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Essen in der Krise. Unsicherheitserfahrungen und Prekarisierung im Prisma von Ernährungsroutinen in kulturwissenschaftlicher Perspektive

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Abstract

Beitrag zur Veranstaltung »Prekäre Ernährung. Ein tabuisiertes Phänomen der Wohlstandsgesellschaft« der Sektion Land-, Agrar-und Ernährungssoziologie. Die interdisziplinäre Ernährungsforschung hat sich innerhalb gut einer Generation von einem peripheren zu einem zentralen Gegenstandsfeld des universitären wie auch des gesellschaftlichen Diskurses entwickelt. Dabei wandte und wendet sich die Forschung vor allem jenen zu, die bereit sind, Auskunft zu geben, also an Forschungsprozessen zu partizipieren, oder jenen, die überhaupt im Blickfeld der Forschung liegen. Hinter sprachlichen, räumlichen oder auch sozialen Barrieren liegen jedoch Lebensrealitäten und damit Ernährungspraxen, die mit Bildern einer Nahrungsaufnahme in geordneten Chronologien und im Rahmen von Mahlzeiten oder mit dem Wunsch nach gesunder und nachhaltiger Ernährung, mithin mit den Imperativen der Ernährungspolitik und -beratung, eine eher begrenzte Schnittmenge aufweisen. Die zu Beginn des Jahres 2020 aufgetretene Corona-Pandemie verstärkt diesen Trend, denn sie erhöht das Armutsrisiko, beschleunigt die Öffnung der sozioökonomischen Schere und führt zudem zu psychosozialem Stress (Winterberg 2020). Der vorliegende Beitrag argumentiert aus der spezifischen Perspektive der Kulturwissenschaften für ein Zusammendenken von Prekaritäts- und Nahrungskulturforschung bzw. Ernährungssoziologie. Das Sprechen über alltägliche Ernährungsroutinen und Verzehrkontexte und dessen narrative Einbindung in die Verarbeitung und Deutung prekärer Lebensumstände, so soll im Folgenden dargelegt werden, ermöglichen eine alltagsnahe Tiefensicht auf (arbeits-)biografische Krisenerfahrungen, finanzielle Armut, Planungsunsicherheit und psychische Belastungssituationen. Am Beispiel eines an der Universität Regensburg durchgeführten Forschungsprojekts zu prekären Lebenswelten im Prisma der Ernährung sollen mögliche Zugänge und Perspektiven einer Verschränkung beider Forschungsfelder aufgezeigt werden. Hierzu wird zunächst das dem vorliegenden Beitrag zugrunde liegende Verständnis von Prekarität erläutert und mit Blick auf bestehende Studien zum Verhältnis von Prekarität bzw. Armut und Ernährung verortet. Daran anschließend folgen eine schlaglichtartige Diskussion erster empirischer Ergebnisse und ein Ausblick auf die nahe Zukunft. Die Diskussion stützt sich auf die bereits in Hirschfelder und Thanner (2019) in Form von Fallstudien publizierten Ergebnisse.
Essen in der Krise
Unsicherheitserfahrungen und Prekarisierung im Prisma von
Ernährungsroutinen in kulturwissenschaftlicher Perspektive
Gunther Hirschfelder und Sarah Thanner
Beitrag zur Veranstaltung »Prekäre Ernährung. Ein tabuisiertes Phänomen der
Wohlstandsgesellschaft« der Sektion Land-, Agrar- und Ernährungssoziologie
Die interdisziplinäre Ernährungsforschung hat sich innerhalb gut einer Generation von einem periphe-
ren zu einem zentralen Gegenstandsfeld des universitären wie auch des gesellschaftlichen Diskurses
entwickelt. Dabei wandte und wendet sich die Forschung vor allem jenen zu, die bereit sind, Auskunft
zu geben, also an Forschungsprozessen zu partizipieren, oder jenen, die überhaupt im Blickfeld der
Forschung liegen. Hinter sprachlichen, räumlichen oder auch sozialen Barrieren liegen jedoch Lebens-
realitäten und damit Ernährungspraxen, die mit Bildern einer Nahrungsaufnahme in geordneten
Chronologien und im Rahmen von Mahlzeiten oder mit dem Wunsch nach gesunder und nachhaltiger
Ernährung, mithin mit den Imperativen der Ernährungspolitik und -beratung, eine eher begrenzte
Schnittmenge aufweisen. Die zu Beginn des Jahres 2020 aufgetretene Corona-Pandemie verstärkt
diesen Trend, denn sie erhöht das Armutsrisiko, beschleunigt die Öffnung der sozioökonomischen
Schere und führt zudem zu psychosozialem Stress (Winterberg 2020).
Der vorliegende Beitrag argumentiert aus der spezifischen Perspektive der Kulturwissenschaften
für ein Zusammendenken von Prekaritäts- und Nahrungskulturforschung bzw. Ernährungssoziologie.
Das Sprechen über alltägliche Ernährungsroutinen und Verzehrkontexte und dessen narrative Einbin-
dung in die Verarbeitung und Deutung prekärer Lebensumstände, so soll im Folgenden dargelegt
werden, ermöglichen eine alltagsnahe Tiefensicht auf (arbeits-)biografische Krisenerfahrungen, finan-
zielle Armut, Planungsunsicherheit und psychische Belastungssituationen.
Am Beispiel eines an der Universität Regensburg durchgeführten Forschungsprojekts zu prekären
Lebenswelten im Prisma der Ernährung sollen mögliche Zugänge und Perspektiven einer Verschrän-
kung beider Forschungsfelder aufgezeigt werden. Hierzu wird zunächst das dem vorliegenden Beitrag
zugrunde liegende Verständnis von Prekarität erläutert und mit Blick auf bestehende Studien zum
Verhältnis von Prekarität bzw. Armut und Ernährung verortet. Daran anschließend folgen eine schlag-
lichtartige Diskussion erster empirischer Ergebnisse
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und ein Ausblick auf die nahe Zukunft.
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Die Diskussion stützt sich auf die bereits in Hirschfelder und Thanner (2019) in Form von Fallstudien publizierten Ergeb-
nisse.
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Begriffsverständnis und Forschungsstand
Bevor auf die Ergebnisse der empirischen Exploration eingegangen wird, soll an dieser Stelle unser
Verständnis von Prekarität dargelegt und mit Blick auf bestehende Studien zum Verhältnis von Preka-
rität bzw. Armut und Ernährung verortet werden.
Die Frage nach dem Bezugsrahmen des Begriffs der Prekarität wird im sozial- und kulturwissen-
schaftlichen Diskurs vielschichtig beantwortet. Als entsprechend heterogen erscheinen prekäre Le-
benslagen bzw. jene Individuen und soziale Gruppen, die als in prekären Lebensverhältnissen lebend
beschrieben werden (Marchart 2013; Seifert 2009).
An dieser Stelle muss auf eine ausführliche Diskussion der Begriffsrezeption verzichtet werden,
doch seien einige zentrale Aspekte herausgestellt:
2
Seit den 1990er Jahren wird mit dem Begriff zu-
nehmend auf atypische Formen der Erwerbsarbeit Bezug genommen. Als prekär gelten dabei Formen,
die in materiell-reproduktiver, sozial-kommunikativer und rechtlich-institutioneller Dimension keine
ausreichende Grundlage zur Existenzsicherung bieten und in akteurszentrierter Perspektive mit ar-
beitsinhaltlichem Sinnverlust, sozialem Ausschluss und umfassender Planungsunsicherheit assoziiert
werden (Seifert 2009). Da diese Parameter nur in Relation zu vorherrschenden Normalitätsvorstellun-
gen und subjektiven Wahrnehmungsspielräumen gefasst werden können (Dörre 2007), geraten dabei
somit unterschiedlichste Lebenswelten in den Blick.
Als klassische Vergleichsfolie dient dabei zumeist das hegemoniale Leitbild des Normalarbeitsver-
hältnisses (NAV) des fordistisch geprägten Wohlfahrtsstaates
3
, in dessen Bezugsrahmen sich auch
eines durch lebenszeitliche Erwartungssicherheit gekennzeichneten „Normallebenslaufs“ verortet
zeigt (Sutter 2016).
Darüber hinaus argumentieren aufbauende Publikationen für eine Hinwendung zum Bedingungs-
gefüge prekärer Lebenslagen auch abseits der Erwerbsarbeit (Klenner et al. 2011; Götz, Lemberger
2009).
Die Spezifik kulturwissenschaftlicher Beschäftigung mit Prekarität betont dabei insbesondere de-
ren subjektive Wahrnehmung im Lebenslauf vor dem Hintergrund historisch gewachsener Leitbilder
und so vor allem die Heterogenität prekärer Lebenslagen. Prekarität wird hier, so Seifert (2009, S. 44)
vor allem als Interpretament subjektiver Orientierungsleistungen im gesellschaftlichen Kontext“ ge-
deutet, welche als „‘kreativ‘ bearbeitete[s] Verhältnis von Zwang und Chance“ (Götz, Lemberger 2009,
S. 9) betrachtet wird.
Dies herauszustellen, erweist sich gerade beim Zusammendenken von Prekarität und Ernährung
zentral, fungiert die Frage nach der vermeintlich richtigen, (un)gesunden oder ethisch vertretbaren
Ernährungsweise nicht selten als Austragungsfeld politisch-medialer Diskurse um soziale Ungleichheit
und mit sozialem Status assoziierte Ernährungsstile. Prekarität wird hier häufig im Sinne eines „Unter-
schichtenphänomens am Rand der Gesellschaft verortet und Einflussmöglichkeiten auf die Lebensge-
staltung sowie die Kompensation von Bildungsdefiziten jener „Abgehängten“ in pädagogisierenden
Tenor verhandelt.
2
Eine ausführliche Diskussion unterschiedlicher Konzeptualisierungen von Prekarität findet sich in Marchart (2013) und in
kulturwissenschaftlicher Perspektive bei Seifert (2009).
3
Dabei sei darauf verwiesen, dass das NAV kaum jemals als Realität einer breiten Bevölkerung angesehen werden konn-
te. So erweist sich seine Gültigkeit selbst in der meist als Referenzpunt dienenden kurzen Zeitspanne der 1950er bis
1970er Jahre auf die Länder des Nordens beschränkt. Zudem muss von einer eingeschränkten Gültigkeit des NAV für
Frauen und Arbeitsmigrant*innen ausgegangen werden (Marchart 2013).
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Auch die beginnende soziologische, ökotrophologisch informierte Hinwendung zur „Ernährung ar-
mer Menschen in Wohlstandsgesellschaften“ (Feichtinger, Köhler 1998, S. 9), wie sie etwa die Arbeits-
gemeinschaft für Ernährungsverhalten Mitte der 1990er Jahre einfordert, argumentiert im Bezugsrah-
men dieses Paradigmas.
Lieferten Barlösius et al. (1995) sowie Folgepublikationen wie Lehmkühler und Leonhäuser (1998,
2002) zwar einen wichtigen Baustein zur wissenschaftlichen Thematisierung relativer Armut und sozia-
ler Ungleichheit, so münden auf den Erhebungen basierende Handlungsempfehlungen meist in der
Forderung nach dem Abbau von Bildungsdefiziten durch zielgruppengerechte Beratungsangebote für
Armutshaushalte (Lehmkühler, Leonhäuser 2002).
Die im Rahmen der genannten Studien durchgeführten Erhebungen basieren dabei zumeist auf
vergleichsweise verzerrungsanfälligen Verzehrerhebungen und teilstandardisierten Befragungen, wel-
che Rückschlüsse auf Ernährungspraxen und damit tatsächlich Verzehrtes geben sollen. Rückbindun-
gen zur subjektiven Wahrnehmung der befragten Akteure, der biografisch-narrativen Funktion des
Erzählens über die eigene Ernährungsroutine sowie eine soziokulturelle Kontextualisierung der „sub-
jektiven Praxen und Dispositionen im Kontext gesellschaftlicher Symbolisierungen und Reglementie-
rungen“ (Seifert 2009, S. 3940) blieben hierbei außen vor.
Der hier skizzierte Zugang argumentiert daher im Rahmen eines weiten Verständnisses von Preka-
rität, das Armutsphänomene weder aus den Augen verliert noch seinen Forschungsfokus auf sie ver-
engt. Auf diese Weise sollen Einsichten in die Innensichten der Akteure und deren im Bedingungsge-
füge des jeweiligen Lebenszusammenhangs sowie der individuellen (Arbeits-)Biografien generierten
Deutungen von Verunsicherungen und Krisenerfahrungen beim Erzählen über die alltägliche Ernäh-
rungsroutine eröffnet werden.
Neuere Studien wie etwa Schad (2017) zur Typologie des Umgangs mit Prekarität im Kontext alltäg-
lichen Umwelthandelns oder Götz (2019) zu Formen weiblicher Altersarmut beziehen auch biogra-
fisch-narrative Perspektiven mit ein, wobei der Komplex der Ernährung aber allenfalls peripher be-
leuchtet wird.
Somit schlägt jene Sektion, in deren Rahmen der vorliegende Beitrag angesiedelt ist, eine wichtige
Brücke, um Makro- und Mikrokontexte zu verbinden, um übergeordnete Fragestellungen nach For-
men von Armut und Prekarität soziologisch wie auch kulturwissenschaftlich zu beleuchten und am
Paradigma der Ernährungspraxen zu exemplifizieren.
Im Spannungsfeld von Prekarität und Ernährung
Der Thematisierungskonjunktur der Ernährung zum Trotz sind Esspraxen prekär lebender Menschen
von der Forschung nicht zuletzt der empirischen Hürden wegen von der Forschung eher stiefmütter-
lich behandelt worden. Die skizzierte Ausgangslage war Anlass, an der Universität Regensburg ein
zunächst niedrigschwellig angelegtes empirisches Forschungsprojekt zu prekären Lebenswelten im
Prisma der Ernährung durchzuführen, in dessen Rahmen einzelne Fallstudien, die sich als sondierende
ethnologische Tiefbohrungen verstehen, realisiert wurden. Die nachfolgende Darstellung fasst die
Ergebnisse der in Hirschfelder und Thanner (2019) als Einzelportraits publizierten Fallstudien zusam-
men, um Potenziale eines Zusammendenkens von Prekaritäts- und Nahrungsforschung aufzuzeigen
und eine weiterführende Konzeptualisierung möglicher Forschungsperspektiven auf diesem Feld an-
zuregen.
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Im Vordergrund der Betrachtung stehen dabei die kommunikativen und biografisch-narrativen
Funktionen des Sprechens über Ernährungsroutinen im prekären Lebensalltag sowie das darin her-
vortretende Bedingungsgefüge bei der Selbstbewertung von Ernährungsroutinen und Gesundheits-
handeln. Dabei sei vorangestellt, dass die vorgestellten Befunde allenfalls eine erste im Rahmen eines
studentischen Forschungsprojekts durchgeführte explorative Sondierung des Forschungsfeldes ge-
währleisten. So markierten die Studien eher einen Anfangs- denn einen Endpunkt und deuten allen-
falls mögliche Cluster von Typen an.
Prekäres Essen methodische Fallstricke
Im Rahmen des Regensburger Forschungsprojektes sondierten neun studentische Kleingruppen das
Feld der als prekär attribuierten Lebenswelten im geografischen Nahraum der Universitätsstadt. Das
Spektrum der Interaktionspartner*innen wurde in den vorbereitenden Seminarsitzungen diskutiert
und ausgelotet; unter Praxisbedingungen handelte es sich dann freilich nicht um ein statistisch be-
lastbares Sample, sondern wie so oft nicht zuletzt um Zufallsfunde, die aber durchaus ein breites sozi-
ales Spektrum abdecken, das von prekären Lebensverhältnissen aufgrund von Arbeits- und oder
Wohnungslosigkeit, alleinerziehender Kinderfürsorge, psychischer Erkrankung sowie finanzieller Ein-
schränkung im Zuge von Frühpension oder Studium gekennzeichnet ist.
4
Mit dem Fokus auf biografisch-narrative Perspektiven ging eine methodische Schwerpunktsetzung
auf biografisch-narrative Interviews einher, mithilfe derer das Wechselverhältnis von Prekarität und
Ernährung als kommunikativer Interaktionsraum erschlossen wurde. Im Mittelpunkt standen die Er-
zählungen der Informant*innen als Vermittlungsfolien des Prekären und damit als Indikatoren subjek-
tiver Verarbeitung. Dabei erweist sich die Narrationsanalyse gerade im Kontext biografischer Krisener-
fahrungen als fruchtbar, denn zur Diskussion stehen der Aufführungscharakter der kommunikativen
Situation auf Erwartungshaltungen in der sozialen Tauschbeziehung Interview und die darin individuell
verkörperten Realisierungen kollektiver Muster (Meyer 2014, S. 247). So wird danach gefragt, wie sich
„autobiografisches Sprechen und Erzählen als soziokulturelles Handeln unter den Bedingungen der
Prekarität“ (Sutter 2013, S. 15) gestaltet. Außen vor bleiben müssen jedoch Rückschlüsse auf tatsächli-
che Ernährungspraxen. Teilnehmende Beobachtungen im Rahmen eines Begleitens beim Einkaufen
oder gemeinsamem Kochen wurden zwar zum Teil ergänzend durchgeführt, waren jedoch über einen
längeren Zeitraum und systematisch kaum möglich.
Statt also konkrete Ernährungsrealitäten abzubilden, zielten die durchgeführten Fallstudien darauf
ab, kausale Verkettungen offen zu legen, die hinter dem Erzählen über Ernährungsroutinen und die
Prekarität stehen. Vielmehr galt es die in der kulturwissenschaftlichen Nahrungsforschung bereits
vielfach herausgestellte Ambivalenz zwischen „Sollen und Wollen“ und damit zwischen dem Sprechen
über das Sich-Ernähren und dem tatsächlichen Ernährungshandeln zum Ausgangspunkt der empiri-
schen Erkundungen zu erheben (Heimerdinger 2005; Hirschfelder 2018). Auf diese Weise können
gerade auch die Ambivalenzen und Paradoxien zwischen situativer Deutung und Praxis analytisch
eingefangen werden, denn, wie Jarrett Zigon darlegt: „[N]arratives offer two ways in which meaning is
made in the world: first by creating coherence between often incoherent events, acts, and so on, and
second by working through the uncertainties that remain despite this tendency (2012, S. 206).
4
Eine weiterführende Diskussion des Feldzugangs sowie der Auswahl der Interaktionspartner*innen findet sich in Claus
und Schuller (2019).
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Doch auch die hier verfolgte Perspektive versteht sich als ein Mosaikstein eines multidimensiona-
len Zugangs. So gelte es abseits der Forderung, konkrete Ernährungsrealitäten abzubilden, schließlich
auch Materialitäten und Infrastrukturen sowie verkörpertes Wissen einzubeziehen.
Das Sprechen über Ernährungsroutinen im prekären Lebensalltag
„[D]a bin ich halt dann dagestanden, 35, zwei Kinder, nie im Leben länger gearbeitet
als zwei, drei Jahre am Stück, weil man wollte ja daheimbleiben und auf die Kinder
aufpassen (…). Wenn ichs mit dem Standard vergleiche, als es uns richtig schlecht ge-
gangen ist, da ist das gar kein Vergleich. Also das war echt unterste Grenze teilweise.
Ich weiß noch, da haben wir Fischstäbchen auf Toastbrot mal gegessen, weil sonst nix
mehr da war [...]. Das war nicht gut, damals, ne. Das war schon richtig, dass ich jetzt
das Essen von der Tafel hol (Neumayer 2019, S. 139).
Erzählmuster über prekäre Lebensverhältnisse, biografische Krisenerfahrungen und die alltägliche
Ernährungsroutine zeigen sich eng miteinander verschränkt. Was am Auszug aus dem Interview mit
der alleinerziehenden Mutter Andrea
5
illustriert wird, trat über die verschiedenen Fallstudien hinweg
deutlich hervor: die Positionierungen der Befragten und retrospektive Erinnerungen an spezifische
Verzehrkontexte stehen in engem Zusammenhang mit der kommunikativen Aushandlung von Norma-
lität im Lebenslauf und der sinnstiftenden Bewertung des eigenen Ernährungshandelns.
Besonders deutlich wurde diese enge Verzahnung im Erzählen über die soziale Verzehrsituation.
Der soziale Kontext der täglichen Ernährung und in ein festes chronologisches Gefüge eingebundener
Mahlzeiten bildeten die Basis des Erzählsubstrats der Interaktionspartner*innen für die Kommunika-
tion der Prekarität und ihrer Bewältigung. Dabei reichte das Spektrum von Erfahrungen sozialer Exklu-
sion über durch Scham bedingte Selbstisolation bis zur erfolgreichen Verstetigung gemeinschaftlicher
Nahrungsaufnahme in als unsicher empfundenen Lebenslagen. In der sozialen Verzehrsituation ku-
muliert ein tragendes Moment der biografisch-retrospektiven sowie gegenwärtigen Bewertung prekä-
rer Lebenszusammenhänge und der jeweiligen erzählenden Konstitution.
Wie Anna, Besucherin eines sozialpsychiatrischen Tageszentrums, vermittelte, vermag das Erzählen
über Mahlzeiten in einem von Brüchen gekennzeichneten Alltag Chronologie und Normalität zu stiften
und erwächst zum Thematisierungsgegenstand in sich: Weil ich da [im Café des Tageszentrums] in
Gesellschaft bin. Da kann ich mich über das Essen mit anderen austauschen. Ob‘s schmeckt, ob’s nich
schmeckt, ob’s versalzen is oder sonst was“ (Pirner 2019, S. 58). Gerade in Krisenphasen fungieren
soziale Verzehrsituationen und die mit ihr assoziierte Tagesroutine als Ankerpunkte, die speziell im
retrospektiven Erzählen als hervorgehobene Erzähltopoi hohe emotionale Aufwertung erfahren.
Dabei korrelierte auch die Detailtiefe des Erzählens von der Ernährungsroutine mit der Wahrneh-
mung der Prekarität in den jeweiligen Lebensphasen: So wurden als negativ empfundene Zäsuren des
individuellen Lebenslaufs häufig auch hinsichtlich der Beschreibung von Essroutinen und der Ernäh-
rungssozialisation sehr gerafft und mit geringer Detailtiefe geschildert. Ausgedehnte, detailreiche Er-
zählpassagen standen demgegenüber häufig im Kontext positiv konnotierter Erfolgsgeschichten als
Chiffre einer Bewältigung von Unsicherheitserfahrungen.
Eine ähnlich zentrale Rolle spielten Erzählungen über alimentäre Konsummuster und das individu-
elle Einkaufsverhalten. Von der positiv konnotierten Selbstkontrolle beim Griff ins Lebensmittelregal
5
Bei diesem und allen im folgenden genannten Personennamen handelt es sich um Pseudonyme.
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zum leidvoll erfahrenen Umgang mit begrenzter Budgetierung und Sehnsucht nach Konsumfreiheit
und Selbstbestimmtheit die Erzählung über das Einkaufen diente den Befragten stets als identitäres
Abgrenzungsmoment.
Der Abgleich von unterschiedlichen biografischen Phasen oder aber der Vergleich mit dem sozialen
Umfeld erwies sich hierbei als wirkmächtiger Einflussfaktor auf die Selbstwahrnehmung als „prekär“
oder die Vakanz derartiger Zuschreibungen, die gerade auch in der Interaktionssituation als sinnstif-
tende Verortungsstrategien fungierten. Dabei wurde auch deutlich, dass die Befragten in hohem Maße
auf die Kohärenz ihres eigenen Einkaufsverhaltens mit ihrer Ernährungssozialisation im elterlichen
Umfeld verwiesen.
Einflussfaktoren auf die Selbstbewertung von Ernährungsroutinen
Wendet man sich schließlich der Frage nach der Herstellung von Kausalität und Kohärenz bei der
Wahrnehmung und Bewertung des subjektiven Ernährungshandelns vor dem Hintergrund brüchiger
(Arbeits-)Biografien und lebensweltlicher Verunsicherungen zu, so konnten bei der Auswertung des
Interviewmaterials folgende Parameter als zentrale Einflussfaktoren auf die Selbstwahrnehmung- und
Selbstbewertung der eigenen Ernährungsroutine identifiziert werden:
(a) (Nicht-)Wahrnehmung der Prekarität als temporärem Zustand und (Nicht-)Vorstellungen von
der Zukunft;
(b) Grad der gefühlten sozialen (Des-)Integration;
(c) Selbstwahrnehmung der eigenen physischen und psychischen Gesundheit.
Dabei galt es, die enge Verzahnung der genannten Einflussfaktoren in den Blick zu nehmen, deren
Konfiguration schließlich die Ausprägung von Ohnmachtsempfindungen im gegenwärtigen Lebens-
kontext und damit einhergehend der sinnstiftenden Verortung alimentärer Bewältigungsstrategien
gegen diese überformen.
Temporäre Phase oder Dauerzustand?
„Also derzeit würde es bei mir nie Brokkoli dazu geben“ (Eiermann 2019, S. 104), äußert der zum Zeit-
punkt des Interviews arbeits- und wohnungslose Dennis sich fast selbstironisch über seine momenta-
ne Situation.
Der 25-jährige träume davon, sein Zutatenspektrum zu erweitern, mehr Gemüse zu essen und we-
niger Fertigprodukte zu konsumieren. Doch der Einbezug jener Nahrungsmittel, die für Dennis eine
ausgewogene Ernährung ausmachen, erfordert einen stabilen Lebenskontext; Dennis aber pendelt
zwischen Hungerphasen und Heißhungerattacken hin und her ein Essalltag in Extremen, der mit
dem Fehlen angestrebter Normalität in seiner derzeitigen Lebensphase korrespondiert.
Die Fallstudien legten nahe, dass Entwürfe eines gesünderen alimentären Lebensstils häufig in die
Zukunft ausgelagert werden. Auf diese Zukunft wird aufgrund des krisenhaften Lebenszusammen-
hangs jedoch nicht konkret hingearbeitet; sie verbleibt ein fiktiver Sehnsuchtsort, eher Utopie als rea-
listisches Szenario.
Schilderungen vom Abhandenkommen von Verzehr- und Einkaufsroutinen, etwa nach dem Jobver-
lust, aufgrund instabiler Wohnverhältnisse oder durch den Verlust von Tagesroutinen bei Studieren-
den in den Semesterferien nahmen über die Fallstudien hinweg großen Raum ein. So steht der Wegfall
zeitlicher Vorhersagbarkeit als Chiffre für Sinnverlust und Planungsunfähigkeit Ohnmachtserfahrun-
gen, die stark auf Ernährungsroutinen zurückwirken.
Die Frage nach den (Nicht-)Vorstellungen von der eigenen biografischen Zukunft zeigte sich in ho-
hem Maße von der Frage abhängig, ob die prekären Lebensumstände als vorübergehende Phase oder
als mehr oder weniger dauerhaft eingeschätzt werden. In letzterem Fall berichteten die Befragten weit
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häufiger von einer Verkettung psychischer Belastungs- und Ohnmachtsempfindungen, in deren Folge
kompensatorisch spezifische Ernährungsmuster realisiert wurden, z.B. der Konsum von Genussmit-
teln und Alkohol sowie stark zucker- und/oder fetthaltiger Lebensmittel.
Im Gegensatz dazu stand die Wahrnehmung des prekären Lebenszusammenhangs als temporäre
Phase häufig mit konkreten Vorstellungen einer vor allem ökonomisch besser gestellten biografischen
Zukunft in Zusammenhang. So vermochte sich etwa der 21-jährige Student Nico, der seinen Lebens-
unterhalt zum Zeitpunkt des Interviews mit einem stark eingeschränkten finanziellen Budget bestritt,
im Gespräch fluide zwischen einer identitären Selbstverortung als nachhaltigkeits- und umweltbe-
wusster, zur Selbstkontrolle fähiger Konsument sowie einem sich selbst attestierten ungesunden und
zuweilen wenig nachhaltigen Lebensstil hin und her zu bewegen. In diesem Fall wurden Entwürfe ei-
nes gesünderen Lebensstils in eine als zu erwartende und erreichbare biografische Zukunft verlagert.
Soziale Ressourcen als Gradmesser
Als weiterer zentraler Einflussfaktor konnte der Grad des gefühlten sozialen Rückhalts ausgemacht
werden. Dieser Grad beeinflusst sowohl die kommunikative Verarbeitung als auch die biografische
Verortung prekärer Lebensumstände maßgeblich. Der soziale Kontext der täglichen Mahlzeitenreali-
sierung wirkt sich markant auf die Wahrnehmung der eigenen Lebenssituation und damit auf die ge-
fühlte Prekarität aus. So steht erlebte Ohnmacht immer auch im Zusammenhang mit dem gefühlten
Grad an sozialer (Des-)Integration, wodurch erneut die bereits thematisierte Zentralstellung der sozia-
len Verzehrsituation und ihrer vergesellschaftenden wie gemeinschaftsstiftenden Funktion verdeut-
licht wird.
Umso deutlicher lässt sich auch die von dem 26-jährigen zum Zeitpunkt des Interviews arbeitslosen
Michael beschriebene Exklusion vom gemeinsamen Mittagessen an seiner früheren Arbeitsstelle in
ihrer sozial destabilisierenden Wirkung nachvollziehen: „Da... hat mich nie jemand gefragt, ob ich zum
Mittagessen mitgehen will. [...] Ne, ich bin dann im Büro gesessen und hab meine Brotzeit gegessen,
die ich von daheim mitgebracht habe“ (Klinnert 2019, S. 77).
Die fehlende soziale Komponente wird hier sowohl als narrative Vermittlungsstrategie der negati-
ven Seiten des Arbeitsalltags vor dem Verlust der Arbeitsstelle als auch als Indikator für die Belas-
tungen seiner prekären Lebenswelt und Arbeitsbiografie funktionalisiert. Den Eintritt in die Erwerbslo-
sigkeit schildert Michael retrospektiv schließlich in subjektivierender Perspektive als eine belastende
Auflösung sinnstiftender zeitlicher, räumlicher und sozialer Orientierungsmuster und persönliches
Scheitern
6
:
„Wenn ich einfach allein dagesessen bin und nicht gewusst hab, was ich mit mir an-
fangen soll. Ähm... das war dann auch einfach irgendwie... so bisschen n Ausdruck von
Einsamkeit bei mir einfach... Und es klingt jetzt blöd, aber ich bin sogar ab und zu ge-
fragt worden, ob ich irgendwas machen will, von Freunden oder... ich hab mich ein-
fach selber nicht aufraffen können. Weil ich... weil ich einfach... das Gefühl gehabt hab,
als hätt ichs nicht verdient. (Klinnert 2019, S. 79)
Vom Umgang mit der eigenen Gesundheit
Prekäre Lebenslagen sind durch eine kausale Verkettung von psychischer Belastung und Ohnmachts-
empfinden gekennzeichnet. Kompensatorische Handlungen dienen Menschen in krisenhaften Phasen
6
Für eine weiterführende Diskussion der subjektivierenden Deutung (arbeits-)biografischer Krisenerfahrungen siehe
Thanner (2019).
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daher umso mehr als Ausgleichsventile und erfüllen eine psychologische Belohnungsfunktion, die der
Lebenskontext anderweitig nicht hergibt. Spezifische Lebensmittel wie Fast Food erfahren oft emotio-
nale Aufwertung.
Signifikant zeigte sich in den Interviews die häufige Thematisierung der mentalen Gesundheit im
Rahmen von psychischen Überlastungserscheinungen und Depressionen. Damit verwiesen die Fall-
studien auf eine verkörperte Dimension der Prekarität: Die Interaktionspartner*innen berichteten
auffallend oft von starken Stimmungsschwankungen, von Befindlichkeitsauf- und abwärtsspiralen.
Dieser Befund spiegelte die enge Verzahnung psychischer Belastung und Ohnmachtsempfindungen
mit einer Kompensation durch Essen und vor allem auch Trinken. Diese Problemlage war den Befrag-
ten durchaus bewusst, und markant sind die kritischen Selbstreflexionen über den problematischen
Umgang mit der eigenen Gesundheit und die subjektive Körperwahrnehmung vor dem Hintergrund
der prekären Lebensumstände.
Martina Klausner (2016, S. 126) verweist im Rahmen ihrer Feldforschung im psychiatrischen Ver-
sorgungssystem Berlins auf die „Rolle [der] Körperlichkeit im Erleben psychischer Erkrankung [...] und
wie Körper an der (Wieder-)Herstellung psychischer In/Stabilität partizipieren“.
Wenn etwa die Einnahme von Psychopharmaka auf den Ernährungsalltag zurückwirkte, wenn es zu
Essattacken mit Kontrollverlust oder zum Ausbleiben jeglichen Hungergefühls kam, zeigte sich die
verkörperlichte Dimension besonders deutlich; nicht selten kreisten die Erzählungen der Befragten
dabei auch um Reflexionen über das eigene Körperbild. So berichtet etwa auch Michael von den Aus-
wirkungen von Psychopharmaka auf seine Ernährungsroutine: „Ich hab dann angefangen auch, dass
ich Tabletten nehme und so ... Antidepressiva ... als ich die am Anfang genommen hab, hab ich einfach
kein Hunger gehabt, wenn ich aber dann gegessen hab, hab ich nicht mehr aufhören können
(Klinnert 2019, S. 81).
Gerade in prekären Lebenslagen besteht eine deutliche Verbindung zwischen der subjektiven
Wahrnehmung und Verarbeitung der eigenen Lebensumstände sowie dem Oszillieren zwischen Ein-
sicht und entgegengesetztem Handeln. Eine als signifikant ungesunde Ernährungspraxis ging dabei
häufig mit der Einsicht in dieses selbstschädigende Handeln einher, ohne dass ernsthafte Anstrengun-
gen unternommen wurden, das eigene Verhalten zu ändern.
Fazit und Ausblick
Diese erste empirische Exploration des Wechselverhältnisses von Prekarität und Ernährung ermöglicht
eine exemplarische Tiefensicht auf das narrative Bedingungsgefüge, das beim Sprechen über die Pre-
karität und den Komplex der Ernährung hervortritt. Zu Beginn des Jahres 2021 und damit auf einem
Höhepunkt der Corona-Krise, die sich zunehmend als Katalysator einer tiefgreifenden Gesellschafts-
transformation herausschält, deutet einiges darauf hin, dass nicht zuletzt ins Haus stehende ökonomi-
sche Verwerfungen zu einer weiteren Öffnung der ökonomischen Schere und damit zu einer massiven
Erhöhung des Anteils prekär lebender Menschen führen dürfte. Damit drohen Deutschland Armuts-
realitäten, die in den stärker neoliberal geprägten Gesellschaften wie etwa den USA oder Großbritan-
niens heute schon existieren.
Einige Tendenzen der Änderungen der Essalltage deuten sich dabei schon jetzt an: Der seit dem
letzten Drittel des 20. Jahrhunderts ungebrochene Trend zur Ausweitung des Außer-Haus-Verzehrs
flacht ab und kehrt sich um. Wenn aber die Möglichkeit des Verzehrs im öffentlichen Raum abnimmt,
fallen für viele prekär Lebende nicht nur Orte des Verzehrs, sondern auch der akzeptierten Interaktion
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und Kommunikation weg, was Marginalisierungstendenzen ebenso wie Krisenempfinden und Isolati-
onserfahrungen exponentiell verstärkt. Zudem ist mittelfristig nicht zuletzt vor dem Hintergrund der
Erderwärmung und nicht in erforderlichem Maße steigender globaler Ernteerträge mit steigenden
Lebensmittelpreisen zu rechnen, was für Menschen mit geringem Budget wie ein Brandbeschleuniger
der Armutsverstärkung wirkt und die Tendenz zum preissensiblen Kauf energiedichter, hochkalori-
scher und ungesunder Lebensmittel verstärken dürfte.
Letztendlich gilt es auch jenes Argument verstärkt zu berücksichtigen, das Silke Meyer 2015 in die
Diskussion geworfen hatte: „Die Situiertheit und Anthropogenität von Knappheit in den Blick zu neh-
men, bedeutet auch, Akteur/innen nicht auf diese zu reduzieren.“ (Meyer 2015, S. 178). Der Aspekt der
mentalen Verfasstheit hat in den Fallstudien nicht selten Fragen nach der Ernährungsgesundheit, der
Verzehrsituation und der Mahlzeitenchronologien überlagert, und zwar unabhängig vom zur Verfü-
gung stehenden finanziellen Budget. Damit erweist sich die Qualität der sozial geformten und wahr-
genommenen Ernährungspraxis als komplexer kulturell-stofflicher Akt und hochaktuelles interdiszip-
linäres Forschungsfeld.
Literatur
Barlösius, Eva, Elfriede Feichtinger, und Barbara Köhler (Hrsg.). 1995. Ernährung in der Armut.
Gesundheitliche, soziale und kulturelle Folgen in der Bundesrepublik Deutschland. Berlin: Ed. Sigma.
Claus, Lisa, und Nadine Schuller. 2019. Feldzugang, Methoden und Herausforderungen eines studentischen
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Book
Prekäre Lebensverhältnisse, tiefgreifende Verunsicherung und brüchige Lebensläufe sind meist eng miteinander verzahnt. Heute prägen diese Faktoren den Alltag weiter Bevölkerungsteile. Gerade das soziale Totalphänomen Ernährung erweist sich als fruchtbarer Zugang zu ihrer Erforschung, denn es steht mit der Prekarität in einem Wechselverhältnis. Im Rahmen von zehn Fallstudien ergründet der Sammelband die subjektive Verarbeitung von Prekarität im Spiegel qualitativer Interviews. Die Innensichten der Akteure geben Aufschluss über den Umgang mit finanzieller Armut, (arbeits-)biografischen Krisenerfahrungen, Planungsunsicherheit und psychischen Belastungssituationen. Das Erzählen über die Ernährung dient dabei als alltagsnaher Indikator subjektiver Verarbeitungsweisen und ihrer narrativen Vermittlung vor dem Hintergrund historisch gewachsener Leitbilder. Auf diese Weise wird nicht zuletzt vor allem auch die Heterogenität prekärer Lebenslagen ins Visier genommen.
Chapter
In der Zusammenschau der im Band „Prekäre Lebenswelten im Prisma der Ernährung“ versammelten Fallstudien, so lässt sich resümieren, erweist sich das Erzählen über den Komplex Ernährung – von den Wünschen über die Planung und den Einkauf – bis zum Verzehr als operabler und nicht zuletzt auch sehr alltagsnaher Indikator der Konstruktion von und des Umgangs mit Prekarität. In den eng miteinander verwobenen Deutungs- und Wahrnehmungsweisen von Unsicherheit, finanzieller Armut und biografischen Krisenerfahrungen im Lebenszusammenhang kristallisiert sich eine hohe Verflechtung und wechselseitige Beeinflussung von Prekarität und Ernährung sowie der sie prägenden Konstanten heraus. Der Artikel unterzieht die Befunde zum Verhältnis von Prekarität und Ernährung einer abschließenden Reflexion, welche wesentliche Grundlinien wiederkehrender Aspekte darlegt und damit nicht zuletzt auch plurale Bezüge zu unterschiedlichen kulturwissenschaftlichen Erkenntnisinteressen und Perspektiven aufzeigt.
Article
In der aktuellen öffentlichen Armutsdiskussion werden die Zusammenhänge von Armut, Ernährung und Gesundheit so gut wie kaum thematisiert. Die für Problemstellungen und Fragen der Ernährung und Gesundheit verantwortlichen Disziplinen der Ernährungswissenschaft und Gesundheitsforschung haben zunächst unabhängig voneinander damit begonnen, sich damit auseinander zu setzen. In der Ernährungsforschung ist es Dank einer von der Arbeitsgemeinschaft für Ernährungsverhalten (AGEV e. V.) durchgeführten Tagungzum Thema „Ernährung in der Armut. Gesundheitliche, soziale und kulturelle Folgen in der Bundesrepublik Deutschland“ gelungen, über die hierzu erarbeiteten Publikationen von Barlösius, Feichtinger und Köhler (1995) eine multidisziplinäre Auseinandersetzung in Gang zu setzen. Ihre bisherigen Ergebnisse und Forschungsdefizite sowie erste Befunde, dieim Rahmen einer eigenen qualitativen Untersuchung erzielt wurden, werden vorgestellt und erörtert. In the recent public discussion about poverty the relationship between poverty, nutrition and health is neglected. The disciplines within the nutritional sciences and public health research, which deal with problems and questions concerning nutrition and health started to concern themselves with this topic each by themselves. Since the congress„ Poverty and Food in welfare societies “organized by the„ Working Association for Nutrition Behaviour (AGEV e. V.) and the following publications by Barlösius, Feichtinger and Kohler, an interdisciplinary discussion within the nutrition research has started. The results till now, research deficits and first findings based on an own qualitative study are presented and discussed.
und Barbara Köhler (Hrsg.). 1995. Ernährung in der Armut
  • Eva Barlösius
  • Elfriede Feichtinger
Barlösius, Eva, Elfriede Feichtinger, und Barbara Köhler (Hrsg.). 1995. Ernährung in der Armut.
Feldzugang, Methoden und Herausforderungen eines studentischen Forschungsprojekts -ein Erfahrungsbericht
  • Lisa Claus
  • Nadine Schuller
Claus, Lisa, und Nadine Schuller. 2019. Feldzugang, Methoden und Herausforderungen eines studentischen Forschungsprojekts -ein Erfahrungsbericht. In Prekäre Lebenswelten im Prisma der Ernährung. Hrsg.
Ein Versuch über unsichere Beschäftigung und männliche Herrschaft in nachfordistischen Arbeitsgesellschaften
  • Klaus Dörre
Dörre, Klaus. 2007. Prekarisierung und Geschlecht. Ein Versuch über unsichere Beschäftigung und männliche Herrschaft in nachfordistischen Arbeitsgesellschaften. In Arbeit und Geschlecht im Umbruch der modernen Gesellschaft. Forschung im Dialog. Geschlecht & Gesellschaft, Bd. 40, 1. Aufl., Hrsg. Brigitte Aulenbacher, Maria Funder, Heike Jacobsen und Susanne Völker, 285-301. Wiesbaden: VS Verl. für Sozialwiss.
Auswirkungen prekärer Lebenslagen auf die Ernährungsweise im Spannungsfeld von Arbeits-und Wohnungslosigkeit
  • Lisa Eiermann
Eiermann, Lisa. 2019. Auswirkungen prekärer Lebenslagen auf die Ernährungsweise im Spannungsfeld von Arbeits-und Wohnungslosigkeit. In Prekäre Lebenswelten im Prisma der Ernährung. Hrsg. Gunther Hirschfelder und Sarah Thanner, 93-111. Münster, New York: Waxmann.
Die Bibliographie Armut und Ernährung
  • Elfriede Feichtinger
  • M Barbara
  • Köhler
Feichtinger, Elfriede, und Barbara M. Köhler. 1998. Die Bibliographie Armut und Ernährung. Eine Einleitung.