ChapterPDF Available

Zur Geschichte der Waldweide im südlichen Solling

Authors:

Abstract

Dieses Kapitel gibt einen Überblick über die Geschichte der Waldweide im südlichen Solling (Südniedersachsen, Deutschland), wobei ein besonderer Fokus auf den Hutewald Reiherbachtal und seine nähere Umgebung gelegt wird. Dies geschieht aus der Erkenntnis heraus, dass die heutigen Verbreitungsmuster von Lebensräumen und Arten im Wesentlichen das Resultat einer jahrhundertelangen Landnutzungs- und Landschaftsgeschichte sind. Für die Lebensgemeinschaften der Hutewälder trifft das ganz besonders zu, da viele dort vorkommende Organismengruppen (z. B. Holzkäfer, Pilze, Flechten) auf eine vielhundertjährige Habitatkontinuität lichter, alt- und totholzreicher Eichenwälder angewiesen sind.
Weidetiere gestalten Landschaften
20 Jahre Beweidungsprojekte im Naturpark Solling-Vogler
– Impulse, Wirkung und Erfolge –
Hutewald Solling – Ausgangspunkt für viele Projekte
in halbofenen Waldlandschaten und in artenreichem Grünland.
Aus Wissenschat, Naturschutz, Landwirtschat sowie Forstwirtschat berichten
Experten und Praktiker über die Auswirkungen und Erfahrungen mit dem Einsatz von
Weidetieren in der Landschatsplege in einem Großschutzgebiet
Herausgegeben vom Zweckverband Naturpark Solling-Vogler
Holzminden, 2021
Herausgeber: Zweckverband Naturpark Solling-Vogler
Bearbeiter: Kurt Hapke, Ansgar Hoppe
Alle Rechte vorbehalten, 2021
Gefördert mit der Landesförderung der niedersächsischen Naturparke durch das
Niedersächsische Ministerium für Umwelt, Energie, Bauen und Klimaschutz
© der Beiträge und Fotos bei den Autoren
Alle Rechte vorbehalten.
Gestaltung: Verlag Jörg Mitzkat
Holzminden, 2021
www.mitzkat.de
Fotos Umschlag: Ponys im Hellental, Foto: Mitzkat; Heckrinder im Hutewald, Foto: Hapke;
Rückseite: Wanderschaherde in den Ahlewiesen, Foto: Mitzkat
Andreas Mölder, Marcus Schmidt 50
Abb. 1: Digitales Geländemodell (DGM1)1 des Hutewalds Reiherbachtal (orange abgegrenzt) und seiner Umgebung. Bei den
mittelalterlichen Wölbackerluren handelt es sich beispielsweise um die mit einem Pfeil gekennzeichneten waschbrettartigen Strukturen.
Die farblich gekennzeichneten Meilerplatten und Planzgärten stammen wahrscheinlich überwiegend aus dem 18. und 19. Jahrhundert.
Die ebenfalls beispielhat mit einem Pfeil gekennzeichneten Abbaubereiche von Lehm sind bisher nicht datiert.
1 Auszug aus den Geobasisdaten der Niedersächsischen Vermessungs- und Katasterverwaltung, © LGLN 2019
51 Zur Geschichte der Waldweide im südlichen Solling
Einleitung
Dieses Kapitel gibt einen Überblick über die Geschichte
der Waldweide im südlichen Solling, wobei ein besonderer
Fokus auf den Hutewald Reiherbachtal und seine nähere
Umgebung gelegt wird.1 Dies geschieht aus der Erkenntnis
heraus, dass die heutigen Verbreitungsmuster von Lebens-
räumen und Arten im Wesentlichen das Resultat einer
jahrhundertelangen Landnutzungs- und Landschaftsge-
schichte sind. Für die Lebensgemeinschaften der Hutewäl-
der trifft das ganz besonders zu, da viele dort vorkommen-
de Organismengruppen (z.B. Holzkäfer, Pilze, Flechten)
auf eine vielhundertjährige Habitatkontinuität lichter,
alt- und totholzreicher Eichenwälder angewiesen sind.2
Bei solchen Waldgebieten, die heute eine Vielzahl von
anspruchsvollen Eichenspezialisten beherbergen, kann
auf Wirtschaftsformen in der Vergangenheit geschlossen
werden, welche die Habitatkontinuität langfristig bewahrt
haben.3 Zu diesen Waldgebieten gehört ohne Zweifel der
südliche Solling, in dem seit 2010 zehn „Urwald-Reliktar-
ten“ aus der Gruppe der Holzkäfer nachgewiesen wurden.4
Dabei handelt es sich um hochspezialisierte Arten, die aus-
gesprochen eng an Wälder mit einer sehr langen Habitat-
kontinuität von vielfältigen Alt- und Totholzstrukturen ge-
1 Im Rahmen der wissenschatlichen Begleitung des Hutewaldprojekts im Reihertal streben die Autoren an, die Landnutzungsgeschichte des
Reiherbachtals und seiner Umgebung möglichst detailliert aufzuarbeiten; daher stellt dieser Beitrag eine erste Übersicht ohne den Anspruch auf
Vollständigkeit dar.
2 Harding, Paul T.; Rose, Francis (1986): Pasture-woodlands in Lowland Britain: A review of their importance for wildlife conservation. Huntingdon,
88 S.;
Mölder, Andreas; Gürlich, Stephan; Engel, Falko (2014): Die Verbreitung von gefährdeten Holz bewohnenden Käfern in Schleswig-Holstein unter
dem Einluss von Forstgeschichte und Besitzstruktur. Forstarchiv 85, S. 84–101;
Müller, Jörg; Bußler, Heinz; Bense, Ulrich; Brustel, Hervé; Flechtner, Günther (2005): Urwaldrelikt-Arten – Xylobionte Käfer als Indikatoren für
Strukturqualität und Habitattradition. Waldökologie online 2, S. 106–113;
Scheidegger, Christoph; Stofer, Silvia (2015): Bedeutung alter Wälder für Flechten: Schlüsselstrukturen, Vernetzung, ökologische Kontinuität.
Schweizerische Zeitschrit für Forstwesen 166, S. 75–82
3 Mölder et al. (2014)
4 Theunert, Reiner (2019): Untersuchungen zum Bestand der Arten Limoniscus violaceus (Veilchenblauer Wurzelhals-Schnellkäfer), Lucanus cervus
(Hirschkäfer) und Osmoderma eremita (Eremit) im FFH-Gebiet „Wälder im südlichen Solling“ (EU-Code: DE 4222-331). Hohenhameln, 62 S.
5 Müller et al. (2005)
6 Jahns, Susanne (2010): Die Geschichte der Vegetation am Ahlequellmoor von der Jungsteinzeit bis zu Gegenwart. Teilbeitrag in Stephan (2010), S.
572-574;
Stephan, Hans-Georg (Hrsg.) (2010): Der Solling im Mittelalter. Dormagen, 600 S.
bunden sind.5 Die Analyse der Bewirtschaftungsgeschichte
solcher naturschutzfachlich wertvollen Wälder kann wich-
tige Hinweise für deren zukünftige Bewirtschaftung im
Sinne der Habitatkontinuität liefern. Im Hinblick auf das
Hutewaldprojekt im Reiherbachtal trifft das beispielswei-
se auf die Rekonstruktion früherer Bestandesstrukturen
oder Besatzdichten mit Weidetieren zu, gleiches gilt für
die Nachvollziehung waldbaulicher Maßnahmen zur Ver-
jüngung der Eichenbestände.
Mittelalter und frühe Neuzeit
Im ausklingenden Frühmittelalter und vor allem im
Hochmittelalter wurden die ursprünglichen Rotbuchen-
wälder in den höheren Lagen des Sollings vielerorts gero-
det. An ihre Stelle traten Siedlungen mit landwirtschaft-
lich genutztem Umland. So auch im Bereich des heutigen
Hutewalds Reiherbachtal, der im direkten Einflussgebiet
der östlich angrenzenden Stadt Nienover und des west-
lich gelegenen Dorfes Winnefeld lag.6 Hier zeichnen sich
daher in hochaufgelösten Digitalen Geländemodellen,
die aus Laserscandaten abgeleitetet wurden, unter dem
heutigen Waldbestand ausgedehnte Wölbackersysteme
und weitere historische Nutzungsspuren ab (Abb. 1).
Zur Geschichte der Waldweide im südlichen Solling
Andreas Mölder, Marcus Schmidt
Andreas Mölder, Marcus Schmidt 52
Die während des Bestehens der beiden Siedlungen
verbliebenen wenigen Waldstücke konzentrierten sich
wahrscheinlich auf die für eine Ackernutzung zu steilen
oder zu nassen Bereiche des Reiherbachtals. Als siedlungs-
nahe Flächen wurden sie mit hoher Wahrscheinlichkeit
durch Holznutzung, Waldweide und -mast, Laubstreuge-
winnung sowie das Schneiteln von Ästen vergleichsweise
intensiv genutzt. Für das Dorf Winnefeld am Oberlauf
des Reiherbaches werden für die Zeit um 1250 etwa 25-50
Bauernhöfe angenommen. Während die Stadt Nienover
bereits um 1270 – schon knapp hundert Jahre nach ihrer
Gründung – zerstört und nicht wieder aufgebaut wur-
de, bestand das Dorf Winnefeld zunächst weiter fort.
Ab der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts führte dann
ein Ursachenkomplex aus Seuchenzügen, Kriegen sowie
Wetterextremen und damit verbundenen Missernten zur
Aufgabe vieler Siedlungs- und Agrarflächen im Solling.7
So konnte für das 14. Jahrhundert im Bereich des oberen
Reiherbachtales ein katastrophales Abflussereignis nach
Starkregenfällen nachgewiesen werden, das Teile des
Dorfes Winnefeld zerstörte und sicher auch Ackerflächen
erodierte.8 Ab dem ausgehenden 14. Jahrhundert dehnte
sich die Waldfläche im Solling wieder aus. Es kann als si-
cher gelten, dass die dabei entstandenen Wälder von den
Siedlungen am Sollingrand ausgehend für die Waldweide
und die Schweinemast genutzt wurden. Die Eiche wur-
de dabei als Mastbaum durch den Menschen gefördert
und vielerorts entstanden lichte Hutewälder mit wenig
Unterwuchs und großkronigen Bäumen.9 Der zentrale
Bereich des heutigen Hutewalds Reiherbachtal wurde im
frühen 17. Jahrhundert jedoch von recht dichtem Wald-
bestand eingenommen, so zeigt es die Sollingkarte von
Johannes Krabbe aus dem Jahre 1603 (Abb.2).10 Diese Kar-
te verdeutlicht die Bedeutung des Sollings als herrschaft-
7 Stephan (2010)
8 Bork, Hans-Rudolf; Beyer, Arno (2010): Die Landschatsgeschichte des Solling. Teilbeitrag in Stephan (2010), S. 566-571
9 Burckhardt, Heinrich (1879): Die Eiche im alten Mast- und Hutwalde (Planzwalde) und ihr Verschwinden aus dem Baumbetriebe. Aus dem
Walde 9, S. 31–56;
Jahns (2010);
Pfeil, Wilhelm (1845): Der Sollinger Wald. Kritische Blätter für Forst- und Jagdwissenschat 21, S. 107–146;
Reddersen, Erika (1934): Die Veränderungen des Landschatsbildes im hannoverschen Solling und seinem Vorlande seit dem frühen 18. Jahrhun-
dert. Oldenburg i. O., 152 S.;
Seidensticker, August (1896a): Rechts- und Wirthschats-Geschichte norddeutscher Forsten besonders im Lande Hannover. Zweiter Band: Ge-
schichte der Forsten. Göttingen, 583 S.;
Tacke, Eberhard (1943): Die Entwicklung der Landschat im Solling. Oldenburg i. O., 213 S.
10 Arnoldt, Hans-Martin; Casemir, Kirstin; Ohainski, Uwe (Hrsg.) (2004): Johannes Krabbe – Karte des Sollings von 1603. Hannover, 36 S.
11 Pfeil (1845)
12 Jahns (2010); Pfeil (1845)
13 Calenberger Forstordnung vom 8. Juni 1678, Abschnitt 6.1
14 Sollingverein (Hrsg.) (1999): Das Sollingische Forstbereitungsprotokoll 1735-1736 für die Ämter Uslar, Nienover, Lauenförde, Hardegsen und
Erichsburg. Holzminden, 192 S.
liches Jagdgebiet11 und auch im Umfeld der Jagdresidenz
Nienover befanden sich zahlreiche jagdliche Einrichtun-
gen. Nach den gesellschaftlichen Verheerungen des Drei-
ßigjährigen Krieges (1618-1648), die im Solling mit dem
Rückgang der Waldweidenutzung und einer Wiederaus-
breitung der Rotbuche verbunden waren, mussten Hute-
eichen sogar von bedrängenden Buchen und Hainbuchen
freigestellt werden, die zwischenzeitlich herangewach-
sen waren.12 1678 wurde für den Solling festgestellt, dass
reichlich Waldweideflächen vorhanden seien. Diese soll-
ten „der Wildbahn unschädlich“ verpachtet werden, auch
wurde ein Vieheintrieb gegen Bezahlung angedacht.13
Über den Waldzustand im Bereich des heutigen Hu-
tewalds Reiherbachtal im frühen 18. Jahrhundert gibt das
„Sollingische Forstbereitungsprotokoll“ Auskunft.14 Diese
Forstinventur aus den Jahren 1735/36 hatte das Ziel, einen
Überblick über die Bedürfnisse am Wald und die Leis-
tungsfähigkeit des Waldes zu vermitteln. Im Hinblick auf
den Waldzustand sowohl am Papenberg im zentralen Be-
reich des Hutewaldes als auch im nördlich angrenzenden
Gebiet zwischen Aschengrund und Schinkelberg (Abb. 3)
wurde festgehalten, dass dort „nichts als wenige alte Ei-
chen, Birken und theils Orten Ellern [Erlen] und wenige
Buchen“ stünden, „unter welchen und auf denen daselbst
befindlichen ledigen großen Plätzen viele Fahren [Farne,
vermutlich Adlerfarn] stehen.“ Besonders hervorgehoben
wurde, dass am Osthang des Papenberges in Richtung
Nienover zum größeren Teil junge Eichen stockten. Um
sowohl die Waldbestände am Papenberg als auch die am
Schinkelberg „wieder in Stande zu bringen“, wurde an-
geraten, die Bestände insbesondere nach Mastjahren
nach und nach einzuhegen und so lange zu schonen, „biß
das junge Holtz dem Viehe entwachsen“ sei. Dass diese
Anregung tatsächlich umgesetzt wurde, ist daran zu er-
53 Zur Geschichte der Waldweide im südlichen Solling
kennen, dass alleine im Hutewaldgebiet Reiherbachtal
acht mit Wall und Graben umfasste frühere Pflanzgär-
ten zur Anzucht von Eichen zu finden sind und eini-
ge weitere dicht außerhalb des Projektgebietes liegen
(Abb. 1). Diese vergleichsweise hohe Dichte von Pflanz-
gärten kann als Hinweis auf ehemals besonders stark
verlichtete Waldbereiche interpretiert werden, die noch
während der Waldweidezeit unter hohem Verbisseinfluss
wiederbestockt werden sollten.15 Von 1736 an investierte
die kurfürstliche Kammer in Hannover in die Anlage von
Eichenkämpen und die Pflanzung von Eichenheistern16
in den Ämtern Nienover und Lauenförde. Die Gemein-
den Bodenfelde, Wahmbeck, Schönhagen und Kammer-
15 Schmidt, Marcus (2019): Das Hühnerfeld im Kaufunger Wald. Geschichte einer Waldlandschat als Beitrag zur Frage der Waldverwüstung. Nie-
dersächsisches Jahrbuch für Landesgeschichte 91, S. 133-160
16 Heister sind in einem Planzgarten oder einer Baumschule herangezogene Jungbäume, die zumeist deutlich größer als 1,25 m sind.
17 Seidensticker, August (1896b): Rechts- und Wirthschats-Geschichte norddeutscher Forsten besonders im Lande Hannover. Erster Band: Baustei-
ne. Göttingen, 450 S.
born mussten zusammen 616 Eichenheister pro Jahr in
ihre Weidewälder pflanzen.17
Zum Zeitpunkt der Forstbereitung wurden im heuti-
gen Hutewald Reiherbachtal „die Hud und Weyde … vom
Ampte und der Dorfschaft Bodenfelde betrieben, sowohl
mit Horn als Schaaf-Viehe“. Im Hinblick auf den Forstort
Reiherhalbe, zu dem die Bereiche südwestlich des Reiher-
baches gehören (Abb. 3), wurde seinerzeit protokolliert:
„Dieses Revier ist bald mit mehr bald mit weniger alten
und jungen Buchen, alten Eichen und Birken strichweise
bewachsen, zwischen denenselben aber finden sich auch
große ledige Plätze, worauf nur Fahren [Farne, vermut-
lich Adlerfarn] stehen.“ Um den Graswuchs zu fördern,
Abb. 2: Ausschnitt aus der Sollingkarte des Johannes Krabbe von 1603, orange eingezeichnet ist die Abgrenzung des heutigen Hutewalds
Reiherbachtal. Bei den rot umrandeten Kammerstrukturen im Südwesten und Südosten handelt es sich um dauerhate Einrichtungen zum
Stellen des Wildes bei höfischen Jagden. Am linken Rand des Projektgebietes ist die Kirchenruine von Winnefeld eingetragen;
rechts außerhalb des Gebietes die seinerzeit als Jagdresidenz genutzte Burg Nienover.
[Kartengrundlage: Niedersächsisches Landesarchiv, WO K 202]
Andreas Mölder, Marcus Schmidt 54
wurden seinerzeit selbst im Wald Flächen abgebrannt,
so am Moosberg südlich von Nienover.18 Es ist also ins-
gesamt für die erste Hälfte des 18. Jahrhunderts von stark
aufgelichteten Waldbeständen auszugehen, in denen
Waldweide und –mast zu den vorrangigen Nutzungen
gehörten. Für die Ämter Nienover und Erichsburg wird
für diese Zeit je 100 ha Waldfläche ein Viehbesatz von
55 Schafen, 33 Schweinen, 27 Rindern und 8 Pferden an-
gegeben.19 Über Viehtriften, wie die am Südostrand des
heutigen Hutewalds Reiherbachtal verlaufende Lauen-
förder Trift, wurde das Vieh zwischen Stall und Wei-
de oder von einem Weideplatz zum anderen getrieben.
Unterstellt man für Schafe, Rinder und Pferde (Schweine
18 Pfeil (1845)
19 Niedersächsisches Forstplanungsamt (1996): Waldentwicklung Solling – Fachgutachten. Wolfenbüttel, 149 S.;
Creydt, Detlef (2018/19): Das Sollingvieh und die Waldweide (Teile 1 und 2). Sollinger Heimatblätter 2018 (2), S. 39-50 und 2019 (1), S. 1-26.
20 Ausschreiben vom 12. April 1728 als Ergänzung zur Calenberger Forstordnung vom 8. Juni 1678, Abschnitt 6.4
21 Schmidt (2019); Die Berechnung der Besatzstärke ist mit einer Reihe von Annahmen und Unsicherheiten verbunden, insbesondere in Bezug
auf das Gewicht der Tiere. In der hier vorliegenden Berechnung wurde analog zu aus dem Reinhardswald überlieferten Verhältnissen für alle
genannten Waldgebiete von einem Verhältnis Kühe zu Jungrindern von zwei Drittel zu einem Drittel ausgegangen. Daher weichen die hier
angegebenen Werte von denen bei Schmidt (2019) etwas ab. Zu den Berechnungsgrundlagen siehe auch Bauschmann, Gerd; Schmidt, Marcus
(2001): Erhaltung von Hutewäldern im Reinhardswald. Hintergrund, Ziele und Umsetzungsmöglichkeiten. Jahrbuch Naturschutz in Hessen 6,
S. 52-59
sollten im hannoverschen Solling gemäß einer Verord-
nung von 1728 ab dem 15.3. und im Sommer im Wald nicht
geduldet werden20) einen viermonatigen Beweidungs-
zeitraum (Mai bis August), wie er für die benachbarten
Waldgebiete Reinhardswald und Kaufunger Wald über-
liefert ist, dann lässt sich aus diesen Angaben eine Be-
satzstärke von 0,10 Großvieheinheiten pro Hektar (GVE/
ha) rekonstruieren. Etwa in der gleichen Größenordnung
liegt der Wert, der für den Kaufunger Wald (0,09 GVE/ha,
Zeitpunkt: 1739) zu errechnen ist. Im Reinhardswald (0,13
GVE/ha, Zeitpunkt: 1748) und im Bramwald (0,15 GVE/ha,
Zeitpunkt: 1739) lag die Besatzstärke geringfügig höher21.
Als Richtwert für eine naturschutzorientierte extensive
Abb. 3: Kurhannoversche Landesaufnahme von 1784. Orange eingezeichnet ist die Abgrenzung des heutigen Hutewalds Reiherbachtal.
[Kartengrundlage: Aufgenommen 1784 durch Ofiziere des Hannoverschen Ingenieurkorps, Aufnahmemaßstab 1:21333 1/3. Reproduktion
als Blatt 149 Uslar. Auszug aus den Geobasisdaten der Niedersächsischen Vermessungs- und Katasterverwaltung, © LGLN 2020]
55 Zur Geschichte der Waldweide im südlichen Solling
Beweidung von Grünland besonders produktionsschwa-
cher Lagen gilt heute eine Besatzstärke von 0,3-0,5 GVE/
ha.22 Für lichte Wälder werden 0,15-0,2 GVE/ha angege-
ben.23 Im Hutewald Reiherbachtal liegt die aktuelle Be-
satzstärke bei etwa 0,26 GVE/ha.24 Um den Einfluss der
historischen Waldweide einzuschätzen, kann die Besatz-
stärke jedoch nur eine Orientierung geben, da die Weide-
tiere nicht gleichmäßig auf der gesamten Fläche gehütet
wurden. Vielmehr ist davon auszugehen, dass beispiels-
weise Viehläger und Triftflächen einem sehr intensiven
Einfluss (Verbiss, Tritt, Kot) der Weidetiere unterlagen,
während andere Waldbereiche weniger aufgesucht wur-
den oder sogar von der Beweidung ausgenommen wa-
ren (Gehege, Pflanzgärten, dichte und krautschichtarme
Waldpartien). Von Bedeutung ist auch der Weidezeit-
raum. Während sich die historische Waldweide auf die
Sommermonate konzentrierte, findet aktuell eine ganz-
jährige Beweidung statt. Schließlich weicht auch die heu-
te im Hutewaldgebiet Reiherbachtal übliche Zufütterung
von den historischen Verhältnissen ab.
Moderne Forstwirtschaft
seit dem späten 18. Jahrhundert
Das späte 18. und vor allem das frühe 19. Jahrhundert
waren eine Zeit des Um- und Aufbruchs in der Forstwirt-
schaft, in der sich bereits große Veränderungen in der
Waldlandschaft des Sollings abzeichneten. Die moder-
ne, auf eine Maximierung des nachhaltig zu erzielenden
Holzertrags ausgerichtete Bewirtschaftung der Wälder
wurde nicht nur zum wirtschaftlichen, sondern auch
zum politischen Ziel. Dies bedeutete, dass jahrhunder-
tealte Wirtschafts- und Sozialstrukturen aufgebrochen
wurden. Obrigkeitliches Handeln zielte zunehmend auf
eine klare Trennung von Land- und Forstwirtschaft. Dies
veränderte nicht nur die wirtschaftlichen und sozialen
Strukturen, sondern auch die Struktur und das Erschei-
nungsbild der Landschaft: Neu entstanden vor allem
22 Oppermann, Rainer; Luick, Rainer (1999): Extensive Beweidung und Naturschutz – Charakterisierung einer dynamischen und naturverträglichen
Landnutzung. Natur und Landschat 74, S. 411-419
23 Rupp, Mattias; Michiels, Hans-Gerhard (2020): Waldweide im Waldnaturschutz. standort.wald 51, S. 153-172
24 Schweimler, Katja (2019): Der Beitrag von naturschutzfachlich orientierten Beweidungskonzepten zum Erhalt von Artenvielfalt und Habitatkonti-
nuität in Eichenwäldern. Bachelorarbeit, Technische Universität Braunschweig, 66 S.
25 Burckhardt (1879);
Jahns (2010);
Kremser, Walter (1990): Niedersächsische Forstgeschichte: Eine integrierte Kulturgeschichte des nordwestdeutschen Forstwesens. Rotenburg
(Wümme), 965 S.;
Niedersächsisches Forstplanungsamt (1996);
Reddersen (1934)
26 Althaus, Daniel (2015): Die Fabrik im Wald: Glas und Spiegel aus Amelith und Polier. Holzminden, 271 S. ; vgl. Abb. 3: „Spiegel Hütte“ im Norden.
27 Hils-Solling-Forst-Verein (Hrsg.) (1891): Verhandlungen des Hils-Solling-Forst-Vereins, Jahrgang 1890. Berlin und Heidelberg, 75 S.
dichte Hochwälder, oft Nadelforsten, die im Solling ins-
besondere von der Fichte gebildet wurden (Abb. 4). Acker-
flächen auf produktionsschwachen Standorten wurden
teilweise in Grünland umgewandelt.25
Vor diesem Hintergrund strebte die merkantilisti-
sche Wirtschaftspolitik des 18. Jahrhunderts an, bisher
ungenutzte Holzvorräte in waldreichen Gebieten durch
gezielte Gewerbeansiedlungen gewinnbringend zu ver-
wenden – 1774 war auf einer Forst-Konferenz in Göttin-
gen von der „Versilberung des stehenden überständigen
Holzes“ die Rede. So entstand im Jahre 1776 auf Initiative
des Kurfürstentums Braunschweig-Lüneburg (Kurhan-
nover) unweit nördlich von Nienover die Spiegelglas-
hütte Amelith, die bis 1926 bestand.26 Um das Jahr 1890
benötigte das Werk für eine Jahresproduktion von rund
200.000 Quadratmetern Fensterglas etwa 12.000 Raum-
meter Derbbrennholz nebst Reisig, das aus den Ober-
förstereien Nienover und Winnefeld stammte.27 Es kann
daher als sicher gelten, dass auch Holz aus dem Reiher-
bachtal bezogen wurde. Hinzu kam die Herstellung von
Holzkohle in diesem Gebiet. Im Digitalen Geländemo-
dell sind die Standorte der Kohlenmeiler gut erkennbar
(Abb. 1). Die Holzkohle wurde hauptsächlich an die Eisen-
Abb. 4: Entwicklung von Holzartenanteilen im hannoverschen
Solling von 1668 bis 1920 nach Reddersen (1934). 1668 war noch kein
Nadelholz vorhanden.
Andreas Mölder, Marcus Schmidt 56
hütte in Uslar geliefert, wobei die Versorgung dieser Fa-
brik mit Brennstoff gemäß dem Wunsch der Regierung
durch keinen anderen holzverbrauchenden Betrieb ge-
fährdet werden durfte. Dies galt auch für die Spiegelglas-
hütte Amelith.28
Ein Kupferstich, der im Jahre 1794 ein waldbauliches
Lehrbuch des braunschweigischen Forstmanns Kas-
par Heinrich von Sierstorpff (1750–1842) eröffnete (Abb.
5),29 verdeutlicht die forstlichen Umbrüche um das Jahr
1800 sehr eindrücklich: Im Vordergrund sehen wir einen
lichten Hutewald, der locker mit alten, strukturreichen
Eichen bestanden ist. Am Rande dieses „Waldes der Ver-
gangenheit“ stehen zwei Männer, wohl Forstbeamte, von
denen der linke mit dem Arm in den „Wald der Zukunft“
weist: Auf der anderen Seite des Weges wächst ein dich-
ter Fichtenbestand heran. Dieser Forst dient einzig der
28 Althaus (2015)
29 Sierstorpf, Caspar Heinrich von (1796): Ueber die forstmäßige Erziehung, Erhaltung und Benutzung der vorzüglichsten inländischen Holzarten.
Erster Theil, welcher die Forst-Botanik, die Naturkunde der Bäume überhaupt, und die Beschreibung der Eiche enthält. Hannover, 286 S.
30 Sierstorpf (1796)
31 Zitiert nach Seidensticker (1896b)
32 Burckhardt (1879); Niedersächsisches Forstplanungsamt (1996); Pfeil (1845)
33 Geyer, Carl Wilhelm (1865): Die Erziehung der Eichenplanzheister im Würrigser Forstreviere. Aus dem Walde1, S. 81-89
Holzproduktion; die Waldweide ist dort weder möglich
noch gestattet. Auch im Solling, den von Sierstorpff nach
eigener Aussage genau kannte und in dem seinerzeit der
Nadelholzanbau zunahm (Abb. 4), haben sich diese Ver-
änderungen in der dargestellten Weise vollzogen. Für von
Sierstorpff als Forstmann hatte im Wald der Zukunft na-
türlich auch die Eiche ihren festen Platz, allerdings nicht
als breitkroniger Mastbaum im Hutewald, sonders als
lang- und gradschaftiges Bauholz im Hochwald. Gleich-
zeitig verwies der Sollingkenner auf gute Erfahrungen
mit dem Verkauf von Schiffsbauholz an Großbritannien
im Siebenjährigen Krieg (1756-1763). Er betonte, dass auch
krumme Eichen sehr gute Preise erzielten, „welche sich
zu diesem oder jenem seltnen Stücke Schiffholz schicken
möchten.“ Solche krummholzreichen und ansonsten
schwer vermarktbaren Eichen wird man unter anderem
in den lichten Hutewäldern des Sollings gefunden haben,
wo viel Raum für die Entwicklung großer und struktur-
reicher Baumkronen vorhanden war. Wie die erfolgrei-
che Nachzucht von Eichen in Pflanzgärten gelingen kann
und was bei der Neubegründung von Eichenbeständen
zu beachten ist, stellte von Sierstorpff ebenfalls anhand
von Beispielen aus dem Solling ausführlich dar. Die weit-
ständige Pflanzung von Eichen im Hutewald bezeichnete
er aus forstlicher Sicht als einen großen Fehler, „welcher
aber freylich leider! den höchsten Verordnungen ge-
mäß begangen werden muß.“30 So hatte die kurfürstliche
Kammer in Hannover noch am 19. April 1781 befohlen,
dass, obwohl der „Bedarf an Waldweide in den Ämtern
Nienover und Lauenförde zu voll gedeckt [sei], der Wei-
dewert doch noch auf alle mögliche Weise zu verbessern
sei.“ Der Forstbetrieb müsse und könne sich dabei nach
der Weide richten.31
Der Wandel des frühneuzeitlichen Multifunktions-
waldes hin zum modernen Forst dauerte Jahrzehnte,
da die Dorfgemeinschaften beharrlich an ihren
jahrhundertealten Rechten zur Mast und Waldweide
festhielten oder hohe Entschädigungen in Form von
Landbesitz oder Geld für die Ablösung dieser Rechte
forderten.32 Dem Oberförster Carl Wilhelm Geyer (1808-
1880) zufolge33 gab es im 1.479 Hektar großen Forstrevier
Würrigsen, das südlich an das Reiherbachtal anschloss,
Abb. 5: Förster im Eichen-Hutewald, einen Fichtenbestand
betrachtend. Kolorierter Kupferstich als Frontispiz des Buches
„Ueber die forstmäßige Erziehung, Erhaltung und Benutzung der
vorzüglichsten inländischen Holzarten“ von Kaspar Heinrich von
Sierstorpf aus dem Jahre 1794.
57 Zur Geschichte der Waldweide im südlichen Solling
noch bis ins 19. Jahrhundert hinein 375 Hektar an Bestän-
den, die dem „frühern Fehmelbetriebe“ entstammten,
darunter „alte, oft nahezu tausendjährige Eichen, ab-
wechselnd mit kolossalen Buchen und Birken … in sehr
räumlichem Stande … in Folge dessen die Kronenbildung
in seltener Schönheit sich entfaltet hatte.“ Im Gebiet des
Hutewalds Reiherbachtal dürften, wie oben dargestellt,
aufgrund der ausgedehnten Wölbackerflächen tausend-
jährige Eichen jedoch kaum vorgekommen sein und auch
sonst wurde ihr Alter wohl häufig überschätzt. Trotzdem
ist es nicht verwunderlich, dass der Landschaftsmaler
Carl Friedrich Lessing (1808-1880) die alten Hutewald-
eichen des Sollings als herausragendes Motiv entdeckte
und ihnen im Herbst 1836 eine Studienreise widmete
(Abb. 6).34 Heinrich Burckhardt (1811-1879), Chef der han-
növerschen Forstverwaltung und großer Eichenfreund,
bemerkte 1879 dazu:35 „Lessing, der Baummaler, wunder-
te sich einst nicht wenig, als ihm ein graubärtiger Forst-
beamter im Sollinge, statt der alten, noch Mast tragen-
34 Christoph-Heilmann-Stitung (Hrsg.) (2013): Natur als Kunst: Frühe Landschatsmalerei des 19. Jahrhunderts in Deutschland und Frankreich.
Heidelberg, 287 S.
35 Burckhard (1879)
36 Sierstorpf (1796); Burckhardt (1879); Geyer (1865); Pfeil (1845); Seidensticker (1896a)
den Baumruinen, seine schmucken Schiffbaueichen im
nahen Buchenwalde vorzeigte und anpries! Natur- und
Nutzbäume haben verschiedene Liebhaber.“
In dieser Umbruchszeit der Forstwirtschaft entstan-
den im Solling, wie auch im Bram- und Reinhardswald,
sogenannte „Pflanzwälder“, die einen Kompromiss zwi-
schen Waldweidenutzung und Holzproduktion darstell-
ten. Dazu wurden Eichen in eingefriedeten Saat- und
Pflanzgärten vorgezogen, bis sie nach ca. 8 Jahren eine
verbisssichere Höhe von 3,5-4 Metern und einen Durch-
messer von 2,5-3,5 cm erreicht hatten. Diese Eichenheis-
ter wurden an ihrem Bestimmungsort in regelmäßigen
Abständen von bis zu 9 Metern ausgepflanzt, oft anstelle
zuvor kahlgeschlagener, alter und strukturreicher Hu-
tewaldbestände. In diesen Pflanzwäldern war es licht
genug für das Wachstum von Gras für die Viehweide,
gleichzeitig konnte Eichenbauholz von zufriedenstel-
lender Qualität erzeugt werden.36 Solche Eichen-Pflanz-
wälder aus den 1850er-Jahren sind im Hutewald Reiher-
Abb. 6: Carl Friedrich Lessing, Eichenwald mit rastendem Jäger, 1839, Eichenholz, 45,5 cm x 66,5 cm x 1 cm, Städtische Galerie im
Lenbachhaus und Kunstbau München, Dauerleihgabe der Christoph-Heilmann-Stitung (CC BY-SA 4.0).
Andreas Mölder, Marcus Schmidt 58
bachtal auf über 25 Hektar bis heute erhalten geblieben
(Abb. 7). Nach und nach wurde die Pflanzweite auf etwa
vier Meter verringert. Wie Burckhardt betonte,37 machten
diese Planzungen bei eingetretenem Bestandesschluss
eine Weidenutzung ziemlich illusorisch: Vollschluss und
Weide seien nun einmal unverträgliche Dinge.
Zum Ende des 19. Jahrhunderts, insbesondere in der
preußischen Zeit ab 1866 wurden die Waldweiderech-
te schließlich zum größten Teil abgelöst und die Wirt-
schaftsart des Eichenpflanzwaldes war damit entbehr-
lich geworden. Die moderne, allein auf Holzproduktion
ausgerichtete Hochwaldwirtschaft wurde zum Standard.
Neben der Buche gewann vor allem die Fichte immer
größere Flächenanteile, während die Anteile der Eiche
zurückgingen (Abb.4).38 Exemplarisch für diese Entwick-
lung war, dass auf der 25. Versammlung des Hils-Sol-
ling-Forst-Vereins im Jahre 1886 eines der behandelten
Themen lautete:39 „Wie sind die Pflanzwälder im Vereins-
gebiete nach erfolgter Weideablösung zu behandeln?“
Vor diesem Hintergrund wurden neue Eichenkulturen,
die 1888/89 am Papenberg im Reiherbachtal entstanden,
37 Burckhardt (1879)
38 Burckhardt (1879); Reddersen (1934); Niedersächsisches Forstplanungsamt (1996)
39 Hils-Solling-Forst-Verein (Hrsg.) (1889): Verhandlungen des Hils-Solling-Forst-Vereins, Jahrgang 1886. Berlin und Heidelberg, 43 S.
40 Hils-Solling-Forst-Verein (1891)
41 Peter, Albert (1910): Das Lauenberger Eichen-Reservat. 1. und 2. Jahresbericht des Niedersächsischen Botanischen Vereins – Geschätsjahre 1908
und 1909, S. 30–35
42 Schmidt, Marcus (2012): Die Pionierphase des staatlichen Naturschutzes in Nordhessen (1900-1927) – Grundsteinlegung für das Schutzgebiets-
netz. Jahrbuch Naturschutz in Hessen 14, S. 58–66
43 Peter (1910)
zur Erziehung vor Wertholz besonders eng begründet.
Im Norden der heutigen Abteilungen 5122 und 5127 er-
folgte zu diesem Zweck die Anlage von 0,5 Meter breiten
Pflug- bzw. Riolstreifen mit einem Abstand von 1 Meter,
in die zweijährige Eichen im Verband von 0,5 x 1,5 Meter
gepflanzt wurden. Ein Gatter schützte die etwa 3 Hektar
großen Kulturen vor Wildverbiss.40
Zum Beginn des 20. Jahrhunderts erkannte die noch
junge Naturschutzbewegung den Wert der wenigen ver-
bliebenen alten Hutewaldbestände. So führte der Bota-
niker Albert Peter (1853-1937) bezüglich der Eichenhute-
wälder bei Lauenberg im östlichen Solling 1910 aus,41 dass
eine derartige Häufung uralter Bäume in Deutschland
schon zu den größten Seltenheiten gehöre und dass sie
eine Sehenswürdigkeit allerersten Ranges sei. Aus sol-
chen Erkenntnissen heraus wurden erste Schutzgebiete
eingerichtet, etwa 1907 im Urwald Sababurg im Rein-
hardswald42 und 1910 in den Lauenberger Eichen.43 An
eine Wiedereinführung der gerade abgeschafften Wald-
weide dachte damals wahrscheinlich noch niemand.
Abb. 7: Eichenplanzwald im Norden des Hutewalds Reiherbachtal (Abt. 5126c) mit einem Bestandesalter von 166 Jahren.
Foto: Andreas Mölder
59 Zur Geschichte der Waldweide im südlichen Solling
Abb. 8: Verbliebener Hutewaldbestand bei Lauenberg.
Foto: Andreas Mölder
Article
Full-text available
Es konnte gezeigt werden, dass Pflanzgärten im Untersuchungsgebiet seit dem ausgehenden 16. Jahrhundert systematisch angelegt wurden. Vor allem ab der Mitte des 18. Jahrhunderts bis weit ins 19. Jahrhundert lieferten sie Pflanzmaterial insbesondere für die Verjüngung von verlichteten Hutewaldbeständen. Stand anfangs die Nachzucht von Eichen im Schwerpunkt des Interesses, gelangte mit der Einführung der modernen Fortwirtschaft auch die Anzucht von Nadelhölzern zu großer Bedeutung. Historische Pflanzgärten sind mehrheitlich von Wall und Graben eingefasst und lassen sich daher mithilfe des Digitalen Geländemodells gut ansprechen und effektiv kartieren. Die Analyse der räumlichen Verteilung von Pflanzgärten auf der Ebene großer Waldlandschaften ermöglicht die Ableitung von standortsökologischen Gesetzmäßigkeiten und lässt darüber hinaus Rückschlüsse auf die Habitatkontinuität zu. Der vorliegende Beitrag liefert somit eine fundierte konzeptionelle Grundlage für weitergehende Forschungsarbeiten zur Nutzung von Pflanzgärten als Indikatoren für den historischen Waldzustand. Hier ist insbesondere an Analysen zum Zusammenhang zwischen der räumlichen Verteilung von Pflanzgärten und verschiedenen Geländemerkmalen zu denken. Darüber hinaus sollten Zusammenhänge zwischen einer hohen Pflanzgartendichte und der Verbreitung von seltenen und gefährdeten Waldarten betrachtet werden, deren Vorkommen an eine lange Habitatkontinuität und hutewaldtypische lichte Strukturen gebunden ist.
ResearchGate has not been able to resolve any references for this publication.