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Video-Beobachtungen an Horsten des Wespenbussards Pernis apivorus in Schleswig-Holstein Video observations at nests of Honey-buzzards in Schleswig-Holstein

Authors:

Abstract

Ziesemer, F., M. Schlüter & T. Grünkorn 2021. Video-Beobachtungen an Horsten des Wespenbussards Pernis apivorus in Schleswig-Holstein. Corax 24: 369-380. We analyzed data from two nests, each with two nest- lings aged about three weeks until after fledging. Videos (with audio at one nest) and some photos were taken by day and by night, with some gaps due to technical issues. All young fledged. Both females spent the nights on the nests until the nestlings left to adjacent branches. Females fed the young until they were 45 to 53 days old. Males continued to feed for another four to five days. After a further one to three days, the young came to the nests for the last time. At both nests 77 % of the food items were wasp combs, the rest were frogs and nestling passerines, most of them thrushes, and a single bumblebee nest. The young obviously preferred wasp grubs and seemed to treat birds indifferently whereas, at least in one nest, they disliked frogs. Males supplied most of the prey items, with 71 resp. 81 % of all food items, with frogs and birds being over- represented in comparison to females. It is assumed that males tend to switch to alternative prey, when, during the summer, wasp nests become less available. Males that defend territories tend to stay closer to the nest whereas females, by extending their home ranges, can stick to wasp nests, their preferred prey. The nestlings were remarkably good-natured toward their siblings. If they struggled in an attempt to secure a food item they concentrated on the object, not on their rival. A nestling took up a twig and rearranged it (nest building behaviour) for the first time at nearly four weeks old. Scratching in the nest bowl, an indication of digging behaviour, occurred at an age of 32 to 39 days. At an age of 37 to 41 days the nestlings visited branches adjacent to the nest. Later, when the young temporarily left the surroundings of the nest, the adults would melo- diously call them to take over prey. Three adults were repeatedly observed to probe deep in the nest bowl by day and by night, thereby turning the head, seemingly pursuing and eating insect larvae (wasp grubs, maggots, beetle larvae?) which they may have heard moving in the nest construction. Gender roles may differ between pairs. The same is true for food provided for the nestlings. Its composition can be recorded reliably by video observation, whereas traditional methods, like sampling prey remains from the nest, may give biased results.
Corax 24 (2021)
369
369
Video-Beobachtungen an Horsten des Wespenbussards Pernis apivorus in
Schleswig-Holstein
Fridtjof Ziesemer, Malte Schlüter & omas Grünkorn
Ziesemer, F., M. Schlüter & T. Grünkorn 2021. Video-Beobachtungen an Horsten des Wespenbussards Pernis
apivorus in Schleswig-Holstein. Corax 24: 369–380.
Wir überwachten zwei Wespenbussard-Horste mit jeweils zwei Jungen im Alter von etwa drei Wochen bis nach
dem Ausiegen. Videos, z. T. auch Fotos, wurden Tag und Nacht aufgezeichnet, an einem Standort mit Ton.
Beide Bruten verliefen erfolgreich. Die Weibchen übernachteten auf dem Horst, bis ihre Jungen Ästlinge wurden
und fütterten sie, bis die Jungen 45 bis 53 Tage alt waren. Die Männchen versorgten die Ästlinge noch vier bis
fünf Tage länger. Nach weiteren ein bis drei Tagen erschienen die Jungen zum letzten Mal auf dem Horst.
77 % der eingetragenen Beuteobjekte waren in beiden Horsten Wespenwaben, die übrigen Frösche und nest-
junge Singvögel, überwiegend Drosseln, sowie ein Hummelnest. Die Jungen bevorzugten eindeutig Wespenlar-
ven, schienen Vögel neutral aufzunehmen und nahmen Frösche zumindest in einem Horst weniger gern bis
widerwillig.
71 bzw. 81 % aller Beuteobjekte schaen die Männchen herbei, darunter überproportional viele Frösche und
Vögel. Vermutlich greifen Männchen mehr auf Ersatzbeute zurück, wenn im Laufe des Sommers Wespennester
knapper werden. Sie sind mehr an ihre Reviere gebunden als die Weibchen, die im Laufe der Saison ihre Such-
gebiete ausweiten und bei Wespenbrut als bevorzugter Nahrung bleiben können.
Die Jungen waren untereinander verträglich. Auseinandersetzungen konzentrierten sie aufs Futter, nicht auf ihr
Geschwister. Nestbauverhalten zeigte ein Jungvogel schon mit knapp vier Wochen; Scharren in der Nestmulde,
wie beim späteren Ausgraben von Wespennestern, begann im Alter von 32 bis 39 Tagen. Ästlinge wurden sie mit
37 bis 41 Tagen. Wenn sie sich außer Sichtweite vom Horst entfernt hatten, konnten die Altvögel, die sich sonst
fast immer still verhielten, sie zur Beuteübergabe mit ötenden Tönen herbeirufen.
Drei der vier Altvögel bohrten mit drehenden Kopewegungen o tief in der Nestmulde, anscheinend auf der
erfolgreichen Suche nach kleinen Beutetieren (Larven von Wespen, Fliegen, Käfern?). Dies geschah nicht nur
tags, sondern auch mitten in der Nacht.
Im Vergleich mit anderen Untersuchungen fällt auf, dass die Rollenverteilung der Eltern durchaus unterschied-
lich sein kann. Dies gilt auch für die Zusammensetzung der Nahrung für die Jungen. Deren Anteile lassen sich
anhand der Videoaufzeichnungen gut bestimmen, während traditionelle Methoden wie Beuteaufsammlungen
auf dem Horst ein schiefes Bild der Verhältnisse ergeben können.
Dr. Fridtjof Ziesemer, Zum Brook 16, Bauersdorf, 24238 Lammershagen, f.ziesemer-corax@t-online.de
Malte Schlüter, Söhren 6, 24248 Mönkeberg, maltera@gmx.de
omas Grünkorn, Bioconsult-SH, Schobüller Straße 36, 25813 Husum, t.gruenkorn@bioconsult-sh.de
Einleitung
Schon vor vielen Jahrzehnten ist das Verhalten von
Wespenbussarden am Horst beobachtet worden (Gentz
1935, Wendland 1935, Holstein 1944, Gerber 1949).
Damals war es nur möglich, das Geschehen aus einem
Versteck im Nachbarbaum oder vom Boden aus per-
sönlich zu beobachten und Ausschnitte fotograsch
festzuhalten. Die Methode ermöglicht intensive Erleb-
nisse, stellt aber auch hohe Anforderungen an den
Beobachter, lange im Versteck auszuharren und die o
schnellen Aktionen am Nest richtig zu erkennen und zu
interpretieren.
Demgegenüber erlaubt es die automatisierte Beob-
achtung mit Wild- oder Überwachungskameras, die
Beobachtungszeit wesentlich (im Idealfall lückenlos)
auszudehnen und das in Videosequenzen gespeicherte
Geschehen im Nachhinein beliebig o zu betrachten.
Lücken in der Erfassung und Irrtümer in der Bewer-
tung der Ereignisse können damit eingeschränkt wer-
den.
Schon die Beobachtungen im vorigen Jahrhundert
haben gezeigt, dass Vogel-Individuen ihre Eigenheiten
haben, die sich auch auf die Zusammenarbeit der Paar-
Partner auswirken. Verschiedene Beobachter kamen
Ziesemer, F. et al.: Video-Beobachtungen an Horsten des Wespenbussards
370
deshalb an verschiedenen Horsten (Paaren) in Details
zu durchaus unterschiedlichen Ergebnissen. Wenn wir
hier über (nur) zwei weitere Paare berichten, dann tun
wir dies mit dem Ziel, das schon bekannte Spektrum
des Verhaltens zu ergänzen, unter anderem um Aspekte
des nächtlichen Geschehens, die mit Hilfe der Video-
Aufzeichnungen sichtbar wurden.
Material, Methode
An zwei Wespenbussardhorsten im Östlichen Hügel-
land Schleswig-Holsteins haben wir Kameras installiert,
als die Jungen im Alter von etwa drei Wochen beringt
wurden. Die Überwachung endete, nachdem die Jun-
gen selbstständig geworden waren.
2015 installierte Malte Schlüter an einem Horst bei
Dobersdorf (54,30° N, 10,31° E) einen von ihm selbst
konstruierten Kameraträger mit zwei Wildkameras
(Wild-Vision Full HD 5.0). Der Träger konnte an einer
Schnur herabgelassen werden, um Akkus und Speicher-
karten zu wechseln und arretierte sich nach dem
Hinaufziehen in einer fest im Baum montierten Halte-
rung. Die Kameras nahmen den Horst unter unter-
schiedlichen vertikalen Blickwinkeln auf. Sie speicher-
ten zu den Aufnahmen Datum, Uhrzeit und
Temperatur. Aufnahmen wurden durch Bewegung aus-
gelöst. Einstellungen wechselten, z. B. konnte eine
Kamera so eingestellt werden, dass der Bewegungssen-
sor ein Foto (2592 x 1944 Pixel) und anschließend ein
Ton-Video (640 x 480 Pixel) von 30 Sekunden Dauer
auslöste, während die andere eine Serie von drei bis fünf
Fotos machte. Durch die Bewegungen der Jungvögel
wurden die Kameras beinahe ständig ausgelöst.
2016 montierte omas Grünkorn eine Überwa-
chungskamera an einem Horst bei Sehestedt (54,37° N,
9,82° E). Sie speicherte Videos (1280 x 738 Pixel) ohne
Ton rund um die Uhr auf einem Laptop am Fuß des
Horstbaums. Kamera und Laptop waren durch eine
Datenleitung verbunden und wurden aus einer Blei-Gel-
Batterie (110 Ah) mit Energie versorgt. Laptop und Bat-
terie mussten etwa alle fünf Tage ausgewechselt werden.
Aufnahmen erfolgten an beiden Horsten tags in
Farbe, nachts mit Infrarot-Beleuchtung schwarz-weiß.
Durch Fehler in der Handhabung der Geräte kam es an
beiden Horsten zu zeitweisen Ausfällen in den Auf-
zeichnungen. In Dobersdorf konnten vom 21. Juli bis
28. August 471 Stunden mit 269 Fütterungen ausgewer-
tet werden, in Sehestedt vom 22. Juli bis 26. August 410
Stunden mit 173 Fütterungen. Darüber hinaus über-
wachten die Kameras die Horste noch elf (Dobersdorf)
bzw. sechs Tage (Sehestedt) nach der letzten Beobach-
tung eines Jungvogels.
Für die sichere Bestimmung der als Beute eingetrage-
nen nestjungen, teils noch unbeederten Vögel reichte
die Auösung der Aufnahmen nicht immer aus. Neben
typischen Merkmalen wie der getropen Brust, langen,
hellen Beinen und der Koporm von Singdrosseln oder
dunkleren Beinen und Geeder bei ähnlicher Koporm
von Amseln half der Größen- und Entwicklungsver-
gleich bei Jungvögeln, die noch weniger Merkmale aus-
gebildet hatten, sie wenigstens einer Gruppe (Drosseln)
zuzuordnen.
Danksagung
Wir danken den Waldeigentümern für ihre Zustim-
mung zur Montage der Kameras, Jan van Diermen für
seine Hilfe zur Bestimmung der nestjungen Bachstelze,
Isabell Eckle und Manuela Heiden für hilfreiche Anre-
gungen zur Verbesserung des Manuskripts und David
M. Fleet für die Verbesserung der englischen Texte.
Ergebnisse
Die Entwicklung beider Bruten verlief sehr ähnlich
(Tab. 1). Die Jungen schlüpen um den 1. Juli und wur-
den mit 37 bis 41 Tagen Ästlinge. Bis zu diesem Zeit-
punkt übernachteten die Weibchen bei ihnen im Horst.
Sie fütterten ihre Ästlinge, bis diese zwischen 45 und 53
Tage alt waren. Die Männchen fütterten noch fünf bzw.
vier Tage länger. Ein bis drei Tage später erschienen die
Jungen zum letzten Mal auf dem Horst, als sie zwischen
52 und 57 Tage alt waren.
Ernährung der Jungvögel
.
Die Altvögel brachten ihren Jungen im Mittel sieben-
bis achtmal täglich Nahrung (Tab. 2). Die Männchen
trugen mit 71 bzw. 81 % den größeren Anteil zur Nah-
rungsversorgung bei. Eingetragen wurden Wespenwa-
ben, Frösche, nestjunge Vögel und ein Hummelnest.
Den zahlenmäßig größten Anteil stellten in beiden
Horsten mit jeweils 77 % die Wespenwaben (Tab. 3),
vom Gewicht her überwogen sie sicherlich noch mehr.
Junge Vögel und Frösche standen bei beiden Paaren in
umgekehrtem Verhältnis: 20 % Frösche und 3 % Vögel
in Dobersdorf, 18 % Vögel und 4 % Frösche in Sehe-
stedt.
Unter den eingetragenen nestjungen Vögeln überwo-
gen Drosseln (Turdidae), die zum Teil als Amseln Tur-
dus merula und Singdrosseln Turdus philomelos
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bestimmt werden konnten (Abb. 1). Sie wurden bis
Anfang August regelmäßig verfüttert, zuletzt an beiden
Horsten am 15. August.
In den Dobersdorfer Horst trug das Männchen acht
nestjunge Vögel ein, das Weibchen einen. Es schienen
ausnahmslos Singdrosseln zu sein. Einen Vogel nahm
das Weibchen dem Männchen ab, zwei die Jungen. Die
anderen fünf verfütterte das Männchen selbst an die
Nestlinge. Das Weibchen war dabei nicht anwesend.
In den Horst Sehestedt wurden 31 nestjunge Vögel
eingetragen, und zwar augenscheinlich elf Singdrosseln,
fünf Amseln, zwölf unbestimmte Drosseln, zwei Eichel-
häher Garrulus glandarius und eine Bachstelze Mota-
cilla alba. 26 brachte das Männchen, fünf das Weibchen.
Das Männchen fütterte selbst, auch wenn das Weibchen
auf dem Horst stand. Elfmal war das Weibchen anwe-
send, in sieben Fällen verließ es den Horst, nachdem
das Männchen mit Beute gelandet war, viermal nahm es
ihm den Vogel zur Fütterung weg. Vier Vögel nahmen
die Jungen dem Männchen ab, das darauin abog.
Wenn das Weibchen einen Vogel brachte, verfütterte es
ihn stets selbst. Das Männchen war dabei nicht zugegen.
Die Jungen reagierten auf die angebotene Beute stark
unterschiedlich. Während Wespenlarven in beiden
Dobersdorf Sehestedt
Datum Alter der Jungen
(Tage) Datum Alter der Jungen
(Tage)
Schlupf ../.. ../..
Ästling (.-).. (-) /(-)  ./.. /
Weibchen übernachtet auf dem Horst bis ./.. / ./.. /
Letzte Fütterung durch Weibchen .. / .. /
Junge zuletzt am Horst ./..  ./.. /
Letzte Fütterung durch Männchen ..  .. /
Tab . 1: Verlauf der untersuchten Bruten. // Development of the observed broods during the edging period.
Fütterungen Tage Stunden Fütterungen/Tag Fütterungen/Stunde
Dobersdorf  , ,
  ,
Sehestedt   , , ,
Tab . 2: Fütterungsfrequenzen. * // Frequency of feeding by adult birds.
* Wegen Erfassungslücken sind die Datengrundlagen nicht für alle Berechnungen gleich. Für die Berechnung der
Fütterungen/Stunde in Dobersdorf wurden alle Aufzeichnungen zwischen Sonnenauf- und -untergang vom 21. Juli bis 27.
August verwendet, für die Berechnung der Fütterungen/Tag aber nur die von 24 vollständig aufgezeichneten Tagen. In Sehestedt
wurde für beide Werte dieselbe Datengrundlage verwendet: alle vollständig aufgezeichneten Tage vom 23. Juli bis 23. August.
Tab . 3: Von den Altvögeln eingetragene Nahrung (in Prozent; n = 269 in Dobersdorf, 173 in Sehestedt). // Prey items delivered to
the nests by the adult birds (%).
Dobersdorf Sehestedt
♂ ♀ ♂ ♀
Wabe wasp comb      
Frosch frog   
Vogel nestling bird , ,   
Hummelnest bumblebee nest    , ,
 , , ,  ,
1 rückgerechnet vom Beringungsdatum nach Flügellängen des 1./2. Jungvogels (Bijlsma 1997).
2 Ausfall der Kameras am 8. und 9. August; am 10. August waren beide Jungvögel Ästlinge.
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Horsten begierig und Vögel neutral aufgenommen wur-
den, waren die zahlreich eingetragenen Frösche zumin-
dest in Dobersdorf sichtbar unbeliebt. Die Jungen nah-
men die vorgehaltenen Froschstücke nur widerwillig
an. Besonders ausgeprägt illustriert dies eine Szene vom
15. August: Das Männchen landet mit Beute, die beiden
Ästlinge stürzen sich bettelnd darauf, bis sie erkennen,
dass es ein Frosch ist. Während das Männchen den
Frosch vorhält und versucht, Stücke abzureißen, beißt
der ältere Jungvogel es in Tarsus, Flügel und Schwanzfe-
dern, eine häug beobachtete, aggressive Reaktion auf
einen ohne (oder mit missliebiger) Beute landenden
Altvogel. Das jüngere Nestgeschwister wandert um das
Männchen herum und weicht so dem angebotenen
Frosch aus.
Spezielle Verhaltensweisen
.
Schon zu Beginn der Beobachtungen, als die Nestlinge
etwa drei Wochen alt waren, nahmen sie Wespenlarven
selbstständig aus den Waben. Jedoch fütterten auch die
Altvögel sie noch gelegentlich damit, zuletzt am 28. Juli
in Dobersdorf und am 1. August in Sehestedt. Selten
nahmen die Jungen auch einzelne Wespen auf, die über
die Waben liefen. Während sie einige verschluckten,
schleuderten sie andere fort. Es dauerte länger, bis die
Jungvögel auch Wirbeltiere selbstständig bewältigen
konnten. So ließen sie sich in Dobersdorf noch am 9.
August vom Männchen einen Vogel zerlegen, während
in Sehestedt jeder Altvogel am 2. August letztmalig
einen Vogel zerteilte. Frösche wurden bis zum Selbst-
ständigwerden der Jungen von den Altvögeln zerteilt,
sofern die Jungen sie nicht ganz schlucken konnten.
Die Jungvögel waren untereinander verträglich und
konnten Wespenlarven gemeinsam aus derselben Wabe
nehmen. Mit zunehmendem Hunger versuchten sie, die
Beute in Sicherheit zu bringen und mit Körper und Flü-
geln gegen ihr Nestgeschwister abzuschirmen. Schna-
belhacken als kurze Drohung kam in Dobersdorf fünf-
mal, in Sehestedt zweimal vor. Die Jungvögel zerrten
also an der Beute, nicht am Nestgeschwister. Jedoch bis-
sen sie die Altvögel aggressiv vor allem in die Beine,
wenn diese ohne oder mit unbeliebtem Futter auf dem
Horst landeten. Dabei konnte vereinzelt auch das Nest-
geschwister angegrien werden, wenn es im Weg stand.
Schon am 27. Juli, im Alter von knapp vier Wochen,
zeigte das ältere Junge in Dobersdorf Nestbauverhalten,
indem es einen kurz vorher vom Männchen gebrachten
Abb. 1: Neben Wespenbrut zählen auch nestjunge Vögel – hier Singdrossel und Amseln – zur Nahrung junger Wespenbussarde.
// While wasp grubs are the principal food of young European Honey-buzzards nestling birds, such as Song rush and Common
Blackbird, are also regularly taken. Foto: Torsten Pröhl, www.fokus-natur.de.
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Zweig vom Horst aufnahm und ihn wiederholt an ande-
ren Stellen ach ablegte. Scharren in der Nestmulde, wie
beim späteren Ausgraben von Wespennestern, zeigten sie
in beiden Horsten ab einem Alter von 32 bis 39 Tagen.
Am 25. August, als sich beide Dobersdorfer Jungvö-
gel nur noch selten zur Nahrungssuche am Horst ein-
fanden, hinterließ der ältere einen Kotballen auf dem
leeren Horst. Zwei Minuten nachdem er den Horst ver-
lassen hatte, kam der jüngere, probierte vom Kot, schüt-
telte sich mehrfach und fraß eine Minute später doch
davon. Dies war der einzige Fall von Koprophagie. Die
vielen Kotballen, die während der ganzen Aufzuchtszeit
am Horstrand abgesetzt wurden, blieben sonst unbe-
achtet.
Häug bohrten die Altvögel mit dem Schnabel unter
drehenden Kopewegungen tief in der Nestmulde. Es
hatte den Anschein, dass sie dort Bewegungen von
Insekten oder deren Larven gehört hatten und diese
verzehrten. In Frage könnten aus den Waben gefallene
Wespenlarven oder im Horst wohnende Maden und
Käferlarven kommen. In Sehestedt zeigten beide Altvö-
gel dieses Verhalten, das Männchen an vier, das Weib-
chen an 13 Tagen. In Dobersdorf war es nur das Weib-
chen, und zwar an zehn Tagen, mehrmals auch mitten
in der Nacht. Der höhere Anteil bei Weibchen rührt
daher, dass sie auf dem Horst übernachteten, während
die Männchen sich dort wesentlich kürzer auielten.
Über Lautäußerungen können wir nur vom Horst
Dobersdorf berichten, wo die Videos mit Ton aufge-
zeichnet wurden. Die Altvögel verhielten sich fast
immer stumm. Vereinzelt konnten jedoch Lock- und
Erregungsrufe der Altvögel dokumentiert werden. Mit
einer Ausnahme (Weibchen am 27. Juli, Bedeutung
unklar) stammten sie aus der Zeit ab 15. August, als die
Jungen bereits Ästlinge waren und sich zunehmend
vom Horst entfernten. Nachdem die Altvögel mit Beute
auf dem Horst gelandet waren, riefen sie mit ötenden
Tönen nach den Jungen. Rufe des Weibchens vom 15.
August sind bei https://www.xeno-canto.org/396864
dokumentiert, das Männchen rief ähnlich am 24. und
25. August. Einen klappernden Erregungsruf (von Gentz
1935 als Schnabelklappern aufgefasst, von Holstein 1944
als „Rad-Laut“ bezeichnet) äußerte das Männchen am
17. August, als es auf dem Horst einem außerhalb des
Bildes stehenden Jungvogel eine Wabe anbot.
Nächtliches Geschehen
.
Während der ganzen Beobachtungszeit waren alle Alt-
vögel tagsüber weitgehend zur Nahrungssuche unter-
wegs. Die Weibchen erschienen täglich vor Sonnenun-
tergang auf dem Horst, wo sie bei den Jungen blieben,
bis diese Ästlinge wurden und nicht mehr im Horst
schliefen. Auch die Männchen beendeten ihre Tagesak-
tivität oenbar früh. Sie brachten alle Beute noch bei
Tageslicht, mit einer Ausnahme: Das Männchen in
Sehestedt erschien am 29. Juli mit einer jungen Drossel
eine Stunde nach Sonnenuntergang, 14 Minuten nach-
dem die Kamera auf Infrarotbeleuchtung bei Nacht
umgeschaltet hatte. Das Weibchen hatte bereits den
Kopf zum Schlafen ins Rückengeeder gesteckt, die
Jungen erschraken sichtbar. Das Männchen begann zu
füttern, das Weibchen verließ den Horst, kehrte nach
einigen Minuten zurück und übernahm die Fütterung,
worauf das Männchen abog.
Feinde, die den Jungen hätten gefährlich werden kön-
nen, waren auf den Bildern nicht zu sehen. Jedoch
nahm das Sehestedter Weibchen einmal eine Drohgeste
ein und schlug ein anderes Mal mit den Flügeln, oen-
bar nach einem als Bedrohung empfundenen Tier (Abb.
2). Gegen Regen suchten die Jungen Schutz unter dem
Weibchen (Abb. 3), solange dieses auf dem Horst über-
nachtete. Es konnte die großen Jungen jedoch nur
unvollständig decken. Manchmal steckten die Jungen
auch die Köpfe unter das Weibchen, um sich vor den
Wolken von Stechmücken zu schützen (Abb. 4), die sich
in Sehestedt etwa ein bis zwei Stunden nach Sonnenun-
tergang auauten und erst gegen Morgen wieder ver-
schwanden. O konnten die Jungen augenscheinlich
kaum Schlaf nden. Die Mücken erschienen nur,
solange die Jungen im Horst übernachteten. Sie wurden
also von den Wespenbussarden angelockt, nicht etwa
von der Infrarot-Beleuchtung der Kamera. Am Horst
Dobersdorf waren Parasiten nicht auällig.
Diskussion
Altersbestimmung der Nestlinge
.
Maßstab für die Bestimmung des Alters zum Zeitpunkt
der Beringung war die Tabelle der Flügellängen in
Bijlsma (1997). Demnach waren die Jungen in Dobers-
dorf mit zwei, die in Sehestedt mit vier Tagen Abstand
geschlüp. Einen berechneten Schlupfabstand von vier
bis sechs Tagen haben wir bei der Beringung von 34
Zweier-Bruten in 13 Jahren 16-mal registriert, er ist also
kein Einzelfall. Auch Bijlsma (1993) berechnete in acht
von 19 Bruten einen Schlupfabstand von vier bis fünf
Tagen. Wenn aber Wespenbussarde im allgemeinen
vom ersten Ei an brüten (Holstein 1944) und das zweite
Ziesemer, F. et al.: Video-Beobachtungen an Horsten des Wespenbussards
374
Abb. 2: Das Sehestedter Weibchen wehrt sich gegen eine nächtliche Bedrohung. // Female threatening an invisible menace at
night.
Abb. 3: Der kleinere Jungvogel verbirgt den Kopf unter dem Weibchen (mit Schnabel im Rückengeeder), um sich vor den
Mücken zu schützen, die links am Rumpf des Weibchens zu erkennen sind. // e younger nestling hides its head beneath the
sleeping female seemingly to escape the mosquitos, which are visible around the female’s body.
Corax 24 (2021)
375
Abb. 5: Die Ästlinge (42-44 Tage) balancieren zum Horst Dobersdorf, wo das Männchen mit einer Wabe wartet. // Branchlings
aged 42-44 days walk along the branch to approach the male that awaits them with a wasp comb.
Abb. 4: Die Jungen versuchen sich unter dem durchnässten Weibchen vor dem Regen zu schützen. Auallend sind die vielen
Kotballen, die die Jungen auf dem Rand des vollständig mit grünen Zweigen bedeckten Sehestedter Horstes abgesetzt haben. //
Nestlings trying to shelter from rain under the soaked female. e excrements of the nestlings can be seen along the rim of the nest,
which is typically lined with greenery.
Ziesemer, F. et al.: Video-Beobachtungen an Horsten des Wespenbussards
376
Ei nach einzelnen Beobachtungen von Holstein (1944)
schon ein bis drei bzw. zwei Tage (Heinroth & Heinroth
1928, Wendland 1935, Gerber 1949) nach dem ersten
schlüpfen kann, erscheint ein berechneter Schlupfab-
stand von vier Tagen recht groß. Nicht auszuschließen
ist deshalb, dass der ältere Jungvogel schneller wuchs,
weil er bei den Fütterungen bevorzugt wurde, wie es
ompson (2007, zitiert in Roberts & Law 2014) bei
Videoauswertungen feststellte. Das weniger gefütterte
Nestgeschwister wäre dann im Wachstum zurückge-
blieben und deshalb etwa zwei Tage jünger eingeschätzt
worden als es war. In dem Fall wären die Altersangaben
für diesen Vogel in Tabelle 1 und im Text zu korrigieren.
Ob es tatsächlich einen merklichen Anteil von Bruten
gibt, in denen die Jungen in mehr als zwei Tagen Abstand
schlüpfen, wird sich nur klären lassen, wenn die Schlupf-
termine in einer Serie von Bruten unmittelbar überwacht
und das Wachstum der Jungen gemessen wird.
Aufgabenverteilung der Altvögel
.
Den Hauptanteil der Nahrungsversorgung übernah-
men an beiden Horsten die Männchen. Dies haben
auch andere Beobachter so festgestellt (Holstein 1944,
van Manen et al. 2011). Jedoch gab es darin große Unter-
schiede. Während nach Holsteins Beobachtungen die
Weibchen in dem hier betrachteten Zeitraum – wenn die
Jungen nicht mehr gehudert werden müssen – sich
zunehmend an der Nahrungsbeschaung beteiligten,
taten dies andere Weibchen wenig, unter anderem weil
sie weite Ausüge machten, die mehrere Tage dauern
konnten (van Manen & van Diermen 2010, van Diermen
et al. 2013). Gegen Ende der Ästlingszeit fütterten an bei-
den Horsten nur noch die Männchen (Abb. 5). An Sender
tragenden Vögeln hat sich jedoch gezeigt, dass sowohl
Weibchen als auch Männchen frühzeitig abziehen und
dem Partner die Versorgung der Jungen überlassen kön-
nen (Ziesemer 1997, Ziesemer & Meyburg 2015).
Auch für das Füttern selbst, also das Darreichen der
eingetragenen Beute, kann es verschiedene Aufgaben-
teilungen geben. An unseren Horsten verfütterten die
Männchen die von ihnen herbeigebrachte Nahrung fast
immer selbst, sofern die Jungen sich nicht sofort der
Beute bemächtigten. Das galt sowohl für Wespenlarven,
die nur aus den Waben zu nehmen und weiterzureichen
waren, als auch für schwieriger zu zerteilende Beute wie
Frösche und Vögel. Wendland (1935) hingegen sah nur
die Weibchen die Jungen füttern, nennt aber auch
Beobachter, die andere Erfahrungen gemacht haben.
Ernährung der Jungen .
Männchen wie Weibchen brachten weit überwiegend
Wespenwaben zum Horst. Frösche und Vögel trugen
aber größtenteils die Männchen ein, wie es auch van
Manen et al. (2011) feststellten. Dies kann wohl mit der
unterschiedlichen Raumnutzung der Geschlechter
erklärt werden: Während die Männchen ein Revier zu
verteidigen haben und ihre Beute deshalb vorwiegend
wenige Kilometer um den Horst herum suchen, bewe-
gen sich Weibchen unabhängig von Reviergrenzen viel
weiter umher (Ziesemer 1997, van Diermen et al. 2013).
Mit fortschreitender Zeit düren Wespennester im
engeren Jagdgebiet zeitweise oder dauerha schwerer
zu nden sein. Weibchen können sie dann weiter ent-
fernt suchen. Männchen weichen stattdessen auf Frö-
sche und nestjunge Singvögel aus. Ebenso wie in dieser
Untersuchung wurden Vögel als Beute auch in Schwe-
den noch im August in nennenswerter Zahl auf den
Horsten gefunden (Tjernberg 1992). Drosseln stellten
dort wie bei uns, im polnischen Urwald-Nationalpark
Białowieża (van Manen 2013), in den Niederlanden
(Bijlsma 1993) und auch in Finnland (Itämies & Mik-
kola 1972) einen großen Teil der zum Horst gebrachten
Vö ge l .
Jedoch kann von Beuteresten auf den Horsten nicht
auf die quantitative Zusammensetzung der verfütterten
Nahrung geschlossen werden. Dies haben neben unse-
ren auch Video-Auswertungen von van Manen et al.
(2011) und van Diermen et al. (2013, 2014) gezeigt. Viele
Frösche werden verfüttert, ohne dass im Horst eine
Spur von ihnen zurückbliebe (Roberts & Coleman
2001). Die jungen Wespenbussarde ziehen aber Wes-
penlarven eindeutig vor (Sperber 1970, van Manen et al.
2011). Wenn sie davon genügend bekommen, lassen sie
weniger beliebte Beute liegen. Vertrocknete Frösche auf
dem Horst deuten deshalb nicht auf einen Mangel an
Wespenlarven hin, sondern im Gegenteil auf ein gutes
Angebot (van Manen et al. 2011).
Auch Reste von Vögeln düren bei Horstkontrollen
unterrepräsentiert sein. Zwar mögen bei nahezu ausge-
wachsenen Vögeln manchmal ein Schultergürtel oder
wenigstens einige große Federn übrigbleiben (van
Manen et al. 2011). Die als Beute eingetragenen Singvögel
waren jedoch nur unvollständig beedert und wurden
von den jungen Wespenbussarden zwar Stück für Stück,
aber dennoch vollständig verzehrt – einschließlich der
schwer zu schluckenden, langen Beinknochen junger
Drosseln. Ohne Video-Aufzeichnungen wären besten-
falls wenige Kleinfedern im Horst nachweisbar gewesen.
Corax 24 (2021)
377
Abb. 7: Nach der Landung des Weibchens mit einer Wabe ist ihr Mauserstand gut zu erkennen: Drei innere Handschwingen
sowie mindestens zwei äußere links und eine mittlere Schwanzfeder sind erneuert – typisch für ein Weibchen um diese
Jahreszeit. // e female, aer landing on the nest with a wasp comb, shows the moult pattern typical for a female at this time of the
year: ree inner primaries and at least three tail feathers have been renewed.
Abb. 6: Das Männchen bewacht die schlafenden Jungen am Horst Dobersdorf. // Male guarding its sleeping nestlings.
Ziesemer, F. et al.: Video-Beobachtungen an Horsten des Wespenbussards
378
Während die Jungvögel Wespenlarven schon zu
Beginn der Beobachtungen, im Alter von etwa drei
Wochen, aus den Waben nahmen, konnten sie nest-
junge Vögel erst zerlegen, als sie schon fast Ästlinge
waren, Frösche auch dann nicht. Reptilien und Säuge-
tiere haben wir nicht als Beute festgestellt. Nach Bijlsma
(1998) können junge Wespenbussarde Mäuse wegen
deren lederiger Haut nur sehr schwer zerlegen. Entspre-
chend hat van Bergen (2019) den Videonachweis, dass
eine Wühlmaus zum Horst gebracht wurde, als „sensa-
tionell“ bezeichnet. Auch Reptilien düren wegen ihrer
festen Haut von jungen Wespenbussarden kaum zu
bearbeiten sein.
Spezielle Verhaltensweisen
.
Die Verträglichkeit der Jungen untereinander ist nicht
nur uns aufgefallen, sondern auch von früheren Beob-
achtern hervorgehoben worden (Wendland 1935, Gerber
1949, Gruppen 1993). Sie hat zur Folge, dass das kleinere
Nestgeschwister bei Nahrungsmangel im Wachstum
zurückbleiben kann, ohne angegrien zu werden. Es
verliert Gewicht, kann aber sehr schnell wieder zuneh-
men, sobald genügend Nahrung angeboten wird. Wenn
es jedoch erst einmal im Skelettwachstum zurückge-
blieben ist, wird dies nicht mehr vollständig ausgegli-
chen – der Vogel bleibt kleiner, als er bei ausreichender
Fütterung geworden wäre (van Manen et al. 2011). In
Jahren, in denen nur zeitweise Nahrungsmangel herrscht,
könnte demnach die Verträglichkeit der Jungen dazu
beitragen, dass nicht nur eines, sondern beide Nestge-
schwister überleben.
Scharren in der Nestmulde, als Vorgri auf das spä-
tere Ausgraben von Wespennestern, verzeichneten wir
erst, als die Jungen 32 bis 39 Tage alt waren. Wendland
(1935) sah es schon, als die Jungen knapp einen Monat
alt waren. Er beschreibt, dass sie ein 20 cm tiefes Loch
in der Nestmulde gegraben hätten, und Holstein (1944)
geht noch weiter: „Sobald die Jungen so groß sind, dass
sie selbständig kröpfen können“ (nach seiner Angabe
können sie dies ohne Hilfe ab 24 Tagen), „fangen sie auf
Grund des angeborenen Wühlinstinktes an, Löcher in den
Nestboden zu scharren, was in hohem Grade dazu bei-
trägt, dass die Nester des Wespenbussards im Winter so
o zur Erde fallen; ja, die Jungen können das Nest mit
ihrer Wühltätigkeit so stark beschädigen, dass es fällt,
während sie noch darin sind.“ Auch Barneveld & Barne-
veld (2006) beobachteten die frühzeitige Auösung
eines Nestes als Folge des Scharrens.
Unsere Videos zeigen mehrheitlich ein vorsichtiges
Probieren, bei dem mit einem Fang die obersten Zweige
des Horstes wiederholt angehoben, aber ohne große
Abb. 8: Ästling (42 Tage) sonnt sich am Horst Dobersdorf. // Branchling taking a sunbath.
Corax 24 (2021)
379
Verschiebung wieder zurückgelassen werden. Auch
stärkeres Kratzen schwächte den Horstauau keines-
falls. Unsere Beobachtungen lassen sich deshalb gut mit
Gerbers (1949) Worten wiedergeben: „Die Jungen
scharrten ab und zu in der Nestmulde“.
Die Nachtruhe beginnt bei Wespenbussarden früh,
o schon vor Sonnenuntergang. Das zeigen unsere
Videos wie auch die Ortungen von zwei in Schleswig-
Holstein besenderten Männchen (Ziesemer & Meyburg
2015). Drei Männchen, deren Verhalten in den Nieder-
landen mit Sendern überwacht wurde, beendeten ihre
Tagesaktivität im Mittel 28 Minuten vor Sonnenunter-
gang (van Diermen et al. 2009).
Unklar bleibt, von wem sich das Weibchen in Sehe-
stedt in zwei Nächten bedroht fühlte (Abb. 2) und ob es sich
und die Jungen z. B. gegen einen Marder (Martes spec.)
mit Erfolg verteidigen könnte. Die einzigen nachtaktiven
Wirbeltiere, die auf dem Horst erschienen, nachdem ihn
die Jungen verlassen hatten, waren eine Gelbhalsmaus
Apodemus avicollis und eine Fledermaus (eventuell Rau-
haut- Pipistrellus nathusii, M. Göttsche brie.).
Die in Sehestedt verzeichnete nächtliche Mücken-
plage war anscheinend ein lokales Phänomen. Eine
ähnliche Erscheinung beobachtete van Manen (2006)
im nordostpolnischen Urwald-Nationalpark Białowieża.
Dort stachen in einem von drei Jahren an drei von acht
Wespenbussard-Horsten unbestimmte Gnitzen (Culi-
coides spp.) oder Kriebelmücken (Simuliidae) die Nest-
linge so, dass ihre Augenlider schwollen. Er fand einen
solchen 32 Tage alten Jungvogel, der gut genährt war
und keine Konkurrenz von einem Nestgeschwister
hatte, unverletzt am Boden unter dem Horstbaum. Er
könnte auf der Flucht vor den Parasiten aus dem Nest
gefallen sein.
Zu den Lautäußerungen bemerkt Wendland (1935):
Es gibt wohl kaum einen deutschen Raubvogel, der von
seiner Stimme so wenig Gebrauch macht, wie der Wespen-
bussard.“ Den Rad-Laut (Erregungsruf, nach Wendland
klingt er wie „tek, tek in schneller Folge, nach Holstein
1944 wie „von einem Stück fester Pappe, das gegen die
Speichen eines schnell sich drehenden Fahrrades geklemmt
ist“) hat er nur einmal gehört. Jedoch gibt es Individuen
und Paare, von denen mehr zu hören ist. Verschiedene,
situationsabhängige Rufe haben Glutz et al. (1971)
beschrieben. Das Paar in Dobersdorf, von dem wir Ton-
Videos aufgezeichnet haben, bewahrte „die fast todes-
ähnliche Ruhe des Horstes“ (Holstein 1944), blieb also fast
immer stumm, bis es die schon ugfähigen Jungvögel
aus der Umgebung zur Fütterung herbeirufen musste.
Von diesen Rufen ('a melancholy, trisyllabic whistle')
berichten auch Roberts et al. (1999) und Roberts & Law
(2014). Im Unterschied zu den Altvögeln bettelten die
Jungvögel in Dobersdorf jedoch während der gesamten
Beobachtungsperiode mit einem leisen, heiseren Wim-
mern, wenn ein Altvogel in Sicht kam.
Summary: Video observations at
nests of Honey-buzzards in
Schleswig-Holstein
We analyzed data from two nests, each with two nest-
lings aged about three weeks until aer edging. Videos
(with audio at one nest) and some photos were taken by
day and by night, with some gaps due to technical
issues. All young edged. Both females spent the nights
on the nests until the nestlings le to adjacent branches.
Females fed the young until they were 45 to 53 days old.
Males continued to feed for another four to ve days.
Aer a further one to three days, the young came to the
nests for the last time.
At both nests 77 % of the food items were wasp
combs, the rest were frogs and nestling passerines, most
of them thrushes, and a single bumblebee nest. e
young obviously preferred wasp grubs and seemed to
treat birds indierently whereas, at least in one nest,
they disliked frogs.
Males supplied most of the prey items, with 71 resp.
81 % of all food items, with frogs and birds being over-
represented in comparison to females. It is assumed that
males tend to switch to alternative prey, when, during
the summer, wasp nests become less available. Males
that defend territories tend to stay closer to the nest
whereas females, by extending their home ranges, can
stick to wasp nests, their preferred prey.
e nestlings were remarkably good-natured toward
their siblings. If they struggled in an attempt to secure a
food item they concentrated on the object, not on their
rival. A nestling took up a twig and rearranged it (nest
building behaviour) for the rst time at nearly four
weeks old. Scratching in the nest bowl, an indication of
digging behaviour, occurred at an age of 32 to 39 days.
At an age of 37 to 41 days the nestlings visited branches
adjacent to the nest. Later, when the young temporarily
le the surroundings of the nest, the adults would melo-
diously call them to take over prey.
ree adults were repeatedly observed to probe deep
in the nest bowl by day and by night, thereby turning
the head, seemingly pursuing and eating insect larvae
(wasp grubs, maggots, beetle larvae?) which they may
have heard moving in the nest construction.
Ziesemer, F. et al.: Video-Beobachtungen an Horsten des Wespenbussards
380
Gender roles may dier between pairs. e same is
true for food provided for the nestlings. Its composition
can be recorded reliably by video observation, whereas
traditional methods, like sampling prey remains from
the nest, may give biased results.
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Research
Full-text available
In 2018 a nest of Honey-buzzard Pernis apivorus was found during a research project on Red kites Milvus milvus in Switzerland in an area where the cantons of Bern and Fribourg border. The diet was analysed by using a camera trap at the nest. In 2019 I started a private project to get an insight in Honey-buzzard density and reproduction in the area. 1)Territory density and reproduction: In 2018 one nest was found occasionally where two chicks fledged. In 2019, 8 territories were mapped in 54.3 hours of observing at high viewpoints, covering ca. 100 km2. At 7 territories the reproduction could be determined with a moderate certainty, resulting in only one successful territory where one young was raised. 2)Diet: By following nests with camera traps, diet was determined by number of prey items brought to the nest per adult. Two successful nests were followed, one in 2018 and one in 2019 during the chick rearing phase. Common wasp Vespula vulgaris and grey coloured combs, presumably dominated by European wasp Vespula germanica formed the most frequently delivered prey to both nests, but the share of the overall prey was bigger on the nest of 2018 than on the nest of 2019, resp. 68,9% and 60,1%. Also, the mean size of the combs per aforementioned wasp species was bigger in 2018 than in 2019. In 2019 more alternative prey were brought to the nest, like Hornet Vespa crabro, Bumblebee Apinae and one Vole Arvicolinae. 3)Wasp predation: Predation on social wasps was followed with camera traps at occasionally found wasp nests, three in 2018 and one in 2019. Honey-buzzards appeared in front of the camera at two of the three nests found in 2018, 5 individuals, but none started digging nor harvested from the nests. Badger Meles meles, Polecat Mustela putorius, Red fox Vulpus vulpus, and Pine marten Martes martes were recorded showing interest without predating on the nests. The single nest found in 2019 was predated completely by a Pine marten Martes martes.
Article
Full-text available
Home range and behaviour of Honey Buzzard (Pernis apivorus) during brood-rearing and at the begin of autumn migration - a radio telemetry study 2 male and 2 female Honey Buzzards were radio-tracked in 3 study areas in the period 1993-1995 in Schleswig-Holstein. All birds produced fledglings. Home ranges of females were larger (4,350 resp. 4,500 ha) than those of males (1,700 resp. 2,200 ha). The tracked birds preferred forests, agricultural areas with hedgebanks, and bogs where they searched for prey mainly from perches. Identified prey items were 1 bumblebee and 64 wasp nests (Table 3). This sample is, however, not considered to be representative. Normally, each bird went hunting on its own. Sometimes, however, a bird was followed by its partner. 3 times a male seems to have partaken at its female’s wasp nests. Both sexes supplied the nestlings with food, but females retained from this until the young were nearly 3 resp. 4 weeks old. A male which fed 2 nestlings spent progressively 35 to 58 % of observation time hunting. The males defended territories of not less than 640 and 380 ha, respectively, which they marked by quivering flights and surveyed them during extended gliding flights. One male spent 6-7 %, the other (depending on weather conditions) 14-23 % of the observation time on such surveillance flights. Home ranges of neighbouring pairs overlapped widely. Even territory boundaries were often trespassed. Females did not show territorial behaviour. This may have allowed them to extend their home ranges much further than males which tended to keep to their territories. The adult breeding birds started autumn migration alone, without their partners, when the fledglings had reached an age of at least 53 days. It was the female in 1993 and the male in 1995 which was the first to migrate. Their resp. partners remained to feed the young 3 or more days. On their day of departure the males migrated ca. 133 km SSE resp. ca. 210 km SW. Length and direction of migration were strongly influenced by weather conditions.
Handleiding veldonderzoek Roofvogels. KNNV Uitgeverij
  • R G Bijlsma
BIJLSMA, R. G. 1997. Handleiding veldonderzoek Roofvogels. KNNV Uitgeverij, Utrecht.
Eerstejaars mannetje Wespendief Pernis apivorus op de voet gevolgd: gedrag van een gezenderde asielvogel voor en na vrijlating
  • R G Bijlsma
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GENTZ, K. 1935. Zur Brutpflege des Wespenbussards. J. Ornithol. 83: 105-114.
Hvepsevaagen Pernis apivorus apivorus (L.). Hirschsprung, Kopenhagen
  • V Holstein
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Ectoparasieten op nesten van Wespendieven Pernis apivorus
  • W Manen
  • Van
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  • W Manen
  • Van
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