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Demokratie, Protest und Verschwörungsmythen

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Abstract

Warum sollten Corona bzw. die Covid-19-Pandemie, die Proteste und damit verbundene verschwörungsideologische Erzählungen unbedingt in der Schule thematisiert werden? Protest in Zeiten von Corona ist kein einfaches Thema. Durch die Maßnahmen zur Eingrenzung der Corona-Pandemie sehen sich Menschen in ihren Grundrechten eingeschränkt und möchten dagegen protestieren. Doch während die einen sich hierbei für die Grundsätze unserer freiheitlich demokratischen Gesellschaft einsetzen, möchten andere Widerstand gegen diese leisten. Wie schwierig die Situation werden kann, hat sich am 29.08.2020 bei den Demonstrationen in Berlin gezeigt. Wer demonstriert hier mit wem? Was bedeutet dieser Protest für unsere Demokratie? Und warum sollten sich (angehende) Lehrer*innen aller Fächer mit der aktuellen politischen Situation auseinandersetzen? Diesen Fragen haben sich Helene Pachale für die Leibniz School of Education und Steve Kenner für das Institut für Didaktik der Demokratie in einem Fachgespräch gestellt, das für die Fachzeitschrift "Politik unterrichten" verschriftlicht wurde.
"NICHTS IST,
WIE ES
SCHEINT"
Verschwörungstheorien als
Herausforderung für die Politische Bildung
Zeitschrift der Deutschen Vereinigung für Politische Bildung e.V.
Landesverband Niedersachsen
POLITIK
UNTERRICHTEN
01 / 2021
Jahrgang 36
THEORIE
ANTIFEMINISMUS &
VERSCHWÖRUNGSTHEORIEN
VERSCHWÖRUNGSTHEORIEN
WELTWEIT
DEMOKRATIE, PROTEST UND
VERSCHWÖRUNGSMYTHEN
DIDAKTIK
BILDUNGSANGEBOTE GEGEN
VERSCHWÖRUNGSIDEOLO-
GIEN
VERSCHWÖRUNGSTHEORIEN
ALS HERAUSFORDERUNG FÜR
DIE POLITISCHE BILDUNG
PRAXIS
FALSCHINFORMATIONEN IM
FAKTENCHECK
VERSCHWÖRUNGSTHEORIEN
- (K)EIN GEGENSTAND FÜR DIE
SEK I?
Zeitschrift der Deutschen Vereinigung für Politische Bildung e.V.
Landesverband Niedersachsen
POLITIK
UNTERRICHTEN
01 / 2021
Jahrgang 36
THEORIE
THE MAIN SOURCE OF THE WORLD'S
PROBLEMS
DIE BEDROHUNG DER DEMOKRATIE
ROSA FAVA IM GESPRÄCH
MIT HENRIK PEITSCH
DEMOKRATIE, PROTEST UND
VERSCHWÖRUNGSMYTHEN
STEVE KENNER IM GESPRÄCH
MIT HELENE PACHALE
DIDAKTIK
ETWAS SCHATTEN INS LICHT BRINGEN
VERSCHWÖRUNGSTHEORIEN ALS
HERAUSFORDERUNG FÜR DIE POLITI-
SCHE BILDUNG
PRAXIS
VERSCHWÖRUNGSTHEORIEN
(K)EIN GEGENSTAND FÜR DIE SEK I?
FALSCHINFORMATIONEN IM FAKTEN-
CHECK
VIRTUELLER ESCAPE-ROOM: THE
TRUTH BEHIND
ZU DEMOKRATISCHER TEILHABE
BEFÄHIGEN
BJÖRN ALLMENDINGER IM GESPRÄCH
MIT THERESA BECHTEL
IMPRESSUM
PU 01 / 2021JG. 36
2
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"DVPB Nds auf Youtube"
ISN 0930-2107
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Herausgeber: Deutsche Vereinigung für Politische Bildung e.V. (DVPB)
Landesverband Niedersachsen
Steve Kenner
Landesvorsitzender
steve.kenner@dvpb-nds.de
Redaktionsteam: Theresa Bechtel, Elizaveta Firsova, Stefan Lahme, Steve Kenner
und Henrik Peitsch redaktion@dvpb-nds.de
Auage:  online
Ausgabe: 01 / 2021
Jahrgang: 36
Erscheinungsweise: Zwei Ausgaben im Jahr, als Open Access verfügbar: www.dvpb-nds.de
Die Herbstausgabe erscheint zusätzlich im Printformat.
Einzelpreis: 6,00 €, einschl. Versandkosten
Für Mitglieder der DVPB e.V. LV Niedersachsen ist der Bezugspreis im
Mitgliedsbeitrag enthalten.
ISSN: 0930-2107
Redaktionsschluss: Ausgabe 2/2021 01.09.2021
Die DVPB im Internet: www.dvpb-nds.de
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Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne vorherige
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WennesimEinzelfallnichtgelungenist,Rechteinhaber*innenausndigzumachen,werdendiese
gebeten, sich mit der Herausgeberin in Verbindung zu setzen.
Antonio Stiftung in Berlin und hat sowohl in verschiedenen
EinrichtungenalsauchfreiberuichzuFragenvonMigrationund
für das Fach Politik
bis zum Wintersemester
2012
leitet er ein BNE-Projekt der Stadt Osnabrück (KLIMAlab). Er ist
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DEMOKRATIE, PROTEST UND
VERSCHWÖRUNGSMYTHEN
Steve Kenner im Gespräch mit Helene Pachale
Protest in Zeiten von Corona ist kein einfaches
Thema. Durch die Maßnahmen zur Eingren-
zung der Corona-Pandemie sehen sich Per-
sonen in ihren Grundrechten eingeschränkt.
Doch während die einen sich hierbei für die
Grundsätze der demokratischen Gesellschaft
einsetzen, möchten andere Widerstand gegen
diese leisten. Dass sich die Situation politisch
wie gesellschaftlich schwierig darstellen kann,
wurde unter anderem am 29. August 2020 bei
Demonstrationen gegen die Corona-Maßnah-
men in Berlin deutlich, bei denen sich unter-
schiedliche Interessengruppen gemeinsam
versammelten und es zu Ausschreitungen vor
dem Berliner Reichstagsgebäude kam. Wer de-
monstriert hier mit wem? Was bedeutet dieser
Protest für unsere Demokratie? Und warum
sollten sich Lehrer*innen aller Fächer mit der
aktuellen politischen Situation auseinander-
setzen? Auch 10 Monate später haben diese
Fragen noch nicht an Aktualität und Relevanz
eingebüßt und werden daher in dem folgenden
Interview besprochen. Dieser Beitrag stellt ei-
nen redaktionell bearbeiteten Ausschnitt des im
September 2020 organisierten Online-Talks von
Helene Pachale (Leibniz School of Education)
und Steve Kenner (Institut für Didaktik der De-
mokratie) der Leibniz Universität Hannover dar,
mit dem auf die Brisanz der politischen Situati-
on sowie die Notwendigkeit der Thematisierung
dieser in den Schulen aufmerksam gemacht
werden sollte.
Helene Pachale (HP): Der Protest gegen die
Maßnahmen zur Eingrenzung der Corona-Pan-
demie mündete am 29. August 2020 in Berlin
in Ausschreitungen vor dem Reichstagsge-
bäude. Die Veranstaltung der selbsternannten
Initiative Querdenken711 fand unter dem Titel
„Berlin invites Europe – Fest für Freiheit und
Helene Pachale – Foto: privat
Steve Kenner – Foto: privat
Frieden“ statt
und sorgte be-
reits Tage zuvor
für Tage zuvor
für Diskussionen.
Die Entschei-
dung der Berliner
Versammlungs-
behörde, die so-
genannte „Corona-
Demonastration"
mit Verweis auf
den Infektions-
schutz zu ver-
bieten, wurde
vom Landes- und
Oberverwal-
tungsgericht auf-
gehoben. Welche
Bedeutung hat
diese Entschei-
dung der Berliner
Gerichtsbarkeit
aus deiner Sicht für unsere Demokratie bezie-
hungsweise für das Demokratiebewusstsein
unserer Gesellschaft?
Steve Kenner (SK): Aus einer politikwissen-
schaftlichen Perspektive betrachtet, gilt aus
meiner Sicht eigentlich erst einmal, dass die
Entscheidung der Gerichte ein un-missver-
ständliches Zeichen für all diejenigen ist, die
in den letzten Monaten immer wieder propa-
giert haben, dass wir in einer „Corona-Dikta-
tur“ leben würden, oder dass Grundrechte
abgeschafft seien und sich die Demokratie
aufgelöst hätte. Die Entscheidung der Gerich-
te und die damit verbundene Ermöglichung
der Demonstration und Kundgebung vom
29. August 2020 ist demnach ein Paradebei-
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spiel für die Notwendigkeit und für das Funkti-
onieren der Gewaltenteilung in unserem Land.
Ein ebenfalls sehr interessanter Aspekt ist, dass
im Rahmen dieser Entscheidung durchaus die
Möglichkeit bestanden hätte, das Bundesver-
fassungsgericht anzurufen. Denn vor diesem
dürfen alle Grundrechtsträger*innen klagen.
Das heißt, die Anmelder*innen der Demonst-
ration, also Querdenken711, hätten durchaus
noch eine Instanz höher gehen können, denn
sie sind Grundrechtsträger*innen. Und das ist
besonders deswegen spannend, weil in unserer
Demokratie die liberalen Freiheitsrechte so be-
deutsam sind, dass selbst denjenigen, die das
Grundgesetz in Frage stellen (und das tun die
Akteur*innen von Querdenken711), alle Grund-
rechte zuteilwerden.
Die Entscheidung, eine Demonstration zu
verbieten, ist nicht grundsätzlich problema-
tisch oder gar undemokratisch. Renommierte
Verfassungsrechtler*innen wie z. B. Beispiel
Prof.‘in Dr.‘in Anna Katharina Mangold, ver-
weisen allerdings zu Recht darauf, dass das ein
ziemlich starker Grundrechtseingriff sei, der gut
begründet werden müsse. Der Schutz der Ge-
sundheit der Bevölkerung kann zwar ein guter
Grund für ein solches Verbot sein, trotzdem sei
es jedoch wichtig, die Verhältnismäßigkeit zu
wahren. Das heißt also, nach Möglichkeit soll-
ten weniger drastische Maßnahmen ergriffen
werden als ein Verbot. Dass die Demonstration
unddieKundgebungstattndenkonnten,istfür
mich erstmal ein Zeichen dafür, dass wir nicht in
einer „Corona-Diktatur“ leben, sondern in einer
liberalen, freiheitlichen Demokratie.
HP: An der Demonstration vom 29. August
2020 haben unterschiedliche Interessengrup-
pen teilgenommen. Warum ist es wichtig, sich
insbesondere mit diesen beteiligten Gruppen
und den zentralen Akteur*innen auseinander-
zusetzen?
SK: Um sich dieser Frage anzunähern, ist es
wichtig, einen Blick auf die Organisator*innen
und auf die Teilnehmenden dieser Veran-
staltung zu richten. Insbesondere für Lehrer*in-
nen ist dieser Aspekt relevant, da sich die
Schüler*innen mit dieser Thematik befassen
werden oder sogar selbst bzw. ihre Eltern an
der Kundgebung teilgenommen haben.
Bereits bei der ersten Demonstration gegen
die Corona-Maßnahmen Anfang August be-
teiligten sich u.a. verschwörungsideologische
Impfgegner*innen, bekannte Rechtsradikale,
Reichsbürger*innen, antisemitische Verschwö
rungideolog*innen und die Identitäre Bewe-
gung; es war von Anfang an klar, dass diese
Gruppen mitlaufen würden und dennoch gab
es kaum Zeichen der Abgrenzung durch die
Organisator*innen von Querdenken711. Das
Verhalten war eher gegenteilig, da alle Perso-
nen, die sich gegen die Maßnahmen zur Ein-
grenzung der Corona-Pandemie aussprechen,
willkommen geheißen wurden. Damit wurde in
Kauf genommen, dass auf diese Weise auch
Gegner*innen unserer demokratischen Gesell-
schaft die Protestformen für sich nutzen könn-
ten, um Unterstützung für ihre menschenver-
achtende Ideologie zunden.
Das führt zu einer Verharmlosung von rechts-
extremen Kräften. Immer führen sowohl die
Organisator*innen von Querdenken711 als
auch Demonstrationsteilnehmende an, dass
man als Anmelder*in oder als Teilnehmer*in
nicht beeinussen könne, wer an den Ak-
tionen teilnehme. Das ist aber schlichtweg
falsch. Würden sich die Teilnehmenden und
die Veranstalter*innen klar distanzieren, also
würden sie sich lautstark gegen diese Ver-
einnahmung ihrer Bewegung durch rechts-
extreme Verschwörungsideologen und Anti-
semit*innen zur Wehr setzen, dann hätte
das auch Konsequenzen. Diese klare Ab-
grenzung war aber weder von Seiten der
Organisator*innen noch von Seiten der
Teilnehmenden erkennbar. Es ist zu beob-
achten, dass demokratiefeindliche Gruppie-
rungen die Protestaktionen nicht mehr un-
terwandern, sie sind längst eng miteinander
verwoben. Hierfür gibt es konkrete Beispiele:
Stefan Bergmann, der Pressesprecher von
Querdenken711, spricht selbst vom Grund-
gesetz als „Besatzungsrecht“. An der Wort-
wahl wird deutlich, wo die Probleme lie-
gen. Michael Ballweg, der Gründer von
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steuerten oder sogar unterjochen wollten.
Tatsächlich ist dieses Phänomen nicht neu.
Ein bekanntes Beispiel sind Verschwörungser-
zählungen zu sogenannten „Chemtrails“, bei
denen Menschen davon ausgehen, dass die
Kondensstreifen hinter den Flugzeugen ver-
meintlich Chemikalien wären, die von einer
Elite auf die Menschen herabgelassen würden,
um sie gefügig zu machen und ihr Unterbe-
wusstseinzubeeinussen.AlldieseVerschwö-
rungsmythen sind keine neuen Erzählungen,
jedoch greifen sie aber mittlerweile immer
weiter in die Mitte der Gesellschaft. In Krisen-
zeiten sind Menschen besonders anfällig hier-
für. Sie haben Sorgen und Ängste; die Komple-
xität des gesellschaftlichen Lebens lässt sich für
sie nicht mehr plausibel erklären bzw. können
sie ihre Vorstellung von der Welt nicht mehr mit
ihren Erfahrungen in Einklang bringen. Dadurch
gerät das politische Bürgerbewusstsein – wie
es Prof. Dr. Dirk Lange nennt – in besonderer
Weise in ein Ungleichgewicht. Dabei handelt es
sich um den fortwährenden Prozess, die sub-
jektiven Vorstellungen von Welt mit der Alltags-
erfahrungen abzugleichen.
Die Corona-Krise ist für die demokratische Ge-
sellschaft eine nie dagewesene Herausforde-
rung und Bewährungsprobe. Sie bedroht wirt-
schaftliche Existenzen, das soziale Gefüge in
Familien, in Freundeskreisen und letztlich auch
die körperliche Unversehrtheit. Sie macht den
Menschen Angst und lässt sehr viele Fragen
entstehen: Woher kommt das Virus? Wie wirkt
es? Was können wir dagegen machen? Wann
gibt es wieder so etwas wie eine „Normalität“?
Auf viel zu wenige dieser existenziellen Fragen
haben wir bislang Antworten. Politisch Ver-
antwortliche aber auch Wissenschaftler*innen
müssen versuchen, sich der Beantwortung die-
ser Fragen aus unterschiedlichen Perspektiven
zu nähern. Das ist eine sehr große Herausfor-
derung und verständlicherweise geht dies vie-
len Menschen nicht schnell genug. Sie suchen
Halt und Sicherheit und verlieren bei der Suche
nach den Antworten das Vertrauen in die De-
mokratie. Auch das ist kein neues Phänomen,
aber es greift in Pandemiezeiten immer weiter.
Querdenken711,hat sichprivatmitGallions-
guren der rechtsextremen Szene, wie dem
YouTuber Nikolai Nerling (besser bekannt als
„der Volkslehrer“), getroffen. Trotz des ver-
meintlich harmlosen Auftretens der Organi-
sator*innen von Querdenken kann man hier
schon von einer relativ engen Vernetzung von
antisemitischen, völkischen und rechtsradi-
kalen Gruppierungen sprechen und dessen
muss sich jede Person bewusst sein, die an
diesen Demonstrationen teilnimmt. Menschen,
die ihre Unzufriedenheit mit politischen Ent-
scheidungen zum Ausdruck bringen wollen,
sollten daher sehr genau abwägen, welchen
Protestaufrufen sie sich anschließen. Bei den
Protestaktionen der „Querdenken-Initiative“ le-
gitimieren sie mit ihrer Teilnahme auch das
demokratiefeindliche Handeln derer, die diese
Proteste mittlerweile prägen.
HP: Die beteiligten Gruppen sind geprägt durch
Corona-Skepsis, Spiritualität, Verschwörungs-
theorien, Nationalismus und Rassismus. In-
wiefern stellt das eine Herausforderung bzw.
Gefahr für unsere demokratische Gesellschaft
dar?
SK: Das, was an dieser Bewegung hier be-
sonders gefährlich erscheint und die größte
Herausforderung darstellt, ist, dass die Arti-
kulation des Protests auf Verschwörungsmy-
then aufbaut und sich damit außerhalb eines
kritischreektiertendemokratischenDiskurses
bewegt. Diese Mythen lassen sich nicht bele-
gen und, noch viel schlimmer, sie lassen sich
auch nicht oder nur schwerlich widerlegen. Es
gibt in diesen Diskursen kein Für und Wider, es
gibt kein Pro und Contra, es gibt kein Abwägen.
Es handelt sich in der Regel um geschlosse-
ne Systeme, in denen, anders als von diesen
Gruppierungen oft propagiert, keine Fragen
gestellt werden. Dabei wird oft der Eindruck
vermittelt, es handle sich um eine kritische Prü-
fung aktuelle Verhältnisse, aber faktisch stellen
Verschwörungsideolog*innen keine Fragen,
sondern bieten in der Regel einfache Antwor-
ten auf hochkomplexe Themen. Schuld sind
aus dieser Perspektive in der Regel kleine,nicht
greifbare Eliten, welche die Welt im Geheimen
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Das Vertrauen in die Demokratie ist gleichzei-
tig ihr Fundament. Wenn die Menschen nicht
mehr daran glauben, dass die Demokratie mit
all ihren Unwägbarkeiten das beste politische
System ist, dann ist die freiheitlich-demokrati-
sche Gesellschaft zum Scheitern verurteilt. Ich
will noch einmal betonen: Es ist absolut in Ord-
nung, gegen die Infektionsschutzmaßnahmen
der Regierung zu protestieren, sie kritisch zu
hinterfragen und sich politisch zu organisie-
ren, denn damit können Menschen unmittelbar
Einussnehmen.IneinemtotalitärenRegime
oder in einem Kaiserreich, das sich vereinzelte
Teilnehmende dieser Demonstrationen zurück-
wünschen, würde es diese Form politischer
Einussnahmenicht geben.Voneiner„Coro-
na-Diktatur“ zu sprechen, ist daher vollkommen
abwegig.
HP: Demokratie, Protest und Verschwörungs-
mythen (in Zeiten der Pandemie) sind Themen,
mit denen sich aus deiner Sicht Lehrer*innen
aller Fächer auseinandersetzen sollten. War-
um gehören diese Themen in die Schule und
weshalb sollten sie nicht nur im Politikunterricht
Raum nden?
SK: Das Thema gehört ganz dringend und
unbedingt in die Schule. Sie ist ein wichtiger
Raum, um junge Menschen zu erreichen. Man
kann auch darüber viel diskutieren, aber es ist
eigentlich der einzige Ort, an dem junge Men-
schen so viel Zeit in dieser prägenden Lebens-
phase verbringen und an dem wir sie mit guter
Bildung und guter politischer Bildung auf ihrem
Weg zu kritischen, mündigen Bürger*innen be-
gleiten können. Und deswegen: Ja, das Thema
„Corona-Demonstrationen“ mit all seinen Facet-
ten – vom legitimen Protest bis zu den demokra-
tiegefährdenden Verschwörungsmythen – muss
unbedingt in der Schule thematisiert werden.
Bevor ich auf die Frage weiter eingehe, noch
ein kurzer theoretischer Exkurs: An der Leib-
niz Universität Hannover hat mit Oskar Negt
ein großartiger Soziologe geforscht, der auch
für die politische Bildung prägend war. Er hat
folgenden Satz geprägt: „Die Demokratie ist
die einzige Herrschaftsform, die gelernt werden
muss.“ Dieser Satz sagt unheimlich viel aus.
Andere Herrschaftssysteme brauchen keine
politische Bildung, die mündige Bürger*innen
dazu befähigt, die Gesellschaft zu prägen bzw.
die Gesellschaft und gesellschaftliche Pro-
zesse kritisch zu hinterfragen. Totalitäre Sys-
teme brauchen das deswegen nicht, weil sie
selbst für Stabilität in der Politik sorgen kön-
nen. Demokratie ist davon abhängig, dass die
Menschen ihr vertrauen, aber eben auch, dass
Macht- und Herrschaftsstrukturen analysiert
undreektiertwerdenkönnen, ohne den de-
mokratischen Kern in Frage zu stellen. Und das
müssen wir lernen.
Der zweite Grund, warum ich glaube, dass das
Thema „Corona-Demonstrationen“ unbedingt in
die Schule gehört, ist, weil es die Schüler*innen
umtreibt. Wenn wir es in der Schule nicht be-
sprechen, dann verlieren wir die Deutungsho-
heit über diese Themen an die sozialen Netz-
werke und man kann sich kaum vorstellen, was
bei WhatsApp, Instagram, Snapchat, Discord,
Twitch, etc. alles passiert.
Und der dritte Grund, weswegen es alle
Lehrer*innen betrifft, ist, dass politische Bildung
nicht nur die Aufgabe der Politiklehrer*innen ist.
Wenn wir sagen, ein zentrales Ziel von Schu-
le ist es, junge Menschen auf die Demokratie
vorzubereiten,siefürdieDemokratietzuma-
chen, dann reichen ein, zwei Unterrichtsstun-
den die Woche nicht aus. Deswegen steht im
niedersächsischen Schulgesetz (wie übrigens
in jedem Schulgesetz aller 16 Länder): Die
Schule hat einen demokratischen Bildungsauf-
trag. In Paragraph 2 des niedersächsischen
Schulgesetzes heißt es u. a.:
„Die Schule soll im Anschluss an die vorschu-
lische Erziehung die Persönlichkeit der Schü-
lerinnen und Schüler auf der Grundlage des
Christentums, des europäischen Humanismus
und der Ideen der liberalen, demokratischen
und sozialen Freiheitsbewegungen weiterent-
wickeln. Erziehung und Unterricht müssen dem
Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutsch-
land und der Niedersächsischen Verfassung
entsprechen. […]“.
Dieser demokratische Auftrag der Schule gilt für
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alle Akteur*innen in der Schule und nicht nur für
Politiklehrkräfte. Aus diesem Grund setzen wir
uns sehr dafür ein, dass Demokratiebildung als
Querschnittsaufgabe in die Lehrkräftebildung
in allen drei Phasen implementiert wird. Solan-
ge dies noch nicht der Fall ist, müssen es sich
trotzdem alle Lehrkräfte zur Aufgabe machen.
HP: Und wie sollte die Thematisierung der „Co-
rona-Demonstrationen“ im Unterricht erfolgen?
SK: Es gibt zwei Kardinalfehler, die man machen
kann. Der erste ist, ein derart relevantes Thema
überhaupt nicht zu bearbeiten. Viel schlimmer
kann es eigentlich nicht sein, als dass man eine
Frage einfach verschweigt, obwohl sie für die
Schüler*innen wichtig ist. Und der zweite eben-
so folgenreiche Fehler ist, schlecht vorbereitet
dieses brisante Thema im Unterricht aufzugrei-
fen. Einfach mal einen Zeitungsartikel vom letz-
ten Wochenende mitzubringen und den in der
Schule zu besprechen, das ist nicht gut. Vor
allem bei diesem Thema müssen die Lehrkräfte
immer damit rechnen, dass die Schüler*innen
Bezug nehmen auf Verschwörungsmythen. Es
sollte daher immer auch die Zeit eingeräumt
werden, sich intensiv damit zu befassen, wie
Quellen im Netz geprüft werden können und
woran Falschmeldungen und Desinformations-
kampagnenidentiziertwerdenkönnen.Dazu
gibt es mittlerweile auch sehr gutes Material bei
den Schulbuchverlagen, auf Landesbildungs-
servern, aber auch in den Bildungsformaten des
öffentlich-rechtlichen Rundfunks.
Außerdem ist es wichtig, dass sich Lehrer*innen
mit den Interessen und dem Vorwissen ihrer
Schüler*innen intensiv auseinandersetzen!
Was haben sie eigentlich für Vorstellungen zu
diesen Themen? Man kann die Schüler*innen
am Anfang eine Geschichte zu diesem Thema
oder einen Blogbeitrag für einen imaginären
Blog der Schule schreiben lassen. Ebenso ist
es möglich, dass die Schüler*innen eine Mind-
Map oder eine Concept-Map zum Thema „Co-
rona-Protest“ anfertigen. Lässt man diese an-
onym erstellen und sammelt sie am Ende ein,
hat man eine Grundlage für die weitere Arbeit
mit der Klasse. Es lässt sich dadurch auch fest
stellen, ob es bereits Verschwörungsideologien
oder vielleicht auch rechtsextreme oder rassisti-
sche Ressentiments bei den Schüler*innen gibt:
Dann kann man – davon ausgehend – schau-
en, wo man andockt bzw. wie man die unter-
schiedlichen Perspektiven in eine Unterrichts-
stunde oder in eine Einheit einbringen kann.
Wichtig ist es, mutig zu sein, es auszuprobieren
und sich von der Vorstellung zu verabschieden,
der oder die Allwissende zu sein. Möglicherwei-
se sind die Lehrkräfte ähnlich verunsichert wie
ihre Schüler*innen. Das ist kein Zeichen von
Schwäche, sondern normal in einer außer-
gewöhnliche Situation. Deshalb mein Appell
an alle Kolleg*innen: Thematisieren Sie diese
Unsicherheit und thematisieren Sie die damit
verbundenen Ängste, nehmen Sie sich dafür
die notwendige Zeit. Es gibt aktuell wohl kaum
wichtigere Themen.
HP: Für Lehrer*innen kommt auch immer wie-
der die Frage auf, ob sie sich im Unterricht po-
litisch positionieren dürfen. Vor einigen Jahren
wurden von der AfD im Internet Portale einge-
richtet, über welche Schüler*innen und Erzie-
hungsberechtigte Lehrer*innen melden sollten,
die sich nicht an das sogenannte „Neutralitäts-
gebot“ halten. Es ist also verständlich, wenn bei
Lehrer*innen die Angst besteht, dass sie sich
angreifbar machen, wenn das Politische Ge-
genstand ihres Unterrichts ist. Was empehlst
du ihnen?
SK: Ich würde da als allererstes einen entschei-
denden Satz sagen: Es gibt kein Neutralitäts-
gebot für Schulen. Das ist ein Missverständnis,
das sich leider schon vor den AfD-Meldepor-
talen bei vielen Lehrer*innen und leider auch
bei erstaunlich vielen bildungspolitischen
Sprecher*innen und Bildungspolitiker*innen der
verschiedenen Parteien etabliert hat. Es gibt
einen einfachen Grund, warum es dieses allge-
meine Neutralitätsgebot nicht geben kann und
darf: Wie ich bereits sagte, sollen Schüler*innen
in der Schule darauf vorbereitet werden, in un-
serer demokratischen Gesellschaft zu agieren
und ihre Institutionen durchaus auch kritisch zu
hinterfragen. Und es gibt eigentlich nur einige-
wenige Leitplanken für diesen politischen Bil-
Helene Pachale, Studium der Spanischen Philologie mit La-
teinamerikanistik, der Politik- und der Erziehungswissenschaft
an der Freien Universität Berlin und der Universität Barcelona
(Abschluss: Master of Education), Absolvierung des Vorberei-
tungsdienstes für das Lehramt an Gymnasien und Integrierten
Sekundarschulen im Land Berlin, aktuell: wissenschaftliche Mit-
arbeiterin am Romanischen Seminar (Fachgebiet Didaktik des
Spanischen) und an der Leibniz School of Education (beides
Leibniz Universität Hannover).
Dr. des. Steve Kenner: Studium der Fächer Politik, Spanisch
und Erziehungswissenschaft an den Universitäten Potsdam und
Valencia (Spanien), Absolvierung des Vorbereitungsdienstes für
das Lehramt an Gymnasien und Integrierten Sekundarschulen
im Land Berlin, aktuell: wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut
für Didaktik der Demokratie und Mitglied der Geschäftsführung
des Center for Inclusive Citizenship (beides Leibniz Universität
Hannover).
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dungsprozess. Diese sind unter anderem die im
Grundgesetz verankerten Grundrechte und die
international festgeschriebenen Menschenrech-
te. Und gegenüber den Grund- und Menschen-
rechten kann und darf es von Lehrer*innen kei-
ne Neutralität geben!
In der Politikdidaktik wird das übrigens schon
sehr lange diskutiert, wobei das Thema nicht
nur für den Politikunterricht relevant ist. Die
Antwort auf die Frage „Kann ich politische
Themen zum Inhalt meines Unterrichts ma-
chen?“, ist ganz klar: Ja, und man sollte es
sogar! Kinder und Jugendliche interessieren
sich für aktuelle politische Themen, das zeigen
auch Untersuchungen wie die Shell-Jugend-
studie. Dabei ist für Schüler*innen auch oft
interessant, welche Position die eigene Lehr-
kraft einnimmt. Wenn ich eine angstfreie Ler-
natmosphäre in der Schule schaffe, dann
ist es kein Problem, wenn die Schüler*innen
ganz konkret meine politische Position kennen.
Wichtigist, dassdiesekeinenEinussaufdie
Bewertung hat und dass das den Schüler*in-
nen bewusst ist. Ein Neutralitätsgebot gibt es
also nicht und ein klares Bekenntnis der
Lehrer*innen zu den Grundwerten unserer frei-
heitlichen Demokratie ist zwingend notwendig.
Deswegen sind gerade Situationen, wie die
aktuellen Demonstrationen und Kundgebun-
gen, dieser Raumgewinn für Rechtsextreme
in der öffentlichen Sphäre, Momente, in denen
von Lehrer*innen erwartet werden muss, dass
sie eben nicht neutral sind, sondern Stellung
beziehen.
Ein Zusammenschnitt des Online-Talks vorm
09. September 2020 ist unter dem folgenden
Link abrufbar:
https://owcasts.uni-hannover.de/nodes/RqOnk
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