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Extremismus und Geschichtspolitik

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Der Beitrag geht der Bedeutung von Geschichtspolitik für den Ext-remismus nach und konzeptualisiert drei Dimensionen, die für eine extremistische Ge-schichtspolitik zentral sind: Phantasie-, Kollektiv-und Identitätsgeschichte. Für die Aus-einandersetzung mit Geschichtspolitik wird dabei ein dynamischer Extremismusbegriff vorgeschlagen, der soziale Wandlungsprozesse ebenso berücksichtigt wie die Bedeutung von antipluralen und monistischen Überzeugungen in der Mitte der Gesellschaft. Abstract: The article examines the role played by history politics in extremist thought, conceptualizing three dimensions, which are central to an extremist politics of history: imaginary history, collective history, and identity history. This analysis of history politics proposes a dynamic understanding of extremism which does not only address processes of social transformation, but also the influence of anti-pluralist and monist convictions in the social mainstream.
Jahrbuch für Politik und Geschichte 2 (2011), S. 1325
EXTREMISMUS UND GESCHICHTSPOLITIK
Samuel Salzborn
Zusammenfassung: Der Beitrag geht der Bedeutung von Geschichtspolitik für den Ext-
remismus nach und konzeptualisiert drei Dimensionen, die für eine extremistische Ge-
schichtspolitik zentral sind: Phantasie-, Kollektiv- und Identitätsgeschichte. Für die Aus-
einandersetzung mit Geschichtspolitik wird dabei ein dynamischer Extremismusbegriff
vorgeschlagen, der soziale Wandlungsprozesse ebenso berücksichtigt wie die Bedeutung
von antipluralen und monistischen Überzeugungen in der Mitte der Gesellschaft.
Abstract: The article examines the role played by history politics in extremist thought,
conceptualizing three dimensions, which are central to an extremist politics of history:
imaginary history, collective history, and identity history. This analysis of history poli-
tics proposes a dynamic understanding of extremism which does not only address pro-
cesses of social transformation, but also the influence of anti-pluralist and monist con-
victions in the social mainstream.
Der Extremismusbegriff gehört zu den viel diskutierten und stark umstrittenen
Konzepten innerhalb der sozialwissenschaftlichen Forschung. Denn mit dem
Konzept des Extremismus werden oft zwei paradigmatische Grundannahmen im-
pliziert, die nicht nur Fragen beantworten, sondern ebenso viele neu aufwerfen.
Zum einen ist dabei der im Extremismusbegriff angelegte Vergleich zwischen
unterschiedlichen Extremismen gemeint, zum anderen das empirisch nicht haltba-
re Postulat einer nicht-extremistischen politischen Mitte. Während etwa der Ver-
gleich zwischen Links- und Rechtsextremismus Kritiker/innen immer wieder dazu
veranlasst, auf die substanziellen historischen und weltanschaulichen Differenzen
zwischen rechten und linken Bewegungen hinzuweisen, bleibt die Extremismus-
forschung zugleich oft relativ farblos hinsichtlich der Wahrnehmung von antide-
mokratischen und antiaufklärerischen Tendenzen, die ihren sozialen Ursprung in
der Mitte der Gesellschaft haben.
Mit Blick auf die Funktionen, die Geschichtspolitik für politische Extremis-
men hat, wird dies insofern relevant, als der instrumentelle Umgang mit Vergan-
genheit(en) zum Zwecke der Einflussnahme auf die politische Gegenwart und
damit Beeinflussung künftiger Entwicklungen zwar ohne Zweifel normativ ent-
lang einer ausdifferenzierten Rechts-Links-Achse von der politischen Mitte ge-
trennt werden kann, dies allerdings beim empirischen Blick auf geschichtspoliti-
sche Konzepte gänzlich unmöglich ist.
Um die funktionelle Bedeutung der Geschichtspolitik für den Extremismus
kenntlich werden zu lassen, muss insofern zunächst ein Blick auf den Extremis-
14 Samuel Salzborn
musbegriff selbst geworfen werden. Die hier vertretene These zielt dabei darauf
ab, den Extremismusbegriff nicht in Gänze aufgrund seiner normativen Verklä-
rungen zu verwerfen, sondern ihn demokratietheoretisch kritisch zu diskutieren
und so einen statischen von einem dynamischen Extremismusbegriff abzugrenzen.
Der zweite Teil des Beitrags wird sich dann dem Verhältnis von Extremismus und
Geschichtspolitik widmen. Unter der Prämisse eines dynamischen Extremismus-
begriffes soll eine Skizze zur Bedeutung von Geschichtspolitik für politische Ext-
remismen entwickelt werden.
Extremismus: Begriff und Kritik
Manfred G. Schmidt (2010: 245f.) beschreibt den Begriff des Extremismus als in
der politischen Praxis mehrdeutig und differenziert zwischen drei Begriffsver-
ständnissen. Zunächst und dem Alltagsverständnis am nächsten ist Extremismus
als die Gegnerschaft zum demokratischen Verfassungsstaat und die Infragestel-
lung der Spielregeln demokratischer Partizipation zu verstehen, die sich in gegen
die Verfassung gerichtetem Handeln von einer rechten oder linken Anti-System-
Partei oder Aktivitäten im Bereich des religiösen Fundamentalismus äußere. Seine
zweite Bedeutungsdimension hat der Extremismusbegriff im Bereich der Politi-
schen Soziologie als Beschreibungsformation für attitudinalen Antipluralismus
und weltanschaulichen Monismus. Diese Bedeutungsvariante findet nicht nur für
rechten und linken Extremismus Anwendung, sondern auch für einen so verstan-
denen Extremismus der Mitte. Und schließlich liegt der dritte Bedeutungsaspekt
des Extremismusbegriffes in der Erfassung von Ziel- beziehungsweise Wertdi-
mensionen des Politischen. Hier wird systematisch zwischen den verschiedenen
Ziel- und Wertvorstellungen linker und rechter politischer Bewegungen differen-
ziert, zugleich aber auf ihre Parallelität hinsichtlich der antidemokratischen und
gewaltförmigen Mittel zur Durchsetzung ihrer Ziele hingewiesen.
Statischer Extremismusbegriff
Innerhalb der deutschsprachigen Diskussion wird der Extremismusbegriff vor
allem im Sinne des von Schmidt genannten ersten Verständnisses gebraucht: Es
geht um ein Verständnis von Extremismus, nach dem dieser im normativen Sinn
der demokratischen Verfassungsordnung entgegensteht und dabei sowohl durch
seine negative wie durch seine positive Bestimmtheit in Opposition zur Demokra-
tie definiert wird.
1
Der negative Extremismusbegriff zielt darauf ab, als extremis-
tisch kenntlich zu machen, was dem demokratischen Verfassungsstaat in funda-
mentaler und totaler Weise entgegensteht. Diesem Begriff folgend, zielt Extre-
mismus darauf, die Demokratie zu bekämpfen oder auch abzuschaffen. Das posi-
tive Begriffsverständnis versucht überdies, Einstellungs- und Verhaltensmerkmale
1
Vgl. Fülberth (1997); Kraushaar (1994); Neureiter (1996); Wippermann (2000).
Extremismus und Geschichtspolitik 15
zu bestimmen, an denen ersichtlich werden soll, dass das begriffliche Verständnis
von Extremismus auch über eine eigene Phänomenologie verfügt. Besonders Uwe
Backes (1989: 111) hat sich für diese Ausdifferenzierung zwischen einem negati-
ven und einem positiven Begriffsverständnis des Extremismus stark gemacht, da
er die Auffassung vertritt, dass eine rein negative Definition des Extremismus das
„breite Spektrum der Extremismen“ strukturell unbestimmt lasse.
Entscheidend an dem von Backes, aber auch von Eckhard Jesse maßgeblich
dominierten deutschsprachigen Extremismusdiskurs ist, dass Demokratie und Ext-
remismus letztlich und zwar sowohl im negativen wie im positiven Sinn als
„antithetisches Begriffspaar“ (Backes/Jesse 1983: 4) verstanden werden und inso-
fern in beiden Definitionsvarianten der Extremismusbegriff letztlich statisch auf
ein bestimmtes Ideal von Demokratie und dabei konkretisiert auf den Rahmen des
bundesdeutschen Verfassungsstaates fixiert wird, was letztlich für die Analyse
von Extremismen einen relativ schmalen empirischen Interpretationsraum eröff-
net. Backes und Jesse (1993: 40) folgend, handelt es sich beim Extremismus um
eine Sammelbezeichnung, mit der unterschiedliche politische Denkformationen
und Handlungsweisen zusammengefasst werden, die sich allerdings in der Ab-
lehnung des demokratischen Verfassungsstaates und seiner fundamentalen Werte
und Spielregeln einig wissen“.
Aus einer solchen Extremismusdefinition ergibt sich das Dilemma, das am
anschaulichsten mit einem Beispiel aus der vergleichenden Rechtsextremismus-
forschung illustriert werden kann: Während unter Zugrundelegung eines stati-
schen Extremismusbegriffes eine Partei wie der französische Front National auf-
grund seines völkischen Menschen- und Weltbildes im französischen Verfas-
sungskontext eindeutig als extremistische Partei gedeutet werden muss, reicht der
Bezug auf ein völkisches Menschenbild in der Bundesrepublik mit Blick auf den-
selben normativ-statischen Extremismusbegriff nicht aus, da hier (Art. 116 GG)
das völkische Menschenbild selbst Grundlage der politischen Ordnung ist. Inso-
fern bleibt ein Extremismusbegriff, der sich lediglich an eine real existierende
Formation von Demokratie als Norm anlehnt, unreflektiert und muss letztlich
auch im Sinne von Backes hinsichtlich seiner positiven Bestimmung unscharf und
wenig konturiert bleiben. Gero Neugebauer (2001: 13; 2010: 5ff.) sieht deshalb
den Extremismusbegriff als normativ verkürzt, unterkomplex und eindimensional
an. Überdies bestehe ein zentraler Haken im Wechselspiel zwischen normativem
Extremismusbegriff und empirischer Extremismusforschung darin, dass die Fest-
stellung, nach der „es sich beim Extremismus um Demokratiefeindschaft, Ge-
waltbereitschaft, Repression, Dogmatismus etc.“ handele, nicht „als Ergebnis der
Extremismusforschung ausgegeben werden“ kann, sondern vielmehr deren Vo-
raussetzung sei (Neugebauer 2001: 20). Armin Pfahl-Traughber (1992: 67) weist
überdies auf das Missverhältnis zwischen „inflationärer Verwendung des Extre-
mismusbegriffs“ und seiner „mangelnden theoretischen Reflektiertheit“ hin.
Vor diesem Hintergrund ist auch der Einwand von Hans-Gerd Jaschke (1991:
46) gegen die, wie er sie nennt, „konventionelle Extremismusforschung“ zu ver-
stehen, wenn er darauf hinweist, dass der Extremismusbegriff allzu oft die gesell-
schaftlichen Ursachen für das Entstehen von politischem Extremismus ausklam-
16 Samuel Salzborn
mere und dabei die Dynamik extremistischer Gruppierungen und die Wandelbar-
keit sowohl innerhalb des Extremismus, aber eben auch die Interaktion mit dem
demokratischen Spektrum außer Acht lasse. Mit dem Etikett des Extremismus,
das die Forschung entsprechenden Personen und Gruppen zuweist, werde ver-
kannt, dass es sich um eine Zuschreibung handle, die Wandelbarkeit und soziale
Dynamik innerhalb eines demokratischen Gesellschaftswesens ignoriert. Auf die-
se Weise werden Ursachenkomplexe individualisiert und der gesellschaftliche
Kontext vernachlässigt (vgl. Jaschke 1991, 1994). Durch Anwendung des Extre-
mismusbegriffes im Sinne von Backes und Jesse wird überdies die real existieren-
de Formation von Demokratie normativ verklärt. Zugleich werden radikale Kri-
tikpotenziale, die durchaus mit einem (radikal-)demokratischen Selbstverständnis
ausgestattet sein können, aus dem politischen Spektrum herausgedrängt, worauf
auch Christoph Butterwegge (2000, 2002) aufmerksam macht: „Die Konzentrati-
on auf das/die Extreme lenkt vom gesellschaftlichen Machtzentrum und von sei-
ner Verantwortung für die politische Entwicklung eines Landes ab“ (Butterwegge
2000: 19). Die aus der Extremismusformel resultierende Gleichsetzung von
Rechts- und Linksextremismus bedeute dabei ein zentrales Problem, das aus einer
lediglich formalen Gegnerschaft zum politischen System eine Vergleichbarkeit
von Zielen und Wertvorstellungen ableite. Christoph Kopke und Lars Rensmann
betonen in diesem Kontext auch die Individualisierung struktureller Aspekte von
Vergesellschaftung, die durch einen derart statischen Extremismusbegriff beför-
dert wird:
„Politische Orientierungen erscheinen (...) völlig beliebig, links und rechts werden gleichge-
setzt und austauschbar, sofern man außerhalb der willkürlich gesetzten Mitte steht. Der ‚Ext-
remist‘ wird schlicht konstruiert als ‚verhaltensauffälliger‘ Außenseiter, der einer hermeti-
schen Programmatik und einem teilungsunwilligen Machtanspruch folge“ (Kopke/Rensmann
2000: 1453).
Und selbst wenn die Differenzen hinsichtlich der Zielvorstellung rechter und lin-
ker Bewegungen gewahrt blieben, klammert der Extremismusbegriff in seinem in
der deutschen Diskussion dominanten Verständnis ohne Frage die Dynamiken
aus, bei denen extremistische Gesinnungen nicht nur an den Rändern, sondern
auch in der Mitte der Gesellschaft anzutreffen sind:
„Die ‚Mitte‘, in ihrer dualistischen Betrachtungsweise als Gegenpol ‚des‘ Extremismus ver-
klärt, verorten die Forscher vor allem dort, wo sie selber sitzen und wo ihr nationales Welt-
bild wurzelt. Gefahren für die Demokratie kommen demnach immer von ‚außen‘. Die Mitte,
das Volk, die Nation werden per definitionem exkulpiert. Die Bestimmung, wer außen ‚am
Rand‘ steht, entspringt subjektiven Vorlieben und dient der Stigmatisierung politisch misslie-
biger Personen“ (Kopke/Rensmann 2000: 1454).
Insofern hier von einer normativen Amputation des Extremismusbegriffes gespro-
chen werden kann, handelt es sich beim Blick auf die internationale und verglei-
chende Extremismusforschung keineswegs um die einzige Variante, den Extre-
mismusbegriff für die politikwissenschaftliche Diskussion fruchtbar zu machen.
Denn beim Blick auf die Auseinandersetzung mit extremistischen und totalitären
Bewegungen fällt theoriegeschichtlich auf, dass das Potenzial des Extremismus-
Extremismus und Geschichtspolitik 17
begriffes weit größer ist, als sich dies in seiner deutschen Vereinfachung andeu-
tet.
2
Dynamischer Extremismusbegriff
Seymour Martin Lipset hat bereits in einem Aufsatz von 1959 (a, b), der dann
auch in sein berühmtes Werk Political Man (1960) eingeflossen ist, eine Differen-
zierung des Extremismusbegriffes eingeführt, die weit über den unterkomplexen
und empirisch wenig tragfähigen Extremismusbegriff hinausweist, wie er oft in
der deutschen Diskussion Anwendung findet. Lipset unterscheidet dabei drei we-
sentliche Kategorien, die zur Klassifizierung von Extremismus dienen können und
zugleich einen gehaltvollen und substanziellen Demokratiebegriff zugrunde legen.
Die auf der traditionellen Rechts-Links-Achse markierten politischen Ziele und
ihre Distanz zur liberalen Demokratie sind ebenso wie die Unterscheidung zwi-
schen demokratischen und autoritären Mitteln Bestandteile der fachwissenschaft-
lichen Diskussion, die heute auch in der deutschen Extremismusforschung weiter-
hin Anwendung finden. Die eigentlich zentrale Kategorie von Lipset ist hingegen
weitgehend aus dem Blickfeld der sich selbst so verstehenden Extremismusfor-
schung verschwunden: die Differenzierung zwischen Pluralismus und Monismus,
von der aus eine antiplurale und monistische Weltanschauung als Kennzeichen
von Extremismus interpretiert wird. Nimmt man die Kategorien von Lipset ernst,
dann fällt auf, dass Extremismus nicht nur an den Rändern des politischen Sys-
tems zu lokalisieren ist, sondern gleichermaßen in dessen Mitte, was überdies
auch zeigt, dass ein statischer Extremismusbegriff gegenüber einem solchen, da-
mit bereits skizzierten dynamischen Extremismusbegriff blind bleiben muss: ge-
genüber den antipluralistischen und gegenaufklärerischen Bestrebungen aus der
Mitte der Gesellschaft, da diese stets normativ verklärt werden.
3
2
Einen guten Überblick über den Stand der internationalen Totalitarismusforschung geben
Rensmann/Funke/Hagemann (2011). Siehe hierzu auch, mit gegenläufiger Interpretation, Ba-
ckes (2006).
3
Die von Backes/Jesse (2005: 157ff.) gegen Lipsets Ansatz vorgebrachten Argumente sind
insofern redundant und geradezu tautologisch, als Backes/Jesse getreu ihrer statischen Extre-
mismusschablonen versuchen, diejenigen, die die Idee eines Extremismus der Mitte für die
tagesaktuelle Auseinandersetzung mit der konservativ-liberalen Bundesregierung in den
1980er und 1990er Jahren fruchtbar machen wollten, selbst nun wiederum im linken bis
linksextremen Spektrum zu verorten. Ganz gleich, ob dies zutreffend gewesen sein mag: ein
Argument gegen einen Extremismus der Mitte, der sich etwa in der völkischen Innen- und
Außenpolitik unter Bundeskanzler Helmut Kohl ausdrückt, ist dies keineswegs. Bemerkens-
werterweise finden sich in dem vom Backes/Jesse herausgegebenen Band Gefährdungen der
Freiheit (2006) einige Aufsätze, die das statische Extremismusmodell aufgrund demoskopi-
scher Forschungen implizit in Frage stellen, etwa bei der vergleichenden Untersuchung von
extremistischen Einstellungen, die sich offensichtlich nicht nur am linken und rechten Rand
der Gesellschaft finden lassen. Dies zeigt auch, dass der von Backes/Jesse vertretene statische
Extremismusbegriff selbst dann empirischen Prüfungen nicht standhält, wenn er zunächst als
konzeptionelle Grundlage verwendet wurde.
18 Samuel Salzborn
Lipset prägte den Begriff des extremism of the center und fügte den konzepti-
onellen Überlegungen eines linken und eines rechten Extremismus einen dritten
Typus hinzu, der allerdings zuvörderst auch als sozialökonomischer Begriff im
Sinne der Mittelklassen beziehungsweise Mittelschichten zu verstehen war. So
gibt es Lipset (1960: 173) folgend mit Blick auf die Linke, die Rechte und die
Mitte jeweils eine moderate und eine extremistische Strömung, „each major social
stratum has both democratic and extremist political expressions(ebd.: 131). Die
Gemeinsamkeiten der drei Extremismen bestünden in ihrer sozialpolitischen Ori-
entierung an den verärgerten, orientierungslosen, desintegrierten, ungebildeten,
differenzierungsunfähigen und damit eben letztlich autoritären Personen auf je-
dem Level der Gesellschaft (vgl. ebd.: 175). Entscheidend ist, dass alle Extremis-
men Bezüge zu den demokratischen Bewegungen aufweisen, was nicht nur dem
Argument von Theodor W. Adorno (1997a: 555f.) ähnelt, nach dem das „Nachle-
ben des Nationalsozialismus in der Demokratie (...) potentiell bedrohlicher denn
das Nachleben faschistischer Tendenzen gegen die Demokratie“ sei, und dem von
Ralf Dahrendorf (1961: 267), nach dem die Zerstörung der Demokratie historisch
bereits „ein Werk des Mittelstandes“ war, sondern auch gerade kenntlich macht,
dass die Grenzen zwischen Demokratie und Extremismus weder statisch noch
undurchlässig sind: „The different extremist groups have ideologies which corre-
spond to those of their democratic counterparts“ (Lipset 1960: 133).
Nimmt man Lipsets Überlegungen in sozialstruktureller und demokratietheo-
retischer Hinsicht ernst, dann liefern sie ein wertvolles Grundgerüst für einen dy-
namischen Extremismusbegriff. Dieser bleibt aber trotz allem ein normativer Be-
griff, dessen ontologischer Rest letztlich nicht kritisch deduzierbar ist. Ungeachtet
dessen bietet er die Möglichkeit der Emanzipation von einer subjektiven Setzung
von Norm und Abweichung auf die der statische Extremismusbegriff letztlich in
seiner Banalität hinausläuft. Lipsets Grundkonzept bedarf lediglich einer konzep-
tionellen Konkretisierung mit Blick auf ein tragfähiges Verständnis von Pluralis-
mus und Antipluralismus, eben dessen, was Schmidt (2010: 245f.) als attitudina-
len Antipluralismus und weltanschaulichen Monismus beschreibt.
Strukturtheoretisch können wesentliche Aspekte für eine solche konzeptionel-
le Ergänzung eines dynamischen Extremismusbegriffes aus den Überlegungen
von Ernst Fraenkel aufgegriffen werden, dessen Pluralismustheorie auf der An-
nahme basiert, dass die Vertretung von konkurrierenden Interessen einer Demo-
kratie nicht schade, sondern vielmehr deren Fundament bilde. Auf der Basis der
Anerkennung konkurrierender sozialer Lebensformen werde ein kontroverser Pro-
zess der Willensbildung erstrebt, dem jedoch ein gemeinsam anerkannter Wertko-
dex zugrunde liegen müsse. Das Gemeinwohl sei dabei nicht abstrakt definierbar,
sondern müsse in konkreten Interessenauseinandersetzungen ausgehandelt wer-
den. Staatlicher Idealtyp ist für Fraenkel (1991: 326) der „autonom legitimierte,
heterogen strukturierte, pluralistisch organisierte Rechtsstaat“. Aufgrund der da-
mit konzeptionell gegebenen normativen Offenheit handelt es sich um ein struk-
turtheoretisches Instrumentarium, mit dem Antipluralismus und Monismus scharf
kritisiert werden können. Zugleich muss aber um die Frage eines gesellschaftli-
Extremismus und Geschichtspolitik 19
chen Konsensus dauerhaft entlang von Interessenkonflikten, auch grundlegender
Art, gestritten werden.
Ein wesentlicher Schlüssel ist die konsequente Orientierung am freien und
sich selbst bestimmenden Individuum als genuinem Subjekt der Politik, dessen
„Gemeinwohl“ im gesellschaftlichen Kontext niemals a priori, sondern aus-
schließlich a posteriori bestimmbar ist, da die ihm zugrunde liegende Vorstellung
von Gerechtigkeit „kein absoluter, sondern ein relativer Begriff“ ist (Walzer 1992:
440). Als extremistisch hätten in diesem Sinne Personen, Bewegungen oder Par-
teien zu gelten, die eine Ungleichheit der Menschen unterstellend den Vorrang
des Individuums im demokratischen Pluralismus ablehnen und mit antiliberaler
und antiindividualistischer Intention einer kollektiven Homogenitätsvorstellung
das Wort reden, so dass in einen solchen Extremismusbegriff im Sinne der politi-
schen Kulturforschung nicht nur Handlungen, sondern auch Einstellungen und vor
allen Dingen Vorstellungen eingelassen sind (vgl. Salzborn 2009).
4
Diese sind
aber eben reversibel und unterliegen der öffentlichen Auseinandersetzung im de-
mokratisch-pluralen Kontext. Doch sind sie als Denkformen eben in keiner Weise
an bestimmte politische Spektren oder eine ausdifferenzierte Rechts-Links-Achse
gebunden. Ein von Lipsets Überlegungen ausgehender und konzeptionell um die
demokratietheoretischen Überlegungen des Neopluralismus erweiterter dynami-
scher Extremismusbegriff stellt insofern das normative Postulat einer nicht-
extremistischen Mitte aus empirischen Gründen grundsätzlich in Frage und macht
Antipluralismus und Monismus zur Grundlage der Analyse.
Extremismus und der Umgang mit Geschichte
Den Überlegungen zur Skizzierung eines dynamischen Extremismusbegriffs fol-
gend, ergibt sich für die Auseinandersetzung mit den Funktionen, die Geschichts-
politik für den politischen Extremismus hat, eine zunächst banal wirkende, aber
doch bedeutsame Feststellung: die grundsätzlichen Funktionen von Geschichtspo-
litik sind unabhängig von der Verortung auf dem politischen Spektrum, ja auch
unabhängig von der Frage, ob die geschichtspolitische Intention eine demokrati-
sche oder eine antidemokratische, respektive extremistische ist. Den „Heiligen-
schein der Legitimität“ (Hobsbawm 1994), den die Vergangenheit verleiht, nutzen
alle, die Historizität in irgendeiner Form politisch nutzbar zu machen versuchen.
5
Denn: Geschichte ist immer politisch, eine unpolitische Interpretation oder
Deutung von Vergangenheit undenkbar. Insofern ist Geschichte sowohl hinsicht-
lich ihres tatsächlich erinnerten Gehalts wie auch in Bezug auf ihre sinnstiftende
4
Der für die politische Kulturforschung zentralen Begriffsprägung durch Karl Rohe (1996)
folgend gehen die Vorstellungen den Einstellungen voraus und prägen diese im Sinne einer
weltanschaulichen oder ideologischen Grundhaltung.
5
Bei den folgenden Überlegungen zum Verhältnis von Politik und Geschichte im Allgemeinen
beziehe ich mich auf frühere Überlegungen (Salzborn 2003), die dann mit Blick auf das The-
ma Extremismus systematisiert und weiterentwickelt werden.
20 Samuel Salzborn
Funktion durch die Formung der Vergangenheit in der Gegenwart politisiert. Es
ist eine Trivialität darauf hinzuweisen, dass kein moderner Staat ohne eine eigene
geschichtspolitische Interpretation zu existieren in der Lage ist. Kein National-
staat, ganz gleich, ob völkisch oder republikanisch konstituiert, kommt ohne Ver-
gangenheitsbilder, ohne nationalpolitische Erinnerung aus. Dies wurde von der
neueren Nationenforschung deutlich herausgearbeitet und gilt nicht nur für Natio-
nen, sondern eben auch für soziale und politische Bewegungen
6
. Johannes Fried
(2001: 561ff.) hat in diesem Zusammenhang betont, dass Vergangenheit in der
Gegenwart stets neu geschaffen und durch die politischen Akteure unbewusst aus
unterschiedlichen, diachronen Elementen erinnerten Geschehens konstituiert wer-
de. Geprägt durch die Erfordernisse der Gegenwart, so Fried, werden auf diese
Weise „stimmige Vergangenheitsbilder“ geformt, die aufgrund ihres erzählten
beziehungsweise erinnerten Gehaltes erheblich vom tatsächlichen Geschehen ab-
weichen können.
Auch wenn für den Vorgang der geschichtspolitischen Sinnstiftung die politi-
sche Verfasstheit eines staatlichen Systems oder einer politischen Bewegung un-
erheblich ist, gilt dies umgekehrt nicht. Denn Geschichtspolitik kann ganz unter-
schiedliche politische Ordnungen legitimieren, da Prozesse der Mythologisierung
und Heroisierung gleichermaßen demokratische Systeme und Bewegungen in
ihrer Existenz historisch stützen, wie sie dazu dienen können, antidemokratische
Mythologien sinnstiftend für den nationalen Alltag zu manifestieren und in prakti-
sche Handlungsanleitungen zu transformieren. Was in diesen Prozessen letztlich
zur Geschichte erklärt wird, ist in aller Regel nicht von den historischen Fakten
abhängig, sondern von ihrer Interpretation durch Politik, Wissenschaft, Medien
und Öffentlichkeit. Der Kampf ums Geschichtsbild wird damit in der Gegenwart
um die Zukunft geführt. Das Verhältnis von reflexivem Erinnern und identitärer
Sinnstiftung markiert das geschichtspolitische Spannungsfeld, in dem die Kern-
frage darin besteht, ob Geschichte adäquat interpretiert oder lediglich verwertet
werden soll. Während die interpretative Variante einer kritischen Aufarbeitung
der Vergangenheit zuneigt, zielt die verwertungsorientierte auf deren Instrumenta-
lisierung und stellt in ihrer Verwertungslogik darauf ab, was von Adorno (1997b:
373) als die am Tauschprinzip orientierte Spießbürgersorge beschrieben wurde,
sich daran zu orientieren, was für das eigene Tun zu bekommen sei.
Die damit skizzierten Dimensionen der (Selbst-)Legitimation und der Sinn-
stiftung stellen insofern kein Spezifikum des instrumentellen Umgangs mit Ge-
schichte im Bereich des politischen Extremismus dar, sondern sind vielmehr das
Bindeglied zwischen dem, was mit Lipset als Parallelität jeweils einer moderaten
und einer extremistischen Strömung in allen politischen Spektren beschrieben
werden kann. Von den spezifischen Funktionen allerdings, die Geschichtspolitik
für den politischen Extremismus hat und die damit explizit als antiplurale und
6
Hier ist insbesondere auf die Arbeiten von Anderson (1988) und Hobsbawm (1996) hinzu-
weisen. Eine gute historische Einführung in das Thema gibt Wehler (2001). Für einen syste-
matischen Überblick über die theoretische Nationalismusforschung aus politologischer Per-
spektive siehe Salzborn (2011).
Extremismus und Geschichtspolitik 21
monistische Geschichtspolitik interpretiert werden müssen, sollen drei wesentli-
che genauer skizziert werden.
Geschichtspolitik als Phantasiegeschichte
Geschichte ist immer umstritten, zu keinem Zeitpunkt lässt sich rekonstruieren,
wie ein historischer Prozess en detail tatsächlich abgelaufen ist. Zu groß ist die
Anzahl der Variablen, zu vielfältig die Quellen, zu kontrovers letztlich auch die
Deutungen, die sich entlang einer historischen Faktizität legitimerweise entwik-
keln können. Während im demokratischen Kontext über differente Interpretatio-
nen im Rahmen der jeweils eigenen Interessen gestritten wird, allerdings ohne
dabei vorsätzlich Fakten oder Kontexte auszublenden, ist das zentrale Charakteris-
tikum extremistischer Geschichtspolitik die Halbierung der Vergangenheitsdar-
stellung, also das Infragestellen von historischer Faktizität zugunsten geschichts-
politischer Narrationen. Diese beginnen bei Formen der Entkontextualisierung
und Derealisierung von Vergangenheit und gehen über die Verharmlosung bis hin
zur Leugnung von Vergangenheitselementen. Da dieser Vorgang bewusst oder
unbewusst erfolgen kann, ist extremistische Geschichtspolitik als Phantasie über
eine Wirklichkeit zu interpretieren, die in den Augen ihrer Protagonisten so hätte
gewesen sein sollen beziehungsweise müssen, um die eigenen Zukunftsvisionen
und das Agieren in der Gegenwart legitimieren zu können.
Bewusst ist der Prozess des Versuches der Etablierung einer Phantasiege-
schichte immer dann, wenn die Akteure wissentlich Fehl- oder Teilinformationen
zur historischen Legitimation ihrer politischen Positionen verwenden, unbewusst,
wenn sie überdies selbst glauben, dass ihre imaginäre Geschichte tatsächlich so
stattgefunden habe. Das in der geschichtspolitischen Phantasie entworfene
Scheinbild der Vergangenheit kann dabei Teilaspekte der tatsächlichen Geschich-
te enthalten oder auch gänzlich auf sie verzichten je nachdem, in welchem Maße
die Distanz zu demokratischen Positionen (noch) besteht. Ein signifikantes Bei-
spiel hierfür ist die Vertriebenendebatte in Deutschland, bei der sich die Vertrie-
benenverbände zunehmend (wieder) offen geschichtsrevisionistischen Positionen
annähern (vgl. Salzborn 2002; Hahn/Hahn 2010).
Dabei zeigt sich auch die mit Lipset konstatierbare graduelle Entwicklung von
demokratischen zu extremistischen Positionen in der Geschichtspolitik. Nachvoll-
ziehbar ist dieser Übergang bei einer Reihe von rechtsextremen Geschichtsrevisi-
onisten, die sich im Laufe ihrer biografischen Entwicklung zunehmend radikali-
siert, das heißt sowohl immer weiter von demokratischen Positionen, aber eben
auch von der Realgeschichte entfernt haben. Ganz wesentlich ist aber zu betonen,
dass es sich bei der hier skizzierten extremistischen Geschichtspolitik als Phanta-
siegeschichtsschreibung eben gerade nicht um den erinnerungspolitischen Deu-
tungskampf handelt, der zum Grundkanon jeder streitbaren Demokratie gehört,
sondern genau um die Aufkündigung des pluralistischen Streitfeldes und dessen
Ersetzung durch eine monistische Fiktion von der Vergangenheit.
22 Samuel Salzborn
Geschichtspolitik als Kollektivgeschichte
Da der Extremismus in seiner antipluralen Intention den kontroversen Streit um
die Vergangenheit ablehnt, liegt das Ziel einer extremistischen Geschichtspolitik
nicht in der Orientierung am Individuum und an innergesellschaftlichen Wider-
sprüchen, die sich historisch rekonstruieren lassen. Die autoritäre Norm duldet
vielmehr keine Abweichung, geschichtspolitische Bilder beziehen sich im Extre-
mismus auf ein homogenes Kollektiv, das immer auf Exklusivität und Omnipo-
tenz orientiert ist. Was konkret als homogenes Kollektiv unterstellt wird, unter-
scheidet sich jeweils konzeptionell nachhaltig und reicht von der nationalsozialis-
tischen Volksgemeinschaft über die sozialistische Internationale bis zur islami-
schen umma; entscheidend in allen Fällen ist die Negation von Individualität, die
in Gemeinschaft aufgeht und so pluralistische Gesellschaftsvorstellungen ersetzt.
Geschichtspolitisch fungiert die kollektive Identitätsbildung zumeist über eine
Verknüpfung aus homogenisiert vorgestellter, amorpher Masse und einem mehr
oder weniger stark ausgeprägten Personen- und Ritualkult (vgl. Backes 2009:
290). In dieser Form der Zurichtung von Geschichtspolitik als Kollektivgeschichte
wird die generelle Unfreiheit des Individuums im Kollektiv formiert, die konstitu-
iert wird durch die Steigerung der Affekthaftigkeit, die Einschränkung der Intel-
lektualität, die Aufhebung der individuellen Triebhemmungen sowie den Verzicht
auf die individuelle Ausgestaltung der Neigungen bei gleichzeitiger Suggestion,
die individuellen Bedürfnisse in der Masse erfüllt zu bekommen (vgl. Freud 1921:
73ff.).
In der Idee des gemeinschaftlichen Kollektivs als Grundlage geschichtspoliti-
scher Argumentationsfiguren liegt die Implikation der Negation von Freiheit, von
Konflikt und von konkurrierenden gesellschaftlichen Interessen. Am Gemein-
schafts-Kollektiv orientierte Geschichtspolitik neutralisiert die individuelle Frei-
heit durch die Stiftung von kollektiven (historischen) Identitäten, die gleicherma-
ßen Helden- wie Opfererzählungen inkorporieren können, in denen Konflikte um
Macht, Einfluss und Ressourcen vereinheitlicht und ihrer immanenten Wider-
sprüchlichkeit entkleidet werden: die Kollektiverzählung geht eben nicht davon
aus, dass es innerhalb des Kollektivs Gegensätze und Interessenkonflikte, Überla-
gerungen von Täter- und Opferrollen, Widersprüche in Verantwortlichkeitsfragen
oder Kausalitätsinterpretationen geben kann, sondern redigiert diese cross cutting
cleavages aus dem geschichtspolitischen Konzept heraus. Konkurrierende Interes-
sen werden so in einer am gemeinschaftlichen Kollektiv orientierten Geschichts-
politik suspendiert und reale Konflikte negiert die allerdings zugleich, da ihr
Potenzial letztlich nicht wirklich aufgehoben werden kann, alternative Geschichts-
interpretationen generieren, in denen ihr Ausagieren symbolisch und mythisch
institutionalisiert werden kann. Die deutlichsten geschichtspolitischen Ausprä-
gungen hat dieses Konzept in den antisemitischen Verschwörungsmythen (vgl.
Salzborn 2010), die gleichermaßen von Neonazis, Globalisierungsgegnern und
Islamisten geglaubt und verbreitet werden.
Extremismus und Geschichtspolitik 23
Geschichtspolitik als Identitätsgeschichte
Geschichtspolitik, die antiindividuell operiert und das homogene Kollektiv in den
Mittelpunkt rückt, agiert aufgrund ihrer keinen Widerspruch duldenden und keine
individuelle Abweichung tolerierenden Lesart von Vergangenheit strukturell auto-
ritär. Der extremistische Gehalt besteht überdies darin, dass ein auf Mythologisie-
rung und Heroisierung orientiertes Geschichtsbild autoritär durchgesetzt werden
soll, also keine liberalen Differenzen zwischen öffentlicher Geschichtsdarstellung
und privater Erinnerung akzeptiert werden. Ein für alle verbindliches Geschichts-
bild soll im Extremismus autoritär etabliert werden. Widersprüche, die in indivi-
duellen Gedächtnissen vorhanden sein können (zum Beispiel Erinnerungen an
oppositionelle oder widerständige Handlungen oder gegenläufige Interpretationen
von Ereignissen), haben der extremistischen Intention folgend keinen Platz im
Erinnerungskanon. Hinsichtlich ihrer individuellen und familiären Erinnerung ist
Geschichte damit nicht mehr vielstimmig, heterogen und durchaus streitbar, son-
dern autoritär gesetzt. Auf diese Weise will eine extremistische Geschichtspolitik,
um die Terminologie von Jan Assmann (1992) aufzugreifen, eine Identität von
kommunikativem und kulturellem Gedächtnis erzwingen, die institutionalisierten
Erinnerungen an symbolische Fixpunkte der Vergangenheit sollen die von Zeit-
zeug(inn)en kommunizierte Erinnerung an die rezente Vergangenheit dominieren.
Die geschichtspolitische Lesart der Vergangenheit durch den Extremismus duldet
keine von dieser autoritären Setzung abweichenden Individualerinnerungen und
zielt insofern auf eine Geschichtspolitik als Identitätsgeschichte, in der sich die
Individualerinnerung mit der Kollektiverinnerung decken soll. Daraus ergeben
sich starre Vorstellungen von geschichtspolitischer Identifizierung, die nicht re-
versibel sind, was darauf verweist, dass es nicht um ein individuelles Identitätsan-
gebot geht, sondern um einen kollektiven Identitätszwang. Die homogenisierte
Interpretation der Vergangenheit wird so zur kollektiven Utopie umgedeutet, in
der eine scheinbare Identität von Herrschern und Beherrschten wirkt, da Wider-
sprüche politischer und gesellschaftlicher Provenienz bereits historisch negiert
werden.
Resümee
Greift man die Diskrepanz zwischen der deutschen und der internationalen Debat-
te über das Themenfeld Extremismus auf und revidiert die systematische Limitie-
rung des statischen Extremismusbegriffes durch einen dynamischen Extremis-
musbegriff, der die Relevanzen von antipluralen und monistischen Überzeugun-
gen auch in der Mitte der Gesellschaft betont, dann zeigen sich als Konturen einer
extremistischen Geschichtspolitik Vorstellungen, die als Phantasie-, Kollektiv-
und Identitätsgeschichte beschrieben werden können. Als wesentlich ist dabei zu
betonen, dass gerade die Dynamik der mit diesen Idealtypen verbundenen ge-
schichtspolitischen Artikulationen auf ebenfalls dynamische Interaktionen zwi-
schen den verschiedenen Akteuren mit ihrer teilweise gegensätzlichen Veranke-
24 Samuel Salzborn
rung im politischen Spektrum verweist, was eine eindeutige und vor allem irrever-
sible Klassifizierung als ‚nicht-extremistisch‘ als intellektuell verkürzt erscheinen
lässt. Begreift man den Kampf um Geschichte hingegen als einen fortwährenden
Prozess mit wandelnden Akteurskonstellationen, dann zeigt sich die Stärke des
dynamischen Extremismusbegriffes in seiner normativen Distanz zu konkreten
politischen Ordnungen, die auf hegemoniale Geschichtsbilder fixiert sind.
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Book
Dier Band erfolgt das Anliegen, die theoretische, konzeptionelle und empirische Reichweite des Konzepts Politische Kultur darzustellen und die vielfältigen Facetten der politischen Kulturforschung vorzustellen. Der Band liefert grundlegende und einführende Beiträge zu einzelnen Aspekten der politischen Kulturforschung und gibt einen systematischen Überblick über den Forschungsstand.
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Steht das Konzept der Nation vor seinem Niedergang oder vor einer Renaissance? Wird die internationale Politik der kommenden Jahrzehnte von nationalen oder postnationalen Konzepten bestimmt, welche Rolle nimmt dabei die Idee des Nationalstaates ein? Der Band liefert kontroverse Antworten auf diese Fragen. Ausgangspunkt ist die systematisch-vergleichende Darstellung und Analyse der wichtigsten Theoretiker der Nationen- und Nationalismusforschung (Karl W. Deutsch, Ernest Gellner, Eric Hobsbawm, Anthony D. Smith, Miroslav Hroch, Benedict Anderson). Daran anknüpfend diskutieren renommierte Politik- und Sozialwissenschaftler die Bedeutung des Konzeptes "Nation" für die gegenwärtige und zukünftige Politik, wobei sie Aspekte der Politischen Theorie, der Politischen Systemforschung, der Europaforschung und der Internationalen Beziehungen in den Blick nehmen. Da die Antworten auf die Frage, welche Bedeutung Nation und Nationalismus in Zukunft haben werden, je nach Weltregion unterschiedlich beantwortet wird, beleuchtet der Band neben der europäischen auch die amerikanische, die asiatische und die afrikanische Perspektive.
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deutsche Ausgabe von dqImagined Communitiesdq (1983)
Article
Erinnern und Vergessen sind grundlegende Prozesse menschlichen Lebens, konstitutiv für die individuelle wie kollektive Identität. Gleichermaßen sozial und kulturell wie psychisch-neurophysiologisch bedingt steuern sie das menschliche Gedächtnis, ja die sinnliche Wahrnehmung überhaupt. Sie sind damit zugleich entscheidende, bisher kaum beachtete Faktoren für das Zustandekommen der Mehrzahl historischer Quellen. Dies stellt vor allem den Historiker, der sich mit schriftlosen und schriftarmen Kulturen beschäftigt, vor methodische Schwierigkeiten. Augenzeugenberichte, Annaleneinträge, Chroniken, häufig beträchtliche Zeit nach den Geschehnissen schriftlich fixiert, erscheinen mit diesem Wissen als selektierende Vergessens- bzw. Erinnerungsprodukte. Vergangenheit wird in der Gegenwart stets neu geschaffen; unbewußt konstruiert aus unterschiedlichen, diachronen Elementen erinnerten Geschehens. Wesentlich geprägt durch die Erfordernisse der jeweiligen Gegenwart entstehen so stimmige Vergangenheitsbilder, die doch in ihren elementaren Aussagen, Daten, Beteiligten und grundlegenden Zusammenhängen, erheblich vom tatsächlich Geschehenen abweichen können. Jede Erinnerung ist daher auf ihre Gegenwart hin zu befragen, um sie beurteilen zu können. Das Wissen um die einheitsstiftende Macht verformender Erinnerungsprozesse vermag nicht nur rückblickend Aufschluß über das Entstehen einzelner Quellenzeugnisse bis hin zur Genese des kulturellen Gedächtnisses ganzer Nationen zu geben. Es verweist darüber hinaus beispielsweise auf die Bedeutung, aber auch die Schwierigkeiten, die sich bei der Schaffung eines europäischen Bewußtseins, einer zukünftig zu leistenden gemeinsamen Gedächtnisarbeit stellen.
  • Uwe Backes
  • Jesse Und Eckhard
Backes, Uwe und Eckhard Jesse (1983): Demokratie und Extremismus. Anmerkungen zu einem antithetischen Begriffspaar. In: Aus Politik und Zeitgeschichte 31, H. 44, S. 3-18.
Die Erfindung der Vergangenheit
  • Eric J Hobsbawm
Hobsbawm, Eric J. (1994): Die Erfindung der Vergangenheit. In: Die Zeit 49, Nr. 37.