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Clitic Climbing im Tschechischen, Slovenischen und Polnischen: Ein Vergleich

Authors:
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© Irenäus Kulik. 2019. Preprint. Erscheint in Linguistische Beiträge zur Slavistik. XXVI. JungslavistInnen-Treffen
in Bamberg, 6.8. September 2017. Specimina Philologiae Slavicae.
Clitic Climbing im Tschechischen, Slovenischen und
Polnischen: Ein Vergleich
Irenäus Kulik
Abstract
The present paper gives a systematic overview of basic clitic climbing data of Czech, Slovene, and
Polish by examining the following structures: clitic climbing out of infinitival complements and
adjuncts; climbing out of embedded clauses under raising, control, and exceptional case marking
verbs; embedded clauses under future auxiliaries, modals, aspectual verbs, verbs of movement,
and verbs of perception. In all three languages, clitic climbing works in the exact same manner.
This challenges the typologically exceptional position of Polish within Slavic. A brief comparison
of Minimalist and HPSG analyses of clitic climbing reveals that no account is superior to the
other. Furthermore, none of the discussed approaches provides an answer to the question of what
the essential factors are, which actuate the local or non-local realization of a clitic. Hence, an
explanatory analysis of clitic climbing remains a desideratum to date. The Slavic clitic systems
still need fundamental examination to shed light on how they function.
1. Einleitung
Bei Clitic Climbing handelt es sich um einen Konstruktionstyp, bei dem Klitika von ihrem
Regensverb disloziert sind. Bis heute wird kontrovers darüber diskutiert, mit welchem
theoretischen Instrumentarium Clitic Climbing oder klitische Phänomene im Allgemeinen
am besten zu beschreiben sind. Trotz einer langen Forschungsgeschichte ist es mit sowohl
phonologischen als auch syntaktischen Ansätzen schwierig, das Phänomen vollumfänglich zu
erfassen. Diese Lücke zu schließen ist jedoch nicht das Ziel des vorliegenden Artikels, dessen
Programm viel bescheidener ist. Entsprechend dem Titel wird ein Vergleich grundlegender
Clitic-Climbing-Konstruktionen in den Sprachen Tschechisch, Slovenisch und Polnisch
vorgenommen. Alle hier betrachteten Sprachen verhalten sich hinsichtlich des Clitic Climbing
gleich, der von Rappaport (1988), Franks & King (2000) und Franks (2010) angenommene
typologische Sonderstatus des Polnischen ist somit fraglich. Der Artikel ist wie folgt
strukturiert: Abschnitt 2 gibt eine Einführung in das Phänomen. Abschnitt 3 präsentiert
systematisch Clitic-Climbing-Daten der Objektsprachen. Abschnitt 4 diskutiert knapp
Analysen von Clitic Climbing, die im Rahmen des Minimalismus und der Head-driven Phrase
Structure Grammar (HPSG, Pollard & Sag 1994) vorgeschlagen wurden. Es wird gezeigt,
Ich danke dem Plenum des 26. JungslavistInnen-Treffens in Bamberg und des Kolloquiums zur slavistischen
Linguistik an der Georg-August-Universität Göttingen, insbesondere Daniel Bunčić, Petr Biskup, Ivana
Lederer, Veronika Wald, Hagen Pitsch, Genia Böhnisch, Götz Keydana und Thomas Weskott für ihre Fragen
und konstruktiven Hinweise, die zur Verbesserung dieses Artikels geführt haben. Alle verbliebenen Fehler
sind allein mir zur Last zu legen.
© Irenäus Kulik. 2019. Preprint. Erscheint in Linguistische Beiträge zur Slavistik. XXVI. JungslavistInnen-Treffen
in Bamberg, 6.8. September 2017. Specimina Philologiae Slavicae.
dass explanatorische Analysen ein Desiderat bleiben. Abschnitt 5 schließt den Artikel mit
dem Fazit ab.
2. Was ist Clitic Climbing?
Clitic Climbing (CC) ist ein sprachübergreifend vorkommender Konstruktionstyp, der u. a. in
den romanischen Sprachen früh und eingehend untersucht wurde (u. a. Kayne 1975, insb.
Kapitel 4, für Französisch, Aissen und Perlmutter 1976 für Spanisch, Rizzi 1978 für
Italienisch). Spencer und Luís (2012: 162) beschreiben CC als [...] constructions in which
the clitic is associated with a verb complex in a subordinate clause but is actually pronounced
in construction [sic] with a higher predicate [...], even though it may have no obvious
semantic or syntactic connection to that verb.“ Der Befund kann mit Junghanns (2002: 66)
schematisch wie in Beispiel (1) dargestellt werden. Konstituente α bettet Konstituente β ein,
wobei das Klitikon CL in β semantisch lizenziert, jedoch in α, d.h. nicht-lokal realisiert wird.
Die Spur t und der Index i zeigen an, dass CL in β interpretiert wird.
(1) [α ... CLi ... [β ... ti ... ]]
Das italienische (ital.) Beispiel (2) stellt CC exemplarisch dar. Das direkte Objekt il libro ‚das
Buch‘ der infiniten Einbettung (2a) kann mit dem akkusativischen pronominalen Klitikon lo
‚ihn‘ substituiert werden (2b). CC liegt in Beispiel (2c) vor, das klitische Pronomen wird nicht
lokal, sondern in der Matrix realisiert.
(2) a. Martina vuole [ leggere il libro ] (Ital; Spencer und Luís 2012: 163 f.)
Martina will lesen.INF der Buch
‚Martina möchte das Buch lesen‘
b. Martina vuole [ legger=lo ].
1
Martina will lesen-ihn
c. Martina lo vuole [ leggere ].
Martina ihn will lesen
‚Martina möchte es lesen.‘
1
Relevante Klitika werden kursiv abgesetzt. Die Abtrennung von Klitika durch Doppelstrich (=) erfolgt nur
dort, wo gemäß orthographischer Norm der Objektsprache Zusammenschreibung vorliegt.
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Da CC nur pronominale Klitika betrifft, konzentriert sich die folgende Diskussion auf die
pronominalen und reflexiven Kurzformen unter Ausblendung aller weiteren klitisierenden
Elemente der Objektsprachen, wie auxiliare Klitika, Präpositionen und „Partikeln“.
2
Ferner
beschränke ich mich aus Platzgründen auf Einbettungen unter Verben. Eine vollständige
Betrachtung von CC im Slavischen müsste ebenso Einbettungen unter Substantiven und
Adjektiven berücksichtigen (vgl. Golden 2008).
3. Clitic Climbing im Tschechischen, Slovenischen und Polnischen
Wie in Satz (2) ersichtlich, findet CC im Italienischen aus infiniten Komplementsätzen heraus
statt, d.h. aus obligatorischen Ergänzungen des Matrixverbs. Derselbe Befund liegt in den
slavischen Sprachen vor (3, 4a, 5a). Junghanngs (2002) und Golden (2008) stellen fest, dass
Infinitheit notwendige, jedoch nicht hinreichende Bedingung für CC ist. Die Beispiele (4b)
und (5b) zeigen, dass CC durch die Anwesenheit eines Komplementierers blockiert wird und
folglich ungrammatisch ist, obwohl die Einbettung infinit ist.
(3) Tok jsem tii zapomněl [ říct ti tk ]. (Tsch; Junghanns 2002: 65)
‚Das vergaß ich dir zu sagen.‘
3
(4) a. Jaz sem jii gak moral [ pošiljati ti tk po pošti ]. (Sln; Golden 2008: 311)
‚Ich musste es ihr per Post schicken.‘
b. * Janez joi sprašuje, [ ali nagraditi ti s knjigo ]. (Sln; Golden 2003: 222)
‚Janez fragt, ob sie mit einem Buch belohnt wird.‘
(5) a. Piotr goi chce [ kupić ti w Austrii ]. (Pol; Kupść 2000: 94 f.)
‚Peter möchte ihn in Österreich kaufen.‘
b. * Piotr chce goi, [ żeby zaprosić ti na kolację ]
‚Peter möchte ihn zum Abendessen einladen.
2
Daniel Bunčić (pers. Mitt.) wies darauf hin, dass Climbing-Konstruktionen in den betrachteten
Objektsprachen nicht ausschließlich Klitika, sondern auch orthotonische Substantive betreffen. Dieser Befund
ist auch bei Junghanns (2002) zu finden, der gleichzeitig darauf hinweist, dass die Bewegung klitischer
Elemente gegenüber anderen Argumenten restringiert ist. Es erscheint mir daher angemessen, Clitic Climbing
als Subtyp einer Klasse strukturähnlicher Phänomene anzusehen.
3
Aus Platzgründen muss ich darauf verzichten, slavische Beispiele zu glossieren. Daher gebe ich jeweils nur
die Übersetzungen an.
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CC findet ebenso aus Adjunktsätzen statt, d.h. aus fakultativen Ergänzungen, wie die Final-
sätze unter Verba movendi in (68). In Beispiel (8a) ist in Übereinstimmung mit Junghanns
(2002: 67 f.) zu bemerken, dass nicht ad hoc zu entscheiden ist, ob tatsächlich ein Fall von CC
vorliegt. Es hängt von der verwendeten Heuristik ab, ob das Klitikon bereits in der
einbettenden Konstituente oder noch in der Domäne seines Regensverbs verortet wird.
Zweifelsfrei liegt CC dann vor, wenn das Klitikon von Material der Matrixdomäne umgeben
wird, wie in (8b). Im Rahmen des Minimalistischen Programms und der HPSG werden
Strukturen des Typs 8a grundsätzlich als nicht-lokale Realisierung des Klitikons betrachtet.
(6) Choděsei sem [ na tebe ptát ti ]. (Tsch; Junghanns 2002: 67)
‚Sie kommen her, nach dir zu fragen.‘
(7) Janez joi je šel [ obiskat ti v Ljubljano ]. (Sln; Golden 2003: 221)
‚Janez ging sie in Lubljana besuchen.‘
(8) a. i przyjechał mui [ zrobić ti awanturę ] (Pol; NKJP)
4
‚Und er kam, um ihm eine Szene zu machen.‘
b. [...] (to mu powiedziałam,) że smok goi przyjechał [ odwiedzić ti ] (Pol; Q1)
‚(... da habe ich ihm gesagt,) dass der Drache ihn besuchen gekommen ist‘
Die Konstruktionen, in denen CC auftritt, lassen sich in Übereinstimmung mit Golden (2008)
sowohl nach syntaktischen als auch nach semantischen Gesichtspunkten klassifizieren.
Syntaktisch lassen sich Hebung (engl. raising), Kontrolle sowie der Accusativus cum
Infinitivo (AcI) unterscheiden. In den Sätzen (911) bewegen sich die Klitika aus
Einbettungen unter Hebungsverben heraus. Hebungskonstruktionen zeichnen sich durch das
Fehlen einer logischen Subjektstelle auf. Sie realisieren lediglich ein propositionales
Argument. Das syntaktische Subjekt des Hebungsverbs ist nicht dessen Argument, obwohl
beide morphosyntaktisch miteinander kongruieren.
(9) [...] že muk majori začal [ ti tykat tk ]. (Tsch; Junghanns 2002: 66)
‚... dass ihn der Major begann zu duzen.‘
4
Die Abkürzungen in Klammern bezeichnen Quellend es Belegs, die vollständig im Anhang vermerkt sind.
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(10) Jazi sem jik gam utegnil [ ti opisati tk tm slabo ]. (Sln; Golden 2003: 220)
‚Ich habe ihn ihr wohl schlecht beschrieben.‘
(11) Mariai się gok wydaje [ ti nie poznawać tk ]. (Pol; Kupść 2000: 96)
‚Maria scheint ihn nicht zu erkennen.‘
Kontrollkonstruktionen
5
erscheinen den Hebungskonstruktionen oberflächlich ähnlich,
lizenzieren jedoch im Gegensatz zu Hebung zumindest zwei Argumente, wovon eines ihr
logisches Subjekt ist. Bei Subjektkontrolle (1214) koreferiert das Matrixsubjekt mit dem
impliziten Subjekt
6
des Infinitivs.
(12) Jan mui hok chtěl [ představit ti tk na recepci ]. (Tsch; Golden 2008: 311)
‚Jan wollte ihn ihm beim Empfang vorstellen.‘
(13) Janez se jii gak je naveličal [ hvaliti ti tk ]. (Sln; Golden 2008: 311)
‚Janez wurde [es] müde, ihn [vor] ihr zu loben.‘
(14) Marek goi obiecał [ zaprosić ti ]. (Pol; Kupść 2000: 95)
‚Marek versprach ihn einzuladen.‘
In den slavischen Sprachen ist CC ferner in Konstruktionen mit Objektkontrolle lizenziert
(1517), d.h. in Kontexten, in denen eines der Matrixobjekte mit dem eingebetteten Subjekt
koreferenziell ist. Damit unterscheiden sich die slavischen Sprachen von den romanischen,
denn in letzteren ist CC in Objektkontrollstrukturen ungrammatisch (Golden 2008: 315)..
(15) Jan mu hoi dovolil [ přečíst ti o samotě ]. (Tsch; Golden 2008: 315)
Jan erlaubte ihm, ihn alleine zu lesen.‘
5
Kontrolle ist auch unter den Termini Equi oder Gleichsetzung bekannt.
6
„Implizit“ bedeutet, dass das logische Subjekt nicht overt realisiert wird. Kontrollstrukturen sind ein
Hauptargument für die Annahme des phonetisch leeren Pronomens PRO (sog. big PRO) im Prinzipien- und
Parametermodell (gegenwärtig ausgeprägt im Minimalistischen Programm). In der HPSG werden Kontroll-
strukturen ohne die Annahme eines phonetisch leeren PRO durch die Strukturteilung von Indizes modelliert.
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(16) Jaz sem ji gai dovolil [ poslati ti po pošti ].
7
(Sln; Golden 2008: 312)
‚Ich erlaubte ihr, ihn per Post zu schicken.‘
(17) Jan powinien zabronić goi Piotrowi [ zapraszać ti ]. (Pol; Kupść 2000: 96)
‚Jan sollte Peter verbieten, ihn einzuladen.‘
CC ist in AcI-Konstruktionen
8
ebenfalls grammatisch. Beim AcI realisiert das Subjekt der
infiniten Einbettung die vom Matrixverb regierte Akkusativmorphologie, wie in den Sätzen
mit Verba sentiendi in (18) und (19). In Satz (18) realisiert das akkusativische Klitkon ho
‚ihn‘ das logische Subjekt von ležet ‚liegen‘. In Beispiel (19) realisiert jo ‚sie‘ das direkte
Objekt von dati ‚geben‘, während te ‚dich‘ dessen logisches Subjekt realisiert. Man beachte,
dass zwei akkusativische Klitika in der klitischen Gruppe im Matrixsatz auftreten.
(18) V jaké poloze jste hoi našel [ ti ležet ]? (Tsch; Junghanns 2002: 65)
‚In welcher Stellung liegend haben Sie ihn vorgefunden?‘
(19) Janez tei jok je vidal [ ti dati tk v žep ]. (Sln; Golden 2008: 311)
‚Janez sah dich sie in die Tasche stecken.‘
Przepiórkowski und Rosen (2005: 33) sowie (Kupść 2000: 96) weisen darauf hin, dass AcI-
Konstruktionen im Polnischen ungrammatisch seien. Daher sind die polnischen
Übertragungen des tschechischen und slovenischen Beispiels in (20) nicht wohlgeformt.
Beispiele (21) und (22) bestätigen, dass die Ungrammatizität nicht aus Eigenschaften des
klitischen Systems folgt, denn die Konstruktionen sind trotz der lokalen Realisierung der
Klitika bzw. der Substitution durch volle Nominalphrasen ungrammatisch.
(20) a. * W jakiej pozycji wyście goi znaleźli [ ti leżeć ] ? (Pol; konstruiert)
‚In welcher Stellung liegend haben Sie ihn vorgefunden?‘
b. * Jan cięi gok widział [ ti chować tk do kieszeni ] .
‚Jan sah dich sie in die Tasche stecken.‘
7
Der Satz ist strukturell ambig. In der Lesart mit lokal ungebundenem PRO (sog. big pro) wurde ji ‚ihr‘
ebenfalls aus der Einbettung in die Matrix bewegt (vgl. Golden 2008: 315, Bsp. 25):
(i) Jaz sem jii gak dovolil [ poslati ti tk po pošti ] .
‚Ich erlaubte, ihn ihr zu schicken.‘
8
AcI ist auch unter den engl. Termini exceptional case marking (ECM) sowie raising to object geläufig.
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(21) a. * W jakiej pozycji znaleźliście [ go leżeć ] ?
‚In welcher Stellung liegend haben Sie ihn vorgefunden?‘
b. * Jan widział [ cię go chować do kieszeni ] .
‚Jan sah dich sie in die Tasche stecken.‘
(22) a. * W jakiej pozycji znaleźliście [ ofiarę leżeć ] ?
‚In welcher Stellung liegend haben Sie das Opfer vorgefunden?‘
b. * Jan widział [ Piotra chować książkę do kieszeni ] .
‚Jan sah Peter das Buch in die Tasche stecken.‘
In semantischer Hinsicht lassen sich Matrixverben, die CC lizenzieren, als Tempusauxiliare
(2325), Modale (2628) sowie Phasenverben
9
(2931) klassifizieren. CC im Kontext des
analytischen Futurs wurde in der Literatur bisher nicht ausreichend gewürdigt, obwohl es
gelegentlich wenigstens implizit in Form von Daten auftaucht. Eine Ausnahme stellen die
Arbeiten von Kupść (1999a, b) dar. Sie untersucht CC in Tempusauxiliarkonstruktionen des
Polnischen und kontrastiert diese mit denen des Romanischen.
10
(23) [...] za deset minut sei budeš [ mračit ti ] [...] (Tsch; Q2)
In zehn Minuten wirst du eine finstere Miene machen.‘
(24) (Bo fantek? Bo punčka?) Kakšno ime mui bodo [ dali ti ] ? (Sln; slWaC)
‚(Wird es ein Junge? Wird es ein Mädchen?) Welchen Namen werden sie ihm geben?‘
(25) Nie ja goi będę [ sądził ti ]. (Pol; NKJP)
‚Nicht ich werde ihn verurteilen.‘
(26) Asi hoi chtěla [ usušit ti pomalu ]. (Tsch; Junghanns 2002: 82)
‚Vielleicht wollte sie ihn langsam trocknen.‘
9
Phasenverben bzw. Aktionsartverben werden in der englischsprachigen Forschung bisweilen als aspectual
verbs bezeichnet. „Aspektualität“ ist nicht im Sinne der für das Slavische typischen Unterscheidung des
grammatischen Aspekts (engl. grammatical aspect) perfektiv vs. imperfektiv zu verstehen, sondern meint die
Aktionsart (engl. lexical aspect), z.B. Inchoativität, Iterativät, Resultativität usw.
10
Kupść (1999a, b) betrachtet neben dem analytischen Futur die Kontexte des Präteritums und des Konditionals,
auf die ich an dieser Stelle nicht eingehe. Die in diesen Konstruktionen vorkommenden auxiliaren und
konditionalen Klitika treten in Wechselwirkung mit den pronominalen Klitika. Eine solch detaillierte
Betrachtung muss aus Platzgründen künftigen Forschungen vorbehalten bleiben.
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(27) Sprva sem gai hotel [ spoditi ti domov ] (, a je nadaljeval svojo misijo sledenja.)
‚Zuerst wollte ich ihn nach Hause fortjagen (, aber er hat seine Suchmission
fortgesetzt.)‘ (Sln; slWaC)
(28) (No i wychodzi na to,) że ja goi muszę [ bronić ti ]. (Pol; NKJP)
‚(Nun, und es läuft darauf hinaus,) dass ich ihn verteidigen muss.‘
Die Beispielsätze (2931) zeigen CC aus Einbettungen unter Inchoativverben.
(29) Dokonce i můj otec hoi začal [ mít rád ti ] (, i přes to, jaký on je.)
11
(Tsch; ČNK)
Sogar mein Vater fing an, ihn gern zu haben (, trotz dessen, wie er ist.) ‘
(30) Zato sem gai začel [ klicati ti Zlatan ]. (Sln; slWaC)
‚Deswegen habe ich angefangen, ihn Zlatan zu nennen‘
(31) Jak sięi zaczniemy [ znowu spotykać ti ] (, nic z tego dobrego nie wyniknie.)
‚Wenn wir anfangen uns wieder zu treffen (, wird nichts Gutes daraus folgen.)‘
(Pol; NKJP)
Schließlich ist festzustellen, dass CC keine obligatorische Konstruktion ist (vgl. Golden 2003,
2008, Junghanns 2002, Kupść 1999a–c, 2000). Die Beispiele (32b), (33b) und (34b) sind
grammatisch, obwohl die Klitika in der Einbettung realisiert werden. Dieselbe Beobachtung
trifft auf das italienische Beispiel (2b) zu.
(32) a. Asi hoi chtěla [ usušit ti pomalu ]. (Tsch; Junghanns 2002: 82)
b. Asi chtěla [ usušit ho pomalu ].
‚Vielleicht wollte sie ihn langsam trocknen.‘
(33) a. Jaz sem jii gak moral [ pošiljati ti tk po pošti ] (Sln; Golden 2008: 310)
b. Jaz sem moral [ pošiljati ji ga po pošti ].
‚Ich musste es ihr per Post schicken.‘
11
Man beachte, dass das akkusativische Klitikon ho ‚ihn‘ nicht die Wackernagelposition einnimmt, sondern sog.
Clitic third realisiert. Diese Positionierung kookkurriert mit der Topikalisierung der NP i můj otec sogar
mein Vater‘.
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(34) a. Jan goi chciał [ obudzić ti o szóstej ]. (Pol; Kupść 2000: 96)
b. Jan chciał [ obudzić go o szóstej ].
‚Jan wollte ihn um sechs wecken.‘
Die hier diskutierten CC-Daten reichen deutlich über den Rahmen der Belege von Franks und
King (2000) hinaus. Franks und King (2000: 241 f.) zufolge sei CC im Tschechischen im
Wesentlichen auf Modalverbkontexte beschränkt und obligatorisch (vgl. dagegen Satz 32). In
Objektkontroll-Strukturen sei CC hingegen ungrammatisch, jedoch scheinen Faktoren wie die
Realisierung von Argumenten des Matrixverbs eine Rolle zu spielen.
12
Für das Slovenische
weisen sie auf Variation hin, CC sei aus Finalsätzen, Einbettungen und Verba sentiendi
optional. Ferner erwähnen Franks und King (2000: 46) CC in slovenischen Subjektkontroll-
Konstruktionen. Der systematische Vergleich der hier betrachteten Beispieltypen des
Tschechischen, Slovenischen und Polnischen zeigt, dass CC in diesen drei Sprachen für eine
Bandbreite identischer Konstruktionen belegt ist und in gleicher Weise funktioniert.
4. Analysen von Clitic Climbing
Ein zentrales Anliegen der formalen Sprachwissenschaft ist es, sprachliche Strukturen durch
fortschreitende Theoretisierung nicht nur exakt zu beschreiben, sondern auch zu erklären. Mit
Brownes (1974) Betrachtung bosnisch-kroatisch-serbischer
13
Klitika begann die
grammatiktheoretische Beschäftigung mit slavischen Klitika. Die Forschung war
insbesondere im Rahmen der transformativen Syntax Noam Chomskys (Standardtheorie,
Prinzipien-und-Parameter-Modell, Minimalistisches Programm) sehr produktiv, die die
Erforschung klitischer Phänomene in der internationalen Sprachwissenschaft dominiert. Im
Minimalistischen Programm (Chomsky 1995) wird die syntaktische Struktur einer Äußerung
sukzessiv über die Operationen copy und merge abgeleitet. Während merge der zentrale
Mechanismus des Strukturaufbaus ist, indem er syntaktische Entitäten verknüpft, dupliziert
copy Entitäten im aktuellen Strukturbaum so häufig, wie es für eine erfolgreiche Derivation
nötig ist. Dislokationen treten als Folge des Abgleichs von morphosyntaktischen Merkmalen
12
Dieser Themenkomplex muss aus Platzgründen ausgespart bleiben. Franks und King (2000: 335 f.) und
Franks (2010: 68 f.) führen entsprechende Daten mit dem sog. Head Movement Constraint (HMC) auf ihre
strukturelle Beschaffenheit zurück. Dem HMC zufolge können sich hierarchisch tiefere funktionale Köpfe
nicht über höhere hinwegbewegen. Vgl. dagegen Kupść (1999c, 2000) für eine lexikalische Einschätzung.
13
Zum Publikationszeitpunkt in den 1970ern sprach man noch selbstverständlich vom Serbokroatischen (engl.
Serbo-Croatian). Der Terminus ist auch bisweilen heute noch in der anglophonen Literatur anzutreffen,
wohingegen im deutschsprachigen Raum Bosnisch-Kroatisch-Serbisch(-Montenegrinisch) geläufig ist.
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mit einem funktionalen Kopf auf, um Subjekt-Verb-Kongruenz und strukturellen Kasus zu
erhalten. Der Abgleich wird üblicherweise über die Spezifizierer-Kopf-Relation realisiert. Die
Merkmale des Kopfes können stark oder schwach sein. Starke Merkmale erzwingen overte
Dislokationen, bei schwachen Merkmalen sorgen Ökonomieprinzipien dafür, dass die
Dislokation lediglich abstrakt auf der Repräsentationsebene der Logischen Form (LF) auftritt
und daher für den Beobachter unsichtbar ist (sog. koverte Bewegung). Beispiel (35) skizziert
die vereinfachte Derivation des konstruierten tschechischen Satzes Karel chce vidět Terezu.
‚Karl möchte Teresa sehen‘. In (35iv) wird Karel in den Spezifizierer der IP kopiert, um
Nominativkasus mit dem Kopf I0 abzugleichen, der für die finite Verbmorphologie
verantwortlich zeichnet.
14
In (35v) wird die gesamte IP an die Schnittstelle zur
phonologischen Repräsentationsebene Phonetische Form (PF) übergeben.
15
Nicht benötigte
Kopien werden auf PF gelöscht.
(35) i. vidět + merge Terezu → [V' vidět Terezu ]
ii. Karel + merge V' → [VP Karel [V' vidět Terezu ]]
iii. chce + merge VP → [I' chce [VP Karel [V' vidět Terezu ]]]
iv. copy Karel → [IP Karel [I' chce [VP Karel [V' vidět Terezu ]]]]
v. Spell-Out: IP → PF: [ Karel [ chce [ Karel [ vidět Terezu ]]]]
Für die Dichotomie stark vs. schwach ist das Vorliegen syntaktischer Optionalität im
tschechischen Beispiel (32) (wiederholt in 36) ein Problem. Wenn Dislokationen durch den
Merkmalsabgleich motiviert werden, können nicht beide Sätze als grammatisch wohlgeformt
hergeleitet werden. Ebenso gerät die Analyse der slovenischen AcI-Konstruktion in (19)
(wiederholt in 37) in Schwierigkeiten, wenn sie auf den minimalistischen Merkmalsabgleich
zur Erklärung der Satzgliedfolge zurückgreift. Lenertová (2004: 166) weist darauf hin, dass
Klitika in solchen Konstruktionen weiter disloziert werden, als für den Merkmalsabgleich
nötig wäre. Während das akkusativische Subjekt der Einbettung, te, seinen Kasus vom
Matrixverb vidal erhält, wird der Kasus des direkten Objekts, jo, in der Domäne des
eingebetteten Infinitivs dati determiniert. Damit erscheint Merkmalsabgleich als Motivation
für CC nicht plausibel.
14
Die Darstellung beschränkt sich aus Platzgründen auf den Kasusabgleich des Subjekts. Ferner rezipiert sie
nicht die Annahmen multipler funktionaler Köpfe oberhalb der VP (z. B. vP, TP, AgrP), sondern verwendet
die älteren Annahmen zugrundeliegende IP.
15
PF ist nicht für syntaktische Struktur sensitiv und hat folglich keinen Zugriff auf Kategoriensymbole wie NP,
VP, IP usw. Die Repräsentationsebene der LF bleibt hier als für die Diskussion unwesentlich
unberücksichtigt.
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(36) a. Asi ho chtěla usušit pomalu.
b. Asi chtěla usušit ho pomalu.
(37) Janez te jo je vidal dati v žep.
Zur Überwindung der Probleme, die strikt syntaktische Analysen haben, schlagen Bošković
(2001), Franks (2010) sowie Franks und King (2000) vor, diese Ansätze um eine
phonologische Komponente zu erweitern. Bei Bošković werden Klitika nur so lange in der
Syntax moviert, bis sie ihre Merkmale vollständig abgeglichen haben. Weitere Dislokationen
sind das Ergebnis prosodischer Bedingungen. Damit ist die Bildung klitischer Gruppen (engl.
clitic clusters) kein syntaktisches, sondern ein prosodisches Phänomen, das unabhängig vom
Abgleich syntaktischer Merkmale stattfindet. Klitika gruppieren sich relativ zu den Grenzen
von Intonationsphrasen (ιP). In Wackernagelsprachen müssen Klitika die initiale Position
ihrer ιP besetzen. Die Spezifizierung als Enklitikon verlangt gleichzeitig, dass die Klitika von
einem Element zu ihrer Linken gestützt werden, womit die Belegung der zweiten Position
hergeleitet ist. Dieser Ansatz leitet erfolgreich CC her (38a). Für die lokale Realisierung der
pronominalen Klitika muss eine zweite ιP angenommen werden (38b). Intermediäre
Positionen wie in 38c können aufgrund des Umstands erfasst werden, dass Klitika im
Slovenischen prosodisch neutral sind und die prosodische Ausrichtung kontextbedingt ist
(Golden 2003: 208 f., vgl. Toman 1996 zum Tschechischen). Im Gegensatz zu Beispiel 38b,
in dem die Klitika an hvaliti enklitisieren, liegt in (38c) Proklise vor. Golden (2003, 2008)
kritisiert jedoch, dass der prosodische Ansatz Boškovićs die Existenz von CC nicht erklären
könne. Mit dem Wegfall syntaktisch motivierter klitischer Gruppen, bestehe kein Grund für
die sichtbare Dislozierung über die Positionen des Merkmalsabgleichs hinaus.
16
Franks und
King (2000: 302) und Franks (2010: 20 f.) bemerken ferner, dass prosodische Kategorien
keine Erklärung dafür bieten, dass CC sensitiv für syntaktische Struktur ist.
(38) a. [ιP Janez se ji ga je naveličal hvaliti ]. (Sln; Golden 2003: 223)
b. [ιP Janez se je naveličal ] [ιP hvaliti ji ga ].
c. [ιP Janez se je naveličal ] [ιP ji ga hvaliti ].
d. * [ιP Janez se je naveličal hvaliti ji ga ].
16
Lenertová (2004: 150 f.) kritisiert, dass Boškovićs prosodischer Ansatz nicht mit den unterschiedlichen
Positionsrestriktionen, die tschechische und slovenische Klitika in Bezug auf Pausen nach Adverbialsätzen
zeigen, umgehen kann.
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in Bamberg, 6.8. September 2017. Specimina Philologiae Slavicae.
‚Janez wurde [es] müde, ihn [vor] ihr zu loben.‘
Franks und King (2000) sowie Franks (2010) argumentieren für eine optimalitätstheoretische
Komponente auf PF. In der Optimalitätstheorie (OT, Prince und Smolensky 2004) werden
grammatisch wohlgeformte Äußerungen aus einer Kandidatenmenge mittels eines
Filtersystems ausgewählt, das aus einer hierarchisch organisierten Kaskade verletzbarer
Wohlgeformtheitsbeschränkungen besteht. Die OT-Grammatik von Franks und King (2000)
und Franks (2010) entscheidet, welche Kopie eines Klitikons realisiert und welche gelöscht
wird. Sowohl prosodische als auch syntaktische Informationen werden berücksichtigt und
gleichzeitig evaluiert. Für einen orthodoxen OT-Ansatz ist die variable Positionierung der
Klitika in (39) problematisch, da die OT lediglich einen einzigen optimalen Kandidaten
ermittelt. Die suboptimalen Kandidaten müssen durchfallen. Mit einer solchen Heuristik
können die grammatischen Sätze (39b, 39d, 39e) nicht hergeleitet werden.
(39) a. Včeraj joi je sklenil počasi kot polž odpeljati ti proti domu.
b. Včeraj je sklenil joi počasi kot polž odpeljati ti proti domu.
c. * Včeraj je sklenil počasi joi kot polž odpeljati ti proti domu.
d. Včeraj je sklenil počasi kot polž joi odpeljati ti proti domu.
e. Včeraj je sklenil počasi kot polž odpeljati jo proti domu.
‚Gestern beschloss er, sie [so] langsam wie eine Schnecke nach Hause zu fahren.‘
(Sln; Marušič 2008: 276)
Alternative Analysen wurden im Rahmen von Pollards und Sags (1994) Kopfgesteuerter
Phrasenstrukturgrammatik (engl. Head-driven Phrase Structure Grammar, HPSG)
vorgeschlagen. Sie ist im Gegensatz zur minimalistischen Syntax beschränkungsbasiert,
nicht-derivativ und monostratal, d.h. alle Ebenen der Grammatik Phonologie, Syntax,
Semantik werden in einer gemeinsamen Struktur repräsentiert. Der Formalismus der HPSG
verwendet Merkmal-Wert-Matrizen.
17
CC kann durch die folgenden vereinfachten
Strukturbeschreibungen und deren Interaktion erfasst werden (basierend auf Kupść 1999a–c,
2000).
17
Merkmale sind typographisch durch KAPITÄLCHEN und Werte durch Kursivsetzung abgesetzt. Werte können
auch in Gestalt von Listen auftreten, d.h. geordneten Mengen mit 0 bis n Elementen, auftreten, und stehen
dann in spitzen Klammern .
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(40)
word
PHON phon
SYNSEMLOCCAT HEAD verb
SUBCAT 1synsem HEAD verb-inf
SUBCAT 2synsem 2
(41) phrase
SYNSEMLOCCAT|SUBCATsynsem
DTRShead-comp-struc
HEAD-DTR word
NON-HEAD-DTRSsign
(42) clause SYNSEMLOCCAT|SUBCAT  
Die Beschreibung in (40) lizenziert CC in Verbalkomplexen. Unter dem Pfad
SYNYSEM|LOC|CAT ist die Beschreibung für einen Kopf vom Typ verb hinterlegt, der für eine
Liste von Argumenten subkategorisiert wird.
18
Mit der Relation append wird diese Liste
mit einer zweiten Liste verknüpft, die einen Kopf vom Typ verb-inf (infinites Verb) enthält.
Das infinite Verb ist ebenfalls r eine Liste von Argumenten subkategorisiert. Die
Argumente des Infinitums werden über eine weitere append-Relation mit dem
Subkategorisierungsrahmen des Matrixverbs verknüpft, wodurch dieser eine dritte Liste
enthält. Durch Strukturteilung (gekennzeichnet durch 2) wird eine Identitätsrelation
zwischen den Argumenten des infiniten Verbs und der dritten Liste etabliert. Es ist zu
beachten, dass die Listen Art und Anzahl der Argumente nicht näher spezifizieren und ggf.
leer sein können, womit die Strukturbeschreibung sehr flexibel ist. Die Implikatur in (41)
lizenziert syntaktische Phrasen, deren Subkategorisierungsrahmen ungesättigt ist (dargestellt
durch die nicht-leere Liste synsem). Folglich müssen nicht alle syntaktischen Argumente auf
der Ebene der Phrase realisiert sein. Auf diese Weise ist gewährleistet, dass Klitika nicht-
lokal realisiert werden können. In (42) spezifiziert die Implikatur, dass die Domäne des Satzes
hinsichtlich aller semantisch lizenzierten Argumente gesättigt sein muss (symbolisiert durch
die leere Liste  ). Der HPSG-Ansatz erfasst die Distributionsbeschränkungen von CC,
wobei sowohl lokale als auch nicht-lokale Realisierung gewährleistet sind. Dennoch wird die
Frage nach der Motivation von CC nicht beantwortet. Die HPSG-Analyse verbleibt ebenso
wie der minimalistische Ansatz auf der Ebene der Deskription.
18
Die exakte Denotation von synsem kann an dieser Stelle nicht erörtert werden. Für die vorliegende Diskussion
genügt, dass es sich dabei um eine Klasse sprachlicher Objekte mit artikulierter Syntax und Semantik handelt,
zu der sowohl selbständige Ausdrücke (Wörter, Phrasen) als auch Klitika gehören.
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5. Fazit
Die hier betrachteten Sprachen Tschechisch, Slovenisch und Polnischen zeigen hinsichtlich
Clitic Climbing denselben Befund. Die Kontexte, die Clitic Climbing lizenzieren, weisen
identische syntaktische und semantische Restriktionen auf. Unter syntaktischen
Gesichtspunkten findet Clitic Climbing aus infiniten Komplement- und Adjunktsätzen unter
Hebungs-, Subjekt- und Objektkontrollverben sowie beim Accusativus cum Infinitivo statt.
Ferner gilt ein Verbot auf Komplementierer, was die finite Komplementierung als
lizenzierenden Kontext für Clitic Climbing ebenfalls ausschließt. Das Fehlen von AcI-
Konstruktionen im Polnischen ist eine grundsätzliche Eigenschaft der polnischen Syntax und
nicht auf Eigenschaften des klitischen Systems des Polnischen zurückzuführen. Hinsichtlich
ihrer Semantik lassen sich die Matrixverben, die Clitic Climbing erlauben, als Futurauxiliare,
Modale, Phasenverben, Verba movendi und Verba sentiendi klassifizieren. Letztere erlauben
kein Clitic Climbing im Polnischen, was trivialerweise daraus folgt, dass es sich dabei
syntaktisch um AcI-Konstruktionen handelt. In typologischer Hinsicht stellt der Befund die
von Rappaport (1988), Franks und King (2000) und Franks (2009) geltend gemachte
Sonderstellung der polnischen Klitika im Gesamtverbund der Slavia infrage.
Die hier betrachteten theoretischen Ansätze, Minimalismus und HPSG, sind
unterschiedlich erfolgreich bei der Erfassung von Clitic Climbing. Mit einer ausschließlich
syntaktischen Analyse, wie sie im Rahmen des Minimalismus angeboten wird, stößt man
schnell an Grenzen. Die Analyse lässt sich um eine phonologische Komponente ergänzen, die
entsprechend des generativen Y-Modells der Sprache ohnehin Bestandteil der Theorie ist. Die
HPSG ist aufgrund ihrer Konzeption flexibler und erfasst die hier diskutierten Strukturen mit
Hilfe desselben formalen Mittels der Merkmal-Wert-Matrix. Beide Ansätze bieten jedoch
keine Antwort auf die Frage, wodurch Clitic Climbing motiviert wird und verbleiben damit
auf der Ebene der Deskription.
Künftige Forschungen müssen verschiedenen Ansprüchen genügen. Die
Gegenüberstellung der Diskussion bei Franks und King (2000) und den hier vorliegenden
Daten zeigt die Notwendigkeit verstärkter empirischer Forschung. Ihre Aussagen zu Clitic
Climbing sind teils unvollständig und teils unzutreffend. Dieser Umstand ist letztlich auf den
nach wie vor bestehenden Usus zurückzuführen, lediglich einzelne Konstruktionen zu
betrachten. Die Analyse grammatischer Phänomene muss den vollen Umfang sprachlicher
Strukturen erfassen und auch Variation berücksichtigen. Dazu wird eine breite Datenbasis
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benötigt, wie sie etwa in Form von elektronischen Großkorpora mittlerweile für eine große
Zahl slavischer Sprachen zur Verfügung steht. Auf der Basis systematischer und exhaustiver
Untersuchungen der Einzelsprachen lässt sich anschließend eine Mikrotypologie des
Slavischen erarbeiten. Sie ordnet nicht nur die Einzelsprachen und die Sprachfamilie in einen
typologischen Kontext ein, sondern bereitet auch den Weg für die weitere Theoretisierung.
Analysen müssen nicht nur deskriptive, sondern auch explanatorische Adäquatheit anstreben,
wenn sie zu einem besseren Verständnis grammatischer Phänomene beitragen wollen. Im
Falle von Clitic Climbing bedeutet das, die Faktoren zu ermitteln, die sowohl die lokale als
auch nicht-lokale Realisierung der Klitika bedingen.
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Book
The theoretical domain of investigation of this volume is the nature of the syntax-phonology interface. The empirical domain of investigation is cliticization in South Slavic. The volume also examines several phenomena that raise theoretical issues related to those involved in South Slavic cliticization, namely, multiple wh-fronting in Slavic and Romanian, Germanic V-2, object shift and stylistic fronting in Scandinavian, and negation in Romance.The central theoretical questions considered in the volume are how syntax and phonology interact with each other and whether PF can affect word order. It is argued that PF does affect word order, but not through actual PF movement.The volume makes new proposals concerning the structural representation of clitics and the nature of clitic clustering. It also provides an account of the second position effect and teases apart the role of syntax and phonology in cliticization and the second position phenomenon.
Chapter
This book is the final version of the widely-circulated 1993 Technical Report that introduces a conception of grammar in which well-formedness is defined as optimality with respect to a ranked set of universal constraints. Final version of the widely circulated 1993 Technical Report that was the seminal work in Optimality Theory, never before available in book format. Serves as an excellent introduction to the principles and practice of Optimality Theory. Offers proposals and analytic commentary that suggest many directions for further development for the professional.