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Abstract

Warum sollte der Wald in Berlin und Brandenburg mehrere Zukünfte haben? Nun, Zukunft ist Ergebnis der Entwicklung komplexer, miteinander interagierender Systeme und gerade in Zeiten rascher Veränderungen nicht vorhersagbar. Es gibt u.a. Zukünfte, die wir uns wünschen können, solche, die unter bestimmten Umständen durch unser Handeln beeinflusst werden, und eben jene eine, die sich dann ergibt. Im Kontext der Waldbewirtschaftung schien die Zukunft lange Zeit halbwegs kalkulierbar – nämlich unter der Annahme, dass die Rahmenbedingungen stabil bleiben. Das Pflanzen von Bäumen und die Bewirtschaftung von Wäldern ist ein zukunftsabhängiges Geschäft – eine Wette auf die Zukunft. Aber was ist zu tun, wenn die Zukunft weniger kalkulierbar ist als ein Pferderennen?
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ZUKUNFT WALD THEMA
D
ie Grundannahme, dass Bäume in Zukun
mehr oder weniger so wachsen werden wie
in der Vergangenheit, war strenggenom-
men nie zuverlässig, aber auch nicht völlig unrealis-
tisch. Aktuell sorgt allerdings vor allem die Klima-
krise dafür, dass die Unsicherheit ins Unermessliche
wächst. Diese Unsicherheit bedeutet nicht Beliebig-
keit. Vielmehr gibt es plausible Szenarien bezüglich
bestimmter Trends, die unbedingt zu beachten sind,
um realistisch zu bleiben. Entscheidend ist die Ein-
sicht, dass Wald – mit seinen langlebigen Bäumen–
als Ökosystem auf relativ stabile Umweltbedingun-
gen angewiesen ist. Jeglicher Umweltwandel, der
mit schnellen Veränderungen einhergeht, aber vor
allem auch mit zunehmender Volatilität (Schwan-
kung) und stärkeren sowie häugeren Extremen, die
die Existenzbedingungen von Bäumen beeinussen
(u.a. Wasserverfügbarkeit in der Vegetationsperi
-
ode, Höchsttemperaturen, Fröste, mittel- und län-
gerfristige Kombination mehrerer Extreme), erhöht
die Vulnerabilität (Verwundbarkeit) von Wäldern.
Sich die Zukun in erster Linie von den eigenen
Wünschen und Bedarfen her auszumalen und ent-
sprechend steuern zu wollen, ist allzu menschlich –
führt aber relativ leicht zu Enttäuschungen und zu
unvorhergesehenen Folgen des eigenen Handelns.
Visionen sind unverzichtbar, aber sie müssen realis-
tisch sein. Das Ausblenden von existierendem Wis-
sen über das Ökosystem, über das unvermeidbare
Nichtwissen und die entsprechenden plausiblen Ri-
siken ist nicht zu verantworten.
Warum sollte der Wald in Berlin und Brandenburg mehrere Zukünfte haben? Nun, Zukunft ist das Ergebnis der Entwick-
lung komplexer, miteinander interagierender Systeme und gerade in Zeiten rascher Veränderungen nicht vorhersagbar.
Es gibt u. a. Zukünfte, die wir uns wünschen können, solche, die unter bestimmten Umständen durch unser Handeln
beeinusst werden, und eben jene eine, die sich dann ergibt. Im Kontext der Waldbewirtschaftung schien die Zukunft
lange Zeit halbwegs verlässlich – nämlich unter der Annahme, dass die Rahmenbedingungen stabil bleiben. Das Pan-
zen von Bäumen und die Bewirtschaftung von Wäldern sind ein zukunftsabhängiges Geschäft – eine Wette auf die
Zukunft. Aber was ist zu tun, wenn die Zukunft weniger kalkulierbar ist als ein Pferderennen?
Wenn es nun darum geht, für die Waldzukun zu
planen, gibt es grundlegende Prämissen:
1. Die realistischen Szenarien v.a. zur Entfaltung
der Klimakrise müssen bei der Entwicklung
von Visionen Teil der Grundannahmen sein.
Es muss bedacht werden, dass es zusätzliche,
bislang unvorhersehbare Veränderungen, Über-
raschungen und Risiken gibt.
2.
Die aktuelle Ausgangssituation der Wälder
nimmt Einuss auf die Zukun und ist eine
Stellgröße, die ggf. noch durch Management
auf lokaler und regionaler Ebene beeinusst
werden kann.
3.
Angesichts der Unmöglichkeit, den globalen
Wandel durch lokales Handeln unmittelbar zu
beeinussen, ist die Verringerung der Vulner-
abilität des Waldes gegenüber den Folgen der
Klimakrise das wichtigste Ziel.
Wissen, Szenarien und Visionen
Die Wälder bzw. Forsten der Region Berlin-Bran
-
denburg benden sich überwiegend in einem sehr
naturfernen Zustand. Es dominieren plantagenarti-
ge Nadelbaum-Monokulturen (Abb. 1), die neben
ausgeprägter Homogenität bezüglich Struktur und
Baumalter dem weitgehenden Fehlen von ökosys-
temtypischen Arten und Strukturen (z. B. Schich-
tung, Totholz) und von mehr oder weniger stark
degradierten Böden charakterisiert sind. Die reale
WALDZUKÜNFTE
IN BERLIN-
BRANDENBURG
Linke Seite: Natürliche
Erneuerung eines
Waldökosystems im
zweiten Sommer nach dem
Waldbrand von Treuen-
brietzen: Espen unter toten
Kiefern.
Strukturreicher und sich
selbst organisierender
Buchenwald im Grumsin,
Teilgebiet des europäischen
UNESCO-Weltnatur-
erbes "Alte Buchenwälder
und Buchenurwälder der
Karpaten und anderer
Regionen Europas".
Kahlschlag in Fichtenforst
bei Eberswalde mit nach-
folgender Pflanzung von
Nadelbäumen.
Maschinelle Fällung und
Holzernte nach Waldbrand
in Treuenbrietzen.
Fotos: Pierre Ibisch
WISSEN, SZENARIEN UND VISIONEN
naturmagazin 4/2021
naturmagazin 4/2021 7
THEMA ZUKUNFT WALD
sowie Waldränder tragen durch erhöhte Verdun-
stung und Bodenverdichtung zu Wasserverlust bzw.
der schlechten Wasserrückhaltefähigkeit bei.
Waldbaubedingte Strukturarmut sowie Naturferne
und Stoeinträge bedingen vielerorts einen erhebli-
chen Verlust der biologischen Vielfalt – und reduzie-
ren damit die ökosystemare Selbstorganisation bzw.
-regulation. Zu ungünstigen bzw. sich verschlech-
ternden Wuchsbedingungen tritt in weiten Teilen ein
erheblicher Fraßdruck seitens großer Panzenfres-
ser hinzu, welcher durch das bestehende Jagdregime
meist nicht nennenswert beeinusst wird.
Die zurückliegenden Jahre mit hohen Temperaturen
und der ausgeprägten Dürre haben zur deutlichen
Schwächung der Waldökosysteme beigetragen. Dies
zeigen nicht allein im Wald beobachtbare Parame-
ter, wie das Absterben von Bäumen und Kronen-
verlichtung, sondern auch fernerkundungsbasierte
Daten etwa zur „Grünheit“ (Vegetationsindex ND-
VI), die quantitative Aussagen über die Vitalität der
Wälder und deren Veränderung erlauben (Abb. 2).
Obwohl in Mitteleuropa ein langfristiger Trend des
„Ergrünens“ beobachtbar ist, was mit einer Zunah-
me der Photosyntheseleistung und der Nettoprimär-
produktion einhergeht, zeigen weite Teile der Wälder
in Berlin-Brandenburg etwa im Zeitraum von 2013
bis 2020 einen Rückgang. Die fernerkundungsbasier-
te Karte zeigt eine starke Abnahme von Vitalität dort,
wo Bäume ächig abgestorben oder verbrannt sind
bzw. Kahlschläge durchgeführt wurden. Größere Tei-
le der Kiefernforsten zeigen eine Abnahme der Vita-
lität, was überwiegend mit Dürre- und Hitzeperio-
den sowie mit sekundären Schädigungen etwa durch
Pilze oder Insekten in Verbindung zu bringen ist. Die
Abnahme der Vitalität der Kiefernforsten ist teilwei-
se ähnlich ausgeprägt wie im Falle der Fichtenforsten
in anderen Teilen Deutschlands.
Eine schwache Zunahme oder eine gering ausge-
prägte Veränderung zeigt sich in vielen Laubmisch-
wäldern – v.a. in den stärker bewaldeten Regionen
und naturnäheren Wäldern. Eine starke Vitalitäts-
zunahme innerhalb von als Nadelwald bezeichneten
Gebieten ergibt sich v.a. aus der Wiederbewaldung
oder Sukzession auf ehemaligen Kahlächen bzw.
auf Rekultivierungsächen.
Der Zustand der Ökosysteme korreliert mit der Ober-
ächentemperatur, die ebenfalls satellitenbasiert
Biomasse der Wälder macht nur einen vergleichs-
weise kleinen Anteil der potenziell möglichen aus.
Die Wasserrückhaltefähigkeit der Ökosysteme ist
stark eingeschränkt; hinzu tritt in vielen Gebieten
eine Drainage. Die Wald- und Gehölzäche ist mit
Ausnahme weniger Landschaen stark fragmentiert.
Historische Entwaldung, aber auch Infrastrukturen
wie Straßen und Wege haben dafür gesorgt, dass ein
Großteil der Wälder von entsprechenden stoichen
und mikroklimatischen Randeekten negativ beein-
usst wird. Die Feinerschließung der Forsten bedingt
zusammen mit dem vorhandenen Wegenetz, dass
bis zu 15–20 Prozent der Waldäche dauerha nicht
von Bäumen bewachsen ist. Wege und Rückegassen
STREUOBSTWIESEN THEMA
gemessen werden kann (Abb. 3), wobei Gewässer
und Wälder an heißen Tagen grundsätzlich die ge-
ringsten Höchsttemperaturen aufweisen (Gohr et
al.2021). Am kühlsten sind größere, gewässer- und
wasserreiche Waldblöcke. Große Kahlächen im
Wald, wie sie etwa im Zuge des Umgangs mit Kala-
mitäten eingerichtet wurden, erwärmen sich ähnlich
stark wie Äcker und Siedlungsächen. Die mittleren
Höchsttemperaturen in Teilen der Region sind auch
deshalb besorgniserregend hoch, da sie eine star-
ke Verdunstung begünstigen und zudem Panzen
durch Austrocknung und direkte Hitzewirkung ge-
schädigt werden. Die nutzungsbedingte Auichtung
von Wäldern und Forsten trägt wesentlich zu deren
Erwärmung und damit zur Schwächung bei (Blum-
röder et al. 2021).
Viele Waldökosysteme der Region sind bereits stark
geschwächt. Die forstliche Nutzung einschließlich
der infrastrukturellen Erschließung erhöht die An-
fälligkeit gegenüber der Klimakrise. Zur von der glo-
balen Klimakrise ausgelösten Erwärmung tritt eine
land- und forstnutzungsbedingte hinzu. Die entspre-
chende Erwärmung an heißen Tagen bedeutet einen
verstärkten hydrischen Stress. Dort wo Bäume ab-
sterben, gelangt mehr Strahlung und Hitze in das
Ökosystem – hierbei handelt es sich um eine positive
Rückkopplung (verstärkt sich selbst). Die Zahl der
Extremtage hat sich stark vermehrt. 2019 wurden in
Nordbrandenburg in Kiefernforsten Spitzentempe-
raturen von über 45 °C gemessen. Baumarten, die
mehr oder weniger an Trockenheit auf extremeren
Standorten angepasst sind, wie etwa die eher borea-
len Pionierbaumarten Birke oder Kiefer, zeigen eine
deutliche Empndlichkeit gegenüber hohen Tempe-
raturen. Konventionelle Praktiken, wie etwa die Wie-
derauorstung auf Kahlächen, sind omals nicht
mehr eektiv.
Ausgehend von dieser aktuellen Situationsbeschrei-
bung erfolgt der Blick in die Zukun: Die Klima-
szenarien auf Grundlagen der realistischen globa-
len Emissionsszenarien weisen eindeutig darauf hin,
dass sich die Erwärmung über lange Zeit fortsetzen
und ggf. sogar beschleunigen wird. Ein Szenario mit
sinkenden Temperaturen und steigendem Nieder-
schlag ist unrealistisch.
Es geht in Zukun nicht darum, den Wald an ein
zuküniges Klima anzupassen. Vielmehr wird
der Wandel für lange Zeit – im schlimmsten Falle
INFO
Insektizide in Forsten
Die Anwendung insbesondere von ökotoxikologisch bedenklichen In-
sektiziden gegen Kiefernspinner, Nonne u. a. in forstlichen Monokultu-
ren, ndet bundesweit immer noch statt. Obwohl alle forstökologischen
wissenschalichen Publikationen belegen, dass diese Anwendungen
meist vom Hubschrauber aus und in Brandenburg mit Notfallzulassun-
gen durch das Landesamt für Ländliche Entwicklung, Landwirtscha
und Flurneuordnung in Frankfurt an der Oder der Artenvielfalt extrem
schaden. Erinnert sei an den Nonnenbefall in einer Kiefernmonokultur
im Landkreis Potsdam-Mittelmark, der mit dem Insektizid „Karate Forst
Flüssig“ vom Hubschrauber aus bekämp werden sollte. Zwar konnte dies
nach einigen Tagen per Gerichtsbeschluss vom NABU Brandenburg ge-
stoppt werden, trotzdem kam es dabei zum Massensterben von natürli-
chen Feinden der Nonne. Heute sind keine Unterschiede zwischen den
besprühten und unbesprühten Kiefernbeständen sichtbar.
Auf Bundesebene wird weiterhin das Präparat „Karate Forst Flüssig“, ein
Allround-Insektizid der Firma Syngenta versprüht, unter anderem ge-
gen Borkenkäferbefall, der insbesondere in Fichtenmonokulturen gro-
ßen Schaden anrichtet. Werden im Wald gelagerte Baustämme besprüht,
sind auch andere Insekten, die diese temporären Habitate aufsuchen,
durch Hautkontakt betroen. Dabei ist mittlerweile bekannt, dass es vie-
le Insektenpopulationen (z. B. Floriege, Siebenpunkt-Marienkäfer und
Schwebiege) schädigt; alles Organismen, die als Ökosystemdienstleister
innerhalb eines komplexen Gefüges den Wert des Waldes für uns Erho-
lungssuchende und für die Artenvielfalt aufrechterhalten.
PD Werner Kratz, Freie Universität Berlin, Institut für Biologie,
kratzw@zedat.fu-berlin.de
Abb. 1: Verbreitung von
Wald und Gehölzen in
Berlin und Brandenburg
(2018). Ländergrenzen in
grau. Datengrundlage:
CORINE Land Cover 2018,
100 m, WGS 84
(Copernicus 2018) und
Waldbedeckung 2018,
30 m, WGS84
(Hansen et a. 2013)
Abb. 2: Vitalitätsverän-
derung der Wälder in
Berlin und Brandenburg
zwischen 2013 und 2020.
Ländergrenzen in grau.
Datengrundlage: Landsat
7 und 8, WGS84, NDVI
(Ermida et al. 2020)
Abb. 3: Mittelwerte der Tages-Oberflächentemperaturen der heißesten Tage ( 30 °C, mittags)
in Berlin und Brandenburg im Jahr 2020. (Kennwerte: min = 18,1 °C; max = 35,9 °C;
Durchschnitt = 25,6 °C). Ländergrenzen in grau.
Datengrundlage: MODIS Aqua, WGS84, LST (Didan 2015)
6naturmagazin 4/2021
naturmagazin 4/2021 naturmagazin 4/2021 98
ZUKUNFT WALD THEMA
THEMA ZUKUNFT WALD
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beschleunigt – fortschreiten. Vor allem, wenn sich
in absehbarer Zeit längere Hitze- und Dürreperio-
den wiederholen, könnten innerhalb relativ kurzer
Zeit große Anteile der Kiefernforsten ausfallen, so
wie es aktuell mit vielen Fichtenforsten passiert. Ei-
ne konkrete Baumartenzusammensetzung kann für
die nächsten Jahrzehnte nicht vorhergesagt werden.
INFO
Funktionen des Waldes bewahren
Im Juli 2021 haben Vertreter der vier Bundesländer Sachsen, ürin-
gen, Sachsen-Anhalt und Brandenburg eine gemeinsame Erklärung
unterschrieben, deren Ziele zum „Leitbild der Waldbewirtschaung
und -pege im Landeswald gehören“ sollen.
1.
Wälder zu klimastabilen Dauerwäldern weiterentwickeln und
CO2-Senkenwirkung erhöhen
2. Wasserspeicherkapazitäten des Waldes erhalten und erhöhen
3. Bodenfruchtbarkeit erhalten und Bodenschutz verbessern
4. Arten- und Biotopschutz im Wald erhalten und stärken
5. Finanzielle Unterstützung an Klima- und Ökosystemleistungen der
Wälder ausrichten
6. Regionale Wertschöpfung erhöhen
7. Länderübergreifende Forschung und Wissenstransfer
Diese Ziele sollen die Grundlage für Förderprogramme der Länder, des
Bundes und der Europäischen Union sein, genauso sollen sich Beratung
und Fortbildung von Waldbesitzenden und Waldbewirtschaenden da-
ran orientieren. (kk)
Bundeswaldinventur
Am 1. April 2021 startete die 4. inzwischen gesetzlich festgelegte Bun-
deswaldinventur, für die bis Ende 2022 Daten gesammelt werden. Er-
fasst werden stichprobenartig unter anderem folgende Daten: Baumar-
ten, Baumdurchmesser, Baumhöhe an ausgewählten Bäumen, Totholz,
Landnutzung vor oder nach Wald. Daraus wird der aktuelle Zustand des
Waldes ermittelt und mit den Daten der letzten Bundeswaldinventur im
Jahre 2012 verglichen, um Veränderungen festzustellen. Mit dieser Inven-
tur wurde vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtscha
das ünen-Institut beauragt. Ziel der Inventur gilt folgenden Fragen:
Wie viel Wald gibt es in Deutschland? Wie sieht er aus? Wie hat er sich
verändert? Wie viel Holz wird genutzt und wie viel wächst nach? Neu ist,
dass erstmals auch DNA-Proben zur Ermittlung der genetischen Vielfalt
genommen werden. (kk)
LINK
https://bwi.info/
Visionen, die ‚baumartenscharf ‘ die biotische Zu-
sammensetzung der Wälder bestimmen und die zu
entsprechenden Eingrien ins System führen, ha-
ben kein hinreichend belastbares wissenschaliches
Fundament. Weder konnten die jüngsten Ökosys-
temreaktionen in Deutschland modelliert werden,
noch kann vorhergesagt werden, welche Arten be-
sonders zukunstauglich sind. Forstnutzung, Holz-
verarbeitung und letztlich die gesamte Gesellscha
werden sich darauf einstellen müssen. Angesichts
der bedrohlichen Szenarien ist die Funktions- und
Leistungsfähigkeit von Waldökosystemen die ent-
scheidende Zielfunktion, der sich alles andere un-
terordnen muss.
Schlussfolgerungen für einen
zukunftsfähigen Wald
Ein „Weiter so“ ist keine Option. Die auf starken Ein-
grien ins Ökosystem ausgerichtete Forstwirtscha
ist für die derzeitige kritische Lage mit verantwort-
lich. Der Einsicht, dass die Waldbewirtschaung
ökologischer oder naturgemäßer sein müsse, sind
nur in unzureichendem Maße Taten gefolgt. Es er-
fordert nunmehr kurzfristig beherzte Programme,
welche die Vulnerabilität der Wälder bestmöglich
verringern. Ökosystemtheorie und Systemökologie
liefern eine schlüssige Untermauerung von Hand-
lungsanweisungen: Wälder müssen hinreichend gr
sein, Zerschneidung, Randeekte und physische Be-
einträchtigung sind zu reduzieren.
Ökosystemtypische Biomasse und Strukturen sind
Grundlage für wichtige neu auretende Eigenschaf-
ten, die Selbstorganisation und Selbstregulation so-
wie eine bestmögliche Puerung der Umweltbedin-
gungen bewirken. Ein ökosystembasierter Ansatz
der Waldbewirtschaung bedeutet in erster Linie
Vorsicht und Vorsorge: Im Angesicht großer Zu-
kunsunsicherheit werden vor allem Böden und
Wasserressourcen möglichst schonend behandelt,
und es gibt ein Bewusstsein für die Notwendigkeit
und die Möglichkeiten des Mikroklima-Manage-
ments. Jegliche Kahlschläge – auch auf Kalamitäts-
ächen – müssen verboten, sowie Feinerschließung
und Befahrung stark reduziert werden.
Deterministische (festgelegte) Zielbestandstypen
widersprechen der ergebnisoenen Ökosystem-
entwicklung. Das Waldmanagement darf nicht auf
spezische Baumarten abzielen, sondern auf die Ent-
wicklung der ökosystemaren Resistenz und Resilienz
(Widerstands- und Anpassungsfähigkeit), die v.a.
von der strukturellen und biologischen Vielfalt so-
wie von Boden und Mikroklima beeinusst werden.
Es braucht neuartige Experimente zur Verringerung
der Brandgefahr und zum Umgang mit degradier-
ten Böden. Die Anreicherung der Forsten mit Tot-
holz und die Förderung der Naturverjüngung muss
konsequent betrieben werden – ohne die Bestände
dabei zu stark aufzulichten. Nicht eektive oder gar
kontraproduktive Jagdpraktiken müssen unterbun-
den werden. Hier braucht es eine kritische Evaluati-
on der gegenwärtigen Praktiken und ihrer Erfolge.
Waldbesitzenden ist nanziell zu ermöglichen, dass
die regulierenden Ökosystemleistungen des Waldes
nicht beeinträchtigt oder gar verbessert werden.
Ökosystemare Leistungsfähigkeit kann fernerkun-
dungsbasiert etwa über Temperatur und Vitalität
gemessen werden und ist zu belohnen (Ibisch et
al.2021). Eine ökosystembasierte Waldbewirtschaf-
tung kann nicht für alle Klimaszenarien garantieren,
dass es dem Wald gut gehen wird. Aber stärkere In-
terventionen mit starken Eingrien in Böden, Mi-
kroklima und ökosystemtypische Biodiversität sind
auf Grundlage des heutigen Wissens und Nichtwis-
sens nicht zu rechtfertigen.
Eine mittelfristige Vision: Im Umgang mit dem Wald
hat die Ökologie Vorrang. Wälder werden für die
gesamte Bandbreite von Ökosystemleistungen mit
Alfred Möller und die Idee vom Dauerwald
Alfred Möller (1860–1922) war wohl der erste, der sich mit einer ganzheit-
lichen Betrachtung des Waldes befasste. Nach einem dreijährigen Aufent-
halt im Amazonasurwald, der ihm einen Einblick in den Auau und die
Struktur eines natürlichen Waldes gewährte, lehrte der spätere Akademie-
direktor ab 1899 das Fach Waldbaulehre an der preußischen Forstakademie
in Eberswalde, im dortigen Stadtwald fand Möller seine letzte Ruhestätte.
1920 veröentlichte er seine Dauerwaldidee mit fünf wesentlichen Teil-
zeilen für eine Waldbewirtschaung, die heute als nachhaltig bezeich-
net werden kann.
Gleichgewichtszustand aller dem Wald eigentümlichen Glieder
Gesundheit und Tätigkeit des Bodens, d. h. Schutz und Pege der
Bodenlebewelt
Mischbestockung
Ungleichaltrigkeit
einen überall zur Holzwerterzeugung genügenden lebenden
Holzvorrat.
Schon im Vorwort fordert Möller den „Holzackerbau“ zu beenden und
sich in der Forstwirtscha nicht länger an der „großen Schwester Acker-
bau“, zu orientieren. (kk)
Buchtipp:
INFO
Alfred Möller, Wilhelm Bode (Hrsg.)
Alfred Möllers Dauerwaldidee
476 Seiten, Matthes & Seitz Berlin, ISBN 978-3-957579-63-8, 24,00 Euro
naturmagazin 4/2021 11
THEMA ZUKUNFT WALD
10 naturmagazin 4/2021
Blumröder, J.S., F. May, W. Härdtle & P.L. Ibisch (2021):
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101442. https://doi.org/10.1016/j.ecoinf.2021.101442
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Konzept zur Förderung der Funktionen und Leistungen von
Waldökosystemen in Deutschland. Centre for Econics and Eco-
system Management an der Hochschule für nachhaltige Ent-
wicklung Eberswalde für die Bundestagsfraktion Bündnis 90/
Die Grünen. Eberswalde, Berlin.
LITERATUR
einem Fokus auf Kühlung und Stabilisierung des
Landschaswasserhaushalts wertgeschätzt, und es
gibt eine entsprechende Honorierung, die Waldbe-
sitzenden die Abkehr von der Massenholzwirtscha
erleichtert. Relativ resiliente und leistungsfähige
Waldökosysteme entwickeln sich ergebnisoen. Holz
wird nur noch als Wertsto geschätzt und genutzt.
Pierre L. Ibisch1,2, Charlotte Gohr1,2, Jeanette S.
Blumröder1, Deepika Mann1, Dietrich Mehl3
1 Centre for Econics and Ecosystem
Management, Hochschule für nachhaltige Ent-
wicklung Eberswalde
2Biosphere Reserves Institute, Hochschule
für nachhaltige Entwicklung Eberswalde
3Landeswaldoberförsterei Reiersdorf
Der Beitrag entstand u. a. im Kontext des Projekts
Ökologische und ökonomische Bewertung integrierter
Naturschutzmaßnahmen bei der Waldbewirtschaf-
tung zur Sicherung von Ökosystemdienstleistungen
und der Funktionsfähigkeit des Ökosystems Wald
(Gläserner Forst) - Teilprojekt 3: Ökologische Bewer-
tung und Ökosystemdienstleistungen (Bundesminis-
terium für Bildung und Forschung; Förderkennzei-
chen 01LC1603C).
Der Faule Ort ist ein kleines zwischen Eisenbahn, Straßen und Feldern eingezwängtes
Schutzgebiet, wo erahnt werden kann, wie wilde, strukturreiche
Buchenwälder in Brandenburg aussehen könnten.
WENIGER IST MEHR
WALDUMBAU IN EINEM WIRTSCHAFTSWALD
Zwischen Templin, Prenzlau, Zehdenick und Groß Schönebeck liegen die Waldflächen der Landeswaldoberförsterei
Reiersdorf. Rund 22.000 Hektar Wirtschaftswald, 3.000 Hektar Moore, Wasser, Wiesen und landwirtschaftliche
Flächen, 5.500 Hektar Naturschutzgebiet und 1.500 Hektar Totalreservatsflächen. Für Dietrich Mehl, Leiter der
Försterei, ist es ein wahrer Schatz, dass es innerhalb des Wirtschaftswaldes sehr alte Waldstrukturen gibt, wo in den
Kernzonen weit über 100 Jahre alte Bäume stehen. Beste Voraussetzungen für einen naturnahen Wirtschaftswald.
Herr Mehl, was ist eigentlich der Unterschied
zwischen einem Forst und einem Wald?
Hier in der Schoreide sind große Bereiche klas-
sischerweise ein Forst, da es dort großächig Mo-
nokulturen mit nur einer Baumsorte, vor allem
Kiefern, gibt bzw. gab. Auf der anderen Seite wird
hier schon lange am Waldumbau gearbeitet, sodass
Übergangsstadien von Forst zu Wald vorhanden
sind. Außerdem gibt es ja die Waldstrukturen mit
sehr alten Buchenwäldern, die schon lange aus der
Nutzung genommen sind, diese Bereiche kann man
als Wälder bezeichnen, auch wenn diese noch lange
nicht mit einem Urwald zu vergleichen sind.
Welche Voraussetzungen müssen für eine
nachhaltige Bewirtschaftung gegeben sein?
Erste und wichtigste Voraussetzung ist, es zu wollen
und zwar mit Herzblut. Es muss einem bewusst sein,
dass eine nachhaltige Bewirtschaung eine wichti-
ge und ganz wesentliche Aufgabe ist, um die Wälder
Unter älteren Bäumen
wachsen junge nach.
Foto: Dietrich Mehl
ZUKUNFT WALD THEMA
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Article
Full-text available
Land Surface Temperature (LST) is increasingly important for various studies assessing land surface conditions, e.g., studies of urban climate, evapotranspiration, and vegetation stress. The Landsat series of satellites have the potential to provide LST estimates at a high spatial resolution, which is particularly appropriate for local or small-scale studies. Numerous studies have proposed LST retrieval algorithms for the Landsat series, and some datasets are available online. However, those datasets generally require the users to be able to handle large volumes of data. Google Earth Engine (GEE) is an online platform created to allow remote sensing users to easily perform big data analyses without increasing the demand for local computing resources. However, high spatial resolution LST datasets are currently not available in GEE. Here we provide a code repository that allows computing LSTs from Landsat 4, 5, 7, and 8 within GEE. The code may be used freely by users for computing Landsat LST as part of any analysis within GEE. Now also available on GitHub: https://github.com/sofiaermida/Landsat_SMW_LST.git
2018 -Copernicus Land Monitoring Service
  • Copernicus
Copernicus. 2018. CLC "2018 -Copernicus Land Monitoring Service [Data Set]. " 2018. https://land.copernicus.eu/ pan-european/corine-land-cover/clc-2000.