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Achtsamkeit in analogen und digitalen Räumen. Ein Interview mit dem Medienphilosophen Mike Sandbothe über Bildung, Corona und Digitalisierung

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Achtsamkeit in analogen und digitalen Räumen. Ein Interview mit dem Medienphilosophen Mike Sandbothe über Bildung, Corona und Digitalisierung

Abstract

In diesem Gespräch ordnet Mike Sandbothe die Covid-19-Krise in den Kontext der ökologischen, sozialen und psychischen Abründe ein, vor denen die Menschheit heute steht. Dabei versteht er die Bewältigung der Pandemie als einen potenziellen Probelauf, der Anlass dazu geben kann, sowohl zukünftige Formen einer globalen Politik als auch achtsamere Formen der Digitalisierung unseres Bildungssystems voranzubringen. Als Beispiele für eine achtsame Digitalisierung der höheren Bildungsanstalten rekurriert er auf die von Reyk Albrecht und ihm gegründete überregionale Kooperationsplattform "Achtsame Hochschulen" sowie auf das von den beiden entwickelte zwölfwöchige Online-Achtsamkeitsprogramm "Mindfulness Based Student Training" (MBST).
Erscheint in Zeitschrift für Sozialmanagement, April/Mai 2021 sowie auf sandbothe.com,
Februar 2021
ACHTSAMKEIT IN ANALOGEN UND DIGITALEN RÄUMEN
Ein Interview mit dem Medienphilosophen Mike Sandbothe über Bildung, Corona und
Digitalisierung
Das Gespräch führte Prof. Dr. Richard Stang (Hochschule der Medien Stuttgart)
MIKE SANDBOTHE (*1961) arbeitet als Professor für Kultur und Medien an der Ernst-Abbe-
Hochschule Jena. Zuvor hat er als Hochschuldozent für Medienkulturwissenschaft an der
Friedrich-Schiller-Universität Jena und als Professor für Medienphilosophie an der
Universität der Künste Berlin sowie dem Ålborg Universitetscenter gelehrt. Der Gründer der
überregionalen Kooperationsplattform Achtsame Hochschulen ist zertifizierter Trainer für
Mindfulness Based Stress Reduction (MBSR) nach Jon Kabat-Zinn und hat eine Ausbildung
in der Feldenkrais-Methode absolviert. International ist er als Mitbegründer der modernen
Medienphilosophie und zeitgenössischer Vertreter des philosophischen Pragmatismus
hervorgetreten. Seit 2021 ist er im Rahmen des Erasmus+ Programms Training Embodied
Critical Thinking sowie als Geschäftsführer der Achtsam Digital GmbH & Co. KG tätig.
Für Philosophen und besonders Medienphilosophen befinden wir uns in der Covid-19-
Pandemie in einer unheimlich spannenden Zeit. Wo würden Sie die besonderen
Herausforderungen aus philosophischer Sicht sehen?
Aus meiner Sicht ergibt sich die eigentliche Spannung daraus, dass die Covid-19-Krise die
Spitze eines Eisbergs darstellt. Der Transformationsforscher Claus Otto Scharmer (MIT) hat
die drei grundlegenden Krisen, welche die Menschheit heute erschüttern, als ökologischen,
sozialen und spirituellen Abgrund beschrieben. Scharmer hat diese Abgründe in seinem
lesenswerten Buch Essentials der Theorie U (2019) durch Zahlen verdeutlicht. Für den
ökologischen Abgrund steht die Zahl 1,7. Derzeit verbrauchen wir als Menschheit die
Ressourcen von 1,7 Planeten. Für den sozialen Abgrund steht die Zahl 26. Die
sechsundzwanzig reichsten Menschen auf der Erde besitzen ungefähr so viel wie die Hälfte
der gesamten Menschheit. Und für den spirituellen bzw. psychischen Abgrund steht bei
Scharmer die Zahl 40. Alle vierzig Sekunden ereignet sich auf der Welt ein Suizid.
Die Covid-19-Krise vertieft diese Abgründe weiter. Und zugleich lässt sie diese immer
deutlicher sichtbar werden. Vielleicht wird die Pandemie-Krise, die wir derzeit erleben,
rückblickend einmal als Probelauf gesehen; als Probelauf für die kollektive Überwindung der
ökologischen, sozialen und psychischen Abgründe unserer Zivilisation. Und als Probelauf in
Sachen Erwachen und Bewusstwerden, Co-Sensing und Mitfühlen, Mutigsein und
entschlossen Handeln. Was wir derzeit vor allem lernen, ist unsere eigenen Gewohnheiten
wahrzunehmen und unsere Autopiloten vorübergehend außer Kraft zu setzen. Dazu gehören
u.a. die Veränderung unserer Mobilitäts- und Kommunikationsgewohnheiten sowie die
Verlagerung der sozialen Interaktion vom analogen in den digitalen Raum.
Welche Perspektiven ergeben sich daraus im Hinblick auf die Digitalisierung?
Neben Covid ist in der öffentlichen Diskussion die Digitalisierung das große Thema unserer
Zeit. So schreibt etwa der israelische Historiker Yuval Noah Harari: „In 50 Jahren werden
sich die Menschen gar nicht so sehr an die Epidemie selbst erinnern. Stattdessen werden sie
sagen: Dies war der Moment, an dem die digitale Revolution Wirklichkeit wurde.“ Einen
Schritt weiter geht der Zukunftsforscher Matthias Horx, wenn er hervorhebt: „Derzeit hört
man überall die triumphale Vorstellung, dass die Covid-Krise ‚endgültig die Digitalisierung
durchsetzt‘. Tatsächlich wurde nie so viel videokonferenzt, geskyped und gehomeschooled
wie heute. Gleichzeitig aber erfahren wir gerade dadurch, was wir existentiell vermissen.
Gerade WEIL sich digitale Nutzungen jetzt beschleunigen, wird deutlich, dass Menschen
immer auch analoge Wesen bleiben.“
Um dies einzuordnen, ist es hilfreich, sich vor Augen zu führen, dass sich die drei Abgründe,
vor denen die Menschheit heute steht, auf unseren Umgang mit dem planetarischen
Erdkörper, mit dem sozialen Körper und mit dem biologischen Körper beziehen. Die durch
die Covid-Maßnahmen massiv beschleunigte Digitalisierung kann dazu beitragen, unsere
Abspaltung von der Erde, vom sozialen Feld und von uns selbst zu vertiefen. Sie kann aber
– achtsam, vorausschauend und politisch klug umgesetzt – auch dazu beitragen, diese
Abgründe auf bewusste Weise zu durchschreiten und Schritt für Schritt zu überwinden.
Wie schätzen Sie den aktuellen historischen Moment ein und wo sehen Sie die
größten Probleme in Bezug auf die zukünftigen Entwicklungen?
Zwei für die Zukunft besonders wichtige Problemfelder ergeben sich daraus, dass die
politischen Gestaltungsaufgaben, die sich mit der digitalen Medienrevolution verbinden,
bisher nicht wirklich begriffen bzw. ergriffen worden sind. Dabei handelt es sich erstens um
die demokratische (Weiter-)Entwicklung von global governance bzw. global government und
zweitens darum, die technologische Digitalisierung unserer Bildungssysteme gezielt mit einer
achtsamen Schulung des menschlichen Bewusstsein zu verbinden.
Die horizontale Summation von kognitiven Wissensbeständen, welche die Bildungsanstalten
des 19. und 20. Jahrhunderts geprägt hat, wird heute zunehmend an die digitalen Netze
delegiert. Eine global auszurichtende Bildungspolitik des 21. Jahrhunderts, die diesen
Namen verdiente, müsste daher das menschliche Bewusstsein in seiner vertikalen Tiefe
erschließen, also kognitives Wissen mit emotionalen und motivationalen Bildungsprozessen
eng verbinden und methodisch verzahnen.
Zur Beantwortung Ihrer Frage nach der Bedeutung des aktuellen historischen Moments
möchte ich Hölderlin zitieren. Gleich zu Beginn seiner Patmos-Hymne (1808) finden sich die
berühmten und viel zitierten Verse: „Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch.“ Da die
Menschheit auf die Digitalisierung nicht ausreichend vorbereitet ist, kann deren aktuelle
Beschleunigung durch die Covid-Krise fatale Folgen haben. Tatsächlich wächst die Gefahr
nicht nur von individuellen, familiären und beruflichen Zusammenbrüchen (also von
Depressionen, Suiziden, häuslicher Gewalt, Insolvenzen, Konkursen sowie wachsender
Arbeits- und Obdachlosigkeit), sondern auch von politischen Zusammenbrüchen bzw.
bürgerkriegsähnlichen Eskalationen.
In den USA, also im bisherigen Zentrum der westlichen Demokratien, haben wir das mit Blick
auf Trump und die Stürmung des Kongresses durch seine Anhängerinnen und Anhänger am
6. Januar 2021 erlebt. Zugleich birgt die Situation in den USA für den neu gewählten
Präsidenten Joe Biden aber auch das Potential eines Neubeginns, einer Reaktivierung der
rettenden und heilenden Kräfte. Eine wichtige Frage wird dabei sein, ob und wie er die oben
benannten Zukunftsaufgaben – Globalisierung der Politik und Vertikalisierung der Bildung –
berücksichtigen kann.
Der digitale Raum entfaltet sich in den letzten Monaten durch Online-Meeting, Online-
Lehre oder Home Office für immer mehr Menschen. Welche Perspektiven ergeben sich
daraus?
Auf diese Frage möchte ich als praktizierender Hochschullehrer und Gründer der
überregionalen Kooperationsplattform Achtsame Hochschulen antworten. Die von meinem
Jenaer Kollegen Reyk Albrecht (Friedich-Schiller-Universität Jena) und mir gegründete
Plattform vernetzt jetzt schon mehr als 350 Hochschullehrerinnen und Hochschullehrer von
ca. 100 Hochschulen in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Ihnen ist gemeinsam,
dass sie in jeweils unterschiedlichem Maße und auf je spezifische Art und Weise daran
arbeiten, die Digitalisierung von Forschung, Lehre und akademischer Selbstverwaltung
achtsam zu gestalten.
Lassen Sie mich, um das zu erläutern, einfach ein wenig aus meinen persönlichen
Erfahrungen mit achtsamkeitsbasierten Online-Kursen berichten. Gemeinsam mit
Kolleginnen und Kollegen aus vier unterschiedlichen Fachbereichen unterrichte ich an der
Ernst-Abbe-Hochschule Jena pro Semester drei Online-Kurse, die sich Mindfulness Based
Student Training (MBST) nennen. Dabei handelt es sich um zwölfwöchige
Achtsamkeitstrainings. Jeder Trainingskurs wird pro Woche 90 Minuten online durchgeführt.
Der Seminarinhalt besteht aus Körperwahrnehmungsübungen (body scan), Sitz, Geh-,
Bewegungs- und Tanzmeditationen sowie strukturierten Dialogen (Dyaden),
Kleingruppenarbeit und Plenargesprächen, in denen es u.a. um Neurobiologie,
Stressforschung und Transformationskompentenz geht. Hinzu kommen Verhaltenstrainings
zum achtsamen Umgang mit zielgruppenspezifischen Stressoren wie Prüfungsangst,
Prokrastination, Zeitdruck, Vereinsamung und sozialen Medien. Das ist natürlich keine
repräsentative Standardveranstaltung, sondern ein Beispiel für ein vertikales Bildungsformat.
Dieses Format funktioniert im digitalisierten Semesterbetrieb wie ein psycho-sozialer Anker
zur achtsamen Kultivierung des Selbst- und Weltverhältnisses sowie des
Gemeinschaftsgefühls.
In diesen Veranstaltungen nehmen wir den digitalen Raum als strukturierten
Videokonferenzraum mit einer Vielzahl von Funktionen (u.a. Einzelchats, Gruppenchats,
Emojis, Teilnehmerlisten, Co-Hosts, Aufzeichnungsoptionen, Bildschirmfreigaben für
Präsentationen, Videos etc.) und Gruppenräumen – den sogenannten Breakout-Rooms –
wahr. Dabei ist es so, dass die jeweils 30 Teilnehmenden ihre Kameras eingeschaltet haben,
so dass wir uns alle gegenseitig sehen können. Die meisten von uns sind von zuhause aus
zugeschaltet und geben damit ein Stück Privatsphäre preis. Wer das nicht möchte, schaltet
einen digitalen Hintergrund ein, der wie ein Bild-Vorhang den Privatraum verdeckt. Die
Veranstaltung ist pädagogisch so organisiert, dass in jeder Sitzung jede Teilnehmerin und
jeder Teilnehmer die Gelegenheit hat mit anderen ins Gespräch zu kommen, gemeinsam zu
üben und sich auszutauschen.
Welche Auswirkungen könnte das auf unser Verhältnis zum physischen Raum haben?
Diese Art der Nutzung von digitalen Videokonferenzsystemen ist an unseren Hochschulen
keinesfalls selbstverständlich. So äußerte sich eine Kollegin von der Universität Leipzig im
November 2020 im Spiegel wie folgt: “Im Sommersemester hatten alle ihre Kameras aus und
haben sich stumm geschaltet. Es war schon komisch, mit lauter schwarzen Kacheln zu
sprechen.“ Das ist leider auch im laufenden Wintersemester 2020/21 noch immer die
Standardsituation in der Online-Lehre. Von daher war der Titel des Artikels, aus dem das
obige Zitat stammt, recht treffend gewählt: „Forschung und Leere“ (Der Spiegel, Nr. 45,
30.10.2020, S. 43). Eine digitale Welt aus schwarzen Kacheln – das ist natürlich eine ganz
andere Nutzungsrealität als die hochgradig interaktive Online-Kommunikation in unseren
Mindfulness Based Student Trainings (MBST).
Entsprechend unterschiedlich sind auch die Auswirkungen von digitalen Videokonferenzen
auf das Verhältnis der Nutzerinnen und Nutzer zum physischen Raum einzuschätzen. Auch
dazu ein Beispiel aus meiner persönlichen Lehrerfahrung. Eine der Übungen, die wir im
MBST regelmäßig machen, ist die Gehmeditation. Sie wird im Kurs zunächst online
vorgestellt und gemeinsam geübt. Das geschieht vor dem Bildschirm in Sichtkontakt mit dem
Trainer bzw. der Trainerin und den anderen Teilnehmenden. Ab dann machen die
Studierenden die Gehmeditation täglich für sich und zwar im Regelfall draußen in der Natur.
Eine Teilnehmerin beschreibt das so: „Ich habe das immer nachmittags gemacht, wenn ich
gerade gemerkt habe, dass mein Kopf überschäumt vor Informationen (beim Lernen), dann
bin ich immer rausgegangen. Je mehr ich mich darauf konzentriert habe, wo mein
Gleichgewicht ist und was meine Füße machen, desto mehr habe ich den Untergrund unter
meinen Schuhsohlen gespürt, jedes kleine Steinchen. Das langsame Gehen hat mir sehr
gutgetan.“
Es kommt also ganz darauf an, wie wir die digitalen Räume nutzen. Wir können Sie auf
achtsame Weise durchaus auch so nutzen, dass wir dadurch angeregt werden, unser
Verhältnis zum physischen Raum bewusster und intensiver zu gestalten. Es muss nicht so
sein, dass wir uns im Cyberspace verlieren und den Kontakt zur Natur kaum noch suchen.
Die Welt der schwarzen Kacheln, welche die Kollegin beschrieben hat, führt leider eher
dazu, dass die Studierenden sich innerlich verschließen und häufig auch den Kontakt zum
physischen Raum extrem reduzieren. Deshalb sind Alternativangebote so wichtig und
werden von den Studierenden auch massiv nachgefragt.
Worin würden Sie vor dem Hintergrund ihrer Erfahrungen mit der Online-Lehre die
größten Unterschiede zwischen dem digitalen und dem analogen Raum sehen?
Praktisch gesehen ist der digitale Raum zunächst einmal unverbindlicher. Ich kann ihn sehr
unauffällig betreten und auch wieder verlassen. Ich kann meine Kamera und mein Mikro
ausschalten und im Modus der Unsichtbarkeit und Unhörbarkeit anwesend sein. Das geht im
analogen Raum so nicht. Diese technischen Möglichkeiten des Absencing erzeugen eine
gewisse Unverbindlichkeit und unter Umständen auch eine mangelnde Verlässlichkeit oder
gar Unsicherheit in der Kommunikation. Hinzu kommt, dass der Blick durch die
verschiedenen Kameras vermittelt ist und sich die Blicke daher nicht wirklich treffen. Darin
liegt die Gefahr eines technisch induzierten Gefühls des Aneinander-Vorbei-Schauens, das
die bereits in der analogen Kommunikation bestehende Gefahr des Aneinander-Vorbei-
Redens verstärkt.
Ein weiterer wichtiger Differenzpunkt ist die fehlende Taktiltät und Kinästhesie. Ich kann die
Objekte im digitalen Raum nicht berühren, und ich kann mich in ihm nicht bewegen und mich
daher auch nicht als körperlich bewegt wahrnehmen. Dazu fällt mir ein interessantes
Experiment ein, über das der chilenische Biologe und Neurowissenschaftler Francisco
Varela (1946-2001) berichtet hat. Dabei wurden neugeborene Kätzchen so
aneinandergebunden, dass das eine auf dem Rücken des anderen befestigt war. Das obere
Kätzchen konnte also nicht selbst laufen, sondern wurde vom unteren Kätzchen durch den
Raum getragen. Das Experiment wurde während der ersten Lebenstage durchgeführt, in
denen Katzen das Sehen lernen. Dabei hat sich gezeigt, dass nur die unteren Kätzchen die
Sehfähigkeit erfolgreich erwerben konnten.
Das heißt, dass ohne Embodiment, also ohne körperliche Eigenbewegung im analogen
Raum und die damit verbundene sensomotorische Selbstwahrnehmung (Kinästhesie) die
Lernfähigkeit behindert wird. Darin liegt einer der Gründe, warum Lernen in geschlossenen
Klassenräumen und sterilen Vorlesungssälen von vielen Menschen als zäh, langweilig,
unlebendig und wenig produktiv erfahren wird. Diese Erfahrung kann sich verschärfen, wenn
die Schulstunden und Uni-Vorlesungen online stattfinden. Tatsächlich berichten heute die
meisten Online-Lernenden von Augen-, Kopf-, und Nackenschmerzen sowie Lustlosigkeit
und Motivationsmangel. Wichtig – vielleicht sogar unverzichtbar – ist daher gerade bei der
Online-Lehre das achtsame Gegensteuern und die Rückbindung der Lernprozesse an die
analogen Körperwelten, also gezieltes Presencing als Gegenbewegung zu den technisch
gegebenen Möglichkeiten des Absencing.
Leibliche Erfahrungswelten sind die Grundlage für Identitätsbildung und
Kommunikation. Wo würden Sie die Grenzen aber auch Potenziale des virtuellen
Raumes für Identitätsbildung und Kommunikation sehen?
Das Experiment mit den Kätzchen zeigt wie grundlegend die sensomotorische
Körpererfahrung für die Ausbildung der Wahrnehmungsfähigkeit bei Tieren ist. Seit
Aristoteles wird der Mensch als zoon logo echon bzw. als animal rationale bestimmt, das
heißt: als vernunftbegabtes Tier. Der common sense neigt dazu, den Sachverhalt, dass wir
Menschen zur Gattung der Tiere gehören, eher unterzubelichten und die differentia specifia
überzubetonen: also die Rationalität, welche uns von anderen Tieren unterscheidet. Wir
stellen uns dann vor, dass unsere höheren Geistesfunktionen wie Sprache, Kommunikation
und Identität einen Ursprung haben, der nichts mit unserer animalen Herkunft bzw. unserer
körperlichen Motorik zu tun haben. Leider prägt diese eigentümliche Vorstellung ein Stück
weit auch die in gewissem Sinn entkörperlichten Lehr- und Lernpraktiken unserer
Bildungsanstalten.
Aus neurowissenschaftlicher Sicht stellt sich die Sache demgegenüber so dar, dass das
menschliche Gehirn – also unser sogenannter Denkapparat - evolutionär betrachtet zum
Zweck der Koordination der Bewegungen unseres Körpers entwickelt worden ist.
Evolutionsbiologisch sind die höheren Funktionen erst später hinzugekommen. Das
Betriebssystem unseres Gehirns ist ein Bewegungskoordinator. Die Denkfunktionen setzen
darauf auf und sind aus diesem Grund mit dem sensomotorischen Betriebssystem neuronal
und funktional sehr eng verbunden.
Es gibt ein weltberühmtes TED-Video von Sir Ken Robinson. Es trägt den Titel Do Schools
Kill Creativity? Darin resümiert der Bildungs- und Kreativitätsforscher wie folgt: „Jedes
Bildungssystem der Erde hat die gleiche Hierarchie von Fächern: ganz oben Mathematik und
Sprachen, dann Geisteswissenschaften, und ganz unten Kunst. Und in so ziemlich jedem
System gibt es auch eine Hierarchie innerhalb der Künste. Kunst und Musik haben meistens
einen höheren Status in Schulen als Theater und Tanz.“ Und Robinson schreibt weiter: „Es
gibt auf dem Planeten kein Bildungssystem, das Kinder täglich genauso im Tanzen
unterrichtet wie in Mathematik. Mathematik ist wichtig, aber das gilt auch für Tanz. Ernsthaft,
wir unterrichten Kinder, wenn sie aufwachsen, immer weiter von der Taille aufwärts. Dann
konzentrieren wir uns auf die Köpfe, und ein wenig zu einer Seite hin.“
Tatsächlich sind unsere Schulen und Hochschulen schon ohne die durch Covid
beschleunigte Digitalisierung extrem kopflastig ausgerichtet. Derzeit erreicht der Grad an
Entkörperlichung und Verkopfung aber eine Dimension, die tatsächlich für die individuelle
Persönlichkeitsentwicklung und die zwischenmenschliche Kommunikation gefährlich werden
kann. Das erleben derzeit viele Eltern und zwar in doppelter Hinsicht; zum einen mit Blick auf
ihre Kinder, denen die körperliche Interaktion mit den Schulkameraden auf dem Schulhof
fehlt, und zum anderen mit Blick auf sich selbst, wenn sie ihren Job im Home-Office
ausüben. Hier sind achtsame Ausgleichsangebote wichtig. Das wird derzeit in der
Bildungspolitik noch nicht ausreichend berücksichtigt, während in der Wirtschaft die
Achtsamkeitskurse boomen.
Wagen wir einen Blick in die Zukunft. Welche Rolle werden physische und virtuelle
Räume in zehn Jahren spielen und welche Umgebungen wird unser Körper
benötigen?
Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird es neben den uns bekannten digitalen Videokonferenz-
Räumen in zehn Jahren vermutlich immersive Virtual-Reality-Räume als alltägliche
Massenanwendungen geben, die wir mittels Datenbrillen, Datenhandschuhen und
Datenanzügen betreten. Wir kennen das heute schon aus dem Bereich der Computer- und
Videospiele sowie von Ausstellungen oder als Thema von Science-Fiction-Filmen wie der
Matrix-Trilogie (Wachowskis, 1999-2013) oder Ready Player One (Spielberg, 2018).
Das Interessante an diesen Technologien ist, dass der Tastsinn und mit ihm auch der sich
bewegende Körper und die kinästhetische Wahrnehmung in die Digitalisierung einbezogen
werden. Deshalb wird die virtual reality auch als Immersion beschrieben. Damit ist das
Eintauchen unseres Körperbewusstseins in den virtuellen Raum gemeint. Das immersive
Setting soll es uns ermöglichen, im digitalen Raum mit allen Sinnen wahrzunehmen und
körperbasiert zu handeln. Durch diese Art der holistischen Mind-Body-Simulation entsteht
das mehr oder weniger authentische Gefühl, in der digitalen Umgebung nicht nur geistig,
sondern auch körperlich präsent zu sein.
Desto mehr und desto weiter diese Technologien entwickelt, zugänglich gemacht und
alltäglich genutzt werden, umso wichtiger wird die komplementäre Rückbindung unseres
Körperbewusstseins an die nicht-virtuellen Erfahrungswelten, die uns mit realen Menschen,
Tieren, Pflanzen und dem Planeten Erde verbinden. Das bildungs- und kulturpolitische
Leitthema einer achtsamen Bewusstseinsschulung bleibt uns also erhalten und gewinnt mit
Blick auf diese mögliche Zukunft noch weiter an Dringlichkeit. Das gleiche gilt für das zweite
der beiden oben erwähnten Mega-Themen. Wenn die digitalen Räume zu virtuellen, also
immersiven Welten werden, lösen sich die medial vermittelten Geschicke der Menschheit
vermutlich noch weiter von der nationalen Geopolitik ab. Die Zukunft der Demokratie wird
dann noch mehr als bereits jetzt von ihrer achtsamen Globalisierung abhängen. Wenn alles
gut geht, haben die Bürgerinnen und Bürger dieser Welt in zehn Jahren bereits ein
Weltparlament gewählt, das sich – demokratisch legitimiert – um die kooperative Lösung der
globalen Menschheitsprobleme kümmert.
Herr Sandbothe, herzlichen Dank für das Gespräch!
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