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Heidegger für Halbgebildete. Identitäre Heimatideologie zwischen Fiktion und Propaganda

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Abstract

Die „Identitäre Bewegung“ (IB) gilt als jugendlicher Teil der neurechten Bewegung, der rechte Propagandainhalte öffentlichkeitswirksam inszeniert. Im Zentrum der „Identitären“ stehen dabei klassische rechte Schlagworte wie Volk, Identität und Heimat – im Unterschied zu ihren Vorbildern in den 1920er Jahren ist die intellektuelle Fundierung dieser Konzepte aber nur rudimentär gegeben, die meisten Verlautbarungen aus identitären Kontexten sind geradezu trivial. Der identitäre Heimatbegriff steht gleichwohl im Zentrum – wenn auch vor allem als Ideologie der Praxis.
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Heidegger für Halbgebildete – Identitäre Heimatideologie zwischen Fiktion und Propaganda
Heidegger für Halbgebildete –
Identitäre Heimatideologie
zwischen Fiktion und
Propaganda
Die „Identitäre Bewegung“ (IB) gilt als jugendlicher Teil der neurechten Bewegung, der rechte
Propagandainhalte öentlichkeitswirksam inszeniert. Im Zentrum der „Identitären“ stehen
dabei klassische rechte Schlagworte wie Volk, Identität und Heimat – im Unterschied zu ihren
Vorbildern in den 1920er Jahren ist die intellektuelle Fundierung dieser Konzepte aber nur
rudimentär gegeben, die meisten Verlautbarungen aus identitären Kontexten sind geradezu
trivial. Der identitäre Heimatbegri steht gleichwohl im Zentrum – wenn auch vor allem als
Ideologie der Praxis.
Nein, sie sind weder Intellektuelle noch haben sie rechtes Denken neu erfunden, sie sind
rechtsextreme Aktivistinnen und Aktivisten, die es verstanden haben, in einer dauerbeschleunigten
Medienöentlichkeit technischen Fortschritt für die Mobilisierung von gesellschalichem Rückschritt
zu nutzen: die Postulate von Identität, Heimat und Volk dienen den „Identitären“ für ihre Inszenierung
und Propaganda. Eine intellektuelle Substanz haben sie nur rudimentär. Und lebten wir in einer
tatsächlich aufgeklärten Gesellscha, würde man
sie auch einfach öentlich ignorieren, weil ihr mit
Uniformen und Transparenten inszenierter Klamauk
weit entfernt ist von innovativen Kunstformen, so
dass das meiste, was die „Identitären“ tun, eigentlich
faktisch nur vor dem Hintergrund der Frage interessant
ist, ob es eine strafrechtliche Dimension hat oder nicht.
Es wird sich aber viel zu selten noch die Mühe ge-
macht, theoretisch anspruchsvolle Literatur zu rezi-
pieren, so dass phrasenhae Halbbildung schon als
intellektuell gilt. Deshalb kommt man auch nicht auf die Idee, dass man sämtliche Erkenntnisse
über Rechtsextremismus allein durch intensive Lektüre von Primärquellen und systematische Re-
cherche erlangen kann, ohne dafür auch nur ein einziges Wort mit Rechten wechseln zu müssen
Man kann sämtliche Erkenntnisse
über Rechtsextremismus allein
durch intensive Lektüre von
Primärquellen und systematische
Recherche erlangen, ohne dafür
auch nur ein einziges Wort mit
Rechten wechseln zu müssen.
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Samuel Salzborn
– und diese damit aufzuwerten und scheinbar satisfaktionsfähig zu machen. Und so erscheinen
schon diejenigen, die selbstbespiegelndes Geraune über Martin Heidegger als Flugschri in rechten
Kleinstverlagen veröentlichen (vgl. Sellner/Spatz 2015), allein deshalb als gebildet, weil sie sich auf
den – aufgrund von dessen umständlicher und verquaster Sprache bereits durch Nennung seines
Namens für gemeinhin Ehrfurcht einjagenden – Heidegger beziehen. Insofern ist ein Blick auf das
intellektuelle oder theoretische Potenzial der „Identitären“ eigentlich grundsätzlich verfehlt, weil sie
als aktivistische Strömung der „Neuen Rechten“ ebenso wenig an intellektuellen Neuerndungen
beizutragen haben, wie fast alle gegenwärtigen neurechten Akteure und Akteurinnen. Und einer
der wenigen, die man intellektuell ernst nehmen müsste, nämlich Karlheinz Weißmann, ist in der
aktivistischen Szene in Ungnade gefallen, vielleicht auch, weil er den selbstinszenierten Denkerin-
nen und Denkern zu präsent vor Augen gehalten hat, dass ihre intellektuellen Fähigkeiten letztlich
doch auf Küchentischhöhe rangieren.
Dennoch gelten die Propagandist(inn)en und Aktivist(inn)en um Götz Kubitschek und seine iden-
titären Claqueurinnen und Claqueure dem deutschen Feuilleton als tiefgründig und intellektuell,
kaum ein Magazin hat sie noch nicht umfangreich portrai-
tiert. Und dabei gleichermaßen bis heute nicht erklären
können, was denn neben der morbiden und destruktiven
Faszination, die von dem Bauernhof eines sachsen-anhal-
tinischen Provinznestes oenbar ausgeht, überhaupt port-
rätierenswert ist. Ein spannender Bericht über Ziegenzucht
und kärglich-primitive Selbstversorgung ließe sich auch
über so ziemlich jeden verarmten Landbauern schreiben,
der dann allerdings vielleicht noch zu berichten wüsste, wa-
rum das neurechts inszenierte Elend, wenn es als wirkliches
Elend existiert, vor allem traurig ist – und man insofern sehen könnte, warum man lieber nicht auf
neurechte Selbstinszenierungen hereinfallen sollte.
Um das Weltbild der Identitären zu verstehen, muss man insofern zu allererst genau das verstehen:
es ist Fassade, die manchmal zur Inszenierung reicht, die aber nicht mit anspruchsvollen Theorien
oder gar Intellektualität verwechselt werden darf. Der Kern der völkischen Rebellion der identitären
Ideologie ist repressive, aktionistische Praxis, das Denken ist zum Handeln degeneriert, der Streit
zum Kampf, der Pluralismus zur Identität – und das ist auch das zentrale, was die „Identitäre Be-
wegung“ (IB) mit der „Konservativen Revolution“ verbindet: die Honung auf die Zerstörung von
Vernun und Rationalität, die Suspendierung des Verstandes und die reine Fokussierung auf die
Ideologie der Praxis – mit dem Unterschied, dass die Vordenker des NS in den 1910er und 1920er
Jahren um Carl Schmitt, Arthur Moeller van den Bruck und Oswald Spengler noch dazu in der Lage
waren, ihre Verachtung für die Aufklärung und ihren Hass auf das freie Individuum und selbstbe-
stimmende Subjekt in theoretische Formulierungen zu bringen.
Die Kapitulation vor Vernun und Verstand ist nun bei ihren „Wiedergangstern“ – in Anlehnung
an Karl Kraus' gegen Spengler gerichtete Formulierung von den „Konservativen Revolutionären“
Identitäre Ideologie hat
im Verfall bürgerlicher
Öentlichkeit in radikalster
Weise Ernst gemacht mit dem
Abgesang auf Intellektualität
und Verstand – bei sich selbst.
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Heidegger für Halbgebildete – Identitäre Heimatideologie zwischen Fiktion und Propaganda
als „Untergangster des Abendlandes“ formuliert (vgl. Goetz u. a. 2017, S. 25) – am Beginn des 21.
Jahrhunderts real geworden. Die Vernun wird nicht nur verachtet, sondern sie ist auch tatsächlich
aufgegeben, hinter dem völkischen Raunen identitärer Bewegung verbirgt sich kein intellektuelles
Weltbild mehr, das auch nur annähernd als diskussionsfähig erachtet werden könnte. Gut hundert
Jahre nach ihren großen Vorbildern haben sie sich selbst des Denkens entledigt und betreiben
nichts Anderes mehr als das wiederholte Raunen von Parolen, die mäanderha ihres Inhalts ent-
leert wurden und zur rein instrumentellen Referenz auf Zerstörung und Vernichtung geworden sind.
Identitäre Ideologie hat im Verfall bürgerlicher Öentlichkeit in radikalster Weise Ernst gemacht
mit dem Abgesang auf Intellektualität und Verstand – bei sich selbst.
Neurechte Ideologie der Praxis
Um diese Praxeologie zu verstehen, muss man die „Identitären“ als funktionale Bewegung inner-
halb der „Neuen Rechten“ kontextualisieren. Das politische Ziel der „Neuen Rechten“ lässt sich seit
ihrer Entstehung in den 1970er Jahren im Wesentlichen mit zwei Schlagworten zusammenfassen:
die Intellektualisierung des Rechtsextremismus und die Erringung einer (rechten) „kulturellen Hege-
monie“. Beim Begri der Intellektualisierung mag sich, aus einer gesellschaskritischen Perspektive,
spontan Unbehagen einstellen, weil mit ihm umgangssprachlich ein aufgeklärtes, reektiertes,
selbstkritisches Denken verbunden wird – allesamt Kategorien, die nicht nur im Widerspruch zum
Rechtsextremismus stehen, sondern auch von Rechtsextremistinnen und Rechtsextremisten ab-
gelehnt werden. „Intellektualisierung“ kann aber eben
auch, in einem wertneutralen Sinn verwandt, meinen,
dass die eigenen Positionen formal nachvollziehbar for-
muliert sein sollen und dass sie in ihrer Bezugnahme
auf dritte Referenzen dem Anspruch einer intellektuel-
len Auseinandersetzung genügen. Dies meint Intellek-
tualisierung auch im Sinne der „Neuen Rechten“: dass
die völkischen Positionen, die (auch) von der „Neuen
Rechten“ vertreten werden, umfangreich begründet und
mit Referenzen aus der Geistes- und Ideengeschichte
fundiert werden sollen – dass dieser Anspruch auf In-
tellektualisierung in der Gegenwart passé ist, ist eine
andere Frage. Dabei geht es der „Neuen Rechten“ um
„kulturelle Hegemonie“, d.h. sie ist eine lose Bewegung, die politische Macht gerade nicht durch
Erringung von parteipolitischer Regierungsverantwortung erreichen will, sondern ihre Positionen
gesellschalich als hegemonial durchsetzen möchte. Das kann dann auch bedeuten, dass eine
Partei ihre Positionen (schleichend) übernimmt, orientiert aber mehr darauf, Einstellungen und
Werthaltungen auf einer breiten gesellschalichen Ebene zu beeinussen.
Die „Neue Rechte“ geht dabei, wie alle Teilsegmente des Rechtsextremismus, von einer Ungleich-
heit der Menschen aus, die nach wie vor ethnisch, aber nicht mehr explizit rassistisch zu begründen
versucht wird und deren Antiuniversalismus nicht wie in der NS-Ideologie in der Vernichtungs-,
Der Antiuniversalismus mündet
nicht wie in der NS-Ideologie in
der Vernichtungs-, sondern einer
Segmentierungsvorstellung,
der konsequenten räumlichen
Separierung und geopolitischen
Trennung von Menschen nach
ethnisch-kulturalistischen
Kriterien („Ethnopluralismus“).
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sondern einer Segmentierungsvorstellung mündet, der konsequenten räumlichen Separierung und
geopolitischen Trennung von Menschen nach ethnisch-kulturalistischen Kriterien („Ethnopluralis-
mus“). Diese ethnische Kategorialtrennung basiert auf einem homogenisierenden und soziobiologi-
schen Dierenzdenken, in dem einerseits Menschen nur in ihrer ethnisch-kulturellen Identität – und
nicht in ihrer Subjektivität – gedacht werden, immer nur als Teil eines (unabänderlichen) Kollektivs,
das anderen Kollektiven gegenüber- und entgegensteht, im Sinne einer auch kämpferisch und
kriegerisch gedachten Freund-Feind-Dichotomie, die sich mit einem homoerotisch-heroischen
Männlichkeitsideal zur „männlichen Nation“ (Kämper 2005) amalgamiert. Im identitären Jargon
liest sich das folgendermaßen:
Ein kollektives Merkmal unserer Identität bildet hierbei der ethnokulturelle
Aspekt, der für uns den Kern des politischen Handelns darstellt und für dessen
Erhalt und Bewahrung wir als Identitäre Bewegung tagtäglich aktiv sind. Wir
glauben, dass sich jedes Volk dieser Erde durch seine besondere Verschiedenheit
auszeichnet und in seiner Lebensart, seinen Wertvorstellungen, seiner Kultur,
Herkun, Religion und seinen sozialen Praktiken immer etwas Einzigartiges ist.
Jedes Volk hat demnach auch das Recht, diese Eigenschaen und Merkmale
seiner ethnokulturellen Identität zu bewahren und zu verteidigen. (IBD 2018a)
Thorsten Mense hat mit Blick auf die Identitären hierbei besonders betont, dass deren Vorstellung
von „kollektiver Identität“ eine strukturell gewaltförmige und optional auch gewalttätige Dimen-
sion umfasst, da sie mit dem „ethnischen Abstammungsglauben“ verbunden wird (Mense 2017,
S. 237) – genau jene ktionale Verbindung bedingt die Aggressivität der identitären Vorstellungen,
bei denen sich (völkische) Kollektive im permanenten Kampf befänden und dementsprechend
jede Form von Migration, Integration oder gar nur demoskopischer Veränderung vehement abge-
lehnt und abgewehrt wird. Antisemitismus ist dabei, trotz gelegentlicher formaler Abgrenzungen,
auch wesentlicher Bestandteil identitärer Ideologie
geblieben (vgl. Rajal 2017) wie auch insgesamt bei
der „Neuen Rechten“ (vgl. Salzborn 2017, S. 78. u.
101.). Die mit der völkischen Identitätsvorstellung
und dem Surrogat eines fortgesetzten (Abwehr-)
Kampfes verbundene „Endzeitstimmung“, in der
man sich in eine wahnhae Panik vor dem „Großen
Austausch“ in Europa fantasiert, rückt die IB ein
heteronormativ-patriarchales Gemeinschasver-
ständnis in den Mittelpunkt, in dem feministische
Emanzipation nicht nur abgelehnt, sondern im Sinne
einer völkischen Geschlechtervorstellung bekämp wird: Gleichheit ist insofern nicht nur mit Blick
auf ein universalistisches Menschenbild im Fokus identitärer Feindbilder, sondern auch mit Blick auf
Geschlechtergleichberechtigung oder gar Geschlechtergleichheit (vgl. Goetz 2017, S. 255 u. 263.).
Samuel Salzborn
Das Ziel des (neu)rechten Kampfes
um kulturelle Hegemonie ist,
die Grenzen des Sagbaren
aufzuweichen und die politische
Kultur […] schleichend nach rechts
zu verschieben.
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Das Ziel des (neu)rechten Kampfes um kulturelle Hegemonie ist, die Grenzen des Sagbaren auf-
zuweichen und die politische Kultur der Bundesrepublik auf diese Weise schleichend nach rechts
zu verschieben. Die Positionierungen erfolgen jeweils lautstark und medienwirksam und werden
– wenn sie dann als völkisch oder rassistisch kritisiert werden – nicht zurückgenommen, sondern
nur relativiert und so im Diskurs gehalten. Es geht darum, möglichst viele Halb- und Unwahrheiten
zu streuen, dabei um jeden Preis zu provozieren und das aggressive Gefühl zu schüren, es gebe
keine Wahrheit, sondern nur noch „postfaktische“ Emotionen, um so in einem dichten Nebel der
Gerüchte das eigene völkische, rassistische und antisemitische Weltbild schleichend zu verankern.
Ein Teil dieses Kampfes um kulturelle Hegemonie sind visuelle Strategien: mit kurzen Parolen
die Öentlichkeit durch einprägsame Bilder zu erobern. Die politische Gruppe, die sich diesen
rechten Kampf um die visuelle Realität zum Hauptanliegen gemacht hat, ist eben die „Identitä-
re Bewegung“. Die Entstehung der IB in Deutschland, wurde – wie schon die „Neue Rechte“ bei
ihrer Entstehung in den 1970er Jahren – zentral von
den Entwicklungen in Frankreich inspiriert. Die IB in
Deutschland entstand im Oktober 2012 zunächst vir-
tuell – auf Facebook. Sie begri sich als Ableger der
französischen Jugendorganisation Génération Identi-
taire und proklamierte, getreu der neurechten Strate-
gie der Mimikry, eine formale Abgrenzung gegenüber
oen nationalsozialistischen Positionen –und auch
gegenüber linken Positionen, aber da dies inhaltlich
oensichtlich und evident ist, handelt es sich hierbei
auch um eine bewusste Strategie der analogisierenden Gleichsetzung, bei der es mit Blick auf die
Rezipient(inn)en vor allem darum geht, nicht den Eindruck einer Nähe zum Rechtsextremismus
zu erwecken, die inzwischen nicht nur von der wissenschalichen Forschung, sondern auch von
vielen Behörden erkannt worden ist.
Gudrun Hentges u. a. (2014) haben in einer systematischen Untersuchung die Aktivitäten der IB
untersucht, die diese virtuell und im wirklichen Leben durchgeführt hat. Der Schwerpunkt der
„Identitären“ ist das Internet, das heißt von einer wirklichen sozialen Bewegung kann schon allein
aufgrund mangelnder Realpolitik nicht gesprochen werden, gleichwohl ist das Internet als Medium
für die Agitation von partizipationsfernen Personen, die allerdings grundsätzlich über eine rechte
Weltanschauung verfügen, der ideale Ort für die intensivere Einbindung in neurechte Denkweisen.
Carina Book hat beschrieben, dass die „Identitären“ sich in ihren Selbstbeschreibungen dabei an
einer metapolitischen Strategie orientieren und den Implikaten der „Konservativen Revolution“
folgen wollen, hierfür aber vor allem den virtuellen Raum besetzen und dort den vorpolitischen
Kampf führen (vgl. Book 2017, S. 113.).
Dabei hat man sich eine visuelle Strategie korrumpierter Trivialisierung zu eigen gemacht, wie die
zahlreichen nur für die Bild- oder Videoaufnahme inszenierten Aktionen der Identitären zeigen –
deren Strategie aufgeht, sobald über sie visuell in den Medien berichtet wird. Denn ihr einziges
Ziel ist die öentlichkeitswirksame Inszenierung von auf Plakaten und Transparenten formulierten
Heidegger für Halbgebildete – Identitäre Heimatideologie zwischen Fiktion und Propaganda
Ziel ist die öentlichkeitswirksame
Inszenierung, […] so […] dass
virtuell […] der Eindruck entsteht,
eine Handvoll identitärer
Aktivist(inn)en sei eine große,
machtvolle Masse von Menschen.
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völkischen und antidemokratischen Politikinhalten, die so inszeniert und dargestellt sind, dass vir-
tuell zudem der Eindruck entsteht, eine Handvoll identitärer Aktivist(inn)en sei eine große, macht-
volle Masse von Menschen, die lmisch so dargestellt werden, als seien sie eine große Bewegung:
Das Internet ermöglicht mit einem geringeren Organisationsaufwand die
Simulation eines kontinuierlichen Protestgeschehens, das überregional – gar
transnational und international vernetzt – aufrechtgehalten wird, so dass eine
Diskrepanz zwischen den eigentlichen Aktionen ‚auf der Straße‘, die bisweilen
von nicht mehr als einem Dutzend Aktivisten durchgeführt werden, und dem
virtuellen Echo, das diese Aktionen aufgrund viraler Verbreitung im Internet
erfahren, entsteht. (Hentges u.a. 2014, S. 9)
Die IB stellt somit so etwas wie den aktionistischen Arm der Neuen Rechten dar (siehe auch: Blum
2015), der neurechte Themenfelder wie Identitäts- und Heimatpolitik oder Antimigrationsagitation
besonders für Jugendliche attraktiv machen soll mit ihrem Primat der Praxis.
Die Ideologie der identitären Heimat
Das Zentrum der völkischen Ideologie der Identitären ist der Fokus auf das soziale Konstrukt Heimat:
Wir brauchen endlich wieder ein gesundes Verhältnis zu Patriotismus und
Heimatliebe sowie echte Meinungsfreiheit. Viele Jahre dominierte die
politische Linke den Medien- und Kulturbetrieb. Jetzt ist es Zeit, dass eine
identitäre Gegenstimme auf die Bühne tritt. Heimatliebe ist kein Verbrechen,
sondern etwas völlig Normales. Wir wollen, dass sich jeder oen und ehrlich zu
seiner eigenen Kultur und Tradition bekennen kann, ohne dabei Ausgrenzung
oder Diskriminierung erfahren zu müssen. (IBD 2018b)
Die identitäre Agitation für den Begri „Heimat“ als spezische Sozialkategorie hebt diese von ande-
ren in ihrer historischen Bedeutungsdimension genuin ab und verbindet stets eine integrative Ver-
bindung von geograschem Ort und bevölkerungspolitischer Zuschreibung. Insofern inkorporiert
der Heimatbegri eine strukturell völkische Dimension, da Menschen eine nicht-soziale und damit
vorpolitische Verbindung mit einem konkreten Raum zugeschrieben wird, der zugleich nicht das
subjektive Zugehörigkeitsgefühl betont, sondern eine kollektive Bindung von Menschengruppen
an geograsche Orte unterstellt. Dass der neurechte Begriskampf dabei zu einer erheblichen
Anschlussfähigkeit rechtsextremer Positionen geführt hat, zeigt sich daran, dass selbst Teile der
Partei Bündnis 90/Die Grünen im Jahr 2017 meinten, über eine Reaktualisierung des Heimatkon-
zepts nachdenken zu müssen in dem Irrglauben, der Begri könne fortschrittlich besetzt werden.
Aber auch die Tatsache, dass das Bundesinnenministerium im Frühjahr 2018 um das Aufgabenfeld
Samuel Salzborn
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„Heimat“ ergänzt wurde, verdeutlicht, dass ein rechtes Politikkonzept, für dessen Popularisierung
insbesondere die „Identitären“ mit ihren Aktionen gekämp haben, in der Mitte der Gesellscha
angekommen ist, also ein zentrales neurechtes Anliegen an dieser Stelle erfolgreich war:
durch Begrislancierung die Gesellscha objektiv nach Rechts zu verschieben.
Die Heimat als „ein in keine andere Sprache übersetzbares deutsches Wort“ (Kohl 1984) ist als poli-
tische Parole wie als soziologisches Scheidungskriterium ein bis ins Innerste vergieter Begri. Der
Begri der Heimat und das damit verknüpe Heimatgefühl stehen stellvertretend für das imaginierte
kollektive Gedächtnis eines sozialen Zusammenschlusses, der zugleich zwangha den aggressiven
Willen nach Realisierung des Gefühls in sich birgt. Das Gefühl der Heimat ist nicht eine Empndung
im Sinne eines produktiven Erlebens, sondern der Drang und die Auorderung nach seiner materi-
ellen Umsetzung außerhalb der Lebensrealität der Individuen oder deren sozialen Gruppen. Wenn
Heimatbewusstsein im Gegensatz zu anderen Gefühlen über Generationen hinweg tradierbar ist,
wie von rechten Ideologen postuliert, zeigt sich
hier der zentrale Unterschied: Ist ein Gefühl wie
beispielsweise persönliche Zuneigung an reale
zwischenmenschliche Interaktion einerseits und
sich im Zuge individueller Entwicklungen stetig
wandelnden Wahrnehmungen andererseits ge-
knüp, so ist das Heimatgefühl gänzlich frei da-
von, denn es basiert auf der Unterscheidung von
vermeintlich Gleichem und Ungleichem. Dabei ist
es zwangsläug vom realen Leben abgekoppelt,
denn dieses wiederum besteht aus ständig aufs
Neue stattndenden Erlebnissen und Erfahrungen, die stets sich modizierende Wahrnehmung und
Interpretation erforderlich machen. Heimatgefühl steht allerdings nicht für eine dergestalt Vorurteilen
gegenüber sich als resistent erweisende oder von ihnen freie Wahrnehmung, sondern ist in seiner
Interaktionslosigkeit auf Identitätsbildung und somit Ab- und Ausgrenzung angelegt: „Heimat ist ein
Fantasie- und Wertkonstrukt, mehr Erinnerung, Imagination und Magie als wahrgenommene Gegen-
wart, mehr Sehnsucht, Honung und Utopie als erfahrene Wirklichkeit und berechenbare Zukun.“
(Winter 1996, S. 13).
Im Mittelalter sicherte das Heimatrecht dem ansässigen Dorfarmen die Hilfe seiner Gemeinde und stellte
somit den Einbezug des (sozial schwachen) Individuums in die personale und genossenschaliche
Ordnung sicher. Es war allgemein üblich, der politischen oder kirchlichen Gemeinde die Verpichtung
aufzuerlegen, alte, arme und gebrechliche Menschen zu unterstützen. Diese konnten sich im Bedarfsfall
an die Gemeinde wenden, die durch die Schaung dieses Unterstützungsverhältnisses zu seiner Hei-
matgemeinde wurde (vgl. Buy 1974, S. 27). Der Begri „Heimat“ bezog sich somit auf das menschliche
Individuum und hatte dessen Schutz und Integration zum Inhalt. Heimat beschrieb damit den realen
und überschaubaren Nahhorizont der Menschen, in dem die zwischenmenschliche Interaktion sich
weitgehend im Rahmen des unmittelbaren Verkehrs vollzog. Heimatrecht war ein sozial-ökonomisch
motiviertes Recht mit dem Ziel der Übernahme von genossenschalicher Verantwortung in diesem ge-
meinsam von Menschen bewohnten Raum, wobei die Wechselbarkeit der Heimatgemeinde auch zeigt,
Heidegger für Halbgebildete – Identitäre Heimatideologie zwischen Fiktion und Propaganda
Auch die Tatsache, dass das
Bundesinnenministerium im Frühjahr
2018 um das Aufgabenfeld „Heimat“
ergänzt wurde, verdeutlicht, dass ein
rechtes Politikkonzept […] in der Mitte
der Gesellscha angekommen ist.
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dass dieser Nahhorizont freilich auch als wechsel- und änderbar angesehen wurde (vgl. Bastian 1995,
S. 98.). Erst im 18. Jahrhundert wurden die Heimatvorstellungen im deutschen Sprachraum konzep-
tionell auf den Geburtsort bzw. das Faktum der langen Niederlassung an einem Ort bezogen (vgl. Buy
1974, S. 27). Insbesondere im Rahmen der deutschen Nationswerdung wandelte sich damit der soziale
Heimatbegri in einen kulturellen. Die Heimat galt nun als bestimmbarer und festgefügter geograscher
Raum mit regionalen und kulturellen Besonderheiten, als – in den Worten des Volkstumstheoretikers
Theodor Veiter (1981, S. 15) – „räumlich eng begrenzte Lebenssphäre“. Hatten bestimmte Momen-
te dieser „heimatlichen Identität“ zuvor einen praktischen Nutzen erfüllt (beispielsweise als Arbeits-
kleidung, die später zur allein ideologisch
sinnstienden, aber real nutzlosen Tracht
wurde), wandelten sie sich nun zu einer die
Vergemeinschaung und kollektive Identi-
tät fördernden Ideologie. In gleichem Maße,
wie der reale Nutzen schwand, gewann die
sinnstiende Komponente an Bedeutung.
In die historische Begrisdimension hat sich
insofern dieser kulturpolitische Sinn einge-
schrieben, der einen „natürlichen“ Zustand der Verknüpfung einer bestimmten Menschengruppe und
ihrer „besonderen“ Kultur mit einem fest denierten geograschen Raum unterstellt, also vom indivi-
duellen Identitätsangebot (dessen zentraler Kern wie bei jedem Angebot darin besteht, dass man es
auch ablehnen kann) zum kollektiven Identitätszwang geworden ist.
Die im Heimatbegri kulminierende Verknüpfung eines ethnischen Moments kollektiver Prägung mit
der kulturschöpfenden Implikation konstituiert somit eine ethno- und raumpolitische Vorstellung, bei
der das jeweilige Kollektiv („Volk“, „Nation“, „Volksgruppe“ etc.) zum integrativen und unverzichtba-
ren Element der entsprechenden Regionen verklärt wurde und dessen kulturbringende Tätigkeit als
untrennbar an den jeweiligen Raum gekoppelt erscheinen sollte. Aus der vormodernen Heimat als
einem individuellen Raum zum Leben wurde so der völkisch-kollektive Lebensraum, in dem Heimat zur
Narration und Fiktion geworden ist. Insofern spiegelt sich in den identitären Heimatvorstellungen, wie
Judith Goetz und Alexander Winkler (2017, S. 63) sagen, insbesondere ein „Bedürfnis nach Grenzziehung
und damit verbundenem Ausschluss“ wider, zugleich aber auch „das Verlangen nach Herstellung von
Eindeutigkeit durch Unterordnung in ein harmonisches, wärmendes Kollektiv“.
Die rechte Heimatideologie grei insofern auf eine über Jahrhunderte hinweg konstruierte, partiku-
laristisch orientierte Geschichte und Gesinnung als Grundlage zurück. Volk und Territorium gehören
in diesem Sinne unmittelbar zusammen. Dieser Partikularismus geht davon aus, dass es Völker und
Volksgruppen gibt, die erstens völkisch und damit „rassisch“ oder kulturell bestimmt über eine gemein-
same Identität verfügen (in Wahrheit stellt er diese her, denn ethnisch denierte Gruppen sprechen
sich selbst ihre kollektive Identität zu, sind folglich also imaginierte Konstrukte); die zweitens in einer
Jahrhunderte langen und damit als natürlich und unabänderbar betrachteten Tradition und Geschichte
stehen; die drittens schützens- oder wiederbelebenswert sind und viertens in der Ausübung ihres so
verstandenen Rechtes auf Selbstbestimmung und ihres – nun völkisch-kollektiv und antidemokratisch
verstandenen – Heimatrechtes behindert werden. Das rechte Heimatparadigma setzt die historische An-
ti-Versailles-Ideologie der „Konservativen Revolution“ in einer Anti-Potsdam-Ideologie des europäischen
Samuel Salzborn
Das rechte Heimatparadigma steht
nicht nur im Widerspruch zu modernen
Migrationsbewegungen, sondern opponiert
auch gegen zentrale völkerrechtliche
Grundlagen Europas.
... Köckert sitzt derzeit in Untersuchungshaft. sitzender Mittelthüringen) mit der Bundespartei im November 2017 (angeblich wegen ausgebliebener Beiträge an die Bundespartei) 155 traten diese von ihren Ämtern zurück und mit ihren Anhängern aus der Partei aus. Beide schlossen sich mittlerweile mit einem nicht genau bezifferbaren Teil ihrer Anhänger_innen der rechtsextremen Kleinstpartei "Der III. ...
Research
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Topografie des Rechtsextremismus und der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit in Thüringen (Projektbericht 2018)
... Köckert sitzt derzeit in Untersuchungshaft. sitzender Mittelthüringen) mit der Bundespartei im November 2017 (angeblich wegen ausgebliebener Beiträge an die Bundespartei) 155 traten diese von ihren Ämtern zurück und mit ihren Anhängern aus der Partei aus. Beide schlossen sich mittlerweile mit einem nicht genau bezifferbaren Teil ihrer Anhänger_innen der rechtsextremen Kleinstpartei "Der III. ...
Book
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Projektbericht der "Topografie des Rechtsextremismus und der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit in THüringen", Dezember 2018
Book
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Die Studie geht der Frage nach, wie sich eine extrem rechte Organisation, wie die Identitären, konstruiert und welche spezifische Organisationskultur hier anzutreffen ist.
Chapter
Nach Stuart Hall (2000, S. 153) halten Medien „die dominanten Diskurse der gesellschaftlichen Sinngebung aufrecht“. Ihre Produkte sind „die Repräsentationen der Gesellschaft, Bilder, Beschreibungen, Erklärungen und Rahmen“ (Hall 2000, S. 155), die ein bestimmtes Wissen auf die Welt und die Menschen in der Welt hervorbringen. Im vorliegenden Artikel wird das Bild der Identitären Bewegung auf das Phänomen ‚Flucht‘ nachgezeichnet, um aufzuzeigen, in welcher Form diese rechtsextreme Gruppierung auf den Diskurs um Asyl und Flucht einwirkt und welches ethnopluralistische Gegenüber von ‚Wir‘ und ‚Ihr‘ diese insbesondere durch spezielle Aktionsformen prägt.
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