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Ruthenen, Ukrainer oder doch „österreichische Ukrainer“? Begriffsgeschichtliche Anmerkungen zu einer verbreiteten Fußnote der Galizienforschung

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Ruthenen, Ukrainer oder doch "österreichische Ukrainer"? Begriffsgeschichtliche Anmerkungen zu einer verbreiteten Fußnote der Galizienforschung, in: Österreich in Geschichte und Literatur (mit Geographie) 65 (2021), H. 1, S. 32–44. Dieser Aufsatz widmet sich der Verortung der ruthenisch-ukrainischen Sprach-gruppe in der späten Habsburgermonarchie, die über die Begriffe ‚ruthenisch' und ‚ukrainisch' im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert verhandelt wurde. Dabei wird aufgezeigt, dass Selbstverortungen vielfältig und prozesshaft sind, also nicht mittels einer simplen Zäsur kollektiv angegeben werden können. Po-litische Ausrichtungen und Faktoren medialer wie politischer Kommunikation, Religionsbekenntnis, Geschlecht, Bildung und sozialer Stand gehören zu den Kategorien, die unterschiedliche Akteursgruppen mit jenen Selbstbezeichnungen in unterschiedlichen Situationen verbanden, wie dieser Aufsatz an ausgewählten Beispielen argumentiert. *** Problemstellung und Methodik Historische Selbstbezeichnungen nationaler, ethnischer, sprachlicher oder anderweitig kulturell definierter Gruppen sind insbesondere in transkulturel-len Kontakträumen ein Problem, mit dem sich die Geschichtswissenschaft und verwandte Disziplinen auseinandersetzen müssen. Zahlreiche historische Arbeiten, die sich mit der ukrainischen Nationalbewegung oder dem ‚rutheni-schen Volksstamm' in der späten Habsburgermonarchie befassen (darunter auch Aufsätze des Autors), klären in einer nahezu obligatorisch gewordenen Fußnote ihre Nutzung der Begriffe ‚ukrainisch' und/oder ‚ruthenisch'. 2 Dabei handelt es sich um ein deutlich komplexeres Problem, als vielfach angenommen wird, zumal nicht nur unterschiedliche Bezeichnungen zur Auswahl standen, sondern auch damit einhergehende Sprachen, in denen diese genutzt werden konnten. Deshalb genügt es nicht, von einer Begriffsgeschichte auszugehen, sondern es muss eine begriffs-sowie übersetzungsgeschichtliche Perspektive angelegt werden. Sehr häufig wird angenommen, dass sich ‚ukrainisch' im späten 19./frühen 20. Jahrhundert (sektoral) durchsetzte, weshalb ‚ruthenisch' als ‚neutralerer' Begriff gälte, da er dem staatlichen Sprachgebrauch-de facto 1 Dem Tiroler Wissenschaftsfonds wird an dieser Stelle für die Förderung dieser For-schungen im Rahmen des Projektes "Die Ševčenko-Gesellschaft der Wissenschaften im deutschsprachigen Raum. Verflechtungen ‚österreichischer' und ‚ukrainischer' Wissenschaft, 1894-1914" herzlich gedankt.
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Martin Rohde
Ruthenen, Ukrainer oder doch „österreichische Ukrainer“?
Begrisgeschichtliche Anmerkungen zu einer verbreiteten Fußnote der
Galizienforschung1
Abstract
Dieser Aufsatz widmet sich der Verortung der ruthenisch-ukrainischen Sprach-
gruppe in der späten Habsburgermonarchie, die über die Begrie ‚ruthenisch‘
und ‚ukrainisch‘ im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert verhandelt wurde.
Dabei wird aufgezeigt, dass Selbstverortungen vielfältig und prozesshaft sind,
also nicht mittels einer simplen Zäsur kollektiv angegeben werden können. Po-
litische Ausrichtungen und Faktoren medialer wie politischer Kommunikation,
Religionsbekenntnis, Geschlecht, Bildung und sozialer Stand gehören zu den
Kategorien, die unterschiedliche Akteursgruppen mit jenen Selbstbezeichnungen
in unterschiedlichen Situationen verbanden, wie dieser Aufsatz an ausgewählten
Beispielen argumentiert.
***
Problemstellung und Methodik
Historische Selbstbezeichnungen nationaler, ethnischer, sprachlicher oder
anderweitig kulturell denierter Gruppen sind insbesondere in transkulturel-
len Kontakträumen ein Problem, mit dem sich die Geschichtswissenschaft
und verwandte Disziplinen auseinandersetzen müssen. Zahlreiche historische
Arbeiten, die sich mit der ukrainischen Nationalbewegung oder dem ‚rutheni-
schen Volksstamm‘ in der späten Habsburgermonarchie befassen (darunter auch
Aufsätze des Autors), klären in einer nahezu obligatorisch gewordenen Fußnote
ihre Nutzung der Begrie ‚ukrainisch‘ und/oder ‚ruthenisch‘.2 Dabei handelt
es sich um ein deutlich komplexeres Problem, als vielfach angenommen wird,
zumal nicht nur unterschiedliche Bezeichnungen zur Auswahl standen, sondern
auch damit einhergehende Sprachen, in denen diese genutzt werden konnten.
Deshalb genügt es nicht, von einer Begrisgeschichte auszugehen, sondern
es muss eine begris- sowie übersetzungsgeschichtliche Perspektive
angelegt werden. Sehr häug wird angenommen, dass sich ‚ukrainisch‘ im
späten 19./frühen 20. Jahrhundert (sektoral) durchsetzte, weshalb ‚ruthenisch‘
als ‚neutralerer‘ Begri gälte, da er dem staatlichen Sprachgebrauch – de facto
1
Dem Tiroler Wissenschaftsfonds wird an dieser Stelle für die Förderung dieser For-
schungen im Rahmen des Projektes „Die Ševčenko-Gesellschaft der Wissenschaften
im deutschsprachigen Raum. Verechtungen ‚österreichischer‘ und ‚ukrainischer‘
Wissenschaft, 1894–1914“ herzlich gedankt.
2
Vgl. Martin Rohde: Innerimperiale Lernprozesse? Die Nationalitätenproblematik der
Innsbrucker Universität im frühen 20. Jahrhundert aus galizisch-ukrainischer Perspek-
tive. In: Kurt Scharr/Gunda Barth-Scalmani (Hg.): Die Gegenwart des Vergangenen
im urbanen Raum Czernowitz-Innsbruck. Innsbruck 2019, S. 183-204, hier S. 183.
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Ruthenen, Ukrainer oder doch „österreichische Ukrainer“?
eine Latinisierung der Selbstbezeichnung (rusyn, rus’kyj) entstammte und
den Erfolg der ukrainischen Nationalbewegung nicht präjudizieren würde. Mit
der Ausbreitung der russophilen Bewegung und der ukrainischen Nationalbe-
wegung während der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts geriet ‚ruthenisch‘
unter Konkurrenzdruck; die erstere trachtete ihn durch ‚russisch‘ zu ersetzen,
die zweitere durch ‚ukrainisch‘. Der Begri ‚ukrainisch‘ war kein galizisches
Phänomen, sondern eine Kulturübersetzung aus der russländischen Ukraine, die
zunächst von einem kleinen Politiker- und Expertenkreis akzeptiert und graduell
übernommen wurde. Während diese Bezeichnung politisch größeres Gewicht
zum Ende der Habsburgermonarchie erreichte, war dieser Weg keineswegs
vorgezeichnet, handelte es sich doch um komplexe Aushandlungsprozesse, die
letztlich zu diesem Transfer führten.3
Diese Komplexität wurde in Forschungen zu ukrainischen Gruppen häug
übersehen, und darum soll der vorliegende Beitrag die Nutzung der Selbstbe-
zeichnung ‚ukrainisch‘ in der späten Habsburgermonarchie historisieren. Dabei
wird im Besonderen die Idee der vermeintlichen ‚Durchsetzung‘ eines Begries
problematisiert, zumal diese zeitliche Vorstellung nationalen Fortschrittsnarrati-
ven entspricht und kaum geeignet ist, räumliche und gruppenspezische Vielfalt
zu erfassen. Dazu muss diskutiert werden, wer diese Begrie wo verwendet hat,
um die Reichweite der Problematik zu erörtern. Neuere Forschungen bündelt
vor allem ein von Iryna Orlevyč 2016 herausgegebener Sammelband,4 wobei
er die Zeit seit 1900 relativ kurz darstellt und die deutschsprachige Perspektive
vernachlässigt. Gerade dieser Zeitraum zeugt jedoch von einer besonderen
kulturellen Dynamik durch die Pluralisierung der ruthenisch-ukrainischen
Gesellschaft Galiziens sowie durch das zunehmende Vordringen in die deutsch-
sprachigen Räume der Habsburgermonarchie.
Historische und historiographische Hintergründe
Der Begri ‚ruthenisch‘ geht auf die mittelalterliche Kyjiver Rus’ als gemeinsa-
mes ostslawisches Staatsgebilde zurück. Der später ostgalizische Raum gehörte
zu den Fürstentümern Halyč und Volodymyr, von denen sich die latinisierte
Bezeichnung „Galizien und Lodomerien“ in der Habsburgermonarchie ablei-
tete. 1349 wurden diese Gebiete von Kazimierz III. erobert, wobei das Gebiet
zwischen 1378 und 1387 kurzzeitig zu Ungarn gehörte, womit die Habsburger-
monarchie später ihren territorialen Anspruch legitimierte. Danach geriet die
Region erneut unter polnische Herrschaft, in der sie als Rus Czerwona/Červona
Rus‘ (‚Rotreußen‘) rangierte.5 Wenn polnische Intellektuelle im Galizien des
späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts an der Bezeichnung ‚reußisch‘ anstatt
3
Zur russophilen Bewegung Anna Veronika Wendland: Die Russophilen in Galizien.
Ukrainische Konservative zwischen Österreich und Russland, 1848–1915. Wien
2001; zur ukrainischen Nationalbewegung Martin Rohde: ‚Nationale Wissenschaft‘
zwischen zwei Imperien. Die Ševčenko-Gesellschaft der Wissenschaften, 1892–1918.
Dissertation Univ. Innsbruck 2020.
4
Iryna Orlevyč (Hg.): Nacional’na identykacija ukrajinciv Halyčyny u XIX – na
počatku XX stolittja (evoljucija etnonima). L’viv 2016.
5
Zur ausführlichen Vorgeschichte Galiziens vgl. Anna Veronika Wendland: Galizien.
Westen des Ostens, Osten des Westens. In: Österreichische Osthefte 42 (2000), S. 389-
421.
Martin Rohde
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‚ruthenisch‘ festhielten, zielte dies entsprechend nicht selten auf die (imaginäre
oder gar praktische) Wiederherstellung der polnischen Adelsrepublik ab.6 Mit
der ersten Teilung Polens 1772 elen diese Gebiete letztlich an die Habsbur-
germonarchie, die die Selbstbezeichnungen rusyn und rus’kyj zu ‚Ruthene‘ und
‚ruthenisch‘ latinisierte.
Die Akzeptanz des Begris ‚ruthenisch‘ wurde erst langsam während der
1860er Jahre infrage gestellt. Zunächst ist die gesamte Gruppe der Russophilen
zu nennen, die ab den 1860ern und 1880ern politisch und kulturell dominant
agierte. Die Selbstbezeichnung lautete hier russkyj, womit eine Zugehörigkeit
zum kleinrussischen Identikationskonzept einschließlich der Verortung
dessen als Teil eines gesamten ‚russischen Volkes‘, das Groß- und Belarussen
inkludierte – im Zarenreich ausgedrückt wurde.7 Das während der 1890er Jahre
erstarkte Lager der narodovci (wörtl. „Volkstümler“), das den Kern der ukrai-
nischen Nationalbewegung Galiziens darstellte, ist aufgrund der kulturellen
Orientierung an der russländischen Ukraine in den 1860er Jahren als ‚ukraino-
phil‘ eingeordnet worden. Dieser Begri, den die Historiographie zum Teil auch
für spätere Phasen benutzt, ist nicht unproblematisch. Was für die kulturellen
Aktivisten der 1860er Jahre im Vordergrund stand, kann für den koniktreichen
ruthenisch-ukrainischen Kontakt der 1870er, 1880er und sektoral auch späteren
Jahre kaum als zentrales Merkmal gelten, vor allem wenn sich galizische Po-
litiker um 1900 explizit ‚ruthenisch‘ (im Sinne von regionalistisch) gegenüber
gesamtukrainischen Positionen platzierten. Zahlreiche narodovci gebrauchten
noch bis ins Jahr 1914 ‚ruthenisch‘, obwohl die seit den späten 1860er Jahren
von diesem Lager stark popularisierte Poesie des späteren Nationaldichters
Taras Ševčenko sich der Begrie Ukraine und ukrainisch bediente.8 Eine von
nationalteleologischen Vorstellungen freie Geschichtsschreibung sollte darin
keinen Widerspruch, sondern ein Merkmal kultureller Pluralität sehen.
Der Annahme der neuen Identikation ging ein langer Aushandlungsprozess
voraus, denn die Entwicklung von den Ukrainophilen der 1860er Jahre bis hin
zur ukrainischen Nationalbewegung des frühen 20. Jahrhunderts verlief kei-
neswegs linear. In den 1870er Jahren grenzten sich auch die narodovci deutlich
und bewusst von der russländischen Ukraine ab, wodurch auch ruthenisch und
ukrainisch trotz der Anerkennung ethnischer Zusammengehörigkeit als asymmet-
rische Gegenbegrie trennende Funktionen erhielten.9 Hier ndet sich dann auch
halyčanyn (Galizier) als Bezeichnung für ruthenisch-ukrainische Personen aus
diesem Kronland als Selbst- wie auch als Fremdbeschreibung. Gleichsam wurde
damit eine distinkte regionale Identikation beschrieben, die die galizische von
der Bukowiner und der ungarischen ruthenischen Bevölkerung unterschied. Das
sollte sich auch in den folgenden Dezennien auf den Sprachgebrauch auswirken,
6
Stanislaus von Smolka: Die Reussische Welt. Historisch-politische Studien. Wien 1916.
7
Natalija Mysak: Etnonimy „rusyn, „russkyj“, „ukrajinec‘“ u molodižnomu seredovyšči
Halyčyny naprykinci XIX – na počatku XX st. In: Orlevyč (Hg.): Nacional’na identy-
kacija (wie Anm. 4), S. 223-249, hier S. 227.
8
Ostap Sereda: Shaping of a National Identity. Early Ukrainophiles in Austrian Eastern
Galicia, 1860–1873. Dissertation CEU Budapest 2003.
9
Mysak: Etnonimy (wie Anm. 7), S. 225-233; zu asymmetrischen Gegenbegrien Rein-
hart Koselleck: Zur historisch-politischen Semantik asymmetrischer Gegenbegrie.
In: Ders. (Hg.): Vergangene Zukunft. Zur Semantik geschichtlicher Zeiten. Frankfurt
am Main 2000, S. 211-259.
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Ruthenen, Ukrainer oder doch „österreichische Ukrainer“?
als galizisch-ruthenisch zum Ausdruck für regionale und allgemein-ukrainisch
für gesamtnationale Angelegenheiten erwuchsen.10 Insbesondere während der
1890er Jahre hatte eine Doppelbezeichnung Konjunktur, die als Übergangslösung
dienen und auch einen sprachlich-kulturellen Übergang verdeutlichen sollte:
Ukrajina-Rus’ als Landesbezeichnung und ukrajins’ko-rus’kyj als nationales
Adjektiv.11 Früh schon fand es bei der Gründung der Ruthenisch-Ukrainischen
Radikalen Partei im Jahr 1890 Anwendung.12 Welchem Begri politisch Vorzug
zu geben wäre, blieb noch bis zum Zerfall der Habsburgermonarchie und der
Neuordnung des östlichen Europas ein regelmäßiges Koniktfeld im transim-
perialen ukrainischen Dialog. Auch wenn es keiner sprachlichen Übersetzung
zwischen den kommunizierenden Akteursgruppen bedurfte, war die Interaktion
doch Gegenstand unterschiedlicher Kulturübersetzungen,13 die sich letztlich
auch im Sprachgebrauch manifestierten.
Während die Situation des Zarenreiches hier nicht ausführlicher diskutiert
werden kann, ist für die Übersetzung ein damals ‚neues‘ Modell der ostslawi-
schen Geschichte zentral. Während die russische Geschichtsschreibung davon
ausging, dass es nach dem Mongolensturm zu einer translatio imperii der mit-
telalterlichen Kiewer Rus’ zum Moskauer Staat kam, verfolgte Hruševs’kyj als
ukrainischer Nationalhistoriker ein territoriales Geschichtskonzept, demzufolge
die Rus’ die Grundlage für die Ukraine darstellte. Aus dem Moskauer Staat,
der eine hiervon separate Entität wäre, sei letztlich Russland hervorgegangen.
Als der Historiker diese Darstellung veröentlichte, herrschte das Bild einer
gesamten russischen Nation vor, die Groß-, Weiß- und Kleinrussen umfasste.
Hruševs’kyj pochte dagegen auf diese historischen Wurzeln völlig separater
nationaler Identitäten, die das favorisierte Ethnonym ukrainisch zum Ausdruck
brachte. Während dieses Geschichtsbild einige Vordenker im Verlauf des 19.
Jahrhunderts hatte, darf es doch insbesondere in Galizien als relativ jung
gelten. Seine gefeierte Antrittsvorlesung an der Universität Lemberg im Jahr
1894, in der Hruševs’kyj Grundzüge dessen vordachte, war ein zentrales Ereignis
der galizischen akademischen Welt; für die ruthenisch-ukrainische Jugend avan-
cierte er rasch zur Ikone. Insgesamt wurde Hruševs’kyj der wichtigste Exponent
gesamtukrainischer Identität und der entsprechenden Bezeichnung in Galizien.14
‚Ozielle‘ Selbstbezeichnung im Wandel
Diese lang anhaltenden und mit einer umfassenden Veränderung der galizisch-
ukrainischen Wissenschaftslandschaft Galiziens einhergehenden Stimuli, die
Hruševs’kyj de facto importierte und übersetzte, beeinussten die steigende
10
Ivan Franko: Moloda Ukrajina. Providni ideji i epizody. Čast‘ 1. L’viv 1910, S. 7-14.
11
Kost‘ Levyc’kyj: Istorija polityčnoji dumky halyc’kych ukrajinciv 1848–1918. L’viv
1926, S. 310.
12
Dies lag vermutlich daran, dass der Schriftsteller Ivan Franko, einer der zentralen Ak-
teure in der Partei, ‚ukrainisch‘ seit den frühen 1880er Jahren durchzusetzen versuchte;
vgl. Mysak: Etnonimy (wie Anm. 7), S. 225-233.
13
Jan Surman: Sprachen – Grenzen – Übersetzungen. Überlegungen zum translatorischen
Kulturbegri am Beispiel Zentraleuropas. In: Lavina Heller (Hg.): Kultur und Über-
setzung. Studien zu einem begriichen Verhältnis. Bielefeld 2017, S. 235-260.
14
Natalija Polons’ka-Vasylenko: Dvi koncepciji istoriji Ukrajiny i Rosiji. München 1964;
Rohde: ‚Nationale Wissenschaft‘ (wie Anm. 3), S. 113 u. 208-215.
Martin Rohde
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Akzeptanz der neuen Selbstbezeichnung entscheidend; deshalb ist der Zeitraum
nach seiner Ankunft in Galizien für die Untersuchung zentral. Die Selbstbe-
schreibung im öentlichen Raum lässt dabei zahlreiche Überlegungen zu, die
das hier dargelegte Problem erhellen.
Ein für den deutschsprachigen Kontext relevanter Indikator dürfte die Umbe-
nennung der in Wien erscheinenden politisch-kulturellen Zeitschrift Ruthenische
Revue in Ukrainische Rundschau sein. Diese erfolgte Anfang des Jahres 1906 nach
einem Wechsel der Redaktion und mit der Begründung, der gemeinsamen Identität
der in Österreich und Russland lebenden ukrainischen Bevölkerung Rechnung
tragen zu wollen. Die vormalige Bezeichnung hätte nur eine „lokale Bedeutung
als Kennzeichnung des in Österreich wohnenden Teiles unseres Volkes“.15 Dieses
besonders auf die Außenwirkung in (Zentral- und West-)Europa bedachte Blatt
begründete seinen Schritt mit der Mission, die Außenwelt von der Zusammen-
gehörigkeit der ukrainischen Länder und Menschen überzeugen zu wollen.
Oenbar noch getragen von dieser (post-)revolutionären Stimmung wurde
auch eine Interpellation an das Abgeordnetenhaus des Reichsrates im Jahre 1907
herangetragen, die die Einrichtung einer eigenständigen ukrainischen Universität
mit ebendieser Bezeichnung forderte und sich vergleichsweise kompromisslos
gerierte. Dieses Selbstbewusstsein ergab sich bestimmt auch aus der nunmehr
erhöhten Anzahl ruthenisch-ukrainischer Abgeordneter, die infolge der Einfüh-
rung des allgemeinen Männer-Wahlrechts deutlich angewachsen war. Ironisch
scheint dagegen, dass die Ukrainische Rundschau im selben Jahr einen Artikel
einer der leitenden Figuren hinter dieser Interpellation abdruckte, in der dieser
sich eine ruthenische Universität wünschte. Es ist davon auszugehen, dass die
eingereichte Interpellation durch die Mitwirkung Hruševs’kyjs zustande kam. In
den Folgejahren wurden leicht entschärfte, aber ähnlich lautende Interpellationen
eingebracht, die ausschließlich von einer ‚ruthenischen‘ Universität sprachen.
Wie situativ diese Begrie genutzt wurden, zeigt eine zweisprachige Broschü-
re der von Hruševs’kyj geleiteten Ševčenko-Gesellschaft der Wissenschaften
(=ŠGW), einer der leitenden nationalen Institutionen, die im Jahr 1907 um staatli-
che Förderung ansuchte. Die Bittsteller benutzten, wie im Abgeordnetenhaus des
Reichsrates zumeist üblich, im deutschen Text die Bezeichnung ‚ruthenisch‘, um
ihren Staatspatriotismus und damit ihre Förderungswürdigkeit zu unterstreichen.
Der ukrainische Paralleltext bediente sich dagegen ausschließlich des Ethno-
nyms ‚ukrainisch‘.16 Es war kein Geheimnis, dass führende politische Akteure
sich selbst als ‚ukrainisch‘ bezeichneten; diese Form der Loyalitätsbekundung
als subtile und doch zweckmäßige politische Kommunikationsform wurde also
dementsprechend wahrgenommen. So formierte sich im Abgeordnetenhaus des
Reichsrates in der Legislaturperiode ab 1911 auch ein ukrainischer Verband. Die
betreenden Personen wurden vom Kaiser sogar 1912 demgemäß adressiert –
eine symbolische Handlung, die ihre Wirkung ebenfalls nicht verfehlte.17
15
Ukrainische Rundschau IV/1 (1906), S. 1.
16
Rohde: Innerimperiale Lernprozesse? (wie Anm. 2); Ders.: Galizische Erbschaften?
Dasukrainische Piemont‘ als transimperiales Projekt. In: Bohdana Patlatjuk/Joanna
Rozmus/Yuriy Remestwenski (Hg.): Was bleibt von Galizien? Kontinuitäten – Brüche –
Perspektiven. Wien (im Druck, 2021).
17
Harald Binder: Galizien in Wien. Parteien, Wahlen, Fraktionen und Abgeordnete im
Übergang zur Massenpolitik. Wien 2005, S. 489-490.
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Ruthenen, Ukrainer oder doch „österreichische Ukrainer“?
Diese Bezeichnungspolitik im deutschsprachigen Raum lädt dazu ein, uk-
rainischsprachige Selbstbezeichnungen im öentlichen Raum zu betrachten.
Eine wichtige Quelle hierfür sind Vereinsnamen und -dokumente. In oziellen
deutschsprachigen, an die Regierung oder den Reichsrat gewandten Dokumenten
verortete sich die ŠGW fast nur als ‚ruthenisch‘ oder nutzte die Doppelbezeich-
nung. Dies unterschied sich vom öentlichen Gebaren in der Vereinssprache nur
geringfügig. Der Vorläufer des Vereins, die literarische Ševčenko-Gesellschaft,
nannte im Gründungsstatut 1873 noch das Ziel der Förderung „ruthenischer
(kleinrussischer)“ Literatur, in den folgenden Statuten 1892, 1898 und 1904
sprach der Verein dagegen unverändert von ukrainisch-ruthenischer Sprache.
Erst ein letztlich nicht umgesetztes Statutenprojekt aus dem Jahr 1913 pochte
darauf, für den „Fortschritt der ukrainischen Nation“ tätig werden zu wollen,
obwohl vereinsintern häug nur von ‚ukrainisch‘ die Rede war.18 Vereine, die
wie die ŠGW die Nähe zur Ukraine suchten, nutzten dies ebenfalls, so etwa die
1899 von ihr als inozieller Ableger gegründete Ukrajins’ko-rus’ka vydavnyča
spil’ka (Ukrainisch-ruthenische Verlagsrma).19
Diverse Nationalvereine, die nach dem Jahr 1905 gegründet wurden, schie-
nen sich vor allem der Zäsur der russischen Revolution anzuschließen und
führten nur die Bezeichnung ukrainisch – entweder im Namen oder im Statut.20
Eine frühe Ausnahme abseits der Jugendorganisationen ist dagegen das 1904
von Hruševs’kyj gegründete Tovarystvo prychyl’nykiv ukrajin’koji literatury,
nauky i štuky (Verein der Anhänger ukrainischer Literatur, Wissenschaft und
Kunst). Der Zirkel ukrainischer Mädchen schloss sich 1908 mit dem Klub der
Rutheninnen zusammen, wobei die gewachsene Bedeutung der Jugend oen-
bar dafür mitverantwortlich war, dass sie sich durchsetzen konnte: Der neu
entstandene Verein nannte sich Sojuz ukrajinok (Verband der Ukrainerinnen).
Der ungleich konservativere Ruthenische Pädagogische Verein, bestehend seit
1881, benannte sich 1912 in Ukrainischen Pädagogischen Verein um. Dass die-
ser Verein noch 1911 unter altem Namen ein Schreiben an das Ministerium für
Kultus und Unterricht verfasste, in dem er von „ukrainischen Privatgymnasien“
spricht, macht deutlich, wie heterogen diese Vereine in sich waren.21 Innere
Mehrheitsverhältnisse, aber auch andere, organisatorische Gründe können dafür
verantwortlich sein, dass insbesondere länger gewachsene Vereine ihre Namen
eben nicht sofort änderten bzw. ändern konnten, sondern abzuwarten hatten, bis
sich ein Konsens in solchen Fragen herausgebildet hatte. Überdies gründeten
sich auch innerhalb der Nationalbewegung Vereine, die das ‚alte‘ Ethnonym
18
Oleh Kupčyns’kyj: Statuty, proekty statutiv i reglamenty (reguljaminy) Tovarystva
im. Ševčenka ta Naukovoho tovarystva im. Ševčenka. 1873–1989. In: Ders. (Hg.):
Naukove tovarystvo im. Ševčenka. Doslidžennja, materialy. L’viv 2013, S. 19-139,
hier S. 43, 60, 68, 102 u. 110.
19
Statut ukrajins’ko-rus’koji Vydavnyčoji Spil’ky u L’vovi. L’viv 1904.
20
So beispielsweise Tovarystvo ukrajins’kych naukovych vykladiv im. Petra Mohyly:
Schreiben vom 17. August 1907, Instytut literatury, viddil rukopysiv i tekstolohi-
ji, NAN Ukrajiny, fond 3, N 2358; Verein ukrainischer Esperantisten, ÖStA- AVA
(Österreichisches Staatsarchiv-Allgemeines Verwaltungsarchiv), Inneres MdI allg.
12065/1912; Ukrainischer Schützenverein, ÖStA-AVA, Inneres MdI allg. 16211/1913.
21
Immediateingabe des ruth. Pädagogischen Vereines in Lemberg um Gewährung einer
entsprechenden Subvention zur Erhaltung der ukrainischen Privatgymnasien in Gali-
zien, ÖStA-AVA, Unterricht CUM allg. 42298/1911.
Martin Rohde
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weiterhin trugen.22 Andere Vereine strichen jedwedes Ethnonym aus ihrem
Namen, obwohl sie dafür ‚ukrainisch‘ in ihrem Statut gebrauchten.23 Allerdings
konnten umfangreichere Statutenänderungen auch aus anderen Gründen von
der Statthalterei oder vom Ministerium des Inneren abgelehnt werden,24 sodass
sich projektierte Änderungen verzögerten oder gar nicht zustande kamen. Damit
können Vereinsnamen und -quellen allenfalls sektorale Indikatoren, aber keine
verlässliche Quelle für die Frage darstellen, ob sich ein Begri behaupten konnte
oder nicht. Diese Aufstellung illustriert jedoch, dass diverse galizische Akteure
die Kulturübersetzung aus dem Zarenreich – verstärkt nach 1905 – annahmen.
Gleichsam zeigt die partielle Konjunktur einer doppelnden Übergangslösung
die heterogene Annahme des Begris, während infolge der Veränderungen 1905
oenbar der Trend zur klareren Entscheidung für eine der Varianten begann.
Hierbei handelt es sich allerdings um kulturelle und soziale, insbesondere
städtische Eliten, wobei neben Lemberg vor allem ostgalizische Städte mit
Gymnasien als Ballungszentren der jungen Intelligenz gemeint sind. Für national
indierente, analphabetische und sonstige schwer greifbare Personengruppen in
ländlichen Gebieten blieben diese Phänomene bisweilen entfernt und städtisch.
Die konstruktivistische Perspektive schlägt zwar vor, dass die seit 1880 die
Umgangssprache erhebenden Volkszählungen zur Durchsetzung der Begri-
lichkeit beigetragen haben. Tatsächlich dürfte nationaler Aktivismus um die
Volkszählung, der auf der Auslegung staatlicher Kategorien basierte, nicht minder
relevant gewesen sein, wobei um die Jahrhundertwende und auch darüber hinaus
eine verstärkte (nationale) Politisierung am Land erfolgte. Dennoch entwickelte
sich die ländliche Selbstbezeichnung durch die (Mikro-)Region bzw. anhand
regionaltypischer Ethnonyme, die vom Tenor abwichen: durch die Konfession,
Berufsbezeichnung, oder schlichtweg durch die Benennung als Hiesige. Diese
Tendenz blieb regional auch bis in die Zwischenkriegszeit erhalten und trotzte
damit der nationalisierenden Tendenz des Ersten Weltkrieges.25 Es wäre ahis-
torisch, dies als ukrainisches Dezit oder Ähnliches zu verstehen, zumal eine
solche Indierenz gegenüber nationalen Kategorien ein durchaus verbreitetes,
europäisches Phänomen war, das nicht minder etwa aus der polnischen Perspek-
tive bekannt war. Die polnischsprachige römisch-katholische Landbevölkerung
Galiziens distanzierte sich häug vom sozial konnotierten ‚polnisch‘ und iden-
tizierte sich stattdessen mithilfe des Religionsbekenntnisses.26
Der Erste Weltkrieg veränderte die Debatte um die Selbstbezeichnung deut-
lich. Kost’ Levyc’kyj, der führende ruthenisch-ukrainische Politiker Galiziens,
reichte ein Gesuch zur oziellen Änderung des nationalen Namens ein, das von
leitenden Mitgliedern der ŠGW mit einer wissenschaftlich argumentierten Denk-
schrift begleitet wurde. Diese beriefen sich nicht nur auf historische Argumente,
22
So etwa der Ruthenische Ärzteverein, ÖStA-AVA, Inneres MdI allg. 40211/1909.
23
Bildung eines Vereins „Towarystwo Pomicz Mołodiży“, ÖStA-AVA, Inneres MdI allg.
4565/1912.
24
Immediateingabe des Vereines „Borba z alkoholem“, ÖStA-AVA, Inneres MdI allg.
19.074/1909.
25
Jaroslav Hrycak: Prorok u svojij vitčyzni. Franko ta joho spil’nota. Kyjiv 2006, S. 129-
144.
26
Kai Struve: Politische Mobilisierung und nationale Identikation. Die Wahlbeteiligung
der Landbevölkerung in Galizien 1861–1911. In: Zeitschrift für Ostmitteleuropa-
Forschung 54 (2005), S. 377-398, hier S. 378 f.
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Ruthenen, Ukrainer oder doch „österreichische Ukrainer“?
sondern stellten unter Berufung auf die Gemeinsamkeiten der ukrainischen
Länder auch die gegenwärtige Relevanz der Grenzlage fest:
„Der Name ‚Ukraine‘ bedeutet wirklich ‚Grenzland‘, der Name ‚Ukrai-
ner‘ –‚Grenzer‘. Bereits die natürlichen und geschichtlichen Verhältnisse
des Landes wiesen seit jeher auf diesen Namen hin. […] Der Lauf der
geschichtlichen Entwicklung des Landes und seiner Bewohner ist von
den ältesten Zeiten bis heutzutage derjenige eines Grenzlandes und eines
Grenzvolkes.“27
Dass gerade der eher konservative Levyc’kyj dieses Gesuch einreichte, zeugt
von einem umfassenden Wandel der ruthenisch-ukrainischen Nationalbewegung
durch den Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Obwohl nach wie vor Konikte mit
russländischen ukrainischen Organisationen herrschten, stand dem gemeinsamen
Namen kein regionalpolitischer Widerspruch mehr im Wege, zumal die Aner-
kennung der Ukraine in der europäischen Politik ein zentrales Ziel aller betei-
ligten Gruppen war, die ihre Kräfte vor diesem Hintergrund zu bündeln suchten.
Während das Gesuch mehrfach abgelehnt wurde, sorgte die Einrichtung eines
ukrainischen Staates mit dem Vertrag von Brest-Litowsk selbst dafür, dass sich
der gewünschte Name verstetigte; de facto war er auch schon einige Jahre vorher
in den üblichen Sprachgebrauch einiger Ministerien eingegangen.28 Dennoch
bestand häug Bedarf, diese national denierten Gruppen nach Staatsbürger-
schaft zu dierenzieren; so untersagte beispielsweise der österreichische Staat
dem aus dem Budget des Außenministeriums geförderten Bund zur Befreiung
der Ukraine, ‚österreichische Ukrainer‘ als Mitglieder aufzunehmen. Hieraus
erwuchs die zeitweilige Distinktion zwischen dieser Gruppe und ‚russischen Uk-
rainern‘, die allerdings nur für die Zeit des Krieges wirklich gebräuchlich war.29
Letztlich scheiterten alle ukrainischen Staatsbildungsversuche infolge des
Krieges; die ukrainischen Länder wurden auf die Sowjetunion, Polen und die
Tschechoslowakei aufgeteilt. Während die Sowjetunion die ukrainische Identi-
tät mit ihrer Verwurzelungspolitik (korenizacija) dezidiert förderte, begann die
Auseinandersetzung um das Ethnonym in den westukrainischen Ländern erneut.
Im Polen der Zwischenkriegszeit forderte der Schulsprengel Lwów 1923 alle
Privatgymnasien, die in ukrainischer Sprache unterrichteten, unter Androhung
von Strafen auf, die Bezeichnung ‚ukrainisch‘ in die polnische Variante ruski zu
ändern. Zumal das ukrainische Unterrichtswesen auf Privatschulen reduziert war,
galt dem nationalen Lager dies als schwerer Rückschritt.30 In der Tschechoslo-
wakei, zu der seit 1919 die ehemals ruthenischen Gebiete Ungarns in Form der
neu gebildeten Podkarpatská Rus gehörten, gestaltete sich die Situation nicht
minder problematisch, obgleich sich die Tschechoslowakei der ukrainischen
27
Denkschrift über die Notwendigkeit des ausschliesslichen Gebrauchs des Nationalna-
mens „Ukrainer“, 1915. ÖStA-AVA, Inneres MdI Präs, 17044/1915, S. 15 f.
28
Dies wurde von Expertengutachten und Medien der ukrainischen Nationalbewegung
in Wien längerfristig diskutiert. Hier zeigte sich eine schnelle Radikalisierung, wenn
selbst moderate ukrainische Akteure ihr ‚historisches Anrecht‘ einforderten; vgl.
exemplarisch: Bohdan Barvins’kyj: Istoryčni prava ukrajins’koho narodu do joho
narodn’oho imeny. Wien-Kyjiv 1918.
29
Rohde: ‚Nationale Wissenschaft‘ (wie Anm. 3), S. 353-355.
30
Denkschrift der Ševčenko-Gesellschaft der Wissenschaften in Lemberg aus Anlass des
Verbotes des nationalen Namens. [Lwów] 1923.
Martin Rohde
40
Nationalbewegung gegenüber wohlwollend gerierte. Eine wesentliche Heraus-
forderung war allerdings, dass der Begri ‚ukrainisch‘ für die Lokalbevölkerung
nicht gebräuchlich war. Die tschechische Bezeichnung ruský wurde dagegen
ohne Unterschied gleichsam für ‚russisch‘ und ‚ruthenisch‘ verwendet.
Generation, Geschlecht und Konfession
Wie bereits zuvor ausgeführt, waren die Begriffsverwendungen äußerst
symbolträchtig, zumal sie mit breiteren Vorstellungswelten einhergingen, die
dem deutschsprachigen Raum der Habsburgermonarchie abseits enger Fachzir-
kel weitgehend verborgen blieben. Im ‚Kronprinzenwerk‘, genauer dem 1898
erschienenen Galizienband, leisteten drei ruthenisch-ukrainische Wissenschaftler
Beiträge. In diesen verwendeten sie ausschließlich ‚ruthenisch‘, wobei dies der
staatsloyalen Ausrichtung der Reihe geschuldet war. Allerdings vereinnahmte
bemerkenswerterweise einer der Autoren, der Lemberger Universitätsprofessor
Omeljan Ohonovs’kyj (Emil Ogonowski), auch die ukrainische Literatur des
Zarenreiches in seiner ‚ruthenischen‘ Literaturgeschichte. All diese handver-
lesenen, staatsloyalen Wissenschaftler gehörten einer älteren Generation an,
außerdem handelte es sich ausschließlich um Männer.31 Die Dominanz dieser
engen Eliten sah sich jedoch seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert mit der Ju-
gendbewegung konfrontiert, die zahlreiche gegensätzliche Vorstellungen hegte
und diese ebenfalls in Form ihrer Selbstbezeichnung kundtat.
Von der reichsloyalen Ausrichtung konservativerer Kreise deutlich zu unter-
scheiden ist die Begrisnutzung in nationalen Jugendorganisationen. Die Moloda
Ukrajina (Junge Ukraine) war eine Gruppierung, die vor allem (männliche)
Gymnasiasten und Studenten aus unterschiedlichen etablierten politischen
Parteien zusammenbrachte. Sie orientierte sich an sozialistischen Zielen, der
Errichtung eines ukrainischen Nationalstaats und kritisierte die konservative
Politik der ruthenischen Eliten sowie deren Kooperation mit Russophilen. Dies
verband sie – ebenso wie den Wunsch nach Selbstbestimmung – mit der Wahl
ihres Ethnonyms. In ihren Protesten gegen die Sprachsituation an der Lemberger
Universität übte jener Teil der Studentenschaft, der diesem Spektrum zuzuordnen
war, genau diese Ideologie aus und forderte die konservativere, eben ‚rutheni-
sche‘ Politik auf, Schritt zu halten; die ukrainische Jugend rief sie dagegen auf,
als modernisierende Kraft zu wirken.32
Als weibliches Pendant wurde der vergleichsweise gemäßigte Kružok
ukrajins’kych divčat (Zirkel ukrainischer Mädchen) im Jahr 1902 gegründet, der
für die Rechte junger ruthenisch-ukrainischer Frauen und ihre (außerschulische)
Weiterbildung eintrat. Durch Nastja Hrinčenko, einer Auslandsstudentin aus der
russländischen Ukraine, waren die ukrainischen Einüsse auf den Verein relativ
direkt. Im Zarenreich galten unter anderem bessere Bedingungen für die Frauen-
31
Martin Rohde: Huculska pieśń ludowa dla Austrii. Ukraińsko-austriacka współpraca
naukowa u schyłku monarchii Habsburgów. In: Magdalena Baran-Szołtys/Danuta
Sosnowska/Jagoda Wierzejska (Hg.): (P)o Galicji: „Jeszcze więcej problemów!“.
Warschau (im Druck, 2021).
32
Thorsten Wehrhahn: Die „Junge Ukraine“. Nationalismus und Sozialismus als Aspekte
eines Generationskonikts im politischen Leben Ostgaliziens (1899–1903). In: Jahr-
bücher für Geschichte Osteuropas, Neue Folge, 49/2 (2001), S. 213-229.
41
Ruthenen, Ukrainer oder doch „österreichische Ukrainer“?
bildung und gerade in der Jugend auch ein selbstbestimmteres Frauenbild; die
Verhältnisse in Galizien wurden deshalb als rückständig betrachtet. Hrinčenko
hat den Begri ‚ukrainisch‘ für den Zirkel zwar nicht festgelegt, seine Auslegung
allerdings mitgeprägt. Dieser Verein trachtete sich vor allem vom konservativen
Kljub rusynok (Klub der Rutheninnen) abzusetzen einem Frauenverein, der
weniger eigenständig und als Unterstützungsverein männlicher Politiker und
Kulturvereine agierte. Ihm gehörten insbesondere die Mütter der Initiatorinnen
des Zirkels an.33 Dieser generationelle Aspekt war zentral: Die ‚ukrainischen
Mädchen‘ durften dem Klub zwar beiwohnen, aber selbst keine wichtigeren
Rollen übernehmen oder ihre eigenen Ziele durchsetzen. Die Selbstorganisa-
tion im Zirkel unter dem ukrainischen Banner war für die Protagonistinnen
demnach nicht allein ein nationales, sondern auch ein soziales, generationelles
und geschlechterpolitisches Anliegen. Sie unterschieden sich damit von der als
insgesamt klerikalen und konservativ verstandenen ruthenischen Identikation.
Die Intersektionalität der Kategorien Geschlecht, Konfession, Bildungsniveau
und Sprache zwischen gesellschaftlicher Marginalisierung und den traditionellen
Rollenbildern griechisch-katholischer Familien führte zu starker Abhängigkeit
(junger) ruthenisch-ukrainischer Frauen, gegen die der Verein anzukämpfen
suchte.34 Die Überwindung dieser Situation verbanden sie mit der ‚modernen‘
Selbstbezeichnung ‚ukrainisch‘.
Der konfessionelle Aspekt der Selbstbezeichnung bleibt jedoch nicht auf eine
Jugendbewegung bzw. generationelle Fragen begrenzt; er spielte allgemein eine
zentrale Rolle in der Selbstverortung der ostslawischen Bevölkerung Galiziens,
wurde die ruthenische Nationalbewegung – sowie im Übrigen auch die russophile
Bewegung in ihrer frühen Phase doch vor allem von Geistlichen getragen.
Das bedeutet nicht nur, dass diese zahlenmäßig kleine Schicht sozialer Eliten
das Nationale 1848 für sich entdeckte (sog. ‚Altruthenen‘), auch die folgende
Generation der narodovci-Eliten sah in diesem Beruf großes Potenzial, national
aktiv zu werden.35 Daraus resultierte die Betrachtung der griechisch-katholischen
als Nationalkirche. Diese Verstrickung führte dazu, dass ‚ruthenisch‘ auch als
religiös konnotierter Begri verstanden werden konnte, was sich direkt im
Sprachgebrauch niederschlug. So wurde unter anderem vom „ruthenischen
Kalender [rus’kyj kaljendar], ruthenischen Pfarrer [rus’kyj paroch], rutheni-
schen Feiertag [rus’ke s’vjato], rus’kyj velykden’ (den ruthenischen Ostern)
und vom rus’kyj obrjad (ruthenischen Glauben) als Gegensatz zum lateinischen
Glauben“36 gesprochen. Darauf baute der Statistiker und Rechtswissenschaftler
Volodymyr Ochrymovyč auf, wenn er den integrativen Charakter von ‚ukrai-
nisch‘ betonte. Als zentrales Problem seiner Arbeit galten rusyny-latynnyky,
33
Martin Rode [Rohde]: Naukovi kursy vakacijni 1904. In: Lviv interactive (2019), online
unter: https://lia.lvivcenter.org/uk/events/kursy-vakacijni/; Ders.: Ukrainian Popular
Science in Habsburg Galicia, 1900–1914. In: East/West: Journal of Ukrainian Studies
7/2 (2002), S. 139-171; Statut tovarystva „Kružok ukrains’kych divchat“ u L’vovi.
L’viv 1904.
34
Ivanna Čerčovyč: Emancipacijni ideji vs konservatyvni praktyky. Žinky u seredovyšči
ukrajinskoji intelihenciji Halyčyny. In: Oksana Kis’(Hg.): Ukrajins’ki žinky u hornyli
modernizaciji. Charkiv 2017, S. 32-51.
35
John-Paul Himka: Religion and Nationality in Western Ukraine. The Greek Catholic
Church and the Ruthenian National Movement in Galicia, 1867–1900. Montreal 1999.
36
Volodymyr Ochrymovyč [„В.О.“]: Rusyny-latynnyky. Narys. L’viv 1912, S. 14.
Martin Rohde
42
d. h. Menschen, die sich in der Volkszählung zur ruthenischen Sprache und
zum römisch-katholischen Glauben bekannten. Er schätzte ihre Zahl nach der
Volkszählung 1900 auf rund 130.000 Personen, wobei diese Statistiken durch
ihre allseitige nationalpolitische Auadung mit Vorsicht aufzunehmen sind.
Wenn auch die Begriichkeiten Ukrajina, ukrajinec’ und ukrajins’kyj frei von
sämtlicher religiöser Konnotation wären, würden sie die rusyny-latynnyky in
ihre zugrundeliegende nationale Idee integrieren, während der zeitgenössisch
gebrauchte Begri des Ruthenischen dies nicht leistet. Insgesamt unterschied
Ochrymovyč zwischen Ukrajina sensu stricto, d. h. den ukrainischen Ländern
des Zarenreiches (die selbst noch ein ießendes Konzept – hinsichtlich der
Einbeziehung von Teilen der Krim, des Kuban und der Grenzen zum heutigen
Belarus waren) und einem breiteren Begri von Ukrajina, der auch die in
Österreich und Ungarn situierten ruthenisch-ukrainischen Länder einbezog.37
Ochrymovyč gehörte zur wissenschaftlichen Avantgarde der jüngeren Generation
der ŠGW und zeitweise auch zum Kreis der Abgeordneten der Ukrainischen
Nationaldemokratischen Partei im Abgeordnetenhaus des Reichsrates,38 seine
Perspektive auf die Begrie darf damit für das galizisch-ukrainische Spektrum
dieser Zeit als repräsentativ gelten.
Verballhornungen, Fremdbegrie und andere Schwierigkeiten
Im Folgenden werden einige Beispiele skizziert, die die Fluidität der Begris-
nutzungen und den kreativen Umgang mit darauf basierenden kulturellen
Dierenzen illustrieren. Damit kann in diesem Rahmen kein Anspruch auf
Vollständigkeit erhoben werden, vielmehr sollen einige Fundstücke die noch
näher zu erforschende Vielfalt andeuten.
Der ukrainische Sozialist und multiprofessionelle Intellektuelle Mychajlo
Drahomanov besuchte Galizien wiederholt während seiner Europareisen. Dabei
intendierte er, dauerhafte Kontakte zu den ruthenischen Eliten herzustellen und
über das kulturelle Leben in Galizien zu berichten. Während er vor allem bei
Studentengruppen Anklang fand, war ihm die Sympathie der klerikal-konserva-
tiven Eliten nicht beschieden. Er beschrieb sie deshalb in seinen Erinnerungen
an diese Reisen mit dem Adjektiv „rutens’kyj“, eine spottende Ukrainisierung
des latinisierten ‚ruthenisch‘, mit der er die Adjektive „engstirnig, reaktionär,
lakaienhaft-karrieristisch“39 verband. Insbesondere erwähnte er aber die seiner
Meinung nach künstliche Trennung von galizischen ‚Ruthenen‘ und russländi-
schen ‚Ukrainern‘, die wiederum mit mangelnder Kooperationsbereitschaft mit
der Nationalbewegung einherging.
Nicht minder plakativ und kritisch scheint die Begriswelt der Moloda
Ukrajina. Im Jahr 1898 gedachten ruthenisch-ukrainische Politiker Galiziens
unter anderem des 50-jährigen Jubiläums der Bauernbefreiung und feierten
die Erfolge ihrer Politik, während die Moloda Ukrajina den vorherrschenden
‚Ruthenismus‘ kritisierte. Das Verständnis dieses Begries, das man bisweilen
auch schlicht als Synonym für ‚Realpolitik‘ unter den gegebenen Umständen im
37
Ebenda: S. 8-14.
38
Martin Rohde: Volodymyr Ochrymovyč. In: ÖBL Online-Edition, Lfg. 9. Wien 2020.
(https://www.biographien.ac.at).
39
Mychajlo Drahomanov: Avstro-rus‘ki spomyny. 1867–1877. L’viv 1889, S. 46 f.
43
Ruthenen, Ukrainer oder doch „österreichische Ukrainer“?
Habsburgerreich auslegen könnte, lehnte sie an der Drahomanov’schen Kritik
an. Gleichsam kritisierte die Moloda Ukrajina die politische Kooperation mit
Russophilen durch diesen Begri – sie baute ruthenisch und ukrainisch als asym-
metrische Gegenbegrie auf, die im ersteren Fall mit ‚rückständig‘/konservativ
und im zweiteren mit modern unterlegt waren.40
Zuletzt gilt es auch, die regionale Dimension verwendeter Begrie zu berück-
sichtigen. Ein Beispiel hierfür ist die sogenannte Uhor’ska Rus’ (die ruthenischen
Gebiete Ungarns), die sich im späten 19./frühen 20. Jahrhundert als erhebliche
‚Problemstelle‘ des ukrainischen nationalen Projekts darstellte, da infolge der
Magyarisierungspolitik und anderer regionaler Umstände einzig die russophile
Bewegung mäßig Fuß gefasst hatte. ‚Ungarische Ruthenen‘ (Uhors’ki rusyny)
ist eine Fremdbeschreibung aus galizischer Perspektive, die unterschiedliche
Subgruppen, wie die Ruthenen aus der Bačka, Lemken, d. h. im slowakischen
Grenzgebiet lebende Ruthenen aus der Eparchie Prešov/Prjašiv/Eperjes (slovjaky,
was aber nicht von ‚slowakisch‘ abgeleitet wäre), einschloss. Galizische Lem-
ken dagegen nutzten die Selbstbezeichnung Rusnaky. Die Vereinnahmung von
Vielfalt gegenüber der Durchsetzung von Einheitlichkeit sind die beiden Pole,
zwischen denen die ukrainische Nationalbewegung changierte, wenn sie diese
Gruppen mit ihrer Selbstbezeichnung zu vereinnahmen suchte. Dass gerade in
dieser Region derartige Fragen noch nicht gelöst sind, wird anhand der Konjunk-
tur der russinischen Bewegung seit dem Zerfall der Sowjetunion fassbar. Die
Kontuinuitäten im Bereich sprach- und bezeichnungspolitischer Schwierigkeiten
kommen allerdings auch darin zum Ausdruck, dass die Ukraine der einzige der
vier betreenden Staaten (neben Rumänien, Serbien und der Slowakei) ist, der
Russinisch nach wie vor nicht als separate Sprache anerkennt.41
Fazit
1907 berichtete die Arbeiter-Zeitung zu den Wahlergebnissen zum Abgeord-
netenhaus des Reichsrates, dass „für sämtliche Ruthenen, mit Ausnahme der
Russophilen […] die Bezeichnungen ‚Ruthene‘ und ‚Ukrainer‘ identisch“
42
wären. Damit bediente sich die Zeitung einer Verkürzung, die im Sinne der
Vereinfachung sogar in wissenschaftlichen Texten bis heute häug anzutreen
ist. Dieser Beitrag zeigt, dass durchaus Erkenntnispotenziale verloren gehen
und Akteure bzw. Gruppen falsch eingeordnet werden können, wenn diese
Schwierigkeit schlicht überlesen würde. Wenn das Blatt anschließend behaup-
tete, dass sich Abgeordnete aller nicht-russophilen politischen Ausrichtungen
„in der Muttersprache ‚Ukrainer‘“43 nannten, könnte das für die Abgeordneten
womöglich sogar gestimmt haben, allerdings verleitete diese Feststellung po-
tenzielle Leserinnen und Leser zur Fehlannahme, dies könnte auch für breitere
Schichten gegolten haben.
Die Nutzung der Ethnonyme in verschiedenen Kontexten, die räumlich, sprach-
lich, sozial und auch religiös deniert sein konnten, war ein Akt symbolischer
Kommunikation, eine Selbstverortung entlang von Loyalität und Abgrenzung
40
Wehrhahn: Die „Junge Ukraine“ (wie Anm. 32), S. 216.
41
Rohde: ‚Nationale Wissenschaft‘ (wie Anm. 3), S. 257-267.
42
Arbeiter-Zeitung, Nr. 153 v. 6.6.1907, S. 4.
43
Ebenda.
Martin Rohde
44
gegenüber anderen Identikationsangeboten, die mit Fragen nach ‚Tradition‘
und ‚Moderne‘, Eigenständigkeit und Zusammengehörigkeit korrelierten. Diese
Betrachtung kann nicht mit einer allgemeingültigen Bezeichnungsempfehlung
für künftige Forschungen schließen, auch wenn die bisweilen ahistorische Dop-
pelbezeichnung ‚ruthenisch-ukrainisch‘ oder die weniger gebräuchliche Variante
‚ukrainisch-ruthenisch‘ wohl als neutrale Varianten gelten können. Es ist aber
denitiv zu bedenken, dass nicht jeder, der die Umgangssprachenbezeichnung
‚ruthenisch‘ eintragen musste, mit dieser Bezeichnung auch treend zu verorten
wäre. Das liegt nicht nur an nationaler Ideologie, sondern beispielsweise auch
an der möglichen Ablehnung anderer generationskultureller Aspekte der frühen
ruthenischen Bewegung. Den Begri ‚ukrainisch‘ auf seine nationale Kompo-
nente zu reduzieren, wird seiner Vielschichtigkeit hinsichtlich der Vorstellungen
unter anderem generationellen, sozialen und geschlechterpolitischen Wandels
nicht gerecht.
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Article
Using Soviet archival materials declassified in the 1980s, John-Paul Himka examines a period during which the Greek Catholic church in Galicia was involved in a protracted, and at times bitter, struggle to maintain its distinctive, historically developed rites and customs. He focuses on the way differing concepts of Rutherian nationality affected the perception and course of church affairs while showing the influence of local ecclesiastical matters on the development and acceptance of these divergent concepts of nationality. The implications and complications of the Galician imbroglio are engagingly explained in this latest addition to Himka's work on nationality in late nineteenth-century Galicia. His analysis of the relationship between the church and the national movement is a valuable addition to the study of religion and national movements in East Europe and beyond.
  • Ders
Ders.: Ukrainian Popular Science in Habsburg Galicia, 1900-1914. In: East/West: Journal of Ukrainian Studies 7/2 (2002), S. 139-171;