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Natur, Umwelt, Nachhaltigkeit: Literarische, diskurslinguistische, kritische und bildungspolitische Perspektiven auf Sprache und Kultur im Überblick

Authors:
https://doi.org/10.1515/9783110740479-001
Carolin Schwegler, Anna Mattfeldt & Berbeli Wanning
Natur, Umwelt, Nachhaltigkeit
Literarische, diskurslinguistische, kritische und bildungs-
politische Perspektiven auf Sprache und Kultur im Überblick
Sprache und bzw. in Nachhaltigkeit
Natur, Umwelt und Nachhaltigkeit sind Themen und Forschungsbereiche, die in
verschiedenen Disziplinen hochrelevant sind, klassischerweise aber oft in den
Naturwissenschaften verortet werden. Im Rahmen naturwissenschaftlicher oder
technischer Ansätze ist die kulturelle Dimension jedoch nicht wegzudenken,
sondern immer gegenwärtig. Dies betrifft bereits ganz grundlegende Paradigmen
von Herangehensweisen und (Lösungs-)Ansätzen im Themenbereich Nachhal-
tigkeit, wie unter anderem die Kulturpraktik der technisierten Effizienzsteige-
rung (vgl. dazu kritisch Schneidewind/Zahrnt 2013) oder etwa die Entschei-
dungsgrundlagen in Bezug auf Schutzwürdigkeit von Lebewesen im Rahmen von
Biodiversitätsbestrebungen, die neben qualitativer und quantitativer Vielfalt von
Arten und Genen auch die funktionale Vielfalt berücksichtigen (UN 1992a, Con-
vention on Biological Diversity CBD). Die kulturell geprägten, gesellschaftlichen
Orientierungsmuster, die Rahmenwerte wie Effizienz oder Funktionalität unhin-
terfragbar erscheinen lassen (vgl. dazu diskurslinguistisch u.a. Schwegler 2018),
beeinflussen Herangehensweisen aller Disziplinen auch implizit.
Ebenso sind Spannungsverhältnisse zwischen der Natur auf der einen und
dem Menschen auf der anderen Seite immer kulturell eingebettet (vgl. Böhme/
Matussek/Müller 2007 [2000]) bis hin zur kulturellen Konstruktion dieses Dualis-
mus (vgl. Beck 2016 [1986]; Heise 2010). Hierbei zeigen sich sprachliche Begriffs-
differenzierungen und fachspezifisch geprägte Verständnisse von Natur, Umwelt
und Nachhaltigkeit. Ist es für manche Ansätze im Bereich des Natur- und Umwelt-
schutzes, wie u.a. die oben genannten, notwendig, die „Natur“ (forschungsprag-
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Carolin Schwegler, Universität Koblenz-Landau, Institut für Germanistik, Universitätsstraße 1,
56070 Koblenz, Deutschland, schwegler[at]uni-koblenz.de
A
nna Mattfeldt, Universität Bremen, Fachbereich 10 Sprach- und Literaturwissenschaften,
Postfach 33 04 40, 28334 Bremen, Deutschland, an_ma1[at]uni-bremen.de
Berbeli Wanning, Universität Siegen, Germanistisches Seminar, Hölderlinstr. 3, 57076 Siegen,
Deutschland, wanning[at]germanistik.uni-siegen.de
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matisch) zu objektivieren, so ist es für andere Perspektiven, beispielsweise die
des Ecocriticism (Goodbody/Rigby 2011), der Ökolinguistik (Fill/Mühlhäusler
2001) oder auch der derzeit entstehenden Tierlinguistik (Steen i. E.) essentiell,
diese dualistische Konstruktion unterschiedlich intensiv zu hinterfragen. Eine
einheitliche Konzeptualisierung ist daher nicht sinnvoll und auch nicht wün-
schenswert mit Blick auf die vielen Perspektiven, die sich mit Natur, Umwelt und
Nachhaltigkeit beschäftigen. Der Klappentext von Hartmut Böhmes naturästhe-
tischem Essay Aussichten der Natur (2017) beginnt passenderweise mit der Be-
nennung eines Dilemmas, das hieraus erwächst und vor dem auch dieser Über-
blickstext eines interdisziplinären Bandes steht:
Die Rede von der Natur ist heute in vielfacher Weise problematisch geworden . Das geht mit-
unter so weit, dass von einer vorauszusetzenden Natur gar nicht mehr gesprochen werden
kann.
An die Stelle einer vorauszusetzenden Natur tritt heute eine bewusste Pluralität
von Bedeutungen der Begriffstrias Natur, Umwelt und Nachhaltigkeit. Wir schla-
gen für diese zentralen Schlüsselwörter keine übergeordneten Definitionen vor,
zumal diese der Interdisziplinarität der 13 Beiträge nicht angemessen wären, ge-
ben aber in Kapitel 3 Beispiele zu diskursiv vorherrschenden Bedeutungen in ver-
schiedenen Themenbereichen und Domänen. Auch wenn wir in diesem einfüh-
renden Text an einigen Stellen aus pragmatischen Gründen verkürzt von einem
Begriff der NACHHALTIGKEIT ausgehen, der Natur- und Umweltbetrachtungen kon-
zeptuell inkludiert, wird für die darauffolgenden Texte keine Hierarchisierung
der zentralen Begriffe vorgegeben, da diese sich auch aus den jeweiligen Per-
spektiven ergeben kann (aber nicht muss). Stattdessen möchten wir Natur, Um-
welt und Nachhaltigkeit zunächst einmal als Themenbereiche begreifen, die un-
seren Alltag, unsere Sprache, Literatur, Kunst sowie öffentliche Diskurse prägen
und wiederum durch diese geprägt werden. Es handelt sich somit um Themen,
die viele „Wissensdomänen“ (Felder 2006: 13ff.) berühren und darin spezifische
Subthemen und -diskurse, Aushandlungsbereiche, Wertegefüge und Agonali-
tätskonstitutionen (Felder 2012; Mattfeldt 2018) sowie ganz generell natürlich un-
terschiedliche Perspektiven und Betrachtungsweisen hervorbringen. Als ein-
schlägige gebündelte Kristallisationspunkte dienen diesem Band1 dahingehend
beispielhaft:
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1 Ein ausführlicher Überblick – zum Aufbau des Bandes und dieser Einleitung findet sich am
Ende des ersten Kapitels dieses Einleitungstextes. Konkrete Verknüpfungspunkte zu den einzel-
nen Beiträgen sind in den Ausführungen der darauffolgenden Einleitungskapitel kursiv und in
Fettdruck hervorgehoben.
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das Thema Atomenergie sowie dessen Auswirkungen und literarische Verar-
beitungen,
das Sprechen/Schreiben über Tiere sowie die diskursiven und literarischen
Zugänge zu Tieren und das damit verbundene gesellschaftliche Wertegefüge,
die Domäne WIRTSCHAFT und deren Sprache mitsamt der kommunikativen
Aneignung von Nachhaltigkeit im ökonomischen Berichtswesen, dessen
konkrete Betrachtung sprach- und registerbezogene Auffälligkeiten offen-
bart,
die Auswirkungen der politisch geforderten gesamtgesellschaftlichen Trans-
formation zur Nachhaltigkeit auf Bildung, Recht, Kunst sowie Moral und
(insbesondere in den Jahren 2020 und 2021 bedeutsam und hochaktuell) das
Aufeinandertreffen von wissenschaftlichen und populistischen Argumenten
im Diskurs – hier mit Fokus auf der Kritik an Klimamodellen.
Interdisziplinarität und Nachhaltigkeit
Eine Bündelung verschiedener Fachdisziplinen, wie sie etwa auch im Rahmen
der Environmental Humanities gefordert wird (vgl. Heise 2016), ist essentiell, um
sich den Problemen und drängenden Fragen des Bereichs auch aus geistes- und
kulturwissenschaftlicher Perspektive zu nähern. Daher bieten einige Texte dieses
Bandes Überschneidungen hinsichtlich der genannten Kristallisationspunkte
von Nachhaltigkeit an, arbeiten jedoch aus unterschiedlichen Blickwinkeln und
mit verschiedenen Methoden. Andere Beiträge betonen auf der Basis verschiede-
ner genannter thematischer Aspekte dezidiert den Wert linguistisch-diskursiver
Methoden, wie im Folgenden noch näher ausgeführt wird. Auch wenn wir hierauf
einen starken Fokus legen, ist nicht zu vergessen, dass Nachhaltigkeit nicht nur
ein Thema ist, das man u.a. text- und diskurslinguistisch oder historisch-seman-
tisch untersuchen kann. NACHHALTIGKEIT entfaltet als facettenreicher Begriff und
historisch festgeschriebenes Prinzip (vgl. Carlowitz 1732 [1713]), als dreidimensi-
onales wirtschaftspolitisches Konstrukt (Ökonomie, Ökologie, Soziales) sowie als
bildungs- und wirtschaftspolitische Zielesammlung (UN 2015, Sustainable Deve-
lopment Goals (SDG) der Agenda 2030) immer auch normatives Potential. Im
Zentrum dessen erscheint hierbei implizit sowie mitunter explizit die alte Frage,
wie der Mensch zur Natur steht – und stehen möchte. Dies ist sowohl eine grund-
legende philosophische Frage als auch eine Frage, die sich aus historischer Per-
spektive für verschiedene Zeiten, Disziplinen, Kulturen und politische Entwick-
lungen ganz unterschiedlich beantworten lässt (Heise 2016: 23) und in diesem
Band insbesondere mit Blick auf die Bildungspolitik elaboriert wird. Normative
Überlegungen und Implikationen – wie sie beispielsweise im Bildungsbereich
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angestellt werden können (s. dazu Kapitel 5 dieses einleitenden Textes) – und
diskurslinguistische Ergründungen nachhaltigkeitsbezogener Aushandlungen
sind, wie wir zeigen möchten, kein Gegensatz, sondern können ergänzend ver-
bunden werden.
Debatten um gesellschaftliche Normalitäten und Werte werden in den letzten
Jahren verstärkt gesellschaftlich(-medial) eröffnet und geführt; aktuelle wissen-
schaftliche Erkenntnisse zum Klimawandel (Rockström et al. 2009) und zur Ver-
änderung der Biodiversität (IPBES 2019) oder die Frage nach den Bedürfnissen
zukünftiger Generationen (Tremmel 2012), wie sie gerade von der Bewegung
Fridays for Future betont wird, stellen die Menschheit vor Herausforderungen.
Diese Aushandlungen können wir zum einen auf verschiedene Weisen diskursiv
betrachten, nicht zuletzt diachron hinsichtlich eines Wandels von Werten und
den dabei eingesetzten kommunikativen Strategien (vgl. Schwegler 2018). Zum
anderen können wir diese Debatten bezüglich des normativen Ziels einer nach-
haltigen Entwicklung und der Bedeutung von Bildung für die Umsetzung dieses
anspruchsvollen Ziels erörtern und bewerten.
Insgesamt möchten wir mit diesem Band die fruchtbare Ausdifferenzierung
von Themen und die methodische Pluralität von sprachbezogenen deskriptiven,
kritischen und normativen Beiträgen hervorheben, die der Themenbereich erfor-
dert (s.u. Überblick). Zu diesem Zweck ziehen wir zum einen Verbindungslinien
zwischen Traditionen des Bereichs Nachhaltigkeit innerhalb der Linguistik (s.
folgender Abschnitt) und hin zu den Environmental Humanities. Zum anderen
möchten wir damit die Bedeutung, die Sprache und Sprachförderung in diesem
Kontext haben können, betonen. Die Aufmerksamkeit soll somit auf den Aspekt
Sprache und bzw. in Nachhaltigkeit – sowie Umwelt und Natur – gelenkt werden.
Ökolinguistik und Nachhaltigkeit im Diskurs
Zurzeit gewinnt die Sprachbetrachtung von Nachhaltigkeitsthemen in der Lingu-
istik verstärkt an Bedeutung, insbesondere in der Diskurslinguistik (u.a. Freitag
2013; Tereick 2016; Jacob 2017; Mattfeldt 2018; Schwegler 2018; Steen i. E.), wie
einige Beiträge dieses Bandes und die elaborierten Beispielbereiche des dritten
Kapitels dieses Textes zeigen werden. Mit dem Beginn der Ausbreitung des Virus
SARS-CoV-2 als weltweite Pandemie rückte eine zentrale ökologische Herausfor-
derung ganz aktuell ins Bewusstsein. Betrachtet man die davon ausgehende Er-
krankung COVID-19 und mögliche Ursachen dieser Zoonose, werden Schwierig-
keiten im Mensch-Natur/Kultur-Verhältnis unter neuen Gesichtspunkten
verhandelt, z.B. im Kontext der Wildtiermärkte oder dem allgemeinen Schwund
an Lebensräumen für Tierarten.
Natur, Umwelt, Nachhaltigkeit | 5
Themen mit Nachhaltigkeits-, Umwelt- oder Naturbezug sind in der Linguistik
ganz grundsätzlich nicht neu. Seit den 1990er Jahren beschäftigt sich die Ökolin-
guistik (Fill 1987, 1993, 1996, 2015; Trampe 1990, 1991, 2015; Halliday 2001; Fill/
Mühlhäusler 2001; Mühlhäusler 2003) mit der Sprachökologie, d.h. mit der „Ver-
bindung von Linguistik und Ökologie“ (Fill 1996: VII), um u.a. „Umwelt-Themen,
Umwelt-Wörter und Umwelt-Texte“ (Fill 1996: VIII) zu untersuchen (vgl. Alwin
Fill in diesem Band). Die Ökolinguistik ist aufgrund ihrer starken Fokussierung
auf das Aufdecken einer anthropozentrischen Lexik häufig v.a. mit einer ökolo-
gischen Sprachkritik konnotiert, betont aber, dass es dabei nicht um eine ökolo-
gische Sprachzensur geht (Fill 1993: 6).
Ein weiterer Fokus der Ökolinguistik, der zwar weniger zentral, aber umso
anschlussfähiger an die (auch deskriptive) Diskurslinguistik ist, ist die Erfor-
schung der genannten Umwelt-Themen in Form einer Untersuchung der sprach-
lichen Ebene von natur- und nachhaltigkeitsbezogenen Konflikten (Fill 1993: 8–
9), wie sie etwa auch in den o.g. aktuellen diskurslinguistischen Arbeiten zu öko-
logischen Themen untersucht werden.2 Da die Ökolinguistik den Schwerpunkt
auf das „Funktionieren und Versagen“ (Fill 1993: 8) von Sprache im Konflikt legt
und sich darauf fokussiert, „die Rolle der Sprache in der Beziehung des Men-
schen zur Natur zu untersuchen, in Frage zu stellen und einen Beitrag zur Ver-
besserung dieses Verhältnisses zu leisten“ (Fill 1993: 103), betreibt sie zugleich
bei der Untersuchung von diskursiven Sprachstrategien immer Sprachkritik und
ist – möchte man sie der Diskurslinguistik fruchtbar annähern – prinzipiell dem
Bereich der kritischen Diskursanalyse zuzuordnen.
Allerdings kann man mit einer ökolinguistischen sowie mit einer deskriptiv-
diskurslinguistischen Betrachtungsweise „‚Sprache in ihrer Rolle als Teil eines
Beziehungssystems zwischen Menschen, politischen Parteien, Völkern, Religio-
nen etc.‘ verstehen und jede einzelne Sprachäußerung in diesem Lichte sehen“
(Fill 1993: 3). Denn Einigkeit besteht darin, dass „Sprache als Medium der Aus-
handlung von Werten und als Wert selbst“ (Spitzmüller/Warnke 2011: 196) ange-
sehen werden kann – ganz gleich ob sie als „Mittel der Wissenskonstituierung
[…] [sowie der] Evokation von mentalen ‚Projektionen‘“ (Spitzmüller/Warnke
2011: 62) betrachtet wird oder die Analysierenden die dabei zutage tretenden Dis-
||
2 Die Ökolinguistik will über die hier gezogenen Parallelen zur Diskurslinguistik hinaus in Me-
thode und Themensetzung vielfältig sein, da diese Vielfalt selbst „ein wichtiges ökologisches
Prinzip“ (Fill 1996: IX) darstellt. In diesem Sinne ist etwa Ökolinguistik der umfassendere Titel
des Gesamtprogramms und Sprachökologie der Begriff für die „Erforschung der Zusammen-
hänge zwischen Sprache und [einzelnen] ‚ökologischen‘ Fragen“ (Fill 1996, X). Hier ist sie somit
anschlussfähig an die Environmental Humanities, auch wenn sich die Vielfalt zunächst auf ver-
schiedene linguistische Methoden bezieht.
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kurspositionen kritisch einordnen und sich politisch positionieren (Wodak/
Meyer 2009). Eine mögliche Positionierung ist dabei – ganz ähnlich wie in der
Ökolinguistik angedacht – „gegen Krieg, gegen Rassismus, gegen Ausgrenzun-
gen aller Art, gegen ökologische Fehlentwicklungen […] und vieles mehr“ (Jäger
2005: 69), jedoch ohne die vorausgesetzte Eingrenzung auf ökologische Themen.
Während die Ökolinguistik von Vertreterinnen und Vertretern deskriptiver
Forschungszweige bislang weniger zur Kenntnis genommen wurde und sich die
kritische Diskursanalyse weitreichender (also nicht lediglich auf die Bereiche Na-
tur, Umwelt und Nachhaltigkeit bezogen) auf politische Macht und Herrschafts-
mechanismen konzentriert, könnte die Ökolinguistik möglicherweise über die
Human-Animal Studies (vgl. Pamela Steen & Ulrike Schmid sowie Roman Bar-
tosch in diesem Band) neuen Aufwind bzw. eine Aktualisierung erfahren, wofür
wir uns hier aus diskurslinguistischer Perspektive aussprechen möchten.3 Die
Human-Animal Studies erweitern sich seit der Jahrtausendwende stetig interdis-
ziplinär, behandeln zunehmend linguistische Themen und werfen, wie auch die
Ökolinguistik, einen kritischen Blick auf sprachliche Konstruktionen – jüngst
beispielsweise im Rahmen der Tierlinguistik (Steen i. E.). Dieser neuere linguisti-
sche Zweig der Human-Animal Studies könnte somit ein Bindeglied zwischen den
oft unverbunden agierenden Forschungszweigen Ökolinguistik und Diskurslin-
guistik darstellen.
Überblick – zum Aufbau des Bandes und der Konzeption
dieser Einleitung
Wie oben betont, steht im Zentrum des Bandes zum einen der diskursive, thema-
tisch vielseitige Niederschlag von Natur-, Umwelt- und Nachhaltigkeitsthemen
auf sprachlicher Ebene; zum anderen wird die Eröffnung von differenzierten und
sprachsensiblen Zugängen zu Natur und Umwelt diskutiert sowie im Anschluss
daran die Förderung eines reflektierten Umgangs mit Werten und Einstellungen
im Rahmen der sprachbezogenen Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) er-
örtert. Die Kombination der Beiträge stellt eine Verbindung von deskriptiven und
||
3 Steen betont hierbei im Anschluss an Heuberger (2015) allerdings ein Dilemma, das die Öko-
linguistik noch überwinden bzw. zumindest adressieren müsste, um auch einer Tierlinguistik
gerecht zu werden: „Zwar arbeitet die Ökolinguistik dezidiert gegen die Anthropozentrik der
Sprache an, indem sie ‚Euphemismus, Bedeutungsverschleppung, Verdinglichung/Mechanisie-
rung‘ (Trampe 1996, S. 71) kenntlich machen will, eine Annahme von Menschen aber, die sprach-
lich auf ,die Natur‘ Bezug nehmen können, zieht implizit wieder eine Trennung von Menschen
(Natur/Kultur) und Tieren (Mitwelt/Natur) ein“ (Steen i. E.).
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kritischen (diskurs-)linguistischen Ansätzen mit literaturwissenschaftlichen und
-didaktischen Zugängen dar und integriert sprachbezogene historische, philoso-
phische und rechtswissenschaftliche Perspektiven. Insgesamt bieten die oben
aufgelisteten Kristallisationspunkte diesem Facettenreichtum dabei einen the-
matischen Rahmen.
Der Band schließt an die Tagung Natur – Kultur – Mensch. Sprachliche Prak-
tiken um ökologische Nachhaltigkeit (2019)4 des Netzwerks Sprache und Wissen an,
greift Vorträge, Anschlussüberlegungen und Ergebnisse aus den wissensdomä-
nenspezifischen Tagungsworkshops auf und bietet Einblicke in drei verschie-
dene, jedoch allesamt sprachbezogene Bereiche, die sich in der Gliederung des
Bandes niederschlagen:
1. Im ersten Teil Umwelt im Spiegel von Geschichte, Politik und Bildung wird die
Thematik aus historischer, literarischer, didaktischer und bildungspoliti-
scher Perspektive diskutiert; darüber hinaus werden bildungsrelevante Vor-
schläge für den Literaturunterricht vorgestellt.
2. Im zweiten Teil Wissen im Diskurs – Exemplarische Diskursperspektiven auf
Natur und Nachhaltigkeit wird anhand diskursbezogener Betrachtungen von
Aushandlungen um Natur und Nachhaltigkeit diskursives und kollektives
Wissen interdisziplinär und facettenreich untersucht. Die o.g. Kristallisati-
onspunkte bilden hierbei einen (sub-)thematischen Rahmen. Gewonnene Er-
kenntnisse lassen u.a. kritische Sprachbetrachtungen und Schlussfolgerun-
gen für die spezifischen, betrachteten Wissensbereiche zu und spannen
somit einen Bogen zum aktualisierten Überdenken ökolinguistischer und
sprachkritischer Ansätze.
3. Im dritten Teil Ökologische Sprachkritik und Moral geht es abschließend um
die Metaebene der Moralkommunikation und ökologischen Sprachkritik, die
durch ihre normative Perspektive und Diskussion auch einen Beitrag zur im
ersten Teil angestoßenen Diskussion um (die Vermittlung von) Einstellungen
und dazugehörigen Werten leisten kann.
Diese Dreiteilung spiegelt sich ebenfalls in den folgenden Kapiteln (2, 3 und 4)
dieses einleitenden Beitrags, die Ausführungen einzelner wesentlicher Knoten-
punkte des Themas enthalten – beispielsweise zur Relevanz von Literatur für den
Zugang zu Themen der Nachhaltigkeit, zu Natur und Umwelt in mehrsprachigen
Diskursbetrachtungen oder semantische, agonale und argumentative Aushand-
lungen um Nachhaltigkeit. Darüber hinaus werden in jedem Kapitel diejenigen
||
4 Ein ausführlicher Bericht zu den Inhalten und Ergebnissen dieser Tagung ist in der Zeitschrift
für Germanistische Linguistik erschienen (Münch 2020).
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Beiträge vorgestellt, die dem jeweiligen Teil des Bandes zugeordnet sind. Das
fünfte Kapitel dieses einführenden Textes schließt an die Überlegungen und Er-
gebnisse dieses Bandes im Hinblick auf die Frage nach Nachhaltigkeit als gesell-
schaftliche Aufgabe an und diskutiert aktuelle Entwicklungen im Rahmen einer
Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE).
Hinführung zum Thema Nachhaltigkeit und
Umgang mit Natur
Sowohl Ecocriticism (vgl. den Überblick von Wilke 2015) und Ökolinguistik (Fill
1987) als auch die diskurslinguistische Beschäftigung mit Nachhaltigkeitsthe-
men können aus historischer Perspektive in Zeiten verortet werden, in denen um-
weltbezogenen Themen politische (und gesellschaftlich-diskursive) Aufmerk-
samkeit geschenkt wird. Viele Texte – auch in diesem Band – orientieren sich
darüber hinaus an (umweltpolitisch) einschneidenden Ereignissen sowie um-
welt- (und z.T. wirtschafts-)politischen Leittexten (ein bekanntes Beispiel ist der
Brundtland-Bericht, UN 1987). Wir möchten hier deshalb mit einem kurzen histo-
rischen Abriss ausgewählter globaler Ereignisse einsteigen, der bis zu den aktu-
ellen Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen reicht, welche u.a. die Grund-
lage für Maßnahmen und Handlungsempfehlungen der UNESCO im Rahmen von
BNE darstellen.
Ein politisch relevantes Thema wird die ökologische Nachhaltigkeit, bzw. zu-
nächst der Umweltschutz, in den 1960er Jahren. In diesen Jahren wurde das ge-
samte Ausmaß des Einsatzes von Agent Orange (ein giftiges Herbizid) zur Entlau-
bung ganzer Waldgebiete während des Vietnamkriegs (1955–1975) bekannt. Die
Risiken der Atomenergie-Nutzung und die immer deutlicher erkennbaren Folgen
von Radioaktivität sowie das erhöhte Aufkommen neuartiger industrieller Emis-
sionen sorgten für wachsendes Unbehagen in der Bevölkerung (vgl. dazu den
Beitrag von Verena Winiwarter). Auffällig ist, dass gerade die Literatur zu Um-
weltthemen – hier maßgeblich Rachel Carsons Buch Silent Spring (1962) – an um-
weltkritischen gesellschaftlichen Entwicklungen nicht nur beteiligt war, sondern
diese teilweise überhaupt erst auslöste. Dies unterstreicht von Beginn an den
Wert der literarischen Verarbeitung von Natur-, Umwelt- und Nachhaltigkeitsthe-
men, was sich in der Zusammenstellung dieses Sammelbandes spiegelt. Ein gro-
ßer Teil der Umweltbewegung, die damals entstand, geht auch in Deutschland
auf zahlreiche Neugründungen von Bürgerinitiativen (Radkau 2011: 142) zurück
und gipfelte schließlich in der Gründung der Partei Die Grünen (1980). Neben der
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Politik adressierte die Umweltbewegung auch die Industrie und das damit ver-
bundene Wachstumsideal.
Die produzierende Industrie bietet aufgrund ihres teilweise fahrlässigen Um-
gangs mit Emissionen und Chemikalien Angriffsflächen für eine tiefgreifende Kri-
tik. In diesem Zusammenhang sind verschiedene Chemieunfälle zu nennen, zu-
nächst das Flixborough-Unglück (1974), aus dem aber kaum die notwendigen
Lehren gezogen wurden. Wie ein Fanal wirkte daher zwei Jahre später das Un-
glück von Seveso (1976), bei dem stark umweltgiftiges Dioxin freigesetzt wurde.
Die Katastrophe von Bhopal (1984) war nicht nur verheerend in den Auswirkun-
gen, sondern auch bezüglich ihrer Ursachen: Durch Einsparung in den Produkti-
onsabläufen wurde das Risiko eines Unglücks erhöht, das dann auch prompt ein-
trat. Als letztes Ereignis in dieser Reihe steht der Sandoz-Großbrand in Basel
(1986).5 Die rasche Abfolge von vier Katastrophen in knapp zwölf Jahren machte
die Gefahren der chemischen Industrie deutlich, die außer den punktuellen ka-
tastrophalen Ereignissen auch kontinuierlich sichtbar verschmutzte Flüsse,
problematische Auswirkungen von saurem Regen, kontaminierte Böden oder
verstärkte Industrieemissionen in der Luft hinterließ. Doch erst der GAU, vor dem
die Anti-Atom-Proteste immer gewarnt hatten, löste durch die zunächst histo-
risch einmalige Tschernobyl-Katastrophe (1986) eine neue Phase des Umweltbe-
wusstseins aus. Erst ein weiterer GAU, die Atomkraftwerksexplosion in (bzw.
Nuklearkatastrophe von) Fukushima in Verbindung mit einem Tsunami 25 Jahre
später (2011), brachte dann einen Industriestaat wie Deutschland dazu, sich
schließlich wegen der unwägbaren Risiken von dieser Form der Energieerzeu-
gung abzuwenden.
Dem literarischen Umgang mit den Gefahren der zivilen Atomenergienut-
zung gehen Hildegard Haberl, Eric Leroy du Cardonnoy & Alex Goodbody in
ihrem Beitrag über die Katastrophe in Fukushima am Beispiel des 2018 erschie-
nenen Romans Heimkehr nach Fukushima des schweizerischen Schriftstellers
Adolf Muschg nach, in dem sie untersuchen, welchen Einfluss Literatur auf die
Nachhaltigkeitsthematik im Zeitalter des Anthropozäns haben kann. Auch Ve-
rena Winiwarter, die einleitend die militärische Atomenergienutzung stärker fo-
kussiert und sich mit nuklearen Altlasten aus umwelthistorischer Perspektive be-
||
5 Die Komposita-Endungen -Unglück oder -Katastrophe sind hierbei nicht willkürlich gewählt,
sondern wurden durch den damaligen öffentlichen/medialen Diskurs geprägt und anschließend
von historischen Darstellungen übernommen und verfestigt. Die entsprechenden Wikipedia-Ar-
tikel nutzen diese Ausdrucksweisen ebenso als Titel (vgl. beispielsweise die Nuklearkatastrophe
von Fukushima (2011), https://de.wikipedia.org/wiki/Nuklearkatastrophe_von_Fukushima,
letzter Zugriff 29.04.2021).
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schäftigt, indem sie die Monstrosität (atomarer) Ereignisse sowie die Grenzen des
Sagbaren herausstellt, hebt die bedeutende Funktion literarischer Zugänge in
diesem Zusammenhang hervor, durch die das Verstummen überwunden und
eine Sprache der Kritik am euphemistischen Umgang mit Altlasten gefunden wer-
den kann. Am Ende von Winiwarters Beitrag sind die beiden Gedichte Strahlung!
(i. O. Radiation) und Schadstoff (i. O. Plume) von Kathleen Flenniken (2012) in
offizieller deutscher Erstübersetzung abgedruckt und verdeutlichen die literari-
sche Verarbeitung bzw. den Versuch des Begreiflichmachens der Monstrosität.
Parallel zu den oben genannten chemischen und atomaren Katastrophen
reift in den 1970er Jahren die Einsicht heran, dass das massive Bevölkerungs- und
Wirtschaftswachstum Ausmaße annimmt, die die Welt nicht auf Dauer ertragen
kann. Nach der Studie The Limits to Growth (Meadows et al. 1972) des Club of
Rome zu den Wachstumsgrenzen auf dieser Erde und der Konferenz der Vereinten
Nationen über die Umwelt des Menschen (erste Weltumweltkonferenz, UNCHE,
1972) folgt mit der Erstellung des Brundtland-Berichtes (UN 1987) die schriftliche
Fixierung des damals drängendsten Umweltthemas angesichts der spür- und
sichtbaren industriellen Luft-, Wasser- und Bodenverschmutzung sowie der im-
mer deutlicher erkannten Gefahren für die menschliche Gesundheit: das Ziel der
Erhaltung des Planeten für die zukünftigen Generationen, d.h. die Nachhaltige
Entwicklung.
Im Jahr 1992 folgt die Rio-Konferenz UNCED, die Konferenz der Vereinten Na-
tionen für Umwelt und Entwicklung, auch Erdgipfel genannt, die als „welthistori-
scher Integrationsakt des Umweltschutzes“ (Radkau 2011: 555) bezeichnet wer-
den kann. Sie bringt Natur- und Umweltschützerinnen und -schützer sowie Öko-
nominnen und Ökonomen näher zusammen, indem Artenschutz nun Biodiversi-
tät genannt wird, denn Artenvielfalt bedeutet nicht gleich unberührte Wildnis,
sondern ist von nun an auch eine Ressource. „Ökologie und Ökonomie, die sich
so viele unfruchtbare Schaukämpfe gegeneinander geliefert [haben, sind] in
sustainable development vereint, ebenso wie Umwelt und Entwicklung, die Leit-
themen des Nordens und des Südens“ (Radkau 2011: 555).
All dies ist im Ausdruck Nachhaltigkeit bzw. Nachhaltige Entwicklung enthal-
ten, der auch diesen Band prägt. Von einer starken Ausdehnung des Begriffes,
um alle verschiedenen Bedeutungsaspekte zu vereinen, ist deshalb von Beginn
an abzusehen; eine solche Ausweitung findet sich auf sprachlicher Ebene u.a. in
unternehmerischen Nachhaltigkeitsberichten (vgl. dazu Schwegler 2018, 2020
sowie Valentina Crestani und Sandra Reimann im zweiten Teil dieses Bandes).
Der Rio-Konferenz 1992 entstammt die Agenda 21 (UN 1992b), die Aktionsdirektive
der Nachhaltigen Entwicklung für das 21. Jahrhundert. Sie wurde vom Ergebnis-
protokoll der Rio+20-Konferenz (The Future We Want, UN 2012), den Millennium
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Development Goals (MDG) der UN (2000) sowie der Agenda 2030 (UN 2015) und
den darin enthaltenen, weiter entwickelten 17 Nachhaltigkeitszielen (Sustainable
Development Goals, SDG)6 abgelöst. Gegenüber den acht MDG wurde die Zahl der
Nachhaltigkeitsziele hin zu den SDG verdoppelt. In deren 17. Ziel verpflichten
sich die wirtschaftsstärkeren Staaten der Erde, die Finanzierung aller 16 anderen
Ziele zu gewährleisten und die wirtschaftlich schwächeren Staaten hierbei zu un-
terstützen. Gerade von dieser globalen Zusammenarbeit wird es abhängen, ob die
16 konkreten Ziele bis zum Jahr 2030 erreicht werden können.
Diese derzeit gültigen SDG gaben ab dem Jahr 2015 den Impuls für weitere
Maßnahmen im Rahmen nationaler Umsetzungen. In Deutschland wurde dafür
ein Nationaler Aktionsplan (NAP) für Bildung für nachhaltige Entwicklung (Natio-
nale Plattform BNE 2017)7 erarbeitet, der sich vor allem um die Bildung kümmert
(gemäß SDG 4). Ein wichtiges Aktionsfeld ist hier der Bereich Schule. Mittlerweile
ist BNE eine in Kernlehrplänen verankerte Querschnittsaufgabe des Unterrichts
geworden, zu der die einzelnen Fächer unterschiedliches Wissen beisteuern. Der
ästhetisch-literarischen Bildung kommt in diesem Sinne eine besondere Rolle zu:
Der deutsch- und fremdsprachliche Literaturunterricht trägt zur BNE nicht nur
Wissen und Fähigkeiten bei, sondern fördert auch Reflexionen bezüglich der
(persönlichen) Einstellungen und Werte, wie der Beitrag von Sieglinde Grimm &
Berbeli Wanning im ersten Teil dieses Bandes Umwelt im Spiegel von Geschichte,
Politik und Bildung verdeutlicht. Damit kann die wichtige Verknüpfung von Wis-
sen und Handeln adressiert werden. Seit mehr als einem Vierteljahrhundert ist
bekannt, dass eine klaffende Lücke zwischen dem Wissen um die Umweltkrise
und dem entsprechenden Handeln besteht, die als „environmental doublethink“
(Buell 1995, 4) bezeichnet wird. Der Beitrag von Roman Bartosch zeigt darauf
aufbauend, wie Skalierung und Modellierung mit und durch Literatur (die wie-
derum als Grundlage fachdidaktisch orientierter Gedanken zur Literaturvermitt-
lung dient) die Differenzen zweier Zugänge zu Tieren überwinden bzw. verbinden
kann. Literatur ermöglicht multiperspektivische Blickwinkel zur Darstellung von
Tieren, die von dem Blick auf das individuelle Haustier bis zur abstrakten Spe-
ziespopulation in ihrem ökologischen Habitat reichen. Dieser multiperspekti-
||
6 Die 17 Ziele konzentrieren sich auf folgende Themen: 1) keine Armut, 2) kein Hunger, 3) Ge-
sundheit und Wohlergehen, 4) hochwertige Bildung, 5) Geschlechtergleichheit, 6) sauberes
Wasser und Sanitäreinrichtungen, 7) bezahlbare und saubere Energie, 8) menschenwürdige Ar-
beit und Wirtschaftswachstum, 9) Industrie, Innovation und Infrastruktur, 10) weniger Un-
gleichheit, 11) nachhaltige Städte und Gemeinden, 12) verantwortungsvoller Konsum und Pro-
duktion, 13) Maßnahmen zum Klimaschutz, 14) Leben unter Wasser, 15) Leben an Land, 16)
Frieden, Gerechtigkeit und starke Institutionen, 17) Partnerschaften zur Erreichung der Ziele.
7 https://www.bne-portal.de/de/nationaler-aktionsplan-1702.html (letzter Zugriff 29.04.2021).
12 | Carolin Schwegler, Anna Mattfeldt & Berbeli Wanning
vische Zugang zu Tieren durch die Literatur kann als prototypischer Zugang und
Vorbild für (andere) Subthemen der Nachhaltigkeit dienen, die Sieglinde Grimm
& Berbeli Wanning in ihrem Beitrag als Bestandteile eines literarischen Ord-
nungsmusters vorschlagen, das nicht nur nach Epochen und Gattungen gliedert,
sondern auch nach Themen des Nachhaltigkeitsbereichs.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Literatur und Sprache entschei-
dende Bausteine für ein verändertes Umweltbewusstsein, hin zu mehr Nachhal-
tigkeit, liefern können. Dies wird in den vier Beiträgen des ersten Teils Umwelt im
Spiegel von Geschichte, Politik und Bildung aus verschiedenen Perspektiven und
für unterschiedliche thematische Bereiche von Natur, Umwelt und Nachhaltig-
keit deutlich.
Nachhaltigkeit und Natur als diskursives
und internationales Thema in
verschiedenen Wissensdomänen
Die meisten der einleitend angeführten Kristallisationspunkte, anhand derer das
weitreichende Spektrum von Natur, Umwelt und Nachhaltigkeit für diesen Band
thematisch etwas zugeschnitten wurde, sind als Diskursthema, -phänomen oder
-praktik im zweiten Teil des Bandes Wissen im Diskurs – Exemplarische Diskurs-
perspektiven auf Natur und Nachhaltigkeit aufgeführt. Die Perspektiven auf Spra-
che in einer Vielfalt von Wissensdomänen, die dabei in Erscheinung treten, wer-
den durch verschiedene (diskurs-)linguistische Analysen verdeutlicht. Nach-
haltigkeitsthemen werden aus der Perspektive bzw. im thematischen Rahmen
von Wirtschaft, Kunst, Recht, Mathematik und Mensch-Tier-Beziehungen be-
trachtet sowie sprachlich ganz divers verhandelt und definiert. Was hierbei fehlt,
ist eine Betrachtung von übergeordneten thematischen Ausdrücken wie Natur,
Umwelt, Landschaft oder gar Nachhaltigkeit und den mit ihnen verbundenen dis-
kursiven Konflikten und Aushandlungen. Um diese Perspektive zu gewährleis-
ten, möchten wir über die Beitragsthemen hinaus einen kurzen Einblick in zwei
diskurslinguistische Studien (Mattfeldt 2018 sowie Schwegler 2018) aus dem Be-
reich bieten, die nicht zuletzt ein Anlass für diesen Sammelband bzw. die zuvor
veranstaltete Tagung waren.
Natur, Umwelt, Nachhaltigkeit | 13
Domänenspezifik und Internationalität von Nachhaltigkeit
Wie bisherige Studien zeigen, ergeben sich im Rahmen vieler Natur- und Nach-
haltigkeitsthemen Dissense, widerstreitende Argumentationen und agonale Aus-
handlungen, die diskursanalytisch untersucht werden können (u.a. Freitag 2013;
Tereick 2016; Jacob 2017; Mattfeldt 2018; Schwegler 2018; Steen i. E.). Hierbei wird
insgesamt deutlich, dass vermeintlich unstrittige Ausdrücke wie Umwelt, Land-
schaft oder Umweltrecht sowie das Hochwertwort Nachhaltigkeit selbst diskursiv
sehr unterschiedlich definiert werden und mit verschiedenen politischen Forde-
rungen, handlungsleitenden Konzepten (Felder 2012; Mattfeldt 2018) oder Werte-
vorstellungen, Orientierungsmustern und konkurrierenden Werteverständnis-
sen, die zur Argumentation herangezogen werden (Schwegler 2018: 549),
verbunden sind. Dies geschieht diskursiv auch und gerade in Abhängigkeit von
den jeweiligen (Sub-)Themen oder den entsprechenden Wissensdomänen, in de-
nen die Ausdrücke gebraucht werden.
So kann z.B. UMWELT in Wirtschaftskontexten anders definiert und verstan-
den werden als in Texten von Umweltschutzorganisationen – und kann sich au-
ßerdem jeweils zusätzlich diachron verändern. NACHHALTIGKEIT stellt gesell-
schaftlich nicht nur ein (Diskurs-)Thema und ein handlungsleitendes sowie
ausdeutbares Prinzip dar (nämlich nur so viel zu verbrauchen, wie man wieder
‚herstellen‘ oder wachsen lassen kann), das obendrein noch heterogen definiert
ist, sondern wird politisch und vor allem wirtschaftlich auch als Argument ge-
nutzt (Schwegler 2018: 318ff.), um Handlungen zu legitimieren und Daseinsbe-
rechtigungen (z.B. von Unternehmen) zu stärken. Gerade im Bereich der Wirt-
schaft ist NACHHALTIGKEIT deshalb auch ein strategisches Element – bis hin zu
einer werbenden Stützung (vgl. dazu Gansel 2012). Unternehmerische Nachhal-
tigkeitsberichte, die in den letzten Jahren verstärkt linguistisch untersucht wur-
den (vgl. dazu den aktuellen Sammelband zur Textsorte Nachhaltigkeitsbericht
von Gansel/Luttermann 2020 sowie Sandra Reimann und Valentina Crestani in
diesem Band), eröffnen eine Diskursperspektive, die Mediendiskurse auf ver-
schiedenen Ebenen ergänzen. Die Rollen und Intentionen der Akteure zeigen sich
darin durch argumentative Muster und Strategien (vgl. Schwegler 2018, 2020),
denn für börsennotierte Unternehmen stellen Nachhaltigkeitsberichte seit dem
Jahr 2017 eine verpflichtende Textsorte dar, die es jedoch auch erlaubt, das Fixie-
ren von Handlungszielen als nachhaltiges Handeln zu versprachlichen. Was da-
bei als „nachhaltig“ eingestuft wird und auf welche Bereiche des unternehmeri-
schen Handelns strategisch fokussiert wird, kann variieren und ist seit der
Ausdifferenzierung der 17 Nachhaltigkeitsziele (UN 2015) thematisch breiter ge-
fächert als je zuvor. Die Möglichkeiten einer positiven Selbstdarstellung im Rah-
men der Nachhaltigkeit hebt auch der Beitrag von Sandra Reimann hervor, der
14 | Carolin Schwegler, Anna Mattfeldt & Berbeli Wanning
Nachhaltigkeitsberichte von Unternehmen aus linguistisch-werbestrategischer
Perspektive betrachtet, denn diese Berichte enthalten nicht nur die eingeforder-
ten Informationen, sondern ebenso zahlreiche Merkmale von Werbesprache
(Janich 2013). Reimann arbeitet dabei textsortenübergreifende und textsorten-
spezifische Werbekategorien heraus, die es den Firmen ermöglichen, das Image
einer nachhaltigen Unternehmensidentität zu konstituieren. Wie attraktiv eine
solche Möglichkeit zur Selbstpräsentation als nachhaltige Institution ist, zeigt
sich daran, dass mittelständische Unternehmen oder Bildungseinrichtungen wie
Universitäten teilweise freiwillig dazu übergehen, Nachhaltigkeitsberichte zu
verfassen und prominent auf ihren Internetpräsenzen zu veröffentlichen, oder
dass Hotels ihre Nachhaltigkeit auf den eigenen Webseiten betonen (vgl. Crestani
2018). In ihrem Beitrag in diesem Band analysiert Valentina Crestani sprachver-
gleichend Nachhaltigkeitsberichte deutscher und italienischer Universitäten und
zeigt dabei, wie Universitäten diese Plattform länderübergreifend nutzen, um
sich als Orte guter Praktiken zu präsentieren.
Der Themenbereich Nachhaltigkeit eröffnet somit Potential für sprach- und
kulturvergleichende linguistische Untersuchungen (vgl. Crestani 2017 und Matt-
feldt 2018) sowie vergleichend-diachrone Analysen (z.B. zu Nachhaltigkeitsbe-
richten und Medientexten, Schwegler 2018) und erlaubt interessante Einsichten
– gerade auch im Hinblick auf zentrale Schlagworte. Beispielsweise ist Natur
(-schutz) ein solches Schlagwort, das von unterschiedlichen Konzepten geprägt
ist, die diskursiv vergleichend – je nach Diskursthema (und Domäne) variierend
– deutlich werden: NATUR kann im diskursiven Streit um „Landschaft“ etwa einen
ästhetischen oder emotionalen Wert haben, aber auch zur Energiegewinnung ge-
nutzt werden (bei Tagebauen, Fracking, Stauseen, Solarparks oder Windkraftan-
lagen etc.), d.h. als Sinnträger oder (von der gegenüberstehenden Partei) als
Funktionsträger angesehen werden. Werden in der Aushandlung um den Schutz
von Natur und Landschaft weitere Argumente notwendig, beispielsweise zur Un-
termauerung des ästhetischen Werts, muss hier zum Teil die Perspektive gewech-
selt werden, um erfolgreich zu argumentieren: Die Nutzung der ästhetischen, ge-
wachsenen „Landschaft“ als Erholungsraum ist eine Form des argumentativen
Perspektivwechsels, der das Verständnis von einer SINNTRAGENDEN NATUR durch
das einer NUTZBAREN bzw. GENUTZTEN NATUR ersetzt (Schwegler 2018: 292ff.).
Die oben erwähnten kultur- und sprachvergleichenden Analysen sind im
Rahmen von Natur- und Nachhaltigkeitsthemen darüber hinaus nicht nur mög-
lich, sondern auch nahezu unumgänglich, denn Natur(-schutz) ist ein globales
Thema, das auch hier – vielleicht sogar verstärkt – von unterschiedlichen Kon-
zepten geprägt ist, die diskursiv deutlich werden: Beispielsweise kann NATUR im
Sprach- und Kulturvergleich ebenso als etwas Unberührtes und zu Schützendes,
Natur, Umwelt, Nachhaltigkeit | 15
als eine nützliche Ressource für den Menschen oder gar als etwas transformato-
risch zu Rettendes charakterisiert werden, wie die sprachvergleichende Analyse
von Mattfeldt (2018) verdeutlicht. Als nützliche Ressource aus einer stark anthro-
pozentrischen Sicht (vgl. dazu auch Descola 2014, zu öko- und tierlinguistischen
Kritik daran Alwin Fill und Pamela Steen & Ulrike Schmid in diesem Band sowie
Steen i. E.) wird NATUR etwa in Diskursen perspektiviert, die Energiegewinnung
betreffen. Hierzu möchten wir im Folgenden konkretere diskursive Auffälligkei-
ten vorstellen, die zum einem beim Fracking, zum anderen beim Braunkohleab-
bau im Tagebau auftreten, da das Subthema Energiegewinnung v.a. durch zwei
(historisch und literaturwissenschaftlich geprägte) Texte des ersten Teils des
Bandes abgehandelt wird, aber auch – oder gerade – diskursiv ein zentrales
Thema ist.
Energiegewinnung und Naturkatastrophen diskursiv
Beim Thema Fracking, einer umstrittenen Energiegewinnungsmethode, die es er-
möglicht, schwer erreichbare Vorkommen von Schiefergas für die Energiepro-
duktion nutzbar zu machen, wird die Perspektive auf NATUR als nützliche Res-
source sehr deutlich. In medialen Texten zum Thema Fracking werden die
wirtschaftlichen Chancen und Potentiale einer Nutzung betont. Dieser Eingriff in
die Natur kann entsprechend mit großem Profit für den Menschen verbunden
sein. Etwa wird in den Medien spekuliert, dass für die USA durch solch eine Nut-
zung weitgehende Energieunabhängigkeit von anderen Staaten möglich werden
könnte – mit allen dazugehörigen innen- und außenpolitischen Konsequenzen
(Mattfeldt 2018: 220). Dieses profitbezogene Konzept von Natur prägt gerade den
US-amerikanischen Diskurs zu diesem Thema entscheidend. Doch auch hier wer-
den andere mögliche Naturkonzepte angedeutet. Beispielsweise erscheint NATUR
auch als etwas kaum Berechenbares – etwa, wenn mögliche Risiken wie Trink-
wasserverseuchung oder die Problematik des vergifteten Abwassers, das beim
Fracking entsteht, diskutiert werden (Mattfeldt 2018: 194ff.). Das Konzept NATUR
erfährt also auch innerhalb eines Diskursthemas sehr verschiedene Perspektivie-
rungen.
Ebengleiches passiert mit dem oben erwähnten Ausdruck Landschaft oder
auch mit Heimat im Rahmen des deutschen Braunkohletagebaus bzw. der Um-
siedlung von Bewohnerinnen und Bewohnern sowie ganzen Dörfern für den
Braunkohleabbau. HEIMAT ist für die Bewohnerinnen und Bewohner des zukünf-
tigen Abraumgebietes sehr stark mit der Gewachsenheit von Natur und Land-
schaft (die sie und ihr Dorf umgibt, aber sie selbst als Dorfgemeinschaft auch in-
kludiert) verbunden. Der Ausdruck wird im Sinne eines ausgewogenen, gewach-
16 | Carolin Schwegler, Anna Mattfeldt & Berbeli Wanning
senen Verhältnisses von Land und Leuten konzeptualisiert und genutzt, was von
unternehmerischer Seite (im Rheinland konkret von der RWE AG) nicht aufge-
griffen wird: In den Texten und medialen Äußerungen der RWE AG wird HEIMAT
vor allem im Sinne von Wohnort, Ortschaft oder Gemeinschaft aus Bewohnerin-
nen und Bewohnern gebraucht (Schwegler 2018: 430ff., insb. 433 und 438), was
die Aspekte ästhetische Landschaft und gewachsene Natur mehr oder weniger
ausschließt und dadurch schon semantisch sehr weit weg von der Perspektive
der Bewohnerinnen und Bewohner ansetzt.
Die semantischen Kämpfe (Felder 2006), die im Themenbereich Natur und
Nachhaltigkeit mitunter latent ausgetragen werden (z.B. um die verschiedenen
Konzepte von NATUR), betreffen nahezu alle zentralen Begriffe, die für Entitäten
stehen, die dem Menschen schützenswert erscheinen: So ist nicht nur NATUR kon-
zeptuell facettenreich, auch das Verständnis von UMWELT oder – wie oben ver-
deutlicht – LANDSCHAFT, HEIMAT und NACHHALTIGKEIT ist divers und von semanti-
schen Gegensätzen geprägt, die mitunter strategisch eingesetzt werden können
(Schwegler 2018: 294) und Agonalitäten provozieren. Dies ist besonders auffällig,
wenn Sachverhalte von verschiedenen Akteurinnen und Akteuren unterschied-
lich bewertet werden, wie bei den oben genannten Beispielen zu Heimat, bezüg-
lich der Einschätzung von Risiken, z.B. von Verhaltensweisen des Menschen, die
den Klimawandel begünstigen, oder auch von Naturkatastrophen, die zum einen
als ernstzunehmend, zum anderen als vernachlässigbar perspektiviert werden
können, was unterschiedliche Handlungsweisen impliziert.
Naturkatastrophen zeigen darüber hinaus eine vom bisher skizzierten se-
mantischen Spektrum abweichende Vorstellung von NATUR, nämlich als zerstö-
rerische Kraft. Während vielfach der Mensch als Akteur auftritt, der die Umwelt
gestaltet, prägt oder zerstört, begegnen wir in Diskursen rund um Naturkatastro-
phen auch Perspektivierungen, die die NATUR als Akteurin zeigen, so zum Bei-
spiel bei der Hurrikankatastrophe Sandy, die im Jahr 2012 vor allem die Ostküste
der USA traf. Bei solchen Katastrophen reagiert der Mensch auf ein Agens, das
ihm mit zerstörerischer Kraft begegnet; politische Wahlen (wie im Jahr 2012 die
Präsidentschaftswahl in den USA), Infrastruktur, Planungen für Sportereignisse
etc. werden z.B. massiv getroffen und teils unmöglich gemacht. Aus sprachlicher
Sicht fasziniert hier, dass solche Katastrophen mit menschlichen Namen wie
Sandy, Katrina, Irene oder in Deutschland auch Sturm Lothar belegt werden. Eine
Entität, die solche Macht besitzt, scheinen wir – in verschiedensten Sprachen –
vermenschlichen und mit Namen möglicherweise auch greifbarer und weniger
erschreckend machen zu wollen (Mattfeldt 2018: 290ff.).
Diskursakteurinnen und -akteure bringen ihre Perspektiven prononciert in
den Diskurs ein; dies wird beim Transfer wissenschaftlicher Darstellungen, etwa
Natur, Umwelt, Nachhaltigkeit | 17
aus der Wissensdomäne MATHEMATIK in die Domäne POLITIK, die andere Ziele und
Intentionen verfolgt sowie abweichende Anforderungen an ein Thema oder einen
Sachverhalt stellt, besonders deutlich (vgl. dazu Liebert 2002 sowie den Beitrag
von Vasco Alexander Schmidt in diesem Band). In Diskursen um Energiegewin-
nung lässt sich dies außerdem sehr deutlich an den oben skizzierten Beispielen
der umstrittenen Energiegewinnungsmethode Fracking oder am Braunkohleab-
bau im Tagebau beobachten – vor allem wenn letzterer zu einem Politikum wird,
wie Ende des Jahres 2018 bei der Debatte um den Hambacher Forst.
Welche Perspektiven bei solchen Aushandlungen letztlich dominieren und
ausschlaggebend für politisches und wirtschaftliches Handeln sind, ist nicht nur
vom Thema (bzw. der Wissensdomäne) abhängig, sondern auch von den konkre-
ten einzelsprachlichen und kulturell geprägten Diskussionen. Beim Fracking do-
minieren in den USA beispielsweise die oben genannten Aspekte des wirtschaft-
lichen Nutzens, während in Großbritannien das Risiko von Erdbeben thematisiert
wird, welches in Deutschland und den USA nicht von den Medien aufgegriffen
wird (Mattfeldt 2018: 198f.). Dies verdeutlicht, dass Sachverhalte wie natürliche
Gegebenheiten oder Eingriffe in die Natur zwar als konkrete Phänomene kultur-
und sprachübergreifend sein können; gleichzeitig ist unsere Wahrnehmung die-
ser Sachverhalte aber auch immer sprachlich und kulturell geprägt. Was in den
Vordergrund tritt, kann dabei sehr verschieden sein und gar zu Konflikten führen
(Mattfeldt 2018: 370ff.). Letzteres ist ebenso beim Hambacher Forst geschehen,
den die RWE AG zum Zweck der Erschließung der darunterliegenden Braunkoh-
leflöze als ihr Eigentum und bloßen Abraumbereich ansieht. Die demonstrieren-
den Umweltaktivistinnen und -aktivisten gaben dem Waldstück den Spitznamen
Hambi, der sich im Slogan „Hambi bleibt“ festgesetzt hat, der wiederum als Name
des waldschützenden Aktionsbündnisses dient und sogar in der (medialen) All-
tagssprache aufgegriffen wurde (Freundeskreis Hambacher Forst undatiert).8
Nachhaltigkeit diskursiv – multimodal und interdisziplinär
Dass nicht nur sprachliche, sondern auch visuelle Elemente entscheidend für dis-
kursive Bilder (im wahrsten Sinne des Wortes) sein können, zeigt die Rolle von
Visiotypen im Diskurs, wie dies etwa Tereick (2016) anhand des „Eisbären“ als
Symbolbild für den Klimawandel diskutiert. Doch auch Piktogramme, Bilder und
Farbgebungen in Medien- sowie den oben genannten Nachhaltigkeitsberichten
spielen eine wichtige Rolle. Künstlerische Formen wie Aktionskunst oder politi-
||
8 https://hambacherforst.org/ (letzter Zugriff 29.04.2021).
18 | Carolin Schwegler, Anna Mattfeldt & Berbeli Wanning
scher Protest in Form von Transparenten (so beispielsweise bei den Demonstra-
tionen zum Schutz des Hambacher Forstes oder der Bewegung Fridays for Future)
verbinden solche Bildlichkeiten oder Text-Bild-Kombinationen mit konkreten
Handlungen in öffentlichen Räumen und sorgen damit für eine besondere Dis-
kursöffentlichkeit, der sich die Gesellschaft mitunter nicht entziehen kann. So
schaffte etwa schon Joseph Beuys’ Projekt 7000 Eichen der documenta 7 (1982)
mit konkret fassbaren Bäumen und Basaltstelen Tatsachen, zu denen sich andere
positionieren (müssen) und somit im Kontext von Nachhaltigkeit stehen, ohne
dass dabei der Ausdruck nachhaltig dominant gesetzt wird. Diesem Projekt wid-
met sich Paul Reszke mit einem textsemantischen Ansatz. Er zeichnet nach, wie
die Perspektiven und Interessensbereiche KUNST/KÜNSTLER und POLITIK interagie-
ren und in diesem Kontext interdiskursive Möglichkeiten entstehen, umweltpoli-
tisch verantwortliches Handeln nachhaltig in der Gesellschaft zu verankern. Par-
tizipationsmöglichkeiten wie etwa Bürgerinitiativen, die mittlerweile in Bewe-
gungen wie Fridays for Future und Extinction Rebellion wieder an Bedeutung ge-
winnen, werden hier bereits sichtbar.
Nachhaltigkeit und Natur erweisen sich insgesamt als Aushandlungsberei-
che, die linguistisch vielschichtig und fruchtbar für diverse (diskurs-)linguisti-
sche und multimodale Ansätze sind. Interessant ist dabei der durch Sprache und
sprachliche Untersuchungen nachvollziehbar gemachte Perspektivwechsel zwi-
schen diversen Akteurinnen und Akteuren, Gruppen, Einstellungs- und Wertege-
meinschaften. Dabei kann durch die linguistische Analyse sogar die Offenlegung
zugrundeliegender gesellschaftlicher Werte gelingen, die handlungsleitend sind,
oder es können Spuren für einen Wertewandel gefunden werden. Medial stellt
sich ebenso bezüglich weiterer Natur- und Nachhaltigkeitsthemen die Frage nach
Wissen, das über z.B. naturwissenschaftliche Zusammenhänge vermittelt wird,
und der gesellschaftlichen Reaktion darauf bzw. dem gesellschaftlichen Umgang
damit. Der beispielhafte Blick auf Tiere und Mensch-Tier-Verhältnisse verdeut-
licht dies: Literatur bietet – wie oben angedeutet und von Roman Bartosch in
diesem Band ausgeführt – einen multiperspektivischen Blick auf Tiere, der im
Zusammenhand mit dem Artensterben gerade im Rahmen der schulischen Bil-
dung zur Nachhaltigkeit dienlich ist. Die öffentlichen Medien prägen oder verfes-
tigen jedoch ebenfalls literarische Konzeptionen oder gar historische Stereotype,
wie beispielsweise bei Wölfen, die (etwa in weithin bekannten Märchentexten)
als gefährlich, aber zunehmend auch als gefährdet und schützenswert charakte-
risiert werden (vgl. den Beitrag von Pamela Steen & Ulrike Schmid). Hier schlie-
ßen sich gesellschaftlich hochrelevante Fragen an, wie: Was wissen wir (woher)
über Wölfe und wie wird dieses Wissen sprachlich im Mediendiskurs geprägt?
Wie reagiert eine Gesellschaft auf ein Tier, das als Errungenschaft des Natur-
Natur, Umwelt, Nachhaltigkeit | 19
schutzes seinen Weg zurück in die diskursive Aushandlung (und die deutschen
Wälder) gefunden hat? Die Entstehung von Tierkategorien oder allgemein das
Sprechen über Tiere geschieht häufig aus einer utilitaristischen Anthropozentrik
(vgl. Heuberger 2015; Steen i. E.) heraus. Tieren wird dadurch ein geringerer Wert
als Menschen beigemessen, wie Pamela Steen & Ulrike Schmid in ihrem Beitrag
eindrücklich anhand von (kritisch-)diskursanalytischen und tierlinguistischen
Untersuchungen verschiedener Diskursfragmente vorführen, die ganz im Sinne
einer Ökolinguistik beim Aufdecken einer anthropozentrischen Lexik beginnen.9
Der Beitrag geht anschließend auf die genannten Fragen ein und widmet sich der
materiell-semiotischen Verknüpfung diskursiver und realer Wölfe. Gezeigt wird,
dass dabei typische diskursive Schemata der sprachlich-medialen Wolfskon-
struktion einer kommunikativen und materiellen Aneignung dienen, der sich der
Wolf in letzter Konsequenz immer wieder entzieht.
Wie wandelbar und insbesondere auch für Normfestsetzungen schwer greif-
bar unsere diskursgeprägten Vorstellungen von UMWELT sind, zeigt wiederum
eine rechtswissenschaftliche Perspektive mit Fokus auf sprachliche Aspekte.
Selbst ein Handeln, das die Natur schont, ist letztlich ein menschliches Verhal-
ten, das Auswirkungen auf die Natur hat, und kann entsprechend normativ – bei-
spielsweise aus juristischer und ethischer Perspektive – betrachtet werden. Ein-
drücklich zeigt sich dies, wenn konkrete Maßnahmen ergriffen werden, z.B. im
Sinne des Geoengineering, wie im Beitrag von Johan Horst, der rechtliche Fragen
dieser Thematik aufgreift. Solche Maßnahmen, die der Klimaerwärmung entge-
genwirken sollen, stellen einen Eingriff und somit ein dezidiertes Handeln dar
und widersprechen damit etwa Vorstellungen von Natur als etwas in ihrer Ge-
wachsenheit Schützenswertem. Horst nimmt Maßnahmen des Geoengineering,
die gestalterisch in die Natur eingreifen, als Ausgangspunkt, um Grundsätze des
Umweltvölkerrechts mit Blick auf Selbstbestimmungs- und Berücksichtigungs-
verhältnisse neu zu diskutieren. Dabei ergeben sich auch zuvor nicht gestellte
Fragen bezüglich der Partizipation in Demokratien und damit Anknüpfungs-
punkte an die Wissensdomäne der POLITIK. Dies gilt auch für den Beitrag von Vas-
co Alexander Schmidt, der diskurslinguistisch betrachtet, wie Aussagen aus
dem Fachdiskurs der Mathematik im populistischen Sprachgebrauch aufgegrif-
fen und argumentativ verzerrt werden. In seiner qualitativen Analyse wird ver-
deutlicht, wie Klimawandelskeptikerinnen und -skeptiker Formulierungen aus
der Mathematik verwenden (z.B. mit Bezug zur Chaostheorie), um die Sinnhaftig-
||
9 Ebenso wie bei den oben verdeutlichten Perspektiven auf NATUR (dort im Sinne von „Land-
schaft“) wird die Trennung in nutzbar/genutzt und sinntragend auch bei Tieren vorgenommen.
Es entsteht eine anthropozentrische Kategorisierung von Tieren als Nutztiere und Haustiere.
20 | Carolin Schwegler, Anna Mattfeldt & Berbeli Wanning
keit klimaschonender Maßnahmen zu bestreiten. Die Sprache der Politik (bzw.
des Populismus) und die Sprache der Wissenschaft stehen dabei in einem
schwierigen Verhältnis. Wie aktuell dieses Spannungsfeld bleibt, macht nicht zu-
letzt die Diskussion um wissenschaftliche Erkenntnisse im Kontext der COVID-
19-Pandemie in unterschiedlicher Perspektivierung deutlich.
Aus der Vielfalt der genannten Perspektiven, die in den angeschnittenen bei-
den Studien sowie den Beiträgen des Teils Wissen im Diskurs – Exemplarische Dis-
kursperspektiven auf Natur und Nachhaltigkeit ausgeführt werden, ergeben sich
facettenreiche Untersuchungsmöglichkeiten und interessante weiterführende
Fragen. Alle sechs Beiträge des zweiten Teils dieses Bandes erarbeiten in ihren
Analysen grundlegende gesellschaftliche Werte und Einstellungen, die sprach-
lich (und teilweise auch bildlich/künstlerisch) im jeweiligen Diskursausschnitt
sichtbar werden. Dabei ist der Übergang von der sprachlichen Oberfläche der Ar-
gumente zur normativen Perspektive, wie sie etwa die Ökolinguistik mit der öko-
logischen Sprachkritik einnimmt, oft fließend oder auch schon in den Ansätzen
(wie der kritischen Diskursanalyse und der Tierlinguistik) selbst angelegt.
Norm, Moral und Sprache
Diskursive Sprachbetrachtungen, wie sie im vorherigen Kapitel vorgestellt und
im Teil Wissen im Diskurs – Exemplarische Diskursperspektiven auf Natur und
Nachhaltigkeit dieses Sammelbandes durchgeführt werden, orientieren sich an
Spitzmüller/Warnke (2011), Felder (2012) oder Niehr (2014) und gehen demnach
eher deskriptiv vor. Doch insbesondere die Tradition der Critical Discourse Ana-
lysis (Fairclough 1992, 2001, 2013; Wodak/Meyer 2009 sowie Jäger 2015), die sich
gut mit Perspektiven der Human-Animal Studies verbinden lässt (vgl. den Beitrag
von Pamela Steen & Ulrike Schmid), da sie ihre Beobachtungen zu sprachlichen
Praktiken in Diskursen mit einem kritischen Impetus sowie gegebenenfalls Emp-
fehlungen für einen angemessenen Sprachgebrauch kombiniert, wie einleitend
schon ausgeführt wurde. Hieran knüpft der dritte Teil dieses Sammelbandes Öko-
logische Sprachkritik und Moral mit theoretisch-sprachkritischen und moralphi-
losophischen Beiträgen an und stellt Normen, Werte und Moralvorstellungen
heraus (z.B. TOLERANZ, bestimmte Vorstellungen von GERECHTIGKEIT oder auch
ökologische Grundsätze).
Nachhaltigkeit und der Umgang mit Umwelt und Natur werden nicht nur ge-
sellschaftlich, sondern auch sprachlich sehr schnell mit moralischen Fragestel-
lungen verbunden. Wenn NACHHALTIGKEIT als erstrebenswertes Gut oder überge-
ordnetes Ziel angesehen und gesellschaftlich relevant gesetzt wird, so können
Natur, Umwelt, Nachhaltigkeit | 21
daraus moralische Grundsätze abgeleitet werden, aus denen Handlungsempfeh-
lungen und Normen in Bezug auf das Individuum, aber auch im Hinblick auf Po-
litik und Bildung folgen. Hier stellt sich grundsätzlich die Frage, welche Rolle die
Wahl der Ausdrücke auf den Einfluss, den Kommunikation auf moralisches Den-
ken ausübt, spielt – etwa ob wir, wie oben erwähnt, wetterbedingte Naturkata-
strophen mit Personennamen anthropomorphisieren oder ob wir eine bestimmte
Handlung als umweltschonend oder umweltschützend bezeichnen (vgl. zu dieser
anthropozentrischen Sicht auch Descola 2014) und wie wir Natur und Umwelt
bzw. unsere Verantwortung in diesem Kontext wahrnehmen. Dies wird auch in-
nerhalb der linguistischen Sprachkritik von verschiedenen Ansätzen unter-
schiedlich diskutiert. Die Betrachtung von Sprache und Denken bzw. des Einflus-
ses von Sprache auf das Denken steht sowohl in der linguistischen Diskurs-
analyse als auch in der Sprachkritik im Vordergrund, wird aber in der Sprachkri-
tik noch stärker mit Forderungen in Bezug auf einen kritisch reflektierten Ge-
brauch von Sprache verbunden. Deshalb möchten wir trotz einer einleitend an-
geregten Anknüpfung der Diskursanalyse an die Ökolinguistik einerseits und der
Ökolinguistik an die Human-Animal Studies andererseits eine dezidierte (eher
theoretische) ökologische Sprachkritik von den (auf systematisch zusammenge-
stellten Korpora aufbauenden) diskursiven Ansätzen unterscheiden. Der dritte
Teil des Bandes greift eine solche eher grundsätzliche und theoretische Sprach-
kritik auf und schließt philosophisch-moralische Überlegungen an.
Um den Fokus auf den sensiblen Gebrauch oder Umgang mit Sprache bzw.
auf den Gedanken einer Kopplung von Sprache und Denken zu lenken und auf-
zuzeigen, ob und wie sprachliche Muster zu einem ausbeutenden Umgang mit
der Natur beitragen oder diesen implizit rechtfertigen, geht Alwin Fill in seinem
Beitrag in Anlehnung an Hallidays Forderungen an eine angewandte Linguistik
davon aus, dass Sprache das Verhältnis zwischen Mensch und Natur zumeist als
Diskontinuität konstituiert – wie einleitend schon für die Ökolinguistik betont
wurde und Pamela Steen & Ulrike Schmid im zweiten empirisch-diskursiven
Teil des Bandes bestätigen. Der Mensch erscheint in Ausdrücken wie Umwelt als
zentral und von Natur umgeben. Ökolinguistinnen und -linguisten gehen davon
aus, dass bestimmte Ausdrücke besser als andere betonen, dass der Mensch eines
von vielen Elementen der Natur ist. Alwin Fill legt grundlegende Argumente der
Ökolinguistik dar. Er sieht die Ökolinguistik als logischen Teil der menschlichen
Evolution, die qualitative Entwicklung und Verteilung anstelle von quantitati-
vem Wachstum propagiert. Die Lösung für Umweltprobleme beginnt entspre-
chend bereits bei der Sprachverwendung. Beispielhaft plädiert Fill in seinem Bei-
trag dafür, auch im politischen Kontext das Nachhaltigkeitsbewusstsein zu stär-
ken, indem eher von der Mitwelt statt von der Umwelt gesprochen werden sollte.
22 | Carolin Schwegler, Anna Mattfeldt & Berbeli Wanning
Ausgehend von Niklas Luhmanns Systemtheorie (1984) diskutiert der Text von
Jöran Landschoff anschließend hingegen, was eine Sprachkritik, die die Aus-
drucksverwendung zu ändern sucht, tatsächlich bewirken kann, und kritisiert
diesen Ansatz (und Moralkommunikation) als nicht zielführend. Dies begründet
er damit, dass für bestimmte Teile einer Gesellschaft andere Rationalitäten gel-
ten, die es zu beachten gilt, wenn sich deren Handeln verändern soll. Er schlägt
vor, stattdessen Nachhaltigkeit in die Sprache der Wirtschaft und damit in ein
anderes System zu übertragen, um langfristig Veränderungen zu bewirken. Einen
anderen Blick auf Moral und Sprache wählt wiederum Werner Moskopp in sei-
nem Beitrag. Ziel ist hier die Entwicklung von Kategorien, anhand derer eine Be-
schreibung der Welt ermöglicht werden soll. Die Dimensionen Erleben, Denken
und Sprechen werden dabei als Handeln zusammengefasst. Im Zentrum dieses
Moralverständnisses steht der Begriff der Verbindlichkeit, der von der gesell-
schaftlichen Perspektive stärker zum Handeln des Individuums zurückführt.
Mit diesen sprachkritischen und moralphilosophischen Beiträgen schließt
der dritte Teil dieses Bandes logisch an den zweiten empirischen Teil und die da-
rin enthaltenen verschiedenen diskurslinguistischen Ansätze an, die über kriti-
sche und hinterfragende Perspektiven sowie aber auch Analyseanteile mit Fokus
auf rhetorisch-strategische, lexikalisch-semantische und pragmatische Aspekte
verfügen, sowie Wissensdomänen, Register und Disziplinen zusammenführen.
Rückblickend möchten wir nun an den Bogen anknüpfen, der zwischen den
hier beteiligten Fachbereichen gespannt wurde, indem wir Implikationen von
Sprach- und Literaturbetrachtungen reflektieren – und zwar im Hinblick auf Bil-
dung, BNE und den universitären Literatur- und Sprachenunterricht. Im folgen-
den Kapitel widmen wir uns somit abschließend der Frage nach Nachhaltigkeit
als gesellschaftliche Aufgabe mit Fokus auf den Bildungsbereich (SDG 4).
Nachhaltigkeit als gesellschaftliche Aufgabe?
Ein Blick auf den Bildungsbereich und die Rolle
der Literaturbetrachtung
Die Rolle der Literatur(-wissenschaften) in Bezug
auf Nachhaltigkeit
Ökologisch informierte Kultur-, Sprach- und Literaturwissenschaften untersu-
chen die Frage, wie das Verhältnis von Sprache bzw. Literatur zur Natur in histo-
rischer sowie aktueller Perspektive zu beschreiben und zu bewerten ist. Dabei
Natur, Umwelt, Nachhaltigkeit | 23
stehen die Betrachtungsweisen, die sich mit der Bewusstmachung dieser Pro-
zesse und der daraus resultierenden Möglichkeit der Veränderung befassen, im
Zentrum. In Bezug auf Literatur ist daraus ein doppelter Fokus entstanden: Zum
einen beschreibt, gestaltet und verbreitet Literatur ökologische Themen von ho-
her gesellschaftlicher Relevanz mit den ihr eigenen Mitteln. Sie leistet damit ei-
nen unverzichtbaren Beitrag, da sie unmittelbar mit Sprache arbeitet, eigentlich
eine besondere Form der Sprache ist. Durch ihre stete Perspektivierung und in-
härente Mehrdeutigkeit führt Literatur zu spezifischen Erkenntnissen und Ein-
sichten, die anders so nicht zu gewinnen sind: Sie kann Empathie integrieren
(Wanning/Mattfeldt 2020), Zukunftsszenarien entwerfen oder Sachinformatio-
nen in ästhetischen Kontexten vermitteln, die oft überraschend sind (vgl. dazu
auch die Beiträge von Hildegard Haberl, Eric Leroy du Cardonnoy & Alex
Goodbody, Sieglinde Grimm & Berbeli Wanning und Roman Bartosch). Zum
anderen ist Literatur selbst ökologisch verfasst und verortet sich auf diese Weise
in der Gesellschaft. Sie ist historisch gewachsen, von Beginn der Kultur mit Ge-
sellschaft verknüpft, sie treibt Gesellschaft an, nimmt teil und ist distanzierte Be-
obachterin, reagiert auf Entwicklungen und initiiert zugleich Prozesse, die Ver-
änderungen herbeiführen, indem sie Denken, Handeln und moralische Gewich-
tung beeinflusst.
Somit ist es eine gesellschaftliche Aufgabe, die nachfolgende Generation si-
tuationsgerecht zu erziehen und ihr Nachhaltigkeitskompetenzen zu vermitteln
(Rauscher 2020: 199). Die Kultusministerkonferenz (KMK) hat darauf bereits im
Jahr 2017 politisch reagiert und die Rahmenbedingungen für Bildungspläne usw.
nachjustiert. Entsprechend der internationalen Vereinbarungen auf der Ebene
der SDG kommt es zu einer Neuorientierung von Bildung und Lernen. Es entsteht
gleichsam ein weiterer doppelter Fokus, damit sich jede Schülerin und jeder
Schüler Wissen, Fähigkeiten, Einstellungen und Werte anzueignen vermag, um
zur Nachhaltigkeit handelnd beitragen zu können. Die KMK plädiert für ein parti-
zipatives Lernen, wodurch die Bedeutung von Projekten, Programmen und Akti-
vitäten, die sich für eine nachhaltige Entwicklung einsetzen, gestärkt wird (KMK
2017: 2). Es geht längerfristig darum, die oben angesprochene und immer noch
bestehende Lücke zwischen Wissen und Handeln zu schließen. Diesbezüglich
herrscht bereits ein gesellschaftlicher Konsens; so hält eine überwältigende
Mehrheit der Lehrkräfte und Eltern schulpflichtiger Kinder die „Schaffung von
Verantwortungsbewusstsein für Natur und Umwelt“ für einen hoch relevanten
Wert, der noch über den Status quo hinaus gefördert werden sollte (Drahmann et
al. 2018, 19f.).
24 | Carolin Schwegler, Anna Mattfeldt & Berbeli Wanning
Didaktik und Nachhaltigkeit – Bildungsziele
Für die Umsetzung dieser anspruchsvollen Ziele durch eine auf Nachhaltigkeits-
aspekte ausgerichtete didaktische Praxis gibt es verschiedene Ansätze, die als
Bausteine einer transformativen Bildung an der Global Citizenship Education
(GCE), der Erziehung zur Weltbürgerschaft, mitwirken. Im Mittelpunkt steht hier
der Gedanke, dass zukünftige Generationen die vorhandenen Umweltprobleme
und weiteren Herausforderungen nur gemeinsam im Rahmen einer friedlichen
Weltgemeinschaft lösen können. Dahinter steht eine von den SDG beeinflusste
Vision von nachhaltiger Bildung und friedlicher Entwicklung, die in Verbindung
mit den Menschenrechten die Zukunft der Welt durch bessere Bildung sichern
soll. Damit ist nicht nur gemeint, dass der Erwerb grundlegender Lese-, Schreib-
und Rechenfertigkeiten sowie anderer elementarer Kenntnisse für möglichst alle
Kinder und Jugendlichen gewährleistet werden soll. Das Ziel wird noch weiter
gesteckt, indem durch entsprechende Bildung Fähigkeiten, Werte und Einstel-
lungen entstehen sollen, die es den Menschen ermöglichen, gemeinsam an den
Projekten zu arbeiten, die Klimawandel, Artensterben und ähnliche globale
Probleme aufhalten können. Mit anderen Worten: Nachhaltigkeitsbildung muss
heute Elemente wie Entscheidungsfähigkeit und Handlungsabsicht beinhalten.
Wie Lehrmaterialien erstellt werden könnten, um diese Ziele zu unterstützen
und zu erreichen, untersucht das Mahatma Gandhi Institute of Education for
Peace and Sustainable Development (MGIEP) im Auftrag der UNESCO. Seit dem
Jahr 2017 liegt ein Handbuch vor, das für die Verankerung von BNE in allen Fä-
chern des Schulunterrichts plädiert (deutsche Ausgabe 2019). BNE soll zu einem
integralen Element in den Curricula und anderen Strukturen der formalen Bil-
dung werden und nicht etwa nur ein Zusatz sein (UNESCO/MGIEP 2019: 22). Die
Bildungsinhalte werden in die Bereiche Mathematik, Naturwissenschaften, Geo-
graphie und Sprachen gegliedert, wobei letzterer im hier angesprochenen Kon-
text besonders im Zentrum steht. Sprachlich interessant ist bereits, dass dieser
nachhaltigkeitsrelevante Bildungsansatz der Verankerung auf eine Metapher zu-
rückgreift:
Die Metapher der Verankerung beschreibt den Prozess der tiefen Integration eines ge-
wünschten Elements in ein System. Es wird fest in dieses System eingebaut, im Gegensatz
zum bloßen Hinzufügen. Das verankerte Element kann immer noch erkannt werden, und
es wird nicht sofort das System verändern, obwoh l es durchaus dessen Funktion verbessern
kann. Verankerung ist eine Strategie, die Möglichkeiten der Transformation des Bildungs-
systems von innen eröffnet. (UNESCO/MGIEP 2019: 23)
Es ist evident, welche entscheidende Rolle die Sprache hier spielt, unterstützt sie
doch das Umdenken, das durch transformative Bildung stattfinden wird. Die Ver-
Natur, Umwelt, Nachhaltigkeit | 25
änderung erfolgt nicht schnell, dafür aber nachhaltig, und führt rasch zu einer
stärker verankerten Funktion (von Sprache) in der vielfältigen Debatte. Der vor-
liegende Band legt selbst Zeugnis dieser Entwicklung ab: Über Nachhaltigkeit
wird heute unter sehr vielen Aspekten gesprochen, deren Ausdifferenzierung
noch vor wenigen Jahren so nicht existierte. Der bildungspolitische Weg basiert
auf zwei Prinzipien: Erstens rückt Nachhaltigkeit in der Bildung von der Periphe-
rie ins Zentrum. Es entsteht ein multidisziplinärer Ansatz, der Fächer verbindet
und das Denken in Zusammenhängen fördert. Zweitens hebt das Prinzip des dop-
pelten Lernziels (nachhaltiges Wissen und Handeln, UNESCO/MGIEP 2019: 24)
die Verantwortung jedes Fachs hervor, neben der Vermittlung seines fachlichen
Inhalts zugleich einen Beitrag zu einer sozialeren, ökologischeren und friedvol-
leren Welt zu leisten. Besonders der Unterricht in den sprachlichen Fächern (in-
klusive Fremdsprachen) soll die Verflechtung von Wissen und Werten stärken: So
wird die kognitive Entwicklung der Lernenden sowie deren wissensbasierte Fä-
higkeit, Werte und Haltungen zur Nachhaltigkeit hervorzubringen, gefördert. Um
ein Beispiel zu nennen: Für den Sprachunterricht (inklusive Fremdsprachenun-
terricht) gibt das Guidebook die Empfehlung, Literatur einzusetzen:
Literatur ergänzt den Sprachunterricht […] Schülerinnen und Schüler lernen durch Litera-
tur verschiedene Perspektiven und Werte, die wir für eine nachhaltige Welt brauchen. Sie
lernen, Empathie zu entwickeln – sich in andere hineinzuversetzen. […] In den Schulbü-
chern für den Sprachunterricht kann Literatur eingesetzt werden, um das Verständnis der
Schülerinnen und Schüler von ihrer Welt zu vertiefen, insbesondere das Verständnis der
Werte, die wir für ihren Erhalt benötigen. (UNESCO/MGIEP 2019: 209)
Die Lernenden erwerben durch literarisches und ökokritisches Lesen ein kriti-
sches Bewusstsein, zugleich eine Sensibilität und nachhaltige Wertschätzung in
Bezug auf die Umwelt. „Den Lernenden kann eine Art des Lesens vermittelt wer-
den, die einen Bezug zur Nachhaltigkeit herstellt. Darin liegt für uns der Wert von
ökokritischen Theorien und ökokritischem Lesen“ (UNESCO/MGIEP 2019: 209).
Auf der europäischen Ebene forscht das Netzwerk A Rounder Sense of Purpose
(RSP) an der Weiterentwicklung der Nachhaltigkeitsbildung, die soziale, ökono-
mische und ökologische Erkenntnisse noch gründlicher verknüpft. Ohne eine
wertebasierte Erziehung kann Nachhaltigkeitsbewusstsein, das mit Handlungs-
kompetenz verbunden ist, nicht an die kommenden Generationen vermittelt wer-
den; das belegen mittlerweile übereinstimmend Untersuchungen aus den Berei-
chen dagogik (Brandl 2011: 7), Bildungsforschung (Rieckmann/Schank 2016:
67) und Schulentwicklung (Rohmann 20 18: 13f.). Es fehlt bisher eher an praktikab-
len Wegen, die zur Umsetzung dieser Einsichten beschritten werden können. Das
RSP-Projekt bereitet einen davon. Es hat das Ziel, zwölf einschlägige Kompeten-
zen zu vermitteln, zu denen u.a. Empathie sowie Werte- und Verantwortungsbe-
26 | Carolin Schwegler, Anna Mattfeldt & Berbeli Wanning
wusstsein gehören, die in enger Verbindung zu den 17 SDG stehen. Diese grund-
ständigen Kompetenzen sollen nicht in Untergruppierungen zerfallen, damit
nachhaltiges Lernen nicht in zusammenhanglose Teilgebiete auseinanderbricht,
sondern ein ganzheitlicher Lernprozess entsteht: „Such an approach of assessing
individual ‚pieces of learning‘ runs counter to the whole notion of holistic think-
ing that is central to sustainable development“ (EU-Projekt RSP 2019).
Ohne hinreichende Sprachbewusstheit lässt sich dieses Grundprinzip einer
modernen Nachhaltigkeitsbildung nicht verwirklichen, welches wiederum zur
Voraussetzung der politischen und moralischen Weiterentwicklung der Gesell-
schaften und Staaten dieser Welt wird. Die in diesem Band versammelten Bei-
träge geben einen Eindruck von der enormen Bedeutung, die Sprache und
Sprachförderung in diesem Kontext haben. Sie gehören damit selbst zu dem Pro-
jekt transformativer Bildung, auf dem die Hoffnungen für eine nachhaltige Zu-
kunft liegen.
Danksagung
Viele Personen haben zum Gelingen dieses Sammelbandes beigetragen. Wir dan-
ken insbesondere Ekkehard Felder, dem Koordinator des Netzwerks Sprache und
Wissen und Herausgeber dieser Reihe, für seine Begleitung des vorliegenden
Bandes sowie für seine Unterstützung der Tagung Natur – Kultur – Mensch.
Sprachliche Praktiken um ökologische Nachhaltigkeit, die vor dem Hintergrund
der in dieser Einleitung skizzierten Blickwinkel im Herbst 2019 an der Heidelber-
ger Akademie der Wissenschaften stattfand. Die interdisziplinär angelegte Struk-
tur des linguistischen Netzwerks Sprache und Wissen erwies sich für das Ta-
gungsthema als besonders gewinnbringend: Die Vielfalt an Wissensdomänen,
die spezifische Zugänge zu übergeordneten Themen Disziplinen verbindend zu-
lässt (ARCHITEKTUR UND STADT, BILDUNG UND SCHULE, GESCHICHTE POLITIK GESELL-
SCHAFT, KUNST KUNSTBETRIEB KUNSTGESCHICHTE, LITERATUR KULTUR, MATHEMATIK,
MEDIZIN UND GESUNDHEITSWESEN, NATURWISSENSCHAFT UND TECHNIK, RECHT, RELIGION,
SPRACHREFLEXION SPRACHKRITIK SPRACHIDEOLOGIE, TIER MENSCH MASCHINE so-
wie WIRTSCHAFT), erlaubte es, die verschiedenen Facetten der Thematik Natur,
Umwelt und Nachhaltigkeit im Hinblick auf ihre sprachliche Gestaltung sowie
auf weitere sprach- und kulturbezogene Aspekte in Vorträgen, Diskussionen und
intensiven thematischen Workshops interdisziplinär in den Blick zu nehmen.
Aus dieser Tagung heraus entstanden viele der Beiträge, die in diesen Sammel-
band eingingen. Die angeregten Diskussionen im Rahmen der Konferenz gaben
zudem Denkanstöße für weitere im Sammelband vertretene Perspektiven. Daher
Natur, Umwelt, Nachhaltigkeit | 27
danken wir ausdrücklich allen Vortragenden, allen Workshopleiterinnen und
Workshopleitern, den Diskutantinnen und Diskutanten der Podiumsdiskussion
Diskutieren, lehren, handeln…? Der Umgang der Wissenschaften mit Nachhaltigkeit
sowie allen Teilnehmenden der Tagung. Wir danken außerdem der Autorin Marie
Gamillscheg für die eindrucksvolle Lesung aus ihrem Roman Alles was glänzt
(2018). Weitere Beiträge aus dem Themenfeld und Kontext der Tagung mit Fokus
auf verschiedene aktuelle linguistisch-methodische Innovationen (z.B. Agonali-
tät, Argumentationsanalyse, Terminologieforschung oder auch linguistische
Wissenschaftskommunikation) sind außerdem zusätzlich zu diesem Band in ei-
nem Themenheft der Zeitschrift Deutsche Sprache gebündelt, das im Herbst des
Jahres 2021 erscheint (Nachhaltigkeit und Linguistik. Sprachwissenschaftliche In-
novationen im Kontext einer globalen Thematik, hrsg. von Carolin Schwegler und
Anna Mattfeldt).
Für die freundliche Unterstützung bei der Tagung danken wir der Heidelber-
ger Akademie der Wissenschaften sowie allen helfenden Händen vor Ort, insbe-
sondere Mahlet Gebrewold vom Bistro zuckerRohr und Renate Schwegler für die
nachhaltige und regionale Verköstigung. Besonderer Dank gebührt zudem den
Hilfskräften Sven Bloching, Miriam Kohl und Tao Wu für die tatkräftige Hilfe bei
der Vorbereitung und Durchführung der Tagung sowie Hannah Claudia Müller
für die Unterstützung bei der Erstellung der Druckvorlage. Nicht zuletzt danken
wir den anonymen Gutachterinnen und Gutachtern für wertvolle Hinweise zum
Manuskript des Bandes sowie Carolin Eckardt, Albina Töws und Gabriela Rus
vom Verlag De Gruyter für die fachkundige und umsichtige Betreuung.
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Nachhaltigkeitsberichte gelten als jährliche Fixierung der Maßnahmen und Ziele eines Unternehmens im Bereich Nachhaltigkeit. Der Beitrag stellt den analytischen Wert von Längsschnittbetrachtungen zur Untersuchung von sprachlichen Strategien in Nachhaltigkeitsberichten heraus. Die Seri-alität der Berichte unterstützt, dass das Besetzen von zentralen Begriffen als semantische Integration und das strategische Integrieren und Elaborie-ren von prominenten Begriffen als lexikalische Elaboration als sukzessive diachrone Entwicklung nachvollzogen werden kann. Sustainability reports diachronically-On the value of qualitative linguistic longitudinal analyses Sustainability reports are the annual records of a company's measures and goals in the domain of sustainability. This article highlights the analytical value of longitudinal approaches to linguistic strategies in those reports. The seriality of the reports supports that the occupation of central terms can be understood and traced diachronically as semantic integration and the strategic integration and elaboration of terms as lexical elaboration.
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Nachhaltigkeit und Corporate Social Responsibility (CSR) sind aus dem heutigen Wirtschaftsleben nicht mehr wegzudenken. Kaum ein Unternehmen kann es sich noch leisten, auf einen ökologischen oder sozialen Beitrag zum gesellschaftlichen Zusammenleben zu verzichten. Mit zunehmender Vehemenz wird ein nachhaltiger Umgang mit den von den Unternehmen verbrauchten natürlichen Ressourcen oder auch ein darüber hinausgehendes ökologisches und soziales Engagement gesellschaftlich eingefordert. Vor diesem Hintergrund werden Untersuchungen bedeutend, die sich mit der strategischen Begriffsbesetzung von Nachhaltigkeit – und von thematisch damit verbundenen Ausdrücken – sowie mit der Analyse der argumentativen Stützungen und strategischen Stärkungen der unternehmerischen Selbstbewertung ‚wir sind nachhaltig‘ beschäftigen. Die hinter den Bewertungen und argumentativen Stützungen stehenden Wertevorstellungen und deren Kommunikation sind von großer und beständig wachsender Bedeutung, da die externe Kommunikation von Unternehmen als „wichtiges Instrument kultureller Steuerung“ (Janich 2013: 52) anzusehen ist. Hier wird die Brisanz einer Untersuchung von Kommunikaten multinationaler wirtschaftlicher Akteure deutlich, die in dieser Arbeit beleuchtet werden. Gerade die weltweit agierenden Unternehmen haben einen prägenden Einfluss auf die Gestaltung des gesellschaftlichen Zusammenlebens, nicht zuletzt auf das Verhältnis von Mensch und Natur, das einen zentralen Aspekt der hier fokussierten ökologischen Nachhaltigkeit darstellt. Krisen und Negativschlagzeilen mit ökologischen Auswirkungen aus dem Bereich der Wirtschaft wecken das Interesse und auch die Kontrollfunktion der Öffentlichkeit, wie es zuletzt bezüglich der deutschen Automobilindustrie und dem Skandal um die Abgaswerte deutlich wurde. Dem öffentlichen Druck auf die Unternehmen, gesellschaftliches Engagement zu zeigen, begegnen diese in Form einer reaktiven wie auch proaktiven Kommunikation von Nachhaltigkeitsmaßnahmen (Jarolimek/Raupp 2011: 501). Die dabei entstehenden öffentlichen Aushandlungen mitsamt ihrer argumentativen und persuasiven Vorgehensweisen liefern die Untersuchungsgegenstände, um zugrundeliegende Wertevorstellungen linguistisch zugänglich und analysierbar zu machen. Diese Arbeit stellt eine linguistische (diachrone und synchrone) Analyse eines deutschsprachigen Diskursausschnitts zum Thema der ökologischen Nachhaltigkeit in Wirtschaft und Gesellschaft dar und untersucht Nachhaltigkeitsberichte sowie überregionale Printmedientexte zwischen den Jahren 1992 und 2014.
Sustainability in Mountain Tourism: A Multimodal Discourse Analysis of Web Sites in the German Language
  • Valentina Crestani
Crestani, Valentina (2018): Sustainability in Mountain Tourism: A Multimodal Discourse Analysis of Web Sites in the German Language. In: Bielenia-Grajewska, Magdalena; Cortes de los Rios, Enriqueta (Hrsg.): Innovative Perspectives on Tourism Discourse. Hershey: Business Science Reference, 18-35.
A Rounder Sense of Purpose (RSP)
  • Rsp Eu-Projekt
EU-Projekt RSP (2019): A Rounder Sense of Purpose (RSP). Assessment. https://aroundersenseofpurpose.eu/ (letzter Zugriff 29.04.2021).
Die Grüne-Gentechnik-Debatte. Der Einfluss von Sprache auf die Herstellung von Wissen (Theorie und Praxis der Diskursforschung 5)
  • Birgit Freitag
Freitag, Birgit (2013): Die Grüne-Gentechnik-Debatte. Der Einfluss von Sprache auf die Herstellung von Wissen (Theorie und Praxis der Diskursforschung 5). Wiesbaden: Springer VS.