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Realisierung personalfreier Öffnungszeiten in Dorfläden durch elektronische Zutrittskontrollen und Selbstkassensysteme

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Abstract

Im Rahmen der LEADER-geförderten Machbarkeitsstudie „DigiShop Harz“ wurde im Auftrag des in Wernigerode ansässigen Vereins TECLA e.V. an der Hochschule Harz untersucht, unter welchen technischen, wirtschaftlichen, rechtlichen und warenlogistischen Rahmenbedingungen ein „Dorfladen 2.0“ – definiert als ein klassischer Dorfladen mit teilweise personalfreien Öffnungszeiten und Möglichkeiten zur Selbstabrechnung von Waren – in einer Region wie dem Harz erfolgreich betrieben werden könnte. Der vorliegende Tagungsbeitrag führt kurz in die Problemlage und in das methodische Vorgehen im Projekt ein und fasst die wesentlichen Ergebnisse der technischen Marktbetrachtung sowie der Standortanalyse zusammen.
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21. NWK | 26. uNd 27. Mai 2021
Realisierung personalfreier Öffnungszeiten in Dorfläden durch elek-
tronische Zutrittskontrollen und Selbstkassensysteme
Vogel, K.; Schatz, T.; Reinboth, C.; Kußmann, P.
Hochschule Harz, Wernigerode
E-Mail: kvogel@hs-harz.de
Kurzfassung
Im Rahmen der LEADER-geförderten Machbarkeitsstudie „DigiShop Harz“ wurde im
Auftrag des in Wernigerode ansässigen Vereins TECLA e.V. an der Hochschule Harz
untersucht, unter welchen technischen, wirtschaftlichen, rechtlichen und warenlogisti-
schen Rahmenbedingungen ein „Dorfladen 2.0“ – definiert als ein klassischer Dorfladen
mit teilweise personalfreien Öffnungszeiten und Möglichkeiten zur Selbstabrechnung
von Waren – in einer Region wie dem Harz erfolgreich betrieben werden könnte. Der
vorliegende Tagungsbeitrag führt kurz in die Problemlage und in das methodische Vor-
gehen im Projekt ein und fasst die wesentlichen Ergebnisse der technischen Marktbe-
trachtung sowie der Standortanalyse zusammen.
1. Einleitung
Europaweit ist ein Rückgang an fußläufig erreichbaren Nahversorgungsmöglichkeiten
zu konstatieren [1]. Mussten 2005 erst 17% der Landbevölkerung mehr als 1.000 m
zum nächsten Nahversorger überbrücken, waren es 2014 schon 48% – eine Entwick-
lung, die mit einem Rückgang an Geschäften um 54% zwischen 1990 und 2010 ein-
herging [2]. Es ist anzunehmen, dass schon heute mehr als jeder dritte Landbewohner
weiter als 1.000 m vom nächsten Nahversorger entfernt lebt. Während mobilere Men-
schen auf nahegelegene Bevölkerungszentren ausweichen, sitzen gerade Ältere – ins-
besondere, wenn sie gesundheitsbedingt in ihrer Mobilität beschränkt sind oder über
keinen PKW verfügen – in unterversorgten Orten mit oft mäßiger ÖPNV-Anbindung
fest [3].
In vielen solchen Orten bemühen sich engagierte Privatpersonen darum, die Engpässe
mit individuell oder genossenschaftlich betriebenen Dorf-, Gemeinschafts- oder Hof-
läden zu schließen. Neben ihrer Versorgungsfunktion fördern diese Läden die soziale
Kohäsion und stärken die dörfliche Identität [4]. Nicht selten scheitern solche Projekte
aber am Markt, da sich bei einem limitierten Kundenklientel oft weder ein breites Wa-
renangebot noch attraktive Öffnungszeiten aufrechterhalten lassen.
Der personalfreie Betrieb von Märkten, in denen Kundinnen und Kunden die Waren
an Selbstbedienungskassen abrechnen, ist eine vieldiskutierte Möglichkeit zur Aus-
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dehnung der Öffnungszeiten von Dorfläden. Im Rahmen des LEADER-finanzierten
Projekts „DigiShop Harz“ wurde untersucht, unter welchen Bedingungen ein solcher
„Dorfladen 2.0“ erfolgreich betrieben werden kann.
2. Methodisches Vorgehen
Hierfür wurden 118 Fachpublikationen identifiziert und ausgewertet, um wesentliche
wirtschaftliche (etwa zum Warenangebot oder zur Bedeutung des Komplementärver-
kaufs regionaler Produkte) und juristische (etwa zur Notwendigkeit von Alterskontrol-
len oder Pfandrücknahmen) Fragen zu klären. Die Resultate dieser Betrachtung können
aufgrund der inhaltlichen Breite der Fragestellungen hier nicht sinnvoll zusammenge-
fasst werden, weshalb an dieser Stelle auf die Machbarkeitsstudie verwiesen sei, die
zeitnah Open Access publiziert werden soll.
Neben der Literaturanalyse wurde weiterhin eine Evaluation marktverfügbarer Technik
zum Self-Checkout, zur Diebstahlsicherung sowie zur Zutrittsverwaltung mit Blick auf
ihren Einsatz in einem „Dorfladen 2.0“ durchgeführt und die technische Interoperabili-
tät geeigneter Systeme geprüft. Außerdem fand eine detaillierte Betrachtung der Nah-
versorgungssituation in allen 34 Orten und Ortsteilen der LEADER-Region Harz zur
Identifikation möglicher Teststandorte statt. Dabei wurde u.a. auf Basis von Geodaten
des Open Data-Projekts Open Street Map evaluiert, für welche Orte eine Unterversor-
gung gemäß einschlägiger Kriterien (vgl. z.B. [1], [5]) konstatiert werden kann.
3. Ergebnisse und Diskussion
Die technische Betrachtung ergab, dass die wirtschaftlichste Lösung in der Kombina-
tion einer Selbstbedienungskasse mit einem Barcode-Handscanner sowie einem Lese-
gerät für QR-Karten und einem elektronischen Türschloss mit PIN-Feld besteht. Durch
Aufbringen eines QR-Codes auf eine handelsübliche Geldkarte kann die Nutzung des
Systems mit nur einem Authentifikations-Token ermöglicht und zudem verhindert wer-
den, dass sich größere Mengen an Bargeld im Geschäft befinden.
Das Zusammenspiel aller erwähnten Komponenten wird übersichtshalber in Abbil-
dung 1 dargestellt. Die Lösung ist – einschließlich der Installationskosten – für rund
20.000 EUR realisierbar. Obwohl nicht anzunehmen ist, dass eine Amortisierung dieser
Summe allein über die angestrebte Erweiterung der Kundenbasis gelingen kann, rückt
die Investitionshöhe die Umsetzung im Rahmen eines Strukturförderprogramms für
ländliche Räume in den Bereich des Möglichen.
Von den 34 Orten und Ortsteilen der LEADER-Region fallen 25 aus der Betrachtung, da
sie über mindestens einen Nahversorger verfügen oder der nächstgelegene Nahversor-
ger nicht mehr als 5 km vom jeweiligen Ortskern entfernt liegt. Von den neun unterver-
sorgten Orten verfügen drei über einen bzw. zwei Dorfläden (Börnecke, Abbenrode und
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Stiege), während in den übrigen fünf Orten nicht genügend Einwohner verbleiben, um
ein stationäres Angebot auf Dauer erhalten zu können. Als Standorte für die Erprobung
eines Dorfladens mit personalfreien Öffnungszeiten bieten sich damit primär die vier
existierenden Dorfläden in Börnecke, Abbenrode und Stiege an. Der Versuch, geeignete
Fördermittel zu beantragen, wurde Anfang 2020 aufgrund der Corona-Pandemie ausge-
setzt, soll aber 2021 erneut aufgenommen werden.
4. Finanzierung
DigiShop wurde im Rahmen des Entwicklungsprogramms für den ländlichen Raum
des Landes Sachsen-Anhalt 2014 - 2020 gemäß der Maßnahme „Unterstützung für die
lokale Entwicklung LEADER“ aus Mitteln des Europäischen Landwirtschaftsfonds zur
Entwicklung des ländlichen Raumes und des Landes Sachsen-Anhalt gefördert.
Abbildung 1: Layout des DigiShop-Konzepts (Cliparts gemeinfrei / publicdomainvectors.com).
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5. Literaturverzeichnis
[1] Kuhlicke, C.; Petschow, U.; Zorn, H.: „Versorgung mit Waren des täglichen Bedarfs im
ländlichen Raum“, Institut für ökologische Wirtschaftsförderung, Berlin (2005).
[2] Küpper, P.; Tautz, A.: „Sicherung der Nahversorgung in ländlichen Regionen Europas –
Strategien ausgewählter Länder im Vergleich“, in: Europa Regional 21 (3), S. 138-155
(2013).
[3] Warburg, F.: „Konsequenzen des zweiten demografischen Wandels für den ländlichen
Raum: Alternative Konzepte zur Nahversorgung aufgezeigt an der Region Nordhessen“, in:
Geographica Helvetica 66 (2011/2), S. 132-139 (2011).
[4] Quiring, L.: „Machbarkeitsstudie zu einem Dorfladen im Ortsteil Welchensteinach der Ge-
meinde Steinach im Kinzigtal“, Bachelorarbeit, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, Frei-
burg (2014).
[5] Neumeier, S.: „Modellierung der Erreichbarkeit von Supermärkten und Discountern – Un-
tersuchung zum regionalen Versorgungsgrad mit Dienstleistungen der Grundversorgung“,
Von Thünen-Institut für ländliche Räume, Braunschweig (2014).
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Full-text available
In Europa verschwinden seit Jahrzehnten kleine Läden aus ländlichen Räumen, so dass gerade Personen ohne Auto immer größere Schwierigkeiten haben, sich zu versorgen. Der Beitrag vergleicht die verschiedenen Strategien zur Sicherung der Nahversorgung in sechs ausgewählten Ländern mit den Ansätzen in Deutschland. Die Strategien werden in die bestehenden Problemlagen und Marktbedingungen eingebettet, um systematische Vergleiche zu ermöglichen und die Übertragbarkeit der Ansätze diskutieren zu können. Zu diesem Zweck werden sekundäre Daten zu Kontextfaktoren ausgewertet sowie eine Literatur- und Internetrecherche zu den Strategien privater Initiativen, der Raumplanung, der Förderpolitik und der Bürgergesellschaft durchgeführt. Die Ergebnisse machen deutlich, dass sich die Versorgungsprobleme, Wettbewerbsintensitäten, das Verständnis von Nahversorgung als Teil der Daseinsvorsorge, das Potenzial bürgerschaftlichen Engagements und die verfolgten Strategien erheblich unterschieden. Die jeweilige Konstellation ist in allen Ländern verschieden. Insgesamt konnten die Aktivitäten in keinem der untersuchten Länder trotz teils erheblichen Aufwands die Ausdünnung der Nahversorgung stoppen oder gar umkehren. Teilweise entwickeln zwar Handelsunternehmen Dorfladenformate, die aber deutlich höhere Preise für die Verbraucher voraussetzen, so dass dieser Ansatz insbesondere für einkommensstarke Räume mit wenig Konkurrenz geeignet ist. Raumplanerische Regulierungen können das Verschwinden des traditionellen, inhabergeführten Einzelhandels verzögern. Die Übertragung strenger Regeln auf Länder wie Deutschland, in denen dieser Prozess bereits weit fortgeschritten ist, erscheint aber wenig sinnvoll. Deutschland, das unter anderem stark auf die finanzielle Förderung von Nahversorgungseinrichtungen setzt, kann hierbei von den internationalen Erfahrungen lernen. So sollten in erster Linie Investitionen in bestehende Einrichtungen gefördert werden und dabei klare Kriterien, die Bedarf und wirtschaftliches Potenzial erkennen lassen, zu Grunde gelegt werden. In rural Europe, small shops have closed down for decades and persons without a car available have increasing problems to supply themselves. The paper compares different strategies to maintain local supply in six selected countries with approaches in Germany. In order to compare systematically and to discuss the transferability of the approaches, we also investigate problem constellations and market conditions. Secondary data are thus analysed to shed light on contextual factors. We identified strategies of private initiatives, spatial planning, funding policy as well as communities by literature review and internet research. Our results highlight the differences regarding provision deficits, the intension of competition, the view of local supply as a service of general interest, the potential for community services, and the strategies pursued. The respective constellation differs among all countries. However, the strategies in neither of the researched countries were able to stop or even reverse the thinning-out process in spite of substantial effort. Some retail companies have developed a concept for village shops, but this entails higher prices for the consumers and is rather feasible for economically viable regions where the competition among shops is low. Planning regulation might postpone the disappearing of traditional independent stores. Transferring these regulations to countries like Germany, where this structural change is already far advanced, seems inappropriate. The German approach focuses on financial support among others and could be improved with the experiences researched in other countries. For example, investments in existing shops should be subsidized using clear criteria which indicate social demand and economic potential
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Second demographic transition and its impacts on rural areas. Alternative approaches for local supply using the case study of northern Hesse, Germany Both the changes in number and structure of the population and the consolidation of the food retail market have an effect on rural areas. Especially in these regions, securing local supply is a critical issue. This article investigates local supply realities in northern Hesse to illustrate the general supply situation in rural areas in western Germany. The statements of regional and local players from the fields of spatial planning, promotion, politics and citizens’ involvement as well as local suppliers are the basis for discussion about alternative strategies for the provision of local supply. The main question followed in this paper is whether the suggested strategies can contribute significantly to the long term supply of daily products. Keywords: second demographic transition, rural areas, citizens’ involvement, local supply
Machbarkeitsstudie zu einem Dorfladen im Ortsteil Welchensteinach der Gemeinde Steinach im Kinzigtal
  • L Quiring
Quiring, L.: "Machbarkeitsstudie zu einem Dorfladen im Ortsteil Welchensteinach der Gemeinde Steinach im Kinzigtal", Bachelorarbeit, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, Freiburg (2014).
Modellierung der Erreichbarkeit von Supermärkten und Discountern -Untersuchung zum regionalen Versorgungsgrad mit Dienstleistungen der Grundversorgung
  • S Neumeier
Neumeier, S.: "Modellierung der Erreichbarkeit von Supermärkten und Discountern -Untersuchung zum regionalen Versorgungsgrad mit Dienstleistungen der Grundversorgung", Von Thünen-Institut für ländliche Räume, Braunschweig (2014).