ChapterPDF Available

Der kühle Gleichmut des Ökonomen. Leidenschaftslosigkeit als Paradigma der Wirtschaftswissenschaft und die Fragefelder der Sozio-Ökonomie

Authors:
... Die Kombination von Mathematisierung und "ökonomischem Ansatz" verfestigte sich in den Lehrbüchern, womit den Studierenden ein physikalisch-mathematisches Wissenschaftsverständnis vermittelt wird: Es wird gelehrt, "objektiv" oder "leidenschaftslos" mit formal-mathematischen Modellen auf die Welt zu blicken (Graupe 2014).1 Mankiw (2001) beschreibt dies als "einzige Art des Sehens" -unabhängig von den Sehenden und ihrer sozialen Position -und fordert so eine Distanzierung von Lebensrealitäten und erworbenem Erfahrungswissen ein (Graupe 2014). Diese Denkweise wird im Studium der Wirtschaftswissenschaften als wertfrei und einzig legitime wissenschaftliche Perspektive auf die Wirtschaft dargestellt (Graupe 2014). ...
... Die Kombination von Mathematisierung und "ökonomischem Ansatz" verfestigte sich in den Lehrbüchern, womit den Studierenden ein physikalisch-mathematisches Wissenschaftsverständnis vermittelt wird: Es wird gelehrt, "objektiv" oder "leidenschaftslos" mit formal-mathematischen Modellen auf die Welt zu blicken (Graupe 2014).1 Mankiw (2001) beschreibt dies als "einzige Art des Sehens" -unabhängig von den Sehenden und ihrer sozialen Position -und fordert so eine Distanzierung von Lebensrealitäten und erworbenem Erfahrungswissen ein (Graupe 2014). Diese Denkweise wird im Studium der Wirtschaftswissenschaften als wertfrei und einzig legitime wissenschaftliche Perspektive auf die Wirtschaft dargestellt (Graupe 2014). ...
... Die Kombination von Mathematisierung und "ökonomischem Ansatz" verfestigte sich in den Lehrbüchern, womit den Studierenden ein physikalisch-mathematisches Wissenschaftsverständnis vermittelt wird: Es wird gelehrt, "objektiv" oder "leidenschaftslos" mit formal-mathematischen Modellen auf die Welt zu blicken (Graupe 2014).1 Mankiw (2001) beschreibt dies als "einzige Art des Sehens" -unabhängig von den Sehenden und ihrer sozialen Position -und fordert so eine Distanzierung von Lebensrealitäten und erworbenem Erfahrungswissen ein (Graupe 2014). Diese Denkweise wird im Studium der Wirtschaftswissenschaften als wertfrei und einzig legitime wissenschaftliche Perspektive auf die Wirtschaft dargestellt (Graupe 2014). So schreibt Gregory Mankiw (2001) in seiner Einführung für Lehrende: "Ökonomen haben eine einzigartige Art und Weise, die Welt zu sehen (…). ...
Article
Zusammenfassung Die ökonomische Lehre ist in einem misslichen Zustand: Eine sowohl theoretisch als auch methodisch sehr einseitig ausgerichtete Lehrbuchwissenschaft dominiert global die Ausbildung junger Ökonom*innen. Die Kernelemente dieser Lehrbücher wurden seit den 1950er Jahren kaum verändert. Noch immer wird Denken in veralteten Modellen gelehrt, während realweltliche Probleme und gegenwärtige ökonomische Herausforderungen ausgeklammert werden. Diese inhaltliche Ausrichtung wird durch die Gestaltung der wissenschaftlichen Institutionen und insbesondere durch den sogenannten „Reproduktionskreislauf” verfestigt. Der studentische Verein „Netzwerk Plurale Ökonomik” hat sich 2012 – unter anderen in Reaktion auf die Wirtschafts- und Finanzkrise (2008) – gegründet, um einen Wandel der ökonomischen Lehre zu erwirken. Seither ist sowohl die Anzahl der assoziierten Lokalgruppen als auch der Mitglieder um ein Vielfaches gewachsen. Zudem haben wir in den vergangenen Jahren zahlreiche Strategien entwickelt, um unsere Ziele zu erreichen. Dazu gehören die Selbst(weiter)bildung; der Versuch, alternative Bildungsangebote schaffen; Exploring Economics (eine eigene online Lernplattform); der Aufbau eines pluralen Curriculum in Form des Zertifikatsprojekts; die Bestrebung, in der Öffentlichkeit ein Bewusstsein für die Problematiken schaffen und der Diskus mit gesellschaftlichen und politischen Entscheidungsträger*innen.
... In einem Schwarz-Weiß-Schema werden z. B. klar positive Assoziationen und Emotionen mit dem Konzept ‚Markt' verbunden, während der Staat entweder kaum erwähnt oder aber unterschwellig in abwertender Weise mit emotional stark negativ behafteten Begriffen assoziiert wird -und dies weitestgehend ohne empirische Bezüge zu real existierenden Märkten (Graupe und Fischer 2019;Graupe 2013Graupe , 2014Graupe , 2017aGraupe , 2017b. Graupe befürchtet, dass die vielfältigen sozialen Wurzeln wirtschaftlichen Denkens dadurch gekappt werden. ...
Chapter
Full-text available
Zusammenfassung Poetry Slams sind nicht nur unterhaltsam, auch machen sie Lyrik – und damit unterschiedliche sprachliche Ebenen – einem breiteren Publikum zugänglich. Doch birgt ihre Erarbeitung und Präsentation im Rahmen des wissenschaftlichen Hochschulstudiums auch das Potenzial, Bildungsprozesse anzustoßen, die Studierenden die Möglichkeit bieten, drängende gesellschaftliche Probleme zu reflektieren, einzuordnen, wissenschaftlich zu erörtern oder gar zu lösen? Oder anders gefragt: Bieten Poetry-Slams Studierenden die Möglichkeit, (sozio-)ökonomische Themen orientierend, reflektierend und verantwortungsvoll in ihrer eigenen Sprache zu erschließen und sich gemeinsam mit anderen intersubjektiv darüber auszutauschen? Einblicke in die Beantwortung dieser Fragen bietet der vorliegende Beitrag, der ein konkretes Lehr-Lern-Arrangement skizziert, durch das Studierende des Masterstudiengangs „Lehramt an berufsbildenden Schulen – Fachrichtung Wirtschaftswissenschaften“ dazu herausgefordert wurden, eigene Poetry-Slam-Texte zu erarbeiten, präsentieren und reflektieren.
... Welche Form des kühlen Gleichmuts, der Mitleidlosigkeit als legitime Form wissenschaftlicher Praktik, anders gesagt als epistemische Tugend sich hierhinter verbirgt, analysiere ich genauer inGraupe (2014). ...
Chapter
Full-text available
Der Beitrag rekonstruiert die verborgenen Selbstbilder, die in Hauptwerken und Lehrbüchern der Ökonomik seit den 1870er-Jahren enthalten sind. Die Autorin analysiert die sprachlichen Selbstbeschreibungen ökonomischer Ansätze: welche Ziele setzen sie sich, für welche Personen wird die Theorie formuliert und nach welchen Kriterien wird dabei vorgegangen? Die Analyse verdeutlicht, wie weit sie sich die Lehrbuchökonomie heute von dem ursprünglichen Anspruch der Politischen Ökonomie als einer praktischen und moralischen Wissenschaft entfernt hat.
... So finden sich auch für die Hochschullehre zunächst diverse Mängel-und Widerspruchslisten, beispielsweise in Glogers Buch "Betriebswirtschaftsleere" (sic!) (Gloger, 2016 ), in Analysen volkswirtschaftlicher Lehrbücher und ökonomisch-akademischer Rhetorik insbesondere von Graupe (2013Graupe ( , 2014Graupe ( , 2016 und in zahlreichen studentischen Initiativen, allen voran dem "Netzwerk Plurale Ökonomik", das in Frankreich noch vielsagender als "Post-autistische Ökonomie" bekannt ist 1 . Diese kritischen Stimmen prangern gemeinsam an, dass der mainstream der Wirtschaftswissenschaft zu einseitig sei, ideologisierend, dabei zu abstrakt und weltfremd (was wiederum als Teil der ideologischen Verschleierung gewertet wird), und aus didaktischer Sicht mindestens langweilig und uninspiriert, wenn nicht gar schädlich für die freiheitliche Entwicklung der Lernenden. ...
Chapter
In der vorliegenden Schulbuchstudie diskutieren wir, ob und wie das fachdidaktische Prinzip wissenschaftliche Mehrperspektivität und Theorienpluralismus in österreichischen Geografie und Wirtschaftskunde Schulbüchern der Sekundarstufe II umgesetzt wird. Dafür haben wir alle approbierten Schulbücher des Schuljahres 2018/19 exemplarisch anhand jenes Schulbuchkapitels untersucht, das dem Lernziel des Lehrplans „Die wirtschaftlichen Bedürfnisse der Menschen bewerten“ (BMB 2016, S. 64) entspricht. Die Analyse erfolgte mittels Verfahren der qualitativen strukturierenden Inhaltsanalyse und Diskursanalyse. Der zentrale Befund der Untersuchung lautet, dass primär die neoklassische Perspektive für die Erklärung von wirtschaftlichen Zusammenhängen Anwendung findet. Wenn andere theoretische Zugänge einfließen, werden sie vielfach nicht offengelegt. Diese Darstellungsweise verschleiert für Lernende mögliche Widersprüche und lässt Interpretationen und Wertungen als Tatsachenbeschreibungen erscheinen, und nicht als Erklärungen, die auf unterschiedlichen Theorien beruhen.
Chapter
Full-text available
Zusammenfassung Ausgehend von einer Problematisierung der Fremdbestimmung, gegen die die in der Pluralen Ökonomik engagierten Studierenden und Lehrenden der Volkswirtschaftslehre protestieren, widmet sich der Beitrag der Frage, wie Hochschullehre adressatinnen- und adressatenorientiert gestaltet werden kann. Das hochschuldidaktische Fundament einer Lehre im Interesse der Studierenden wird aus der Bildungstheorie und dem Universitätskonzept Wilhelm von Humboldts entwickelt und anhand von Umsetzungsbeispielen konkretisiert. Weitergehende Prinzipien speziell für die sozioökonomische Hochschullehre werden unter Bezugnahme auf etablierte Grundsätze der allgemeinen Didaktik sowie der Didaktik für sozialwissenschaftliche Unterrichtsfächer formuliert. Ein zentrales Ergebnis dabei ist, dass der politische Charakter von Wirtschaft und den mit ihr befassten Sozialwissenschaften nachvollzogen werden muss, um Studierenden eine bildungswirksame Auseinandersetzung mit Ökonomie und Ökonomik zu ermöglichen.
Article
Full-text available
Analog zur Bezugswissenschaft Ökonomik stellt sich auch in der universitären (sozio-)ökonomischen Lehrerbildung die Frage einer gelingenden Umsetzung und Etablierung von pluraler Ökonomik und epistemologischer Reflexion. Denn wenn angehende Lehrerinnen und Lehrer im Studium eine maßgeblich einseitige ökonomische Bildung erfahren, ihnen Alternativen im Denken und Handeln über Ökonomie vorenthalten werden, wie können diese dann Schülerinnen und Schüler befähigen, zentrale Probleme (Klimakrise, Ungleichheiten) multiperspektivisch zu befragen und anzugehen? Dieses Problem wird in meinem Beitrag einerseits vertieft, andererseits werden anhand eines fachdidaktischen Seminars in einem Bachelor-Studiengang konkrete Lösungsansätze für die Hochschullehre aufgezeigt. Dieses Seminar verfolgte das Ziel, Pluralität sowie Reflexivität zu den obersten Prämissen der fachwissenschaftlichen sowie fachdidaktischen Auseinandersetzung zu machen.
Book
Full-text available
Dieser Open-Access-Sammelband vereint strukturierte Erfahrungsberichte und Reflexionen von Hochschullehrenden und Studierenden in der pluralen, sozioökonomischen Hochschulbildung. Neben der konkreten Inspiration, die diese Beiträge für andere Lehrende darstellen sollen, werden mit diesem Band erste Bausteine für eine plurale, sozioökonomische Hochschuldidaktik entwickelt. Sie verfolgt das Ziel, die Reflexion der gesellschaftlichen Bedingungen und die soziale Einbettung von ökonomischen Fragestellungen zum integralen Bestandteil eines jeden wirtschaftsbezogenen Studiums zu machen. Die Herausgeber*innen Janina Urban ist wissenschaftliche Referentin beim Netzwerk Plurale Ökonomik. Lisa-Marie Schröder ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Professur für Didaktik der Sozialwissenschaften mit dem Schwerpunkt politische Bildung der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Harald Hantke ist wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Arbeitseinheit Berufs- und Wirtschaftspädagogik der Leuphana Universität Lüneburg. Lukas Bäuerle ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Ökonomie an der Cusanus Hochschule für Gesellschaftsgestaltung.
Book
Full-text available
Standard economics teaching has been subject to increasing scholarly critique claiming it to be either one-sided, detached from reality or an instrument of indoctrination. The following study attempts to systematically address and analyze possible forms of indoctrination. Drawing from two standard textbooks –Economics by Samuelson and Nordhaus as well as Mankiw’s Eco-nomics– a language and text-based analysis, based primarily on cognitive research methodol-ogy, provides a detailed elucidation of examples of unconscious forms of persuasion students are subjected to which do not match the neoclassical ideal of scientific objectivity. In addition, the following discusses whether a manipulation of students, in the sense of deliberate and covert influence of thought and perception processes is in fact taking place, while identifying future fields of research as well as possible new directions in economics education.
Chapter
Die Einführung informiert über die Intention des Buches: einen Aspekt des wirtschaftenden Menschen in den Vordergrund zu stellen, der in der zeitgemäßen Ökonomik wenig untersucht wird – nämlich seine Fähigkeit Bilder wahrzunehmen, zu deuten, zu produzieren und zu teilen und darauf seine sozialen Wahrnehmungen und sein soziales Handeln zu begründen. Genau dieser Aspekt ist bei Adam Smith in der Theory of Moral Sentiments zu finden, wurde in der Geschichte der ökonomischen Theorie bald vergessen, in der Neoklassik geleugnet und bleibt im Wissenskonzept von Hayek nur einer selbst ernannten Elite von original thinkers vorbehalten.
ResearchGate has not been able to resolve any references for this publication.