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Professionelle polizeiliche Kommunikation: sich verstehen

Authors:
  • Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung Nordrhein-Westfalen

Abstract and Figures

Zusammenfassung Auch wenn, einem Bonmot Watzlawicks folgend, nicht nicht kommuniziert werden kann, kann Kommunikation gleichwohl mehr oder weniger viel Aufmerksamkeit zuteilwerden. In den modernen Sozialwissenschaften ist Kommunikation längst theoretisch und empirisch zum Schlüsselelement komplexitätsangemessener Beschreibungen und Erklärungen moderner Gesellschaftsvollzüge avanciert. In der modernen Polizeiarbeit hat der aktuelle Wissensbestand zur Kommunikation diesen Anspruch noch nicht erreicht. Der Beitrag setzt hier an, indem er polizeiliche Kommunikation als zentrales Medium von Polizei-Bürger*innen-Interaktionen pragmatistisch modelliert. Demensprechend hat die Polizei in ihrer Kommunikation dem der Öffentlichkeit geschuldeten Maß an Professionalität gerecht zu werden. Diese, so unser zentrales Argument, zeigt sich als Kontrolle durch Einsicht in potenziell „blinde Flecken“ polizeilicher Kommunikation.
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ÜBERSICHT
https://doi.org/10.1007/s11757-021-00684-7
Forens Psychiatr Psychol Kriminol (2021) 15:345–354
Professionelle polizeiliche Kommunikation: sich verstehen
Mario S. Staller1·SwenKoerner
2·BenjaminZaiser
3
Eingegangen: 29. Juli 2021 / Angenommen: 17. September 2021 / Online publiziert: 7. Oktober 2021
© Der/die Autor(en) 2021
Zusammenfassung
Auch wenn, einem Bonmot Watzlawicks folgend, nicht nicht kommuniziert werden kann, kann Kommunikation gleichwohl
mehr oder weniger viel Aufmerksamkeit zuteilwerden. In den modernen Sozialwissenschaften ist Kommunikation längst
theoretisch und empirisch zum Schlüsselelement komplexitätsangemessener Beschreibungen und Erklärungen moderner
Gesellschaftsvollzüge avanciert. In der modernen Polizeiarbeit hat der aktuelle Wissensbestand zur Kommunikation diesen
Anspruch noch nicht erreicht. Der Beitrag setzt hier an, indem er polizeiliche Kommunikation als zentrales Medium von
Polizei-Bürger*innen-Interaktionen pragmatistisch modelliert. Demensprechend hat die Polizei in ihrer Kommunikation
dem der Öffentlichkeit geschuldeten Maß an Professionalität gerecht zu werden. Diese, so unser zentrales Argument, zeigt
sich als Kontrolle durch Einsicht in potenziell „blinde Flecken“ polizeilicher Kommunikation.
Schlüsselwörter Systemische Kommunikation · Professionalität · Reflexivität · Gewalthandeln ·
Polizei-Bürger*innen-Interaktion
Reective communication for a professional police
Abstract
According to Watzlawick (2017), one cannot not communicate (p. 59). However, when humans interact, they are not
always aware of the way they communicate with each other. Interpersonal communication has a broad theoretical and
empirical foundation in modern social scientific literature, which reflects its complexity as a concept at the center of
our understanding of social practice. In police sciences and the study of law enforcement, communication has not yet
been examined and acknowledged at that level. To address this shortfall, this contribution presents a pragmatic argument
to understand interpersonal communication at the center of all police-citizen encounters. As a consequence, the public
can expect police to be aware of the crucial impact their communication has and perform at a level of corresponding
professionalism.
Keywords Systemic communication · Professionality · Reflexivity · Violent action · Police-Citizen-Interaction
Prof. Dr. mult. Mario S. Staller
mario.staller@hspv.nrw.de
1Fachbereich Polizei, Hochschule für Polizei und öffentliche
Verwaltung Nordrhein-Westfalen, Aachen, Deutschland
2Abteilung für Trainingspädagogik und Martial Research,
Deutsche Sporthochschule Köln, Köln, Deutschland
3Department of Psychological Sciences, University of
Liverpool, Liverpool, Großbritannien
Einleitung
Kommunikation ist eine Herausforderung. Insbesonde-
re Angehörige von Berufen, in denen das Bewältigen
von Konflikten Teil der Profession ist, sehen sich Kom-
munizierende der Herausforderung gegenüber, sich als
Anwender*in die entscheidenden Theorien und Modelle
anzueignen. Dies wiederum setzt Aus- und Fortbildungs-
sowie Trainingsstrukturen innerhalb der beruflichen Praxen
unter Druck: Welches Modell soll vermittelt werden? Sind
die 4 Von-Thun’schen-Ohren (von Thun 1981) wichtiger als
das Treppenstufenmodell von Vecchi (Vecchi et al. 2005,
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2019) oder die Kommunikationsaxiome von Watzlawick
(Watzlawick et al. 1967)? Wie steht es um die gewaltfreie
Kommunikation (Rosenberg 2003), das aktive Zuhören
(Rogers und Farson 1957), die Validation (Feil 1989) oder
um die Transaktionsanalyse (Berne 1961)? Welche dar-
unterliegenden Konzeptionen von Kommunikation sollen
Anwendung finden? Liegt der Fokus auf verbaler Kommu-
nikation oder finden Handlungen – wie Gewalthandeln bei
der Polizei – auch Eingang in die Betrachtung (Koerner und
Staller 2021a). Wird das darunterliegende Verständnis von
Luhmanns systemtheoretischer Kommunikationstheorie
(Luhmann 1981), dem kommunikativen Konstruktivismus
(Reichertz 2010,2020) oder sozialpsychologischen Sen-
der-Empfänger-Modellen (für einen Überblick: Krauss und
Fussell 1996) getragen? Und wie verhält es sich mit der
Übertragung in die Handlungspraxis? Welche Handlungs-
empfehlungen werden gegeben? Was könnte wie in welcher
Situation wie kommuniziert werden, um das beabsichtigte
Ergebnis zu erreichen?
Die Anwendungspraxis weist auf mehrere Problematiken
hin: Reibungs- und Transferverluste zwischen Inhalten der
kommunikationstheoretischen Literatur und dem polizeili-
chen Einsatztraining (Hermanutz und Spöcker 2012)so-
wie zwischen Einsatztraining und Einsatzfall (Staller et al.
2021b). Interessanterweise erwähnten Polizist*innen, die
danach gefragt wurden, was in Konfliktsituationen gut funk-
tioniert und was nicht, keine Kommunikationstheorien oder
-modelle (Staller et al. 2021b). Insofern stellt sich die Fra-
ge, ob und ggf. inwieweit Kommunikationstheorien und
-modelle einen Unterschied in der polizeilichen Praxis ma-
chen. Wirkungsstudien dazu sind uns nicht bekannt. Den-
noch weisen empirische Befunde weltweit – so auch in
Deutschland – auf Problematiken in der sozialen Interakti-
on sowie in der Konfliktbearbeitung mit Bürger*innen hin
(Boxer et al. 2021). Dies deutet auf eine Kluft zwischen mo-
delltheoretischer Lehre, zumeist in psychologischen Lehr-
veranstaltungen von Polizeianwärter*innen, und dem An-
wendungsfall in der Praxis bzw. in der Einsatzsituation hin
(Staller und Koerner 2021d).
Die Ausdifferenzierung der Forschung mit spezifisch
relevanten Fragestellungen sowie praktischen Modellen,
Empfehlungen und Techniken, die Kommunikation zum
Thema haben, lässt das Thema immer komplexer erschei-
nen – und nähert sich vermutlich damit der Realität des Ge-
genstandes an: Kommunikation als komplexes Phänomen.
Der Markt der (Modell-, Theorie- und Technik-)Möglich-
keiten scheint schier unbegrenzt. Das Treffen einer Auswahl
für den professionellen Trainings- oder Schulungsprozess –
aber auch in der Anwendung – ist final. Abhängig von dem,
was ausgewählt wird, werden andere Möglichkeiten ausge-
schlossen und geraten damit – auch in der Anwendung –
aus dem Blick. Gleiches gilt auch für den Fokus in Bezug
auf die vermittelte Kommunikationstheorie, das Kommu-
nikationsmodell oder die Kommunikationstechnik per se:
Die Betrachtung von dem, was stattfindet (Kommunikati-
on), lässt die Produktion eben dieser aus dem Blick geraten.
In dieser Hinsicht kommt der polizeilichen Aus- und Fort-
bildung damit eine wichtige Funktion zu. Sie soll über
deklarative Wissensstrukturen Reflexivität ermöglichen
und so zu einer professionellen Polizeiarbeit beitragen. Bei
der Auswahl dieser Wissensbestände entsteht allerdings
notwendigerweise ein Ausschlussbereich, der seinerseits
selbst Reflexivität – und damit zuerst Beobachtung – er-
fordert. Die Auswahl bestimmter Wissensbestände schließt
stets die Vermittlung anderer Wissensbestände aus. In Be-
zug auf kommunikatives Handeln stellt sich entsprechend
die Frage: Was könnte über Kommunikation kommuniziert
werden, das die Problemlösung in der beruflichen Praxis
unterstützen könnte? Hierin besteht der Ausgangspunkt
unserer Überlegungen.
Ausgehend von einer systemtheoretischen Modellierung
polizeilicher Kommunikation, nehmen wir unter Augen-
merk auf die in der Praxis prävalenten Probleme 6 blinde
Flecken in den Blick. Diese können in allgemein formulier-
ten Kommunikationstheorien und -modellen aufgrund ihres
Abstands zum Forschungsgegenstandes (Polizieren) nicht
in den Blick genommen werden. Die Bearbeitung dieser
blinden Flecken qualifizieren wir als professionelle polizei-
liche Kommunikation.
Polizeiliche Kommunikation
In Übereinstimmung mit der Theorie moderner sozialer
Systeme (Luhmann 1990) und in struktureller Analogie zu
pädagogischer Kommunikation in Lehr-Lern-Settings (Ka-
de 2004; Körner und Staller 2018) identifizieren wir Kom-
munikation als elementares Ereignis polizeilicher Einsatzsi-
tuationen (Koerner und Staller 2021a; Luhmann 1990). Wir
verzichten an dieser Stelle auf eine komplizierte Diskussi-
on zur Beziehung der Systemtheorie zum Menschen als
individuellen Akteur (für eine Zusammenfassung: Körner
2017). Stattdessen nutzen wir die Systemtheorie als heu-
ristische Grundlage für eine pragmatistische Modellierung
(Rorty 2003)polizeilicher Kommunikation. Kommunikati-
on besteht dabei aus einer dreistelligen Selektion: der Aus-
wahl einer Information (1) sowie einer Mitteilungsform auf-
seiten des alter (2) sowie einer Anschlussselektion aufsei-
ten des ego (3) (die ihrerseits Mitteilung einer Information
ist). Kommunikation phänomenalisiert sich letztlich über
Mitteilung (Luhmann 1995), indem sie als verbale und kör-
perliche Äußerung in Erscheinung tritt. In der polizeilichen
Kommunikation kommen dabei verschiedene Dimensionen
zum Tragen.
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1. Der Prozess der polizeilichen Kommunikation wird
durch zwei Prämissen untermauert. Er geht (a) von einer
Asymmetrie kommunikativer Voraussetzungen aus. Je-
mand (alter) verfügt über Durchsetzungskönnen mittels
legitimierter Gewalt, während die andere Seite (ego)dies
nicht kann. Weiterhin geht polizeiliche Kommunikati-
on (b) von der Annahme eines Veränderungspotenzials
aus: etwas am Verhalten des ego ist nicht so, wie es sein
sollte, aber sein könnte. Die Umsetzung des individuel-
len Potenzials in die Realität, eine Verhaltensanpassung
durch ego, ist ein wesentliches Ziel polizeilicher Kom-
munikation.
2. In der sozialen Dimension konstituiert sich polizeiliche
Kommunikation durch alter und ego, die als Interagieren-
de wechselseitig aufeinander bezogen sind und je nach
Perspektive entweder die Rolle von ego oder alter ein-
nehmen.
3. In der Sachdimension geht es in der polizeilichen Kom-
munikation um Informationen, die eine Problemlösung
ermöglichen sollen. An dieser Stelle erfolgt eine doppelte
Selektion durch das alter: Welche Information soll mit-
geteilt werden (dies/nicht das), und wie soll diese mitge-
teilt werden (mündlich, schriftlich, gestisch, mit Gewalt-
einsatz, mit Lautsprecher, über Social Media etc.)?
4. In der zeitlichen Dimension konstituiert sich polizeiliche
Kommunikation durch zwei aufeinander bezogene Ope-
rationen: Mitteilung von Information (durch alter) und
Anschlusshandeln (z.B. Aneignung) durch ego.
5. Polizeiliche Kommunikation findet im gesamtgesell-
schaftlichen Kontext statt. Die Gesellschaft ist Voraus-
Abb. 1 Modell polizeilicher Kommunikation
setzung und Folge zugleich: Voraussetzung, da Um-
gangsweisen gesellschaftlich eingeübt und verbürgt sind,
und Folge, da sich die Gesellschaft immer wieder aufs
Neue durch Kommunikation gestaltet und reproduziert
(Abb. 1).
Polizeiliche Kommunikation findet in unterschiedlichen
zeitlichen und räumlichen Kontexten statt: in einer spezi-
fischen Situation in einer Begegnung zwischen Bürger*in
und Polizist*in, in polizeilichen Gruppenlagen sowie zwi-
schen der Polizei als Institution und der Zivilgesellschaft
als Ganzes.
Die Polizei sieht sich in der jüngsten Zeit einer beson-
ders durch mobile Videoaufnahmen ermöglichten öffentlich
diskutierten Kritik ausgesetzt (Schuck 2019), die internatio-
nal auch seitens der Wissenschaft erhöhter Aufmerksamkeit
ausgesetzt ist (Bennell et al. 2021; Boxer et al. 2021). Im
Ergebnis weisen Befunde auf eine teilweise deprofessiona-
lisierte polizeiliche Kommunikation hin (für eine Übersicht:
Boxer et al. 2021).
Deprofessionalisiert verstehen wir als Gegenpol zu ei-
ner ausgeübten Professionalität, die wir als berufsförmige,
gesetzlich mandatierte und berufsethisch reflektierte Aus-
übung einer Tätigkeit von essenzieller gesellschaftlicher
Bedeutung verstehen (Werner 2019). Befunde aus der po-
lizeilichen Praxis weisen allerdings auf systematische Pro-
bleme in Bezug auf das Umsetzen einer reflexiven Sicht-
weise auf das eigene Handeln hin.
Eine professionelle polizeiliche Kommunikation ist sich
der Tatsache bewusst, dass das Einnehmen einer bestimm-
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ten Perspektive notwendigerweise blinde Flecken mit sich
bringt. Professionelle polizeiliche Kommunikation qualifi-
ziert sich durch die Reflexion auf ebensolche, fallweise auf-
tretenden Ausschlussbereiche, die das Sehen ermöglichen,
aber im Moment des Sehens selbst nicht beobachtet wer-
den können (Staller und Koerner 2021a). Aus praktischer
Perspektive gilt es folglich, die aktuellen blinden Flecken
aufzuzeigen und einer systematischen Bearbeitung zuzu-
führen. In Bezug auf professionelle polizeiliche Kommuni-
kation identifizieren wir ohne Anspruch auf Vollständigkeit
die nachfolgenden „blinden Flecken“.
Blinder Fleck 1: Kommunikation und
Entscheidungsverhalten
Kommunikation ist funktional, insofern bestimmt werden
kann, welches Problem sie löst. In beruflichen Kontexten,
so auch in der Polizei, dient sie häufig dazu, Probleme zu lö-
sen, wie z. B. konfliktgeladene Situationen zu deeskalieren,
Maßnahmen zu erklären und durchzusetzen, im Rahmen
von Großereignissen zu informieren oder Strategien mitzu-
teilen und zu begründen. Mit anderen Worten: Es existiert
eine klare Problemstellung, die mithilfe von Kommunikati-
on bearbeitet werden soll. Hier werden zwei Aspekte deut-
lich:
Erstens, die Funktionalität der Kommunikation in Be-
zug auf Handlungsprobleme (Reichertz 2020): „Kommuni-
kation existiert nicht deshalb, damit Menschen ihr Inners-
tes einem Gegenüber möglichst genau übermitteln können,
sondern Kommunikation dient der Lösung von Handlungs-
problemen und der Handlungskoordinierung“ (S. 21). Al-
lerdings stellt sich dieses „Bewirken“ nicht immer einfach
dar. Die der Kommunikation innewohnenden Unsicherhei-
ten hängen zum einen mit den unterschiedlichen Erwartun-
gen und Wünschen von Kommunikationssteilnehmer*innen
zusammen, zum anderen mit der prinzipiellen Möglich-
keit des Nichtverstehens: (a) in Bezug auf das Nichttei-
len von Geltungsansprüchen gewisser Normvorstellungen
und (b) in Bezug auf die angewandten kommunikativen
Akte (Reichertz 2010). Zweitens, dieses Bewirken, wenn-
gleich mit Unsicherheiten behaftet, stellt eine Utilisierung
der Kommunikation durch alter dar, um die oben bespro-
chene Problemlösung zu erreichen. Damit wird ein Aspekt
polizeilicher Kommunikation deutlich, der eine weitere Un-
sicherheit aufweist: Die Selektionen der Kommunikation
(pragmatistisch – aber systemtheoretisch nicht korrekt for-
muliert: die kommunikativen Handlungen) sind Entschei-
dungsprozesse und damit dem menschlichen Urteils- und
Entscheidungsverhalten unterworfen – und als solche kog-
nitiven Verzerrungen und Fehlurteilen ausgesetzt.
Polizeiliches Verhalten – und damit Kommunikation
(s. Abschn. „Blinder Fleck 3“) – in Interaktions- und Kon-
fliktsituationen ist unterschiedlichen kognitiven Verzerrun-
gen und Fehlurteilen unterworfen (ausführlich: Staller et al.
2021f). Das Problem hierbei scheint die Verwobenheit von
Verzerrungen und kognitiven Fehlschlüssen auf individuel-
ler als auch organisationaler Ebene, welche sich Gegensei-
tig stabilisieren und eine reflexive Bearbeitung erschweren.
Fehlschlüsse über die Natur der kognitiven Fehlschlüsse
erschweren deren Erkennung und Bearbeitung, während
diese gleichzeitig wieder Fehlschlüsse bestärken. Im Kern
führt dies dazu, dass menschliches, in Organisationen ein-
gebettetes Entscheidungsverhalten massiven Fehlurteilen
unterliegt, denen es strukturell zu begegnen gilt. Kommu-
nikation als auf Entscheidungen basierende Prozesse ist
damit genauso diesen Fehlurteilen unterworfen.
Professionelle Polizeiliche Kommunikation ist sich den
sie beeinflussenden kognitiven Verzerrungen und Fehlurtei-
len bewusst.
Blinder Fleck 2: lineare Kausalitäten und kausaler
Durchgriff
Polizei-Bürger*innen-Interaktionen sind ein hochkomple-
xes Phänomen. Die stattfindende polizeiliche Kommuni-
kation ist dabei geprägt von einer hochgradig komplexen
Interaktion der beteiligten, aber füreinander auf der Ebene
des Bewusstseins operativ unerreichbaren Systeme (alter,
ego, Interaktion). Daraus folgt, dass die Mitteilung einer
Information nicht automatisch zu Verständnis und Annah-
me führt und damit kein kausaler Durchgriff seitens alter
auf ego möglich ist.
Die Problematik wurde für das schulische Unterrichten
von Luhmann und Schorr (Luhmann und Schorr 1982)als
„Technologiedefizit“ beschrieben. Es gibt eben in sozialen
Interaktionen nicht die einfache Technologie wie in ande-
ren Bereichen menschlichen Schaffens (Computertechnik,
Mechanik, Pharmazie, etc.), die wie eine App, ein Knopf
oder eine Pille planmäßig zum gewünschten Ergebnis führt.
Für das polizeiliche Einsatzhandeln legen Analysen nahe,
dass das inhärente Technologiedefzit über eine Kompensa-
tion durch finalisiertes Wissen bearbeitet wird: der kausale
Durchgriff über „kausale Mechanismen“ (Kern 2017, S. 56)
wie sie beispielsweise in polizeilicher Kommunikationsli-
teratur vermittelt werden (Kern 2017): „Von der Senderin
bzw. vom Sender wird die Wirkung auf die Empfängerin
oder den Empfänger wahrgenommen. Es kommt demnach
zu Rückkoppelungen, weil sich die sendende Person selbst
je nachdem, ob es ihr gelungen ist, die gewollten kommuni-
kativen Ziele durchzusetzen, beispielsweise als kompetent
oder inkompetent erlebt“ (S. 56).
In Bezug auf das Konfliktlösungsverhalten wird im Rah-
men der Konstruktion der „aggressiven Polizeimännlich-
keit“ (Seidensticker 2021) die körperliche Überlegenheit
von Männern zur Reduktion der Komplexität sozialer Kon-
fliktprozesse herangezogen. Wer stärker ist, kann den Kon-
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Professionelle polizeiliche Kommunikation: sich verstehen 349
flikt leichter lösen. Die Konstruktion derartiger kausaler Zu-
sammenhänge trägt maßgeblich dazu bei, Konflikte leichter
deut- und bearbeitbarer zu machen.
Im Kontrast dazu beschreibt eine komplexitätstheoreti-
sche Sichtweise (Luhmann 1984) Kommunikation als Se-
lektionsprozesse auf verschiedenen Ebenen (Information,
Mitteilung, Verstehen), welche im Einklang miteinander
und simultan von alter und ego bezogen aufeinander durch-
geführt werden. Welche Selektionen von wem nach wel-
chen Relevanzkriterien durchgeführt werden, ist nicht ab-
solut vorhersehbar.
Auch tradierte Einsatzmodelle legen einen linearen
Kausalzusammenhang im polizeilichen Kommunikations-
verhalten nahe (Bernt und Kuhleber 1991), der auch noch so
in der polizeilichen Bildungspraxis gelehrt wird. Das neu
entwickelte Gewaltreduzierende Einsatzmodell (GeredE;
Staller et al. 2021e) nimmt diese komplexitätstheoreti-
schen Überlegungen ernst und verwehrt sich einer linear-
kausalen Sichtweise. Der Umgang mit Komplexitätsbedin-
gungen erfordert eine andere Logik: Anstelle eines kausalen
Durchgriffs steht eine probabilistische Möglichkeit der Ein-
flussnahme über die Gestaltung der Kommunikation. Die
Orientierung an variablen Faktoren und Ereignissen so-
wie das Nutzen von situationsrelativen Kausalplänen steht
anstelle vorgefertigter Handlungsmuster, die sich durch
Abstrahierung individuellen Kontexten entziehen.
Der Wunsch nach linear-kausalen Denkmodellen ist
nachvollziehbar: Sie vermitteln Kontrolle. Wenn A, dann B.
Sofern also A, ist das Ergebnis (B) kontrollierbar. Das hat
einen intuitiven Anziehungscharakter. Die Logik von kom-
plexen Systemen ist weniger intuitiv. Es stellt sich ein
wahrgenommener Kontrollverlust ein. Und gerade Studien
in Bezug auf polizeiliche Stressoren weisen auf Unsicher-
heit und Kontrollverlust als Stressoren polizeilicher Praxis
hin (Frenkel et al. 2020,2021).
Komplexitätsorientierte Denkmodelle haben einen an-
deren Kontrollmechanismus: Einsicht (Nassehi und Saa-
ke 2002). Einsicht wie die Dinge zueinanderstehen, wel-
che Faktoren und Variablen Einfluss auf bestimmte Effekte
haben. Und Einsicht in die kontingente Natur der Dinge:
dass es so ist, wie es ist – aber auch anders sein könn-
te (Körner 2009; Staller und Koerner 2021b). Dies erfor-
dert entsprechend umfängliche Wissensstrukturen (Berkes
und Berkes 2009) und ein reflektiertes Herangehen an Pro-
blemstellungen der täglichen Praxis (Schön 1983), um die
Einsichten systematisch zu vergrößern. Für die polizeiliche
Kommunikation legt das GeredE (Staller et al. 2021e) eine
derartige Struktur dar: Anhand von 6 Wissensdimensionen
(Wer, Was, Wie, Selbst, Kontext, Planungs- und Reflexi-
onspraxis), die gleichsam als Reflexionspunkte für situative
Entscheidungen genutzt werden können, weist das Gere-
dE Bereiche aus, die den Verlauf der Kommunikation (und
darunter gefasst des Einsatzes) beeinflussen. Eine komple-
xitätsorientierte Herangehensweise an polizeiliche Kommu-
nikation ist sich dieser Abhängigkeiten bewusst, arbeitet an
tieferen Einsichten innerhalb der Dimensionen und ihren
Verbindungen und setzt die Einsichten situationsvariabel
begründet ein. Mit dem GeredE liegt damit ein Alternativ-
modell zu dem bisher sich in Vorschriften wiederfindenden
Deeskalierenden Einsatzmodell (Bernt und Kuhleber 1991;
Leitfaden 371 2011) vor, welches tendenziell von einer li-
nearen Kausallogik ausgeht (für eine ausführliche Kritik:
Staller et al. 2021e).
Professionelle Polizeiliche Kommunikation bedient sich
komplexitätsorientierter Logiken; ihr Kontrollmechanismus
ist Einsicht in die Prozesse.
Blinder Fleck 3: die Extension von Kommunikation
Was umfasst Kommunikation? Und wie wird sie in der Pra-
xis gelebt? Beobachtungen aus der Praxis zeigen (Staller
et al. 2019,2021c), dass Kommunikation in der polizei-
lichen Lehr- und Einsatzpraxis vergleichsweise begrenzt
aufgefasst wird: sowohl in der sachlichen als auch in der
kontextuellen Dimension.
Sachlich ist Kommunikation mehr als Reden. „Kom-
munikatives Handeln und Tun kann sprachliche Zeichen
benutzen, muss es aber nicht. Sprache ist nur ein Werk-
zeug von Kommunikation“ (Reichertz 2020,S.13).Was
kommunikationstheoretisch trivial klingt und in verschie-
denen Konzeptionen von Kommunikation zum Ausdruck
gebracht wurde1, stellt sich in der Praxis der polizeilichen
Handlungsempfehlungen anders dar: Auf der einen Seite
ist Kommunikation verbale Lösungsoption eines Konfliktes
oder Durchsetzungsstrategie einer Maßnahme, auf der an-
deren Seite ist sie Zwangshandeln mittels Gewalt (Koerner
und Staller 2021a). Auch polizeiliche Ausbildungscurricula
(z.B. NRW 2018) und praktische Einsatztrainings unterstüt-
zen diese Zwei-Welten-Lehre (Staller et al. 2019,2021c):
Kommunikation oder Zwangshandeln – oder wie eine aktu-
elle Publikation titelt: „Kommunikation statt Gewalt“ (Lorei
2021).
In Bezug auf die kontextuelle Einbettung von Kommuni-
kation zeigt sich der blinde Fleck in der isolierten Betrach-
tung einer Kommunikation zwischen Bürger*in und Polizei.
Kommunikation vollzieht sich im gesellschaftlichen Kon-
text und ist damit mehr als vor Ort und zeitlich begrenzt.
Zur Kommunikationssituation „gehört immer auch das Da-
vor und Danach und v.a. das Daneben – gerade weil Si-
tuationen oft eingebettet sind in andere Situationen, die pa-
1Z. B. „Man kann nicht nicht kommunizieren“ (Watzlawick et al.
1967) oder die systemtheoretische Konzeptionalisierung als Grundele-
ment jeglicher sozialer Praxis (Luhmann 1984), die in Lehrbüchern
zum polizeilichen Bachelorstudiums entsprechend gelehrt wird (Posch
&Werdes,2016).
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rallel verlaufen und mittels Medien miteinander gekoppelt
sind“ (Reichertz 2020, S. 17). Kommunikation findet in der
Tat in einem spezifischen zeitlichen und örtlichen Kontext
statt, der sich beispielsweise durch den tagesaktuellen Stand
des Vertrauens von Menschen einer spezifischen räumlichen
Gegend in die Polizei niederschlägt. Jedoch bedingen das
Davor, das Danach und das Daneben, wie die Kommunika-
tion gedeutet und interpretiert wird. Die Interaktion wirkt
als Kommunikation wieder zurück in die gesellschaftliche
Konstruktion der Realität. Die Analysen zu Clankriminali-
tät (Brauer et al. 2020) und dem Polizieren entlang räumli-
cher Einteilungen (Hunold et al. 2021) zeigen beispielhaft
und eindrucksvoll, wie die Polizei die Möglichkeit besitzt,
mittels „Kontrollpraktiken und Gewaltausübung“ (Hunold
et al. 2021, S. 22) Realitäten zu konstruieren. Durch diese
Art von Kommunikation werden aktiv raum- und gruppen-
bezogene Images gestaltetet, sodass eigene Erwartungen an
Menschen und potenzielle Täter*innen reproduziert werden
(Belina und Wehrheim 2011; Hunold et al. 2021). Eine lo-
kal und temporär begrenzte Polizeikontrolle entfaltet Wir-
kungsmacht in zeitlicher und räumlicher Dimension. Als
Kommunikation gestaltet sie gesellschaftliche Wirklichkei-
ten. Gerade hier zeigt sich auch die Wichtigkeit der Einbet-
tung einzelner Interaktionen in einen langfristigen Hand-
lungsplan, der über eine isolierte Einsatzbewältigung vor
Ort hinausgeht. Mit Blick auf eine gerechte und soziale
Gesellschaft halten wir es für normativ geboten, polizeili-
che Kommunikation im Handeln und Tun an einer gerech-
ten und sozialen Gesellschaft auszurichten (Staller et al.
2021e).
Professionelle Polizeiliche Kommunikation ist die Gänze
polizeilichen Interaktions(nicht)verhaltens.
Blinder Fleck 4: Kommunikation von Distanz
Der kommunikative Konstruktivismus (Keller et al. 2013;
Reichertz 2020) weist darauf hin, dass Kommunikation zwi-
schen alter und ego stets unter Anwesenheit eines Dritten
der Gesellschaft – stattfindet. Kommunikation hat damit
auch immer identitätsbildenden Charakter. Kommunikati-
ves Handeln ist „sowohl das Medium als auch der Ort, mit
dem und an dem Wissen geschaffen wird, und zwar Wissen
darüber, wer man selbst, wer der andere und was die Welt
für uns ist“ (Reichertz 2020, S. 23). In diesem Verständnis
ist Kommunikation die Basis gesellschaftlicher Wirklich-
keit und dient „nicht allein der Übermittlung (von Informa-
tionen), sondern v.a. der Vermittlung (sozialer Identität und
sozialer Ordnung“, Keller et al. 2013, S. 13).
Die Rekonstruktion aus dem, wie sich die gesellschaftli-
che Wirklichkeit für die Polizei teilweise darstellt (für Ana-
lysen: z.B. Behr 2019; Hunold 2019) lässt mehrere Tenden-
zen erkennen (die sicherlich einer weiteren Analyse bedür-
fen), welche uns Hinweise auf einen weiteren blinden Fleck
in der Kommunikation in spezifischen Situationen (die einer
akuten Problemlösung bedürfen) geben: das (Er-)Schaffen
von Distanz.
Studien und Analysen weisen darauf hin, dass die Dis-
tanz von Polizei und Zivilgesellschaft über die polizeiliche
Sozialisation größer wird (Behr 2018; Boivin et al. 2018;
Staller et al. 2021a). Die Folgen sind sichtbar.
Auf organisationaler Ebene zeigen sich die folgenden
Beispiele:
Stereotype und Vorurteile, die sich in polizeilichen Prak-
tiken (Abdul-Rahman et al. 2020;Behr2019) und orga-
nisatorischen Entwicklungen (Jimenez et al. 2020)nie-
derschlagen,
eine ansteigende Militarisierung, welche rigoroser Ana-
lysen bedarf, dennoch prima facie sichtbar ist (Kirsch
2017;Naplava2020),
Eigendynamik von extrem geschlossenen Systemen wie
beispielsweise Spezialeinsatzkommandos (Staller und
Koerner 2021c) und
eine durch das Machtgefälle zwischen Polizei und Bür-
ger*innen sich bekräftigende Sozialdistanz, die im hiesi-
gen Kontext eine Verfremdung der Polizei bedingt; diese
Verfremdung schlägt sich in erhöhter Anfälligkeit be-
stimmter Denkverzerrungen nieder, die eine weitere Ver-
fremdung und Erhöhung der Distanz mit sich bringt und
dadurch die polizeiliche Subkultur und das entsprechen-
de, oft bürgerskeptische Werteverständnis perpetuiert
(Magee und Smith 2013).
Eine psychosoziale Distanz zeigt sich auch in Interaktio-
nen im Einsatz und die Sichtweise darauf, beispielsweise
durch
das Verharren auf dem eigenen Standpunkt, wenn Ände-
rung der eigenen Position geboten wäre (Klukkert et al.
2008),
instrumentellen Charakter von perspektivenübernehmen-
den Gesprächstechniken („Dann fügt es sich besser unse-
ren Maßnahmen“) (Bernt und Kuhleber 1991),
das Verhalten im Umgang mit Menschen verschiedener
Gruppen: „people of color“ (Abdul-Rahman et al. 2020),
Menschen ohne Obdach (Kyprianides et al. 2020) oder
Menschen mit psychischen Erkrankungen (Finzen 2014).
Distanz ist in der Kommunikation der Polizei v. a. über
das Konzept der „Eigensicherung“ mit Sicherheit konno-
tiert (Koerner und Staller 2021b). Während in spezifischen
Situationen körperliche Distanz zielführend ist (aber nicht
ausschließlich), stellt sich auf psychologischer und gesell-
schaftlicher Ebene das Primat von Distanz weitaus proble-
matischer da. Der Kontrapart, Nähe und Kontakt,
ermöglicht den Abbau von Vorurteilen und Stereotypen
(Pettigrew 2016),
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Professionelle polizeiliche Kommunikation: sich verstehen 351
ermöglicht als implizite Basis von Kommunikationsmo-
dellen und -strategien eine empathische, perspektivenan-
nehmende, vorurteilsfreie Verbalkommunikation in Ein-
satz- und Krisensituationen (Vecchi et al. 2019;Zaiser
et al. 2021; Zaiser und Staller 2015) und
trägt zum Aufbau von Vertrauen und Zusammenhalt zwi-
schen Polizei und Zivilgesellschaft bei, was wiederum
nahhaltige Effekte auf die Polizeiarbeit positiv beein-
flusst (Giles et al. 1991).
Mit Fokus auf den blinden Fleck der Distanzkommunika-
tion gilt es, durch polizeiliche Kommunikation soziale Di-
stanzen zu verringern. Dies umfasst beispielsweise das Ver-
wenden einer inklusiven Sprache, den Einsatz gegen diskri-
minierende polizeiliche Praktiken (z. B. „racial und social
profiling“), das Einlassen und das aktive Aufsuchen der Er-
lebniswelt und Perspektiven anderer Menschen, Verwenden
von nichturteilender Kommunikation und vieles mehr. Die
Distanzverringerung ist ein wesentlicher Bestandteil einer
Polizeiarbeit, welche am Modell der Bürgerpolizei (Napla-
va 2020) ausgerichtet ist.
Professionelle polizeiliche Kommunikation verringert so-
ziale Distanzen.
Blinder Fleck 5: Kommunikationsasymmetrie in
Bezug auf die Erwartungshaltung
Jenseits der genannten Asymmetrie polizeilicher Kommuni-
kation (Option zur legitimierter Gewaltausübung und Ände-
rungswunsch) existiert eine weitere Asymmetrie zwischen
alter und ego, die für eine professionelle Kommunikation
notwendig ist.
Mit dem staatlichen Gewaltmonopol geht die Verantwor-
tung einher, die sich in unterschiedlichen Erwartungen und
auch in unterschiedlichen Kapazitäten widerspiegelt. Poli-
zist*innen sollten, im Sinne der langfristigen strategischen
Ausrichtung, über gewalt- und konfliktreduzierendes Wis-
sen und/oder Können verfügen. Dies schließt auch die Fä-
higkeit zu Optionen unmittelbaren Zwangs mit ein (Staller
et al. 2021e). Die Asymmetrie zeigt sich darin, dass die
andere Partei (ego) diese Kapazität möglicherweise, auch
aufgrund akuter situativer Umstände (z.B. Alkoholintoxi-
kation, psychische Störung, Emotionalität etc.), nicht hat.
Eine solche Kapazität kann von ihr aber auch nicht erwartet
werden. Das Tolerieren von wahrgenommener Respektlo-
sigkeit, das Infragestellen von Autorität sowie verbale und
körperliche Gewalt werden damit explizit eine Kommuni-
kationsoption.
Die Debatten um das Antwortverhalten auf eine (gefühl-
te) Erodierung des Respekts und der Autorität (Naplava
2020) weisen darauf hin, dass diese Asymmetrie in der
kommunikativen Ausgangssituation so nicht immer wahr-
genommen wird. Autoritäts- und Respektverlusten wird mit
Härte und „Robustheit“ (Behr 2018) begegnet, was ihren
Ausdruck in einer ansteigend diagnostizierten Militarisie-
rung findet (Naplava 2020). Das situative Tolerieren, basie-
rend auf einem kontextuellen und reflexiven Hinterfragen
der eigenen Wahrnehmung und dessen Einordnung, wider-
spricht dieser Stoßrichtung.
Professionelle Polizeiliche Kommunikation ist sich der
Erwartungsasymmetrie in Konfliktsituationen bewusst. Aus
großer Macht (im Sinne des Gewaltmonopols) folgt große
Verantwortung.
Blinder Fleck 6: Unterschätzen des eigenen blinden
Flecks
Das Erkennen von blinden Flecken, also vom Ausschluss-
bereich eigener Beobachtungen, ist nur durch eine Än-
derung der eigenen Beobachterperspektive, insbesondere
durch eine zeitlich (man selbst) oder räumlich (durch ande-
re) versetze Reflexion möglich (Körner 2015). Durch Be-
obachtung der eigenen Prozesse und derjenigen Prozesse,
die zu diesen Bewertungen führen (Staller et al. 2021d),
besteht die Möglichkeit, sich darbietende Sachverhalte und
Konflikte in einem anderen Licht zu sehen. Dies bietet auch
die Möglichkeit, den gemeinsamen Nenner aus bis dato als
unvereinbargeltenden Positionen zu sehen; ein Kernprozess
moderner Verhandlungsführung (Fisher et al. 2011).
Die Annahmen des Gewinns von Reflexivität führt nicht
automatisch zu dessen Praxis. Als anstrengende kognitive
Operation ist sie ebenfalls einer kognitiven Verzerrung un-
terworfen: Uns fällt es leichter, blinde Flecken bei anderen
zu identifizieren als unsere eigenen (Pronin et al. 2002).
In Kombination mit organisationalen Sozialisationseffekten
und dort tradierten Fehlschlüssen (und weiteren kognitiven
Verzerrungen) entsteht daraus eine immanente Systemlogik,
die schwer zu durchbrechen ist (Staller et al. 2021). Sich
haltende blinde Flecken sind damit eine wesentliche Eigen-
schaft des Systems Polizei. Wir identifizieren Potenzial für
Veränderung in einer (zu erwerbenden) systemimmanenten
Reflexivität und externen Beobachtungsperspektiven (Ne-
gnal et al. 2019) sowie strukturellen Prozessen, die beides
miteinander koppelt.
Für die polizeiliche Kommunikation heißt das:
Individuelle und organisatorische (Nicht-)Handlungen
sind Kommunikation und haben als solche Bedeutungs-
wert (welcher jeweils von alter und ego selektiv wahrge-
nommen und verarbeitet wird); sie sollen reflexiv in den
Blick genommen werden (Staller et al. 2021a; Staller
und Koerner 2021a).
Eigene kommunikative Handlungen sind selbst das Er-
gebnis individueller und organisationaler Sozialisations-
prozesse. Die Entwicklung und Wirkung der dadurch ent-
K
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352 M. S. Staller et al.
standenen handlungsleitenden Annahmen sind kritisch in
den Blick zu nehmen (Staller et al. 2021d).
Kommunikation ist Veränderung und erfordert die Be-
reitschaft von ego sich auf alter einzustellen, was in der
Ausprägung und vor dem Hintergrund eigener relevanter
Selektionskriterien passiert (Luhmann 1984): Was wird
wie warum mitgeteilt und verstanden? Welche anderen
Optionen werden dabei ausgeschlossen? Ein prominen-
tes Beispiel hierfür ist der fundamentale Attributions-
fehler (Gawronski 2004), bei dem Kommunikation und
Handeln des Gegenübers ohne Rücksicht auf situations-
und sozialisierungsbedingte Faktoren interpretiert wer-
den. Die situative Perspektive wird durch Wahrnehmung
einer vermeintlichen Ungerechtigkeit konsolidiert und
schreibt dem Gegenüber oft böswilliges oder egozentri-
sches Verhalten zu. Im polizeilichen Kontext wird der
fundamentale Attributionsfehler sowohl auf der Erfah-
rungsseite der Bürger*innen als auch der Polizist*innen
wahrgenommen.
Sich verstehen heißt, vor dem Hintergrund individuel-
ler und organisationaler blinder Flecken in erster Linie sich
selbst zu verstehen. Reflexivität als notwendige Vorausset-
zung einer auf Einsicht basierenden professionellen poli-
zeilichen Kommunikation.
Professionelle Polizeiliche Kommunikation nimmt sich
reflexiv selbst in den Blick.
Fazit
Polizeiliche Kommunikation hat Reflexionsbedarf. Basie-
rend auf einer pragmatistischen Forschungs- und Analy-
seperspektive identifizierten wir 6 blinde Flecken polizei-
licher kommunikativer Praxis, die wir als Leitgedanken
in Bildungsveranstaltungen polizeilicher Kommunikation
überantworten:
1. Professionelle Polizeiliche Kommunikation ist sich den
sie beeinflussenden kognitiven Verzerrungen und Fehl-
urteilen bewusst.
2. Professionelle Polizeiliche Kommunikation bedient sich
komplexitätsorientierter Logiken; ihr Kontrollmechanis-
mus ist Einsicht in die Prozesse.
3. Professionelle Polizeiliche Kommunikation ist die Gänze
polizeilichen Interaktions(nicht)verhaltens.
4. Professionelle polizeiliche Kommunikation verringert so-
ziale Distanzen.
5. Professionelle Polizeiliche Kommunikation ist sich der
Erwartungsasymmetrie in Konfliktsituationen bewusst.
6. Professionelle Polizeiliche Kommunikation nimmt sich
reflexiv selbst in den Blick.
Als Qualifizierungen einer Professionellen Polizeilichen
Kommunikation hoffen wir damit zu einer Professionalisie-
rung polizeilicher Praxis beizutragen.
Funding Open Access funding enabled and organized by Projekt
DEAL.
Interessenkonflikt M. S. Staller, S. Koerner und B. Zaiser geben an,
dass kein Interessenkonflikt besteht.
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Der Umgang mit größeren Menschengruppen gehört zu den Standardaufgaben der Polizei. Ausgerichtet an Wissensbeständen aktueller sozialpsychologischer (und soziologischer) Forschung argumentiert der Beitrag für einen evidenzbasierten und reflexiven Forschungszugang. Ausgehend von Konzepten zum Verhalten von Menschengruppen, die auf einer klassischen crowd psychology beruhen, stellen wir den Ansatz der sozialen Identitäten (ASI) vor. Aus dem ASI leiten wir konkrete Ansatzpunkte für wirkungsvolle Strategien und Taktiken zum Protest Policing ab und übertragen diese auf die verwandten Bereiche des Desaster Managements, des Umgangs mit Fußballspielen sowie des Pandemie Management.
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Im Anschluss an die tragischen Ereignisse von Ulmet/Kusel erlebt das Konzept polizeilicher Eigensicherung aktuell Konjunktur. Der Beitrag analysiert zentrale, der neuerlichen Debatte zugrunde liegenden Argumente und plädiert für eine differenzierte Betrachtung. Gerade im Hinblick auf die Diskussion über notwendige Konsequenzen ist zu gegenwärtigen, dass Überleben letztlich doch Zufall bleibt.
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Das Konzept stochastischer Gewalt erklärt die Entstehung von Gewalt in einem sozialen System als einen wahrscheinlichen, aber im konkreten Einzelfall nicht vorhersagbaren Prozess. Im vorliegenden Beitrag beschreiben wir das Konzept in seinem prozesshaften Verlauf und legen dabei den Analysenutzen für eine Reduktion von Gewalt in der Gesellschaft dar. Mit Blick auf das soziale Teilsystem der Polizei argumentieren wir, dass es in der Verantwortung moderner, bürgerorientierter und vom Primat der Menschenwürde geleiteter Polizei und Polizeiwissenschaft liegt, sich dieser Dynamiken bewusst zu sein, diese aufzuklären und damit ihren eigenen Beitrag zur stochastischen Reduktion von Gewalt zu leisten. Ausgehend von Daten zu problematischem polizeilichen Interaktionsverhalten stellen wir dar, wie polizeiliche Gefahrennarrative und dominanzinduzierende Kommunikation die Wahrscheinlichkeit von Gewalt im Kollektiv ermöglicht. Wir schließen mit Präventions-und Interventionsansätzen für die identifizierte Problematik.
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In order to optimally prepare police officers for the demands in the field, police training has to be designed representatively. However, for the German context, there is a scarcity of research investigating to what extent training meets the demands of the field. In order to fill this gap, the current study examined if police training in Germany meets the demands of the field of police officers based on the perspective of police recruits. Thirteen recruits of a German police force were interviewed in a semi-structured way to identify possible matches and discrepancies between training and the field. The qualitative data was analysed using content analysis. The results revealed that recruits valued police training very positively, since they were able to apply learned skills and tactics in the field. However, results also indicated, that (a) key informational variables present in the field were missing in training, namely chaotic, highly-dynamic situations and that (b) police officers need to be adaptable and flexible in the field in order to cope with the demands. Finally, the results suggested that police training narrowly focuses on dealing with extreme threats, which (a) differs from the experiences recruits had in the field and that (b) may have drawbacks, since continuously perceiving social situations as threatening and dangerous is a risk factor for aggressive behaviour. Taken together, the current study provides further insights into the wants and needs of recruits in police training.
Article
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Frequent and varied training of police officers is crucial to optimally prepare them for the challenges they face in their police work and allow them to cope with these demands effectively. The Horizon 2020 project "SHOTPROS" aims to develop a training program in Virtual Reality (VR) to train appropriate decision-making and acting capabilities of police officers in high-stress situations. The current COVID-19 pandemic can be considered a prime example of such a high-stress situation. Therefore, the aim of the present article is to re-analyse data from a longitudinal survey among 2567 police officers across Europe, to identify pandemic-related demands experienced by the participating officers during the first COVID-19 lockdown that can be integrated and trained in (virtual) scenario-based training to better prepare police officers for the current and potentially future pandemic outbreaks. Following the constraints-led approach to training, pandemic-related demands are categorized as task, environmental, and individual constraints 1 Authors' 12 to provide police trainers with a toolkit how to change and manipulate training scenarios according to the trainees' needs. Offering high control over training procedures, VR might be an effective tool to incorporate pandemic-related stressors into current training practices.
Article
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Koerner, S., & Staller, M. S. (2021). Die Tools der Straße II: Eigensicherung. Deutsches Polizeiblatt, 39(4), 13–15.
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Zaiser, B., Staller, M. S., & Koerner, S. (2021). Die Tools der Straße I: Verbale Kommunikation im Einsatz. Deutsches Polizeiblatt, 39(4), 9–12.
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This paper comments on a recent article by Koziarski and Huey (2021) in which the authors argue for the adoption of an evidence-based approach within policing. While we generally agree with the argument that police reform is an ongoing need of professional policing, we disagree that solely “evidence-based policing” is the solution within this approach. In our commentary we argue, that police reform should be underpinned and driven by reflexivity. As the key component of professional policing reflexivity accounts for the underlying assumptions of policy and practice on an individual and organizational level. Taken from a reflexive stance towards evidence-based policing, reflexive policing sheds light on its very assumptions and, by doing so, provides police officers and police organizations with alternatives for the professional management of police-citizen interactions.
Conference Paper
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Police and military special forces are regularly part of a nations repertoire to deal with internal and external threats (Fröhling, 2008; Fuchs & Sackmann, 2019; Haischmacher, 1990; Turnley et al., 2017). In order to fulfil their tasks and to optimally prepare for it, knowledge is a crucial resource for police and military special units (Körner & Staller, 2020). However, the closeness of the system of special operation forces provides barriers for managing and adopting scientific knowledge (Koerner & Staller, 2021; Staller & Koerner, 2021). The current paper provides a case example of immunizing strategies used to combat unwarranted knowledge in the context of pedagogical approaches to training. We provide and authoethnographic account of our involvement in professionalization efforts of German Special Operation Forces. Focusing on a distinct case, we identify and describe strategies used to prevent knowledge from unfolding impact within the system. We discuss these mechanisms based on their functionality related to different aspects: specifically stabilizing the internal system versus fulfilling professionally mandated tasks.
Article
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The current study aims to investigate the current structure and delivery of police recruit training. Using a case study approach, we systematically observed a semester of police training that consisted of 30 h with a specific focus on police use of force training. Field notes and time-on-task data was analysed using an inductive approach. The results revealed, first, a lack of constructive alignment of the training modules and learning tasks within the training settings. Second, an adherence to traditional linear approaches to training resulting in high amounts of augmented instruction and feedback and a one-size-fits all approach to technical and tactical behaviour. Third, a non-efficient use of available training time with low amounts of engagement in representatively designed tasks that stimulated problem-solving processes. Based on these results we suggest that there is a need: (a) for police trainers and curriculum designers to align the objectives, practice structure and delivery of police training with the needs of police officers in the field (e.g. conflict resolution); (b) for police trainers to employ more learner-centred pedagogical approaches that account for individual action capabilities and resources, and allow for high amounts of training time with representatively designed training tasks; and (c) for senior managers of overall police training decision-makers to provide the necessary trainer education, in order to furnish trainers with the knowledge and tools to appropriately plan, deliver and reflect upon their practice in keeping with concept of constructive alignment.
Article
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Leading police scholars and practitioners were asked to reflect on the most urgent issues that need to be addressed on the topic of use of force. Four themes emerged from their contributions: use of force and de‐escalation training needs to improve and be evaluated; new ways of conceptualizing use of force encounters and better use of force response models need to be developed; the inequitable application of force, and how to remediate biases, needs to be more fully understood; and misconceptions about police use of force need to be identified and corrected. The highlighted topics serve as an agenda for future research. Such research should provide greater insight into when, where, and why force is used by police officers, and how it can be applied appropriately. If implemented, the practical recommendations included in the contributions should have a positive impact on police performance, public trust and confidence in the police, and citizen and officer safety.
Chapter
Reflexion und Reflexivität sind wichtige Bestandteile einer professionellen Praxis im polizeilichen Tätigkeitsfeld. Der vorliegende Beitrag legt dar, dass Reflexivität über ein bloßes Nachdenken hinausgeht, und beschreibt eine Struktur der Reflexion auf drei Ebenen, welche mit jeweils anderen Kernfragen verbunden sind. Während auf niederschwelliger Reflexionsebene die Frage nach der korrekten Handlung im Mittelpunkt steht, dreht sich die Reflexion auf einer höheren Ebene um das Aufdecken der eigenen handlungsleitenden Annahmen, welche das Handeln (un)bewusst beeinflussen, und um die Möglichkeit zur Einnahme von anderen Perspektiven. Beides ist für den/die reflektierten Praktiker*in – sowohl im Konfliktmanagement als Einsatzkraft als auch im Trainingsprozess als Einsatztrainer*in – eine notwendige Voraussetzung.
Article
Cognitive biases have been identified as drivers of excessive use of force, which has determined current affairs across the globe. In this article, we argue that police is facing serious challenges in combating these biases. These challenges stem from the nature of cognitive biases, their sources, and the fallacies that mislead police professionals in the way they think about them. Based on a framework of expert decision- making fallacies and biases, we argue that these fallacies limit the impact of efforts to mitigate cognitive biases in police conflict management. In order to achieve a systemic understanding of cognitive biases and their detrimental effects, the article concludes that implementing reflexive structures within the police is a crucial prerequisite to effectively reflect on external influences and to limit bias and fallacies from further unfolding in a self-referential loop.