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Globaler Antisemitismus. Eine Spurensuche in den Abgründen der Moderne. Mit einem Vorwort von Josef Schuster

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Abstract

Seit den islamistischen Terroranschlägen von 9/11 ist weltweit eine Ausweitung und Radikalisierung von Antisemitismus festzustellen – jenseits alter Abgrenzungen zwischen den politischen Spektren. Antisemitismus ist zur globalen Integrationsideologie von Islamisten, Neonazis, Globalisierungsfeinden und Antiimperialisten geworden. Deren Hauptfeindbild heute: Israel. Samuel Salzborn analysiert diese Entwicklung, ihre historischen und theoretischen Hintergründe und plädiert für einen neuen Universalismus, der zur Grundlage für eine erfolgreiche Bekämpfung von Antisemitismus weltweit werden kann.
... Der Grund für eine zunehmende Verbreitung des israelbezogenen Antisemitismus liegt in seiner panideologischen Anschlussfähigkeit: Der als Israel-Kritik getarnte Antisemitismus hat eine Tradition in antiimperialistischen Bewegungen und linken Submilieus (Benz 2016;Beyer 2017;Haury 2019;Poliakov 1992;Rickenbacher 2020). Er ist darüber hinaus aufgrund seiner diskursiven Verbindung mit schuldabwehrenden Artikulationen des Antisemitismus unter Wähler:innen des rechten Parteienspektrums weit verbreitet (Salzborn 2018;Rensmann 2020). Gleich mehrere Studien verzeichnen zudem akzentuierte Zustimmungswerte zum israelbezogenen Antisemitismus unter Muslim:innen (Decker und Celik 2019;Pickel et al. 2020) -womit sich nun die Frage nach den Besonderheiten des Antisemitismus unter Muslim:innen stellt. ...
... Aus der Breite der genannten Profile wird deutlich: Antisemitismus ist in Deutschland panideologisch anschlussfähig (Beyer und Liebe 2020, S. 141;Rensmann 2020;Salzborn 2018). Diese Aussage bezieht auch religiöse Gruppen mit ein. ...
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Zusammenfassung Bereits seit einigen Jahren schwelt eine Diskussion über einen neuen Antisemitismus. Im Fokus dieser Debatten finden sich immer häufiger Einwanderer:innen, vor allem aber Muslim:innen wieder. Als Folge kam der Begriff eines islamisierten Antisemitismus auf. Schnell wurden diese Diskussionen zu einem Politikum. Rechtsextreme Akteure wie die Alternative für Deutschland griffen die Hinweise auf Antisemitismus unter Muslim:innen auf und instrumentalisierten diese für ihre antimuslimische Agenda. Diese Instrumentalisierung wiederum macht es Menschen, die sich gegen antimuslimische Diskriminierung einsetzen, schwer, die Existenz eines muslimischen Antisemitismus anzuerkennen. Anhand unterschiedlichen empirischen Materials untersucht dieser Beitrag die Prävalenz antisemitischer Ressentiments unter Muslim:innen und wie diese mit der Persistenz von Antisemitismus in der deutschen Gesellschaft zusammenhängen. Die Ergebnisse zeigen, dass traditionelle Formen des Antisemitismus und insbesondere israelbezogener Antisemitismus unter Muslim:innen besonders akzentuiert ausfällt. Der Antisemitismus, in muslimischen Submilieus, stellt neben dem ethnonationalen, rechtsextremen Antisemitismus eine Bedrohung für Jud:innen in Deutschland dar. Der Antisemitismus unter Muslim:innen stützt sich sowohl auf Narrative, die aus ihren Herkunftsländern stammen, sowie auf religiöse Quellen. Allerdings ist der Antisemitismus unter Muslim:innen in Deutschland geringer ausgeprägt als in den meisten Gesellschaften der islamischen Welt. Darüber hinaus sind schuldverleugnende Artikulationen von Antisemitismus nach wie vor ein Markenzeichen der autochthonen Bevölkerung und rechter politischer Milieus. Antisemitismus in Deutschland bedarf daher eines differenzierteren Verständnisses, als es noch vor wenigen Jahren notwendig erschien.
... Ein wichtiger Wendepunkt in der Geschichte antisemitischer Ressentiments waren die islamistischen Terroranschläge von 9/11, die erklärtermaßen nicht nur den USA, sondern der gesamten freien Welt und der aufgeklärten Moderne galten (vgl. Salzborn 2018). Sie waren aber auch, wie Osama bin Ladin und andere islamistische Terroristen stets betont haben, in zentraler Weise antisemitische Anschläge (vgl. ...
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Der Beitrag analysiert die Entwicklung des Antisemitismus seit den Terroranschlägen von 9/11 und ordnet die Entwicklung in ihre historischen Entstehungszusammenhänge ein.
... Ein wichtiger Wendepunkt in der Geschichte antisemitischer Ressentiments waren die islamistischen Terroranschläge von 9/11, die erklärtermaßen nicht nur den USA, sondern der gesamten freien Welt und der aufgeklärten Moderne galten (Salzborn, 2020). Sie waren aber auch, wie Osama bin Ladin und andere islamistische Terroristen stets betont haben, in zentraler Weise antisemitische Anschläge -denn Jüdinnen und Juden stehen eben in der islamistischen Lesart für alles, was gehasst wird. ...
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Antisemitismusbekämpfung ist ein junges Politikfeld mit Blick auf strukturiertes Staatshandeln. Der Beitrag stellt die Relevanz der Antisemitismusbekämpfung und ihre Entstehung als dezidierte staatliche Aufgabe dar, um am Beispiel des Berliner Modells der Antisemitismusbekämpfung exemplarisch zu zeigen, wie diese konkret im staatlichen Handeln umgesetzt wird. Berlin wird aus drei Gründen ausgewählt: Erstens ist das Land Berlin das erste und einzige Bundesland, das über ein ressortübergreifendes Konzept der Antisemitismusbekämpfung verfügt. Zweitens basiert das Berliner Modell auf einer integrativen Zusammenarbeit von staatlichen und zivilgesellschaftlichen Stellen. Drittens ermöglicht der Blick auf Berlin die Perspektive der Verzahnung unterschiedlicher vertikaler Differenzierung von Verwaltung, da das Land Berlin zugleich eine Großstadt ist, die mit ihren zwölf Bezirken über Verwaltungsdimensionen verfügt, die jeweils und für sich genommen denen anderer deutscher Großstädte entsprechen. In Ermangelung einer föderalen Vergleichsperspektive liegt der Schwerpunkt des Beitrags im deskriptiv-explorativen Bereich.
... While research on globalization has already shown that nationalism and globalization are mutually reinforcing phenomena (Mann 1997;Bayly 2004;Pryke 2009;Werron 2012Werron , 2021, research on anti-Semitism has only just started to recognize that enmity towards Jews is a multifaceted global phenomenon (e.g. Braun and Ziege 2004;Rabinovici et al. 2004;Salzborn 2020). With few exceptions, however, the empirical focus is on developments after 1945, while processes of globalization and their consequences before that are hardly considered. ...
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The »global« is permanently made and remade by how it is envisioned in political projects, in language, and in literature. Through a range of case studies, this book shows how practices of referring to the world actually constitute the global in its many facets. It aims to provide a sense in readers of how the global is not something »out there«, but that it is embedded in a wide range of the seemingly »everyday«. The contributions appeal to a readership from a background in Sociology, History, Political Science, Literary Studies, and Social Work.
... While research on globalization has already shown that nationalism and globalization are mutually reinforcing phenomena (Mann 1997;Bayly 2004;Pryke 2009;Werron 2012Werron , 2021, research on anti-Semitism has only just started to recognize that enmity towards Jews is a multifaceted global phenomenon (e.g. Braun and Ziege 2004;Rabinovici et al. 2004;Salzborn 2020). With few exceptions, however, the empirical focus is on developments after 1945, while processes of globalization and their consequences before that are hardly considered. ...
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The "global" is permanently made and remade by how it is envisioned in political projects, in language, and in literature. Through a range of case studies, this book shows how practices of referring to the world actually constitute the global in its many facets. It aims to provide a sense in readers of how the global is not something "out there", but that it is embedded in a wide range of the seemingly "everyday". The contributions appeal to a readership from a background in Sociology, History, Political Science, Literary Studies, and Social Work.
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Der Essay thematisiert die Entstehung und Präsenz des Denkens in »Verschwörungen« als in die moderne gesellschaftliche Entwicklung eingebunden und einem grundlegenden Funktionswandel unterworfen. Die aktuellen Manifestationen als ein Medium für Ressentiments und als eine Form der Praxis der projektiv personalisierenden Aneignung und Anpassung von Realität in Alltag und politischer Propaganda müssen als Bestandteil eines autoritären Syndroms verstanden werden.
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Im freudianisch geprägten Forschungsprogramm zum Autoritären Charakter der Frankfurter Schule zeigte sich als entscheidend für die Ausbildung antisemitischer Verschwörungsideologien der psychodynamische Mechanismus paranoider Projektionen. Zur Untersuchung der Verschwörungsmentalität heute ist jedoch eine modern-psychodynamische statt einer klassisch-freudianischen Konzeptualisierung zu bevorzugen. Im Modell Autoritärer Emotionsdynamiken werden Verschwörungsideologien auf Regressionen des Mentalisierens und epistemischen Vertrauens zurückgeführt. Solche regressiven Prozesse sozioemotionaler Fähigkeiten können gesellschaftlich infolge einer politischen/sozialen Entfremdung durch defizitäre Anerkennungserfahrungen entstehen. Abschließend wird ein Programm zur empirischen Überprüfung des neuen mentalisierungstheoretischen Ansatzes vorgestellt.
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