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Aus der Pandemie lernen: Zukunftsbeständigkeit durch Selbstbegrenzung

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© 2020, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen
ISBN Print: 9783847112297 – ISBN E-Book: 9783847012290
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Diagonal
Zeitschriftder Universität Siegen
Jahrgang 2020
Herausgegeben vomRektor der Universität Siegen
© 2020, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen
ISBN Print: 9783847112297 – ISBN E-Book: 9783847012290
Gero Hoch /Hildegard Schröteler-von Brandt /
Angela Schwarz /Volker Stein (Hg.)
Vision
Mit 51 Abbildungen
V&Runipress
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Inhalt
Gero Hoch /Hildegard Schröteler-von Brandt /Angela Schwarz /
Volker Stein
Vom Traum zur Brücke in die Zukunft:Editorial »Vision« ........ 7
Petra Lohmann
Das »Gesicht« als Konstituens des Bewusstseins.Fichte im Spiegel der
Kritik Schopenhauers ............................. 13
Jürgen Nielsen-Sikora
Geschichte als Vision. Zur Wiederentdeckung des Menschenim
geschichtsphilosophischen Werk von Walter Benjamin........... 31
Jörg M. Wills
Mathematik und Vision:Von Kepler über Gauß bis zur Wurstkatastrophe 49
HildegardSchröteler-von Brandt
Die sozialutopischen Stadtmodelle des 19. Jahrhunderts
zwischen Vision und Wirklichkeit ...................... 57
Angela Schwarz
Traumstädte von morgen:Visionen von der Stadt der Zukunft in den
USA zwischen 1880 und 1930 ......................... 77
Tanja Kilzer
Ein symbolträchtiger Ausstellungsbau für technische Visionen Das Ford
Building auf der California Pacific International Exposition 1935/36 und
das Wandgemälde »March of Transportation« des Künstlers Juan
Larrinaga in seinem Innenraum ....................... 99
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Eva von Engelberg-Doc
ˇkal
Visionen simultaner Geschichten:Historisierende Stadtinseln .......125
Arnd Wiedemann /Jan-PhilippDielmann
Die Route wird berechnet Mit welchen Visionen Google, Amazon,
Facebook und Apple unsere Gegenwart und Zukunft formen .......139
Anna Feldhaus/Nicolas Mues/Tobias M. Scholz/Carolin Uebach /
Lisa Völkel
Der Kampf der Visionen zwischen Unternehmen Implikationen für das
strategische Management ...........................161
Michael Knop /Henrik Freude /Marius Mueller /Regina Gassert /
Sebastian Weber /CarolineRessing /Charles Christian Adarkwah /
Bjoern Niehaves
Die Vision digitalisierter Gesundheit eine sensorische Revolution ....179
Markus Kötter
Status quo und Veränderungsbedarfe in der Englischlehrerbildung und
guter Englischunterricht ............................205
Markus Schaal
Raum für eine eigenständigeKindheit in der Stadt ?Zukunftsvisionen für
eine unabhängigeMobilität von Kindern ..................223
Yasemin Niephaus /Jan David Hesmer /Mira Hölzemann /
Constantin Senst
Soziale Arbeit:Visionen für eine solidarische Gesellschaft .........245
Gustav Bergmann
Eine Reise nach Gustonien.Eutopische Visionen einer mitweltgerechten
Transformation ................................263
Niko Paech
Aus der Pandemie lernen:Zukunftsbeständigkeit durch Selbstbegrenzung 291
Inhalt6
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Niko Paech*
Aus derPandemie lernen:Zukunftsbeständigkeit durch
Selbstbegrenzung
1. Die multipleKrise der Wirtschaftswissenschaften
Als Folge einer bedingungs- und besinnungslosen Ausrichtung an Wa chstum
und Technisierunghat die menschliche Zivilisation innerhalbnur weniger
Jahrzehnte ihre Überlebensfähigkeit eingebüßt. Ökonomische Zukunftsent-
würfe, die beanspruchen, dieses Scheitern konstruktiv zu wenden, müssten sich
nun zuvorderst an zwei Mindestanforderungen messen lassen: ökologische
Tragfähigkeit und ökonomische Resilienz. Voneinem Mangel an Transforma-
tions- oderKorrekturversuchen kann indes keine Rede sein. Doch unterwarfen
sich diese bislangeiner systemkonformen Logik, die zumeist als »ökologische
Modernisierung« oder »Green Growth« bezeichnet wird. Diese verkörpert eine
vorgeblichgeläuterte, nunmehnachhaltige« Steigerungsvariante, dient zeit-
genössischen Konsumgesellschaften jedoch lediglichals Alibidafür, jede über-
fällige Anspruchsmäßigung als unnötig abzulehnen.
Tüchtiger Fortschrittseifer, so lautet dasCredo, möge einen Wirbelwind der
technischen Erneuerungheraufziehen lassen, der alle Nachhaltigkeitsdefizite
rückstandslos beseitigt, ohne den Insassen zeitgenössischer Komfortzonen re-
duktiveHandlungsänderungen zumuten zu müssen. Interessanterweise sind es
aber gerade viele der fieberhaftentwickelten Effizienz-, Energiewende-, Kreis-
lauf- oder sonstigen »Green New Deal«-Innovationen, die den materiellen
Raubbau sogar intensivieren, indem sie bislang verschont gebliebene Naturgüter
und Landschaftsbestandteile einer »grünen«, nichtsdestotrotz industriellen
Verwertung zuführten. Dies zeigt die deutsche Energiewende der beispielsweise
für den Odenwald geplante Windkraftausbau entspricht seiner perfekten land-
schaftlichen Zerstörung genauso eindrucksvoll wie die Tesla-Ansiedlunginder
Grünheide, die Lithium-Förderung in Bolivien, die Neodym-Gewinnung in
*Prof. Dr. Niko Paech, Universität Siegen, Fakultät III (Wirtschaftswissenschaften Wirt-
schaftsinformatik Wirtschaftsrecht), ForschungsstellePlurale Ökonomik.
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China, die Elektroschrott-Lawine in Afrika oder die Wasserkraftprojekte in
Brasilien und der Türkei.
Zusätzlich dazu platzte mit der Lehman-Brothers- und der Corona-Krise eine
Barriere ganz anderer Art in die Wa chstumsparty. Sie hat den Nachhaltigkeits-
diskurs jenseits ökologischer Belange um einen vormals wenig beachteten Aspekt
erweitert: Resilienz als Fähigkeit der Gesellschaft, der Ökonomie, eines techni-
schen odersozialen Systems oder auch eines Individuums, (externe) Störungen
zu verarbeiten, ohne die Überlebens- und originäre Funktionsfähigkeit zu ver-
lieren. Der komplementäre Begriff, nämlich Vulnerabilität, korrespondiert mit
jenen »Bruchstellen«, die sich als systematische Nebenwirkung hoch techni-
sierter und globalisierter Versorgungsstrukturen identifizieren lassen und deren
Krisenrobustheit unterminieren.
Vordiesem Trümmerhaufen doppelt geplatzter Fortschrittsverheißungen
formieren sich innerhalb der Nachhaltigkeitsforschung wachstumsskeptische
Positionen, etwaunter Bezeichnungenwie »Steady State«(Daly 1977), »De-
growth« (DAlisa/Demaria/Kallis 2016), »Décroissance« (Latouche 2006), »De-
crescita« (Pallante 2005) oder »Postwachstumsökonomie« (Paech 2008; 2012).Sie
widmen sich ökonomischen Strukturen und Praktiken, die das Ziel der ökolo-
gischen Überlebensfähigkeit mit jenem der Resilienz koppeln. Die daraus her-
vorgegangene Postwachstumsökonomik bildet eine heterodoxe, wachstumskri-
tische und auf den Gesetzender Thermodynamik basierende Teildisziplin der
Wirtschaftswissenschaften, die sich zudem in der Pluralekonomik verorten
lässt. Als Lehr- und Forschungsprogramm richtet sie den Blick aufdrei grund-
legende Fragestellungen:
(1) Welche wissenschaftlich gehaltvollen Begründungszusammenhänge lassen
erkennen, dass ein weiteres Wa chstum der globalen We rtschöpfung keine
Option für das 21. Jahrhundert sein kann?
(2) Wassind die Ursachen dafür, dass moderne, globalvernetzte, industrielle
Volkswirtschaften bestimmten Entwicklungsdynamiken unterworfen sind,
die zuweilen als Wachstumszwang oder -treiber betrachtet werden?
(3) Wielassen sich die Kontureneiner Ökonomie jenseits weiteren Wa chstums
(Postwachstumsökonomie) darstellen?
Die Postwachstumsökonomik verneint den Fortschrittsoptimismus einer Ver-
mehrbarkeit materieller Handlungsspielräume im endlichen System Erde. Sie
verinnerlicht stattdessen eine stoffliche Nullsummenlogik:Jedes Mehr an ma-
teriellen Freiheiten wird zwangsläufig mit einem Verlust an nutzbaren Res-
sourcen und einer Zunahme ökologischer Schäden erkauft. Mit dieser Prämisse
wird eklatant und folgenreichzeitgenössischen Modernitätskonstruktionen wi-
dersprochen,die implizit unterstellen,dass ökonomische Überschüsse durch
gesteigerte Effizienz,Wissen und Kreativität quasi aus dem materiellen Nichts
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erschaffen und verteilt werden können. Die Postwachstumsökonomik verarbeitet
die Einsicht, dass ein sozial gerechter Zustand nur erreicht werden kann, wenn
akzeptiert wird, dass die verfügbare Ve rteilungsmasse begrenztist. Denn wasaus
industrieller Spezialisierung resultiert, ist grundsätzlich nicht ohne ökologische
Plünderung zu haben und bedarf daher einer Limitierung.
Im Folgendensoll lediglich eine der zahlreichenBegründungsebenen, die
einen ökonomischen Zukunftsentwurf jenseits moderner Steigerungsdynami-
ken nahelegen, näher betrachtetwerden, nämlichdie systematische Vulnerabi-
lität globalisierter Versorgungs- und Produktionsmuster. Sodann werden die
Konturen der Postwachstumsökonomie in den Blick genommen.
2. Die Welt im Krisenmodus
Als im Herbst 2008 der Lehman-Brothers-Crash wie ein Meteorit einschlug,
wurde voneinem Jahrhundert-Ereignis gesprochen, das sich in vergleichbarer
Form letztmalig am Black Friday 1929 ereignet hätte.Nun zieht nicht einmal
12 Jahre später eine Krise herauf, deren ökonomische Folgen noch weitaus
grundstürzender sind. Dabeimarkiert die Corona-Pandemie, ähnlich wie die
vorangegangenen Erdöl-, Finanz- und New-Economy-Krisen,nur eine be-
stimmte Variante jener Szenarien, die längst als Folge kritischer Abhängigkeiten
vonentgrenzten We rtschöpfungs- und Marktarchitekturen diskutiert werden.
Dies lenkt den Blick aufeklatante Vu lnerabilitäten, gerade angesichts einer Ge-
mengelage, in der Krisenbewältigungsstrategien und Notständezum kräftezeh-
renden Dauerzustand geworden sind. Wassind die tieferen Ursachen für die mit
dem Wohlstand gewachsene Verletzlichkeit globalisierter und technisierterDa-
seinsformen?
a) Ressourcenverknappung: Die schon im erstenBericht an den Club of Rome
thematisierte Überbeanspruchung irdischer Quellenfunktionen erhielt mit
der »Peak-Oil«- beziehungsweise »Peak-Everything«-Debatte einen neuen
Akzent (vgl. Meadows et al. 1972; Heinberg 2007). Die abnehmende Ver-
fügbarkeitphysischer und ökologischer Ressourcen, vondenen das in Eu-
ropa vorherrschende und im globalen Süden auf dem Vormarsch befindliche
Industriemodell zusehendsabhängigwurde, betreffen nicht nur Energie-
träger, sondern auch Boden, Wasser, Phosphor, Sand, Biodiversität, ökolo-
gische Systemleistungen, seltene Erden, strategische Metalle etc.
b) Globalisierung und Komplexitätssteigerung: Digitale Innovationenhaben zu
einer Senkung jener Transaktionskosten geführt, die eine globusumspan-
nende Wertschöpfungsstruktur zuvor begrenzten. Effektiveund ubiquitäre
Kommunikationstechnologien wirken sich erstens auf den Grad der Spe-
zialisierung und zweitens auf den geographischen Aktionsradius ökonomi-
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scher Prozesse aus. Dies betrifft sowohl die Reichweite der Distribution und
Vermarktung als auch die Erschließungbeliebig entfernter Ressourcen-
quellen (Flächen, Mineralien, Arbeitskräfteund Kernkompetenzen/Wissen).
Die Auflösung vormals (zumindest graduell) standortbezogener Produkti-
onsstätten zugunsten eines globalen Supply ChainManagements, basierend
auf »Global Sourcing« beziehungsweise »Low-Cost Country Sourcing«, hat zu
einer immensen Steigerung der betriebswirtschaftlichen Effizienz geführt.
Die Weitergabedieser Kosteneinsparungen über verringerte Marktpreise gilt
als wesentlicher Faktor für permanente Wo hlstandszuwächse. Zugleich ergibt
sich daraus ein entscheidender Zielkonflikt, denn das grenzenlos verzweigte,
in eine unüberschaubareAnzahl ausdifferenzierter und spezialisierter Zu-
lieferstrukturen zerlegteVersorgungsnetz erweist sich als unkontrollierbar
und störanfällig.
c) Abbau vonLagerkapazitäten: Indem zunehmend japanische Management-
konzepte (insbesondereLean Production, Kanban, Just-in-time- und Just-in-
sequence-Produktion, Modular Sourcing etc.) übernommen wurden, konn-
ten weitere Kosteneinsparpotenziale realisiertwerden.Sie beruhen darauf,
die Lagerung vonVor- und Endprodukten vorOrt bis auf minimale, nur
äußerst kurze Zeiträume überbrückendeBeständezureduzieren. An die
Stelle vonLagerkapazitäten tritt eine in hoher Taktfrequenz (wöchentlich,
täglich oder stündlich) erfolgende Zulieferung auf Abruf, nämlich exaktim
Umfang der pro Zeiteinheit verbrauchten beziehungsweise umgesetzten
Güter. Dieses Konzept ist voneiner komplexenLogistik und fossilen
Transportsystemen abhängig, deren auch nur kurzfristige Unterbrechung
unmittelbarzuVersorgungsengpässen führen muss.
d) Technisierung: Arbeitssparender technischer Fortschritt konstituierteinen
weiteren Faktor für die beträchtlichen Wo hlstandszuwächse, bedingtaber
eine doppelte Abhängigkeit vonknappen Ressourcen. Erstensinduziert die
Substitution vonArbeitskräften durch Mechanisierung, Automatisierung
und Digitalisierung steigende Verbräuche vonEnergie und anderen Sub-
stanzen (direkte Ressourcenabhängigkeit). Zweitens, wenn derselbe Be-
schäftigungsstand erhalten bleibensoll, ist dies angesichts eines verringerten
Arbeitskräftebedarfs pro We rtschöpfungseinheit nur durch Wirtschafts-
wachstum möglich, dasaber an Grenzen stößt (indirekte Ressourcenab-
hängigkeit).
e) Zunehmende Skalenerträge: Eine Ausschöpfung sinkender Durchschnitts-
kosten (»Gesetz der Massenproduktion«),die ebenfalls ein Ergebnis der
Technisierung sind, führt zu hoher Marktkonzentration und damit einer
Verteilung der Versorgungsleistungen auf wenige große Anbieter. Entspre-
chend weitreichendsind die ökonomischen und sozialen Folgen, zumal in
Form möglicher Engpässe, die bereits eintreten können, wenn lediglich ein
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marktbeherrschender Produzent, Lieferant oder Einzelhändler ausfällt. Au-
ßerdem fehlt einer Angebotskonfigurationder großen Einheiten etwain
Form vonMonopolen oder Oligopolen die nötige Vielfalt an eigenständigen
Organisationseinheiten, die durchunterschiedliche Reaktionsmuster ein
breites und wirksameresSpektrum an Krisenvermeidungs- oder Krisenbe-
wältigungsstrategien entfalten.
f) Struktureller Verlust an Subsistenzfähigkeiten:Der aufindustrieller und
entgrenzterSpezialisierung basierende Konsumwohlstand impliziert ent-
sprechendeKonsumabhängigkeit. Soziale Praktiken einer (zumindest gra-
duellen, ergänzenden oder komplementären) Selbst-oder Regionalversor-
gung werden systematisch verdrängt. Dereberwindung ist gerade das Ziel
»effizienter« Spezialisierung,verbunden mit hohem Te chnikeinsatz.
g) Bildung, Akademisierung und Lebensstile: Nicht nur die Bildungspolitik,
sondern sämtliche als modern geltenden Erziehungsmaximen sind daran
orientiert, Kompetenzen zu generieren,die mit einer zunehmend automa-
tisierten und wissensintensivenWertschöpfung harmonieren. Um hand-
werkliche,landwirtschaftliche und andere als »schmutzig« oder anstrengend
herabgewürdigte Arbeit möglichst zu eliminieren, wurde diese zunehmend
technisiert, global verlagert oder an Arbeitsmigranten delegiert.ImGegenzug
stieg der BedarfanspezifischenBetätigungsfeldern für jene, die voAka-
demisierungswahn« (Nida-Rümelin 2014) profitieren oder sich ihm an-
heimstellen. Deren räumlicher Aktionsradius musste sich infolgedessen
immens ausweiten, damit die Suche nach hinreichend anspruchsvollen
Entfaltungs- und Erwerbsmöglichkeiten nicht auf das eigeneLand be-
schränkt bleiben muss. Aber die resultierende kosmopolitische, vermeintlich
postmaterielleDaseinsform basiert letztlich auf nichts anderem als reich-
haltig verfügbarem und billigem Rohöl.Die angeblicsaubere«und (grenz-)
offene Wissensgesellschaftbildet ein historisch einmaliges Fanal energieab-
hängiger Lebensführungen. Letztere hängennicht nur deshalb am seidenen
Faden, weil die nächste Erdölverknappungnur eine Frage der Zeit ist, son-
dern bereits die Ausbreitung eines Virus auf der anderen Seite des Erdballs
das jüngst entstandene Kartenhauseinstürzen lässt.
Diese verwobenen und einander verstärkendenTendenzen decken einen lange
vernachlässigten Zielkonflikt auf, nämlich zwischen betriebswirtschaftlicher
Effizienz,einmündend in volkswirtschaftliches Wachstum auf der einen, und
Resilienz auf der anderen Seite. Politische Auswege zeichnen sich aktuell kei-
neswegs ab ganz im Gegenteil: Sämtliche Reaktionen auf das Krisenpotpourri
weisen eine fatale Gemeinsamkeit auf. Sie sind dem Vorbehaltunterworfen, den
ursächlichen Wohlstands-und Technikkomplex nicht anzutasten,ganz gleich ob
dies aus Gründen einer unverbesserlichen Fortschrittsgläubigkeit geschieht oder
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weil für ursachenadäquate Maßnahmen keine demokratischen Mehrheiten
existieren. Um trotz alledempolitische Handlungsfähigkeit zu simulieren, wird
umso eifriger daran gearbeitet, die Symptomevorübergehend zu übertünchen.
Aber waskurzfristige Linderung verspricht, wirkt sich langfristig nicht anders
aus, als Feuer mit Benzin zu löschen. Mit anderen Wo rten: Um die Folgen
mangelnder Krisenstabilität zu bearbeiten, werden Mittel eingesetzt, die das
Gesamtsystem zukünftig nur noch krisenverletzlicher werden lassen. Dieser
Widersinn spiegelt sich in zwei besonders auffälligen Tendenzenwider. Erstens
wird versucht, noch tiefer in das Labyrinth technischer Innovationen vorzu-
dringen, um die Kalamitäten eines entgleisten Fortschritts mit neuem Fortschritt
zu reparieren, der jedoch zusätzliche Risiken und Kontrollverluste heraufbe-
schwört. Das beste Beispiel bildet die während der Lock-down-Phase aus der Not
heraus intensivierte Nutzung digitaler Medien, wasnun in einen Beweis dafür
umgedeutet wird, wie wegweisend und zukünftig unverzichtbar diese Techno-
logie sei.
Dabei entpupptsich die Corona-Pandemie als Krise der Digitalisierung.Denn
damit aus einer Epidemieeine Pandemie werden konnte, zudem mit solcher
Wucht und Geschwindigkeit, bedurfte es eines Netzes weltweiter und hochfre-
quenter Austauschbeziehungen, sowohl den Güter-als auch Personenverkehr
betreffend.Wenn alles mit allem verbunden ist, lassen sich auch noch so weit
entfernte Störungen nicht mehr einhegen, sondern breiten sich rapide ausund
durchdringen den globalen Raum. Genau dieses Phänomen, das die moderne
Zivilisation fortwährend fragiler werden lässt, wäre ohne digitale Kommunika-
tionsmedienschlichtundenkbar. Hinzu tritt eine Komplexitätsanreicherung,
ganz zu schweigen vondem Autonomieverlust, beruhend auf Technologieab-
hängigkeit infolge einer digitalen Reorganisation aller Prozesse und Ve rsor-
gungsbereiche.
DaszweiteprozyklischeReaktionsmuster bestehtdarin,Krisensymptome mit
einerstetigexpansiveren Ausgabenpolitikzuzukleistern. Politische Gestaltungs-
prinzipien sind aufdas dumpfe Niveau desGeschenkeausteilens herabgesunken,
umkeine Ve rteilungskonflikte oder Emrung über notwendigeLebensstilkor-
rekturen zu riskieren: Subventions- undRettungsprogramme sprießen, soweit das
Auge reicht.Folglichtürmensichdie ökologischenund ökonomischen Schulden
weiter auf, waseinerdoppelten Insolvenzverschleppung gleichkommt. DieErfül-
lung einereuropäischenWohlstandsgarantie,auf dienahezuallepolitischenKfte
eingeschworensind, hätten sich Pippi Langstrumpfund ihrkongenialer Finanz-
minister,Baron vonMünchhausen,nicht trefflicher ausdenken nnen:Einfach
solange Geld drucken,bis dasPapierausgeht.
Die jede Vorstellungskraftsprengende Verschuldung wird erstens durch
Aufnahme ständig neuer Kredite in eine unbestimmte Zukunft verschoben,
zweitens auf europäischer Ebene zusehends sozialisiert und drittens mit der
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vorgeblichen Hoffnung legitimiert, aus der Krise herauswachsen zu können.
Letztereswürde hinreichende Zuwächse des Bruttoinlandsprodukts vorausset-
zen. Selbst wenn diese Utopie für einen weiteren historischen Augenaufschlag
realisierbar erschiene, käme sie einem letzten Amoklauf gleich, der sich gegen
erdrückende physischeWachstumsgrenzen richtet und in einer Katastrophe
enden müsste.Mit anderen Wo rten: Ökonomische Schuldenwürden damit nur
in umso höherkologische Schulden umgewandelt. Denn alle Versuche, den
vomBruttoinlandsprodukt abgebildeten Wohlstand vonUmweltschäden zu
entkoppeln, warenund sind zum Scheiternverurteilt (vgl. Kümmel/Lindenber-
ger/Paech 2018). Ökologische Lebensgrundlagen lassen sich weder im Keller der
EZB nachdrucken, noch lassen sie mit sich verhandeln.
3. Bausteine einer Postwachstumsökonomie
Ein resilientes, also ökonomisch und sozial krisenstabiles Versorgungssystem,
das ein global gerechtes Dasein innerhalb ökologischer Grenzen erlaubt, wäre an
folgender Prämisse auszurichten: Insoweit ein plünderungsfreies Wirtschafts-
wachstum der Quadratur des Kreises gleichkäme, entsprächeder letzte Ausweg,
nämlich Selbstbegrenzung, wenigereinem ethischen Imperativ als mathemati-
scher Logik. In den Konsumgesellschaften müsstedie industrielle We rtschöp-
fung und fossile Mobilität sogar reduziert werden, damit die Ressourcenver-
bräuche pro Kopf aufein ökologiscbertragbares Niveau sinken.
Die Dimensionen der hierzu mindestens erforderlichen Reduktionsleistung
werden am weithin akzeptierten Zwei-Grad-Klimaziel deutlich: Bei globaler
Gleichverteilung der damit kompatiblen GesamtmengeanCO
2
-Emissionen auf
circa 7,6 MilliardenMenschenergäbe sich ein individuellesBudget voncirca
einer Tonne pro Jahr. Tatsächlich liegt dieser Wert in Deutschland laut Um-
weltbundesamt bei rund zwölf To nnen (vgl. umweltbundesamt.de). Im Folgen-
den soll auf drei Gestaltungsebeneneingegangen werden, die relevant für den
reduktiven Wandel sind.
3.1 Konsum:Suffizienz befördert Lebensqualität
Beschleunigung, Konsumstress und zunehmende Reizüberflutung kennzeich-
nen den Alltag moderner Gesellschaften. Während der Nullerjahre, also inner-
halb nur eines einzigen Jahrzehnts, hat sich die Anzahl der Antidepressiva-
Verschreibungen in Deutschland verdoppelt (vgl. Te chnikerkrankenkasse 2010).
Kein Wunder:Das Leben ist vollgestopftmit Te rminen, Produkten, Dienstleis-
tungen und Mobilität. Ein Übriges bewirkt die nicht endende Flut digitaler Si-
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gnale, die pausenlos abgerufen werden müssen, um nicht den Anschluss zu
verlieren. Dies alles kann niemandmehr verarbeiten. Wa rum?
Neben aller sonstigen Bedürftigkeit erweist sich der homo sapiens als zeit-
abhängigesWesen. Ereignisse und Konsumobjekte können bei ihm nur dann
einen positiven Effekt ganz gleich,obals Nutzen, Glück oder Wo hlbefinden
bezeichnet hervorrufen, wenn er den Dingen entsprechende Aufmerksamkeit
widmet. Das setzt voraus, das entsprechende Objekt oder die Aktivität kraftder
hierzu notwendigen Sinnesorgane zu erfassen. Dies ist ein zeitintensiver Prozess,
denn die Geschwindigkeit, mit der Reize sinnlichund psychisch verarbeitet
werden können, lässt sich nicht steigern. Erschwerend kommt hinzu, dass
Menschen nicht fähig sind, sich mehr als zwei Dingen gleichzeitigzuwidmen,
zumindest wenn diese bewusst wahrgenommen werden sollen (vgl. Charron/
Koechlin2010). Folglich können Konsumhandlungen und Erlebnisse erstens
nicht gleichzeitig, sondern nur nacheinander, und zweitens nichtbeliebig schnell
ausgeführt beziehungsweise aufgenommen werden.Andernfalls sind sie nutzlos.
Wereine Flasche guten We ins in drei Minuten herunterstürzt, überfordert seine
Geschmacksnerven und betrügt sich um den Genuss. Wereinen Film in vierfa-
cher Geschwindigkeit abspielt, kann dessen Inhalt nichtmehr folgen. Ebenso
aussichtslos ist es, gleichzeitig zwei verschiedene Musikstücke hören zu wollen.
Nur wersich auf eine einzige Aktivität oderReizverarbeitung konzentriert, erzielt
damit eine wie auch immer geartete nützliche Wirkung.
Dies führt in ein Dilemma: Mit dem Wo hlstand an Konsumgütern, Reisen und
digitaler Technik steigt die dafür notwendigerweise aufzubringende Zeit, die
weder durch Beschleunigung noch durchMultitasking reduziert werden kann.
Andererseits ist Zeit nicht erneuerbar, sondern die knappste Ressource, mit der
Menschen konfrontiert sind. Sie ist nach jeder Verausgabung unwiederbringlich
verloren.Schließlich lässt sich die Tages- oder Lebenszeit einer Person nicht
merklichverlängern.
Jahrtausende sahen sich menschliche Zivilisationen vorder Herausforderung,
Güterknappheit zu lindern, um die Handlungsfreiheit und Lebensqualität
möglichst vieler Individuen zu steigern. Nun steht ein historischer Wendepunkt
bevor: Allmählich wird offenbar, dass die Wirkung materiellen Wo hlstands ins
Gegenteil umschlagen kann, wenn eine Sättigungsgrenze überschritten wird.
Infolge der rasant gestiegenen Kaufkraf texplodiert das Spektrum an Dingen und
Erlebnissen, die sich immer mehr Personen leisten können. Da aber der Ta gnach
wie vornur 24 Stunden hat, konkurrieren alle konsumförmigen Aktivitäten um
die nicht vermehrbare Aufmerksamkeit. Folglich wird jederSache und Handlung
eine zusehends geringere durchschnittliche Zeitdosis zuteil, wasbedeutet, dass
sie nicht genussvoll ausschöpftwerden kann. Gleichzeitig sitzt die Angst im
Nacken, etwas zu versäumen, falls einer Handlung zu viel knappe Zeit gewidmet
wird.
Niko Paech298
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So kann Mobilitäts- und Konsumwohlstandzur Strapaze werden, erst recht,
wenn überall die Konfrontation mit neuen Optionen lauert,die abermals zeit-
aufwändig zur Kenntnis genommen werden müssen und überdie entschieden
werden muss. Die Freiheit, sich zwischen möglichst vielen Optionen entscheiden
zu können,gilt als Inbegriff modernen Fortschritts wasaber, wenn daraus
stressiger Entscheidungszwang wird?Jede Lücke im Zeitablaufeines Tages, die
ehemals voberforderung schützte und Regeneration versprach, ist inzwischen
mehrfach ausgefüllt, insbesondere durch digitale Kommunikation oder Konsum
im weitesten Sinne. Das menschliche Dasein ähnelt einem Gefäß, das unter einem
Dauerregen der Entfaltungsangebote langsam überläuft.
Hilfe verspricht allein die Rückkehr zum »menschlichen Maß«. So drückte
sich seinerzeit Schumacher (1973)inseinem Kultklassiker »Small is beautiful«
aus. Wassich dem Hamsterrad der käuflichen Selbstoptimierung entgegenstellen
lässt, entspricht eleganter Genügsamkeit. Letztere konfrontiert die verzweifelte
Suche nach weiteren Steigerungen vonGüterbesitz, Erlebnissen und technolo-
gischer Bequemlichkeit mit einer simplen Gegenfrage: Vo nwelchen Energie-
sklaven, Konsum- und Komfortkrücken ließen sich überbordende Lebensstile
und schließlich die gesamteGesellschaftbefreien?
Werinmaterieller Opulenz zu versinken droht, verzichtet nicht, wenn er oder
sie sich auf das Wichtige beschränkt, sondern löst die Konsumverstopfung, unter
der immer mehr Verbraucher leiden. Dies entspräche nicht nur klugem Selbst-
schutz voberforderung, sondern optimiert den Nutzen der verbleibenden
Objekte, die dann umso stressfreier, also ergiebiger genossen werden können. In
der bewussten Ignoranz des Überflüssigen liegt ein Schlüssel zur Lebenskunstfür
das 21. Jahrhundert. Die knappen Zeitressourcen auf wenige Aktivitäten zu
konzentrieren, diese dafür umso intensiver auszuschöpfen, verteufelt nicht den
Konsum, sondern lässt ihn zu einer virtuosen und nebenbei ökologischverant-
wortbaren Praxis gedeihen. Überdies verhilftsolchermaßen suffizientes Handeln
dazu, unabhängiger vonindustriellerFremdversorgung zu werden, somit aktu-
elle und absehbare Krisen würdig meistern zu können. Selbstbegrenzung und
Lebensqualität bilden keinen Widerspruch ganz im Gegenteil. Menschen, die
ständig auf der Flucht sind, weil sie mit den vorhandenen Möglichkeiten keinen
Frieden schließen können,fliehen nur vorsich selbst. Eine systematische An-
näherung an einen lebenspraktischen Suffizienzbegriff wurde jüngst vorgelegt
(vgl. Folkers/Paech 2020).
Aus der Pandemie lernen:Zukunftsbeständigkeit durch Selbstbegrenzung 299
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3.2 Produktion: Subsistenz und Bestandserhalt
Daran anknüpfendentspräche die Transformation zur Postwachstumsökono-
mie einem Strukturwandel, der neben einer Ausschöpfung aller Reduktionspo-
tenziale (Suffizienz)die verbliebene Produktion graduell und punktuell dein-
dustrialisieren würde. Zunächst können drei idealtypische Ve rsorgungssysteme
unterschieden werden: Globale industrielle Arbeitsteilung, Regionalökonomie
und Subsistenz. Diese drei Systeme sind durch unterschiedliche Kapitalintensi-
täten gekennzeichnet. Überdies ergänzen sie sich und können synergetisch zu
einer veränderten We rtschöpfungsstruktur verknüpftwerden insbesondere der
erste und dritte Bereich. Endnutzer, denen innerhalb konventioneller We rt-
schöpfungsprozesse nur die Rolle eines (passiven) Verbrauchers zukommt,
können als »Prosumenten« (Toffler 1980) zur Substitution industrieller Pro-
duktion beitragen. Als Prosumenten werden Individuen bezeichnet, die zusätz-
lich zu einer Erwerbsarbeit eigene produktiveBeiträge zur Befriedigung ihrer
Bedarfe leisten. Dabei gilt es, eine neu zu justierende Balance zwischen Selbst-
und Industrieversorgung zu entwickeln, die unterschiedlichste Formen anneh-
men kann.
Zwischen den Extremen reiner Subsistenz und globaler Verflechtung existiert
ein stetiges Kontinuum diverser Fremdversorgungsgrade. Eine Reduktion der
Industrieausbringung bedeutet, vonaußen bezogene Leistungen durcheigene
Produktion punktuell oder graduell zu ersetzen. Selbstversorgungspraktiken
entfalten ihre Wirkung im unmittelbaren sozialen Umfeld, also auf kommunaler
oder regionaler Ebene. Sie basieren auf einer (Re-)Aktivierung der Kompetenz,
manuell und krafteigener Tätigkeiten Bedürfnisse jenseits kommerzieller
Märkte zu befriedigen, vorallem mittels handwerklicher Fähigkeiten, die zwar
weniger energie-, aber dafür zeitintensiv sind. Die hierzu benötigeZeitergäbe
sich aus einem Rückbau des industriellen Systems, verbundenmit einer Um-
verteilung der dann noch benötigten Erwerbsarbeit. Durch eine verringerte
durchschnittliche Wochenarbeitszeit könnten Selbst- und Fremdversorgung
dergestalt kombiniert werden, dass sich die Güterversorgung auf ein zwar ge-
ringeres monetäres Einkommenstützen würde, jedoch ergänztummarktfreie
Produktion (Subsistenz). Neben ehrenamtlichen, gemeinwesenorientierten,
pädagogischen und künstlerischen Betätigungen umfasstmoderne Subsistenz
drei Outputkategorien, durch die sich industrielle Produktion graduell substi-
tuieren lässt:
(1) Nutzungsintensivierung durch Gemeinschaftsnutzung: We rsich einen Ge-
brauchsgegenstand vomNachbarn leiht, ihm als Gegenleistung ein Brot
backt oder das neueste Linux-Update installiert, trägt dazu bei, materielle
Produktion durch soziale Beziehungen zu ersetzen. Objekte wie Autos,
Waschmaschinen, Gemeinschaftsräume,Gärten, Werkzeuge, Digitalkame-
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ras etc. sind auf unterschiedliche We ise einer Nutzungsintensivierung zu-
gänglich.Sie können gemeinsam angeschafftwerden odersich im privaten
Eigentum einer Person befinden, die das Objekt im Gegenzug für andere
Subsistenzleistungen zur Verfügung stellt. Als adäquate Institution eignen
sich in manchen Fällen sogenannte Commons (Gemeingüter), die von
Ostrom (1999) ausführlich erforscht wurden. Dies betrifft Ressourcen, Güter
oder Infrastrukturen, die ähnlich wie eine Allmende voneiner definierten
Personengruppe, basierend auf bestimmten Regeln, gemeinschaftlich ge-
nutzt werden.
(2) Nutzungsdauerverlängerung: Ein besonderer Stellenwert käme der Pflege,
Instandhaltungund Reparatur vonGebrauchsgütern jeglicher Art zu. We r
durch handwerkliche Fähigkeiten oder manuelles Improvisationsgeschick
die Nutzungsdauer vonKonsumobjekten erhöht zuweilen reicht schon die
achtsame Behandlung, um den frühen Verschleiß zu vermeiden ersetzt
Produktion durcheigeneproduktive Leistungen, ohne notwendigerweise auf
bisherige Konsumfunktionen zu verzichten. We nn es in hinreichend vielen
Gebrauchsgüterkategorien gelänge, die Nutzungsdauer der Objekte durch
Erhaltungsmaßnahmenund Reparatur durchschnittlich zu verdoppeln,
könnte die Produktion neuer Objekte entsprechend halbiert werden.
(3) Eigenproduktion: Im Nahrungsmittelbereich erweisen sich Hausgärten,
Dachgärten, Gemeinschaftsgärten und andere Formen der urbanen Land-
wirtschaft als dynamischer Trend, der zur De-Industrialisierung dieses Be-
reichs beitragen kann. Darüber hinaus sind künstlerischeund handwerkli-
che Leistungen möglich, die vonder kreativen Wiederverwertung ausran-
gierter Gegenstände über Holz-oder Metallobjekte in Einzelfertigung bis zur
semiprofessionellen »Marke Eigenbau«reichen.
Diese Subsistenzformen insbesondere Nutzungsdauerverlängerung und Ge-
meinschaftsnutzung können bewirken, dass eine Halbierung der Industrie-
produktion und folglich der monetärentlohnten Erwerbsarbeit nicht per se den
materiellen Wohlstand halbiert:Wenn Konsumobjekte länger und gemein-
schaftlich genutzt werden, reicht ein Bruchteil der momentanen industriellen
Produktion, um dasselbe QuantumanKonsumfunktionen, die diesen Gütern
innewohnen, zu extrahieren.Subsistenz besteht also darin, einen markant re-
duzierten Industrieoutput durch Hinzufügung eigener Inputs aufzuwerten oder
zu »veredeln«. Diese Subsistenzinputs lassen sich den folgenden drei Kategorien
zuordnen:
Handwerkliche Kompetenzen und Improvisationsgeschick, um Potenzialeder
Eigenproduktion und Nutzungsdauerverlängerung auszuschöpfen
Eigene Zeit, die aufgewandtwerden muss, um handwerkliche, substanzielle,
manuelle oder künstlerische Tätigkeiten verrichten zu können
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Soziale Beziehungen, ohne die subsistente Gemeinschaftsnutzungen un-
denkbar sind
Urbane Subsistenz ist das Resultat einer Kombination mehrerer Input-und
Outputkategorien. Angenommen, Prosument Alässt sich ein defektes Notebook
vonProsument B, der über entsprechendesGeschick verfügt, reparieren und
überlässt ihm dafür Bio-Möhren ausdem Gemeinschaftsgarten, an dem er be-
teiligt ist. Dann gründet diese Transaktion erstens aufsozialen Beziehungen, die
Person Asowohl mit Bals auch mit der Gartengemeinschaf teingeht, zweitensauf
handwerklichen Kompetenzen (A: Gemüseanbau; B: defekte Festplatte erneuern
und neues Betriebssystem installieren) und drittens auf eigener Zeit, ohne die
beide manuelle Tätigkeiten nichterbracht werden können. Die Outputserstre-
cken sich auf Eigenproduktion (Gemüse),Nutzungsdauerverlängerung (Repa-
ratur des Notebooks) und Gemeinschaftsnutzung (Gartengemeinschaft).
Selbstredend sind auch Subsistenzhandlungen naheliegend,die keiner Aus-
schöpfung der vollständigen PalettedenkbarerSubsistenzinputs und -outputs
bedürfen. Werseinen eigenen Garten bewirtschaftet, die Nutzungsdauer seiner
Textilien durcheigene Reparaturleistungen steigert oder seine Kinder selbst
betreut,statt eine Ganztagsbetreuung zu konsumieren, nutzt keine sozialen
Beziehungen, wohl aber Zeit und handwerkliches Können. Die Outputs erstre-
cken sich in diesem Beispiel aufNutzungsdauerverlängerung und Eigenpro-
duktion. Insoweit Subsistenzkombinationen im obigenSinne Industrieoutput
ersetzen, senken sie zugleichden Bedarf an monetärem Einkommen. Eine not-
wendige Bedingung für das Erreichen geringerer Fremdversorgungsniveaus be-
steht somit in einer Synchronisation vonIndustrierückbau und kompensieren-
dem Subsistenzaufbau. So ließe sich eine Reduktion des monetären Einkom-
mens und der industriellen Produktion sozial auffangen, wenngleich nicht auf
dem vorherigen materiellen Durchschnittsniveau. Deshalb ist dieser Übergang
nicht ohne Suffizienzleistungendenkbar.
3.3 Skizzen eines postwachstumstauglichen Unternehmertums
Aus den vorangegangenen Ausführungen lässt sich schlussfolgern,wie Unter-
nehmen zu einer Postwachstumsökonomie beitragen können:
Verkürzung vonWertschöpfungsketten und Stärkung kreativer Subsistenz
Maßnahmen,die eine Reduktion und Umverteilung vonArbeitszeit erleich-
tern, speisen Zeitressourcen, die für Subsistenzaktivitäten vonnöten sind
Lokale und regionale Beschaffung,umSupply Chains zu entflechten
Unterstützung vonund Teilnahme an Regionalwährungssystemen
Direkt- und Regionalvermarktung
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Entwicklung modularer, reparabler,anWiederverwertbarkeit sowie physi-
scher und ästhetischer Langlebigkeit orientierter Produktdesigns, um urbane
Subsistenzleistungen zu erleichtern, Abkehr vogeplanter Obsoleszenz«
Prosumentenmanagement:Unternehmenkönnten über die Herstellung von
Produktenund Dienstleistungen hinausKurse oderSchulungen anbieten, um
Nutzer zu befähigen, Produkte selbsttätig instand zu halten, zu warten und zu
reparieren
Unternehmen, die ihre Geschäftsfelder und We rtschöpfungsprozesse daran
ausrichten, Konsumbedarfe zu reduzierenund möglichst ohne stoffliche Pro-
duktion zu befriedigen, wären unter anderem erkennbar als
Instandhalter, die durch Maßnahmen des Erhalts, der Wa rtung, der vorbeu-
genden Verschleißminderung und Beratung die Lebensdauerund Funkti-
onsfähigkeit eines möglichst nicht expandierenden Hardwarebestandes si-
chern,
Reparaturdienstleister, die defekte Güter davor bewahren, vorzeitigausran-
giert zu werden,
Renovierer, die aus vorhandenen Gütern weiteren Nutzen extrahieren,indem
sie diese funktional und ästhetischangegenwärtige Bedürfnisse anpassen,
Umgestalter, die vorhandene Infrastrukturen und Hardware rekombinieren,
konvertieren oderdergestaltumwidmen, dass ihnen neue Nutzungsmög-
lichkeiten entspringen,
Provider vonDienstleistungen, die in geeigneten Situationen bislang eigen-
tumsgebundeneKonsumformen durchServicessubstituieren,
Intermediäre, die durch eine Senkung der Transaktionskosten des Ge-
brauchtgüterhandels dafür sorgen, dass Konsum- und Investitionsgüter
möglichst lange im Kreislauf einer effizienten Verwendungbelassen werden,
und schließlich
Designer, die daszukünftig geringere Quantumanneu produzierten mate-
riellen Objekten auf Dauerhaf tigkeit und Multifunktionalität ausrichten sowie
Kompetenzvermittler, die durch Schulungen, praktische Kurse und die Be-
reitstellung vonWerkstätten dazu beitragen, dass ausKonsumenten Prosu-
menten werden.
Darananknüpfendließe sich dieDogmenhistoriedes Unternehmertumsaus
einemanderen Blickwinkelrekonstruierenund postwachstumskompatibelfort-
schreiben: AlsMenschenbegannen, urbanisiert zu leben, wurde es notwendig, eine
nichtmehralleindurch Subsistenzzugewährleistende Versorgungsicherzustellen,
mlichdurch Organisationsformen, welche dieVorteileder Arbeitsteilung nut-
zen. Dies läutetedie erstePhase desUnternehmertumsein.Die Generierung
materielleberscsse, begleitetvon undbasierend aufspezialisierter Arbeit,
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Ressourcenndelung,Markttausch,Geld, Konsumkulturen,technischensowie
institutionellen Innovationen,kulminierte in einer Sequenzindustrieller Revolu-
tionen.
Eine zweite Entwicklungsstufe des Unternehmertums ließe sich mit einem
Akzent auf Dienstleistungen, Erlebnissen und Symbolen assoziieren, wasindes
nicht dazu geführt hat, die materielle Sphäre zurückzudrängen, sondern im
Gegenteil sogarzubeflügeln. Als nächste, längst noch nichtrealisierte Phase wäre
eine Ökonomieder Bestandspflege und -aufwertung denkbar. Unternehmen
würden demnach kaum noch Neues produzieren, sondern den Fundus an längst
vorhandenen Güterbeständen erhalten, reparieren und veredeln, um ihm auf
kreativeWeise neue Nutzungspotenziale abzuringen.
Schließlichkönntesichals vierte EntwicklungsstufeeineRückkehrzur Sub-
sistenzanbahnen, wenngleich mit modernem Antlitz. NachdemUnternehmen
stetsdie Ausbreitungvon Konsumkulturen vorangetrieben haben, nnten sie
dazu übergehen, nichtnur die physischeGüterherstellungdurch Reparaturund
Instandhaltung zu substituieren, sonderndarüber hinaus Selbstversorgungsakti-
vitätenzuunterstützen. Unternehmen,die Konsumentenertüchtigen,Prosu-
menten zu werden,verhelfen diesen nicht nurdazu, einen ökologisch übertrag-
barenVersorgungsstilzupraktizieren, sondernmehkonomische Autonomiezu
erlangen.Angenommen, im Kauf eines Computerswäredie Inanspruchnahme
einesProsumentenlehrgangs inbegriffen, sodass ufernnötigeGrundkenntnisse
undFertigkeitenvermitteltwerden, um eigenständigModulezuerneuernoder
gliche Sollbruchstellen zu reparieren,die trotz eines langlebigenDesigns ver-
bleiben. Dann nnte diedurchschnittliche Nutzungsdauermanuell verdoppelt
oder verdreifacht und soder Neuanschaffungsbedarfhalbiertbeziehungsweise
gedrittelt werden.Derartige Neukompositionenunternehmerischer Leistungen
weniger Produktion,mehrProsumentenerchtigung senken die Abhängigkeit
vonmonetärem Einkommenund lien sichauf Textilien, Haushaltsgete,Mö-
bel, We rkzeuge, Fahrzeuge, Nahrungsmittel etc. übertragen.
Dies magwie einparadoxe Betriebswirtschaft«erscheinen, zumalsichUn-
ternehmendurch einsolches Prosumentenmanagementgraduellentbehrlich
machen könnten,weilsie Nachfrager in die wohlgemerktteilweise Unabhän-
gigkeit vonKonsumhandlungenentlassen.Aberstestens, wenn dienächsten
Ressourcen-oderFinanzkrisendas moderne Märchenvom immerwährenden
Wohlstandswachstum alshistorischenIrrtumentlarven, werden jene Unterneh-
menkonkurrenzfähig sein, dieihren Nachfragerndazuverhelfen,mit geringeren
Konsumausgaben rdevolberleben zu nnen.
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4. Ausblick
Der hier nur skizzenhaftund auszugsweise dargestellte ökonomische Zu-
kunftsentwurf entspricht keiner Vision, zumindest wenn diese im herkömmli-
chen Wortsinn verstanden wird. Visionen gelten meist als eine auf die Zukunft
bezogene Imagination, bilden also etwas noch nichtVorhandenes ab. Damit
verlagern sie die Lösung gegenwärtiger Probleme auf eine ferne, noch zu er-
schließende oder zu kreierende Entwicklung. We rsich an Visionen klammert,
reklamiert Aufgeschlossenheit, macht es sich aber zugleich bequem.Denn
mögliche Konsequenzen aus der Einsicht oder hehren Bekundung,dass sich
etwas ändern müsse, wirken sich erstens nicht unmittelbar auf die Gegenwart aus
wozu bedürfte es sonst einer Vision? und entlasten zweitens voneigener
Verantwortung, insoweit Visionen zumeist auf einer umfassenden, womöglich
die Gesellschaftals Ganzes umspannenden Strategie oder technologischen Er-
neuerungbasieren.Wenn individuelle Ve rantwortung lästig zu werden droht, gilt
somit im Zweifelsfall: Doppelt verschoben hält besser, nämlich zeitlich und
strukturell.
So können Projektionen oder gar Beschwörungen einer messianisch ver-
klärten, aber bedauerlicherweise noch nicht eingetretenen Wirklichkeit zum
perfekten Alibi dafür werden, gegenwärtige Handlungsmuster trotz bekundeter
Einsicht in die Notwendigkeit ihrer Überwindung fortzusetzen,also die Gegen-
wart zu verlängern. Diese Paradoxie findet unter anderem in folgender Beob-
achtung ihren Widerhall:Nie waren die Bewohner der industrialisierten Hemi-
sphäre freier, reicher, gebildeter, verfügten nie über mehr technische Kompetenz,
gaben sich nie problembewusster und lebten zugleich nie rücksichtsloseber
ihre ökologischen Verhältnisse. Tendenz steigend. Dies muss insofern nicht
verwundern, als sich erforderliche Anspruchsmäßigungen selbst vonlautstarken
Klimaschutzaktivisten leicht zurückweisen lassen, indem auf die vonWissen-
schaft, Politik und Medien ständig reproduzierte Vision verwiesen wird, dass
technische Innovationen alsbald für eine Entlastungder Lebensgrundlangen
sorgen würden, sodass Suffizienz unnötig sei.
Im Nachhaltigkeitsdiskurs mangeltesnicht an Visionen.ImGegenteil:Es
existieren dererzuviele,die alsfehlleitend zu entlarven wären. Jahrzehntelang
wurdekostbareZeitmit technophilen Experimenten in denBereichen derRes-
sourceneffizienz,Kreislaufwirtschaft (ökologische Konsistenz)und erneuerbaren
Energien verschwendet,umeinekomfortable Green-Growth-Problemlösungzu
generieren.Damit kulminierteinmalmehrdie abgründige Seiteeiner sich aufge-
klärtwähnenden Zivilisation,die es bisheute nicht vermochte,sichvom Glauben
an eine wundersameBrotvermehrungzubefreien, wenngleich neuerdings ohne
Gottes Hilfe: Menschliches Wissen undSchaffenskraftsollenmaterielles Wohler-
gehenaus demphysischen Nichts erschaffen,indem dieTechnologie dasWün-
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schenswertevon allenunerwünschten Nebenwirkungen sauber abtrennt.Doch
nunsickert allmählich durch, dass diehilflosen Versuche,gegen physikalische
Gesetze anzurennen,nicht nurgescheitert sind, sondernerstens gesellschaftliche
Lernresistenzenerzeugenund zweitensinfolge multipleRebound-Effekte« eher
zu mancherVerschlimmbesserung geführthaben.
Nachhaltigkeitsdefizite manifestieren nichts anderesals eine zeitverzögerte
Auflösungzuvor eingegangenerModernisierungsrisiken. Visionen werden dort
zumProblem,wosie erstenseinen technischenoderpolitischen Ersatz reigene
Verantwortungvorgaukelnund zweitenseineFluchtintechnologischeAbenteuer
rechtfertigen. Um überlebenshigzuwerden, bedarf es eineberwindung der
sich selbst verstärkendenTriadeaus Wachstum,Risikokumulationund unbe-
herrschbarer technischerKomplexität,die neue Schicksalsabngigkeiten her-
aufbeschwört. Dassetzt voraus, sichvon derdogmatischenVerengung aufdie
Innovation alsalleinigenModus desWandels zu lösen. Denn dieses Prinzipsug-
geriert, rjedes ökologisch ruinöseMobilitäts-,Konsum- oder Produktions-
muster einen gleichwertigen Ersatz schaffen zu können,was schontheoretisch
einerQuadratur des Kreisesgleichkommt.Folglicherweist sichNachhaltigkeit
nichtals Unterfangendes zutzlichen Bewirkens,sondern desgezielten Unter-
lassens.Die chronischexpansive undrisikobehaftete Innovationsorientierung
bedarf einerErgänzung um selbstbegrenzendeGestaltungsformen,nämlich der
»Exnovatio(Paech 2005). Genauer: DieSubtraktion alterund Zuckweisung
neuerHandlungsoptionen renneben demInnovationsmodusals gleichbe-
rechtigteOptionenzubehandeln.
Während Innovationsprozesse an der Frage ausgerichtet sind, wie das Neue in
die Welt kommt, stellt sich das Exnovationsprinzip der gegenteiligen Heraus-
forderung, nämlich wie das Alte, ehemals Innovative, inzwischen zum Problem
gediehene, wieder schadlos aus der We lt gelangt nötigenfalls auch ersatzlosund
somit durch reine Reduktion oderVermeidung. Deshalb ist die Exnovation der
Suffizienzlogik verwandt. Als drittes Gestaltungsprinzip bezweckt die »Renova-
tion« Veränderungen innerhalb eines gegebenen Optionsraums. Anstatt den
Güterbestand zu vergrößern (Innovation) oderzuverkleinern (Exnovation),
werden vorhandene Objekte durch Aufarbeitung, Instandhaltung,Reparatur,
funktionale Erweiterung aufgewertet, funktional und ästhetisch an gegenwärtige
Bedürfnisse angepasst, um aus bereits existierendenArtefakten vermehrten
Nutzen zu extrahieren.
Die Postwachstumsökonomie balanciert das Verhältnis zwischen den drei
Veränderungsmodi neu aus. Dabei reaktiviert sie die Reduktion und Selbstbe-
grenzung als veritables Gestaltungsprinzip. Sie priorisiert die Entrümpelung
gegenüber einer zunehmenden Verstopfungmit Technologie und Wohlstand.
Zudem bedient sie sich wohlweislichsolcher Elemente, die längst vorhanden,
erprobt und deshalb insoweit voraussetzungslos sind, als sie keiner bahnbre-
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chenden Neuerfindung bedürfen. Dies umfasst (nicht nur, aber auch), Struktu-
ren und Handlungsmuster aufzugreifen,die vormals als Bestandteil einer ge-
nügsameren Normalität existierten, inzwischen jedoch voneiner sich progressiv
gerierendeFurie des Ve rschwindens« (Liessmann 2000) hinfort gefegt wurden.
Die Postwachstumsökonomie negiert damit ein lineares Fortschrittsverständnis,
das mit den aktuellen Green-Growth- und Digitalisierungsmärchen einen neuen
Gipfel an unreflektierter Risikobereitschafterreicht.
Keineswegs müsste dies bedeuten, Vergangenes unverändertindie Gegenwart
zurückzuholen, sondern zwischen den Polen einer außer Kontrolle geratenen
Innovationsorientierung und dem Rückgriff auf bewährte Praktiken zu vermit-
teln. Harrison (2014, S. 113) spricht vokulturellerNeotenie«, die er »als einen
vielgestaltigen Verjüngungsprozess, durch den ältere Traditionen dankeiner
Synergie zwischen den synthetischen Kräften der Weisheitund den rebellischen
Kräften des Genies neuere oder jüngere Formen annehmen«, versteht. Würde
der Corona-Schock bewirken, dass Visionen einer genügsameren Daseinsform
mehr Beachtung fänden, um den innovativen Wildwuchs durch eine Rückbin-
dung an manches Bewährte und Bekannte einzuhegen, wäre viel gewonnen.
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