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BILDUNG ODER ERZIEHUNG FÜR NACHHALTIGE ENTWICKLUNG?

Authors:

Abstract

Im Mittelpunkt meines Beitrags steht eine theoretische Grenzbearbeitung im Schnittfeld von Erziehungswissenschaft, Politik und Gesellschaft. Ich gehe der Frage nach, ob wir auf bildungstheoretischer Ebene von Bildung oder Erziehung für nachhaltige Entwicklung sprechen sollten. Ausgangspunkt ist die Normativitätsdebatte in der BNE und die damit verbundene Frage, ob die normativ ausgerichtete BNE den Maximen des Beutelsbacher Konsenses entspricht, oder nicht. Ich werde zeigen, dass der Erziehungsbegriff von Nohl das Potential hat einen Ausweg aus diesem Dilemma aufzuzeigen.
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Vertret.-Prof. Dr. Barbara Pusch, Institut für Allgemeine Erziehungswissenschaft, Campus
Landau, Arbeitsbereich “Heterogenität”, puschbarbara@uni-landau.de
SIIVE Jahrestagung im Frühjahr 2021 an der TU Dortmund zum Thema: Grenzen auflösen Grenzen ziehen. Grenzbearbeitungen
zwischen Erziehungswissenschaft, Politik und Gesellschaft. Digitale Tagung am 19., 22. und 26.02.2021
BILDUNG ODER ERZIEHUNG
FÜR NACHHALTIGE ENTWICKLUNG?
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OUTLINE:
1. (Politische) Bildung und Erziehung
2. Der Begriff „Bildung für nachhaltig Entwicklung“ (BNE)
3. Disput um den Beutelsbacher-Konsens in der BNE
4. Blick über den Tellerrand: Überlegungen zu politischer Bildung und
Erziehung im Kontext von BNE
5. Fazit
oBILDUNG = Transformation
oHabitustransformation (Koller 2002: 186; Nohl et al. (2015: 18)
oDamit stehen alle Orientierungen, die einen umfassenden Bezug
des Menschen zur Welt ausmachen, im Fokus des Bildungsbegriffs
oPOLITISCHE BILDUNG = „Entfaltung eigenständiger Orientierungen im
Horizont des Politischen“ (Nohl/Thomsen (2011: 20)
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POLITISCHE BILDUNG UND ERZIEHUNG
oERZIEHUNG = „In der Erziehung werden den Zöglingen neue
Orientierungen zugemutet, wobei es sich hier um eine Zumutung im
doppelten Sinne des Wortes handelt: Man macht Mut und traut
jemandem etwas zu, aber man verlangt es ihm/ihr auch ab“ (Nohl
2011: 126)
oPOLITISCHE ERZIEHUNG = „Zumutung von neuen politischen
Orientierungen“ (Nohl 2017: 197)
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POLITISCHE BILDUNG UND ERZIEHUNG
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IMPLIKATIONEN DES ERZIEHUNGSBEGRIFFS
oHierarchie zwischen Erzieher*innen und zu Erziehenden
oVoraussetzung für (politische) Erziehungsprozesse = heteronome Wahrnehmung
der zugemuteten Orientierungen
o(Politische) Erziehungsprozesse
Erzieher*innen verlangen zu Erziehenden etwas ab, trauen ihnen aber auch
zu Orientierung zu übernehmen
Implizieren Möglichkeit der Ablehnung von zugemutete (politischen)
Orientierungen
Erziehung zeigt erst dort Wirkung, „wo die Menschen mit einem gewissen
Maß an Eigenständigkeit die ihnen zugemuteten Orientierungen
übernehmen“ (Nohl/Pusch 2017: 326)
Setzen Selbstständigkeit/Eigenständigkeit der zu Erziehenden voraus
oNACHHALTIGE ENTWICKLUNG meets the needs of the present without
compromising the ability of future generations to meet their own
needs“ (UN 1987: 37)
oZIEL VON BNE = Schaffung einer Welt „where everyone has the
opportunity to benefit from education and learn the values,
behaviour and lifestyles required for a sustainable future and for
positive societal transformation“ (UNESCO 2005: 6)
oSDG 4.7.: Es soll bis 2030 gewährleistet werden, dass „alle
Lernenden die notwendigen Kenntnisse und Qualifikationen zur
Förderung nachhaltiger Entwicklung erwerben“ (Vereinte
Nationen 2015: 18)
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ZUM BNE-BEGRIFF
oBNE: hat sich zum Ziel gesetzt die „mentale Grundhaltung“ (de Haan
2008: 24) der westlichen Welt (mit) zu verändern
oBNE: epochales Schlüsselproblem / Allgemeinbildung (Klafki 2007)
oKomplexität und Zukunftsorientierung von Nachhaltigkeitsfragen
erfordern Umgang mit Nichtwissen Kompetenzerwerb
o„reflexive Kompetenz“ (Rieckmann 2020: 7)
oZIEL: „eine Auseinandersetzung mit Wertehaltungen im Sinne einer
‚Werteerklärung‘ zu ermöglichen, die mit dem Leitbild einer
nachhaltigen Entwicklung verbunden sind“ (ebd.)
o„Wertebezogenes Ziel“, aber pädagogische Anregungen „ohne
Lernende zu bevormunden oder zu überwältigen“ (ebd.)
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ZUM BNE-BEGRIFF
BEUTELSBACHER KONSENS = legt die Grundsätze politischer Bildung Fest
(Wehling 1977)
ZIEL = des Gewährleistung einer politischen Bildung, die zur eigenen
politischen Meinungsbildung bzw. Mündigkeit der Adressat*innen führt
3 MAXIME DES BEUTELSBACHER KONSENS:
oÜberwältigungsverbot Lernenden keine Meinungen aufoktroyieren
oKontroversitätsgebot in der Gesellschaft kontrovers diskutierte
Themen müssen auch in der politischen Bildungsarbeit kontrovers
dargestellt werden
oSchüler*innenorientierung Lernende in die Lage versetzen „nach
Mitteln und Wegen zu suchen, die vorgefundene politische Lage im
Sinne [ihrer] Interessen zu beeinflussen“ (Wehling 1977: 180)
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BNE-DEBATTE UM DEN BEUTELSBACHER KONSENS
BEISPIELE FÜR BEDENKEN:
oFragen, wie sich normative Ziele in der BNE „angemessen begründen“
lassen (Asbrand/Scheunpflug 2014: 480; Asbrand/Wettstädt (20172)
oSorge, dass die normative Ausrichtung der BNE vor dem Hintergrund des
Überwältigungsverbots und des Kontroversitätsgebots problematisch ist
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BNE-DEBATTE UM DEN BEUTELSBACHER KONSENS
ANTWORTBEISPIELE:
oOverwien (2016: 264): Würden Kritiker*innen dies auch
so sehen „wenn politische Bildnerinnen und Bildner ihr
Angebot mit menschenrechtlichen Normen oder denen
unserer Verfassung begründeten?“
oBöser (20172: 324): Normativität ist aufgrund der
globalen Problemlagen im Sinne der
Schüler*innenorientierrung „unverzichtbar“
politische
Bekenntnisse
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DRERUP (2019): „BEUTELSBACH RELOADED“
oNicht alle Fragen im Bereich der politischen Bildung sollen kontrovers und
mit offenem Ausgang diskutiert werden
oBegründung: Aufwertung fragwürdiger politischer, moralischer und
pseudowissenschaftlicher Positionen (z.B. Verschwörungstheorien)
oThemen, die nicht kontrovers diskutiert werden sollen, sollen „direktiv und
mit direktiven Mitteln, d.h. mit einem klaren pädagogischen Ziel diskutiert
werden“ (Drerup 2019).
oDies würde für die BNE bedeuten:
Wichtigkeit von nachhaltiger Entwicklung nicht kontrovers diskutieren
(Zumutung von Orientierung/Erziehung)
Wege der Gestaltung einer nachhaltigen Welt kontrovers diskutieren (
Kompetenzmodellen, eigenständige Entfaltungsmöglichkeiten/Bildung)
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STILLER (2020): PLÄDOYER FÜR POLITISCHE ERZIEHUNG
o… „[i]n Zeiten der Demokratiegefährdung […] staatliche Neutralität
oder wertbezogene Zurückhaltung staatlicher Bildungseinrichtungen
kein Teil der Lösung, sondern ein Teil des Problems“ (Stiller: 2020: 97)
oPlädiert für:
politische Erziehung
„zeitgemäßes Verständnis von Erziehung“, das der
„Demokratisierung der gesellschaftlichen Erziehungsverhältnisse
seit den 70er-Jahren Rechnung “ (ebd. 104) trägt
Erziehung muss „gewaltfrei, dialogisch und partnerschaftlich
ausgerichtet“ (ebd.) sein
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STILLER (2020): POLITISCHE BILDUNG UND ERZIEHUNG
Bildunterschrift
Quelle: Stiller (2020: 110)
BNE 1„sagt was wir tun sollen“ BNE 2 kann „nicht in einem
inhaltsleeren Vakuum existieren“ (S.196)
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VARE UND SCOTT (2007): BNE 1 & BNE 2
BNE 1
BNE 2
Förderungen von Verhaltensänderungen
Förderung von Verhaltens- und
Denkweisen, wo deren Notwendigkeit klar
identifiziert und unumstritten ist
Lernen für
nachhaltige Entwicklung (S. 193)
Aufbau der Fähigkeit, kritisch über
Expertenmeinungen nachzudenken und
Ideen einer nachhaltigen Entwicklung zu
prüfen
Erkennen von Widersprüchen eines
nachhaltigen Lebens
Lernen als
nachhaltige Entwicklung (S. 194)
„Single-loop learning“ (S. 193)
„,Instrumental view of education“ (S. 196)
„Lernen von externen Quellen” (S. 196)
Dooble-loop learing” (S.194)
„Liberal education“ (S. 196)
Kompetenz, Meinungsbildung,
internalisierendes Lernen (vgl. S.196)
Erziehung Bildung
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FAZIT
oBNE wurde als erzieherisches Unterfangen angedacht
oBedeutung für Umgang mit Normativität in der BNE:
Normativität ist eine Grundvoraussetzung intentionalen
Erziehungsprozesse
Verlust des „liberale[n] Ethos“ (Drerup/Yacak 2020: 20) des
Bildungskonzepts mit Zumutung von nachhaltigen Orientierungen
Glatteis: Das, was im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung
politisch sinnvoll wäre, entspricht nicht dem impliziten Postulat
der Offenheit des Beutelsbacher Konsens und damit einer langen
liberalen Tradition im Umgang mit politischen Bildungsangeboten
in der Pädagogik
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VIELEN DANK FÜR IHRE
AUFMERKSAMKEIT
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