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Migration und Gewalt an den vergessenen Rändern der Europäischen Union

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© 2021, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen
ISBN Print: 9783847112976 – ISBN E-Book: 9783847012979
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Deutschland undFrankreich im wissenschaftlichen Dialog
Le dialogue scientifiquefranco-allemand
Band/Volume 11
Herausgegeben vonVéronique Gély, Willi Jung,
Françoise Rétif, Nicolas Wernert und
der Kulturabteilung der französischen Botschaft(Berlin)
Collection dirigée par Véronique Gély, Willi Jung,
Françoise Rétif, Nicolas Wernert et
lInstitut français dAllemagne (Berlin)
© 2021, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen
ISBN Print: 9783847112976 – ISBN E-Book: 9783847012979
Sarah Ehlers /Sarah Frenking /
Sarah Kleinmann /Nina Régis /
Verena Triesethau (Hg. d.)
Begrenzungen, Überschreitungen
Limiter, franchir
InterdisziplinärePerspektivenauf Grenzen
und Körper Approches interdisciplinaires
sur lesfrontières et les corps
Mit 7Abbildungen /Avec7illustrations
V&Runipress
Bonn University Press
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Umschlagabbildung: © José Palazón / dpa picture-alliance GmbH (MedienNummer: 99078389)
A golfer hits a tee shot as African migrants sit atop a border fence during an attempt to cross into
Spanish territories between Morocco and Spains north African enclave of Melilla.
Vandenhoeck &Ruprecht Verlage | www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com
ISSN 2198-5421
ISBN 978-3-8470-1297-9
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Inhalt
Sarah Ehlers /Sarah Frenking /Sarah Kleinmann /Verena Triesethau
Körper und Grenzen im Prisma von Erfahrung, Raum und Gewalt .... 7
Sarah Ehlers /Sarah Frenking /Sarah Kleinmann /Verena Triesethau
Des corps et des frontières au prisme de lexpérience, de lespace et de la
violence..................................... 31
I. Überschreitung von Grenzen Les franchissements de frontières
Sarah Frenking
Grenzüberschreitungen:Räumliches Polizieren, körperliche Erfahrungen
und die Bedeutung des Nationalen an der deutsch-französischen Grenze
um 1900 ..................................... 57
Kristin Kastner
Grenzkörperund Körpergrenzen in der Migration :NigerianischeFrauen
auf dem Weg nach Europa .......................... 83
Adrien Cascarino
Couper son corps, redessiner les frontières .................101
II. Produktion von Grenzen La production de frontières
Tonio Weicker
Körperlichkeit und Grenze im halb-öffentlichen Raum der Marschrutka:
Soziale In- und Exklusion in russischen Sammeltaxis............121
Marie-Dominique Gil
Performer nue, performer la frontière:quand les artistes désignent ce qui
se joue dansles images de femmes encagées .................141
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III. Praktiken der Differenzierung La différenciation lelong de la
frontière
Sarah Kleinmann
Veranderungen. Über den Zusammenhang von nationalstaatlichen
Grenzziehungen und sozialen Unterscheidungen am Beispiel von
Kriminalität und Devianz ...........................167
Katell Brestic
Le corps dans lexil àlimage des réfugié·e·s juif·ve·s de langue allemande
en Bolivie (19331945): entre discrimination, exclusionet(ré)affirmation
identitaires ...................................189
Verena Triesethau
Verschmelzung und Differenz. Post-phänomenologische Überlegungen
zum Begriff sexueller Erfahrung .......................209
IV.Kontrolle und Gewalt Le contrôle et la violence
Nina Régis
Pain, «corps propre »ecorps vécu ». Lexpérience de la faim durant la
Grande Guerre en Allemagne .........................233
Sarah Ehlers
Körpertechniken und Grenztechniken. Schlafkrankheitsbekämpfung im
kolonialen Afrika ...............................255
Fabio Santos
Migration und Gewaltanden vergessenen Rändern der Europäischen
Union ......................................275
Autor*innenverzeichnis Les contributeur·ice·s ..............297
Inhalt6
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Fabio Santos
Migration und Gewalt an denvergessenen Rändern der
Europäischen Union
Cette contribution porte sur la violence subie et exercée le long des frontières extérieures des
»régions ultrapériphériques« de lUE, peu prises en considération, et les pratiquesdsé-
curisation« des frontières qui ysont établies. Des milliers de personnes risquent leur vie
chaque année aux frontières de la Guyane,deMayotte, de Melilla, de Ceuta et des îles
Canaries entre autres, afin de se rendre en Union Européennepar de nombreux espaces
postcoloniaux. Selon cette contribution, ces voix daccès alternatives toujours plus hermé-
tiques, et en particulier la frontière franco-brésilienne, peuvent être considérées telles des
microcosmes dun systèmeglobal de stratification: dune part les inégalités sont reproduites
par les institutions étatiques et supranationales et, dautre part, ces dernières sont contestées
par les migrants au péril de leur vie et de leur intégrité physique.
Am 18. November 2020 wiederholte sich an der Flussmündung des Oyapock,
der das französische Übersee-Département Französisch-Guyana vonBrasilien
trennt, ein tragisches, wenig beachtetes Unglück: In dem Gebiet, in dem der
Oyapockauf die Wellen des Atlantiks trifft, fielen mehrere Dutzend Menschen
vonBord eines lokal als pirogue und catraia bezeichneten Boots, das zu den
Hauptverkehrsmitteln in dieser abgelegenen Region am Rande des Amazonas-
gebiets zählt.1Begrenzte Aufmerksamkeit erlangte das Unglück durchein ver-
störendes halbminütiges Video, das in den sozialen Netzwerken zirkulierte und
unter anderem vonder linken, im französischen Senat vertretenen Politikerin
Marie-Laure Phinéra-Horth aufTwitter geteilt wurde: Ve rmutlich aufgenommen
und kommentiertvon einem brasilianischenMann, der sich an Land gerettet
hatte, zeigt es neben auf offener See verteilten Kanistern und Säcken auch
Menschen in orangefarbenen Rettungswesten, die sich an die Felsen am Fuße des
auf französischer Seite gelegenen Montagne dOr klammern. Trotz der medialen
Verbreitung durch eine ranghohe, aber in Frankreich kaum bekanntePolitikerin
aus Französisch-Guyana wurde dieses tragischeEreignis, bei dem vermutlich
1Für ihre kritische Lektüre und hilfreichenRatschläge bedanke ich mich bei Sarah Ehlers und
Sarah Frenking.
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mehrere Menschen zu Tode gekommen sind, in den französischen Medien kaum
zur Kenntnis genommen. Über Guyane2und die dortigen sozialen Probleme wird
in Frankreich und Europa kaum berichtet und das, obwohl das in etwad
er
Größe vosterreich entsprechendeTerritorium integraler Bestandteil sowohl
der französischen Republik als auch der Europäischen Unionist. Phinéra-Horths
Tweet wurde ein einziges Mal kommentiert und zweimal geteilt.
Guyane und die meisten anderen, vonder EU als »Gebiete in äußerster
Randlage« (»régions ultrapériphériques«) bezeichneten Territorien spielen im
kolonialgeschichtlich wenig geschulten Europa kaum eine Rolle, wasihnen die
Bezeichnung »Vergessene Europas«einbrachte.3Dieses Vergessen erschwert es,
die europäischen Außengrenzen in Südamerika, der Karibik, dem Atlantik,
dem Pazifik und dem Indischen Ozean kurzum: in aller Welt zu verorten
(s. Abb. 1).4An diesen Rändern lassen sich kaum erforschte Migrationsmuster
beobachten, die in der vonMigrant*innen am eigenen Leib erfahrenen Gewalt
den lebensgefährlichen Passagen über das Mittelmeer und durch Wüstengebiete
ähneln.5Insbesondere Guyane als einziges kontinental gelegenes Überseeterri-
torium (Ceuta und Melilla werden offiziell vonder EU nicht als Überseeterri-
torien klassifiziert) hat mit den teils verbundenen Dschungel-, Fluss- und Mee-
resroutengleich mehrere (Um-)Wege für den Großteil vonMenschen, denen die
Überquerung der einzigen Brücke über den Grenzfluss Oyapockverweigert wird.
Guyane hat sich zu einem Laboratoriumeiner nach »Übersee« verlagerten
Grenzpolitik entwickelt, in dem Flucht- und Migrationsbewegungen6vordem
2Französisch-Guyana und Guyane werden in diesem Kapitel synonym verwendet.
3Manuela Boatca
˘ForgottenEuropes.RethinkingRegionalEntanglements from theCaribbean«,
in Critical Geopoliticsand Regional (Re)Configurations:Interregionalismand Transnationalism
betweenLatin Americaand Europe,hg. BrenoBringel undHeribertoCairo (London: Routledge,
2019), 96116.
4Manuela Boatca
˘Caribbean Europe: Out of Sight, out of Mind?«, in Constructing the Pluri-
verse: The Geopolitics of Knowledge,hg. Bernd Reiter (Durham: Duke University Press, 2018),
197218; Manuela Boatca
˘Thinking Europe Otherwise: Lessons from the Caribbean«. Current
Sociology (October2020); Fabio Santos, »Re-Mapping Europe. Field Notes from the French-
Brazilian Borderland«, InterDisciplines. Journal of History and Sociolo gy Nr. 8(2017): 173 201;
Tracy Sharpley-Whiting und Tiffany Ruby Patterson, »The Conundrum of Geography, Europe
doutre Mer, and Transcontinental Diasporic Identity«, in Black Europe and the African
Diaspora,hg. Darlene Clark Hine, Stephen Small und Trica Danielle Keaton, 8491 (Urbana:
University of Illinois Press,2009).
5Paolo Cuttitta und Tamara Last, Hg., Border Deaths: Causes, Dynamics and Consequencesof
Migration-Related Mortality (Amsterdam: Amsterdam University Press, 2019).
6InAnlehnung an die Kritische Migrationsforschung und im Wissen um die empirische Viel-
schichtigkeit weise ich auf die Problematik der oftmals als Dichotomie verstandenen (frei-
willigen) Migration vs. (erzwungenen)Flucht hin. Die Perpetuierung dieses Gegensatzpaares
führt allzu oftzudem Ausschluss vonMenschen voninternationalem Schutz, den sie ei-
gentlich benötigen, s. Heaven Crawley et al., Unravelling EuropeMigrationCrisis«: Journeys
over Land and Sea (Bristol: Policy Press, 2017), 8. Migration verstehe ich als Oberbegriff für
Fabio Santos276
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Hintergrund andauernder kolonialer Verflechtungen und globaler Ungleich-
heiten analysiertwerden können.7
Es wird vergessen und oftmals bezweifelt, dass die in »äußerster Randlage«
lebenden Menschen im Falle Guyanes vorallem Schwarze Menschen und In-
digene EU-Bürger*innen sind: Sie sind »pas-tout-à-fait-français« in den Augen
weißer,inder französischen Metropole lebender Menschen.8In Anlehnung an
Stuart Hall ließe sich sagen, dass die Bewohner*innen Guyanes »in but not of
Europe« sind mit dem Unterschied, dass in ihrem Fall auch dain« prekär ist.9
Gebiete in äußerster Randlage sind nicht Teil kollektiver Vorstellungen von
Europa, obwohl weithin bekannt ist, dass die EuropäischeUnion und das geo-
graphisch verstandene Europa keineswegs deckungsgleich sind.10 Neben den
Gebieten in äußerster Randlage, die nicht nur integrale Bestandteile des jewei-
ligen Nationalstaats, sondern auch der Europäischen Unionsind, zählen auch die
vonder EU als »überseeische Länder und Gebiete« (»pays et territoires doutre
mer«) bezeichneten Teile der Welt zu den Vergessenen Europas: Obwohl die
Bewohner*innen etwavon Grönland, Aruba und Französisch-Polynesien EU-
Bürger*innen sind, gehören die Territorien selbst nicht zur EU.11
Migration an den EU-Außengrenzenund damit auch an den wenig beachteten
äußersten Rändern ist nicht ohne Perspektiveauf den Körper zu verstehen,
der wiederum eine zentrale Grundlage für die Durchführung rassistischer
Ausweiskontrollen darstellt (racial profiling). Zu versuchen, diese Grenzen zu
überwinden, bedeutet, die eigene körperliche wie auch seelische Unversehrtheit
aufs Spiel zu setzen.Die Toten an den EU-Außengrenzen sind extremer Aus-
druck dieser Gefahr. Auch Überlebende berichten vonder Überquerung von
Gewässern, Wüsten, Zaunanlagen und weiteren Hindernissen vielfach als trau-
matisches körperlichesErlebnis,das vonErfahrungen massiver Erschöpfung,
Durst, Panik, Seekrankheit, drohendem Ertrinkenund körperlicher wie psy-
Mobilität, der selbst bei nur einer Person verschiedene Beweggründe und Dringlichkeiten zu
verschiedenen Zeitpunkten und an verschiedenen Orten zugrunde liegen können.
7Fabio Santos, »Von Zentralafrika nach Brasilien und Französisch-Guyana: Transnationale
Migration, globale Ungleichheit und das Streben nach Hoffnung«, Global Processes of Flight
and Migration. The Explanatory Power of Case Studies /Globale Flucht- und Migrations-
prozesse. Die Erklärungskraftvon Fallstudien,hg. EvaBahl und Johannes Becker (Göttingen:
Göttingen University Press, 2020), 6382.
8Paul Dewitte, »Des citoyens àpart entière, ou entièrement àpart ?«, Hommes
&
Migrations,
Nr. 1237 (Mai-Juni 2002), 1.
9Stuart Hall, »In but not of Europe.Europe and its Myths«, Soundings,Nr. 22 (2003): 5769.
10 Zum zweifelhaften Status Europas als Kontinent, s. Martin W. Lewis und Kären Wigen, The
Myth of Continents: ACritique of Metageography (Berkeley: University of California Press,
1997).
11 Für einen Überblick, s. Rebecca Adler-Nissen und Ulrik Pram Gad, Hg. , European Integration
and Postcolonial Sovereignty Games: The EU Overseas Countries and Te rritories (London:
Routledge, 2013).
Migration und Gewalt an den vergessenen Rändern der Europäischen Union 277
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chischer Gewalt geprägt ist.12 In dieser Hinsicht verweist die »europäische
Flüchtlingskrise«13 auch auf die Unmöglichkeit für weite Teile der Weltbevölke-
rung, ohne Gefährdung des Körpersu
nd damit des Lebens, die europäischen
Außengrenzenzberwinden.
Das vorliegende Kapitel adressiert diese Gewalt, indem ein geographischer
Perspektivwechsel vollzogen wird: Aufbauend auf eine Darstellung des admi-
nistrativenStatus der in aller Welt verstreuten Überseeterritorien der EU, gebe
ich einen Einblick in die tagtäglich vonGewalt und To dgeprägten Grenzgebiete
um Ceuta, Melilla, Mayotte und die KanarischenInseln. Anschließend widme ich
mich mit Rückgriff auf ethnographische Vignetten,Medienberichte und statis-
tische Daten einer Analyse des stark vonMigration geprägten Überseeterritori-
ums Französisch-Guyana und gehe auf die Migrationsmuster und -routen ein,
die sich an der Grenze mit dem brasilianischen BundesstaatAmapá entwickelt
haben.
Neue Kartographien der Migration:Andere Europas, andere
Grenzen
Neun Territorien der Europäischen Union werden sperrig als Gebiete in äu-
ßerster Randlage bezeichnet. Sie »sehen sich mit einer Reihe vonSchwierigkeiten
konfrontiert, die sich aus ihren jeweiligen geographischen Eigenschaften erge-
ben. Zu diesen Besonderheitenzählen insbesondere Abgelegenheit, Insellage
und Klima sowie eine geringe Größe und eine schwierige To pografie«.14 Von
diesen neun Territorien ist eines ein französisches Überseegebiet (Saint-Martin),
fünf sind französische Übersee-Départements (Martinique,Mayotte, Gua-
deloupe,Französisch-Guyana und Réunion), zwei sind portugiesische autonome
12 Für einen Überblick, s. Cuttitta und Last, Border Deaths. Für eine konkrete Lebensgeschichte,
s. Santos, »Von Zentralafrikanach Brasilien und Französisch-Guyana«.
13 Wievon zahlreichen Migrationsforscher*innen aufgezeigtwurde, sind dem Diskurs um die
»EuropäischeFlüchtlingskrise« rassistische Zuschreibungen gegenüber nicht-europäischen
Anderen inhärent, die angeblich eine »Krise« ausgelöst haben, obwohl es de facto jene Zu-
flucht suchendenMenschen sind, die Krisen entfliehen und of tmals auch den Wegnach und
die AnkunftinEuropa als Krise erleben.S.beispielsweise Manuela Bojadzijev und San-
dro Mezzadra, »Refugee Crisisor Crisis of European Migration Policies?«, Focaalblog,
12. November 2015, https://tinyurl.com/u8u4bh32; Nicholas de Genova, »The Migrant Crisis
as Racial Crisis: Do Black Lives Matter in Europe?«, Ethnic and Racial Studies 41, Nr. 10
(August 2018): 176582; Fabian Georgi, »The role of racism in the European Migration
Crisis:AHistorical Materialist Perspective«, in Racism After Apartheid: Challenges for
Marxism and Anti-Racism,hg. Vishwas Satgar(Johannesburg:Wits University Press, 2019),
96117.
14 EuropäischesParlament, Gebiete in äußerster Randlage, zuletzt geändert im Februar 2020,
https://www.europarl.europa.eu/factsheets/de/sheet/100/outermost-regions-ors-.
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Regionen (Madeira und die Azoren), und eines hat den Status einer spanischen
autonomenGemeinschaft(die Kanarischen Inseln). Zusammengenommen be-
herbergen diese vollwertigen EU-Territorien fast fünf Millionen Menschen, von
denen die meisten EU-Bürger*innen sind. All diese Territorien gehen aufkolo-
niale Siedlungsgebietezurück, mit anderen Worten: »colonial history has created
Europeansfar away from geographical Europe.«15 Als Teil der Eurozone sind
diese Gebiete mit Ausnahmevon Saint-Martin und Mayotte links unten aufden
Euro-Banknoten visualisiert; sie unterliegen der EU-Gesetzgebung und sind Teil
des Zollgebiets der Europäischen Union. Anders als die sechs französischen
Gebiete gehören Madeira, die Azoren und die Kanarischen Inseln zum Schengen-
Raum. Die neun Gebiete in äußerster Randlage sind jedoch nicht die einzigen
territorialen kolonialen Überbleibsel der EU und ihrer Mitgliedstaaten. Vielmehr
sind sie Teil einer größeren Figuration nicht-souveräner Gebiete:Zusätzlich zu
den neun Gebieten in äußersterRandlage gibt es weltweit 13 sogenannte über-
seeische Länder und Gebiete, darunter Grönland, Bonaire und Neukaledonien.
Obwohl die überseeischen Länder und Gebiete verfassungsrechtlich Teil eines
EU-Mitgliedstaates sind, gehören sie nicht zur EU. Mit dem Brexit hat sich die
Anzahl der überseeischen Länder und Gebiete vonvormals 26 auf 13 reduziert,
wasbei der folgenden, nicht mehr aktuellen Karte (Abb. 1) berücksichtigt werden
muss.
Neben den genannten »messy boundaries«16 gibt es mit den spanischen Ex-
klaven Ceuta und Melilla (beide an Marokko grenzend) zwei weitere Territorien,
die zwar weder als Regioneniußerster Randlage noch als überseeische Länder
und Gebiete geführt werden, de facto aber auch zu den kolonial verflochtenen
Gebieten gehören. Ihr Status als spanische »autonome Städte« und die sich
daraus ergebende Zugehörigkeit zur EU wird vonder marokkanischen Regie-
rung bis heute angefochten.Inder Vergangenheit haben diese beiden hoch mi-
litarisiertenGebiete vielleicht am deutlichsten gezeigt, wie »die letzten Koloni-
en«17 durch Migrationsmuster mit den ehemaligen Kolonien Europas verbunden
sind: Neben den lebensgefährlichen Mittelmeer-Überquerungen per Schiff und
Boot sind die Stacheldrahtzäune um Ceuta und Melilla zum Inbegriff des ge-
waltvollen europäischen Grenzregimes geworden.18 Dieses Grenzregime schließt
15 Karis Muller, »Concentric Circlesat the Periphery of the European Union«, Australian
Journal of Politics
&
History 46, Nr. 3(September 2000): 335.
16 Gurminder K. Bhambra, »Postcolonial Europe, or Understanding EuropeinTimes of the
Postcolonial«, in The SAGE Handbook of EuropeanStudies,hg. Chris Rumford, 6985 (Los
Angeles: SAGE, 2009), 71.
17 John Connell und Robert Aldrich, The Ends of Empire: The Last Colonies Revisited (London:
PalgraveMacmillan, 2020).
18 S. beispielsweise das Foto vonJosé Palazón,das auf dem Buchcover dieses Sammelbands und
folgender Monographie abgebildet ist: Michel Agier, Borderlands: To wards an Anthropology
of the Cosmopolitan Condition (Malden: Polity, 2016).
Migration und Gewalt an den vergessenen Rändern der Europäischen Union 279
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Abb. 1: Karte der überseeischen Länder und Gebiete sowie der Gebiete in äußerster Randlage.
Quelle: Wikimedia commons.
Fabio Santos280
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Menschen aus, die ihre Positionmittels Grenzüberschreitung in einem globalen
Stratifikationssystem zu verbessern suchen, das hauptsächlich auf dem qua
Geburt und daher zufällig erlangtem Kriterium der Staatsbürgerschaftberuht.19
So haben sich Politiken der »Grenzsicherung« entlang der ehemalsleicht zu
überschreitenden Grenzenzwischen Spanien und Marokko (Ceuta und Melilla)
bezeichnenderweise parallel zum spanischen EU-Beitritt im Jahr 1986 entwi-
ckelt.20 Ihren buchstäblichen Höhepunkt erreichten die Maßnahmen der
»Grenzsicherung«, als die Zäune im Jahr 2005 vondrei auf sechs Meter erhöht
und unter Anwendung vonSchusswaffen verteidigt wurden. Beides erschwerte
die Einreise nach Ceuta und Melilla und ist als Reaktion auf den Versuch der
Grenzüberquerung mehrerer Tausend Menschen Anfang desselben Jahres zu
deuten.21 Die Umzäunung Ceutas und Melillas führte wiederumzueiner Um-
leitung der Migrationsrouten in ein Gebiet in äußerster Randlage:
»As Spanish and Moroccan forces closedthe route into the enclaves of Ceuta and
Melilla in 2005,inresponse to the border crisisat the enclavesfences that year, anew
pathwayopened up from West Africa towardsthe Canary Islands leading to the 2006
boat crisisin the archipelago. Worse, both these crises occurred in anticipation of
imminent (and much-publicised) border reinforcement, in atrend that resonates with
the 2015 surge in arrivals across the Mediterranean. As the Canaries entry pointwas
eventually closedthroughclose collaboration with West African states, routes were
gradually pushed towards the Sahara desert.«22
Im Jahr 2006 erreichten fast 32.000 Menschen mit Booten vonder westafrika-
nischen Küste aus die KanarischenInseln23,was die EU-Agentur Frontex dazu
veranlasste, an den atlantischen Grenzen zu patrouillieren. Diese Einsätze gegen
illegalisierte Einwanderung aufdie Kanarischen Inseln wurden zu einem Ver-
19 Roberto Patricio Korzeniewicz und Timothy Patrick Moran, Unveiling Inequality: AWorld-
Historical Perspective (London: Russell Sage Foundation, 2009); Ayelet Shachar, The Birth-
right Lottery: Citizenshipand Global Inequality (Cambridge,MA: Harvard University Press,
2009).
20 EvaBahl, »Precarious Transnational Biographies: Moroccan Juveniles in the Spanish Enclaves
of Ceuta and Melilla«, in Biographiesinthe Global South: Life Stories Embedded in Figura-
tions and Discourses,hg. Gabriele Rosenthal und Artur Bogner (Frankfurt am Main: Campus,
2017), 185.
21 Gabriele Rosenthal, EvaBahl und Arne Worm, »Illegalized Migration Courses from the
PerspectiveofBiographical Research and Figurational Sociology: The Land Border between
Spain and Morocco«, in Biographiesinthe Global South: Life Stories Embedded in Figurations
and Discourses,hg. Gabriele Rosenthal und Artur Bogner (Frankfurt am Main: Campus,
2017), 114.
22 Ruben Andersson, »EuropesFailed Fightagainst Irregular Migration: Ethnographic Notes
on aCounterproductiveIndustry«, Journal of Ethnicand Migration Studies 42, Nr. 7(Mai
2016): 1062.
23 Ruben Andersson, Illegality,Inc.: Clandestine Migration and the Business of Bordering Eu-
rope (Oakland:University of California Press, 2014), 42.
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suchslabor für ein bald darauf zu exportierendes Modell des »Migrationsma-
nagements«.24 Da diese Einsätze die Zahl der migrierenden Menschen innerhalb
weniger Jahre deutlich verringert hatten, sollte dieses »Erfolgsmodell« (aus Sicht
der Grenzkontrollinstitution) auch im Mittelmeerraum durchgeführt werden.
Wenn heutzutage hitzig über Migrationsrouten über das Mittelmeer diskutiert
wird, lohnt sich daher die Erinnerungdaran, dass Maßnahmen der »Grenzsi-
cherung« und »-überwachung« durch die EuropäischeUnion nicht nur mehr als
ein Jahrzehnt zurückreichen, sondern auch vonden früherenErfahrungenin
Nordafrika und vorder westafrikanischen Küste beeinflusst wurden.
Im Winter 2020, als letzte Änderungen an diesem Kapitel vorgenommen
wurden, habensich die Kanarischen Inseln erneut zum Ziel Tausender Menschen
entwickelt, die sich auf die gefährliche Route über den Atlantik begeben. Am
18. November2020, dem Tagdes eingangs geschilderten Bootsunglücks an der
Mündung des Oyapock, wurde mehrere Tausend Kilometer entfernt eine zweite
temporäreUnterkunftfür Geflüchtete auf Gran Canaria errichtet. Bis zu diesem
Zeitpunkt haben circa 20.000 afrikanische Geflüchtete die KanarischenInseln im
Jahr 2020 erreicht, etwa8.000 davon allein in den vorherigen 30 Ta gen.25 Die
prekären Unterbringungsbedingungeninmitten der Corona-Pandemie waren so
verheerend, dass in den Medien gar voneinem spanischen Moria die Rede war.26
Laut der Internationalen Organisation für Migration starben bis zu diesem
Zeitpunkt mindestens 563 Menschen aufder sogenannten Atlantischen Route.
Erst kurz vorder Errichtung des zweiten temporären Lagers ist ein Schiff mit
mehr als 200 Menschen an Bord gekentert. Mindestens 140 Menschen sind er-
trunken.27
Doch nichtnur in Nord- und Westafrika spielen sich Migrationsszenarien in
äußerster Randlage ab. Auch vorder ostafrikanischen Küste kommteszukaum
erforschtenMigrationsbewegungen in die EuropäischeUnion: Mayotte, seit 2011
ein französisches Übersee-Département und seit 2014 eine Region in äußerster
Randlage, gilt angesichts der hohen Migrationszahlen in der kritischen For-
schungsliteratur als »second Lampedusa, overwhelmed by illegal immigration
from the Comoros, East and even Central Africa«.28 In einem Referendum von
1974 haben die Bewohner*innender drei Inseln, die heute die Union der Ko-
moren bilden (Grande Comore, Mohéli und Anjouan), für die Unabhängigkeit
24 Ebd.,69.
25 The Guardian, »This lack of humanity cantgoon:Canary Islands struggle with huge rise in
migration«, 29. November 2020. https://tinyurl.com/xntuhjpc.
26 Zeit Online, »Gestrandet im neuen Moria«, 27. November 2020. https://tinyurl.com/4yduk
5v7.
27 IOM, »Deadliest Shipwreckofthe Year Claims at Least140 Live,29. Oktober2020. https://
www.iom.int/news/deadliest-shipwreck-year-claims-least-140-lives.
28 Muller, »Concentric Circles«, 193.
Fabio Santos282
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vonFrankreich gestimmt.Doch auf Mayotte, der vierten Inselder Komoren,
sprach sich nur ein Viertel der Bevölkerung für die Unabhängigkeit aus. Mithilfe
des umstrittenen Schritts, die Stimmen Insel für Insel zu zählen und nicht als
Ganzes, gelang es der französischen Regierung, ihre kolonialen Beziehungen zu
Mayotte aufrechtzuerhalten.29 Der unterschiedliche Status der zu einem Archipel
gehörenden Inseln hat in den vergangenen Jahrzehnten zu massiven Migrati-
onsbewegungen geführt, insbesondere nach der Einführung des umstrittenen
Balladur-Visums, mit dem komorische Staatsbürger*innen die Einreise auf die
SchwesterinselMayotte verwehrt werden sollte und die Nachbar*innen eines
historisch eng verwobenen Archipels mit einem Schlag zu »illegalen« Einwan-
der*innen wurden.30 Tatsächlich resultierte die Einführung dieser ungleichen
Mobilitätsregelung in illegalisierten und lebensgefährlichen Überfahrten in
überfüllten Fischer*innenbooten (kwassa-kwassa)nach Mayotte, etwa70Kilo-
meter vonAnjouan entfernt: Tagtäglich geraten Menschen auf der Suche nach
einem sicheren Leben, einer besseren Gesundheitsversorgung, höherenBil-
dungs- und Beschäftigungsmöglichkeiten und ähnlichen Gründen vorder Küste
Mayottes in Lebensgefahr. »The disasters«, schreibt der Politikwissenschaftler
TorSellström (2015: 318), »bear aclose resemblance to those occurring when
African refugees and economic migrants try to reach the Mediterranean island of
Lampedusa, Italy, in search of EU shelter and jobs. In the case of Mayotte, they
take place in silence, far away from any international media coverage or public
debate«. Beschwiegen werden auch die körperlichen To rturen und die vielen
Toten: »Dead bodies are regularly washed ashore on the beaches of western
Mayotte. Those lucky enough to avoid death and detentionjoin Mayotteshuge
illegal population.«31 WieSellström weiter ausführt,gibt es keine vertrauens-
würdigen Statistikenzuden auf dem Wegnach Mayotte ertrunkenen Menschen.
Schätzungen des französischen Senats von2012 gehen allerdings von7.000 bis
10.000 Toten seit Einführungdes Balladur-Visums 1995 aus. Durchschnittlich ist
also täglich mindestens eine Person vorder Küste Mayottes verstorben.32
Die tödlichen Überfahrten über das Meer wurden auch nach dem formellen
EU-Beitritt Mayottes im Jahr 2014 fortgesetzt. Lokale Medien informierenwö-
chentlich über die Ankunftund den To dvon Menschen aus den benachbarten
Komoren,doch in den französischen Medien ganz zu schweigen vonden
europäischen finden sich kaum Berichte über die Tragödien, die sich um die
südöstliche Außengrenze der EU im Indischen Ozean abspielen. Ein seltenes
29 Ebd.,189 ff.
30 Rémi Armand TchokotheBalladur Visaor Visa of Death?Questioning Migrationto
Europe via the ComorosArchipelago«, Journal of Identity and Migration Studies,12, Nr. 2
(2018): 6080.
31 TorSellström, Africa in the Indian Ocean: islands in ebb and flow (Leiden: Brill, 2015), 318.
32 Ebd.,318319.
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Beispiel für eine erhöhte Medienaufmerksamkeit wurde 2017 unfreiwillig durch
Emmanuel Macron ausgelöst, als er bei einem Besuch auf Mayotte sagte, dass die
traditionellen kwassa-kwassa weniger fischten als dass sie komorische Mi-
grant*innen herbrachten.33 Diese Aussage wurde unter anderem vondem Prä-
sidentender Fondation desComores kritisiert,der an den Todvon mehr als
10.000 Menschen auf offener See innerhalb vonetwazwanzig Jahren erinnerte,
d.h. seit der Einführungdes Balladur-Visums.34 Anders als im Falle der Kana-
rischen Inseln wurden die Operationen zum »Schutz« der Grenze rund um
Mayotte jedoch nicht vonFrontex, sondern vonder französischen Police aux
Frontières durchgeführt.
All diese Beispieleunterstreichen die Notwendigkeit, die Regioneniu-
ßerster Randlage und anderweitig kolonial verflochtene Gebiete (Ceuta und
Melilla) in gesellschaftliche wie wissenschaftliche Migrationsdebatten zu inte-
grieren. Durch diesen Perspektivwechsel wird deutlich, dass ähnliche Muster vor
und parallel zu den viel stärker diskutierten Migrationenund Todesfällen von
Asylsuchenden über das Mittelmeer oder die sogenannte Balkanroute auch an-
dernorts stattfanden und -finden. Die EU und die jeweiligen Nationalstaaten (in
den genannten Fällen Spanienund Frankreich) tragen die Gewalt der Außen-
grenzen auch an die Ränder der Überseeterritorien. Vondieser Gewalt, die sich in
körperlichen (Grenz-)Erfahrungen widerspiegelt, zeugen die vielen beschwie-
genen Toten und Verletzten.
Die aufgeführten Beispiele verweisen auf die westlichen, nördlichen und öst-
lichen Ränder Afrikas. Im Folgenden legeich den Schwerpunktmit Französisch-
Guyana auf einen Kontext,indem sich geographisch gesehen die Karibik und
die Amazonasregion treffen und politisch gesehen Europa und Südamerika
begegnen.
Europa und Südamerika überbrücken:Routen nach
Französisch-Guyana
Französisch-Guyana sticht durch seine Größe und kontinentale Lage zwischen
Brasilien und Suriname hervor alle anderen Überseeterritorien sind Inseln und
deutlich kleiner. Mit gerade einmal 290.691 dokumentierten Einwohner*innen
hinzukommen geschätzt 20 Prozent, d. h. circa 60.000 nicht registrierte Mi-
33 Le MondeKwassa-Kwassa:Les Comoriens exigent des excuses de Macron, qui prône
lapaisement«, 5. Juni 2017. https://tinyurl.com/k4a24e6s. In Mayotte werden die kleinen
Fischer*innenboote kwassa-kwassa genannt. Obwohl die offizielle Amtssprache Französisch
ist, werden vorOrt im Alltag vorallem Shimaore und Kibushi gesprochen.
34 Le Monde, »M. Macron,les Kwassa-Kwassa ont fait plus de 10 000 Morts«, 7. Juni 2017.
https://tinyurl.com/9tchwfds.
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grant*innen35 hat Guyane allerdings eine kleinere Bevölkerungszahl als andere
Territorien wie beispielsweise Martinique und Guadeloupe und gehört mit
durchschnittlich weniger als drei Einwohner*innen pro Quadratkilometer zu den
am geringsten besiedelten Regionen der Erde.36 Die Bevölkerungsstruktur Gu-
yanes ist äußerst komplex und setztsich unter anderem aus sich selbst als
Créoles, Noirs Marrons, Amérindiens oder Hmong bezeichnenden Gruppen
zusammen.Hinzu kommen weiße Personen aus der Metropole, die vorallem im
öffentlichen Dienst (Bildung, Polizei, Gesundheitssektor) arbeiten. Mehr als ein
Drittel der in Guyane lebenden Bevölkerungbesitzt keine französische Staats-
bürgerschaft: Haiti, Suriname und Brasilien sind die mit Abstand häufigsten
Herkunftsländer der nach Guyane migrierten Menschen. Zählt man auch die in
anderen französischen Regionen geborenen Menschen hinzu, gelangt man zu
dem Ergebnis, dass fast zwei Drittel der Bevölkerung im Alter zwischen 18 und 79
Jahren außerhalb Guyanesgeboren wurde.37 Dem Sozial- und Kulturanthropo-
logen Richard Price zufolge unterscheidet diese Diversität Guyane klarvon an-
deren Überseegebieten: »Guyanesethnically mixed population, dominated by
immigrants, gives its society an edgy feel that is absent in the more French-style
(bourgeois) islands of Martinique and Guadeloupe.Much greater inequality of
wealth, many more non-Frenchspeakers, more crime and tremendous unem-
ployment make Guyane feel Third World.«38
Wieanhand des Eingangsbeispiels gezeigt, prägen gefährliche Fahrten über
Gewässer auch die Migration in Richtung Guyane. Während der letzten Jahr-
zehnte erreichten Tausende Migrant*innen ausden nördlichen, vonArmut
geplagten Staaten Brasiliens auf kleinen, überfüllten Pirogen die Küste Franzö-
sisch-Guyanas. Anstatt den Oyapock, den offiziellen Grenzfluss zwischen Bra-
silien und Frankreich, zu überqueren,versuchte eine Mehrheitder Migrant*in-
nen überden Atlantik in die Hauptstadt Cayenne zu gelangen. Diese gefährliche
Überfahrt geschieht in der Regel vondem Grenzort Oiapoque aus, der gegenüber
der französischen GemeindeSaint-Georges-de-lOyapock liegt. Anfang der
1990er Jahre berichtete selbst die New York Times davon: »Without lifejackets
and packed into precariouswooden canoes, hundreds embark every week from
here [Oiapoque] for the perilous, seven-hour journey to Cayenne, the capital of
35 Catherine Benoît, »Fortress EuropesFar-Flung Borderlands: Illegalityand the Deportation
Regimein FrancesCaribbean and IndianOceanTe rritories«, Mobilities 15, Nr. 2(2020): 220
40.
36 World Atlas, »The 10 Least Densely Populated PlacesInThe World«, 3. Februar 2020.
https://tinyurl.com/9mmmeka5.
37 SergeMam Lam Fouck, La société guyanaise àlépreuvedes migrations du dernier demi-siècle,
19652015 (Matoury: Ibis Rouge Éditions, 2015), 72.
38 Richard Price, »The Oldest Daughter of Overseas France«, in Locating Guyane,hg. Sarah
Wood und CatrionaMacLeod (Liverpool: Liverpool University Press,2018), 19.
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the French department.«39 Während meiner Forschungsaufenthalte in Guyane
und Brasilien bin ich mehreren Personen begegnet, die sich bis weit in die 2000er
Jahre auf diese Reise begaben. João,ein Mann um die fünfzig Jahre alt und
ursprünglich aus dem brasilianischen Bundesstaat Pará stammend,erzählte mir
zum Beispiel, dass er nie vergessen werde, wie er als junger Mann in den 1990er
Jahren diese Reise unternommenhabe.40 Alsich mich mit ihm auf der Veranda
einer Kneipe in Vila Vitória, einem Stadtteil vonOiapoque gegenüber vonSaint-
Georges unterhielt, erzählte er mir, dass mehr als 40 Menschen in einem Boot
saßen, das für 20 Personen vorgesehen war, und dass er Angst gehabt hatte, er
würde vonBord fallen. Heute lebt er mit legaler Aufenthaltsgenehmigung (carte
de séjour)inCayenne und arbeitet als Sänger. Die ebenfalls in Cayenne lebende
Caroline, eine Brasilianerin Anfang Dreißig, nahm in den 2000er Jahren die
Route über den Atlantik, nachdem sie schwanger geworden war. WieJoão er-
innert sie sich an die gefährliche Bootsfahrt, insbesondere an die hohen Wellen.
Dennoch beschrieb sie ihre Erfahrung in der Wohnung einer mit uns beiden
befreundetenFamilie in Saint-Georgesals unproblematisch im Vergleich zu
anderen, die schwere Unfälle erlebten. Fast alle ihre brasilianischen Freund*in-
nen und BekannteninCayenne, so erzählte sie mir, kamen über diesen We g, und
einige vonihnen gerieten in Seenot und überlebten nur, indem sie sich an
Plastikkanistern festhielten. Ein ähnliches Bild wird nicht nur durch das eingangs
beschriebene, medial verbreitete Video an der Mündung des Oyapockvermittelt.
Erst wenige Wochen vorseiner Aufnahme kam es zu einem anderen Unglück, auf
das Phinéra-Horth den Ministre des Outre-mers Sébastien Lecornu im Senat
hingewiesen hat.41 Vorder Küste Cayennes geschah am 3. Oktober 2020 ein
Bootsunglück, bei dem sechs Personen, darunter ein zweijähriges Kind, in den
frühen Morgenstunden gerettet wurden. Die Bilder, wie ein Mann vonden
Rettungskräften per Helikopter gerettet wurde, zirkulierteninGuyane. Wieviele
sich vondem in Oiapoque losgefahrenenBoot noch in der Nacht an Land retten
konnten oder aber im Meer zu Tode kamen,ist ungeklärtgeblieben.42 Im Senat
wurde Phinéra-Horth, die stärkere Grenzkontrollenverlangte und den »massi-
venZuzug« vonMigrant*innen als Überforderung für Guyane darstellte,von
39 »Perilous Jungle Passage leads Poor to France«, New YorkTimes,4.Juli 1992. https://tiny
url.com/bbapnxmp.
40 Für alle im Te xt erwähnten Personen (mit Ausnahme vonPersonen des öffentlichen Lebens
wie beispielsweise Politiker*innen) wurden Pseudonyme gewählt.
41 Sénat, »Chaviragedecanotsdeclandestins au largedeCayenne«, 6. November 2020. https://tin
yurl.com/8fej8tsx.
42 Guyane la Première, »Lenquêtesepoursuit dans laffaire du chavirage du canot de clan-
destins: des naufragés dont des enfants manquent àlappel«, 12. November 2020. https://tin
yurl.com/sh28hnk.
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Lecornu weitere Unterstützung für den Ausbau der ohnehin schon starken
»Grenzsicherung« zugesichert.
Neben diesem gefährlichen Seeweg haben sich weitere Routen etabliert.43 Mit
einer Länge von730 km ist die französisch-brasilianische Grenze die längste
Außengrenze Frankreichs. Obwohl die Grenzkontrollen durchdie Police aux
Frontières vorallem in den französischen Grenzorten Saint-Georges und Camopi
zugenommen haben,ist es schier unmöglich, die inmitten des Amazonas-Re-
genwaldes gelegeneGrenze komplett zu überwachen. Über weite Strecken ist die
Grenze im wahrsten Sinne des Wortes fließend und leicht mit dem Boot zu
überqueren. SolcheFlussüberquerungen in weniger polizeilich kontrollierten
Gebieten führen jedoch dazu, dass die Migrant*innen in abgelegenen Teilen des
Regenwaldes ankommen, weit entfernt vonDörfern und Straßen. Diese ruta pelo
mato (»Dschungelroute«) wird oftvon Menschen genutzt, die in unerlaubten
Goldschürfungsgebieten arbeiten wollen. Aber auch Caroline wählte sie Ende der
2000er Jahre, nachdemsie aus privaten Gründen nach Brasilien zurückkehren
musste. Nach einem langen Marsch durchden Regenwald wird der Wegmit
Autos fortgesetzt. Diese Fortsetzung ist aber erst jenseits der Ta gund Nacht von
der Polizei durchgeführtenPersonenkontrolle an der einzigen nach Cayenne
führendenStraße möglich. Dieser Checkpoint befindet sich in dem Ort Regina,
etwa80Kilometer nördlich vonSaint-Georges gelegen.
Diese gefährlichen Routen über Wasser und/oder Land stehen in merkwür-
digem Kontrast zu der 2017 eingeweihten Brücke überden Oyapock, der ersten
Brücke zwischen dem brasilianischen BundesstaatAmapá und Französisch-
Guyana. Vonvielen Politiker*innen als Symbol der Freundschaftund Zusam-
menarbeit gefeiert, hat sich die Brücke als eine Einbahnstraße entpuppt, die
Mobilitätsungleichheiten auf Basis vonStaatsbürgerschaftund legalen Aufent-
haltsgenehmigungen fördert.44 Bis heute herrscht zwischen Brasilien und Guyane
43 In den GrenzstädtenSaint-Georges (Frankreich) und Oiapoque (Brasilien) ist es ein offenes
Geheimnis, dass auch heute noch nachts Boote vonOiapoque in Richtung Cayenne ablegen.
Hin und wieder werden die Organisator*innen dieser Migrationsrouteber den Seeweg
vorallem für Brasilianer*innen und Haitianer*innen gefasst, doch neue Netzwerke
werden rasch gebildet: 2015 wurde eine Gruppe vonsogenannten Schmuggler*innen ver-
haftet, die angeblich für den Transport vonmehr als sechstausend Menschen innerhalb von
zwei Jahren verantwortlich sein sollen, s. »En Guyane, une importante filière dimmigration
illégale démantelée«, Le Monde,2.Dezember 2015. https://tinyurl.com/24cae24z. Auf ähn-
liche Weise kam es 2018 zu einer weiteren Verhaftung, nachdem Hunderte vonPersonen in
weniger als einem Jahr transportiert wordenwa ren. Diese Verhaftung warinsofern anders,als
sie ein Menschenhandels-Netzwerk aufzudecken schien, das eng mit dem illegalisierten
Goldabbau in Französisch-Guyana verbunden ist, s. Guyane la Première, »Immigration
Clandestine:une filière de grande ampleur démantelée«, 8. Dezember 2018. https://tinyurl.
com/42jua5hk.
44 Fabio Santos, »The Oyapock River Bridge as aone-way street: (un)bridgeable inequalities in
Saint-Georges (French Guiana) and Oiapoque (Brazil)«, in Twin Cities across FiveContinents:
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keine Visa-Reziprozität: Während französische und EU-Staatsbürger*innen den
Oyapockproblemlos überqueren und in der gegenüberliegenden Grenzstadt
Oiapoque ein Tourismus-Visum für 90 Tage erhalten können, müssen brasilia-
nische und die meisten anderen Nicht-EU-Bürger*innen Monate vorBetreten
französischen Bodens in Südamerikaein Visum beantragen, wasfür die größ-
tenteils arme Bevölkerung Nord- und Nordostbrasiliens nicht nur kompliziert
und kostspielig, sondern in aller Regel auch nicht vonErfolg beschieden ist. Zu
den Antragsgebühren kommen die Kosten für einen in Nordbrasilien keinesfalls
selbstverständlichen Reisepass hinzu; auch müssen dem Antrag Gehaltsnach-
weise und eine Kranken- und Rücktransportversicherung mit einem Mindest-
betrag von30.000 Euro beigelegtwerden. Die Einführungeiner sogenannten
carte de transfrontalier,die französischen und brasilianischen Bürger*innen mit
offiziellem Wohnsitz in Saint-Georges und Oiapoque einen 72-stündigen Auf-
enthalt in dem jeweils anderen Grenzort gewährt, vermochte es nicht, die Un-
gleichheiteninund zwischen den Grenzstädten Saint-Georges und Oiapoque zu
lindern.45 Das Fehlen einer reziproken Visumspolitik ist nicht nur angesichts des
traditionell auf Gegenseitigkeit beruhenden brasilianischen Ansatzesinder Vi-
sumspolitik auffällig. Auch fällt die Tatsache ins Auge, dass brasilianische
Staatsbürger*innen ohne vorherigen Visumsantrag für 90 Tage in alle anderen
Regionen Frankreichs mit Ausnahme des geographisch benachbarten Guyane
reisen können.
Während Brasilianer*innen häufig an dasbrasilianische Flussufer zurück-
geschickt werden, wenn sie die erforderlichen Dokumente in Saint-Georgesnicht
vorweisen können (carte de séjour oder carte de transfrontalier), können asyl-
Interactions and Tensions on Urban Borders,hg. Ekaterina Mikhailovaund John Garrard
(London: Routledge, 2022).
45 Die carte de transfrontalier wurde eingeführt,umdie grenzüberschreitende Mobilität fran-
zösischer und brasilianischer Bürger*innen mit offiziellem Wohnsitz in Saint-Georges und
Oiapoque zu fördern. Das Dokument kann bei der Police aux Frontières (im Falle brasilia-
nischer Staatsangehöriger) und bei der Polícia Federal (im Falle französischerStaatsange-
höriger) beantragt werden.Die Bearbeitungszeit beträgtetwasechs Monate, und die Karte hat
eine Gültigkeit vonzweiJahren. Sie ermöglicht es den Einwohner*innen beider Seiten, das
Stadtzentrum der jeweils anderen Stadt für eine Dauer von72Stunden zu besuchen, ohne
hierfür ein Visum beantragen zu müssen. Obwohl dies einen wichtigen Schritt hin zu einem
ausgewogeneren Verhältnis in puncto grenzüberschreitender Mobilität darstellt,ist zu be-
achten, dass alle französischen Staatsbürger*innen (d. h. über Saint-Georges hinaus) für
neunzig Tage visumfreien Zugang in ganz Brasilien haben, während nur brasilianische
Staatsangehörige mit gemeldetem Wohnsitz in Oiapoquesich für drei Tage legal in einem
kleinen Teil Frankreichs (Saint-Georges) aufhalten können. Zur Kontroverse um die Oya-
pock-Flussbrücke, s. auch Olivier Thomas Kramsch, »Spatial Playat the Ends of Europe:
Oyapock Bridge, Amazonia«, TijdschriftVoor Economische en Sociale Geografie 107, Nr. 2
(April 2016):20913; Carmentilla das Chagas Martins, »Cooperação internacional em ter-
ritório fronteiriço: novas sociabilidades enovos controles«, Textos eDebates 1, Nr. 27 (2015):
17796.
Fabio Santos288
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suchende Personen offiziell nicht zurückgewiesen werden.46 Da Guyane ein in-
tegraler Bestandteil Frankreichs und der Europäischen Unionist, müssen die
dortigen Behörden jeden Fall sorgfältig prüfen. Jede Person, die einen Asylantrag
stellt, hat das Recht,sich auf französischem Grund und Boden aufzuhalten,selbst
wenn dieser sich »in äußerster Randlage« inmitten dichten tropischenRegen-
waldes befindet. Im Laufe der vergangenen Jahre haben viele Menschen dieses
Recht genutzt und zu neuen Migrationsmustern beigetragen. Eine Perspektive
auf diese Muster vermag es, die »Europäische Flüchtlingskrise« zu dezentrieren.
Allwöchentlich vor, während und nach meiner Feldforschung kamen Asyl-
suchende aus Ländernwie Haiti, Syrien oder Afghanistan zur Polizeistationin
Saint-Georges. Nach Erläuterung ihrer Anliegen wurden sie in die zwei bis drei
Stunden entfernte Hauptstadt Cayenne gebracht, wo die Asylanträge offiziell
gestellt werden. Unter ihnen befand sich auch Mohammed,ein 27-jähriger Syrer
aus Homs, der dem Nachrichtenmagazin Newsweek vonseiner Reise über Beirut
und Brasilien nach Guyane berichtete: »The cost of flight to Brazilisnearly the
same price as the illegal journey across the Mediterranean. The trip cost him
about $3,000, including airfare and travel costs from Brazil to French Guiana.
Mohammedhas urged his younger brother, 23, to make the same journey.«47
Statistische Daten verdeutlichen, dass Mohammed Te il eines größeren
strukturellen Wandels ist, der sich in den letzten Jahren jenen der sogenannten
Europäischen Flüchtlingskrise vollzogen hat. Nach Angaben des Office français
de protectiondes réfugiés et apatrides verzeichnete Guyane 2015 den prozentual
mit Abstand höchsten Anstieg an Asylsuchenden in ganz Frankreich.48 Insgesamt
wurden 2.511 Erstasylanträge in Guyane gestellt, wasinetwa1Prozent der
dortigen Bevölkerung im Jahr 2015 entspricht (259.865). Nimmt manalle fran-
zösischenDépartements zusammen, beträgt der Anteil aller Erstasylsuchenden
(70.570) an der französischen Bevölkerung (66.992.699) im Jahr 2015 etwa0,1 %.
Mit anderen Worten: Obwohl die Zahl der Asylbewerber*innen in Französisch-
Guyana in absoluten Zahlen und auf den ersten Blick marginal erscheinen mag,
ist der Anteil vonAsylsuchenden in Bezug auf die Bevölkerung zehnmal so hoch
wie in den restlichen Teilen Frankreichs.
Woher kamendie Menschen, die 2015 in Guyane Asyl beantragt haben?Vier
vonfünf Asylsuchenden (79,8 Prozent) kamen aus Haiti, 10 Prozent aus der
Dominikanischen Republik, 2,2 Prozent aus Peru, 1,4 Prozent aus Kolumbien
und 6,6 Prozent aus »anderen Ländern«.49 Zu den anderen Ländern gehören
46 Brasilianer*innen beantragen in der Regel kein Visum in Guyane.
47 NewsweekSyrian RefugeesFindBrazilian BackdoortoEurop,13. April2016. https://
www.newsweek.com/syrian-refugees-find-brazilian-backdoor-europe-446994.
48 OFPRA, »Rapport dactivité 2015«, 2016, 37. https://ofpra.gouv.fr/sites/default/files/atoms/f
iles/rapport_dactivite_ofpra_2015_hd.pdf.
49 OFPRA, »Rapport dactivité 2015«, 2016, 45.
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kriegszerrüttete und geographisch weit entfernteLänder wie Syrien. Auch wenn
die Zahl der Personen aus diesen LändernimJahr 2015 nur einige Dutzend
betrug, berichteten lokale Medien relativhäufig über dieses neue Migrations-
muster, das sich in den Folgejahrennoch verstärkte. Erst 2018 warinFranzö-
sisch-Guyana ein deutlicher Rückgang der Asylanträge zu verzeichnen, ähnlich
der allgemeinen Tendenz innerhalb der Europäischen Union. Im Vergleich zum
Vorjahr halbiertesich die Zahl der Asylsuchenden in Guyane (2.383, -52 Prozent),
allerdings blieb die Verteilungder Staatsangehörigkeit relativ stabil: 74,5Prozent
besaßen die haitianische Staatsbürgerschaft, 14,6Prozent die dominikanische
und 2,2 Prozent die syrische.50
In Anbetrachtder genannten Zahlen warMohammed, der oben erwähnte
junge Syrer, nur einer vonmehreren Hundert geflüchteten Syrer*innenin
Französisch-Guyana. Obwohl hier die Dringlichkeit betont werden soll, diese
neuen Muster in gesellschaftlichen Diskussionen und wissenschaftlichen Un-
tersuchungen zu der »Europäischen Flüchtlingskrise«zuberücksichtigen, wäre
es unvollständig, die Herkunftder großen Mehrheit an Asylsuchenden zu
ignorieren: die der haitianischen Migrant*innen. Es ist daher wichtig, diese in der
französischen und europäischen Debatteselten beachteteGruppe vonAsylsu-
chenden hervorzuheben: eine Gruppe, die aus der ersten unabhängigen und
Schwarzen Republik Lateinamerikas und der Karibik51 in eine der letzten nach
wie vornicht-souveränen Gebiete der Region fliehen.
Im Gegensatz zu der Migration vonSyrer*innenstellt die Bewegung haitia-
nischer Staatsbürger*innen nach Guyane keineswegs ein neues Muster dar.
Tatsächlich gab es seit den 1960er Jahren eine relativ stabile Einwanderung, die in
den 1980er Jahren an Intensität gewann und zu einer großen haitianischen
Diaspora in Französisch-Guyana führte.52 In den 1980er Jahren erschwerte
Frankreich mit einer strikteren Visumspflicht die legale Einreise vonHaitia-
ner*innen, waswiederum in der Bildung klandestiner Netzwerke und illegali-
sierter Migrationsrouten durch Suriname oderBrasilien mündete.53 Heute stel-
len Haitianer*innen rund 30 Prozent der eingewanderten Bevölkerung in
50 OFPRA, »Rapport dactivité 2018«, 2019, 23. https://ofpra.gouv.fr/sites/default/files/atoms/f
iles/rapport_dactivite_2018.pdf.pdf.
51 Laurent Dubois, Avengers of the New World: The Story of the Haitian Revolution (Cambridge,
MA: Harvard University Press, 2004).
52 Joseph Handerson, Diaspora. As dinâmicas da mobilidade haitiana no Brasil, no Suriname e
na Guiana Francesa (Rio de Janeiro: Universidade Federal do Rio de Janeiro/MuseuNa-
cional, 2015); Maud Laëthier, Être migrant et haïtien en Guyane (Paris: CTHS, 2011).
53 Maud Laëthier, »The Role of SurinameinHaitian Migration to French Guiana: Identities on
the Moveand Border Crossing«, in In and out of Suriname:Language, Mobility and Identity,
hg. Eithne Carlin, Isabelle Léglise,Bettina Migge und Paul Brendan Tjon Sie Fat (Leiden: Brill,
2015), 233.
Fabio Santos290
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Französisch-Guyana dar.54 Dabeiist die Beantragung eines Asylbescheids ein
relativ neues Muster, das sich erst in den letzten Jahren herausgebildet hat, in
denen Haiti vonUmweltkatastrophen und zunehmender politischer Instabilität
geprägt warsowie vonUnsicherheit im öffentlichen wieprivaten Raum, die die
körperliche Unversehrtheit gefährdet.55 So habensich mehr und mehr Haitia-
ner*innen entschlossen, das zu tun, wasinhaitianischem Kreolischals »chèche
lavi« bezeichnet wird: Wörtlich übersetzt geht es darum, »ein Leben zu suchen«,
konkret gemeint ist die Auswanderung.56 Im Gegensatz zu den neu angekom-
menen Syrer*innenkönnen Asylsuchende ausHaiti oftmals auf Netzwerke von
Familienmitgliedern und Bekannten zurückgreifen, die bereits zuvor nach
Guyane gegangensind. Doch schützen diese Netzwerke in der vonRassismen
und Ungleichheiten durchzogenen Gesellschaftund Sozialstruktur Französisch-
Guyanas nicht vorAusgrenzung: Wieich in meiner Feldforschung feststellen
konnte und nun auch in anthropologischen Studien nachgewiesen wurde, weisen
die vornehmlich von weißen Polizist*innen durchgeführten Kontrollen in Guy-
ane, wie auch in anderen Überseeterritorien, Praktiken des racial profiling auf.57
Zahlreiche juristische Ausnahmen, die vomstatus quo der französischen Me-
tropole abweichen, vereinfachenKontrollen und schnelle Abschiebungen. So
erfordern beispielsweise Identitätskontrollen in der Metropole anders als in den
Überseeterritorien den schriftlichen Antrag der Staatsanwaltschaft.58 In genau
demarkierten Gebieten, vorallem an Meeresküsten, Flussufern und auf den
Hauptverkehrsrouten, kann die Polizei ohne eine solche Genehmigung Identi-
tätskontrollen durchführen und tut dies auch: im verschlafenen Grenzort Saint-
Georges vergehen keine zehn Minuten, ohne dass man einem Polizeiauto be-
gegnet. Ich selbst wurde als weißer Mann ohne französischen Pass in sechs
Monaten kein einziges Mal kontrolliert. Schwarze Menschen mit und ohne
französischen Pass hingegen haben mir berichtet, dass sie des Öfteren kontrol-
liert werden manchmal mehrmals pro Woche. Zudem konnte ich diese Praxis
mit eigenen Augen beobachten.
Bei genauerBetrachtung des weitläufigenfranzösisch-brasilianischen Grenz-
gebiets wird deutlich, dass dieses durch völlig unterschiedliche Realitäten und
(Un-)Möglichkeiten der Passage geprägt ist: Während für EU-Bürger*innen und
Menschen mit legaler Aufenthaltsgenehmigung in Guyane die Brücke als sichere
Grenzüberquerung geschaffen wurde, ist dieser Wegohne den »richtigen« Pass
oder ein entsprechendes Visum kaum begehbar. Als lebensgefährliche Zugänge
54 Ebd.,229.
55 OFPRA, »Rapport dactivité 2015«, 2016, 53.
56 Laëthier, »The Role of Suriname«,231.
57 Benoît, »FortressEuropesFar-FlungBorderlands«, 222; Santos, »The Oyapock River Bridge
as aone-way street«.
58 Ebd.,226.
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bleiben der Dschungel, der Fluss und das Meer. Wieanvielen anderen Grenzen
weltweit wird auch am Oyapockanhand ineinandergreifender Kriterien sozialer
Ungleichheiten bestimmt, wie (weit) Menschen sich bewegen dürfen: Obgleich
Staatsbürgerschaftder offensichtlichste Mechanismuszur Begrenzung der Mo-
bilität wie auch der entsprechenden Ressourcen (Gesundheit, Bildung, usw.) ist,
spielen auch Kategorienwie race (racial profiling)und Klasse (Mittel zur Vi-
sumsbeantragung) eine nicht zu unterschätzende Rolle. In diesem Sinne verstehe
ich Guyane im Allgemeinenund das französisch-brasilianische Grenzgebiet im
Besonderen als Mikrokosmos eines globalen Stratifikationssystems, in dem
Ungleichheiten einerseits vonseiten staatlicher und supranationaler Institutio-
nen reproduziert und andererseits vonMigrant*innen unter Gefährdung von
Leib und Leben zu überwinden versucht werden.
Schlussbetrachtung
Das vorliegende Kapitel regt dazu an, die Grenzender EU in Französisch-Guyana
und anderen Gebieten in äußerster Randlage sowie überseeischen Ländern und
Gebieten zu verorten und sie folglich stärker mit Debatten überFlucht und
Migration in einem oftzueinseitig gedachten Europa zu verzahnen.Dass dies
bislang kaum geschehen ist, kann in Anlehnung an Manuela Boatca
˘sArbeiten als
Konsequenz einer nach wie vordurch koloniales Vergessen gekennzeichneten
Erinnerungskultur gedeutet werden.59 Kritischer Europa-, Migrations- und
Grenzforschung muss es gelingen, diese Kolonialität und den an sie gekoppelten
Okzidentalismus produktiv herauszufordern. Geschieht dies unter Einbeziehung
der äußerstenRänder, so zeigt sich, dass dort ein überdurchschnittlich hoher
Anstieg an Zuwanderung verzeichnet wurde und die Ränder mancher Te rritorien
gar als Laboratorien für Praktiken der »Grenzsicherung« gedient haben. Diese
Praktiken sind für ohnehin benachteiligte Menschen lebensgefährlich: Mi-
grant*innen erfahren die Gewalt der Grenze am eigenen Leib, etwadurchtage-
langes Laufen bei Hitze im unwegsamen Dschungel oder in wankenden, teils
umkippenden Pirogen im Fluss, in der Flussmündung oder im Atlantik. Wurde
die strategischeNutzung der lebensgefährlichen Umwelt durchGrenzkontroll-
institutionen bereits anhand anderer geographischer Kontexteaufgezeigt60,so
blieb dieser vergesseneRand der EU in Südamerikabislang unterbeleuchtet.
In Französisch-Guyanaverschmelzen alte und neue Migrationsmuster. Ich
habe gezeigt, dass Brasilianer*innen zu den größten Gruppen zugewanderter
59 Boatca
˘Forgotten Europes«, »CaribbeanEurope«, »Thinking Europe Otherwise«.
60 Cuttitta und Last, Border Deaths;s.auch Jason de León, The Land of Open Graves: Living and
Dying on the Migrant Trail. (Oakland: University of California Press,2015).
Fabio Santos292
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Menschen gehören. Obwohl sie in den seltensten Fällen Asyl beantragen, haben
sie aus Mangel an sicheren Alternativen oftgenug gefährliche Routen genom-
men, die durchaus Ähnlichkeiten zu den viel präsenteren Tragödien im Mittel-
meer aufweisen. Auch hat mein Beitrag betont,dass Haitianer*innen in den
letzten Jahren die konstanteKerngruppe an Asylsuchenden in Französisch-
Guyana darstellen: Aufgrundder interdependenten politischen, wirtschaftlichen
und ökologischen Krisen Haitis haben viele das Land in Richtung Guyane ver-
lassen, wo sich viele Haitianer*innen trotz rechtlicher und rassistischer Aus-
grenzung sprachlichund zum Te il auch kulturell zu Hause fühlen. Eine ver-
gleichsweise neue Gruppe,die Jahr für Jahr in Französisch-Guyanaankommt,
besteht aus Staatsangehörigen aus LändernAfrikas und des sogenanntenNahen
Ostens (insbesondere Syrer*innen), die in der Regel überBrasilien einwandern.
Auch wenn dieses Muster auf den ersten Blick marginal erscheinen mag, so
veranschaulicht es doch eindrucksvoll, welche Kosten, Mühen und (Um-)Wege
Menschen in ihrer Verzweiflung in Kauf nehmen.61 Ähnliches gilt für die Zehn-
tausenden vonMenschen, die sich andernorts auf den lebensgefährlichen Weg
nach den Rändern der EU gemacht haben, etwaimAtlantik(Kanarische Inseln)
oder im Indischen Ozean (Mayotte).
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Fabio Santos296
... Again, Célestin demonstrated a distinguished flexibility and mobility by deciding to move to French Guiana, the postcolonial 'backdoor' of France and the European Union in South America. While Guyane has for a long time been a destination for migrants from its immediate neighbouring countries-Suriname and Brazil-as well as from the wider Latin American and Caribbean region, the overseas territory has very recently become a promising EU anchor for a variety of people who have fled on surprising migratory routes and from diverse contexts of origin (Santos 2021b). This, I maintain, is an aspect of the current social change that Célestin's case illuminates. ...
Article
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This article throws light on migration from Africa to Europe which happens on African soil. The Comoros Archipelago comprises Anjouan, Grande Comore, Mohéli and Mayotte, which has been part of France since 1975, and since January 1st2014, an ultra-peripheral region of the European Union. This explains measures like the introduction, in 1995, of the Balladur Visa, which is commonly called “Visa de la mort” [Visa of Death] for inhabitants of the other three Islands. The privileged status of Mayotte has caused massive risky ‘migration’, which on the one hand is considered ‘illegal’ while on the other hand, is also regarded as ‘internal’ movement, given the historical ties among the peoples of the Archipelago.Constructing an argument from the works of two ‘francographe’ writers; Nassur Attoumani from Mayotte, and Soeuf Elbadawi from the Grande Comore; this paper challenges discourses on migration crisis and creates a venue for the visibility of critical texts by authors outside the main circuits of literary legitimation. Also, the analysis explores fertile points of dialogue between the economy of literature, history and sociopolitical geography by emphasizing the ambiguous relationship between Mayotte and Europe, while delving into conjectures on critical geography in order to understand an essential human concern: identity. Keywords: Balladur visa, critical geography, the Wretched of the Sea, neocolonial balkanisation, anger writing, Nassur Attoumani, Soeuf Elbadawi, literary identity
Book
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Border deaths are a result of dynamics involving diverse actors, and can be interpreted and represented in various ways. Critical voices from civil society (including academia) hold states responsible for making safe journeys impossible for large parts of the world population. Meanwhile, policy-makers argue that border deaths demonstrate the need for restrictive border policies. Statistics are widely (mis)used to support different readings of border deaths. However, the way data is collected, analyzed, and disseminated remains largely unquestioned. Similarly, little is known about how bodies are treated, and about the different ways in which the dead – also including the missing and the unidentified – are mourned by familiars and strangers. New concepts and perspectives contribute to highlighting the political nature of border deaths and finding ways to move forward. The chapters of this collection, co-authored by researchers and practitioners, provide the first interdisciplinary overview of this contested field.
Article
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By highlighting the case of French Guiana and – more extensively – its border with Brazil, this article is a contribution to the recent academic interest in the European Union’s ›Outermost Regions‹ and the colonial continuities implied by their status. The article begins by depicting sociology’s Eurocentric tradition, precluding postcolonial perspectives on Europe d’outre mer from gaining a foothold in mainstream research and curricula. In this context, recent re-conceptualizations of ›entangled‹ histories and modernities/modernity are brought into focus. In a second step, the paper offers a historical overview of French Guiana and its contested border with Brazil. The article proceeds by presenting ethnographic field notes from the border region. These empirical insights illustrate the on-going entanglements not only between ›mainland‹ France and its exclave on the Latin American continent, but also between France and Brazil as well as between Europe and Latin America more generally.
Article
The article makes a case for Europe as a creolized space, or Europe Otherwise. It argues that, in order to account for both the transregional entanglements and the internal hierarchies that European colonialism and imperialism have produced since at least the sixteenth century, we need to unlearn received notions of Europe as an unmarked category; and that theoretical and empirical lessons from the Caribbean are central to relearning Europe differently. To conceive of Europe as a creolized space thus means to draw attention to the decisive shifts that its colonial possessions operate in both its historical legacies and its present borders when consistently taken into account. Such reconceptualization entails a simultaneous creolization of theory so as to reinscribe into sociological thought the experiences of peoples and regions racialized as non-European, non-Western, and non-White alongside the multiple entanglements between Europe and its colonies. Drawing on Caribbean perspectives on creolization, I first discuss how creolizing Europe contributes to countering the definition power of ahistorical and unmarked categories. Subsequently, I propose to rethink Europe as a political, cultural, economic, and discursive formation from its current colonial borders in South America and the Caribbean Sea. Finally, I argue that focusing on Europe's colonial possessions in the Caribbean today and their corresponding geographical referent, Caribbean Europe, is one way to effectively creolize established understandings of Europe's colonial history as a thing of the past, of a white Western European identity as the norm, and of the European Union as confined to continental Europe. Recent crises in the Caribbean-from the 2017 hurricanes to Brexit-are used as a magnifying glass in order to make Europe's ongoing colonial entanglements theoretically and politically visible.
Article
‘The Ends of Empire makes a convincing case that we need a sharper lens through which to view the problems confronting overseas territories than a binary focus ‘for or against’ independence. This makes the book’s discussion of the many intermediate points between full integration and outright independence so important – and so rewarding a read.’ —Professor Martin Thomas, University of Exeter ‘This book is the most complete and up-to-date study of non-sovereign territories that I have read, and being so extremely rich in detail and references, offers a significant foundation for future studies.’ —Dr Wouter Veenendaal, University of Leiden ‘This substantial study updates and expands the same authors’ 1998 book, The Last Colonies. It deals with what are now known as overseas territories, not one of which has progressed to independence in the years following the first book. This book is comprehensive and learned yet written in an accessible style, appealing to students of contemporary politics and international relations as well as those involved in the burgeoning field of island studies.’ —Professor Stephen A. Royle, Queen’s University Belfast This book offers a fresh analysis of constitutional, economic, demographic and cultural developments in the overseas territories of Britain, France, the Netherlands, Denmark, Spain, the United States, Australia and New Zealand. Ranging from Greenland to Gibraltar, the Falklands to the Faroes, and encompassing islands in the Atlantic, Pacific and Indian Oceans, and the Caribbean, these territories command attention because of their unique status, and for the ways that they occasionally become flashpoints for rival international claims, dubious financial activities, illegal migration and clashes between metropolitan and local mores. Connell and Aldrich argue that a negotiated dependency brings greater benefits to these territories than might independence.
Article
We are currently witnessing a remarkable conjuncture between the escalation, acceleration, and diversification of migrant and refugee mobilities, on the one hand, and the mutually constitutive crises of “European” borders and “European” identity, on the other, replete with reanimated reactionary populist nationalisms and racialized nativisms, the routinization of antiterrorist securitization, and pervasive and entrenched “Islamophobia” (or more precisely, anti-Muslim racism). Despite the persistence of racial denial and the widespread refusal to frankly confront questions of “race” across Europe, the current constellation of “crises” presents precisely what can only be adequately comprehended as an unresolved racial crisis that derives fundamentally from the postcolonial condition of “Europe” as a whole, and therefore commands heightened scrutiny and rigorous investigation of the material and practical as well as discursive and symbolic productions of the co-constituted figures of “Europe” and “crisis” in light of racial formations theory.
Article
Guyana, Suriname and French Guiana have traditionally been seen as isolated: from each other; from the Caribbean with which they are socially and culturally contiguous; and also from the South American continent in which they are geographically situated. Moreover, divided by language and relationships of varying intensity with their former colonisers, very little research exists which analyzes their development predicament collectively. This article seeks to overcome some of these deficiencies. It shows how similar processes of change internally, regionally and globally are provoking new patterns of development and engagement with the world in all three Guianas. The central conclusion of the paper points towards the need for a new research agenda which focuses on these unique territories as distinctive prisms through which to view various dimensions of contemporary globalisation. These include emerging Brazilian hegemony in South America, the ecological devastation wrought by extractive industries, the accompanying clandestine trade in humans and narcotics which flourishes in regions with fuzzy borders, limited state reach, and, in some cases, compromised—and potentially even partially criminalized—state institutions themselves, and the precarious position of indigenous Amerindian and Maroon communities. Resumen: Guyana, Surinam y la Guyana Francesa tradicionalmente se han considerado como aisladas entre si, del Caribe, con el cual estan relacionadas social y culturalmente; y tambien del continente suramericano donde se encuentran localizadas geograficamente. Aun mas, divididas por el lenguaje y las relaciones de variada intensidad con sus antiguos colonizadores, existen pocas investigaciones que analicen su situacion de desarrollo en conjunto. Este articulo tiene como proposito el superar algunas de estas deficiencias. Se demuestra como los procesos similares de cambios internos, regionales y globales estan provocando nuevos patrones de desarrollo y compromiso con el mundo en las tres Guyanas. La principal conclusion del articulo senala la necesidad de una nueva agenda de investigacion que enfoque estos territorios unicos como distintos prismas a traves del cual se puedan ver las distintas dimensiones de la globalizacion contemporanea. Resume: Le Guyana, le Suriname et la Guyane francaise ont ete traditionnellement consideres comme isoles l’un de l’autre; des Caraibes avec lesquels ils sont socialement et culturellement contigues; et aussi du continent latino-americain dans lequel ils sont situes geographiquement. En outre, divises par la langue et les relations d’intensite variable avec leurs anciens colonisateurs, il existe tres peu de recherches qui analysent leur situation de developpement collectivement. Cet article cherche a surmonter certaines de ces lacunes. Il montre comment les processus similaires de changement interne, regional et mondial sont en train de provoquer de nouveaux modeles de developpement et d’engagement avec le monde dans les trois Guyanes. La conclusion centrale de cet article pointe vers la necessite d’un nouveau programme de recherche qui se concentre sur ces territoires uniques comme prismes distinctifs pour voir les differentes dimensions de la mondialisation contemporaine.