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Ostdeutsche Identität(en) im Wandel? Perspektiven für Intra-und Interkohortenvergleiche (East German identities in flux? Avenues for intra- and inter-cohort comparisons)

Authors:

Abstract and Figures

Zusammenfassung Der Beitrag analysiert ostdeutsche Identitätsbildungsprozesse bei jungen Erwachsenen im Jahr 2004 und rund zehn Jahre später. Empirische Basis ist ein Intra- und Interkohortenvergleich der Befunde von drei qualitativen Studien basierend auf Leitfadeninterviews und Gruppendiskussionen. Dieser diachrone Vergleich zeigt partielle Kontinuitäten in den Identitätskonstruktionen der ostdeutschen Befragten: Die wahrgenommene Abwertung Ostdeutschlands bildet weiterhin den zentralen Ausgangspunkt der Identifizierung als ostdeutsch und die Reaktionen darauf sind ebenso weiterhin heterogen. Diese Heterogenität wird zu einer Typologie verdichtet: Manche Ostdeutsche zielen auf eine Aufwertung ihrer kollektiven Identität durch Umdeutung und beziehen sich dabei auf kollektivistische Werte oder die gelungene Bewältigung der Systemtransformation. Andere lehnen die Identifikation als ostdeutsch und die Klassifizierung in Ost und West als überholt und illegitim ab. Allerdings lässt der nach 1990 geborene Teil dieser Gruppe zusätzlich individuelle Strategien instrumenteller Identitätsbildung erkennen. Diese Heterogenität ostdeutscher Identität(en) kann auf Kohortenunterschiede und soziale Merkmale der Probanden zurückgeführt werden. Zugleich wird der Einfluss des Forschungsdesigns und insbesondere der Fallauswahl der einbezogenen Studien auf die Ergebnisse methodologisch diskutiert. Die Befunde dienen damit als Ausgangspunkte für zukünftige Intra- und Interkohortenvergleiche, in denen die individuellen und methodischen Einflussfaktoren für Identitätsbildungsprozesse stärker berücksichtigt werden sollten.
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AUFSÄTZE
https://doi.org/10.1007/s12286-020-00459-0
Z Vgl Polit Wiss (2020) 14:171–197
Ostdeutsche Identität(en) im Wandel? Perspektiven für
Intra- und Interkohortenvergleiche
Lars Vogel · Julia Leser
Eingegangen: 6. November 2019 / Überarbeitet: 17. Juni 2020 / Angenommen: 22. September 2020 /
Online publiziert: 20. Oktober 2020
© Der/die Autor(en) 2020
Zusammenfassung Der Beitrag analysiert ostdeutsche Identitätsbildungsprozes-
se bei jungen Erwachsenen im Jahr 2004 und rund zehn Jahre später. Empirische
Basis ist ein Intra- und Interkohortenvergleich der Befunde von drei qualitativen
Studien basierend auf Leitfadeninterviews und Gruppendiskussionen. Dieser dia-
chrone Vergleich zeigt partielle Kontinuitäten in den Identitätskonstruktionen der
ostdeutschen Befragten: Die wahrgenommene Abwertung Ostdeutschlands bildet
weiterhin den zentralen Ausgangspunkt der Identifizierung als ostdeutsch und die
Reaktionen darauf sind ebenso weiterhin heterogen. Diese Heterogenität wird zu
einer Typologie verdichtet: Manche Ostdeutsche zielen auf eine Aufwertung ihrer
kollektiven Identität durch Umdeutung und beziehen sich dabei auf kollektivistische
Werte oder die gelungene Bewältigung der Systemtransformation. Andere lehnen
die Identifikation als ostdeutsch und die Klassifizierung in Ost und West als über-
holt und illegitim ab. Allerdings lässt der nach 1990 geborene Teil dieser Gruppe
zusätzlich individuelle Strategien instrumenteller Identitätsbildung erkennen. Diese
Heterogenität ostdeutscher Identität(en) kann auf Kohortenunterschiede und soziale
Merkmale der Probanden zurückgeführt werden. Zugleich wird der Einfluss des For-
schungsdesigns und insbesondere der Fallauswahl der einbezogenen Studien auf die
Ergebnisse methodologisch diskutiert. Die Befunde dienen damit als Ausgangspunk-
te für zukünftige Intra- und Interkohortenvergleiche, in denen die individuellen und
methodischen Einflussfaktoren für Identitätsbildungsprozesse stärker berücksichtigt
werden sollten.
Dr. L. Vogel ()
Arbeitsbereich Empirische Methoden und politische Soziologie, Institut für Politikwissenschaft,
Universität Leipzig, Beethovenstraße 15, 04107 Leipzig, Deutschland
E-Mail: lars.vogel@uni-leipzig.de
Dr. J. Leser
BMBF-Forschungsprojekt „Fremde im eigenen Land? Eine Studie über die Veränderbarkeit
nationaler Narrative mithilfe Politischer Laboratorien (PoliLab)“, Institut für Politikwissenschaft,
Universität Leipzig, Beethovenstraße 15, 04107 Leipzig, Deutschland
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172 L. Vogel, J. Leser
Schlüsselwörter Ostdeutschland · Ostdeutsche Identität · Kollektive Identität ·
Klassifizierung · Kohortenstudien
East German identities in flux? Avenues for intra- and inter-cohort
comparisons
Abstract This paper analyses the self-identification of young adults as Eastern Ger-
mans. It is based on intra- and inter-cohort comparisons of guided interviews and
group discussions conducted in 2004 and around ten years later. The results provide
empirical evidence of partial continuities in the identification process of young East-
ern Germans. In particular, the perceived devaluation of Eastern Germany remains
a major starting point for self-identification as Eastern German. Furthermore, the
response strategies to curb the devaluation continue to be heterogeneous. From this
the paper develops a typology, namely that some Eastern Germans claim a pos-
itive interpretation of their Eastern German identity either based on collectivism
or on their successful adaptation following the transformation after 1989. Others
reject self-identification as Eastern German and reject the East-West categorisation
completely. Additionally, some of those born after 1990 respond individually and
instrumentally to their classification as Eastern German. This heterogeneity is due
to both cohort differences and the social characteristics of the interviewees. Accord-
ingly, the methodological section of this paper discusses the impact of the research
design, with particular focus on the sample selection of the included studies on
their outcomes. The results serve as starting point for further intra- and inter-cohort
comparisons, which should pay more attention to the individual and methodological
conditions for political self-identification.
Keywords Eastern Germany · East German identity · Collective identity ·
Classification · Cohort studies
1 Die Diskussion um ostdeutsche Identität(en)
In der öffentlichen Diskussion über kollektive Identitäten – seien sie regional, natio-
nal oder europäisch – spielt Ostdeutschland in mehrfacher Hinsicht eine prominente
Rolle. Umfrageergebnisse (z.B. Reiser et al. 2018) legen nahe, dass in Ostdeutsch-
land solche Nationalstaatskonzeptionen stärkere Unterstützung finden, die ethnische
oder kulturelle Homogenität anstreben. Ferner wird die höhere Unterstützung frem-
denfeindlicher Positionen – oder auch die in Ostdeutschland weiter verbreitete Unzu-
friedenheit mit der Demokratie – häufig in Verbindung mit einer ostdeutschen Iden-
tität gebracht, die auf der Basis der ostspezifischen Geschichte, d. h. den Erfahrungen
in der DDR-Diktatur und den Abwertungserfahrungen der Transformationszeit, ent-
standen sei und potentiell in einem Spannungsverhältnis zu einer gesamtdeutschen
oder europäischen Identität stehe (z. B. Best et al. 2014; Quent 2012). Im Kon-
trast zu diesen Deutungsversuchen ostdeutscher Identität stehen solche, in denen die
erfolgreiche Bewältigung der Transformation zur Basis der ostdeutschen Identität
gemacht wird. Damit gingen Erfahrungen und Kompetenzen einher, die als Berei-
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Ostdeutsche Identität(en) im Wandel? Perspektiven für Intra- und Interkohortenvergleiche 173
cherung gesamtdeutscher Diskussions- und Entscheidungsprozesse gedeutet werden
(z.B. Lettrari et al. 2016).
Bereits seit Mitte der 1990er Jahre wurde untersucht, ob es eine ostdeutsche kol-
lektive Identität gibt, auf welcher Basis sie entsteht und welche Folgen sie zeitigt.
Zunächst lag der der Fokus in der politischen Kulturforschung, die nach Erklärun-
gen für konstatierte Ost-West-Unterschiede in den politischen Einstellungen suchte.
Zwei Erklärungsansätze wurden entwickelt: Nach der Sozialisationshypothese sei
die ostdeutsche Identität eine Folge der Sozialisation in der DDR, nach der Situa-
tionshypothese sei sie hingegen eine Reaktion auf gegenwärtige Problemlagen und
eine Symbolisierung der sozialen Position der Ostdeutschen im Vergleich zu den
Westdeutschen (Kaase und Bauer-Kaase 1998; Pickel und Pollack 1998). Die ost-
deutsche Identität wurde auch später als Reaktion auf die Abwertung ostdeutscher
Biografien und Erfahrungen und die relative kollektive Deprivation Ostdeutscher
gegenüber den Westdeutschen verstanden. Diese „Abwertungsmechanismen“ (Koll-
morgen 2011, S. 302) konstruierten und reproduzierten Ostdeutschland als soziale
Kategorie, die von der westdeutschen Normalität abweiche (Roth 2008). Die Ost-
deutschen werden damit zur symbolisch ausgeschlossenen (Kubiak 2018) oder gar
„verlorenen“ (Kollmorgen und Hans 2011) „Minderheit im eigenen Land“ (den Her-
tog 2004), die in die gesamtdeutsche Gesellschaft zu integrieren sei.
Auf Basis narrativer Interviews kommt Jaqueline Flack zu dem Schluss, dass
sich Vertreter/-innen der Kohorte der zwischen 1975 und 1985 in Ostdeutschland
geborenen Personen zwar zunehmend von diesem auch medial dominanten Bild der
Ostdeutschen distanzierten, dieses Konstrukt jedoch „als negative Kontrastfolie im
Kontext individueller Identitätsentwürfe erhalten“ bleibe (Flack 2016, S. 67). Die
Befragten seien sich über die diskursiven Herstellungsweisen und Zirkulationen der
negativen Bilder der Ostdeutschen bewusst und versuchten, diese mit eigenen Identi-
tätsentwürfen zu kontrastieren (ebd.). Als ein prominentes Beispiel aus der öffentli-
chen Diskussion dazu ist der im Jahr 2012 erschienene Essayband Dritte Generation
Ost: Wer wir sind, was wir wollen anzusehen (Hacker et al. 2012). Zudem werden in
der jüngeren Diskussion über Ostdeutschland vermehrt Parallelen zur Debatte über
Migration und Integration gezogen. Naika Foroutan et al. (2019) sprechen von „ost-
migrantischen Analogien“: Sowohl Migrant/-innen als auch Ostdeutsche würden
Erfahrungen der Abstiegsangst, der sozialen Ungleichheit und der politischen Ent-
fremdung teilen und seien „von sozialer, kultureller und identifikativer Abwertung
betroffen“ (Foroutan et al. 2019, S. 4). Rebecca Pates hat gezeigt, wie „der Ossi“
seit der Wende als Diskursfigur mit „ungewollte[r] Migrationserfahrung“ produziert
wurde (Pates 2013, S. 11; vgl. Ahbe 2004). Daniel Kubiak (2018) zeigte u. a. in
dieser Zeitschrift auf der Basis von Imitation-Games und Gruppeninterviews, dass
zwischen 1990 und 1995 in Ost- und Westdeutschland Geborene die Klassifizierung
der Ostdeutschen als „Othering“ wahrnehmen, diese Zuschreibungen weitertragen
und selbst reproduzieren. Die „wahrgenommene Abwertung [... kann, L.V./J.L.] zu
einem verstärkten Zugehörigkeitsgefühl zum Ostdeutschsein“ führen (ebd., S. 35).
Diese Prozesse seien auch im Umgang mit Menschen mit Migrationshintergrund zu
beobachten (ebd., S. 27).
Vor diesem Hintergrund greift der vorliegende Beitrag die beiden jüngsten Studi-
en zu ostdeutscher Identität auf (Kubiak 2018; Flack 2016) und vergleicht die darin
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174 L. Vogel, J. Leser
beschriebenen Identitätskonstruktionen mit Leitfadeninterviews, die rund zehn Jahre
zuvor im Jahr 2004 mit in Ostdeutschland geborenen jungen Erwachsenen geführt
und ausgewertet wurden.1Aus methodischer Sicht ist damit eine Kombination aus
Inter- und Intrakohortenvergleich angelegt. Die im Jahr 2004 identifizierte Typolo-
gie ermöglicht einen diachronen Vergleich, um Kontinuitäten und Verschiebungen
in den ostdeutschen Identitätskonstruktionen zu bestimmen. Im Ergebnis zeigt sich
eine partielle Kontinuität. Die wahrgenommene Abwertung Ostdeutschlands bildet
auch gegenwärtig weiterhin für einen Teil der Probanden den Ausgangspunkt ih-
rer Identifizierung als ostdeutsch. Dennoch ist es nicht allein diese Wahrnehmung
von Abwertung, die eine ostdeutsche Identität entstehen lässt. Insbesondere das
Selbstverständnis, durch die Erfahrung der Wiedervereinigung und ihre erfolgreiche
Bewältigung besondere Kompetenzen zu besitzen, bildet eine eigenständige Quel-
le der Identifizierung. Weiterhin lässt sich die 2004 identifizierte Heterogenität der
ostdeutschen Identitäten im Vergleich zwischen den beiden jüngeren Studien finden
und kann mit Kohortenunterschieden zwischen den vor und nach 1990 Gebore-
nen begründet werden. In den einbezogenen Studien kommen teilweise variierende
Methoden der Datenerhebung und der Fallauswahl zum Einsatz. Diese Pluralität
bekräftigt die Validität der gefundenen Kontinuität, zugleich werden aber auch die
methodischen Unterschiede als mögliche Ursache für inhaltliche Verschiebungen
diskutiert. Im Ergebnis eröffnen sich Vergleichsperspektiven, die als Ausgangspunkt
für die Weiterentwicklung zu integrierten Kohortenstudien dienen können.
Im folgenden Abschnitt stellen wir zunächst unsere theoretischen Annahmen für
die empirische Untersuchung ostdeutscher Identifizierungsprozesse vor. Im Fokus
steht die Wechselwirkung zwischen Klassifizierung und individueller Identifizie-
rung, die stets in einen performativen Diskurs eingebettet ist, in der die kollektive
Identität behauptet, kritisiert oder verteidigt wird (Delitz 2018, S. 18) und die Rück-
wirkungen bzw. „looping effects“ (Hacking 1999) auf die individuellen Identifizie-
rungsprozesse besitzt (Pates 2013, S. 12f.). Im Anschluss folgt die Interpretation der
2004 erhobenen Leitfadeninterviews mit ostdeutschen jungen Erwachsenen, aus der
eine Typologie ostdeutscher Identifizierungen entwickelt wird. Im abschließenden
Teil werden Möglichkeiten für Intra- und Interkohortenvergleiche skizziert, die sich
durch die Kontrastierung dieser Typologie mit den Ergebnissen der beiden jüngsten
Studien von Flack (2016) und Kubiak (2018) eröffnen.
2 Die Konstruktion kollektiver Identität zwischen Klassifizierung und
Identifizierung
Identität steht dafür, die Gleichheit von Wahrnehmungen (Kontinuität und Kohärenz)
gegenüber deren zugleich bestehender Differenz zu betonen (vgl. Wagner 1999,
S. 65). Während individuelle Identität die Kontinuität in der eigenen Biografie und
1Eine weitere Studie (Rippl et al. 2018) analysiert zwar ebenso auf der Basis von Leitfadeninterviews
die Selbstidentifikation der Ostdeutschen. Allerdings kann diese Studie nicht in den Vergleich einbezogen
werden, weil die Altersspanne der Befragten größer als bei den drei übrigen Studien ist, sodass weder ein
Inter- noch ein Intrakohortenvergleich (s. unten) möglich ist.
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die Differenz zu anderen Personen betont, liegt der Fokus bei kollektiver Identität auf
der Gleichheit mit anderen Personen. Wird in der Selbst- oder Fremddefinition die
Gleichheit mit anderen Personen betont, ohne dass daraus Folgen erwachsen, liegt
eine Klassifizierung bzw. soziale Kategorie vor. Wenn hingegen für eine Gruppe
von Personen die Vorstellung ihrer Gleichheit Folgen für das individuelle Handeln
zeitigt, liegt eine kollektive Identität bzw. eine soziale Gruppe vor (Jenkins 1996,
S. 81ff.). Somit gibt es keine Gruppenidentität ohne Klassifizierung, aber nicht
jede Klassifizierung geht mit einer Identifizierung einher. Die Betonung von Gleich-
heit unter Vernachlässigung von Differenzen verdeutlicht den konstruktivistischen
Charakter kollektiver Identität (Delitz 2018, S. 27). Die Analyse kollektiver Identi-
tät untersucht folglich die Prozesse, die zur Konstruktion von Kollektiven und der
Identifizierung mit ihnen führen und zwar in ihrer Funktion zur Bildung von Sinn-
zusammenhängen, die durch die Erzeugung eines Kollektivs ermöglicht werden.
Die „konstruierten Kategorien oder Identitäten [...formen, L.V./J.L.] Personen, und
Personen formen sich gemäß dieser Vorgaben [..., wobei L.V./J.L.] die intersubjek-
tiven Anerkennungs- und asymmetrischen Missachtungsverhältnisse“ zu beachten
seien (Emcke 2018, S. 208 ff.). Kollektive Identität wird in einer kontinuierlichen
und dynamischen Synthese zwischen Selbst- und Fremddefinitionen gebildet. Die-
se Synthese- und Aushandlungsleistungen sind inhärent konflikthaft (Jenkins 1996,
S. 20 ff.), da sie auf einer Makroebene „inmitten von Auseinandersetzungen zwi-
schen unterschiedlichen sozialen Gruppen stehen, die bemüht sind, eine gegebene
Definition eines Identifikationsobjektes zu bewahren oder zu verändern“ (Fach et al.
1998, S. 5 f.). Auf der Mikroebene reagieren die individuellen Akteure auf die Klas-
sifizierungen und Identifizierungsangebote in Abhängigkeit ihrer Interessen und den
ihnen zur Verfügung stehenden Ressourcen (Jenkins 1996, S. 97). Diese „looping
effects“ (Hacking 1999) sind vielfältig: Klassifizierungen können wahrgenommen,
ignoriert, akzeptiert oder zurückgewiesen werden.
Entscheidend für die Reaktion ist, dass Personen ihre individuelle und kollektive
Identität als Mitglied einer Gruppe permanent mit Anderen und mit anderen Grup-
pen vergleichen (Tajfel und Turner 2004). Dieser Vergleich diene der Bewertung der
eigenen Identität in Bezug auf als relevant wahrgenommene Vergleichsdimensionen
(Mummendey und Kessler 2000, S. 280). Die Reaktionen auf Fremddefinitionen un-
terscheiden sich folglich danach, ob der Vergleich auf diesen Dimensionen positiv
oder negativ ausfällt und können auf eine Aufwertung der kollektiven Identität, auf
eine Ab- oder Umbewertung der relevanten Vergleichsdimension oder auf individu-
elle De- oder auch Reklassifizierung zielen.2Die gewählte Strategie hängt u. a. von
der wahrgenommenen Durchlässigkeit der Gruppengrenze ab. Darunter wird das
Ausmaß verstanden, die selbstdefinierte Zugehörigkeit zu einer Gruppe oder sozia-
len Kategorie innerhalb einer Interaktion aufrechtzuerhalten (Jenkins 1996, S. 94).
Je durchlässiger die Gruppengrenze wahrgenommen wird, umso eher ist eine indivi-
duelle Strategie zu vermuten, je undurchlässiger, desto eher eine kollektive Strategie
(vgl. Haeger 1998, S. 30). Ein als legitim befundener Unterschied zwischen den
2Der Begriff der Deklassifizierung bedeutet, die Klassifizierung, z. B. wegen eines gemeinsamen Zieles,
als nicht relevant abzulehnen. Die Reklassifizierung zielt auf die Aufhebung der Klassifizierung durch die
Betonung einer alternativen und relevanteren Kategorie, z.B. als Deutsche (vgl. Haeger 1998,S.28).
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Gruppen lässt ebenso eher die individuelle Strategie vermuten; ein als illegitim be-
fundener die kollektive Strategie (vgl. Mummendey und Kessler 2000, S. 286).
3 Datenbasis und Methode
Vor diesem Hintergrund können Interviews als Protokolle einer Identitätskonstruk-
tion verstanden werden, die einen „Einigungsprozesses von Interviewer und Inter-
viewten auf eine sozial akzeptierte [Identitätsdarstellung, L.V./J.L.]“ (Scherr 1995,
S. 40) abbilden können, wobei alle Teilnehmenden auf kollektive Identitätsangebote
zurückgreifen und mit unterschiedlichen Ressourcen operieren. Deren Analyse kann
die Bedingungen zeigen, unter denen ostdeutsche Identitäten erzeugt oder abgelehnt
werden. Hierfür eignen sich insbesondere halbstrukturierte Leitfadenbefragungen,
da sie es den Interviewern ermöglichen, den Schwerpunkt der Narration auf kol-
lektive Identitäten zu setzen und es den Interviewten dennoch möglich ist, ihre
Selbstdefinition und ihre Reaktion auf die Fremddefinition innerhalb des für sie re-
levanten Kategoriensystems vorzunehmen. Insbesondere, wenn ostdeutsche Identität
nicht aktiv oder lediglich rudimentär thematisiert wird, ist ein Hinweis auf ihre ge-
ringe Salienz bei den Befragten gegeben. Halbstrukturierte Befragungen liegen einer
Studie von 2004 und den Arbeiten von Kubiak (2018) und Flack (2016) zugrunde.
Der Vergleich der drei Befragungen ermöglicht die Exploration der (Dis-)Kontinui-
tät salienter kollektiver Identitätsangebote und der individuellen Reaktionsstrategien
darauf.
Die Befragung von 2004 wurde im Rahmen des von Thorsten Oppelland und
Andreas Hallermann geleiteten politikwissenschaftlichen Lehrforschungsseminars
„Politische Identität: Thüringisch, ostdeutsch, deutsch, europäisch – oder alles zu-
sammen?“ an der Universität Jena durchgeführt. Der Erstautor war als Student an der
Erhebung und der Analyse der Interviews im Hinblick auf ostdeutsche Identitäten
beteiligt. Es wurden derzeit 37 Einzelinterviews zum Thema kollektive Identität mit
jungen Erwachsenen geführt. Nach einer offenen Einleitung zum Thema Identität
und Zugehörigkeit thematisierte der Leitfaden die Identifizierung mit den politi-
schen Kollektiven eigene Region, eigenes Bundesland, Ostdeutschland, Deutsch-
land und Europa, wenn die Interviewten diese Gruppenzugehörigkeiten nicht bereits
selbst aufgegriffen hatten. Ziel war es, die vermutete Vielfalt kollektiver Identitäts-
bildungsprozesse explorativ zu kartieren. Die Studierenden erhielten im Rahmen
des Seminars eine Einführung in die Durchführung narrativer Interviews. Die Inter-
viewten wurden anschließend durch die Studierenden des Lehrforschungsseminars
ausgewählt und an mehreren Orten, vorrangig in Thüringen, interviewt. Durch eine
Quotensteuerung gelang eine nahezu paritätische Verteilung von Männern und Frau-
en und von (gebürtigen) Ost- und Westdeutschen. Die regionale Zuordnung erfolgte
allein über den Geburtsort in der DDR bzw. BRD. Parität wurde auch bezüglich
der Bildungswege angestrebt, wobei nur zwischen (ehemaligen) Studierenden und
Nicht-Studierenden unterschieden wurde, wobei letztere 15 von 37 Interviews aus-
machen. Die Interviews wurden transkribiert und in Anlehnung an die qualitative
Inhaltsanalyse nach Mayring (2015) paraphrasiert, strukturiert und induktiv zu Ty-
pen verdichtet. Die hier dargestellte Analyse konzentriert sich auf das Thema der
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Ostdeutsche Identität(en) im Wandel? Perspektiven für Intra- und Interkohortenvergleiche 177
ostdeutschen Identität und analysiert ausschließlich die Interviews mit Personen, die
in der DDR zwischen 1975 und 1984 geboren wurden.
Die Erhebungsmethode unterscheidet sich damit nicht von der Studie von Flack
(2016), in der ebenfalls Einzelinterviews zur Anwendung kamen. Diese werden zwar
als „narrative Interviews“ (ebd., S. 59) bezeichnet, die publizierten Interviewauszüge
zeigen jedoch, dass (Nach-)Fragen nach Art eines Leitfadens das Interview struktu-
rierten. Der Beitrag enthält keine Dokumentation über den thematischen Kontext der
durchgeführten Interviews, die Anzahl der Interviews, die Auswahl der Interviewten
oder die Komposition des Samples – mit Ausnahme des Geburtsjahres. Der the-
matische Kontext lässt sich jedoch rekonstruieren, wenn berücksichtigt wird, dass
der Beitrag in dem Sammelband Die Generation der Wendekinder (Lettrari et al.
2016) erschien. Dieser Fokus prägt die Auswahl der Probanden, die allesamt zwi-
schen 1975 und 1985 in der DDR geboren wurden. Dass diese Generation durch
die eigene Transformationserfahrung und die doppelte Sozialisation sowohl in der
DDR als auch im vereinten Deutschland geprägt sei, ist die Leitidee des Sammel-
bands. Trotz des damit verbundenen Versuches, diese Generation als politisches
Subjekt zu konstituieren und ihr Gehör zu verschaffen, wird im Beitrag von Flack
(2016) betont, dass diese Generation und ihre Erfahrungen heterogen seien und ihrer
ostdeutschen Identität unterschiedliche Relevanz zuschreibe (ebd., S. 63 f.). Der Ver-
gleich beider Studien ermöglicht eine Intrakohortenstudie der Personengruppe, die
zwischen 1975 und 1985 in der DDR geboren wurde. Zum ersten Untersuchungs-
zeitpunkt 2004 waren die interviewten Mitglieder dieser Personengruppe zwischen
19 und 29 Jahren alt; zum zweiten Untersuchungszeitraum 2013–15 in der Studie
von Flack (2016) waren sie etwa zehn Jahre älter (zwischen 28 und 40 Jahren).
Mit diesem Intrakohortenvergleich unterschiedlicher Personen derselben Kohorte
können sowohl Lebenszykluseffekte als auch Verschiebungen des gesellschaftlichen
Diskurses verantwortlich für Veränderungen sein.
Der Studie von Kubiak (2018) liegen ebenfalls halbstrukturierte Befragungen
in Form von Gruppendiskussionen zugrunde. Die Gruppendiskussionen wurden
2015/16 mit Studierenden in Berlin, Bremen, Rostock, Frankfurt am Main, Dres-
den, Köln und Leipzig geführt, wobei sich die Gruppen jeweils ausschließlich aus
entweder ost- bzw. westdeutsch sozialisierten Studierenden zusammensetzten. Drei
aufeinander folgende Themenblöcke, die jeweils durch Kubiak narrativ eingeleitet,
aber darüber hinaus nicht strukturiert wurden, thematisierten Identität allgemein,
deutsche Identität sowie west- bzw. ostdeutsche Identität (ebd., S. 33). Im Unter-
schied zur Studie von 2004 sind die Probanden bildungshomogen und wohnten zum
Zeitpunkt der Befragung ausschließlich in Großstädten. Gruppendiskussionen bil-
den wie Einzelinterviews Identitätsaushandlungsprozesse ab, jedoch sind mehr als
zwei Akteure involviert, weshalb eine multilaterale Konfrontation kennzeichnend
für Gruppendiskussionen ist – allerdings in Abhängigkeit von der sozialen und po-
litischen Homogenität der Gruppe mehr oder weniger ausgeprägt. In Bezug auf das
Alter wurden bei Kubiak (2018) zwischen 1990 und 1995 Geborene untersucht,
die zum Untersuchungszeitraum 2015/16 zwischen 20 und 26 Jahren alt waren und
somit in der gleichen Phase ihres Lebenszyklus befragt wurden wie die 2004 in-
terviewte Kohorte. Bei dem Vergleich der Ergebnisse von 2004 mit der Studie von
Kubiak handelt es sich mithin um eine Interkohortenstudie, wobei sich die Kohor-
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178 L. Vogel, J. Leser
ten durch die Geburtsjahrgänge und vor allem darin unterscheiden, ob sie eigene
Erfahrungen in der DDR gemacht haben können. Hier können Verschiebungen auf
Kohorteneffekte und Veränderungen des gesellschaftlichen Diskurses zurückzufüh-
ren sein.
Aufgrund dieser methodischen Unterschiede, die in der Interpretation berücksich-
tigt werden, handelt es nicht um Kohortenvergleiche strictu sensu, sondern um die
Eröffnung potentieller Vergleichsperspektiven, die sich insbesondere dann ergeben,
wenn trotz unterschiedlicher Methoden und divergierender theoretischer Hintergrün-
de deutliche Parallelen in den Identitätskonstruktionen erkennbar sein sollten. Aus-
gangspunkt dieser Kohortenvergleiche ist die Inhaltsanalyse der in den Interviews
von 2004 erfassten Identitätsbildungsprozesse. In Kontrastbildung wurden dabei sie-
ben Typen ostdeutscher Identitätskonstruktionen identifiziert, deren Hauptmerkmale
synoptisch in Abb. 1dargestellt sind und die im folgenden Abschnitt im Detail
erläutert werden.
Bei der vorgestellten Typologie ostdeutscher Identitätsbildung handelt es sich um
die Verdichtung und Abstrahierung der empirischen Ergebnisse der Interviewstudie
aus dem Jahr 2004. In Anlehnung an die Methode der typisierenden Strukturierung
qualitativer Daten von Mayring (2015, S. 103ff.) wurden die Ausprägungen ostdeut-
scher Identitätsbildung im Interviewmaterial paraphrasiert und strukturiert. Sowohl
die insgesamt sieben Typen ostdeutscher Identitätsbildung als auch die Typisierungs-
dimensionen, die die schrittweise Kategorisierung der Typen ermöglichte, wurden
„direkt aus dem Material in einem Verallgemeinerungsprozess ab[geleitet]“ (ebd.,
S. 85). Die induktiv entwickelten Typisierungsdimensionen sind in Abb. 1jeweils
als Kontinuum dargestellt, auf dem sich die einzelnen Typen positionieren lassen:
1) Bezug der Identitätsbildung (Identifizierung mit Ostdeutschland – Kategorisie-
rung in Ost/West), 2) Zeitperspektive (Vergangenheit – Gegenwart), 3) Erklärung
der Identitätsbildung (Kontextualisierung/Konstruktion – Naturalisierung) und 4) Art
der Reaktion auf wahrgenommene Kategorisierung (Umdeutung – Internalisierung
– Ablehnung).
4 Typen ostdeutscher Identitäten im Jahr 2004
4.1 Abgrenzungsidentifizierer
Personen des Typus „Abgrenzungsidentifizierer“ identifizieren sich im Interview
selbst als ostdeutsch und bewerten diese Identität durchweg als positiv. Dies erfolgt
entweder spontan oder die Fremddefinition durch den Interviewer als „ostdeutsch“
wird akzeptiert, wodurch die Salienz dieser kollektiven Identität unterstrichen wird.
Charakteristisch für diesen Typ ist folgender Satz:
[...] na ja die [Brandenburger, L.V./J.L.] sind halt keine Wessis, oder? Die sind
schon so drauf wie wir [Thüringer, L.V./J.L.]. Haben halt auch so ne Osterzie-
hung, so wie wir. Also, die sind für mich genauso. (ID8)
Darin kommt zum Ausdruck, dass die größte Gemeinsamkeit zwischen Thürin-
gern und Brandenburgern als Ostdeutsche – im Unterschied zu den Westdeutschen –
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Ostdeutsche Identität(en) im Wandel? Perspektiven für Intra- und Interkohortenvergleiche 179
Identifizierung Klassifizierung
Vergangenheitsbezug Gegenwartsbezug
Kontextualisierung Naturalisierung Kontextualisierung
Umdeutung Internalisierung Ablehnung
Integrative Identifikation Abgrenzende Identifikation Klassifzierung
Identifizierer
über die positi-
ven Seiten der
DDR
Integrative
Identifizierer
Abgrenzungs-
Identifizierer
Aufwertungs-
identifizierer
Kontext-
Ostdeutsche
Nur_
Klassifizierer
Ablehner der
Klassifizierung
Identifikation mit
Ostdeutschland
Ja Ja Ja Ja Zum Teil Zufällig Nein
Identifikation über Positive Seiten
der DDR
DDR und Wen-
dezeit
DDR und Nach-
wendezeit
DDR und
Wendezeit
Ost-West-
Kategorisie-
rung
--
Stereotypisierung Mittel Schwach Stark Stark Schwach Mittel Keine
Befragte (ID),
Geburtsjahr,
Student/Nichtstudent
ID18, 1975, Nicht-
Student
ID19, 1981, Ex-
Studentin
ID5, 1978, Studentin
ID23, 1982, Nicht-
Student
ID17, 1977, Student
ID3, 1979, Studentin
ID10, 1976, Studentin
ID25, 1978, Nicht-
Student
ID8, 1982, Nicht-Student ID14, 1981, Student ID1, 1982, Studentin
ID4, 1978, Nicht-
Student
ID22, 1979 Student
ID8, 1980, Student
ID16, 1978, Student
ID24, 1983, Nicht-
Studentin
ID6, 1983, Studentin
ID9, 1976, Nicht-
Studentin
ID20, 1978, Studentin
ID13, 1982, Studentin
ID15, 1982, Student
ID7, 1980, Studentin
ID2, 1984, Studentin
ID11, 1983, Nicht-Studentin
ID12, 1984, Nicht-Studentin
Flack (2016): Ableh-
nung des vorherrschen-
den, „medial konstruier-
ten Kollektivsubjekt[s]
der Ostdeutschen“
(ebd., 61), das ostdeut -
sche Heterogenität
unzulässig reduziere.
Entwicklung, öffentli-
che Artikulation und
Identifikation mit einem
alternativen Bild der
Ostdeutschen, das auf
Basis und unter Verweis
auf „innerdeutsche als
auch transnationale
Migration(s-
erfahrungen [L.V./J.L.]“
(ebd., 64) dessen Viel-
falt betont (= kaum
Stereotypisierung).
Kubiak (2018):Nur
Fremddefinition führt
zu Identifikation
(ebd.,35).Eigentlich
grundsätzliche Ab-
lehnung dieser Kate-
gorisierung mit
Verweis auf kulturel-
le Einheit „Einheits-
fiktion“ (ebd., 27)
und Kritik am „Othe-
ring“ (E. Said, ebd.,
29ff.) der Ostdeut-
schen. Kontextge-
bundene Selbstidenti-
fikation aufgrund von
Solidarisierung mit
der als von der
„westdeutschen
Norm“ (ebd.,37)
abweichend darge-
stellten Eigengruppe
(ebd., 36).
Abb. 1 Typen ostdeutscher Identität und ihre Merkmalsdimensionen (2004/2013–16)
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180 L. Vogel, J. Leser
in der Sozialisation in der DDR gesehen wird. Die Betonung der Sozialisation dient
der Naturalisierung der ostdeutschen Identität, denn damit wird impliziert, dass sich
Gleichheit allein aufgrund der Zugehörigkeit zur Gruppe von selbst einstellen wür-
de. Die Stereotypisierung der Ostdeutschen geschieht bei diesem Typus stets in
Kontrastierung zu den Westdeutschen und wird inhaltlich als Unterschied zwischen
individualistischen und kollektivistischen Grundorientierungen definiert. Diese Ste-
reotypisierung bleibt auch bei gegenteiligen Erfahrungen im Kontext individueller
Kontakte stabil:
Ähm, na in meiner Klasse gab es mal einen Wessi, der war aber nett, der hat ja
auch im Osten gewohnt. (ID8).
Diese Stabilität wird erzeugt, indem der „eine Wessi“ als „Westdeutscher im Os-
ten“ rekategorisiert wird, der damit durch den ostdeutschen Kontext geprägt wurde.
Die ostdeutsche Identität dieses Typus speist sich zudem aus dem Gefühl der infe-
rioren Position der Gruppe, die sich durch die wirtschaftliche Unterlegenheit ergebe
(vgl. Brunner und Walz 1998):
[...] also wirtschaftlich gesehen schwach, wie alle Ostländer [...] Hier ist ja nach
der Wende alles den Bach runtergegangen. [...] Ich bin ja schon länger arbeits-
los [...] hab nichts Gescheites gekriegt. Das sieht im Osten echt mies aus gerade.
(ID8)
In der Klassifizierung der Westdeutschen durch deren Heterostereotypisierung
symbolisieren die Vertreter/-innen dieses Typus die Kompetenzen, die sie als not-
wendig für den Erfolg in der gegenwärtigen, als individualistischer wahrgenom-
men Gesellschaft ansehen. Damit können sie zugleich erklären, weshalb die West-
deutschen eine superiore Position einnehmen, da sie eher als die Ostdeutschen die
notwendigen Eigenschaften für die individualistischere Gesellschaft besäßen. Eine
positive Wertung der kollektiven Identität der Ostdeutschen wird dadurch erreicht,
dass diese wirtschaftliche Vergleichsdimension zwar anerkannt, aber moralisch um-
interpretiert wird. Die Westdeutschen seien zwar individualistischer, aber „die sind
alle viel arroganter als hier“ (ID8).
4.2 Aufwertungsidentifizierer
Die Legitimation der eigenen Identität und Sozialisation gelingt dem Typus der
„Aufwertungsidentifizierer“ durch die Differenzierung der DDR in den „schlechten
Staat“ und die „gute Gesellschaft“. Vertreter/-innen dieses Typus beziehen sich zu-
gleich weniger auf eine ökonomische als auf eine wahrgenommene kulturelle Ost-
West-Asymmetrie. Sie beklagen z.B. den Wegfall der Ostprodukte und die Domi-
nanz der Westprodukte:
Wir hatten eigentlich auch gute Produkte und irgendwie nicht schlechte, son-
dern im Gegenteil [...]. (ID14)
Zugleich wird die Dominanz Westdeutschlands in der Deutungshoheit über die
Vergangenheit kritisiert. Somit ist diese Wahrnehmung die auffallendste Konsequenz
bei diesem Typ, denn die DDR-Vergangenheit wird als mindestens gleich –, wenn
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Ostdeutsche Identität(en) im Wandel? Perspektiven für Intra- und Interkohortenvergleiche 181
nicht sogar höherwertig legitimiert – insbesondere dann, wenn sie als negativ be-
wertet wahrgenommen wird:
[...] ich denke, das kommt auch immer dann zum Vorschein, wenn man als Ossi
präsentiert wird, also wenn man jetzt irgendwo in einer Gruppe steht und sich
unterhält und dann plötzlich so: „Erzähl doch mal was aus dem Osten!“ Also
das regt eigentlich erst Widerstand an und man sagt dann quasi: „Okay: Ja ich
bin aus dem Osten und ich bin stolz draus, denn ich hab’ eine gute Kindheit
bekommen können.“ (ID14)
Eng damit verbunden ist eine Trennung in West- und Gesamtdeutschland, was
einerseits auf den gesamtdeutsch integrierenden Aspekt dieses Typus ostdeutscher
Identität hinweist, andererseits aber im Zusammenhang mit den oben genannten
Aussagen zeigt, dass „Ost“ und „West“ in einer Art Wettbewerb um die besseren
Eigenschaften empfunden werden. Ebenso wird nicht nur die Vergleichsdimensi-
on individualistisch/kollektivistisch umgewertet, sondern den Ostdeutschen werden
auch mehr Eigenschaften auf der individualistischen Seite zugeschrieben, z.B. mehr
Strebsamkeit. Die symbolische Konstruktion der Gleichheit der Ostdeutschen un-
terstellt ausgeprägte Homogenität im Inneren bei starken Unterschieden zu West-
deutschland.
[...] wenn du die ostdeutschen Jugendlichen ordentlich anleitest, die können
sich über ganz andere Sachen [als die Westdeutschen] freuen, also mit denen
kannst du, glaub’ ich, wirklich noch in den Wald gehen und die können Gefallen
daran finden [...] (ID14)
Wie die Abgrenzungsidentifizierer sehen auch die Aufwertungsidentifizierer die
Sozialisation in der DDR als Ursache der ostdeutschen Identität. Allerdings nehmen
sie auch Ursachen aus jüngerer Zeit wahr, z.B.:
Und [die ostdeutsche Identität] kam auch ein Stück weit durch die ganze Wen-
de, dass dann halt viele aus dem Westen kamen, die ganzen Immobilienmakler
und sich das unter den Nagel gerissen [haben] (ID14)
Zusammenfassend symbolisieren beide Typen durch die Artikulation ihrer ost-
deutschen Identität eine von ihnen wahrgenommene ökonomische und kulturelle
Asymmetrie zwischen Ost- und Westdeutschen, in der Ostdeutsche generell als
abgewertet wahrgenommen werden. Da die Identifizierung beider Typen mit Ost-
deutschland stark und positiv ist, reagieren sie darauf kollektiv durch die Abgrenzung
zu den Westdeutschen und die Umdeutung des Gruppenverhältnisses mit dem Ziel,
die wahrgenommene inferiore Stellung der Ostdeutschen entweder zu begründen
oder die relevante Dimension des Vergleichs zu verändern und damit die Ostdeut-
schen aufzuwerten. Die Abgrenzung geschieht allerdings gegenüber Westdeutsch-
land, nicht Gesamtdeutschland. Die mitunter auftauchende Nostalgie ist dement-
sprechend kein Wunsch nach einer Wiederherstellung der DDR als solcher, sondern
nach Gleichberechtigung im vereinigten Deutschland.
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182 L. Vogel, J. Leser
4.3 Identifizierer über die positiven Seiten der DDR
Die Angehörigen dieses Typus vertreten ebenso den Gedanken, dass ihre ostdeut-
sche Identität in der Sozialisation gründet, aufgrund derer sich Unterschiede in der
„Mentalität“ zwischen Ost und West gebildet hätten: Man fühle sich ostdeutsch,
weil wir uns auch nach den ganzen Jahren immer noch ein bisschen von den
Westdeutschen unterscheiden, denk’ ich. Von der Mentalität her. (ID19)
Diese Unterschiede werden weniger als bei den beiden vorherigen Typen auf der
Vergleichsdimension kollektivistisch/individualistisch verortet und falls doch, wer-
den sie in geringem Ausmaß moralisch umgewertet. Relevanter sind hingegen wahr-
genommene Unterschiede in Eigenschaften wie „Improvisationstalent“ und „Na-
turverbundenheit“, wobei auffallend ist, dass es den Vertreter/-innen dieses Typus
Schwierigkeiten bereitet, Unterschiede und Gemeinsamkeiten konkret zu benennen:
[...] die sind alle ein ähnlicher Menschenschlag wie ich, ich kann Dir hier und
jetzt nicht sagen, inwieweit und warum. (ID5).
Die symbolische Konstruktion interner Homogenität ist bei diesem Typ weniger
konkret. Es wird zudem eine interne Heterogenität der Gruppen eingeräumt, womit
Deklassifizierung stattfindet und eine Reklassifizierung stattfinden kann:
Es gibt mit Sicherheit auch Ostdeutsche, mit denen man nicht klarkommt [...]
(ID18)
Es gibt solche und solche. Aber wenn ich an einen Wessi denke, dann ist das im-
mer noch manchmal ein bisschen [Hervorhebung L.V./J.L. zur Verdeutlichung
der relativierten Stereotypisierung] negativ (ID19)
Damit verbunden lässt dieser Typus auch die Wirkung der Sozialisation nicht
unerklärt:
[...] bei uns ist die [...] Freundschaft unter den Menschen [...] vielmehr vorhan-
den [...]. Das ist in dem anderen Teil Deutschlands und in der jetzigen Jugend
nicht mehr so, weil [...]. Die haben doch alles gehabt und waren auf niemanden
angewiesen. Bei uns, ohne Freunde warst du aufgeschmissen. (ID18)
Dieser Typus erachtet die Gemeinsamkeiten nicht als natürlich, sondern führt
sie auf die gesellschaftliche Struktur der DDR zurück. Diese Kontextualisierung
stellt im Vergleich zu den Typen der Abgrenzungs- und Aufwertungsidentifizierer
eine Relativierung ihrer Bedeutung dar. Die heutige gesellschaftliche Situation sei
folglich nicht geeignet, diese ostdeutschen Eigenschaften fortbestehen zu lassen:
[...] [ich denke] also es hebt sich jetzt auf jeden Fall auf, mein Bruder zum
Beispiel, der ist 20, der hat das nicht mehr so wie wir [...] (ID5)
Dies zeigt, dass das Verhältnis zwischen Ost- und Westdeutschen nicht als Ursa-
che für eine ostdeutsche Identität gesehen wird, mithin sich Ost- und Westdeutsche
für diesen Typus nur auf einer relativ unproblematischen mentalen Ebene unter-
scheiden würden:
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Ostdeutsche Identität(en) im Wandel? Perspektiven für Intra- und Interkohortenvergleiche 183
Ich denk’ das Problem sind wirklich die Vorurteile (ID19)
Das ist schon ein besonderes Gefühl, dass man nicht unbedingt etwas Besseres
hat, aber etwas Eigenes. Das grenzt schon ab, wenn auch auf einem bisschen
humorvollen Weg. (ID23)
Zudem setzen sich die Vertreter dieses Typus in eine kognitive Distanz zur DDR.
Dies gelingt ihnen weitgehend damit, dass sie sich als zu jung deklarieren, um
wirklich etwas von der DDR und insbesondere von ihrer politischen Dimension
erfahren zu haben. Es erfolgt eine Trennung in Staat und Gesellschaft:
[...] also [die DDR, L.V./J.L.] ist auf jeden Fall ne Diktatur gewesen, die viel
schlechte Eigenschaften hatte [...] es gab aber auch positive Seiten, was jetzt
zum Beispiel Familie und Freunde betrifft [...] (ID5)
Dieser Typus erklärt, die DDR als Staat kaum erlebt zu haben und deshalb:
Ich kann mich an nichts Negatives aus der DDR erinnern. (ID19)
[...] denn als Kind [...] war die DDR schön. (ID18)
In dieser Darstellung doppelter Differenz – zum einen zu den heutigen Jugendli-
chen, die die DDR gar nicht mehr erlebt haben, und zum anderen zu den negativen
Verhältnissen in der DDR, die man nicht erfahren habe und sich deshalb damit
auch nicht auseinandersetzen müsse – liegt der Kern zum Verständnis dieses Iden-
titätstypus, denn mit der kognitiven Distanzierung ergibt sich die Möglichkeit, das
Identitätsangebot „ostdeutsch“ als eine bloße Kategorisierung ohne Rückgriff auf
damit verbundene Erfahrungen und Wissensbestände aus der DDR zu definieren.
Folglich ist die symbolische Konstruktion von Gleichheit auffallend inhaltsarm und
dieser Typus kann sich mit einer Vielzahl heterogener individueller Eigenschaften
einfacher auf das Identitätsmodell „ostdeutsch“ beziehen.
Zusammenfassend ist dieser Typus eher integrierend als abgrenzend. Für diesen
Typ soll die ostdeutsche Identität in eine gesamtdeutsche Identität eingebracht wer-
den, ohne sich allzu stark von den Westdeutschen abzugrenzen. Dafür spricht auch,
dass die Wiedervereinigung positiv bewertet wird:
[...] also eigentlich muss man dem Ganzen [der Wiedervereinigung, L.V./J.L.]
auch total dankbar sein, sonst wären wir auf keinen Fall da, wo wir heute sind.
(ID5)
Die Distanzierung von den Jugendlichen, die keine ostdeutsche „Mentalität“ mehr
besäßen, ist zugleich eine Kritik an den wahrgenommenen gegenwärtigen gesell-
schaftlichen Verhältnissen, denen die als positiv erinnerten Seiten der DDR ent-
gegengestellt werden, insbesondere die eher gemeinschaftlich strukturierten Bezie-
hungen. Diese Kontrastierung erinnert an die Vergleichsdimension kollektivistisch/
individualistisch. Sie wird allerdings für den intertemporalen Vergleich zwischen
der DDR und dem heutigen Deutschland gebraucht und weniger als Intergruppen-
vergleich zwischen Ost- und Westdeutschen.
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184 L. Vogel, J. Leser
4.4 Integrative Identifizierer
Der Typ der Integrativen Identifizierer ist in seinen Einstellungen heterogener als
die vorherigen Typen. Vertreter/-innen dieses Typus ist jedoch gemeinsam, dass sie
explizit oder implizit bekunden, die DDR und insbesondere die Wendezeit bewusst
miterlebt zu haben:
Dann habe ich diese ganze Wendegeschichte und auch teilweise die DDR schon
noch mitgekriegt [...] (ID3)
Unter den Vertreter/-innen dieses Typus findet sich keine Person, die nach 1979
geboren wurde. Die Erfahrung der Wende wird als Bruch wahrgenommen:
[...] weil da [im Film „Good Bye Lenin“, L.V., J.L.] eben dargestellt wird, wie
die Leute wirklich damit umgehen, [mit] diese[m] Bruch [...] (ID10)
Aus dieser plötzlichen und krisenhaften Veränderung bisher geltender Deutungs-
und Handlungsorientierungen durch das Ende der DDR erwächst für die Integrativen
Identifizierer die Notwendigkeit, die Erfahrungen sowohl aus der DDR- als auch der
Wendezeit in die eigene Identitätskonstruktion einzubeziehen. Damit unterscheiden
sie sich von den Typen, deren kognitive Distanzierung von der DDR diese Notwen-
digkeit verhindert. Die Selbstidentifizierung als „ostdeutsch“ wird zwar teilweise
über die Erfahrung der Sozialisation begründet, aber vorrangig wird auf die Erfah-
rung der Wendezeit Bezug genommen:
Eindeutig nach der Wende. Also gerade die Wendezeit und danach waren die
prägenden. (ID10)
Dieser Bezug ist so zu deuten, dass der Begriff „Wendezeit“ den Übergang des
alten Systems in das neue am prägnantesten symbolisiert. Die symbolische Kon-
struktion von Gleichheit erfolgt über das Symbol der „Wende“3. Die gemeinsam
geteilte Erfahrung der „Wende“ wird, was immer sie für den Einzelnen bedeutete,
für die Ostdeutschen als Negativbewertung ihres Lebens bis dahin gedeutet, die sich
aber bei erfolgreicher Identitätskonstruktion als eigentlich positiv herausstellt:
Denn ich bin aus dem Osten und finde das eigentlich auch nicht schlimm. Im
Gegenteil – aber es ist schwer da so ein positives Bild zu entwickeln. Also
mittlerweile wird das besser, weil der Systemwandel auch positiver bewertet
wird für die jungen Leute damals. Also man sagt, man wird viel flexibler sein,
man kennt zwei Systeme, also man beweist, dass man da flexibel ist. (ID10)
„Eigentlich“ im Zusammenhang mit „aber es ist schwer“ impliziert, dass die Inter-
viewten mit ihrer Selbstdefinition als ostdeutsch häufig auf vorherrschende Fremd-
definitionen stoßen, die eine solche Identifizierung negativ beurteilen. Der Ausweg
zur Erhaltung einer positiven Identität ist eine Umdeutung des als vorherrschend
wahrgenommenen Identitätsangebots „ostdeutsch“ mittels eigener biographischer
Sinngehalte. Die Erfahrung, sowohl die DDR als auch die heutige Gesellschaft zu
3Dass dieser Begriff von Egon Krenz mit dem Ziel der Aufrechterhaltung der sozialistischen Ordnung in
der DDR eingeführt wurde, spielt in keiner der Aussagen eine Rolle.
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Ostdeutsche Identität(en) im Wandel? Perspektiven für Intra- und Interkohortenvergleiche 185
kennen, wird positiv gedeutet, da sie Flexibilität ermöglicht – eine Eigenschaft, die
in der gegenwärtigen individualistischen Gesellschaft als notwendig erachtet wird.
Dies gilt jedoch nur, wenn man sich auch in der heutigen Gesellschaft zurechtfinde,
d.h. zumindest eine konsistente, zwei unterschiedliche gesellschaftliche Systeme
integrierende Identität konstruieren kann:
Und das jetzt als Ostdeutsche, das ist fast so als ob ich jetzt ... meine Identi-
tät ist wie ein Puzzle eigentlich ... oder wie so eine Kinderüberraschung, die
aus zwei Teilen besteht. Und man nimmt jetzt das Positive, oder das, was man
selbst als positiv erachtet, was in der DDR o.k. war, das versucht man irgend-
wie mitzunehmen, jetzt in eine Zeit, die wiederum andere Vorteile hat, aber
auch Nachteile [...] (ID10)
Vor diesem Hintergrund versteht dieser Typ die Integration der ostdeutschen Iden-
tität in eine gesamtdeutsche als normativ gefordert. So ist die Autostereotypisierung
der Ostdeutschen davon geprägt, dass vielen Ostdeutschen die Flexibilität und An-
passungsfähigkeit fehle:
Klar, Ossis sind auch furchtbare Bärmler, dass es ihnen so schlecht geht in der
neuen Zeit. Klar, kann schon sein, dass es ihnen schlecht geht, aber was haben
sie sich denn erwartet? Manchmal wirken sie auch ein bisschen schafköpfig,
weil sie halt noch nicht mitgekriegt haben, dass jetzt alles ganz anders ist und
dass die Werte von damals nicht mehr zählen. (ID17)
[...] viele Leute sind da halt noch nicht so weit, dass die halt das ostdeutsche
Denken haben [gemeint ist: das westdeutsche Denken, L.V./J.L.] und das merkt
man schon [...] manche Leute natürlich nicht, viele haben den Sprung schon
geschafft. (ID25)
Die Vergleichsdimension kollektivistisch/individualistisch wird pragmatischer als
in den anderen Gruppen gehandhabt. Sie wird zwar moralisch umgewertet und als
Erklärung für ökonomische Unterschiede verwendet:
[...] dieser Kampf so in dem neuen System, der fällt mir schon schwer. [...] Wenn
man dann aufgewachsen ist, in einem System wo wir Solidarität hatten [...] und
jetzt ist das extrem auf Leistung fokussiert und Konkurrenz [...] Da merke ich
einfach, da unterscheide ich mich, weil ich da oft auch naiv noch einfach bin,
aber auch zu weich bin. (ID10)
Sie wird jedoch zugleich mit einer Forderung an die Ostdeutschen verbunden,
sich entlang individualistischer Werte umzuorientieren:
[...] meines Erachtens wird viel zu wenig dagegen gemacht, gegen dieses ost-
deutsche Klischee. Man kann das ja versuchen abzubauen oder so, das ist nicht
immer nur, dass die Wessis das probieren, das sind ja normalerweise auch die
Ossis, die müssten ja normalerweise auch, sagen nee, wir vermarkten uns jetzt
so dermaßen gut, dass es keine Unterschiede mehr gibt. (ID25)
Damit ist eine Kritik an denjenigen Ostdeutschen verbunden, die sich noch nicht
an die neuen Verhältnisse angepasst hätten. Zugleich zeigen die Interviews die
Schwierigkeiten einer solchen Anpassung, die auch darin gesehen werden, dass das
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186 L. Vogel, J. Leser
Thema der ostdeutschen Identität und der DDR-Vergangenheit nicht im kulturellen
Diskurs auftaucht:
Einfach weil die Geschichte finde ich jetzt ... total wird das totgeschwiegen.
Man redet kaum mehr. (ID10)
Die DDR wurde einfach wieder eingegliedert, die wurde einfach zusammen-
geführt ... es wurde einfach das BRD-Modell übernommen, es gab minimale
Anpassungen ... minimale [...] (ID10)
Die Vertreter/-innen dieses Typus finden sich somit in einer ambivalenten Hal-
tung zur Gruppe der Ostdeutschen. Einerseits fühlen sie sich zugehörig und sehen
das zentrale Autostereotyp der fehlenden Anpassungsfähigkeit für einen großen Teil
der Ostdeutschen als bestätigt an. Andererseits lehnen sie dieses zentrale Stereo-
typ für sich selbst ab und konstituieren damit eine Person/Gruppe-Diskrepanz, d. h.
sie vergleichen sich als Person und als Gruppenmitglied auf verschiedenen Di-
mensionen, weshalb die eigene Lage nicht zwingend mit der Selbstkategorisierung
als Gruppenmitglied zusammenhängen muss (vgl. Mummendey und Kessler 2000,
S. 282). Funktionaler Kern der ostdeutschen Identität ist hier nicht die Aufwertung
der Ostdeutschen als Gruppe, sondern die Anerkennung der eigenen, individuellen
Vergangenheit und der eigenen Integrationsleistung.
4.5 Kontext-Ostdeutsche
Während die Integrativen Identifizierer deutlich zum Ausdruck brachten, dass sie
sich als Ostdeutsche fühlen, sind die Vertreter/-innen des Typus der Kontext-Ost-
deutschen zurückhaltender:
„Als Kind fühlst du dich halt als DDR-Bürger, deshalb war es auch kein Prob-
lem zu sagen, ich bin jetzt plötzlich Bundesbürger.“ – INT: „Aber Du fühlst
Dich eher als Deutscher, nicht als Ossi?“ – „Ja klar, auf jeden Fall, es sei denn,
der Andere sieht sich als Wessi. Wenn der das trennt, dann trenn ich das auch
für mich, dann seh’ ich mich demgegenüber auch als Ossi ... Aber sonst nicht,
sonst seh’ ich mich in erster Linie als Deutscher.“ (ID22)
Hier steht die (wechselseitige) Klassifizierung und weniger die Identifizierung
im Vordergrund. Wahrgenommene Unterschiede werden zwar auch auf die Sozia-
lisation zurückgeführt, aber die Identifizierung findet primär dann statt, wenn Ost-
West-Unterschiede in Fremddefinitionen durch andere artikuliert werden. Allerdings
werden diese Unterschiede als bedeutungsvoll akzeptiert, denn die Selbstdefinition
der Westdeutschen als Westdeutsche wird nicht durch Re- oder Deklassifizierung
als bedeutungslos dargestellt. Für diesen Typus gewinnen Unterschiede zwischen
Ost- und Westdeutschland somit erst dann eine Bedeutung, wenn sie durch andere
artikuliert und damit als bedeutend definiert werden:
INT: „Nun fühlen sich aber Jugendliche, die ich kenne, immer noch als Ossis,
obwohl sie gar nicht oder nur kurz die DDR-Zeit miterlebt haben. Woran liegt
das?“ – „Na an den Eltern oder an den Medien, weil die das halt immer noch
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Ostdeutsche Identität(en) im Wandel? Perspektiven für Intra- und Interkohortenvergleiche 187
trennen, sagen da ist das und da ist das in den alten und den neuen Bundeslän-
dern.“ (ID22)
Aber auch Ostdeutschland, weil es in der letzten Zeit so stark thematisiert wird.
(ID1)
Dieser Typus thematisiert die Kontextabhängigkeit der Selbstidentifizierung als
ostdeutsch, um zu verdeutlichen, dass ihnen weder die Ostidentität noch die Klassi-
fizierung nach Ost und West wichtig ist:
Na ja, das mit dem Ost-West sagt man eher so zum Spaß. Man macht halt
seine Witze drüber, aber ansonsten habe ich eigentlich nicht so viele Vorbehalte.
(ID4)
Oder:
INT: „Du würdest nicht sagen, dass du aus Ostdeutschland kommst?“ –„Nö.“
(ID1)4
Identifizierung folgt also (nicht nur bei diesem Typus) aus der Klassifizierung,
wenn sie von Personen mit Deutungsmacht als relevant dargestellt wird und das
scheinen vor allem die Westdeutschen zu sein.5Allerdings muss angemerkt werden,
dass die Einordnung einer Person aufgrund eines bestimmten Verhaltens – „wenn
der Andere sich als Wessi sieht“ – eine Fremddefinition durch den Interviewten ist.
Wenn damit eine Selbstdefinition als „ostdeutsch“ korreliert, geht die Klassifizierung
auch von den Interviewten selbst aus – entgegen der eigenen Wahrnehmung dieses
Typus. Diese Vermutung wird unterstützt, weil diejenigen, die konkret erklären, sie
haben bereits die Selbstklassifizierung von Westdeutschen erfahren, konkrete Auto-
und Heterostereotype nennen:
Überall wo man hingeht in Ostdeutschland, findet man auch die Menschen
mit diesen Eigenschaften [gemeint sind Herzlichkeit, Zusammenhalt, Unter-
stützung, L.V./J.L.], während es „drüben“ eher schwer ist, so etwas zu finden.
(ID8)
Diejenigen, die keine Selbstklassifizierung der Westdeutschen als Erfahrung nen-
nen, sprechen dagegen nur im Allgemeinen von einer Trennung:
„Für mich gibt’s schon auch die Unterscheidung zwischen Ost und West [...]“
– INT: „Und wie genau bestimmt sich für dich ein Wessi?“ – „[...] Ohh ... kann
ich nicht so allgemein sagen ... kann man schlecht unterscheiden ... der Wessi
ist halt vielleicht rhetorisch besser in der Lage als der Ossi, manchmal, aber das
liegt halt an der anderen Vorprägung.“ (ID22)
4Bei dieser Interviewten wird bei dem vorherigen Zitat klar, dass sie sich nicht abgrenzen will, sondern
dazu getrieben wird. Die Antwort auf die erste Frage wurde mit dem „weil es [...] thematisiert wird“ begrün-
det und bei der zweiten Frage nach dem Verhalten gegenüber Westdeutschen lehnt sie die Identifikation
als Ostdeutsche ab, möglicherweise aufgrund des Abgrenzungscharakters.
5Allerdings zeigt sich auch, dass es die Ostdeutschen sein können, z. B. wenn der (ostdeutsche) Inter-
viewer als Person mit Deutungsmacht wahrgenommen wird.
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188 L. Vogel, J. Leser
Die Stereotypisierungen sind jedoch weniger ausgeprägt als bei den bisher be-
schriebenen Typen. Insbesondere im Vergleich zum Abgrenzungsidentifizierungs-
typus fällt auf, dass die persönliche Begegnung als Anlass wahrgenommen wird,
Heterostereotype gegenüber der anderen Gruppe abzubauen:
[...] wenn man die [die Westdeutschen] erst einmal personifiziert hat, dann sind
die Vorurteile weg. (ID1)
Zusammenfassend lässt sich diese Gruppe mit dem Satz charakterisieren:
Also das Ganze ist schon noch im Kopf drin. (ID4)
Damit kommt zum Ausdruck, dass die Klassifizierung zwar als überflüssig emp-
funden wird, weil es keine relevanten Unterschiede gebe, sie aber dennoch wirksam
ist. Diese Wirksamkeit wird jedoch gleichzeitig bedauert. Dieser Typus identifiziert
sich nur dann als „ostdeutsch“, wenn der Ost-West-Unterschied in seiner Wahrneh-
mung situativ als bedeutsam definiert wird. Die Identifizierung ist daher eher mit
konkreten individuellen Ereignissen als Gruppenmitglied als mit dem wahrgenom-
menen kollektiven Status der Ostdeutschen als Gruppe verknüpft. Da diese eigenen
Erfahrungen vielfältiger sind als die durch Stereotype symbolisierte Intergruppen-
beziehung zwischen Ost- und Westdeutschen, ist auch die Heterogenität innerhalb
der Einstellungen in dieser Gruppe ausgeprägter.
4.6 Nur-Klassifizierer
Dieser Typus identifiziert sich nicht als ostdeutsch. Vielmehr distanzieren sich die
Interviewten von einer Identifizierung über diese Klassifizierung:
INT: „Und, spielt das [Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland,
L.V./J.L.] für dich eine Rolle, begreifst Du dich in manchen Situationen als
Ostdeutsche?“ – „Also, da fällt mir jetzt spontan keine Situation ein.“ (ID9)
Also, diese Einteilung [Ost/West, L.V./J.L.] spielt für mich eigentlich keine
Rolle. Irgendwie gehört es nicht zu meiner Identität. (ID24)
Vertreter/-innen dieses Typus kategorisieren trotzdem nach Ost- und Westdeut-
schen und machen ihre Distanzierung davon daran deutlich, dass sie in der dritten
Person von den Ostdeutschen sprechen:
Das ist eben der Ossi, wo er sich erkennt. [...] Also manchmal habe ich das
Gefühl, dass Ossis mehr selber machen [...] (ID6)
Die Klassifizierung wird zwar ebenso auf Basis von Eigenschaften vorgenom-
men, die der Vergleichsdimension kollektivistisch/individualistisch zugeordnet sind.
Diesen Eigenschaften und Unterschieden wird jedoch nur eine geringe Bedeutung
zugeschrieben:
Da ist nicht soviel Zusammenhalt zum Beispiel. Ich betrachte das aber weniger
wertend. Es war einfach da und deswegen bin ich in einer anderen Generation,
als die nach uns kommt zum Beispiel. (ID20)
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Ostdeutsche Identität(en) im Wandel? Perspektiven für Intra- und Interkohortenvergleiche 189
Die Interviewten benennen auch häufig konkrete wirtschaftliche Unterschiede
zwischen Ost- und Westdeutschland:
[...] dass sich Leute, die sich von Ostdeutschland in Westdeutschland bewerben,
weniger Chancen haben als Westdeutsche. (ID9)
Dass vielleicht die Westdeutschen ein großes Auto fahren können, weil eben
der Reichtum schon sehr ungleich verteilt ist. Und dass dort viele Häuser haben
und hier im Osten viele im Neubaublock wohnen, obwohl man sagen muss: Wer
wohnt heute noch im Neubaublock? (ID24)
Allerdings findet keine Begründung der wirtschaftlichen Asymmetrien über die
unterschiedlichen Eigenschaften der Ost- und Westdeutschen statt, denn es wird
deutlich gemacht, dass Unterschiede nur für die „ältere Generation“ eine Rolle
spielen würden:
INT: „Du sagst trotzdem, diese Grenzziehung zwischen Ost und West gibt es
eigentlich nicht, weil diese Trennung ja nicht der Wirklichkeit entspricht.“ –
„Na ja, die Trennung in Ost und West nicht in meiner Generation, aber durchaus
für die Elterngeneration, für die schon.“ (ID24)
Die Kombination aus ungleich wahrgenommenen Wirtschaftsverhältnissen mit
der Ablehnung der Identifizierung als „ostdeutsch“ und der fehlenden Relevanz der
Klassifizierung deutet auf eine wahrgenommene Durchlässigkeit des Statusverhält-
nisses zwischen Ost und West hin. Die Interviewte ID9 sagt beispielsweise, dass
Ostdeutsche geringere Chancen in Westdeutschland hätten, aber sie führt weiterhin
aus, dass sie zugleich die Erfahrung gemacht hätte, dass
[du dich] dann bemühen [musst], halt so gut wie möglich ... nicht so sächsisch ...
zu reden [...]. (ID9)
Dieser Typus bevorzug die Strategie persönlicher sozialer Mobilität, indem die
Klassifizierung zwar anerkannt wird, aber die Zuordnung zur Gruppe der Ostdeut-
schen wenig relevant ist, weil man sie individuell verlassen kann und sie damit
unwirksam wird.
4.7 Ablehner der Klassifizierung
Die Vertreter/-innen dieses Typus vollenden die Tendenz, in ihrer Identitätsbildung
primär die Klassifizierung zwischen Ost- und Westdeutschland vor Augen zu haben.
Weil sie diese Klassifizierung ablehnen, identifizieren sie sich auch nicht mit Ost-
deutschland. Dies geschieht auf zwei Arten. Einerseits gibt es diejenigen, die die
Klassifizierung nach Ost- und Westdeutschland für nicht existent halten und sich
deshalb nicht als Ostdeutsche identifizieren:
[...] ich würde mich nicht als Ostdeutsche bezeichnen und wenn, dann, dann
werde ich einfach nur da rein gedrückt, weil ich in den neuen Bundesländern
wohne und hier geboren bin. (ID2)
Andererseits gibt es diejenigen, die die Klassifizierung ebenso ablehnen, sich
aber zu Ostdeutschland zugehörig fühlen, wenn eine Fremdklassifizierung als „ost-
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190 L. Vogel, J. Leser
deutsch“ vorgenommen wird. Im Gegensatz zu den Kontext-Ostdeutschen dient die
Artikulation dieses Zugehörigkeitsgefühls jedoch dazu, die Klassifizierung abzuleh-
nen und zum Ausdruck zu bringen, dass Ostdeutschland und die Ostdeutschen nicht
anders seien als Westdeutschland und die Westdeutschen:
Wenn ich immer darüber höre, nervt mich eine Sache. Wir sind ein vereinig-
tes Deutschland und wenn so herablassend über die Ostdeutschen geredet wird.
Die Ossis wären blöd und so weiter. Ich versuche auch den Osten mit zu ver-
teidigen, weil ich ja hierher gehöre. (ID12)
Es gibt diese Stereotypen, aber ich denke, dass die Menschen im Grunde alle
gleich sind. (ID11)
Insgesamt äußern die Vertreter/-innen dieses Typus die Ansicht, dass sie sich
nicht mit Ostdeutschland identifizieren können, weil sie die DDR selbst kaum erlebt
hätten.
Ja, ich bezeichne mich als Deutsche und fertig. Weil dadurch, dass ich bei der
Wende sechs Jahre alt war, warum bin ich dann ostdeutsch? Ich war ja noch
nicht mal Pionier. (ID2)
Weil ich eben diese Verlängerung oder diese vermeintliche ostdeutsche Identität
auch als Verlängerung der DDR betrachte. Da ich die DDR insgesamt, wie ja
gehört, negativ werte, kann ich mit dieser Identität des Ostdeutschen wenig
anfangen. (ID15)
Die Möglichkeit für eine ostdeutsche Identität wird folglich ausschließlich in der
eigenen Erfahrung der DDR gesehen. Da es weder diese noch wahrgenommene
Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschen gebe, sehen sie keine Möglichkeit
der Identifizierung oder der Klassifizierung. Allerdings ist diese Ablehnung eher
als eine normative Zurückweisung zu verstehen als eine empirische Feststellung,
denn typischerweise wird wahrgenommen, dass Andere Ost-West-Klassifizierungen
vornehmen. Nur eine der Interviewten gibt an:
[...] ich merke keinen Unterschied in der Behandlung [...] und ich behandle die
Leute auch nicht, als ob sie ostdeutsch oder westdeutsch wären. (ID7)
Die Vertreter/-innen dieses Typus kategorisieren selbst nicht nach Ost-West und
zeigen deshalb in den Interviews keinerlei Hetero- oder Autostereotypisierungen.
Auch das DDR-Bild dieser Gruppe ist – mit einer Ausnahme – auffallend inhaltsarm:
INT: „Gibt es negative Sachen, die du mit Ostdeutschland verbindest?“ – „Ich
weiß halt nicht viel über die DDR.“ – INT: „Ich meine jetzt Ostdeutschland.“ –
Schweigen und Achselzucken (ID12)
Nein, überhaupt nicht, gar nicht, auch ich muss ehrlich sagen, ich kann mich
an viele Sachen gar nicht erinnern, sondern ich sehe es jetzt in diesem Fernseh-
shows und muss darüber lachen, weil es so war. (ID7)
Es ist für diesen Typus auch nicht relevant, sich mit der DDR zu beschäftigen,
da die bewusst wahrgenommene eigene Biographie erst später beginne:
Mir kommt, wie Helmut Kohl wahrscheinlich sagen würde, die Gnade der spä-
ten Geburt zu Gute. (ID15)
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Ostdeutsche Identität(en) im Wandel? Perspektiven für Intra- und Interkohortenvergleiche 191
5 Die Heterogenität ostdeutscher Identitäten im Jahr 2004
Jenseits der geschilderten und in Abb. 1zu einer dimensionalen Darstellung ver-
dichteten Unterschiede zwischen den Typen bestehen Gemeinsamkeiten, die auf
ein kollektiv geteiltes Identitätsangebot hinweisen. Selbst diejenigen, die sich nicht
als „ostdeutsch“ identifizieren oder eine solche Klassifizierung ohnehin ablehnen,
beziehen sich letztendlich darauf, indem sie dieses Modell für sich selbst oder ins-
gesamt zurückweisen. Nach diesem Identitätsangebot werden Ostdeutsche als Per-
sonen wahrgenommen, die a) selbst in der DDR aufgewachsen sind,6die b) auf der
zentralen Vergleichsdimension kollektivistisch/individualistisch eher auf der Seite
des kollektivistischen Handelns einzuordnen sind und diese Einordnung auch dazu
dient, die wahrgenommene kulturelle oder ökonomische Inferiorität der Ostdeut-
schen zu erklären und c) die sich aufgrund dieser Unterschiede selbst als ostdeutsch
identifizieren oder zumindest die entsprechende Kategorisierung akzeptieren.
Jedoch reagieren die einzelnen Typen unterschiedlich auf dieses kollektiv geteilte
Identitätsangebot. Die Abgrenzungs- und Aufwertungsidentifizier übernehmen die-
ses Modell und naturalisieren es als Reaktion auf die von ihnen wahrgenommene
ökonomische oder kulturelle Inferiorität der Ostdeutschen im Vergleich zu den West-
deutschen. Um in dieser Situation den Gruppenvergleich positiv ausfallen zu lassen,
grenzen sie sich durch extensiven Rückgriff auf Auto- und Heterostereotypen von
den Westdeutschen ab und deuten das Gruppenverhältnis um, mit dem Ziel, die in-
feriore Stellung der Ostdeutschen zu begründen oder die Ostdeutschen aufzuwerten.
Die starke Identifizierung mit Ostdeutschland bei gleichzeitiger kollektiver Aufwer-
tung der Eigengruppe dient zugleich dazu, die individuelle Biografie und Identität
aufzuwerten. Durch die Naturalisierung der Ost-West-Unterschiede werden beide
Gruppen auch als wenig durchlässig wahrgenommen, wodurch die gewählte kollek-
tive Strategie der Umdeutung des Gruppenverhältnisses die plausibelste Reaktion
ist.
Weder für die Identifizierer über die positiven Seiten der DDR noch für die In-
tegrativen Identifizier steht die Abgrenzung gegenüber Westdeutschland im Vorder-
grund ihrer ostdeutschen Identitätsbildung. Sie identifizieren sich vorrangig über die
individuellen positiven Erfahrungen mit und in der DDR oder über die Erfahrung der
Bewältigung des Systemumbruchs, mit der eine spezifische Transformationskompe-
tenz einhergehe (vgl. Lettrari et al. 2016). Dieser Typus ostdeutscher Identität lehnt
das kollektive Identitätsangebot „ostdeutsch“ für sich selbst ab, sieht es jedoch ins-
besondere für die ältere Generation als zutreffend an. In dieser Distanzierung kommt
die individuelle Strategie zum Ausdruck, die eigene Identität in eine transformier-
te gesamtdeutsche oder transnationale Identität einbringen zu können. Der Versuch
der Transformation des kollektiven Identitätsangebots „deutsch“ geschieht über die
Klassifizierung der (jüngeren) Ostdeutschen, die aufgrund ihrer spezifischen Er-
fahrungen Eigenschaften mitbringen, die gewinnbringend in die individualistische,
6Zum Befragungszeitpunkt 2004 stellte sich die Frage erst in Ansätzen, ob die ostdeutsche Identität bei
denen entstehen kann, die kurz vor oder erst nach 1989 auf dem Gebiet der ehemaligen DDR geboren und
sozialisiert wurden. Diese Personen waren zum Interviewzeitpunkt 2004 höchstens 14 Jahre und dürften
daher in entsprechenden Diskursen weder aktiv noch passiv thematisiert worden sein.
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192 L. Vogel, J. Leser
globalisierte Gesellschaft eingebracht werden können. Diese individuelle Strategie
der Reklassifizierung ist integrativ und nicht abgrenzend, da sie die ostdeutsche
Identität als Ergänzung der gesamtdeutschen/transnationalen Identität und als Mit-
tel zur individuellen Überwindung der ohnehin als durchlässig wahrgenommenen
Gruppengrenze ostdeutscher Identität versteht.
Die Kontext-Ostdeutschen, die Nur-Klassifizierer und die Ablehner der Klassifi-
zierung nehmen das kollektive Identitätsangebot „ostdeutsch“ fast ausschließlich in
Situationen wahr, in denen sie durch Fremddefinitionen selbst als ostdeutsch klas-
sifiziert werden oder die Klassifizierung Ost-West allgemein als relevant dargestellt
wird. Für sie selbst sind weder die ostdeutsche Identität noch die Ost-West-Klas-
sifizierung relevant für ihre Handlungsorientierungen. Auf diese Situationen wird
unterschiedlich reagiert: Kontext-Ostdeutsche identifizieren sich in diesen Situatio-
nen als ostdeutsch, die Nur-Klassifizierer und Ablehner der Klassifizierung tun dies
wiederum nicht. Die Nur-Klassifizierer gestehen zwar fortbestehende Ost-West-Un-
terschiede zu, insbesondere für die ältere Generation, sie selbst identifizieren sich
jedoch nicht als ostdeutsch und nehmen deshalb in Anspruch, dass diese Zugehö-
rigkeit weder in ihren Selbst- noch in den an sie gerichteten Fremddefinitionen eine
Rolle spiele. Die Gruppengrenze wird daher als durchlässig wahrgenommen und
als Reaktionsstrategie wird folglich individuelle Mobilität gewählt. Die Ablehner
der Klassifizierung lehnen sowohl die Identifizierung als auch die Ost-West-Klas-
sifizierung generell ab und reagieren auf entsprechende Fremddefinitionen mit der
Negation der Ost-West-Unterschiede unter Verweis auf die interne Heterogenität bei-
der sozialer Kategorien. Diese drei Typen betonen deshalb die Kontextabhängigkeit
ihrer Identitätskonstruktionen, während die übrigen Typen eine Unabhängigkeit ihrer
ostdeutschen Identität von den Kontexten ihrer sozialen Interaktionen in Anspruch
nehmen.
6 Ostdeutsche Identitäten ein Jahrzehnt später: Perspektiven für einen
Intra- und Interkohortenvergleich
Die geschilderten Ergebnisse werden nun mit den erwähnten Studien von Kubiak
(2018) und Flack (2016) verglichen, um Anhaltspunkte für Kontinuität und Wan-
del in den Konstruktionen ostdeutscher Identität zu identifizieren. Beide jüngeren
Studien kommen zu dem Ergebnis, dass die in der DDR oder in Ostdeutschland
Geborenen sowohl eine Abwertung der Ostdeutschen in der öffentlichen Debatte
wahrnehmen als auch individuell in bestimmten Situationen erfahren. Diese Abwer-
tung bilde den Ausgangspunkt ihrer Identitätskonstruktionen (Kubiak 2018, S. 35;
Flack 2016, S. 67) und es finden sich einige – jedoch nicht alle – der bereits für
2004 beschriebenen Reaktionsstrategien wieder. Kubiak (2018, ebd.) berichtet da-
von, dass die nach 1990 Geborenen eine Ost-Kategorisierung mit Verweis auf die
kulturelle Einheit Gesamtdeutschlands ablehnen und delegitimieren, sich aber im
Falle einer Fremddefinition dennoch individuell als ostdeutsch identifizieren. Auch
ist ebenso wie 2004 zu beobachten, dass die Frage nach der Ost-West-Kategorisie-
rung sowohl von den vor als auch den nach 1990 Geborenen eher als ein Problem
der älteren Generation wahrgenommen wird (ebd., S. 35; Flack 2016, S. 67). Die vor
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Ostdeutsche Identität(en) im Wandel? Perspektiven für Intra- und Interkohortenvergleiche 193
1990 Geborenen reagierten auf die wahrgenommene Abwertung der Ostdeutschen
mit dem Versuch, ein alternatives Bild ostdeutscher Identität in der Öffentlichkeit zu
etablieren, um die wahrgenommene Hegemonie des medial vermittelten Identitätsan-
gebots „ostdeutsch“ aufzubrechen und durch differenziertere ostdeutsche Identitäten
zu ersetzen (Flack 2016, S. 63). Die von Kubiak (2018) beschriebenen Identitätskon-
struktionen spiegeln somit die 2004 identifizierten Typen der Kontext-Ostdeutschen
wider. In Flacks (2016) Interviews können hingegen die Integrativen Identifizierer
wiedererkannt werden. Diese Zuordnung wird dadurch unterstrichen, dass Flack
(2016, S. 64) die 2004 bei den Integrativen Identifizierern konstatierte interne He-
terogenität und deren gering ausgeprägte Artikulation von Stereotypisierungen in
gleicher Weise bei ihren Interviewpartner/-innen findet. Einige Typen aus dem Jahr
2004 sind deshalb auch noch rund ein Jahrzehnt später zu erkennen, wodurch die
partielle Kontinuität in der Konstruktion ostdeutscher Identitäten deutlich wird. Die
Validität dieses Befundes wird durch die partiellen Unterschiede in Datenerhebung
und Fallauswahl bekräftigt.
Dennoch zeigen sich Hinweise auf diachrone Unterschiede. Da Kubiak und Flack
in ihren jeweiligen Interpretationen die Identitätskonstruktion zu einem einzigen
Typus verdichten, ist die 2004 deutlich gewordene interne Heterogenität der ost-
deutschen Identitätsbildungsprozesse in den beiden jüngeren Studien nicht mehr in
gleicher Weise präsent. Dieser Unterschied könnte auf die variierenden Forschungs-
designs zurückgehen. Bei Kubiak (2018) stellt sich die Frage, ob die Homogenität
des sozialen Status der Interviewten als Studierende zu einer größeren Überein-
stimmung in den Gruppendiskussionen als 2004 geführt hat. Bei Einbezug anderer
Bildungsgruppen und damit einer größeren Heterogenität des sozialen Status – wie in
der Studie von 2004 – wäre zu vermuten, dass insbesondere die Typen Abwertungs-
und Aufwertungsidentifizierer erneut auftauchen würden, deren Identitätsbildung als
„ostdeutsch“ eng mit Erfahrungen individueller und kollektiver Deprivation einher-
geht. Zudem könnte die Homogenität der Identitätsbildungsprozesse auf der internen
Dynamik der Gruppendiskussion beruhen, die – begünstigt durch die soziale Homo-
genität – zu einer wechselseitigen Anpassung geführt haben könnte.
Für die Einzelinterviews von Flack (2016) gilt die letztgenannte Einschränkung
nicht, wohingegen der soziale Status der Interviewten unbekannt ist. Allerdings ist
hierbei zu prüfen, ob die thematische Rahmung der Interviews im Kontext der Bemü-
hungen zur politischen Etablierung einer Generation von „Wendekindern“ (s. oben)
und die damit zusammenhängende Auswahl der Probanden zur Betonung der Ho-
mogenität dieser Generationserfahrung beigetragen hat. Es ist z. B. auffällig, dass
die von Flack selbst erwähnte Heterogenität der Identitäten dieser Generation nicht
anhand von Interviewpassagen gezeigt wird, sondern dafür auf externe Ereignisse
verwiesen wird (ebd., S. 63).
Die methodischen Unterschiede und möglichen Selektionseffekte können also
dazu geführt haben, dass in beiden jüngeren Studien jeweils nur ein einziger Typus
ostdeutscher Identitätsbildung identifiziert wurde. Dafür spricht, dass der synchro-
ne Vergleich der beiden jüngeren Studien vor dem Hintergrund der Ergebnisse von
2004 zeigt, dass die interne Heterogenität ostdeutscher Identitäten fortbesteht. Weil
Flack (2016) unter den zwischen 1975 und 1985 Geborenen nur den Typus der Inte-
grativen Identifizierer fand und Kubiak (2018) unter den nach 1990 Geborenen nur
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194 L. Vogel, J. Leser
die Kontext-Ostdeutschen, zeigt sich, dass diese Heterogenität plausibel auf Kohor-
tenunterschiede zurückgeführt werden kann, wenn die individuelle Erfahrung in der
DDR oder deren Fehlen als eine die Kohorten prägende Erfahrung berücksichtigt
wird. Vor dem Hintergrund der Ergebnisse von 2004 legt der Vergleich somit nahe,
dass die jüngeren Studien nur einen Ausschnitt aus dem Spektrum ostdeutscher Iden-
titätskonstruktionen erfasst haben und dass eine heterogenere Gruppenkomposition
der Interviewten – z.B. nach Bildungsgrad, sozialen Status oder Alter – vermutlich
weitere Typen ostdeutscher Identität zeigen würde.
Das ist insbesondere relevant, weil die 2004 identifizierten Typen Abgrenzungs-
und Aufwertungsidentifizierer, die die Ost-West-Kategorisierung betonen, um sich
damit von Westdeutschland abzugrenzen und Ostdeutschland aufzuwerten, in den
Studien circa ein Jahrzehnt später nicht mehr vorkommen. Auch die Nur-Klassifi-
zierer und Ablehner der Klassifizierung, die die Ost-West-Kategorisierung ablehnen
und sich selbst bei Fremddefinition als ostdeutsch nicht mit Ostdeutschland identifi-
zieren, sind ebenso nicht präsent – die in Kubiaks (2018) Studie vertretenen Kontext-
Ostdeutschen identifizieren sich trotz Ablehnung der Kategorisierung kontextabhän-
gig doch als Ostdeutsche (ebd., S. 35). Hier stellt sich umso mehr die Frage, ob
dieses Ergebnis bei Kubiak (2018) durch die soziale Komposition der Interviewten
erklärt werden kann, sind doch Abwertungserfahrungen und die kollektive Gegen-
reaktion der Aufwertung der Eigengruppe eng mit dem sozialen Status verknüpft.
Bei Flack (2016) kann die Rahmung der Interviews und Auswahl des Samples im
Kontext eines politischen Netzwerkes zur Etablierung einer „Wendekindergenerati-
on“ dazu geführt haben, dass die eigene Ostidentität bewusst betont wird und sich
von kollektiven Strategien, wie bei den vorherigen „Ostgenerationen“ beobachtet,
abgegrenzt wird.
Ungeachtet möglicher methodischer Ursachen für einen Teil der Befundlage er-
öffnen sich damit Anhaltspunkte für Vergleichsperspektiven. Der Interkohortenver-
gleich der Ergebnisse von 2004 mit Kubiak (2018) eröffnet die Möglichkeit der Un-
tersuchung von Kohorten- oder Generationseffekten. Für die nach 1990 Geborenen –
bzw. mindestens für diejenigen unter ihnen mit akademischer Prägung und damit ge-
ringerer individueller Deprivationserfahrung – spielt die ostdeutsche Identität allein
in Situationen der Fremddefinition eine Rolle, wird aber zugleich grundsätzlich ab-
gelehnt. Diese Wahl der individuellen Strategie als Reaktion auf die Fremddefinition
als „ostdeutsch“ kann Kennzeichen dafür sein, dass die nach 1990 Geborenen die
Gruppengrenze zwischen Ost und West als durchlässiger empfinden als die älteren
Kohorten, die eher auf die Umdeutung der relevanten Vergleichsdimension und die
Aufwertung der kollektiven Identität setzen. Dass ihre Ablehnung der Kategorisie-
rung aber nicht zu einer generellen Ablehnung der individuellen Identifikation als
„ostdeutsch“ führt, ist möglicherweise Ergebnis einer identitätspolitischen Wahr-
nehmung, in der die Zugehörigkeit zu benachteiligten Gruppen unter bestimmten
Umständen der individuellen Mobilität nicht hinderlich, sondern sogar dienlich ist.
Dass die jüngere Kohorte ihre ostdeutsche Identität dabei weniger ostentativ be-
tont als die (älteren) Integrativen Identifizierer 2004 und bei Flack (2016) könnte
Hinweis sein auf eine eher instrumentelle Identitätsbildung, die durch Geburt und
Sozialisation nach 1990 erleichtert wird.
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Ostdeutsche Identität(en) im Wandel? Perspektiven für Intra- und Interkohortenvergleiche 195
7Fazit
Der Intra- und Interkohortenvergleich der Ergebnisse von drei qualitativen Studi-
en zur Konstruktion ostdeutscher Identitäten unterstreicht, dass eine vergleichen-
de Analyse des zugrundeliegenden Datenmaterials und ihre Erweiterung um sozial
heterogenere Interviewsamples eine Bereicherung der Diskussion um ostdeutsche
Identitäten mit sich bringen kann. Der Vergleich verdeutlicht erstens,dasseine
partielle Kontinuität in den Identitätsbildungsprozessen zwischen 2004 und einer
Dekade später besteht. Stellen kollektive Identitäten eine Symbolisierung von Grup-
penverhältnissen dar, besteht die wahrgenommene Asymmetrie zwischen Ost- und
Westdeutschland in Teilen offenbar fort. Zweitens artikulieren die Interviewten der
drei Studien trotz eines von ihnen als dominant wahrgenommenen Identitätsange-
bots nicht eine einheitliche ostdeutsche Identität, sondern eine Vielzahl ostdeutscher
Identitäten, die mit unterschiedlichen Folgen für ihre Handlungsorientierungen ein-
hergehen. „Ostdeutsch“ wird weiterhin oft als abwertende Klassifizierung wahrge-
nommen, auf die mit individueller Mobilität und Praktiken der De- und Reklassifi-
zierung reagiert wird – sowohl im Erhebungsjahr 2004 als auch rund eine Dekade
später. Ostdeutsche Identitäten entstehen jedoch nicht ausschließlich als Reaktion
auf wahrgenommene Abwertung, sondern sind auch Ergebnis der Erfahrungen der
Transformation in Ostdeutschland. In diesen Fällen wird die erfolgreiche Bewälti-
gung dieser Transformation zur Basis der ostdeutschen Identität gemacht, die nicht
abgrenzend ist, sondern als Bereicherung gesamtdeutscher Diskussions- und Ent-
scheidungsprozesse verstanden wird. Schließlich konnten einige Typen ostdeutscher
Identität, die 2004 noch präsent waren, nicht erneut gezeigt werden, insbesondere
solche, bei denen Abwertungserfahrungen durch die Strategie der Umdeutung der
Vergleichsdimension und der kollektiven Aufwertung der Gruppe der Ostdeutschen
kompensiert werden. Aufgrund der geschilderten methodischen Vorbehalte können
jedoch erst weitere Analysen zeigen, ob diese Typen nicht mehr in der Bevölkerung
präsent sind und ob daher individuelle und instrumentelle Identitätsbildungsprozesse
gegenwärtig überwiegen. Für diese Analyse böte sich eine Reproduktion früherer
Befragungen unter Konstanthaltung der Struktur der Interviewsamples sowie des Er-
hebungsinstruments und seiner inhaltlichen Kontextualisierung an. Drittens lässt sich
die geschilderte Heterogenität plausibel auf biografische Unterschiede und Kohor-
teneffekte zurückführen. Zukünftige Studien sollten deshalb verstärkt die sozialen
und politischen Eigenschaften der Befragten sowie die Randbedingungen für deren
Identitätskonstruktionen in den Blick nehmen.
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Erste Ergebnisse aus dem Projekt Postmigrantische Gesellschaften . Die Studie des DeZIM-Instituts „Ostmigrantische Analogien I. Konkurrenz um Anerkennung“ untersucht Parallelen in den Abwertungen von benachteiligten Gruppen – in diesem Fall von Ostdeutschen und Muslim*innen.
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Kollektive Identitäten sind nicht nur ein aktuelles gesellschaftliches Thema - sondern auch ein grundlegendes sozial- und kulturwissenschaftliches Konzept: Was ist und wie entsteht ein »Kollektiv« oder eine »Gesellschaft« und wie hängen individuelle und kollektive Identität zusammen? Der Band durchquert verschiedene Disziplinen und Debatten und geht dabei der Brisanz und Aktualität kollektiver Identität ebenso nach wie der Vielfalt, in der sie gedacht, erforscht und kritisiert wird - und mündet in der These der Notwendigkeit und Unmöglichkeit kollektiver Identität. Die Einführung richtet sich an Studierende der Sozial- und Kulturwissenschaften ebenso wie an alle gesellschaftlich Interessierten und Engagierten.
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Auch fast 30 Jahre nach dem Fall der Mauer ist die Unterscheidung in „ost-“ und „westdeutsch“ in der medialen Öffentlichkeit an der Tagesordnung. Doch wie relevant ist die Kategorie „ostdeutsch“ für das individuelle Erleben? Der Beitrag wirft anhand einzelner Fallanalysen ein Schlaglicht auf dieses komplexe Thema.
Chapter
Right-wing extremism, ethnocentric attitudes, individual and collective deprivation in post-communist East Germany. Results of a regional public survey.
Article
Mit Hilfe von zwei qualitativen Forschungsmethoden (Gruppendiskussionen und Imitation Games) wurden für diesen Beitrag Menschen untersucht, die nach 1990 in den neuen oder alten Bundesländern geboren wurden. Ziel der Forschung war es, die Identitätskonstruktionen bezüglich der Ost-West-Differenz dieser Personen zu analysieren. Dabei ließen sich folgende Ergebnisse finden. Erstens: Ostdeutsche Identitätspolitik findet vor allem als Reaktion auf (mediale) Abwertungserfahrungen statt. Zweitens: Aus der Perspektive einer westdeutschen Norm, lassen sich keine Anzeichen für eine westdeutsche Identität finden. Stattdessen sind die Ostdeutschen als die „Anderen“ identitätsprägend. Im postkolonialen Kontext wird dies als „Othering“ beschrieben.
Book
Seit 2011 stehen Wendekinder, als letzte partiell in der DDR sozialisierte Gruppe, welche sich in Teilen selbst als Dritte Generation Ostdeutschland bezeichnen, im Fokus der Öffentlichkeit. Mit diesem Band liegt eine transdisziplinäre Betrachtung des Phänomens vor. Dabei wird das Forschungsfeld in den Dimensionen Diskurs, Typen und Positionierung(en) kartiert. Im zweiten Moment ist durch die Bildung eines Analyserasters, dem Rostocker-Generationen-Modell, eine Betrachtung der Frage nach dem „Zusammenwachsen“ der beiden deutschen Staaten gelungen. Die Vielfalt der Beiträge verdeutlicht eine initiale Erkenntnis: Es handelt sich bei den Wendekindern um eine hochgradig diverse Generation, welcher jedoch aufgrund ihrer doppelten Sozialisation eine ausgleichende triangulierende Vermittlerposition zukommt. Der Inhalt - Gerüst der Elaboration - Wendekinder im Diskurs - Wendekinder als Typen - Wendekinder und ihre Positionierung(en) - Wendekinder zwischen Erforschung und Selbstermächtigung Die Zielgruppen Studierende und Lehrende aus den Fachgebieten der Politik-, Geschichts- und Sozialwissenschaften sowie die interessierte Öffentlichkeit. Die Herausgebenden Adriana Lettrari ist Promovendin am Institut für Politikwissenschaft der Universität Bremen und Gründerin der Wendekind gUG. Christian Nestler ist wissenschaftlic her Mitarbeiter am Institut für Politik- und Verwaltungswissenschaften der Universität Rostock. Dr. Nadja Troi-Boeck ist Jugendpfarrerin in Buchs ZH und Habilitandin an der Theologischen Fakultät der Universität Zürich.
Chapter
Am Abend des 9. November 1989 fiel die Mauer in Berlin: Menschen drängten lachend, weinend, fast wie m Trance nach Westen. Zweifellos, damals war dies eine unfaßbar positive Begebenheit, die — wie es der damalige regierende Bürgermeister von Westberlin, Walter Momper, ausdrückte — die Deutschen „zum glücklichsten Volk der Welt“ machte.