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Poetry-Slams als Impuls für eine subjektiv begründete Reflexion wirtschaftswissenschaftlicher Denk- und Sprachkulturen

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Abstract

Zusammenfassung Poetry Slams sind nicht nur unterhaltsam, auch machen sie Lyrik – und damit unterschiedliche sprachliche Ebenen – einem breiteren Publikum zugänglich. Doch birgt ihre Erarbeitung und Präsentation im Rahmen des wissenschaftlichen Hochschulstudiums auch das Potenzial, Bildungsprozesse anzustoßen, die Studierenden die Möglichkeit bieten, drängende gesellschaftliche Probleme zu reflektieren, einzuordnen, wissenschaftlich zu erörtern oder gar zu lösen? Oder anders gefragt: Bieten Poetry-Slams Studierenden die Möglichkeit, (sozio-)ökonomische Themen orientierend, reflektierend und verantwortungsvoll in ihrer eigenen Sprache zu erschließen und sich gemeinsam mit anderen intersubjektiv darüber auszutauschen? Einblicke in die Beantwortung dieser Fragen bietet der vorliegende Beitrag, der ein konkretes Lehr-Lern-Arrangement skizziert, durch das Studierende des Masterstudiengangs „Lehramt an berufsbildenden Schulen – Fachrichtung Wirtschaftswissenschaften“ dazu herausgefordert wurden, eigene Poetry-Slam-Texte zu erarbeiten, präsentieren und reflektieren.
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Poetry-Slams als Impuls für eine
subjektiv begründete Reflexion
wirtschaftswissenschaftlicher Denk-
und Sprachkulturen
Gabriela Hahn, Harald Hantke und Andreas Fischer
Zusammenfassung
Poetry Slams sind nicht nur unterhaltsam, auch machen sie Lyrik – und damit
unterschiedliche sprachliche Ebenen – einem breiteren Publikum zugäng-
lich. Doch birgt ihre Erarbeitung und Präsentation im Rahmen des wissen-
schaftlichen Hochschulstudiums auch das Potenzial, Bildungsprozesse
anzustoßen, die Studierenden die Möglichkeit bieten, drängende gesellschaft-
liche Probleme zu reflektieren, einzuordnen, wissenschaftlich zu erörtern oder
gar zu lösen? Oder anders gefragt: Bieten Poetry-Slams Studierenden die
Möglichkeit, (sozio-)ökonomische Themen orientierend, reflektierend und ver-
antwortungsvoll in ihrer eigenen Sprache zu erschließen und sich gemeinsam
mit anderen intersubjektiv darüber auszutauschen? Einblicke in die
Beantwortung dieser Fragen bietet der vorliegende Beitrag, der ein konkretes
Lehr-Lern-Arrangement skizziert, durch das Studierende des Masterstudien-
gangs „Lehramt an berufsbildenden Schulen – Fachrichtung Wirtschafts-
wissenschaften“ dazu herausgefordert wurden, eigene Poetry-Slam-Texte zu
erarbeiten, präsentieren und reflektieren.
© Der/die Autor(en) 2021
J. Urban et al. (Hrsg.), Wirtschaft neu lehren, Sozioökonomische Bildung und
Wissenschaft, https://doi.org/10.1007/978-3-658-30920-6_17
G. Hahn (*) · H. Hantke · A. Fischer
Leuphana Universität Lüneburg, Lüneburg, Deutschland
E-Mail: gabriela.hahn@leuphana.de
H. Hantke
E-Mail: harald.hantke@leuphana.de
A. Fischer
E-Mail: gabriela.hahn@leuphana.de
Andreas Fischer: verstorben
254 G. Hahn et al.
Schlüsselbegrie
Poetry-Slams · Poetry-Slam-Texte · Sozioökonomische
Hochschulbildung · Lehrerbildung · Welten zwischen Ökonomik und
Ökonomie · Transdisziplinarität · Berufsbildung
1 Entstehungskontext
(Nicht nur) Studierende der wirtschaftsberuflichen Bildung, mit denen wir das
in diesem Beitrag skizzierte Lehr-Lern-Arrangement erprobt haben, werden
während ihrer wissenschaftlichen (Aus-)Bildung mit einer standardisierten wirt-
schaftswissenschaftlichen Lehre konfrontiert und durch das darin vorherrschende
ökonomische Weltbild in ihren Weltanschauungen und Überzeugungen ein-
seitig geprägt (vgl. exemplarisch Bäuerle et al. 2020; van Treeck und Urban
2017).1 Beispielsweise zeigt Graupe (2017a) auf, dass ökonomische Lehrbücher
sogenannte „threshold concepts“ transportieren. Damit sind Konzepte gemeint, die
die objektive Weltsicht ebenso wie das subjektive Selbstverständnis fundamental
und nachhaltig ändern können. In ihren Untersuchungen kommt Graupe zu dem
Ergebnis, dass aufgrund der weltweit standardisierten ökonomischen Bildung
an Hochschulen von Indoktrination gesprochen werden kann. Sie stellt anhand
von sprach- und textbasierten Analysen am Beispiel zweier Standardlehr-
bücher – Economics von Paul A. Samuelson und William D. Nordhaus sowie
Economics von N. Gregory Mankiw – exemplarisch Formen von Beeinflussung
dar, die (Vor-)Verständnisse von Studierenden bis in weltanschauliche Bereiche
größtenteils unbewusst wandeln können. In einem Schwarz-Weiß-Schema werden
z. B. klar positive Assoziationen und Emotionen mit dem Konzept ‚Markt‘ ver-
bunden, während der Staat entweder kaum erwähnt oder aber unterschwellig in
abwertender Weise mit emotional stark negativ behafteten Begriffen assoziiert
wird – und dies weitestgehend ohne empirische Bezüge zu real existierenden
Märkten (Graupe und Fischer 2019; Graupe 2013, 2014, 2017a, 2017b).
Graupe befürchtet, dass die vielfältigen sozialen Wurzeln wirtschaftlichen
Denkens dadurch gekappt werden. Diesen Prozess hält sie für besonders kritisch,
solange eine Reflexion der apriorischen Argumentationsweisen der Mathematik
1Dieser Problembefund greift auf Überlegungen zurück, die wir bereits in Fischer und
Hantke (2020) dargelegt haben.
255Poetry-Slams als Impuls für eine subjektiv begründete Reflexion
in den gebräuchlichen Lehrbüchern weitgehend unterbleibt, die skizzierte ‚Ent-
wurzelung‘ von den Studierenden also nicht reflexiv nachvollzogen werden
kann. Dabei bleibt es jedoch nicht: Die ökonomische Standardlehre beschränkt
sich nicht auf die „Vermittlung“2 eines mathematisch-abstrakten Denkens.
Vielmehr finde – so Graupe – in der wissenschaftlichen Bildung eine Art
„geistige Umpflanzung“ statt: Zunächst wird das wirtschaftliche Denken durch
mathematische Abstraktion aus seinen vormals bestehenden vielschichtigen
soziokulturellen Zusammenhängen gerissen. Auf diese Weise entwurzelt, wird es
sodann in einen neuen Boden impliziter kognitiver Deutungsrahmen eingelassen
(Graupe und Fischer 2019). Dieser Boden besteht im Wesentlichen aus einem
hochgradig selektiven wirtschaftlichen Erfahrungswissen und den sogenannten
deep seated frames, die sich, im Unbewussten verankert, aus weltanschaulichen
und emotionalen Quellen ebenso wie aus wirtschaftsfremdem Erfahrungswissen
speisen. Ein solches selektives wirtschaftliches Erfahrungswissen basiert nicht
nur auf mathematischen Argumentationsfiguren, sondern auch auf abstrakten
Konzepten, die sprachlich transportiert werden. Kognitionswissenschaftlich
betrachtet lassen sich solche Konzepte nicht rein bewusst-kognitiv verarbeiten,
sondern sie aktivieren quasi automatisch ein Netz unbewusster Deutungen
und Interpretationen. Dabei gilt: Je weniger Hintergrundsituationen durch die
sprachliche Vermittlung abstrakter Konzepte aktiviert werden, desto stärker
wird der Spielraum möglicher Interpretationen eingeengt. Kognitionswissen-
schaftlerinnen und -wissenschaftler bezeichnen dieses Phänomen als selektives
framing. Durch die geschickte Wahl von Sprache (und von Bildern) lassen sich
abstrakte Konzepte lediglich an ein sehr begrenztes Erfahrungswissen anbinden.
Dies hat zur Folge, dass alternative Wissensstrukturen ausgeblendet werden und
den Lebenswelten der Lernenden keinerlei Bedeutung mehr eingeräumt wird. Der
interpretative Spielraum für die Deutung realer Phänomene wird also reduziert,
wodurch die kognitive Pluralität verloren geht (Graupe und Fischer 2019).
Vor diesem Hintergrund stellen sich die Fragen, wie die Welten der Wirt-
schaftswissenschaften und die Welten des Alltags zueinanderstehen und
welche Welten für Studierende relevant sind. Antworten auf diese Fragen gibt
2Die Verwendung des Begriffs „Vermittlung“ ist aus unserer Sicht im Kontext von Lehr-
Lern-Prozessen problematisch, da er lerntheoretisch verwendet auf ein Instruktionsdesign
hinweist. Dennoch greifen wir in diesem Abschnitt aus zwei Gründen wiederholt auf
diesen Begriff zurück: zum einen, weil ihn Silja Graupe in ihren Ausführungen selbst nutzt
und zum anderen, um bewusst das hinter dem skizzierten Vorgehen stehende Instruktions-
design zu verdeutlichen.
256 G. Hahn et al.
Priddat (2015), der darauf aufmerksam macht, dass dann, wenn Wirtschafts-
wissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern keine anderen Sprach-, Denk- und
Handlungsweisen als ihre eigenen wahrnehmen, ihren Modellen etwas Ent-
scheidendes fehle: Sie erklären nicht, wie Subjekte sich wirtschaftlich bewegen.
Vielmehr postulieren sie normativ, wie sie sich bewegen sollen. Kurzum: Das,
was Wirtschaftswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler Wirtschaftswissen-
schaften nennen, wird nur von ‚Insidern‘ – den Ökonominnen und Ökonomen
selbst – verstanden. Wirtschaftswissenschaftliche Theorien spiegeln somit
eine Expertenperspektive auf die Wirtschaft – eine Expertenkultur – wider, die
von Alltagsakteuren oftmals anders verstanden und interpretiert wird.3 Das
Wissen sogenannter Ö-Experten, die eine Ö-Sprache sprechen, ist somit nicht
konstitutiv für wirtschaftliche Alltagsakteure, die eine A-Sprache sprechen,
mit der sie an wirtschaftlichen Prozessen teilnehmen, ohne die Ö-Sprache zu
kennen. Diese Akteure haben ihre eigenen Auffassungen, (subjektiven) Theorien
und Konzepte des Ökonomischen, die nicht unbedingt denen der Wirtschafts-
wissenschaftlerinnen und -wissenschaftler entsprechen. Die Kommunikation
zwischen der Ö-Sprache der Ökonominnen und Ökonomen und der A-Sprache
der Alltagsakteure ist somit unvollkommen. Dieses Problem kann durch die
Herausbildung von Zwischensprachen – Soziolekten – relativiert werden, die
Interpretationsspielräume eröffnen (Priddat 2015, S. 43 ff.; Priddat und Fischer
2019). Daraus ergibt sich ein Spannungsverhältnis. Denn die Präzision, wie sie
die Theoretikerinnen und Theoretiker der Ö-Sprache pflegen, erweist sich in
den Alltagswelten als unbrauchbar, weil die Akteure in ihnen ständig inter- und
intradisziplinären Sachverhalten begegnen, die sie flexibel und opportunistisch
erfassen müssen. Dabei sind zugleich Sach-, Zeit- und Sozialdimensionen einzu-
beziehen, die die standardisierten Wirtschaftswissenschaften in ihrer analytischen
Sprache nicht abbilden. Studierende wissen, dass sie im ökonomisch geprägten
Alltag mit Ungenauigkeiten und Ungefährem umgehen müssen und somit oftmals
in ‚Zwischenwelten‘ operieren. Die standardisierten Wirtschaftswissenschaften
achten dagegen darauf, „ihre eine Welt analytisch eindeutig auszubauen“ (Priddat
2015, S. 52). Damit wird eine weitere Facette deutlich: Die Gegensätze zwischen
den Welten der Wirtschaftswissenschaften, in der Ö-Sprache gesprochen wird,
und den Welten des Alltags, in denen A-Sprache gesprochen wird, existieren
dialektisch nebeneinander. In ihrer Gleichzeitigkeit bedingen sie sich, zugleich
3Diese Erkenntnis lässt sich auch auf andere Expertenkulturen übertragen, da sie den
Umgang mit individueller Profession adressiert.
257Poetry-Slams als Impuls für eine subjektiv begründete Reflexion
stehen sie sich diametral gegenüber, wodurch die Kommunikation zwischen
diesen zwei Sprachen bruchstückhaft bleibt. Studierende müssen somit subjektive
Zwischensprachen zur Ent- bzw. Aufdeckung der Zwischenwelten zwischen den
Welten der Wirtschaftswissenschaften und den Welten des Alltags entwickeln, die
interpretationsoffen oder -bedürftig bleiben.
Die Spannungen zwischen diesen Welten können nicht einfach aufgelöst,
sollten aber auch nicht ideologisch dramatisiert werden. Sie sind schlicht vor-
handen und Bedingungen von Bildung. Hier wäre eine gewisse Gelassenheit
geboten, denn alle denkbaren subjektiven Zwischenweltkonstruktionen haben
lediglich vorläufigen Charakter. Eine perfekte Lösung scheint nicht realisier-
bar. Um Missverständnisse zu vermeiden: Es geht nicht darum, die Welten des
Alltags gegen die Welt der standardisierten Wirtschaftswissenschaften auszu-
spielen, sondern lediglich darum, die Unterschiede der Bedeutungsgenerierung
der A-Sprache und der Ö-Sprache sichtbar zu machen, um die sich daraus
ergebenden Konsequenzen und Herausforderungen für die sozioökonomische
Hochschulbildung zu identifizieren.
2 Innovative Lösungen im Sinne einer pluralen,
sozioökonomischen Hochschulbildung
Der im vorangegangenen Abschnitt skizzierte Problembefund verdeutlicht
zusammengefasst, dass der standardisierte wirtschaftswissenschaftliche Wissens-
kanon auf einem Autonomisierungsprozess der modernen Wirtschaftswissen-
schaften basiert. Aus diesem Kanon werden Denkmuster bzw. -modelle losgelöst
von ihrem wissenschaftlichen und ökonomischen Kontext in Lehrbüchern
zusammengefasst, die sich die Studierenden im Sinne eines l‘art pour l‘art
aneignen müssen. Doch welche Möglichkeiten bestehen, Studierende subjektive
Zwischensprachen entwickeln zu lassen, um diesem Phänomen im Rahmen einer
sozioökonomischen Hochschulbildung zu begegnen?
Eine Möglichkeit besteht darin, Studierende Zwischensprachen entwickeln
zu lassen, die auf literarischen Fiktionen basieren. Denn das Privileg der
literarischen Fiktionen liegt in der Arbeit mit provokativen Übertreibungen,
mit Ironie, Satire und Groteskem, mit Mehrdeutigkeiten, Paradoxien, Absurdi-
täten und mit der Verfremdung, dem Geheimen und dem Irrationalen in Grenz-
situationen. So erreichen Fiktionen in der Literatur und auch im Film in ihrer
Ventilfunktion für Lesende und Zuschauende vertiefte, teils zugespitzte Erkennt-
nisse, beeinflussen unsere Wahrnehmung und konstruieren Wirklichkeit(en).
Vor allem kann in der Literatur die Innenwelt der Akteure, ihre Einbettung in
258 G. Hahn et al.
soziale Welten, offengelegt werden. Dabei bekommen komplexe Motive, Gründe,
Affekte, Stimmungen, Informationen, Kalkulationen, Interessen, Hoffnungen,
Normen, Narrative etc. Geltung, die in der Standardökonomik mit Präferenz und
Nutzen viel zu eng gefasst sind (Priddat 2014).
Auf Basis dieser Erkenntnis haben ca. 25 Studierende des Masterstudiengangs
„Lehramt an berufsbildenden Schulen – Fachrichtung Wirtschaftswissenschaften“
im Modul „Masterforum: (Sozio-)ökonomische Bildung an berufsbildenden
Schulen“ zur Erkundung der Welten zwischen Wirtschaftswissenschaften und
Alltagen Poetry-Slam-Texte erarbeitet, präsentiert und reflektiert. Dieses Vor-
gehen verstehen wir nicht allein als modisches Lehr-Lern-Arrangement, sondern
als Impuls, um mithilfe von Sprache die Monokultur der wirtschaftswissenschaft-
lichen Mainstream-Lehre zu reflektieren, alternative Zugänge auszumachen und
zu beschreiten. Dem liegt die Annahme zugrunde, dass Sprache ein zentrales
Merkmal der menschlichen Lebensform ist – wohl wissend, dass es ‚die‘ Sprache
gar nicht gibt. Vielmehr existieren verschiedene, zum Teil miteinander vollends
inkompatible Sprachformen. Konstruktivistisch ausgedrückt: Ebenso wenig, wie
es ‚die‘ Welt gibt, kann von ‚der‘ Sprache die Rede sein. In Sprache spiegelt
sich eine eigenständige Art und Weise wider, die Welt zu begreifen. Auch wenn
sich Sprache auf einen bestimmten Gegenstand bezieht, kann ein und dem-
selben Begriff in verschiedenen Kontexten eine andere oder auch ganz neuartige
Bedeutung zugewiesen werden (vgl. exemplarisch Maturana und Varela 1987).
Exemplarisch sei hier der Markt genannt, der als Ort, als Funktion, als normatives
Prinzip, als Ideologie oder als Mythos aufgefasst werden kann (vgl. exemplarisch
Ötsch et al. 2015).
Vor diesem Hintergrund erhielten die Studierenden im Rahmen der Erprobung
des Lehr-Lern-Arrangements Gelegenheit, die (ökonomischen) Welten in ihrer
eigenen Sprache zu erfassen. Dazu setzten sie sich mit der offen formulierten
Aufgabe auseinander, in Einzelarbeit einen Poetry-Slam-Text zur übergeordneten
Frage zu erarbeiten, zu präsentieren und zu reflektieren, inwieweit man in der
wirtschaftsberuflichen Bildung Wirtschaft anders, quer und neu denken und
gestalten sollte (Fischer und Hahn 2016, S. 5). Als Basis dieses Denkens und
Handelns in Alternativen dienten die Überlegungen des Wirtschaftswissen-
schaftlers Jürgen Freimann (2013), die er in „Des Menschen Wolf. Wie die Herr-
schaft der Geldökonomie unser Leben zerstört und was wir dagegen tun können“
publiziert hat. Konkret erörterten die Studierenden auf dieser Basis Konflikte,
Koalitionen und Widersprüchlichkeiten, die zwischen Geldökonomie und Real-
ökonomie, Politikerinnen/Politikern und Unternehmerinnen/Unternehmern,
Arbeitgeberinnen/Arbeitgebern und Arbeitnehmerinnen/Arbeitnehmern, Unter-
nehmerinnen/Unternehmern und Konsumentinnen/Konsumenten, Politikerinnen/
259Poetry-Slams als Impuls für eine subjektiv begründete Reflexion
Tab. 1 Ausschnitt aus dem Seminarkonzept
Quelle: eigene Darstellung
Seminar-Phase Aufgabenstellungen
Erarbeitungsphase 1) Formulieren Sie in Anlehnung an eines der folgenden
Spannungsfelder, die Jürgen Freimann in „Des Menschen Wolf.
Wie die Herrschaft der Geldökonomie unser Leben zerstört und
was wir dagegen tun können“ skizziert, einen Poetry-Slam-Text:
• Geldökonomie und Realökonomie
Politikerinnen bzw. Politiker und Unternehmerinnen bzw. Unter-
nehmer
Arbeitgeberinnen bzw. Arbeitgeber und Arbeitnehmerinnen bzw.
Arbeitnehmer
Unternehmerinnen bzw. Unternehmner und Konsumentinnen
bzw. Konsumenten
Politikerinnen bzw. Politiker und Konsumentinnen bzw. Konsu-
menten
• Homo oeconomicus und Homo sapiens
Hilfreiche Literatur:
Fischer, A., & Hahn, G. (Hrsg.) (2016). Poetry-Slam-Texte als
Lernimpulse. Neue Ideen für den soziökonomischen Unterricht.
Bielefeld: W. Bertelsmann Verlag
Freimann, J. (2013). Des Menschen Wolf. Wie die Herrschaft
der Geldökonomie unser Leben zerstört und was wir dagegen
tun können. Marburg: Metropolis
Präsentationsphase 2) „Performen“ Sie Ihren Poetry-Slam-Text zum von Ihnen
gewählten Spannungsfeld
Reflexionsphase 3) Erörterten Sie im Hinblick auf die präsentierten Poetry-Slam-Texte
Konflikte, Koalitionen und Widersprüchlichkeiten, die in den
thematisierten Spannungsfeldern bestehen bzw. bestehen können.
4) Reflektieren Sie die präsentierten Poetry-Slam-Texte im Hin-
blick auf die folgenden Fragen:
Inwiefern haben die erörterten Konflikte, Koalitionen und Wider-
sprüchlichkeiten in Ihrem bisherigen Studium eine Rolle gespielt?
Inwiefern haben die erörterten Konflikte, Koalitionen und
Widersprüchlichkeiten in Ihrem bisherigen Leben eine Rolle
gespielt?
Inwiefern werden die erörterten Konflikte, Koalitionen und
Widersprüchlichkeiten in Ihrem zukünftigen Beruf als Lehrer*in
eine Rolle spielen?
Hilfreiche Literatur:
Fischer, A., & Hahn, G. (Hrsg.) (2016). Poetry-Slam-Texte als
Lernimpulse. Neue Ideen für den soziökonomischen Unterricht.
Bielefeld: W. Bertelsmann Verlag
260 G. Hahn et al.
Politikern und Konsumentinnen/Konsumenten sowie dem Homo oeconomicus
und dem Homo sapiens bestehen bzw. bestehen können. Die konkreten Seminar-
phasen und Aufgabenstellungen werden in Tab. 1 dargestellt.
Entstanden sind in diesem Prozess Poetry-Slam-Texte in Form von Gedichten,
Balladen oder Rap-Songs, über die die Studierenden – hineinversetzt in ver-
schiedene Rollen – im Rahmen einer Präsentation intersubjektiv kommunizierten
oder richtiger formuliert: ‚slammten‘. Die Texte erweiterten allesamt die mono-
disziplinäre Perspektive der wirtschaftswissenschaftlichen Hochschulbildung,
indem sie beispielsweise Produzentinnen und Produzenten sowie Konsu-
mentinnen und Konsumenten nicht allein als rational handelnde Individuen,
sondern als verantwortlich handelnde Subjekte betrachteten (Fischer und Hahn
2016, S. 7). Für das Publikum bedeutete dies unter anderem, genau zuzuhören,
wie über das, was als Ökonomie bezeichnet wird, gesprochen wird. Abb. 1 gibt
einen Einblick in einen der dargebotenen Poetry-Slam-Texte.
Anhand des Beispiels in Abb. 1 wird deutlich, dass die Formulierung der
Poetry-Slam-Texte die Studierenden dazu herausforderte, ihren Überlegungen
einen subjektiven Sinn zuzuschreiben. Deutlich wird dies vor allem an der am
Ende des Textes von der Verfasserin formulierten Moral, die ihre subjektive Sinn-
gebung aus der Auseinandersetzung zwischen „Homo oeconomicus“ und „Homo
culturalis“ widerspiegelt. Eine Folge daraus ist, dass die Texte – trotz voran-
gegangener wissenschaftlicher Analyse – einen starken subjektiv-lebenswelt-
lichen Charakter haben (Fischer und Hahn 2016, S. 6).
Bezogen auf den in Kap. 1 formulierten Problembefund verdeutlicht das Bei-
spiel in Abb. 1 somit, dass die Studierenden im Rahmen der Auseinandersetzung
mit ihren Poetry-Slam-Texten dahin gehend sensibilisiert wurden, dass
wirtschaftliche Tatsachen und Zusammenhänge in der wirtschaftswissen-
schaftlichen Sprache der Ökonominnen und Ökonomen (Ö-Sprache) wie auch
in der Alltagssprache (A-Sprache) beschrieben werden können,
es zwischen diesen beiden Sprachen einen mitunter großen Unterschied geben
kann und
vor diesem Hintergrund zwischen der Ökonomik, in der in Ö-Sprache
gesprochen wird, und der Ökonomie, in der in A-Sprache gesprochen
wird, mit einer weiteren, – hier – märchenhaften Sprache Zwischenwelten
erschaffen werden können, die mit subjektiver Sinngebung belegt sind.
Etwas allgemeiner formuliert besteht im Rahmen der sozioökonomischen Hoch-
schulbildung somit – wie in Tab. 2 verdeutlicht wird – eine Möglichkeit zur Über-
setzung von der Ö-Sprache der Ökonominnen und Ökonomen in die A-Sprache
261Poetry-Slams als Impuls für eine subjektiv begründete Reflexion
Homo oeconomicus –Mensch, Maschine, oder doch nur ein rchen?
Es war einmal ein weiser alter Ökonom namens Simplificare. Er lebte in einer Geiz-und Gier-Gesellschaft, in
der war der eigene Nutzen das einzig Elementare.
Sie nannten sich Wirtschaftsmenschen, diese Mitmenschen –die Konsumenten, Produzenten, Arbeitnehmer,
Arbeitgeber und … Politiker?
Ihre Nachwelt scherte sie nicht, denn in ihrer eindimensionalen wirtschaftlichen Vernunft jagten sie
Schnäppchen und Renditen und behandelten die Welt dabei wie Parasiten.
„Denn sie tun nicht, was sie wissen.“ Sagt Jürgen Freimann. Waren sie vielleicht doch noch Steinzeit-
Menschen, diese Wirtschaftsmenschen?
Simplificare hatte es satt. Er musste neu forschen. Etwas Neues finden, was der Welt aus diesem Dilemma half
und ihr nicht jegliche Daseinsgrundlage entzog.
Wo sollte das denn hinführen, diese Nutzenmaximiererei, Angeberei, Feilscherei, Wilderei –war sein Ziel nur
Träumerei?
Nein, dachte er sich und nahm auf seiner Reise seinen bisher immer hilfreichen Wegbegleiter Oeconomicus
mit. Eigentlich war er bloß ein ökonomisches Modell, aber über die Jahre ist er zu Fleisch geworden.
Nun gut, dieser verhält sich stets rational, nutzenorientiert, logisch denkend. Aber er war auch immer bestens
informiert und traf seine Entscheidungen mit Kalkül. So zogen sie gemeinsamlos, auch wenn Oeconomicus
dieses Wort gar nicht kannte. Über Stock und Stein, Berge und Felder, durch ler und Wälder, durch Länder
und Wolkenfelder …
Eines Tages gelangten sie an einen Fluss. Simplificare war sich sicher, hier müssen sie durch, damit sie auf der
gegenüberliegenden Seite zu ihrer nächsten Station gelangen, denn auf seiner Liste waren nicht mehr viele
Stationen übrig und er war langsam etwas verzweifelt.
„Da geh ich nicht durch“, sagte Oeconomicus. „Ich habe berechnet, dass wir zu 51 Prozent durch die Strömung
mitgerissen werden und ertrinken. Wir sollten dieses Ziel auslassen oder die Bäume abholzen, damit wir eine
Brücke bauen können.“ „Nein, das machen wir nicht“, erwiderte Simplificare. „Dann sollten wir umkehren“,
meinte Oeconomicus.
Auf einmal hörten sie hinter sich ein „Hallo“. „Ich bin Culturalis, wollt ihr auch über den Fluss? Ich habe mich
bisher nicht getraut euch anzusprechen. Ich hatte etwas Angst.„Angst, Zweifel, ha, ha, ha …“, lachte
Oeconomicus. Gefühle waren ihm llig fremd.
„Komm, setz dich zu uns, Culturalis, und erzähl uns von dir“, lud Simplificare ihn ein. „Was trägst du da in
deiner Truhe rum?“ „Das ist meine Schatztruhe“, strahlte Culturalis sie an. Dort sammle ich all meine Gefühle,
Empathien, Traditionen, Geschichten –meine sozialen und kulturellen Werte eben.“
„Aha.“ Simplificare schaute skeptisch. „Ist da auch Mut drin?“, fragte er. „Dennnten wir jetzt wohl
gebrauchen“. „Ja“, sagte Culturalis, „und auch Teamgeist, jetzt wo ich nicht mehr allein bin. Soll ich mal
aufmachen?“ „NEIN!“, schrie Oeconomicus, „das re ja so, als rden wir die Büchse der Pandora öffnen.
Wo kommen wir denn da hin? Ich kann messen, zählen, wiegen, und ich sage euch, die Chancen stehen
schlecht!“
„Ich verstehe dich Oeconomicus,du hast auch Angst. Zusammen könnten wir es aber schaffen“, sagte
Culturalis. „An einer Furt, miteinander verbunden, könnte es rein rechnerisch funktionieren. Dort ist das
Wasser flach und die Strömungsgeschwindigkeit geringer“, erwiderte Oeconomicus kühl.
Simplificare hörte den beiden aufmerksam zu und plötzlich wurde ihm alles klar. Er hatte seine sung
gefunden: Er muss die Denkweisen seiner Weggefährten verbinden, damit die Wirtschaftsmenschen zuck zur
Vernunft finden, zum tieferen Gewissen und siewieder tun, was sie bereits wissen.
Und so gingen sie zu dritt weiter auf ihre Reisen. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann werden sie uns
berichten von ihrer neuen Betrachtungsweise.
Und die Moral von der Geschichte: Der eine funktioniert ohne den anderen nicht.
Abb. 1 Poetry-Slam-Text „Homo oeconomicus – Mensch, Maschine, oder doch nur ein
Märchen.“ Quelle: Prinzke 2016, S. 176 f
262 G. Hahn et al.
der Alltagsakteure darin, über Poetry-Slams die L-Sprache der Literatinnen und
Literaten als Zwischensprache einzuführen. Diese L-Sprache entwickelt die
Autorin des Beispieltextes (Abb. 1) mithilfe der märchenhaften Vermensch-
lichung der beiden Konzepte „Homo oeconomicus“ und „Homo culturalis“.
Tab. 2 verdeutlicht ebenfalls, dass die L-Sprache mehr Anschlussmöglich-
keiten und mehr Zugänge für jene Narrative bzw. Geschichten bietet, die sich
A-Akteure als Studierende (und als Lernende) erzählen, da sowohl in der
L-Sprache als auch in der A-Sprache die Kerngedanken der Alltagstheorien
zum Ausdruck gebracht werden können. Sie sind häufig ‚Gewissheitsver-
gewisserungen‘ in unsicheren Situationen. Dabei geht es nicht um wahr oder
falsch, sondern um Plausibilisierungen, also darum, Anschlüsse herzustellen.
Das geschieht nicht über Wahrscheinlichkeitseinschätzungen, sondern über
Narrationen (Beckert und Bronk 2018). Das ‚Wahrscheinliche‘ der A-Sprachen
in der Wirtschaft beruht auf erzählter Vergewisserung, dass andere ebenfalls so
handeln und Situationen ähnlich einschätzen.
3 Folgen und Wirkungen
Am Beispiel des Poetry-Slam-Texts „Homo oeconomicus – Mensch, Maschine,
oder doch nur ein Märchen?“ (Abb. 1) wurde deutlich, dass die Arbeit mit und an
literarischen Fiktionen wie Poetry-Slams mit ihren provokativen Übertreibungen,
mit ihrer Ironie, Satire und dem Grotesken, mit den Mehrdeutigkeiten, Para-
Tab. 2 Welten zwischen Ökonomik und Ökonomie
Quelle: eigene Darstellung in Anlehnung an Tafner 2015, S. 632
Ökonomik,
in der in Ö-Sprache
gesprochen wird:
Wissenschaftliche Betriebs-
und Volkswirtschaftslehre
• Modellhaftes Denken
• Homo oeconomicus
Ökonomische Zweck-
rationalität
Normativ geprägt durch
wissenschaftliches Para-
digma
Zwischenwelten, in denen
in L-Sprache gesprochen
werden könnte
Ökonomie,
in der in A-Sprache
gesprochen wird:
• Praktische
• Betriebswirtschaft
Praktisches Denken und
Handeln
• „Wirklichkeiten“
• Praktische Vernunft
Normativ geprägt durch
soziale Konstrukte
263Poetry-Slams als Impuls für eine subjektiv begründete Reflexion
doxien, Absurditäten und mit der Verfremdung, dem Geheimnisvollen und dem
Irrationalen in Grenzsituationen dazu beitragen kann, kreative Übersetzungen
von der Ö-Sprache in die A-Sprache zu gestalten. Denn Fiktionen können bei
Studierenden vertiefte Erkenntnisse aufbauen helfen, die die Wahrnehmung von
Wirtschaft auf eine breitere Basis stellen. Dabei können Poetry-Slams inhalt-
lich reichlich ‚schräg‘ sein; teils werden wir damit bewusst in die Irre geführt.
In ihrer Originalität sind derartige Texte hochgradig subjektiv – und ermöglichen
damit eine andere, neue, pluralere Hochschullehre, die Lernende (und eventuell
auch die Lehrende) gewissermaßen auflaufen lässt. So bieten die Texte keine
Garantie für Richtigkeit oder Überprüfbarkeit. Dies ist jedoch gewollt. Denn
im Zentrum der Erarbeitung, der Präsentation und der Reflexion steht nicht die
Frage, wie Wirtschaft funktioniert. Vielmehr wird im Rahmen dieses Prozesses
die subjektive Auseinandersetzung mit der Frage adressiert, welche Relevanz
das Wirtschaften in unserem Leben hat. Damit wird ein subjekt- und problem-
orientierter Reflexionsraum eröffnet, in dem „ein sinnstiftendes, gleichermaßen
theorie- wie auch praxisorientiertes sozioökonomisches Denken“ (Fischer und
Hahn 2016, S. 9) entwickelt werden kann. Konkret werden Studierende durch die
Erarbeitung, Präsentation und Reflexion von Poetry-Slams also dazu befähigt,
Übersetzungen von der Ö-Sprache in ihre A-Sprache gestalten zu können. In
den Mittelpunkt rückt damit eine Kommunikation, für die eine Lehrbuchöko-
nomie allein nicht ausreicht. Vielmehr fließen weitere sozialwissenschaftliche und
lebensweltliche Perspektiven mit ein, um sozioökonomische Prozesse gedank-
lich zu durchdringen. Dies bedeutet, dass das tatsächliche Verhalten der Wirt-
schaftsakteure genauer betrachtet werden muss, statt ökonomische Prozesse
ausschließlich mithilfe vorgefertigter Modelle und Konzepte abzubilden. Dies
wiederum impliziert, dass externe soziale und politische Anforderungen und Ein-
flüsse in der sozioökonomischen Hochschulbildung stärker in den Vordergrund
treten, während interne, systemimmanente Faktoren, wie sie aktuell für den neo-
klassischen wirtschaftswissenschaftlichen Betrieb relevant sind, an Gewicht ver-
lieren (vgl. exemplarisch Beckenbach 2017).
So betrachtet perturbieren Poetry-Slams die alltägliche wissenschaftliche
Lehre der Ökonomik und provozieren zugleich eine Reflexion über ebendiese
Lehre sowie über sozial- bzw. erziehungswissenschaftliche Wissensbestände, die
sich oft nur schwer mit dem Alltagswissen in Einklang bringen lassen. Abstrakt
formuliert ermöglichen Poetry-Slam-Texte ein Mit- und Für-sich-selbst-Sein und
schaffen damit Zeit und Raum, um eigene Wünsche zu formulieren, zu hinter-
fragen, ggf. zu verwerfen und neu zu denken. Nach unserer Einschätzung ist
dies ein für die Professionalisierung der Studierenden existenzieller Prozess.
Der Einsatz von Poetry-Slams in der Hochschulbildung ist demnach vor
allem dann sinnvoll, wenn er sich nicht darauf beschränkt, wissenschaftliche
264 G. Hahn et al.
Modelle, Konzepte und Theorien zu bestätigen. Die Stärke von Poetry-Slams
entfaltet sich somit dann, wenn sie helfen, die bisherigen Perspektiven der
Studierenden mit anderen bzw. neuen Sichtweisen auf die ökonomisch geprägte
Welt zu konfrontieren. So kann quasi eine Zukunft simuliert werden, die eben-
falls von Ungewissheiten und Irritationen geprägt sein dürfte – und die es den
Studierenden abverlangt, vermeintliche Gewissheiten zu hinterfragen und mit
liebgewonnenen Routinen und Gewohnheiten zu brechen. Solche unerwarteten
Momente können sich als produktive Anstöße für persönliche Bildungsprozesse
entpuppen, weil sie Hergebrachtes und Gewohntes zu (zer-)stören vermögen. Die
Konfrontation mit einander widersprechenden wissenschaftlichen Konzepten oder
mit kontrastierenden eigenen Erfahrungen ist eine Form der fachlich-pädagogisch
fruchtbaren Irritation. Dazu kann das Erarbeiten, Präsentieren und Reflektieren
von Poetry-Slams anstiften.
Darüber hinaus bieten Poetry-Slams einen Zugang zum ‚Mehr-wahrnehmen-
Können‘, sofern sie die Beobachtung von und den Umgang mit realweltlichen
Phänomenen organisieren, die den Studierenden aus ihrer eigenen Lebenswelt
heraus zunächst fremd erscheinen. Dies gelingt dann, wenn die Texte so angelegt
sind, dass das Fremde nicht in Form marginaler Phänomene dargestellt, sondern
als das relevante Fremde aufgegriffen wird.
Alles in allem können wir Mut aussprechen, auch die eigenen Studierenden
dazu herauszufordern, Poetry-Slams zu erarbeiten, präsentieren und reflektieren.
Denn überrascht werden hiervon nicht nur Ihre Studierenden, sondern auch Sie
selbst sein!
Lektüreempfehlungen
Fischer, A., & Gerdsmeier, G. (Hrsg.) (2014). Ökonomie und Literatur. Berufsbildungs-
wissenschaftliche Schriften der Leuphana Universität, Bd. 12. Lüneburg: Leuphana
Universität. http://bwp-schriften.univera.de/band_12_14.htm. 10. Juli 2019.
Fischer, A., & Hahn, G. (Hrsg.). (2016a). Poetry-Slam-Texte als Lernimpulse. Neue Ideen
für den soziökonomischen Unterricht. Bielefeld: W. Bertelsmann Verlag.
Fischer, A., & Hantke, H. (2020). Vom schwierigen Vergnügen, sich in der wissenschaft-
lichen Lehrerbildung zwischen verschiedenen Welten des Denkens und Handelns zu
bewegen – Einblicke in ästhetisch-performative Lehr-Forschungs-Werkstätten. In C.
Fridrich, R. Hedtke & W. O. Ötsch (Hrsg.), Grenzen überschreiten, Pluralismus wagen.
Perspektiven sozioökonomischer Hochschullehre (S. 291–314). Wiesbaden: Springer.
Lehmann-Waffenschmidt, M. (2017). Braucht es eine Transformation der wirtschafts-
wissenschaftlichen Lehre und wenn ja, wohin? Eine Ortsbestimmung anhand eines
Reload der beiden Schülerszenen in Goethes Faust-Drama. In R. Pfriem, U. Schneide-
wind, J. Barth, S. Graupe, & T. Korbun (Hrsg.), Transformative Wirtschaftswissenschaft
im Kontext nachhaltiger Entwicklung (S. 595–617). Marburg: Metropolis.
265Poetry-Slams als Impuls für eine subjektiv begründete Reflexion
Literatur
Bäuerle, L., Pühringer, S., & Ötsch, W. O. (2020). Wirtschaft(lich) studieren. Erfahrungs-
räume von Studierenden der Wirtschaftswissenschaften. Wiesbaden: Springer.
Beckenbach, F. (2017). Die (Re-)Produktion der modernen Standardökonomie als Problem
für eine transformative Umorientierung. In R. Pfriem, U. Schneidewind, J. Barth, S.
Graupe, & T. Korbun (Hrsg.), Transformative Wirtschaftswissenschaft im Kontext nach-
haltiger Entwicklung (S. 165–214). Marburg: Metropolis.
Beckert, J., & Bronk, R. (Hrsg.). (2018). Uncertain Futures. Imaginaries, Narratives, and
Calculation in the Economy. Oxford: Oxford University Press.
Fischer, A., & Hahn, G. (2016b). Warum Poetry-Slam-Texte? Einige didaktisch-
methodische Anmerkungen. In A. Fischer & G. Hahn (Hrsg.), Poetry-Slam-Texte als
Lernimpulse: Neue Ideen für den sozioökonomischen Unterricht (S. 5–30). Bielefeld:
W. Bertelsmann Verlag.
Fischer, A. & Hantke, H. (2020). Vom schwierigen Vergnügen, sich in der wissenschaft-
lichen Lehrerbildung zwischen verschiedenen Welten des Denkens und Handelns zu
bewegen – Einblicke in ästhetisch-performative Lehr-Forschungs-Werkstätten. In C.
Fridrich, R. Hedtke & W. O. Ötsch (Hrsg.), Grenzen überschreiten, Pluralismus wagen.
Perspektiven sozioökonomischer Hochschullehre (S. 291–314). Wiesbaden: Springer.
Freimann, J. (2013). Des Menschen Wolf. Wie die Herrschaft der Geldökonomie unser
Leben zerstört und was wir dagegen tun können. Marburg: Metropolis.
Graupe, S. (2013). Ökonomische Bildung: Die geistige Monokultur der Wirtschafts-
wissenschaft und ihre Alternativen. Coincidentia: Zeitschrift für europäische Geistes-
geschichte, 2, 139–165.
Graupe, S. (2014). Der kühle Gleichmut des Ökonomen. Leidenschaftslosigkeit als Para-
digma der Wirtschaftswissenschaft und die Fragefelder der Sozio-Ökonomie. In A.
Fischer & B. Zurstrassen (Hrsg.), Sozioökonomische Bildung (S. 177–205). Bonn:
Bundeszentrale für politische Bildung.
Graupe, S. (2017a). Beeinflussung und Manipulation in der ökonomischen Bildung. Hinter-
gründe und Beispiele. FGW-Studie Neues Ökonomisches Denken 5. Düsseldorf:
Forschungsinstitut für Gesellschaftliche Weiterentwicklung (FGW). http://www.fgw-
nrw.de/fileadmin/user_upload/NOED-Studie-05-Graupe-A1-komplett-Web.pdf. 19.
Dez. 2019.
Graupe, S. (2017b). „Wie konnte es passieren?“ Ökonomische Bildung als Boden einer
geistigen Monokultur. Wirtschaftsdienst, 97, 847–850.
Graupe, S., & Fischer, A. (2019). Die Reflexion über Lebenswelten angesichts des öko-
nomischen Mainstreamdenkens. In A. Fischer, T. Oeftering, H. Hantke & J. Oppermann
(Hrsg.), Lebensweltorientierung und lebensweltorientierte Lernaufgaben. Wieviel
Lebensweltorientierung ist im Unterricht möglich? Fachdidaktische Zugänge (S. 111–
124). Hohengehren: Schneider.
Maturana, H. R., & Varela, F. J. (1987). Der Baum der Erkenntnis. Die biologischen
Wurzeln menschlichen Erkennens. Bern/München/Wien: Scherz.
Ötsch, W. O., Hirte, K., Pühringer, S., & Bräutigam, L. (2015). Markt! Welcher Markt? Der
interdisziplinäre Diskurs um Märkte und Marktwirtschaft. Marburg: Metropolis.
266 G. Hahn et al.
Priddat, B. (2014). Ökonomie als Produktion von Literatur? Wissen und Nichtwissen im
Literatur-Ökonomie-Spannungsfeld. In J. Balint & S. Ziller (Hrsg.), Literarische Öko-
nomik (S. 159–178). München: Fink.
Priddat, B. (2015). Economics of persuasion. Ökonomie zwischen Markt, Kommunikation
und Überredung. Marburg: Metropolis.
Priddat, B., & Fischer, A. (2019). „Mit dem Begriff von Wirtschaft als Kommunikation
verändert sich die Perspektive auf die Lebenswelt radikal.“ Von der fachdidaktischen
Herausforderung, das Wahrnehmen der Lebenswelten in den Vordergrund zu rücken. In
A. Fischer, T. Oeftering, H. Hantke & J. Oppermann (Hrsg.), Lebensweltorientierung
und lebensweltorientierte Lernaufgaben. Wieviel Lebensweltorientierung ist im Unter-
richt möglich? Fachdidaktische Zugänge (S. 153–164). Hohengehren: Schneider.
Prinzke, K. (2016). Homo oeconomicus – Mensch, Maschine, oder doch nur ein Märchen?
In A. Fischer & G. Hahn (Hrsg.), Poetry-Slam-Texte als Lernimpulse: Neue Ideen für
den sozioökonomischen Unterricht (S. 176–177). Bielefeld: W. Bertelsmann Verlag.
Tafner, G. (2015). Reflexive Wirtschaftspädagogik. Wirtschaftliche Erziehung im öko-
nomisierten Europa. Eine neoinstitutionelle Dekonstruktion des individuellen und
kollektiven Selbstinteresses. Detmold: Eusl.
van Treeck, T. & Urban, J. (Hrsg.) (2017). Wirtschaft neu denken. Blinde Flecken der Lehr-
buchökonomie (2. Aufl.). Berlin: iRights.Media.
Open Access Dieses Kapitel wird unter der Creative Commons Namensnennung 4.0 Inter-
national Lizenz (http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/deed.de) veröffentlicht, welche
die Nutzung, Vervielfältigung, Bearbeitung, Verbreitung und Wiedergabe in jeglichem
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falls der genannten Creative Commons Lizenz, sofern sich aus der Abbildungslegende
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Commons Lizenz steht und die betreffende Handlung nicht nach gesetzlichen Vorschriften
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willigung des jeweiligen Rechteinhabers einzuholen.
Chapter
Since the beginning of the 1990s, Andreas Fischer has been pursuing the question of how a contemporary, future-oriented university teacher education should be designed that allows future teachers at vocational schools to prepare themselves for dealing with social, political and/or economic challenges, with (non-)sustainability, an increasingly heterogeneous pupils – in short: with uncertainties and ambivalences. He assumes that the mere acquisition of factual knowledge in economics and subject matter didactics is not sufficient. Instead, he advocates initiating educational processes that give students the opportunity to reflect on problems, to classify and to analyse them scientifically and develop options for action and approaches to solutions that may well move beyond the (economic) mainstream.SchlüsselwörterBerufsbildungswissenschaftenkonstruktivistisch ausgerichtete Lehr-Lern-Arrangementszukunftsfähige (Lehrkräfte-)BildungBerufsbildung für nachhaltige Entwicklungsozioökonomische BildungKeywordsVocational ScienceConstructivist oriented teaching–learning-arrangementsSustainable (teacher) educationVocational training for sustainable developmentSocio-economic education
Book
Full-text available
Dieser Open-Access-Sammelband vereint strukturierte Erfahrungsberichte und Reflexionen von Hochschullehrenden und Studierenden in der pluralen, sozioökonomischen Hochschulbildung. Neben der konkreten Inspiration, die diese Beiträge für andere Lehrende darstellen sollen, werden mit diesem Band erste Bausteine für eine plurale, sozioökonomische Hochschuldidaktik entwickelt. Sie verfolgt das Ziel, die Reflexion der gesellschaftlichen Bedingungen und die soziale Einbettung von ökonomischen Fragestellungen zum integralen Bestandteil eines jeden wirtschaftsbezogenen Studiums zu machen. Die Herausgeber*innen Janina Urban ist wissenschaftliche Referentin beim Netzwerk Plurale Ökonomik. Lisa-Marie Schröder ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Professur für Didaktik der Sozialwissenschaften mit dem Schwerpunkt politische Bildung der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Harald Hantke ist wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Arbeitseinheit Berufs- und Wirtschaftspädagogik der Leuphana Universität Lüneburg. Lukas Bäuerle ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Ökonomie an der Cusanus Hochschule für Gesellschaftsgestaltung.
Book
Full-text available
Für den deutschsprachigen Raum liegt hier die erste Studie vor, die sich der studentischen Wahrnehmung eines Studiums der Wirtschaftswissenschaften, insb. der Volkswirtschaftslehre, mit Mitteln der qualitativen Sozialforschung nähert. Aus Gruppengesprächen an fünf der wichtigsten VWL-Studienstandorte in Deutschland und Österreich konnten mithilfe der dokumentarischen Methode vier grundlegende Orientierungen rekonstruiert werden, die für den studentischen Umgang mit einem wirtschaftswissenschaftlichen Studium als einschlägig bzw. typisch gelten dürfen. Entgegen einem weitestgehend inhaltlich orientierten Diskurs um den Status quo akademischer ökonomischer Bildung (Monismus bzw. Pluralismus von Schulen, Theorien, Methoden und Disziplinen) legen die hier vorgestellten Ergebnisse nahe, die institutionellen Kontexte von VWL-Studiengängen stärker zu berücksichtigen. Ein besonderer Diskussions- und Handlungsbedarf scheint für die Formen der Leistungsmessung zu bestehen, ebenso wie für die didaktische Aufbereitung der Lehre. Auch die Dominanz mathematischer Methoden sowie die fehlenden Bezüge zu realwirtschaftlichen Phänomenen stellt für die Studierenden ein Problem dar. Diese empirischen Befunde werden aus interdisziplinären Perspektiven theoretisch gedeutet und mit aktuellen Diskursen um ökonomische Bildung verknüpft. Der Inhalt Methodische Bemerkungen ● Erhebung und Feldforschung ● Primat der Studienstrukturen ● Mathematik und Grundlagenveranstaltungen ● Realitätsfernes Studium ● Tunnelerfahrung und Wahlfreiheit ● Fazit und (hochschul-)politische Handlungsempfehlungen Die Zielgruppen Studierende und Lehrende der Sozial- und Wirtschaftswissenschaften, bildungspolitische Entscheidungsträger*innen Die Autoren Lukas Bäuerle ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Ökonomie an der Cusanus Hochschule für Gesellschaftsgestaltung und promoviert an der Europa-Universität Flensburg. Stephan Pühringer ist Ökonom und Sozialwirt und als Post-doc-Researcher am Institut für die Gesamtanalyse der Wirtschaft an der Johannes Kepler Universität Linz tätig. Walter-Otto Ötsch ist Professor für Ökonomie und Kulturgeschichte an der Cusanus Hochschule für Gesellschaftsgestaltung.
Uncertain Futures. Imaginaries, Narratives, and Calculation in the Economy
  • J Beckert
  • R Bronk
Beckert, J., & Bronk, R. (Hrsg.). (2018). Uncertain Futures. Imaginaries, Narratives, and Calculation in the Economy. Oxford: Oxford University Press.