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Erzählungen auf TikTok lesen und verstehen

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Die bei Jugendlichen sehr beliebte App TikTok besteht aus von den NutzerInnen gedrehten Videos: kurze, mit Musik hinter-legte Unterhaltung für Smartphones. Das Video wird von einer Beschreibung und einem Link auf die verwendete Musik be-gleitet. So können andere Videos gefunden werden, die mit denselben Songs arbeiten. Was harmlos erscheint, hat auch düstere Seiten: Der Algo-rithmus von TikTok folgt den Prinzipien von «addictive de-sign», das heisst, er führt in der Tendenz dazu, TikTok länger zu nutzen, als beabsichtigt wird. Gleichzeitig unterdrückt er bestimmte Beiträge und hebt andere hervor. Wie das geschieht, ist kaum nachvollziehbar. So ist es schwierig, Tik-Tok demokratisch zu nutzen. Zudem greift TikTok über die App auf viele Daten zu, die möglicherweise vom chinesischen Staat genutzt werden. Diese Bedenken tun der Beliebtheit der App bei Jugendlichen jedoch keinen Abbruch, sollten in einem Unterrichtssetting aber angesprochen werden. Wie TikTok-Videos erzählen Als Anschauungsbeispiel für die folgenden Ausführungen di-enen Videos des Profils @happykelli der US-amerikanischen Schauspielerin und Tänzerin Kelli Erdmann. Zwei Videos von @happykelli zeigen die Möglichkeiten, wie in TikTok-Videos Geschichten erzählt werden. Im ersten Video startet eine Figur in den Tag: Sie steht auf, zieht sich an, frühstückt, putzt sich die Zähne … Dabei entscheidet sie sich auch für Gefühle: Passende zieht sich die Figur an, andere weist sie ab. Zum Schluss liegt die Protago-nistin aber wieder im Bett, ein Tunnel führt in ihr Inneres. Ihr Gesicht singt den Refrain des Begleitsongs unsicher a capella. Was ist an dieser Erzählung bemerkenswert? Erstens ver-wendet @happykelli eine spezielle Videotechnik, bei der Teile des Körpers-etwa ein fröhliches Gesicht-ins Video hinein-fliegen und plötzlich zur Position der Tänzerin passen und von ihr «aufgenommen» werden. Zweitens wird die positive Geschichte einer jungen Frau, die sich mental auf den Alltag vorbereitet, am Schluss erzählerisch gebrochen. Sie führt in einem für TikTok typischen Loop zurück ins Bett. Ist der Anfang realistisch erzählt, bringt der Schluss eine surreale Wendung, die Fragen nach der Identität und der psychischen Verfassung der Protagonistin aufwirft. Beide Aspekte der Erzählung laden zu einer Deutung ein: Ist die positive Haltung eine Fassade, die Unsicherheit oder 17 SCHWERPUNKT: ERZÄHLEN IM DIGITALEN RAUM Wer heute auf den Bus wartet, kann sich so lange auf der App TikTok unterhaltsame Videos ansehen. Ein Algorith-mus wählt sie so aus, dass sie zu den persönlichen Vorlieben passen. Viele der Videos setzen innovative, überra-schende Erzählformen ein. Wie diese zugänglich gemacht werden können, um Ausgangspunkte für Lerneinheiten darzustellen, zeigt der Artikel.
Die bei Jugendlichen sehr beliebte App TikTok besteht aus von
den NutzerInnen gedrehten Videos: kurze, mit Musik hinter-
legte Unterhaltung für Smartphones. Das Video wird von einer
Beschreibung und einem Link auf die verwendete Musik be-
gleitet. So können andere Videos gefunden werden, die mit
denselben Songs arbeiten.
Was harmlos erscheint, hat auch düstere Seiten: Der Algo-
rithmus von TikTok folgt den Prinzipien von «addictive de-
sign», das heisst, er führt in der Tendenz dazu, TikTok länger
zu nutzen, als beabsichtigt wird. Gleichzeitig unterdrückt er
bestimmte Beiträge und hebt andere hervor. Wie das
geschieht, ist kaum nachvollziehbar. So ist es schwierig, Tik-
Tok demokratisch zu nutzen. Zudem greift TikTok über die
App auf viele Daten zu, die möglicherweise vom chinesischen
Staat genutzt werden. Diese Bedenken tun der Beliebtheit der
App bei Jugendlichen jedoch keinen Abbruch, sollten in einem
Unterrichtssetting aber angesprochen werden.
Wie TikTok-Videos erzählen
Als Anschauungsbeispiel für die folgenden Ausführungen di-
enen Videos des Profils @happykelli der US-amerikanischen
Schauspielerin und Tänzerin Kelli Erdmann. Zwei Videos von
@happykelli zeigen die Möglichkeiten, wie in TikTok-Videos
Geschichten erzählt werden.
Im ersten Video startet eine Figur in den Tag: Sie steht auf,
zieht sich an, frühstückt, putzt sich die Zähne … Dabei
entscheidet sie sich auch für Gefühle: Passende zieht sich die
Figur an, andere weist sie ab. Zum Schluss liegt die Protago-
nistin aber wieder im Bett, ein Tunnel führt in ihr Inneres. Ihr
Gesicht singt den Refrain des Begleitsongs unsicher a capella.
Was ist an dieser Erzählung bemerkenswert? Erstens ver-
wendet @happykelli eine spezielle Videotechnik, bei der Teile
des Körpers – etwa ein fröhliches Gesicht – ins Video hinein-
fliegen und plötzlich zur Position der Tänzerin passen und
von ihr «aufgenommen» werden. Zweitens wird die positive
Geschichte einer jungen Frau, die sich mental auf den Alltag
vorbereitet, am Schluss erzählerisch gebrochen. Sie führt in
einem für TikTok typischen Loop zurück ins Bett. Ist der
Anfang realistisch erzählt, bringt der Schluss eine surreale
Wendung, die Fragen nach der Identität und der psychischen
Verfassung der Protagonistin aufwirft.
Beide Aspekte der Erzählung laden zu einer Deutung ein:
Ist die positive Haltung eine Fassade, die Unsicherheit oder
17
SCHWERPUNKT: ERZÄHLEN IM DIGITALEN RAUM
Wer heute auf den Bus wartet, kann sich so lange auf der App TikTok unterhaltsame Videos ansehen. Ein Algorith-
mus wählt sie so aus, dass sie zu den persönlichen Vorlieben passen. Viele der Videos setzen innovative, überra-
schende Erzählformen ein. Wie diese zugänglich gemacht werden können, um Ausgangspunkte für Lerneinheiten
darzustellen, zeigt PHILIPPE WAMPFLER*.
ERZÄHLUNGEN AUF TIKTOK
LESEN UND VERSTEHEN
BUCH&MAUS 3/2020
*PHILIPPE WAMPFLER ist Deutschlehrer an der Kantonsschule Enge und
beschäftigt sich in seinen Publikationen mit Bildung und Digitalität.
Für Hinweise zu diesem Artikel bedankt er sich bei Basti Hirsch und Silvia
Rosenthal Tolisano, vgl. http://langwitches.org/blog/2020/06/06/tiktok-
beyond-the-frivolous/.
Kelli Erdmann setzt sich in einem ihrer fröhlich-
absurden Tiktok-Video das Gesicht für den Tag auf.
WWW.TIKTOK.COM/@HAPPYKELLI/VIDEO/6823189171385928965 ©TIKTOK 2020.
depressive Züge überdeckt? Steuert der Refrain des gewählten
Songs die Handlung des Videos und zeigt dies, dass TikTok-
Erzählungen von den Gegebenheiten der Plattform bestimmt
werden?
Authenzität und Verfremdung
Ein zweites Video bezieht sich auf den ersten viralen Hit von
@happykelli, das erste Video auf ihrem Kanal, das über zwei
Millionen Mal angeschaut wurde und in dem die oben
beschriebene Körperteil-Technik eingeführt wurde. Das hier
diskutierte Video greift einen Kommentar dazu auf: «imagine
how silly she looks without the effects». Im Splitscreen ist
oben das Original mit Effekten zu sehen, unten dasselbe Video
ohne Effekte. @happykelli antwortet nicht direkt auf den
Kommentar, sondern zeigt, wie die Tänzerin ohne Effekte
aussieht. Das Publikum kann beurteilen, ob das «silly» ist.
Diese Erzählung ist interaktiv, sie besteht aus einer Frage
und einer Antwort beziehungsweise einem fiesen Kommentar
und einer entwaffnenden Reaktion. Auch hier wird ein Bezug
zu einer auf TikTok verbreiteten Technik hergestellt: Virale Vi-
deos werden von Making-of-Beiträgen ergänzt. Dieses Video
zeigt das Rohmaterial ganz ohne Effekte. Und doch ist dieses
Rohmaterial nicht authentisch, wir sehen keinen spontanen
Tanz, sondern eine Schauspielerin, die für ein Video tanzt, das
noch bearbeitet werden muss. @happykelli kann davon ausge-
hen, dass die Zuschauenden das Video durch die Perspektive
des ersten Videos sehen und ihren Tanz auf eine sympa -
thische Weise lustig und nicht auf eine gekünstelte Weise doof
finden. Das Video stellt eine Authentizität aus, die nicht davon
ausgeht, das echte Leben spiele sich offline ab, sondern die
zeigt, wie sich Menschen verstellen, um auf Social Media Rol-
len einnehmen zu können. So enthält der Beitrag eine Kritik
der Tendenz, im Netz möglichst «real» erscheinen zu wollen.
Zusammengefasst erzählen TikTok-Videos auf vier Arten:
Erstens durch Rhythmus, Struktur und Inhalte aus den Musik-
stücken, mit denen sie unterlegt sind; zweitens mit Loops,
innovativen Schnitttechniken und Verfahren der Verfrem-
dung, um visuelle Effekte zu erzielen; drittens auf mehreren
Ebenen, indem sie auf andere Videos oder Profile verweisen,
sie erweitern, erklären oder kommentieren; und viertens in-
teraktiv, indem sie auf Inputs und Feedback reagieren und
damit Raum für weitere Reaktionen schaffen.
Mit TikTok-Erzählungen arbeiten
Jugendliche begegnen TikTok-Erzählungen in ihrem medialen
Alltag. Sie lernen zusammen mit ihren Peers, damit umzuge-
hen. Wenn Lernumgebungen rund um diese TikTok-Erzählun-
gen geschaffen, werden, dann geht es also nicht um erste
Begegnungen damit, sondern um weitere Ziele: So sollen die
SchülerInnen erstehen lernen, wie diese Videos aufgrund
technischer und filmischer Mittel wirken, sie sollen über diese
Wirkungen kritisch nachdenken und schliesslich selber ähn-
liche Videos herstellen.
Werden die Videos dafür gemeinsam angeschaut, dann ist
dafür ein Lektüreverfahren nötig. Einerseits muss ein sehr
genaues Lesen möglich sein. Dabei kann jede Einstellung,
jeder Schnitt kommentiert werden, während das Video in
einem Loop mehrmals abgespielt wird (Loops sind für TikTok
zentral, weil die App die Videos kontinuierlich abspielt). Auch
Übertragungen in ein anderes Medium, etwa mit Storyboards,
können nachträglich aufzeigen, auf welchen Ideen TikTok-
Videos beruhen.
Andererseits müssen Bezüge und Assoziationen im Netz
nachvollzogen werden, um die Videos zu verstehen. Ju-
gendliche können gut zeigen, auf welche Choreo grafien, Mod-
ephänomene, visuelle Scherze und Videotechniken
TikTok-Beiträge anspielen. Genaue Lektüre und die Ver-
weiszusammenhänge helfen, ein Video wirklich zu verstehen.
Die Begleitung der Lektüre führt zu einer vertieften Aus -
einandersetzung damit, was man in einem dieser kurzen
Videos wirklich sieht. Das ist die Basis für die Reflexions -
arbeit, die danach fragt, was man empfindet, wenn man ein
solches Video sieht.
Der dritte Lernschritt, Medienkompetenz zu beweisen,
indem produktiv ähnliche Erzählungen gestaltet werden, ist
nicht leicht umzusetzen. Hier bräuchte es professionelle
Hinweise und Werkzeuge, die über das hinausgehen, was
Jugendliche selber schon erprobt haben. Diese können an die
ersten beiden Ziele gekoppelt werden: Wenn die Lernprodukte
einer Gruppe Jugendlicher kritisches Feedback erfahren und
reflektiert werden, ist das wiederum eine Grundlage, um tech-
nisch Innovationen umzusetzen. Gibt es zum Beispiel einen
Greenscreen, den Jugendliche benutzen können, dann wird es
möglich, Videotechniken einzusetzen und mit Einbezug von
Rückmeldungen daran zu feilen.
18 SCHWERPUNKT: ERZÄHLEN IM DIGITALEN RAUM
BUCH&MAUS 3/2020
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