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Politische Theorie und Ideengeschichte im Wissenschaftssystem

Authors:
DEBATTE
https://doi.org/10.1007/s11615-020-00276-w
Polit Vierteljahresschr (2020) 61:747–769
Politische Theorie und Ideengeschichte im
Wissenschaftssystem
Peter Niesen · Armin Schäfer ·MichaelZürn · Wolfgang Knöbl ·
Claudia Landwehr · Regina Kreide · Eva Marlene Hausteiner
Online publiziert: 27. Oktober 2020
© Der/die Autor(en) 2020
P. Niesen ()
Fachgebiet Politikwissenschaft, Universität Hamburg, Allende-Platz 1, 20146 Hamburg, Deutschland
E-Mail: Peter.Niesen@uni-hamburg.de
A. Schäfer
Westfälische Wilhelms-Universität Münster, Münster, Deutschland
E-Mail: aschaefer@uni-muenster.de
M. Zürn
Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, Berlin, Deutschland
E-Mail: michael.zuern@wzb.eu
W. Knöbl
Hamburger Institut für Sozialforschung, Hamburg, Deutschland
E-Mail: direktion@his-online.de
C. Landwehr
Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Mainz, Deutschland
E-Mail: landwehr@politik.uni-mainz.de
R. Kreide
Justus-Liebig-Universität Gießen, Gießen, Deutschland
E-Mail: regina.kreide@sowi.uni-giessen.de
E. M. Hausteiner
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, Bonn, Deutschland
E-Mail: evahausteiner@uni-bonn.de
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Einleitung
Peter Niesen
Politische Theorie und Ideengeschichte bilden historisch einen zentralen Pfeiler der
Politikwissenschaft. Seit der Gründung der Disziplin in der Bundesrepublik sind
sie fest in den Curricula verankert1und waren bis an die Jahrhundertwende in al-
len modernen sozialwissenschaftlichen Instituten vertreten. Die Konsolidierung der
Politikwissenschaft im Nachkriegsdeutschland entlang der Leitlinien der 1961 im
Auftrag der Deutschen Forschungsgemeinschaft verfassten „Denkschrift zur Lage
der Soziologie und der Politischen Wissenschaft“ erfolgte über die fachliche und per-
sonelle Ausdifferenzierung in drei Bereiche: Politische Theorie und Ideengeschichte,
Innenpolitik und Vergleichende Regierungslehre sowie Internationale Politik (Bleek
2001, S. 310–312). Doch während die beiden empirischen Teilbereiche schnell Auf-
wuchs erfuhren, stagnierte der theoretische Anteil. Selbst Institute mittlerer Größe
führen heute Diskussionen darüber, ob sie Politische Theorie und Ideengeschichte
weiterhin zu ihrem Kerngeschäft zählen wollen.
Sie folgen damit einem Modell der Homogenisierung der Politikwissenschaft,
das vor einer Generation an ansonsten angesehenen Instituten wie dem an der Uni-
versität Mannheim begonnen wurde, wo im Zuge einer Konzentration auf fachliche
Stärken in der quantitativen Sozialforschung die verbleibende geisteswissenschaft-
lich angelegte Professur bei ansonsten starkem Aufwuchs gestrichen wurde (aus
studentischer Perspektive vgl. Weber 2019). An der FU Berlin wurde zugunsten der
Stärkung der Internationalen Beziehungen eine zentrale Theorieprofessur gestrichen.
Anderswo wurden freiwerdende Professuren umgewidmet oder hybrid ausgeschrie-
ben – für politische Theorie und/oder eine empirische Subdisziplin, wie in Stuttgart,
Trier oder Leipzig (Ellersiek 2019), oder unter Absehung von Ideengeschichte und
normativer Theorie gleich im Paradigma der rationalen Wahl angesiedelt, wie in
Köln. Dort, wo Clusterausschreibungen mehrere politikwissenschaftliche Professu-
ren gleichzeitig auf den Markt warfen, ist nicht selten eine Theorie-Stelle dabei, die
im Unterschied zu den anderen nicht als Dauerstelle ausgeschrieben ist, wie an der
TU München oder an der Viadrina Frankfurt/Oder.
Der Einfluss der Drittmittelfinanzierung spielt eine weitere Rolle, und zwar nicht
aus dem realitätsfremden Grund, dass Theorieprofessorinnen keine Anträge stellten.2
Hier hat sich in den letzten 15 Jahren eine nahezu völlige Normalisierung der wech-
selseitigen Erwartungen eingestellt. Dennoch scheint der republikweite Trend zur
Einwerbung von aus Drittmitteln anfinanzierten Professuren dazu zu führen, dass die
Außenfinanzierung inhaltlich in Führung geht. Dies ist z.B. in Bezug auf BMBF-
Programme zu beobachten, die innerhalb erfolgreicher Institute eine Reallokation
1Vgl. das immer noch maßgebliche, 2003 von der DVPW entwickelte Kerncurriculum für die B.A.-Stu-
diengänge der Politikwissenschaft, dessen fünf Kernbereiche Politische Theorie, Methoden, Politisches
System der BRD, Vergleichende Politikwissenschaft und Internationale Beziehungen sind. https://www.
dvpw.de/wir/bama/ (15.07.2020).
2Die Beiträge dieser Debatte verwenden das generische Femininum, um auf alle Geschlechter zu verwei-
sen.
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Politische Theorie und Ideengeschichte im Wissenschaftssystem 749
von Stellen an Spezialistinnen nach sich ziehen, die sich an einer politisch privi-
legierten Gegenwartsherausforderung profiliert haben. Die Policy-Nähe fremdfinan-
zierter Neuausschreibungen belohnt typische Qualifikationsprofile in Vergleichender
Politikwissenschaft und Internationalen Beziehungen und verfehlt die oft umfassen-
deren, aber weniger anwendungsbezogenen Profile von Theoretikerinnen. Am Ho-
rizont zeichnet sich darüber hinaus eine Wende zum Department-Modell ab, die aus
meritokratischer Sicht zu begrüßen ist – womöglich aber den Herdeneffekt hin zu
einer Marginalisierung der Theorie nur verstärken könnte.
Die klassische Kopplung zwischen Theorie und Ideengeschichte scheint vieler-
orts gebrochen. Damit droht in politikwissenschaftlichen Studiengängen eine weit-
reichende Entprofessionalisierung, indem politiktheoretische und ideenhistorische
Module ohne Forschungsanbindung gelehrt werden. Die Ausbildung der Lehräm-
ter, in der die Geschichte des politischen Denkens ebenso zentral ist wie die zeit-
genössischen Herausforderungen der Demokratie, würde entkernt. Gleichzeitig ist
allerdings festzustellen, dass die Politikwissenschaft auf normative Stellungnahmen
nicht vollends verzichten will. Im Gegensatz zur Enthaltsamkeit an Werturteilen,
die ein positivistisches Wissenschaftsverständnis früher mit sich brachte, ist heu-
te eine neue Lust an normativer Relevanz zu beobachten, die in den empirischen
Teildisziplinen um sich zu greifen scheint. Normative Phänomene wie gesellschaft-
liche Desintegration, Ungleichheit, Bedrohungen der Demokratie und die Erosion
politischer Legitimität werden aber häufig abgekoppelt von der historischen und
begrifflichen Reflexion ihrer Grundbegriffe erörtert, freihändig verwendet und so
gegen Kritik im eigenen Haus immunisiert. Dass Grundlagendiskussionen darüber
ausbleiben, wann politikwissenschaftliche Modelle eigentlich angemessen und be-
gründet angewendet werden, ist allerdings nicht nur den empirischen Teildisziplinen
vorzuwerfen – ein Paradigmenstreit der Teildisziplinen wird zumindest nicht offen,
und nicht vor breitem Publikum, ausgetragen.
Selbst die zunehmend erfolgreiche internationale Einbindung und Anerkennung
der Politischen Theorie und Ideengeschichte in Deutschland, die vor einer Gene-
ration noch wenig ausschlaggebend schien, könnte geeignet sein, das Problem auf
riskante Weise zu überdecken. Während die Lage der Politischen Theorie im eng-
lischsprachigen Ausland ebenfalls nicht ideal und den üblichen Budgetkämpfen
unterworfen scheint, ist sie gerade an den besten Universitäten wohldefiniert und
prestigeträchtig. Ihre Vertreterinnen hierzulande sind verurteilt, sich als Fachleute
in einem ausdifferenzierten Bereich zu positionieren, den eher Political Theory und
das Journal of Political Philosophy abstecken als APSR (American Political Science
Review) oder die PVS (Politische Vierteljahresschrift). Sie stehen weltweit mitten
in einer Epoche normalwissenschaftlicher Konsolidierung und der Kanonisierung
moderner Klassiker, die nicht nur durch das Entstehen von Handbüchern zu produk-
tiven Strömungen und großen Figuren (Jenco et al. 2020; Allen und Mendieta 2019),
sondern ebenso sehr durch methodische Abrechnungen mit ihnen ins Bewusstsein
treten (Forrester 2019). Vonseiten der restlichen Politikwissenschaft werden den ver-
bleibenden Exemplaren ihrer Zunft große Freiheitsgrade eingeräumt: Ein Policing
der Teildisziplin, wie Simone Chambers es einmal ausgedrückt hat, findet nicht statt.
Doch womöglich bezahlt die Politische Theorie und Ideengeschichte ihre erfolgrei-
K
750 P. Niesen et al.
che Autonomisierung mit einem zunehmend ungebundenen, weniger einflussreichen,
weniger zentralen Charakter für das Fach Politikwissenschaft.
In dieser Situation ist es notwendig, die Frage aufzuwerfen, in welcher Fachiden-
tität die Politische Theorie und Ideengeschichte zukunftsfähig sein wird. Wo gibt es
Verbündete, wenn nicht in den eigenen Instituten? Verläuft der Anspruch auf Unent-
behrlichkeit über die Außenwahrnehmung, in der kulturellen und politischen Öffent-
lichkeit und in der Beratungsfunktion, die die Theorie übernehmen kann? Sollte die
Politische Theorie und Ideengeschichte die Eigenlogik eines emphatischen Theorie-
begriffs betonen oder lieber ihre Gesprächsfähigkeit mit den anderen Teilbereichen
der Politikwissenschaft akzentuieren? Die hier geführte Diskussion geht auf eine
von der Fritz Thyssen-Stiftung geförderte Hamburger Sektionstagung zurück. Der
Tagungsplanung lag die Vermutung zugrunde, dass es entscheidend sein wird, die
Anschlussfähigkeit aus den umliegenden Subdisziplinen heraus und in sie hinein zu
intensivieren, wie es auf den folgenden Seiten führende Vertreter der Vergleichen-
den Politikwissenschaft (Armin Schäfer), der Internationalen Beziehungen (Michael
Zürn) und der Soziologie (Wolfgang Knöbl) anmahnen. Auf die Beiträge der Nach-
barwissenschaftler antworten ganz unterschiedlich positionierte Vertreterinnen der
Politischen Theorie und Ideengeschichte, die sich für die politikwissenschaftliche
Professionalisierung und stärkere Integration (Claudia Landwehr), die Emanzipa-
tion von zu starren disziplinären Festschreibungen (Regina Kreide) oder für eine
historisch fundierte, methodisch heterogene, aber öffentlichkeitswirksamere Ausle-
gung aussprechen (Eva Marlene Hausteiner). Die Diskussion ist damit eröffnet; es
ist nicht zu erwarten, dass sie damit beendet sein wird.
Politische Theorie und Ideengeschichte aus der Perspektive der
Vergleichenden Politikwissenschaft
Armin Schäfer
Die Aufgabenstellung, über die Stellung der Politischen Theorie und Ideengeschichte
im Wissenschaftssystem nachzudenken, ist nicht ohne Schwierigkeiten. Zwei Dinge
wären mir leichter gefallen: Das Erste wäre gewesen, ein Loblied anzustimmen und
zu betonen, wie sehr wir Politikwissenschaftlerinnen diese Subdisziplin brauchen,
wie sehr empirische Forschung angewiesen auf normative Reflexion ist und wie sehr
ich in meiner eigenen Arbeiten Anleihen bei der Politischen Theorie gemacht habe.
Das hätte ich zwar alles ausführlich erörtern können, aber das war nicht der von den
Organisatorinnen erwünschte Beitrag.
Eine zweite Möglichkeit wäre gewesen, Kritik an der empirischen Politikwissen-
schaft zu üben, an einer teilweisen szientistischen Engführung sowie an der Orien-
tierung an den Wirtschaftswissenschaften in Teilen des Faches. Gerade vor Kurzem
habe ich eine Präsentation erlebt, wo das Einzige, was gezeigt wurde, eine Formel
war. Aber auch das war nicht mein Auftrag.
Stattdessen lautete die Anforderung, aus dem Blickwinkel einer Nachbardiszi-
plin, der Vergleichenden Politikwissenschaft, etwas über den Zustand der Politischen
Theorie zu sagen, ob sie unter Druck steht und worin dieser bestehen könnte. Ich soll
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Politische Theorie und Ideengeschichte im Wissenschaftssystem 751
mich zu den Spannungen äußern zwischen der eher empirisch-positivistischen Ver-
gleichenden Politikwissenschaft und der Politischen Theorie und Ideengeschichte.
Drei Punkte möchte ich andiskutieren.
IDie Vergleichende Politikwissenschaft orientiert sich am angloamerikanischen
Diskurs, und Internationalisierung gehört zum eigenen Selbstverständnis dazu. Ich
glaube, dass man inzwischen – wenn man einen Ruf auf einen Lehrstuhl für Ver-
gleichende Politikwissenschaft erhalten möchte – Veröffentlichungen in angesehe-
nen englischsprachigen Fachzeitschriften braucht. Und genauso bedeutend ist, dass
man an internationalen Konferenzen teilnimmt. Wenn ich dort bin, habe ich den
Eindruck, nicht allzu viele Mitglieder der Sektion Politische Theorie und Ideenge-
schichte anzutreffen. Nun kann es natürlich sein, dass ich die falschen Konferenzen
oder die falschen Panels besuche, aber es könnte auch sein, dass es unterschiedliche
Anforderungsprofile zwischen Subdisziplinen gibt. In vielen Teilbereichen der Po-
litikwissenschaft ist es völlig selbstverständlich, zu einer internationalen – das heißt
englischsprachigen – Fachöffentlichkeit zu sprechen. Und mein Eindruck ist, dass
dies in der Politischen Theorie und Ideengeschichte weniger selbstverständlich ist.
Damit hängt zusammen: Wo publiziert man? Wie publiziert man? In weiten Teilen
der Politikwissenschaft ist es selbstverständlich, auch auf Englisch zu publizieren.
Ich selbst habe zwar immer wieder auf Deutsch geschrieben, weil ich denke, es ist
auch Teil unserer Aufgabe, sich an die Öffentlichkeit zu richten, aber auf Englisch
zu publizieren und sich dem Peer-Review-Prozess zu unterziehen, ist unumgänglich.
In der Politischen Theorie und Ideengeschichte, so mein Eindruck, zielt man weni-
ger auf die englischsprechende Fachöffentlichkeit. Als Begründung hierfür höre ich
immer wieder, das sei der Fall, weil man sich in der Fremdsprache nicht genauso
präzise ausdrücken könne und weil bestimmte Theoriebegriffe in anderen Sprachen
nicht in derselben Form zur Verfügung stünden. Das mag zum Teil stimmen, aber
je mehr Kolleginnen auch auf Englisch veröffentlichen, desto mehr werden sich
bestimmte Begriffe durchsetzen.
II Die Politikwissenschaft wird insgesamt, glaube ich, wissenschaftlich strenger.
Sie ist stärker als früher methodenorientiert, und sowohl bei qualitativen als auch
quantitativen Analysen steigen die Ansprüche. Insbesondere bei den quantitativen
Methoden ist nicht immer alles leicht nachzuvollziehen, und ich muss zugeben,
dass auch ich nicht jede Verästelung so ohne Weiteres verstehe. Aber es wird zu
Recht verlangt, dass man mindestens die Beiträge in der American Political Science
Review oder auch der Politischen Vierteljahresschrift verstehen können muss. Ich
denke, dass wir in der Politikwissenschaft alle in der Lage sein müssen, empirische
Aufsätze, die auch mit Regressionsanalysen oder Ähnlichem arbeiten, zu verstehen
– vielleicht auch nur, um sie kritisieren zu können, aber diese Methodenkompetenz
muss vorhanden sein.
In meiner Wahrnehmung besteht eine Kluft zwischen empirisch und theoretisch
arbeitenden Kolleginnen, die nicht kleiner zu werden scheint. Vor einigen Jahren
stellte ich bei einer Sektionstagung der Politischen Theorie eine empirische Studie
zur Nichtwahl vor. Anschließend erhielt ich die Reaktion, dass das, was ich vor-
gestellt habe, in dieser Sektion nicht zugänglich gewesen sei. Die Mitglieder des
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Arbeitskreises „Wahlforschung und politische Einstellungen“ hatten jedoch, wenige
Wochen zuvor, den Eindruck, mein Vorgehen sei nicht anspruchsvoll genug. Da öff-
net sich eine Kluft, die Sprachbarrieren von beiden Seiten schafft. Wir sollten dafür
sorgen, dass wir uns wechselseitig verstehen, und dazu gehört, denen, die sich mit
Theorie auseinandersetzen, abzuverlangen, dass sie auch verstehen, was die Politik-
wissenschaft empirisch leistet – und idealerweise würden sich empirisch Forschende
auch intensiver mit Theoriedebatten beschäftigen.
III Ein dritter Punkt betrifft meines Erachtens nach das Fach Politikwissenschaft
insgesamt. Wie gut schaffen wir es, den öffentlichen Diskurs aufzuklären und zu
wichtigen Fragen gehört zu werden? Wir schaffen das (noch) nicht in dem Maße,
wie es sein sollte oder könnte. Es ließe sich ja fragen: Warum gibt es gerade einen
Aufschwung der Politischen Theorie in den USA? Die Antwort könnte lauten, auf-
grund der Menge drängender gesellschaftlicher Probleme, zu denen wir uns äußern
sollten. Wem schulden wir Solidarität und wo verlaufen die Grenzen von Solidarität?
Wie lässt sich Demokratie denken, wenn Öffentlichkeit digital fragmentiert wird?
Wie sollten die Kosten verteilt werden, die anfallen, um den Klimawandel aufzu-
halten oder zumindest zu verlangsamen beziehungsweise die Folgen zu bearbeiten?
Und was wäre eine gerechte Art, damit umzugehen?
In der Politikwissenschaft wird dazu viel geforscht, und es gibt eine Menge kluger
Positionen. Aber ich höre oder lese relativ selten, dass Beiträge aus der Sektion Po-
litische Theorie und Ideengeschichte diesbezüglich rezipiert werden und es dadurch
gelingt, den politischen Diskurs zu solchen und vielen anderen Themen aufzuklären.
Sich mehr einzumischen, wäre aber wünschenswert, weil das Niveau der öffentli-
chen Debatte häufig nicht übertrieben anspruchsvoll ist. Bei der Diskussion um die
Spitzenkandidatur in der EU war mein Eindruck, dass bei vielen Journalistinnen ein
Grundverständnis fehlte, wie verschiedene Regierungssysteme funktionieren, aber
offensichtlich ist es uns als Fach nicht gelungen, da aufklärend zu wirken. Mein Ein-
druck ist – um den Kontrast nochmals zu benennen –, dass es empirisch arbeitenden
Politikwissenschaftlerinnen etwas leichter fällt, Gehör zu finden, weil sie etwas „an-
zubieten“ haben, was Medienschaffende mögen, nämlich mehr oder wenige präzise
Zahlen oder eingängige Grafiken.
Wie lässt sich die öffentliche Wahrnehmung verbessern? Ich glaube, beispielswei-
se der theorieblog (https://www.theorieblog.de/) ist ein guter Ansatz. Die dortigen
Diskussionen über wichtige neue Bücher sind ein guter Ansatz. Ich denke, wir brau-
chen mehr derartige Instrumente, um einer breiten Öffentlichkeit unsere Analysen
zur Verfügung zu stellen, in der Hoffnung, dass die Erkenntnisse durchsickern und
sich der Diskurs über einen längeren Zeitraum verändert.
Bei allen oben genannten Punkten sehe ich Veränderungsbedarf und würde sagen,
es gibt möglicherweise ein Krisenmoment in der Politischen Theorie und Ideenge-
schichte. Ich benenne das deshalb, weil ich davon überzeugt bin, dass wir Empiri-
kerinnen ein teilweise verkürztes Verständnis von Begriffen – auch Grundbegriffen
– der Demokratie oder der Politikwissenschaft haben. Mit zwei Standardreferenzen
auf die Demokratietheorie (nach dem Motto „Dahl geht immer“) bestehen wir die
meisten Vorträge und können dann zur Empirie übergehen. Insofern müssen wir uns
ernsthafter darum bemühen, dass es ein intensiveres Gespräch zwischen den Teil-
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Politische Theorie und Ideengeschichte im Wissenschaftssystem 753
disziplinen gibt, und ich habe die Hoffnung, dass Vergleichende Politikwissenschaft
und Politische Theorie voneinander profitieren würden, wenn sie sich gegenseitig
stärker zur Kenntnis nähmen und sich nicht nur oberflächlich mit dem Anderen
auseinandersetzten.
Politische Theorie aus der Perspektive der Internationalen Beziehungen
Michael Zürn
Ich werde mich der Politischen Theorie im Wissenschaftssystem aus der Perspektive
eines empirisch orientierten Politikwissenschaftlers mit theoretischen Neigungen aus
dem Teilbereich der Internationalen Beziehungen widmen. Das, was ich beitragen
möchte, beinhaltet letzten Endes beides: Lob und Kritik.
Zunächst möchte ich ganz bewusst die Bedeutung einer primär normativ verstan-
denen Politischen Theorie hervorheben. Politische Theorie verstehe ich dabei als
Reflektion über die gute politische Ordnung und deren Begründung sowohl aus ide-
engeschichtlicher als auch aus begriffsanalytischer Perspektive. Dazu gehört selbst-
verständlich auch, dass die Kategorien, die dort verwendet werden, aus kritischer
Perspektive hinterfragt werden. Die Politische Theorie unterscheidet sich damit von
Theorien der Politik, die primär auf deskriptive und kausale Analysen real existie-
render politischer Systeme oder Politiken zielen. Im Folgenden geht es primär um
die Politische Theorie. Und die ist – um es gleich in aller Deutlichkeit zu formulie-
ren – meiner Meinung nach grundlegend und unverzichtbar für Theorien der Politik
und schlechthin alle politikwissenschaftlichen Analysen.
Die Politische Theorie ist aus drei Gründen grundlegend und unverzichtbar. Ers-
tens ist für mich Politikwissenschaft ohne Kritik unvorstellbar. Kritik braucht aber
normative Referenzpunkte (Forst 2020). Kritik auf der Grundlage von normativen
Referenzpunkten, die nicht reflektiert werden (und Reflektion ist ja der Kern der
Aufgabe der Politischen Theorie), ist leer. Insofern wir Politikwissenschaft als eine
– auch kritische – Wissenschaft verstehen, beinhaltet sie notwendigerweise einen
kritischen Diskurs über die normativen Referenzpunkte der Gesellschaft und der
Politikwissenschaft. Das ist die vornehme Aufgabe der Politischen Theorie.
Das zweite Argument für die Unverzichtbarkeit der Politischen Theorie beinhal-
tet eine Infragestellung der Selbstbeschreibung vieler meiner Kolleginnen aus den
empirisch orientierten Teilbereichen. Deren dominante Selbstbeschreibung ist, dass
die empirische, kausal orientierte Politikwissenschaft primär über Puzzles arbeitet,
wobei Puzzles üblicherweise als die Differenz der Erwartungen einer Theorie und
dem, was man beobachtet, definiert werden. Das sind die Puzzles, wie sie von der
Wissenschaftstheorie anhand der Analyse der Naturwissenschaften – vor allem der
Physik – als Treiber des wissenschaftlichen Fortschritts identifiziert worden sind
(Kuhn 1962). Für die Gesellschaftswissenschaften und mithin die Politikwissen-
schaft scheint mir aber häufig eine andere Form des Puzzles erkenntnisleitend zu
sein. Es geht oft um normative Puzzles, also um die Differenz zwischen dem, wie
wir glauben, wie es sein soll und dem, wie es ist. Das ist eine der, wenn nicht so-
gar die zentrale Quelle(n) wichtiger Fragestellungen in der Politikwissenschaft. Ein
K
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geradezu banales Beispiel ist die Frage: „Warum Krieg?“. Die Relevanz der Frage
ergibt sich nicht aus der Differenz der Beobachtung eines Krieges mit einer sozial-
wissenschaftlichen Theorie, die dauerhaften und kompletten Frieden erwarten lässt.
Diese Frage konstituiert sich vielmehr aus der normativen Differenz zwischen Krieg
und Frieden und der Tatsache, dass wir Krieg als Störung empfinden und deswegen
wissen möchten, warum es eigentlich Kriege gibt. Das geht weiter mit der Frage
„Warum können autoritäre politische Systeme stabil sein?“; „Warum sind europäi-
sche Institutionen nur bedingt demokratisch?“; „Wie kommen normativ unbegründ-
bare Ungleichheiten zustande?“. Das sind nur einige Kernelemente des aktuellen
Programms der empirischen Politikwissenschaft: Ungleichheit, Europäische Union,
Kriege oder das Aufkommen autoritärer politischer Systeme. Sie alle entstammen
weniger dem empirischen Puzzle – also der Differenz zwischen Prognose der Theo-
rie und Beobachtung – als vielmehr der Differenz zwischen Sollen und Sein, also
zwischen unseren normativen Erwartungen oder Wünschen und dem, was beobach-
tet wird. Das gilt übrigens auch für die Demokratieforschung, die nicht selten die
Abweichung der Praxis von den Prinzipien durch Funktionsnotwendigkeiten erklärt.
Die Bereitstellung der normativen Maßstäbe, vor deren Hintergrund erst normative
Puzzles entstehen können, ist also der zweite Grund, warum die normative Politische
Theorie aus meiner Sicht ein zwingender Bestandteil aller Politikwissenschaft ist.
Ein dritter Punkt ergibt sich aus der hochgradig institutionalistischen Orientie-
rung weiter Teile der empirischen Politikwissenschaft. Diese muss sich aber hin und
wieder von ihrem Fokus auf die Institutionen lösen, um die Effekte gesellschaft-
lichen Wandels erfassen und begreifen zu können. Um ein Beispiel zu nehmen:
Innerhalb der Vergleichenden Politikwissenschaft wird auf die Frage „Was zeich-
net eine Demokratie aus?“ sehr häufig eine institutionalistische Antwort gegeben,
die sich an der parlamentarischen Demokratie orientiert und beispielsweise auf die
Arbeiten von Robert Dahl (1989) verweist. Die zentralen Begriffe, die dann ge-
nannt werden, sind freie Wahlen, Parlamente, Parteienwettbewerb und Ähnliches
mehr. Die dahinterstehenden normativen Prinzipien sind dabei aber nicht immer im
Fokus der Betrachtungen. Was ist aber, wenn im Zeitalter der Globalisierung die
sozialen und die politischen Räume tatsächlich auseinanderlaufen? Dann ist die ein-
fache institutionelle Antwort nicht mehr ausreichend. Eine Entscheidung durch das
in freien Wahlen konstituierte Parlament der Bundesrepublik Deutschland ist dann
nicht mehr zwingend demokratischer als eine Entscheidung durch die Mitgliedsstaa-
ten der WTO, die in Hinterzimmern vorbereitet worden ist (Held 1995;Zürn2004).
Das normative Prinzip, wonach alle diejenigen, die von einer Entscheidung betroffen
sind, auch ein Mitspracherecht haben sollten, führt zu dem Urteil, dass Entscheidun-
gen durch ein gewähltes Parlament mit territorialer Beschränkung an demokratischer
Qualität verlieren, wenn sie weitreichende Externalitäten aufweisen. Durch die In-
kongruenz von sozialen und politischen Räumen verlieren also unter Umständen
territorial begrenzte demokratische Institutionen an demokratischer Qualität. Eine
solche Erinnerung an die normativen Prinzipien, die Entscheidungen demokratisch
machen, ist wiederum eine zentrale Aufgabe der Politischen Theorie. Das ist der
dritte Punkt, warum die Politische Theorie unverzichtbar für die Politikwissenschaft
als Ganzes ist: Sie muss die institutionalistischen und operationalen Abkürzungen
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Politische Theorie und Ideengeschichte im Wissenschaftssystem 755
der empirischen Politikwissenschaft hinterfragen und sich mithin in die empirische
Forschung einmischen.
Mit dem Postulat der Einmischung in die empirische Forschung komme ich zum
kritischen Teil meiner Anmerkungen. Die Gründe, die ich für die Bedeutung der
Politischen Theorie angeführt habe, sagen vermutlich keiner Theoretikerin etwas
wirklich Neues. Im Prinzip glauben die Vertreterinnen der Politischen Theorie alle
an die Unverzichtbarkeit der normativen und kritischen Reflektion. Daraus speist sich
auch ein hohes Maß an Identität mit einem klaren Verständnis, wer dazu gehört und
wer nicht. Gleichzeitig meint die Politische Theorie, hierzulande nicht genügend
Anerkennung von außen zu erfahren. Daraus entwickelt sich – so meine ich zu
beobachten – eine ambivalente Grundhaltung. Einerseits wird das eigene Tun als
unverzichtbar und schon auch „höherwertig“ bzw. „tieferschürfend“ angesehen, aber
andererseits erfahre es nicht die Wertschätzung, die es eigentlich verdient hätte. Wir
sind – so meine Wahrnehmung der Selbstwahrnehmung der Politischen Theorie –
diejenigen, die sich ungerechtfertigterweise in der Defensive finden und von der
Mehrheit der Empirikerinnen z.B. bei Stellenausschreibungen und -besetzungen an
den Rand gedrängt werden.
Daraus ergibt sich eine in der Politischen Theorie recht weit verbreitete Grund-
haltung, die ich hier – als Diskussionsanstoß – kritisieren möchte. Es handelt sich
um die Neigung, empirische Fragen nur mit spitzen Fingern anzufassen, weil das
doch die alleinige Aufgabe der Heerscharen von empirischen Wissenschaftlerinnen
ist. Das münzt sich in eine methodische Homogenität um, die mit einem leisen
Überlegenheitsanspruch daherkommt. „Beobachten, Messen und Testen, das sollen
die anderen machen, wir übernehmen das Denken.“ In der Diskussion mit Freun-
dinnen aus der Politischen Theorie taucht dann der Satz auf: „Hmm, das ist jetzt
eine empirische Frage, dazu kann ich nichts sagen ...“
Eine Subdisziplin bzw. eine Domain of Knowledge sollte sich aber nicht durch
methodische Homogenität definieren. Daher sollte auch die Politische Theorie nicht
methodisch durch Argumentations-, Ideen- und Begriffsanalyse bestimmt werden,
sondern durch den Forschungsgegenstand: durch die Frage nach der guten politi-
schen Ordnung. An diesen zentralen Forschungsgegenstand der Politischen Theorie
kann man aber nicht nur normativ, sondern auch pragmatisch und empirisch heran-
gehen.
Genau das ist der Wunsch, den ich an die Politische Theorie richten möchte: näm-
lich, dass sie sich unter Anerkennung der eigenen Fragestellung für pragmatische
und empirische Forschung öffnet. Die pragmatische Dimension hat – so meine ich –
Armin Schäfer schon mit der Frage „Was heißt denn eigentlich Gerechtigkeitstheorie
in unserer Zeit?“ angesprochen. Wenn wir heute beispielsweise über das Klima dis-
kutieren, dann stellen sich unvermeidlicherweise Gerechtigkeitsfragen. Diese werden
aber in der Öffentlichkeit teilweise frei von Sinn und vor allem ohne theoretische
Grundierung diskutiert. Aus meiner Sicht ist das z. B. der Fall, wenn gerufen wird:
„Klimapolitik ist sozial ungerecht.“ Mit dieser, gerade auch aus dem linken Spek-
trum vorgetragenen, Mahnung wird so getan, als ob der ungebremste Klimawandel
verteilungsneutral erfolgen würde. Der fortschreitende Klimawandel wird aber ohne
politische Eingriffe in seine distributiven Konsequenzen viel weitreichender sein als
seine Bearbeitung. Die Politische Theorie – so mein Wunsch – sollte viel mehr Teil
K
756 P. Niesen et al.
dieser Debatten sein als sie es derzeit ist. Dazu muss sich die Politische Theorie
aber aus den Höhen der Begründung mehr in den Bereich der Anwendung herablas-
sen, was natürlich auch empirische Forschung zum Bestandteil der Argumentation
werden lässt. Bei derartigen pragmatischen Debatten hilft ein Satz wie „Nehmen
wir mal an, eine Klimaerwärmung von 2°C mache die Anschaffung von 20 Mio.
Klimaanlagen notwendig“ nicht wirklich weiter.
Empirische Forschung sollte aber nicht nur Eingang in die Politische Theorie fin-
den, sondern teilweise auch selbst von der Politischen Theorie durchgeführt werden.
Denn viele der Debatten, die die Politische Theorie prägen, verweisen notwendi-
gerweise auf unterschiedliche Hintergrundannahmen über die Funktionsweisen von
Menschen und Gesellschaften. Mir erscheint die Selbstverständlichkeit problema-
tisch, mit der dennoch bestimmte Annahmen über den Menschen und das Funk-
tionieren von Gesellschaften in der Politischen Theorie aus dem Teilgebiet heraus
verwiesen werden. Ein einfaches Beispiel: Die Frage, ob die Menschen hinter dem
Schleier des Nichtwissens tatsächlich so agieren, wie Rawls das vermutet, scheint
mir sehr plausibel, aber empirisch offen zu sein. Sie könnte etwa im Zuge experimen-
teller Forschungen leicht angegangen werden. Es scheint mir aber in der Politischen
Theorie heutzutage nur wenige zu geben, die diese „untersuchbaren Fragen“ bearbei-
ten. Das muss aber nicht so sein. Jürgen Habermas hat sich nie gescheut, empirische,
in seinem Falle meist historische Untersuchungen in seine Argumentationen einflie-
ßen zu lassen. Die Frage, welche Ideen über das Funktionieren von Gesellschaft
eigentlich hinter republikanischen und liberalen Demokratievorstellungen stehen,
und was das wiederum heißt, also unter welchen Bedingungen republikanische und
liberale Modelle überhaupt funktionieren können, ist aber etwas, was seitens der
Politischen Theorie heute gern delegiert wird. Delegiert wird es meistens mit dem
Unterton, dass für diese bestenfalls halbintellektuellen Aufgaben die bodenständigen
Empirikerinnen zuständig sind.
Genau diese eigenartige Mischung aus gefühlter Überlegenheit und gefühlt man-
gelnder Wertschätzung übersetzt sich in eine innere Homogenität und auch einen be-
stimmten Habitus der Politischen Theorie. Es ist der Habitus der verkannten Avant-
garde. Das ist die These, die ich zur Diskussion stellen möchte. Gleichzeitig möchte
ich aber noch einmal mit großer Überzeugung zum Ausdruck bringen, dass ich die
Politische Theorie für unverzichtbar halte und sie als absolut zentralen Bestandteil
der Politikwissenschaft ansehe. Sie würde aber aus meiner Sicht noch bedeutsamer
und unverzichtbarer werden, wenn sie ihre Domain of Knowledge nicht primär me-
thodisch, sondern substanziell bestimmt. Ich fordere damit nicht, dass die Politische
Theorie jetzt die Theorien der Politik entwickeln und testen sollte. Vielmehr geht es
mir darum, dass die empirischen Aspekte, die den Problemstellungen der Politischen
Theorie eigen sind, auch dort – und zwar gerne in Kooperation – bearbeitet werden
und nicht einfach an die anderen Teildisziplinen wegdelegiert werden. Das würde
die Diskussionskultur innerhalb des Fachs sowie die Rolle der Politischen Theo-
rie stärken. Vielleicht können diejenigen aus der Politischen Theorie, die an dem
Projekt der Internationalen Politischen Theorie beteiligt sind als Leitbild fungieren.
K
Politische Theorie und Ideengeschichte im Wissenschaftssystem 757
Soziologische Perspektiven auf die Politische Theorie und
Ideengeschichte
Wolfgang Knöbl
Folgt man dem jüngst publizierten Aufsatz von Reinhard Mehring (2019)mitdem
Titel „Ironie der Theorie“, so spaltete sich die nach 1949 in der Bundesrepublik
Deutschland betriebene Politische Theorie und Philosophie (und dies hatte dann
auch Auswirkungen auf die Ideengeschichte) in zwei große Lager, eines, das mit
dem Namen von Jürgen Habermas und dem von ihm vertretenen ethischen Idealis-
mus und Normativismus verbunden ist, und – in kritischer Reaktion darauf – eines,
für das die Bezeichnung politischer Realismus gefunden wurde, wie er prominent
etwa von Herfried Münkler vertreten wird.3Nimmt man dies zum Ausgangspunkt
und fragt nach der Bereitschaft und Offenheit einer theoretisch ambitionierten So-
ziologie, auf diese beiden Angebote zuzugehen, so wird man jedenfalls mit Bezug
auf normativistische Positionen von einer großen Zögerlichkeit und Zurückhaltung
der Soziologie sprechen können. Man mag als ein Indiz für eine solche Behaup-
tung auf die Tatsache verweisen, dass es der sogenannten Kritischen Theorie seit
den frühen 1980er-Jahren immer weniger gelungen ist, von sich aus ernsthafte so-
ziologische Beiträge oder Zeitdiagnosen zu liefern; das noch im alten Frankfurter
Institut erkennbare Streben nach einer engen Klammer zwischen Philosophie und
gesellschaftswissenschaftlichen Disziplinen rückte immer weiter in den Hintergrund.
Angeboten wurde aus Frankfurt im Wesentlichen und seit den 1990er-Jahren fast
ausschließlich Sozialphilosophie, Politische Philosophie und Rechtstheorie. Nach
der Publikation der Theorie des kommunikativen Handelns (1981) war Habermas
selbst, aber auch diejenigen, die wie Axel Honneth oder Rainer Forst seinen Spuren
folgten, zunehmend weniger an systematischer soziologischer Theoriearbeit inter-
essiert. Kein Wunder, dass dann aus der Soziologie heraus die Anschlussfähigkeit
und -willigkeit des Frankfurter Normativismus immer skeptischer beurteilt wur-
de! All dies ist den Frankfurtern (und all denjenigen, die mit ihnen kooperierten)
ganz sicherlich nicht allein zum Vorwurf zu machen. Vielmehr ist ja erkennbar,
dass es in der Soziologie in Zeiten der Paradigmatase neue gesellschaftstheoretische
Großentwürfe und eine hegemoniale Sozialtheorie schlicht nicht mehr gab, sodass
man – aus Frankfurter Sicht – dem unübersichtlichen Theorieangebot einigerma-
ßen orientierungslos gegenüberstand und gegenüberstehen musste. Aus Sicht der
Soziologie bedeutete dies dann freilich auch, dass man je nach Theorieausrichtung
die Schriften aus Frankfurt manchmal zur Kenntnis nahm, häufiger aber eben auch
nicht. Die Versuche, aus einer normativistischen Position heraus die Gesellschafts-
oder Sozialtheorie zu erneuern oder auch nur wiederzubeleben (einer der jüngeren
Frankfurter Versuche war Axel Honneths Recht der Freiheit [2011]), scheiterten je-
denfalls daran, dass entweder Ambitionen oder auch die Kraft zur Formulierung
eigenständiger gesellschaftstheoretischer Entwürfe fehlten und die von den Frank-
furtern immer wieder beschworenen Versuche einer Rekonstruktion der Geschichte,
3Zur Debatte steht hier freilich nicht, ob man die von Mehring vorgeschlagenen Trennlinien genau so
auch zeichnen muss.
K
758 P. Niesen et al.
um dort für eine Gesellschaftstheorie relevante, aber verschüttete und für Kritik
nutzbare Rationalitätspotenziale ausfindig zu machen, die es für die Gegenwart zu
retten gelte, wenig plausibel waren: Mit Hegel, Durkheim und Parsons die Gegen-
wart des 21. Jahrhunderts aufschließen zu wollen, wie dies Honneth noch 2011
versucht hatte, konnte nur als höchst wagemutig bezeichnet werden, zumal die so-
ziologischen Klassiker Durkheim und Parsons so sakrosankt nicht mehr sind und
zudem auch die vom Ethnozentrismusverdacht motivierte Frage aufgeworfen wurde,
wo genau nun Honneths Gegenwart geografisch anzusiedeln sei. Die Gesellschafts-
oder Sozialtheorie lebt also ganz gut neben der normativistischen Politischen Theo-
rie und Politischen Philosophie, ob sie von ihr lebt und von ihr viele positive und
konstruktive Impulse zu erwarten hat, daran wird man zweifeln dürfen. Das gilt
dann auch für die zumeist soziologisch inspirierten Zeitdiagnosen, deren Haltbar-
keitsdatum ja auch immer kürzer wird und bei denen nicht zu erkennen ist, dass
sie sich besonders intensiv der Politischen Theorie und Philosophie bedienen wür-
den. Es ist im Übrigen auch eine falsche Vorstellung zu glauben, bei Zeitdiagnosen
gehe es in erster Linie um empirische Richtigkeit und theoretische Stringenz und
die Politische Theorie und Philosophie könnten oder sollten hier korrigierend tätig
werden. Zeitdiagnosen sind selten empirisch unangreifbar und noch viel seltener
theoretisch wirklich gut durchargumentiert. Vielmehr sind sie – so die plausible
These von Fran Osrecki (2018, S. 471–475) – zu einer Art Theorieersatz geworden:
Man einigt sich in verschiedenen Lagern der Soziologie darauf, dass irgendwo eine
interessante Zeitdiagnose vorliegt und redet dann darüber. Zeitdiagnosen erfüllen
eine Kommunikationsfunktion in einer zerklüfteten Wissenschaftslandschaft, wei-
tergehende Ansprüche sollten und können sie auch oft nicht erheben. Kurz, vieles
deutet darauf hin, dass der Normativismus Schwierigkeiten haben dürfte, Anschluss
an soziologische oder sozialtheoretische Debatten zu finden.
Ob nun der politische Realismus aus der Soziologie heraus sehr viel mehr nachge-
fragt wird als der Normativismus? Dies dürfte schwer zu beantworten sein, tendenzi-
ell dann mit Ja, wenn es dieser Richtung der Politischen Theorie und Ideengeschichte
darum geht, mehr sein zu wollen als Theoriegeschichte, sodass systematische Fra-
gen und Wirkungszusammenhänge in den Mittelpunkt rücken. Dann wird Politische
Theorie in der Tat interessant – zumindest für diejenigen in der Soziologie, die oh-
nehin eine gewisse Skepsis gegenüber allzu luftigen Gegenwartsdiagnosen und allzu
wagemutig-abstrakten Gesellschaftstheorien hegen.
Heißt dies aber nun, dass Politische Theorie und Philosophie generell überhaupt
nichts oder nur ganz wenig für die Soziologie bereitstellen könnten, dass Soziolo-
ginnen überhaupt nur wenig von diesen Disziplinen bzw. Subdisziplinen erwarten
sollten? Nein, das heißt es nicht! Denn Politische Theorie und Philosophie, auch die
Ideengeschichte, sind für die Soziologie dann besonders interessant, wenn – und hier
ist das soeben angeführte Argument zuzuspitzen – die dort vorgelegten Analysen
zentralen Annahmen der Soziologie widersprechen,dieserelativieren, modifizieren
etc. Die Soziologie selbst hat ja in ihrer Entwicklung als Disziplin eine ganze Men-
ge an Theoremen und Fragen der neuzeitlichen Politischen Philosophie und Theorie
mit aufgenommen – man denke an das Hobbessche Problem der Ordnung, an dem
sich von Durkheim bis Parsons zahlreiche Soziologinnen abgearbeitet haben, man
denke an die Problematiken der Arbeitsteilung und der sozialen Differenzierung,
K
Politische Theorie und Ideengeschichte im Wissenschaftssystem 759
auf die besonders intensiv in der schottischen Moralphilosophie hingewiesen und
die dann im 19. Jahrhundert von Karl Marx über Herbert Spencer bis hin zu Niklas
Luhmann je unterschiedlich bearbeitet worden sind, oder man denke an Alexis de
Tocquevilles Problemskizze zum Zusammenspiel von Freiheit, Individualismus und
Gleichheit, wie dieses dann in den vorwiegend seit den 1980er-Jahren geführten
sozialwissenschaftlichen Debatten um Gemeinwohlorientierung und Eigennutz zum
Thema wurde. Die Soziologie hat sich also aus heutiger Sicht durchaus auch eine
Menge an problematischem, jedenfalls nicht einfach zu schulterndem Ballast auf-
geladen, womit ein jeder Versuch aus der Politischen Theorie, der Philosophie und
der Ideengeschichte willkommen ist, diesen Ballast in selbstkritischer oder revisio-
nistischer Weise zu prüfen und gegebenenfalls abzuwerfen.
Was das genau heißen kann, lässt sich an zwei Beispielen aus der anglo-ame-
rikanischen Politischen Philosophie und Ideengeschichte kurz demonstrieren, die
beide aus jeweils völlig unterschiedlicher Perspektive – implizit oder explizit – das
extrem einflussreiche soziologische Theorem der sozialen oder funktionalen Diffe-
renzierung ins Visier genommen haben und damit unter Politischer Philosophie und
Ideengeschichte mehr verstehen als nur die Hege und Pflege eines Archivs einmal
entwickelter politischer Ordnungsvorstellungen. Moderne Gesellschaften sind ja – so
lautet das Credo der klassischen Soziologie – funktional differenzierte Gesellschaf-
ten, und diese Einsicht fände sich schon bei den Klassikern, auch bei den Klassikern
der schottischen Moralphilosophie, insbesondere bei Adam Smith. Für die Soziolo-
gie ist nun nicht interessant, wer sich alles im Umfeld von Smith, ob in Glasgow
oder Edinburgh, getummelt hat, auf wen oder was Smith reagierte und wer wiede-
rum ihn attackierte. Für eine an Grundsatzfragen interessierte Soziologieist vielmehr
interessant, ob die Deutung von Smith als einem der ersten Differenzierungstheo-
retiker so überhaupt stimmt, weil aus der diesbezüglichen Einordnung eine ganze
Menge an Konsequenzen zu ziehen sind. Was das bedeutet, hat vor fast 15 Jahren
der mittlerweile verstorbene ungarisch-britische Politikwissenschaftler István Hont
(2005, S. 8) mit Blick auf Smiths Wohlstand der Nationen demonstriert, indem er
darauf aufmerksam machte, wie eng Smith in jenem Zentralwerk der Politischen
Ökonomie und frühen Sozialwissenschaften an David Humes Überlegungen zur mi-
litärischen Überlebensfähigkeit von Staaten anknüpfte. Überzeugend legte Hont dar,
dass Smiths Buch ganz überwiegend keines „about perpetual peace“, sondern eines
über „competitive economic strategy“ gewesen sei. Es sei kein Zufall – so Hont –,
dass das zentrale Kapitel I des fünften Buches („Die Finanzen des Landesherrn oder
des Staates“) sofort mit Reflexionen über „Ausgaben für die Landesverteidigung“
beginnt und mit Überlegungen zur gleichzeitigen oder parallelen Entwicklung von
gesellschaftlichen und militärischen Strukturen anschließt. Hont zufolge ist Smiths
Argumentation im Wohlstand der Nationen somit kein Versuch einer lediglich de-
skriptiven Fassung der zentralen Strukturen einer („modernen“) Marktgesellschaft,
keine bloß theoretische Reflexion über ökonomische Effizienz, sondern ein zutiefst
politisches Unterfangen – geprägt vom militärisch-imperialen Kontext „seines“ Lan-
des und seiner Zeit. Wenn man dies zuspitzen will, so war Smiths Wohlstand der
Nationen ein Plädoyer zur Forcierung einer „ganz spezifischen“ und damit histo-
risch kontingenten Form der Differenzierung zwischen Staat und Markt, um die
internationale und insbesondere militärische Wettbewerbsfähigkeit des Staates, hier
K
760 P. Niesen et al.
des britischen, zu erhöhen.4Hier wird also Politische Theorie und Ideengeschichte
in systematischer Absicht betrieben mit entsprechend hoher Rezeptionsbereitschaft
unter Soziologinnen.
Ein sehr viel jüngeres Beispiel ist das Buch von Quinn Slobodian mit dem Titel
Globalists (2018). Für Soziologinnen ist dieses ideengeschichtliche Buch schlicht
deswegen anregend und eine Provokation, weil es mit den Vorstellungen bricht,
dass (a) die ordnungspolitischen und ökonomischen Entwurfe der frühen Neolibe-
ralen wie Hayek oder Röpke irgendetwas mit Individualismus zu tun gehabt hätten,
(b) dass es diesen Theoretikern in irgendeiner Weise um Demokratie gegangen wäre,
und (c) dass das neoliberale Weltbild überhaupt in erster Linie ein ökonomisches
gewesen sei. Slobodian zeigt vielmehr, dass das Denken von Hayek und seinen Mit-
streitern Ausdruck einer von einer spezifischen historischen Konfliktsituation der
Zwischenkriegszeit geprägten Rechts- und Staatsvorstellung war, die man verstehen
muss, um der Dynamik der neoliberalen Attacken der 1970er-Jahre gerecht werden
zu können. Anders formuliert: Nicht wenige der vermeintlichen Helden der öko-
nomischen Theorie der Zwischenkriegszeit werden in der Perspektive Slobodians
eigentümliche Figuren mit einer spezifischen politischen Agenda, was der Soziolo-
gie wiederum hilft, Differenzierungsfragen neu zu stellen und einzuordnen, mithin
die eigene Fachgeschichte mit den immer weiter tradierten Theoremen (hier demje-
nigen der Differenzierung von Staat und Markt) kritisch zu reflektieren.
Zusammenfassend lässt sich vielleicht mein Argument so formulieren: Politische
Theorie und Philosophie bzw. die Politische Ideengeschichte werden für die Sozio-
logie nicht dann interessant, wenn sie auf das große Ganze (die Gesellschaftstheorie)
zielen, sondern wenn sie es mit bestimmten Middle-Range-Theoremen aufnehmen,
seien dies nun „Differenzierung“ oder eben andere Prozessbegriffe wie „Säkula-
risierung“, „Bürokratisierung“, „Individualisierung“ etc., von denen man sich aus
soziologischer Sicht wünschen würde, sie würden in der Politischen Ideen- und
Theoriegeschichte sehr viel stärker – systematischer und kritischer – in den Mittel-
punkt rücken, um der Soziologie auf die Sprünge zu helfen.
Replik: Selbstvergewisserung hilft nicht
Claudia Landwehr
Die „eigenartige Mischung aus gefühlter Überlegenheit und gefühlter mangeln-
der Wertschätzung“ in der Politischen Theorie und Ideengeschichte, die Michael
Zürn in seinem Beitrag diagnostiziert, ist die klassische Symptomatik narzisstischer
Kränkung. Diese Gefühlslage scheint besonders in den Geisteswissenschaften weit
verbreitet. Ein Doktorand der Anglistik an der Harvard University hat kürzlich in
einem gleichermaßen witzigen wie scharfsinnigen Essay beschrieben, wie diese Ge-
fühlslage eine „Reassurance Lit“ hervorbringe, mit der sich Geisteswissenschaftler
4Darauf verweist auch die Tatsache, dass gerade auch angesichts aktueller politischer und gesellschaftli-
cher Entwicklungen die Differenzierungstheorie längst nicht mehr so unumstritten ist, wie dies noch bis in
die 1980er-Jahre hinein der Fall war.
K
Politische Theorie und Ideengeschichte im Wissenschaftssystem 761
beständig ihrer eigenen Relevanz vergewissern: „We remind ourselves repeatedly
that what we do is difficult, heroic, and critically undervalued“ (Tyson 2020). Dass
solche Selbstvergewisserung allenfalls ein schwacher Trost bleibt, zeigt sich schon
daran, dass sie ständig wiederholt werden muss. Zugleich wird sie wenig dazu bei-
tragen, vorrangig geisteswissenschaftlich arbeitende Forscherinnen – und in diesem
Fall konkret die Politische Theorie – im Wettbewerb mit anderen Fächern und Teil-
disziplinen zu stärken.
Dass die Theorie-Sektion zu dieser Diskussion kritische Außenperspektiven aus
der Vergleichenden Politikwissenschaft, den Internationalen Beziehungen und der
Soziologie erbeten hat, zeigt, dass man sich dieses Problems bewusst ist. Auch ich
habe kein Interesse an weiterer Selbstvergewisserung und schließe mich der Kritik
der Fachkollegen am Zustand der Politischen Theorie weitestgehend an. Gleichzei-
tig sollten wir aber über die kritische Bestandsaufnahme hinausgehen und konstruk-
tiv nach Strategien und Maßnahmen fragen, die uns helfen können, die Politische
Theorie zu stärken. Hierbei darf es nicht nur darum gehen, die Berufungsaussichten
für jüngere Kolleginnen zu verbessern. Für Theoretikerinnen ist dies zweifelsoh-
ne ein professionspolitisch wichtiges Motiv, für Vertreterinnen anderer Disziplinen
und Teilbereiche aber kein Grund, Theorie-Professuren zu erhalten und auszubauen.
Vielmehr müssen wir sie davon überzeugen, dass es darum geht, mit einer star-
ken Politischen Theorie und Ideengeschichte die angemessene Ausbildung unserer
Studierenden, unter denen viele zukünftige Lehrerinnen und damit gesellschaftliche
Multiplikatorinnen sind, sowie den Anspruch und die Qualität politikwissenschaft-
licher Forschung sicherzustellen.
Wie Armin Schäfer feststellt, fehlt es vielen Theoretikerinnen an einem Grund-
verständnis für empirische Methoden, welches Voraussetzung für die von Michael
Zürn angemahnte Anschlussfähigkeit zwischen normativen, pragmatischen und em-
pirischen Zugängen wäre. Dieses fehlende Methodenverständnis wird zum Problem,
wenn Theoretikerinnen zugleich darum bemüht sind, ihre Argumente auf empirische
Befunde zu stützen, dabei aber nicht selten selektiv und unkritisch vorgehen. Es hat
daher seinen guten Sinn, dass immer mehr politikwissenschaftliche Institute, die
ein grundständiges politikwissenschaftliches Studium anbieten, heute eine eigene
Methodenprofessur haben. Wovon wir Kolleginnen aus anderen Teilbereichen und
Hochschulleitungen überzeugen müssen, ist, dass eine Theorieprofessur genauso un-
verzichtbar ist. Wo die Ausbildung in Politischer Theorie und Ideengeschichte leidet,
geht begriffliche Präzision verloren, verschwimmen normative Bewertungsmaßstäbe,
und es fehlt oft auch die Fähigkeit zur Einordnung empirischer Fragestellungen und
Befunde hinsichtlich ihrer praktisch-politischen und normativen Relevanz. Entspre-
chende Fähigkeiten sollten nicht nur Studierenden vermittelt werden: auch empirisch
arbeitende Kolleginnen können in dieser Hinsicht von einem stärkeren Austausch
mit Theoretikerinnen und einer höheren Wertschätzung von Theoriearbeit profitie-
ren. Denn genauso wenig, wie empirische Befunde unkritisch oder selektiv rezipiert
werden dürfen, können normative Begriffe und Bewertungsmaßstäbe theoretisch
unreflektiert und „aus dem Bauch heraus“ verwendet werden – und genau dies ge-
schieht, wenn die Politische Theorie und Ideengeschichte in Lehre und Forschung
vernachlässigt wird.
K
762 P. Niesen et al.
Richtig scheint mir aber auch die Beobachtung, dass viele deutsche Politiktheore-
tikerinnen vergleichsweise selten auf internationalen Konferenzen anzutreffen sind
und überwiegend für ein deutschsprachiges Publikum schreiben. Dies steht in einem
interessanten Widerspruch zu der Tatsache, dass Theoretikerinnen aus dem engli-
schen (und teilweise auch französischen) Sprachraum in der deutschen Politischen
Theorie breit und intensiv rezipiert werden. Wenn viele deutsche Autorinnen trotz-
dem vergleichsweise wenig international publizieren, liegt das sicher nicht daran,
dass es keine passenden Publikationsorte gäbe. Zeitschriften wie das American Po-
litical Science Review, die sich an das gesamte Fach richten, publizieren regelmäßig
Aufsätze aus der Politischen Theorie. Zudem gibt eine Reihe sehr sichtbarer Theorie-
Zeitschriften (Political Theory, The Journal of Political Philosophy, Constellations
u.a.), die zudem dank professionalisierter Redaktion, und vermutlich auch entspre-
chenden Algorithmen, meist passende und kompetente Gutachterinnen finden. Mein
Eindruck ist, dass nicht wenige Kolleginnen vielmehr unwillig sind, Kritik von Gut-
achterinnen anzunehmen und sich der mühsamen Aufgabe zu stellen, eigene Texte
immer wieder zu überarbeiten, um Argumente zu schärfen und richtig verstanden zu
werden. Wer in internationalen und begutachteten Fachzeitschriften publizieren will,
kann deshalb insgesamt weniger publizieren als diejenigen, die bevorzugt in Sam-
melbänden veröffentlichen. Bei der Publikationsstrategie auf „messbare“ Qualität
statt auf Quantität zu setzen, könnte aber den Kolleginnen aus anderen Teilberei-
chen zeigen, dass wir uns an denselben Maßstäben messen lassen wie sie und bereit
sind, uns dem Urteil der Peers zu stellen. Dass internationales Publizieren in der
Politischen Theorie möglich ist, zeigt auch der Erfolg von Kolleginnen aus der prak-
tischen Philosophie, die hier deutlich weiter sind und für politikwissenschaftliche
Theoretikerinnen zunehmend zur Konkurrenz in Berufungsverfahren werden (was
umgekehrt definitiv nicht der Fall ist).
Zuletzt möchte ich aber noch einige skeptische Überlegungen zur öffentlichen
Sichtbarkeit und interdisziplinären Nützlichkeit der Politischen Theorie formulie-
ren. Armin Schäfer hat recht, wenn er feststellt, dass etwa die Wahl- und Einstel-
lungsforschung von den Medien sehr viel stärker nachgefragt wird als die Theorie:
Gerade in unsicheren Zeiten wächst die Sehnsucht nach harten und vermeintlich
objektiven Zahlen. Zugleich sehe ich durchaus immer wieder Kolleginnen, die un-
sere Teildisziplin erfolgreich in der Öffentlichkeit vertreten. Allerdings geht es dann
seltener darum, eigene Forschungsergebnisse zu präsentieren, als darum Angebote
zur Einordnung und Bewertung aktueller Entwicklungen und Ereignisse zu machen.
Was die eigene Forschung angeht, wissen Politiktheoretikerinnen natürlich, dass es
in der Wissenschaft und Wissenschaftskommunikation keinesfalls so ist, dass sich
jedes Angebot seine öffentliche und mediale Nachfrage selbst schafft. Aber das ist
auch gut so: Politische Theorie ist kein Konsumgut. Gerade die so wichtige Kritik
rechtfertigt sich nicht aus der Nachfrage, sondern aus den Missständen und Pro-
blemen, die sie adressiert. Deshalb sollten wir uns nicht dazu hinreißen lassen, mit
Blick auf öffentliche Sichtbarkeit „nachfrageorientiert“ zu forschen.
Dasselbe gilt für die auch in der Forschungsförderung immer wichtiger werdende
interdisziplinäre Kooperation. Die Politikwissenschaft insgesamt und die Politische
Theorie im Besonderen dürfen sich hier nicht zur Hilfswissenschaft degradieren
lassen und sich als geisteswissenschaftliches Feigenblatt für lebens- oder naturwis-
K
Politische Theorie und Ideengeschichte im Wissenschaftssystem 763
senschaftliche Großprojekte anbieten. Interdisziplinäre Zusammenarbeit muss auf
Augenhöhe erfolgen. Synergieeffekte entstehen dort, wo Methoden und Zugänge
komplementär sind und unterschiedliche disziplinäre Perspektiven auf dieselben
Phänomene eine vollständigere Erfassung und Bewertung dieser ermöglichen. In
den vergangenen Jahren hat das Erstarken des Populismus zu einem Boom der
entsprechenden Forschung geführt, der empirische Politikwissenschaft und Politi-
sche Theorie verstärkt miteinander ins Gespräch gebracht hat. In den kommenden
Jahren könnten und sollten die empirische und die theoretische Politikwissenschaft
gemeinsam einen Beitrag dazu leisten, Regierungsentscheidungen in der Corona-
Krise einzuordnen und zu bewerten und gemeinsamen mit anderen Fächern die
wirtschaftlichen, sozialen und politischen Folgen der Krise kritisch zu analysieren.
Replik: Selbsterkenntnis des Wissenschaftssystems
Regina Kreide
Die Selbstverständigung über die eigene Disziplin erfasst in regelmäßigen Abständen
den wissenschaftlichen Alltag. Sie zeugt nicht notwendigerweise von einer Krisen-
stimmung in der jeweiligen Disziplin (Was wurde versäumt?), sondern kann auch
auf Aufbruch und Veränderung hinweisen (Was muss sich ändern?). Die allesamt
erhellenden Beiträge von Wolfgang Knöbl, Armin Schäfer und Michael Zürn kon-
frontieren die Politische Theorie und Ideengeschichte – zugespitzt gesagt – mit der
Einsicht, dass sie zu häufig in den Spiegel blickt und das auch nur, um sich von
der eigenen Vollkommenheit zu überzeugen. Selbstkritik und eine ernsthafte Aus-
einandersetzung mit historischen Versäumnissen und Veränderungspotenzialen sieht
anders aus, so der Tenor. Ein zurecht erhobener Vorwurf! Allerdings scheinen mir
Versäumnisse nicht nur bei jenen zu liegen, die sich der Politischen Theorie zu-
gehörig fühlen. Auch die Kritikpunkte, so plausibel sie im Einzelnen sein mögen,
greifen letztlich zu kurz. Aus allen drei Beiträgen spricht eine spezifische Auffas-
sung dessen, was eine wissenschaftliche Disziplin auszeichnet. Unterstellt wird, dass
es sinnvoll ist, trennscharfe disziplinäre Zuordnungen zu betreiben und eine klare
Bestimmung vorzunehmen, was – in diesem Fall – zur Politischen Theorie gehört
und was eben nicht. Daraus spricht – man möge mir die Polemik verzeihen – ei-
ne gewisse „Disziplinversessenheit“, die einer kritischen Analyse und Beurteilung
komplexer gesellschaftlicher Verhältnisse im Wege stehen kann.
Interessanterweise fordern alle drei Autoren, dass sich die Politische Theorie in
der einen oder anderen Weise der empirischen Forschung öffnen und disziplinäre
Grenzen überschreiten sollte. Auch diese Meinung teile ich. Aber jene immer noch
recht schmal angelegte Transzendierung wissenschaftlicher Grenzen – von der nor-
mativen Reflexion hin zu einer stärkeren empirischen Ausrichtung – ist keinesfalls
ausreichend, um gegenwärtige Probleme angemessen analysieren zu können. Zudem
ist damit auch noch nichts darüber gesagt, wie das Zusammenspiel von Empirie und
Normativität aussehen könnte. In der gebotenen Kürze möchte ich darlegen, dass
es angesichts globaler gesellschaftlicher Verflechtungen und Bedrohungen hilfreich,
wenn nicht sogar geboten wäre, disziplinär definierte Bereiche nur als institutionelle
K
764 P. Niesen et al.
Ausgangsplattformen zu sehen, die wissenschaftliche Arbeit jedoch gemeinsamer
Analyse gesamtgesellschaftlicher Tendenzen zu widmen. Das wäre eine Weichen-
stellung, die den Blick auf Forschungsfragen von vorneherein verändert. Zwei An-
nahmen, die zum einen die disziplinäre Grenzziehung und zum anderen das Theorie-
Praxis-Verhältnis betreffen, liegen meinen Überlegungen zugrunde.
Zum einen spiegelt die Einteilung des Wissenschaftsbetriebs nicht die notwendi-
gen wissenschaftlichen Problemanalysen und Herangehensweisen wider. Tatsächlich
sind wissenschaftliche Disziplinen – wie etwa schon Bruno Latour und Steve Wool-
gar (1986) gezeigt haben – künstlich geschaffene Formen der Wissensorganisation,
das heißt, sie sind das Ergebnis von Machtverhältnissen und Karrierestrategien und
meistens weit davon entfernt, sich über eine gesamtgesellschaftliche Problembear-
beitung zu definieren. Die in rascher Folge auftretenden jüngsten Krisen zeigen,
dass weder Finanz- und Wirtschaftsexpertinnen für die Finanzkrise noch Virolo-
ginnen (wobei es in den allermeisten Fällen Männer sind) und andere medizinische
Expertinnen für die „Corona-Krise“, so wichtig wie ihre Meinung auch in der jewei-
ligen Krise sein mag, alleine in der Lage sind, die Situation angemessen analysieren
und bewerten können – was die meisten von ihnen auch ganz offen zugeben. Ge-
sellschaftswissenschaftliche, psychologische, ethische, künstlerische Perspektiven
wären wünschenswert, um ein breiteres Bild über Ursachen der Krisen und Fol-
gen für die verschiedenen Bevölkerungsgruppen sowie, ganz wichtig, die möglichen
Maßnahmen zu deren Überwindung zu erhalten.
Für einen der komplexen Situationen angemessenen Erkenntnisgewinn ist es un-
erlässlich, dass sich wissenschaftliche Disziplinen füreinander und für die Einsichten
und Methoden der anderen öffnen. Im Idealfall ergibt sich daraus ein interdiszipli-
näres Zusammenarbeiten, in dem man sich ausgehend von gesellschaftlichen Pro-
blemen um Analysen, Kritik und emanzipative Lösungen bemüht. Das erfordert von
Anfang an, am besten bereits mit Beginn des Studiums, dass umfangreiches Wis-
sen über gesamtgesellschaftliche Prozesse und eine Pluralität von Methoden gelehrt
wird, um eine habituelle Offenheit für andere Disziplinen zu gewinnen. Dann werden
sich letztlich die verschiedenen Wissenselemente und wissenschaftlichen Praktiken
als Teile einer Gesamttheorie begreifen können.
Zweitens greift selbst eine bloße engere Verzahnung normativer und empirischer
Forschung immer noch zu kurz, denn das allein reflektiert nicht in ausreichendem
Maße das erforderliche Verhältnis zwischen Theorie und Praxis. Theoriebildung
ohne den Bezug zur Praxis ist aber schlechterdings nicht denkbar bzw. schlechte
Theorie. Das ist auch unter den drei Autoren unstrittig. Wie aber sollte der ,Bezug
zur Praxis’ aussehen? Theorie selbst muss sich, wie Max Horkheimer hervorhebt,
als einen Teil des Lebenszusammenhangs begreifen, den sie zu erfassen versucht
(etwa Horkheimer 1937). Damit reflektiert Theorie von vorneherein ihre eigenen
Bedingungen und versteht sich als Teil der Praxis, die sie analysiert. Das hat nicht
nur Folgen für die Theorie, sondern eben auch für die Praxis. Konsequenterwei-
se nämlich können Phänomene wie Ausbeutung, Naturzerstörung, Entfremdung,
Ausgrenzung nicht in der Theorie, sondern nur in der Praxis überwunden werden.
Wissenschaft wird in diesem Verständnis selbst zu einer Praxis, die nicht nur be-
schreibt, erklärt und begründet, sondern Lösungen vorschlägt, die die Verhältnisse
verändern könnten.
K
Politische Theorie und Ideengeschichte im Wissenschaftssystem 765
Auch historisch betrachtet ist diese Auffassung des praktischen Bezugs von Wis-
senschaft durchaus plausibel. Es gibt keine für alle Zeiten festgelegte stabile Ord-
nung des Wissens oder einen privilegierten Zugang zum Wissen, durch den wissen-
schaftliche Maßstäbe und Disziplinen für immer festlegt wären. Die Organisation
wissenschaftlicher Erkenntnisse ist historisch gewachsen und stets in den sozialen
und politischen Kontext eingebunden. In bestimmten Phasen erlangten bestimmte
gesellschaftliche Probleme und ihre wissenschaftliche Bearbeitung besondere Be-
deutung: die Religionskritik war es während des 18. Jahrhunderts, etwas später die
Kritik der politischen Ökonomie, die Auseinandersetzung mit Technik und Natur-
wissenschaften stach im 20. Jahrhundert hervor, ebenso wie gegenwärtig die Kritik
an weltweiter Ungleichheit, am Klimawandel, Antiliberalismus und Rassismus. Die
Vielschichtigkeit und Verwobenheit globaler Probleme erfordert eine immer wieder
aufs Neue auszutarierende Beziehung zwischen Theorie und Praxis, die über eine
bloße Öffnung der Politischen Theorie hin zur Empirie und die Integration empiri-
scher Arbeiten in die normative Theoriebildung hinausreicht. Die Selbsterkenntnis
von Wissenschaft kann also insofern als emanzipatorisch bezeichnet werden, als sie
uns von fremdbestimmter Herrschaft und illegitimen Machtverhältnissen befreien
kann. Erkenntnisgewinn erfolgt durch gesellschaftliche Praxis.
Letztlich, so lässt sich sagen, erfordert die Selbstverständigung über das eigene
wissenschaftliche Tun einer Disziplin, wie es die Politische Theorie ist, eine Reflexi-
on darüber, wie die Einteilung in wissenschaftliche Disziplinen zustande gekommen
und wie eine praxisbasierte Bearbeitung globaler Probleme möglich ist. Die „Diszi-
plinierung“ des Wissenschaftsbetriebes kann dem wissenschaftlichen Erkenntnisge-
winn auch im Wege stehen. Diskurse über die wissenschaftliche Identität der eigenen
Disziplin lassen sich auch als notwendiger Bestandteil eines jeden wissenschaftli-
chen Arbeitens begreifen. Was nämlich wäre Wissenschaft ohne die regelmäßige
kritische Hinterfragung des eigenen Tuns und Urteilens – was bislang nur einige
Stränge der Politischen Theorie und Ideengeschichte betreiben? Eine kritische Re-
flexion der eigenen wissenschaftlichen Maßstäbe, der inhaltlichen Fokussierung, der
verwendeten Methoden und vor allem der emanzipativen Stoßrichtung ist für jeden
wissenschaftlichen Diskurs unumgänglich. Die hier geforderte Interdisziplinarität
ist nicht interdisziplinär in dem Sinne, dass jede beteiligte Wissenschaft aus ihrer
professionellen Sicht auf einen geteilten Gegenstand blickt und diesen analysiert.
Gefragt ist gegenwärtig vielmehr ein Wissenschaftsverständnis, das sich der eige-
nen Spezialisierung, der eigenen Stärken und Kenntnisse bewusst ist, aber gerade
aus dem Wissen um diese Beschränkung für das Wissen und methodische Vorge-
hen der anderen Disziplinen offen ist und so ein gemeinsam identifiziertes Problem
im gesamtgesellschaftlichen Kontext gemeinsam bearbeitet werden kann. Ich bin
nicht einmal sicher, dass die drei Autoren mir widersprechen würden, denn alle
drei stehen, auch gerade durch ihre institutionelle Einbindung in interdisziplinär
arbeitende Forschungsinstitute, für ein transdisziplinäres Wissenschaftsverständnis.
Womöglich sind auch sie der Ansicht, dass nicht allein mehr empirische Forschung,
sondern mehr wissenschaftliche Grenzüberschreitungen gegenwärtig gefragt sind.
Der Politischen Theorie würde diese Offenheit in jedem Fall guttun.
K
766 P. Niesen et al.
Replik: Methodenpluralismus und Öffentlichkeit
Eva Marlene Hausteiner
Als besonders heterogene Disziplin tritt die Politikwissenschaft zwar nach außen als
ein Fach auf, nach innen aber hat sie es mit klassisch interdisziplinären Problemen zu
tun: Wie können wir trotz unterschiedlicher Methoden produktiv kommunizieren,
wie verbinden wir unsere politikwissenschaftliche Analyse mit begriffskritischer
Reflexion, und wie gelingt Zusammenarbeit unter Beibehaltung unserer jeweiligen
disziplinären Spezifik? Diese innerfachliche Diversität bringt freilich auch ein großes
Privileg mit sich, nämlich einen anhaltenden Dialog mit Forscherinnen, mit denen
uns besonders viel verbindet – nicht nur ein enges institutionelles Band, sondern
auch das gemeinsame Interesse, Politik und das Politische zu verstehen.
Als Politiktheoretikerinnen sollten wir also fachfamiliäre Hinweise besonders
ernst nehmen. Armin Schäfer, Michael Zürn und Wolfgang Knöbl formulieren be-
rechtigte Anregungen, die in unserer Teildisziplin auf offene Ohren treffen werden.
Im Sinne eines anhaltenden Dialoges greife ich aber im Folgenden zwei Punkte her-
aus: Die asymmetrische gegenseitige Wahrnehmung methodischer Praxen sowie das
angebliche Manko öffentlicher Debattierfreude. In beiden Fällen will ich argumen-
tieren, dass Politiktheoretikerinnen aller Façon den genannten Herausforderungen
längst engagiert begegnen – aber auch, dass wir aus guten Gründen auf bestimmten
Spezifika der Politischen Theorie und Ideengeschichte beharren.
Jede Politiktheoretikerin ist gut vertraut mit der Außenwahrnehmung, unsere Teil-
disziplin pflege ein eher separiertes, möglicherweise auch weniger professionalisier-
tes Methodenverständnis. Schon hieraus, so argumentiert Schäfer, ergebe sich eine
unglückliche kommunikative Kluft: Wie kann, so die wichtige Frage, der Kontakt
der Politischen Theorie und Ideengeschichte zu den eher quantitativ-empirisch ar-
beitenden Zweigen des Fachs gelingen?
Die enorme methodische Diversität in den Sozialwissenschaften gehört zu ihren
großen Stärken, führt aber zweifellos oft zu nur mühselig überwindbaren Überset-
zungsbarrieren. Das hat auch mit der asymmetrischen Wahrnehmung der in den
Teildisziplinen üblicherweise praktizierten Methoden zu tun: Die hermeneutischen
Werkzeuge, die in der Politischen Theorie und Ideengeschichte zur Anwendung
kommen, sind bisweilen „von außen“ für Fachfremde besser verständlich als umge-
kehrt jene quantitativ-empirischen Instrumente, die in anderen Teildisziplinen gän-
giger sind.
Es wäre jedoch ein Missverständnis, daraus abzulesen, die politiktheoretische
Methodologie sei darum weniger avanciert, weil sie weniger hermetisch daher-
kommt. Entgegen der von Michael Zürn beobachteten „methodischen Homogenität“
zeichnet sich unsere Teildisziplin durch einen bemerkenswerten Methodenpluralis-
mus aus, der immer wieder Gegenstand einer durchaus kontroversen Verständigung
ist.5Zudem nimmt seit geraumer Zeit auch bei uns eine anspruchsvolle Metho-
den(aus)bildung einen hohen Stellenwert ein. Die Politische Ideengeschichte stellt
5Zum politiktheoretisch-ideengeschichtlichen Methodenpluralismus siehe Busen und Weiss (2013)sowie
Dryzek et al. (2008).
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Politische Theorie und Ideengeschichte im Wissenschaftssystem 767
hierfür ein gutes Beispiel dar: Aus den großen Schulen der Ideengeschichte wie der
Cambridge School, der Begriffsgeschichte oder der Genealogie nach Foucault, die
sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten deutlich von ihren nationalen Herkunfts-
kontexten emanzipiert haben, haben sich neue Zugriffe herausgebildet: ideologiekri-
tische Genealogie, begriffsfokussierte Diskursanalyse, realistische Challenge-und-
Response-Analyse oder auch die interkulturell vergleichende politische Theorie.6
Diese Debatten sind in hohem Maße dynamisch und internationalisiert – auch wenn
gerade in der Politischen Ideengeschichte weiterhin viel auf Deutsch publiziert wird.
Dass neben Englisch nach wie vor in deutscher Sprache (oder auch in anderen
Sprachen) publiziert wird, hat übrigens nicht allein mit dem Anspruch auf präzi-
se argumentative Darstellung zu tun. Es geht vielmehr einerseits darum, original-
sprachlichen Quellen gerecht zu werden. Andererseits sollen plurale Adressaten-
kreise angesprochen werden. Von deutschsprachiger Publikationstätigkeit profitiert
dabei auch die von Schäfer angemahnte Adressierung breiterer nichtakademischer
Öffentlichkeiten.
Dank der praktizierten Gleichzeitigkeit von Methodenpluralismus und methodi-
scher Spezialisierung kennt die Politische Theorie und Ideengeschichte die Heraus-
forderung interdisziplinärer Kommunikation also bereits aus dem eigenen Arbeits-
gebiet. Der rege Austausch innerhalb unserer DVPW-Sektion dient nicht zuletzt
dieser laufenden „trans-sub-disziplinären“ Selbstverständigung. Daraus ergibt sich
ein besonderer Vorzug: Dass politiktheoretische Forschung – trotz ihrer anspruchs-
vollen Methodik – oft für Fachfremde recht gut verständlich ist, hat nicht nur mit
ihrem hermeneutischen, sprach- statt datenbasierten Charakter zu tun, sondern auch
mit der Einübung darin, den eigenen methodischen Zugriff gegenüber alternativen
Ansätzen zu begründen und den anderen Forscherinnen auf nachvollziehbare Weise
zu kommunizieren. Die Strategie kann daher nur sein: Eine Internationalisierung ist
notwendig, aber nicht auf Kosten der eigenen methodischen Spezifik und Fachkul-
tur. Der Appell, sich dabei weiterhin um eine verständliche Kommunikation nach
außen zu bemühen, gilt freilich auch für unsere Kolleginnen aus den eher quantitativ
arbeitenden Bereichen: also ihre Ansätze für die sozialwissenschaftliche Nachbar-
schaft und darüber hinaus zugänglich zu kommunizieren und vice versa den hohen
Anspruch des qualitativen Methodenspektrums anzuerkennen und sich mit diesem
auseinanderzusetzen.
Das monierte Defizit in der Öffentlichkeitswirksamkeit der Politischen Theorie
und Ideengeschichte steht ganz offensichtlich im Widerspruch zu unserer Selbst-
wahrnehmung als kommunikativ erfahrene Wissenschaftlerinnen: Wenn es nämlich
zutrifft, dass wir in der Kommunikation unserer Erkenntnisinteressen und Antwort-
versuche versiert sind, weshalb ist unser Teilbereich dann – wie Armin Schäfer
argumentiert – in der öffentlichen Debatte nur spärlich vertreten? Aber trifft diese
Kritik zu? Mir erscheint die empirische Grundlage dieser Einschätzung unklar, denn
die Debattenfreudigkeit gerade vieler noch nicht berufener Wissenschaftlerinnen fällt
auf. Dies ist vor allem deshalb bemerkenswert, weil in der deutschen Wissenschaft
breitenöffentliches Engagement weiterhin nicht immer als karriereförderlich wahr-
6Die Bandbreite aktueller ideengeschichtlicher Zugänge wird umfassender dargestellt in Salzborn (2018),
Beckstein und Weber (2014) sowie Bluhm und Gebhardt (2006).
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768 P. Niesen et al.
genommen wird. Zu den drängendsten Debatten unserer politischen Gegenwart, von
der Migrationspolitik über die Klimakatastrophe bis hin zu geschlechterpolitischen
Debatten nehmen gerade jüngere Vertreterinnen unserer Teildisziplin immer wieder
öffentlichkeitswirksam Stellung – in klassischen Printmedien und den Öffentlich-
Rechtlichen, aber auch in der digitalen Sphäre. Begriffliche Schärfung, historische
Perspektivierung und normativ fundierte Kritik – allesamt Stärken der Politischen
Theorie und Ideengeschichte – sind offenbar gefragt. An der seit März die Auf-
merksamkeit monopolisierenden Pandemiesituation ist dies durchaus abzulesen: Für
die historisierende Dekonstruktion der Rhetoriken von Krieg und Ausnahmezustand,
die Suche nach den Wurzeln der nun sichtbaren Folgen des Neoliberalismus und die
kritische Prüfung der ubiquitären Verweise der Politik auf die „unpolitische“ Exper-
tise der Wissenschaft ist unsere Teildisziplin prädestiniert und nachgefragt. Nicht
zuletzt gehören das Wirken von Intellektuellen und die kritische Reflexion politik-
wissenschaftlicher Politikberatung zu den „Stammthemen“ der Politischen Theorie
und Ideengeschichte. Zurecht betont Wolfgang Knöbl die Fähigkeit der Politischen
Theorie und insbesondere der Ideengeschichte, etablierte Annahmen und dominante
historische Narrative kritisch zu prüfen – das damit einhergehende Provokationspo-
tenzial hat sich als überaus debattentauglich erwiesen.
Soll es freilich künftig noch mehr politiktheoretische und ideengeschichtliche
Wortmeldungen gerade jüngerer Wissenschaftlerinnen zu gesellschaftspolitischen
Themen geben, dann liegt ein aussichtsreicher Weg in der Förderung nichtprekä-
rer Beschäftigungsverhältnisse. Eine Verbesserung struktureller Bedingungen wäre
sicherlich hilfreich, damit Politiktheoretikerinnen ihre begriffliche, historische und
kritische Perspektive noch mehr in die öffentliche Debatte einbringen. Momentan
erleben wir allerdings eher das Gegenteil: nämlich einen sukzessiven Rückbau der
Politischen Theorie und Ideengeschichte an vielen Instituten – und das, obwohl die
Bedeutung unserer Teildisziplin für die Politikwissenschaft als Demokratiewissen-
schaft (wie auch vielerorts ganz konkret etwa für eine fundierte Lehramtsausbil-
dung) kaum infrage steht. Soll die Politische Theorie und Ideengeschichte weiter
wirksam ihren Beitrag zur demokratisch-gesellschaftlichen Selbstreflexion leisten,
kommt man an der Ressourcenfrage nicht vorbei. Statt einer machtpolitisch verkürz-
ten, die mittel- und langfristigen Folgen aus dem Blick verlierenden Ressourcen-
konkurrenz sollten wir daher – so mein Vorschlag – die produktiven innerfachlichen
Auseinandersetzungen und Verständigungsprozesse dafür nutzen, das Fach in seiner
Heterogenität zu stärken und zu integrieren. Dazu gehört auch, gemeinsam dafür
zu sorgen, dass in der Arbeitsteilung der Sozialwissenschaften die grundlegende,
kritisch-reflexive sowie historisch perspektivierende Rolle der Politischen Theorie
und Ideengeschichte weiterhin fest verankert ist.
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Politische Theorie und Ideengeschichte im Wissenschaftssystem 769
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... Dieser Beitrag verbindet eine Replik auf die 2020 veröffentlichte Debatte zum Stellenwert der Politischen Theorie (PT) und Ideengeschichte im Wissenschaftssystem (Niesen et al. 2020) mit Verweisen auf hochrelevante wie schwierige Fragen zu transnationaler Repräsentation. Wir vertreten die These, dass die feministische Beschäftigung mit transnationaler Repräsentation exemplarisch Ansätze zur Verbindung von normativer und empirischer Forschung zur Verfügung stellt und zugleich zeigt, wie komplex und problembehaftet solche Verbindungen sind. ...
... Während innerhalb der PT diese Erneuerungen eher als Produkte einer sich aktualisierenden theoretischen Diskussion angesehen werden (siehe Regina Kreides Beitrag in Niesen et al. 2020;Näsström 2015), wird in der IB der neue repräsentationstheoretische Diskurs als Reaktion auf Entwicklungen "in der wirklichen Welt" dargestellt. Referenzpunkte sind top-down formulierte Ansprüche, zivilgesellschaftliche Akteure stärker einbinden zu wollen, oder Proteste wie das sogenannte Battle of Seattle (1999), die zeigen, dass internationale Organisationen (IOs) als demokratisch illegitim wahrgenommen werden. ...
... Von feministischen Ressourcen können sowohl die PT als auch die IB und disziplinübergreifende Dialoge profitieren -gerade dort, wo Diskrepanzen zwischen normativer Theorie und empirischer Forschung beklagt und nach Wegen gesucht wird, beides stärker miteinander zu verknüpfen. Dies ist nicht nur, wie bereits ausgeführt, in der Debatte (Niesen et al. 2020) der Fall, der für die vorliegende Diskussion den Ausgangspunkt bildete. Diskrepanzen zwischen normativer Theorie und empirischer Analyse stellen darüber hinaus und auch jenseits des deutschen Kontexts ein vielerorts diagnostiziertes Problem dar (vgl. ...
Article
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Zusammenfassung Wer darf für wen jenseits des Staates sprechen, und welche Identitäten werden durch dieses Sprechen erst angeboten und erzeugt? Auch wenn die theoretische wie praktische Relevanz dieser Fragen klar zu ersehen ist, bergen sie eine Reihe von Herausforderungen. Wir möchten in einer Replik auf eine 2020 erschienene Debatte Verweise auf sehr relevante wie schwierige Fragen zu transnationaler Repräsentation mit der These verbinden, dass die feministische Beschäftigung mit transnationaler Repräsentation exemplarisch Ansätze zur Verbindung von normativer und empirischer Forschung zur Verfügung stellt. Bedauerlicherweise wurde die feministische Repräsentationstheorie und die Inspiration, die von ihr ausgeht, in der Debatte nicht beachtet. Über eine fokussierte Besprechung der Beiträge der Internationalen Beziehungen und der Politischen Theorie zeigen wir, dass feministische Interventionen im Spannungsfeld zwischen Theorie und Praxis stetige Kritik an aufkommenden Ungleichheiten und Identitätskonstruktionen leisten. Darin schließlich tragen sie zu einer Verunsicherung von theoretischen Vorannahmen bei, die für eine empirisch informierte Politische Theorie entscheidend ist.
Article
Die pointierte, didaktisch personalisierende Skizze parallelisiert die institutionelle Stellung und Bedeutung politikwissenschaftlicher Theoriediskurse mit Epochen der Gründung und der Formierung eines ethischen Idealismus und Normativismus, der nach 1989 dann - von Habermas zu Münkler - verstärkt mit einem machtanalytischen Realismus beantwortet wurde. Sie plädiert für eine institutionelle und politische Betrachtung der Theoriediskurse und stellt mit der Markierung einiger Etappen und Pfade implizit die Frage nach der Zukunft der Theorielehrstühle im Fach.
Book
Das Handbuch bildet die Pluralität der Ideengeschichte in den Disziplinen ab und zeigt, dass eine Reihe von Methoden in der ideengeschichtlichen Forschung existiert, die aber nur selten explizit gemacht werden. Herzstück des Handbuches ist ein historisch-systematisch untergliederter Zugang, der Pluralität wie Referenzialität (in) der Ideengeschichte abbildet und historisch rekonstruiert. In der Erforschung der Ideengeschichte verbindet sich intellektuelles Wissen mit der Geschichte politischer Interessen und ihrer Konflikte, was die Ideengeschichte zum historischen Speichermedium wie zur Blaupause für gegenwärtige Analysen macht.
Chapter
Der folgende Beitrag umreißt die Geschichte und Struktur gegenwartsdiagnostischer Ansätze in der deutschsprachigen Soziologie. Dabei wird deutlich, dass Gegenwartsdiagnostik ein umstrittenes Genre mit teils hart umkämpften Grenzen ist. Von vielen Seiten als intellektuell unseriös gebrandmarkt, werden diesem Genre gleichzeitig wichtige Funktionen für die öffentlich-massenmediale Sichtbarkeit der Soziologie zugeschrieben. Dargestellt werden einige Probleme in der historischen Rekonstruktion dieses Genres, die insbesondere daraus resultieren, dass es schwierig ist, die Unterschiede zwischen gegenwartsdiagnostischer und gesellschaftstheoretischer Soziologie analytisch präzise zu benennen. Vor diesem Hintergrund wird als Alleinstellungsmerkmal gegenwartdiagnostischer Argumentation der „retrospektive Realismus“ beschrieben – ein Argumentationsschema, durch welches die Beschreibung gegenwärtiger Epochenbrüche narrativ plausibilisiert wird. Am prominentesten Beispiel deutscher Gegenwartsdiagnostik nach 1945, Ulrich Becks „Risikogesellschaft“, wird die Entfaltung dieser Argumentationsfigur nachgezeichnet. Der Beitrag schließt mit einigen Überlegungen zum gegenwärtig sich vollziehenden Funktionswandel gegenwartsdiagnostischer Argumentation.