausforderungen gesorgt, gleichzeitig aber
auch Chancen erönet und neue Kooperationen ermöglicht
– so konnte etwa internationale Expert*innen am IKE-
Online-Fachgespräch „Impulse eines praxis-orientierten
Re-Definierens im (post)-migrantischen Europa“ teilnehmen,
denen eine physische Anwesenheit nicht ohne weiteres
möglich gewesen wäre.
Möglich gemacht wurde all dies nicht nur durch das
außergewöhnliche Engagement der Mitarbeiter*innen
der ÖUK, sondern auch durch die Flexibilität und das Ent-
gegenkommen unserer langjährigen Unterstützer*innen
aus den zuständigen Ministerien. Ihnen sowie all unseren
Partner*innen aus der Zivilgesellscha gilt mein Dank. Und
bei allem Erfolg der genannten Online-Formate wünsche
ich uns für das Jahr 2021 und die weitere Zukun doch
wieder mehr Austausch und Zusammenarbeit in physischer
Ko-Präsenz!
© KHM Muse umsverb and
Dr.in Sabine Haag
Dr.in Sabine Haag, Präsidentin
4
DR.IN SABINE HAAG
Am 16. November 1945, nur wenige
Monate nach Kriegsende, wurde von
den Vertretern von 37 Staaten das Grün-
dungsdokument für eine UN-Sonder-
organisation unterzeichnet, die die
friedenssichernde Mission der Ver-
einten Nationen durch die Förderung
der internationalen Zusammenarbeit
in Bildung, Wissenschaft und Kultur
aktiv mittragen sollte. Ins Leben geru-
fen wurde die UNESCO im Geiste der
Vereinten Nationen von einer Genera-
tion an Politikern und Intellektuellen,
die die Verheerungen und Folgen z weier
Weltkriege selbst unmittelbar miterlebt
hatten, in einem historischen Kontext,
der sich in v ielen Aspekten deutlich von
der gegenwärtigen geopolitischen Situ-
ation unterschieden hat. Besonders in
den vergangenen Jahren, denen viele
Kommentatoren eine „Krise des Multi-
lateralismus“ attest ierten, wurde immer
wieder ( sicherlich auch tei ls berechtigte)
Kritik an der UNESCO, aber auch am
UN-System insgesamt geübt. Fehlende
Schlagkräft igkeit, Schwer fälligke it, poli-
tische Verei nnahmung u nd die generelle
Frage nach der allgemeinen Relevanz in
der Welt des 21. Jahrhunderts standen
und stehen im Rau m. Wie notwendig ist
also eine Organisation, deren Grund-
strukturen und Prinzipien vor einem
dreiviertel Jahrhundert geschaffen
wurden?
Spätestens in Zeiten akuter globaler
Herausforderungen – wie diese Pande-
mie wohl eine der einschneidendsten
der jüngsten Geschichte ist und die
Klimakrise eine solche sein wird – wird
deutlich, dass individuelle Alleingänge
auf nationalstaatlicher Ebene zwar
vielleicht kurzfristig sichtbar, langfris-
tig jedoch nicht erfolgreich sein werden
können. Die COVID-19 Pandemie hat
bekanntermaßen nicht nur eine welt-
weite Gesundheitskrise ausgelöst, son-
dern auch eine tiefgreifende Krise des
kulturellen Le bens und des Bildungswe -
sens nach sich gezoge n. Auch wenn sich
die Situationen in unterschiedlichen
Teilen der Welt in den Details unter-
schied lich darstellen mögen, handelt es
75 Jahre UNESCO – quo vadis?
Die „Verankerung des Friedens im Geiste der Menschheit“ ist gemäß ihrer Verfassung das erklärte Ziel der
UNESCO, die vor 75 Jahren in London gegründet wurde. Ein Aurag, der bis heute nichts an Gültigkeit und
Notwendigkeit verloren hat. Im Gegenteil.
(erstmals erschienen in: Die Presse vom 16.11.2020)
© iStock
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sich um globale Phänomene: weltweit
wur den Schließu ngen von Bildungs - und
Kultureinrichtungen, Schulen, Universi-
täten, Museen und Theatern vollzogen
– und damit massive Eingriffe in das
gemeinschaftliche Leben mit bislang
noch kaum vorherzusehenden Folgen.
Internationale Zusammenarbeit
in einer veränderten Welt
Die Krise betrifft also wie kaum ein
anderes Ereignis die Kernthemen und
Mandate der UNESCO. Die UNESCO
war es auch, die als eine der zentralen
Institutionen in Bildungs- und Kultur-
fragen au f internationaler E bene rasche
Schritte setzen konnte. Neben der Eta-
blierung eines Monitorings für Schul-
schließungen stand d ie Gründung einer
globalen Bildungskoalition – bestehend
aus multilateralen Partnern, privatwirt-
schaftlichen Akteur*innen und zivil-
gesellschaftlichen Organisationen – im
Zentrum, um Mitgliedstaaten dabei zu
unterstützen, Fernunterricht zu verbes-
sern und integrativer und gerechter zu
gestalten. Die Tätigkeiten der Koalition
in den verschiedenen Ländern ist viel-
fältig: von der Bereitstellung von offen
zugänglichen Bildungsangeboten, der
Unterst ützung der Lernenden und Lehr-
personen bis hin sowie zur Verfügung-
stellung von Infrastruktur und tech-
nischem Equipment. Die ebenso von
der UNESCO angestoßene „ResiliArt“-
Bewegung wendet sich hingegen an
Kulturakteur*innen und versucht, über
internationale Vernetzung Möglich-
keiten und Antworten auf die Fragen
dieser Kulturkrise zu finden und jenen
eine hörba re Stimme zu geben, die akut
von dieser betroffen sind.
Am deutlichsten sichtbar wurde in
diesem Jahr wohl eine Notwendigkeit:
die Stärkung internationaler wissen-
schaftlicher Zusammenarbeit, etwa
durch die aktive Förderung von Open
Science, deren weitreichenden Chancen
vor dem Hintergr und der globalen Krise
zunehmend an Bedeutung gewinnen.
75 Jahre nach ihrer Gründung
steht die UNESCO nicht nur einer
gänzlich veränderten Welt, sondern
auch neuen Problemen gegenüber. Zu
ihren ursprünglichen, beinahe schon
klassischen Aufgaben des Kulturgü-
terschutzes oder der Bewahrung von
Umwelt, Biodiversität und natürlichen
Ressourcen haben sich, trotz immer
knapper werdender finanzieller Res-
sourcen, Fragen der Digitalisierung,
der Künstlichen Intelligenz u nd – immer
vir ulenter werdend – Problem stellungen
des Kl imawandels in das ohnehin schon
breite Themenspektrum der Organisa-
tion gereiht.
Nur so stark wie ihre Mitglieder
Kritik an der UNESCO gab und gibt es
immer wieder. Die UNESCO reagiert
darauf mit einem ambitionierten
Reformbestreben unter der Ägide der
aktuellen Generaldirektorin Audrey
Azoulay. Viele Kritikpunkte mögen
aber auch einer gewissen Erwartungs-
haltung gegenüber einer multilatera-
len Organisation geschuldet sein, die
nur bis zu einem gewissen Grad erllt
werden kann. Klar muss sein, dass die
UNESCO nur so stark sein kann, wie
ihre Mitglieder dies zulassen. Und dies
wiederum war immer Schwankungen
unterworfen. Insbesondere der Aus-
tritt der USA, bedeutend als Finanz-
geber und geopolitisch starke Stimme,
hat zudem zu einer massiven Schwä-
chung, nicht nur der Organisation, son-
dern des Multilateralismus insgesamt
gefü hrt. Jüngste Äußer ungen des fr isch
gewählten US-Präsidenten Joe Biden
machen jedoch Hoffnung, dass dem
Multilateralismus wieder eine größere
Rolle zukommen und Bedeutung bei-
gemessen werden könnte.
Die UNESCO hat in den vergange-
nen Monaten bewiesen, dass das vor 75
Jahre n erdachte System der mult ilatera-
len Kooperation nicht obsolet geworden
ist. In ihrem Bezug auf die Grundideen
der Menschenrechte – als erste UN-Or-
ganisation noch vor der Verabsch iedung
der Allgemeinen Erklärung der Men-
schenrechte 1948 – und ihrer Einbin-
dung zivilgesellschaftlicher Kräfte war
die UNESCO zudem bereits zu ihrer
Gründung innovativ. Aktuelle Initiati-
ven, etwa das unlängst verabschiedete
Übereinkommen zur einfacheren Aner-
kennung von Qualifikationen im Hoch-
schulbereich oder die Bestrebungen im
Bereich Ethik der künstlichen Intelli-
genz zeigen, dass die UNESCO auch
75 Jahre später als globales „laboratory
of ideas“ zukunftsweisende, innovative
Lösungen in den Bereichen Bildung,
Wissenschaft und Kultur bieten kann.
Es bleibt also zu hoffen, dass dieser
erfolgreiche Weg gesehen wird und
weiter beschritten werden kann. Denn
globale Herausforderungen brauchen
globale Lösungen und starke Instituti-
onen, die diese tragen können.
„Spätestens in Zeiten akuter
globaler Herausforderungen
[…] wird deutlich, dass indi-
viduelle Alleingänge auf
nationalstaatlicher Ebene
zwar vielleicht kurzfristig
sichtbar, langfristig jedoch
nicht erfolgreich sein werden
können.
DR.IN SABINE HAAG studierte Anglistik und
Amerikanistik sowie Kunstgeschichte an den
Universitäten Innsbruck und Wien, wo sie 1995
promovierte. Ab 1990 war sie als Kuratorin in
der Kunstkammer sowie der Weltlichen und
Geistlichen Schatzkammer des Kunsthistorischen
Museums tätig, die sie spätere auch leitete.
Seit 2009 ist Sabine Haag Generaldirektorin
des Kuns this torischen Museums, des Welt-
museums sowie des Theatermuseums und
lenkt die Geschicke dieses Museumsverbandes.
Seit 2018 steht sie der Österreichischen
UNESCO-Kommission als Prä sidentin vor.
© KHM Muse umsverb and
BILDUNG
Mit der Verabschiedung der Agenda 2030 für
nachhaltige Entwicklung hat die internationale
Staatengemeinscha auch die zentrale Rolle der
Bildung hervorgehoben. Mit ihren 17 Sustainable
Development Goals/SDGs skizziert sie eine
langfristige weltweite Agenda, die einen grund-
legenden Richtungswechsel im Denken und
Handeln der Menschen einleitet. Zentrales
Element für die Umsetzung ist Bildung, denn
eine global nachhaltige Entwicklung kann nur
umgesetzt werden, wenn Nachhaltigkeit in den
Bildungssystemen weltweit verankert ist.
© iStock-wavebreakmedia
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UNESCO-BILDUNGSPROGRAMME
Auf dem Weg zu einer gerechten
Welt für alle
„No one shall be le behind“ – so lauten Moo und Ziel der UNESCO-
Bildungsagenda 2030. Das Jahr 2020 hat, wie kein anderes in der
jüngeren Geschichte, die Bedeutung dieses Leitspruchs vor Augen
geführt. Tatsächlich haben im Lauf des Jahres Millionen von Men-
schen, insbesondere Kinder und Jugendliche, ihre gewohnten Lern-
umgebungen zumindest temporär verloren, und Lernende wie
Lehrende mussten sich auf vollständig veränderte Gegebenheiten
einstellen. Zu bereits seit langem bekannten Herausforderungen
wie digitalen Umwälzungen, Klimawandel, sozialer Ungleichheit,
Flucht und Migration ist damit auch noch der Aspekt einer globalen
Gesundheitsgefahr hinzugetreten. Immer wieder war im Lauf des
Jahres und in Zusammenhang mit dieser tiefgreifenden Krise die
Rede von einer Spaltung von Gesellschaen, von einem Brüchig-
werden des gesellschalichen Zusammenhalts. Dies wir auch die
Frage auf, wie Bildung aussehen muss, damit Menschen die gesell-
schalichen Veränderungen unserer globalisierten Welt verstehen
lernen und dementsprechend handeln. Das ist auch das Ziel der
aktuellen Bildungsagenda der UNESCO (Bildung 2030): Im Wesent-
lichen geht es darum, dass jeder und jede Einzelne Verantwortung
als „global citizen“ übernehmen kann. Zudem ist Bildung ein funda-
mentales Menschenrecht. Alle Menschen haben ihr ganzes Leben
lang das Recht auf hochwertige Bildung und damit auf Zukuns-
chancen und die Möglichkeit, ihr Leben grundlegend zu verändern.
Bildungsagenda – No one shall be le behind
Weil Bildung nicht unabhängig von den globalen Herausforderungen
unserer Zeit betrachtet werden kann, ist die UNESCO-Bildungsagenda
eingebeet in die globale UN-Agenda 2030, bestehend aus 17 Zielen
nachhaltiger Entwicklung (Sustainable Development Goals, SDGs).
Bildung kommt hierbei eine Schlüsselrolle zu. So zeigt SDG 4 auf,
wie Bildung aussehen muss, um Menschen auf den Umgang mit
den globalen Herausforderungen vorzubereiten. Gleichzeitig spielt
Bildung eine zentrale Rolle bei der nachhaltigen Umsetzung aller
17 Sustainable Development Goals.
Wesentlich für den Erfolg des Bildungsziels 4 ist der universelle
Charakter der Agenda 2030. Durch deren Verabschiedung haben
sich erstmals alle Staaten der Welt dazu verpichtet, Bildung als
integralen Bestandteil nachhaltiger Entwicklung anzuerkennen und
entsprechende Maßnahmen umzusetzen. Somit soll die Agenda
2030 allen Menschen auf der ganzen Welt zugutekommen: „No one
shall be le behind“ – dies gilt heute mehr als je zuvor.
SGD 4: Bildungsziele
Bis 2030 für alle Menschen inklusive, chancen-
gerechte und hochwertige Bildung sicherstellen
sowie Möglichkeiten zum lebenslangen Lernen
fördern.
4.1. Bis 2030 allen Mädchen und
Buben den Abschluss einer kos-
tenlosen, chancengerechten und
hochwertigen Primar- und Sekun-
darschulbildung ermöglichen.
4.2. Bis 2030 allen Mädchen
und Buben den Zugang zu
hochwertiger frühkindlicher
Bildung, Betreuung und Erzie-
hung sichern.
4.3. Bis 2030 allen Frauen und
Männern einen gleichberechtig-
ten und leistbaren Zugang zu
hochwertiger beruicher und
akademischer Bildung ermög-
lichen.
4.4. Bis 2030 sicherstellen, dass
eine deutlich höhere Anzahl an
Jugendlichen und Erwachsenen
die für eine Beschäigung oder
Selbstständigkeit relevanten
Kenntnisse, Fähigkeiten und
Fertigkeiten erwirbt.
4.5. Bis 2030 Benachteiligungen
aufgrund der Geschlechtszu-
gehörigkeit auf allen Bildungs-
stufen beseitigen und allen
Menschen gleichberechtigten
Zugang zu allen Bildungsstufen
sichern.
4.6. Bis 2030 den Erwerb aus-
reichender Lese-, Schreib- und
Rechenfähigkeiten für alle
Jugendlichen und für einen
erheblichen Anteil der Erwach-
senen sicherstellen.
4.7. Bis 2030 sicherstellen, dass
alle Lernenden die für nachhal-
tige Entwicklung notwendigen
Kenntnisse und Fähigkeiten
erwerben.
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Bezug zu den UN-Zielen für nachhaltige Entwicklung / Sustainable Development Goals (SDGs)
Bildung und SDGs Die Bildung steht im Mielpunkt der Agenda 2030. Sie spielt eine zentrale Rolle für die erfolgreiche
Umsetzung aller 17 Entwicklungsziele. Darüber hinaus ist der Bildung ein eigenständiges Ziel gewidmet, SDG4, das lautet:
„Bis 2030 für alle Menschen inklusive, chancengerechte und hochwertige Bildung sicherstellen sowie Möglichkeiten zum
lebenslangen Lernen fördern“.
AUSGEWÄHLTE AKTIVITÄTEN 2020
In der nationalen Umsetzung der internationalen Bildungspro-
gramme hat die Österreichische UNESCO-Kommission eine unter-
stützende und beratende Funktion für die unterschiedlichen
Akteur*innen. Dabei orientiert sie sich an den jeweils aktuellen
Arbeitsschwerpunkten der UNESCO und insbesondere an der
globalen Bildungsagenda 2030.
„Turning Point“: Bildung für die SDGs
Um die Stimme von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen
zu stärken, schuf die Österreichische UNESCO-Kommission 2019
die Position der „Youth Representative“. Die erste Jugenddelegierte
Ines Erker rief die Veranstaltungsreihe „Turning Point. Youth for
Sustainable Development“ ins Leben, um junge Menschen dafür zu
begeistern, sich für die globalen Nachhaltigkeitsziele einzusetzen.
Die für 2020 geplante Veranstaltung unter dem Moo „Deine Rechte
– deine Welt“ musste auf Grund der COVID-19-Pandemie sowohl
in den virtuellen Raum als auch in das Jahr 2021 (25./26.1.) verlegt
werden.
Fachbeirat für Global Citizenship Education, Globales Lernen,
Bildung für nachhaltige Entwicklung
Der im März 2017 ins Leben gerufene Fachbeirat „Transformative
Bildung/Global Citizenship Education“ an der Österreichischen
UNESCO-Kommission dient dem Monitoring und der Begleitung der
nationalen Umsetzung von SDG 4 auf Expert*innenebene.
2020 sind zwei neue Mitglieder dem Fachbeirat beigetreten: der
neue UNESCO-Lehrstuhlinhaber Univ.-Prof. Dr. Hans Karl Peterlini
(UNESCO Chair for Global Citizenship Education – Culture of Diversity
and Peace, Universität Klagenfurt) sowie Dr.in Irene Gabriel (beobach-
tendes Mitglied, BMBWF). Weiters wurde eine Arbeitsgruppe
Neue Herausforderungen, alte Ungleichheiten?
Die Auswirkungen der COVID-19-Pandemie auf
die Bildungssituation weltweit sind noch nicht
abschätzbar. Erste Erhebungen der UNESCO
zeigen, dass im Lauf des Jahres 2020 die Mehr-
heit aller Mitgliedstaaten Online-, Fernseh-
oder Radiolösungen bereitgestellt haben, um
in der Ausnahmesituation eine Lernkontinuität
herzustellen. Dennoch weisen erste Daten des
UNESCO-Instituts für Statistik darauf hin, dass
rund 100 Millionen Kinder und Jugendliche auf
Grund der Pandemie im Bereich der Lesekom-
petenz unter das Mindestniveau zurückfallen
werden und in vielen Ländern Fortschrie
der letzten zwei Jahrzehnte zunichte gemacht
werden könnten. Eine gemeinsame Studie von
Education Finance Watch und der Weltbank stellt
außerdem fest, dass 65% der Länder mit niedri-
gem Bruoinlandsprodukt ihre Bildungsbudgets
kürzen, während Bildungsausgaben in den
Konjunkturpaketen von 56 Ländern nur 2%
ausmachen.
Die weltweite Gesundheitskrise hat zweifels-
ohne bestehende Ungleichheiten verstärkt:
einerseits treten ökonomische Gefälle massiv zu
Tage, andererseits spielt die unterschiedlich stark
ausgebaute digitale Infrastruktur im Kontext der
Pandemie eine gewichtige Rolle: Die veränderte
Lernsituation erfordert neue methodisch-techno-
logische Ansätze, den Zugang zum Internet eben-
so wie zu Endgeräten, Plaformen und digitalen
Lösungen. Sie zeigt aber auch auf, wie zentral
der Erwerb von entsprechenden digitalen Kom-
petenzen ist – nicht nur, um die technischen
Fähigkeiten zu stärken, sondern vor allem auch,
um eine emanzipatorische Nutzung und einen
reektierten Umgang mit neuen Technologien zu
fördern.
9
gegründet, die sich mit verschiedenen Zugängen zu Transformativer
Bildung – insbesondere Global Citizenship Education und Bildung
für Nachhaltige Entwicklung – auseinandersetzt. Diese haben sich
weltweit im UN-Kontext historisch unterschiedlich entwickelt, sind
durch unterschiedliche Finanzierungen und Förderungen gestützt
und auch in Österreich unterschiedlich verankert. Die Arbeitsgruppe
soll dazu beitragen, sie in Einklang zu bringen und Synergien zu
nutzen und zu stärken.
Auch wurde der Fachbeirat im Jahr 2020 mehrfach zur Beant-
wortung von UNESCO-Fragebögen bzw. zur Vorbereitung nationaler
Stellungnahmen konsultiert. Unter anderem erfolgte eine gemein-
same Beantwortung eines Fragebogens zur Recommendation
concerning Education for International Understanding, Co-operation
and Peace and Education relating to Human Rights and Fundamental
Freedoms sowie eine gemeinsame Stellungnahme zum ersten Frei-
willigen Staatenbericht Österreichs zur Umsetzung der Agenda 2030
betreend SDG 4.
Präsentation des UNESCO-Weltbildungsberichts 2020
in Österreich
Die UNESCO publiziert regelmäßig Weltbildungsberichte (Global
Education Monitoring Reports), um Entwicklungen der internatio-
nalen Bildungspolitik in den einzelnen Ländern aufzuzeigen, die
Umsetzung der Agenda Bildung 2030 zu überwachen, zu dokumen-
tieren und zu analysieren und Empfehlungen zur besseren Umsetzung
der Agenda zu formulieren. Unter dem Titel „Inclusion and education:
All means all“ behandelt der aktuelle Weltbildungsbericht Inklusion
von Lernenden aller Hintergründe im Sinne eines gesamtgesell-
schalichen Prozesses und fokussiert dabei insbesondere Lernende
mit Behinderungen und Beeinträchtigungen. Der Bericht 2020
wurde von der UNESCO im Juni 2020 veröentlicht. Die österrei-
chische Präsentation des Weltbildungsberichts fand in der Folge
am 28. Jänner 2021 als Online-Veranstaltung in Kooperation mit der
Österreichischen Forschungsstiung für Internationale Entwicklung
(ÖFSE) sta, gut 100 Interessent*innen nahmen teil. Nach einer
Präsentation der zentralen Erkenntnisse und Empfehlungen des
Berichtes durch Dr. Dr. Bilal Barakat (Statistiker und Bildungs-
experte, Senior Policy Analyst des Global Education Monitoring
Report Teams) folgten Überlegungen zur Bedeutung des Berichts
für die österreichische Bildungspolitik
durch Univ.-Prof. Dr. Gofried Biewer
(Experte für integrative Heilpädago-
gik) sowie eine Podiumsdiskussion
mit Mag.a Terezija Stoisits (BMBWF),
DI Johanna Mang MS (Licht für die
Welt) und Mag.a Katharina Müllebner
(BIZEPS- Zentrum für ein selbstbe-
stimmtes Leben), die entwicklungs-
politische Aspekte des Weltbildungs-
berichts beleuchtete.
Frühkindliche Bildung, Betreuung und
Erziehung
Im Jahr 2020 wurden vorbereitende Arbeiten
zur Etablierung eines neuen Schwerpunkts im
Bereich frühkindliche Bildung, Betreuung und
Erziehung (FBBE) gesetzt. Dafür wurde von der
Bildungswissenschalerin und Kindergartenpä-
dagogin Lena Gruber ein Konzept erarbeitet, das
die Basis für einen Leitfaden zur frühkindlichen
Erziehung bildet. Der auf den UNESCO-Bildungs-
konzepten beruhende Leitfaden wird sich an
Pädagog*innen richten und sie bei der Schaung
von kinder-, behinderten- und geschlechterge-
rechten FBBE-Bildungseinrichtungen unterstüt-
zen.
Kommentar von UNIV.-PROF. DR.
HANS KARL PETERLINI
„Global Citzenship Education hat für
mich etwas mit ständigem Lernen zu
tun, mit Lebendigsein. Ja, Global Citi-
zenship hält mich lebendig“, so ver-
dichtet Werner Wintersteiner, der mit
Fug und Recht als einer der Pioniere
dieses Ansatzes in Österreich gelten
darf, in einem Interview das theoreti-
sche und handlungsorientierte Projekt
einer Bü rger*innenschaf t, die sich nicht
regiona l oder national definiert, sondern
die ganze Erde zum Bezugspunkt für
Zugehörigkeit, Solidarität und Verant-
wortu ngssinn wä hlt. „Heimat land Erde“
des französischen Philosophen und
Soziologen Edgar Mor in ist so etwas wie
die programmatische Gründungsschrift
von Global Citizenship.
Die Idee ist ebenso einfach wie
beunruhigend. Sie fußt auf dem festen
Boden dieser Erde, auf der wir alle
stehen, wenn auch die Orte sehr unter-
schiedlich sind, je eigene Geschichten
haben, klimatischen Schwankungen
unterworfen sind, in krassen sozioöko-
nomischen Ungleichheiten auseinan-
derfallen, von schweren Machtasym-
metrien durchwirkt sind. Diese Erde
als Heimat zu begreifen, heißt zugleich,
übliche – meist nationale – Ordnungs-
rahmen zwar nicht unbedingt aufzuge-
ben, aber in ihrer trügerischen Absolut-
heit und Verlässlichkeit anzuzweifeln.
Dass die Welt nicht an den jeweiligen
Landesgrenzen aufhört, sondern dass
alles, was jenseits liegt, auch jenseits
von hohen Gebirgen und unermessli-
chen Ozeanen, unmittelbar auch mit
uns zu tun hat, hebt die Illusion auf,
dass es genügt, im eigenen Land oder
Staat für ordentliche Verhältnisse zu
sorgen, um gut leben zu können. Mit
„gut leben“ ist auch gemeint, Einklang
mit jenen ethischen Fragen zu suchen,
denen wir nur um den Preis der Ver-
drängung ausweichen können, etwa
jener, ob es ein gutes Leben für einige
Auser wählte geben kann, wenn dies für
andere A rmut, Kr ieg, Elend, Hoff nungs-
losigkeit bedeutet.
Wohl nicht zufällig wurde 1972 die
Neuedit ion des berüh mten Schriftwech-
sels zwischen Albert Einstein und Sig-
mund Freud zur Frage „Warum Krieg? “
durch e inen Essay von Isaac Asimov mit
dem Titel „Die gute Erde stirbt“ einge-
leitet. Aus seiner beunruhigenden (und
sich mittlerweile mehr als bestätigten)
Analyse zieht Asimov eine einfache
Konsequenz: „Probleme von planetari-
schem Ausmaß erfordern ein planeta-
risches Programm und eine planetari-
sche Lösung.“ Was kann Bildung, was
kann Erziehung dazu beitragen? Freud
musste in seiner Antwort an Einstein
dessen Hoffnung enttäuschen, dass
er Erziehungs- und Bildungsrezepte
für eine friedfertigere und verantwor-
tungsbewusstere Gesellschaft beisteu-
ern kön nte. Eine solche Hoffnung w urde
allein schon durch die tiefe Skepsis ver-
eitelt, d ie der Begründer der Psyc hoana-
lyse einer rein rationalen Veränderung
von Menschen entgegenhielt – zu tief
waren seine Einsichten in die Dynami-
ken von Verdrängung und Projektion,
mit denen Me nschen Unliebsames ig no-
rieren und auf Feindbilder übertragen,
an denen w ir dann das bekämpfen, was
wir an uns selbst nicht zu ertragen ver-
mögen.
In der Ausblendung der über den
Planeten verbreiteten Not, in der ratio-
nal eingestandenen und irrational wei-
terbetriebenen Zerstörung der eigenen
Lebensgrundlagen, im Ausagieren von
verdrängter Frustration und Existenz-
not an jeweils Anderen in Kriegen oder
tödlicher Gleichgültigkeit stellen diese
Einsichten auch einen Gegenwartsbe-
fund dar. Die einzige Möglichkeit einer
transformativen Gegenwirkung sah
Freud in seiner A ntwort an Ei nstein in al l
Kein Chair zum Ausruhen
Idee und Leitgedanken des neuen UNESCO-Chair
„Global Citizenship Education – Culture of Diversity
and Peace” an der Universität Klagenfurt
„Diese Erde als Heimat zu
begreifen, heißt zugleich,
übliche – meist nationale –
Ordnungsrahmen zwar nicht
unbedingt aufzugeben, aber
in ihrer trügerischen Absolut-
heit und Verlässlichkeit
anzuzweifeln.“
10
dem, „was Gefüh lsbindungen unter den
Menschen herstellt“. Gerade in Bezug
auf die Wahrnehmung von Zusammen-
hängen – und entsprechender Entwick-
lung von planetarem Verantwortungs-
sinn – greift rationale Erkenntnis zu
kurz. An Beispielen, die wir alle auch
von uns selbst kennen, zeigt sich, wie
sogar so etwas wie „Gefühlsbindung“
– wir könnten Empathie, Mitfühlen,
Verantwortungsgefühl sagen – natio-
nal gestimmt ist: Bei Nachrichten von
Flugzeugabstürzen oder Erdbeben in
entlegenen Gebieten ist die mediale
Aufmerksamkeit und damit einherge-
hende Betroffenheit ungleich höher,
wenn Landsleute betroffen sind. Der
methodische Nationalismus, mit dem
wir die Welt wahrnehmen und behan-
deln, erfasst auch unser empathisches
Vermögen.
Global Citizenship Education kann
sich daher, als per se transformativer
Bildungsansatz, nicht mit der ratio-
nal-kognitiven Vermittlu ng von Wissen
allein begnügen. Ein solcher Ansatz
muss die Zusammenhänge erfahrbar
machen. Erst wenn Menschen in eine
Beziehung mit dem kommen, was ihr
Handeln anderswo oder an anderen
auslöst, kann Veränderung möglich
werden. Im Wissen darum, dass Päd-
agogik Politik nicht ersetzen kann
(Franz Hamburger) zielt Global Citi-
zenship Education, im Sinne von Ivan
Illich, nicht nur auf die „Umkehr“ der
Einzelnen ab, sondern auf eine Refle-
xion und Veränderung ökonomischer
und politischer Praxen. Voraussetzung
dafür ist, das Globale in eine Beziehung
zum Lokalen, das Individuelle in eine
Beziehung zum Kollektiven zu bringen:
kein schwärmerischer Universalismus,
sondern ein konkretes Mühen auch
ums Kleine und Eigene im wachsenden
Bewu sstsein, da ss dieses mit der ganzen
Welt verbunden ist, zugleich aber auch
ein Anstoßen zivilgesellschaftlicher
Prozesse zur Veränderung von Struk-
turen und Ordnungen. Es geht darum,
Erfahrungs- und Lernräume auf vielen
Ebenen zu eröffnen – in den Schulen, in
der Erwachse nen- und Weiterbildu ng, in
Stätten informellen Lernens, in Politik
und Zivilgesellschaft.
Der UNESCO-Chair “Global Citi-
zenship Education – Culture of Diver-
sity and Peace“ versteht sich vor diesem
Hintergrund als eine Aktionsplattform
für Zusammenführ ung, Bündelu ng und
Verbreitung von Initiativen, die sich
auf unterschiedlichen Ebenen um ein
Bewusstwerden planeta rer Verbunden-
heit und Verantwortung bemühen. Der
Antrag auf den Chair war auch deshalb
erfolgreich, weil er von vielen bereits
Tätigen in Österreich und international
mitgetragen wurde. An der Universität
Klagenfurt sind seine Kernstücke der
nun zum dritten Mal durchgeführte
Universitätslehrgang „Global Citizen-
ship Education“ und das neue Master-
studium „Diversitätspädagogik in
Schule und Gesellschaft“, ebenso ver
-
wandte Forschungs- und Lehrprojekte.
Dies wäre aber ein enger Radius: Seine
Aufgabe kann der Chair nur erfüllen,
wenn es gelingt, in einen Austausch mit
anderen Initiativen zu kommen – mit
Institutionen, Vereinen, mit Ökonomie,
Politik u nd Zivilgesel lschaft, lokal, regi-
onal, national und international. Allein
schon die ersten Monate nach der Kon-
stituierung des Chair zu Weihnachten
2020 offenbaren das enorme Potenzial
des UNESCO-Netzwerks: Was sonst
vielleicht isoliert bliebe, kaum Stimme
und Sprache finden könnte, manchmal
auch früh erstickt wird, findet Möglich-
keiten zur Vernetzung u nd Sichtbarkeit.
So kann der Chair manches stärken,
was es auch ohne Chair gibt, manches
anstiften, was es sonst nicht gäbe, so
verdankt sich aber umgekehrt auch der
Chair nur dem Leben, das ihm durch
Vernetzung und Austausch mit den
vielen wertvollen Initiativen verliehen
wird.
Die „Gefühlsbindungen“, auf die
Freud hoffte, lassen sich auch so ver-
stehen: Beziehungen knüpfen zwischen
Menschen, die sich mühen. Kein Chair
zum Au sruhen, sondern einer der unbe-
quemen Fragen und des freudvollen
Handelns.
UNIV.-PROF. DR. H ANS KARL PETERLINI is t seit
2014 Universitätsprofessor für Allgemeine
Erziehungswissenscha und Interkulturelle
Bildung an der Universität Klagenfur t, seit 2020
auch Leiter des von ihm initiier ten UNESCO-
Chair „Global Citizenship Education – Culture
of Diversity and Peace“. Schwerpunkte sind
personales und gesellschaliches Lernen als
transformatives Potenzial für eine sozial
gerechtere, friedlichere und ökologisch acht-
samere Welt. Eine besondere Berücksichtigung
gilt förderlichen Prozessen des Zusammen-
lebens unter den Bedingungen von Diversität,
Ethnisierung und Migration.
„Erst wenn Menschen in eine
Beziehung mit dem kommen,
was ihr Handeln anderswo
oder an anderen auslöst,
kann Veränderung möglich
werden.
© Chris tina Suppa nz
Liter atur:
Asimov, Isaac (1972): Die gute Erde stirbt, in:
Einstein/Freud (1972 [1932], S. 49–52.
Einstein, Albert/Freud, Sigmund (1972 [1932]):
Warum Krieg?. Zürich: Diogenes.
Hambur ger, Franz ( 2010): Über die Unmöglichkeit,
Pädagogik durch Politik zu ersetzen, in: Krüger-
Por tra tz , Mar iann e/Ne umann , Urs ula / Reich , Han s
(Hg.): Bei Vielfalt Chancengleichheit. Interkultu-
relle Pädag ogik und Durchgängige Sp rachbildung.
Münster: Wa xmann, S. 16–23.
Morin, Edgar/Kern, Anne-Brigie (1999): Heimat-
land Erde. Versuch einer planetarischen Politik.
Hrsg. von Wilfried Graf und Chris toph Wulf, aus
dem Französischen von Horst Friessner. Wien:
Promedia. [Terre-Patrie. Paris: Le Seuil, 1993].
Illich, Ivan (1973): Tools for Convivality, London:
Calder & Boyars.
11
12
UNESCO-SCHULEN IN ÖSTERREICH
„learning to know, learning to do, learning to be,
learning to live together”
Die Österreichischen UNESCO-Schulen sind Teil des 1953 in Paris
gegründeten internationalen Schulnetzwerkes der UNESCO. Das
Netzwerk verbindet 11.500 Bildungseinrichtungen in 182 Ländern
mit dem gemeinsamen Ziel, die Idee des Friedens im Geiste von
Kindern und Jugendlichen zu verankern. Seit 66 Jahren setzt das
Netzwerk auf hochqualitative Bildung und innovative Konzepte, um
interkulturellen Dialog, nachhaltige Entwicklung und gegenseitiges
Verständnis über Ländergrenzen hinweg zu fördern. Die „UNESCO
Associated Schools“ gelten als Leuchtfeuer der Umsetzung der
globalen Bildungsagenda 2030, die 2015 von den Vereinten Nationen
verabschiedet wurde. Sie sind besonders erfolgreich in der Imple-
mentierung des globalen Nachhaltigkeitszieles SDG 4.7, indem sie
junge Menschen zu Weltbürger*innen heranbilden und Bildung im
Bereich der nachhaltigen Entwicklung fördern.
Österreich engagiert sich sehr aktiv im internationalen Netzwerk
und ist derzeit mit 98 Bildungseinrichtungen vertreten. Die Themen-
vorschläge für Aktivitäten der österreichischen UNESCO-Schulen
werden von der österreichischen Bundeskoordinatorin an engagier-
tes Lehrpersonal herangetragen, das sich miels des Netzwerkes
in regem Austausch befindet und mit der Unterstützung der
Österreichischen UNESCO-Kommission die Ziele der Agenda 2030
umsetzt.
Im Jahr 2020 haben zwei Bildungseinrichtungen den Antrag zur
oiziellen Aufnahme in das Netzwerk der Österreichischen UNESCO-
Schulen an die UNESCO in Paris übermielt. Auch besteht an Öster-
reichs Schulen weiterhin großes Interesse, dem Netzwerk beizu-
treten: 21 Bildungseinrichtungen befinden sich derzeit im Anwärter-
status.
UNESCO-SCHULEN
1953 von der UNESCO gegründet
Über 11.500 Bildungseinrichtungen in
182 Ländern
Österreich: Mitglied seit 1957, 98 Schulen
aller Schultypen in allen 9 Bundesländern,
21 Schulen mit Anwärterstatus
Leitlinien: learning to know, learning to
do, learning to be, learning to live together.
Themen: Friedenserziehung und
Menschenrechtsbildung, Global Citizen-
ship Education, Bildung für Nachhaltige
Entwicklung, Kulturelle Bildung, Sustain-
able Development Goals.
ÖUK-Rolle: Nationale Koordination zur
Beratung, Information und Kooperation,
jährlich dreitägige Jahrestagung, Magazin
„FORUM“, Website.
www.unesco.at/bildung/unesco-schulen/:
Zentrale Informations-Website mit einer
Liste aller österreichischen UNESCO-
Schulen, aktuellen Veranstaltungen, Pro-
jekten und Ausschreibungen der Schulen.
© C.A.N. Photograph
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13
AUSGEWÄHLTE AKTIVITÄTEN 2020
UNESCO-Schulen / Tagung 2020
Bereits seit 1997 organisiert die Österreichische UNESCO-Kommission
jährliche Vernetzungstreen für alle Referent*innen der österreichi-
schen UNESCO-Schulen.
Die Jahrestagungen tragen wesentlich zur Weiterbildung und zum
Gedankenaustausch bei. In Workshops, Vorträgen, durch Exkursionen
und in vielen Gesprächen können sich die UNESCO-Schulreferent*innen
fortbilden und gegenseitig auch dazu ermutigen, anspruchsvolle
Projekte im Unterricht altersgemäß für Kinder und Jugendliche zu
gestalten. Die Jahrestagung 2020 konnte aufgrund der COVID-19-
Pandemie und den damit einhergehenden Hygienemaßnahmen und
Beschränkungen nicht in gewohnter Form stafinden. Sta eines
persönlichen Zusammentreens nahmen die Lehrer*innen am
15. Oktober 2020 an einem virtuellen Webinar teil. Thema waren
u.a. „Zivilcourage zeigen: Künstlerische Freiheit“. Weiters bot der
„Markt der Möglichkeiten“ die Gelegenheit zum virtuellen Austausch
für die Lehrer*innen. Die Veranstaltung fand unter Teilnahme von
79 Schulen sta.
Zeitschri FORUM
Die jährlich erscheinende Zeitschri
FORUM zeigt in bunter Vielfalt, wie
kreativ und engagiert die österreichi-
schen UNESCO-Schulen die Leitideen
der UNESCO und die jeweiligen Jahres-
themen umsetzen. Die aktuelle Ausgabe
des FORUM (He 32/2020) trägt den
Titel „Bildung – Kultur – Natur“.
Beiträge von 45 Schulen dokumen-
tieren die Diversität der Themen, mit
denen sich Schüler*innen im letzten
Schuljahr 2019/2020 praktisch im Unterricht auseinandergesetzt
haben. Der thematische Bogen ist weit gespannt: während einige
Schüler*innen eine Ausstellung zu den SDGs auauten, untersuch-
ten andere die Mikroplastik in heimischen Gewässern selbst im
Labor oder entdeckten Outdoor die Natur und
Biodiversität ihrer Region.
Weiters gab es zahlreiche künstlerische
Projekte, wie beispielweise ein Radioprojekt zu
Mehrsprachigkeit, Theater-Workshops zur Aus-
einandersetzung mit Themen wie Menschen-
rechten, Geschlechtsidentitäten oder Zivilcourage
im digitalen Raum oder kreative Projekte zur
Aufarbeitung des eigenen Erlebens des Lock-
down durch Comics, Texte und Bilder. Retzer
Schüler*innen organisierten, von der weltweiten
Jugend-Klimabewegung inspiriert, eine „Klima-
gala“ und setzten an ihrer Schule Schrie hin zu
mehr Nachhaltigkeit. Weiters engagierten sich
Schüler*innen in Plaformen zum Austausch und
zum besseren Kennenlernen von Mitschüler*in-
nen mit Fluchterfahrung oder widmeten sich
dem Gedenken an und der kritischen Auseinan-
dersetzung mit zeitgeschichtlichen Gräueln. Die
zuständigen Lehrer*innen wählten partizipative,
innovative und praxisorientierte Methoden und
vermielten die Themen durch Projektarbeiten,
karitative Initiativen, Exkursionen sowie miels
Schüler*innenaustausch und Schulpartner-
schaen.
© ThisisEngineering RAEng / unsplash
WISSENSCHAFT
Die Wissenschasprogramme der UNESCO ver-
folgen das Ziel, eine dauerhae, nachhaltige und
menschenwürdige Entwicklung für alle Menschen
zu fördern und globalen Frieden zu sichern.
Erreicht wird dies durch zahlreiche internationale
Forschungsprogramme sowie durch den Auau
internationaler und transdisziplinärer Forschungs-
netzwerke. Besonderes Augenmerk gilt der
Förderung von Frauen in den Wissenschaen.
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15
UNESCO-WISSENSCHAFTSPROGRAMME
Wissenschaen sind der Grundpfeiler moderner, aufgeklärter, demo-
kratischer Gesellschaen. Die wissenschaliche Forschung ermöglicht
es uns, gesellschaliche Entwicklungen und Herausforderungen
überhaupt erst zu benennen und Antworten auf die Fragen unserer
Zeit zu finden. Wissenscha ist per se ein internationales Vorhaben,
kein Staat ist alleine in der Lage, Forschung voranzutreiben, der
Austausch zwischen Wissenschaler*innen kennt keine Grenzen.
In der UNESCO arbeiten alle Mitgliedstaaten zusammen, um die
wissenschaliche Forschung im Spannungsfeld zwischen Wissen-
schasfreiheit und gesellschalicher Verantwortung weltweit
zu stärken. Sie fördert die globale Forschung zu den drängenden
Menschheitsfragen und unterstützt Menschen dabei, Wissen für
den Auau gerechter und inklusiver Gesellschaen zu nutzen.
Die Kernthemen der UNESCO-Wissenschasprogramme
Zu den inhaltlichen Schwerpunkten der UNESCO zählen der Klima-
wandel und die Erhaltung der Artenvielfalt, die Förderung von Wissen
zum Schutz von Ozeanen und Küsten sowie die Sicherung der Trink-
wasserversorgung. Beispielgebend sind die drei etablierten UNESCO-
Programme „Man and the Biosphere“ (MAB) und „International Hydro-
logical-und Geoscience-Programme“ (IHP und IGCP), die sich der Er-
forschung und dem Schutz der Lebensumwelt des Menschen widmen.
Man and the Biosphere
Das im Jahr 1971 gegründete UNESCO Programm „Man and the
Biosphere“ (MAB) entwickelt wissenschaliche und anwendungs-
orientierte Grundlagen im Bereich der Natur- und Sozialwissen-
schaen, die der langfristigen Sicherung der natürlichen Lebens-
grundlagen und der Artenvielfalt dienen. Ziel ist eine nachhaltige
Entwicklung in der Beziehung zwischen Mensch und Umwelt: die
Schaung eines Gleichgewichts zwischen dem Schutz der biologi-
schen Vielfalt, der Förderung der wirtschalichen und sozialen
Entwicklung und der Bewahrung der jeweiligen kulturellen Werte.
Das Biosphärenpark-Netzwerk umfasst derzeit 701 Biosphärenparks
in 124 Ländern. In Österreich sind bis dato vier Biosphärenparks
(Wienerwald, Großes Walsertal, Salzburger Lungau & Kärntner
Nockberge, Unteres Murtal) eingerichtet.
Österreich beteiligt sich auch äußerst aktiv an internationalen
Gremien und Ausschüssen zum MAB-Programm. So vertri aktuell
Dr. Günter Köck von der Österreichischen Akademie der Wissen-
schaen die Region „Europa und Nordamerika“ im UNESCO-Lenkungs-
Der Wildensteiner Wasserfall im Geopark Karawanken/Karavanke
© Daniel Zupanc
IHP – INTERNATIONAL HYDROLOGICAL
PROGRAMME
1975 erstes multilaterales Programm zu
Wasserforschung und Wasser-Ressourcen-
management – International Hydrological
Programme IHP
8. IHP 2014–2021: IHP widmet sich in der
8. Phase der Verbesserung der Wasser-
qualität unter Berücksichtigung lokaler,
regionaler und globaler Herausforderungen
Kern des Programms: Nachhaltiges
Wassermanagement, Förderung und Ent-
wicklung internationaler Wasserforschung
sowie globale Netzwerkbildung
Teil der Agenda 2030
ÖUK Rolle: Informationsplaform für das
Programm, Öentlichkeitsarbeit. Nähere
Informationen zur 8. Implementierungsphase:
hps://en.unesco.org/themes/water-
security/hydrology/IHP-VIII-water-security
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Bezug zu den UN-Zielen für nachhaltige Entwicklung / Sustainable Development Goals (SDGs)
SDG und Wissenscha Die UNESCO-Wissenschasprogramme tragen maßgeblich zur Erreichung und zum Monitoring aller
nachhaltigen Entwicklungsziele (SDGs) bei. Vor allem Wissenscha, Technologie und Innovation spielen hierbei eine zentrale
Rolle. Die Sozial- und Geisteswissenschaen fördern das Verständnis für aktuelle Herausforderungen und helfen somit die
Ziele zu erreichen. Die naturwissenschalichen Programme der UNESCO tragen v.a. zur Umsetzung von SDG 12 (Verantwor-
tungsvolle Konsum- und Produktionsmuster), SDG 15 (Leben an Land) sowie im Speziellen SDG 13 (Maßnahmen zum Klima-
schutz) bei. Durch die sozial- und geisteswissenschalichen Programme der Organisation wird v.a. die Umsetzung von SDG 16
(Frieden, Gerechtigkeit und starke Institutionen) gefördert. Alle Wissenschasprogramme leisten auch wichtige Beiträge zur
Umsetzung von SDG 5 (Geschlechtergerechtigkeit) und SDG 17 (Partnerschaen zur Erreichung der Ziele).
ausschuss des Forschungsprogramms. Bereits zum vierten Mal
wurde der österreichische Delegierte im Herbst 2020 für das Inter-
national Coordinating Council des UNESCO MAB-Programms zum
Vize-Vorsitzenden gewählt.
IHP (International Hydrological Programme)
Das „International Hydrological Programme“ (IHP) der UNESCO ist
das einzige zwischenstaatliche Programm des UN-Systems, das
der Wasserforschung, der Wasserbewirtschaung sowie dem
Capacity-Building diesbezüglich gewidmet ist. Seit seiner Gründung
im Jahr 1975 hat sich das IHP von einem international koordinierten
hydrologischen Forschungsprogramm zu einem umfassenden, ganz-
heitlichen Programm zur Erleichterung von Bildung und Capacity-
Building sowie zur Verbesserung der Verwaltung von Wasserres-
sourcen entwickelt. Ziel des Programmes ist es, einen interdiszipli-
nären und integrierten Ansatz für Wassereinzugsgebiete und das
Aquifer-Management zu fördern, der die soziale Dimension der Wasser-
ressourcen einbezieht und die internationale Forschung in den hydro-
logischen und Süßwasserwissenschaen fördert und entwickelt.
IGCP (International Geoscience Programme)
Im Rahmen des 1973 gegründeten „International Geoscience
Programme“ (IGCP) werden geowissenschaliche Kooperations-
projekte zu den von der UNESCO genau definierten Forschungs-
schwerpunkten gefördert. Dazu zählen auch die UNESCO Global
Geoparks, zu denen in Österreich folgende Geoparks zählen:
Steirische Eisenwurzen, Erz der Alpen sowie der länderüber-
greifende Geopark Karawanken/Karavanke.
UNITWIN/UNESCO-Chairs-Programm
Das 1992 ins Leben gerufene UNITWIN/UNESCO-Chairs-Programm
ist ein wichtiger Impulsgeber für den internationalen Austausch von
Universitäten. Dies zeigt sich nicht zuletzt an der Anzahl von über
600 UNESCO-Lehrstühlen weltweit. Neun davon sind an österreichi-
schen Hochschulen angesiedelt.
Das Bergwerk Mežica im Geopark Karawanken/Karavanke
© Tomo Jesen ičnik
IGCP – INTERNATIONAL GEOSICENCE
PROGRAMME
1973 gegründet
Kern des Programms: weltweite wissen-
schaliche Zusammenarbeit mit Schwer-
punkt auf Nord-Süd-Kooperation; aktuell
Fokus auf angewandte Geowissenschaen,
vor allem zur Bekämpfung von Natur-
katastrophen wie Erdbeben, Erdrutschen
und Vulkanausbrüchen
2015 Gründung des UNESCO Global
Geopark (UGG)-Labels
161 UGGs weltweit, 3 davon in Österreich
In Österreich: Betreuung durch das Geo/
Hydro-Sciences Nationalkomitee an der
Österreichischen Akademie der Wissen-
schaen (ÖAW) im Rahmen des Earth
System Sciences-Programmes
ÖUK Rolle: gemeinsam mit der ÖAW
zentrale Ansprechpartnerin der Geoparks
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UNESCO-L'Oréal For Women in Science
The World needs Science – Science needs Women
Wesentliches Ziel der Wissenschasprogramme der UNESCO ist
die weltweite Förderung der Rolle von Frauen in der Wissenscha,
insbesondere in den Biowissenschaen. Die „L'Oréal-UNESCO For
Women in Science Initiative“ ist ein Teil dieses Engagements.
Jährlich werden im Rahmen der „L'Oréal-UNESCO for Women in
Science Awards Ceremony“ am UNESCO-Sitz in Paris fünf Preise zu
je € 100.000 und fünfzehn L'Oréal-UNESCO Rising Talents Stipendien
an herausragende Naturwissenschalerinnen vergeben.
AUSGEWÄHLTE AKTIVITÄTEN 2020
4 UNESCO-L’ORÉAL-Stipendien in Österreich
Seit 2007 vergibt L'Oréal Österreich in Zusammenarbeit mit der
Österreichischen UNESCO-Kommission, der Österreichischen
Akademie der Wissenschaen und mit Unterstützung des Bundes-
ministeriums für Bildung, Wissenscha und Forschung (BMBWF)
jährlich vier Stipendien zu je € 25.000 an exzellente junge Wissen-
schalerinnen in Österreich. Die Stipendien sind Forscherinnen aus
Naturwissenschaen, Mathematik und Medizin zugänglich.
Die Stipendien verfolgen das Ziel der Anerkennung, Förderung
und Ermutigung junger Frauen durch die Schaung von Rollenvor-
bildern. Zudem wollen sie die Öentlichkeit auf wissenschaliche
Spitzenleistungen aufmerksam machen und dabei gleichzeitig das
weibliche Gesicht der Forschung zeigen.
Die Preisträgerinnen 2020:
Alexandra Franziska Gülich, MSc, Immunologin, Universität Wien
Dr.in Sandra Müller, MSc MSc, Logikerin, Universität Wien
Veronika Pedrini-Martha, PhD, Biologin, Universität Innsbruck
Dr.in Anna Maria Wernbacher, Chemikerin, Universität Wien
Der feierliche Festakt zur Überreichung der
Stipendien fand am 4. Dezember 2020 ausnahms-
weise online sta. Die Erönungsrede übernahm
Univ.-Prof. DI Dr. Georg Brasseur, Präsident der
mathematisch-naturwissenschalichen Klasse
der Österreichischen Akademie der Wissen-
schaen, weitere Laudator*innen: Mag.a Dr.in Iris
Rauskala, Sektionschefin im BMBWF, ÖUK-Gene-
ralsekretärin Mag.a Patrizia Jankovic und Mag.a
Wiolea Rosolowska, Geschäsführerin von
L'Oréal Österreich.
UNITWIN/UNESCO-Chairs-Programm
In Österreich setzen milerweile neun UNESCO-
Lehrstühle die diversen Themen der UNESCO im
Rahmen des „UNIWTIN/UNESCO Chairs Programme“
um. Zwei davon wurden im Jahr 2020 neu ein-
gerichtet: neben dem UNESCO-Chair for Global
Citizenship Education – Culture of Diversity and
Peace an der Universität Klagenfurt, unter der
Leitung von Univ.-Prof. Dr. Hans Karl Peterlini,
der für das vorliegende Jahrbuch auch einen
Kommentar verfasst hat (s. S. 10/11), wurde an
der Fachhochschule Kärnten/Klagenfurt der
UNESCO-Chair for Sustainable Management of
Conservation Areas etabliert, Lehrstuhlinhaber
ist Dr. Michael Jungmeier.
Die Lehrstühle gelten im UNESCO-Kontext als
besonders wichtige Player, bilden sie doch eine
Brücke zwischen der akademischen Welt, der
Zivilgesellscha und der Politik. Die neun heimi-
schen UNESCO-Lehrstühle forschen, lehren und
arbeiten zu den unterschiedlichsten Bereichen –
von der Restauration von materiellem Kulturerbe
über Friedens- und Koniktforschung bis hin zu
Bioethik, Fließgewässerforschung oder dem nach-
haltigen Management von Naturschutzgebieten.
Gemeinsam ist ihnen die hervorragende inter-
nationale Vernetzung im UNESCO-Kontext sowie
die Arbeit an innovativen Bereichen, die sich über
disziplinäre Grenzen hinaus mit brandaktuellen
Fragestellungen beschäigen.
Die Inhaber*innen der österreichischen
UNESCO-Lehrstühle haben sich am 15. Mai 2020
virtuell versammelt, um einander kennen-
zulernen, sich zu vernetzen und um mögliche
Kooperationsmöglichkeiten auszuloten. Im Zuge
des Treens einigten sich die Lehrstuhlinha-
ber*-innen, in einem ersten Schri die Sichtbar-
keit der exzellenten Arbeit und der Vielfalt der
Lehrstühle zu erhöhen.
Sandra Müller
© L'Oréal Deu tschla nd GmbH
Veronika Pedrini-Martha
© L'Oréal Deu tschla nd GmbH © L'Oréal Deu tschla nd GmbH
Alexandra Franziska Gülich
© the_right_light_com
L'Oréal Deutschland GmbH
Anna Maria Wernbacher
Im Gespräch mit MAG. GERALD
HARTMANN, UNESCO Global Geopark
Karawanken/Karavanke
Der Geopark Karawanken/Karavanke
ist seit 2013 von der UNESCO als
Global Geopark anerkannt. Welche
Auswirkungen hatte diese Anerken-
nung auf die Arbeit im Geopark?
Die Anerkennung als UNESCO Global
Geopark (UGG) bewirkte eine enorme
Aufwertung der gemeinsamen Bemü-
hungen die geologischen, natürlichen
und kulturellen Besonderheiten in die-
sem grenzüberschreitenden Raum in
Wert zu setzen. Der UNESCO-Status
wurde als finale Legitimation aufge-
fasst, den beschrittenen Weg fortzuset-
zen. Sowohl das Prädikat als UNESCO
Global Geopark als auch die damit ver-
bundene Einbettung in das weltweite
Geopark-Netzwerk erhöhte in den be-
teiligten Gemeinden das Bewusstsein
für die internationale Bedeutung die-
ser Grenzregion. Die enorm gesteigerte
regionale und speziell grenzüberschrei-
tende Zusammenarbeit und Identität
erhielt ein gemeinsames Haus, einen
gemeinsamen Na men: UNESCO Global
Geopark Karawanken/Karavanke.
Der Geopark Karawanken/Karavanke
ist einer von weltweit nur vier trans-
nationalen UNESCO Global Geo-
parks. Was ist das Besondere an der
grenzüberschreitenden Zusammen-
arbeit zwischen Österreich und
Slowenien im Geopark?
Das Prädikat UGG war das fehlende
Bindeglied, das fehlende gemeinsame
Identifikationsmerkmal, auf deren
Suche die 14 Gemeinden, samt allen
Netzwerkpartnern, seit Jahrzehnten
waren. Viel war – historisch bedingt –
in diesem Raum immer schon vorhan-
den: gemeinsame Sprache, gemein-
samer Naturraum, der durch eine
Grenze getrennt war, familiäre und
freundschaftliche Verbindungen, viele
grenzüberschreitende Initiativen. Was
fehlte war das klare, einende Identi-
kationsmerkmal. Durch das Prädikat
UGG erhielt die bilaterale Kooperation
ein einheitliches Bild, ein Ziel und eine
strategische Ausrichtung sowie eine
verbindliche Form. Diese wiederum
gipfelte im November 2019 mit der
Anerkennung der Trägerorganisation
als Europäischer Verbund für Territo-
riale Zusammenarbeit (EVTZ) in die
höchstmögliche juristische bilaterale
Kooperationsform zwischen öffent-
lichen Institutionen.
Bi laterale Kooperation ist in Sum me
herausfordernd, selbst ein EVTZ kann
nicht alle Schw ierigkeiten lösen, es mu ss
aber klar festgehalten werden, dass
das Prädikat UGG den entscheidenden
Faktor z ur Erlangu ng der EVTZ Rec hts-
form darstellt. Der EVTZ stärkt den
UNESCO Global Geopark im gesamt
-
europäischen Kontext, Projektaktivi-
täten über alle 14 Gemeinden werden
maßgeblich erleichtert und erfahren
eine enorme strategische Aufwertung.
In Österreich existieren zwei weitere
UNESCO Global Geoparks (Erz der
Alpen sowie Steirische Eisenwurzen).
Neben der transnationalen Zusam-
menarbeit mit Slowenien im Geopark
und zahlreichen anderen Staaten
im UNESCO-Netzwerk, spielt auch
die Vernetzung mit den österreichi-
schen Kolleg*innen eine Rolle für
Ihre Arbeit?
Die Zusammenarbeit mit den öster-
reichischen Kolleg*innen ist immens
wichtig. Der Erfahrungsaustauch in der
Umsetzung der Geoparkaktivitäten ist
eine maßgebliche Entscheidungshilfe
für unsere tägliche Arbeit. Auch strate-
gisch ist die Kooperation sehr wertvoll,
nicht nur in der Frage der „fehlenden
österreichischen Verankerung“, son-
dern auch in der Projektentwicklung,
Programmgestaltung, wissenschaft-
lichen Kooperation und gemeinsamen
Öffentlichkeitsarbeit.
Was wäre aus Ihrer Sicht notwendig,
um die Rahmenbedingungen für die
Arbeit der (österreichischen) Geo-
parks zu verbessern? Was wünschen
Sie sich für die Zukunft?
UGGs sind international anerkannt,
jedoch fehlt diese Anerkennung in
Öster reich zur Gän ze. Gemeint ist damit
die gesetzliche Legitimation der Geo-
parkagenden, die dazu führt, dass das
Prädi kat in Österreich oft unterhalb der
amtlichen und politischen „Wahrneh-
mungsschwelle“ bleibt. Das erschwert
unser Arbeiten enorm, da es de facto
Geologische
Besonderheiten
schützen – Grenzen
überschreiten
18
© Jürgen L amprech t
Geotrail Trögerner Klamm
ein Arbeiten oh ne Planbarkeit u nd ohne
Absicherung bedeutet. Unsere „Mini-
Teams“ kämpfen Jahr für Jahr um die
Daseinsberechtigung der Geoparks.
Dies muss sich rasch ändern, damit
die Geopark-Aktivitäten auf die eigent-
lichen Zielsetzungen ausgerichtet
werden bzw. damit UGGs in Österreich
überhaupt weiter existieren können.
Ein zentraler Aspekt des UNESCO-
Geopark-Programmes ist die Ver-
mittlungsarbeit. Das geologische
Erbe der Region soll sowohl den
Menschen vor Ort wie auch Tou-
rist*innen nähergebracht werden.
Welche Aktivitäten finden hier statt?
Der UGG hat mittlerweile ein Ganzjah-
resprogramm an organisierten Ange-
boten für Ein heimische wie auch Gäste,
bei allen Programmpunkten steht die
Vermitt lung des geologisc hen Erbes der
Region im Vordergr und, zudem werden
wesentliche nat urräuml iche und kult ur-
historische Aspekte beleuchtet.
Die Veranstaltungsreihe GEO-
FESTIVAL bietet, ausgehend von den
europäischen Geoparkwochen, ein
bewusst sehr breit angelegtes Pro-
gramm (von Sport bis Kultur), um ver-
schiedene Zielgruppen zu erreichen.
Auch in diesen Veranstalt ungen werden
die geologischen Besonderheiten ver-
mittelt.
Nicht zu letzt setzt der Geopa rk jedes
Jahr mit Schulen ein eigenes Bildungs-
programm um. Aktuell arbeiten wir am
Auf bau eines eigenen Bildungsnetz-
werks f ür Kindergärten, Volks- und Mit-
telschulen, erste Standorte haben sich
diesem bereits angeschlossen. Ziel ist
auch die Etablierung eines „Geopark-
zertifikats“.
Auch der Forschungsaspekt ist
zentral für UNESCO Global Geoparks
und zählt zu den sogenannten
„Top10 Focus Areas“ der UNESCO.
Inwiefern ist der Geopark Karawan-
ken/Karavanke hier engagiert?
Der Geopark arbeitet aktuell intensiv
in einem wissenschaftlichen Projekt
zum Thema „Wassernutzung“ mit dem
UNESCO-Chair der FH Kärnten sowie
dem Geologieinstitut der Republik
Slowenien, des Weiteren wird aktuell
ein eigenes, detailliertes Forschungs-
programm für den Geopark erarbeitet.
Besonders wichtig ist uns die Koope-
ration zwischen Forschung und öffent-
lichem Interesse (speziell Gemein-
deagenden) im Geopark, um einen
ständigen Diskurs in den Bereichen
Raumpla nung, Gefahren zonenplanung,
Wassermanagement, Katastrophen-
vorsorge, -schutz und -intervention
führen zu können, der für die Entschei-
dungsträger im Geoparkgebiet essen-
tiell wichtig ist.
Interdisziplinäre Forschungsaktivi-
täten sollen zusätzlich durch den Fach-
beirat des Geoparks initiiert werden.
Auch werden spezifische, ständige
Forschungs- und Wissenschaftskoope-
rationen in den Bereichen Geowissen-
schaften und Naturschutz/Botanik mit
verschiedenen Institutionen forciert.
Das Jahr 2020 war global von der
COVID-19-Pandemie geprägt.
Welche Auswirkungen hatte diese
Ausnahmesituation auf die Global
Geoparks und insbesondere auf den
Geopark Karawanken/Karavanke?
Einerseits gab es enorme Umsetzungs-
schwierigkeiten bei laufenden Projek-
ten, speziell in der Zusammenarbeit
mit externen Firmen machten sich
Auswirkungen über einen viel längeren
Zeitraum als „nur“ in den Phasen des
Lockdowns bemerkbar. Andererseits
fanden die Programme des Geoparks
Pandemie-be dingt enorm hohen Zulauf,
was durchaus erfreulich ist, uns aber
in der Intensität zu früh und zu prompt
trifft. Beides führte zu aktuen Überlas-
tungsproblemen für das gesamte Geo-
park-Te a m .
Auch entstehen durch das enorm
gestiegene Interesse an Freizeitakti-
vitäten allgemein große Herausforde-
rungen in der Besucherlenkung, hoher
Druck auf Eigentum und Schutz der
geologischen und natürlichen Beson-
derheiten sowie ein enormer Anstieg
des motorisierten Individualverkehrs
(MIV) bzw. der Zutritte zu sensiblen
Gebieten. Letzteres verweist auch auf
eine unserer großen Herausforderungen
für die Zukunft: die Erarbeitung eines
Mobilitätskonzepts, d.h. eines organi-
sierten und strukturierten Transfer-
systems für Einheimische und Gäste,
um den MIV und damit den CO2-Aus-
stoß massiv zu reduzieren.
Die UNESCO Global Geoparks
zeichnen sich ja insgesamt dadurch
aus, den Schutz von Landschaft und
Naturdenkmälern im Zusammen-
hang mit gesellschaftlichen Fragen
zu sehen, z.B. mit dem Klimawandel,
dem Erhalt von natürlichen Ressour-
cen oder der Katastrophenvorsorge.
Wo liegen hier die Schwerpunkte
der Arbeit des Geopark Karawanken/
Karavanke?
Zusätzlich zum bereits genannten gilt
es in unserer Region sich unter ande
-
rem mit Aufforstungen von Kahlschlä-
gen durch Windwürfe sowie einem
einheitlichen, koordinierten Wasser-
management über alle 14 Gemeinden
auseinanderzusetzen. Auch ist der
Einsatz von (neuen) Technologie in der
Katastrophenvorsorge (z.B. in Form
von Warn- und Monitoringsystemen)
ein wichtiges Thema für uns. Dies wird
uns in den kommenden Jahren sicher-
lich sehr beschäftigen – und auch hier
hoffen w ir, von der Zusammenarbe it mit
unseren Geopark-Netzwerkpartner*in-
nen sehr zu profitieren.
19
MAG. GERALD HARTMANN studierte Geographie
an der Univer sität Klagenf urt. Er ist seit 20 13 für
die ARGE Geopark Karawanken tätig und derzeit
Geschäsführer des Geopark Karawanken/
Karavanke. Seit Beginn seiner Tätigkeit ist er
auch in verschiedene EU-Projekte involviert
(u.a. Horizon2020, Interreg, EUfutuR und
NaKult-Projekte).
© Hartmann
KULTUR
Kultur ist die Grundlage für gesellschalichen
Zusammenhalt und gesellschaliche Weiter-
entwicklung. Ihre vielfältigen Ausdrucksformen –
von historischen Bauwerken über lebendige
Traditionen hin zu zeitgenössischer Kunst – sind
das Fundament für eine nachhaltige Entwicklung
unserer Welt. Die UNESCO hat sich der Förderung
von Kultur auf allen Ebenen verschrieben: Sie
setzt sich weltweit für klare politische und recht-
liche Rahmenbedingungen im Kulturbereich ein
und unterstützt Mitgliedstaaten ebenso wie
lokale, zivilgesellschaliche Akteur*innen , um
das kulturelle Erbe zu schützen und kulturelle
Vielfalt zu fördern.
20
© ahmad- odeh / unspl ash
20
21
Ziel der „UNESCO-Konvention über den Schutz und die Förderung
der Vielfalt kultureller Ausdrucksformen“ ist es, durch geeignete
Politiken und Maßnahmen ein Umfeld zu schaen, in dem sich Kunst
und Kultur frei entfalten können und vor einer rein ökonomischen
Betrachtungsweise geschützt sind. Kernthemen der Konvention
sind: Schutzzonen für Kunst und Kultur in Freihandelsabkommen,
aktive Beteiligung der Zivilgesellscha, Vorzugsbehandlung von
Kunst- und Kulturakteur*innen aus dem Globalen Süden, die Wah-
rung und Förderung der Menschenrechte und Grundfreiheiten.
Vielfalt soll in allen Schrien der kulturellen Wertschöpfungskee
ermöglicht werden:
Kreativität und künstlerisches Schaen
Kulturproduktion
Verbreitung und Vertrieb
Zugang zu und Teilhabe an Kunst und Kultur
Die Österreichische UNESCO-Kommission fungiert als nationale Kon-
taktstelle für Fragen zur Umsetzung der Konvention in Österreich.
Ein zentrales Anliegen ist der Dialog und die Zusammenarbeit mit
relevanten Akteur*innen, um förderliche Strukturen und Rahmen-
bedingungen für kulturelle Vielfalt in Österreich zu schaen.
Beratende und unterstützende Gremien
Fachbeirat Kulturelle Vielfalt: unterstützt die ÖUK bei der Koordina-
tion aller die Konvention betreenden Belange
ARGE Kulturelle Vielfalt: Dialogplaform zur aktiven Beteiligung der
Zivilgesellscha
KULTURELLE VIELFALT
Freie Entfaltung von Kunst und Kultur schützen und fördern
UNESCO-KULTURBEREICHE: Kulturelle Vielfalt | Welterbe | Kulturgüterschutz | Immaterielles Kulturerbe |
Die Arbeitsschwerpunkte der Österreichischen UNESCO-Kommission im Bereich Kultur orientieren sich an
einer aktiven Umsetzung der sieben UNESCO-Konventionen im Kulturbereich. Besondere Aufmerksamkeit
gilt der Förderung der Vielfalt kultureller Ausdrucksformen, dem Schutz und Erhalt des materiellen und
immateriellen Kulturerbes sowie dem Kulturgüterschutz.
„Die kulturelle Vielfalt kann nur dann
geschützt und gefördert werden, wenn
Menschenrechte und Grundfreiheiten,
wie die freie Meinungsäußerung, die
Informations- und Kommunikations-
freiheit sowie der Zugang jeder einzel-
nen Person zu vielfältigen kulturellen
Ausdrucksformen garantiert sind.“
Ar tikel 2, Grundsatz der Konvention
22
Forderungen der ARGE Kulturelle Vielfalt: Schlusskommuniqué 2020
Auf Einladung der Österreichischen UNESCO-Kommission fand auch
2020 die Klausurtagung Kulturelle Vielfalt sta. In bewährter Weise
analysierten die Teilnehmer*innen aus allen Kunst- und Kultur-
feldern den Stand der Umsetzung der UNESCO-Konvention über den
Schutz und die Förderung der Vielfalt kultureller Ausdrucksformen
in Österreich. Mit dem Schlusskommuniqué zeigten die unterzeich-
nenden Expert*innen Handlungsnotwendigkeiten auf, die für einen
wirksamen Schutz der Vielfalt kultureller Ausdrucksformen über die
Krise hinaus erforderlich sind. Die Krise ist ein Weckruf an die Poli-
tik, nachhaltige Änderungen herbeizuführen – sowohl inhaltlich als
auch hinsichtlich der Art und Weise, wie Maßnahmen erarbeitet und
umgesetzt werden. Es braucht ein Umdenken: weg von kurzfristigen
Reungsleinen, hin zu soliden, krisenfesteren Sicherungssyste-
men, die im Austausch mit dem Kunst- und Kultursektor erarbeitet
werden. Die Expert*innen fordern Entscheidungsträger*innen auf,
Vorsorge zu treen, damit der Sektor nach der Krise nicht unwieder-
bringlich zusammenbricht.
Deutsche Übersetzung der UNESCO-Flyer zur Konvention
Gemeinsam mit den weiteren deutschsprachigen UNESCO-Kommis-
sionen (Deutschland, Luxemburg, Schweiz) veröentlichte die
Kontaktstelle Kulturelle Vielfalt eine deutsche Übersetzung der fünf
UNESCO-Flyer zu Kunstfreiheit, Partnerscha mit der Zivilgesellscha,
Digitales Umfeld, Gleichstellung der Geschlechter und Vorzugs-
behandlung.
AUSGEWÄHLTE AKTIVITÄTEN 2020
ResiliArt Talks
ResiliArt ist eine globale Aktion der UNESCO, um
Bewusstsein für die weitreichenden Folgen der
COVID-19-Krise auf den Kunst- und Kultursektor
zu schaen. Zahlreiche Debaen weltweit lenk-
ten die öentliche Aufmerksamkeit auf aktuelle
Einschränkungen durch die COVID-19-Pandemie
und kulturpolitische Unterstützungsmaßnahmen.
In Österreich wurden zwei Debaen veranstaltet:
Der „ResiliArt Talk: Kultur und Demokratie“, eine
Kooperation der Österreichischen UNESCO-
Kommission mit der Interessensgemeinscha
der Kulturinitiativen in Kärnten/Koroška (IGKiKK)
widmete sich den Auswirkungen der Pandemie
auf Kulturinitiativen und die soziale Lage von
Kunst- und Kulturakteur*innen. Im Rahmen einer
Kooperation mit VIDC/kulturen in bewegung
startete die Veranstaltungsreihe „Forum Fair
Culture“ mit dem „ResiliArt Talk: Aktuelle Heraus-
forderungen des internationalen Kulturaustau-
sches“. Im Fokus standen aktuelle Herausforde-
rungen für Kunst- und Kulturakteur*innen aus
dem sogenannten Globalen Süden in Österreich
sowie internationale gute Praxisbeispiele. Gemäß
Artikel 16, der „Vorzugsbehandlung“, sind Länder
des Globalen Nordens dazu verpichtet, Kunst-
und Kulturakteur*innen des Globalen Südens
bevorzugt zu behandeln. Vor diesem Hintergrund
diskutierten Teilnehmer*innen des zweiten
ResiliArt Talks notwendige Weichenstellungen
für einen fairen, ausgewogenen Kulturaustausch
über die Pandemie hinaus.
Bezug zu den UN-Zielen für nachhaltige Entwicklung / Sustainable Development Goals (SDGs)
SDG 5: Die Förderung der Vielfalt kultureller Ausdrucksformen geht Hand in Hand mit der Förderung von Gender Equality im
Kulturbereich – das eine ist ohne das andere nicht zu erreichen. SDG 8: Menschenwürdige Arbeit: die soziale und ökonomi-
sche Absicherung ist essentiell für Künstler*innen wie auch Kulturarbeiter*innen, um frei künstlerisch und kreativ schaen zu
können. SDG 16 und SDG 17: Ein Grundpfeiler der Konvention ist Partizipation und Partnerscha mit der Zivilgesellscha – nur
so lässt sich eine transparente, partizipative und bedarfsorientierte Politikgestaltung, auch im Kulturbereich, realisieren.
23
Interaktive Workshopreihe „Künstlerische Freiheit schützen –
Allianzen bilden“
Die virtuelle Workshopreihe der Österreichischen UNESCO-Kommission
widmete sich dem Schwerpunkhema Künstlerische Freiheit und
ihren Einschränkungen. Gemeinsam mit Kunst-/Kulturakteur*innen
und Interessierten wurde ein Raum des Austausches geschaen, um
Allianzen zu stärken sowie Strategien zur Sicherung künstlerischer
Freiheit zu erarbeiten. Die Auaktveranstaltung „Gemeinsame
Freiräume schaen für Frauen*, Queers, Trans* Personen in Kunst
und Kultur“ fand in Kollaboration mit Fiitu% (Linz) sta. Der zweite
Workshop widmete sich der „Ökonomischen Absicherung als Garant
für künstlerische Freiheit“ und wurde in Kooperation mit TKI –
Tiroler Kulturinitiativen & Tiroler Künstler*scha abgehalten.
Ein drier Workshop (Zusammenarbeit mit IGKiKK/Interessens-
gemeinscha Kulturinitiativen Kärnten/Koroška) fokussierte auf
„Barrieren im internationalen Kulturaustausch“.
Umsetzung der Konvention – 3. Österreichischer Staatenbericht
Als Vertragspartei der „UNESCO-Konvention über den Schutz und
die Förderung der Vielfalt kultureller Ausdrucksformen“ hat Öster-
reich der UNESCO alle vier Jahre einen Bericht über die Umsetzung
der Konvention in Österreich vorzulegen (sog. „Quadrennial
Periodic Report“). Der 3. Österreichische Staatenbericht wurde
bereits im Mai 2020 an die UNESCO übermielt. Die Ergebnisse
finden Eingang in den drien Globalen Monitoring Bericht der
UNESCO „Kulturpolitik/Neu Gestalten“, der voraussichtlich im
Februar 2022 vorgelegt werden wird.
Ganz im Sinne der Konvention wurde bei der Erstellung des öster-
reichischen Berichts besonderes Augenmerk auf die Einbindung aller
relevanten Akteur*innen gelegt. Insbesondere die Zusammenarbeit
mit zivilgesellschalichen Akteur*innen sollte eine partizipative
Berichtslegung sicherstellen. Generell hat sich die Konvention als
essentielles Instrument erwiesen, sektorenübergreifenden, konti-
nuierlichen Dialog zu befördern und Stimmen aus der Zivilgesell-
scha einzubeziehen. Diesen Dialog gilt es auszubauen, um dem
Querschnischarakter von Kulturpolitik im Sinne der Konvention
gerecht zu werden. Die Arbeitsgemeinscha Kulturelle Vielfalt ist
hier Rückgrat der nationalen Umsetzung.
ÜBEREINKOMMEN über den Schutz und
die Förderung der Vielfalt kultureller
Ausdrucksformen
2005 von der UNESCO verabschiedet
2006 von Österreich ratifiziert
149 Vertragsparteien (148 Staaten
und die Europäische Union)
114 Projekte, die das kulturelle
Schaen strukturell stärken, in
59 Entwicklungsländern durch den
„Internationalen Fonds für
kulturelle Vielfalt“ ermöglicht
166 nationale Umsetzungsberichte
öentlich zugänglich, darunter
3 Umsetzungsberichte Österreichs
(2012, 2016 und 2020)
ÖUK Rolle: Nationale Kontaktstelle zum
Übereinkommen
ÖUK Schwerpunkte: Information und
Beratung, Dialogforen zur interministe-
riellen Koordinierung und Einbindung der
Zivilgesellscha, Vertretung Österreichs
im Rahmen der UNESCO-Organe zum
Übereinkommen, Öentlichkeitsarbeit
© The Ara b Fund for th e Arts and C ulture, A bove Zero by O ssama Ha lal, 2014, S yria
© ÖUK / Bieni k
24
In Belarus f ührt da s Regime Kr ieg gegen
seine Bürger. Die Schriftsteller Julia
Cimafiejeva und Alhierd Bacharevicˇ
haben sich nach Graz gerettet.
In Minsk sei es an Sonntagen ähn-
lich still wie hier, sagt Julia Cimafiejeva.
Die Geschäfte sind geschlossen, Polizei
und Militär riegeln Metrostationen und
Straßen mit Stacheldraht, Pa nzerwagen
und Wasserwerfern ab, um die Bürger
vom Demonstrieren abzuhalten. Diese
sind seit dem Sommer dennoch jede
Woche zu Hunderttausenden auf die
Straßen geströmt. Um ihren Zorn auf
das Regime von Präsident Alexander
Luka schenko zu zeigen, der Belar us seit
26 Jahr en führt, als h abe sich die Sowje t-
union n ie aufgelöst. Bei den Wahlen vom
9. Augus t erklär te er sich nach mas sivem
Wahlbetrug zum Sieger, seither lässt er
jeden Protest durch schwer bewaffnete
Karateli, seine Henkersk nechte, nieder-
knüppeln.
Die Ruhe, die Julia Cimafiejeva
meint, ist also eine Ruhe vor dem
Sturm, und sie weiß, dass die Stille,
die sich hier an diesem Vormittag im
Cerrini-Schlössl am Grazer Schloßberg
ausbreitet, eine andere ist. Die A ltstadt,
die unten in eisigem Nebel schwimmt,
ist im Lockdown erstarrt. Vor wenigen
Tagen sind Julia Cimafiejeva und ihr
Mann Alhierd Bacharevicˇ hier ange-
kommen. Weil sie die ständige Angst
in Minsk nicht mehr ertrugen, weil sie
fürchten mussten, verhaftet zu werden.
Orte der Zuucht: Sicher, frei, aber nicht still
Freiräume für Kunst und Kultur sind Vorbedingung für das Bestehen
vielfältiger kultureller Ausdrucksformen. Die UNESCO-Konvention
zur kulturellen Vielfalt versteht künstlerische Freiheit als ein umfas-
sendes (Menschen-)Recht, das mehr einschließt als „nur“ die Freiheit
des künstlerischen Schaens im engeren Sinn:
Künstlerische Freiheit kann nur dann gesichert werden,
wenn die Produktion, Distribution und Teilhabe, frei
von Druck und Einussnahme, möglich sind – dazu
zählt auch die soziale und ökonomische Absicherung
von Kunst- und Kulturakteur*innen.
Laut Berichten der NGO Freemuse ist künstlerische Freiheit welt-
weit bedroht. Die Verletzungen reichen von Zensur über Drohungen,
Anklagen und Inhaierungen bis hin zu Ermordungen. Allein im Jahr
2020 zählte die Organisation 978 Fälle in 89 Ländern sowie online,
davon 289 Zensierungen, 82 Inhaierungen und 17 Ermordungen.
Diese Bedrohungen der künstlerischen Freiheit schwächen die Viel-
falt kultureller Ausdrucksformen, indem sie die Existenz von Kunst-
und Kulturakteur*innen gefährden.
Die Etablierung von Residenzen für Künstler*innen als sichere
Rückzugsorte ist eine wirksame Möglichkeit, gefährdete Kunst-
und Kulturakteur*innenzu unterstützen. Künstler*innen finden
sich an einem Ort wieder, an dem sie sicher, frei, aber nicht still
sind. Seit 2006 fanden rund 170 Künstler*innen in über 80 Städten
weltweit Zuucht. Die Tendenz ist steigend. In Österreich erönen
zwei Residenzprogramme diese Möglichkeit. Das Projekt „Wien als
Zuuchtsstadt“ der IG Autorinnen Autoren in Zusammenarbeit mit
der IG Übersetzerinnen Übersetzer bietet in Abstimmung mit dem
„Writers-in-Exile Network“ Stipendien für Autor*innen und Über-
setzer*innen an. In Graz setzte die Stadtregierung 1997 mit dem
„Writer in Exile“-Programm ein sichtbares Zeichen der Solidarität
mit gefährdeten Schreibenden. Heute erfolgen die Einladungen für
Aufenthalte am Zuuchtsort Graz durch den Verein Kulturvermi-
lung Steiermark in Kooperation mit dem Kulturressort der Stadt
Graz.
Derzeit leben die Schristeller*innen Julia Cimafiejeva und Alhierd
Bacharevič in Graz und sind Stipendiat*innen des „Writer in Exile“-
Programmes. Mit der Wochenzeitung Falter haben sie über die
Einschränkungen künstlerischer Freiheit in Belarus und ihr Leben
im Grazer Exil gesprochen.
„Den Drachen
gefüert
Von THOMAS WOLKINGER,
erstmals erschienen in Falter
49/2020, S. 18/19; gekürzte Version
25
Es ist wie im Jahre 1937, aber mit Inter-
net. [...] Damals wie jetzt: Angst und
Brutalität, Polizeieinsatzwagen neben
den Hauseingängen und Me nschen, die
mit Schrecken auf die Schritte im Stie-
genhaus hören. G ehst du auf die Straße,
kann es sein, da ss du einfach nicht mehr
zurückkommst. Menschen verschwin-
den am helllichten Tag und werden erst
später wiedergefunden. Man findet sie
im Gefängnis – und freut sich noch: Er
ist am Leben, sie ist am Leben. Gott sei
Dank!
[Alhier d Bacharevič: Das letzte Wort der
Kindheit. Faschismus als Erinnerung]
Die Fahrt ins Exil war nicht einfach
zu organisieren: Visa für ein halbes
Jahr, Corona-Tests, Flüge. Aber jetzt
sind die beiden „Writers in Exile“ hier,
in einer hellen Wohnung mit Holzpar-
kett in diesem prächtig über der Stadt
gelegenen Bürgerhaus aus dem frühen
19. Jahrhundert. Seit vielen Jahren
dient es, betreut von der Kulturver-
mittlung Steiermark und dem Grazer
Kulturamt, als „Internationales Haus
der Autorinnen und Autoren“.
Die beiden Schriftsteller wollen
ihren Graz-Aufenthalt zunächst als
normale Reise verstanden wissen. Das
Reisen seien sie gewöhnt, auch wenn
die Einladungen zu Literaturfestivals
heuer wegen Corona ausblieben. Exil,
das sei auch nicht mehr wie im 20.
Jahrhundert, sagt Alhierd Bacharevicˇ
in druckreifem Deutsch, das er in Ham-
burg erlernte. Seine Stimme erheben
könne man auch im Ausland. Einige
der führenden Köpfe des Widerstands
haben Belarus seit dem Ausbruch der
Proteste verlassen, allen voran Swet
-
lana Tichanowskaja, die den Wahlsieg
für sich rek lamiert und nun von Litauen
aus harte Sanktionen gegen Luka-
schenko fordert. „Das ist besser, als in
einem belarussischen Gefängnis mit
Covid zu sitzen“, sag t Julia Cimafiejeva.
Auch die beiden haben die Gewalt in
Minsk nun gegen die Stille über den
Dächern von Graz eingetauscht. „Wir
alle tun, was wir können.“
Wir verlassen das Haus nur gut vorbe-
reitet. Zuerst ziehe ich mich gewissen-
haft an, für den Fall, dass ich ein oder
zwei Nächt e in U-Haft verbringe n muss.
Dann gieße ich ausgiebig Dutzende
meiner Blumen. Anschließend lassen
wir unserer Katze ausreichend Futter
für mehrere Tage da (eine Freundin
sagt, seit sie sonntags zur Demo geht,
Julia Cimafiejeva und Alhierd B acharevič
© Kanižaj Marija
„Damals wie jetzt: Angst und
Brutalität, Polizeieinsatz-
wagen neben den Hausein-
gängen und Menschen, die
mit Schrecken auf die Schrie
im Stiegenhaus hören.
26
sei ihre Katze richtig dick geworden).
[...] Wichtig ist auch, den Verlauf in
unseren Handys zu löschen, weil die
Telefone in U-Haft oft durchgecheckt
werden. Derart gerüstet, begibt sich
unsere kleine Familieneinheit auf die
Straße, ins Unbekannte.
[Julia Cimafiejeva: Belarus-Tagebuch.
1. Okt ober]
(…)
Die beiden müssen in Minsk auch des-
halb um ihre Freiheit fürchten, weil
sie das Regime öffentlich angegriffen
haben. Julia Cimafiejeva, Lyrikerin,
Fotografin und Übersetzerin, Jahrgang
1982, hat in ihrem Belarus-Tagebuch
über die Verhaftung ihrer Freunde und
ihres Bruders geschrieben, über die
Angst, selbst verhaftet zu werden, und
über die Scham, dass ihr der Awtosak,
der Gefangenentransporter, bisher
erspart blieb. Alhierd Bacharevicˇ, der
1975 in der Sowjet union geboren w urde,
sich in den 90ern in der Punkband Pra-
vakacija (Provokation) die Wut auf das
System au s dem Leib brüllte und seither
in großen Romanen die Bedingungen
totalitärer Herrschaft thematisiert, hat
gerade einen blendenden Essay über
den Faschismus publiziert. Der ist, so
sieht er es, nach Belarus zurück gekehrt.
Zuletzt ist es für die beiden noch
enger geworden. Dieser Tage würden
massen haft Ger ichtsvorladu ngen ausge-
schickt, erzählt Bacharevicˇ. „Wer weiß,
welche Post wir in Minsk bekommen?
30.000 Verhaftu ngen soll es bisher gege -
ben haben. Folter und schwere Miss-
handlungen in Haft seien „weitverbreitet
und systematisch“ gewesen, schreibt
der Grazer Menschenrechtsexperte
Wolfgang Benedek in seinem Bericht
für die OSZE.
Faschisten. Du, meine Liebe, riefst
ihnen dieses Wort im Sommer zu, als
wir machtlos beobachten mussten, wie
diese vermummten Wesen auf einem
Platz RadfahrerInnen festnahmen,
einfach nur, weil sie RadfahrerInnen
waren. [...] Du riefst es ihnen zu, als sie
wehrlose Menschen neben dem Hotel
Minsk jagten u nd Hotelgäste diese Jagd
von ihren Fenstern aus mitver folgten.
Sie schauten zu und hatten das Gefühl,
als wären sie in einer Zeitmaschine
gelandet.
[Alhier d Bacharevič: Das letzte Wort der
Kindheit. Faschismus als Erinnerung]
Cima fiejeva und ihr Ma nn verfolgen täg-
lich über Telegram-Kanäle wie Nexta
oder Tut.by, was in Belarus passiert.
„Unsere Körper sind hier in Graz“, sagt
Julia Cimafiejeva, „aber unsere Gedan-
ken sind immer noch in Belarus.“ Was
die Zukunft angeht, ist Alhierd Bacha-
revicˇ pessimistischer als seine Frau. Er
fürchtet, dass die friedlichen Demon-
strationen in eine Sackgasse geführt
haben. „Im November hatten wir das
Gefühl, w ir gehen jeden Sonntag auf d ie
Straße, um diesen furchtbaren D rachen
zu füttern.“ Der Drache steht für Luka-
schenkos Sicherheitsapparat. „Das ist
nicht nur eine Sackgasse, das ist Selbst-
mord.“
Wie es nach dem halben Jah r in Graz
weitergeht? Das hä ngt von der Entw ick-
lung in Belarus ab, sagt Alhierd Bacha-
revicˇ. „Wie lange kann Lukaschenko
das Land nur mit Gewalt kontrollie-
ren? Ei nen Monat? Ein Jah r?“ Bis da hin
gebe es genug zu tun. Ihn beschäftigt
besonders eine Frage, die „wichtigste
und peinlichste“, wie er sagt. Es sei ein-
fach, dem Diktator die Schuld für alles
zuzuschieben. „Aber wir Belarussen
sind auch schuld. Warum hatten wir so
viele Jahre Geduld? Warum haben wir
all das erlaubt?
„Was die Zukun angeht, ist
Alhierd Bacharevič pessimis-
tischer als seine Frau.
Links:
Freemuse Bericht 2021: hps://freemuse.org/
news/the-state-of-artistic-freedom-2021/
UNESCO Weltbericht 2018: hps://www.unesco.
at/kultur/vielfalt-kultureller-ausdrucksformen/
news-vielfalt-kultureller-ausdrucksformen/
article/unesco-weltbericht-2018-kultur-
politik-neu-gestalten
FAKTENBOX KUNSTFREIHEIT
Städte der Zuucht –
Sichere Häfen für gefährdete
Schristeller*innen:
170 Künstler*innen in
82 Städten (Stand 2017),
davon
42 in Skandinavien,
31 Rest Europas,
6 Nordamerika,
3 Südamerika
Verletzungen künstlerischer
Freiheit 2020:
978 Fälle in 89 Ländern sowie
online (Freemuse 2021),
davon
289 Fälle von Zensur,
133 Festnahmen,
82 Inhaierungen,
17 Ermordungen,
107 Anklagen
© Mit fre undlicher Ge nehmigung vo n Aida Muluneh , Äthiopien un d David Knud P roject s,
The Dep arture , 2016, Äthio pien
27
Das Nationale Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes
Mit der Sichtbarmachung von Bräuchen und kulturellen Praktiken
entsteht ein neues Verständnis für regionale Besonderheiten und
einen nachhaltigen Umgang mit Ressourcen. Seit Österreich 2009
das UNESCO-Übereinkommen zum Immateriellen Kulturerbe
ratifiziert hat, sammelt und dokumentiert das Verzeichnis die
gesellschaliche Vielfalt des „living heritage“. Mit milerweile
133 Elementen trägt es zu einem besseren Versndnis des imma-
teriellen Kulturerbes bei. Obwohl mit der Aufnahme keine finan-
ziellen oder rechtlichen Ansprüche verbunden sind, geht damit
eine erhöhte Wahrnehmung und Wertschätzung einher. Einerseits
bedeutet die Aufnahme eine Einbindung in eine globale Gemein-
scha, denn die Kriterien für die Eintragung in das nationale
Register folgen internationalen UNESCO-Standards. Andererseits
werden durch das nationale Verzeichnis lokal- und regionalspezi-
fische Varianten von Bräuchen, Festen, Handwerk, Traditionen und
Sprache sichtbar gemacht.
Ein Antrag zur Aufnahme in das Verzeichnis des immateriellen
Kulturerbes in Österreich kann von Gemeinschaen, Gruppen oder
Einzelpersonen bei der Österreichischen UNESCO-Kommission
eingebracht werden. Ein interdisziplinärer Fachbeirat für das imma-
terielle Kulturerbe entscheidet über die Aufnahme sowie über
eventuelle Nominierungen von nationalen Elementen für die drei
internationalen UNESCO-Listen. Neben den nationalen Verzeich-
nissen des immateriellen Kulturerbes werden auf internationaler
Ebene Listen in drei Kategorien geführt:
die Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der
Menschheit: macht immaterielles Kulturerbe weltweit sichtbar
und stärkt das Bewusstsein für die Vielfalt menschlicher kulturel-
ler Praktiken (enthält z.B. die Transhumanz, aufgenommen 2019).
das Verzeichnis guter Praxisbeispiele für Programme, Projekte
und Tätigkeiten zur Erhaltung des Immateriellen Kulturerbes:
beinhaltet erfolgreiche Programme und Aktivitäten zur Erhaltung
und Weitergabe des immateriellen Kulturerbes, die die Prinzipien
und Ziele der Konvention im bestmöglichen Sinn umsetzen
(enthält z.B. das Dombauhüenwesen, aufgenommen 2020).
die Liste des dringend erhaltungsbedürigen immateriellen
Kulturerbes: besteht aus Elementen, die nach Ansicht der
betroenen Gemeinschaen und Vertragsstaaten dringender
Maßnahmen erfordern, um sie am Leben zu erhalten (enthält
z.B. die Gepfiene Sprache in der Türkei, aufgenommen 2017).
Die Stinatzer Hochzeit, das Buchbinderhandwerk,
die Amraser Matschgerer oder das Kneippen –
sie alle zählen zum immateriellen Kulturerbe in
Österreich und spiegeln seine Bandbreite wider.
Unter dem Begri „Immaterielles Kulturerbe“
anerkennt, dokumentiert und erhält die UNESCO
kulturelle Praktiken, Rituale, Erfahrungswissen
und meisterliches Handwerk. Das UNESCO-Über-
einkommen zur Erhaltung des immateriellen Kul-
turerbes hat die Möglichkeit geschaen, neben
einer repräsentativen „Schaufensterkultur“, das
überlieferte Wissen in Zusammenhang mit der
nachhaltigen Nutzung von lokalen Ressourcen in
den Fokus zu rücken. Da immaterielles Kulturerbe
von menschlichem Wissen und Können getragen
wird, vermielt es Identität und Kontinuität,
gleichzeitig ist es auch geprägt von Kreativität
und Weiterentwicklung.
IMMATERIELLES KULTURERBE
Kreativität, Identität, Kontinuität
Amraser Matschgerer
© Verein Amraser Matschgerer
Buchbinderhandwerk
© Sixl-Fuchs
28
AUSGEWÄHLTE AKTIVITÄTEN 2020
Internationale Nominierungen und Aufnahmen
Im März 2020 wurde gemeinsam mit Slowenien, Ungarn, Slowakei,
Kroatien, Bosnien/Herzegowina, Rumänien und Italien das Element
des Wissens um die Lipizzanerzucht für die internationale Reprä-
sentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit ein-
gereicht. Insgesamt zählt dieses Verzeichnis 492 Einträge weltweit.
Im Dezember 2020 wurde das Dombauhüenwesen in das
„UNESCO-Register guter Praxisbeispiele für die Erhaltung immateri-
ellen Kulturerbes“ aufgenommen. Insgesamt haben sich für diesen
Antrag 18 Bauhüen aus fünf europäischen Ländern (Frankreich,
Deutschland, Norwegen, Österreich und die Schweiz) zusammen-
geschlossen, darunter der Linzer Mariendom und der Wiener
Stephansdom. Das Register guter Praxisbeispiele listet bislang
25 Projekte aus 22 Ländern.
Aufnahmen in das nationale Verzeichnis
2020 wurde das Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes in
Österreich um 9 Elemente erweitert:
Nikolospiel Bad Mierndorf (Steiermark)
Amraser Matschgerer (Tirol)
Hauerkrone und Hiatabaum in Neusti am Walde (Wien)
Stinatzer Hochzeit – Stinjačka svadba (Burgenland)
Kneippen als traditionelles Wissen und Praxis nach der Lehre
Sebastian Kneipps (österreichweit)
Odlatzbia Oröwen im Wiesenwienerwald (Niederösterreich)
Das Buchbinderhandwerk (österreichweit)
Die Fuhr am Hallstäersee (Oberösterreich)
Steinmetzkunst und -handwerk (österreichweit)
Bezug zu den UN-Zielen für nachhaltige Entwicklung / Sustainable Development Goals (SDGs)
Immaterielles Kulturerbe und Nachhaltige/r Konsum und Produktion (SDG 12) Immaterielles Kulturerbe leistet weltweit
einen Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung. Es sichert Lebensgrundlagen, achtet die ökologische Nachhaltigkeit und stärkt
den sozialen Zusammenhalt. Viele Traditionen praktizieren einen nachhaltigen Umgang mit Ressourcen. Im nationalen
Verzeichnis ist die Rieselbewässerung im Tiroler Oberland ein Beispiel dafür, bedarf diese doch einer
fachkundigen und nachhaltigen Verwendung der Ressource Wasser. Ebenso kann das Odaltzbia Oröwen
angeführt werden, das für ein manuelles und schonendes Ernten der Adelsbeere steht.
Da international zahlreiche solcher Beispiele existieren, hat die UNESCO 2020 ein Online-Tool präsentiert,
das die Zusammenhänge zwischen den SDGs und Praktiken aus dem Bereich immaterielles Kulturerbe
darstellt (Siehe hier: hps://cu.ly/1jIYzbg).
Steinmetzkunst und -handwerk
© Konrad L enz
Odlatzbia Oröwen im Wiesenwienerwald
© Verein ElsbeerReich
29
Schwerpunkt Immaterielles Kulturerbe und Bildung
Die Erhaltung des immateriellen Kulturerbes lebt vom kreativen
Prozess der Weitergabe von Generation zu Generation und ist eng
mit Bildungs- und Vermilungsfragen verknüp. 2020 fand in
Kooperation mit dem UNESCO Associated Schools Network (ASPnet)
das Projekt „Teaching and learning with living heritage. Design and
creation of a ‚Glöcklerkappe‘“ sta, in dem sich die Welterbe-Miel-
schule Bad Goisern mit der Einbindung von immateriellem Kultur-
erbe in unterschiedliche Schulfächer beschäigte.
Dieses Projekt wurde vom ASPnet international
als Beispiel guter Praxis ausgewählt und wird
Eingang in eine UNESCO-Sammlung von Bildungs-
materialien zur Integration von IKE in den Schul-
unterricht finden.
COVID-19 und der virtuelle Salon
Die COVID-19-Pandemie hat auch die Arbeit mit den und für die
Traditionsträger*innen in Österreich verändert. Da physische Treen
im Jahr 2020 kaum möglich waren, wurde der „Virtuelle Salon“ ins
Leben gerufen. Im Mielpunkt stand der Austausch mit den Tradi-
tionsträger*innen, die Sichtbarmachung ihrer Maßnahmen, Aktivitä-
ten und aktuellen Herausforderungen: Welche Auswirkungen hat
die Pandemie auf das immaterielle Kulturerbe? Welche Heraus-
forderungen ergeben sich daraus? Welche Initiativen und Projekte
wurden gestartet? Diesen und weiteren Fragen widmeten sich
die Gespräche, die zeigten, dass viele Elemente des immateriellen
Kulturerbes in Österreich von der Pandemie zum Teil schwer
betroen sind, dass aber gleichzeitig zahlreiche Maßnahmen und
Bewältigungsmechanismen entwickelt wurden, die diesen heraus-
fordernden Zeiten begegnen.
Kulturerbe und Diversity
Das nationale Verzeichnis eines Staates wird o ausschließlich mit
autochthonen Bräuchen und Traditionen in Verbindung gebracht.
Dabei ist die österreichische Kulturlandscha geprägt von einer
großen Diversität und Pluralität an gelebtem Erbe. Vor diesem
Hintergrund fand in Kooperation mit der Brunnenpassage Wien
ein Online-Fachgespräch zum Thema „Immaterielles Kulturerbe in
einem (post)migrantischen Europa“ sta. Dieses widmete sich der
Frage, wie immaterielles Kulturerbe zeitgenössisch zu definieren ist,
und wer/welche Entitäten eine solche Definition vornehmen. Ein-
geladen waren einerseits Traditionsträger*innen, deren Traditionen,
Wissen oder Praktiken bereits im nationalen Verzeichnis gelistet
sind (darunter die Slowenischen Hof- und Flurnamen und die Stinat-
zer Hochzeit). Andererseits konnten als Vortragende auch Vertre-
ter*innen von Minderheiten gewonnen werden, die sich kreativ mit
ihrem Erbe auseinandersetzen (die Musiktradition der Roma und
das Zelebrieren der Yalda-Nacht [Persische Feier der Wintersonnen-
wende]). Zudem haben sich Vertreter*innen der UNESCO sowie Mit-
glieder des Österreichischen Fachbeirats an der Diskussion beteiligt.
Stinatzer Hochzeit/Stinjačka svadba
ÜBEREINKOMMEN zur Erhaltung des
immateriellen Kulturerbes
2003 von der UNESCO-G eneralkonferenz
angenommen
2009 von Österreich ratifiziert
180 Vertragsstaaten
492 Elemente auf der Repräsentativen
Liste des immateriellen Kultur-
erbes der Menschheit
67 Elemente auf der Liste des
dringend erhaltungsbedürigen
immateriellen Kulturerbes
25 bewährte Programme, Projekte
und Tätigkeiten zur Erhaltung des
immateriellen Kulturerbes
133 Elemente im Nationalen
Verzeichnis des immateriellen
Kulturerbes in Österreich
ÖUK Rolle: Bewusstseinsbildung für die
Erhaltung, Vermilung und Förderung des
immateriellen Kulturerbes in Österreich,
Erstellung des Nationalen Verzeichnisses
ÖUK Themen 2019: Neuaufnahme von
9 Elementen in das Nationale Verzeichnis
des IKE; Schwerpunkte: IKE und Bildung;
Traditionelles Handwerk; Resilienz in
Zeiten von COVID-19
© Hilda Resetarits
30
livingheritage_at erkundet Instagram
Auf dem Instagram-Account livingheritage_at werden wöchent-
lich Elemente aus dem Nationalen Verzeichnis des immateriellen
Kulturerbes bzw. Beispiele guter Praxis präsentiert. Hierzu koope-
rierte die ÖUK mit den IGers Vienna, einer Gruppe von Hobby- und
professionellen Fotograf*innen mit knapp 30.000 Followern, und
organisierte einen „Instawalk“ zum Thema Jauken und dem Hoch-
ugtaubensport, um das immaterielle Kulturerbe über die sozialen
Medien einem breiteren Publikum näher zu bringen. Insgesamt
nahmen rund 25 Fotograf*innen an dem „Instawalk“ im Tiergarten
Schönbrunn teil und präsentierten ihre Fotos online.
Immaterielles Kulturerbe
in Zeiten von COVID-19
Die COVID-19-Pandemie hat das Jahr
2020 und das Leben von Millionen
Menschen weltweit geprägt, so natür-
lich auch Träger*innen von Immate-
riellem Kulturerbe: Viele Traditionen,
Bräuche, aber auch andere Kultur-
sektoren wurden durch die Maßnah-
men zur Eindämmung der Pandemie
beeinusst oder eingeschränkt. In
diesem Zusammenhang hat sich auch
gezeigt, wie immaterielles Kulturerbe
als identitätsstiende Komponente,
die von ihren Trägerschaen lebt, in
Ausnahmesituationen kreativ adap-
tiert werden kann. Im vergangenen
Jahr gab es verschiedene Initiativen,
die aufzeigen, wie sich die Träger*in-
nen lebendigen Erbes mit der Situa-
tion arrangiert haben.
In seinem Bericht (S.31–33)
schildert Ludwig Wiener, Obmann des
Vereins „Immaterielles KulturErbe
Salzkammergut“, ganz persönliche
Erfahrungen zur Situation der Träger-
schaen im Salzkammergut.
„Instawalk“ im Tiergarten Schönbrunn
© Marie-Theres Bauer
Foto vom „Instawalk“ zum Thema
Hochugtaubensport
© Katarzyna Makusz
hps://instagram.com/
livingheritage_at?r=nametag
Gastbeitrag von
DIPL.-ING. DR.LUDWIG WIENER
Vor dem Lockdown:
COVID-19 in weiter Ferne
Als zu Silvester 2019/2020 viele Feu-
erwerke, Prangerstutzen und Böller
das neue Jahrzehnt ankündigen, weiß
man in unseren Breiten zwar bereits
von der Existenz eines neuartigen,
gefährlichen Krankheitserregers, aber
der eigene Alltag scheint davon nicht
betroffen. So finden die vielen, mit
der Weihnachtsliturgie verbundenen
Bräuche in gewohnter Weise statt:
Bei der „Kripperlroas“ werden die
mit viel Mühe und Liebe in Kirchen,
Museen und Privathäusern aufgebau-
ten Krippen bewundert, und zur letz-
ten Rauhnacht am 5. Jänner laufen die
Glöckler mit ihren aufwändig gearbei-
teten Lichterkappen durch die Dörfer.
Im Anschluss kündigt sich bereits die
Faschingszeit an, die besonders im
Salzkammergut so etwas wie eine 5.
Jahreszeit darstellt: Tanzveranstal-
tungen, Bälle, Umzüge, Faschingssit-
zungen, der Fetzenmontag in Ebensee
reihen sich aneinander. In Bad Ischl
findet seit einigen Jahren am „unsin-
nigen Donnerstag“ die Geigenwande-
rung statt: Dabei wandern (maskierte)
Musikant*innen auf ihren Instrumenten
spielend und einer thematischen Route
folgend durch den Ort. Das Thema im
Jahr 2020: Hommage an die Gaststät-
ten und die Wirtshauskultur. Besucht
werden bereits geschlossene und noch
geöffnete Wirtshäuser in Bad Ischl. Zu
diesem Zeitpu nkt ahnt noch niema nd –
und scheint es unvorstellbar –, dass der
Besuch von Gaststätten bald überhaupt
unmöglich sein würde.
Beginn des ersten Lockdowns
Doch bereits gegen Ende des Faschings
zeichnet sich ab, dass massiven Ein-
schränkungen des sozialen Lebens
unver meidbar sin d. Es ist nun Fast enzeit,
IKE im Salzkammergut in der Zeit der COVID-19-Pandemie.
Ein Beobachtungsbericht
Durchleben wir gerade eine wirtschas- und gesellschaspolitische Zeitenwende, oder handelt es
sich um vorübergehende „schwierige Zeiten“ ohne Spätfolgen? Wir wissen es derzeit noch nicht.
Im Folgenden möchte ich meine persönlichen Wahrnehmungen der letzten 14 Monate in Hinblick auf
die Auswirkungen von COVID-19 auf das immaterielle Kulturerbe im Salzkammergut schildern.
31
Ostern 2020, Eierpecken mit Abstand
© Ludwig Wiener
traditionell eine Phase des Innehaltens
und des Rückzugs – dennoch sind der
erste Lockdown, die Schließung der
gesamten Gastronomie ebenso wie
die Beschränkungen im Vereins- und
Privatleben eine noch die dagewesene
Situation.
F ür viele begin nt damit eine Zeit des
Nachdenkens. So ist es auch für mich
eine Gelegenheit, einen Rückblick auf
die Aktivitäten des Vereins „Immate-
rielles KulturErbe Salzkammergut“ zu
halten. Dieser Verein wurde 2007 als
Reaktion auf die UNESCO-Konvention
zum Sc hutz des immate riellen Kult urgu-
tes gegründet. Ziel dieses Vereins war
und ist es, jene Kulturgüter zu fördern,
welche nic ht im touris tischen Prog ramm
der Fremdenverkehrsverbände stehen.
Veranstaltungen zu dieser Zeit lautet:
„versch oben!
Im Lauf des Frühjahrs kann zumin-
dest im Freien wieder mit k leineren kul-
turellen Aktivitäten begonnen werden.
Eines der wichtigsten Feste dieser
Jahreszeit, das Maibaumaufstellen,
kann aber weiterhin nur in reduzierter
Form stattfinden, um den geforderten
Abstand zwischen Teilnehmer*innen
und Besucher*innen einzuhalten.
Lockerungen im Sommer
Ab Mai machen dann Lockerungen der
COVID-19-Verordnungen die Planung
von Treffen, Veranstalt ungen und Ritu-
alen langsam wieder möglich. So kann
– nach einer zweimonatigen Pause –
das erste Genussgeigertreffen in
einem ausreichend großen Veranstal-
tungsraum organisiert werden. Dazu
werden im Lehartheater Bad Ischl
die angeschraubten Sitzreihen im
Besucherraum entfernt und die Sitz-
gelegenheiten für die Musikant*innen
nach den geltenden Regeln platziert.
Wirt*in, Koch*/Köchin* und Kell-
ner*in agieren von der Bühne aus,
Dazu gehören unter anderem die Bele-
bung der Wirtshauskultur, des Musizie-
rens, Si ngens und Pasche ns ohne Bühne :
unter und mit den anwesenden Gästen.
Aus dieser Idee entstanden unter ande-
rem die sogenannten „Genussgeiger“;
Musikant*innen, die sich jeden ersten
Donnerstag im Monat zum gemeinsa-
men Musizieren i n einer der zahlreiche n
Gaststätten im Salzkammergut treffen.
Mittlerweile nehmen bis zu 40 begeis-
terte Mu sikant*innen an d iesen Genuss -
geigereien teil. Aber auch diese Geigen
stehen ab Mitte März vorerst still.
Veranstaltung? Verschoben!
Viele Traditionsträger*innen müssen
umdisponieren und ihre Bräuche an
die sich rasch ändernden Sicherheits-
regeln anpassen. Auch die Osterfeier-
lichkeiten und die damit verbundenen
Rituale kön nen, für mich überraschend,
nicht in der gewohnten Form stattfin-
den: Palmbuschen werden in „Fernseg-
nungen“ geweiht, Veranstaltungen, wie
die traditionellen Palmprozessionen,
ersatzlos gestrichen. Die meistverkün-
dete Information für bereits angesetzte
„Ziel dieses Vereins war und
ist es, jene Kulturgüter zu
fördern, welche nicht im
touristischen Programm der
Fremdenverkehrsverbände
stehen.
© Ludwig Wiener
© Michael Körner
Fetzenmontag Ebensee: 2020 noch möglich 1. Genussgeigerei nach dem 1. Lockdown im Lehartheater Bad Ischl
32
33
einzelne Zuhörer*innen lauschen von
den Galerien.
Ande re, normale rweise in d ieser Zeit
stattfindende Feierlichkeiten, wie die
berühmten Seeprozessionen zu Fron-
leichna m in Traun kirchen und Hallstatt ,
müssen abgesagt werden. Dennoch
rechnet man mit einem schrittweisen
Ende der Einschränkungen, wobei die
sich rasch ändernden Verordnungen es
nicht leicht machen, planerisch vorzu-
gehen. Ma n versucht, sich der jeweiligen
Situation flexibel anzupassen, jeweils
in dem Glauben, dass sich die Situation
wieder zu normalisieren beginnt.
Da betont wird, dass es zu keinem
weiteren Lockdown kommen wird,
sind jene Kulturbereiche, welche
ihre Hauptaktivität im Herbst haben,
überzeugt, dass ihre Veranstaltungen
werden st attfinden kön nen. So auch das
immaterielle Kulturgut „Vogelfang im
Salz kammerg ut“. Währ end der Fangzeit
ist man ohnehin alleine in den Wäldern
unterwegs, Ansammlungen mehrerer
Personen sind eher die Ausnahme und
leicht zu ve rmeiden. Led iglich zum Ende
der Fangzeit trifft man sich anlässlich
der traditionellen Vogelausstellung.
Hier werden die Vögel der Bevölkerung
präsentiert.
Veranstaltung? Abgesagt !
Im Oktober ist erkennbar, dass es wei-
tere Beschränkungen geben wird. So
werden für verschiedene Aktivitäten
Konzepte und Ideen ausgearbeitet,
die eine sichere Durchhrung ermög-
lich sollen: so etwa für die Feiern der
Altersjubilare anlässlich des „Liacht-
bratlmontags““ in Bad Ischl, die Vogel-
ausstellungen sowie Tanzveranstaltun-
gen zu Kathrein. Aber, ähnlich wie im
Frühjahr, überschlagen sich dann die
Ereignisse, und auch d ie Sicherheitskon-
zepte kön nen die Veranstaltungen nicht
mehr „retten“.
Ei ne (weitere) Adaption der überlie-
ferten und gelebten Abläu fe ist aufgrund
der sich rasch ändernden Rahmenbe-
dingungen nicht möglich. Natürlich
versuchen z.B. Musiker*innen mittels
Streaming oder Austausch über soziale
Medien dennoch irgendw ie tätig zu sein
– befr iedigend ist e s für die me isten nicht .
Da kein Ende in Sicht scheint, werden in
Hinblick auf die nahende Weihnachts-
zeit aufndige Vorarbeiten, wie das
Aufstellen großer Landschaftskrippen
oder das Fertigen von Glöcklerkappen
von vielen Akteur*innen ausgesetzt.
Die häufigste Information in Bezug auf
bereits veröffentlichte Veranstaltu ngen
und jährlich wiederkehrende Traditi-
onsveranstaltungen in dieser Zeit ist:
„abgesag t“. Viele teilen jetzt über soziale
Medien Erinnerungen (Fotos, Zeitungs-
berichte, Filme), u m die Aktivitäten vor
der Coronazeit nicht in Vergessenheit
geraten zu lassen. Verbunden damit ist
stets auch der Wunsch, diese Aktivitä-
ten in Zukun ft wieder erleben zu dü rfen.
Bereits vor Weihnachten werden von
den Vereinsleitungen die Faschings-
veranstaltungen für 2021 abgesagt, um
sich aufwändige Planungsarbeiten zu
ersparen.
Eines ist in der Zeit des 3. Lock-
downs klar: legalen Spielraum für
gemeinschaftliche Aktivitäten gibt es
kaum. Lediglich Bräuche, die ohne
große Zusammenkünfte auskommen,
können gelebt werden: So kann man
auch zu Si lvester 2020/21 die Böller und
Prangerstutzen deutlich hören, und die
Weihnachtskrippen können immerhin
in den Pfarrkirchen bestaunt werden.
Und obwohl der Ebenseer Fetzenzug
von den Vereinsverant wortlichen abge-
sagt wurde, versammeln sich einige
Akteur*innen und führen mit ihren
typischen Masken den Fetzenzug unter
Abstand, ohne Ankündigung, ohne
Presse und ohne Massenauflauf durch.
Dies ist ein wichtiges Beispiel und eine
Erinnerung daran, dass immaterielle
Kulturelemente in er ster Linie von ih ren
Träger*innen leben.
Es hallt noch der Ruf der Ebenseer
Fetzen im Ohr: „Fasc hingtag, Fasching-
tag, kemmt´s na boid wieda!
„Eines ist in der Zeit des
3. Lockdowns klar: legalen
Spielraum für gemein-
schaliche Aktivitäten gibt
es kaum.
© Ludwig Wiener
Maibaumsetzen 2020
DIPL.-ING. DR. LUDWIG WIENER, geb. 1959, ist
Obmann des Vereins „Immaterielles KulturErbe
Salzkammergut “ sowie Vogelfänger und Musi-
ker. Nach Abschluss seines Studiums der Forst-
wirt scha war er wissenschalicher Mit arbeiter
bei der Forschungsinitiative gegen das Wald-
sterben an der Univer sität für Bodenkultur
(Wien). 1988 wechselte er in der Forstdirektion
des Amtes der S alzburger L andesregierung ,
seit 2020 befindet sich Wiener im Ruhestand.
Er lebt mit seiner Familie in Bad Ischl.
© Ludwig Wiener
3434
WELTERBE
Internationale Verpichtung als nationaler Aurag
2020 war auch in Hinblick auf den Kulturgüter- und Naturschutz
ein herausforderndes Jahr. Wurden 2019 im Rahmen der Österrei-
chischen Welterbestäen-Konferenz noch die Problematiken und
Konsequenzen des Phänomens „Overtourism“ diskutiert, zeigte sich
im darauolgenden Jahr ein gegensätzliches Bild: die COVID-19-Pan-
demie brachte nicht nur die Tourismusindustrie beinahe vollständig
zum Erliegen, sondern machte auch die Vulnerabilität von Einrich-
tungen, Orten und Regionen (so auch von Welterbestäen) oenbar,
die stark auf die Wertschöpfung der Reisebranche angewiesen sind.
Einnahmeneinbußen von bis zu 90% haben nicht nur unmielbare
wirtschaliche Auswirkungen, sondern können auch wichtige Inves-
titionen in den Erhalt von Kultur- und Naturdenkmälern gefährden.
Umso mehr wird es in Zukun notwendig sein, nachhaltige und resi-
liente Modelle für die Nutzung von Welterbestäen zu entwickeln
und im Rahmen eizienter Managementsysteme zu implemen-
tieren. Das Ausbleiben der internationalen Besucher*innenströme
kann jedoch auch den einen oder anderen positiven Eekt nach sich
ziehen – etwa wenn es darum geht, belasteten Ökosystemen eine
Pause zur Regeneration zu ermöglichen.
Vor 10 Jahren wurde die Welterbestäe „Historisches Zen trum von Graz “ um
das barocke Schloss Eggenberg erweiter t. Die Bellet age des Schlosses erfuhr im
Laufe der Geschichte kaum Veränderungen und vermielt, wie hier bei Kerzen-
schein, ein unverfälschtes Bild einer barocken Fürstenresidenz.
© PeterGradischnig
ÜBEREINKOMMEN zum Schutz des
Kultur- und Naturerbes der Welt
1972 von der UNESCO verabschiedet
1992 von Österreich ratifiziert
193 Vertragsstaaten
1.221 Welterbestäen weltweit
10 Welterbstäen in Österreich
ÖUK Rolle: Geschässtelle der Öster-
reichischen Welterbestäen-Konferenz,
unterstützende Funktion, Information
und Beratung
ÖUK Schwerpunkte: Vernetzung der
österreichischen Welterbe-Akteur*innen,
Welterbe-Bildung, Bewusstseinsbildung
Milerweile genießen 1.221 Kultur- und Natur-
stäen von außergewöhnlichem, universellem
Wert in 168 Staaten besonderen Schutz im Rahmen
des „Übereinkommens zum Schutz des Kultur-
und Naturerbes der Welt“ (kurz: Welterbekonven-
tion). In Österreich, seit 1992 Vertragsstaat zur
Konvention, befinden sich zehn dieser einzigar-
tigen Zeugnisse der Menschheits- und Naturge-
schichte, die es für die gesamte Menschheit und
für kommende Generationen zu bewahren gilt.
Die Kulturlandscha der Wachau feierte heuer ihr 20-Jahr-Jubiläum als Welterbe-
stäe. Prächtige Klosteranlagen, mielalterliche Orte, Burganlagen und Wein-
terrassen dominieren diesen besonders schützenswerten Abschni der Donau
35
Bezug zu den UN-Zielen für nachhaltige Entwicklung / Sustainable Development Goals (SDGs)
SDG 11: Zur Nachhaltigkeit von Städten und Siedlungen leistet die Welterbekonvention einen Beitrag, indem sie dazu auf-
fordert, die Anstrengungen zum Schutz und zur Wahrung des Weltkultur und -naturerbes zu verstärken (Unterziel 11.4).
SDG 13: Der Schutz von Kulturerbe trägt dazu bei, die Widerstandskra und die Anpassungsfähigkeit gegenüber klima-
bedingten Gefahren und Naturkatastrophen zu stärken (Unterziel 13.1).
AUSGEWÄHLTE AKTIVITÄTEN 2020
44. Sitzung des Welterbekomitee
Vom 29. Juni–9. Juli 2020 war die jährliche Sitzung des Welterbe-
komitees in Fouzhou/China angesetzt. Für Österreich wären ins-
besondere die Entscheidungen zu den Welterbe-Nominierungen
„Grenzen des Römischen Reiches – Donaulimes“ sowie der „Great
Spas of Europe“ von besonderem Interesse gewesen. Als Konse-
quenz der weltweiten Gesundheitskrise, die die Abhaltung einer
solchen Großveranstaltung unmöglich gemacht hat, wurde die
Welterbekomitee-Sitzung im Rahmen der 14. außerordentlichen
Sitzung des Komitees auf das Jahr 2021 verlegt.
Österreichische Welterbestäen:
Vernetzung und Austausch in Zeiten der Krise
Eine der Hauptaufgaben der ÖUK im Bereich des Welterbes ist ihre
Rolle als Geschässtelle der Österreichischen Welterbestäen-
Konferenz. Die ursprünglich für April geplante Klausurtagung der
Welterbestäenmanager*innen konnte glücklicherweise im Juni
in gewohntem Rahmen stafinden. Die 16. Österreichische Welt-
erbestäen-Konferenz, eigentlich für 9.-10. November unter dem
Titel „Mehr als Denkmal? – Dimensionen des Denkmalschutzes und
der Denkmalpege im Kontext der Welterbekonvention“ im Schloss
Schönbrunn anberaumt, musste aufgrund der Entwicklungen
auf unbestimmte Zeit verschoben werden. Auf Initiative der ÖUK
wurden drei virtuelle Treen der Österreichischen Welterbestät-
ten veranstaltet, um auch in Zeiten des Lockdowns Austausch und
Zusammenarbeit zu ermöglichen.
Bewusstseinsbildung und Öentlichkeitsarbeit:
Textbaukasten zum Welterbe
Ein milerweile wesentlicher Schwerpunkt liegt im gemeinsamen
öentlichen Auri und in der gemeinsamen Vermilung aller zehn
österreichischen Welterbestäen. Um hier eine qualitativ hochwer-
tige und vereinheitlichte Ressource anbieten zu können, beauragte
die ÖUK mit Dr. Michael Huter einen erfahrenen Wissensvermiler
und Museumstexter mit der Erarbeitung eines Textbaukastens zum
österreichischen Welterbe. Ziel war eine ansprechende und zugäng-
liche textliche Annäherung an die außergewöhnlichen, universellen
Werte des österreichischen Welterbes. Die entwickelten Texte sollen
fortan von den österreichischen Welterbestäen
und anderen Stakeholder*innen im Bereich der
Welterbevermilung sowie Presse- und Öent-
lichkeitsarbeit eingesetzt werden.
Denkmalmesse MONUMENTO Salzburg
Bereits zum drien Mal konnte auf der internati-
onalen Denkmalmesse MONUMENTO ein gemein-
samer Auri der Österreichischen Welterbe-
stäen und der ÖUK, in Zusammenarbeit mit dem
Bundesministerium für Kunst, Kultur, öentlicher
Dienst und Sport und dem Bundesdenkmalamt,
realisiert werden, um sowohl die Fachcommunity
als auch eine interessierte Öentlichkeit über
die gemeinsame Arbeit in Sachen Welterbe und
Denkmalschutz zu informieren.
© DagmarRedl-Bunia
36
© Jessi ca Johnsto n / unsplash
KULTURGÜTERSCHUTZ
Kulturelle Identitäten bewahren
Angefangen mit der Haager Konvention zum Schutz von Kulturgut
bei bewaneten Konikten wurden seit 1954 vier völkerrechtliche
Übereinkommen von der UNESCO verabschiedet, die den Schutz von
beweglichen und unbeweglichen Kulturgütern zum Ziel haben.
Insbesondere das Übereinkommen über Maßnahmen zum Verbot
und zur Verhütung der unzulässigen Einfuhr, Ausfuhr und Über-
eignung von Kulturgut, das 2020 sein 50-jähriges Bestehen feiern
konnte, steht angesichts der globalen Auswirkungen illegalen
Kulturguthandels zunehmend im Fokus.
AUSGEWÄHLTE AKTIVITÄTEN 2019
Kulturgüterschutzpanel
Auch 2020 war die ÖUK im Kulturgüterschutzpanel des Bundesminis-
teriums für Inneres (BMI) aktiv. Gemeinsam mit zentralen Akteur*in-
nen auf nationaler Ebene, allen voran dem Bundesministerium für
Kunst, Kultur, Öentlichen Dienst und Sport (BMKÖS), dem Bundes-
denkmalamt (BDA), ICOM Austria, Blue Shield Austria und vielen wei-
teren wird im Rahmen dieser Arbeitsgruppe die wirksame österreichi-
sche Umsetzung des „Übereinkommens über Maßnahmen zum Verbot
und zur Verhütung der unzulässigen Einfuhr, Ausfuhr und Übereig-
nung von Kulturgut“ (1970) vorangetrieben und sichtbar gemacht.
ÜBEREINKOMMEN über Maßnahmen
zum Verbot und zur Verhütung der
unzulässigen Einfuhr, Ausfuhr und
Übereignung von Kulturgut
1970 von der UNESCO verabschiedet
2015 von Österreich ratifiziert
140 Vertragsstaaten
HAAGER KONVENTION zum Schutz von
Kulturgut bei bewaneten Konikten
1954 in Den Haag verabschiedet,
1999 zweites, erweitertes Protokoll
1964 von Österreich ratifiziert
133 Vertragsstaaten
ÖUK Rolle: Unterstützende Funktion,
Beratung und Öentlichkeitsarbeit
ÖUK Schwerpunkte: Unterstützung bei
der Umsetzung, Mitarbeit im Kulturgut-
Panel, Bewusstseinsbildung
Bezug zu den UN-Zielen für nachhaltige Entwicklung /
Sustainable Development Goals (SDGs)
SDG 13: Kulturgüterschutz korreliert direkt mit der Stärkung der
Widerstandskra und Anpassungsfähigkeit gegenüber klima-
bedingten Gefahren und Naturkatastrophen (Unterziel 13.1).
SDG 16: Die Umsetzung des UNESCO-Übereinkommens unterstützt
die Wiedererlangung und Rückgabe gestohlener Vermögenswerte,
speziell Kulturgüter, bekämp somit organisierte Kriminalität und
hil bei der Reduktion illegaler Finanzströme (Unterziele 16.4).
Kulturgüter, etwa Grabungsfunde, sind insbesondere in Koniktregionen
gefährdet und müss en sowohl vor Zer störung, als auch vor Raub, Diebstahl und
illegalem Handel geschützt werden.
Kommentar von MAG.A ANITA GACH
und FLORIAN MEIXNER, MA BA
Illegaler Handel mit oder widerrecht-
liche Verbringung von Kulturgütern
fügt nicht nur jenen Gesellschaften,
aus denen die Objekte ursprünglich
entwendet wurden, irreparable kul-
turelle Schäden zu, auch die globalen
sicherheitspolitischen Implikationen
von Raubgrabungen, Plünderungen
und Schmuggel sind nicht zu unter-
schätzen. Führende internationale
Organisationen – allen voran UNESCO
und UNODC (United Nations Office
on Drugs and Crimes) – weisen immer
wieder auf die wachsende Bedeutung
des Handels mit geplünderten oder
geraubten Kulturgütern im Bereich der
Geldwäsche und des organisierten Ver-
brechens hin, und nicht zuletzt betonte
auch der UN-Sicherheitsrat den Zusam-
menhang mit Terrorfinanzierung. Das
„UNESCO-Übereinkommen über Maß-
nahmen zum Verbot und zu r Verhütu ng
der rechtswidrigen Einfuhr, Ausfuhr
und Übereignung von Kulturgut“ aus
dem Jahr 1970 zählt zu den zentralen
internationalen Rechtsinstrumenten im
Kampf gegen diese weltweite Problema-
tik. 2020 feierte das Übereinkommen,
das 2015 von der Republik Österreich
ratifizier t wurde, se in 50-Jahr-Jubil äum.
In Öster reich sind mehr ere Institut ionen
und Behörden für die Umsetzung des
Übereinkommens verantwortlich –
allen voran das Bundesministerium für
Kunst, Kultur, öffentlichen Dienst und
Sport (BMKÖS) und das Bundesdenk-
malamt, aber auch das Bundesminis-
terium für Finanzen (BMF) und das
Bundesministerium für Inneres (BMI)
sind wesentlich daran beteiligt. Im
Bereich der Exekutive ist in Österreich
das Kulturgutreferat im Bundeskrimi-
nalamt für sämtliche Delikte im Kunst-
bereich zuständig, wie beispielsweise
bei Diebstahl und Hehlerei, Untersch la-
gung, Veruntreuung oder Betrug. Die
Zuständigkeit beschränkt sich jedoch
nicht nur auf nationale Fälle. Das Bun-
deskriminalamt übt auch die Funktion
von Interpol aus, weshalb regelmäßig
Ermittlungsersuchen aus dem Ausland
einlangen: 2020 besonders häufig aus
Deutschland, Italien, Bulgarien, Zypern,
Iran und Peru.
Illegaler
Kulturgüterhandel
mit außer-
europäischem
Kulturgut:
Erfahrungen aus
der polizeilichen
Praxis
37
„Führende internationale
Organisationen weisen immer
wieder auf die wachsende
Bedeutung des Handels mit
(…) geraubten Kulturgütern im
Bereich der Geldwäsche und
des organisierten Verbrechens
hin, und nicht zuletzt betonte
auch der UN-Sicherheitsrat
den Zusammenhang mit
Terrorfinanzierung.“
© LKA NÖ
Das vermeintliche Urlaubsandenken eines Niederösterreichers wurde von der Generaldirektion
zum Schutz des nationalen Kulturerbes beim peruanischen Kulturministerium als Grabbeigabe der
Chancay-Zeit und dadurch als nationales kulturelles Erbe eingestu.
38
Beispiel Peru
Das peruanische Kulturministerium
entdeckt häufig auf einer österreichi-
schen Onlineplattform Kulturgüter,
die unrechtmäßig aus Peru ausgeführt
oder gestohlen w urden. Das Bu ndeskri-
minalamt wird in solchen Fällen vom
Bundesministerium für europäische
und internationale Angelegenheiten
und/oder Interpol Lima über bedenkli-
che Angebote infor miert. Anschl ießend
werden die betreffenden Gegenstände
vom zuständigen Landeskriminalamt
sichergestellt und Ermittlungen einge-
leitet. Die Besitzer*innen der Gegen-
stände sind in vielen Fällen Privatper-
sonen, die diese beispielsweise in Peru
als Touristenware erworben haben. Von
anderen Käufer*innen, etwa solchen,
die sich länger in Peru auf hielten und
dort tätig waren, wäre wohl mehr Sen-
sibilität im Umga ng mit dortigen Kultu r-
gütern zu erwarten gewesen.
Straf rechtlich si nd solche Fälle nicht
einfach zu lösen, da der Ankauf oft
Jahre zurückliegt, die illegale Ausfuhr
in Österreich kein Delikt darstellt oder
der Diebstahl aufgrund fehlender oder
mangelhafter Fahndungsinformationen
schwer zu beweisen ist. Rückgaben nach
dem erst seit 2016 in Kraft befindlichen
Kulturgüter rückgabegesetz (KGRG) auf
Basis der UNESCO-Konvention von
1970 konnten bisher nicht zur Anwen