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Unpolitische Politikwissenschaft? Plädoyer für einen außerakademischen Wahrheitsanspruch

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Abstract

Auf den ersten Blick mag die Frage überraschen, ob das Fach Politikwissenschaft eine politische Dimension hat oder nicht. Denn einerseits bedingt es der Gegenstand der Politikwissenschaft, die Politik in ihrer Konstituierung als umstritten und umkämpft, dass sich die wissenschaftliche Disziplin, die diese untersucht, einer Politisierung nie wirklich wird entziehen können: Denn bereits jede Wahl eines Forschungsgegenstandes ist – ganz gleich, ob man dies reflektiert oder nicht – ein politischer Prozess der Entscheidung und des Ausschlusses. Andererseits hat sich das Fach, das sich in der unmittelbaren Nachkriegszeit gern als »die älteste und zugleich die jüngste aller Wissenschaften von der Gesellschaft der Menschen«1 verstand, in seinem institutionalisierten Entstehungsprozess in der Bundesrepublik in unmittelbarer Nähe zur Zeitgeschichte ge- und mit dem Auftrag der politischen Bildung zur Schaffung von »mündigen Bürger(inne)n« versehen, was ebenfalls ein unvermeidlich politischer Anspruch war.2 Nicht selten wurden die entstehenden politikwissenschaftlichen Institute in der jungen Bundesrepublik als Institute für Politische Wissenschaft denominiert.
Distanzierung
und Engagement
Wie politisch sind
die Geisteswissen-
schaften?
Herausgegeben von
Hendrikje Schauer und Marcel Lepper
Inhalt
7 Distanzierung und Engagement: Wie politisch
sind die Geisteswissenschaften?
27 Alexander Gallus: Wenn Konsensverschiebungen
und Geschichts vergessenheit drohen:
Zeitgeschichte als öffentliche Aufgabe und
intellektuelle Intervention
39 Interview mit Bénédicte Savoy
43 Samuel Salzborn: Unpolitische Politikwissen-
schaft? Plädoyer für einen außerakademischen
Wahrheits anspruch
55 Interview mit Boris Grésillon
59 Christina Müller: Die Angst geht um oder:
Wer will noch politische Geisteswissenschaften?
71 Interview mit Paul Ostwald
75 Luisa Banki: Geheimnis und Öffentlichkeit:
Überlegungen zum Verhältnis von Politik und
Literaturwissenschaft
89 Interview mit Sidonie Kellerer
95 Hannes Bajohr: Harmonie und Widerspruch:
Mit Judith N. Shklar gegen die »Ideologie der
Einigkeit«
107 Die Beiträgerinnen und Beiträger
42 Distanzierung und Engagement
jederzeit denken: ›Wenn ich die Provenienz erforsche,
dann ist mein Museum übermorgen leer‹, dann könnten
sie diese gar nicht mehr erforschen.
Also, einerseits ist Geschichtswissenschaft eine poli-
tische Handlung, andererseits muss man die Forschung
und ihre politischen Konsequenzen trennen, damit For-
schung frei bleibt.
Samuel Salzborn
Unpolitische Politikwissenschaft? Plädoyer für einen
außerakademischen Wahrheitsanspruch
Auf den ersten Blick mag die Frage überraschen, ob das
Fach Politikwissenschaft eine politische Dimension hat
oder nicht. Denn einerseits bedingt es der Gegenstand der
Politikwissenschaft, die Politik in ihrer Konstituierung als
umstritten und umkämpft, dass sich die wissenschaftli-
che Disziplin, die diese untersucht, einer Politisierung
nie wirklich wird entziehen können: Denn bereits jede
Wahl eines Forschungsgegenstandes ist – ganz gleich, ob
man dies reflektiert oder nicht ein politischer Prozess
der Entscheidung und des Ausschlusses. Andererseits hat
sich das Fach, das sich in der unmittelbaren Nachkriegs-
zeit gern als »die älteste und zugleich die jüngste aller
Wissenschaften von der Gesellschaft der Menschen«1 ver-
stand, in seinem institutionalisierten Entstehungsprozess
in der Bundesrepublik in unmittelbarer Nähe zur Zeitge-
schichte ge- und mit dem Auftrag der politischen Bildung
zur Schaffung von »mündigen Bürger(inne)n« versehen,
was ebenfalls ein unvermeidlich politischer Anspruch
war.2 Nicht selten wurden die entstehenden politikwissen-
schaftlichen Institute in der jungen Bundesrepublik als
Institute für Politische Wissenschaft denominiert.
1 Carl J. Friedrich: »Grundsätzliches zur Geschichte der Wissenschaft von
der Politik.« in: Zeitschrift für Politik N.F. 1 (1954), S. 325336, hier: S. 325.
2 Vgl. Wilhelm Bleek: Geschichte der Politikwissenschaft in Deutschlan d.
München: C.H. Beck, 2001.
4544 Distanzierung und Engagement Samuel Salzborn
Unter diesem Label firmierte auch die ältere der bei-
den politikwissenschaftlichen Fachvereinigungen bis zum
Ende des Jahres 2016. Dann wurde aus der Deutschen
Vereinigung für Politische Wissenschaft die Deutsche Ver-
einigung für Politikwissenschaft; was jüngeren Fachkolleg-
Innen wie eine wenig relevante Namensänderung schei-
nen mag, ist faktisch Ausdruck einer Fachdebatte, bei der
es um mehr geht als um Worte nämlich um Begriffe.
Denn im Begriff politisch als Selbstbeschreibung für eine
wissenschaftliche Fachvereinigung liegen verschiedene
Dimensionen, die reflektiert werden müssen: So hatte das
Fach mit der so genannten auslandswissenschaftlichen
Forschung eine explizit politisierte Vorgeschichte, näm-
lich als integraler Bestandsteil des nationalsozialistischen
Wissenschaftskampfes und damit der antisemitischen NS-
Vernichtungspolitik,3 so dass alles dafür sprach, eine poli-
tisierte Wissenschaft zu verhindern, damit »Auschwitz
nicht sich wiederhole, nichts Ähnliches geschehe.«4 Aber
umgekehrt liegt in einer sich bewusst nicht-politisch
gebenden, werturteilsfrei gerierenden Politikwissen-
schaft nicht nur das Potenzial zu ihrer Selbstüberflüssig-
machung, sondern ein solches Wissenschaftsprogramm
ist auch eine erkenntnistheoretische Lüge. Denn schon
3 Vgl. Gideon Botsch: ›Politische Wissenschaft‹ im Zweiten Weltkrieg. Die
›Deutschen Auslandswissenschaften‹ im Einsatz 19401945. Mit einem
Geleitwort von Peter Steinbach. Paderborn: Schöningh, 2006 (Sammlung
Schöningh zur Geschichte und Gegenwart).
4 Theodor W. Adorno: Negative Dialektik [1966]. In: ders.: Gesammelte
Schriften. Bd. 6. Hg.v. Rolf Tiedemann. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1997,
S. 3412, hier: S. 358.
das Postulat der Wertneutralität ist widersprüchlich, da
es nicht nur selbst bereits ein Werturteil enthält, sondern
für eine wissenschaftstheoretische Ruhigstellung plädiert:
eine Ruhigstellung, unter deren Ägide aseptische Politik-
konzepte umsetzbar werden, weil die wertneutrale auch
die technokratische Wissenschaft ist, die stets den Ideolo-
gieverdacht nur gegenüber den Anderen formuliert – und
genau dadurch selbst zutiefst ideologisch, wertgebunden
und politisch ist, es aber unter dem (ideologischen) Pos-
tulat der Ideologiefreiheit stets leugnet.
Insofern wirft dieses Spannungsfeld und die Frage
nach dem Politischen der Politikwissenschaft generell
die Frage auf, die zuletzt u. a. Janus Gudian systematisch
behandelt hat, wie politisch Wissenschaft sein muss, sein
will und sein darf.5 Um diese drei Pole kreist letztlich auch
die jüngst innerhalb der Politikwissenschaft begonnene
Debatte über das Selbstverständnis des Faches, die seit
dem Frühjahr 2016 vor allem über die Frage des öffent-
lichen Auftrages geführt wurde und wird: Muss, will und
darf Politikwissenschaft öffentlich intervenieren, sich
also in gesellschaftliche und politische Debatten ein-
mischen? Muss, will und darf sie sich auf den Standort
einer wertneutralen akademischen Disziplin zurück-
ziehen? Muss, will und darf Politikwissenschaft politisch
5 Vgl. Janus Gudian: »100 Jahre Universität – die Stunde des Historikers.
Überlegungen zum Verhältnis von Wissenschaft und Politik.« In: ›Politi-
sierung der Wissenschaft‹. Jüdische Wissenschaftler und ihre Gegner an
der Universität Frankfurt am Main vor und nach 1933. Hg.v. Moritz Epple,
Johannes Fried, Raphael Gross u. Janus Gudian. Göttingen: Wallstein,
2016, S. 1168, hier: S. 63f. (Schriftenreihe des Frankfurter Universitäts-
archivs 5).
4746 Distanzierung und Engagement Samuel Salzborn
sein – und in welchem Maße? Um hierauf Antworten zu
finden, soll zunächst ein Blick in die sozialwissenschaft-
lichen Methodo logiedebatten geworfen werden,6 ohne
deren Kenntnis eine politikwissenschaftliche Selbstver-
ständigung nur schwerlich möglich ist, da in ihnen über
die Möglichkeiten und Grenzen sozialwissenschaftlicher
Erkenntnis auf einer metatheoretischen Ebene jenseits
von Einzeldebatten reflektiert wird.
1. SelbstverständigungenindenSozial -
wissenschaften
Eines der zentralen Versprechen der frühneuzeitlichen
Vorläufer der modernen Sozialwissenschaften war das
der Emanzipation von Metaphysik und Aberglauben. An
ihre Stelle, so die Hoffnung, sollte das aufgeklärte Sub-
jekt treten und sich in die Lage versetzen, kritisch wie
selbstkritisch seine sozialen Kontexte zu verstehen und
zu erklären. Das Versprechen der Aufklärung war aller-
dings, retrospektiv betrachtet, nur ein halbiertes und blieb
uneingelöst, weil der Glaube an Gott durch einen neuen,
säkularen Glauben an Natur und Technik ersetzt wurde,
oftmals auch nur durch diesen ergänzt zwecks Delegie-
rung menschlicher (Selbst-)Verantwortung. Gleichwohl
stand an der Schwelle zum 20. Jahrhundert das sozialwis-
senschaftliche Versprechen auf soziale Emanzipation des
Subjekts. Offen war dabei aber, wie es eingelöst werden
6 Dies und die folgenden Passagen ausführlicher in: Samuel Salzborn:
Sozial wissenschaften zur Einführung. Hamburg: Junius, 2013.
sollte, mit welcher wissenschaftstheoretischen Legitima-
tion, mit welchem methodologischen Anspruch, unter
Bezugnahme auf welche den Geistes- und Naturwissen-
schaften entliehenen, diese erweiternden oder auch von
diesen unabhängigen Methoden es zu konkretisieren war.
Das erkenntnistheoretische Dilemma dieser Selbst-
verortung bestand darin, dass das Postulat eines sitt-
lichen oder moralischen Anspruchs weiterhin existierte,
zugleich aber mit dem Objektivitätspostulat der neu ent-
standenen naturwissenschaftlichen Erkenntnislogik kon-
kurrierte. Wäre es also für die sozialwissenschaftliche
Forschung der Königsweg, von den Naturwissenschaften
neben ihrem Skeptizismus gegenüber metaphysischen
Unterstellungen auch ihren methodischen Anspruch auf
eine wertneutrale und damit potenziell unabhängig von
subjektiven Faktoren reproduzierbare Methodenlehre
zu übernehmen? Oder sollte es vielmehr der von den
Geisteswissenschaften der Aufklärung übernommene
revolutionäre Anspruch sein, aus dem sich der Impuls
zur kritischen Intervention und Veränderung bestehen-
der Systeme der Herrschaftslegitimation, also ein expli-
zit politisches und alles andere als wertneutrales Motiv
sozial wissenschaftlicher Forschung, zu begründen habe?
War damit also der Anspruch sozialwissenschaftlicher
Forschung ein politischer – oder ein neutraler? Sollten
die Sozialwissenschaften wertfrei operieren – oder gesell-
schaftlich intervenieren?
Diese Fragen, die den Beginn sozialwissenschaft-
licher Forschung prägten und die zentralen erkenntnis-
4948 Distanzierung und Engagement Samuel Salzborn
theoretischen Debatten über gut sechzig Jahre – ins-
besondere in der Werturteilsdiskussion um die
Jahr hundertwende, dem Weimarer Methodenstreit in
den 1920/30er Jahren und dem Positivismusstreit in den
1960er Jahren anregen sollten, sind auch heute noch
offen und werden sich wohl nie konsensuell beantwor-
ten lassen. Denn die Ambivalenz einer Antwort auf die
Frage nach der Selbstlokalisierung der Sozialwissenschaf-
ten korrespondiert mit der Ambivalenz ihrer Konstituie-
rung. Jeder Versuch einer Festlegung würde deshalb auch
genau jene historisch begründete und in die Genese der
Sozialwissenschaften eingeschriebene Zerrissenheit zer-
stören und damit ihren Charakter als Sozialwissenschaf-
ten infrage stellen. Und darum ist es auch charakteristisch
für die Sozialwissenschaften, dass ihre »Selbstfindung«
nie zu einem Ende kommen kann – womit sie sich nicht
von den Naturwissenschaften unterscheiden, allerdings
dadurch von ihnen abheben können, dass in dieser Unab-
geschlossenheit kein Manko, sondern eine Stärke gesehen
werden kann: Die Naturwissenschaften hingegen bezie-
hen einen wesentlichen Teil ihrer Selbstlegitimation aus
dem Anspruch, verbindliches Wissen zu präsentieren, das
jedoch tatsächlich genauso nachhaltigen und fortwähren-
den Revisionen ausgesetzt ist wie jenes der Sozial- oder
Geisteswissenschaften.
Bei resümierendem Blick auf die erkenntnistheoreti-
schen und methodologischen Grundlagendebatten bis in
die 1960er Jahre zeigen sich die Gemeinsamkeiten der
Selbstverständigung darin, dass sich ein Konsens über
die Frage herauskristallisierte, worin denn der – oft erbit-
tert ausgetragene – Dissens bestehe. Der damit herge-
stellte Konsens im Dissens bestand in der Debatte über das
Verhältnis von Sein und Sollen, also letztlich von Empi-
rie und Theorie und daran anschließend von Norm und
Wirklichkeit. Überdies war die Frage nach der Bezie-
hung zwischen WissenschaftlerIn und dem Gegenstand
der wissenschaftlichen Forschung sowie dem Verhältnis
von (passiver) Beschreibung und (aktiver) Intervention
wesentlicher Bestandteil einer in den 1960er Jahren vor-
läufig abgeschlossenen Selbstverständigungsdebatte in
den Sozialwissenschaften.
2. Politikwissenschaft: Die Frage nach dem
Wahrheitsanspruch
Erinnert man an diese sozialwissenschaftlichen Selbst-
verständigungsdebatten, dann ist die gegenwärtige Dis-
kussion in der Politikwissenschaft vor allem eines: eine
stillschweigende Revision dieses Konsenses im Dissens.
Denn das eigentümliche an der aktuellen Debatte im
Fach ist, dass diejenigen, die sich daran öffentlich betei-
ligen und darüber diskutieren, ob und in welcher Form
Politikwissen schaft öffentlich (und damit politisch) agie-
ren sollte, sämtlich dadurch miteinander verbunden
sind, dass sie alle wie selbstverständlich öffentlich und
damit politisch agieren. Dies betrifft auf der einen Seite
die Kritiker Frank Decker und Eckhard Jesse sowie Carlo
Masala, die pointiert die ermüdende Selbstbezogenheit
wie öffentliche Abstinenz und den damit einhergehenden
5150 Distanzierung und Engagement Samuel Salzborn
Bedeutungs verlust politikwissenschaftlicher Expertise kri-
tisierten und diese in Verbindung gebracht haben mit der
innerakademischen Spezialisierung und Priorisierung
von rein akademischen vor öffentlichen Relevanzkriterien
(Drittmitteleinwerbung und Publikationsorientierung auf
peer reviewed journals vs. Tageszeitungskommentar und
Talkshowteilnahme).7 Dies betrifft auf der anderen Seite
Marc Debus, Thorsten Faas und Armin Schäfer, die in der
Entgegensetzung von (öffentlich) sichtbarer und (akade-
misiert) unsichtbarer Politikwissenschaft einen falschen
Gegensatz gesehen haben, die Qualitätssteigerung von
Forschung durch Peer-Review-Verfahren betont und argu-
mentiert haben, dass der »Vorwurf mangelnder Sichtbar-
keit« vor allem auf den »Grenzen eigener Rezeptions-
fähigkeit« basiere.8 In der Gegenüberstellung fällt eines
auf: Keiner der Debattenbeiträger ist öffentlich absti-
nent, im Gegenteil egal, ob Pro- oder Contra-Position,
alle repräsentieren eine auf Öffentlichkeit hin orientierte
Politikwissenschaft. Und ob man jetzt Drittmittelerfolge
für wissenschaftlich wichtig oder trivial hält, ist letztlich
für die Qualität und Relevanz von Forschung gleichgültig,
weil sich diese nicht an in Antragsprosa prognostizierter
Forschung, sondern an echten Ergebnissen misst und
ein gutes Buch kann man genauso mit wie ohne Dritt-
7 Vgl. Frank Decker, Eckhard Jesse: »Fach ohne Ausstrahlung.« in: Frankfur-
ter Allgemeine Zeitung, 20. April 2016, S. N4; Carlo Masala: »Auf dem Rück-
zug. Die Politikwissenschaft ist inhaltsleer und irrelevant.« In: DieZeit,
9.Februar 2017, S. 60.
8 Vgl. Marc Debus, Thorsten Faas, Armin Schäfer: »Einfluss auf Debatten.
Der Vorwurf der Granden des Faches: Die großen Debatten geraten im
Kampf der Jungen um Drittmittel aus dem Blick.« In: faz.net, 17. Mai 2017.
mittel schreiben. Das Eigentümliche ist vielmehr etwas
ganz Anderes: Diejenigen, die die Öffentlichkeit und
damit die politische Selbstpositionierung meiden wie der
Teufel das Weihwasser, also diejenigen im Fach, die die
Politikwissenschaft gern entpolitisieren wollen, schwei-
gen schlicht in der Debatte. Und dieses dröhnend laute
Schweigen kündigt den Konsens im Dissens auf und gibt
den unveräußerlichen Kern des Politischen preis: weil es
sich der Selbstrechtfertigungsnotwendigkeit entwindet,
weil es nicht für nötig erachtet, öffentlich miteinander
uneins zu sein.9
Die Schlüsselfrage, um die es damit eigentlich geht,
ist, ob das politikwissenschaftliche Erkenntnisinteresse
orientiert ist an einem innerakademischen Diskurs oder
an einem außerakademischen Wahrheitsanspruch wobei
dieser Wahrheitsanspruch fraglos wissenschaftlichen
Kriterien genügen muss, die aber eben nicht allein aus
einer innerakademischen Selbstbespiegelung generiert
werden können. Anders gesagt: Wahrheit ergibt sich
aus Wirklichkeit, nicht aus dem Diskurs über sie. Über
diese erkenntnis theoretische Grundlage waren sich die
drei großen erkenntnistheoretischen Debatten in den
Sozialwissenschaften im 20. Jahrhundert uneinig aber
einig darin, dass in diesem Spannungsfeld der Konsens
im Dissens besteht. Wird in der Selbstverständigung aber
diese Einigkeit im Streit aufgegeben, dann verliert die
9 Vgl. Samuel Salzborn: Kampf der Ideen. Die Geschichte politischer Theorien
im Kontext [2015], 2., akt. Aufl. Baden-Baden: Nomos, 2017.
5352 Distanzierung und Engagement Samuel Salzborn
Politikwissenschaft ihren außerakademischen Wahrheits-
anspruch – was zwei große Risiken für das Fach in sich
birgt: einerseits die Marginalisierung von Forschung,
die politisch interveniert zugunsten von technokra-
tischem und damit instrumentell politisiertem Exper-
tentum; andererseits die langfristige Abschaffung der
Politikwissenschaft, denn diese hat überhaupt nur als
»Aufklärungswissenschaft«10 einen Sinn, ohne den die
Politikwissenschaft auch in (zeit-)historische, juristi-
sche und soziologische Forschung (re-)integriert werden
könnte. Der Rückzug in den Elfenbeinturm des Schwei-
gens und die alleinige Referenz auf den innerakademi-
schen Diskurs ist im Übrigen unter der Hand eine tech-
nokratische Herrschaftsstrategie, bei der die Ideologie der
Ideologiefreiheit droht, auf kaltem Weg durchgesetzt zu
werden.
Der außerakademische Wahrheitsanspruch misst die
Qualität von politikwissenschaftlicher Forschung nicht
daran, ob andere FachkollegInnen in formal (absurder-
weise durch das Zeitschriften-Ranking privater Wirt-
schafts unternehmen formalisiert) renommierten, aber
real nur überaus mäßig gelesenen Peer-Review- Aufsätzen
die eigene Relevanz selbstbespiegelnd bescheinigen,
sondern muss darüber hinaus gehen: Politikwissen-
schaftliche Forschung benötigt den außerakademischen
Wahrheitsanspruch, da sich die Frage nach der ›guten‹
10 Anton Pelinka: Grundzüge der Politikwissenschaft. Wien [u.a.]: Böhlau,
2000, S. 12.
Politikwissenschaft nur dadurch beantworten lässt, wie
adäquat sie die Realität zu erfassen in der Lage ist – und
dies ist eben weder wertneutral noch wissenschaftssys-
temimmanent, wie sich in Referenz auf die sozialwis-
senschaftlichen Methodologiedebatten sagen lässt. Es ist
aber eben auch nicht (instrumentell, zum unmittelbaren
Nutzen eines politischen Auftraggebers) politisiert – son-
dern (im eigenen Anspruch einer prinzipiellen kritischen
Distanz) politisch: präzise, valide, transparent, über-
prüfbar und standpunktergreifend – und gerade in die-
ser Verbindung unparteiisch. Als IntellektuelleR muss
der/die PolitikwissenschaftlerIn, in den Worten von
Franz L. Neumann, »immer und gegenüber jedem poli-
tischen System ein Metöke, ein Fremder sein«.11 Genauer
gesagt: müsste, will sich das Fach nicht selbst aufgeben.
11 Franz L. Neumann, zit. nach: Helge Pross: »Einleitung.« In: Franz L. Neu-
mann: Demokratischer Staat und autoritärer Staat. Studien zur politischen
Theorie. Hg. und mit einem Vorwort versehen von Herbert Marcuse. Einge-
leitet von Helge Pross. Frankfurt/Main [u.a.].: Europäische Verlagsanstalt,
1967, S. 12 (Politische Texte). (Hervorhebung nicht im Original).
Über die Beiträgerinnen und Beiträger
Hannes Bajohr ist Philosoph und Literaturwissenschaft-
ler. Am Zentrum für Literatur- und Kulturforschung, Ber-
lin, arbeitet er an einer Geschichte der ›negativen Anthro-
pologie‹ als Diskursfigur in der deutschen Philosophie
des 20.Jahrhunderts. Zuletzt erschien: Code und Konzept:
Literatur und das Digitale. Berlin: Frohmann, 2016.
Luisa Banki ist Literaturwissenschaftlerin. Sie arbeitet
als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Ger-
manistik der Bergischen Universität Wuppertal. Zu ihren
Forschungsschwerpunkten zählt die Epistemologie der
Literatur wissenschaft. Zuletzt erschien der gemeinsam
mit Michael Scheffel herausgegebene Sammelband Lektü-
ren. Positionen zeitgenössischer Philologie (Trier: WVT, 2017).
Alexander Gallus ist Zeit- und Ideenhistoriker. Er lehrt als
Professor für Politische Theorie und Ideengeschichte an
der TU Chemnitz. Zu seinen Forschungsschwerpunkten
zählt die Intellektuellengeschichte des 20. Jahrhunderts.
Zuletzt gab er die Edition Meinhof, Mahler, Ensslin. Die
Akten der Studienstiftung des deutschen Volkes (Göttingen:
Vandenhoeck & Ruprecht, 2016; Sonderausgabe 2017)
heraus.
Boris Grésillon ist Professor für Stadt- und Kulturgeo-
gra phie an der Universität Aix-en-Provence, als Senior
Fellow der Alexander von Humboldt-Stiftung assoziierter
109108 Distanzierung und Engagement Über die Beiträgerinnen und Beiträger
Forscher am Geographischen Institut der Humboldt-Uni-
versität und am Centre Marc Bloch in Berlin. Zu seinen
Forschungsschwerpunkten gehört das Verhältnis von
Raum und Kultur. Gemeinsam mit Sébastien Vannier
gab er zuletzt das Heft Berlin aujourd’hui (Allemagne
d’aujourd’hui, H. 3, 2017) heraus.
Sidonie Kellerer ist Philosophin. Sie beschäftigt sich mit
Fragen der Erkenntnistheorie und der politischen Philo-
sophie. An der Universität zu Köln leitet sie das For-
schungsprojekt: Heidegger and Postmodernity: The Story of
a Delusion. Zuletzt gab sie gemeinsam mit Marion Heinz
den Band Martin Heideggers ›Schwarze Hefte‹. Eine philoso-
phisch-politische Debatte (Berlin: Suhrkamp, 2016) heraus.
Christina Müller ist Literaturwissenschaftlerin und arbei-
tet als Sachbuchlektorin im Reclam Verlag. Zuvor war sie
Redakteurin der Zeitschrift Mittelweg 36 sowie des sozial-
wissenschaftlichen Onlineportals Soziopolis, für das sie
zahlreiche Beiträge verfasst hat.
Paul Ostwald ist Chefredakteur des Journal of Interrupted
Studies, einer akademischen Zeitschrift, die Artikel von
geflüchteten und exilierten Akademikern publiziert. Sie
erscheint ab 2017 zweimal jährlich im Brill-Verlag in
Leiden. Ostwald studierte in Oxford Philosophie und
Politikwissenschaften.
Samuel Salzborn ist Politik- und Sozialwissenschaftler.
Gegenwärtig ist er Gastprofessor für Antisemitismusfor-
schung an der TU Berlin. Zu seinen Forschungsschwer-
punkten zählen Politische Theorie und Gesellschaftstheo-
rie sowie Politische Soziologie und Demokratieforschung.
Letzte Buchveröffentlichung: Angriff der Antidemokraten.
Die völkische Rebellion der Neuen Rechten. Weinheim: Beltz
Juventa, 2017.
Bénédicte Savoy ist Kunsthistorikerin. Sie lehrt als
Profes sorin für Kunstgeschichte der Moderne an der
Technischen Universität Berlin sowie am Collège de
France in Paris. Zu ihren Forschungsschwerpunkten zäh-
len der Kunst- und Kulturtransfer im Europa des 18. und
19. Jahrhunderts, die Geschichte der Museen sowie die
Provenienz forschung. Zuletzt gab sie gemeinsam mit
Christina Kott den Band Mars & Museum. Europäische
Museen im Ersten Weltkrieg (Köln: Böhlau, 2016) heraus.
Distanzierung und Engagement:
Wie politisch sind die Geisteswissenschaften?
©Works & Nights
Stuttgart/Weimar 2018
www.worksandnights.net
Gestaltung und Satz: Lena Haubner, Weimar
Druck: Druckerei Schöpfel GmbH, Weimar
Bindung: Buchbinderei Kurt Schirmer, Erfurt
Papier: Munken Pure, 100 und 240 g/m2
Schriften: Scala von Martin Majoor und
Neutral von Kai Bernau
ISBN: 978-3-00-056902-9
Chapter
Der Vergleich der in den Jahren 2001 und 2017 von den deutschen Bundesregierungen veröffentlichten Armuts- und Reichtumsberichte zeigt, dass diese fast gänzlich unverändert vom Narrativ geprägt sind, der Sozialstaat müsse nach der Devise „Fördern und Fordern“, trotz Prekarisierung und Ausweitung des Niedriglohnsektors, als Garant für die Reduktion von Armut und Arbeitslosigkeit sowie die Erreichung eines Zustands der Vollbeschäftigung als Königsweg zur Wohlstandssicherung gelten. Die dort unterstellte positive Wechselwirkung von Wirtschaftswachstum und hohen Beschäftigungszahlen führt dazu, dass trotz steigender Einkommens- und Vermögensungleichheit alternative politische Stellschrauben ähnlich aus dem Blick geraten wie Postwachstumsideen, ökologische Folgen eines ungebremsten Wachstums sowie der gesellschaftliche und individuelle Sinn von Arbeit.
Chapter
Wachstum als Mittel zur Reduktion von Armut in Ländern des Globalen Südens bestimmt seit dem Zweiten Weltkrieg den Diskurs der Entwicklungszusammenarbeit (EZ). Der Anspruch, Wachstum zu steigern, ist in den letzten Jahren zwar durch das Konzept qualitativen Wachstums differenzierter geworden, die Wirkungszuschreibung ist jedoch konstant geblieben. Wirtschaftswachstum wird seit Beginn der Entwicklungspolitik in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg als Synonym für Entwicklung verstanden (Trefs et al. 2009, S. 1). Die nachfolgende Forschung untersucht das Verständnis von Qualitativem Wachstum der KfW Entwicklungsbank in den Zeiträumen 1994–1996 und 2010–2015. Da sich die KFW Entwicklungsbank, so wie auch andere entwicklungspolitische Institutionen, den prominenten Begriff Pro Poor Growth (PPG) zu Eigen gemacht hat, soll gerade diese Definition in Bezug auf qualitatives Wachstum untersucht werden. Folgende Frage steht im Zentrum der Arbeit: Kann qualitatives Wachstum pro poor sein und unter der Berücksichtigung eines multidimensionalen Verständnisses von Armut umgesetzt werden? Die KfW Entwicklungsbank begründet ihre Relevanz als politische und insbesondere staatliche Förderbank in ihrer mehr als 50 Jahre zurückgehenden Zusammenarbeit mit der Deutschen Bundesregierung. Im Auftrag der Bundesregierung verwaltet und prüft die KfW Entwicklungsbank Fördergelder- und Projekte in der deutschen Entwicklungszusammenarbeit (KFW Entwicklungsbank 2016a).
Article
Full-text available
Zusammenfassung Die Internationalen Beziehungen haben sich professionalisiert und sind theorie- und methodenorientierter geworden. Einige Kolleg*innen kritisieren die Nebenwirkungen dieses Wandels: Das Fach habe den Anspruch und die Fähigkeit verloren, gesellschaftliche und politische Impulse zu geben. Diese Kritik weise ich zurück, indem ich argumentiere, dass Theorien und Methoden Relevanz erst ermöglichen und dass Wissenschaftler*innen heute mit anderen Inhalten und in anderen Sphären sichtbar werden – dass jedoch das deutsche Wissenschaftssystem diese Sichtbarkeit nicht honoriert.
Article
Dieser Beitrag plädiert für eine stärkere Bezugnahme auf Normativität in der politikwissenschaftlichen Lehre. Ein Mehr an Normativität sollte in einer reflexiven Grundhaltung zum Ausdruck kommen, mit der eine Offenlegung der eigenen normativen Annahmen, eine Hinterfragung bestehender Postulate und Wissensbestände sowie eine Anerkennung der Komplexität sozialer Verhältnisse einhergeht. Anhand eines Blicks auf die Studierenden, die Lehrenden und die Lehr-Lernbeziehungen zeigen wir auf, wie eine solche reflexive Grundhaltung in der Lehre umgesetzt und vermittelt werden kann, um auf die Herausbildung kritisch reflektierender und agierender Studierender abzuzielen.
Ostwald studierte in Oxford Philosophie und Politikwissenschaften
  • Leiden
Leiden. Ostwald studierte in Oxford Philosophie und Politikwissenschaften.
Zu ihren Forschungsschwerpunkten zählen der Kunst-und Kulturtransfer im Europa des 18. und 19. Jahrhunderts, die Geschichte der Museen sowie die Provenienz forschung
  • Bénédicte Savoy Ist Kunsthistorikerin
Bénédicte Savoy ist Kunsthistorikerin. Sie lehrt als Profes sorin für Kunstgeschichte der Moderne an der Technischen Universität Berlin sowie am Collège de France in Paris. Zu ihren Forschungsschwerpunkten zählen der Kunst-und Kulturtransfer im Europa des 18. und 19. Jahrhunderts, die Geschichte der Museen sowie die Provenienz forschung. Zuletzt gab sie gemeinsam mit
Wie politisch sind die Geisteswissenschaften? ©Works & Nights Stuttgart/Weimar
  • Engagement Distanzierung Und
Distanzierung und Engagement: Wie politisch sind die Geisteswissenschaften? ©Works & Nights Stuttgart/Weimar 2018 www.worksandnights.net
Erfurt Papier: Munken Pure, 100 und 240 g/m2 Schriften
  • Satz Gestaltung Und
Gestaltung und Satz: Lena Haubner, Weimar Druck: Druckerei Schöpfel GmbH, Weimar Bindung: Buchbinderei Kurt Schirmer, Erfurt Papier: Munken Pure, 100 und 240 g/m2 Schriften: Scala von Martin Majoor und Neutral von Kai Bernau ISBN: 978-3-00-056902-9