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Wie slavisch ist das Polnische? Zur Typologie klitischer Systeme im Slavischen

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Wie slavisch ist das Polnische?
Zur Typologie klitischer Systeme im
Slavischen
Irenäus Kulik
Der vorliegende Aufsatz thematisiert die Klitisierung im Polnischen sowie
deren Bedeutung für dessen typologische Stellung innerhalb der Slavia. Kliti-
sche Elemente in den slavischen Sprachen werden anhand verschiedener Pa-
rameter klassifiziert, wie die Positionierung im Satz (Wackernagelposition vs.
Verbadjazenz), prosodische Orientierung (Proklise vs. Enklise) und Kategori-
enbestand (Pronomina, Verben/Auxiliare, Partikeln). In der Forschungslitera-
tur findet sich wiederholt die Auffassung, dass das klitische System des Pol-
nischen sich von demjenigen anderer slavischer Sprachen unterscheide, etwa
vom System des Tschechischen oder Bosnisch-Kroatisch-Serbischen. Anhand
von Belegen aus dem Polnischen Nationalkorpus (NKJP) und der Literatur
wird gezeigt, dass die These von der typologischen Sonderstellung des Pol-
nischen nicht ausreichend begründet ist, im Gegenteil: Das Polnische zeigt
typisch slavische Züge.
1 Einleitung
Hinsichtlich ihrer klitischen Systeme werden die slavischen Sprachen anhand von Merkma-
len wie obligatorische Position (Wackernagel- vs. verbadjazente Stellung), Richtung der
phonologischen Abhängigkeit (Proklise vs. Enklise; Klitika sind prosodisch defizient) sowie
Bestand und Umfang der Klasse klitischer Elemente (Ostslavisch vs. West- und Südsla-
visch)1typisiert. Verschiedene Autoren (Rappaport 1988, Franks 2010, Franks und King
2000, Bošković 2015) weisen dem Polnischen – explizit oder implizit – eine typologische
Der vorliegende Artikel resultiert aus Vorträgen, die im Jahr 2016 im Rahmen des Kolloquiums zur
slavistischen Linguistik am Seminar für Slavische Philologie der Georg-August-Universität Göttingen
und des XXV. JungSlavistInnen-Treffens in Göttingen gehalten wurden. Ich danke Uwe Junghanns,
Götz Keydana, Hermann Fegert, Hagen Pitsch, Genia Böhnisch, Christina Clasmeier, Daniel Bunčić
und Petr Biskup, deren kritische Fragen und Anregungen in die Arbeit an diesem Artikel einflossen.
Alle Fehler und Ungenauigkeiten sind mein alleiniges Verschulden
1Die vor dem Hintergrund der Klitiktypologie stattfindende Kontrastierung des Ostslavischen mit dem
Süd- und Westslavischen geht auf Jakobsons (1971) Beobachtungen zum Verlust der Kurzpronomina
und von byt~/byt ‚sein‘ als Perfektauxiliar im Standardrussischen zurück (vgl. Franks und King
Sonderstellung innerhalb des Slavischen zu und kontrastieren es mit Sprachen wie dem
Tschechischen oder Bosnisch-Kroatisch-Serbischen (BKS). Diese These erhielt spätestens
mit Franks (2009) Einzug in die Communis Opinio. Der vorliegende Aufsatz hat zum
Ziel, die These hinsichtlich der Kurzpronomina mit Hilfe von empirisch erhobenen sowie
in der Literatur diskutierten Daten kritisch zu hinterfragen und ist wie folgt aufgebaut:
Abschnitt 2 bespricht die Typologie klitischer Systeme. Abschnitt 3 widmet sich einzelnen
phänomenologischen Aspekten: Abschnitt 3.1 behandelt die Frage der Positionierung von
Klitika im Satz; Abschnitt 3.2 ist der klitischen Gruppe gewidmet; dem folgt Abschnitt
3.3 zur linearen Abfolge der Klitika. Die in diesen Abschnitten geführte Diskussion legt
nahe, dass die typologischen Ausschlusskriterien für das Polnische keinesfalls robust sind.
Die Abschnitte 3.4 zur Interaktion von Klitika mit koordinierenden Konjunktionen, 3.5
zur Haplologie von Reflexivpronomina und 3.6 zu freien Dativen thematisieren kurso-
risch weitere Gemeinsamkeiten des Polnischen mit seinen Schwestersprachen. Das Fazit
in Abschnitt 4 schließt den Artikel ab.
2 Typologie klitischer Systeme
2.1 Zwei klitische Typen
Seit Zwickys (1977) grundlegender Arbeit zur Typologie klitischer Systeme werden sog.
Simple Clitics und Special Clitcs unterschieden.2Simple Clitics sind durch syn-
chrone phonologische Regeln von orthotonischen Wortformen abgeleitet. Daher weisen
sie dieselben Reduktionen, Elisionen und Assimilationen auf, die auch in anderen unbe-
tonten Silben der Objektsprache zu beobachten sind. Eine logische Konsequenz dessen
ist, dass Simple Clitics der kanonischen Satzgliedfolge gehorchen und in derselben Posi-
tion realisiert werden können, wie ihre volltonigen Entsprechungen. Ein prototypisches
Beispiel dafür ist das Deutsche. Beispiele 1 und 2 zeigen jeweils einen Deklarativ- (a)
und einen Interrogativsatz (b) des Standarddeutschen bzw. dessen umgangssprachlicher
Variante (wiedergegeben in breiter phonetischer Transkription). Das Expletivum es der
standardsprachlichen Beispiele liegt in 2 als Klitikon vor.3Seine Position im Deklarativ-
bzw. Interrogativsatz ist jeweils dieselbe wie die des orthotonischen expletiven Ausdrucks
in 1.
(1) a. Es gibt nichts in der Mensa.
b. Gibt es nichts in der Mensa?
(2) a. sgIpt^nIks PIn5mEnz5
b. gIpsnIks PIn5mEnza
(Dt.; konstruiert)
2000: 187). Man beachte jedoch, dass es in den rezenten ostslavischen Sprachen sehr wohl pronominale
Kurzformen gibt, etwa in südwestukrainischen Dialekten und in umgangssprachlichen Varietäten des
Russischen (vgl. Shevelov 1993: 996 bzw. Zemskaja 1973).
2Im Folgenden gebrauche ich englische Termini technici, sofern sich keine adäquaten deutschen Fachbe-
griffe etabliert haben. Englische Fachtermini erscheinen bei Erstnennung in Kapitälchen.
3Klitika werden in allen Beispielen durch Fettdruck hervorgehoben.
c
Irenäus Kulik. 2018. Erscheint in Linguistische Beiträge zur Slavistik. XXV.
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Special Clitics haben eine phonologisch opake Relation zu ihren volltonigen Entsprechun-
gen, die nicht auf synchrone phonologische Regeln rückführbar ist. Seit Zwicky und Pul-
lum (1983) werden auch sog. Bound Words zu den Special Clitics gezählt. Sie treten
ausschließlich in akzentloser, gebundener Form auf und besitzen keine volltonigen Ent-
sprechungen. Charakteristisches Merkmal der Special Clitics ist das Vorhandensein einer
Special Syntax, d.h. idiosynkratischen Syntax. Sie weichen obligatorisch von der ka-
nonischen Satzposition ihrer orthotonischen Entsprechungen – sofern vorhanden – ab.
Prototypisch hierfür ist das Französische. Die Beispiele in 3a-b zeigen, dass die kanoni-
sche Satzgliedfolge im transitiven Deklarativsatz SVO ist. Wenn das direkte Objekt Jean
durch ein pronominales Klitikon substituiert wird, weicht die Linearisierung in 3c obliga-
torisch ab und die Realisierung der kanonischen Satzgliedfolge führt zu Ungrammatizität
in 3d.
(3) a. Je
ich
voi
sehen.1sg
Jean.
Jean
‚Ich sehe Jean.‘
b. * Je Jean voi.
c. Je
ich
le
kl.3sg.akk.mask
voi.
sehen.1sg
‚Ich sehe ihn.‘
d. * Je voi le.
(Frz.; Zwicky 1977: 4-5)4
Franks (2010) sowie Franks und King (2000) definieren Simple Clitics als Elemente oh-
ne Special Syntax. Sie unterliegen der weitestgehend freien Satzgliedfolge des Slavischen.
Ferner handelt es sich um Lexeme ohne Flexionsparadigmata, was auf Jakobsons (1971)
Diskussion des standardrussischen Pronominal- und Auxiliarsystems zurückgeht (vgl. Fuß-
note 1). Demgegenüber zeigen Special Clitics die für sie typische idiosynkratische Syntax.
Sie besetzen eine bestimmte und somit feste syntaktische Position: entweder die sog. Wa-
ckernagelposition, d.h. die zweite Position auf Phrasenebene (seltener Wortebene), oder
sie sind verbadjazent, d.h. in unmittelbarer Kontaktstellung zum verbalen Kopf. Für Kli-
tika dieser Typen werden im Folgenden die Abkürzungen 2P bzw. VA gebraucht. Special
Clitics zeichnen sich ferner aus durch die obligatorische Bildung klitischer Gruppen mit
strikter, „templatischer“ Wortfolge sowie das Vorhandensein von Flexionsparadigmata.
2.2 Typologie klitischer Systeme im Slavischen
Die typologische Klassifizierung der slavischen Special-Clitic-Sprachen in 2P- und VA-
Sprachen ist unumstritten. Als prototypischer Vertreter der 2P-Sprachen gilt das BKS in 4.
Das pronominale Klitikon tritt obligatorisch in der Wackernagelposition auf, unabhängig
4Zitierte Beispielsätze werden von Angaben zu Objektsprache und Quelle begleitet.
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von der morphosyntaktischen Kategorie des Gastgebers zu seiner Linken (4a-d). Eine
positionelle Abweichung führt zu Ungrammatizität (4e-g).5
(4) a. Zoran
Zoran.nom.sg
mi
kl.1sg.dat
stalno
ständig
kupuje
kaufen.3sg
knjige.
Buch.akk.pl
‚Zoran kauft mir ständig Bücher.‘
b. Stalno mi kupuje knjige Zoran.
c. Knjige mi Zoran stalno kupuje.
d. Kupuje mi stalno knjige Zoran.
e. * Zoran stalno mi kupuje knjige.
f. * Zoran stalno kupuje mi knjige.
g. * Mi Zoran stalno kupuje knjige.
(BKS; Franks 2009: 728)
Das Mazedonische in 5 ist eine VA-Sprache par excellence. Unabhängig von der nume-
rischen Satzposition ist die unmittelbar verbadjazente Stellung der Klitika obligatorisch.
Die Aufhebung der Verbadjazenz in 5d, wo das Adverb era ‚gestern‘ zwischen den Kli-
tika und dem Verb steht, macht den Satz ungrammatisch.
(5) a. Vera
Vera
mi
kl.1sg.dat
go
kl.3sg.akk.mask
dade
gab
včera.
gestern
Vera gab ihn/es mir gestern.‘
b. Včera Vera mi go dade.
c. Mi go dade Vera včera.
d. * Vera mi go včera dade.
(Maz.; Franks 2010: 78-79)
Das Polnische wird mit diesen Special-Clitic-Sprachen als Simple-Clitic-Sprache kontras-
tiert (u.a. bei Franks 2009, 2010, Franks und King 2000, Rappaport 1988).
Die Klassifizierung erscheint aus mehreren Gründen überraschend: Es ist ein Gemeinplatz,
dass die slavischen Sprachen einander strukturell ähnlich sind, ähnlicher als etwa die
germanischen Sprachen; die dem Polnischen näher verwandten Sprachen Tschechisch und
5Reinkowskis (2001) empirische Arbeit verfolgt u.a. das Ziel, neben der Homogenität des BKS auch den
strikten Wackernagelstatus seines klitischen Systems zu widerlegen. Obwohl weder die dort zugrundelie-
gende Syntax noch die geringe Datenpräsentation eine zweifelsfreie Schlussfolgerung oder Überprüfung
ermöglichen, zeigt Reinkowskis (2001: 175) Datum in (i), dass die Annahme der exklusiven Gültigkeit
von 2P im BKS problematisch ist:
(i) [S[PP U poslijepodnevnom radu ] [NP sudionici ovoga skupa ] [VP razmotrili su [NP modele poslovne
suradnje ] ] ] .
‚Nach der Mittagspause haben die Teilnehmer dieser Zusammenkunft die Modelle geschäftlicher
Zusammenarbeit erwogen.‘ (Reinkowskis Übersetzung.)
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Tabelle 1: Klitiktypologie der slavischen Sprachen (ohne Ostslavisch).
Special-Clitic-Sprachen Simple-Clitic-Sprachen
2P-Sprachen VA-Sprachen
Bosnisch-Kroatisch-Serbisch Bulgarisch Polnisch
Slovakisch Mazedonisch
Slovenisch
Tschechisch
Slovakisch sind zweifelsfrei 2P-Sprachen. Bei Rothstein (1993: 725) sowie Birnbaum und
Molas (2012: 159) ist die Auffassung zu finden, das Polnische sei im Wesentlichen eine
2P-Sprache.
Die Hauptargumente für die typologische Sonderstellung des Polnischen sind:
1. die distributive Freiheit der Klitika, die eine Analyse als 2P oder VA verbietet, womit
Special-Clitic-Status ausgeschlossen wird (Franks und King 2000: 158),
2. das Fehlen obligatorischer klitischer Gruppen (Franks und King 2000: 151),
3. die Missachtung der strengen linearen Abfolge der Klitika, wie sie für andere slavi-
sche Sprachen angenommen wird (Franks und King 2000: 157-158).
Hinsichtlich der typologischen Klassifizierung ist anzumerken, dass Franks‘ und Kings
Definitionen Diskrepanzen aufweisen, auf die nur kursorisch eingegangen werden kann:
Ihre Auffassung von Simple und Special Clitics weicht in grundlegenden Punkten von
derjenigen Zwickys (und Pullums) ab. Während ein Element wie das interrogativische
li/li im Russischen nach Zwicky und Pullum (1983) als Special Clitic analysiert würde,
betrachtet es Franks (2010: 4-5) als Simple Clitic. Das definitorische Merkmal der Flexion
ist ebenfalls problematisch. Einerseits handelt es sich bei den Simple Clitics des Deut-
schen oder Englischen um flektierende Elemente (vgl. dt. Haste mal ’ne Mark?,Habta
mal ‘nen Lappen? ; engl. I’mhappy.,You’re right.,She’stough. usw.). Andererseits ge-
hört es zu den prototypischen Eigenschaften pronominaler Elemente im Slavischen nach
Kasus, Numerus und Genus zu flektieren, so auch im Polnischen. Damit ist eine Analyse
polnischer Kurzpronomina als Simple Clitics, wie sie im weiteren Verlauf diskutiert wird,
per definitionem kontradiktorisch.
3 Klitische Phänomenologie
3.1 Distribution pronominaler Klitika im Polnischen
Für die Untersuchung der Positionierung pronominaler Klitika im Polnischen führte der
Autor eine Fallstudie zum klitischen Pronomen der 3. Sing. Mask./Neut. Dat. mu ‚ihm‘
durch. Es wurden Daten aus der gesprochenen Komponente des Polnischen Nationalkorpus
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(Narodowy Korpus Języka Polskiego, NKJP) erhoben. Gesprochene Sprache macht 10%
des Datenvolumens des NKPJ aus (Przepiórkowski et al. 2009: 49). Die Wahl des Prono-
mens mu wird in Analogie zum Tschechischen begründet, für das mit den Pure Clitics
nach Avgustinova und Oliva (1995, 1997) bzw. Lexikalischen Klitika nach Junghanns
(2002a) eine Menge eineindeutig klitischer Elemente bestimmt wurde. Fried (1994: 166)
stimmt hinsichtlich der Menge eindeutiger 2P-Klitika mit diesen Arbeiten überein.6
Einer typologischen Betrachtung genügt zunächst eine Beschreibung mittels einer ober-
flächennahen Phrasensyntax. Die Positionsbestimmung des Klitikons geschieht relativ zur
linken Satzperipherie. Syntaktische Konstituenten werden jeweils als ein Element gezählt,
sodass eine satzinitiale Konstituente in Position 1, die folgende Konstituente in Position
2 usw. steht. Satzkoordinierende Konjunktionen, wie i‚und‘, albo ‚oder‘, ale ‚aber‘ sowie
deren Äquivalente, zählen als Position 0, da sie außerhalb der syntaktischen Struktur ste-
hen. Subordinierende Elemente, wie die Komplementierer że ‚dass‘, bo ‚weil‘ usw., werden
in Übereinstimmung mit der Literatur als Position 1 des Nebensatzes gezählt. In der Tat
weist das Polnische distributive Variation auf. Realisierungen von mu sind in satzinitialer
Stellung (6a-b) und – sowohl im selbständigen (6c) als auch subordinierten Satz (6d) – in
der Wackernagelposition belegt. Ferner ist mu in dritter (6e-f), vierter (6g-h) und fünfter
Position (6i-j) zu finden. Belege für Realisierungen in sechster (6k) und achter Position
(6l) liegen ebenfalls vor.7
(6) a. [Sprzedłużył umowę ] [Smu dali jakiegoś nowego eriksena fajny ]
‚(Er hat den Vertrag verlängert.) Sie gaben ihm irgendein neues Ericsson —
toll(es Ding).‘
b. [Simu to wino nie wyszło ]
‚Und ihm ist dieser Wein nicht gelungen.‘
c. [S[NP babcia Basia ] mu tam zawsze pokój udostępni ]
‚Oma Basia stellt ihm da immer ein Zimmer zur Verfügung.‘
d. [Sże mu nie smakuje ]
‚... dass es ihm nicht schmeckt.‘
e. [S[NP koszulę ] [NP ty ] mu zabrałeś ]
‚Das Hemd hast du ihm weggenommen.‘
f. [Sże [NP ostatnie listki ] mu obcinam ]
‚... dass ich ihm die letzten Blätterchen abschneide.‘
g. [S[AdvP tam ] [AdvP jakoś ] [NP dziewczyna ] mu z przodu pokazywała ]
‚Dort hat ein Mädchen ihm irgendwie [etwas] vorne gezeigt.‘
h. [Sbo [NP inni ludzie ] [VP przynieśli mu tylko po dziesięć ] ]
‚... weil ihm andere Leute nur je zehn mitbrachten.‘
i. [S[AdvP więc ] [NP chłopaki ] [PP ze swoich części junakowskich ] [VP składają
mu trzeciego teraz junaka ] ]
‚Also schrauben die Jungs ihm aus ihren Junakteilen jetzt eine dritte Junak.‘
j. [Sbo [AdvP tam ] [AdvP przynajmniej ] [NP nikt ] mu nie patrzy na ręce ]
‚... weil ihm dort wenigstens niemand auf die Hände schaut.‘
6Diese Menge umfasst pronominale (mi,ti,,mu,ho), reflexive (se,si ), auxiliare (jsem,jsi,jsme,jste )
sowie konditionale Klitika (bych,bys,by,bychom,byste ; letztere nicht bei Fried 1994).
7Für Satzposition 7 wurden keine Belege gefunden.
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k. [Sjak [AdvP już ] [AdvP tam ] [AdvP nieraz ] [NP coś ] mu naprawdę apetytu
wielkiego narobi ]
‚... wenn ihm dort oft schon etwas einen wirklich großen Appetit macht.‘
l. [Si [AdvP nawet ] [NP te sondaże ] [NP poparcia ] [Interjektion powiedziałbym ]
[AdvP jeszcze ] [AdvP i tak ] [VP dają mu za duże ] ]8
‚Und selbst diese Sondierungen geben ihm, würde ich sagen, noch sowieso eine
zu große Unterstützung.‘
(Pol.; NKJP)
Es wurden insgesamt 1765 Tokens sowohl selbständiger als auch subordinierter Sätze erho-
ben, die ausschließlich ein lexikalisches Verb enthalten.9Eine quantitative Untersuchung
der Distributionen offenbart eine ungleichmäßige Verteilung von mu auf die verschiedenen
Positionen (vgl. Tab. 2). Wir finden eine beträchtliche Häufung auf der zweiten Satzpo-
sition mit 59,77 %. Dem folgt die dritte Position mit 27,88 %. Die übrigen Positionen
werden zunehmend marginal mit 4,48 % für die satzinitiale Stellung, 6,74 % in vierter,
0,85 % in fünfter, 0,23 % in sechster und 0,06 % in achter Position.
Tabelle 2: Quantitative Analyse der Distribution von mu.
Position Absolut Relativ
1. 79 4,48 %
2. 1055 59,77 %
3. 492 27,88 %
4. 119 6,74 %
5. 15 0,85 %
6. 4 0,23 %
7. — —
8. 1 0,06 %
Die statistischen Verhältnisse lokalisieren das Polnische in der Nähe der 2P-Sprachen,
zumal positionelle Abweichungen in diesen Sprachen belegt sind. In der Literatur werden
v.a. sog. Clitic-First- und Clitic-Third-Konfigurationen diskutiert (vgl. Franks und
King 2000: 225-234, mit Verweisen). Beispiele 7-10 geben entsprechende Belege für das
Tschechische, Slovakische, Slovenische bzw. BKS wieder.
(7) a. Se mi včera narodil kluk [...].
‚Gestern wurde mein Sohn geboren [...].‘
(Tsch.; Lenertová 2004: 149)
8Der Status der Interjektion bleibt für die oberflächenorientierte Positionsbestimmung zunächst offen,
müsste jedoch geklärt werden, da sie ggf. eine Neubewertung der numerischen Position von mu zur
Folge hat. Ich danke Uwe Junghanns (pers. Mitt.) für diesen Hinweis.
9Satzkonstruktionen mit syndetischen oder asyndetischen Verbgefügen wurden von der Analyse ausge-
schlossen, wie infinite Verbkomplemente (nikt mu nie kazał pokazać zdjęcia ‚Niemand befahl ihm, die
Fotos zu zeigen.‘, NKJP), synthetisches Futur, Modalverb- und Passivkonstruktionen. Verbformen auf
no/to, Gerundien und Infinitive blieben ebenfalls unberücksichtigt (letztere mit Ausnahme von durch
żeby,aby ‚damit‘ eingeleiteten finalen Nebensätzen).
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b. Věřil byste, že [ i revma ] jsem ztratil?
Würden Sie glauben, dass ich sogar mein Rheuma verloren habe?‘
(Tsch.; Lenertová 2004: 137)
(8) a. Som čítal doma.
‚Ich habe zu Hause gelesen.‘
(Slk.; Franks und King 2000: 123)
b. Myslím, že [ to auto ] mu dal včera.
‚Ich glaube, dass er ihm das Auto gestern gab.‘
(Slk.; Franks und King 2000: 135)
(9) Sem ga videl.
‚Ich habe ihn gesehen.‘
(Sln.; Franks und King 2000: 42)
(10) [ Svaki dan ] dogodi se najmanje jedna prometna nezgoda.
‚Jeden Tag ereignet sich zumindest ein Verkehrsunfall.‘
(BKS; Franks und King 2000: 229)
3.2 Klitische Gruppen
Daten wie in 11 werden als Evidenz für das Fehlen klitischer Gruppen im Polnischen
herangezogen. Die pronominalen Klitika müssen nicht notwendigerweise eine Gruppe mit
den Auxiliaren bilden, sondern sind durch weiteres Material von ihnen getrennt.10 Jedoch
zeigen die von Lenertová (2004) für das Tschechische diskutierten Daten, dass es auch
dort zwischen unterschiedlichen morpho-syntaktischen Kategorien keine klitische Gruppe
im Sinne einer obligatorischen syntaktischen Konfiguration gibt. In 12 können die kon-
ditionalen (abych,aby) getrennt von den reflexiven (si) bzw. pronominalen Klitika ()
stehen.
(11) a. Dlaczego
warum
sie.3sg.akk
kupiła
kaufen.prät.3sg.f
-ś?
aus.2sg
Warum hast du sie gekauft?‘
b. Kiedy
wann
-śmy
aux.1pl
zobaczyli
sehen.prät.3pl.m
go?
ihn
Wann haben wir ihn gesehen?‘
(Pol.; Franks und King 2000: 338)
10 Der exakte Status der Auxiliare wird an dieser Stelle nicht diskutiert. Rappaport (1988: 320) und
Franks und King (2000: 144) zufolge vollziehen sie einen Wandel zu Affixen. Ventayol-Boadas (2014)
Ergebnisse bestätigen einen fortschreitenden Grammatikalisierungsprozess.
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Irenäus Kulik. 2018. Erscheint in Linguistische Beiträge zur Slavistik. XXV.
JungslavistInnen-Treffen in Göttingen 13.-16. September 2016. Specimina Philologiae
Slavicae.
(12) a. [...] abych
comp.kond.1sg
jeden
eins.m.akk
si
refl.dat
nechal
lassen.prät.m.sg
a
und
ostatní
andere.akk
podepsal.
unterschreiben.prät.sg.m
‚... dass ich einen behielt und die anderen unterschrieb.‘
b. [...] aby
comp.kond.3sg
nějakým
irgendein.inst
komplotem
Komplott.inst
sie.dat.sg
bylo
sein.prä.3sg.n
zebraněno
behindern.ppp.n.sg
ve
in
svobobném
frei.lok.sg
rozhodování.
Entscheidung.lok.sg
‚... dass sie von irgendeinem Komplott an einer freien Entscheidung gehindert
würde.‘
(Tsch.; Lenertová 2004: 138-139)
Um die Frage der Gruppenbildung im Polnischen näher zu beleuchten, wurden geordnete
Paaren von Kurzpronomina mit unterschiedlichen Wortabständen (d= 0, 1, 2, 3, 4, 5) im
NKJP erhoben.11 Die Ergebnisse werden in Tab. 3 präsentiert. Die mit Typ1 bezeichnete
Spalte beinhaltet elf Tupel; Typ2 bezeichnet die jeweils inverse Linearisierung, sodass eine
Gesamtmenge von 22 Typen ausgewertet wurde.
Tabelle 3: Tokenzahl für Typen geordneter Pronominalpaare nach Abstand d.
Typ1 Wortabstand dTyp2 Wortabstand d
0 1 2 3 4 5 0 1 2 3 4 5
<mi, je> 5 2 — — — <je, mi> — — — — — —
<go, mu> — — — — — <mu, go> 1 — — — — —
<mi, ją> 16 1 1 1 <ją, mi> — — — — — —
<cię, go> — — — — — <go, cię> — — — — — —
<go, jej> — — — — — <jej, go> 1 — — — — —
<ci, mu> — — — — — <mu, ci> — — — — — —
<mu, cię> — — — — — <cię, mu> — — — — — —
<mu, jej> — — — — — <jej, mu> — — — — — —
<się, go> 74 7 — — — — <go, się> 10 — — — — —
<mu, się> 297 7 2 <się, mu> 5 5 3
<mi, się> 279 48 8 3 1 1 <się, mi> 5 1
Aus Tab. 3. erschließt sich trotz typenspezifisch variierender Belegdichte, dass die Quan-
titäten mit zunehmendem Abstand geringer werden. Die Auswertung der Gesamtmenge
aller 784 Satztokens in Tab. 4 zeigt, dass die unmittelbare Kontaktstellung der Pronomina
mit 88,39 % eindeutig vorherrscht. Mit zunehmendem Abstand werden die Vorkommnisse
seltener.
11 Die Kurzpronomina gehören derselben Satzdomäne an. Alle Daten stammen aus der gesprochenen
Komponente. Größere Abstände (d= 6, 7, 8, 9) erzielten keine verwertbaren Treffer.
c
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Tabelle 4: Quantitative Analyse der Wortabstände zwischen je zwei Pronomina.
Wortabstand dAbsolut Relativ
0 693 88,39 %
1 69 8,80 %
2 16 2,04 %
3 3 0,38 %
4 2 0,26 %
5 1 0,13 %
3.3 Linearisierung der Klitika
Für Special-Clitic-Sprachen wird die Wirksamkeit strenger Ordnungsprinzipien innerhalb
der klitischen Gruppe geltend gemacht. Franks und King (2000; s. dort in den Abschnitten
zu den Einzelsprachen) fassen folgende Muster zusammen:
BKS: li >aux >dat >akk >gen >se refl >je
Sln.: naj >bi /auxprät >refl >dat >akk >gen >auxfut /je
Bg.: šte >aux >dat >akk >e
Maz.: da >ne >´
ke /bi >aux >dat >akk >e/se
Tsch.: li >cond /aux >datna /refl >data>akk /gen12
Slk.: by >aux >refl >datna >data>akk >gen
Obwohl es sprachspezifische Unterschiede gibt, lässt sich sprachübergreifend die Abfol-
ge aux >dat >akk/gen13 für alle slavischen Special-Clitic-Sprachen generalisieren.
Nach Ausweis der Literatur fehlen dem Polnischen solche rigiden Ordnungsprinzipien
(vgl. Franks 2009: 731). Logisch folgerichtig muss die lineare Abfolge klitischer Elemente
im Polnischen arbiträr sein. Zur Prüfung dieser These wurden erneut geordnete Paare
pronominaler Klitika untersucht, jedoch ausschließlich mit Wortabstand 0. Der Kanon
der o.g. Paare wurde um vier weitere Tupel sowie die invers geordneten Paare ergänzt.
Tab. 5. präsentiert alle 30 Typen.
Die Auswertung der Satztoken, in denen Dativ und Akkusativ/Genitiv gemeinsam vor-
kommen, zeigt, dass die Abfolge dat >akk/gen (795 von 824) mit 96,48 % eindeutig
überwiegt.14 Der gleiche Befund liegt beim gemeinsamen Auftreten von Dativ und Refle-
xivum się vor, die Abfolge dat >refl (762 von 791) überwiegt mit 96,33 %.15 Weitere
Aussagen, insbesondere zur Abfolge von Akkusativ und Genitiv, bedürfen synkretismus-
bedingt einer systematischen Analyse. Sie bleibt aus Platzgründen künftigen Forschungen
vorbehalten.
Die quantitative Analyse fügt sich gut in das gesamtslavische Linearisierungsmuster ein
12 Die Indizes na und aunterscheiden die klitischen Dativpronomina hinsichtlich Nicht-Argument und
Argument, was für die Diskussion in Abschnitt 3.6 von Bedeutung sein wird.
13 Sofern Genitiv als grammatische Kategorie vorhanden bzw. morphologisch unterschieden wird.
14 Die relevanten Typen sind: <mi, je>, <mi, ją>, <jej, go>, <mu, go>, <mu, się>, <mi, się>, <się,
jej>, <im, się> und <ci, ją> sowie die invers geordneten Tupel.
15 Die relevanten Typen sind: <mu, się>, <mi, się>, <się, jej>, <im, się> und die inversen Tupel.
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Tabelle 5: Quantitative Analyse der Wortabstände zwischen je zwei Pronomina.
Typ Anzahl Typ Anzahl Typ Anzahl
<mi, je> 5 <go, mu> <mi, się> 279
<je, mi> <mu, go> 1 <się, mi> 5
<mi, ją> 16 <cię, go> <się, jej>* 48
<ją, mi> <go, cię> <jej, się>* 248
<go, jej> <ci, mu> <im, się>* 186
<jej, go> 1 <mu, ci> <się, im>* 19
<mu, cię> <mu, jej> <mu, ją>*
<cię, mu> <jej, mu> <ją, mu>*
<się, go> 74 <mu, się> 297 <ci, ją>* 10
<go, się> 10 <się, mu> 5 <ją, ci>*
Die mit Asterisk (*) markierten Typen ergänzen die Menge aus Abschnitt 3.2.
und passt zu dem für das Polnische skizzierten Template von Franks und King (2000:
156): part >by >aux >dat >refl >akk >gen >inst.16
3.4 Konjunktion i‚und‘ als Gastgeber
Franks (2010: 142) bemerkt, dass die koordinierende Konjunktion i/a‚und‘ sowohl im
Polnischen als auch Bulgarischen als Gastgeber für Klitika auftritt. Dies bezeichnet er
mit Blick auf das Bulgarische als „sonderbaren Umstand“ (orig. „curious fact“, Franks
2000: 42). Die Fähigkeit, Klitika mittels koordinierender Konjunktionen zu stützen, ist
keine exzeptionelle Eigenschaft des Polnischen (13) oder Bulgarischen (14). Äquivalente
Konstruktionen sind auch für das Slovenische (15) und Slovakische (16) belegt.
(13) I wczoraj widzieliśmy.
‚Und wir haben sie gestern gesehen.‘
(Pol.; Franks 2010: 142)
(14) A go skri.
‚Und [sie] versteckte ihn [= den Brief].‘
(Bg.; Franks und King 2000: 63)
(15) ...in smo prišli v pokrajino.
‚... und wir kamen ins Land.‘
(Sln.; Franks und King 2000: 42)
16 Das Kürzel part steht für Partikeln. Die obligatorische Folge konditionales by >aux darf nicht als
Bestätigung des Wortfolgemusters missinterpretiert werden, denn es handelt sich strenggenommen um
einen flektierenden Konditionalmarker, wie im Tschechischen und BKS.
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(16) A som sa ho spýtal.
‚Und ich habe ihn gefragt.‘
(Slk.; Franks und King 2000: 134)
3.5 Haplologie des Reflexivums
Franks und King (2000: 248) zufolge ist in der gesamten Slavia die Haplologie des Refle-
xivums festzustellen. Sie tritt ein, wenn nach Clitic Climbing17 mehrere Instanzen von
refl innerhalb derselben phrasalen Domäne stünden. Dadurch wird innerhalb einer kom-
plexen Satzdomäne mit mehreren lexikalischen Verben nur eines von mehreren lexikalisch
lizenzierten Reflexivpronomina overt realisiert.
(17) a. Jan se snažil elegantně obléci.
b. * Jan se se snažil elegantně obléci.
‚Jan bemühte sich, sich elegant anzuziehen.‘
(Tsch.; Avgustinova und Oliva 1997: 31)
(18) a. Jan stara się golić codziennie rano.
b. * Jan stara się się golić codziennie rano.
‚Jan bemüht sich, sich jeden Morgen zu rasieren.‘
(Pol.; Kupść 1999: 104)
Obwohl die beiden Verben im tschechischen Beispiel 17 jeweils ein Reflexivum lizenzie-
ren (snažit se ‚sich bemühen‘, obléci se ‚sich ankleiden ‘), ist 17b ungrammatisch. In 18
bestätigt sich der Befund für das Polnische (starać się ‚sich bemühen ‘, golić się ‚sich
rasieren‘).18
3.6 Freie Dative
Sog. freie Dative (alternativ: Dativ der Anrede oder Dativus ethicus; vgl. Franks und
King 2000: 106) sind pronominale Elemente ohne Argumentrolle, deren Bedeutungsbei-
trag pragmatischer Natur ist. Sie werden üblicherweise mit „ich sage dir“ oder „kann ich
17 Clitic Climbing bezeichnet die Realisierung eines in einer subordinierten Phrase lizenzierten pronomi-
nalen Klitikons in einer hierarchisch höheren Phrase. Diese Definition von Clitic Climbing ist weiter
gefasst als diejenige bei Junghanns (2002b: 57).
18 Die Realisierung der Reflexivklitika in ihren Ursprungsdomänen ist jedoch grammatisch, wie die Daten
von Avgustinova und Oliva (1997: 31) für das Tschechische in (i) und Kupść (1999: 104) für das Polnische
in (ii) zeigen:
(i) Jan se snažil se elegantně obléci.
(ii) Jan stara się golić się codziennie rano.
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dir sagen“ übersetzt. Den Linearisierungshierarchien zufolge nehmen sie eine Position in-
nerhalb der klitischen Gruppe ein (dort mit Index NA). Franks und King (2000) führen
Belege freier Dative für das Polnische (19), Tschechische (20) und Slovakische (21) an.19
Beispiel 22 zeigt, dass ähnliche Strukturen auch außerhalb der Westslavia, etwa im Kroati-
schen auftreten, wo sie Daković (2013: 250) zufolge ein vergleichsweise häufiges Phänomen
seien.
(19) Ona ci mu wtedy nagadała.
‚Sie hat ihm damals die Meinung gegeigt (, sage ich dir).‘
(Pol.; Franks und King 2000: 157)
(20) On ti jí nepomůže.
‚Er wird ihr nicht helfen (, sage ich dir).‘
(Tsch.; Franks und King 2000: 105)
(21) Tak som ti mu pomohol.
‚So habe ich ihm geholfen (, sage ich dir).‘
(Slk.; Franks und King 2000: 131)
(22) Frajeri ti vole vesele mačke!
‚(Weißt du,) Kerle mögen fröhliche Mädchen.‘20
(Kr.; Daković 2013: 251)
4 Fazit
Es wurde gezeigt, dass die Klitika des Polnischen – wenigstens in der Fallstudie zum
Pronomen mu – trotz distributiver Variation eine deutliche Präferenz für die Wacker-
nagelposition aufweisen, womit das Polnische dem BKS, Slovakischen, Slovenischen und
Tschechischen typologisch ähnelt. Wie im Polnischen weisen die Klitika in diesen Sprachen
positionelle Alternationen zur Wackernagelstellung auf, über deren quantitative Verhält-
nisse allerdings keine Berichte vorliegen. Das Merkmal klitischer Gruppenbildung kann
nicht als Ausschlusskriterium dienen, denn einerseits ist die Gruppierung von Klitika
nicht in allen 2P-Sprachen obligatorisch, wie am Beispiel des Tschechischen ersichtlich.
Andererseits fällt die deutliche Präferenz für die Kontaktstellung der Klitika sowie für
deren „templatische“ Linearisierung im Polnischen auf. Hinsichtlich der Stützfunktion der
koordinierenden Konjunktion i‚und‘ ist das Polnische nicht exzeptionell. Die Haplologie
der Reflexivpronomina ist ein mutmaßlich gesamtslavisches Phänomen, das wenigstens am
Polnischen und Tschechischen exemplifiziert wurde. Freie Dative kommen in typologisch
äquivalenten Konstruktionen im Polnischen, Tschechischen, Slovakischen und Kroatischen
19 Zur besseren Unterscheidung sind freie Dative durch Unterstreichung typographisch abgesetzt.
20 Die Übersetzung lehnt sich an Dakovićs (2013: 251) Übersetzung ins Polnische an.
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vor. Die diskutierten Befunde legen nahe, dass die typologische Sonderstellung des Polni-
schen nicht ausreichend begründet ist, im Gegenteil: Das Polnische zeigt typisch slavische
Züge und ist den anderen 2P-Sprachen ähnlicher als bisher angenommen. Aus diesem
Schluss folgt die Forderung nach einer wissenschaftlichen Agenda, deren Ziel es ist, das
Funktionieren der klitischen Systeme im Slavischen auf einer breiten empirischen Basis
zu erhellen, d.h. in Form eines hinreichend großen Datenkorpus. Generalisierungen soll-
ten nicht auf der Grundlage vereinzelter Konstruktionen, sondern vor dem Hintergrund
einer möglichst erschöpfenden Datenauswertung erfolgen. Klitische Phänomene müssen in
der Gesamtheit ihrer Erscheinungsformen erfasst und untersucht werden, wofür eine sta-
tistische Auswertung ebenfalls von Bedeutung ist. Künftige Forschungen müssen diesem
Desiderat Rechnung tragen, wenn sie zu einem besseren Verständnis klitischer Systeme
im Polnischen und anderen slavischen Sprachen beitragen sollen.
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7 Streszczenie
Tematem niniejszego artykułu jest klitycyzacja w języku polskim oraz jej znaczenie dla
klasyfikacji typologicznej języka polskiego. Klityki języków słowiańskich klasyfikowane są
według różnych parametrów, takich jak ich umiejscowienie w zdaniu (pozycja Wackerna-
gla lub przyczasownikowa), wymagania prozodyczne (enklityki lub proklityki) oraz rodzaj
elementów klitycznych (zaimki, czasowniki posiłkowe, partykuły). W literaturze naukowej
istnieje teza, iż klitycyzacja w języku polskim różni się od klitycyzacji w innych językach
słowiańskich, jak np. języku czeskim lub serbsko-chorwackim. Opierając się na danych z
Narodowego Korpusu Języka Polskiego (NKJP) oraz literatury naukowej autor udowad-
nia, iż powyższe stwierdzenie nie posiada dostatecznego uzasadnienia, wręcz przeciwnie
– język polski wykazuje tu podobieństwo do innych języków słowiańskich. Wniosek ten
wynika z badania następujących fenomenów: (1) pozycji składniowej klityk zaimkowych,
(2) klityk występujących w ciągłej sekwencji oraz (3) ich szyku, (4) spójnika poprzedza-
jącego enklityki, (5) haplologii klityki zaimka zwrotnego, (6) wystąpienia i funkcji klityki
zaimkowej w celowniku etycznym (dativus ethicus). Z powyższej analizy wynika, iż bada-
nia empiryczne są konieczne, aby pogłębić wiedzę na temat klitycyzacji oraz zrozumieć
jej funkcjonowanie w języku polskim, jak również innych językach słowiańskich.
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Irenäus Kulik. 2018. Erscheint in Linguistische Beiträge zur Slavistik. XXV.
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Article
This article explores the empirical properties of Czech pronominal clitics, which differ from their counterparts in other second position (2P) clitic languages (such as Serbian/Croatian) in a number of respects. After looking at clitic-first and clitic-third phenomena and their semantic/pragmatic impact, it is argued that Czech clitic placement must be basically driven by syntax, and that 2P is a heterogeneous structure in which pronominal clitics occupy a TP-external position below clitic auxiliaries but higher than the copula. The linear ordering of pronominal clitics within their cluster has a certain limited flexibility due to phonological requirements, which affect both monoclausal clitic placement and clitic climbing. Finally, the empirical details of clitic climbing in Czech are discussed, showing that it cannot be reduced to movement for case checking or to the phenomenon of restructuring known from Romance languages.
Article
Through a systematic analysis of the behavior of second-position clitics in Czech, this paper addresses issues that are also of interest in the general study of cliticization. It is argued that clitic placement in Czech is a syntactic process conditioned prosodically; the host is defined syntactically but must also contain a phonological word. There is also a discrepancy in the orientation of the syntactic vs. phonological host: these clitics are syntactically enclitic but phonologically uncommitted. A crucial role in explaining the alternative patterns of phonological attachment is attributed to discourse factors. It follows that the relationship between syntactic and phonological considerations in clitic placement is more complex than just a matter of determining unambiguous enclisis vs. proclisis.
Wackernagel position and related phenomena in Czech
  • Tania Avgustinova
  • Karel Und
  • Oliva
Avgustinova, Tania und Karel Oliva. 1995. Wackernagel position and related phenomena in Czech. Wiener Slavistisches Jahrbuch 41, 21-42.
Das Polnische. Einführung in die slavischen Sprachen, hrsg. von Peter Rehder
  • Henrik Birnbaum
  • Jerzy Und
  • Molas
Birnbaum, Henrik und Jerzy Molas. 2012. Das Polnische. Einführung in die slavischen Sprachen, hrsg. von Peter Rehder, 145-164. 7. Auflage. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft.
Dativus ethicus w języku chorwackim i polskim. W dialogu języków i kultur III, hrsg. von Krzysztof Fordoński und Łukasz Karpiński
  • Sybilla Daković
Daković, Sybilla. 2013. Dativus ethicus w języku chorwackim i polskim. W dialogu języków i kultur III, hrsg. von Krzysztof Fordoński und Łukasz Karpiński, 241-254. Warschau: Lingwistyczna Szkoła Wyższa w Warszawie.
Clitics at the interface. Clitic phenomena in European languages, hrsg. von Frits Beukema und Marcel den Dikken
  • Steven Franks
Franks, Steven. 2000. Clitics at the interface. Clitic phenomena in European languages, hrsg. von Frits Beukema und Marcel den Dikken, 1-46. Amsterdam: John Benjamins.