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Super-Recognizers as an example for innovation in policing through science. [Super-Recognizer als Beispiel für polizeiliche Innovation durch Wissenschaft.]

Authors:

Abstract and Figures

Recognizing individuals based on their face represents a critical component of police work – from identity checks to image intelligence. This capacity, which is at best trainable to a limited extent, varies from person to person and represents one of the greatest challenges for the human brain. In particular processing of unfamiliar faces is extremely error-prone. At the same time, the demand for this task is steadily increasing due to increasing availability of video and image material. To address this, some police agencies are interested in deploying so-called Super-Recognizers: individuals who have a natural propensity for processing faces, and who do so extremely proficiently without any form of training. Super-Recognizers were first scientifically introduced in 2009 – their future lies in the collaboration between police and scientific research. [Personen anhand ihres Gesichts zu erkennen, stellt einen wesentlichen Bestandteil der polizeilichen Arbeit dar – von der Personenkontrolle bis hin zur Bildfahndung. Diese Fähigkeit, die sich nur bedingt trainieren lässt, variiert von Person zu Person und ist eine der herausforderndsten Aufgaben für das menschliche Gehirn. Vor allem die Verarbeitung unbekannter Gesichter ist extrem fehleranfällig. Gleichzeitig ist dies eine Aufgabe, die aufgrund der Zunahme an zu bearbeitendem Video- und Bildmaterial stetig wächst. Um dieser Situation gerecht zu werden, setzen einige Behörden deshalb auf sogenannte Super-Recognizer: Personen, die von Natur aus und ohne Training Gesichter extrem gut verarbeiten und wiedererkennen können. Super-Recognizer wurden von der Wissenschaft erstmals 2009 thematisiert – die Zukunft liegt in der Zusammenarbeit zwischen Polizei und Forschung.]
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ton, White & McNeill, 2010; Bindemann, Brown,
Koyas & Russ, 2012; Estudillo & Bindemann, 2014;
Tummon, Allen & Bindemann, 2019). Auch etliche
Jahre Berufserfahrung im Rahmen von Personenkon-
trollen an Grenzübergängen führen zu einer Leistung,
die vergleichbar (niedrig) ist zu der, die naive Kon-
trollprobanden erzielen (Burton, Wilson, Cowan &
Bruce, 1999; White, Kemp, Jenkins, Matheson &
Burton, 2014; Papesh, 2018).
Angesichts solcher eher moderaten Trainings-
effekte auf Gruppenebene macht es Sinn, gezielt
nach solchen Personen zu suchen, die bestimmte
berufsrelevante Aufgaben von Natur aus besser ver-
richten können. Menschen, die selbst ohne Training
Gesichter ausserordentlich gut verarbeiten können,
Einleitung
Die Verarbeitung menschlicher Gesichter spielt bei
der täglichen Polizeiarbeit eine wesentliche Rolle
(Ramon, Bobak & White, 2019; Fysh, Stacchi & Ra-
mon, 2020), sei es, wenn es darum geht, bei einer
Personenkontrolle das Ausweisbild mit der Person
zu vergleichen, bei einer Observation die Zielper-
son anhand eines nicht aktuellen Fotos zu erkennen
oder bei der Bildfahndung ein Videobild einer ver-
hafteten Person zuzuordnen. In Anlehnung an die-
se Aufgaben stellen sich zwei Fragen: Wie gut sind
eigentlich derartige Fähigkeiten bei Polizisten/-innen
ausgeprägt? Gibt es Personen, die für solche Aufga-
ben besonders gut geeignet sind?
Studien zeigen, dass die oben dargestellten Sze-
narien der täglichen Polizeiarbeit hohe Anforderun-
gen an die Gesichtsverarbeitung stellen. Vor allem
das Erkennen unbekannter Gesichter ist schwierig
und daher fehleranfällig (Fysh & Bindemann, 2017;
Johnston & Edmonds, 2009; Ramon & Gobbini,
2018). Beim Simultanabgleich unter idealen Bedin-
gungen ebenso wie beim Gesichtsgedächtnis sind
Fehlerquoten von bis zu 30 % keine Seltenheit (Bur-
Super-Recognizer als Beispiel für
polizeiliche Innovation durch Wissenschaft1
Meike Ramon
PhD, Leiterin des Applied Face Cognition Lab,
Universität Freiburg / Université de Fribourg
Lorenz Wyss
Abteilungsleiter Fahndung, Stadtpolizei Winterthur
Zusammenfassung
Personen anhand ihres Gesichts zu erkennen, stellt
einen wesentlichen Bestandteil der polizeilichen
Arbeit dar – von der Personenkontrolle bis hin zur
Bildfahndung. Diese Fähigkeit, die sich nur bedingt
trainieren lässt, variiert von Person zu Person und
ist eine der herausforderndsten Aufgaben für das
menschliche Gehirn. Vor allem die Verarbeitung
unbekannter Gesichter ist extrem fehleranfällig.
Gleichzeitig ist dies eine Aufgabe, die aufgrund der
Zunahme an zu bearbeitendem Video- und Bildma-
terial stetig wächst. Um dieser Situation gerecht zu
werden, setzen einige Behörden deshalb auf soge-
nannte Super-Recognizer: Personen, die von Natur
aus und ohne Training Gesichter extrem gut verar-
beiten und wiedererkennen können. Super-Recog-
nizer wurden von der Wissenschaft erstmals 2009
thematisiert – die Zukunft liegt in der Zusammenar-
beit zwischen Polizei und Forschung.
SUPER-RECOGNIZER ALS BEISPIEL FÜR POLIZEILICHE INNOVATION DURCH WISSENSCHAFT
1 Dank gilt allen internationalen Beamten und Behörden, die direkt
und indirekt die Weiterentwicklungen zum ema SR unterstützt
haben – sei es durch ihre aktive Teilnahme, den Austausch von
Informationen oder das Teilen ihres Netzwerks. Besonderer Dank
gilt der Kantonspolizei Fribourg und der Polizei Berlin für ihre
Weitsicht und Innovationsbereitschaft. Persönlicher Dank gilt
Michael Frey und Jochen Borst für ihren kontinuierlichen per-
sönlichen Einsatz. Meike Ramon wird gefördert durch einen PRI-
MA-Beitrag (Promoting Women in Academia) des Schweizerischen
Nationalfonds zur Förderung der Wissenschaftlichen Forschung
(PR00P1_179872).
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SUPER-RECOGNIZER ALS BEISPIEL FÜR POLIZEILICHE INNOVATION DURCH WISSENSCHAFT
nennt man Super-Recognizer (SR) (Russell, Duchai-
ne & Nakayama, 2009; Ramon et al., 2019; Ramon,
submitted).
Entstehung und Hintergründe
Die Forschung zum Thema SR begann vor etwas
über zehn Jahren und eher zufällig. Richard Rus-
sell und seine Kollegen (2019) entwickelten Tests
für die Diagnostik der sogenannten angeborenen
«Prosopagnosie» (auf Deutsch: Gesichtsblindheit).
Hierbei stiessen sie auf eine Handvoll Personen, die
im Vergleich zu Kontrollpersonen bei bestimmten
Aufgaben besser abschnitten. Es fiel ihnen leichter,
berühmte Personen auf Kindheitsfotos wiederzuer-
kennen oder sich unbekannte Personen einzuprägen
und anschliessend wiederzuerkennen.
Auch ausserhalb der Forschung stieg das Inte-
resse am Thema SR. Nach den London Riots2 im
August 2011 wertete die Abteilung Visual Images
Identification and Detections Office der Metropo-
litan Police Service (MPS) in London (Grossbritan-
nien) in umfangreichem Masse Daten von Closed
Circuit Television (CCTV) aus. Dabei fielen einige
Polizisten/-innen besonders auf, welche auf der
Grundlage des Video- und Bildmaterials ausseror-
dentlich viele Tätererkennungen erzielen konnten.
Im Jahr 2015 gründete die MPS eine Einheit von rund
20 Polizisten/-innen, die bis 2017 auf 152 anstieg
(Sticher & Grasnick, 2019).
In Bezug auf das Thema SR in der Forschung und
vor allem für die Praxis sind einige Aspekte beson-
ders hervorzuheben.
Zunächst muss man davon ausgehen, dass der
Begriff SR in den Reihen der MPS London anders
verwendet wurde als in der Wissenschaft. Die gro-
sse Dichte an CCTV-Kameras in Grossbritannien
(ca. 600 000 allein in London3) trug damals wie
heute erheblich zur erfolgreichen Rekonstruktion
von Täterfluchtwegen bei. Eine solche Tätererken-
nung erfolgt oft basierend auf Merkmalen wie zum
Beispiel Kleidung, Schuhen oder mitgeführten Ac-
cessoires, die nicht zwangsläufig etwas mit dem Ge-
sicht des Täters zu tun haben. Dies ist wahrschein-
lich im Fall von Alice Gross so gewesen. In diesem
Fall suchte die MPS basierend auf Aufnahmen von
CCTV-Kameras mit geringer Auflösung nach Perso-
nen, die nach Alice Gross dieselbe Brücke passiert
hatten (Abbildung 1).
Darüber hinaus weiss man nicht, wie viele der
Erfolge in der Tätererkennung auf eine Wiedererken-
nung bereits bekannter Täter/-innen zurückzuführen
ist. Täter/-innen, die man selbst (und eventuell mehr-
fach) festgenommen hat, wird man mit einer höhe-
ren Wahrscheinlichkeit auf schlechtem Bildmaterial
wiedererkennen oder mit Fahndungsbildern abglei-
chen können.
Abschliessend lässt sich festhalten, dass der Be-
griff SR in der Öffentlichkeit, Forschung und Pra-
xis extrem verschieden verwendet wird. Wie oben
dargestellt, handelt es sich in der Forschung aus-
schliesslich um die Verarbeitung von gesichtsbezo-
genen Informationen (s. auch Bate, Portch, Mestry
& Bennetts, 2019). Eine Umfrage, die in Vorberei-
tung des 2. Workshops des EU-Projekts Safer Space
for Safer Cities durchgeführt wurde (Ramon, 2020),
veranschaulicht, dass Polizisten/-innen eine andere
Definition desselben Begriffs verwenden. Wie in
Abbildung 2 verdeutlicht, definierten die Mehrheit
2 Unruhen in England, welche im August 2011 eine Serie gewalttäti-
ger Ausschreitungen in der britischen Hauptstadt London und an-
deren englischen Städten wie Liverpool, Birmingham, Manchester
und Bristol zur Folge hatten.
3 C W (2019). How Many CCT V Cameras Are ere in
London? Active Communication Company Ltd (https://net-
work-data-cabling.co.uk/blog/how-many-cctv-security-cameras-
in-london/#:~:text=A%20conservative%20estimate%2C%20
based%20on,CCTV%20cameras%20in%20London%20today,
05.11.2020).
Abbildung 1: Von der Polizei im Zusammenhang mit dem Fall «A lice Gross» veröffentlichte CCTV-Aufnahmen. Links: Letzter Ort, an dem Alice
Gross gesichtet worden war. Rechts: Radfahrer, die a n diesem Ort vorbeigefah ren waren und nach denen die Poliz ei suchte. Quelle: Metropolita n Police.
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der befragten Polizisten/-innen SR als Personen, die
andere anhand verschiedener Informationen – z. B.
Haltung, Gang, Kleidung etc. – überdurchschnittlich
gut wiedererkennen können. Dies steht im Kontrast
zu den Antworten der Zivilbevölkerung, die zum ei-
nen stärker variierten und zum anderen vor allem
durch empirisch nicht gestützte Behauptungen, die
in den Medien kursieren, geprägt zu sein schienen.
Führt man sich die Zielsetzung von Polizisten/
-innen vor Augen, macht das Sinn. Im Mittelpunkt des
Interesses steht die Täterer-
kennung. Welche Informa-
tionen genau dafür genutzt
werden, ist eher zweitrangig.
Das heisst, die Tätererken-
nung kann auch auf Informa-
tionen basieren, die nichts
mit dem Gesicht eines Täters
oder einer Täterin zu tun haben. Dies spiegelt sich
auch in den Aussagen professioneller Bildfahnder/
-innen wieder (Ramon & Frey, 2019; persönliches
Gespräch): Obwohl das Gesicht einen wichtigen
Beitrag leisten kann, ist dieser eher bescheiden im
Verhältnis zu anderen Informationen (Spuren, Mo-
dus Operandi, auffällige Merkmale wie etwa Klei-
dung, Tätowierungen, Narben etc.).
Im Nachfolgenden wird der Begriff SR aus-
schliesslich verwendet, um Personen zu beschrei-
ben, die sich durch eine natürlich auftretende, über-
durchschnittliche Fähigkeit zur Verarbeitung von
Gesichtern auszeichnen. Ihre Gabe kann sich auf die
visuelle Verarbeitung (z. B. den Simultanabgleich)
beschränken oder darüber hinaus auch eine beson-
dere Fähigkeit in Bezug auf das Gesichtsgedächtnis
beinhalten (Fysh et al., 2020; Ramon, submitted).
Entwicklungen bei der Schweizer Polizei und
Erfahrungen aus Deutschland
Wie eingangs erwähnt hatte Grossbritannien eine
Vorreiterrolle in Bezug auf den Einsatz von SR in
der Polizeiarbeit eingenommen. Nach Berichterstat-
tungen in der Presse4 wurden auch andere Länder
auf das Thema aufmerksam. Das Thema «Gesichts-
erkennung» im Allgemeinen und SR im Speziellen
stösst international auf Interesse, sowohl in der An-
wendung5 als auch in der Forschung (Ramon et al.,
2019a,b; Ramon, 2020a; Ramon, 2020b; Ramon &
Rjosk, in press). Das Ausmass der konkreten Verfol-
gung des Themas SR variiert jedoch von Land zu
Land (s. z. B. das 2021 erscheinende Handbuch
Best Practice des EU-Projekts Safer Space for Safer
Cities6). In der Schweiz stösst die Thematik auf ge-
mischtes Interesse, und allgemein scheint das Inter-
esse vor allem in Deutschland stark ausgeprägt. Dort
hat eine derzeit überschaubare Zahl von Bundeslän-
dern entweder bereits SR identifiziert und eingesetzt
oder implementiert in Kooperation mit der Wissen-
schaft aktiv langfristige Auswahlkonzepte und Ein-
satzstrategien.
Schweiz. Zum Zeitpunkt der Verfassung dieses
Artikels sind zum Thema SR in der Schweiz zwei
nennenswerte Richtungen aufzuführen.
SUPER-RECOGNIZER ALS BEISPIEL FÜR POLIZEILICHE INNOVATION DURCH WISSENSCHAFT
9%
41%
15%
17%
18%
Zivilisten/-innen
Personen, die andere mittels
diverser Merkmale wieder-
erkennen (Gesicht, Haltung,
Gang etc.).
Personen, die überdurch-
schnittlich gut Gesichter
abgleichen nnen.
1–2% der Bevölkerung,
die 80% der Gesichter,
die sie gesehen haben,
wiedererkennen.
Personen, die nie ein Ge
sicht
vergessen.
Ich weiss es nicht.
27%
9%
64%
Polizisten/-innen
Abbildung 2: Variierende Definitionen des Begriffs Super-Recognizer. Die dargestellten Ergebnisse stammen von 11 Polizisten/-innen unter den
Teilnehmenden des 2. Workshops des EU-Projekts Safer Space for Safer Cities (Berlin, 2019) und 112 via sozialen Medien befragten Personen.
4 Siehe z. B. Keefe PR (2016). e Detectives Who Never Forget a
Face. London’s new squad of “super-recognizers” could inspire a
revolution in policing. e New Yorker (https://www.newyorker.
com/magazine/2016/08/22/londons-super-recognizer-police-force,
05.11.2020).
5 So or ganisierte M ichael Frey von der Bi ldfahndung d er Kantonspo-
lizei Zürich im Rahmen der European Pickpocketing Conference
in Den Haag (2019) einen Workshop, zu dem auch Dr. Ramon
beitrug.
6 Polizei Berlin (s.d.). SafeCi – Safer Space for Safer Cities
(https://www.berlin.de/polizei/aufgaben/praevention/safeci/arti-
kel.786181.en.php, 05.11.2020).
Ihre Gabe kann sich auf die
visuelle Verarbeitung (z. B. den
Simultanabgleich) beschränken
oder darüber hinaus auch eine
besondere Fähigkeit in Bezug auf
das Gesichtsgedächtnis beinhalten.
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format magazine no 10
Zum einen kontaktierte im Juli 2016 das
Kriminalkommissariat der Kantonspolizei Fribourg
Dr. Ramon, da sie an der Unterstützung durch SR
interessiert waren. SR, die in der Literatur als mittels
eines experimentalpsychologischen Tests identifi-
ziert beschrieben worden waren (Bobak, Bennetts,
Parris, Jansari & Bate, 2016), sichteten Videomaterial
von vier Taten. Hierbei handelte es sich um zwei
bereits gelöste sowie zwei laufende Fälle, deren
Tätersuche die Polizei eingrenzen wollte. Die Kan-
tonspolizei Fribourg bewertet die Zusammenarbeit
als positiv und stellte Dr. Ramon das Material für
weitere wissenschaftliche Zwecke zur Verfügung. Im
Rahmen einer derzeit laufenden Studie untersucht
sie den Zusammenhang zwischen der durch Lab-
ortests gemessenen Gesichtsverarbeitungsfähigkeit
und der Tätererkennung im Kontext der Bildfahn-
dung (Ramon, 2018; 2019).
Zum anderen erstellte Lorenz Wyss im August
2019 eine Vorstudie über einen möglichen Einsatz
von SR bei den Zürcher Polizeikorps. Im Rahmen
dieser Diplomarbeit für die eidgenössische höhe-
re Fachprüfung, die mit dem Innovationspreis des
Verbands Schweizerischer Polizei-Beamter (VSPB)7
ausgezeichnet wurde, synthetisierte Lorenz Wyss
Erkenntnisse aus diversen Experteninterviews und
Recherchen zum Thema SR in und ausserhalb der
Schweiz. Die Ergebnisse dieser Arbeit sind im nach-
folgenden Abschnitt zusammengefasst.
Weitere Anfragen zu möglichen oder aktuell lau-
fende Kollaborationen zwischen schweizerischen
Polizeibehörden und Dr. Ramon zum Thema SR
bestehen derzeit nicht. Interessierte Behörden kön-
nen selbstverständlich direkt mit Dr. Ramon Kontakt
aufnehmen.
Deutschland. Die nachfolgenden Ausführungen
beziehen sich auf den der Autorin und dem Autor
zur Verfügung stehenden Informationen; ein An-
spruch auf Vollständigkeit besteht nicht.
In Deutschland kamen SR erstmals im Zuge der
Ermittlungen nach den sexuellen Übergriffen in der
Silvesternacht 2015 in Köln8 zum Einsatz. Gemäss
Pressebericht9 nahm die Einsatzgruppe (EG) Neujahr
das Angebot von Scotland Yard an, die Ermittlungen
zu unterstützen. In einem nachfolgenden Pressebe-
richt hiess es, dass im Rahmen dieser Zusammen-
arbeit «die britischen Unterstützer [erkannten], dass
drei Kölner Beamte ähnliche Fähigkeiten besitzen.
Um diese Begabung effektiv nutzen zu können,
schulten die Engländer ihre deutschen Kollegen in
der notwendigen Methodik.»10 Dr. Ramon testete
die drei Polizisten/-innen des Polizeipräsidiums (PP)
Köln mit experimentalpsychologischen Tests. Die
drei erzielten im Vergleich zu
publizierten Normdaten (Fysh
et al., 2020; Stacchi et al.,
2020) ganz unterschiedliche
Testergebnisse: Einer schnitt
durchschnittlich ab, während
die anderen beiden in zwei
respektive drei Tests über-
durchschnittliche Leistungen
erzielten. Nach eigener Aussa-
ge eines der Polizisten/-innen
seien seine «hohen Festnahme-
quoten eher auf auffällige Verhaltensweisen, auf das
Gesamtbild und Mustererkennung im Allgemeinen
als auf das Gesicht» zurückzuführen.
Das PP München richtete im August 2017 eine
Projektgruppe ein, um SR in den eigenen Reihen zu
identifizieren. Gemäss Aussage11 des Kriminalhaupt-
kommissars, Wolfgang Inderst, Leiter des Sachge-
bietes «Sicherheitslage und Einsatzsteuerung» in
der Abteilung «Verbrechensbekämpfung», wurden
aus ca. 4500 getesteten Mitarbeitern/-innen 37 SR
ermittelt. Während 25 derzeit noch im PP München
tätig sind, arbeiten zwei SR gemeinsam mit einem
Stabssachbearbeiter aktiv in der Koordinierungsstel-
le. Basierend auf ihren Erfahrungen berichtet das
PP München, dass die Erfolgsbilanz über die ver-
schiedenen Einsatzgebiete variiert. Sie sehen vor
allem in der Lageauswertung und im Rahmen von
Einsätzen und Veranstaltungen Potential für die Fä-
higkeiten von SR. Diesbezüglich sollten jedoch zwei
Aspekte berücksichtigt werden. Erstens variieren die
SUPER-RECOGNIZER ALS BEISPIEL FÜR POLIZEILICHE INNOVATION DURCH WISSENSCHAFT
7 Verband Schweizerischer Polizei-Beamter (2020). Der VSPB-Inno-
vationspreis (Höhere Fachprüfung HFP) (https://www.vspb.org/
de/aktuell/VSPB-Innovationspreis, 05.11.2020).
8 Wikipedia. Sexuelle Übergriffe in der Silvesternacht 2015 (https://
de.wikipedia.org/wiki/Sexuelle_%C3%9Cbergriffe_in_der_Sil-
vesternacht_2015, 05.11.2020).
9 Presseportal Polizei Nordrhein-Westfalen Köln (2016). POL-K:
160122-7-K/LEV "Super Recognizer" unterstützen die Ermitt-
lungsgruppe Neujahr (https://www.presseportal.de/blaulicht/pm/
12415/3232330, 05.11.2020).
10 Presseportal Polizei Nordrhein-Westfalen Köln (2016). POL-K:
160128-4-K / L EV Poli z eiprä sid ent ver abs ch iede t "Sup er Re co gn iz er"
(https://ww w.presseportal.de/blaulicht/pm/12415/3237269, 05.11.
2020).
11 Präsentation im Rahmen der Sondersitzung der «Arbeitsgruppe
Sicherheit» des Landeskriminalamts (LKA) Rheinland-Pfalz zur
ematik SR.
Basierend auf ihren Erfahrungen
berichtet das Polizeipräsidium
München, dass die Erfolgsbilanz
über die verschiedenen Einsatz-
gebiete variiert. Sie sehen vor
allem in der Lageauswertung
und im Rahmen von Einsätzen
und Veranstaltungen Potential
für die Fähigkeiten von
Super-Recognizern
.
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Bildfahndungsabläufe extrem von Behörde zu Be-
hörde. Zweitens sei auf die durch das PP München
angebotene Möglichkeit der Selbstorganisation der
beiden aktiv tätigen SR hingewiesen. Diesen Mit-
arbeitenden steht frei, sich die für sie effektivsten
Systeme und Prozesse selbst zu erarbeiten. Beispiel-
haft wurde berichtet, dass die zwei Mitarbeitenden
im Rahmen der Fahndung einer bandenmässigen
Begehungsweise über 500 Einzeltaten im In- und
Ausland (60 sachbearbeitenden Sachstellen) zusam-
menführen konnten. Basierend auf ihrer subjektiven
Bild-Ähnlichkeits-Prüfung kam es zu 90 Identifizie-
rungen. Aktuell ist eine landesweite Arbeitsgruppe
«Super-Recognizer Bayern» geplant.
Der Chef des Landeskriminalamts (LKA) Berlin,
Christian Steiof, erteilte 2017 dem strategischen In-
novationsmanagement den Auftrag, in den eigenen
Reihen nach SR zu suchen. Im Zuge dessen gewann
die Polizei Berlin Dr. Ramon als wissenschaftliche
Beraterin. Seit 2017 haben Kriminaloberkommis-
sar Simon Rjosk und Dr. Ramon ein mehrstufiges,
wissenschaftlich valides Ver-
fahren zur Identifikation von
SR für polizeiliche Einsatz-
zwecke entwickelt (Ramon
& Rjosk, in press). Einzigartig
hierbei ist, dass aus Ermitt-
lungen stammendes, und so-
mit authentisches, polizeire-
levantes Material verwendet
wird. Das Verfahren trägt den Arbeitstitel Berlin Mo-
del for Super-Recognizer Identification (BeMo SR-id;
Ramon & Rjosk, in press). Nach abgeschlossener Pi-
lotierung im Winter 2020 soll dieses Verfahren dazu
dienen, SR unter den über 18 000 Polizisten/-innen
zu finden. Die Polizei Berlin hat bereits erklärt, dass
sie dieses Verfahren auch anderen Behörden zur
Verfügung stellen möchte.
Abschliessendes Fazit: Einsatzmöglichkeiten für
Super-Recognizer bei der Polizei im Kanton
Zürich und in der gesamten Schweiz
Die im Rahmen seiner Diplomarbeit für die eidge-
nössische höhere Fachprüfung von Lorenz Wyss
durchgeführte Vorstudie über einen möglichen Ein-
satz von SR bei den Zürcher Polizeikorps bedien-
te sich der Erfahrungen und Erkenntnisse folgender
Informationsquellen: (i) aktive polizeiliche SR; (ii)
Bildfahnder/-innen und Ermittler/-innen; (iii) o.g.
Projekt des PP München; (iv) Forschung und Wis-
senschaft.
In den Ergebnissen kommt Wyss zum Schluss,
dass mit dem Einsatz von SR eine Steigerung der
Tätererkennungen und damit verbunden eine Effizi-
enzsteigerung in verschiedenen Bereichen der Poli-
zeiarbeit erzielt werden könnte. Die Region Zürich
mit den Städten Zürich und Winterthur und dem
internationalen Flughafen bilden ein Ballungszent-
rum in der Schweiz und ist daher sehr gut geeignet,
polizeiliche SR in die Polizeiarbeit zu integrieren.
Zudem sind im Kanton Zürich über 6000 Polizisten/
-innen tätig, wobei davon auszugehen ist, dass eini-
ge als SR identifiziert werden könnten.
Wie im vorherigen Abschnitt bereits erwähnt,
sieht das PP München besonderes Potential für die
SR in der Lagearbeit. Diese Ansicht wird auch von
Wyss geteilt. Die Lagearbeit, wie sie in München
beschrieben wird, kann z. B. mit der Arbeit der Bild-
fahndung im Kanton Zürich verglichen werden. Die
drei Bildfahndungsspezialisten, von denen einer der
Stadtpolizei Zürich angehört, sind bei der Kantons-
polizei Zürich in der Kriminalanalyse integriert und
verfügen über ein sehr gutes und umfangreiches
Netzwerk. Sie sichten zahlreiche Fahndungsbilder
und gleichen diese mit bestehenden Bildfahndungen
und mit Bildern von aktuell verhafteten und kont-
rollierten Personen ab. Können Tätererkennungen
erzielt oder Tatserien festgestellt werden, senden
die Bildfahndungsspezialisten die Hinweise an die
entsprechenden Sachbearbeiter/-innen. Bleibt die
Täterschaft unbekannt, werden die Fälle mit dem
entsprechenden Bildmaterial erfasst und verbreitet.
Eine wichtige Rolle nehmen dabei die regionalen La-
gezentren der verschiedenen Polizeikonkordate und
die Analysestellen der verschiedenen Polizeikorps in
der Schweiz ein, welche sich ebenfalls intensiv mit
Fahndungsbildern befassen und als zentrale Anlauf-
stellen funktionieren. Eine Integration von SR in die-
se Ermittlungsarbeit könnte nicht nur einen Nutzen
und Mehrwert in der Strafverfolgung, sondern auch
in der Gefahrenabwehr erbringen.
In Wyss’ Diplomarbeit werden auch verschiede-
ne Empfehlungen abgegeben. Ein Testverfahren zur
Identifizierung von SR sollte anspruchsvoll, spezi-
fisch und praxisbezogen sein. Demzufolge sollten
die Einzelkomponenten auch den realen Bedingun-
gen und den effektiven Anforderungen an einen SR
entsprechen und der Einbezug von Fachpersonen
SUPER-RECOGNIZER ALS BEISPIEL FÜR POLIZEILICHE INNOVATION DURCH WISSENSCHAFT
Seit 2017 haben Kriminalober-
kommissar Simon Rjosk und
Dr. Ramon ein mehrstufiges,
wissenschaftlich valides Verfahren
zur Identifikation von Super-
Recognizer für polizeiliche
Einsatzzwecke entwickelt.
31
format magazine no 10
aus der Wissenschaft angestrebt werden (s. o. zur
Situation in Deutschland). Die Durchführung ei-
nes schweizweit ersten Pilotprojekts zur konkreten
Umsetzung von SR bei der Polizei wird generell
empfohlen. Wie in Abbildung 3 dargestellt, könn-
ten SR ergänzend zu den bereits bestehenden Spe-
zialdiensten und Fachbereichen, welche sich mit
der Tätererkennung/-ermittlung und -identifizierung
beschäftigen, eingesetzt werden. Durch den Einsatz
von SR als zusätzliche Komponente könnte eine
Steigerung der Tätererkennungen/-ermittlungen er-
zielt werden.
Bildforensiker/-innen /
Lichtbildexperten/-innen
Automatisierte
Gesichtserkennung
Super-
Recognizer
Bildfahnder/
-innen Ermittler/-innen
Analysten/
-innen
Optimierte
Täterermittlung/
-identifikation
Abbildung 3: Integrierung von Super-Recognizern in bestehende Diens-
te, Organisationen und Abläufe. Grafik aus der Diplomarbeit HFP
«Super-Recognizer» von Lorenz Wyss (2019).
Als entscheidendes Kriterium wird von Wyss
eine kantonale und somit korpsübergreifende Zu-
sammenarbeit und Umsetzung vorausgesetzt, weil
zum einen ein möglichst gro-
sser Personalpool für ein Test-
verfahren zur Verfügung ste-
hen soll und zum anderen ein
Testverfahren bereits in die
Zürcher Polizeischule (ZHPS)
integriert werden könnte, um
schon frühzeitig auf mögliche
ausserordentliche Talente in der Gesichtserkennung
aufmerksam zu werden (Wyss, 2019).
In Zusammenarbeit mit der Wissenschaft kön-
nen in der Polizeiarbeit neuartige und innovative
Themen und Praxisfelder entstehen. Die Thematik
SR stellt ein aktuelles Beispiel dar, wie Themen, die
ursprünglich aus der Wissenschaft herbeigeführt
wurden, durch die Integration von Forschung und
polizeilicher Anwendung gemeinschaftlich weiter-
entwickelt werden können (Ramon, Bobak & White,
2019a,b).
SUPER-RECOGNIZER ALS BEISPIEL FÜR POLIZEILICHE INNOVATION DURCH WISSENSCHAFT
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Eine Integration von Super-Reco-
gnizern in diese Ermittlungsarbeit
könnte nicht nur einen Nutzen
und Mehrwert in der Strafverfol-
gung, sondern auch in der Gefah-
renabwehr erbringen.
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Résumé
Super-physionomistes, un exemple d’innovation
policière par la science
La tâche de reconnaître les visages des gens représente
une part essentielle du travail de police, que ce soit lors
d’un contrôle d’identité ou d’une recherche de per-
sonne disparue à partir d’une photo. Cette faculté ne
peut s’entraîner que de manière limitée et varie selon
les individus. Elle exige, en outre, un énorme travail du
cerveau humain. Le risque d’erreur est extrêmement
présent surtout lors du traitement de visages inconnus.
Pourtant, c’est une mission en constante augmenta-
tion vu la multiplication des supports photo et vidéo
à traiter. Pour pouvoir l’affronter, certaines autorités
comptent sur ce que l’on appelle des super-physiono-
mistes (super-recognizer) ; soit des personnes capables
de traiter et reconnaître extrêmement bien les visages,
de façon innée et sans entraînement. La science s’est
intéressée pour la première fois aux super-physiono-
mistes en 2009. À l’avenir, l’enjeu sera la coopération
entre polices et monde de la recherche.
Riassunto
Super-recognizer: un esempio di innovazione
scientifica nella polizia
Riconoscere le persone dal loro volto è una parte es-
senziale del lavoro di polizia, che si tratti di un con-
trollo o si debba ricercare un individuo a partire da
una foto. È una capacita che può essere allenata solo
in parte, varia da persona a persona e rappresenta
uno dei compiti più complicati per il cervello umano.
In particolar modo, c’è un margine di errore molto
elevato quando si devono elaborare visi sconosciuti.
Ciononostante questo compito è sempre più presen-
te, in virtù della quantità sempre più elevata di mate-
riale fotografico e audiovisivo da trattare. Per soddi-
sfare questa esigenza, alcune autorità fanno ricorso ai
cosiddetti super-recognizer, persone che, senza alcun
particolare addestramento, elaborano e riconoscono
estremamente bene i volti. La scienza ha affrontato
per la prima volta il tema dei super-recognizer nel
2009. In futuro la collaborazione tra ricerca e polizia
avrà un ruolo sempre più preminente.
... We therefore surmise that SRs have a more concrete dimensional representation of face memorability, untethered to image-specific information available at encoding and retrieval, but better entwined with the aspects of facial identities that render them memorable. This is of particular importance given its implications for diagnosis of pathology (Bainbridge et al., 2019), as well as for identification of potential SRs in future research Ramon, In press; and applied settings (Ramon, in press;Ramon & Rjosk, in press;Ramon & Wyss, 2021). ...
Preprint
A face’s memorability refers to the unique combination of its intrinsic visual features facilitating its later recognition. Despite considerable variation in face recognition ability amongst the general population, individuals show substantial concordance regarding the memorability of various faces. And, when the viewpoints across which identities are seen at encoding and recognition differ, such agreement persists, though to a lesser extent. Consequently, face recognition cannot rely solely on image-dependent encoding; individuals must extract some invariant facial information, robust to changes in viewpoint, to do so consistently. However, whether such consistency covaries with overall face processing ability is unclear. Here, therefore, in two experiments we tested recognition of (i) implicitly encoded face images and (ii) explicitly encoded identities in a group of normal control observers against a group of “Super-Recognizers” (SRs) who possess exceptional face processing skills. When implicit encoding was surreptitiously solicited, recognition of studied images was comparable between groups. Yet, when encoding was explicitly solicited, SRs more accurately recognized studied identities across viewpoint changes than normal observers. Critically, image-dependent information could only inform recognition in the first experiment, whereas viewpoint-invariant information could inform recognition consistently in both. Individualized profiles of observers’ performance (as a function of stimulus memorability) reveal that only SRs performed consistently between experiments. We suggest that SRs’ unique capacity for utilizing viewpoint-invariant information for recognition, regardless of encoding conditions, is rooted in fundamentally more accurate and robust representations of identity-based memorability. These results invite a reinterpretation of face memorability that describes viewpoint-invariant information, diagnostic of facial identity representations in memory.
Article
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Person identification at airports requires the comparison of a passport photograph with its bearer. In psychology, this process is typically studied with static pairs of face photographs that require identity-match (same person shown) versus mismatch (two different people) decisions, but this approach provides a limited proxy for studying how environment and social interaction factors affect this task. In this study, we explore the feasibility of virtual reality (VR) as a solution to this problem, by examining the identity matching of avatars in a VR airport. We show that facial photographs of real people can be rendered into VR avatars in a manner that preserves image and identity information (Experiments 1 to 3). We then show that identity matching of avatar pairs reflects similar cognitive processes to the matching of face photographs (Experiments 4 and 5). This pattern holds when avatar matching is assessed in a VR airport (Experiments 6 and 7). These findings demonstrate the feasibility of VR as a new method for investigating face matching in complex environments.
Article
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This article provides a response to five excellent commentaries on our article ‘Super‐recognizers: From the lab to the world and back again’. Specifically, the response summarizes commonalities between these commentaries. Based on this consensus, we propose a flexible framework for the assessment of superior face recognition and outline guiding principles to advance future work in the field.
Article
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The recent discovery of individuals with superior face processing ability has sparked considerable interest amongst cognitive scientists and practitioners alike. These ‘Super-recognizers’ (SRs) offer clues to the underlying processes responsible for high levels of face processing ability. It has been claimed that they can help make societies safer and fairer by improving accuracy of facial identity processing in real-world tasks, for example when identifying suspects from CCTV, or performing security-critical identity verification tasks. Here, we argue that the current understanding of superior face processing does not justify widespread interest in SR deployment: there are relatively few studies of SRs, and no evidence that high accuracy on lab-based tests translates directly to operational deployment. Using simulated data, we show that modest accuracy benefits can be expected from deploying SRs on the basis of ideally calibrated laboratory tests. Attaining more substantial benefits will require greater levels of communication and collaboration between psychologists and practitioners. We propose that translational and reverse-translational approaches to knowledge development are critical to advance current understanding and to enable optimal deployment of SRs in society. Finally, we outline knowledge gaps that this approach can help to address.
Chapter
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Forensic face matching refers to the comparison of pairs of faces for identification purposes, and is ubiquitous in applied contexts such as passport control. Despite its widespread use, a remarkable number of errors arise in this task even under optimised conditions. In this review, we outline the problem of face matching within the wider context of passport control. We then proceed to review factors that influence accuracy by constraining data quantity within stimuli, through changes in pose, illumination, and image quality, for example. This is followed by a review of factors that influence resource limits within individuals to perform this task, encompassing individual differences and sources of bias.
Article
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While a change in view is considered to be one of the most damaging manipulations for facial identification, this phenomenon has been measured traditionally with tasks that confound perceptual processes with recognition memory. This study explored facial identification with a pairwise matching task to determine whether view generalization is possible when memory factors are minimised. Experiment 1 showed that the detrimental view effect in recognition memory is attenuated in face matching. Moreover, analysis of individual differences revealed that some observers can identify faces across view with perfect accuracy. This was replicated in Experiment 2, which also showed that view generalization is unaffected when only the internal facial features are shown. These results indicate that the view effect in recognition memory does not arise from data limits, whereby faces contain insufficient visual information to allow identification across views. Instead, these findings point to resource limits, within observers, that hamper such person identification in recognition memory.
Chapter
Chapter in the forthcoming Best Practice Handbook of the EU-Project SafeCi – Safer Space for Safer Cities. https://www.berlin.de/polizei/aufgaben/praevention/safeci/artikel.786181.en.php
Article
While there has been growing interest in the deployment of superior face recognizers in policing and security settings, it is likely that most real‐world tasks tap person rather than face recognition skills. We suggest that changes in real‐world screening tasks and terminology are required to distinguish these individuals from laboratory‐identified superior face recognizers, who have more potential in developing our theoretical understanding of the face recognition system.
Article
In this review, we synthesize the existing literature investigating personally familiar face processing and highlight the remarkable, enhanced processing efficiency resulting from real-life experience. Highly learned identity-specific visual and semantic information associated with personally familiar face representations facilitates detection, recognition of identity and social cues, and activation of person knowledge. These optimizations afford qualitatively different processing of personally familiar as compared to unfamiliar faces, which manifests on both the behavioural and neural level. (Access the pdf of this paper here: https://www.tandfonline.com/eprint/tV4Q77TzdikFavPThjHr/full)
Article
Previous work has reported the existence of “super-recognisers” (SRs), or individuals with extraordinary face recognition skills. However, the precise underpinnings of this ability have not yet been investigated. In this paper we examine (a) the face-specificity of super recognition, (b) perception of facial identity in SRs, (c) whether SRs present with enhancements in holistic processing and (d) the consistency of these findings across different SRs. A detailed neuropsychological investigation into six SRs indicated domain-specificity in three participants, with some evidence of enhanced generalised visuo-cognitive or socio-emotional processes in the remaining individuals. While superior face-processing skills were restricted to face memory in three of the SRs, enhancements to facial identity perception were observed in the others. Notably, five of the six participants showed at least some evidence of enhanced holistic processing. These findings indicate cognitive heterogeneity in the presentation of superior face recognition, and have implications for our theoretical understanding of the typical face-processing system and the identification of superior face-processing skills in applied settings.