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Welterschließende Affekte und das explanative Potenzial eines psychoanalytischen Konzepts für die Kulturpsychologie: AbjektionWorld-opening affects and the explanatory potential of a psychoanalytic concept for cultural psychology: abjection

Authors:

Abstract

Zusammenfassung Nach einer Empfehlung, Gefühle (Affekte, Emotionen) als eigenständige, welterzeugende und -erschließende Phänomene zu analysieren, wird auf Abjektivierungen und Abjektionen fokussiert. Das von Julia Kristeva eingeführte psychoanalytische Konzept wird als ein für die Kulturpsychologie heuristisch wertvoller Begriff vorgestellt. Damit lassen sich die in verletzten Selbstgefühlen, gefährdeter Selbstachtung und „seelischer Selbstvergiftung“ (Max Scheler) begründeten Abwertungen und radikalen Entwertungen von Anderen, kulturell Fremden zumal, verstehend erklären. Abjektivierungen und Abjektionen dienen der Bewahrung eigener psychischer, sozialer, kultureller und politischer Ordnungen. Sie zeitigen dabei jedoch polemogene, destruktive Effekte, die das einvernehmliche Zusammenleben von Menschen und den für jede differenzsensible, pluralistische und tolerante Gesellschaft notwendigen Zusammenhalt untergraben und massiv gefährden. Der Beitrag endet mit einem Plädoyer für eine psychologische Aufklärung, die Gefühlsarbeit – eine mühsame Verwandlung affektiver Abjektivierungen und Abjektionen – nach sich ziehen muss.
ORIGINAL ARTICLE
https://doi.org/10.1007/s43638-021-00024-w
cult.psych. (2021) 2:83–97
Welterschließende Affekte und das explanative
Potenzial eines psychoanalytischen Konzepts für die
Kulturpsychologie: Abjektion
Jürgen Straub
Eingegangen: 27. August 2021 / Angenommen: 5. Oktober 2021 / Online publiziert: 23. November 2021
© Der/die Autor(en) 2021
Zusammenfassung Nach einer Empfehlung, Gefühle (Affekte, Emotionen) als ei-
genständige, welterzeugende und -erschließende Phänomene zu analysieren, wird
auf Abjektivierungen und Abjektionen fokussiert. Das von Julia Kristeva eingeführ-
te psychoanalytische Konzept wird als ein für die Kulturpsychologie heuristisch
wertvoller Begriff vorgestellt. Damit lassen sich die in verletzten Selbstgefühlen,
gefährdeter Selbstachtung und „seelischer Selbstvergiftung“ (Max Scheler) begrün-
deten Abwertungen und radikalen Entwertungenvon Anderen, kulturell Fremden zu-
mal, verstehend erklären. Abjektivierungen und Abjektionen dienen der Bewahrung
eigener psychischer, sozialer, kultureller und politischer Ordnungen. Sie zeitigen
dabei jedoch polemogene, destruktive Effekte, die das einvernehmliche Zusammen-
leben von Menschen und den für jede differenzsensible, pluralistische und tolerante
Gesellschaft notwendigen Zusammenhalt untergraben und massiv gefährden. Der
Beitrag endet mit einem Plädoyer für eine psychologische Aufklärung, die Gefühls-
arbeit – eine mühsame Verwandlung affektiver Abjektivierungen und Abjektionen –
nach sich ziehen muss.
Schlüsselwörter Emotionen · Fremde · Interkulturalität · Konflikt · Gewalt
Diese Abhandlung entstand im Rahmen des Forschungsvorhabens „Dynamiken der
(Selbst-)Ausgrenzung und Demokratievermittlung. Multimodale Untersuchungen im Feld der
kommunalen Konfliktberatung“, das Teil des vom Verein zur Förderung der Bildung (VFB)
Salzwedel e. V. koordinierten, vom Asyl-, Migrations- und Integrationsfonds der Europäischen Union
sowie den Ländern Sachsen, Sachsen-Anhalt und Niedersachsen von 2019 bis 2022 geförderten
Projekts „Herausforderungen gesellschaftlicher Integration gemeinsam verstehen und bearbeiten“ ist.
Jürgen Straub ()
Lehrstuhl für Sozialtheorie und Sozialpsychologie, Fakultät für Sozialwissenschaft, Ruhr-Universität
Bochum, Universitätsstr. 150, 44780 Bochum, Deutschland
E-Mail: juergen.straub@rub.de
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World-opening affects and the explanatory potential of a psychoanalytic
concept for cultural psychology: abjection
Abstract Following the recommendation to analyse feelings (affects, emotions) as
independent, world-creating and world-interpreting phenomena, the current text will
focus on abjectivizations and abjections. These psychoanalytic terms, as introduced
by Julia Kristeva, are presented as heuristically valuable concepts for cultural psy-
chology. They help to understand and explain the debasement and radical devaluation
of others, especially of cultural strangers, processes that are rooted in violations of
self-esteem, endangered self-esteem and “psychic self-poisoning” (Max Scheler).
Abjectivizations and abjections serve the preservation of one’s own psychological,
social, cultural and political orders. However, they produce polemogenic, destructive
effects that undermine and massively endanger the consensual coexistence of peo-
ple and the cohesion necessary for any difference-sensitive, pluralistic and tolerant
society. The article ends with a plea for a psychological enlightenment that must
entail emotional work—a laborious transformation of affective abjectivizations and
abjections.
Keywords Emotion · Strangers · Interculturality · Conflict · Violence
In der faszinierten Ablehnung, die der Fremde in uns hervorruft, steckt ein Mo-
ment jenes Unheimlichen, im Sinne der Entpersonalisierung, die Freud ent-
deckt hat und die zu unseren infantilen Wünschen und Ängsten gegenüber dem
anderen zurückführt – dem anderen als Tod, als Frau, als unbeherrschbarer
Trieb. Das Fremde ist in uns selbst. Und wenn wir den Fremden fliehen oder
bekämpfen, kämpfen wir gegen unser Unbewußtes – dieses „Uneigene“ unse-
res nicht möglichen „Eigenen“. Feinfühlig, Analytiker, der er ist, spricht Freud
nicht von den Fremden: er lehrt uns, die Fremdheit in uns selbst aufzuspüren.
Das ist vielleicht die einzige Art, sie draußen nicht zu verfolgen (Kristeva 1990,
S. 208f.).
1 Der Mensch als intelligentes Tier und Gefühlswesen
Das motivierende Ideal einer vernunftorientierten Lebensform ist schön und gut.
Es ist ebenso unverzichtbar wie die darauf bezogene, psycho- und soziologische
Strukturanalyse praktischer Rationalität (Sichler 2020). Jedoch wird die menschli-
che Begabung, vernünftig denken und handeln zu können, in ihrer Wirkmacht häufig
überschätzt. Menschen sind Vernunft- und Gefühlswesen. Diese doppelte anthropo-
logische Bestimmung bedeutet nun keineswegs, zweierlei Instanzen und Orientie-
rungsquellen, Antriebs-, Steuerungs- oder Regulationssysteme zu postulieren, die
einander schroff entgegengesetzt wären und sich in einem ewigen Wettkampf be-
fänden, ohne jemals übereinkommen und harmonieren zu können. Sie legt jedoch
eine dringende Empfehlung nahe: Die Psychologie und erst recht die Soziologie
sowie andere Sozialwissenschaften, die sich trotz des längst ausgerufenen emotio-
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nal oder affective turn (z. B. Clough und Halley 2007) mit Gefühlen noch immer
etwas schwertun, sollten sich mit Affekten und Emotionen als eigenständigen Phä-
nomenen und spezifischen Weisen der Welterzeugung und -erschließung befassen. Im
Alltag sind leibliche Personen denkende und fühlende Wesen, und zwar fast immer
beides zugleich, sodass auch schwer durchschaubare Mischungen und Legierungen
von Rationalität und Affektivität bzw. Emotionalität auftreten und normal sind.1
Mit der althergebrachten Unterscheidung zwischen Gefühl und Vernunft wird
auch die ebenso eingeschliffene Abgrenzung des Affekts bzw. der Emotion von
der Kognition untergraben. Jan Philipp Reemtsma (2015) erläutert diesen Punkt. Er
rät dazu, das heuristische, hermeneutische und explanative Potenzial einer – phäno-
menologischen, psychologischen, psychoanalytischen – Begriffssprache der Gefühle
genauer auszuloten. Man solle die etablierte theoretische Unterscheidung zwischen
Kognitionen und Emotionen, wenn schon nicht aufgeben, „so doch gezielt [...] ver-
wischen“ (Reemtsma 2015, S. 25). Die Emotion falle bisweilen in eins mit der
Kognition, etwa dann, wenn „ein beliebiges soziales Verhältnis [...] zu einem Kon-
flikt wird“, in dem sich die Kontrahenten eben nicht nur als Gegner oder Feinde
auffassen und betrachten – eine kognitive Leistung –, um diese kognitive Operation
dann auch noch „affektiv zu besetzen“ oder mit emotionalen Bedeutungen auszu-
statten (ebd.). Jemanden als Feind wahrzunehmen und zu erleben, ihm oder ihr als
Feind zu begegnen und in diesem emotionalen Verhältnis zu sein, zu handeln und
zu leben, all das ist eins: „Die Kognition ist der Affekt, der Affekt ist die Kognition.
Eine krasse Unterscheidung [zwischen Personen oder Gruppen, zwischen ihnen und
uns, J.S.] ist nicht verbunden mit einem krassen Affekt gegenüber dem Unterschie-
denen, sondern ist dieser Affekt. Und wo sich ein Konflikt löst, eine Feindschaft
auflöst, ist nicht einfach der feindselige Affekt nicht mehr da, sondern die neue
Beziehung besteht in einer anderen emotionellen Sicht der Dinge“ (ebd., S. 25f.).
Der springende Punkt in dieser Argumentation und überhaupt im Plädoyer, das
Reemtsma gegen die disziplinär eingespielte Affektabwehr der Soziologie vorträgt,
besteht darin, Affekte und Emotionen als eigenständige psychosoziale Phänomene
zu betrachten und nicht nur als Begleiterscheinungen des Handelns oder einfach als
etwas, das zu den eigentlichen (materiellen) Ereignissen hinzukommt und dem Le-
ben wie eine Art Accessoire seine Würze verleiht und für eine bestimmte Intensität,
Färbung oder Anmutungsqualität sorgt. Viele soziale (psychosoziale, soziokulturel-
le) Phänomene lassen sich in der Tat nicht angemessen beschreiben, verstehen und
1Die verstärkte Aufmerksamkeit gegenüber den Gefühlen in der Theoriebildung und empirischen For-
schung auch der Sozialwissenschaften demonstrieren etwa folgende Publikationen eindrucksvoll: Fleig
und von Scheve (2021); Kahl (2019); Parkinson et al. (2005); von Scheve (2013); von Scheve und Salmela
(2014); Schnabel und Schützeichel (2012); Schützeichel (2006); Senge und Schützeichel (2007); Slaby
(2018); Slaby und von Scheve (2019); Tiedens und Leach (2004); Vandekerckhove et al. (2008); Wetherell
(2012). Es ist evident, dass zwischen der neueren Soziologie der Gefühle und dem kulturpsychologischen
Interesse an Affekten und Emotionen erhebliche Gemeinsamkeiten bestehen. Ich muss aus Platzgründen
auf Begriffsbestimmungen verzichten, verwende also „Affekt“, „Emotion“ und „Gefühl“ oft gleichbedeu-
tend (für Begriffsklärungen in der Psychologie vgl. Kochinka 2004,2018; zum Überblick s. Stemmler
2009; in psychoanalytischer Perspektive König 2014; in philosophischer Perspektive z.B. Demmerling
und Landweer 2007;Döring2009; zum historischen Bedeutungswandel s. Frevert 2014). Zur Kulturpsy-
chologie allgemein siehe etwa Boesch (1991,2005,2021; Boesch und Straub 2007; zu Boeschs Ansatz
vgl. Straub et al. 2020), Bruner (1990) oder Straub (1999,2021a).
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erklären, solange man Gefühle lediglich als akzidentelle Zutaten, Ingredienzien oder
Beimischungen auffasst, die zu den ,eigentlichen‘ Phänomenen hinzukommen, am
Wesentlichen – das mit Affekten und Emotionen angeblich nichts zu tun habe –
jedoch ohnehin nichts ändern.
Das ist eine verkürzte, ja falsche Sicht auf unser Leben. Oftmals bilden Affekte
oder Emotionen die zentralen, mitunter die einzig wirkmächtigen Beweg- und Be-
stimmungsgründe unseres Handelns. Es gibt also gute Gründe dafür, sich nicht nur
in der Psychologie, sondern auch in der Soziologie und anderen Sozialwissenschaf-
ten an der folgenden heuristischen Leitfrage zu orientieren: „Wie verändert sich das
Verständnis von Vorgängen, wenn man Emotionen nicht als ,sie begleitend‘ oder
,in sie involviert‘ beschreibt“ (ebd., S. 17), sondern diese Vorgänge als Gescheh-
nisse auffasst und auslegt, die in Gefühlen begründet, in einem ernsten Sinne des
Begriffs durch sie konstituiert, fortan von ihnen getragen werden und von ihnen ab-
hängig bleiben? Mit den Affekten und Emotionen entstehen und verschwinden die
betreffenden Vorgänge und Phänomene, wie zum Beispiel die oben exemplarisch
angeführte Feindschaft; man hätte natürlich auch die Liebe, die Sympathie oder die
Eifersucht – oder einen von Ekel und Abscheu geprägten Kontakt, eine an Abjekti-
vierungen bzw. Abjektionen gekoppelte Begegnung und Beziehung wählen können
(s.unten).
Es sind die Affekte und Emotionen, die unser Selbst- und Weltverhältnis aus-
machen können, ohne dass es zur Bestimmung dieses Verhältnisses und des damit
verwobenen Verhaltens und Handelns noch einer Bezugnahme auf separate Kogni-
tionen oder ausgefeilte Reflexionen bedürfte. Starke und auch moderatere Gefühle
sind Interpretamente, die uns in eine affektive, emotionale Beziehung zu uns selbst,
zu anderen oder zu beliebigen ideellen, sozialen, kulturellen und materiellen Ge-
gebenheiten bringen und in dieser orientierungsstiftenden und handlungsleitenden
Beziehung halten, einen Moment oder eine ganze Weile lang, vielleicht über Monate
und Jahre hinweg. Gefühle sind nicht „lediglich verstärkende oder denaturierende
Addenda des Handelns“ (ebd., S. 23). Sie definieren vielmehr unseren Blick auf die
Welt, in der wir leben, auf jede der ineinander übergehenden Situationen, in denen
wir uns gerade befinden oder wiederfinden. Gefühle geben uns die Welt, sie schenken
sie uns oder muten sie uns zu. Sie haben eine welterzeugende und -erschließende
Funktion, einschließlich der bekannten evaluativen Komponenten. Demgemäß be-
darf es neben einer psycho- und soziologischen Strukturanalyse normativ-prakti-
scher Rationalität (Sichler 2020) ebenso einer Strukturanalyse normativ-praktischer
Affektivität oder Emotionalität.
Gefühle sind konstruktiv und produktiv. Wir sind stets auch affektiv und emotio-
nal verfasst, wir denken und handeln in dieser Verfassung. Dass Gefühle die Welt
erschließen, kann natürlich bedeuten, dass sie etwas verschließen, uns unzugäng-
lich oder zum Gegenstand wechselnder Ressentiments machen (die Scheler 2013,
S. 48 ff., in interessanter Weise als „seelische Selbstvergiftung“ und „innere Gif-
tigkeit“ bestimmte, welche die Betroffenen zu einer ständigen „Wertminderung“
anhält): Es sind dann eben die anderen, die – in aller Regel auf dem Boden einer er-
lebten Kränkung des Selbstgefühls und verletzten Selbstachtung – herabgesetzt und
mitunter radikal entwertet werden (vgl. zu Schelers Analyse auch Wrbouschek et al.
2020, S. 21ff., die den Schöpfer der berühmten materialen Wertethik in wichtigen
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Punkten korrigieren). Am Beispiel von Abjekten und Abjektionen lässt sich all dies
bestens verdeutlichen. Wenn andere Personen abjektiviert werden, richten sich fort-
an starke negative Affekte gegen sie: Ekel, Abscheu, Widerwillen, Verachtung etc.
Das weitere soziale Handeln der abjektivierenden Subjekte macht sie folgerichtig
zu bevorzugten Zielen der destruktiven Macht aversiver, aggressiver Anschlusshand-
lungen. Für die von ihren Gefühlen besessenen und getriebenen und zugleich gezielt
tätigen Akteure steht nun alles im Zeichen des eigens erzeugten Abjekts, zu dem
Abstand gehalten, das aktiv distanziert und diskriminiert, herabgesetzt, entwertet
und exkludiert, ,am besten‘ sogar beseitigt werden muss. Die maßgeblichen, moti-
vierenden und handlungsbestimmenden Gefühle lassen da kaum eine andere Wahl.
2 Abjekte, Abjekti(vi)erung, Abjektion
Intoleranz beginnt vor jeder Doktrin. [...] Wir ertragen die Andersartigen nicht,
weil sie eine andere Hautfarbe haben, weil sie eine uns unverständliche Sprache
sprechen, weil sie Frösche, Hunde, Affen, Schweinefleisch, Knoblauch essen,
weil sie sich tätowieren lassen und so weiter (Eco 1998, S. 104f.).
Was Umberto Eco als Grundlage menschlicher Intoleranz aufzählt, sind keine
rationalen, guten Gründe. Sie rechtfertigen nichts, woran Vernünftigen gelegen sein
könnte – bieten aber sehr realistische, empirisch tragfähige Ausgangspunkte für
verstehende Erklärungen dieses komplexen Gefühlsphänomens (zum „verstehenden
Erklären“ vgl. Straub 2021b). Affects and emotions matter: Noch immer ist diese
Einsicht ganz besonders in psychologischen Theorien präsent, allen voran in psy-
choanalytischen Ansätzen (König 2014). Julia Kristevas (1980) theoretisches Kon-
zept der Abjektion ist ein Paradebeispiel für die bewegende, bestimmende Macht
eigenständiger, negativer Affekte. Sein Wert für das verstehende Erklären unse-
res Handelns sowie die Produktion, Reproduktion und Transformation psychischer,
sozialer und kultureller Ordnungen wird indes keineswegs hinreichend gewürdigt.
Dieses Konzept ist für das Verständnis zahlloser Handlungen und Interaktionen,
sozialer Begegnungen und Beziehungen meines Erachtens höchst aufschlussreich.
Einen besonderen Dienst verrichtet es beispielsweise im Feld einer interkulturellen
Praxis, in der Menschen aufeinandertreffen, die sich in weltanschaulich und leben-
spraktisch wichtigen Hinsichten stark unterscheiden. Solche erheblichen – vielleicht
radikalen, nicht nur graduellen – Unterschiede gehen häufig mit wechselseitigen
Fremdheitsgefühlen und -wahrnehmungen sowie entsprechenden Irritationen, mit
Verunsicherungen des eigenen Selbst, mit diffusen Ängsten, konkreten Befürchtun-
gen und anderen negativen Gefühlen einher (was positive Reaktionen keineswegs
ausschließt, wie etwa die mögliche Faszination des Fremden zeigt). Fremdheit ist
bekanntlich ein relationaler Begriff. Fremd sind sich immer bestimmte Menschen in
bestimmter Hinsicht. Ich widme mich im Folgenden lediglich Fremdheitserlebnis-
sen, die die Betroffenen irritieren, verunsichern und sie zu Distanzierungen von ande-
ren bewegen, zu Aversionen und Abwehrreaktionen ,ver-leiten‘ (man kann durchaus
sagen: uno actu zu seelischen Selbstvergiftungen).
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Kristeva (1990) hat auf die motivierende und orientierende Kraft des Fremden
hingewiesen. Ihre Theorie der Abjektion lässt sich im Feld einer Psychologie bzw.
Psychoanalyse des kulturell und psychosozial Fremden fruchtbar machen (Torrado
2014;Straub2017,2019; Straub und Salzmann 2021; Straub und Tepeli 2021). Zu-
nächst sollte man sich vergegenwärtigen, dass Fremdheitserfahrungen zentrale Über-
zeugungen, Identifikationen, Bindungen, Leidenschaften, Wünsche etc. bestimmter
Menschen in deren affektiv-emotionalem Erleben in Frage stellen und bedrohen kön-
nen. Sie vermögen ihr Selbstverständnis zu irritieren, ihr Selbstwertgefühl und ihre
Selbstachtung zu untergraben. Nur so ist zu verstehen, warum und wozu diese Perso-
nen mit Abjektionen und zunächst, wie ich sagen werde, mit Abjektivierungen oder
Abjektierungen des verunsichernden Gegenübers reagieren. Die symbolische, psy-
chische und soziale Verwandlung der fremden Anderen in Abjekte (Abjektivierung)
ist die entscheidende Voraussetzung und selbst schon Bestandteil einer seelischen
Abwehr unbewusster Wünsche und Ängste (Abjektion im psychoanalytischen Sinn).
Die Abjektion verbirgt, was die Abjektivierung vollbringt (und warum und wozu sie
erfolgt, weshalb sie psychosozial funktional ist).
Wie andere Abwehrmechanismen dient auch die Abjektion – zumindest eine
Zeit lang – dem Schutz, der Bewahrung und Integrität des eigenen Selbst. Zu-
gleich gewährt sie die erlebte, ersehnte Unantastbarkeit der eigenen Lebensform.
Selbsterhaltung und Selbstbehauptung gehen hier Hand in Hand. Das Eigene wird
gegen Zweifel und Veränderungszumutungen verbarrikadiert, während und indem
die fremden Anderen in spezifischer Weise verandert, nämlich zu Abjekten erklärt
und fortan als solche wahrgenommen und behandelt werden, in Worten und Taten
(zum Begriff der „Veranderung“ bzw. VerAnderung – des othering – siehe Reu-
ter 2002). Diese Verwandlung ist affektiver Natur. Sie verlagert innere Regungen
nach außen. Sie transformiert die Beziehung zu den fremden Anderen in einen star-
ken Affekt und eine anhaltende Emotion, eine urteilende, wertende Gefühlshaltung.
Sie etabliert ein affektiv-emotionales Verhältnis, das für alle Anschlusshandlungen
sprachlicher und praxischer Natur maßgeblich ist, speziell für weitere, sich ausdif-
ferenzierende und steigernde Gefühle und Gedanken, die die abjektivierten Anderen
unmittelbar betreffen und treffen. Deren gemeinsamer Nenner ist die Aversion und
Aggression, die Abgrenzung und Attacke zunächst im symbolischen Raum, wobei
der „binäre Code“ (Paul 2019) – wie immer bei solchen interpersonalen und, eng
damit verwoben, Intergruppendifferenzierungen – eine entscheidende Rolle spielt.
Insbesondere Henri Tajfel (1981,1982;s.Brown2019) hat – vor und neben den
macht- und herrschaftskritischen Anklagen vonseiten der cultural, postcolonial oder
auch der feminist studies – die psychosoziale Funktionsweise und das zentrale Motiv
dieses Codes untersucht. Die polemogene Zweiteilung operiert mit der stets evalua-
tiven, explizit oder implizit hierarchisierenden Unterscheidung zwischen „uns“ und
„ihnen“. Dies geschieht entlang einer Grenze, die offen oder verdeckt, drastisch
oder subtil, Gutes von Schlechtem, Wertvolles von Minderwertigem, Entwickeltes
von Primitivem, Schönes von Hässlichem, Bewunderns- von Verachtenswürdigem,
Ansprechendes von Abstoßendem, Anziehendes von Abscheulichem, Genießbares
von Ekelhaftem abhebt. Solche binären Zuordnungen – es gibt zahllose davon –
schaffen oder stärken ein positives Selbstgefühl, steigern den Selbstwert und festigen
die Kohäsion der Eigengruppe. Sie sorgen für Stolz, Selbstsicherheit und die Be-
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reitschaft der Gruppenmitglieder, die abgewerteten, disqualifizierten Anderen, ihre
Selbst- und Lebensformen weiter zu entwerten und vielleicht so weit herabzusetzen,
dass absolute Ab- und Ausgrenzungen nötig werden, womöglich eine exkludierende
und nihilierende Gewalt, die sich mit symbolischen Stigmatisierungen und Dis-
kriminierungen nicht mehr zufriedengibt, sondern der physischen Verfolgung und
Vernichtung der Fremden den Weg bahnt. Wichtig ist: diese den Tätern angemes-
sen, folgerichtig und sogar ,legitim‘ erscheinende, destruktive Gewalt gründet nicht
in rationalen Interessen, Diagnosen und Kalkülen sowie reflektierten Argumenten,
sondern in Affekten und Emotionen. Sie enthalten alle wesentlichen Gedanken, sie
bestimmen, ja sie bilden und sind die Verhältnisse.
Andere, Fremde zumal, können abjektiviert werden, das heißt: abgewertet und
entwertet, marginalisiert, exkludiert oder, im schlimmsten Fall, enthumanisiert und
animalisiert, als Schmutz, Schleim oder Schund klassifiziert, als Dreck degradiert,
ausgelagert und ausgesperrt aus dem inneren Raum der Gemeinschaft oder Gesell-
schaft, einer beliebig kleinen oder großen Gruppe, und zugleich aus der Seele der
Einzelnen, die durch solche Abjektivierungen und Abjektionen ebenfalls ,sauber
und rein‘, ,in Ordnung‘ gehalten und vor Negativem, Dreckigem, Bedrohlichem bis
auf Weiteres bewahrt werden soll. Die Abjektion ist ein psychischer Vorgang, ein
Abwehrmechanismus mit unmittelbaren sozialen Folgen, welche die abjektivierten
Anderen leiden machen und mitunter massiv beschädigen können. Zahlreiche Ab-
jektionen funktionieren auch nicht ohne gewisse soziale Voraussetzungen: Es sind
meistens bestimmte Andere oder Fremde, die die Angehörigen einer Gruppe, einer
Gemeinschaft oder sogar einer Gesellschaft in aufeinander abgestimmten und ein-
ander verstärkenden (Inter-)Aktionen abjektivieren. In der Regel sind Abjekte keine
Erzeugnisse individuellen Handelns, sondern Produkte einer sozialen Praxis, an der
mehrere oder viele teilhaben. In allen Fällen sind Abjektionen für die Akteure der
Abjektivierung psychisch und sozial funktional. Zugleich sind ihre verletzenden, be-
schädigenden Effekte unvermeidlich. Dadurch gefährden sie gesellschaftlichen Zu-
sammenhalt und untergraben die psychosozialen Grundlagen friedlicher Koexistenz
in heterogenen Konstellationen.
In den symbolisch vermittelten Praxen bestimmter Gruppen kann die seelische
Option der Abjektion bestimmter Anderer angeboten, nahegelegt oder aufgedrängt
werden. Mitglieder der Eigengruppe werden dazu animiert, darin bestätigt und be-
stärkt. Abjektivierungen sind kommunikative, kollektive Vorgänge. Gruppen können
den wuchernden Vorgang der geteilten, ko-konstruktiven Abjektivierung in interakti-
ven Eskalationsspiralen extrem werden lassen. Bis zur Herausbildung stabiler, kom-
plexer affektiver Haltungen und damit verwobener Handlungsbereitschaften kann
es allerdings dauern. Bis Juden und Jüdinnen von Millionen Angehörigen einer
„Volksgemeinschaft“ als „Ungeziefer“ und „Schädlinge“ stigmatisiert und mit an-
deren symbolischen Mitteln abjektiviert, schließlich zur physischen Verfolgung und
Vernichtung, zur radikalen Aussperrung und Ausmerzung ,freigegeben‘ wurden,
dauerte es eine Weile: Es bedurfte kumulativer, ko-konstruktiver Abjektivierungen
bis hin zum Exzess der absoluten Entwertung und radikalen Entmenschlichung.
Analoges gilt für andere bekannte Beispiele – gestern und heute.
Abjektionen dienen zuvorderst der eigenen psychischen, sozialen und kulturellen
Ordnung, der Bewahrung ihrer vermeintlichen Reinheit angesichts einer von den
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Akteuren ,wahrgenommenen‘, ko-konstruierten, praktisch und diskursiv ,validier-
ten‘ Gefahr der Kontaminierung, Unterdrückung, Verdrängung oder Abschaffung
des Eigenen (zu Zygmunt Baumans einschlägigen Überlegungen s. Straub 2020).
Offenkundig muss diesen Wahrnehmungen und Validierungen nichts entsprechen,
das sich außerhalb der jeweiligen Gruppe abjektivierender Akteure in unvoreinge-
nommener, intersubjektiver Weise nachvollziehen und bestätigen lassen könnte. Die
Perzeptionen und willkürlichen Prüfungen der abjektivierenden Gruppe können reine
Erfindungen und böswillige Zuschreibungen sein, nicht zuletzt unbewusste Projek-
tionen; für ihre psychosozialen Funktionen ist das einerlei. Sündenböcke müssen
bekanntlich nichts von dem, was ihnen zugeschrieben wird, getan oder im Sinn
(gehabt) haben. Die wahrgenommene ,Wahrheit‘ verdankt sich in solchen Fällen
allein einem Für-wahr-halten und Wahr-sprechen. Sie gründet nicht zuletzt in unbe-
wussten Motiven. Sie dient der Erhaltung des eigenen Status, der Absicherung von
Herrschaft oder der Ausweitung persönlicher und kollektiver Macht.
Zur Verteidigung der vermeintlich bedrohten psychischen, sozialen und kultu-
rellen Ordnung, zu diesem Zweck also wird alles Schlechte und Schlimme, das
Abstoßende und Ekelhafte zumal, ins Objekt der Abjektivierung verlegt. Wie lässt
sich dieser Vorgang noch genauer verstehen? Das prototypische und paradigmatische
Abjekt – sein Urbild und zugleich seine extreme Verkörperung – ist der Kadaver,
der verfaulende, verwesende Körper, vor dem sich spontan wohl alle ekeln. Er weckt
Erbrechen und entwürdigt alles Lebendige, verwischt die Grenze zwischen Mensch-
lichem und Animalischem und Organischem, signalisiert Zersetzung und Zerfall,
nihiliert das lebendige Selbst und das Leben überhaupt. Man muss ihn meiden oder
beseitigen, wenigstens Abstand zu ihm halten. Menschen tun das auch, und zwar
alle Menschen. (Sogar hier sollte man jedoch hinzufügen: jedenfalls ab einem be-
stimmten Alter; soweit sie als Erwachsene von Kadavern nicht in perverser Weise
angezogen werden – auch das gibt es bekanntlich.) Dass Kadaver gemeinhin als
ekelhaft, abscheulich wahrgenommen werden und Abstand gebieten, ist biologisch
verankert. Ihre Nähe ist für den menschlichen Organismus gefährlich. Im Kadaver
lauern ansteckende Krankheiten. Der Kadaver ist indes nur das elementare Exempel,
das eine allgemein verfügbare, körperlich-leibliche Erfahrung aufgreift und zuspitzt.
Ekel ist der zentrale Affekt in dieser Erfahrung.
Wir ekeln uns bekanntlich nicht nur vor dem verwesenden Leichnam, sondern
vor vielem, und einiges davon ist körperlich oder entstammt Körpern: verfaulendes
Fleisch, Ausscheidungen, Erbrochenes usw. Vieles ähnelt äußerlich oder in seiner
Konsistenz den körperlichen Stoffen: schleimiges, schmierige Erde, fauliges Ge-
müse, schimmlige Substanzen, verrottendes Material beliebiger Art usw. Höchst
interessant ist im vorliegenden Zusammenhang – in dem es um eine sozial- und
kulturpsychologische Reflexion auf Abjektionen in interkulturellen Konstellationen
geht –, dass nicht jedes Erleben von Ekel biologischer Natur und anthropologisch
universal ist, aber dennoch an das Urbild, den Prototyp oder das Paradigma des Ekels
vor dem Kadaver erinnert, damit assoziiert scheint. Sekundäre, tertiäre Varianten des
Ekels erwachsen aus seiner primären, originären, biologisch funktionalen Gestalt.
Das jedoch ist kein organismisches Wachstum, keine selbstläufige Reifung, sondern
Resultat der Sozialisation und Enkulturation von Subjekten. Wie für andere Gefühle,
so gilt auch hier: Sie haben eine evolutionäre, biologische, (neuro-)physiologische
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Grundlage und Funktion, sind aber in ihrer konkreten phänomenalen Gestalt, ihrem
Ausdruck und ihrer Bedeutung soziokulturell geformt, modelliert und moduliert.
Menschen lernen im Rahmen der soziokulturellen Lebensformen und der Praktiken,
in die sie hineingeboren wurden, sich vor diesem oder jenem zu ekeln. Sie lernen
sukzessive, wovor sie sich zugunsten der Bewahrung der eigenen psychischen, sozia-
len und kulturellen Ordnung grausen und wovon sie tunlichst Abstand halten sollten.
Die sehr früh einsetzende „Reinlichkeitserziehung“ ist ein wichtiger Schritt in dieser
Entwicklung. Auch sie bildet einen bleibenden Nährboden für weitere Abjektivie-
rungen und Abjektionen, auch solche, bei denen es nicht mehr unmittelbar und
physisch, sondern nur noch vermittelt und symbolisch um Kot und andere körperli-
chen Ausscheidungen (Urin, Sperma, Blut), Dreck oder Unrat geht. Die eigentlichen
Objekte und Adressaten sind nun andere Lebewesen, nicht zuletzt eben Menschen
und ihre (zumindest zugeschriebenen) Lebensformen, Gewohnheiten, Vorlieben und
weitere Eigenheiten. Ausscheidungen, Abschaum, Ungeziefer, Dreck, Unrat und der-
gleichen werden nun zu machtvollen Metaphern. Vor auch metaphorisch abjektierten
Menschen muss man sich in Acht nehmen. Generell gilt (biologisch, psychologisch,
soziologisch): „Der Grund des Abjekten ist die Abneigung, der Widerstand gegen
die Integration eines Objektes, dem wir uns widersetzen“ (Torrado 2014, S. 16). Das
geschieht, psycho- und soziologisch betrachtet, (vermeintlich) eigennützig.
Das Konzept der Abjektion plausibilisiert die Stärke von Affekten, die ihren Ur-
sprung in elementaren biologischen Ausstattungen und Funktionen besitzen, sich
von dieser natürlichen Basis jedoch ablösen und sich in psychischen, sozialen, kul-
turellen, symbolischen Räumen geradezu beliebig ausbreiten können. Wichtig ist
eben, dass diese Ausbreitung – die Suche nach immer wieder neuen Objekten, die,
auch metaphorisch, in Abjekte verwandelt werden können – ein zutiefst sozialer,
kultureller Vorgang ist. Subjekte werden im Verlauf ihrer Sozialisation und Enkul-
turation in solche praktischen und symbolischen Abjektivierungen eingebunden, sie
werden dazu angehalten und regelrecht dazu abgerichtet. Dabei können die Objekte,
die abjektiviert werden und fortan Abjektionen auslösen, ständig wechseln. Ver-
schiebungen sind ein zentraler Modus der Ausbreitung von Abjektionen, die einer
überdauernden affektiv-moralischen Haltung entspringen (wie die ebenso flexiblen
Ressentiments, die stets ein passendes Ziel finden, an dem die lustvollen Herabset-
zungen und Entwertungen anderer exekutiert werden können). All das geschieht,
ohne dass die in solche sozialen Praxen, in diskursive oder präsentative Interakti-
onsräume eingebundenen Menschen genau merken müssten, was da eigentlich vor
sich geht, wogegen sie also aus welchen (Beweg-)Gründen, Intentionen und Motiven
Abscheu und Widerwillen, Ekel und Verachtung entwickeln. Ohne dass man sich
versieht, sind andere – der eigene Körper und die eigene Seele zeigen es unmissver-
ständlich an – eklig, abscheulich, widerlich, verachtenswert geworden. Wir reagieren
fortan affektiv-emotional auf sie, unmittelbar und unreflektiert – als handle es sich
beim Gegenstand, auf den die körperlichen, leib-seelischen Subjekte antworten, um
Objekte mit ähnlich negativer Valenz wie Kadaver.
Die soziokulturelle Variabilität des Abjekten ist erstaunlich groß. Menschen wird
nicht gleichermaßen speiübel beim Anblick des Gleichen oder beim Geruch oder
Geschmack desselben; sogar Geräusche und Klänge können abjektiv wirken, wie-
derum von Gruppe zu Gruppe, Individuum zu Individuum verschieden. Personen
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92 J. Straub
reagieren auch in dieser Hinsicht auf je eigene Weise. Sie erleben Unterschiedliches
als Abjektes, je nach ihrer kulturellen und sozialen Prägung und lebensgeschichtli-
chen Erfahrung, auch ihrer individuellen Disposition. Was sie als Abjekt wahrneh-
men und behandeln, ist im Übrigen niemals endgültig festgeschrieben. Menschen
können sich bekanntlich auch darin üben, etwas ehemals – spontan, unwillkürlich,
unkontrollierbar – Widerwärtiges und Abstoßendes nüchtern zu betrachten und kühl
damit umzugehen, vielleicht sogar Sympathie dafür zu entwickeln. Sie können ihren
Ekel überwinden – und müssen das beispielsweise in vielen Berufen auch tun, wenn
sie handlungsfähig und erfolgreich sein wollen. Man denke z.B. an Ärzt*innen, nicht
nur in der Gerichtsmedizin oder an Unfallorten tätige; oder an Menschen, die sich in
Pflege- oder Reinigungsberufen einer Art Normalisierung und Neutralisierung des
ehemals Abjekten widmen.
Die tiefsten Wurzeln unserer Bindungen und Präferenzen liegen nicht im Re-
flektieren und Räsonieren, sondern in einem viel ursprünglicheren, prärationalen,
präreflexiven und vorsprachlichen Erfahrungskomplex, eben in jenem wiederhol-
ten Erleben von Anziehendem und Abstoßendem, Appetitlichem und Ekligem, das
frühzeitig zu unterscheiden uns die soziale Mitwelt anleitet und anhält. Für die Kul-
turpsychologie ist das außerordentlich interessant und wichtig. Selten erscheint die
Subjektivität von Personen – auch in ihrer affektiv-emotionalen Dimension – so eng
mit deren Sozialität und Kulturalität verwoben. Kultur und Person, Individuum und
Gesellschaft sind, wo es um Abjektives, Abjektivierungen und Abjektionen geht,
zwei Seiten ein und derselben Medaille. In diesem Feld hat die Kulturpsychologie
eine große Chance, sich als Sozial- und Kulturwissenschaft zu begreifen, ohne sich
als Subjektwissenschaft aufzugeben. Eine Psychologie, die Affekte und Emotionen
vernachlässigt, verkäme zur Chimäre. Dies gilt auch für eine handlungstheoretisch
fundierte Kulturpsychologie, die sich zurecht als Subjekt-, Sozial- und Kulturwis-
senschaft versteht (Straub 2021a).
Was aufnehmen und annehmen, was ablehnen, ausstoßen und abstoßen? Darüber
entscheidet also zuvorderst ein früh ausgebildetes Körper- und Leibgedächtnis, das
erst später im Leben eines Menschen auch noch mit rationalen, jedenfalls vernünftig
erscheinenden Argumenten und Gründen ausstaffiert wird. Auch Werte und Normen,
die affektiv-emotionalen Bindungen an sie sowie die Bereitschaft, sie argumentativ
zu rechtfertigen und zu verteidigen, beruhen auf dieser Grundlage frühkindlichen
Erlebens. Damit ist ein allgemeiner Zug unserer leidenschaftlichen, anhänglichen
Liebe zu bestimmten Prinzipien und Regeln, zu hochgehaltenen Standards, Werten
und Normen, zu eigenen Präferenzen und Privilegien, psychoanalytisch bzw. psy-
chologisch decodiert. Diese Liebe gründet immer in elementaren Erlebnissen, in
denen prägende, in intime soziale Beziehungen und Abhängigkeitsverhältnisse ein-
gebettete Gefühle den Ton angeben, also nicht gleich die leise Stimme des Intellekts
und der vermeintlich so nüchternen Vernunft.
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Welterschließende Affekte und das explanative Potenzial eines psychoanalytischen Konzepts... 93
3 Gewalt einhegen: Psychologische Aufklärung über Abjektivierungen
und Abjektionen
Abjektionen sind an und für sich nichts Schlechtes oder Verwerfliches, das man
schleunigst abschaffen sollte. Das wäre aus den dargelegten Gründen ohnehin gar
nicht möglich. Auf bestimmte Abjektivierungen und Abjektionen sollte die So-
zial- und Kulturpsychologie jedoch ihre kritische Aufmerksamkeit lenken, ihren
aufklärerischen und therapeutischen Blick richten. Abjektionen können mit seeli-
schen, sozialen und kulturellen Vorgängen assoziiert und liiert sein sowie weiteren
inneren und äußerlichen Handlungen den Weg bereiten, die wir aus ethischer, mo-
ralischer und politischer Sicht wahrlich nicht gutheißen möchten. Die schroffe, in
Voreingenommenheit, Vorurteilen und Ressentiments verwurzelte Ablehnung von
anderen, die Abneigung gegen Hautfarben, Ernährungsgewohnheiten, Haartrach-
ten, Kleidungsstile, sexuelle Orientierungen, religiöse Passionen und dergleichen,
die vielgliedrige Abjektivierung von Mitmenschen, ihrer Lebensformen, Praktiken
und Handlungsweisen sowie die stets lauernde Aversion und potenzielle Aggressi-
on gegen diese fremden Anderen zeigen unmissverständlich an, was es bedeuten
kann, dass diese Anderen mit Abjektem amalgamiert werden oder es, für bestimmte
Menschen, schließlich in wachsendem Maße direkt verkörpern und symbolisieren.
Radikal entwertende, entmenschlichende Metaphern wie „Dreck“, „Abschaum“ oder
„Ungeziefer“ bringen das überdeutlich zum Ausdruck.
Die Wege der Herabsetzung und radikalen Entwertung, der Missachtung und
Verachtung anderer Menschen, fremder zumal, sind weit verzweigt und unendlich
(Paul 2019, zählt einige auf, auch solche, die sich in der ,schönen Literatur‘ z.B.
eines Jonathan Swift finden lassen). Bestimmte Typen und Gruppen von Personen
eignen sich dabei besonders gut, nämlich solche, „welche aufgrund ihres Erschei-
nungsbildes und der sozialen Situation Ablehnung provozieren: Obdachlose, Kran-
ke, Behinderte, Kriminelle und Prostituierte“ (Torrado 2014, S. 18). Diese Liste ist
unvollständig und muss es sein, sie bleibt für allerlei Ergänzungen offen: Arme,
Alte, Homosexuelle, Transvestiten, Transsexuelle, Trans*-Menschen generell, Mi-
grant*innen, Flüchtlinge, Ossis und Wessis, Muslime, religiös Gläubige überhaupt,
Fleischesser und Veganer*innen, Radikale, Extremist*innen usw. Grundsätzlich un-
vollständig bleiben auch die „Themen und Aktionen“, die mit den genannten Absto-
ßungen und Ausstoßungen in Verbindung stehen, etwa „sexuelle Akte, Masturbation,
Defäkation, Verstümmelung“ (ebd.) – man denke ,ruhig‘ auch an religiös begründete
Beschneidungen von Jungen oder an das Tragen einer Burka oder eines Niqab, an
Essgewohnheiten wie den Verzehr von Spinnen, Meerschweinchen oder Schweine-
fleisch, an Alkoholkonsum, an die vielen Menschen unangenehme Nacktheit von
Frauen und Männern an gemeinsam besuchten, öffentlichen Orten usw. Dasselbe
gilt schließlich für die Nennung „konnotierter Werte“ und assoziierter Vorstellun-
gen, welche abjektiv besetzt sind, etwa „Unreinheit, Sünde, Verseuchung, Krankheit,
Gefahr und Tod“ (ebd.) oder Hässlichkeit, Missbildung, Bosheit, Infektion, Bedro-
hung, Obszönität, Perversion oder Fundamentalismus, Dogmatismus – sowie das
Andere und Fremde. Auch diese Reihe ist für Fortsetzungen offen.
Anschauliche Beispiele für Abjektives und seine historischen Verschiebungen
gibt es unzählige. Wichtig ist: Es muss nicht immer gleich um körperliche Zu-
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94 J. Straub
mutungen, Exzesse und Transgressionen gehen, um Abjektionen zu evozieren. Es
bedarf beispielsweise keiner extremen Körpermodifikationen oder der freiwilligen
Amputation von Gliedern (wie beim Syndrom der sog. body integrity identity dis-
order: vgl. Lensing 2013; Müller 2019), um die meisten Menschen schaudern zu
lassen. Das Abjekte kann im Unscheinbarsten und Harmlosesten lauern. Körperhaa-
re bei Mädchen und Frauen, in unserer Gesellschaft nun auch mehr und mehr bei
Männern, wecken bei nicht wenigen Zeitgenoss*innen Ekelgefühle. Ein Kopftuch
einer Frau, lila Schuhe an den Füßen eines Mannes oder Lippenstift auf seinem
Mund können ebenfalls genügen. Abjekte sind relationale Kategorien, deren empi-
risch triftiger Gebrauch von kontingenten – historischen, kulturellen, sozialen und
personalen – Umständen abhängt.
Natürlich kann man manches aus guten, jedenfalls allgemein nachvollziehbaren
Gründen abscheulich finden. In anderen Fällen gerät der unwillkürliche Ekel schnell
in Verdacht, Intoleranz und die Herabsetzung von anderen zu signalisieren, solche
emotionalen Einstellungen, Haltungen und Handlungen zu schaffen oder zu festigen.
Das hat wenig bis nichts mit einem begründeten, sachlichen Urteil zu tun, einiges
jedoch mit mangelndem Kontingenzbewusstsein und nicht praktizierter Toleranz.
Dagegen richtet sich eine psychologische Aufklärung, die auch ethisch-moralisch
und politisch begründet ist. Viele Abjektivierungen und Abjektionen bilden sozialen
Sprengstoff. Sie eignen sich bestens als Nährboden für Distanzierungen, Verwerfun-
gen und Verfeindungen, Krisen und Konflikte, anhaltenden Streit.
Die avisierte psychologische bzw. psychoanalytische Aufklärung ist offenbar von
besonderer Art. Sie kann sich nicht mit der Vermittlung von puren Einsichten begnü-
gen, sondern muss danach trachten, dass Personen – für sich und in Gruppen – an
sich arbeiten. Diese Personen müssen ihre gemeinsam ins Werk gesetzten Abjekti-
vierungen und die prekären, mit diskriminierender, exkludierender, nihilierender Ge-
walt gegenüber anderen liierten Funktionen wahrnehmen, spüren und durcharbeiten
lernen. Sie sollten das ohne übergroße Scham- und erdrückende Schuldgefühle tun
können, ohne in Fremd- und Selbstvorwürfen zu enden. Angenehm ist das dennoch
nicht – alternativlos schon, sobald man gewillt ist, die durch Abjektivierungen und
Abjektionen freigesetzte und reproduzierte Gewalt einzuhegen. Sehr häufig sind in
Gewaltverhältnissen Abjektivierungen und Abjektionen nicht nur im Spiel, sondern
maßgeblich. Sie sind dann der tragende (Beweg-)Grund gewaltsamer und gewalt-
tätiger Praxen und Lebensformen. Sie sorgen für die Affekte und Emotionen, die
als eigenständige Phänomene jene Begegnungen und Beziehungen bilden, in denen
sich Menschen einseitig oder gegenseitig beschädigen. Diese Personen werden von
solchen destruktiven, in verfestigten Gefühlen gegenüber fremden Anderen verkör-
perten Impulsen bewegt. Dafür sollte sich die Kulturpsychologie interessieren.
Die im Zeichen der Analyse von Abjektivierungen und Abjektionen stehende
Kritik von Gemeinschaften, Gesellschaften und Kulturen beinhaltet nicht zuletzt ei-
ne klare Aufforderung zur Selbstkritik und zur Arbeit an sich selbst, speziell an
den ein jedes Selbst und sein Verhältnis zur Welt mit-konstituierenden Affekten und
Emotionen (vgl. auch Benjamin 2019, deren anerkennungstheoretische Perspektive
gut zu den oben vorgetragenen Analysen und Argumenten passt). Kulturpsychologi-
sche Kritik begnügt sich nicht mit Gedanken und rationalen Erwägungen. Sie zielt
auf Gefühle und eine Gefühlsarbeit, ohne die sich ethisch-moralische und politische
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Welterschließende Affekte und das explanative Potenzial eines psychoanalytischen Konzepts... 95
Strukturen oftmals kaum ändern lassen. Das ist keine Psychologisierung seelen-
ferner Sachverhalte, keine Illusion oder naive Verklärung der materiellen, ökono-
mischen oder politischen Verhältnisse. Die Aufklärung über Abjektivierungen und
Abjektionen sowie das „Durcharbeiten“ negativer sozialer Affekte und Emotionen
auch in öffentlichen Räumen ist manchmal ein besonders vielversprechender Weg,
um an keineswegs nur symbolisch verfassten Gefühlskulturen, Atmosphären und
Stimmungslagen etwas ändern zu können. Gefühlskulturen sind Bestandteil der po-
litischen Kultur. Kultivierungen und Subjektivierungen sind nicht zuletzt affektiv-
emotionale Angelegenheiten – und sind es immer schon gewesen.
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Article
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Im Beitrag wird auf der Grundlage der Theorie struktureller praktischer Rationalität ein methodologischer Vorschlag zur interpretativen Rekonstruktion der moralischen Dimension menschlicher Handlungen, Überzeugungen und emotionaler Einstellungen zur Diskussion gestellt. Zunächst wird für die Ausgangsthese einer prinzipiellen normativen Imprägnierung menschlicher Handlungsund Lebensformen argumentiert. Im Anschluss daran werden weitere charakteristische Merkmale der Theorie struktureller Rationalität vorgestellt: der rational rekonstruierbare Bezug menschlichen Handelns, Denkens und Fühlens zu (guten) Gründen sowie das strukturelle Moment und die lebensweltlich verfasste Tiefendimension in der Begründung menschlicher Handlungsund Lebensformen. Den Abschluss des Beitrags bilden methodologische Überlegungen zu Optionen und Auswirkungen für die interpretative Sozialforschung.
Article
Full-text available
Der Beitrag befasst sich mit der Affektgenese moralisch-welterschließender Haltungen und diskutiert diese mit Blick auf das Ressentiment. Dabei fassen wir das Ressentiment mit Rückgriff auf Scheler (1913, 49) als »dauernde psychische Einstellung«, die sich aus der Erfahrung eines (moralischen) Unrechts heraus entwickelt und sich in einer negativen Werthaltung gegenüber verschiedensten Objekten äußert. Anhand einer von uns konstruierten Fallvignette zeigen wir zunächst, dass sich eine präkognitive Einschätzung der Situation, als ein leibliches Zur-Situation-ausgerichtet-Sein, an einer anderen als der die Affekte eigentlich evozierenden Stelle entladen kann, und analysieren, wie diese Verschiebung hin zu einer moralisch-welterschließenden Haltung verstanden werden kann. Auf Basis von Schelers Theorie der Ressentimentgenese argumentieren wir anschließend, dass Ressentimentbildungen als eine spezifische Form moralisch-welterschließender Haltungen verstanden werden können. Abschließend diskutieren wir die in diesem Artikel fokussierte psychogenetische Betrachtung moralisch-welterschließender Haltungen mit Blick auf eine soziogenetische Perspektive. Rückbeziehend auf die Fallvignette greifen wir in einem Ausblick auf, wie bereits bestehende (und weiter zu entwickelnde) sozialwissenschaftliche Perspektiven und Konzepte genutzt werden können, um die psychoaffektive Analyse der geschilderten Situation in sozialund machttheoretischer Weise zu vertiefen.
Book
Jürgen Straub stellt das Konzept einer relationalen Hermeneutik vor, mit dem Handlungen, Texte, Bilder aller Art mit außergewöhnlicher Genauigkeit analysiert werden. Dabei zeigt sich, dass es beim Interpretieren und verstehenden Erklären beliebiger Phänomene nicht einfach nur um sie selbst und ihre Bedeutungen in der Lebenspraxis geht. Forschende können sich selbst aus dem Geschehen wissenschaftlicher Erkenntnisbildung niemals ganz heraushalten. Sie beobachten nicht nur, sie sind stets Bestandteil. So ist jede Einsicht Beziehungswissen und sagt auch etwas über das erkennende Subjekt selbst, über seine soziale, kulturelle Welt aus: Man sieht nur, was man zu sehen vermag.
Book
Jürgen Straub eröffnet und erläutert zentrale Perspektiven einer zeitgemäßen Handlungs- und Kulturpsychologie. Seine theoretischen Reflexionen machen Leserinnen und Leser mit einem komplexen Kulturbegriff und exakten Modellen der verstehenden Handlungserklärung bekannt. Grundzüge einer psychologischen Anthropologie werden ebenso skizziert wie die Idee eines dezentrierten Subjekts, das seine Autonomie und Kreativität keineswegs schon ganz an »anonyme Strukturen« und eine »undurchschaubare Macht« abgegeben hat. Dieses soziale Subjekt lebt und handelt in einer kulturellen Welt von Bildern, Texten und Diskursen, denen sich die kulturpsychologische Forschung mit großer Offenheit und unbändiger Neugierde zuwendet. Das erste Buch versammelt anthropologische Grundlagen und elementare Orientierungen. Im zweiten Buch widmet sich der Autor Erklärungsformen, der Handlungs- und Subjekttheorie sowie dem Homo narrator und Homo pictor in der psychologischen Erzähl- und Bildtheorie.
Article
Theorien sozialer Konflikte betonen häufig deren produktive Funktion: Ohne Konflikte wären viele gesellschaftliche Entwicklungen kaum denkbar. Oft sind sie ein Zeichen wachsender Teilhabe marginalisierter Gruppen und fördern soziale Integration. Dennoch gibt es - gerade auch in Einwanderungsgesellschaften - Konflikte, die zu antagonistischen und agonalen Konstellationen, Gewalt und Kämpfen führen. Dafür spielen starke Affekte und soziale Emotionen eine entscheidende Rolle. Der sozial- und kulturpsychologische Beitrag legt dies am Beispiel von Identitäts- und Anerkennungskonflikten dar und führt dabei das psychoanalytische Konzept der Abjektion ein. Schließlich wird zwischen möglichen Ausgängen der Konfliktbearbeitung unterschieden: neben dem Konsens oder Kompromiss ist in pluralen, demokratischen Gesellschaften auch das Leben mit und im Dissens eine unabdingbare, voraussetzungsvolle Option.
Book
Warum kann uns eine atmosphärische Stimmung, die ein Garten, ein Raum oder ein Mensch verbreitet, so sehr in ihren Bann ziehen? Mit sorgsam ausgewählten Aufsätzen, die er auch selbst am meisten schätzte, entführt Ernst E. Boesch seine Leserinnen und Leser in die Welt der Musik, Literatur, Poesie, Malerei, zu scheinbar selbstverständlichen Tätigkeiten wie Lesen, Schreiben und Hören – und zur faszinierenden Frage nach dem Atmosphärischen. Seine scharfsinnigen und nachdenklich stimmenden Analysen sind untrennbar mit Fragen nach einem erfüllten Dasein verknüpft. Seine der Welt zugewandte, auf den ganzen Menschen fokussierende Kulturpsychologie bietet zahllose Anregungen, sich auf sich selbst zu besinnen und das eigene Leben in den Blick zu nehmen. Sein attraktiver literarischer Stil macht die Lektüre dieser Essays zu einem Lesevergnügen der besonderen Art.
Chapter
Der kulturpsychologische Beitrag empfiehlt der multi-, inter- und transdisziplinären Migrationsforschung die Verwendung innovativer psycho-soziologischer Konzepte („Verletzungsverhältnisse“, „Abjektion“). An der größten Einwanderungsgruppe der Türkeistämmigen und ihren Nachkommen wird exemplarisch gezeigt, dass historische Verletzungsbeziehungen zwischen den ‚religiösen‘ Gruppen der Alevit*innen und Sunnit*innen in der Einwanderungsgesellschaft Deutschland lebenspraktisch von erheblicher Bedeutung sind. Ausgehend von der empirischen Analyse eines narrativen Interviews mit der 21-jährigen Eylül wird ausgeführt, wie transgenerational tradierte, kollektive Verletzungsverhältnissen und die damit verwobenen Erfahrungen physischer, psychischer und symbolischer Gewalt für das Selbst- und Weltverhältnis junger „Menschen mit Migrationshintergrund“ relevant sein und bleiben können. Man trifft hier oftmals auf die Macht negativer Affekte – wie etwa den Ekel vor Fremden – und auf vielfältige Abjektionen, in denen psychische Abwehrmechanismen mit sozialen Exklusionspraktiken einhergehen. Die entfaltete theoretische Perspektive lenkt den Blick der Migrationsforschung auf kulturelle Beziehungen und psychosoziale Konflikte in verschiedenen Figurationen heutiger Einwanderungsgesellschaften. Dadurch wird die viel zu grobe, anachronistische Unterscheidung zwischen autochthoner und allochthoner Bevölkerung unterlaufen und ausdifferenziert.
Chapter
Moderne entwickelte sich, so Zygmunt Bauman, aus dem Ringen gegen Unbestimmtheit und Ambivalenz. Diese Fehlfarben der modernen Gesellschaften, das Unbestimmte und die Unangepassten, machen auch die Dynamiken der Postmoderne aus: Temporalisierungen und Verflüssigungen der Gegenwart kennzeichnen Formen, mit denen Menschen mit Unsicherheit umgehen. Die Dynamik, dem Unbestimmten einen Namen zu geben, die Wechselbeziehungen zwischen Festhalten und Loshalten, Identität und Verlust, sind von Zygmunt Bauman nicht nur wegweisend benannt worden. Sie kennzeichnen sein Werk auch selbst. Die Beiträge des Bandes folgen den Spuren Baumans, um systematisch in sozialphilosophische, kultursoziologische und politische Aspekte seines Werks einzuführen und die Anregungen Zygmunt Baumans weiter zu denken. Aufgeworfen werden Fragen u.a. nach Identität, Fremdheit, Medien, Macht, Geschlechterverhältnissen und modernen Räumen. Mit Beiträgen von Jörn Ahrens, Constantin Goschler, Ruth Großmaß, Peter Imbusch, Matthias Junge, Wolfgang Knöbl, Thomas Kron, Paul Mecheril, Kristin Platt, Walter Reese-Schäfer, Jürgen Straub, Jan Weyand.