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Erklärungen für Lautwandelprozesse in der historischen Sprachwissenschaft (am Beispiel des Slavischen)

Authors:
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© Irenäus Kulik. 2019. Preprint. Erscheint in Linguistische Beiträge zur Slavistik. XXVII. JungslavistInnen-Treffen
in Heidelberg, 12.14. September 2018. Specimina Philologiae Slavicae.
Erklärungen für Lautwandelprozesse in der historischen
Sprachwissenschaft (am Beispiel des Slavischen)
Irenäus Kulik
Abstract
Historical linguistics aims at describing and explaining diachronic developments. Well-established
approaches to historical linguistics, such as the neo-grammarian paradigm, structuralism,
generative grammar, and economy in language, account for language change in very different
terms. When seeking for explanations of sound change, however, it turns out that the
aforementioned approaches struggle with plausibility, causality, or empirical coverage. The
present paper argues in favour of Ohala’s (1981) model of sound change, which is phonetically
grounded and focuses on the listener as the main locus of change. The approach will be
exemplified by a treatment of the Old Polish nasal vowel merger and the palatalization of velars in
Slavic.
1. Einleitung
Die historische Sprachwissenschaft hat nicht nur den Anspruch, sprachgeschichtliche
Entwicklungen zu beschreiben, sondern auch sie zu erklären. Daher müssen Lautwandel unter
Bezugnahme auf das von Weinreich et al. (1968) formulierte actuation problem (‚Problem
des Auslösers‘) im Sinne einer Ursache-Wirkungs-Relation analysiert werden. In den
vergangenen Jahren rückten phonetische, insbesondere akustische Ansätze bei der Suche nach
erklärenden Modellen des Lautwandels zunehmend in den Vordergrund. Akustische
Parameter sind messbare Größen und können empirisch validiert werden.
Im vorliegenden Artikel wird der Standpunkt vertreten, dass der phonetische,
insbesondere akustische Zugang zu Fragen des Lautwandels Vorteile gegenüber anderen
Ansätzen bietet. Abschnitt 2 gibt einen Überblick über einige der bedeutendsten Paradigmen
der Sprachwandelforschung: die Junggrammatische Schule (2.1), den Strukturalismus (2.2),
die Generative Grammatik (2.3) sowie den sprachökonomischen Erklärungsansatz (2.4). Von
Abschnitt 2.5. ausgehend, der die Probleme dieser Ansätze zusammenfasst, leitet Abschnitt 3
zu phonetisch motivierten Begründungen über. In Abschnitt 3.1. wird dafür argumentiert,
dass Parameter der artikulatorischen Phonetik unzureichend sind, um Lautwandelphänomene
adäquat zu erklären. Daher werden in Abschnitt 3.2. die Perspektive der akustischen Phonetik
eingenommen und der Hörer als Ausgangspunkt von Lautwandel identifiziert. Dieser Ansatz
Ich danke dem Plenum des 27. JungslavistInnen-Treffens in Heidelberg, insbesondere Martin Henzelmann,
Alexander Böhnisch, Nicolas Jansens und Katrin Schlund für Ihre Fragen und Anregungen, die zur
Verbesserung dieses Artikels beigetragen haben. mtliche Fehler und Unzulänglichkeiten sind
selbstverständlich mein eigenes Verschulden.
© Irenäus Kulik. 2019. Preprint. Erscheint in Linguistische Beiträge zur Slavistik. XXVII. JungslavistInnen-Treffen
in Heidelberg, 12.14. September 2018. Specimina Philologiae Slavicae.
wird an zwei Fallbeispielen veranschaulicht: der Verschmelzung der Nasalvokale im
Altpolnischen (3.3) und der Palatalisierung der Velaren im Slavischen (3.4).
2. Bisherige Ansätze
2.1. Junggrammatiker
Die Junggrammatiker führten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts das Axiom von der
Ausnahmslosigkeit der Lautgesetze in die Sprachwissenschaft ein. Anders als ihnen von
einigen zeitgenössischen Kritikern vorgeworfen wurde, wurden Lautgesetze nicht als
Naturgesetze verstanden, sondern regelhafte Beziehungen zwischen Lauterscheinungen
angenommen (Delbrück 1902: 305 f.). So entspricht Lateinisch p in pater ‚Vater‘, piscis
‚Fisch‘ regelhaft Althochdeutsch f in fater ‚Vater‘ bzw. fisc ‚Fisch‘. Die Junggrammatiker
gingen davon aus, dass Lautgesetze phonetisch motiviert seien, wobei sie lautphysiologische,
d.h. artikulatorische Ursachen annahmen (Leskien 1963 [1876], Paul 1909). Trotz ihrer
Regelhaftigkeit auf phonetisch-phonologischer Ebene können Lautgesetze zu
morphonologischen Unregelmäßigkeiten führen. Bedingt durch den diachronen Wandel ą
̆ > ę,
ą
̄ > ǫ zeigen die polnischen Beispiele in (1) Stammalternation im Vokalismus bei der Flexion,
was bei den tschechischen Kognaten nicht der Fall ist.
(1)
Pol.
Tsch.
Dt.
mąż
muž
‚Mann.NOM
męża
muže
‚Mann.AKK/GEN
wziął
vzal
‚nahm.3.SG.M
wzięła
vzala
‚nahm.3.SG.F
Im Gegensatz zu Lautgesetzen sind analogische Wandel nicht regelhaft, führen allerdings
durch die Angleichung von Wortformen zu größerer morphonologischer Regelmäßigkeit.
1
Aufgrund der lautgesetzlichen Wirkung der 2. Palatalisierung der Velare alterniert der Plosiv
[k] mit der Affrikate [t
͡s] in der Deklination zwischen Nom.Sg und Dat./Lok.Sg. ‚Hand‘:
Bosnisch-Kroatisch-Serbisch ruka ruci, Polnisch ręka ręce, Tschechisch ruka ruce,
1
Anders als in der historischen Sprachwissenschaft üblich, unterscheide ich nicht zwischen proportionaler
Analogie und analogischem Ausgleich. Reiss‘ (2003) Analyse des Altisländischen zeigt, dass diese
Unterscheidung entbehrlich ist.
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Ukrainisch рука руці, Weißrussisch рука руцэ. Im Russischen wurde diese Alternation
zugunsten von [k] abgebaut, wodurch das Flexionsparadigma einheitlicher wird, die Wirkung
des Lautgesetzes jedoch nicht mehr nachvollziehbar ist: рука руке.
Neben der Überdeckung durch Analogien scheint insbesondere lexikalische Diffusion
das junggrammatische Konzept des Lautgesetzes infrage zu stellen.
2
Bei der lexikalischen
Diffusion wirkt ein Wandel nicht auf alle relevanten Laute, sondern breitet sich lexikalisch
graduell aus. Ein häufig zitiertes Beispiel ist der Wandel [u] > [ʊ] des mit <oo> kodierten
Vokals im Englischen: boot [but] ‚Stiefel‘, root [ɹut] oder [ɹʊt] ‚Wurzel‘, foot [fʊt] ‚Fuß‘
(Phillips 1984: 320). Ebenfalls gut untersucht ist die o-Hebung im Polnischen in (3), bei der o
[ɔ] in wortauslautender Silbe vor nichtnasalem, stimmhaftem Konsonanten zu ó [u] wird. Die
Beispiele in (4ab) sind regelkonform: In (4a) findet die Hebung vor unterliegend
stimmhaftem Konsonanten statt und in (4b) wird Hebung durch die unterliegend stimmlosen
Konsonanten bzw. durch den Nasal blockiert. Die Daten in (4cd) widersprechen (3): In (4c)
wurde der Vokal trotz des stimmlosen Konsonanten gehoben und die Beispiele in (4d) zeigen
[ɔ], obwohl der Kontext für Hebung vorliegt. Darüber hinaus zeigen moda, mód vs. gola, gol,
dass sich Lehnwörter ebenfalls hinsichtlich o-Hebung unterschiedlich verhalten, wie Buckley
(2001: 5) bemerkt.
(3) ɔ → u __C+sth
nasal] #
(4)
a.
broda
‚Bart‘ (NOM.SG ~ GEN.PL)
krowa
‚Kuh‘ (NOM.SG ~ GEN.PL)
moja
‚mein‘ (NOM.SG.F ~ NOM.SG.M)
dwory
‚Hof‘ (NOM.PL ~ NOM.SG)
pole
‚Feld‘ (NOM.SG ~ GEN.PL)
stoły*
‚Stirn‘ (NOM.PL ~ NOM.SG)
moda
‚Mode‘ (NOM.SG ~ GEN.PL)
b.
kota
‚Katze‘ (AKK/GEN.SG ~ NOM.SG)
nosy*
‚Nase‘ (NOM.PL ~ NOM.SG)
domy
Haus (NOM.PL ~ NOM.SG)
c.
stopa
‚Fuß‘ (NOM.SG ~ GEN.PL)
2
Zusammenfassende Darstellungen der Kritik an den Junggrammatikern sind u. a. bei Labov (1981) und
Kiparsky (2015) zu finden.
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rosnę
‚wachsen‘ (1.SG.PRÄS ~ INF [veraltet])
d.
batogi
‚Lederpeitsche‘ (NOM.PL ~ NOM.SG)
kaczory
‚Erpel‘ (NOM.PL ~ NOM.SG)
gole
‚Tor‘ (NOM.PL ~ NOM.SG)
(Daten aus Buckley (2001), mit * markierte Beispiele von mir ergänzt.)
2.2. Strukturalismus
Im sprachwissenschaftlichen Strukturalismus wird Sprache als System aufgefasst, dessen
Elemente in funktionaler Relation zueinander stehen. Intrinsische Faktoren des Sprachsystems
spielen bei der Untersuchung synchroner und diachroner Prozesse deshalb eine herausragende
Rolle. Jakobson (1931) zufolge stellt Sprachwandel das strukturelle Gleichgewicht eines
zuvor in Ungleichgewicht geratenen (Teil-)Systems wieder her.
3
Dementsprechend begreift
Jakobson (1962) Sprachwandel als teleologisch, also zielgebunden. Des Weiteren ist das
Konzept der Markiertheit, das in der Phonologie entwickelt wurde, um Phoneme anhand
binärer, distinktiver Merkmale eindeutig zu beschreiben, auch für die Diachronie bedeutsam.
Das markierte Merkmal eines Kontrastpaars wird immer zugunsten des unmarkierten
abgebaut. Dieses „Streben nach Unmarkiertheit“ ist ebenfalls teleologisch.
Folglich ist das Gesetz der offenen Silbe im Sinne des Strukturalismus als
zweckgebundenes Konglomerat von Lautwandeln aufzufassen, die zur konsequenten
Etablierung der unmarkierten CV-Silbenstruktur führen.
4
Durch die Vereinfachung von
Konsonantengruppen, den Schwund auslautender Konsonanten, die Entstehung von
Nasalvokalen, die Monophthongierung ursprünglicher Diphthonge, die Verschiebung von
Silbengrenzen, die Prothese anlautender Halbvokale und die Liquidmetathese (bzw. den
Volllaut im Ostslavischen) wird die ursprünglich komplexere Silbenstruktur des
Indogermanischen beseitigt (vgl. Trunte 2005: 208211, Hock 2012: 24). Die
altkirchenslavischen Beispiele und vorurslavischen Rekonstrukte in (5) verdeutlichen den
strukturellen Wandel zu einer CV-Sprache.
3
Diese Sichtweise kann sehr gut anhand der Analysen von Mareš (1999) nachvollzogen werden.
4
Im Englischen wurde für ein solches Konglomerat der Terminus conspiracy ‚Verschwörung‘ geprägt, weil –
metaphorisch gesprochen die einzelnen Wandel scheinbar zusammenarbeiten, um ein gemeinsames Ziel zu
erreichen (vgl. Kisseberth 1970: passim, Kager 1999: 55 f.).
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(5)
aks. сынъ
< *sūnŭs
sūnús (Sanskrit)
‚Sohn‘
(Schenker 1993: 67 f.)
aks. ношть
< *nŏktĭs
nox, noctis (Latein)
‚Nacht‘
aks. млѣко
< *melkă
milk (Englisch)
‚Milch‘
(Trunte 2005: 210 f.)
aks. зѫбъ
< *zămbŭ
žam
̃bas (Litauisch)
‚Zahn‘
2.3. Generative Grammatik
Die Mitte des 20. Jahrhunderts aufkommende Generative Grammatik betrachtet
Sprachwandel als Relation zweier zeitlich sequentieller Grammatiken (King 1990: 251).
Sprachwandel ist somit letztlich immer grammatischer Natur und wird im kindlichen
Erstspracherwerb verortet. In Ansätzen der regelbasierten Phonologie wird Wandel durch
Hinzufügung, Verlust oder Umstellung von Regeln in der kindlichen Grammatik modelliert
(King 1969). Der synchron feststellbare Unterschied zwischen Russisch хлеб [xlʲɛp] mit
Auslautentstimmlichung
5
und Serbisch хлеб [xlɛb] ohne Entstimmlichung kann durch die
Hinzufügung der phonologischen Regel (6) in den optionalen Regelblock ans Ende der
Grammatik diachron für das Russische hergeleitet werden. Im Zuge der russischen
Sprachgeschichte bewegt sich die Regel schrittweise in den obligatorischen Teil der
Kerngrammatik.
(6) +obstruentstimmhaft  __]σ
Da Wandel auf der Ebene der Grammatik stattfindet, weisen Chomsky und Halle (1968: 251)
darauf hin, dass unterliegende lexikalische Repräsentationen sich „über viele Generationen“
(orig. „over many generations [sic]“) nicht veränderten, wie sie am Great Vowel Shift des
Englischen demonstrieren. Dies ist auch an Rubachs (1985) Analyse der e-Ø-Alternation im
Polnischen in Abb. 1 zu sehen. Rubach setzt für die an der Alternation beteiligten Lexeme
und morphologischen Formantien zwei unterliegende Jer-Vokale (ĭ, ɨ
̆) an. Die Jers werden im
zyklischen Regelblock, der die Domäne des morphologischen Strukturaufbaus darstellt, durch
die Regel Lower zu vollen Vokalen, wenn ihnen ein Jer folgt. Im postzyklischen Regelblock
werden übriggebliebene Jers durch die Regel Yer Deletion getilgt. In der vorliegenden Form
dupliziert die synchrone phonologische Grammatik sprachhistorische Entwicklungen.
5
Ich vermeide den im deutschsprachigen Raum geläufigen Begriff Auslautverhärtung, da er im Kontext des
Slavischen missverständlich ist und impliziert, dass weiche Konsonanten im Auslaut hart würden. Ich danke
Hermann Fegert (Göttingen) für den Hinweis auf dieses terminologische Problem.
© Irenäus Kulik. 2019. Preprint. Erscheint in Linguistische Beiträge zur Slavistik. XXVII. JungslavistInnen-Treffen
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Abb. 1. Polnische e-Ø-Alternation nach Rubach (1985).
Zyklus 1
/pudɨ̆ł/
Zyklus 2
pudɨ̆ł + ɨ̆k
pudeł + ɨ̆k
Wortbildung: Diminution
Regel: Lower
Zyklus 3
pudeł + ɨ̆k + k
pudeł + ɨ̆č + k
pudeł + eč + k
Wortbildung: Diminution
Regel: 1. Palatalisierung
Regel: Lower
Zyklus 4
pudeł + eč + k + o
Wortbildung: Nom.Sg.
Regel: Lower
postzyklisch
pudeł + eč + k + o
Regel: Jer-Deletion
Output
pudeł + eč + k + o
pudełeczko
‚Kästchen‘
Eine Erweiterung der regelbasierten Ansätze stellt die autosegmentale Phonologie (Goldsmith
1976) dar, in der Phoneme nicht als Merkmalsbündel, sondern als netzwerkartig strukturierte
Merkmalshierarchien aufgefasst werden.
6
Wandelphänomene wie Assimilationen können
über Merkmalsausbreitung modelliert werden. Das betroffene Phonem wird von einem
Merkmal getrennt und mit dem entsprechenden Merkmal eines anderen Phonems neu
verknüpft (Kiparsky 2003: 319). So kann die u. a. in Varietäten des Polnischen auftretende
regressive Stimmtonassimilation in der Konsonantengruppe mittels Merkmalsausbreitung wie
in (7) modelliert werden: jak [jak] ‚wie‘ vs. jakże [jagʐɛ] ‚wie.emphat‘ (Bsp. aus Molas und
Birnbaum 2012: 148).
7
6
Weitere Eigenschaften der Theorie können aus Platzgründen nicht erörtert werden.
7
Entgegen der üblichen Klassifikation von <sz>, <ż> als alveolaren Frikative, (IPA [ʃ], [ʒ], in slavistischer
Tradition [š], [ž]; vgl. Jassem (2003), Birnbaum und Molas (2012), Rothstein (1993)), folge ich Żygis (2003)
und Hamann (2004) in der Darstellung der Sibilanten als Retroflexe [ʂ], [ʐ].
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[−sth]
[+sth]
[−sth]
[+sth]
(7)
k
ʐ
g
ʐ
In den 1990er Jahren kommt mit der Optimalitätstheorie (OT; Prince und Smolensky 2004)
eine nichtderivative Theorie auf, die die Grammatikalität sprachlicher Strukturen vermittels
eines Filtersystems hierarchisch geordneter, verletzbarer Wohlgeformtheitsbeschränkungen
(engl. constraints) prüft. In der OT wird Sprachwandel als Neuordnung (engl. re-ranking) von
Beschränkungen modelliert (McMahon 2000: 91 f., Gess 2003: 68). Das Auftreten der
Auslautentstimmlichung im Russischen (Tab. 2) im Unterschied zum Serbischen (Tab. 1)
wird durch die Bewegung der Beschränkung *VOICED-CODA über IDENT-IO(VOICE) diachron
hergeleitet.
8
Tab. 1. Serbisch.
9
/xlɛб/
IDENT-IO(VOICE)
»
*VOICED-CODA
хле[b]
*
хле[p]
*!
Tab. 2. Russisch.
/xlʲɛб/
*VOICED-CODA
»
IDENT-IO(VOICE)
хле[b]
*!
хле[p]
*
2.4. Ökonomie
Sprachökonomische Argumente verweisen auf die „Tendenz [des Menschen,] seine geistige
und körperliche Tätigkeit auf ein Minimum zu beschränken“ (Martinet 1963: 164 [zitiert nach
8
IDENT-IO(VOICE) verlangt, dass Input- und Output-Segmente hinsichtlich des Merkmals Stimmhaftigkeit
identisch spezifiziert sind. *VOICED-CODA formuliert ein Verbot auf stimmhafte Obstruenten in Silbenkodas
(Constraints aus Kager 1999: 14).
9
In der Notationskonvention der OT markiert der Asterisk (*) die Verletzung einer Beschränkung und das
Ausrufezeichen (!) markiert die erste kritische Verletzung, aufgrund derer ein Kandidat durchfällt. Die
zeigende Hand () weist den optimalen Kandidaten, d.h. den grammatischen Output aus. Grau unterlegte
Zellen zeigen an, dass die Verletzung dieser Beschränkungen für die Evaluation irrelevant ist.
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Wolff 2009: 29]). Ökonomische Argumente implizieren reduzierende und progressive
Wandel, da der Energieumsatz mit zunehmender Zeit bzw. Länge der Zeichenkette steigt
(Ohala 1993: 260, 2003: 680). Entwicklungen wie die Reduzierung der wortfinalen Silben im
Germanischen oder die 3. Palatalisierung der Velare im Slavischen (vgl. Altkirchenslavisch
кънѧѕь < Altgermanisch *kuningaz) passen gut zu ökonomischen Erwägungen.
Dementgegen bemerken Ohala (1990, 1993) und Gess (2003), dass die Mehrheit der
belegten bzw. rekonstruierten Lautwandel regressiv sei. Dies trifft etwa für die 1. und 2.
Palatalisierung der Velare im Slavischen, die Palatalisierung der Velare im Romanischen oder
den i-Umlaut im Deutschen zu, denn dort gehen die sich wandelnden Laute der Bedingung
jeweils voraus.
Überdies scheint Ökonomie ambivalent zu sein: Einerseits führt der Jer-Schwund im
Slavischen zum Abbau von Silbenstruktur und gemeinhin zu einer Reduzierung der
Silbenzahl. Andererseits entstehen phonotaktisch komplexere Strukturen in Form von
Konsonantengruppen, vgl. Altkirchenslavisch мъногъ vs. Tschechisch mnoho, Russisch
много, Slovenisch mnogo ‚viel‘.
2.5. Zwischenfazit
Die oben genannten Ansätze stehen vor verschiedenen Problemen hinsichtlich der Erklärung
diachroner Lautentwicklungen.
Der junggrammatische Ansatz wurde für das Konzept der ausnahmslosen Lautgesetze
kritisiert, das von Analogien und lexikalischer Diffusion unterhöhlt wird. Nichtsdestotrotz
sind die Junggrammatiker aufgrund der Einbeziehung phonetischer Argumente sowie einer
konsequenten Methode bis heute wissenschaftlich attraktiv. Wie ich jedoch in Abschnitt 3.1.
erörtern werde, kann der artikulatorische Blickwinkel, auf den sich die Junggrammatiker
maßgeblich stützten, nicht alle Lautwandel erklären.
Ein zentrales Problem des Strukturalismus, das von verschiedener Seite benannt
wurde, ist der Rückgriff auf Teleologie als Prinzip des Sprachwandels.
10
So muss etwa die
Zweckmäßigkeit des Gesetzes der offenen Silbe infrage gestellt werden: Obwohl bei der
Entwicklung vom Indogermanischen zum Slavischen das CV-Muster als Silbenstruktur
etabliert wird, kommen im weiteren Verlauf der slavischen Sprachentwicklung geschlossene
10
Vgl. Luraghi (2010: 364366) für einen Überblick.
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Silben durch den Jer-Schwund wieder auf. Dadurch erhält entgegen strukturalistischer
Prinzipien eine markierte Struktur erneut Einzug ins Sprachsystem.
Im Rahmen der Generativen Grammatik entstand eine Vielzahl unterschiedlicher
Ansätze, die diachrone Entwicklungen lediglich mit den formalen Mitteln der jeweiligen
Theorie paraphrasieren. Regeln, Merkmalsausbreitung und Constraint-Rerankings fassen
bekannte Fakten in neuer Darstellungsweise zusammen. Damit bewegen sie sich auf der
Ebene der Beschreibung und es bleibt ungeklärt, welche Faktoren die Einführung neuer
Regeln, die Ausbreitung von Merkmalen oder die Neuordnung von Constraints eigentlich
motivieren.
Sprachökonomische Argumente sind nur bedingt plausibel. Eine grundsätzliche
Schwierigkeit besteht darin, sprachökonomische „Sparsamkeit“ zu bemessen. Wie kann etwa
im Falle des Jer-Schwunds die Reduktion der Silbenzahl mit der zunehmenden Komplexität
der Konsonantengruppen verrechnet werden? Ökonomie ist zudem schwer mit der
Regressivität lautlicher Prozesse in Einklang zu bringen. Ferner stellen Dissimilationen ein
ernstzunehmendes empirisches Problem dar, da sie, anders als Assimilationen, phonologische
Kontraste vergrößern, anstatt sie zu verringern.
Um sich einer Erklärung lautlichen Wandels zu nähern, müssen dessen Ursachen bzw.
Ausgangsbedingungen in der Phonetik der betroffenen Laute und ihrer Umgebungen gesucht
werden. Erst dadurch lassen sich, wie von Weinreich et al. (1968) unter Verweis auf das
actuation problem gefordert, die Auslöser des diachronen Prozesses ermitteln, wie im
Folgenden dargelegt wird.
3. Phonetische Begründungen
3.1. Artikulatorische Erklärungen
Mit Phonetik wird in erster Linie die artikulatorische Phonetik assoziiert, also die Lautbildung
im Vokaltrakt. Die von einem Wandel betroffenen Laute werden über ihre artikulatorischen
Parameter in Beziehung gesetzt.
11
Ausgangspunkt für Wandelphänomene ist damit der
Sprecher. Die 2. Palatalisierung führt u. a. zu der heutigen Alternation von Pol. noga
‚Bein.NOM und nodze ‚Bein.DAT/LOK‘, wobei sich die alternierenden Konsonanten
11
Dies ist i. Ü. auch die Vorgehensweise der merkmalsbasierten Phonologie, die primär (wenngleich nicht
ausschließlich) mit artikulatorisch motivierten Merkmalen arbeitet (vgl. Ohalas (1993: 251 f.) kritische
Anmerkung zum Begriff des „Merkmals“).
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artikulatorisch nicht in Einklang bringen lassen. Die beteiligten Laute unterscheiden sich
hinsichtlich Artikulationsart, Artikulationsort und aktivem Artikulator (d.h. des beteiligten
Zungensegments), vgl. die minimalen Merkmalsbeschreibungen in (8).
(8)
[g] =
Obstruent
Plosiv
dorsal
velar
+sth
[d
͡z] =
Obstruent
Affrikate
koronal
alveolar
+sth
Ähnlich argumentiert Ohala (1981: 178, 1989: 182) mit Bezug auf die beobachtete
Substitution des englischen th-Lauts [θ] durch [f], wobei with als [wɪf] und through als [fɹu]
realisiert werden.
12
Die beiden Frikative unterscheiden sich in Bezug auf den aktiven
Artikulator (Zunge vs. Lippe) signifikant voneinander (9), sodass eine Erklärung für den
Wandel außerhalb der artikulatorischen Domäne zu suchen ist. Interessanterweise ähneln sich
[θ] und [f] akustisch stärker als artikulatorisch, sodass es naheliegt, akustische (und auditive)
Parameter zur Erhellung zu betrachten.
(9)
[θ] =
Obstruent
Frikativ
koronal
dental
sth
[f] = Obstruent
Frikativ
labiodental
sth
3.2. Akustische Erklärungen: Der Hörer als Ausgangspunkt von
Lautwandel
Ohalas (1981, 1993 u. a.) Ansatz zur lautlichen Diachronie betont die Rolle des Hörers,
Lautwandel werden als hörerseitige Perzeptionsfehler behandelt. Der Ansatz geht von der
hinlänglich bekannten Beobachtung aus, dass das beim Hörer ankommende Sprachsignal
reich an Variation und Störanteilen (sog. Rauschen) ist. Ein aus der russischen
Sprachwissenschaft stammendes und in der Slavistik gut bekanntes Beispiel dafür ist das
Phänomen der Akkommodation, also der phonetischen Variation betonter Vokale in
Abhängigkeit von der (Nicht-)Palatalität der konsonantischen Umgebung (vgl. Berger 2012:
12
In der anglistischen Sprachwissenschaft wurde für diese Substitution der Begriff th-fronting geprägt (vgl.
Schleef und Ramsammy 2013, mit weiteren Verweisen).
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55, Timberlake 2002: 831 f., Yanushevskaya und Bunčić 2015: 224 f.). Im Regelfall kommen
Hörer mit der Variation zurecht und verstehen die Äußerung dank eines als Korrektur
bezeichneten Prozesses: Aufgrund ihrer sprachlichen Kompetenz sind Hörer imstande, die
Wirkung von Störanteilen „umzukehren“ und das Signal zu normalisieren. Lautwandel
entstehen bei der hypo- bzw. hyperkorrektiven Verarbeitung des Sprachsignals, wie in Abb. 2.
schematisch dargestellt wird.
Abb. 2. Schematische Darstellung von Hypo- (links) und Hyperkorrektur (rechts).
Sprecher
/a/
/b/
/c/
[a]
[a']
[b]
[c]
/a/
/a'/
/b/
Hörer
Bei der Hypokorrektur liegen synchron zwei Realisierungen [a] und [a'] einer ursprünglichen
Kategorie /a/ vor. Der Korrekturprozess findet nicht oder nur unzureichend statt, wodurch der
Zusammenhang zwischen [a] und [a'] verloren geht. Folglich wird die Variation entgegen der
Sprecherintention als phonologisch bzw. lexikalisch relevant interpretiert, sodass hörerseitig
neben Kategorie /a/ auch Kategorie /a'/ besteht. Im Fall der Hyperkorrektur liegen die
Kategorien /b/ und /c/ mit ihren jeweiligen Realisierungen [b] bzw. [c] vor. Die eigentlich
distinkten Signalbestandteile von [b] und [c] werden irrtümlich als kontextuelle Varianten
interpretiert und von der Korrektur erfasst, sodass sie auf eine einzige Kategorie /b/ unter
Verlust von /c/ abgebildet werden.
13
Wandel vollzieht sich ausschließlich aufseiten des Hörers, der die fehlerhaft
wahrgenommenen Laute in ihrer abweichenden Form zunächst internalisiert und anschließend
reproduziert. Aufseiten des Sprechers findet kein Wandel statt, weder ändert sich dessen
Aussprachenorm noch dessen muttersprachliche Grammatik. Es ist zu betonen, dass das
13
Beispiele für Hypokorrekturen sind Assimilationen, wie den Palatalisierungen der Velare, und
Lautverwechslungen, wie th-Fronting. Beispiele für Hyperkorrekturen sind Dissimilationen und Metathesen.
Für letztere legen Blevins und Garrett (1998) eine akustisch-phonetische Analyse vor.
Korrektur
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vorliegende Lautwandelmodell lediglich die Faktoren analysiert, die Wandel anstoßen. Es
trifft keine Aussagen darüber, wie sich ein Wandel in einer Sprechergemeinschaft ausbreitet
und durchsetzt.
14
3.3. Fallbeispiel 1: Nasalvokalzusammenfall im Altpolnischen
Während der altpolnischen Periode geht die qualitative Opposition der Nasalvokale (bei
gleichzeitiger Beibehaltung der quantitativen Distinktion) verloren: ę
̆ > ą
̆, ę
̄ > ą
̄, ǫ
̆ > ą
̆, > ą
̄.
Diese Entwicklung hat lautwandeltypologische Parallelen. Beddor et al. (1986) und Wright
(1986) berichten, dass Nasalvokale zur Zentralisierung neigen. Nasalvokale der oberen und
mittleren Reihe werden gesenkt bzw. geöffnet,
15
wohingegen Nasalvokale der unteren Reihe
gehoben bzw. geschlossen werden.
Abb. 3. Schematisierte F1-Werte der Kardinalvokale [i], [e], [ɛ], [a], [ɔ], [o], [u] in Hz.
Artikulatorisch wird bei Nasalierung der Nasenraum durch Senkung des Velums mit dem
Vokaltrakt gekoppelt. Dabei erhöht sich die Frequenz des ersten Formanten (F1, verschoben
zu F1'). Wie Abb. 3. veranschaulicht, korreliert F1 mit dem vokalischen Öffnungsgrad. Die
Verschiebung von F1 zu F1' mag ein Argument zur Klärung der Zentralisierung oberer und
mittlerer Vokale sein, nicht jedoch der unteren Reihe. Folglich muss ein weiterer Parameter
eine entscheidende Rolle spielen. Beddor et al. (1986) zufolge entstehen bei nasaler
Artikulation zusätzliche Frequenzen in Form eines Nasalformanten (FN) im Bereich 200400
Hz. Der Frequenzbereich von FN liegt oberhalb desjenigen von F1' hoher und mittlerer
14
Dabei handelt es sich um eine soziolinguistische Frage, ein entsprechender Ansatz wird von Labov (2001)
erarbeitet.
15
Vgl. Französisch finir [finiʁ] ‚beenden‘ vs. fin [fɛ̃] ‚Ende‘, bryne [bʁyn] ‚braun.Fvs. brun [brœ̃] ‚braun.M
(Ohala 1974: 360), ebenso Latein sunt ‚(sie) sind‘ > Französisch sont [sɔ̃] ‚(sie) sind‘.
0
500
1000
[i] [e] [ɛ] [a] [ɔ] [o] [u]
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Vokale, jedoch unterhalb von F1' tiefer Vokale.
16
Folglich entsteht der perzeptive Eindruck
der Zentralisierung durch den additiven Beitrag von FN zu F1'.
Modus tollens ist die Schlussfolgerung plausibel, dass Denasalierung eine
Dezentralisierung bewirkt. Somit lässt sich tschechisches und russisches u als Reflex für
Urslavisch *ǫ in (10) auf eine phonetische Begründung stützen.
(10)
Altkirchenslavisch
Tschechisch
Russisch
Deutsch
женѫ
ženu
жену
‚Frau.AKK
бѫдѫ
budu
буду
‚(ich) werde‘
Diese Analyse fügt sich gut in Beddors et al. (1986: 210213) Erörterung experimenteller
Daten über den Zusammenhang zwischen der Nasalierung und der qualitativen Interpretation
von Vokalen. Die Analyse lässt zudem Kortlandts (1979) Rekonstruktion von 6 Nasalvokalen
(*N, *äN, *öN, *yN, *aN, *oN) für das Urslavische unnötig erscheinen, die letztlich nur
durch die verschiedenen Reflexe der urslavischen Nasalvokale in den slavischen
Einzelsprachen motiviert ist.
17
3.4. Fallbeispiel 2: Palatalisierungen der Velare im Slavischen
Die Palatalisierungen der Velare haben maßgeblich zum heutigen Erscheinungsbild des
Slavischen beigetragen und sind die Hauptquelle der reichen morphonologischen
Alternationen in der Flexion. Phonetische Untersuchungen zeigen, dass sich die
Verlaufslinien der Formanten velarer und dentaler Konsonanten in palataler Umgebung
ähnlich gestalten. Ebenso ähneln sich die Rauschcharakteristika von Plosiven, deren
Verschluss vor einem Vorderzungenvokal gelöst wird, und Affrikaten/Frikativen (Krämer und
Urek 2016: 5, mit weiteren Verweisen). Sowohl der positionelle als auch qualitative Wandel,
die mit Palatalisierung einhergehen nämlich die Verschiebung des Artikulationsorts nach
vorne und das häufige Entstehen einer Affrikate oder eines Frikativs können also
phonetisch-akustisch erklärt werden.
Eine weitere interessante Eigenschaft des vorliegenden Ansatzes ist seine empirische
Überprüfbarkeit durch Experimente, indem diachrone Prozesse im Labor repliziert werden.
16
Schematisch: FN > F1'[i]; FN < F1'[a].
17
Kortlandt ist hinsichtlich der phonetischen Qualität der Rekonstrukte nicht explizit, vermutlich soll es sich um
[], [æ̃], [œ̃], [ɯ
̃], [ɑ̃] bzw. [ɔ̃] handeln.
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Ein Experiment von Winitz et al. (1972) untersucht die perzeptive Diskriminierung von
Plosiven in unterschiedlicher vokalischer Umgebung. Die Ergebnisse in Tab 3. zeigen, dass
47 % aller Velare in der Silbe [ki] als /t/ wahrgenommen wurden. Die Verwechslungsrate ist
höher als die der korrekt identifizierten Velare (38 %). Die Ergebnisse stehen mit der
Sichtweise im Einklang, dass Lautwandel hörerseitige, phonetisch motivierte Phänomene
sind. Der experimentelle Befund passt zudem zum lautwandeltypologisch häufigen
Vorkommen von Palatalisierungen. Ferner lässt sich der Umstand, dass keine
Lautwandelprozesse belegt sind, die bei gleicher Umgebung in umgekehrter Richtung
verlaufen, ebenfalls aus den experimentellen Daten ableiten. Die Fehlwahrnehmung von [ti]
als /k/ kann mit 9 % als statistisch marginal gelten, während die korrekte Wahrnehmung mit
88 % perzeptiv robust ist.
Tab. 3. Perzeptive Lautverwechslung (Winitz et al. 1972: 1312, Tab. V).
gehört
gesprochen
/p/
/t/
/k/
[pi]
46 %
38 %
17 %
[pa]
83 %
7 %
11 %
[pu]
68 %
10 %
23 %
[ti]
3 %
88 %
9 %
[ta]
15 %
63 %
22 %
[tu]
10 %
80 %
11 %
[ki]
15 %
47 %
38 %
[ka]
11 %
20 %
70 %
[ku]
24 %
18 %
58 %
4. Fazit
Phonetisch fundierte Lautwandelmodelle, die Lautwandel als hörerseitige Perzeptionsfehler
analysieren, verorten die Ursachen für Wandel in den akustischen und auditiven
Eigenschaften der involvierten Laute. Gegenüber herkömmlichen Ansätzen hat ein solches
Modell den Vorteil, ohne Teleologie auszukommen und dabei dennoch über die bloße
Beschreibung diachroner Entwicklungen hinauszugehen. Ferner können auch solche
Lautwandel erklärt werden, die sich nicht artikulatorisch begründen lassen. Die empirische
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Überprüfbarkeit phonetischer Aussagen anhand von Experimenten ist ein weiterer Vorzug des
hier diskutierten Modells.
Der Ansatz wurde anhand zweier Lautwandel exemplifiziert, bei denen es sich jeweils
um Hypokorrekturen handelt. Beim Zusammenfall der Nasalvokale im Altpolnischen handelt
es sich strenggenommen um eine Zentralisierung, die auf die Entstehung eines zusätzlichen
Nasalformanten im Schallspektrum des Vokals zurückzuführen ist. Die Palatalisierungen der
Velare im Slavischen sind mit den spezifischen Formantenverläufen und den Charakteristika
der Verschlusslösung in palataler Umgebung zu begründen, die denen von Dentalen bzw.
Sibilanten akustisch ähneln. Dies ist auch in Hörexperimenten reproduzierbar.
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Thesis
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Article
This study examines the lexical and grammatical diffusion of TH-fronting amongst adolescents in London, where TH-fronting is well established, and Edinburgh, where it is a relatively new phenomenon. Our results reveal that the application of TH-fronting is constrained in Edinburgh in ways that are not relevant for London, and vice versa. Specifically, whereas TH-fronting is sensitive to phonotactic context and prosodic position in Edinburgh, we observe no such effects amongst the London speakers. Morphological complexity, on the other hand, is a significant predictor of TH-fronting in both regions; however, we also find evidence of significant gender differences in the use of fronting in London that do not emerge in our Edinburgh data. We argue that these results attest to the more established nature of TH-fronting in London as compared to Edinburgh. We also address the question of how speech perception influences the emergence and spread of innovative neutralisation phenomena like TH-fronting. The results of this study further highlight the usefulness of a comparative variationist approach to understanding patterns of dialectal variation and change.
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The present study explores the phonetic and phonological grounds on which postalveolar fricatives in Polish can be analysed as retroflex, and considers whether postalveolar fricatives in other Slavic languages are retroflex as well. Velarization and incompatibility with front vowels are introduced as articulatory criteria for retroflexion, based on cross-linguistic data. According to these criteria, Polish and Russian have retroflex fricatives (i.e., /[small s with hook]/ and /[small z with retroflex hook]/), whereas Bulgarian has a laminal palatoalveolar fricative ((/[small Esh]/). In addition, it is illustrated that palatalization of retroflex fricatives in Slavic languages (and in general) causes a phonetic and phonological change to a non-retroflex fricative.
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Paul Kiparsky's paper (1982) ‘From Cyclic to Lexical Phonology’ is the most interesting recent development in the line of research originated by Kiparsky (1973) and Mascaró (1976). The major task in this research is the investigation of the ways in which rules apply to phonological structures. Kiparsky (1973) makes the very pointed observation that some phonological rules apply exclusively in derived environments. An environment is derived if either (i) or (ii) is true: (i) the structure which is relevant to the application of the rule arises at morpheme boundaries: the environment is thus derived morphologically; (ii) the structure which is relevant to the application of the rule arises in the course of phonological derivation due to the application of an earlier phonological rule: the environment is thus derived phonologically.
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By presenting evidence from three different sound changes within the history of English, this paper demonstrates that sound changes do not always affect the most frequent words first; on the contrary, certain changes affect the least frequent words first. A comparison of sound changes exhibiting each direction of diffusion reveals that changes affecting the most frequent words first are motivated by physiological factors, acting on surface phonetic forms; changes affecting the least frequent words first are motivated by other, non-physiological factors, acting on underlying forms. Thus a direct correlation is drawn between the direction of diffusion and the actuation of sound change.