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Dynamik der Nahversorgung in ländlichen Räumen verstehen und gestalten. Impulse für die Praxis

Authors:

Abstract

Seit Jahrzehnten schließen Lebensmittelgeschäfte und weitere Dienstleistungen in ländlichen Orten, sodass von einer flächendeckenden Nahversorgung keine Rede mehr sein kann (Kokorsch und Küpper 2019). Unter Nahversorgung wird allgemein die Versorgung mit Gütern und Dienstleistungen des täglichen Bedarfs in fußläufiger Entfernung verstanden. Fußläufig bedeutet dabei, dass Angebote in zehn Gehminuten oder 1.000 Metern erreichbar sind. Zum täglichen Bedarf gehören Lebensmittel, Getränke, Genusswaren und Drogerieprodukte, d. h. all die Dinge, die üblicherweise in Lebensmittelgeschäften oder Drogerien verkauft werden. Die vorliegende Broschüre fasst die zentralen Ergebnisse, die für Praktiker*innen aus dem Einzelhandel, den Kommunen, der interessierten Bürgerschaft und der übergeordneten Politik und Verwaltung besonders relevant sind, zusammen. Damit aktualisieren wir die Broschüre, die wir im Rahmen des Vorgängerprojektes erstellt hatten (Eberhardt et al. 2014). Im Fokus stehen daher insbesondere aktuelle Entwicklungen und Veränderungen der jüngeren Vergangenheit. Die zentrale Leitfrage für die vorliegende Broschüre lautet: Wie müssen Nahversorgungsangebote gestaltet und ggf. öffentlich unterstützt werden, um dem Versorgungsbedarf der lokal ansässigen Bevölkerung möglichst gut zu entsprechen? Diese Broschüre basiert auf sechs Untersuchungsschritten, wobei verschiedene Methoden miteinander kombiniert wurden. Erstens wurden die bestehende Forschungsliteratur, vorhandene Daten sowie staatliche Unterstützungsstrukturen analysiert. Zweitens wurden 15 Interviews mit Expert*innen aus dem Handel, der Verwaltung und Beratungsunternehmen geführt, um neuere Trends bei Angebots- und Steuerungsformen einzuschätzen. Drittens wurden Betreiber*innen von 166 kleinen Nahversorgungseinrichtungen mit einem Fragebogen hinsichtlich ihrer wirtschaftlichen Situation, ihres Beitrags zur Nahversorgung und ihrer sozialen Funktion telefonisch befragt. Hierzu wurde die deutschlandweite Stichprobe aus dem Vorgängerprojekt (Küpper und Eberhardt 2013), soweit möglich (n=61, Rücklaufquote=79 Prozent), erneut befragt und um weitere Fälle (n=105, Rücklaufquote=50 Prozent) aufgestockt. Viertens haben wir in sechs Einzugsbereichen von Nahversorgern, die entweder in den letzten Jahren, d. h. 2018 oder 2019, eröffnet haben oder geschlossen wurden, eine schriftliche Haushaltsbefragung durchgeführt, um zu ermitteln, welche Veränderungen im Verhalten und in der Bewertung der Versorgungssituation diese Angebotsänderung (Eröffnung bzw. Schließung) hervorgerufen haben. Eine Befragungsrunde fand jeweils vor, und eine nach der Eröffnung bzw. Schließung des Angebots statt. Insgesamt wurden in den zwölf Vollerhebungen der sechs Fallstudien 3.571 auswertbare Fragebögen zurückgesandt, was einer Rücklaufquote von 43,1 Prozent entspricht. Fünftens wurde eine Erreichbarkeitsanalyse durchgeführt, um Entfernungen der Bevölkerung zum nächstgelegenen Lebensmittelgeschäft zu berechnen. Schließlich haben wir sechstens Tiefeninterviews mit zehn Betreiber*innen von Dorfläden aus der Region Hannover und Umgebung durchzuführen. Der Fokus lag dabei auf den Auswirkungen der Corona-Krise auf den Ladenbetrieb sowie die Bedeutung neuer, insbesondere digitaler Angebotsformen. Die Broschüre kann auch kostenlos als Druckversion bei bestellt werden.
Dynamik der Nahversorgung in ländlichen
Räumen verstehen und gestalten
Impulse für die Praxis
Winfried Eberhardt, Patrick Küpper, Matthias Seel
Impressum
Johann Heinrich von Thünen-Institut
Bundesforschungsinstitut für Ländliche Räume, Wald und Fischerei
Thünen-Institut für Ländliche Räume
Bundesall ee 64, 38116 Braunschweig
www.thuenen.de
Gestaltung & Bildbearbeitung
Thünen-Institut
Fotos: Winfried Eberhardt (Titel u. Rückseite)
Druck & Herstellung
Sigert Verlag GmbH, Braunschweig
ISBN 978-3-8 6576-232-0
Braunschweig/Germany, Oktober 2021
Kontakt
Thünen-Institut für Ländliche Räume
Dr. Patrick Küppe r
Telefon: +49 531 596-5227
E-Mail: patrick.kuepper@thuenen.de
Dipl.-Geogr. Winfried Eberhardt
Telefon: +49 531 596-5161
E-Mail: winfried.eberhardt@thuenen.de
M. Sc. Mat thias Seel (bis 7/2021)
Diese Broschüre entstand im Rahmen des Projekts „Dynamik der Nahversorgung in ländlichen Räumen“.
Gefördert wird das Projekt durch das Bundesprogramm Ländliche Entwicklung aufgrund eines
Beschlusses des Deutschen Bundestages (Förderkennzeichen 2817LE018, Projektlaufzeit 9/2017 bis 7/2021).
Dynamik der Nahversorgung in ländlichen Räumen verstehen und gestalten INHALTSVERZEICHNIS I
Inhaltverzeichnis
1 Einleitung 1
2 Aktuelle Situation und Trends im Lebensmitteleinzelhandel 4
2.1 Angebotsseite 4
2.2 Nachfrageseite 6
2.3 Schlussfolgerungen 7
3 Traditionelle Angebotsformen zur Nahversorgung in kleinen Orten 8
3.1 Kleinächenkonzepte 8
3.2 Mobile Angebote 10
3.3 Schlussfolgerungen 12
4 Neuere Angebotsformen zur Sicherung der Nahversorgung in
ländlichen Räumen? 13
4.1 Online-Bestellung mit Lieferung 13
4.2 Abholstationen und Click&Collect 16
4.3 Personalfreie Angebote zur Selbstbedienung: 24/7-Märkte und -Automaten 17
4.4 Handlungsansätze im aktuellen Modellvorhaben LandVersorgt 20
4.5 Schlussfolgerungen 22
5 Einkauf im Doraden aus Verbrauchersicht 23
5.1 Bürger, die sich für den Laden engagieren, kaufen eher dort ein 23
5.2 Was muss der Laden bieten, damit Kund*innen dort einkaufen? 24
5.3 Wie lässt sich der Umsatz geplanter Doräden vorab prognostizieren? 25
5.3.1 Faktoren, die vorab die tatsächliche Nutzung des Ladens erkennen lassen 26
5.3.2 Formulierungsvorschlag für eine einfache Erhebung der Prognosefaktoren in
einer Bedarfsabfrage 28
5.4 Schlussfolgerungen 28
6 Lernen von vier Beispielläden 29
6.1 Entwicklung der vier Läden seit 2012 30
6.2 Erfahrungen aus den vier Läden im Vergleich 33
6.3 Schlussfolgerungen 35
II VERZEICHNISSE
7 Aktuelle Bestandsaufnahme zur Situation von Nahversorgungspunkten 37
7.1 Erhobene Kriterien zur wirtschaftlichen Situation und zum Standort 37
7.2 Organisationsform: Rechtsform und Betriebsziel der Geschäfte 38
7.3 Warenbezug 40
7.4 Angebotsgestaltung 40
7.5 Zusatzdienstleistungen 45
7.6 Soziale Funktion 46
7.7 Welche Faktoren erklären die Umsatzhöhe? 47
7.8 Aktuelle Herausforderungen und Probleme der Läden 48
7.9 Tipps für andere Ladenbetreiber*innen 50
7.10 Schlussfolgerungen 51
8 Unterstützung durch die öentliche Hand 52
8.1 Entwicklungsprogramme und Maßnahmen der Bundesländer 52
8.2 Unterstützungsformen auf kommunaler Ebene 55
8.3 Einzelhandelssteuerung durch formelle und informelle Raumplanung 56
8.4 Schlussfolgerungen 59
9 Handlungsempfehlungen 60
9.1 Empfehlungen für Ladenbetreiber*innen und -initiativen 61
9.2 Empfehlungen für Kommunen 63
9.3 Empfehlungen für die Förderpolitik und die Raumordnung 65
Literaturverzeichnis 67
Empfehlungen zum Weiterlesen 70
Anhang 71
Dynamik der Nahversorgung in ländlichen Räumen verstehen und gestalten VERZEICHNISSE III
Abbildungsverzeichnis
Abbildung1: Anzahl der Lebensmittelgeschäfte nach Betriebsformen von 1990 bis 2020 4
Abbildung2: Anteil an Waren des täglichen Bedarfs, den Haushalte in drei Fallregionen mit
und ohne Anteile und Engagement im Doraden einkaufen, an allen Waren
des täglichen Bedarfs der Haushalte (in Prozent) 23
Abbildung3: Engeres Einzugsgebiet und Geschäftsergebnis 2018 38
Abbildung4: Rechtsformen der befragten Nahversorgungspunkte 39
Abbildung5: Hauptsächlich mit dem Geschäft verfolgte Betriebsziele 39
Abbildung6: Größe der Verkaufsäche der Geschäfte 41
Abbildung7: Önungszeit pro Woche in Stunden 41
Abbildung8: Artikelanzahl im Gesamtsortiment nach Größenklassen 42
Abbildung9: Durchschnittsbon pro Einkauf nach Größenklassen 43
Abbildung10: Wichtigkeit von regionalen Produkten und Bio-Produkten im
Lebensmittelsortiment 43
Abbildung11: Zusatzdienstleistungen in Doräden 45
Abbildung12: Unterstützungsformen durch die Gemeinde nach ihrer Häugkeit 55
Tabellenverzeichnis
Tabelle1: Durchschnittliche Anzahl der Lebensmittelgeschäfte, die von einer bewohnten
250 x 250 m-Rasterzelle unterschiedlicher Räume innerhalb bestimmter Zeiten
mit verschiedenen Verkehrsmitteln erreichbar sind 5
Tabelle2: Genutzte Verkehrsmittel auf Einkaufswegen für den täglichen Bedarf bei zwei
Raumtypen bei möglicher Mehrfachnennung (in Prozent) 6
Tabelle3: Erreichbarkeit des nächsten Lebensmittelgeschäfts in unterschiedlichen
Raumtypen 6
Tabelle4: Lieferbedingungen großer Online-Supermärkte in Deutschland (Stand 9/2021) 15
Tabelle5: Bedeutung von Lebensmittelonlinebestellungen in den sechs befragten
ländlichen Fallregionen 16
Tabelle6: Bedeutende Ladenmerkmale für den Einkauf im Doraden 24
Tabelle7: Aus den Ergebnissen der ersten Befragungsrunde (vor Ladenerönung)
prognostizierte Anteile an Waren des täglichen Bedarfs, die die Befragten
zehn Monate nach der Erönung des Doradens dort gekauft haben 26
Tabelle8: Fiktive Beispielrechnung einer Umsatzprognose 27
Tabelle9: Zentrale Merkmale der vier untersuchten Läden 2020 und Veränderungen
seit 2012 29
Tabelle10: Angebot in den Läden und dessen Nutzung 42
Tabelle11: Beitrag zur Erwerbstätigkeit im Erhebungszeitraum 2019/2020 46
Tabelle12: Aktuelle Herausforderungen und Probleme, die den Ladenbetrieb erschweren 49
Tabelle13: Tipps der befragten Ladenbetreiber*innen für andere Betreiber*innen 50
Dynamik der Nahversorgung in ländlichen Räumen verstehen und gestalten EINLEITUNG 1
1 Einleitung
Seit Jahrzehnten schließen Lebensmittelge-
schäfte und weitere Dienstleistungen in länd-
lichen Orten, sodass von einer ächendecken-
den Nahversorgung keine Rede mehr sein kann
(Kokorsch und Küpper 2019). Unter Nahversor-
gung wird allgemein die Versorgung mit Gütern
und Dienstleistungen des täglichen Bedarfs in
fußläuger Entfernung verstanden. Fußläug
bedeutet dabei, dass Angebote in zehn Gehmi-
nuten oder 1.000 Metern erreichbar sind. Zum
täglichen Bedarf gehören Lebensmittel, Geträn-
ke, Genusswaren und Drogerieprodukte, d. h.
all die Dinge, die üblicherweise in Lebensmit-
telgeschäften oder Drogerien verkauft werden.
Etwas ältere Ergebnisse einer Bevölkerungsbe-
fragung zeigen, dass der Anteil derjenigen, die
einen Laden zu Fuß innerhalb von zehn Minu-
ten nicht erreichen können, von 1997 bis 2010
von 13 auf 19 Prozent gestiegen ist (Sturm und
Walther 2011, S. 6). Die Anteile nicht-versorgter
Bewohner*innen lagen in den kleineren Ge-
meinden jeweils deutlich über diesem bun-
desweiten Durchschnitt. Allerdings müssen die
Verbraucher*innen, die in den unterversorgten
Gebieten leben, die fehlenden Angebote nicht
unbedingt als Problem wahrnehmen. So zei-
gen standardisierte Befragungen, dass selbst
in Orten ohne eigene Angebote nur geringe
Bevölkerungsanteile tatsächlich unzufrieden
mit der Versorgungssituation sind (Küpper
2020). Diese Ergebnisse verdeutlichen, dass die
fußläuge Erreichbarkeit von Nahversorgungs-
angeboten nur ein Bewertungskriterium unter
vielen ist. Hinzu kommen Auswahl, Preis, Qua-
lität der Waren, Önungszeiten oder Möglich-
keiten, Einkäufe mit anderen Wegen, wie z. B.
mit dem Pendeln, zu verbinden. Zudem hängt
die Bewertung auch von den Möglichkeiten
ab, mit einem fehlenden Angebot umzuge-
hen. Gerade in ländlichen Räumen haben viele
Verbraucher*innen einen Pkw zur Verfügung,
oder Verwandte und Nachbarn kaufen für we-
niger mobile Personen ein bzw. nehmen diese
zum Einkaufen mit.
Untersucht man, welche öentlichen und pri-
vaten Dienstleistungen einen Einuss darauf
haben, wie zufrieden die Bürger*innen mit der
Versorgungs- und Angebotssituation in ländli-
chen Räumen sind, stellt man fest, dass Lebens-
mittelläden die größte Rolle spielen, gefolgt
von Ärzten (Küpper und Mettenberger 2020).
Auch wenn in ländlichen Orten die meisten
Menschen mit der Versorgungssituation relativ
zufrieden sind, so geben doch über ein Viertel
Geschlossener
Doraden
© Winfried Eberhardt
2 EINLEITUNG
der Befragten an, dass sie hier einen deutlichen
oder starken Handlungsbedarf sehen (Küpper
2020). Dies liegt neben der Solidarität mit we-
niger mobilen Ortsbewohner*innen und dem
Komfortgewinn bei Ergänzungseinkäufen da-
ran, dass die Nahversorgung nicht nur unter
reinen Versorgungsaspekten betrachtet wird,
sondern dass sie auch eine soziale Funktion
erfüllt. Das bedeutet, dass Einkaufsmöglichkei-
ten wichtige lokale Trepunkte sind und dass
vorhandene Angebote für den Stellenwert des
eigenen Ortes von emotionaler Bedeutung
sind. Außerdem organisieren gerade viele
Rentner*innen ihren Tagesablauf entlang von
fast täglichen Einkäufen und diese Tätigkeit
gewinnt an Relevanz, wenn Familienmitglieder
und Freunde vor Ort fehlen oder weniger wer-
den und Einsamkeit vermieden werden soll.
Vor diesem Hintergrund beschäftigen sich
vielfältige politische und bürgerschaftliche In-
itiativen sowie staatliche Förderprogramme
und Modellvorhaben mit der Sicherung der
Nahversorgung. Angesichts dieser hohen po-
litischen Relevanz des Themas überrascht es,
dass die Nahversorgung in der Forschung so-
wohl zu ländlichen Räumen als auch zum Ein-
zelhandel in Deutschland ein Schattendasein
fristet. Mit dem Forschungsprojekt „Dynamik
der Nahversorgung in ländlichen Räumen“, das
von September 2017 bis Juli 2021 am Thünen-
Institut für Ländliche Räume durchgeführt und
vom Bundesprogramm Ländliche Entwicklung
gefördert wurde, möchten wir diese Lücke fül-
len. Die vorliegende Broschüre fasst die zen-
tralen Ergebnisse, die für Praktiker*innen aus
dem Einzelhandel, den Kommunen, der inter-
essierten Bürgerschaft und der übergeordne-
ten Politik und Verwaltung besonders relevant
sind, zusammen. Damit aktualisieren wir die
Broschüre, die wir im Rahmen des Vorgänger-
projektes erstellt hatten (Eberhardt et al. 2014).
Im Fokus stehen daher insbesondere aktuelle
Entwicklungen und Veränderungen der jünge-
ren Vergangenheit. Die zentrale Leitfrage für
die vorliegende Broschüre lautet: Wie müssen
Nahversorgungsangebote gestaltet und ggf.
öentlich unterstützt werden, um dem Versor-
gungsbedarf der lokal ansässigen Bevölkerung
möglichst gut zu entsprechen?
Diese Broschüre basiert auf sechs Untersu-
chungsschritten, wobei verschiedene Metho-
den miteinander kombiniert wurden. Erstens
wurden die bestehende Forschungsliteratur,
vorhandene Daten sowie staatliche Unterstüt-
zungsstrukturen analysiert. Zweitens wurden
15 Interviews mit Expert*innen aus dem Han-
del, der Verwaltung und Beratungsunterneh-
men geführt, um neuere Trends bei Ange-
bots- und Steuerungsformen einzuschätzen.
Drittens wurden Betreiber*innen von 166 klei-
nen Nahversorgungseinrichtungen mit einem
Fragebogen hinsichtlich ihrer wirtschaftlichen
Situation, ihres Beitrags zur Nahversorgung
und ihrer sozialen Funktion telefonisch befragt.
Hierzu wurde die deutschlandweite Stichpro-
be aus dem Vorgängerprojekt (Küpper und
Eberhardt 2013), soweit möglich (n=61, Rück-
laufquote=79 Prozent), erneut befragt und
um weitere Fälle (n=105, Rücklaufquote=50
Prozent) aufgestockt. Viertens haben wir in
sechs Einzugsbereichen von Nahversorgern,
die entweder in den letzten Jahren, d. h. 2018
oder 2019, erönet haben oder geschlossen
wurden, eine schriftliche Haushaltsbefragung
durchgeführt, um zu ermitteln, welche Verän-
derungen im Verhalten und in der Bewertung
Ein mobiles
Versorgungsangebot:
Verkaufsfahrzeug für
Backwaren eines stationären
Doradens
© Winfried Eberhardt
Dynamik der Nahversorgung in ländlichen Räumen verstehen und gestalten EINLEITUNG 3
der Versorgungssituation diese Angebotsände-
rung (Erönung bzw. Schließung) hervorgeru-
fen haben. Eine Befragungsrunde fand jeweils
vor, und eine nach der Erönung bzw. Schlie-
ßung des Angebots statt. Insgesamt wurden in
den zwölf Vollerhebungen der sechs Fallstudien
3.571 auswertbare Fragebögen zurückgesandt,
was einer Rücklaufquote von 43,1 Prozent ent-
spricht. Fünftens wurde eine Erreichbarkeits-
analyse durchgeführt, um Entfernungen der
Bevölkerung zum nächstgelegenen Lebens-
mittelgeschäft zu berechnen. Schließlich ha-
ben wir sechstens Tiefeninterviews mit zehn
Betreiber*innen von Doräden aus der Regi-
on Hannover und Umgebung durchzuführen.
Der Fokus lag dabei auf den Auswirkungen
der Corona-Krise auf den Ladenbetrieb sowie
die Bedeutung neuer, insbesondere digitaler
Angebotsformen.
Die Broschüre gliedert sich wie folgt: Kapitel 2
fasst die aktuelle Marktsituation und Trends im
Lebensmitteleinzelhandel als wichtiger Hinter-
grund für Praktiker*innen zusammen. Darauf
aufbauend werden in Kapitel 3 die klassischen
Kleinächenkonzepte und mobilen Lösungen
für ländliche Räume skizziert. Kapitel 4 stellt
aktuell diskutierte innovative Lösungen zur Si-
cherung der Nahversorgung vor und schätzt
deren Potenziale ein. Kapitel 5 beschäftigt sich
mit der Frage, welche Faktoren dafür ausschlag-
gebend sind, dass Verbraucher*innen in Dorä-
den einkaufen, und wie sich deren Umsatz vorab
prognostizieren lässt. In Kapitel 6 werden vier
Beispielläden vorgestellt, die wir bereits 2012
untersucht hatten und deren Entwicklung wir
nachzeichnen, damit andere daraus lernen kön-
nen. Nach diesen illustrativen Beispielen folgt in
Kapitel 7 eine systematische Bestandsaufnahme
zur Situation von insgesamt 166 Doräden. Ka-
pitel 8 stellt dann Unterstützungsmöglichkeiten
der öentlichen Hand vor, bevor im abschlie-
ßenden Kapitel 9 Handlungsempfehlungen für
verschiedene Adressaten gegeben werden.
Beispiel für ein klassisches
Kleinächenkonzept:
Filialbetrieb
© Winfried Eberhardt
4 SITUATION & TRENDS
2 Aktuelle Situation und Trends im
Lebensmitteleinzelhandel
2.1 Angebotsseite
Der Lebensmitteleinzelhandel (LEH) ist in den
letzten Jahrzehnten von einem Strukturwandel
hin zu weniger und größeren Geschäften ge-
kennzeichnet. Die Entwicklung der Anzahl der
Betriebe im LEH zeigt Abbildung1. Die Anzahl
der Verkaufsstellen hat sich von 1990 bis 2020
mehr als halbiert. Insgesamt sind in diesem
Zeitraum knapp 48.000 Läden oder 56 Prozent
vom Markt verschwunden, wobei diese Ent-
wicklung nicht alle LEH-Formate gleicherma-
ßen betrit. So hat sich die Zahl der Discounter
in etwa verdoppelt, während die Anzahl kleiner
Geschäfte (unter 400 m² Verkaufsäche) um 87
Prozent zurückgegangen ist. Gründe für das
Verschwinden der kleinächigen Angebote
sind unter anderem ungünstige Kostenstruk-
turen und Lieferkonditionen kleiner, inhaber-
geführter, unabhängiger Läden. Häug waren
es aber die kleineren Läden, die für die Nah-
versorgung mit Waren des täglichen Bedarfs
in ländlichen Orten von Bedeutung waren. Für
große Einzelhandelsketten sind Standorte Ein-
zugsbereiche unterhalb einer Grenze von 5.000
Personen für Neuansiedlungen unattraktiv (Ko-
korsch und Küpper 2019).
In diesem fortlaufenden Konzentrationspro-
zess im LEH sind folgende Trends deutlich:
Trotz der geringeren Anzahl von Läden ist
generell die Verkaufsäche angewachsen, sie
konzentriert sich auf weniger, größere Läden.
So ging die Zahl der Läden in den letzten fünf
Jahren (2015-2020) um 1,5 Prozent zurück,
während die Verkaufsäche um 2,0 Prozent
wuchs, was zu einem Anstieg der durch-
schnittlichen Verkaufsäche eines Ladens
66.451
52.380 43.950
32.740
11.200 8.900 8.450
7.695
11.580
13.180
14.745
16.250 16.211 15.909
9.433
9.610
8.842
8.430
9.980 10.870 11.018
1.715
2.097
2.380
2.995
1.875 1.962 1.998
0
10.000
20.000
30.000
40.000
50.000
60.000
70.000
80.000
90.000
1990 1995 2000 2005 2010 2015 2020
Verbraucher- bzw. große Supermärkte sowie SB-Warenhäuser (ab 1.500 m² bis 2005 bzw. ab 2.500 m² seit 2010)
Supermärkte (400-1.499 m² bis 2005 bzw. 400-2499 m² seit 2010)
Discounter
Kleine Lebensmielgeschäe (bis 399 m²)
Abbildun g1:
Anzahl der Lebensmittelge-
schäfte nach Betriebsformen
von 1990 bis 2020
Quelle: Eigene Darstellung;
Daten für 1990 bis 20 05 von
EHI (2008); Daten ab 2010 von
EHI (2018, 2021a).
Anmerkung: Verkaufsstellen im Lebensmitteleinzelhandel ohne Spezialgeschäfte und nicht- organisiertem Lebensmit-
telhandel. Zwisch en 2005 und 2010 hat das EHI Reta il Institute die Denitione n der Betriebsformen ve rändert, sodass hier
ein Bruch in der Zeitreihe entstanden ist und die Werte zwischen 2005 und 2010 nur eingeschränkt vergleichbar sind.
Dies betrit vor allem die Verbrauchermärkte, die durch große Supermärkte ersetzt wurden. Diese Betriebsform beginnt
aber erst ab einer Verkaufsäche von 2.500 m² statt vorher ab 1.500 m².
Dynamik der Nahversorgung in ländlichen Räumen verstehen und gestalten SITUATION & TRENDS 5
von 935 auf 959 m² (+3,5 Prozent) führte (EHI
2021a, S. 77 f.). Supermärkte verzeichneten
Zuwachsraten sowohl bei Umsätzen als auch
der Anzahl an Läden, Discounter stagnierten
bei der Anzahl der Läden, verbuchten dabei
aber steigende Umsatzzahlen, wenn auch
ein geringeres Wachstum als die Supermärk-
te (nominal +15 Prozent im Vergleich zu +34
Prozent von 2015 bis 2020) (ebd., S. 76). Dro-
geriemärkte protierten von Trends hin zu Bio
und Gesundheit (Kokorsch und Küpper 2019).
Kleinere Lebensmittelgeschäfte stagnierten
nominal beim Umsatz in den letzten fünf Jah-
ren, wodurch sich ihr Marktanteil von 3,2 auf
2,7 Prozent verringerte (EHI 2021a, S. 76).
Aktuelle Berechnungen mit dem Thünen-
Erreichbarkeitsmodell zeigen in Tabel-
le 1 bei der Verfügbarkeit von stationären
Lebensmittelgeschäften zum einen eine starke
raumstrukturelle Dierenzierung sowie zum
anderen erhebliche Unterschiede abhängig
vom genutzten Verkehrsmittel.
Die Erreichbarkeitsberechnung verdeutlicht,
dass in nicht-ländlichen Räumen durchschnitt-
lich fast fünf Lebensmittelgeschäfte in fünf Mi-
nuten mit dem Pkw erreichbar sind, während es
in ländlichen Räumen lediglich zwei im Durch-
schnitt sind. Ähnliche Unterschiede ergeben sich
bei der fußläugen Erreichbarkeit. In 15 Minuten
können zu Fuß in ländlichen Räumen durch-
schnittlich lediglich 0,5, und in nicht-ländlichen
1,3 Geschäfte erreicht werden. Die Erreichbarkeit
mit dem Fahrrad liegt zwischen der Pkw- und
fußläugen Erreichbarkeit. Die Werte verdeutli-
chen die Bedeutung der Pkw-Verfügbarkeit für
die Nahversorgung in ländlichen Gebieten.
Tabelle1:
Durchschnittliche Anzahl der
Lebensmittelgeschäfte, die
von einer bew ohnten 250 x
250 m-Ras terzelle unter-
schiedlicher Räume innerhalb
bestimmter Zeiten mit ver-
schiedenen Verkehrsmitteln
erreichbar sind
Quelle: Eigene Darstellung der
Erreichbarkeitsberechnung
von Stefan Neu meier (2018,
unveröentl.) mittels Standort-
daten von gb- consite (Stand:
November 2017) und der
Thünen-Typologie ländlicher
Räume nach Küp per (2016).
Anmerkung: Die durchschnittliche Anzahl der in der jeweiligen Zeit erreichbaren Lebensmittelgeschäfte bezieht sich auf
die Fläche und nicht auf die Bevölkerung. Das bedeutet, dass über ganz Deutschland ein Raster mit 250 x 250 m-großen
quadratischen Zellen gelegt wird und von jedem Zellenmittelpunkt über das Straßennetz geroutet die Erreichbarkeit zu
den nächsten Lebensmittelgeschäften berechnet wird. Dargestellt sind dann die in der jeweiligen Zeit erreichbaren Ge-
schäfte im Durchschnitt aller zum jeweils betrachteten Raum gehörigen Zellen, in denen mindestens eine Person ihren
Wohnsitz hat. Für Fußgäng er*innen wird eine Geschw indigkeit von 78 Metern pro Minute ang esetzt, für Radf ahrer*innen
15 km/h und für Pkw die Geschwindigkeitsprole für Pkw von OpenStreetMap.
Verkehrsmittel Wegezeit Deutschland
insgesamt
Ländliche Räume Nicht-ländliche
Räume
Pkw
bis 5 Min 2,5 2,0 4,8
bis 10 Min 6,5 5,9 9,1
bis 15 Min 9,0 8,7 10 ,1
Fahrrad
bis 5 Min 0,7 0,5 1,5
bis 10 Min 2,0 1,5 4,4
bis 15 Min 3,2 2,5 6,5
zu Fuß
bis 5 Min 0,1 0,1 0,1
bis 10 Min 0,3 0,2 0,6
bis 15 Min 0,6 0,5 1,3
6 SITUATION & TRENDS
2.2 Nachfrageseite
Aufseiten der Nachfragenden ist in den ver-
gangenen Jahren das Interesse an regionalen,
saisonalen sowie Bio-Produkten gestiegen.
Außerdem hat es eine Veränderung bei der
Preissensibilität und dem Qualitätsbewusst-
sein gegeben. Für eine knappe Mehrheit der
Konsument*innen ist inzwischen Qualität aus-
schlaggebender als der Preis. Die Preissensibi-
lität scheint dabei deutlich an die allgemeine
Wirtschaftslage gekoppelt und der Trend hin
zu mehr Qualitätsorientierung scheint erst mit
dem Abebben der letzten Finanz- und Wäh-
rungskrise eingesetzt zu haben (u. a. GfK und
BVE 2015; GfK 2017; Kokorsch und Küpper 2019).
Regionale Produkte erhalten viel Aufmerksam-
keit und erleben eine große Nachfrage, jedoch
stoßen regionalane Verbraucher*innen man-
cherorts beim regionalen Einkauf an ihre Gren-
zen, weil nur ein Teil tatsächlich aus der Region
bezogen werden kann. Das hat viel seltener mit
dem Preis, als vielmehr mit der häug fehlen-
den Verfügbarkeit in der jeweiligen Region zu
tun (Bundesverband der Regionalbewegung
2021). Kleine Nahversorger, wie Doräden, sind
hier gegenüber großen Anbietern wie bspw.
EDEKA und REWE im Vorteil, da sie leichter
mit kleinen Erzeuger aus ihrer Region direk-
te individuelle Partnerschaften für eine breite
Angebotspalette eingehen können und über-
schaubare Liefermengen abnehmen. Natürlich
werben auch die großen Ketten mit Regionali-
tät. Allerdings ist der Begri nicht eindeutig de-
niert, sodass teils auch Produkte als regional
ausgewiesen werden, die von weiter entfernt,
z. B. aus demselben Bundesland, kommen.
Ein weiterer Trend ist der Konsum von Lebens-
mitteln außer Haus, sei es beruich bedingt
oder zum Vergnügen. Dies betrit mehrheit-
lich Bewohner*innen größerer Städte, denen
außerdem eine einfache und schnelle Zuberei-
tung von Mahlzeiten aus Convenience-Produk-
ten (Fertiggerichten) wichtig ist (BMEL 2017;
Forsa 2017). Es betrit alle Altersschichten. Die-
ser Trend hat vermutlich vorübergehend in den
Corona-Jahren 2020 und 2021 abgenommen.
Die Wege zum Einkauf werden hauptsäch-
lich mit dem Pkw zurückgelegt. Bei möglicher
Mehrfachnennung führt das Auto als übliches
Verkehrsmittel für Einkäufe des täglichen Be-
darfs mit 72 Prozent, zu Fuß gehen 47 Prozent,
29 Prozent verwenden das Fahrrad und 10 Pro-
zent nutzen den ÖPNV (BMVI 2018). Diese Zah-
len variieren je nach Raumtyp jedoch stark, wie
aus Tabelle2 hervorgeht.
Mit dem – bereits erwähnten – Thünen-Erreich-
barkeitsmodell und denselben Standortdaten,
mit denen die durchschnittliche Anzahl erreich-
barer Supermärkte und Discounter nach Wege-
zeiten berechnet wurde (siehe zuvor Tabelle2),
wurde die Erreichbarkeit zum nächstgelege-
nen Lebensmittelgeschäft für unterschiedliche
Raumtypen berechnet (siehe Tabelle3): Dabei
wird z. B. deutlich, dass die Einwohner* innen
im Bundesgebiet durchschnittlich ca. 1,5 km
zum nächsten Geschäft zurücklegen müssen.
Tabelle2:
Genutzte Verkehrsmittel
auf Einkauf swegen für den
täglichen B edarf bei zwei
Raumtyp en bei möglicher
Mehrfachnennung (in Prozent)
Quelle: Eigene Darstellung
nach Angabe n in BMVI (2018).
Tabelle3:
Erreichbarkeit des nächsten
Lebensmittelgeschäfts in un-
terschiedlichen Raumtypen
Quelle: Eigene Darstellung der
Erreichbarkeitsberechnung
von Neumeie r (2018) mittels
Standortdaten von gb-consite
(Stand: Novemb er 2017), dem
Zensus-Bevölkerungsraster
2011 in 250 m x 250 m-A na-
lysezell en und der Thünen-
Typologie ländlicher Räume
nach Küpper (2016).
Bevölkerungsgewichtete durch-
schnittliche Entfernung in Metern
Anteil der Bevölkerung mit weniger
als 1 km Entfernung in Prozent
Deutschland 1.456 58,6
Ländliche Räume 1.895 47, 8
Nicht-ländliche Räume 857 73,3
Verkehrsmittel Kleinstädti-
scher, döricher
Raum
Metropole
Auto 85 % 48 %
zu Fuß 28 % 72 %
Fahrrad 21 % 33 %
ÖPNV 2 % 24 %
Dynamik der Nahversorgung in ländlichen Räumen verstehen und gestalten SITUATION & TRENDS 7
In ländlichen Räumen beträgt diese Entfernung
durchschnittlich fast 2 km, in nicht-ländlichen
Räumen liegt sie unter 1 km.
Außerdem wurde errechnet, welcher Bevöl-
kerungsanteil das nächste Lebensmittelge-
schäft innerhalb von einem Kilometer errei-
chen kann. Dieser Schwellenwert wird häug
genutzt, um von einer vorhandenen Nahver-
sorgung sprechen zu können. Danach können
in Deutschland ca. 60 Prozent der Bevölkerung
als entsprechend versorgt gelten. In den nicht-
ländlichen Räumen trit dies auf ca. 73 Pro-
zent der Bevölkerung zu, während dies in den
ländlichen Räumen lediglich für ca. 48 Prozent
zutrit.
2.3 Schlussfolgerungen
Immer neue Food-Trends (Bio-, regionale,
vegane, „gesunde“ und Convenience-
Produkte) führen zu einer Vergrößerung
der nachgefragten Sortimentsbreite, die
größere Läden eher erfüllen können – was
größere Einzugsbereiche erfordert.
Durch überlappende Einzugsbereiche und
höhere Pkw-Mobilität gerade in ländlichen
Räumen steigt die Wettbewerbsintensität
weiter an. Supermärkte scheinen aktuell
besser auf die Marktentwicklungen re-
agieren zu können als Discounter. Kleine
Lebensmittelgeschäfte werden immer
mehr zur Ausnahme und verlieren weiter
Marktanteile.
Die räumliche Ausdünnung der Versor-
gungsstrukturen, die Verbindung von
Handel und Gastronomie, der Trend hin
zu Regionalität und höhere Qualitätsori-
entierung der Verbraucher*innen, die sich
in steigenden Ausgaben für Lebensmittel
niederschlagen, bieten neue Potenziale für
alternative Versorgungsangebote in der
Fläche.
Regionales Warenangebot
dekorativ in Szene gesetzt
© Winfried Eberhardt
8 TRADITIONELLE ANGEBOTSFORMEN
3 Traditionelle Angebotsformen zur
Nahversorgung in kleinen Orten
Zur Sicherung der Nahversorgung in kleinen
Orten, die für die großen Handelsketten wenig
interessante Standorte bieten, konnten in den
letzten Jahrzehnten mit verschiedenen Ange-
botsformen Erfahrungen gesammelt werden.
Im Folgenden werden zunächst vier Formate
von stationären Nahversorgungseinrichtungen
kurz vorgestellt: Filialkonzepte, Multifunktions-,
Integrations- und Bürgerläden. Daneben gibt
es mobile Angebote, die vor allem für Orte, in
denen ein stationärer Laden nicht tragfähig ist,
wichtig sind. Diese fünf Handlungsoptionen
sind miteinander kombinierbar und werden je
nach Angebotssituation auch oftmals kombi-
niert. So bietet beispielsweise ein Großteil stati-
onärer Nahversorgungspunkte auch einen Lie-
ferservice an, um damit stationäre und mobile
Angebote zu verbinden.
3.1 Kleinächenkonzepte
Filial- und Franchise-Konzepte
Filial- und Franchise-Konzepte zielen darauf ab,
Größenvorteile gegenüber Einzelbetrieben zu
nutzen. Zu den Filial- und Franchisekonzepten
zählen bspw. nah und gut, nahkauf, Lädchen für
alles, IK – Ihr Kaufmann, nah & frisch und topkauf.
Neben Filialen unabhängiger Kaueute bieten
auch einige Lebensmittelketten wie REWE, EDE-
KA und die Markant-Gruppe kleinächige Kon-
zepte mit rund 100 bis 500 m² Verkaufsäche.
Diese werden in der Regel von unabhängigen
Kaueuten unter dem Dach der Konzerne be-
trieben. Die unterschiedlichen Ketten haben
individuell abgestimmte Finanzierungskonzep-
te (bspw. mit vergünstigten Kreditkonditionen
oder Warenausstattung auf Kommissionsbasis)
für die Einzelhändler*innen vor Ort, um deren
unternehmerisches Risiko zu verringern.
Bei den Franchise-Angeboten handelt es sich
um Kleinächenläden, die in der Regel ein ein-
heitliches Erscheinungsbild haben, selbststän-
dig geführt werden und vertraglich an einen
Großhandelspartner gebunden sind. Der Groß-
handelspartner übernimmt die Belieferung und
ist auch Konzeptgeber; dies kann eine Grün-
dungsberatung inklusive Standortanalyse und
Hilfe bei der Objektauswahl beinhalten. Dane-
ben unterstützt er bei der Inneneinrichtung,
berät bei der Sortimentszusammensetzung
und bietet individuelle Werbung an. Durch die
Zusammenarbeit mit dem wirtschaftlich erfah-
renen Großhandelspartner reduziert sich das
wirtschaftliche Risiko.
nah & frisch-Filiale
© Winfried Eberhardt
Dynamik der Nahversorgung in ländlichen Räumen verstehen und gestalten TRADITIONELLE ANGEBOTSFORMEN 9
Multifunktionsläden
Multifunktionsläden (u. a. MarktTre, DORV-
Zentrum) werden vielfach ab 100 bis rund
300 m² Verkaufsäche eingerichtet, um den
Kund*innen, ähnlich wie in zentralen Orten
oder Nahversorgungsagglomerationen, Kopp-
lungsmöglichkeiten zu bieten und zusätzlichen
Umsatz zu generieren. Je nach örtlichem Bedarf
werden neben der Grundversorgung (Verkauf
von Lebensmitteln und anderen Gütern des täg-
lichen Bedarfs) häug einzelhandelsrelevante
Dienstleistungen (Verkauf oder Bereitstellung
von öentlichen und privaten Dienstleistun-
gen, u. a. Postservice, Lotto/Toto, Lieferdienst)
und Trepunkt-/Kommunikationsmöglichkei-
ten (u. a. Café-Ecke, Gastronomie, Vereinshaus)
und – jedoch seltener – soziale und medizini-
sche Versorgungsmöglichkeiten angeboten.
Diese Zusatzdienstleistungen dienen ebenfalls
der Kundenbindung und der Abgrenzung von
Supermärkten und Discountern, die wenig Ser-
vice anbieten. Die Zusatzdienstleistungen loh-
nen sich selbst nur selten; sie dienen vielmehr
der Förderung der Hauptnutzung.
Bei der Einführung der Zusatzdienste sind be-
stimmte Hürden zu beachten: zusätzliche An-
forderungen an die Ausbildung des Personals,
die Ladengröße und -einrichtung, Abhängigkeit
von Verwaltungsvorschriften (Gewerbeanmel-
dung, bauordnungsrechtliche Auagen) sowie
notwendige verlässliche Absprachen mit den
Servicepartnern. Die Zusatzdienstleistungen
sind vor allem dann sinnvoll, wenn bestehende
personelle und räumliche Kapazitäten mitge-
nutzt werden können, und die Dienstleistun-
gen bei gleichen Önungszeiten, falls keine
bauliche Trennung vorliegt, angeboten werden
können. Die Einführung von Zusatzdienstleis-
tungen kann in kleinen Orten schwierig sein,
wenn bestimmte Mindestumsätze (z. B. bei Lot-
to-Annahmestellen) verlangt werden.
Integrationsläden
Integrationsläden sind Einzelhandelsgeschäf-
te, deren wirtschaftliche Tragfähigkeit durch
Fördermöglichkeiten im investiven und opera-
tiven Bereich für die Beschäftigung von Men-
schen mit Behinderung, die Qualizierung und
Beschäftigung von Langzeitarbeitslosen oder
auch die Schaung von Ausbildungsplätzen
für Jugendliche im Einzelhandel unterstützt
wird. Über die Integration beeinträchtigter
Menschen können auf der Kostenseite Einspa-
rungen erreicht werden, die es ermöglichen,
solche Märkte auch an sogenannten Grenzer-
tragsstandorten zu betreiben. Die Anleitung
der zu qualizierenden Menschen erfolgt durch
qualiziertes Fachpersonal.
Voraussetzung für das Betreiben eines Integ-
rationsmarktes ist ein vor Ort tätiger gemein-
nütziger Träger, der Fördermittelempfänger
für öentliche Zuschüsse sein kann. Die sozi-
alen Träger streben zumeist nur einen gerin-
gen Gewinn bzw. eine schwarze Null an. Sie
sind an Standorten interessiert, die ein ausrei-
chend großes Einzugsgebiet (mindestens 2.000
Einwohner*innen) und keine konventionellen
Mitbewerber mehr vor Ort aufweisen. Bun-
desweit gibt es die CAP-Märkte sowie regional
z. B. die Bonus-Märkte (Beruiche Orientierung,
Nachbarschaftsläden und Service gGmbH) in
Baden-Württemberg und Bayern sowie die Lä-
den der Stellenwert GmbH (Netzwerk für Integ-
ration in Arbeit) in Nordhessen.
Angebotspalette von
einem MarktTre
© Winfried Eberhardt
10 TRADITIONELLE ANGEBOTSFORMEN
Bürgerläden
Bewohnergetragene Ansätze kennzeichnet,
dass sie versuchen, das Interesse und Engage-
ment möglichst vieler Bürger*innen für den
eigenen Laden zu gewinnen. Als Rechtsform
werden häug z. B. Verein (wirtschaftlicher oder
eingetragener Verein (w. V. oder e. V.)), Genos-
senschaft (e. G.) oder Unternehmensgesell-
schaft (UG, haftungsbeschränkt) gewählt. Verei-
ne hoen, möglichst viele Personen und damit
auch Kund*innen einzubeziehen. Bei genossen-
schaftlichen Modellen erwerben die Mitglieder
Anteile am Laden. Eine Unternehmensgesell-
schaft besteht aus stillen Gesellschaftern, wel-
che jeweils mindestens einen Gesellschafteran-
teil von bspw. 200 Euro erwerben. Mit dem über
die Anteile erhaltenen Kapital kann z. B. die
Anschubnanzierung für den Bürgerladen (In-
nenausstattung und Erstbestückung mit Ware)
aufgebracht werden. Über die nanzielle Betei-
ligung sollen die Bürger*innen stärker mit dem
Laden emotional verbunden werden, um eine
höhere Kaufkraftabschöpfung zu erzielen. Die
Bürger*innen als Kapitalgeber*innen erwarten
in der Regel keinen großen Gewinn oder gar Ge-
winnausschüttungen, der Laden sollte sich aber
selbst tragen. Im Bürgerladen können nicht nur
alle Mitglieder bzw. Gesellschafter*innen ein-
kaufen, selbstverständlich können dort auch
alle anderen einkaufen. Vereins- und Genossen-
schaftsmitglieder haben Mitwirkungsmöglich-
keiten bei der Sortimentsgestaltung und Preis-
politik. Im Gründungsprozess und während des
Betriebs wird die Kommunikation zwischen den
Dorfmitgliedern angeregt und Engagement
für den eigenen Wohnort geweckt. Neben der
vereinfachten Kapitalbereitstellung durch die
Bürger*innen wird meist eine öentliche An-
schubnanzierung gewährt, teilweise sind auch
die Kommunen Mitgesellschafter. Insgesamt
soll so das wirtschaftliche Risiko auf möglichst
viele Personen verteilt werden. Neben dem
persönlichen Engagement möglichst vieler
Bewohner*innen im Einzugsgebiet sind auch
für Bürgerläden unternehmerische Fähigkeiten,
ein hohes Maß an Kreativität und Kundennähe
wichtige Voraussetzungen für den Erfolg.
3.2 Mobile Angebote
Mobile Verkaufsläden sind vor allem für klei-
ne Orte unter 1.000 Einwohner interessant,
in denen ein stationäres Angebot nicht wirt-
schaftlich oder das Angebot begrenzt ist. Bei
mobilen Versorgern handelt es sich um be-
gehbare Lkws (mobile Supermärkte) oder The-
kenfahrzeuge, die bezüglich der Sortiments-
breite durchaus ein Vollsortiment mit 1.500
bis 3.000 Produkten bereithalten können. Das
Sortiment ist aufgrund der Fahrzeugkapazität
meist erheblich kleiner, wobei einige Anbieter
ihren Kund*innen persönlichen Service und
die Erledigung individueller Besorgungen und
Sonderwünsche anbieten. Die Kund*innen
können Waren per Einkaufsliste bei der Fahre-
rin / beim Fahrer und per Telefon bzw. Internet
bestellen. Gerade für entlegene Räume können
diese mobilen Nahversorger eine geeignete
Anpassungsstrategie beim Wegfall stationärer
Angebote sein. Der regionale Verkaufsradius
beträgt etwa 40 bis 50 km um den Firmensitz.
Kennzeichnend ist in der Regel der festgelegte
wöchentliche Tourenplan, nach dem die Hal-
tepunkte in den Orten zu bestimmten Zeiten
Bürgerladen mit Dorfcafé
© Winfried Eberhardt
Dynamik der Nahversorgung in ländlichen Räumen verstehen und gestalten TRADITIONELLE ANGEBOTSFORMEN 11
angefahren werden. Die Zeitfenster der oftmals
wohnhausnahen Haltepunkte liegen in der
Regel zwischen 9 und 18 Uhr, für Berufstätige
kommt das Angebot somit aufgrund der Halte-
zeiten meist nur am Samstag infrage, es eignet
sich hauptsächlich für Senior*innen, wird aber
auch von jungen Familien genutzt.
Zahlen für diese Betriebsform werden nicht
zentral erfasst, die Anzahl der Verkaufsfahr-
zeuge mit einem Vollsortiment liegen nach
Schätzungen vom Fachbereich „Mobile Ver-
kaufsstellen“ beim Verband des Deutschen
Lebensmittelhandels bei etwa 1.000 bis 1.200.
Insgesamt versorgen mehr mobile Händler die
neuen als die alten Bundesländer (Fleischhauer
2019). Darunter sind nur wenige Großanbieter
aktiv, die Größenvorteile nutzen und mit Su-
permärkten preislich konkurrieren können. Bei
kleineren Anbietern besteht häug die Not-
wendigkeit, die höheren Großhandelspreise an
die Verbraucher*innen weiterzugeben, um ren-
tabel wirtschaften zu können. Nach Angaben
eines befragten Experten sei der Trend eher
rückläug: „Leute, die ihr Geschäft aufgeben
müssen, nden schwer einen Nachfolger.“
Selbstständige Einzelhändler bieten teilwei-
se einen Lieferdienst für Interessierte, zumeist
weniger mobile Personen, an. Die Lieferungen
ansässiger Einzelhändler erfolgen in der Regel
gegen Gebühr und sind erst ab einer höheren
Einkaufssumme (bspw. 50 Euro) kostenlos. Sol-
che Angebote haben aber meist einen Service-
Charakter zur Abgrenzung von Konkurrent und
sind meist kaum rentabel zu betreiben.
Viele kleine Nahversorgungseinrichtungen
liefern bereits seit längerem Lebensmittel an
mobilitätseingeschränkte Kund*innen (Küpper
und Eberhardt 2013; für aktuelle Zahlen siehe
Kapitel 7.5). Die Lieferbedingungen und -ge-
bühren der von uns befragten Doräden sind
durchaus niedrigschwellig und gleichzeitig
kostengünstig: Je nach Laden beträgt die Ge-
bühr z. B. 3 bzw. 5 Euro; teils wird aber auch kos-
tenlos geliefert, teils erst ab einer Bestellmenge
von 50 Euro. Die Mindestmenge beginnt je
nach Laden z. B. bei 20 Euro oder 30 Euro. Eini-
ge Läden liefern sogar kostenfrei. Insbesondere
bürgerschaftlich getragene Doräden setzen
dabei auf die ehrenamtliche Unterstützung von
bürgerschaftlich Engagierten.
Das Verhältnis zwischen Zeitaufwand für Zu-
sammenstellung und Auslieferung der Bestel-
lung beim Lieferservice einerseits und dadurch
erzieltem Umsatz andererseits hält keiner der
im Rahmen einer Fallstudie befragten Bürgerlä-
den für wirtschaftlich tragfähig: Der hauseigene
Lieferservice „rechnet sich erst durch die ehren-
amtliche Unterstützung“. In manchen Läden
verzichten Unterstützende auch auf das Benzin-
geld. Diese Angebote wurden insbesondere in
den „Lock down-Phasen“ im ersten Corona-Jahr
2020 stärker als in den Vorjahren genutzt.
Rollender Supermarkt eines
mobilen Versorgers
© Winfried Eberhardt
12 TRADITIONELLE ANGEBOTSFORMEN
3.3 Schlussfolgerungen
1 In dieser Wirtschaftlichkeitsberechnung wurde jedoch von einer Kaufkraftbindung von ca. 40 Prozent ausgegangen,
was für ein Kleinächenkonzept mit 400 m² Verkaufsäche wenig realistisch erscheint (siehe auch Kapitel 5.3).
Kleine Orte mit weniger als 3.000 bis 5.000
Einwohner*innen im Einzugsgebiet sind als
Standorte für moderne Formate der Han-
delsketten in der Regel uninteressant.
Traditionell kann die Nahversorgung in
solchen Orten durch kleinächige Formate
gesichert werden. Hierzu werden Strategien
genutzt, die Größenvorteile im Rahmen von
Filial- oder Franchise-Konzepten nutzen,
Funktionen als Frequenzbringer und ver-
besserte Auslastung der Fixkosten bündeln,
Bürger*innen als Kapitalgeber und Mitar-
beiter einbinden und/oder Menschen mit
Handicap integrieren und so von besonde-
rer Förderung protieren.
Wird eine gewisse Größe des Ortes bzw. des
Einzugsgebietes unterschritten, sind aber
auch solche stationären Modelle kaum noch
wirtschaftlich tragfähig. Ein befragter Ex-
perte nannte 1.000 Einwohner*innen als ab-
solute Untergrenze für einen langfristigen,
sich selbst tragenden Betrieb1. Gerade in
solchen dünn besiedelten Gebieten sind
dann mobile Händler und Lieferservices
zentrale Ansätze, um die Nahversorgung
derjenigen zu sichern, die in ihrer Mobilität
eingeschränkt und daher auf die fußläuge
Versorgung angewiesen sind.
Mobile Angebote sind aber angesichts zeit-
lich begrenzter Verfügbarkeit, beschränkter
Angebotsbreite oder notwendiger Preisauf-
schläge im Vergleich zu stationären Anbie-
tern nicht immer rentabel zu betreiben,
weshalb Angebote nicht ächendeckend
vorhanden sind und teils aufgegeben
werden.
Bei allen beschriebenen stationären und
mobilen Angebotsformen gelten unterneh-
merische Fähigkeiten, ein hohes Maß an
Kreativität sowie Kundennähe als wichtige
Faktoren für den Erfolg.
Doraden und
Sparkassenliale unter
einem Dach mi t großem
Café-Sitzbereich
© Winfried Eberhardt
Dynamik der Nahversorgung in ländlichen Räumen verstehen und gestalten NEUERE ANGEBOTSFORMEN 13
4 Neuere Angebotsformen zur Sicherung der
Nahversorgung in ländlichen Räumen?
Das Thema Online-Handel hat durch die Co-
rona-Pandemie einen großen Schub erhalten.
Dies betrit sowohl die Angebots- als auch
Nachfrageseite. Zunächst werden allgemein
der Online-Handel mit Lebensmitteln und un-
terschiedliche Bestellmöglichkeiten skizziert.
Anschließend wird auf neue stationäre 24/7-An-
gebote in ländlichen Räumen eingegangen
und abschließend werden aktuelle Handlungs-
ansätze aus laufenden Pilotprojekten zu Ver-
netzung, Logistik und Lieferung in ländlichen
Räumen thematisiert.
4.1 Online-Bestellung mit Lieferung
Die Geschichte des Online-Handels mit Le-
bensmitteln in Deutschland nahm im Jahr 2000
mit dem Markteintritt von OTTO ihren Anfang
(Nufer und Kronenberg 2014). Aufgrund mäßi-
gen Erfolgs und dem kaum zu gewinnenden
Preiskampf mit den Discountern wurde dieses
Angebot jedoch bald wieder eingestellt. Dieser
Verlauf wiederholte sich bei vielen Folgeanbie-
tern. Bis heute ist kein Anbieter bekannt, der
sich ächendeckend am Markt etablieren konn-
te und mit dem Online-Vertrieb von Lebens-
mitteln schwarze Zahlen schreibt. Seit einigen
Jahren versuchen die beiden Marktführer im
stationären Handel (REWE, EDEKA) ihre Online-
Aktivitäten zu verstärken und sich am Markt zu
behaupten.
Der Anteil des Lebensmittelonlinehandels am
gesamten Lebensmitteleinzelhandel in Deutsch-
land ist mit rund 2 Prozent bisher deutlich gerin-
ger als in anderen europäischen Ländern. Sein
Potenzial gilt darüber hinaus als begrenz t, da das
stationäre Verkaufsstellenetz vergleichsweise
dicht, und das Preisniveau niedrig ist. Dennoch
wird dem Lebensmittelonlinehandel das Poten-
zial bescheinigt, zur Lösung von Erreichbarkeits-
und Versorgungsproblemen in ländlichen Räu-
men beitragen zu können. Im Corona-Jahr 2020
konnte der Lebensmittelonlinehandel einen
deutlichen Schub verzeichnen und wies ein Um-
satzwachstum von 67 Prozent (EHI 2021b) auf.
EDEKA setzt bspw. seit 2021 auf das niederlän-
dische Start-up Unternehmen Picnic. Picnic soll
der Online-Arm von EDEKA werden, obwohl
das Unternehmen bislang nur in Nordrhein-
Westfalen in städtischen Gebieten präsent
ist. Dort liefert Picnic mit einer Flotte von 400
selbst entwickelten Elektrofahrzeugen mitt-
lerweile in 45 Städten Ware ins Haus. Ab 2022
könnte auch in andere Bundesländer expan-
diert werden (dpa 2021).
Für und Wider aus Verbrauchersicht
Auf Kundenseite sind allgemein Bequemlich-
keit, Flexibilität (Unabhängigkeit von statio-
nären Önungszeiten) und Zeitmangel we-
sentliche Gründe für den Online-Kauf von
Lebensmitteln. Der Flexibilitätsaspekt betrit
jedoch oftmals nur den Bestellvorgang, der 24
Stunden an sieben Tagen in der Woche erfol-
gen kann. Die Belieferung oder Abholung rich-
tet sich dann wiederum an der Tourenplanung
der Fahrer*innen bzw. den Önungszeiten der
Abholmöglichkeiten aus (Kokorsch und Küpper
2019). Gegen den Online-Kauf werden zumeist
soziale und sensorische Gründe angeführt. Se-
hen, Fühlen, Riechen vor dem Kauf sind wichti-
ge Aspekte für die richtige Wahl einer Ware. Die
limitierten haptischen und sensorischen Mög-
lichkeiten bei Online-Käufen können auch nach
dem Erhalt zu Komplikationen führen, wenn bei-
spielsweise (qualitative) Diskrepanzen zwischen
bestellter Ware und dem tatsächlich erhaltenen
14 NEUERE ANGEBOTSFORMEN
Gut auftreten. Bei der Abholung der Ware im
Laden kann die Ware überprüft und ggf. direkt
reklamiert werden. Hinzu kommt beim Online-
Kauf das Fehlen sozialer Kontakte, die beim
Einkauf im Laden zu anderen Kund*innen oder
dem Verkaufspersonal entstehen können. Auf
Verbraucherseite können die Unterstützung
des Einzelhandels vor Ort und die sozialen Kon-
takte Gründe sein, Produkte weiterhin stationär
einzukaufen (Wiegandt et al. 2018).
Angebotsformen und Konditionen
Ein Großteil der Umsätze im Lebensmittelon-
linehandel beschränkte sich bis vor wenigen
Jahren auf den Handel mit Feinkost und Spezia-
litäten. Nur wenige Anbieter (unter 10 Prozent)
bieten ein Vollsortiment an (KPMG 2016). Der
größte Anteil der Umsätze entfällt auf Artikel
aus dem Non-food-Sortiment (BBSR 2018).
Auf der Angebotsseite lassen sich die drei fol-
genden Betriebsformen beim sogenannten
Electronic-Commerce (kurz: E-Commerce für
Verkauf und Handel von Gütern/Waren oder
Dienstleistungen mittels Internet) ausmachen.
Von denen ist der ergänzende E-Commerce
zurzeit am weitesten verbreitet (Bermes 2021):
reine E-Commerce-Anbieter: keine eige-
nen stationären Filialen, Waren werden aus
einem Logistiklager entweder zur Endkun-
din / zum Endkunden geliefert oder zu einer
Abholstation transportiert (z. B. Anbieter
Amazon Fresh).
ergänzender E-Commerce: Multi-Channel-
Akteure mit stationärem Filialnetz auf der
einen und vorhandener Logistikstruktur
auf der anderen Seite (z. B. REWE- und
EDEKA-Onlineshop).
kombinierter E-Commerce: mehrere ver-
schiedene Händler bieten ihre Waren auf
einer gemeinsamen Internetplattform an.
Charakteristisch sind der gemeinschaftliche
Vertriebskanal und die Lieferung bzw. der
Versand an die Endkund*innen (z. B. Projekt
Smart Emma).
Auf Anbieterseite führen die Zusammenstellung
der bestellten Waren (Feinkommissionierung)
und der Transport zur Kundin / zum Kunden
(„Lieferung auf der letzten Meile“) zu einem
nanziellen Mehraufwand. Hinzu kommen lo-
gistische Herausforderungen, insbesondere im
Hinblick auf die Kühlkette und verderbliche Wa-
ren. Um rentabel wirtschaften zu können, müss-
ten die Mindestbestellmengen in ländlichen
Räumen deutlich höher sein als in städtischen
Gebieten (Dannenberg und Dederichs 2019).
Für ländliche Gebiete gibt es bisher zwei Ein-
schränkungen im Online-Handel mit Lebens-
mitteln: der hohe Aufwand für Dienstleister
und die begrenzte Zahlungsbereitschaft der
Verbraucher*innen. Wegen des vergleichswei-
se geringeren Sendungsaufkommens ist bei
der Lieferung nach Hause kaum eine kosten-
deckende Auslastung der Fahrzeuge möglich
und klassische Logistiknetze lassen sich somit
in bestimmten Regionen kaum aufbauen oder
aufrechterhalten (BBSR 2018). Insbesondere bei
Tiefkühlwaren und Lieferungen am selben
Tag kommen Lieferanten an ihre Grenzen. Ein
Grund ist, dass Paketlogistiker nicht das not-
wendige Netz aufweisen und Kurierdienste
nicht über die notwendigen Kapazitäten verfü-
gen (Umundum 2015).
Bei nahezu allen gegenwärtig praktizierten Lie-
feroptionen tritt das Problem der Preissensibi-
lität der Kund*innen in Bezug auf die Versand-
kosten auf. Mindestbestellwerte und Gebühren
wirken derzeit abschreckend auf Kund*innen
(Beimdiecke 2017). Somit stehen Erwartungs-
haltung – wie frei wählbare Zeitfenster für die
Belieferung, kostenfreie Lieferung und besten-
falls kostenfreie Retouren – kosten- und ächen-
deckenden Logistiknetze diametral gegenüber
(Horst und Rahn 2015; Umundum 2015).
Dynamik der Nahversorgung in ländlichen Räumen verstehen und gestalten NEUERE ANGEBOTSFORMEN 15
Der größte Online-Shop für Lebensmittel
im Bundesgebiet war 2018 die REWE Markt
GmbH (EHI Retail Institute 2020). Laut eines
Vergleichsportals galten 2021 folgende Be-
dingungen und Gebühren: Mindestbestell-
wert 50 Euro, Lieferkosten je nach Einkauf 0
bis 5,90 Euro, Gratislieferung ab 120 Euro Be-
stellwert2
. Tabelle 4 zeigt die Vergleichswer-
te zu mehreren Online-Supermärkten, die
2 Tatsächlich zeigt eine eigene Recherche im REWE-Onlineshop, dass die Konditionen je nach Standort variieren. Zudem
ist in vielen ländlichen Orten neben Click&Collect lediglich der Paketversand (ohne Mindestbestellwert) verfügbar.
Über den Paketversand werden aber bundesweit durchaus auch frische und gekühlte Produkte verkauft.
3 Die Anteile des Internethandels am Gesamteinkauf wurden auf der Grundlage von siebenstugen Skalen verschiede-
ner Einkaufsformate berechnet. Daher geben die Zahlen lediglich eine gewisse Orientierung und lassen sich zwischen
verschiedenen Gruppen vergleichen. Für exakte Werte hätte das Einkaufsverhalten der Bewohner*innen über einen
längeren Zeitraum protokolliert werden müssen, was aber sehr aufwendig ist und eine entsprechend geringe Teilnah-
mebereitschaft zur Folge gehabt hätte.
deutschlandweit liefern (Stand 27.09.2021). Bei
zwei der Anbieter kann das gesamte Super-
marktsortiment bestellt und geliefert werden,
bei den drei anderen gibt es keine Frischepro-
dukte. Einzelne Supermärkte verlangen für ih-
ren Lieferservice in die Umgebung jedoch hö-
here Gebühren (z. B. 10,00 Euro) und erheben
Aufschläge von einem Euro bei Getränkekisten
und 6er Trägern.
Bedeutung von Lebensmittelonlinebestellungen in ländlichen Räumen
Unsere Ergebnisse aus zwölf Haushaltsbefra-
gungen (vgl. Tabelle5) in sechs Orten mit und
ohne Doraden (n=3.571) weisen den Anteil
des Internethandels am Gesamteinkauf 3
von
Waren des täglichen Bedarfs mit 2,3 Prozent
in Orten, in denen ein Doraden vorhanden
ist (n=1.700), aus. Wenn kein Doraden vor-
handen ist (n=1.871), liegt der Anteil etwas hö-
her – bei 2,9 Prozent. Diese Tendenz bestätigt
sich mit Blick auf den Anteil der Haushalte, die
zumindest einen Teil ihrer Waren des täglichen
Bedarfs im Internet bestellen. Dieser liegt in Or-
ten ohne Doraden bei fast 25 Prozent und in
Orten mit Doraden bei 22 Prozent. Die höhe-
ren Werte in Dörfern ohne Lebensmittelladen
weisen darauf hin, dass der Lebensmittelon-
linehandel für einige bereits eine (ergänzende)
Strategie darstellt, um mit der Situation einer
fehlenden fußläugen Nahversorgung umzu-
gehen. Zwischen den einzelnen Orten gibt es
allerdings auch deutliche Unterschiede in der
Nutzung des Lebensmittelonlinehandels, wie
die Spannbreite der Anteile der Haushalte, die
Lebensmittel im Internet bestellen, und der
Mittelwert des Internethandels verdeutlichen.
Gründe hierfür können z. B. in örtlich unter-
schiedlichen Angebotsniveaus des Lebensmit-
telonlinehandels, unterschiedlich digital anen
Befragungsteilnehmer*innen oder der Versor-
gungssituation im Umfeld liegen.
Tabelle4:
Lieferbedingungen großer
Online-Supermärkte in
Deutschland (Stand 9/2021)
Quelle: Eigene Darstellung
nach https://www.online-
lebensmittel-lieferservice.de/
online-supermarkt-vergleich-
inklusive-test-gutscheine
(Zugri am 27.09.2021).
Anbieter Mindestbestellwert
(in Eu ro)
Lieferkosten
(in Eu ro)
Gratis-Lieferung/
Versandkostenfrei
Warenangebot
REWE 50 0 bis 5,90 ab 120 Euro
Bestellwert
komplettes
Supermarkt-
Sortiment
Netto 0 (kein Mindestwert) 4,95 ab 60 Euro
Bestellwert keine Frischwaren
EDEKA 24 10 3,95 ab 75 Euro
Bestellwert keine Frischwaren
MyTim e 0 (kein Mindestwert) 4,99 ab 80 Euro
Bestellwert
komplettes
Supermarkt-
Sortiment
Kauand 0 (kein Mindestwert) Variiert je nach Artikelkategorie,
Warenwert und Versandziel keine Frischwaren
16 NEUERE ANGEBOTSFORMEN
4.2 Abholstationen und Click&Collect
Der große Anbieter REWE will den o. g. Online-
Handel mit Lieferservice in ländlichen Gebieten
nicht weiter ausdehnen (Dannenberg 2020).
Stattdessen wurde 2020 begonnen, im Bundes-
gebiet mehrere hundert zusätzliche Abholbe-
reiche in den REWE-Märkten einzurichten. Die
online bestellten Waren werden zur Abholung
durch die Kund*innen direkt in der Filiale vor-
bereitet. In einigen Märkten wird aus Personal-
kapazitätsgründen zumeist nur eine begrenzte
Menge an Abholungen angenommen. Dieser
Abholservice wird als „entspanntes Einkaufen
ohne Stress und Hektik“ beworben. Vorteile für
die Kund*innen seien dabei (REWE 2021):
Abholung der gepackten Bestellung am
gleichen Tag möglich,
kein Mindestbestellwert,
keine Servicegebühr bei Erstbestellung,
Extra-Parkplatz und Extra-Kassen (bei
Verfügbarkeit).
Gerade Abholmodelle wie dieses von REWE
betriebene Click&Collect-Modell zeichnen sich
aufgrund vergleichsweise geringer Betriebs-
kosten bereits bei niedrigen Absatzzahlen
als rentabel für die Anbieter aus, da mehre-
re Kund*innen in kurzer Zeit bedient werden
können und sich die Fixkosten pro Bestellung
reduzieren.
Das Abholboxen/-stationen-Unternehmen Em-
masbox bietet seit 2015 Hard- und Soft-
wareprodukte für Kund*innen in der Um-
setzung von Click&Collect-Projekten in zu-
meist städtischen Gebieten und ermöglicht
Endverbraucher*innen die schnelle und be-
queme Abholung von online bestellten Pro-
dukten. Das Angebot ist vergleichbar mit den
Packstationen der DHL, mit dem Unterschied,
dass in den Fächern Temperaturen variabel von
-20 bis +20 Grad gehalten werden können und
diese somit für sämtliche Lebensmittel tauglich
sind. Die Lebensmittel werden zuvor online
bestellt und dann an die Station geliefert (Ko-
korsch und Küpper 2019, S.2; Emmasbox 2021).
Auch kleine Anbieter testen Abholmodelle.
Ein Doraden hat sich unabhängig von Coro-
na ein Schließfachsystem für bestellte Waren
angeschat und drei einzelne Abholboxen vor
dem Laden installiert (System SESAM-Box). Der
Praxisbetrieb ist 2021 gestartet. Bestellungen
aus dem aktuellen Sortiment des Doradens
können per E-Mail oder telefonisch erfolgen.
Eine Online-Präsentation von Produkten ist da-
für noch nicht vorgesehen, weil die Pege und
Die drei Abh olboxen „Jochen,
Heini und Wolfgang“ vor dem
Ladengebäude. Benannt nach
drei engagierten Bürgern
Tabelle5:
Bedeutung von Lebensmit-
telonlinebestellungen in den
sechs bef ragten ländlichen
Fallregionen
Quelle: Eigene Haushaltsbe-
fragungen in sechs Fallstudien.
Anteil der Haushalte, die mindes-
tens einen Teil ihrer Waren des
täglichen Gebrauchs im Internet
bestellen
Mittelwert des Anteils des Inter-
nethandels an allen Einkäufen von
Waren des täglichen Bedarfs der
befragten Haushalte
Alle Fälle (n=3.571) 23,4 % 2,6 %
mit Doraden (1.700) 21,9 % 2,3 %
Spannbreite (sechs
Fallstudien) 15,9 % bis 27,6 % 1,6 % bis 3,1 %
ohne Doraden (1.871) 24,8 % 2,9 %
Spannbreite (sechs
Fallstudien) 18,6 % bis 34,2 % 2,1 % bis 4,6 %
© Winfried Eberhardt
Dynamik der Nahversorgung in ländlichen Räumen verstehen und gestalten NEUERE ANGEBOTSFORMEN 17
Hinweisschild zu einem
Dorfautomaten
Aktualisierung der Homepage sehr aufwendig
wäre. Für die Nutzung der Abholbox wird eine
Service-Pauschale von 2,50 Euro je Abholung
und je Tag berechnet. Kund*innen werden per
E-Mail über die Bereitstellung in der Abholbox
informiert. Für die Abholung ihrer Bestellung
erhalten sie den Zugangscode entweder per
E-Mail zum Ausdrucken oder über eine App
mit dem Smartphone sowie eine Telefonnum-
mer für einen ggf. nötigen Support. Mit dem
Zugangscode können Berufstätige jederzeit
nach Feierabend ihre bestellte Ware abho-
len. Eine solche Box kann Lebensmittel und
Tiefkühlwaren kühl halten und bietet eine
kontrollierte Entnahme unter Beachtung der
Altersgrenze von 18 Jahren (z. B. bei alkohol-
haltigen Getränken und ggf. Arzneimitteln).
Die Rechnung über die bestellten Waren gibt
es in Papierform, diese wird mit in die Box ge-
legt und ist per Überweisung zu begleichen
(Doraden Mariensee 2021). Eine Grundvor-
aussetzung für den Einsatz in der Praxis ist aus
Sicht eines von uns befragten Experten: „Diese
Schließfachsysteme müssen technisch ausge-
reift sein und rund um die Uhr hundertpro-
zentig funktionieren, Ladenbetreiber dürfen
bei Entnahmeproblemen von Kunden keinen
Mehraufwand außerhalb der Ladenönungs-
zeiten haben, weil sie bereits an der Grenze der
Belastbarkeit sind“.
4.3 Personalfreie Angebote zur Selbstbedienung:
24/7-Märkte und -Automaten
Über Selbstbedienungsmöglichkeiten, die
auch außerhalb der Önungszeiten genutzt
werden können – wie 24/7-Angebote, die 24
Stunden, sieben Tage die Woche zugänglich
sind (v. a. stationäre Märkte bzw. Automaten)
– außerhalb des eigentlichen Ladens können
klassische stationäre Doräden ihr Angebot um
personalfreie Önungszeiten erweitern. Ziele
dieser neuen Angebotsformen sind einerseits
Personalkosteneinsparungen und andererseits
eine höhere Attraktivität für Kund*innen, eine
breitere Kundenbasis und zusätzliche Verkäufe.
Eine einfache Form ohne Online-Vorbestellung
stellen kleine Automaten dar (Regiomat oder
regiobox). Sie verfügen über ein begrenztes Sor-
timent (ausgewählte Lebensmittel, Getränke,
häug regionale Produkte) für den Rund-um-
die-Uhr-Einkauf. Je nach Technik-Ausstattung
ist Zahlung mit Bargeld, Giro- oder Visakarte bis
zu Apple und Google Pay möglich (MarktTre
2/2021). Verkaufsautomaten werden seit länge-
rem für den Direktvertrieb von regional erzeug-
ten Produkten genutzt. Häuge Anbieter sind
landwirtschaftliche Betriebe, die kein eigenes
Ladenlokal betreiben und zudem ihre Produkte
rund um die Uhr anbieten wollen (MarktTre
2017). Unabhängig von dieser Form der Direkt-
vermarktung gibt es Automatenläden mit meh-
reren Verkaufsautomaten, die ein Grundangebot
ohne Service-Personal rund um die Uhr vorhal-
ten. Jedoch kann diese Verkaufsform nur ein ge-
ringes Sortiment, z. B. für vergessene Einkäufe,
abdecken bzw. lokale Produkte anbieten. Daher
ergänzen sie eher außerhalb der Önungszeiten
das bestehende Angebot von Vollsortimentern.
Sie stellen in manchen Orten aber auch das ein-
zige Versorgungsangebot im Ort dar.
© Winfried Eberhardt
18 NEUERE ANGEBOTSFORMEN
Ein Automat erfordert je nach Größe eine Inves-
tition von 15.000 bis 30.000 Euro und die Bereit-
schaft, regelmäßig die Waren zu überprüfen
und aufzufüllen. Hinzukommen beim Betrieb
in der Praxis der Zeitaufwand für Reinigung
und Wartung sowie die Beachtung rechtlicher
Anforderungen und Hygienevorschriften. Ne-
ben dem Angebot im Laden können Doräden
auch mit einem Automatenangebot bei der Zu-
sammenarbeit mit regionalen Erzeuger ggf. in
Kombination mit Direktvermarktung durchaus
hohe Margen bei regionalen Produkten erzie-
len, ein Alleinstellungsmerkmal bei exklusiven
Produkten erreichen oder auch Eigenmarken
entwickeln (Böhmer 2021).
Seit 2020 gibt es im Bundesgebiet erste Versu-
che in ländlichen Gebieten mit sogenannten
24-Stunden / 7-Tage-Märkten (je nach Organi-
sationsform nur während der Önungszeit mit
Personal und ansonsten ohne Personal bzw.
gänzlich ohne Verkaufspersonal, Zugang nur
mit Kundenkarte). In den Medien erfahren die
24/7-Märkte große Aufmerksamkeit. Ob deren
Markteintritt und die Entwicklung nachhaltig
und erfolgreich sein wird, kann erst in einigen
Jahren beantwortet werden.
Erste 24/7-Märkte existieren bspw. in Baden-
Württemberg (Läden von Tante M in mehreren
Orten), in Niedersachsen (Tante Enso in Blen-
der und Schnega) und in Thüringen (Emma`s
Tag- und Nachtmarkt in Altengottern). In den
24/7-Märkten soll das Einkaufen rund um die
Uhr möglich sein. Zur Sicherheit und Kontrolle
der Kund*innen werden die Läden mit mehre-
ren Kameras überwacht. Die Läden können die
Kund*innen zu den personalfreien Zeiten mit
von den Betreiber*innen ausgegebenen eige-
nen Chipkarten (Kundenkarte mit individueller
Kunden-PIN) betreten. Diese Karten dienen
teils auch zur Bezahlung der Einkäufe (über
SEPA-Lastschrift oder Guthabenfunktion).
Der digitale Doraden Emma`s Tag- und Nacht-
markt in Altengottern wurde Anfang 2020
erönet. Das Sortiment umfasst bis zu 1.800
Artikel auf rund 100 m² Ladenäche. Personal
kommt bei Bedarf tagsüber nur zum Auüllen
der Ware, ansonsten ist der Laden personalfrei
und es entstehen nur geringe Personalkos-
ten. Die Kund*innen müssen ihre ausgewählte
Ware eigenhändig an Selbstbedienungskassen
einscannen / digital erfassen. Bezahlt wird bar-
geldlos direkt mit App, Handy oder EC-Karte.
Der Kundenzuspruch reicht nach Betreiber-
angaben seit dem zweiten Monat nach der
Erönung für einen rentablen Betrieb aus.
Binnen des ersten Jahres wurden rund 850
Kundenkarten ausgegeben, davon rund 650
in Altengottern und der Rest im benachbarten
Großengottern sowie der übrigen Umgebung
(Bermes 2021, S. 53; Fischer 2021). Die Preise
wurden von den befragten Kund*innen als zu-
friedenstellend bewertet. Da ein Großteil der
Produkte aus dem EDEKA-Sortiment stamme,
seien auch die Preise zumeist identisch (Ber-
mes 2021, S. 50 f.).
Die Tante-M-Läden sind an sieben Tagen in
der Woche zumeist von 5 bis 23 Uhr geönet.
Die Geschäfte liegen zentrumsnah und verfü-
gen über rund 100 m² Verkaufsäche mit etwa
1.200 Artikel des täglichen Bedarfs. Frisches
Obst und Gemüse sowie Eier, Kartoeln und
regionale Spezialitäten werden von lokalen
Erzeuger bezogen. Frische Backwaren werden
nur angeboten, wenn es vor Ort keinen Bäcker
mehr gibt. In den Geschäften gibt es aufgrund
des Jugendschutzes keine Alkoholika, Zigaret-
ten oder andere altersbeschränkte Produkte.
Vier 24/7-Automaten mit
Café-Automat in einem Dorf
© Winfried Eberhardt
Dynamik der Nahversorgung in ländlichen Räumen verstehen und gestalten NEUERE ANGEBOTSFORMEN 19
Tante Enso kombiniert den stationären Ver-
kauf von Artikeln des täglichen Bedarfs mit
Online-Bestellmöglichkeiten. Das Angebot
soll je nach Standort bis zu 3.000 Artikel im
Laden für den Sofortkauf umfassen. Anfang
2021 existierten in ländlichen Gebieten zwei
Tante-Enso-Läden (in Blender bei Verden seit
9/2019: ca. 1.000 Artikel auf 140 m², in Schnega
seit 10/2020 mit ca. 3.000 Artikel auf 170 m²).
Zusätzlich sollen bis zu rd. 20.000 Artikel vir-
tuell im MyEnso-Onlineshop für Kund*innen
im Raum Bremen und Blender zur Verfügung
stehen. In andere Orte wird bundesweit nur
das Trockensortiment per DHL ausgeliefert
(d. h. keine Frischeartikel) (MyEnso 2021a). Ne-
ben den Einkaufszeiten mit Bedienung, die
jeder Standort/Laden individuell festlegen
kann (in Blender: insgesamt fünf Tage mit 16,5
Stunden; in Schnega: insgesamt fünf Tage pro
Woche mit insgesamt 11,5 Stunden), gibt es
Einkaufszeiten ohne Bedienung mit Nutzung
der Self-Scanning-Kasse. Ergänzend können
Dienstleistungen wie Post, Lotto/Toto sowie
spezielle Unternehmens- und Eventangebote
hinzukommen.
Wichtige Standortvoraussetzungen für einen
Laden sind neben der Einwohnerzahl und der
Distanz zum nächsten Supermarkt, dass die
Dorfbewohner*innen eine Nahversorgung
durch Tante Enso unterstützen. Grundsätzlich
sollten es mindestens 1.000 Einwohner*innen
sein, wichtiger ist die Zahl der angestrebten
Anteile in der Genossenschaft des Ladens von
Menschen aus dem Ort (Bausch und Bädecker
2021). 400 Anteile für jeweils 100 Euro müssen
derzeit verbindlich in einer geplanten Genos-
senschaft reserviert werden. MyEnso geht da-
von aus, dass, wenn Menschen bereit sind, sich
mit je 100 Euro an einem Markt zu beteiligen,
diese auch später dort einkaufen und ihn nut-
zen werden (MyEnso 2021b).
Das Tante-Enso-Betreibermodell sieht für je-
den Standort die Gründung einer eigenen
Tante Enso GmbH & Co KG mit Sitz im jeweili-
gen Standort vor. Diese stellt das Personal ein,
betreibt den Laden und zahlt die Ladenmiete.
Gegründet wird die örtliche GmbH & Co KG von
der ENSO eCommerce GmbH und der MyEnso
Teilhaber eG (MarktTre 2021).
links: Infoschilder vom
24/7-Markt in Blender;
rechts: Hinweisschild
an einem 24/7-Ma rkt
für Besit zer der
Kundenkarte
© Winfried Eberhardt
© Winfried Eberhardt
20 NEUERE ANGEBOTSFORMEN
4.4 Handlungsansätze im aktuellen Modellvorhaben
LandVersorgt
Im Rahmen des 2020 gestarteten Modell- und
Demonstrationsvorhaben „LandVersorgt – Neue
Wege der Nahversorgung in ländlichen Räu-
men“ des Bundesministeriums für Ernährung
und Landwirtschaft (BMEL) werden deutsch-
landweit 15 beispielhafte, innovative Projekte
für die Entwicklung nachhaltiger Lösungen für
die Nahversorgung mit Gütern des täglichen
Bedarfs unterstützt. Die ausgewählten Modell-
projekte zeigen weitere Ideen bzw. Möglichkei-
ten, die Nahversorgung in ländlichen Räumen
zu verbessern. Sie erhalten zunächst eine För-
derung von bis zu 50.000 Euro für die Ausarbei-
tung ihres Nahversorgungskonzeptes für einen
Zeitraum von bis zu zwölf Monaten. Die letzten
Projekte sind im Mai 2021 gestartet. Nach Ab-
lauf dieser ersten Stufe ist vorgesehen, anschlie-
ßend die Umsetzung der besten Konzepte zu
fördern (BMEL 2021).
Mehrere der geförderten Projekte beinhalten
Ideen zum Thema Lieferlogistik bzw. Lieferket-
ten und beabsichtigen die Vernetzung regiona-
ler Akteure: Eine Dorfregion mit acht Dörfern
und nur einem Doraden will einen stationären
Dorfmarkt um ein 24/7-Angebot erweitern (hy-
brider Doraden). Ein Elektro-Kleinbus (Land-
LieferBus) soll bestellte Ware ausliefern und
Menschen zum selbstbestimmten Einkaufen
fahren.
Andere Projekte wollen Abhol-Stationen und
die Einrichtung von Bestell- und Abhol-Cafés
z. B. in Dorfgemeinschaftshäusern erproben,
bis hin zu einer Machbarkeitsstudie, in der der
Einsatz von Lieferdrohnen getestet werden soll.
Drei Projekte planen speziell kombinierte
Online-Vermarktungsangebote wie Online-
Shop mit mobilem Doraden und Lieferdienst,
Entwicklung einer regionalen Online-Bestell-
plattform mit regionalem Logistiksystem oder
Vermarktung regionaler Produkte über einen
Doraden und ein Online-Portal.
Einige Modellprojekte setzen weiterhin auf den
ländlichen Nahversorger und wollen auf die
soziale Komponente der „LebensMittelPunkte“
mit dörichem Trepunkt nicht verzichten.
links: Wöchentliche Infopost
eines Doradens;
rechts: Inf ozettel
eines Dor adens mit
Sonderangeboten
© Winfried Eberhardt
© Winfried Eberhardt
Dynamik der Nahversorgung in ländlichen Räumen verstehen und gestalten NEUERE ANGEBOTSFORMEN 21
BESTEHENDE ERFAHRUNGEN MIT DIGITALEN LÖSUNGEN IN DORFLÄDEN
Für manche kleine Nahversorgungs- und Doräden stellt sich angesichts der zunehmenden
Digitalisierung die Frage, welche smarten individuellen digitalen Lösungen für Marketing
und Kommunikation zu ihnen passt. Ein Doraden und digitale Online-Angebote, passt das
zusammen: „Wir wollen es nicht“, sagen die einen. „Es ist eine kleine Nische mit Chancen,
auch wenn der Anteil am Umsatz gering ist“, meinen die anderen. Wenn Betreiber*innen
von Nahversorgungseinrichtungen für sich die digitalen Möglichkeiten für ihren Doraden
als wichtig erachten und nutzen wollen, empfehlen Ladenbetreiber*innen, die dies bereits
tun, Internet und Facebook zu nutzen, um Marketing und Werbung für den Doraden zu
machen. Angebote wie digitale Schaufenster und Reklame erzeugen die nötige Aufmerk-
samkeit, außerdem sollte jeder Doraden zumindest eine eigene Homepage haben. Darü-
ber kann für die Bevölkerung Transparenz zum Laden und zu Angeboten hergestellt werden.
Ein Online-Shop ist etwas für größere Läden und ggf. aber bei guter Unterstützung durch
Ehrenamtliche auch für kleine Läden interessant, weil die Pege der Homepage, das Aktua-
lisieren der Angebote und Preise viel Zeitaufwand erfordern. In einigen Doräden erprobt
sind bereits verschiedene technische Lösungen, die möglichst in Kombination eingesetzt
werden sollten und zwar (Brand und Lühning 2021; Meyer 2020):
Doraden-Post bzw. -Blatt (Info-Flyer oder wöchentliche Seite mit Warenageboten, die
im Anhang einer Mail mit verschickt werden kann),
Doraden-App (Verknüpfung mit Facebook-Seite),
Internetseite und Webseite zum Doraden (www.doraden …),
Newsletter (z. B. mit Infos über regionale Anbieter),
Doraden-Infobildschirm (Datenbestückung u. a. über Doraden-App mit Zeitsteue-
rung) mit laufender Präsentation im Doraden.
Über eine Doraden-App (native Smartphone-App bzw. progressive Web-App) können In-
formationen und Neuigkeiten aus und um den Doraden verbreitet werden. So eine App
ist in der Grundversion kostenlos und bietet eine eigene Webseite, die App kann gut mit
dem Facebook-Account des Ladens verbunden werden. Bei Nutzung einer App sollte die
Aktualität der Inhalte beachtet werden, und es sollten gezielt Informationen gepostet wer-
den. Dabei sollten die Adressat*innen nicht mit zu viel Infos überfrachtet werden. Bei Bildern
ist unbedingt das Copyright zu beachten. Die App ermöglicht einen direkten Draht zu den
Kund*innen, diese können sich mobil jederzeit informieren. Die App spricht nicht nur junge
Generationen, sondern altersunabhängig alle Altersgruppen an. Sie hilft, neue Kundenpo-
tenziale zu erschließen und Kund*innen zu binden.
Erwartete positive Eekte der digitalen Angebote: Die Zielgruppe ist gut erreichbar; mehr
Transparenz für Kund*innen; der Doraden bleibt positiv im Gespräch; es ist möglich, geziel-
te Hinweise auf neue Produkte und Aktionen im Doraden zu geben, den Blick auf Waren-
sortiment und günstige Preise zu lenken. Bilder/Fotos zum Laden und zu Produkten sind gut
einsetzbar. Über Werbung für andere Betriebe kann eine zusätzliche nanzielle Einnahme-
quelle generiert werden. Bei Bedarf kann auch per App und E-Mail ein Doraden die Funk-
tionen eines Gemeindeblatts übernehmen und über Neues aus der Gemeindeverwaltung
und den örtlichen Vereinen informieren (Feste, Termine, …). Trotz dieser neuen Möglichkei-
ten bleibt der Doraden im Kern analog (Meyer 2020): Der direkte menschliche Kontakt und
die Trepunktfunktion für den Ort bilden die eigentliche Basis.
22 NEUERE ANGEBOTSFORMEN
4.5 Schlussfolgerungen
Der Online-Handel wächst auf niedrigem
Niveau stark und entzieht den stationären
Anbietern Kaufkraft. Der Marktanteil liegt
mit etwa 2 Prozent schon fast auf dem
Niveau kleiner Lebensmittelgeschäfte. Aller-
dings ist das Potenzial des Online-Handels
jenseits von Click&Collect in ländlichen Räu-
men aufgrund hoher Lieferkosten begrenzt,
wenngleich deutschlandweite Angebote
existieren.
Click&Collect-Angebote wachsen stark in
ländlichen Räumen, wo sie auch wirtschaft-
lich rentabel sind. Aufgrund der nötigen
Abholung bleibt der Beitrag für die Versor-
gung mobilitätseingeschränkter Personen,
die Probleme mit fehlender Nahversorgung
haben, stark begrenzt.
Kleine Läden sind durchaus in der Lage,
auf sie angepasste digitale Angebote zu
entwickeln, wobei es eher um digitale Infor-
mations- und Kommunikationsangebote als
um Online-Shops geht. Trotz dieser neuen
Möglichkeiten werden Doräden voraus-
sichtlich im Kern analog bleiben, da auch in
Zukunft der direkte zwischenmenschliche
Kontakt und die Trepunktfunktion für den
Ort die wesentliche Basis bilden.
24/7-Märkte können zur Sicherung der
Nahversorgung interessant sein, um mögli-
cherweise Läden an Grenzertragsstandorten
rentabel betreiben zu können. Die Kombi-
nation mit regulären Önungszeiten – eine
zeitweise Anwesenheit des Personals zum
Auüllen der Regale ist ohnehin erforderlich
– fördert zugleich die soziale Funktion der
Märkte. Ob sich solche Angebote dauerhaft
am Markt durchsetzen, muss sich noch
beweisen.
Infoschild f ür neues Bestell-
und Abholserviceangebot
von REWE
© Winfried Eberhardt
Dynamik der Nahversorgung in ländlichen Räumen verstehen und gestalten DORFLADEN AUS VERBRAUCHERSICHT 23
5 Einkauf im Doraden aus Verbrauchersicht
5.1 Bürger, die sich für den Laden engagieren, kaufen
eher dort ein
Dem Konzept der bewohnergetragenen
Bürgerläden liegt die Idee zugrunde, dass
Bürger*innen durch das Zeichnen von Anteilen
und ehrenamtliches Engagement emotional an
„ihren“ Laden gebunden werden und dadurch
verstärkt dort einkaufen. Diese Vermutung be-
legen nun auch unsere empirischen Erkenntnis-
se aus Haushaltsbefragungen in drei Dörfern, in
denen ein bürgerschaftlicher Laden geönet
hat. Während Haushalte, die keine Anteile am
Doraden gezeichnet haben, über alle Fälle
hinweg insgesamt knapp 14 Prozent ihrer Wa-
ren des täglichen Bedarfs in diesem einkaufen,
sind es bei Haushalten, die Anteile gezeichnet
haben, fast 27 Prozent.
In Abbildung2 ist für die drei bürgerschaftlich
entstandenen Läden der Anteil an Waren des
täglichen Bedarfs, der im Doraden einge-
kauft wird, dierenziert nach Haushalten mit
und ohne nanzielle Beteiligung und zeitli-
chem Engagement dargestellt. In Dorf C wur-
de kaum ehrenamtliches Engagement bei der
Entstehung geleistet, weshalb dort für Anteile
und Engagement kein Wert ausgewiesen ist.
In Dorf B wurde das Engagement hinsichtlich
der Unterstützung bei Planung und Herrich-
ten des Ladens erfragt. Hier ist der Anteil des
Einkaufs der Gruppe, die sich zusätzlich en-
gagiert hat, nochmals deutlich höher als für
jene, die „nur“ Anteile gezeichnet hat. In Dorf
A wurde das Engagement für den Laden oen
abgefragt, sodass es neben Planung und Her-
richten auch andere Aspekte wie kommunal-
politische Unterstützung umfassen kann. Hier
gibt es nur einen leichten zusätzlichen Anstieg
des Einkaufs gegenüber der Gruppe mit An-
teilen und ohne Engagement. Im Sinne einer
langfristigen Tragfähigkeit, und um die Kauf-
kraftabschöpfung zu erhöhen, scheint es bei
bürgerschaftlichen Läden folglich hilfreich,
neben einer breiten nanziellen Beteiligung
auch möglichst viele Bürger*innen für (freiwil-
liges) zeitliches Engagement in den Kernberei-
chen Planung und Herrichten des Ladens aktiv
einzubinden.
Abbildun g2:
Anteil an Waren de s täglichen
Bedarf s, den Haushalte in drei
Fallregione n mit und ohne
Anteile und Eng agement im
Doraden einkaufen, an allen
Waren des tägli chen Bedarfs
der Haushalt e (in Prozent)
Quelle: Eigene Darstellung,
Daten: eigene standardisierte
Haushaltsbefragungen in drei
Fallstudiengebieten.
0 %
10 %
20 %
30 %
40 %
Dorf A Dorf B Dorf C
Keine Anteile & kein Engagement (nA=52; nB=59; nC=47)
Anteile & kein Engagement (nA=16; nB=43; nC=90)
Anteile & Engagement (nA=21; nB=23)
24 DORFLADEN AUS VERBRAUCHERSICHT
5.2 Was muss der Laden bieten, damit Kund*innen dort
einkaufen?
Unklar ist bisher, welche Ladenmerkmale für
den Einkauf bei ländlichen Nahversorgern aus-
schlaggebend sind. In sechs Fallstudien haben
wir Haushaltsbefragungen durchgeführt und
gefragt, wie die Verbraucher*innen die Aus-
prägung von zwölf Ladenmerkmalen für den
Doraden in ihrem Dorf bewerten und wie viel
sie dort einkaufen. Mit Hilfe von statistischen
Methoden lässt sich nun analysieren, inwieweit
das Einkaufsverhalten von der Bewertung der
zwölf Merkmale bestimmt wird.
Es zeigt sich, dass für den Einkauf in den Dorä-
den der sechs Fallregionen die Bewertung der
Preisgestaltung und der Möglichkeit, alles an ei-
nem Ort einzukaufen, von zentraler Bedeutung
sind (Tabelle6). Dies sind die einzigen beiden
Merkmale, für die in allen sechs Fallstudien ein
statistisch bedeutender Einuss auf den Ein-
kauf im Doraden nachgewiesen werden kann.
Umso besser die Befragten die Ausprägung
dieser Ladenmerkmale bewerten, desto mehr
kaufen sie im Doraden ein. Im Umkehrschluss
heißt das aber auch, wer diese Ladenmerkma-
le weniger gut bewertet, kauft dort auch eher
nicht ein. Die Analyse weist auch die Gelegen-
heit, Freunde und Bekannte im Laden zu treen,
als ein bedeutendes Ladenmerkmal aus. Des-
sen Bewertung hat in fünf der sechs Fallstudien
einen bedeutenden Einuss auf den Einkauf im
Doraden. Dieser Befund bestätigt noch einmal
die häug betonte hohe Bedeutung der sozia-
len Funktion von ländlichen Nahversorgern. Zu-
sammen mit der Möglichkeit, alles an einem Ort
einzukaufen, und der Preisgestaltung stellt die
Gelegenheit, Freunde und Bekannte zu treen,
somit einen universell bedeutenden Erfolgsfak-
tor für kleine Nahversorgungseinrichtungen in
ländlichen Räumen dar.
Fallstudienübergreifend keinen positiven Ein-
uss auf den Einkauf im Doraden haben die
Merkmale „Freundlichkeit des Personals“, „Mög-
lichkeit, sich die Waren nach Hause liefern zu
lassen“ und „Sonderangebote“. Auch wenn
ein befragter Haushalt die Sonderangebote
im Doraden weniger gut bewertet, heißt das
nicht, dass dieser weniger im Doraden ein-
kauft. Auch eine gute Bewertung des Personals
hat keinen erkennbaren Einuss auf den Einkauf
Tabelle6:
Bedeutende Ladenmerkmale
für den Einkauf im Doraden
Quelle: Eigene Darstellung,
Daten: eigene standardisierte
Haushaltsbefragungen in
sechs Fallstudiengebieten.
Anmerkung: Die Frage lautete: „Wie bewerten Sie die folgenden Merkmale von „Tante Hanna“?“
Bewertung des Ladenmerkmals hat in …
Fallstudiengebieten einen bedeutsamen
Einuss auf den Einkauf
Ladenmerkmal
6 von 6 Möglichkeit, alles an einem Ort einzukaufen
6 von 6 Preisgestaltung
5 von 6 Gelegenheit, Freunde und Bekannte zu treen
2 von 6 Angebot regionaler Produkte
2 von 6 Auswahl an Produkten
2 von 6 Möglichkeit, den Einkauf mit anderen Tätigkeiten (z. B. Arbeit,
Arztbesuch, Freizeitaktivitäten zu verbinden)
2 von 6 Qualität der Waren
1 von 6 Önungszeiten
1 von 6 Erreichbarkeit
0 von 6 Freundlichkeit des Personals
0 von 6 Sonderangebote
0 von 6 Möglichkeit, sich die Waren nach Hause liefern zulassen
Dynamik der Nahversorgung in ländlichen Räumen verstehen und gestalten DORFLADEN AUS VERBRAUCHERSICHT 25
im Doraden. Die Bewertung der übrigen La-
denmerkmale „Angebot regionaler Produkte“,
„Auswahl an Produkten“, „Möglichkeit, den Ein-
kauf mit anderen Tätigkeiten (z. B. Arbeit, Arzt-
besuch, Freizeitaktivitäten) zu verbinden“, „Qua-
lität der Waren“ sowie „Önungszeiten und
Erreichbarkeit“ hat lediglich in ein oder zwei Or-
ten einen signikanten Einuss auf den Einkauf
im Doraden. Das heißt, deren Bedeutung ist
stärker an örtliche Gegebenheiten geknüpft. So
wäre z. B. denkbar, dass das Angebot regionaler
4 Allerdings ließen sich viele beantwortete Fragebögen der beiden nicht verbinden, weil unterschiedliche Haushalte
geantwortet hatten oder die von den Befragten selbst erstellten Codes fehlten, unleserlich waren oder sich zwischen
den Runden verändert hatten. Schließlich konnten wir in 428 Fällen beide Befragungsrunden kombinieren.
Produkte in einem Doraden insbesondere
dort wichtig ist, wo andere Einkaufsmöglichkei-
ten für regionale Produkte, wie Hoäden oder
Gemüsekisten, nur begrenzt bzw. nicht verfüg-
bar sind. Eine gute Bewertung der Auswahl an
Produkten könnte insbesondere dort von Be-
deutung sein, wo eingeschränkte Sortimente
mit Schwerpunkten wie Bio-Produkten oder
Feinkost angeboten werden, welche nicht den
Präferenzen aller Bewohnergruppen gleicher-
maßen entsprechen.
5.3 Wie lässt sich der Umsatz geplanter Doräden vorab
prognostizieren?
In der Praxis kommen bei der Planung und För-
derung von Doräden häug Umsatzprogno-
sen auf der Grundlage von Haushaltsbefragun-
gen zum Einsatz. Auf dieser Grundlage erstellte
Wirtschaftlichkeitsnachweise sind in der Regel
Fördervoraussetzung (siehe Kapitel 8). Dabei
wird zumeist auf hypothetische Fragen zurück-
gegrien, die zum Zeitpunkt der Befragung vor
der Ladenerönung von den Befragten kaum
valide beantwortet werden können. In der Fol-
ge sind die Ergebnisse mit großen Unsicherhei-
ten behaftet. Um das tatsächliche Einkaufsver-
halten zuverlässiger zu prognostizieren, haben
wir ein relativ einfaches Modell entwickelt, das
in den untersuchten Fällen dennoch zu einer
relativ guten Prognose des tatsächlichen Ver-
haltens geführt hat.
Die Empfehlungen zur Umsatzprognose basie-
ren auf Daten, die in drei Fallstudiengebieten in
Deutschland erhoben wurden. Dabei wurden
alle Haushalte in den Orten insgesamt zweimal
befragt: Knapp einen Monat vor der Erönung
eines Doradens und etwa zehn Monate nach
dessen Erönung. Mit Hilfe eines Codes konn-
ten wir die Antworten aus beiden Runden für
die einzelnen Haushalte verbinden (n = 1.501).
Dadurch konnten wir prüfen, welche Merkmale
und Merkmalsausprägungen, die in der ersten
Runde – also vor der Erönung – abgefragt
wurden (siehe Anhang 1), zu einem höheren
tatsächlichen Einkauf im Doraden führte, was
in der zweiten Runde nach der Ladenerönung
abgefragt wurde. Die Dörfer liegen in Bayern
und Niedersachsen, haben zwischen 1.200 und
2.200 Einwohner*innen und Ladenächen zwi-
schen 120 und 300 m². Obwohl bei den Haus-
haltsbefragungen mit 35 bis 50 Prozent hohe
Rücklaufquoten4 erreicht wurden, ist bei der
Nutzung von Befragungsergebnissen für die
Umsatzprognose zu beachten, dass die Betei-
ligung an der Befragung systematisch verzerrt
ist. Das bedeutet, dass Personen, die mit der
Versorgungssituation unzufrieden sind und Be-
darf an einem Doraden sehen, überproportio-
nal vertreten sind.
26 DORFLADEN AUS VERBRAUCHERSICHT
5.3.1 Faktoren, die vorab die tatsächliche Nutzung des Ladens erkennen
lassen
5 Berechnet wurde ein Strukturgleichungsmodell mit Hilfe der Bayes’sche Statistik (MCMC) im SPSS-Paket Amos. Die
convergence statistic < 0,002 und das posterior predictive p = 0,5. Zur Vereinfachung der Interpretation wurden die
7-stugen Skalen der Fragen zu den Prognosefaktoren dichotomisiert (siehe Anhang 1).
Tabelle 7 zeigt den (berechneten) Anteil der
Einkäufe von Waren des täglichen Bedarfs, den
die Befragten zehn Monate nach der Erönung
des Doradens tatsächlich dort eingekauft
haben, in Abhängigkeit der wichtigsten Pro-
gnosefaktoren, die bereits vor der Erönung
erhoben wurden. Die Spalte „Mittelwert“ gibt
jeweils den mittleren prozentualen Anteil einer
Vielzahl von Berechnungen an. Die Spalten „95
Prozent untere Grenze“ und „95 Prozent obere
Grenze“ geben das sogenannte Glaubwürdig-
keitsintervall an. Innerhalb dieses Intervalls
bendet sich der wahre prozentuale Anteil
mit einer Wahrscheinlichkeit von 95 Prozent.
Unsere Modellierung erfüllt die gängigen Qua-
litätskriterien5 .
Lesebeispiel: Aus der ersten Zeile (Anteil Einkauf
Doraden…) geht hervor, dass für die Befrag-
ten ein Anteil des Einkaufs im Doraden von
durchschnittlich 9,2 Prozent (Mittelwert) ihrer
gesamten Einkäufe an Waren des täglichen Be-
darfs prognostiziert werden kann, wenn keine
weiteren Kriterien (nächste Zeilen) erfüllt sind.
Der wahre zu prognostizierende Anteil des
Einkaufs im Doraden bendet sich dann mit
95-prozentiger Wahrscheinlichkeit zwischen
7,2 Prozent (untere Grenze) und 11,1 Prozent
(obere Grenze). Wenn zusätzlich weitere Krite-
rien erfüllt sind, steigt der prognostizierte An-
teil an. Wenn eine Befragte / ein Befragter z. B.
eine starke Verbundenheit mit den Menschen
vor Ort geäußert hat, liegt dessen Anteil um
3,6 Prozentpunkte höher und beträgt dann ins-
gesamt 12,8 Prozent. Für Befragte, auf die alle
Kriterien zutreen, wird, wenn man den Mittel-
wert zugrunde legt, ein Anteil des Einkaufs im
Doraden von 38,9 Prozent prognostiziert. Für
eine konservativere Prognose sollte der untere
Grenzwert herangezogen werden. Da zu ver-
muten ist, dass Personen mit Interesse am Dorf-
laden eher den Fragebogen ausfüllen, scheinen
die Ergebnisse, wenn man sie auf die gesamte
Dorfbevölkerung übertragen will, nach oben
verzerrt zu sein. Darauf weisen auch die tat-
sächlichen Umsatzdaten hin, die wir von einem
der drei Läden in Erfahrung bringen konnten.
Daher empfehlen wir für eine konservative Pro-
gnose Werte an der unteren 95 Prozent-Grenze
(Spalte 3 in Tabelle7) heranzuziehen.
Tabelle7:
Aus den Ergebn issen der
ersten Befragungsrunde (vor
Ladenerönung) prognosti-
zierte Ant eile an Waren des
täglichen Bedarfs, die die
Befragte n zehn Monate nach
der Erönung des Doradens
dort gekauft haben
Quelle: Eigene Darstellung,
Daten: eigene standardisierte
Haushaltsbefragungen in drei
Fallstudiengebieten.
Mittelwert 95 Prozent untere Grenze
(konservative Prognose) 95 Prozent obere Grenze
Anteil Einkauf Doraden,
wenn keines der Kriterien
erfüllt ist
9,2 % 7,2 %-Punkte 11,1 %-Punkte
+ starke Intention zum
Einkauf vorhanden +7,1 %-Punkte +4,4 %-Punkte +9,4 %-Punkte
+ Anteile am Laden +8,8 %-Punkte +6,8 %-Punkte +11 %-Punkte
+ starke Verbundenheit mit
den Menschen vor Ort +3,6 %-Punkte +1,7 %-Punkte +5,3 %-Punkte
+ Pkw nicht immer / nie
verfügbar +10,2 %-Punkte +5,9 %-Punkte +13,9 %-Punkte
Anteil Einkauf Doraden,
wenn alle Kriterien erfüllt
sind
38,9 % 26,0 % 50,7 %
Anmerkung: Technisch betrachtet erklärt unser Modell den „Anteil Einkauf im Doraden“ (abhängige Variablen) anhand
der unabhängigen Variablen „starke Intention zum Einkauf vorhanden“, „Anteile am Laden“, „starke Verbundenheit mit
den Menschen vor Ort“ und „Pkw nicht immer/nie vorhanden“ (jeweils als Dummy-Variablen codiert).
Dynamik der Nahversorgung in ländlichen Räumen verstehen und gestalten DORFLADEN AUS VERBRAUCHERSICHT 27
BEISPIELRECHNUNG FÜR EINE UMSATZPROGNOSE IN EINER
FIKTIVEN MACHBARKEITSSTUDIE
Die Umsatzprognose ergibt sich aus dem Kaufkraftpotenzial im Dorf bzw. näheren Ein-
zugsgebiet multipliziert mit der Kaufkraftabschöpfung.
Ausgangssituation: Im ktiven Dorf A leben 1.450 Menschen. In vorab durchgeführten
Haushaltsbefragungen gaben 41 Prozent der befragten Haushalte an, dass sie es für wahr-
scheinlich halten, künftig Waren des täglichen Bedarfs hauptsächlich in einem Doraden
kaufen zu wollen. 30 Prozent gaben an, auf jeden Fall Anteile am Doraden zu zeichnen,
63 Prozent fühlen sich sehr stark mit den Menschen vor Ort verbunden. 10 Prozent der
befragten Haushalte gaben an, nicht immer oder nie einen Pkw zur Verfügung zu haben.
Für eine konservative Prognose werden die Werte der Spalte „95 Prozent untere Grenze“
aus Tabelle7 eingesetzt. Da davon ausgegangen werden muss, dass die zugrundeliegen-
den Befragungsdaten in Richtung einer Überschätzung verzerrt sind, ist dies eine realisti-
schere Herangehensweise, als die Werte der Spalten „Mittelwerte“ oder „95 Prozent obe-
re Grenze“ zu verwenden. Tabelle8 beinhaltet ein Anwendungsbeispiel für eine solche
Prognose des Umsatzes, d. h., die Werte aus der Spalte „95 Prozent untere Grenze“ aus
Tabelle7 werden eingesetzt und mit den Befragungsergebnissen der Machbarkeitsstudie
und den durchschnittlichen Ausgaben im Lebensmitteleinzelhandel je Einwohner*in in
Deutschland multipliziert. Die durchschnittlichen Ausgaben für Deutschland werden stell-
vertretend für die nicht-bekannten Ausgaben für Waren des täglichen Bedarfs im Dorf A
genommen. Auf dieser Grundlage lässt sich der Umsatz zumindest grob einschätzen.
Tabelle8:
Fiktive Beispielrechnung einer
Umsatzprognose
Quelle: Eigene Berechnungen.
Jährliches Kaufkraftpotenzial von Dorf A
= Einwohnerzahl * Ausgaben im Lebensmitte-
leinzelhandel pro Kopf und Jahr in Deutschland
1.450 Einw. * 2.500 €/Einw. =
3.625.000 €
Prognosefaktor Anteil gebundener Kaufkraft Gebundene Kaufkraft
in Euro
Anteil Einkauf Doraden, wenn keines der
Kriterien erfüllt ist 0,072 3.625.000 * 0,072 =
261.000
+ zusätzlicher Anteil Prognosefaktor Intention *
Anteil „Haushalte zutreend“ 0,044 * 0,410 = 0,018 3.625.000 * 0,018 =
65.250
+ zusätzlicher Anteil „Anteile am Laden“ *
Anteil „Haushalte zutreend“ 0,068 * 0,300 = 0,020 3.625.000 * 0,020 =
72.500
+ zusätzlicher Anteil „starke Verbundenheit
mit Menschen vor Ort“ * Anteil „Haushalte
zutreend“
0,017 * 0,630 = 0,011 3.625.000 * 0,011 =
39.875
+ zusätzlicher Anteil „Pkw nie / nicht immer zur
Verfügung“ * Anteil „Haushalte zutreend“ 0,059 * 0,100 = 0,006 3.625.000 x 0,006 =
21.750
Gesamt 0,127 46 0.375 €
28 DORFLADEN AUS VERBRAUCHERSICHT
5.3.2 Formulierungsvorschlag für eine einfache Erhebung der
Prognosefaktoren in einer Bedarfsabfrage
Es ist wichtig, dass die Prognosefaktoren mög-
lichst genau erhoben werden. Daher ist auf
eine treende Formulierung zu achten. Die Fra-
gen sollten neutral und nicht suggestiv gestellt
sein. In unserer Untersuchung haben wir einen
umfangreichen Fragebogen mit 30 Fragen und
meist sieben Antwortoptionen genutzt (für die
genutzten relevanten Fragen: siehe Anhang 1).
Um ein möglichst einfaches Erhebungsinstru-
ment zu entwickeln, haben wir die zuvor ge-
nannten vier Prognosefaktoren ausgewählt,
die bereits vor der Erönung des Ladens den
größten zusätzlichen Erklärungsbeitrag für
den tatsächlichen Einkauf leisten. Neben der
starken Reduktion der Faktoren haben wir
auch die Antworten jeweils in zwei Gruppen
eingeteilt, sodass zwei Antwortmöglichkeiten
ausreichen und das Instrument weiter verein-
facht werden kann. Auf Grundlage unserer
methodischen Überlegungen schlagen wir für
die Erhebung der Faktoren folgende Formulie-
rungen vor:
Intention zum Einkauf im neuen Laden: „Für wie wahrscheinlich halten Sie es, zukünftig Ihre
Waren des täglichen Bedarfs hauptsächlich im Doraden [Name des Dorfs] einzukaufen?“ –
Antwortmöglichkeiten „sehr wahrscheinlich“ / „weniger wahrscheinlich“
Anteile am Laden: Idealerweise wurden bereits entsprechende Gelder eingesammelt, sodass
der Anteil der Haushalte mit Ladenanteilen bekannt ist. Ansonsten könnte dieser Aspekt wie
folgt abgefragt werden: „Doräden sind oft nur möglich, wenn sich Bürgerinnen und Bürger
nanziell daran beteiligen. Bei einer Pleite des Ladens verlieren diese Bürgerinnen und Bürger
ihr investiertes Geld. Wenn der Laden Gewinne macht, können die Bürgerinnen und Bürger
kaum eine Ausschüttung erwarten. Für wie wahrscheinlich halten Sie es, dass Sie für mindes-
tens [geplanter Mindestanteil] Euro Anteile am Doraden erwerben?“ – Antwortmöglichkeiten
„sehr wahrscheinlich“ / „weniger wahrscheinlich“
Verbundenheit mit dem Ort: „Wie eng fühlen Sie sich mit [Name des Dorfs] und seinen Be-
wohnerinnen und Bewohnern verbunden?“ — Antwortmöglichkeiten „sehr eng verbunden /
„weniger eng verbunden“
Pkw-Verfügbarkeit: „Haben Sie (fast) immer ein Auto für den Einkauf von Waren des täglichen
Bedarfs zur Verfügung?“ – Antwortmöglichkeiten „ja“ / „nein“
5.4 Schlussfolgerungen
Wenn die Verbraucher den Laden so wahr-
nehmen, dass sie dort alles Nötige bekom-
men, die Preise dort günstig sind und sie sich
dort mit Freunden und Bekannten treen
werden, kaufen sie auch in dem Laden ein.
Neben diesen genannten Kriterien spielen
noch weitere Faktoren lokal eine Rolle. Die-
se scheinen aber stark vom jeweiligen Fall
abzuhängen und lassen sich daher nicht so
einfach verallgemeinern.
Das Engagement der Bürger*innen ist ein
erster Hinweis darauf, ob ein Bedarf nach ei-
nem neuen Laden vorhanden ist. Wenn die
Teilnehmerzahl bei Bürgerveranstaltungen
gering ist, Probleme bestehen, Startkapi-
tal bei den Bürger*innen einzusammeln,
oder der Rücklauf bei Bedarfsbefragun-
gen gering ausfällt, ist dies ein deutliches
Warnsignal, dass wenig Interesse an einem
neuen Laden besteht und der Leidensdruck
oenbar gering ist.
Der tatsächliche Einkauf in einem neu er-
öneten Laden lässt sich vorab anhand der
bekundeten Einkaufsintention, den gezeich-
neten Anteilen am Laden, der Verbundenheit
mit dem Ort und der Pkw-Verfügbarkeit grö-
ßenordnungsgemäß anhand der in Tabelle7
aufgeführten Kennziern prognostizieren.
Dynamik der Nahversorgung in ländlichen Räumen verstehen und gestalten LERNEN VON VIER BEISPIELLÄDEN 29
6 Lernen von vier Beispielläden
Im Rahmen einer Fallstudie ist zu den vier sta-
tionären Kleinächenkonzepten (siehe Kapitel
3.1) die Situation und die Entwicklung vier be-
stehender Einrichtungen zu zwei Zeitpunkten
2012 und 2019/2020 näher untersucht worden:
ein Integrationsladen, ein Bürgerladen, ein
Multifunktionsladen sowie eine privatgeführte
Filiale. Der Umgang mit den besonderen Her-
ausforderungen vor Ort und die Anpassung an
veränderte äußere Bedingungen können Anre-
gungen für andere Ladenbetreiber*innen sein,
von diesen Erfahrungen zu lernen. Tabelle 9
enthält zu diesen vier Läden ausgewählte An-
gaben zur Entwicklung und aktuellen Situation.
Drei der vier Läden liegen in Orten mit 500 bis
1.300 Einwohner*innen und geschätzten 500
bis rund 3.000 Personen in ihrem Einzugsge-
biet. Der vierte Laden liegt in einem Ort mit
2.800 Einwohner*innen. Alle vier Läden liegen
im Ortskern, jeweils zwei an einer Hauptstra-
ße (CAP und DORV) und in einer Nebenstraße
(MarktTre und Filiale). Die Verkaufsächen
der vier Läden reichen im Jahr 2020 von 50 bis
280 m². Die Einwohner*innenzahlen der drei
Orte treen auf viele Orte im Bundesgebiet
zu, in denen in den letzten Jahren neue Nah-
versorgungspunkte (Doräden) entstanden
sind bzw. geplant werden. Drei Läden verfü-
gen mit über 2.500 bis 7.000 Artikeln über ein
breites Angebot, sie bieten damit z. T. mehr Ar-
tikel als viele Discounter an. Im vierten Laden
mit 500 Artikeln gibt es zumindest ein Basis-
sortiment.
Tabelle9:
Zentrale Merkmale der vier
untersuchte n Läden 2020 und
Veränderungen seit 2012
Quelle: Eigene Darstellung,
Daten: Küpper u nd Eberhardt
(2013); telefon ische Befragung
2019/2020 und eigene Recher-
chen.
Ausgewählte
Aspekte
Integrationsladen
(CAP-Markt)
Bürgerladen
(DORV-Zentrum)
Multifunktionsladen
(MarktTre)
Privat geführte
Filiale
Hauptinitiator zur
Gründung des
Geschäfts
Arbeiterwohlfahrt
und Kommune
Dorfgemeinschaft
aufgrund privater
Initiative
Kommune u.
Dorfgemeinschaft Kaufmann
Aktuelle Rechtsform
des Geschäfts gGmbH GmbH eG (2012: e. K.) e. K.
Eigentümer Arbeiterwohlfahrt
Verein mitgroßer
Zahl Bürger*innen
und Gemeinde als
Mitglieder
Gemeinde natürliche Person
Aktuelles
hauptsächliches
Betriebsziel
Integration
Benachteiligter,
(2012: zusätzlich
Sicherung der
Nahversorgung)
Sicherung der
Nahversorgung
Sicherung der
Nahversorgung,
Gewinnorientierung
Sicherung der
Nahversorgung
Erönungsjahr 2002 2010 2001 20 02
Einwohnerzahl im
Ort/ Einzugsgebiet
2020
2.800 / 3.500 1.300 / 1.800 830 / 3.000 500 / 500
Verkaufsäche (m2)280 200 200 50 (2012: 150)
Veränderung der
Artikelanzahl im
Gesamtsortiment
(2012 2020)
6.000 7.000 2.200 2.500 3.500 4.000 2.000 500
Veränderung der
wöchentlichen
Önungszeit in Std.
(2012 2020)
60 55 45 45 50,5 55,5 33 12
Entfernung zum
nächsten Supermarkt
/ Discounter (Pkw-
Min.)
3,0 / 3,0 5,3 / 8,0 8,6 / 9,6 9,5 / 7,3
30 LERNEN VON VIER BEISPIELLÄDEN
Ausgewählte
Aspekte
Integrationsladen
(CAP-Markt)
Bürgerladen
(DORV-Zentrum)
Multifunktionsladen
(MarktTre)
Privat geführte
Filiale
Zusatzangebote
2020
Lieferservice,
Postservice und DHL-
Paketdienst, Lotto/
Toto
Hermes-Paketshop,
Apothekenkasten,
Café-Ecke
undVermietung einer
Kegelbahn im selben
Gebäude
Lieferservice,
Hermes Paketshop,
Café- und Treecke,
Tauschbibliothek,
Annahme Reinigung,
Catering, Suppentag,
Sonntagscafé
Keine
Entwicklung 2012-
2020
Durchgängig am
Markt
Nach Insolvenz 2013
weiterhin am Markt
2 Betreiberwechsel,
1 Jahr geschlossen 1 Monat geschlossen
Ausgewählte
Besonderheiten zur
Entwicklung nach
2012
Anfänglich gute
Kundenfrequenz.
Seit neuer
Konkurrenz durch
großen Supermarkt
im Nachbarort
Kundenzahl
gesunken, aber noch
ausreichend
10/2013: Insolvenz
angemeldet; 2014:
Neue Aktivisten;
Bürgerumfrage;
seit 2016: i. d. R.
„Schwarze Null“
2014: Betreiber
in Ruhestand; bis
10/2015 Verein;
2016: Umbau,
Gründung Bürger-
genossenschaft
10/2 016:
Neuerönung)
Verkaufsäche,
Sortiment und
Önungszeit
reduziert; statt
Frischeisch-Theke
Bestellservice, mehr
Getränke
6.1 Entwicklung der vier Läden seit 2012
Integrationsladen
Ein neuer großer Supermarkt im Nachbarort
macht sich als Konkurrent bemerkbar. Postser-
vice und Lotto werden als Kundenservice und
als Frequenzbringer eingestuft, es sind aber
keine einnahmeträchtigen Angebote. Die lang-
jährige Café-Ecke im Laden wurde in letzter
Zeit als eher hinderlich für den Geschäftsbe-
trieb empfunden und daher aufgelöst. Es gibt
nur noch einen „Kaee zum Mitnehmen“, ohne
Sitzmöglichkeiten oder Stehtische im Laden.
Kundenfreundlichkeit und gutes Erscheinungs-
bild sind aus Betreibersicht wichtige Erfolgsfak-
toren. Für den Lieferservice wurden 2020 ein
Gerät zum kontaktlosen Bezahlen und Kühlbo-
xen für Kühlwaren angeschat. Zwei Angestellte
erledigen an den Liefertagen diesen Service, der
für den Gesamtumsatz als „wichtig“ eingeschätzt
wird. Bei Bedarf begleiten Ladenangestellte auch
Ältere mit Rollator beim Einkauf im Laden.
Der Nettoumsatz und die Arbeitskräfteanzahl
sind in den vergangenen Jahren stabil geblie-
ben. Jedes Jahr wurde u. a. dank der Liefer-
konditionen mindestens eine „Schwarze Null“
erreicht. Die Kaufkraft im Ort liegt im Grenz-
bereich. Jede Woche werden Werbezettel mit
den Angeboten des CAP-Marktes verteilt, um
eine gute Kaufkraftabschöpfung zu erzielen.
Ein CAP-Markt muss in der Regel etwa 1 Pro-
zent vom Gesamtumsatz als Kosten für die
Franchise-Nutzung von CAP abführen. Ohne
die Zuschüsse für die Integrationsarbeit – über
den Betrieb sollen (Schwer-)Behinderte in Ar-
beit gebracht werden – wäre ein wirtschaftli-
cher Ladenbetrieb („schwarze Null“) schwie-
rig, da ein Laden auch Rücklagen braucht, um
Investitionen tätigen zu können (z. B. für neue
Kühlung o. ä.). Leider haben nicht immer alle
Kund*innen Verständnis für die Fähigkeiten
CAP-Markt-Einkaufstasche
© Winfried Eberhardt
Dynamik der Nahversorgung in ländlichen Räumen verstehen und gestalten LERNEN VON VIER BEISPIELLÄDEN 31
dieser Menschen mit Handicap, manchen man-
gelt es an Rücksichtnahme und Geduld. Aber
die Bindung der Ortsbevölkerung („Identikati-
on“) an den Laden wird als „hoch“ eingeschätzt.
Bürgerladen
Auch nach der Insolvenz 2013 und dem Neu-
start ist ein auskömmliches Wirtschaften die
große Herausforderung für den Laden. In der
Machbarkeitsstudie aus dem Jahr 2008 war
vor der Ersterönung optimistisch ein Ein-
zugsgebiet von über 2.000 Einwohner*innen
abgegrenzt worden, diese Einwohnerzahl
wird jedoch nach Einschätzung der Befragten
nach wie vor nicht erreicht. Eventuell hängt die
niedrigere Frequenz mit der Aufteilung in zwei
Ortsteile und dem Relief im Ort zusammen: Der
Südteil des Ortes (ehemalige Wochenendhaus-
siedlung) liegt bis zu 1,5 km vom Laden ent-
fernt und dieser Ortsteil liegt ca. 50 Höhenme-
ter tiefer als der Laden im nördlichen Ortsteil.
Per Fahrrad ist die Strecke für Ältere kaum zu
bewältigen. Potenzielle Kund*innen sind daher
auf einen Pkw angewiesen. Zudem sind die Fix-
kosten durch Miete, Strom und Personal hoch.
So betragen allein die Stromkosten ca. 1.100
Euro pro Monat. Eine Solaranlage wäre für den
Ladenbetrieb hilfreich, kommt aber nicht in Be-
tracht, weil für die Dachäche eine unattraktive
Miete an den Gebäudebesitzer anfallen würde.
Trotz hoher Fixkosten konnte 2018 mit acht An-
gestellten (davon fünf Minijobs) eine schwarze
Null erwirtschaftet werden. Erfreulich ist: Net-
toumsatz, Arbeitskräfteanzahl und Geschäfts-
ergebnis sind in den vergangenen Jahren stabil
geblieben. Der Doraden genießt in der Umge-
bung nach Angaben der Betreiber einen guten
Ruf. Für den Laden wird in Nachbarorten an
öentlichen Brettern und über einen großen
E-Mail-Verteiler geworben. Zudem gelingt es
manchmal, in die Zeitung zu kommen.
Regionale Produkte sind stark nachgefragt,
ebenso das Frischeangebot. Umsatzschwer-
punkte bilden neben den frischen Backwaren
auch aufgebackene Tiefkühlbackware (kleine
Backwaren wie Brötchen und Croissants) und
die Fleischtheke. Die Fleischwaren werden
nicht geliefert, sondern mittwochs und frei-
tags durch eine ehrenamtliche Person geholt.
Ebenso werden Eier selbst abgeholt. Diese
Form des Warenbezugs ermöglicht eine hohe
Marge. Der Bäcker liefert jeden Tag, daneben
wird aber auch viel Tiefkühlware vom Tiefkühl-
lieferanten selbst aufgebacken (z. B. etwa die
Hälfte der Brötchen). Auch der Getränkeverkauf
läuft relativ gut, verursacht aber viel Arbeit (Kis-
ten hin und her tragen, Leergut sortieren). Ein
besonderes Zusatzangebot, die Kegelbahnver-
mietung, läuft wieder besser. Die Bahn kann
stundenweise gemietet werden. Die Miet- und
Verzehreinnahmen mit Getränkeumsätzen von
200 Euro an manchen Abenden (Selbstbedie-
nung der Gäste aus Getränkekühlschrank mit
Restaurantpreisen) kommen dem Laden zu
Gute.
Der Ladenbetrieb mit dem aktuellen Angebot
und der Qualität wäre aus Sicht des Vorstands
ohne den Pool von über 20 ehrenamtlichen
Unterstützer*innen, die sich sehr unterschied-
lich beteiligen, nicht möglich. Darunter ist ein
harter Kern von zehn Personen, die sehr viel
machen. Bei den anderen muss bei Bedarf
nachgefragt bzw. um Hilfe gebeten werden.
Man bräuchte mehr Unterstützung für die Ge-
schäftsführung durch ehrenamtliche Kräfte. Ein
Manko sind alte Geräte (z. B. Kühlung und Auf-
backöfen) mit hohem Stromverbrauch. Außer-
dem ist es schwierig, geeignetes Fachpersonal Kegelbahn im DORV-Zentrum
© Winfried Eberhardt
32 LERNEN VON VIER BEISPIELLÄDEN
wie Fleischereifachverkäufer*innen zu n-
den. Stärken des Ladens seien aus Sicht der
Befragten das Personal, persönliche Bedienung
und Beratung.
Multifunktionsladen
Auch nach zwei Betreiberwechseln bleibt die
„Sicherung der Nahversorgung im Ort“ das Kern-
ziel, zweites Betriebsziel ist „Gewinnorientie-
rung“: „Das Geschäf t muss wirtschaftlich laufen“.
Bei der neuen Rechtsform einer eingetragenen
Genossenschaft (eG, zuvor e. K. (eingetragener
Kaufmann)) hat das frühere Ziel „Erwerbstätig-
keit des Betreibers“ keine Relevanz mehr.
Das Ladengebäude gehört aufgrund des
MarktTres-Modells in Schleswig-Holstein der
Gemeinde. Der Laden wurde der Genossen-
schaft von der Gemeinde ab dem Neustart im
Oktober 2016 für den Zeitraum von drei Jahren
pachtfrei zur Verfügung gestellt. Bürger*innen
unterstützen den Laden durch Kapital (Genos-
senschaftsanteile) und ehrenamtliche Mitar-
beit im Betrieb. 2020 stand immerhin ein Pool
von etwa 15 bis 18 potenziellen ehrenamtli-
chen Helfer*innen zur Verfügung. Sie bilden
das Suppen- und Cateringteam, übernehmen
zum Teil die Regalpege, den Lieferservice,
fahren Leergut weg oder helfen im Büro beim
Belegesortieren. Insgesamt umfassen die Tä-
tigkeiten mit rund 20 bis 28 Stunden pro Wo-
che etwa ein Achtel der Arbeitslast der Haupt-
amtlichen (2020: vier Angestellte und fünf
Minijobber*innen).
Der Café-Bereich wurde erweitert, ebenso das
kulinarische Angebot durch einen Suppen-
bzw. Imbisstag (Dienstag und Donnerstag).
Seit Sommer 2020 gibt es ein Sonntagscafé. Die
Suppen- und Imbissangebote und die Cate-
ringaufträge sind sehr wichtig für die nachhal-
tige Bewirtschaftung des Ladens. Es gibt kaum
Abschreibungen, weil im Bereich Obst und Ge-
müse eine Verwertung von Restprodukten (Ge-
müse und MHD-Ware) erfolgt. Bei frischen Pro-
dukten besteht durchaus die Möglichkeit, die
Kundenwünsche bei der Cateringauswahl zu
lenken. Weil kaum Ware in die Biotonne muss,
kommt es nur selten zu nanziellen Verlusten.
Das Catering ist ein rentables, aber arbeitsin-
tensives Zusatzangebot. Gut angenommen
wird der Hermes-Paketdienst. Durch die Pake-
tannahme kommt es manchmal zu Platzprob-
lemen. Eine Frische- bzw. Bedientheke für Käse
oder Fleisch-/Wurstwaren gibt es nicht mehr.
Lotto/Toto konnte nicht fortgeführt werden,
weil der Umsatz zu niedrig war.
Nach dem Neustart 2016 verlief die Entwick-
lung positiv: Der Nettoumsatz, die Arbeitskräf-
teanzahl und das Geschäftsergebnis sind in
den vergangenen Jahren gestiegen. Die Um-
sätze fallen höher aus als erwartet. Infolge der
Kosten für Personal und Strom steht am Jahres-
ende jedoch nur ein kleiner Gewinn oder eine
„schwarze Null“.
Privat geführte Filiale
Die Filiale ist mittlerweile nur noch ein kleiner
Laden, die Verkaufsäche im Gebäude und das
Gesamtsortiment wurden vom Betreiber im
Vergleich zu 2012 auf etwa ein Viertel reduziert.
Aber wenn etwas fehlt, wird es vom Kaufmann,
dem das Ladengebäude (siehe Foto) selbst ge-
hört, über das 20 Kilometer entfernte Haupt-
geschäft beschat und an einem der beiden
Gut strukturierter
Getränkemarkt im MarktTre
© Winfried Eberhardt
Dynamik der Nahversorgung in ländlichen Räumen verstehen und gestalten LERNEN VON VIER BEISPIELLÄDEN 33
Liefertage pro Woche mitgebracht. Der Laden
hat nur noch an insgesamt 12 Stunden pro
Woche geönet (Mo.-Sa. 9-11 Uhr). Trotz dieser
Einschränkungen gibt es aktuelle Neuerungen
im Minimarkt, aus einer Backtheke kommen
ofenfrische Brötchen und seit 2020 können
Kund*innen auch mit der Geldkarte bezahlen.
Jeden Mittwoch gibt es eine Werbeanzei-
ge in der Lokalpresse für frische Fleisch- und
Wurstwarenangebote des Betreibers. Der Be-
stellservice für Frischeisch am Freitag wird
gut nachgefragt. Der Nettoumsatz und das
Geschäftsergebnis sind in den vergangenen
Jahren stabil geblieben. Der Betreiber war 2018
durchaus noch zufrieden mit der wirtschaft-
lichen Situation, er hat mittlerweile das Ren-
tenalter erreicht und denkt nicht ans Aufhören.
Viele Einwohner*innen sind froh über ihren
kleinen Doraden und das Engagement des
Kaufmanns. Ein Erfolgsfaktor ist die individuel-
le persönliche Bedienung für Ältere durch die
Verkäuferin, die ggf. mit ihrem Privat- Pkw auch
bestellte Waren ausliefern würde.
6.2 Erfahrungen aus den vier Läden im Vergleich
Gründungs- bzw. Entwicklungsgeschichte und Betriebsziel
Jeder der vier Läden hat seine eigene Entste-
hungsgeschichte, an der jeweils verschiedene
Akteure allein oder in Kombination mitgewirkt
haben. Bei einem Laden war es die Kommune
gemeinsam mit der Dorfgemeinschaft (Markt-
Tre), in einem anderen Fall die Dorfgemein-
schaft aufgrund privater Initiative (DORV-Zen-
trum), beim nächsten ein Wohlfahrtsverband
mit Kommune (CAP-Markt) sowie als vierte
Variante eine Einzelperson als Kaufmann. Die
vier Entwicklungsverläufe zeigen jeweils eine
eigene Dynamik und eine gewisse Resilienz in
Bezug auf die jeweiligen Herausforderungen
vor Ort. Zwei der vier Läden bestehen durch-
gehend seit fast 20 Jahren, was als Erfolg zu
werten ist. Der Bürger- und der Multifunkti-
onsladen haben ebenfalls eine langjährige
Geschichte, aber in den Jahren nach 2013 eine
wechselvolle Phase mit zwischenzeitlicher
Schließung und Neuanfang erlebt. Beide Läden
sind mittlerweile durch starkes bürgerschaftli-
ches Engagement geprägt.
Das vorrangige Betriebsziel drückt die Interes-
sen der Betreiber*innen aus. Bei drei der Läden
ist es mittlerweile die Sicherung der Nahversor-
gung im Ort. Im Jahr 2012 – vor den Betreiber-
wechseln in den Folgejahren – standen in zwei
Läden noch „Erwerbstätigkeit des Betreibers“
bzw. „Gewinnorientierung“ im Vordergrund.
Kleine privat geführte Filiale
© Winfried Eberhardt
34 LERNEN VON VIER BEISPIELLÄDEN
Nahversorgungs- und soziale Funktion
Die Supermärkte und Discounter in der Umge-
bung haben bei allen vier Läden trotz unter-
schiedlicher Distanzen (je nach Standort etwa
3 bzw. 5 bis 10 Pkw-Minuten) einen nachteili-
gen Einuss. Viele der Bewohner*innen arbei-
ten in größeren Umlandgemeinden und erledi-
gen ihre (Haupt-)Einkäufe auf dem Arbeitsweg.
Bei Neuansiedlung eines Marktes in einem be-
nachbarten Ort kann sich der Konkurrenzdruck
plötzlich intensivieren und den Laden an die
Tragfähigkeitsschwelle stoßen.
Bei den Önungszeiten wurde die Stundenan-
zahl in zwei Läden nach 2012 verringert, um die
Kosten zu senken: im privat geführten Markt
drastisch von 33 auf nur noch 12 Stunden. Da-
gegen hat der MarktTre seine Önungszeiten
geringfügig verlängert.
Zwei Läden bieten einen Lieferservice für Wa-
ren an. Im CAP-Markt wird dieser Service stark
nachgefragt und ist für den Umsatz wichtig.
Der Lieferservice wird im anderen Laden – das
Corona-Jahr 2020 ausgenommen – nur selten
genutzt. Dagegen besteht in der kleinen Filiale
eigentlich kein Lieferservice, bei Notsituatio-
nen von Kund*innen erledigt dies die Verkäu-
ferin dennoch mit ihrem Privat-Pkw.
In allen vier Orten geben die Betreiber*innen
2019/2020 an, dass sich die Ortsbevölkerung
stark mit dem Laden verbunden fühlt. Die Lä-
den werden demnach positiv wahrgenommen,
sie liefern wichtige und spezielle Beiträge für
das soziale Leben in ihrem Dorf (z. B. durch
Kuchentage, Spenden).
Wirtschaftliche Tragfähigkeit und bürgerschaftliche Unterstützung
In drei Läden sind der Nettoumsatz und die
Arbeitskräfteanzahl in den vergangenen Jah-
ren stabil geblieben. Hohe Energiekosten de-
stabilisieren zum Teil die Geschäftsergebnisse.
Erfreulicher verlief die Entwicklung im vierten
Laden: Dort sind Nettoumsatz, Arbeitskräf-
teanzahl und das Geschäftsergebnis gestiegen.
Integrationsläden dürfen aufgrund ihres inte-
grativen Ansatzes den reduzierten Mehrwert-
steuersatz von 7 Prozent auf alle Waren verwen-
den, was für die wirtschaftliche Tragfähigkeit
entscheidend ist. Hinzu kommen die Zuschüs-
se für die Integrationsarbeit. Auf der anderen
Seite erfordert die Integrationsarbeit mehr und
qualizierteres Personal und kann potenziel-
le Kund*innen abschrecken. Daher wäre, wie
im untersuchten Fallbeispiel, ein wirtschaftli-
cher Ladenbetrieb („schwarze Null“) ohne die
Förderung und die relativ hohe Einwohnerzahl
im Ort schwierig.
Zwei der Läden sind durch engagierte
Bürger*innen aus dem Ort ins Leben gerufen
worden. Die bisherigen Verläufe zeigen, dass
ohne das starke bürgerschaftliche Engagement
der Vereins- bzw. Genossenschaftsmitglieder
in diesen Orten ein Ladenbetrieb kaum mög-
lich wäre. Zum einen erfordert dies zeitliches
Engagement eines Kernteams, das regelmä-
ßige Aufgaben übernehmen und weitere En-
gagierte motivieren und deren Beitrag orga-
nisieren muss. Zum anderen ist die nanzielle
Unterstützung der Bürger*innen nicht nur in
der Startphase wichtig, sondern kann auch in
Krisensituationen genutzt werden, um mit Ka-
pitalspritzen schwierige Zeiten zu überbrücken
bzw. einen Neustart zu ermöglichen.
Dynamik der Nahversorgung in ländlichen Räumen verstehen und gestalten LERNEN VON VIER BEISPIELLÄDEN 35
6.3 Schlussfolgerungen
Die Wirtschaftlichkeit der vier Läden war
nach 2012 aus unterschiedlichen Gründen
teilweise prekär und führte zeitweise zu
einer Schließung von drei Läden. Fehlende
Rücklagen erschweren energieeziente
oder Erhaltungsinvestitionen. Ohne öent-
liche kommunale oder bürgerschaftliche
Unterstützung haben es rein kommerzielle
Anbieter in kleinen Orten daher schwer. In
einem Fall ist der Ladenbetrieb nur mit sehr
eingeschränktem Sortiment sowie durch
den Wegfall von Mietkosten – das Ladenge-
bäude gehört dem Betreiber – möglich. Eine
Neuansiedlung wäre in so einem kleinen
Ort, wie hier mit nur 500 Einwohner*innen,
äußerst unwahrscheinlich.
Die vier Läden haben viel ausprobiert und
ihre Angebote angepasst. Zum Beispiel wur-
den das gastronomische Angebot ausge-
baut oder die Önungszeiten verändert.
Imbiss- und Cateringangebote sind wichtig
zur Reduktion des Ausschusses. Dadurch
kann der Ertrag verbessert werden.
Regionale Produkte sind teilweise relevant,
sie werden gut nachgefragt und ermögli-
chen zumeist eine höhere Marge.
Gebäude e ines
MarktTres
Gebäude e ines
CAP-Markts
© Winfried Eberhardt© Winfried Eberhardt
36 BESTANDSAUFNAHME VON NAHVERSORGUNGSPUNKTEN
Seit über 20 Ja hren am Markt,
der Lindler Laden
tegut „Lä dchen für alles"
Dorad en mit dem Motto
"kaufen, treen, klönen"
© Winfried Eberhardt© Winfried Eberhardt© Winfried Eberhardt
Dynamik der Nahversorgung in ländlichen Räumen verstehen und gestalten BESTANDSAUFNAHME VON NAHVERSORGUNGSPUNKTEN 37
7 Aktuelle Bestandsaufnahme zur Situation
von Nahversorgungspunkten
Nachdem im vorangegangenen Kapitel vier
Beispielläden vorgestellt wurden, wird nun die
aktuelle Situation von Nahversorgungspunkten
systematisch betrachtet. Unter Nahversorgungs-
punkten (auch Dorf- oder Nachbarschaftsläden
genannt) verstehen wir kleine Lebensmittel-
geschäfte mit in der Regel weniger als 400 m²
Verkaufsäche in Orten mit weniger als 5.000
Einwohner*innen. Diese Läden führen ein
nicht-spezialisiertes nahversorgungsrelevan-
tes Sortiment, sodass sich Verbraucher*innen
dort hauptsächlich versorgen können. Die
Auswertung eines kommerziellen Datensatzes
zu Standorten und Formaten im Lebensmitte-
leinzelhandel zeigt, dass etwa 2.000 Läden in
Deutschland dieser Denition entsprechen. Die
so identizierten Läden und die bereits im Vor-
gängerprojekt 2012 untersuchten Läden wurden
verwendet, um insgesamt 166 Betreiber*innen
von Nahversorgungspunkten telefonisch zu be-
fragen (zur Methodik: siehe Kapitel 1).
Dieses Kapitel 7 gibt einen Überblick über
wichtige Merkmale, die zeigen, welche Spann-
breite die Nahversorgungspunkte aufweisen.
Aus Sicht der Betreiber*innen ist in erster Linie
der wirtschaftliche Erfolg wichtig, für die Bevöl-
kerung und die öentlichen Akteure kommen
der Erhalt der Nahversorgung im Ort und sozia-
le Funktionen hinzu.
7.1 Erhobene Kriterien zur wirtschaftlichen Situation und
zum Standort
Der Erfolg eines Ladens lässt sich anhand sei-
ner wirtschaftlichen Stabilität erkennen. Einen
Hinweis zur wirtschaftlichen Stabilität gibt die
Bestandsdauer des Ladens unter der aktuel-
len Betriebsform. Daraus ergibt sich, ob sich
ein Nahversorgungspunkt langfristig am Markt
etabliert hat, ob er z. B. wegen wirtschaftlicher
Schwierigkeiten von Betreiberwechsel geprägt
ist oder ob er erst vor kurzem gegründet wur-
de. Die Befragungen 2019/2020 ergaben fol-
gende Verteilung zur Bestandsdauer der be-
fragten Läden:
44 Prozent seit mindestens 20 Jahren,
27 Prozent seit 10 bis 19 Jahren,
16 Prozent seit etwa 5 bis 9 Jahren und
13 Prozent seit weniger als vier Jahren in der
jetzigen Betriebsform.
Die Läden der kleinen letzten Gruppe sind relativ
neu, sie müssen sich noch am Markt beweisen.
Die befragten Nahversorgungspunkte weisen
niedrige Umsatzzahlen auf. Über zwei Drittel
der Fälle hat 2018 weniger als eine halbe Million
Euro netto umgesetzt. Frühere Erfahrungswer-
te zeigen, dass zur Kostendeckung mindestens
ein Jahresumsatz von 750.000 Euro erwirtschaf-
tet werden muss (Steinführer et al. 2012, S. 105).
Zum Teil gehen Fachleute sogar von einem
Mindestumsatz (brutto) von 1,4 Millionen Euro
aus (BBE 2010). Diese Größenordnungen wer-
den immerhin von über 17 Prozent bzw. rund
11 Prozent der befragten Fälle erreicht.
Ein weiterer Indikator für die wirtschaftliche
Situation ist das Geschäftsergebnis nach Ge-
winn und Verlust. Die Befragungsergebnisse
verzeichnen für das Geschäftsjahr 2018 zu etwa
vier Fünftel der Läden einen Gewinn und zum
Rest einen Verlust. Dabei zeigt sich eine star-
ke Konzentration um den Nullpunkt. Rund 55
Prozent der Fälle machten einen leichten Ge-
winn von weniger als 25.000 Euro, während
17 Prozent einen entsprechenden Verlust zu
verzeichnen hatten. Etwa ein Viertel der Nah-
versorgungspunkte machte einen Gewinn von
über 25.000 Euro. Wenn dieser Gewinn dem
38 BESTANDSAUFNAHME VON NAHVERSORGUNGSPUNKTEN
Einkommen der Eigentümerin / des Eigentü-
mers entspricht, wäre ein solcher Betrag min-
destens erforderlich, um davon leben zu kön-
nen. Ansonsten ist ein weiteres Einkommen
im Haushalt nötig, z. B. durch Partner*in oder
Rente. Bei der Frage nach der subjektiven Ein-
schätzung ihrer wirtschaftlichen Situation zeig-
te sich: 46 Prozent der Betreiber*innen sind zu-
frieden, 21 Prozent dagegen unzufrieden, das
restliche Drittel hat sich „teils“ zugeordnet.
Die Sortierung der Nahversorgungspunkte
nach Einwohnergrößenklassen im Einzugsge-
biet der Läden zeigt Abbildung3: Unabhängig
von der Anzahl der Einwohner*innen im Ein-
zugsgebiet wurden in allen Größenklassen Lä-
den mit Gewinn und Verlust vorgefunden. Fast
80 Prozent aller Läden haben einen Gewinn
erzielt. Je nach Größe des Einzugsgebiets liegt
der jeweilige Anteil der Läden mit Gewinn in
den sechs Größenklassen zwischen 73 Prozent
(Einzugsgebiet: 2.000-3.999 Einwohner*innen)
und 91 Prozent der Läden (Einzugsgebiet >
4.000 Einwohner*innen), d. h., auch in den
drei unteren Größenklassen (unter 1.500
Einwohner*innen) überwiegt deutlich die An-
zahl der Läden mit Gewinn.
Wichtiges Standortkriterium ist die Lage des
Nahversorgungsgeschäfts im Ort. Als Standort
für einen Laden sollte eine Durchgangs- bzw.
Hauptstraße gewählt werden, um auch für den
Durchgangsverkehr gut sichtbar zu sein. Der
Großteil der Läden liegt im Ortskern zumeist an
einer Hauptstraße.
7.2 Organisationsform: Rechtsform und Betriebsziel der
Geschäfte
Für die Rechtsform gibt es verschiedene Mög-
lichkeiten. Abbildung 4 zeigt die gängigsten
Rechtsformen der kleinen Nahversorgungsein-
richtungen und wie häug diese in der Befra-
gung vertreten sind. Die vorrangig gewählte
Rechtsform im Rahmen der Untersuchung ist
die des eingetragenen Kaufmanns (e. K.) (56
Prozent). Mit deutlichem Abstand folgen die
GmbH (10 Prozent) und ihre gemeinnützige
Ausprägung (7 Prozent), Genossenschaften
(e. G.) (ebenfalls 7 Prozent) und Gesellschaft
bürgerlichen Rechts (GbR) (4 Prozent). Vereine
(w. V. und e. V.) und Unternehmensgesellschaft
haftungsbeschränkt (UG) spielen eine geringe
Rolle. Von bürgerschaftlich organisierten Lä-
den werden die drei Formen e. G., w. V. oder
UG häug gewählt. Darüber hinaus sind noch
die oene Handelsgesellschaft (OHG) und die
GmbH & Co. KG vertreten. Die Rechtsform ist
nicht nur für den Gründungsaufwand und die
Abbildun g3:
Engeres Einzugsgebiet und
Geschäftsergebnis 2018
Quelle: Eigene Darstellung, Da-
ten: eigene standardisierte Be-
fragung von Betreiber*innen
von Nahversorgungspunkten
(n=153).
8
27 28
15
32
11
2
7 7
3
12
1
0
5
10
15
20
25
30
35
< 500 Einw. 500-999 Einw. 1.000-1.499 Einw. 1.500-1.999 Einw. 2.000-3.999 Einw. > 4 .000 Einw.
Anzahl der Nennungen
Größenklasse Einzugsgebiet
a) Wie viele Einwohner leben schätzungsweise im engeren Einzugsgebiet des Geschäes?
b) Haben Sie das Geschäsjahr 2018 mit einem Gewinn oder Verlust abgeschlossen?
mit Gewinn mit Verlust
Dynamik der Nahversorgung in ländlichen Räumen verstehen und gestalten BESTANDSAUFNAHME VON NAHVERSORGUNGSPUNKTEN 39
Besteuerung wichtig, sondern auch für die
Haftung. Bei eingetragenen Kaueuten sowie
GbR und OHG haften die Inhaber*innen unbe-
schränkt mit ihrem privaten Vermögen für die
Verluste des Geschäftes.
Auf der Grundlage der Angaben zur Rechtsform
ergeben sich zwei Strategietypen: privatwirt-
schaftlich orientierte und sozial orientierte Ein-
richtungen. Zu den privatwirtschaftlichen zäh-
len eingetragene Kaueute, GmbHs oder GbRs
mit einem oder wenigen Eigentümer*innen,
sie haben zumeist das zentrale Geschäftsziel
der Gewinnmaximierung oder Erwerbstätig-
keit der Betreiberin / des Betreibers. Zum an-
deren gibt es meist sozial ausgerichtete Nah-
versorgungseinrichtungen, deren Rechtsform
eG, e. V., w. V. oder gGmbH entspricht, die
vielen Bürger*innen aus der Umgebung, einer
sozialen Trägerin / einem sozialen Träger oder
der Gemeinde gehören und für die das Nahver-
sorgungs- oder Integrationsziel im Mittelpunkt
steht. Nach dieser Einteilung zur Rechtsform
überwiegen die privatwirtschaftlich orientier-
ten gegenüber den sozial orientierten Einrich-
tungen (rund 75 zu 25 Prozent). Diese klare
Tendenz tritt dagegen bei den vorrangigen
Betriebszielen nicht so deutlich hervor. Die Ab-
bildung5 zeigt jeweils die Anzahl der Läden zu
den vier zur Auswahl gestellten Betriebszielen.
Gefragt wurde nach dem hauptsächlichen Be-
triebsziel. Ein Großteil der Befragten hat sich
jedoch nicht auf eines der Ziele beschränkt. Sie
gaben zwei Ziele und einige wenige auch drei
Ziele an, diese Angaben sind als Kombination
von Hauptzielen ausgewiesen. Die „Sicherung
der Nahversorgung“ ist für 95 der 166 Läden
ein wichtiges Ziel (entspricht fast 60 Prozent,
Abbildun g4:
Rechtsformen der befragten
Nahversorgungspunkte
Quelle: Eigene
Darstellu ng, Daten: eigene
standardisierte Befragung
von Betreiber*innen von
Nahversorgungspunkten
(n=163).
9,2 %
3,1 %
3,1 %
4,3 %
7,4 %
6,7 %
10,4 %
55,8 %
0 % 20 % 40 % 60 %
Sonsge
w.V. – wirtschalicher Verein
UG – Unternehmer-Gesellscha
GbR – Gesellscha bürgerlichen Rechts
eG – eingetragene Genossenscha
gGmbH – gemeinnützige Gesellscha m. b. H.
GmbH – Gesellscha mit beschränkter Haung
e.K. – eingetragener Kaufmann
Welche Rechtsform hat Ihr Geschä?
Abbildun g5:
Hauptsäc hlich mit dem
Geschäf t verfolgte
Betriebsziele
Quelle: Eigene
Darstellu ng, Daten: eigene
standardisierte Befragung
von Betreiber*innen von
Nahversorgungspunkten
(n=166).
62
7
34
21
33
9
21
25
0 20 40 60 80 100
Sicherung der Nahversorgung
Integraon benachteiligter Gruppen
Erwerbstägkeit des Betreibers
Gewinnorienerung
Anzahl der Nennungen
Welches Betriebsziel wird hauptsächlich mit dem Geschä verfolgt?
Hauptziel Kombinaon von zwei oder drei Hauptzielen
40 BESTANDSAUFNAHME VON NAHVERSORGUNGSPUNKTEN
für 40 Prozent das Hauptziel und für 20 Pro-
zent zumindest eines von mehreren Hauptzie-
len). Mit Abstand folgen „Erwerbstätigkeit des
Betreibers“ (33 Prozent der Läden), „Gewinn-
orientierung“ (28 Prozent) und das „Integrati-
onsziel“ (10 Prozent).
7.3 Warenbezug
Die Wahl eines geeigneten Großhändlers für
das Hauptsortiment, das oftmals noch durch
Randsortimente wie regionale Produkte,
Fleisch- und Backwaren lokaler Anbieter er-
gänzt wird, ist von großer Bedeutung. Es beste-
hen Unterschiede in den Lieferkonditionen, der
Beratungsintensität, der Unterstützung beim
Marketing, dem Angebot von Preiseinstiegs-
segment und Rabattaktionen oder den Kondi-
tionen beim Abbezahlen der Erstausstattung
und des Kassensystems. Da die Konditionen
zum Teil individuell ausgehandelt werden, ist
die Wahl eines Lieferanten sinnvoll, der oh-
nehin in die Gegend fährt und somit günsti-
gere Bedingungen anbieten kann. Bei einem
Franchise-Konzept bieten die Franchise-Un-
ternehmen meist Beratungsleistungen an, die
in Anspruch genommen werden sollten. Hinzu
kommen oft Kooperationspartner aus der Re-
gion für das Frischesortiment oder Backwaren.
Außerdem können sich benachbarte Läden zu
Einkaufsgemeinschaften zusammenschließen,
um Preisvorteile zu erzielen. Der Großhandels-
partner beliefert nicht nur, er berät oft auch bei
der Sortimentszusammensetzung und bietet
individuelle Werbung an.
Kleine Nahversorger werden nach Experten-
angaben in der Regel mit Aufschlägen belie-
fert. Die Großhändler haben ihre Preisstaf-
feln, bei denen sich die Aufschläge nach der
Abnahmemenge richten. Für kleine Läden sei
es gut und wichtig, wenn sie beim Großhandel
neben einem guten breiten Sortiment auch
halbe Verpackungseinheiten (d. h. eine gerin-
gere Stückzahl von vor allem schnell verderb-
lichen Artikeln wie Molkereiprodukten und
Obst) bestellen können.
Bei den befragten Läden verteilen sich die
Hauptlieferanten hauptsächlich auf die vier fol-
genden Großhändler: EDEKA wurde von knapp
der Hälfte genannt (49 Prozent), mit Abstand
folgen REWE (10 Prozent), Bartels-Langness (6
Prozent) und MARKANT (3 Prozent). Etwa ein
Drittel der Läden haben andere Hauptlieferan-
ten. Unter „sonstige Lieferanten“ sind mehrfach
Gutkauf, UTZ, Mios, Carmes, „Bünting“ oder
auch Lüning angegeben worden. Es gibt aber
auch einige Läden, die vom Hauptgeschäft mit
eigenem Fahrzeug regelmäßig beliefert wer-
den. Beschaen sich die Betreiber*innen ihre
Ware weitgehend selbst, wie in zehn Läden der
Fall, nutzen sie dafür z. B. Sonderangebote in
Supermärkten und Discountern. Daneben wer-
den einige Läden direkt von Großhändlern aus
dem Biobereich beliefert.
Fast alle Läden beziehen aber auch Waren von
kleinen Lieferanten aus ihrer Region und loka-
len Anbietern wie Bäcker, Fleischer, Milchhöfen
und diversen anderen.
7.4 Angebotsgestaltung
Das Angebot eines Ladens muss sich, um er-
folgreich zu sein, weitgehend an den Kun-
denwünschen orientieren. Dazu gehören in
der Regel eine marktgerechte, wettbewerbs-
fähige Sortimentsgestaltung mit Frischepro-
dukten, eine gut gelegene, geeignete und
dazu passende Geschäftsäche sowie die
Önungszeiten. Für die Unterbringung eines
ausreichenden Vollsortiments mit einem Fri-
sche- und Trockensortiment von ca. 2.000 Ar-
tikeln sollte die Geschäftsäche mindestens
100 bis 200 m² Verkaufsäche sowie 50 bis 70
m² Nebenächen umfassen, um ein anspre-
chendes Warenangebot zu machen und auch
Dynamik der Nahversorgung in ländlichen Räumen verstehen und gestalten BESTANDSAUFNAHME VON NAHVERSORGUNGSPUNKTEN 41
Abbildun g6:
Größe der Verk aufsäche der
Geschäfte
Quelle: Eigene Darstellung, Da-
ten: eigene standardisierte Be-
fragung von Betreibe**innen
von Nahversorgungspunkten
(n=166).
26,5 %
36,7 %
17,5 %
13,3 %
6,0 %
0 % 5 % 10 % 15 % 20 % 25 % 30 % 35 % 40 %
< 100
100-199
200-299
300-400
401-900
Größenklassen in %
Verkaufsäche in m2
Wie groß ist die Verkaufsäche des Geschäes in m2?
zusätzliche Dienstleistungen integrieren zu
können.
Die Miete sollte gemäß einer Empfehlung ei-
nes befragten Experten höchstens 2 Prozent
des Umsatzes betragen. Daneben muss man
die weiteren Nebenkosten im Blick haben: Der
hohe Verbrauch älterer Kühlgeräte verursacht
hohe Stromkosten, zudem steigen vielerorts
die Strompreise. Manchmal gelingt es, die Be-
triebskosten zu reduzieren, indem Mietpreis-
nachlässe oder günstigere Stromtarife ausge-
handelt werden.
Die Untersuchung der über 160 Nahversor-
gungseinrichtungen im Zeitraum 2019 bis 2020
ergab die folgenden Kennziern zur Ange-
botsgestaltung: Der durchschnittliche Laden
besitzt eine Verkaufsäche von ca. 185 m²
(Median 150 m²). Über ein Viertel der Läden ist
kleiner als 100 m² und nur ein Fünftel der un-
tersuchten Einrichtungen ist größer als 300 m².
Abbildung6 zeigt die Verteilung der Verkaufs-
äche nach fünf Größenklassen.
Die Dauer der Önungszeiten pro Woche
schwankt zwischen 12 und 76 Stunden, der
Durchschnittswert liegt leicht über 50 Stunden
(Median ebenso bei 50 Stunden). Abbildung7
zeigt die Verteilung der Önungszeiten in
Stunden nach Größenklassen. Da jede Laden-
önungsstunde unabhängig vom Ladentyp
mit Personal- und Betriebskosten verbunden
ist, ist es ratsam, bei der Festlegung der Ö-
nungszeiten die Wünsche der Kund*innen zu
berücksichtigen. Durch regelmäßige Befragun-
gen können die Önungszeiten überprüft und
bei Bedarf Kompromisslösungen entwickelt
Abbildun g7:
Önungs zeit pro Woche in
Stunden
Quelle: Eigene Darstellung, Da-
ten: eigene standardisierte Be-
fragung von Betreiber*innen
von Nahversorgungspunkten
(n=166).
6,6 %
25,3 %
32,5 %
21,7 %
13,9 %
0 % 5 % 10 % 15 % 20 % 25 % 30 % 35 %
bis 34
35-44
45-54
55-64
65-76
Anteil in %
Stunden pro Woche
Welche Önungszeiten hat Ihr Geschä aktuell?
42 BESTANDSAUFNAHME VON NAHVERSORGUNGSPUNKTEN
Önungszeiten Linsburger
Doraden
werden. In einem Laden konnte z. B. durch die
zusätzliche Önung am Montagnachmittag
der Umsatz an diesem Wochentag mehr als
verdoppelt werden.
Die Zeitfenster und Erfahrungen der Läden mit
ihren Önungszeiten sind unterschiedlich. Die
folgenden drei Varianten kommen am häugs-
ten vor: Über die Hälfte der über 160 befrag-
ten Läden hat an fünf Tagen (Montag bis Frei-
tag) am Vor- und Nachmittag (darunter etwa
60 Prozent mit Mittagspause und 40 Prozent
durchgehend ohne Pause) sowie am Samstag-
vormittag geönet. Etwa ein Fünftel der Läden
önet an vier Tagen am Vor- und Nachmittag
und an zwei Tagen halbtags. Etwa jedes achte
Geschäft hat auch am Sonntagvormittag für
zwei bis drei Stunden geönet, in erster Linie
um Backwaren zu verkaufen. Daneben gibt es
noch weitere Varianten, die aber nur bei weni-
gen Läden existieren. Einige Läden sind gänz-
lich nur halbtags geönet.
Die Önungszeiten am Vormittag und Nach-
mittag erstrecken sich zumeist über fünf bis
sechs Stunden am Vormittag zwischen 7:00
und 13:00 Uhr sowie je nach Wochentag zu-
meist zwei bis vier Stunden am Nachmittag von
14:30 bis 19:00 Uhr. Spätere Önungszeiten sol-
len auch den Berufstätigen und Pendler*innen
unter der Wohnbevölkerung das Einkaufen im
Ort ermöglichen.
Um die Bedeutung der befragten Einrichtun-
gen für die Nahversorgung abschätzen zu
können, gab es mehrere Fragen zum Angebot
und dessen Nutzung. Abbildung 8 zeigt, dass
etwa drei Viertel der Läden über ein Gesamts-
ortiment mit bis zu 4.000 Artikeln verfügen.
Die Größenklasse 1.000-2.000 Artikel erreicht
mit rund 30 Prozent den höchsten Anteil. Ein
Vollsortiment, das mindestens 2.000 verschie-
dene Artikel umfasst, lässt sich auf etwa auf 150
m² Verkaufsäche übersichtlich präsentieren.
Tabelle10 fasst mehrere Aspekte zur Angebots-
und Nachfrageseite zusammen. Die Nahversor-
gungspunkte bieten nach eigenen Angaben im
Durchschnitt 3.600 Artikel in ihrem Gesamtsor-
timent an. Durchschnittlich gibt es dabei rund
Tabelle10:
Angebot in den Läden und
dessen Nutzung
Quelle: Eigene Darstellung, Da-
ten: eigene standardisierte Be-
fragung von Betreiber*innen
von Nahversorgungspunkten.
Gesamtartikel-
zahl
Lebensmittel-
artikelzahl
Frischeartikel-
zahl
Kund*innen pro
Woche
Einkaufsbon in
Euro
Mittelwert 3.600 2.730 790 1. 085 10,56
Minimum 100 100 010 0 4,00
Median 2.000 1.800 500 750 10,00
Maximum 15.000 13.000 6.500 10.000 25,00
N138 137 137 152 145
Abbildung8:
Artikelanzahl im Gesamtsorti-
ment nach Größenklassen
Quelle: Eigene Darstellung, Da-
ten: eigene standardisierte Be-
fragung von Betreiber*innen
von Nahversorgungspunkten
(n=138) .
19,6 %
29,7 %
23,9 %
7,3 %
7,2 %
12,3 %
0 % 5 % 10 % 15 % 20 % 25 % 30 % 35 %
< 1.000
1.000-2.000
> 2.000-4.000
> 4.000-6.000
> 6.000 - < 10.000
10.000-15.000
Größenklassen in %
Arkelanzahl
Wie viele Arkel umfasst das Gesamtsorment ungefähr?
© Winfried Eberhardt
Dynamik der Nahversorgung in ländlichen Räumen verstehen und gestalten BESTANDSAUFNAHME VON NAHVERSORGUNGSPUNKTEN 43
2.730 Lebensmittelartikel und davon sind rund
800 frische Artikel (z. B. Obst, Gemüse, Milch-
produkte und Fleischwaren, teils an Bedienthe-
ken). Damit liegt die Auswahl deutlich unter der
eines Supermarktes mit über 10.000 Artikeln,
aber in etwa im Bereich eines Discounters mit
in der Regel 2.000 bis 3.500 Artikeln. Bei einem
Angebot mit weniger als 1.000 Artikeln scheint
das Sortiment selten auszureichen, um den
Grundbedarf zu decken, und es macht Einkäufe
in anderen Läden notwendig.
In den befragten Geschäften kaufen im Durch-
schnitt fast 1.100 Kund*innen pro Woche ein
und geben dabei durchschnittlich 10,60 Euro
aus. Die Hälfte der Läden schwankt zwischen
500 und 1.335 Kund*innen pro Woche. Das
sind Kundenzahlen, die Supermärkte pro Tag
erreichen. Die Angaben zum Durchschnitts-
bon pro Einkauf nach Größenklassen zeigt die
Abbildung9.
Während kleine Supermärkte sich vor einigen
Jahren von Bedientheken verabschiedet ha-
ben, bieten auch viele kleine Doräden abge-
packte Käse- und Wurstwaren im Kühlregal
an. Dennoch setzt ein Großteil der befragten
Läden auf den Bedienbereich. Rund 60 Prozent
verkaufen Käse am Bedientresen, 62 Prozent
Fleisch- und Wurstwaren und immerhin 80 Pro-
zent haben eine Bedientheke für Backwaren.
Dabei ist zu beachten: Je größer der Bedien-
bereich ist, desto höher ist die Personalintensi-
tät im Laden. Entscheidend ist dann, dass die
Abbildun g9:
Durchschnittsbon pro Einkauf
nach Größenklassen
Quelle: Eigene Darstellung, Da-
ten: eigene standardisierte Be-
fragung von Betreiber*innen
von Nahversorgungspunkten
(n=145).
Welchen Betrag gibt ein Kunde durchschnilich pro Einkauf im Geschä aus?
(Anteil in %)
4,00-7,50 Euro
>7,50 - <10,00 Euro
10,00 - <12,50 Euro
12,50-15,00 Euro
>15,00-25,00 Euro
22,1 %
21,4 %
30,3 %
17,9 %
8,3 %
Abbildun g10:
Wichtigkeit von regionalen
Produkte n und Bio-Produk ten
im Lebensmittelsortiment
Quelle: Eigene Darstellung, Da-
ten: eigene standardisierte Be-
fragung von Betreiber*innen
von Nahversorgungspunkten
(n=1 65).
37,0 %
8,6 %
28,5 %
8,6 %
22,4 %
37,4 %
9,1 %
31,9 %
3,0 %
13,5 %
0 % 10 % 20 % 30 % 40 % 50 % 60 % 70 % 80 % 90 % 100 %
Regionale Produkte
Bio-Produkte
Wie wichg sind regionale Produkte bzw. Bio-Produkte in Ihrem Lebensmielsorment?
Sehr wichg Wichg Teils teils Unwichg Sehr unwichg
44 BESTANDSAUFNAHME VON NAHVERSORGUNGSPUNKTEN
Thekenware nicht nur ausgestellt wird, sondern
dass darüber auch Umsatz generiert wird. Die
Rohertragsspannen sind in der Regel deutlich
höher als bei abgepackter Ware.
Weitere Angebotsmerkmale sind die Preise
sowie das Angebot von regionalen und Bio-
Produkten. 63 Prozent der Nahversorgungslä-
den verfügen über ein breites Angebot zu Dis-
counterpreisen, 37 Prozent nicht, wovon einige
zumindest ein kleines Angebot („nicht breit“)
bereitstellen.
Das Thema „Lebensmittel aus der Region“
ndet bei den Verbraucher*innen starken Zu-
spruch, der sich im Angebot der Läden nie-
derschlägt. Gründe sind z. B. der Trend hin zu
ökologisch bewusstem Konsum, das größere
Vertrauen in Produzenten aus der Nähe sowie
der Wunsch, die regionale Wirtschaft zu stär-
ken. Für rund 65 Prozent der Einrichtungen ist
das Angebot regionaler Lebensmittelprodukte
wichtig oder sehr wichtig. Bei den Bio-Produk-
ten betrit dies aktuell nur rund 17 Prozent der
Läden (siehe Abbildung 10; Median regionale
Produkte = wichtig; bei Bio-Produkten = teils
teils). Im Unterschied zu den großen Ketten und
den Großhändlern, bei denen in Werbeblättern
als Region teilweise „ganz Norddeutschland“
oder ein ganzes Bundesland beworben wird,
bedeutet „Region“ für den Großteil der Dorf-
und Bürgerläden einen Umkreis von bis zu 40
Kilometern, in Einzelfällen ein Radius von ma-
ximal 15 km.
Bedientheke für Käse
Bedienth eke mit Fleisch-
und Wurst waren sowie
Käse
© Winfried Eberhardt© Winfried Eberhardt
Dynamik der Nahversorgung in ländlichen Räumen verstehen und gestalten BESTANDSAUFNAHME VON NAHVERSORGUNGSPUNKTEN 45
7.5 Zusatzdienstleistungen
Zusatzdienstleistungen über den Verkauf von
Waren des täglichen Bedarfs hinaus dienen klei-
nen Nahversorgungsläden als Frequenzbringer,
als Unterscheidungsmerkmal von Konkurrenten
und somit zur Kundenbindung, wie auch unsere
Expertengespräche verdeutlichten. Ob zusätzli-
che Dienstleistungen neben dem Hauptzweck
der Versorgung mit Waren existieren, hängt
vom Marktpotenzial bzw. den Kundenwün-
schen einerseits und den baulichen, personellen
Gegebenheiten und genehmigungsrechtlichen
Anforderungen ab. Stark frequentierte Kopp-
lungsmöglichkeiten können die Erfolgsaussich-
ten der Nahversorgungsläden erhöhen. Zusatz-
dienstleistungen werden zum Teil nur unter
besonderen Auagen und Restriktionen (z. B.
Lotto/Toto, kompletter Post- und Postbankser-
vice) wie Mindestumsatz oder Zusatzqualika-
tionen des Personals vergeben. Café-Ecken und
sonstige Imbiss- und Verzehrangebote stellen
selbst bei tageweisen Angeboten in der Wo-
che (z. B. Suppentag, Kuchen- oder Waeltag,
Grill-/Burger-Abend) eine günstige Ergänzung
dar, um die Funktion als Kommunikations- und
Begegnungspunkt der lokalen Bevölkerung zu
betonen. Verzehrangebote können zusätzliche
Einnahmen generieren sowie die Marge bei ver-
derblichen Produkten erhöhen, da diese für gas-
tronomische Zwecke weiterverarbeitet werden.
Allerdings ist ein Cateringangebot auch arbeits-
intensiv und erfordert einige Fachkenntnisse.
Abbildung11 zeigt die Verbreitung ausgewähl-
ter Zusatzangebote in den befragten Nah-
versorgungspunkten. Mehr als der Hälfte der
Läden bietet einen Lieferservice an. Bei rund
einem Viertel dieser Läden richtete er sich je-
doch nicht an alle, sondern nur an mobilitäts-
eingeschränkte und ältere Menschen sowie an
die Stammkundschaft.
Einen Postservice haben über die Hälfte der
befragten Läden, was meist auf Paketdienste
beschränkt ist. Das komplette Postservice-An-
gebot für sämtliche Angebote der Post (Post
und DHL) ist nur über eine Extra-Kasse möglich.
Das Personal muss dafür über spezielle Kennt-
nisse verfügen und mit dem EDV-System der
Post umgehen können.
Über einen Bargeldservice verfügt in etwa ein
Drittel der Läden. Dies ist angesichts der stark
abnehmenden Filialzahlen von Banken und Spar-
kassen vor Ort ein zunehmend wichtiger Service.
57 Prozent der Läden haben ein Café bzw. eine
Café-Ecke. Mehrere weitere Läden haben zu-
mindest einen Kaeeautomaten bzw. bieten
„Kaee zum Mitnehmen“ an. Fast ein Fünftel
der Nahversorgungsläden betreibt ein Imbis-
sangebot. Darunter waren spezielle Angebote
– wie ein Mittagstisch, ein Suppentag oder eine
kleine „heiße Theke“.
Abbildun g11:
Zusatzdienstleistungen in
Doräden
Quelle: Eigene Darstellung, Da-
ten: eigene standardisierte Be-
fragung von Betreiber*innen
von Nahversorgungspunkten
(n=166).
43%
19%
57%
22%
31%
54%
58%
57%
81%
43%
78%
69%
46%
42%
0% 10% 20% 30% 40% 50% 60% 70% 80% 90% 100%
Sonsge Zusatzangebote
Imbiss
Café/Caféecke
Loo/Toto
Bargeldservice
Postservice
Lieferservice
Welche der folgenden Zusatzangebote sind über eine gemeinsame Kasse und gemeinsames
Personal in das Geschä integriert?
Ja Nein
46 BESTANDSAUFNAHME VON NAHVERSORGUNGSPUNKTEN
Postser vice
Als „Sonstige Zusatzangebote“ sind zum Bei-
spiel Catering/Plattenservice, Präsentkörbe/
Spendenpakete, Getränkeverkauf auf Kom-
mission, Reinigungsservice oder Bücher-
schrank angegeben worden. Nur knapp 10
Prozent der Läden verfügt über keines der
erhobenen Zusatzangebote. Weitere Zusatz-
angebote können eine Rezeptannahmestelle
oder die Vermittlung lokaler Dienstleistungen
sein. Manche Bürgerläden veranstalten unre-
gelmäßig besondere Aktionen zur Werbung
und Begegnung, z. B. kleine Flohmärkte oder
Verkostungen.
7.6 Soziale Funktion
Die soziale Funktion der Nahversorgungspunk-
te haben viele der 2019 und 2020 befragten
Doradenbetreiber*innen bestätigt. Sie ist an-
hand von zwei Kriterien gut belegbar: die Funk-
tion als Begegnungsstätte und als Kristallisati-
onspunkt für bürgerschaftliches Engagement.
Oft unterschätzt wird der Beitrag zur lokalen
Beschäftigung. Mancherorts sind Doräden die
größten Arbeitgeber im Ort.
Die befragten Doräden bieten in mehr als der
Hälfte der Fälle Orte der Begegnung, indem sie
kleine Cafés oder zumindest kleine Café-Ecken
haben. In rund einem Fünftel der Läden gibt es
ein Imbissangebot. Hinweise auf die Trepunkt-
und Begegnungsfunktion geben neben den
bereits genannten Kundenzahlen im Laden die
Anzahl der Gäste im gastronomischen Bereich
der Nahversorgungseinrichtung wieder.
In den Läden mit einem Café oder einem Bis-
tro kommen durchschnittlich geschätzte 63
Besucher*innen pro Woche. In der Hälfte der
Fälle besuchen nur bis zu 30 Gäste pro Woche
(Median) den gastronomischen Bereich. Grün-
de für die relativ geringe Resonanz sind nicht
erhoben worden. Möglicherweise liegt es am
schwer einzuschätzenden Wert – die Anzahl
der Besucher*innen werden in den Läden
nicht gesondert erfasst – oder auch an zumeist
kleinen Flächen mit einem niedrigen Ausstat-
tungsstandard, der in manchen Läden nicht
zum Verweilen einlädt. Die Anzahl der Läden
mit ansprechenden Sitzecken oder Tischgrup-
pen vor dem Gebäude im Sommerhalbjahr ha-
ben nach unserer Beobachtung zugenommen.
In welchem Umfang die über 160 befragten Dorf-
läden einen Beitrag zur lokalen Beschäftigung
leisten, zeigt die Auswertung der Befragungser-
gebnisse zur Personalpolitik: Die befragten Nah-
versorgungsläden beschäftigen durchschnittlich
etwa sechs Personen (siehe Tabelle11). Allerdings
arbeiten davon im Mittel nur etwa anderthalb
Tabelle11:
Beitrag zu r Erwerbstätigkeit im
Erhebungsz eitraum 2019/2020
Quelle: Eigene Darstellung, Da-
ten: eigene standardisierte Be-
fragung von Betreiber*innen
von Nahversorgungspunkten
(n=166).
Anzahl Beschäf-
tigte insgesamt
davon Anzahl
Vollzeit
davon Anzahl
Minijobber
Stundenlohn
Qualizierte
(Euro)
Stundenlohn
Unqualizierte
(Euro)
Mittelwert 6,3 1,7 2,2 11,32 9,73
Minimum 1019,19 9,19
Median 51011, 0 0 9,19
Maximum 37 11 11 18,00 14,0 0
N163 163 159 92 100
© Winfried Eberhardt
Dynamik der Nahversorgung in ländlichen Räumen verstehen und gestalten BESTANDSAUFNAHME VON NAHVERSORGUNGSPUNKTEN 47
Personen Vollzeit und etwa zwei Personen als
Minijobber*in. In über einem Viertel der Läden
gibt es überhaupt keine bezahlte Vollzeitkraft. In
über 60 Prozent der Läden sind Inhaber*innen
und mithelfende Familienangehörige tätig. Etwa
jeder zehnte Laden beschäftigt auch Auszubil-
dende. Insgesamt liegt die Teilzeitquote bei rund
72 Prozent der Beschäftigten. In etwa jedem ach-
ten Fall arbeiten Ehrenamtliche im Betrieb mit.
Arbeitskräfte sind zugleich aber auch ein we-
sentlicher Erfolgsfaktor. Die Befragung der
Doräden ergab eher geringe durchschnitt-
liche Bruttostundenlöhne von 11,32 Euro für
qualizierte und 9,73 Euro für unqualizierte
Arbeitskräfte. Damit liegt der Großteil der Ar-
beitsplätze im Niedriglohnsektor.
7.7 Welche Faktoren erklären die Umsatzhöhe?
Die große Zahl untersuchter Läden ermög-
licht es auch, mit statistischen Methoden nach
Zusammenhängen zu suchen. Damit können
Faktoren, die die wirtschaftliche Situation (hier
gemessen am Nettoumsatz) erklären, bestimmt
werden. Untersucht wurden verschiedene
Standortfaktoren, Angebotsstrategien sowie
Unterstützungsformen. Die so festgestellten
Faktoren lassen sich statistisch verallgemeinern,
im Einzelfall können darüber hinaus aber immer
auch lokale oder betriebliche Besonderheiten,
die sich nicht statistisch erfassen lassen oder nur
in bestimmten Konstellationen funktionieren,
für den wirtschaftlichen Erfolg entscheidend
sein. Zudem muss darauf verwiesen werden,
dass der Nettoumsatz nur ein Indikator für den
wirtschaftlichen Erfolg ist. Ein hoher Umsatz er-
leichtert es zwar, die Fixkosten zu erwirtschaften,
gleichzeitig gibt es aber auch Beispiele von Lä-
den mit sehr geringem Umsatz, die seit langem
am Markt bestehen. Daher sind die Ergebnisse
immer mit gewisser Vorsicht zu interpretieren.
In Bezug auf die Standortfaktoren ist zunächst
die Einwohnerzahl im engeren Einzugsgebiet
entscheidend. Dieser Faktor hängt wenig über-
raschend stark mit dem Nettoumsatz zusam-
men. Der Einuss reduziert sich aber auf einen
mittleren Eekt, wenn die Angebotsgröße (Ge-
samtzahl im Sortiment oder Verkaufsäche)
berücksichtigt wird. Ebenfalls ein statistischer
Zusammenhang lässt sich zur Zahl der Park-
plätze feststellen. Dieser Zusammenhang wird
aber unbedeutend, wenn für die Angebotsgrö-
ße kontrolliert wird. Ebenfalls konnte die Anwe-
senheit andere Einrichtungen, wie Schule oder
Arztpraxis, in der Nachbarschaft nicht wie ver-
mutet als Frequenzbringer bestätigt werden.
Zusätzlich zur Einwohnerzahl im Einzugsge-
biet bestimmen Angebotsstrategien den Net-
toumsatz. Einen starken Einuss – insgesamt
den größten im statistischen Modell – hat die
Anzahl der Artikel im Gesamtsortiment. Damit
wird das Ergebnis aus der Verbraucherbefra-
gung (Kapitel 5.2) bestätigt, dass One-Stop-
Shopping (alles an einem Ort einkaufen zu kön-
nen) zentral für den Einkauf im Doraden ist.
Des Weiteren sind längere Önungszeiten ge-
ring bis mittel wichtig. Einen geringen Einuss
hat zudem die Bedeutung von Bio-Produkten
und Discount-Produkten im Sortiment. Der
oftmals vermutete positive Einuss von regio-
nalen Produkten oder einem hohen Anteil an
Frischeprodukten ließ sich nicht bestätigen. Au-
ßerdem konnte kein bedeutsamer Unterschied
Großächiger Café-Bereich in
einem Doraden
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48 BESTANDSAUFNAHME VON NAHVERSORGUNGSPUNKTEN
zwischen Läden mit und ohne die abgefragten
Zusatzdienstleistungen festgestellt werden.
Dies trit auch auf Lieferservices und Online-
Bestellmöglichkeiten zu, wenngleich letzteres
nur sehr selten angeboten wird.
Für die Sicherung der Nahversorgung ist es
wichtig, inwiefern Unterstützungsangebote
durch Bürger*innen, Kommunen oder staat-
liche Förderung (siehe Kapitel 8) die wirt-
schaftliche Situation der Läden verbessern
können. Unter sonst gleichen Bedingungen
hinsichtlich Standortfaktoren und Angebots-
strategie zeigt sich, dass die Unterstützung
der Nahversorgungspunkte durch bürger-
schaftliches Engagement in Form von Geld
oder Zeit keinen nachweisbaren Eekt auf
den Umsatz hat. Gleiches gilt für kommunale
Unterstützungsleistungen. Einen geringen
positiven Eekt hat demgegenüber die Inan-
spruchnahme von Beratungsdienstleistungen
und staatlichen Investitionszuschüssen. Letz-
teres kann sich aber auch dadurch erklären,
dass wirtschaftlich starke Läden eher inves-
tieren oder Läden in ihrer Gründungsphase
Zuschüsse in Anspruch nehmen und dann von
ihrer neuen, modernen Ausstattung protie-
ren. Integrationsmärkte können zwar beson-
dere Förderangebote in Anspruch nehmen,
haben dann aber in geringem Maße weniger
Umsatz. Dies bestätigt die Erfahrung aus dem
Beispielladen mit Integrationskonzept (siehe
Kapitel 6). Hier wies der Betreiber darauf hin,
dass gehandicapte Mitarbeiter*innen auch
Kund*innen abschrecken können.
7.8 Aktuelle Herausforderungen und Probleme der Läden
Viele der befragten Läden haben von ihren ak-
tuellen Herausforderungen und Problemen be-
richtet. Häuger angesprochen wurden insbe-
sondere die Punkte, die nach Themenbereichen
sortiert in Tabelle12 gezeigt werden. Belegbare
Schwierigkeiten bereiten kleinen Nahversor-
gungseinrichtungen insbesondere die Konkur-
renz durch große Märkte oder Discounter in der
Umgebung, deren Niedrigpreise, steigende Ne-
ben- und Personalkosten, die Personalndung
oder die Belieferung durch den Großhandel.
Zusätzlich entstehen manchen Läden erheb-
liche Probleme durch innerörtliche Baustellen
an Hauptstraßen, wenn sie dadurch mehrere
Monate vom Durchgangsverkehr oder innerört-
lichen Verkehr abgeschnitten sind (siehe Foto).
Großes Inf obanner an der
Durchgangsstraße
© Winfried Eberhardt
Dynamik der Nahversorgung in ländlichen Räumen verstehen und gestalten BESTANDSAUFNAHME VON NAHVERSORGUNGSPUNKTEN 49
Tabelle12:
Aktuelle Herausforderungen
und Probleme, die den Laden-
betrieb erschweren
Quelle : Eigene Erhebung und
Darstellu ng, Daten: eigene
standardisierte Befragung von
Betreiber*innen von Nahver-
sorgungspunkten.
Konkurrenz-
situation
Konkurrenz durch große Märkte und Niedrigpreise .
Konkurrenzdruck durch weitere/neue Märkte/Discounter in der Nähe.
Handelsketten vernichten viele kleine Läden (Bäcker, Metzger, Blumenläden etc.).
Längere Önungszeiten großer Märkte und Discounter bedrohen kleine Läden.
Kunden-
potenzial
Laden hat kleines Einzugsgebiet.
Ältere Kund*innen sterben, Jüngere kommen nur wenige nach.
Jungen Leute sind mobil und kaufen außerhalb ein.
Schwierig, die Dorfbevölkerung zum Einkauf im Laden zu animieren und junge Familien/Men-
schen zu erreichen, um den Kundenstamm zu erweitern.
Menschen wollen Läden im Ort, kaufen dort aber zu wenig ein.
Großhandel /
Warensorti-
ment
Viele Großhändler beliefern kleine Läden nicht mehr.
Große Abnahmemengen vom Großhändler problematisch .
Bei geringem Bestellumfang 5 % Aufschlag nötig, wodurch geringe Handelsspanne.
Zum Selbsteinkauf gezwungen, weil der Großhandel als Lieferant zu große Mindestmengen
voraussetzt.
Das Sortiment für die Kund*innen zu entwickeln ist die größte Herausforderung.
Veraltete
Kühltechnik
Veraltete Kühltechnik verursacht hohe Energiekosten.
Förderfähigkeit von Klimaschutz- und Energiesparinvestitionen bei kleinen Läden nicht gegeben
(KfW-Bezuschussung derzeit erst ab 25 laufende Meter Kühlmöbel).
Ersatz alter Kühlgeräte schwierig. Kühlaggregate müssten erneuert werden, diese Investition ist
aber danach nicht mehr zu erwir tschaften.
Förderung gibt es nur bei Neu-Anlagen, aber nicht für kostengünstige Gebrauchtanlagen.
Fördermittel für neue Kühltechnik wären sehr hilfreich.
Nebenkosten
Steigende allgemeine Kosten wie Energie und Miete.
Sehr hohe Kosten für Strom, eine neue Kasse und Reparaturen.
Finanzielle Herausforderung, wenn etwas kaputt geht.
Investitionskosten zur Modernisierung stehen in keinem Verhältnis zum Umsatz.
Personal-
kosten /
Mindestlohn
Personalkosten verursachen Hauptkosten, Mindestlohn ist ein großes Problem, da es Läden zum
Aufgeben zwingt.
Höhere Lohnkosten drohen, sie sind in ländlichen Gebieten nicht zu erwirtschaften.
Personalkosten zu hoch. Mindestlohn war/ist nanziell belastend.
Würde der Mindestlohn um 1 Euro steigen, müsste der Laden schließen.
Jahresergebnis durch höheren Mindestlohn von „schwarzer Null“ auf minus 10.000 Euro
gesunken.
Personal-
ndung
Fehlendes Fachpersonal als größtes Problem in der ganzen Region.
Personaldecke zurzeit zu „dünn“.
Fachpersonal für Fleischverkauf schwer zu bekommen.
Personal mit Handicap braucht mehr Verständnis von den Kund*innen.
Bürokratie /
Vorschriften
Vorschriften sind ein Hemmnis. Beispiel: Datensicherung, Datenschutz etc.
Neues Kassensystem seit 2016 Vorschrift, hoher Kostenfaktor.
Stetig steigende Bürokratie, z. B. Hygienevorschriften.
Anmerkung: Die in der Tabelleaufgeführten Antworten wurden sinngemäß in der Regel mehrfach genannt. Verständli-
cherweise waren diese nicht immer wortgleich, daher wurde dann die bessere oder präzisere Formulierung ausgewählt.
50 BESTANDSAUFNAHME VON NAHVERSORGUNGSPUNKTEN
7.9 Tipps für andere Ladenbetreiber*innen
Die befragten Betreiber*innen der Nahversor-
gungsläden hatten auch die Gelegenheit, für
andere Ladenbetreiber*innen Tipps zu geben,
damit diese von ihren Erfahrungen lernen kön-
nen. Davon wurde rege Gebrauch gemacht.
Tabelle13 zeigt eine Auswahl der Tipps, sor-
tiert nach sechs Themenbereichen. Insgesamt
haben 57 befragte Personen Tipps gegeben;
die aus unserer Sicht wichtigsten Antworten
wurden hier sinngemäß aufgelistet. Unter den
befragten Personen waren selbstständige
Kaueute stark vertreten, wie aus einem Teil
der Antworten hervorgeht. Einige von ihnen
weisen in Anbetracht ihrer persönlichen Er-
fahrungen und der Entwicklung in den letzten
Jahren auf die mögliche hohe Arbeitsbelastung
hin bzw. raten davon ab, eine (kleine) Nahver-
sorgungseinrichtung in Eigenregie zu erönen.
Tab elle 13:
Tipps der b efragten
Ladenbetreiber*innen für
andere Betreiber*innen
Quelle : Eigene Erhebung und
Darstellu ng, Daten: eigene
standardisierte Befragung von
Betreiber*innen von Nahver-
sorgungspunkten.
Angebot /
Sortiment
Frische und Regionalität sind wichtig.
Regionale Produkte (Obst, Gemüse, Wurstwaren, …) anbieten, um sich abzuheben.
Abgrenzung von Discountern; Regionale Produkte anbieten.
Sonderangebote werden kleinen Läden nicht zugetraut, sind aber möglich.
Nischen wie z. B. Catering nutzen.
Gute Erfahrungen mit selbstgemachten Salaten, jedoch lohnintensiv und logistischer Aufwand.
Kundenwünsche berücksichtigen. Service, den die anderen nicht anbieten.
Laden sollte mindestens 300 m2 Verkaufsäche haben.
Partner /
Großhandel
Wenn kleine Läden NEU anfangen, ist es schwer, einen Lieferanten zu nden.
Großhändler spielen eine große Rolle.
Kosten und Preise konsequent verfolgen, da Lieferanten Preisänderungen nicht immer mitteilen.
Ganz enge Zusammenarbeit mit der Gemeinde in der Entwicklungsphase und im Betrieb.
Bei Problemen sollte man sich Hilfe holen (z. B. Beratung).
Finanzielles
Eigenkapital ist unbedingt notwendig (Startkapital).
Bei der Miete achtgeben.
Auf die Energiekosten achten.
Personal und
Engagement
Eigeninitiative reicht nicht. So individuell sein, wie möglich.
Durchhaltevermögen und Ehrgeiz erforderlich, da man mehr als 8 Std./Tag arbeiten muss.
Man muss bereit sein, um 6:00 Uhr anzufangen und eine 50 Std-Woche in Kauf nehmen.
Allein schat man es nicht, man braucht eine zweite Person.
Das A und O sind qualizierte Kräf te, besonders in der Neugründungsphase.
Hinweise zu
Bürgerläden
Genossenschaftliche Modelle wählen.
Klare Organisation mit geregelten Kompetenzen und Verantwortlichkeiten ist wichtig. Ebenso
fachliche Kompetenz in den Entscheidungsgremien.
Warnende
Stimmen
Jeder Fall ist anders. Da muss man sich gut überlegen, so einen Laden zu betreiben. Kleine Läden
haben es schwer.
Würde es NICHT mehr machen.
Laden NICHT aufmachen. Hät te ich vor rund 30 Jahren gewusst, wie sich der Markt ent wickelt,
wäre ich im alten Beruf geblieben.
Macht euch NICHT selbstständig.
Dynamik der Nahversorgung in ländlichen Räumen verstehen und gestalten BESTANDSAUFNAHME VON NAHVERSORGUNGSPUNKTEN 51
links: Caf e-Bereich mit
künstlerischem Flair;
rechts: Am Di enstag gibt
es Mittagstisch
7.10 Schlussfolgerungen
Viele der befragten Nahversorgungspunkte
sind bereits seit langem am Markt.
Die Umsätze sind meist relativ gering, trotz-
dem ist fast die Hälfte der befragten Läden
mit ihrer wirtschaftlichen Situation zufrie-
den und Gewinne werden auch in kleinen
Einzugsbereichen erzielt.
Regionale Produkte und Thekenwaren sind
wichtige Schwerpunkte im Warenangebot.
Viele Nahversorgungspunkte haben Tre-
punktfunktion mit Café und Imbissangebo-
ten, die jedoch in der Mehrzahl der Läden
wenig genutzt werden.
Personal, inklusive der Inhaber*innen, wird
meist eher auf unterem Niveau bezahlt.
Auch wenn die Löhne teils auch bei großen
Handelsketten gering sind, so kann das
doch zu Problemen führen, gutes Personal
zu nden. Unabhängig vom Lohnniveau
ist es in manchen Regionen schwierig,
überhaupt qualiziertes Personal (z. B.
Fleischfachverkäufer*innen) zu nden.
Angesichts des Konkurrenzdrucks ist die
wirtschaftliche Situation vielfach prekär und
Modernisierungen oder Ersatzinvestitionen
lassen sich kaum erwirtschaften.
© Winfried Eberhardt
© Winfried Eberhardt
52 UNTERSTÜTZUNG
8 Unterstützung durch die öentliche Hand
Die Nahversorgung wird durch die öentliche
Hand auf unterschiedliche Weise unterstützt.
Die Bundesländer verfolgen die Belange einer
in die Zukunft gerichteten Nahversorgung zu-
meist über die jeweiligen Landesprogramme
zur Entwicklung des ländlichen Raums (EPLR),
durch Landesinitiativen oder Modellvorha-
ben. Daneben gibt es auf kommunaler Ebene
und in Österreich weitere interessante Förder-
varianten.
8.1 Entwicklungsprogramme und Maßnahmen der
Bundesländer
Die Bundesländer können in ihren Entwick-
lungsprogrammen bzw. -plänen für den
ländlichen Raum (EPLR), die durch EU- und
Bundesmittel konanziert sind, mehrere För-
derbereiche zur Unterstützung der Nahversor-
gung nutzen. In der Regel stehen vier poten-
zielle Fördermaßnahmen zur Verfügung:
die Dorferneuerungs- bzw.
Dorfentwicklungsprogramme,
die Förderung von Kleinstunternehmen der
Grundversorgung,
die Förderung von Einrichtungen für lokale
Basisdienstleistungen,
die Regionalentwicklungsinitiative LEADER.
Die Bundesländer entscheiden, ob und wie sie
diese Maßnahmen in ihren Förderprogrammen
umsetzen. Dies betrit v. a. die inhaltliche Ausge-
staltung sowie die nanzielle Ausstat tung inklusi-
ve der jeweiligen Fördersätze und -höhen. Detail-
lierte Informationen zu den Förderbedingungen
enthalten die Entwicklungsprogramme/-pläne
der Länder und die dazugehörigen Förderricht-
linien des Landes (Eberhardt 2019).
Im Rahmen der Förderinstrumente auf Lände-
rebene bestehen zumeist folgende Fördervor-
aussetzungen: Beratung im Vorfeld, Situati-
onsanalysen an geplanten Standorten (lokaler
Bedarf), Nachweise zur Wirtschaftlichkeit und
Einbindung der Bewohner*innen bei der
Konzeptentwicklung.
Fördergegenstand sind zumeist Investitions-
zuschüsse in neue Gebäude und Sachwerte,
aber auch Beratungs- bzw. Ingenieurleistungen,
die mit der Vorhabenumsetzung verbunden
sind (Förderschwerpunkt Grundversorgung).
In manchen Ländern werden zudem Grund-
stückserwerb sowie Kauf, Einrichtung und
Umbau von Gebäuden oder die Umnutzung
von Gebäuden bezuschusst. Zum Teil werden
auch Unterstützungsmöglichkeiten für mobile
Angebote als möglicher Fördergegenstand be-
nannt. In einigen Ländern existieren Beratungs-
angebote zur Unterstützung bestehender oder
geplanter Nahversorgungseinrichtungen. Bei
Finanzierungsengpässen können ggf. Angebo-
te von Landesbanken und Bürgschaftsbanken
in Anspruch genommen werden.
FÜR DORFLADENPROJEKTE SIND ZWEI ASPEKTE BEACHTENSWERT:
Tritt eine Gemeinde oder aber auch eine gemeinnützige Trägerin / ein gemeinnützi-
ger Träger z. B. eines Integrationsladens als Zuwendungsempfänger*in auf, erhält sie
bzw. er eine höhere Förderquote: Die Höhe der Förderung beträgt für Gemeinden,
Gemeindeverbände, Teilnehmergemeinschaften und deren Zusammenschlüsse und
gemeinnützige juristische Personen bis zu 65 Prozent der förderfähigen Kosten. Bei
anderen Begünstigten wird zumeist ein geringerer Zuschuss von bis zu 35 Prozent der
förderfähigen Kosten gewährt. Finanzschwachen Kommunen kann zudem ein höherer
Fördersatz gewährt werden.
Dynamik der Nahversorgung in ländlichen Räumen verstehen und gestalten UNTERSTÜTZUNG 53
Insgesamt 25 der 166 von uns befragten
Nahversorgungsläden, was 15 Prozent ent-
spricht, haben seit 2012 eine staatliche Inves-
titionsförderung erhalten. Dabei nannten die
Betreiber*innen verschiedene Programme
bzw. Fördermittelgeber, wenn bekannt: Neben
der EU-Förderung spielten auch die Kreditan-
stalt für Wiederaufbau, das Bundesprogramm
Ländliche Entwicklung (BULE), eine Förderung
des Landes Bayern sowie eine Förderung für
die Ausstattung eines Schwerbehinderten-Ar-
beitsplatzes eine Rolle.
Beispiele für länderspezische Modelle und Initiativen
Einige Bundesländer setzen zudem auf spezi-
elle Nahversorgungsmodelle, Landesinitiativen
oder Modellvorhaben, wie die folgenden Bei-
spiele illustrieren.
Thüringen fördert als Besonderheit 2021 – in
Anlehnung an den dortigen ersten 24/7-Laden
in Altengottern – auch investive Vorhaben zur
Sicherung, Schaung und Ausdehnung der
wohnortnahen Versorgung der ländlichen Be-
völkerung, welche eine zeitunabhängige und
autonome Nutzbarkeit an 24 Stunden am Tag
gewährleisten. Für 24-Stunden-Doräden be-
trit dies zwei Bereiche:
a) Schaung und Etablierung neuer stationärer
Nahversorgungseinrichtungen;
b) Erweiterung oder Umrüstung bestehender
stationärer Nahversorgungseinrichtungen.
Der zweite Bereich beinhaltet Maßnahmen an
bestehenden Doräden, Hoäden oder Le-
bensmitteleinzelläden, um selbstständiges und
zeitunabhängiges Einkaufen zu ermöglichen.
Dafür können Verkaufsautomaten angeschat,
Läden für die Selbstbedienung inklusive Instal-
lation eines Zugangs- und Bezahlsystems um-
gerüstet oder Abholstationen installiert wer-
den. Ein Zuschuss je Vorhaben beträgt maximal
bis zu 200.000 Euro, wenn mindestens 20 Pro-
zent der Produkte im Sortiment aus Thüringen
stammen (Mindestanteil regionaler Waren).
Ansonsten reduziert sich der Fördersatz auf
15 Prozent (Ministerium für Infrastruktur und
Landwirtschaft 2021).
Schleswig-Holstein verfolgt mit dem landes-
weiten Nahversorgungsmodell „MarktTre“
bereits seit 1999 eine spezielle Strategie. In
den geförderten Orten entstehen Multifunk-
tionsangebote nach ortsspezischem Bedarf.
Projektträgerin eines MarktTres ist die Ge-
meinde, sie erhält immer als Zuwendungs-
empfängerin die Fördermittel und übernimmt
den Anteil der Investitionen, der nicht durch
die Fördergelder abgedeckt ist (Eigenanteil).
Durch die jahrelange Zusammenarbeit ist ein
Netzwerk vieler Partner entstanden, die regel-
mäßig Erfahrungen austauschen. In den letz-
ten Jahren wird verstärkt die Gründung von
Genossenschaften als Träger angeregt. Ne-
ben den Planungs- und Beratungskosten, wie
Umbau eines M arktTres
unterstüt zt mit GAK- und
Landesmitteln
© Winfried Eberhardt
Die Einbindung in regionale Konzepte ist von Vorteil: Bei Vorhaben, die der Umset-
zung eines vom Bundesland anerkannten regionalen Entwicklungskonzeptes (REK)
oder eines Integrierten ländlichen Entwicklungskonzepts (ILEK) oder einer lokalen Ent-
wicklungsstrategie (LEADER) dienen, kann der Fördersatz um bis zu 10 Prozentpunkte
erhöht werden.
54 UNTERSTÜTZUNG
Machbarkeitsstudie mit MarktTre-Projektlei-
tung, Kosten für die Konzeptentwicklung, Trag-
fähigkeitsuntersuchung der Wirtschaftlichkeit,
wird allgemein Übliches, wie bauliche Investi-
tionen und Ladeninfrastruktur, bezuschusst.
Mittlerweile gibt es fast 50 MarktTres. Zu-
letzt wurde der Bau der MarktTres in Glasau,
Wittenborn und Brekendorf mit integriertem
Doraden jeweils mit rund 750.000 Euro aus
EU-, Bund- und Landesmitteln unterstützt. In
Brekendorf geht die Bürgergenossenschaft
eine Kooperation mit MyEnso als Betreiber
ein. Der neue MarktTre wird auf 200 m² mit
rund 3.000 Artikeln als 24/7-Laden konzipiert,
ab 2022 soll dort neben den Önungszeiten
mit Personal auch Einkaufen rund um die Uhr
möglich sein.
In Mecklenburg-Vorpommern erhalten ört-
liche Initiativen bei der Sicherung oder Wie-
derherstellung der Nahversorgung vor Ort
über die „Landesinitiative Neue Dorfmitte
Mecklenburg-Vorpommern“ (kurz: „Neue
Dorfmitte“ (NDM)) Unterstützung. Die Basis
für eine NDM bildet der stationäre (Doraden)
oder ein mobiler Lebensmittelladen. Für die
Vorhaben ist im Vorfeld ein qualizierter gut-
achterlicher Nachweis zur Wirtschaftlichkeit
und Wettbewerbsverträglichkeit erforderlich,
dessen Kosten aber auch zuwendungsfähige
Ausgaben darstellen. Bisher sind überwie-
gend kleine bestehende Angebote unterstützt
worden.
In Rheinland-Pfalz besteht insbesondere für
kleine Nahversorgungseinrichtungen wie
Doräden ein Netzwerk vieler Partner. Diese
werden professionell beraten und betreut. In
Rheinland-Pfalz ist das Doradenberatungs-
projekt „M-Punkt RLP“ die zentrale Anlauf-
stelle für alle Fragestellungen zu den Themen
Doraden bzw. Nachbarschaftsladen, Gemein-
dezentren, kommunale und regionale Nahver-
sorgung. Das Projekt bietet Beratungs- und Hil-
feleistungen insbesondere für Kommunen an,
die sich dafür interessieren, einen Doraden zu
erönen. Das Angebot beinhaltet alle Fragen
rund um die Errichtung, Förderung und Finan-
zierung sowie den langfristigen Betrieb. Der
Fokus liegt auf der Wirtschaftlichkeit: Fehlt das
wirtschaftliche Potenzial oder sind sie konzep-
tionell nicht zweckmäßig, werden stationäre
Projekte nicht weiterverfolgt. Darüber hinaus
werden auch bestehende Einrichtungen bera-
ten, damit diese ihre Wirtschaftlichkeit verbes-
sern und bestehen bleiben.
BETRIEBSKOSTENZUSCHÜSSE IN ÖSTERREICH UND NORDITALIEN
Weitere Fördervarianten, die in der Form aus staatlichen Förderprogrammen in Deutsch-
land nicht bekannt sind, existieren seit längerem in Österreich und Norditalien. In der
„Richtlinie zur Förderung der Lebensmittel-Nahversorgung“ im Land Vorarlberg sind
neben den auch in Deutschland möglichen Investitionszuschüssen zusätzlich Betriebs-
kostenzuschüsse (jährlich bis maximal 25.000 Euro pro Doraden) vorgesehen. Ein Be-
triebskostenzuschuss wird dort seit 1999 unter Berücksichtigung der wirtschaftlichen
Verhältnisse des Betriebes (Ertragslage) gewährt. Für das Jahr 2020 wurden 48 Betriebs-
kostenzuschüsse in Höhe von insgesamt rund 880.000 Euro bewilligt. Dies entspricht im
Durchschnitt 18.300 Euro pro Laden. In Norditalien im Land Südtirol kann der Zuschuss
bis zu 11.000 Euro pro Jahr betragen, dort wurden 2019 über 80 kleine Nahversorgungs-
einrichtungen unterstützt. Des Weiteren sind z. B. auch Zuschüsse für Zustelldienste
(Voralberg) oder auch digitale Kommunikationsmaßnahmen zum Ausbau des Kunden-
kreises förderfähig (Land Steiermark). In Krisensituationen wie der Corona-Pandemie
oder strengen Wintern zeigt sich dort, wie wichtig die Nahversorgungsförderung der
Doräden für eine Region ist. Ohne die nanzielle Unterstützung hätten nach Angaben
eines dortigen Experten einige Läden vermutlich schließen müssen. Teile des Landes
wären dann ohne funktionierende Nahversorgung.
Dynamik der Nahversorgung in ländlichen Räumen verstehen und gestalten UNTERSTÜTZUNG 55
8.2 Unterstützungsformen auf kommunaler Ebene
Auf regionaler Ebene bestehen in manchen
Regionen zur Sicherung der Nahversorgung –
neben der Förderung mit ELER-, Bundes- und
Landesmitteln – Unterstützungsmöglichkeiten
für Projekte mit geringerem Finanzbedarf. Bei-
spielsweise bieten der Landkreis Emsland und
die Grafschaft Bentheim jeweils kleine eigene
Förderprogramme zur Nahversorgung an. Per
Zuschuss werden die Konzeption und Realisie-
rung von Vorhaben zur Sicherung der Nahver-
sorgung sowie Einrichtungen zur Versorgung
der dörichen Bevölkerung unterstützt, wie
z. B. Dorf- bzw. Nachbarschaftsläden oder klei-
ne Dienstleistungs- und Grundversorgungs-
zentren mit Einzelhandel, ärztlicher Versor-
gung oder Apotheke.
Die Region Hannover unterstützt ihr regiona-
les Netzwerk der Doräden und Doradenin-
itiativen. Sie übernimmt für Maßnahmen zur
Stärkung der Nahversorgung anteilig Kosten
bspw. für Vorleistungen zu konkreten Projek-
ten, wie Bedarfsermittlungen, Machbarkeits-
studien und Wirtschaftlichkeitsberechnungen
von Dorf-, Hof- und Multifunktionsläden, für
Moderationsprozesse und Beteiligungsver-
fahren zur Einbindung von Bürger*innen vor
Ort sowie für Öentlichkeitsarbeit. Neben
diesen Fördermöglichkeiten gibt es dort zwei
weitere Unterstützungsangebote an die Netz-
werkmitglieder: Teilnahme am regelmäßigen
Erfahrungsaustausch und an Schulungsange-
boten für Doraden-Initiativen.
Bundesweit existieren noch weitere Beispiele
auf lokaler Ebene, die hier nicht ausführlich dar-
gestellt werden können. Zum Beispiel beteiligen
sich Kommunen an bürgerschaftlich organisier-
ten Doräden oder unterstützen bestehende
Läden auf unterschiedliche Arten. Konkret zeich-
nen Kommunen Anteile einer Genossenschaft,
gewähren Zuschüsse zur Miete oder zu den
Energiekosten – insbesondere in der Startphase
–, stellen kostenlose oder vergünstigte Verkaufs-
räume zur Verfügung, unterstützen Läden ideell
sowie durch kostenlose Werbung im Gemeinde-
blatt oder Einkäufe im Laden.
Insgesamt 49 der 166 von uns befragten Nah-
versorgungsläden, d. h. knapp 30 Prozent, wur-
den in irgendeiner Form von ihrer Gemeinde
unterstützt. Abbildung12 zeigt zu den fünf ab-
gefragten Möglichkeiten jeweils die Anzahl der
unterstützten Läden. Fast die Hälfte dieser 49
unterstützten Läden kann vergünstigte Räum-
lichkeiten, also eine günstige Miete unterhalb
der üblichen Marktmiete, bei kommunalen Ver-
mietern, oder einen kommunalen Mietzuschuss
nutzen. Unter „Weitere Unterstützungsformen“
nannten die Befragten bspw. die Unterstüt-
zung bei Umbauarbeiten, die „Gemeinde als
Kund*in“ (inkl. Abnahme von Geschenkkörben)
oder die Übernahme von Reparaturkosten.
Abbildun g12:
Unterstützungsformen durch
die Gemein de nach ihrer
Häugkeit
Quelle: Eigene Darstellung,
Datenbasis: eigene
standardisierte Befragung
von Betreiber*innen von
Nahversorgungspunkten
(n=166).
20
4
18
18
23
0 5 10 15 20 25
Weitere Unterstützungsformen
Finanzierung eines Beraters
Kapital (Zuschuss, Kredite, Bürgscha)
Suche nach Fördermöglichkeiten
Vergünsgte Räumlichkeiten
Anzahl der Läden
Welche der folgenden Unterstützungsformen hat die Kommune bereitgestellt?
56 UNTERSTÜTZUNG
8.3 Einzelhandelssteuerung durch formelle und
informelle Raumplanung
Während staatliche Förderprogramme und
kommunale Unterstützungsangebote die An-
siedlung und Modernisierung von Nahversor-
gungsangeboten in der Fläche aktiv befördern
können, zielen die Instrumente der Raumpla-
nung darauf ab, Ansiedlungen an unerwünsch-
ten Standorten auszuschließen und negative
Auswirkungen von Einzelhandelsprojekten auf
die verbrauchernahe Versorgung zu verhin-
dern. Hierbei gibt zunächst die überörtliche
Raumordnung mit den Landes- und Regional-
plänen den Rahmen vor, innerhalb dessen die
Kommunen ihre Planungshoheit nutzen kön-
nen. Die kommunale Eben kann dabei infor-
melle Konzepte aufstellen, die bei der formalen
Planung berücksichtigt werden müssen. Zu-
dem können sie im Rahmen der Bauleitplanung
verbindliche Vorgaben machen und schließlich
bei der Baugenehmigung Ansiedlungen oder
Erweiterungen erlauben oder ablehnen.
Überörtliche Raumordnung
Die Raumordnungspläne steuern den groß-
ächigen Einzelhandel mit in der Regel mehr
als 800 m² Verkaufsäche. Dabei werden sol-
che Einzelhandelsvorhaben auf zentrale Orte
(Konzentrationsgebot) und zentrenrelevante
Hauptsortimente (d. h. auch die Nahversor-
gungssortimente) auf deren Ortsmitten (und
ggf. Stadtteilzentren) konzentriert (Integra-
tionsgebot). Die Einzelhandelsgroßprojekte
müssen ihren Umsatz hauptsächlich aus dem
zentralen Ort und seinem Verechtungsbe-
reich generieren (Kongruenzgebot). Schließlich
soll das Beeinträchtigungsverbot verhindern,
dass Einzelhandelsgroßprojekte die Funktions-
fähigkeit zentraler Orte und die verbraucherna-
he Versorgung gefährden. Zu letzterer zählen
jedoch nicht einzelne Nahversorgungsbetrie-
be, sondern von den Kommunen festgelegte
zentrale Versorgungsbereiche, die sich auch
außerhalb zentraler Orte benden können.
Diese Ge- und Verbote unterscheiden sich je-
doch zwischen den Bundesländern hinsichtlich
ihrer Verbindlichkeit (verbindliche Ziele oder
zu berücksichtigende Grundsätze). Zudem
werden gerade im Bereich Nahversorgung um-
fangreiche Ausnahmen geschaen. Darüber
hinaus sind Auswirkungen der Regelungen ab-
hängig von der Struktur der jeweiligen Zentra-
le-Orte-Systeme. Ein kleinteiliges, dichtes Netz
zentraler Orte ermöglicht grundsätzlich in fast
jeder Gemeinde großächigen Einzelhandel,
was sich dann negativ auf kleinächige Ange-
bote außerhalb zentraler Versorgungsbereiche
auswirkt. Schließlich erfordern insbesondere
Kongruenzgebot und Beeinträchtigungsver-
bot entsprechende Prognosen im Rahmen von
Gutachten, die zum einen notwendigerwei-
se mit Unsicherheit verbunden sind und zum
anderen vielfältige Stellschrauben aufweisen,
die Kongruenz oder Nicht-Beeinträchtigung
nachzuweisen. Da es sich um unbestimmte
Rechtsbegrie handelt und eindeutige Be-
grisdenitionen mit entsprechenden Bewer-
tungskriterien die Flexibilität zur Anpassung an
lokalspezische Besonderheiten einschränk-
ten, entstehen nicht nur Kosten für Gutach-
ten und ggf. Rechtsstreitigkeiten, sondern die
Wirkung bleibt auf die Verhinderung massiver
Schädigungen der Versorgungsstruktur be-
grenzt, wie die tatsächliche Ausdünnung ver-
brauchernaher Versorgung zeigt.
Doraden, der von einer
Gemeinde betrieben wird
© Winfried Eberhardt
Dynamik der Nahversorgung in ländlichen Räumen verstehen und gestalten UNTERSTÜTZUNG 57
Nahversorgungskonzepte als informelle Planungsgrundlage
Vor diesem Hintergrund stecken die Raumord-
nungspläne lediglich den Rahmen ab, der von
den kommunalen Trägern der Bauleitplanung
ausgefüllt werden kann. Dazu sollten Kommu-
nen zunächst die aktuelle Situation analysieren,
Entwicklungsziele festlegen und ggf. Hand-
lungsbedarf identizieren. Die Aufstellung von
Einzelhandels-, Zentren- oder Nahversorgungs-
konzepten hat diese Funktion. Mit diesen
Konzepten werden z. B. zentrale Versorgungs-
bereiche abgegrenzt oder zentrenrelevante
Sortimente festgelegt. Darüber hinaus sollten
ländliche Kommunen eine Zielvorstellung
entwickeln, ob sie ihre zentralen Versorgungs-
bereiche stärken möchten und dort ein vielfäl-
tiges, umfangreiches Angebot konzentrieren
möchten oder ob auch in den umliegenden
Ortsteilen gewisse Nahversorgungsangebote
gesichert oder neu entwickelt werden sollten.
Gerade in dünn besiedelten ländlichen Räu-
men besteht hier ein Zielkonikt. Bei einer Kon-
zentration auf Zentren könnten die Kommunen
überlegen, wie sie mobilitätseingeschränkte
Personen versorgen. So können z. B. Hol- und
Bringdienste organisiert werden, Lieferser-
vices angeregt oder rollende Supermärkte zur
Versorgung in der Fläche genutzt werden. Auf
der anderen Seite könnten für ein dezentrales
Angebot im Rahmen der Nahversorgungskon-
zepte Standorte mit realistischem Potenzial für
(kleinächige) stationäre Formate identiziert
werden und ggf. der tatsächliche Bedarf vor Ort
erhoben werden. Die Einzelhandels-, Zentren-
oder Nahversorgungskonzepte müssen mit ih-
ren Zielen und Analysen in der Bauleitplanung
berücksichtigt werden und liefern die planeri-
sche Grundlage, um Einzelhandel an bestimm-
ten Standorten zu ermöglich oder auszuschlie-
ßen. Zudem können private Investoren ihre
Planungen frühzeitig an den Zielvorstellungen
der Kommunen orientieren und die Kommu-
nen können strategisch auf Anfragen von Ein-
zelhändlern reagieren. Daher verfügt auch ein
Großteil der Kommunen über entsprechende
Konzepte, wobei oftmals nur der großächige
Einzelhandel Gegenstand ist und ein Fokus auf
die Nahversorgung selten vorkommt (Bunzel et
al. 2014, S. 59).
Um zu verhindern, dass sich eine Kommune
auf Kosten einer anderen entwickelt oder dass
Handelsketten Kommunen gegeneinander
ausspielen, sind regionale Einzelhandelskon-
zepte sinnvoll. Diese enthalten in der Regel
eine Bestandsanalyse, eine Verständigung auf
Entwicklungsziele, die Festlegung von Bewer-
tungskriterien bei der Verträglichkeitsuntersu-
chung von Einzelhandelsgroßprojekten sowie
Abstimmungs- und Moderationsmechanis-
men im Koniktfall zwischen den Kommunen.
Solche regionalen Konzepte sind auch die
Grundlage für die raumordnerische Abstim-
mung sowie die Abstimmung im Rahmen der
Bauleitplanung mit den Nachbargemeinden.
Ergebnisse dieses informellen regionalen Pla-
nungsprozesses können dann auch in die Re-
gionalpläne aufgenommen werden und so-
mit eine formale Verbindlichkeit erhalten. Das
Land Niedersachsen geht hier beispielsweise
noch einen Schritt weiter. Im Landes-Raumord-
nungsprogramm bietet es die Möglichkeit, auf
der Grundalge regionaler Konzepte „Standorte
mit herausgehobener Bedeutung für die Nah-
versorgung“ im Regionalplan auszuweisen, an
denen großächiger Lebensmitteleinzelhandel
möglich ist (Niedersächsisches Ministerium für
Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucher-
schutz 2017, S. 69 .).
Innenansicht eines rollenden
Supermarktes
© Winfried Eberhardt
58 UNTERSTÜTZUNG
Bebauungspläne und Baugenehmigung
Die Städte und Gemeinden haben im Zuge ih-
rer Planungshoheit weitgehende Möglichkei-
ten, die Ansiedlung von Betrieben an ungünsti-
gen Standorten zu verhindern und bestehende
Nahversorgungsstrukturen vor schädlichen
Auswirkungen zu schützen. Mittels Bauleitpla-
nung können überdimensionierte Nahversor-
gungsangebote und Einzelhandelsnutzungen
in ungünstigen, nicht-integrierten Lagen (z. B.
in den Gewerbegebieten am Ortsrand) ausge-
schlossen werden, was aber gerade kleinere
Kommunen in der Vergangenheit relativ selten
genutzt haben (Bunzel et al. 2014, S. 64). Mit
der Novelle des Baugesetzbuches von 2007
wurden diese Möglichkeiten gestärkt. Nun
können vereinfachte Ausschlussbebauungs-
pläne zur Erhaltung oder Entwicklung zentra-
ler Versorgungsbereiche aufgestellt werden.
Diese Bebauungspläne sollten nach Sortimen-
ten und Verkaufsächengrößen dierenzie-
ren, sodass Nahversorgungsläden weiterhin
möglich bleiben. Allerdings müssen sich diese
Ausnahmeregelungen an tatsächlich regional
vorhandenen Betriebstypen orientieren, da-
mit Neuniederlassungen und somit Wettbe-
werb nicht unzulässigerweise ausgeschlossen
werden. So können beispielsweise ländliche
Kommunen Einzelhandelsprojekte mit mehr
als 400 m² Verkaufsäche außerhalb der zen-
tralen Versorgungsbereiche ausschließen.
Damit wird die Einzelhandelsentwicklung auf
diese Zentren gelenkt, ohne dass Doräden zur
verbrauchernahen Versorgung ausgeschlossen
werden. Des Weiteren ist darauf zu achten,
dass die zentralen Versorgungsbereiche nicht
zu eng abgegrenzt werden. Bei fehlenden Flä-
chenpotenzialen in den Versorgungsbereichen
wäre dies ein unzulässiger Bestandsschutz, der
den Wettbewerb durch Neuansiedlungen un-
zulässig verhindert. Eine solche Einschränkung
des Wettbewerbs kann die Entwicklung und
Ansiedlung innovativer, bedarfsgerechter For-
mate verhindern und sich somit negativ auf die
Versorgung auswirken (Deutscher Bundestag
2012, S. 395 .).
Für Baugenehmigungen von Einzelhandels-
großprojekten ist entscheidend, dass sich diese
nur unwesentlich auf die Ziele der Raumordnung
und die städtebauliche Ordnung auswirken.
Ansonsten sind solche Einzelhandelsgroßpro-
jekte nach § 11 Abs. 3 Baunutzungsverordnung
(BauNVO) nur in Kern- und Sondergebieten
zulässig. Da sich die Ansiedlungswünsche der
Handelsketten für Vollsortimenter und seit
kürzerem auch für Discounter in der Regel auf
Projekte oberhalb der Großächigkeitsschwelle
von 800 m² Verkaufsäche beziehen, hat die-
se Regelung eine entscheidende Bedeutung
für die Nahversorgung. Um die Verträglichkeit
solcher Vorhaben zu belegen, nennt die Bau-
nutzungsverordnung beispielhaft mehrere Kri-
terien. Zunächst wird davon ausgegangen, dass
Vorhaben mit weniger als 1.200 m² Geschoss-
äche keine wesentlichen Auswirkungen ha-
ben (sogenannte Vermutungsregel). Diese Ver-
mutung nach unten kann zwar gutachterlich
widerlegt werden, dies spielt aber in der Praxis
keine Rolle, obwohl bspw. Discounter mit weni-
ger als 1.200 m² Geschossäche teils mehr als
20 Prozent der Umsätze mit dem aperiodischen
Sortiment erzielen und sich so schädigend auf
Zentren auswirken können (Krüger et al. 2013).
Im zweiten Schritt kann geprüft werden, ob
städtebauliche und raumordnerische Belan-
ge nur unwesentlich beeinträchtigt werden
(d. h. Nachweise einer sogenannten Atypik).
Zu den zu prüfenden Kriterien gehört auch die
schädliche Auswirkung auf die verbraucherna-
he Versorgung. Diese Versorgung gilt als nicht
Verkaufsraum eines
Doradens wenige Wochen
vor der Erönung
© Winfried Eberhardt
Dynamik der Nahversorgung in ländlichen Räumen verstehen und gestalten UNTERSTÜTZUNG 59
gefährdet, wenn der neue Lebensmitteleinzel-
handelsbetrieb weniger als 10 Prozent der Ver-
kaufsäche für nicht-nahversorgungsrelevante
Sortimente vorgesehen hat und an einem städ-
tebaulich integrierten Standort liegt und damit
selbst der verbrauchernahen Versorgung dient
(Fachkommission Städtebau 2017, S. 10). Zudem
muss der angestrebte Umsatz des Vorhabens
voraussichtlich überwiegend aus diesem Nah-
bereich erzielt werden. Dieser Nahbereich kann
in ländlichen Räumen auch bis zu 2.500 m betra-
gen (ebd., S. 11). Wenn die Atypik nicht nachge-
wiesen werden kann, ist ein Bebauungsplan für
ein Sondergebiet Einzelhandel aufzustellen, der
dann auch die Ziele der Raumordnung berück-
sichtigen muss. Diese Verträglichkeitsprüfung
erfordert jedoch eine gutachterliche Prognose
der Umsatzentwicklung und Kaufkraftbindung,
die mit Unsicherheiten verbunden ist und Hand-
lungsspielräume zur Ermöglichung großächi-
gen Einzelhandels an ungünstigen Standorten
erönet. Hier ist es die Aufgabe der Kommune,
auf realistische Annahmen zu achten und eine
Gefährdung der verbrauchernahen Versorgung
zu verhindern. Dass § 11 Abs. 3 BauNVO in der
Vergangenheit oftmals sehr exibel ausgelegt
wurde, hat dazu beigetragen, das bestehende
Angebot so zu entwickeln, dass kleinere An-
bieter unter starker Konkurrenz leiden und die
planerischen Möglichkeiten zur Sicherung der
Nahversorgung aufgrund des Bestandsschutzes
begrenzt sind.
8.4 Schlussfolgerungen
Ein umfangreiches Förderinstrumentarium
für die Nahversorgung steht zur Verfügung,
mit attraktiven Fördersätzen insbesondere
für kommunale und gemeinnützige Träger.
Förderfähig sind insbesondere Konzept-
entwicklung, bauliche Investitionen und
Ladeneinrichtung, aber auch teilweise Im-
mobilienkauf, mobile Versorgung, 24/7-Aus-
stattung, Beratung und Vernetzung.
In Anbetracht hoher Markteintrittsbarrieren
aufgrund von hohem Wettbewerbsdruck
und schwer veränderbaren Einkaufsrou-
tinen kann ein zeitlich auf die Startphase
begrenzter Lohn- bzw. Betriebskostenzu-
schuss die Markteinführung neuer Nahver-
sorgungsangebote erleichtern.
Wichtige Fördervoraussetzung sind Wirt-
schaftlichkeitsuntersuchungen, die metho-
disch von unserer Empfehlung aus Kapitel
5 protieren können. Zudem wird meist
eine Situationsanalyse gefordert, die einen
Bedarf anhand fehlender Versorgung vor
Ort nachweisen muss. Eine solche Analy-
se könnte von (vereinfachten) Methoden
städtebaulicher Verträglichkeitsgutachten,
die die Auswirkungen auf umliegende Nah-
versorgungsstandorte und zentrale Versor-
gungsbereiche untersuchen, protieren.
Die Fördersätze steigen mit der Einbin-
dung in regionale Entwicklungskonzepte
(REKs, ILEKs) oder LEADER-Konzepte. Diese
sind aber in der Regel wenig nahversor-
gungsspezisch. Die Einbindung in ein
kommunales Nahversorgungskonzept wäre
geeigneter, um einen höheren Fördersatz
zu begründen.
60 HANDLUNGSEMPFEHLUNGEN
9 Handlungsempfehlungen
Vor 30 Jahren waren kleinächige Lebensmit-
telgeschäfte noch die dominierende Betriebs-
form am Markt. Mittlerweile führen sie ein
Nischendasein. Dafür verantwortlich sind ei-
nerseits die stark erhöhte Mobilität und die ge-
stiegenen Ansprüche der Nachfrager in Bezug
auf Auswahl und Preis der Waren. Andererseits
haben Kleinächenkonzepte eine ungünstige
Kostenstruktur, weil sie kaum Größenvorteile
nutzen können. Doräden sind überdurch-
schnittlich stark von Schließungen betroen,
weil ihr Einzugsgebiet begrenzt ist und sie an-
ders als z. B. Kioske in den Großstädten nicht
von Passant*innen protieren. Von den 103 im
Jahr 2012 von uns befragten Läden (Küpper und
Eberhardt 2013) wurden 23 Prozent bis 2019
geschlossen, in ganz Deutschland reduzierte
sich die Zahl der kleinächigen Lebensmit-
telgeschäfte im gleichen Zeitraum um 15 Pro-
zent. Von den aktuell befragten 166 Doräden
steht laut Betreiber*innen etwa ein Viertel in
den nächsten fünf Jahren vor ihrer Schließung.
Die Schließung der Doräden wirkt sich auch
negativ auf die Erreichbarkeit des nächsten
Lebensmittelgeschäfts aus. Momentan gelten
weniger als die Hälfte der Bewohner*innen
ländlicher Regionen als nahversorgt, d. h.,
sie können ein Lebensmittelgeschäft fußläu-
g in weniger als 1.000 Meter erreichen. Für
Menschen mit Pkw-Verfügbarkeit oder Mit-
nahmemöglichkeit sind damit aber kaum Ver-
sorgungsprobleme verbunden, weshalb auch
Dorfbewohner*innen ohne Nahversorgung
meist nicht unzufrieden mit der Situation sind.
Probleme bestehen für wenig mobile Personen.
Darüber hinaus erzeugen fehlende Trepunkte
und -gelegenheiten im Ort den Wunsch, Nah-
versorgungsangebote zu initiieren.
Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wie
die Nahversorgungssituation in ländlichen Räu-
men verbessert werden kann und bestehende
Angebote gesichert werden können. In diesem
Kapitel werden die Empfehlungen für verschie-
dene Adressaten zusammengefasst. Es werden
Empfehlungen für Ladenbetreiber*innen und
-initiativen, für Kommunen und schließlich für
die Förderpolitik und Raumordnung gegeben.
Schild für Ware n aus der
Region
© Winfried Eberhardt
Dynamik der Nahversorgung in ländlichen Räumen verstehen und gestalten HANDLUNGSEMPFEHLUNGEN 61
9.1 Empfehlungen für Ladenbetreiber*innen und
-initiativen
Zunächst muss das Marktpotenzial für einen Laden realistisch eingeschätzt werden. Je
mehr potenzielle Kund*innen im Einzugsgebiet leben und je weiter die Konkurrenzangebote
entfernt sind, desto besser. Um das Potenzial einzuschätzen, können Verbraucherbefragungen
durchgeführt werden. Fragen zur Intention zum Einkauf, zur nanziellen Beteiligung am Laden
bzw. der Bereitschaft hierzu, zur Verbundenheit mit dem Ort und zur Pkw-Verfügbarkeit sind
zur Umsatzprognose besonders geeignet. Generell ist es aber schwierig, eine Mindesteinwoh-
nerzahl im Einzugsgebiet zu bestimmen, auch wenn häuger 1.000 Personen für einen wirt-
schaftlichen Betrieb genannt werden.
Die Kundin ist Königin / der Kunde ist König: Es ist wichtig, den Bedarf und die Wünsche der
Verbraucher*innen vorab z. B. durch eine Haushaltsbefragung zu ermitteln und das Angebot
des Ladens darauf auszurichten. Auch während des Ladenbetriebs sollten die Kund*innen die
Möglichkeit haben, ihre Wünsche zum Sortiment einzubringen, damit eine gute Bindung zum
Laden bestehen bleibt. Allerdings müssen die Betreiber*innen bei der Angebotsplanung den
Spagat zwischen Bedarf der Kund*innen einerseits und einer ausreichenden Handelsspanne
zum rentablen Betrieb andererseits im Auge behalten.
Unterstützung holen: Gründliche Planung und betriebswirtschaftliches Wissen sind die
Grundvoraussetzung für ein langfristiges Bestehen. Auch nach der Gründungsphase sind regel-
mäßige Beratungen und/oder der Austausch mit anderen Betreiber*innen wichtig, um das vor-
handene Wissen zu erweitern und aktuelle Marktentwicklungen zu berücksichtigen. Oftmals
können Beratungsangebote durch das Land gefördert werden. Gleiches gilt für Investitionen.
Beteiligung von Bürger*innen zumeist von Vorteil: Ehrenamtliche Unterstützung und nan-
zielle Beteiligung der Dorfbewohner*innen schaen eine stärkere Bindung an den Laden und
tragen somit zum höheren Umsatz bei. Das Betreibermodell bzw. die Rechtsform sollte sich da-
ran ausrichten. Da bürgerschaftliches Engagement Schwankungen unterliegen kann oder nicht
dauerhaft sein muss, sollte der Ladenbetrieb im Kerngeschäft hauptamtlich betrieben werden,
was einen gewissen Umsatz erfordert, um rentabel zu sein (Ein befragter Experte nannte z. B.
100 Euro je Personalstunde). Das Kerngeschäft kann dann durch ehrenamtlich erbrachte Ser-
viceleistungen ergänzt werden, wie den Betrieb eines Lieferservices, die Abholung regionaler
Produkte bei der Erzeugerin / bei dem Erzeuger oder die Organisation eines Grillabends.
Eine intakte Dorfgemeinschaft ist ein wichtiger Faktor für das Funktionieren eines Doradens.
Eine intakte Dorfgemeinschaft bedeutet, dass viele Bewohner*innen stark in lokale Netzwerke
eingebunden sind und sich eng mit dem Ort und seinen Bewohner*innen verbunden fühlen
(sogenanntes soziales Kapital). Ein Doraden oder die Planung eines solchen kann auch Gele-
genheit bieten, dass unterschiedliche Gruppen im Ort wieder miteinander ins Gespräch kom-
men und sich der soziale Zusammenhalt verbessert.
Eine gute Zusammenarbeit mit der Gemeinde, lokalen Einrichtungen, wie Kindertagesstätten
und Altenheimen, und Unternehmen ist essenziell. Diese können ihren Bedarf im Laden decken,
Cateringangebote in Anspruch nehmen oder den Laden durch Sachspenden und Eigenleistung
unterstützen.
62 HANDLUNGSEMPFEHLUNGEN
Günstiger Standort: Der Standort sollte für viele Verbraucher*innen fußläug erreichbar sein,
einige Parkplätze haben und von der Durchfahrtsstraße gut einsehbar sein. Die Ladenäche soll-
te mindestens 200 m² Verkaufsäche bieten, besser noch mehr. Die Fixkosten sollten möglichst
niedrig liegen, d. h. für Miete und Nebenkosten höchstens 6 bis 7 Prozent des Umsatzes ausma-
chen. Vorteilhaft ist es, wenn Sonderkonditionen mit der Vermieterin / dem Vermieter vereinbart
werden können, wie beispielsweise eine umsatzabhängige Miete.
Wettbewerbsfähigkeit: Doräden können preislich allenfalls zum Teil mit Discountern und
hinsichtlich der Sortimentsbreite und -tiefe nicht mit großen Supermärkten konkurrieren. Dorf-
läden können aber mit Service und Qualität punkten und sich ein Alleinstellungsmerkmal er-
arbeiten. In Bezug auf Preis und Auswahl müssen gewisse Mindesterwartungen erfüllt werden.
So sollten sogenannte Blickartikel, d. h. häug eingekaufte Waren, deren Preis den meisten
Verbraucher*innen bekannt ist, auf dem Preisniveau von Supermärkten liegen. Andere Pro-
dukte können dann etwas teurer sein. Das Sortiment sollte das erwartete Grundsortiment von
Lebensmitteln und Drogerieprodukten abdecken, das um saisonal wechselnde Aktionsware
ergänzt werden kann. Etwa 2.000 Artikel sind für die Grundversorgung nötig.
Hochwertige Frischeprodukte möglichst aus der Region an Bedientheken betonen die
Qualität. Hier lassen sich oft gute Margen erzielen und der Absatz kann durch die Beratung der
Kund*innen gesteuert werden. In Kombination mit Verzehrangeboten oder Cateringservice
lässt sich der Ausschuss reduzieren und der Ertrag steigern.
Regionale Produkte können helfen, sich von der Konkurrenz abzuheben. Gerade kleine Le-
bensmittelproduzenten aus der Region können an einer Kooperation interessiert sein, da sich
deren geringe Stückzahlen oft nicht mit den Abnahmemengen großer Handelsketten verein-
baren lassen. Allerdings ist die Belieferung oft schwer rentabel möglich, sodass eine Abholung
durch Ehrenamtliche eine Alternative sein kann. Regionale Spezialitäten können nicht nur
Verbraucher*innen aus entfernteren Orten anziehen, sondern auch attraktiv für Tourist*innen
sein, wenn der Ort von Tourist*innen aufgesucht wird.
Gemüsebereich mit
Bioangebot
© Winfried Eberhardt
Dynamik der Nahversorgung in ländlichen Räumen verstehen und gestalten HANDLUNGSEMPFEHLUNGEN 63
Zusatzdienstleistungen sind wichtig, um sich von der Konkurrenz abzugrenzen und die Ver-
sorgung je nach Bedarf im Ort zu verbessern (Postservice, Bargeldservice…). Café- und Imbis-
sangebote sind für die Trepunktfunktion wichtig. Je nach Marktpotenzial können solche An-
gebote auch temporär sein, wie Mittagstisch, Kuchentag etc. an bestimmten Wochentagen.
Darüber hinaus können Aktionen, wie Grillabend oder Käseverkostung, den Laden immer
wieder ins Gedächtnis rufen, für bestimmte Produkte werben und die Qualitäts- und Service-
Orientierung unterstreichen.
Motiviertes und freundliches Personal: Zum Service gehören kundenfreundliche und enga-
gierte Mitarbeiter*innen und Marktleitungen. Voraussetzung sind eine angemessene Bezah-
lung und eine Abstimmung von erwünschten Einsatz- und Önungszeiten. Die Arbeitsplätze
können für Personen aus dem Ort attraktiv sein, die nicht mehr pendeln möchten oder gerne
in Teilzeit arbeiten, um Familie und Beruf vereinbaren zu können.
Die Önungszeiten müssen sich am Bedarf und am Umsatzpotenzial orientieren. Um
Pendler* innen zu erreichen, können Önungszeiten früh morgens und am Abend entschei-
dend sein. Dazwischen kann eine lange Mittagspause liegen oder bestimmte Vormittage oder
Nachmittage geschlossen sein. Um mit den langen Önungszeiten großer Ketten mithalten zu
können, können Investitionen in 24/7-Technik geprüft werden. Die Kombination von Selbst-
bedienungsladen und normalen Önungszeiten könnte dem Bedarf nach Trepunktfunktion
und der Individualisierung der Tagesabläufe gleichermaßen gerecht werden.
Langer Atem gefragt: Gründung und Betrieb eines Ladens sind kein leichtes Unterfangen.
Beides ist mit Lernprozessen verbunden, insbesondere wenn die Geschäftsführung fachfremd
ist. Der Betrieb durchläuft manchmal schwierige Phasen oder gar Durststrecken. Daher sind
Finanzpolster oder Rücklagen in besseren Phasen wichtig.
9.2 Empfehlungen für Kommunen
Ziele klären: Zunächst muss sich die Kommune darüber klar werden, welche Ziele sie im Bereich
der Nahversorgung verfolgt. Möchte sie zentrale Versorgungsbereiche stärken oder eine dezent-
rale Versorgung fördern? Hierzu ist ein breiter politischer Konsens sinnvoll, der auch im Beschluss
eines Nahversorgungskonzepts durch den Gemeinderat eine gewisse Verbindlichkeit erhält.
Nahversorgungskonzepte aufstellen: Einzelhandelsprojekte mit nahversorgungsrelevanten
Sortimenten – und mit meist deutlich über 800 m² Verkaufsäche – bestimmen in den meis-
ten Kommunen (gerade in ländlichen Räumen) die aktuellen Anfragen und Planungsverfahren,
da der sonstige Einzelhandel aufgrund der Konkurrenz aus dem Online-Handel eher auf dem
Rückzug ist. Daher sollte die Nahversorgung auch in Einzelhandels- oder Zentrenkonzepten,
die in vielen Kommunen und Regionen regelmäßig erstellt werden, eine zentrale Rolle spielen.
Solche Konzepte bieten Einzelhändlern Orientierung und helfen den Kommunen, strategisch
zu agieren, und nicht erst auf Einzelanfragen zu reagieren. Regionale Konzepte sind sinnvoll,
um Abstimmungsprobleme zwischen benachbarten Kommunen frühzeitig zu entschärfen und
Konikte geordnet beizulegen.
Nahversorgungskonzepte müssen nicht teuer sein: Bei dem Begri „Konzept“ denken viele
Vertreter*innen von (kleinen) Kommunen oft zunächst an teure Aufträge an Beratungsbüros.
Vieles, was üblicherweise in einem Nahversorgungskonzept enthalten ist, kann aber auch die
64 HANDLUNGSEMPFEHLUNGEN
Bauschild vo n einem
Doraden mit
Dorfgemeinschaftshaus
Kommunalverwaltung selbst erarbeiten. Neben der Festlegung einer strategischen Zielrich-
tung kann auch der Bestand einfach selbst kartiert werden, zentrale Versorgungsbereiche
können abgegrenzt und die Ist-Situation unter Einbezug von Leerständen und Befragung der
örtlichen Händler (inkl. mobiler) bewertet werden. Um zu schützende oder zu entwickelnde
Nahversorgungsstandorte auszuweisen, kann jedoch professionelle Expertise hinzugezogen
werden. Auf diese Weise können wirtschaftliche Potenziale von Standorten und Auswirkun-
gen neuer Standorte auf die Versorgungsstruktur realistisch eingeschätzt werden. Neben der
Beauftragung eines Büros kann aber auch die Expertise der regionalen Industrie- und Han-
delskammer (IHK) genutzt werden und statt wenig transparenter komplexer Umsatzmodelle
auch mit einfachen Erfahrungswerten z. B. zur Flächenproduktivität, lokalen Kaufkraft und
Kaufkraftbindung gearbeitet werden. Zusätzlich zum wirtschaftlichen Potenzial sollte als wei-
teres wichtiges Kriterium die städtebauliche Integration der Nahversorger in die Ortsmitte oder
zumindest ein Wohngebiet berücksichtigt werden.
Ansiedlungen und Erweiterungen an unerwünschten Standorten bauplanerisch ausschlie-
ßen: Mit ihrer Bauleitplanung können Kommunen Art und Maß der baulichen Nutzung bestim-
men. Somit können sie auch Einzelhandlungsnutzungen z. B. in Gewerbegebieten an Ortsaus-