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Objektivation online: Subjekte und Objekte sozialer Medien

Abstract

We argue that rather than the materiality of social media, their objectification practices should be researched: That matter matters is widely accepted today, however, its continued invocation prevents relevant approaches from moving beyond this finding. Therefore, following Berger and Pullberg, we develop a concept of objectivation that we differentiate into two processes: objectivation as a condition of practices (as datum) and as the result of practices (as factum). Particularly the latter provides analytical potential for recent social media practices: Joint objectivation is one of the central practices of social media platforms.
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Objektivation online: Subjekte und Objekte sozialer
Medien
Paßmann, Johannes; Schubert, Cornelius
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Zeitschriftenartikel / journal article
Empfohlene Zitierung / Suggested Citation:
Paßmann, J., & Schubert, C. (2020). Objektivation online: Subjekte und Objekte sozialer Medien. MedienJournal:
Zeitschrift für Medien- und Kommunikationsforschung, 4. https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:0168-ssoar-70229-1
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Manuskript in Vorbereitung für: MedienJournal. Zeitschrift für Medien- und Kommunikationsforschung.
Special Issue: Medien als Dinge denken. Zur Materialität des Digitalen, hg. v. Anja Peltzer, Matthias
Wieser & Nicole Zillien.
Objektivation online
Subjekte und Objekte sozialer Medien
Johannes Paßmann & Cornelius Schubert
Abstract: Statt nach der Materialität sozialer Medien zu fragen, werden wir in diesem Beitrag deren Objektiva-
tionspraktiken untersuchen. Dass Materie immer mitspielt, steht kaum noch in Frage. Eine starke Betonung der
bloßen Materialität hindert einschlägige Untersuchungen aber daran, über die bekannte Feststellung des matter
matters hinauszugehen. Wir erarbeiten daher in Anschluss an Berger und Pullberg einen Begriff von Objektivation,
den wir in zwei Prozesse unterteilen: Objektivation als Bedingung von Praktiken (als Gegebenes) und als Ergebnis
von Praktiken (als Gemachtes). Vor allem letzteres bietet analytische Potenziale für rezente Social-Media-Praktiken:
Gemeinsame gemachte Objektivation gehört zu den zentralen Praktiken der Social-Media-Plattformen.
Schlagworte: Social Media, Twitter, Materialität, Objekte, Singularisierung, Quantified Self
Abstract: We argue that rather than the materiality of social media, their objectification practices should be
researched: That matter matters is widely accepted today, however, its continued invocation prevents relevant
approaches from moving beyond this finding. Therefore, following Berger and Pullberg, we develop a concept of
objectivation that we differentiate into two processes: objectivation as a condition of practices (as datum) and as
the result of practices (as factum). Particularly the latter provides analytical potential for recent social media practices:
Joint objectivation is one of the central practices of social media platforms.
Key words: Social media, Twitter, materiality, objects, singularisation, quantified self
1. Einleitung
Was macht die Materialität sozialer Medien aus? Facebook betreibt ein Rechenzentrum in
Nordschweden, weil dort günstiger Strom aus Wasserkraft und niedrige Außentemperaturen
finanzielle, ökologische sowie klimatische Vorteile bieten. Die Rohstoffe zur Herstellung von
Halbleitern und Batterien werden weltweit abgebaut und über globale Warenströme den
jeweiligen Fertigungsanlagen zugeführt. Ohne die aufwändigen Elektrizitäts- und Datennetze
im Hintergrund wären soziale Medien selbst nicht funktionsfähig. Dass die medientech-
nologischen Materialitäten stets conditio sine qua non auch sozialer Medien sind, steht außer
Frage. Es ist ein Verdienst der sozial- und medienwissenschaftlichen Forschung der letzten
Jahrzehnte, dass diese Stofflichkeiten zunehmend (wieder) in den Blick genommen wurden.
Über sie hinweg zu sehen und sich auf die immateriellen Aspekte von Sinn, Ästhetik oder
Deutung zu fokussieren würde hinter die materiell-semiotischen Verschränkungen sozialer
Praktiken zurückfallen und einer einseitig verkürzten Betrachtung gesellschaftlicher Realitäten
Vorschub leisten. Die allgemeine Einsicht in die sozialkonstiutive Bedeutung von Materialität
bleibt jedoch unspezifisch für soziale Medien. Die gleichen Voraussetzungen gelten beispiels-
2
weise auch für die Datenströme der Finanzwirtschaft, die Überwachungsnetze von Geheim-
diensten, Forschungsinfrastrukturen in der Wissenschaft oder einfach auch nur für das
Telefonieren. Die im Rahmen des Special Issues aufgeworfene Frage nach der Materialität des
Digitalen in ihrem Eigensinn für soziale Medien zu erfassen bedeutet daher, über die grund-
legende Feststellung des „matter matters“ hinauszugehen und zu fragen, was die unhintergehbar
gegebenen Bedingungen der sozialen Medienpraxis ausmacht. Hierfür spielt Materialität
zweifellos eine Rolle, aber stets nur insofern damit etwas geschaffen wird, das immer schon
materiell und ideell zugleich ist.
Wir schlagen deshalb ein Konzept von Objektivation vor. Objektivationen werden dabei
in praxeologischer Lesart zum einen als Bedingung von Praktiken (als Gegebenes) und zum
anderen als Ergebnis von Praktiken (als Gemachtes) verstanden. Als Bedingung von Praktiken
erscheinen Objektivationen im Sinne einer von Einzelpersonen unabhängigen „Realität sui
generis“ (Durkheim, 1984, S. 109), als „soziale Tatbestände“, die, so Émile Durkheim, „wie
Dinge zu betrachten“ seien (ebd., S. 115). Bruno Latour hat in diesem Zusammenhang darauf
hingewiesen, dass es zumeist stoffliche Artefakte sind, die der Gesellschaft Stabilität verleihen
(„technology is society made durable“ 1991). Die dauerhafte Wirkmächtigkeit von Objektiva-
tionen kann somit sowohl auf ideellen Konventionen als auch auf materiellen Stofflichkeiten
beruhen in aller Regel jedoch auf einer Mischung von beidem. Davon unterscheiden wir
Objektivationen als Ergebnis von Praktiken. Hier zeigen sie sich als formbare Entitäten. Sie sind
Ergebnis kollektiver Prozesse, in denen materielle Artefakte und gesellschaftliche Sinnzusam-
menhänge miteinander verknüpft werden. Als solche weisen sie auf die Plastizität von Materia-
lien und Sinngebungen hin, die erst im Vollzug ihre stabilen Qualitäten erhalten und ebenso im
Vollzug verändert werden können. Gegenwartsdiagnostisch relevant ist, dass dieses Formen
und Verändern selbst eine zentrale Praktik auf Social-Media-Plattformen ist.
Der Begriff der Objektivation ist demnach weder für materielle noch ideelle Aspekte
reserviert, genausowenig verweist er allein auf Stabilität oder Veränderlichkeit. Vielmehr firmiert
Objektivation als basaler Prozess zur Herstellung einer „gemeinsamen Welt“ (Berger & Pull-
berg, 1965, S. 101), die selbst immer im Wandel ist. Für Peter Berger und Stanley Pullberg be-
stand die Herausforderung im Anschluss an Durkheim und Max Weber darin „die Objektivität
sozialer Existenz in ihrem Bezug zur menschlichen Subjektivität ernsthaft in Betracht“ zu ziehen
(ebd., S. 97). Das bedeutet, nicht nur die wirklichkeitsschaffende Kraft von Objektivationen zu
untersuchen, ihre Widerständigkeiten und Beharrungskräfte, sondern insbesondere die
schrittweise Stabilisierung von Objekten in praktischen Handlungsvollzügen zu analysieren.
Wie dieser Prozess der Objektivation online auf sozialen Medien beobachtbar wird, ist
dabei alles andere als klar, genau genommen existiert hier eine bemerkenswerte Schieflage: große
Teile der soziologischen und medienwissenschaftlichen Social-Media-Forschung haben sich
wesentlich mehr mit Fragen der Subjektivierung beschäftigt, als mit Fragen der Objektivation.
Häufig wird mit aktiven und zugleich formbaren Subjekten (Individuen, Gruppen) operiert,
denen eine unveränderliche Welt gegebener Objekte (z.B. Bilder, Texte, Klänge) gegenüber-
steht, über die man sich wiederum per Plattform-Einheiten (Likes, Shares, Retweets etc.) oder
Kommentaren vergemeinschaftet und so Individualität und Gruppenzugehörigkeit inszeniert
und herstellt. Die Objektivationen dienen auf diese Weise als Mittel zum Zweck der Sub-
jektivierung: Wenn etwa Memes analysiert werden, wird deren Distinktionsleistung in den
Vordergrund gestellt und nicht so sehr, wie die Objekte, mit denen die Distinktion vollzogen
wird, selbst zu diesen Objekten werden. Dies ist auch vor dem Hintergrund erstaunlich, dass
zwar viele bourdieu-inspirierte Social-Media-Studien mit de facto unveränderlichen Kultur-
objekten operieren (bestimmte Objekte, wie etwa Insider-Memes, werden mit einem bestimm-
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ten Status in Beziehung gebracht, etwa bei Literat & van den Berg, 2019), die post-bourdieusia-
nische Kultursoziologie aber bereits seit den 1990er Jahren die Auflösung dieser festen
Relationen zwischen Kulturobjekten und sozialem Status beobachtet hat (Peterson, 1992; Holt,
1997; Prieur & Savage, 2014).
Wie Objektivationen auf Social-Media-Plattformen aussehen, wollen wir im Folgenden
untersuchen. Hierfür gehen wir in einem ersten Schritt auf Arbeiten zu digitalen Materialitäten
ein (Abschnitt 2.). Im zweiten Schritt erarbeiten wir einen Begriff von Objektivation, den wir
zu klassischen und aktuellen Debatten der wechselseitigen Verfertigung von Objekten und
Subjekten positionieren (Abschnitt 3.). In einem dritten Schritt zeigen wir, wie diese Objektiva-
tion online im Falle sozialer Medien betrachtet werden kann. (Abschnitt 4.). Ein kurzes Fazit
beschließt den Beitrag.
2. Materialitäten des Digitalen: More than the text of code
Nach einer geradezu euphorischen Verabschiedung von Materialitätsfragen im Aufkommen der
Neuen Medien und dem Siegeszug des „Virtuellen“ als immaterieller Qualität des Digitalen (vgl.
Negroponte, 1995; Abelson et al., 2008), die seit den Anfängen der Kybernetik zur Selbstbe-
schreibung digitaler Technologien gehört (Hayles, 1999), setzt eine Gegenbewegung ein, die
nimmer müde die materielle Basis digitaler Medien in Erinnerung ruft: entweder mit dem Nach-
weis, dass hier keine Ersetzung des Materiellen durch pure Form stattgefunden habe, sondern
lediglich eine Übersetzung von der einen Materialität in eine andere (etwa Kirschenbaum, 2008;
Drucker, 2009) oder dass digitale Medien und digitale Kulturen immer als materielle Kulturen
und materielle Praktiken verstanden werden müssen (Miller & Slater, 2000; van den Boomen et
al., 2009) oder eben, indem sie die Unterscheidung zwischen einem ideellen Informationsuni-
versum und einer materiellen Realwelt als kontingentes Diskursphänomen entlarven (Hayles,
1999; Blanchette, 2011). Hier lassen sich fraglos weitere Vorgänger*innen finden; es wäre kaum
zugespitzt zu behaupten, dass der Nachweis der Unhaltbarkeit einer Dichotomie zwischen Ma-
teriellem und Ideellem das Hauptthema der Medienwissenschaft und ihrer Vorläuferinnen
darstellt.
Für uns zentral ist: Die drei Strategien der technischen Falsifikation, empirischen
Einbettung und kulturellen Rekonstruktion einer Differenz zwischen Materialität und Informa-
tion waren in den vergangenen Jahrzehnten extrem erfolgreich darin, digitale Materialitäten
zurück in den Blick zu bekommen. Daraus resultiert häufig der Nachweis, dass Materialität auch
eine Rolle spielt (matter matters), so etwa bei Geiger (2014) für den Fall der Wikipedia: „Abstract,
high-level, seemingly immaterial entities like art, culture, discipline, science, truth, value, power,
or profit all rely on materially existing infrastructures, artefacts, people, and practices – often
operating behind the scenes – that often fundamentally shape and structure how those seeming-
ly immaterial abstractions operate. Just as the legal system is more than the text of laws and
precedent, software systems are more than the text of code.“ (ebd., S. 347).
Zugespitzt könnte man sagen, dass diese Strategien die Marschrichtung für große Teile
der kultur- und sozialwissenschaftlichen Beforschung digitaler Materialitäten der letzten Jahre
vorgaben: Wenn die Nullhypothese einer immateriellen, virtuellen Digitalität widerlegt werden
konnte, sahen sich die einschlägigen Texte meist am Ziel.
Dies funktioniert auch deshalb in der Regel problemlos, weil sich der Nachweis einer
Agency des Materiellen für digitale Phänomene in eine lange Tradition sozial- und kulturwissen-
schaftlicher Materialitätsvergessenheitsmahnungen einreihen ließ. Ob für materielle Artefakte
(Linde, 1972) oder menschliche Körper (Meuser, 2004), die materiellen Verkörperungen des
Sozialen in Mensch und Technik bilden die „missing masses“ (Latour, 1992), die zur Erklärung
4
gesellschaftlicher Prozesse und Strukturen in der etablierten Theoriebildung bis dato, so der
Vorwurf, kaum berücksichtigt wurden (vgl. Eßbach, 2001).
Die Mahnung der Materialitätsvergessenheit reiht digitale Plattformen ein in die Ge-
schichte einer materialtätssensiblen Medien- und Techniktheorie und zugleich sorgt diese Kon-
zeption dafür, dass digitale Plattformen mit Blick auf ihre Materialitäten zunächst zu einer Medien-
technik unter vielen werden und ihre kategoriale Spezifik verloren geht. Dies hat ohne Zweifel zu
aufschlussreicher Forschung geführt. So zeigen Geiger und andere, dass für die Wikipedia nicht
nur die Online-Interaktion wichtig ist, sondern auch persönliche Treffen (ebd.; Konieczny,
2009; Reagle, 2010). Dieser Nachweis der Ortsgebundenheit digitaler Medienpraktiken findet
sich in fast jeder Internet-Ethnografie (Miller & Slater, 2000; Burrell, 2012; Paßmann, 2018),
wobei hier auch reflektiert wird, dass die Sensibilisierung für den Ort zu einer Überschätzung
seiner Wichtigkeit führen kann (Burrell, 2009). Der Verweis auf die Materialität ist deshalb
hilfreich, weil er weder dem Situativen (wie etwa dem topografischen Ort) noch dem Übersitu-
ativen (wie etwa dem topologischen Netzwerk) a priori ein epistemisches Primat einräumt, son-
dern zur Untersuchung der Umstände jenseits und diesseits der Medientechnik auffordert
(Paßmann & Schubert, 2020b).
Wir vertreten daher wie Dourish (2017) die Position, dass der Vorwurf der Materialitäts-
vergessenheit die digitale Medienforschung nicht mehr weiterbringt: „while accounts of the
materiality of digital information might be useful as a corrective for overly casual assertions of
virtuality and immateriality, they do not take us very far“ (ebd., S. 208). Der Nachweis, dass
matter matters ist längst erbracht; man muss lange suchen, um überhaupt noch eine Position in
den Geistes- und Sozialwissenschaften zu finden, die dies anzweifelt. Wir sind deshalb der
Auffassung, dass die Materialitätsvergessenheitsmahnung nicht nur wenig Neues bringt, sie
hemmt sogar die Medienforschung, weil sie eine falsifizierte Dichotomie wiederholt und so
einlädt, immer wieder neue Varianten einer bereits gelösten Aufgabe vorzulegen. Deshalb gilt
es, auf Begriffe umzustellen, die nach dem Gegebenen der Medienpraxis fragen, ohne es auf eine
‚Seite‘ zu reduzieren oder bei dem Nachweis verhaftet zu bleiben, dass die Seiten nicht unter-
scheidbar sind. Dafür müssen wir zeitlich vor die Computerisierung zurückgehen, in der die
Vorstellung des immateriellen Virtuellen noch nicht derart virulent war.
3. Von Materialität zu Objektivation
Nehmen wir hierzu noch einmal Durkheims Gedanken auf, soziale Tatbestände wie Dinge zu
behandeln. Durkheim war daran gelegen, eine gesellschaftliche Realität sui generis zu plausibili-
sieren, die in ihrer Eigenständigkeit von der eigenständigen Disziplin der Soziologie zu unter-
suchen sei. Soziologie beschäftige sich demnach mit Phänomenen, die außerhalb des Subjekts
liegen („Dinge der Außenwelt“ Durkheim, 1984, S. 115) und die daher den Status des Objektiven
genießen. Objektivität in diesem Sinne bedeutet zunächst nur, dass einem Phänomen
Objektcharakter zugeschrieben werden kann. D.h. der Dingcharakter ist nach Durkheim nicht
notwendigerweise in bloßer Materialität begründet, sondern lässt sich daran erkennen, dass er
„durch einen bloßen Willensentschluss nicht veränderlich ist“ (Durkheim, 1984, S. 126). Diese
Widerständigkeit gegen Veränderung ist, was materielle Dinge und soziale Tatsachen aus analytischer
Perspektive miteinander teilen.
Genau so, wie eine reine, a-soziale Materialität sozialwissenschaftlich uninteressant ist,
kommen auch solche gänzlich vom subjektiven Einfluss unabhängigen Phänomene, die für
Durkheim im Vordergrund stehen, in der Praxis kaum vor. Wir sprechen deshalb im Folgenden
von Objektivationen, die zwar im Durkheimschen Sinne gegeben erscheinen können, praktisch
aber hergestellt werden müssen und prinzipiell veränderbar sind. Entscheidend sind insofern
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gerade die Prozesse, in denen die objektive Wirklichkeit sozialer Medien hervorgebracht wird –
unter anderem mit subjektiven Deutungen. Aber wie lassen sich solche Prozesse beobachten?
Hier muss zwischen verschiedenen Prozessen differenziert werden, die in unterschied-
licher Weise beobachtbar werden. Die Rede von Objekten, Objektivitäten, Objektivierungen,
Objektivationen, Objektifikation und Objektifizierungen enhält in der Soziologie unterschied-
liche Konnotationen. Einerseits ist ihr in Marx’scher Linie eine Kritik gesellschaftlicher Zustän-
de immanent, bei der Objektivationen nicht selten zu Entfremdungserscheinungen führen,
andererseits beschreibt Objektivation einen grundlegenden Prozess des Sozialen, der unun-
terbrochen vollzogen werden muss (Berger & Pullberg, 1965). Wir wenden uns im Folgenden
der letzteren Bedeutung zu, um ihr analytisches Potential für die Social-Media-Forschung
herauszustellen.
Berger und Pullberg unterscheiden unter Rekurs auf Marx vier Begriffe voneinander:
Versachlichung (Objektivation), Vergegenständlichung (Objektifikation), Entfremdung und
Verdinglichung. Während Versachlichung und Vergegenständlichung anthropologische
Notwendigkeiten beschreiben, verweisen Entfremdung und Verdinglichung auf spezifische,
wenn auch kulturhistorisch häufige Entwicklungen. Unter Versachlichung verstehen Berger und
Pullberg den grundlegenden Prozess, „in dem menschliche Subjektivität in Produkten
verkörpert wird“ (1965, S. 101), d.h. Handeln mit Bezug auf eine äußere Welt vonstattengeht
und der somit materielle als auch immaterielle Produkte umfasst. Unter Vergegenständlichung
verstehen sie den Prozess, in dem diese Produkte zu gemeinsam geteilten Bestandteilen
gesellschaftlicher Realität werden, etwa durch sprachliche Benennung. An einem Beispiel
gesprochen heißt das: Während ein Like zunächst einmal nur eine Versachlichung darstellt, so
werden Likes nicht selten im gesellschaftlichen Diskurs als wertbezogenen Einheit
vergegenständlicht.
Mit Entfremdung bezeichnen Berger und Pullberg den Prozess, in dem die vergegenständ-
lichten Versachlichungen zunehmend der subjektiven Kontrolle entgleiten und äußerlichen
Zwangscharaker annehmen, also im Sinne Durkheims zu sozialen Tatbeständen werden. Als
Plattformeinheiten haben Likes, Shares und Retweets diesen Status etwa dort erreicht, wo sie
für Influencer*innen in eindeutig ausgehandelten Mengen monetarisiert werden. Schließlich
verstehen Berger und Pullberg unter Verdinglichung „das Moment im Prozess der Entfremdung,
mit dem das Merkmal des Ding-Seins zum Maßstab der objektiven Realität wird“ (ebd., S. 102)
oder wie sie es selbst auf den Punkt bringen: „Verdinglichung ist entfremdete Vergegenständlichung
(ebd.) – ein Phänomen, das unter anderem Illouz (2005) schon früh für soziale Medien beschrie-
ben hat, insbesondere für Dating-Plattformen (ebd., S. 147).
Insofern lassen sich erstens mit dem Begriff der Objektivation sowohl die Entwicklung digitaler
Medien als Medientechnologien als auch spezieller die Kommunikationsmittel und -inhalte
sozialer Medien beschreiben. Es handelt sich nicht um bloße Materialität, sondern um herge-
stellte Artefakte und damit um Objektivationen menschlichen Tuns. Im Prozess der Objekti-
vation kann nun nachgezeichnet werden, wann und wie die jeweiligen Stufen der Objektivation
ihre wirklichkeitsprägende Kraft entfalten ohne dabei mit der überholten Dichotomie zwischen
Materiellem und Ideellem zu operieren – und vor allem, ohne sich an der Unhaltbarkeit dieser
Dichotomie abzuarbeiten. Zweitens beinhaltet der Prozess der Objektivation keine determinis-
tischen Tendenzen, sondern ist prinzipiell revidier- und verhandelbar: „So ist Totalität nie ein
fait accompli, sondern stets im Prozess des Geschaffenwerdens“ (Berger & Pullberg, 1965, S. 102).
In der Folge verstehen wir Aktivitäten auf sozialen Medien nicht als schlichte Akzeptanz einer
vorgegebenen Welt, der sich die User*innen zu fügen haben, sondern als eine aktive Auseinan-
dersetzung und Mit-Hervorbringung dieser Welt. Drittens bezeichnet der Prozess der
Objektivation nicht nur einen grundlegenden Prozess allen sozialen Handelns (Versachlichung
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und Vergegenständlichung), sondern kann auch als diagnostischer Index dienen, um spezifische
Praktiken der Objektivation zu untersuchen (Entfremdung und Verdinglichung).
Objektivation ist dabei ein Prozess, der Subjekte und Objekte in Beziehung setzt. Und
genau dieses Verhältnis ist sozial- und medienwissenschaftlich von hoher Bedeutung. Ein ein-
drückliches Beispiel hierfür liefert bereits Simmel in seiner Philosophie des Geldes (1989). Der „Cha-
rakter des Wertes“ (ebd., S. 28) eines Objekts liegt laut Simmel zwar beim ersten Nachdenken
nicht im Objekt selbst begründet, sondern in der jeweils unterschiedlichen Wertschätzung durch
Subjekte. Bei genauerer Betrachtung jedoch, erscheint „jene Subjektivität als etwas bloß Vorläu-
figes und eigentlich nicht sehr Wesentliches(ebd., S. 29). Der Wert, so Simmel, liegt weder
allein im Objekt, noch allein im Subjekt, sondern entsteht zwischen ihnen.
In den letzten Jahren sind solche prinzipiell unbestimmten, erst im Vollzug realisierten
Subjekt-Objekt Relationen zunehmend unter dem Begriff der Affordanz diskutiert worden (für
Technik, s. Hutchby, 2001, für Medien s. Zillien, 2008, für Organisationen s. Leonardi, 2011).
James Gibson führte das Konzept Ende der 1970er Jahre ein, um auf die Unzulänglichkeiten
einer dichotomen Trennung zwischen Subjekten und Objekten in psychologischen
Wahrnehmungstheorien hinzuweisen: „[...] an affordance is neither an objective property nor a
subjective property; or it is both if you like. An affordance cuts across the dichotomy of
subjective-objective and helps us to understand its inadequacy“ (1986, S. 129). Für Gibson lagen
die Objekte auf Seiten der Umwelt, er wies darauf hin, dass die gleichen Umweltbedingungen
für unterschiedliche Lebewesen unterschiedliche Affordanzen haben können. Diese Idee wurde
in der Folge auch auf menschgemachte Artefakte übertragen: „Die Affordanzen eines Gegen-
standes sind einerseits als objektiv zu bezeichnen, da sie invariant sind – das heißt unabhängig
von der Interpretation oder Einschätzung eines Akteurs existieren. Sie haben jedoch gleichzeitig
subjektiven Charakter, da sie sich auf die Handlungsmöglichkeiten eines Akteurs beziehen.“
(Zillien, 2008, S. 165).
Der Affordanzbegriff ist für unsere Argumentation hilfreich, weil er, ebenso wie der
Begriff der Objektivation, „in der Mitte“ ansetzt, indem er materielle Wirkmächtigkeiten sowohl
als Einschränkung als auch als Ermöglichung von Handlungs- oder Verhaltensketten konzipiert
(vgl. in diesem Zusammenhang auch das Konzept der „material agency“ bei Pickering, 1993).
Affordanzen sind in unserem Sinne praxeologisch irreduzibel: sie lassen sich nicht auf Subjekt
oder Objekt reduzieren. Wir sehen jedoch auch eine Einschränkung, die beim Affordanzbegriff
latent mitschwingt. Und zwar setzt Affordanz, zumindest bei Gibson und auch in der Mehrzahl
der folgenden Studien, mit gegebenen Umwelten, Umständen, Objekten, Technologien oder
Medien ein, um deren Bedeutung dann lokal und situiert im Gebrauch zu bestimmen. Affordanz
fokussiert mithin auf Verwendungskontexte und nicht auf vorgelagerte Modi der Herstellung –
und auch nicht auf Praktiken der Herstellung neuer Objektivationen. Mit Berger und Pullberg
ließe sich sagen: Affordanz beginnt mit Entfremdung. Objektivation hingegen befasst sich mit
einem durchlaufenden Prozess. Dadurch eignet sich der Begriff der Objektivation in besonderer
Weise auch als diagnostischer Index.
4. Objektivation als diagnostischer Index
Hier wird die Unterscheidung von Objektivation als Bedingung von Praktiken (als Gegebenes) und
als Ergebnis von Praktiken (als Gemachtes) zentral. Objektivation ist für die Social-Media-
Forschung deshalb nicht nur von Interesse, weil sie als Bedingung die Dichotomie von Materialität
und Information, Objekt und Subjekt überwindet, sondern insbesondere auch deshalb, weil sie
als Ergebnis eine kulturelle Transformation beschreibbar macht: Die Umgangsweisen mit
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kulturellen Erzeugnissen und die Produktion von Kulturobjekten haben sich in den
vergangenen Jahrzehnten stark gewandelt – insbesondere auch durch Social-Media-Plattformen.
Noch in Bourdieus feinen Unterschieden (1987a) werden für die Reproduktion sozialer
Unterschiede Praktiken zentral gesetzt, die sich auf gegebene Objekte mit gegebenen Bedeu-
tungen verlassen konnten; dies nicht aus einem epistemologischen Mangel, Bourdieu anerkennt
das soziale Verferfertigtsein dieser Objekte durchaus (Bourdieu, 1987b), sondern weil die
Referenz auf gegebene Objekte mit gegebenen Bedeutungen für die Praktiken der Distinktion
im Frankreich der 1960er Jahre, das Bourdieu beschreibt, in entschieden höherem Maße
charakteristisch waren, als für die heutige Gegenwart. Objekte als variables Ergebnis von
Distinktionspraktiken zu analysieren, das doing objects (vgl. „Objektivierung“ bei Röhl, 2015 und
„Objektifizierung“ bei Reckwitz, 2017, S. 60), war für Bourdieu in Die feinen Unterschiede
vernachlässigbar.
Dies änderte sich in den 1990er Jahren. Richard Peterson (1992) beschreibt etwa
grundlegende Änderungen für den Musikkonsum: Gehobener sozialer Status wird nicht mehr
so sehr durch die exklusiven Praktiken des „Snobs“ reproduziert, der sich ausschließlich auf
gegebene Objekte einer etablierten Hochkultur bezieht, sondern wichtiger wird die „omnivore“
higkeit, gleichsam registerkompetent zwischen verschiedenen Angeboten auswählen zu kön-
nen und sich souverän zwischen diversen Bewertungssphären zu bewegen. Douglas Holt zeigt
in ähnlicher Weise am Beispiel der Fernsehgewohnheiten Jugendlicher, dass sich soziale Milieus
nicht so klar dadurch unterscheiden, dass sie spezifische Sendungen schauten – viele schauen
Trash TV“–, sondern vielmehr, dass sich in den ökonomisch besser situierten Milieus ein
Fernsehen „zweiter Ordnung“ etabliere, bei dem man Trash-TV mit einer ironisierten Distanz
konsumiere. Er kommt auf dieser Grundlage zu dem Ergebnis: „[. . .] the objectified form of
cultural capital has in large part been supplanted by the embodied form“ (Holt, 1997, S. 103).
Wichtiger als der Inhalt einer Fernsehsendung wird die Frage der verkörperten Beobachtungs-
und Konsumpraktiken. Dass dies etwas anderes als eine bloße Auflösung der Differenz von
High und Low ist, sondern die Ausbildung spezifischer Kompetenzen der Distinktion, haben
Annick Prieur und Mike Savage (2014) gezeigt. Wichtiger als eine gegebene Bedeutung bestimm-
ter Objekte sei deren „mode of appreciation and consumption“ (ebd., S. 307), die Prieur und
Savage mit „knowingness“ bezeichnen (ebd.). Was diese kultursoziologischen Arbeiten seit den
1990er Jahren beschreiben wäre in unseren Begriffen eine Objektivation als Ergebnis von Prak-
tiken (als Gemachtes). Dieses Machen der als Distinktionsmarker dienenden Objektivationen
rückt in der post-bourdieusianischen Gegenwarten mehr und mehr ins Zentrum.
Wir halten Bourdieu und seine Arbeiten trotz dieser Verschiebungen weiterhin für eine
wichtige Referenz innerhalb der Social-Media-Forschung. Nicht nur weil er einer der meistzi-
tierten Autoren in diesem Feld ist, sondern weil es das Phänomen, das er beschreibt, weiterhin
gibt: gemachte Objektivation wird zwar wichtiger, es gibt aber keinen Anlass zu der Vermutung,
dass die von Bourdieu beschriebene gegebene Objektivation als Distinktionsmarker im Verschwin-
den begriffen ist. Diagnostisch relevanter ist aber, dass soziale Medien die von Peterson, Holt,
Prieur und Savage beschriebenen kulturellen Transformationen in eigentümlicher Weise
amplifizieren. Aus einer sozialen Ordnung, die durch die Verortung aktiver Subjekte in einem
Netz passiver Objekte funktionierte, wird in vielen Bereichen eine der wechselseitigen
Verfertigung von Subjekt und Objekt (und der Medien, mit denen diese Verfertigung praktiziert
wird, Paßmann & Schubert, 2020a).
Diese Erkenntnis ist für gegenwärtige Gesellschaftsdiagnosen von zentraler Bedeutung.
So spricht etwa Andreas Reckwitz (2017) mit einem von Igor Kopytoff entlehnten Begriff von
Singularisierung und nicht Individualisierung, weil es ihm gerade nicht bloß um die sich
besonders inzenzierenden Subjekte geht, sondern vor allem auch um die besonderen Objekte,
8
die dabei produziert werden. Die von Bourdieu beschriebene industrielle Moderne ist für
Reckwitz gar das Zeitalter der Desensibilisierung für besondere Objekte jenseits industrieller
Massenproduktion (ebd., S. 45f), d.h. dies wäre für ihn der Höhepunkt des Zeitalters der
gegebenen Objekte. Die massive Ausweitung der Singularisierung ist aus dieser Sicht typisch für
den Übergang zwischen Industrie- und Spätmoderne, insbesondere da Prozesse der Digitali-
sierung Praktiken der Singularisierung befördern (ebd., S. 225ff). Der Übergang von der
Industrie- zur Spätmoderne ist einer, in dem neben den gegebenen die gemachten Objekte immer
wichtiger werden, auch weil die Digitalisierung dafür die Mittel bereitstellt.
1
Schreibt Reckwitz allerdings über Social-Media-Praktiken, wird seine Analyse eigenartig
einseitig. Wenn er etwa über Facebooks Likes schreibt, befasst er sich nicht mehr mit Singula-
risierung, sondern mit Individualisierung: „Ich bin nicht nur meine Links, ich bin auch meine
Likes, das heißt, ich setze mich zusammen aus den Dingen, die mir ‚gefallen‘. In seinen Links
demonstriert das Subjekt seine (digitale) Weltläufigkeit, in den Likes seine spezifische
Affektivität“ (ebd., S. 251). Während er in etlichen Phänomenen wechselseitige Objektivations-
praktiken zwischen Subjekt und Objekt zeigt, fällt er bei seiner Analyse digitaler Kulturen zu
aktiven Subjekten zurück, die passive Objekte als Mittel zum Zwecke ihrer eigenen
Individualisierung nutzen. Dies hat aus unserer Sicht vor allem damit zu tun, dass Reckwitz den
Stand der Social-Media-Forschung präzise wiedergibt: Die Konstruktion von Subjekten online
ist ähnlich wie materielle Bedingtheit digitaler Praktiken umfassend studiert worden, nicht
jedoch die Konstruktion von Objekten.
Die Objektivationsprozesse sozialer Medien wurden von der Forschung und in der
Folge von Reckwitz, der sich auf diese Forschung bezieht, weitgehend vernachlässigt.
Dabei erscheint es evident, dass Social-Media-Plattformen den Trend, den Post-Bourdieusia-
ner*innen wie Peterson, Holt, Savage und Prieur genauso beschrieben haben wie Reckwitz,
nicht nur fortsetzen, sondern amplifizieren. Genau genommen haben die Social-Media-Platt-
formen mit ihren Plattform-Einheiten wie Likes, Retweets und Followern die wechselseitige
Verfertigung von Personen und Objekten sogar reifiziert: Die Plattform-Einheiten sind immer
Medien von einem bestimmten User für ein bestimmtes Objekt – das selbst wiederum zu einem
bestimmten User gehört: Jeder Like ist ein Like eines bestimmten Accounts für einen bestimmten
Tweet, der wiederum einem bestimmten Account zugehörig ist. Diese Kopplung (und
gleichzeitige Herstellung) von Subjekten, Objekten und Medien in ein und demselben
Objektivationsprozess ist konstitutiv für Social-Media-Plattformen; es gibt keine Likes, keine
Posts, keine Shares oder Retweets ohne ihnen fest zugeordnete Accounts (vgl. Paßmann, 2018,
S. 151–182).
Inwiefern es sich dabei um Objektivation handelt, ist offensichtlich: Einen Facebook-
Post zu liken verändert erstens die Bedeutung dieses Objekts, sei es in der großen Zahl als
Popularitätsausweis oder durch den einzelnen Kopf als Gütesiegel eines bestimmten Accounts.
Die Plattformeinheiten fungieren als digitale Paratexte, die nicht nur semantische Verschie-
bungen bewirken, sondern mit jedem Akt die materielle Form des Objektes ändern (ein Tweet
mit 10 Likes ist auch in Twitters Datenbanken etwas anderes als einer mit 1.000). Gleichzeitig
fungieren diese Akte zweitens, wie bereits Reckwitz bemerkt, auch als Selbstbeschreibung der
1
Dies hat freilich auch materielle Ursachen: Papierkataloge sind ganz offensichtlich etwas anderes als Online-
Datenbanken. Diagnostisch verbleibt diese Feststellung aber im Trivialen; mehr noch lädt sie dazu ein, bei der
Feststellung der Nicht-Papierigkeit des Digitalen zu verbleiben, statt sich die Frage zu stellen, welche längeren
gesellschaftlichen Transformationen mit welchen Potenzialen des Digitalen eine Verbindung eingegangen sind.
Der Fokus auf die Objektivation zeigt: Rezente Objektivationspraktiken sind mit digitalen Medientechnologien in
ein Verhältnis wechselseitiger Amplifikation eingetreten. Dies ist weder auf Materialität noch auf vorgängige
soziale oder kulturelle Transformationen reduzierbar.
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Gebenden, die die Spezifik eines Humors zu erkennen signalisiert, die Richtigkeit eines
politischen Statements oder die Relevanz einer Nachricht. Drittens reaktualisiert es aber auch
das Liken (oder Retweeten, Sharen etc.) selbst als eine bedeutungsvolle Praktik. Dies gilt freilich
auch für den ausgelassenen Like. Beispielsweise hat es sich seit einiger Zeit bei wissenschaftli-
chen Diskussionen auf Twitter etabliert, bei einer Auseinandersetzung keine oder nur sehr
dosiert Likes zu vergeben, um so den Effekt des Talkshow-Applauses per Like zu vermeiden,
der für eine fachliche Diskussion leicht unangebracht erscheinen könnte.
So sehr allerdings die medialen Logiken der Plattformen als Fall der gemachten
Objektivation par excellence erscheinen (man könnte sagen: Es passiert kaum etwas anderes, als
das gemeinsame doing objects), so sehr entstehen dabei auch gegebene Objektivationen: Im Prozess
der Bedeutungszuschreibung eines Posts durch Likes fungieren die Likes als das Gegebene (im
doppelten Sinne), mit denen die Bedeutung des Posts gemacht wird: Likes fungieren als Medium
der sozialen Objektivation.
Gleichzeitig ist dieses Gegebensein selbst Ergebnis einer Geschichte des Gemacht-
Seins. Dort, wo Likes eine starke Anerkennungsfunktion haben (wie z.B. in der in Paßmann
2018 beschriebenen „Favstar-Sphäre“ zwischen 2011 und 2015), ist eine ganze Reihe von
Akteuren daran beteiligt, die Likes (bzw. damals noch Favs“) zu diesen gegebenen Objekten
zu machen. Hier spielte insbesondere die Plattform Favstar.fm eine Rolle, die lange vor Twitter
Favs zählte, Rankings über die besten Tweets erstellte, über die „populärsten“ User uvm.
(ebd.), aber auch die Tatsache, dass solche Rankings damals auf Twitter noch so neu waren,
dass sie noch nicht ins Lächerliche kippen konnten. Mit anderen Worten sind die Likes und
Favs nicht weniger gemacht als die Posts auch, allerdings handelt es sich um einen viel
langfristigeren Prozess der Objektivation: Kurzfristig, in der einzelnen Situation sind die Likes
gegeben, langfristig sind sie gemacht, sodass sie in der einzelnen Situation für die einzelne Person
als eine „Realität sui generis“ im Sinne Durkheims erscheinen können. Gegebene und gemachte
Objektivationen sind hier also alle im Fluss der konstanten, situativen wie übersituativen
Transformation, die allerdings sehr unterschiedliche Tempi hat: Was langfristig gemacht wird, ist
kurzfristig gegeben. Die Objektivation der Plattform-Einheiten ist viel weniger in Griffweite der
Teilnehmer*innen als die der einzelnen Posts.
Dabei ist es wichtig zu erwähnen, dass diese Praktiken wechselseitiger Bewertung
dennoch situativ flexibel sind. Die Likes und anderen Plattformeinheiten (aber auch Emojis und
Sticker) rekrutieren ihre soziale Bedeutsamkeit oft auch gerade aus der polyvalent bleibenden
Flexibilität. So konstatierte etwa kürzlich Schonig für Praktiken des Likens einer besonderen
Gruppe von Memes („mildly interesting“, „oddly satisfying“ und „mildly infuriating“): „judging
an image [. . .] by posting it or ‚liking‘ is not the result of applying a set of finite criteria, but a
response to an indeterminate array of feelings and intuitions“ (Schonig, 2020, S. 32). Die
besondere Stärke der Plattformeinheiten ist also auch in ihrer hohen interpretativen Flexibilität
begründet und in der daraus folgenden Möglichkeit, auch „Produzent und Provokateur von
Unbestimmtheiten“ (Hörning, 2005, S. 308) zu sein. Dies versetzt sie sowohl in die Lage,
Unbestimmtheit erzeugen zu können, als auch stark situational und weniger symbolisch
definierte Bestimmtheiten zu etablieren, das heißt, „symbolische Unbestimmtheit wird zur
Ressource für situationale Bestimmung“ (Paßmann 2018, S. 148), die auch gerade dann sozial
produkiv werden kann, wenn ihre Bedeutung vage bleibt. Objektivation impliziert hier also
keine Festschreibung auf eine fixe Bedeutung, sondern mitunter auch konstitutive Nicht-
Festschreibung.
Ob es sich bei den auf diese Weise sozial produzierten Objekten dann um Singularitäten
in einem engeren, ontologischen Sinne handelt, ist nicht gesagt. Im Fall der deutschsprachigen
Favstar-Twitterer (ebd.) kann man in der Tat davon sprechen, dass es um die Produktion und
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Anerkennung singulärer Tweets ging: Über persönliche Best-Of-Seiten der am meisten
retweeteten und gefavten (später gelikten) Tweets konnte man sozusagen das Œuvre der
einzelnen User sehen, andere User entwickelten ein sehr feines Gespür für den jeweiligen Stil
der anderen, es gab sogar eine „Twolizei“, die überprüften und zu sanktionieren versuchte,
wenn ein Tweet nicht einzigartig, sondern plagiiert war. Im Zentrum standen also nicht nur die
singulären Objekte und deren Verfertigung durch anerkennend gegebene Likes und anderes,
sondern auch die Produktion von Twitter-Autor*innen, also singuläre Subjekte – während
allerdings eine genauere Analyse zeigt, dass sich große Teile der vermeintlich singulären Tweets
aus literaturwissenschaftlicher Sicht eine eher schematische Struktur haben (ebd.).
Dass es solche Methoden des Objekt-Vergleichs gibt, ist konstitutiv für das doing objects
online: Die Objekte können miteinander verglichen werden, verfeinert oder abgewertet, wenn
deren Nicht-Singularität auffällt, und auch der spezifische taste der Leser*innen kann sich ganz
anders entwickeln, wenn es solche Möglichkeiten des infiniten Vergleichs gibt (Paßmann &
Schubert, 2020a). Andererseits ist es für digitale Medienpraktiken ebenso üblich, diesen
Vergleich der eigenen Objekte mit denen der anderen nicht oder nur sehr bedingt vorzunehmen.
Dies wird an einer qualitativen Studie über einen anderen Typus von Objekten online
deutlich: Nicole Zillien (2020) konstatiert für Quantified-Self-Communities, dass Praktiken der
Selbstvermessung wie die mit Diät- oder Lauf-Apps zwar auf Standards und Verfahren basieren,
die vom Einzelfall abstrahieren, sei es durch Pulsmessung oder Kalorienzählung. Diese würden
allerdings häufig genutzt, um gerade die Besonderheit des eigenen Falls herauszustellen. Den
wissenschaftlichen Verallgemeinerungen werde häufig ein Differenzierungsdefizit unterstellt,
das den Fall des eigenen Körpers nicht erfasst. Diese User „(...) erklären den eigenen Körper
und Alltag zum Forschungsobjekt, um so nach wissenschaftlichen Methoden individuell
alltagstaugliches Wissen herzustellen. Es geht den Selbstvermessern demnach um die
standardisierte Untersuchung genau eines Falls: ihres eigenen“ (ebd., S. 107). Mit Reckwitz
resümiert Zillien daher, dass die Vermessungsverfahren die Hintergrundstruktur für die
Fabrikation von Singularitäten bilde (ebd., S. 170). Deshalb „(...) kommt der Einsatz digitaler
Medien nicht einer Formatierung und Standardisierung der Forschungsobjekte (beziehungswie-
se der beforschten Subjekte) gleich, sondern geht vielmehr mit einer ‚technologisch angeregten
Singularisierung‘ einher“ (ebd., S. 176).
Auch hier steht also eine Veralltäglichung gemeinsam gemachter Objektivation im
Mittelpunkt. Dies funktioniert durch die Weise, wie Objekte, Subjekte und ihre Medien zu
Objektivationspraktiken verknüpft werden, die einander wechselseitig hervorbringen. So wie
der Like immer der Like eines bestimmten Accounts für einen bestimmten Post ist, der selbst
wiederum nur der Post eines bestimmten Accounts sein kann, sind die Daten der von Zillien
beschriebenen Selbstquantifizierer*innen ebenfalls konstitutiv mit ihren Objekten verwoben.
Die Kalorien der Mahlzeiten sind in den Diät-Apps immer Kalorien eines bestimmten
Nahrungsmittels, die mit einem bestimmten Account (d.h. in der Konsequenz: mit einem
bestimmten Körper) verknüpft sind. Dabei werden nicht nur die bereits erwähnten singulären
Objekte und Subjekte verfertigt, sondern auch allgemeine: Die Nahrungsmittel, die man in die
untersuchten Diät-Apps eingibt, werden alle hinsichtlich ihres kalorischen Werts (und ferner
anderer Messeinheiten) quantifiziert: Erbsen, Döner, das individuelle Frühstück, alles wird
primär als Träger der einen Kalorienzahl thematisiert (Zillien, 2020, S. 114ff.).
Es werden also weder nur singuläre noch nur allgemeine Objekte und Subjekte
hergestellt, sondern stets solche, die zwischen den Registern des Allgemeinen und des
Besonderen wechseln können: Auch wenn die Selbstvermesser*innen zunächst immer nur ihren
eigenen Fall („n=1“) betrachten und so ihren Körper als singuläres Objekt herstellen, zu dem
Nahrungsmittel in besonderen Relation stehen, so geschieht dies doch immer in Hinblick auf
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seine Allgemeinheit (etwa dann, wenn der einzelne Körper ärztlich behandelt wird, schön
gefunden wird etc.)
Mit anderen Worten lässt sich zwar kaum verallgemeinern, dass es sich um
Singularisierungspraktiken handelt, weil Singularität aus Allgemeinheit hervorgebracht wird und
so auch immer wieder in sie zurückgeführt werden kann. Wie bereits Kopytoff (1986) in seinem
Aufsatz über Singularisierung bemerkt, haben diese Objekte ständig fortlaufende Biografien, die
sie situativ wie übersituativ gleichermaßen fluide machen. Was sich allerdings feststellen lässt
ist, dass hier Praktiken der gemachten Objektivation beobachtbar werden. Ob Körper, Sport-
aktivitäten oder Nahrungsmittel nun singulär sind oder nicht eine objektivationale
Transformation durchlaufen sie in jedem Fall. Dies geschieht durch die Weise, wie konkrete
Objekte durch allgemeine, übersituative gegebene Objektivationen mit konkreten Subjekten
verknüpft werden – et vice versa. Diese Operationsketten der Objektivation haben zweifelsohne
ältere Vorläufer. Die Intensität, Quantität und in der Folge auch Sensibilität in der sie vollzogen
wird, ist allerdings verhältnismäßig neu.
5. Fazit
Wir sind in diesem Beitrag davon ausgegangen, dass die oftmals beklagte Exkommunikation
der Materialität in den Sozial- und Medienwissenschaften zu weiten Teilen bereits rückgängig ge-
macht wurde. Im Zuge des practice turnund des material turnhaben sich in den letzten
zwanzig Jahren eine Vielzahl an Stimmen zu Wort gemeldet, die für eine breite Berücksichtigung
materieller Agencies argumentiert haben. Vor diesem Hintergrund halten wir es für geboten, nicht
mehr bei der generellen Feststellung eines matter mattersstehenzubleiben, sondern spezifische
materiell-semiotische Konstellationen auf ihre gesellschaftliche Prägekraft hin zu untersuchen.
Entlang der posthumanistischen und praxeologischen Positionen wird Materialität nicht
Sozialität gegenübergestellt, ebensowenig wird Materialität mit Technik, Konkretion oder
Dauerhaftigkeit gleichgestellt und Sozialität nicht mit Immaterialität, Idealität oder Flüchtigkeit.
Gerade die praxistheoretische Literatur hat auf die Verkörperung des Sozialen in menschlichen
Leibern und technischen Artefakten hingewiesen (Alkemeyer, 2017, Rammert & Schubert,
2019). Die posthumanistische Dezentrierung des Subjekts und die praxeologische Irreduzibilität
von Materialität und Bedeutung wenden sich gegen theoretische Essenzialisierungen oder Sub-
stanzialisierungen. Vielmehr versuchen sie, die Mischverhältnisse und wechselseitigen Hervor-
bringungen heterogener Bestandteile in ihren Relationen zu erfassen.
Wir haben zu diesem Zweck den Begriff der Objektivation vorgeschlagen, wie ihn
Berger und Pullberg, fast schon als Vorwegnahme rezenter praxistheoretischer Diskussionen,
als vermittelndes Konzept zwischen Struktur und Handlung bzw. Objektivität und Subjektivität
begreifen. Mit dem Begriff der Objektivation ist genau jene Widerständigkeit des Materiellen
angesprochen, die im Zuge des „material turn“ als materielle Agency immer wieder ins Feld
geführt wird, ohne jedoch auf materielle Wirkmächtigkeit beschränkt zu sein. Objektivationen
sind in den seltensten Fällen, vermutlich nie, rein ideell oder materiell, sondern entstehen aus
mehr oder weniger dauerhaften Verschränkungen materiell-semiotischer Relationen. Gerade
mit Blick auf soziale Medien macht der Objektivationsbegriff auch darauf aufmerksam, dass die
objektive Realität der sozialen Medien immer im Fluss, vielleicht eher in Turbulenz, ist. Hier
lassen sich auch unterschiedliche Grade der Objektivierung auf verschiedenen Ebenen zeigen.
So sind die Elektrizitätsnetze als infrastrukturelle Grundlage weniger vom kontinuierlichen
Umbau betroffen, als die Bewertungsalgorithmen oder Plattformeinheiten der sozialen Medien.
Genau diese Schichten in ihrer Wechselwirkung zu untersuchen, kann eine zentrale Linie der
Erforschung digitaler Materialitäten sein.
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Dies haben wir oben für einen Teil von Objektivationspraktiken versucht, die in rezenten
Gesellschaftstheorien diagnostische Relevanz haben, da sie für digitale Medien besondere
Praktiken konstatieren. Hier zeigte sich erstens, dass es sich dabei um mehr als ein bloßes doing
objects handelt, weil die die Verfertigung von Subjekten, Objekten und Medien nicht voneinander
trennbar sind: Objektivation und Subjektivierung sind hier nur zwei Seiten eines komplexen
Prozesses, den die Plattformen auf je spezifische Weise miteinander verweben. Dabei fällt
zweitens nochmals auf, dass digitale Medien eine erstaunliche Vielfalt teils auch ‚feiner‘
Unterschiede hervorbringen können. Während die Gegenstände der Objektivationspraktiken
nicht hinter ihre materiellen Potenziale zurückfallen (und auch nicht darüber hinausschießen)
können, so aktualisieren digitale Medien doch eine sehr breite Palette von Objektivationspoten-
zialen: Der einstmals medizinisch standardisierte Körper kann in so vielen Spezifika abgebildet
werden, dass er gar nicht mehr dem medizinischen Lehrbuch zu entsprechen scheint, sondern
gar – im dargestellten Extremfall – als absoluter Einzelfall („n=1“) gelten darf. Digitale Medien
können Objektivationspotenziale so weit ausschöpfen, auffächern und palettieren, dass weit
und breit nur Singularitäten sichtbar zu sein scheinen. Dies wirkt auf die Differenzierungs-
fähigkeit der User*innen als „taste making“ zurück (Paßmann/Schubert, 2020a). Hierfür ist
drittens auch gerade die Rigidität wichtig, mit der digitale Medien einzelne Objekte durch
Quantifizierung festschreiben. Weil digitale Medien ihre (auch sehr materiellen) Objekte stark
„framen“ (Callon, 1998), erlauben sie diese Vielfalt, weil jede Festschreibung im Lichte
möglicher Alterität geschieht; jedes Framing erlaubt weiteres Overflowing (Reduktion von
Komplexität zur Steigerung von Komplexität): Scheinbare Eindeutigkeit scheint grenzenlos
vorhanden zu sein, und genau diese Eindeutigkeit macht ihren Status immer wieder
verhandelbar, die vermeintliche Eindeutigkeit (sei es durch Kalorien- oder Likezahlen) fordert
die Verhandlung ihres Status geradezu heraus und ermöglicht so gemeinsame Praktiken des
Beobachtens oder genauer: der Objektivation.
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Article
Full-text available
Much research has been conducted on how social media platforms are used as outlets of taste expression, displaying cultural preferences acquired outside the platforms. This research largely builds on the cultural sociology of Pierre Bourdieu and his analysis of taste as a medium of social distinction. We propose to shift the emphasis from the study of taste expression to an analysis of taste making on social media. This shift is occasioned by broader cultural transformations since the 1990s as well as developments on social media since the late 2000s. We see that rather than merely performing a taste learned elsewhere, users cooperatively develop sensitivities on social media platforms, constituting practices of joint observation, evaluation, and distinction. We call this the triangle of taste in which subjects, objects, and media mutually co-produce each other.
Chapter
Nicht dass eine fundamentale Ungewissheit nicht immer schon zum Leben dazu gehört hätte oder eine mehr oder weniger konstante und universelle Bedingung menschlicher Existenz gewesen wäre, erÝ scheint als Problem, sondern - dass mit der Erfahrung einer Zunahme von Unbestimmtheit auch eine mit der Gesellschaft vernetzte TechÝ nik davon betroffen und in den Verunsicherungsprozess einbezogen ist; - dass gesellschaftliche Freiheits- und Optionsgewinne mit nachÝ haltigen Orientierungsverlusten Hand in Hand gehen; - dass die technowissenschaftliche Erzeugung von Wissen neuartige Zonen des Nichtwissens mit hervorbringt; - dass wir nicht wissen können, was wir eigentlich tun sollen und - dass der Umgang mit diesem Faktum die Startbedingung für eine zeitgemäß-unzeitgemäße Philosophie der Technik darstellt. Die Beiträge dieses Bandes (u.a. von Dreyfus, Dupuy, Hörning, Hubig, Nordmann und Willke) gehen nicht nur den unterschiedlichen Aspekten dieser Entwicklung nach. Sie unterÝ nehmen auch den Versuch, die sozio-technischen BestimmungsverÝ suche und Vereindeutigungsstrategien abzuschätzen, die in einer radikal modernen Welt durch die Aufgabe einer »Selbstfestlegung im Unbestimmten« (Luhmann) immer aufs Neue herausgefordert werden.
Chapter
Seit dem „practice turn“ und dem „material turn“ rücken menschliche Körper und technische Artefakte vermehrt in den Fokus soziologischer Aufmerksamkeit. Diese (Wieder-)Entdeckung von Körper und Technik kann einerseits auf etablierte Theorieangebote und eine Anzahl klassischer Studien zurückgreifen, andererseits sind die Verhältnisse von Körpern und Technik soziologisch noch nicht hinreichend geklärt. Wir suchen daher nach theoretischen und empirischen Verschränkungen von Körpern und Techniken und ihrer Relevanz für ein Verständnis sozio-technischer Konstellationen in modernen Gesellschaften. Damit wollen wir einen systematischen Beitrag zu den Verhältnissen von Körpern und Technik aus soziologischer Perspektive leisten. Insbesondere beziehen wir uns auf Ansätze aus der Techniksoziologie, um den Stand der Forschung sowie mögliche Entwicklungsperspektiven zu skizzieren. Unsere Ausgangsthese dabei ist, dass sowohl menschliche Körper als auch gegenständliche Technik als spezifische Verkörperungen des Sozialen gedacht werden können, die jedoch nicht als passive Träger, sondern als eigenständige Agenturen und konstitutive Elemente gesellschaftlicher Dynamiken und Strukturen gelten.
Article
Social networks and media hosting sites have recently fostered a growing trend in meme culture: the circulation of images within strangely specific categories of pleasure such as the “oddly satisfying” and the “mildly interesting.” Difficult to define but collectively recognized, what I call aesthetic category memes are made up of images of ordinary things and processes that not only exemplify such categories of pleasure, but also provoke reflection on the peculiar nature of those categories. As a result, I argue, contributors to aesthetic category memes are unwittingly engaged in a philosophical project that tests the principles of aesthetic theory. Examining the growing archive of images and comments alongside key texts in aesthetic theory, I explore how aesthetic category memes reclaim the aesthetic faculties away from the presumed passivity of sharing, consuming, and “liking” online content, thereby revealing the philosophical foundations of what it means to share and “like” at all.
Article
While existing scholarship has focused on distilling the attributes of successful memes and the dynamics of their propagation in online spaces, there is a lack of research on the vernacular criticism of memes beyond quantitative markers of popularity. By examining the MemeEconomy community on Reddit, where ‘meme traders’ appropriate stock market terminology to discuss and appraise memes, this article aims to understand how this particular subculture of self-proclaimed meme insiders assigns value to viral media. Our findings point to the salience of four key features that are seen to determine a meme’s value: its positioning in relation to the mainstream, its versatility and expansion potential, its topicality or cultural relevance, and its perceived quality. We discuss implications for the formation and reinforcement of subcultural identities around memes, and theorize the role of vernacular criticism as fulfilling significant social functions in online communities.