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Rahmenmodell zur Analyse von Praktiken der ästhetischen Artikulation in Sozialen Medien

Authors:

Abstract

Soziale Medien gehören für die meisten Menschen allen Alters zum Alltag. In der For-schungslandschaft spiegelt sich die Relevanz des Themas wider: Während sich viele Projekte und Publikationen qualitativ einzelnen Phänomenen im Umgang mit Sozialen Medien nähern, vermessen breit angelegte quantitative Studien die Nutzungszahlen spezifischer Apps und Technologien. Bis zuletzt bleiben jedoch Untersuchungen aus, die der Frage nachgehen, welche vielfältigen Nutzungspraktiken in Sozialen Medien zu beobachten sind und wie sich diese systematisch beschreiben lassen. Insbesondere vor dem Hintergrund, dass sich Soziale Medien permanent weiterentwickeln, ist hierfür ein Analysemodell notwendig, das auch neu emergierende sozialen Praktiken beschreibbar macht. Dabei wird angenommen, dass die Nutzung verschiedener sozialer Medien nicht als ein homogener Vorgang beschrieben werden kann, sondern dass jede Plattform bereits eine Vielzahl unterschiedlicher Praktiken beherbergt. Da bislang kein geeigneter Analyserahmen vorliegt, der die Gleichzeitigkeit vielfältiger Aus-druckspraktiken zum Gegenstand macht, versucht die hier vorliegende Heuristik eine For-schungslücke zu schließen.
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Zu diesem Dokument: Die vorliegende Arbeit wurde als Deliverable im Rahmen des
Forschungsprojekts „Onlinelabor für Digitale Kulturelle Bildung“ erstellt und ist als vorläufiges
Zwischenergebnis des Forschungsprojekts zu verstehen. Um sich im Zuge weiterer Projektpublikationen
auf die Ergebnisse dieser Arbeit beziehen und das darin enthaltene Analysemodell weiterentwickeln zu
können, wird sie als technical report unverändert veröffentlicht.
Onlinelabor für Digitale Kulturelle Bildung
Förderkennzeichen: 01JKD1705
D4.1 Dokumentation der entwickelten Systematik - Rahmenmodell zur
Analyse von Praktiken der ästhetischen Artikulation in Sozialen
Medien
Christian-Albrechts-Universität zu Kiel
Das diesem Bericht zugrundeliegende Vorhaben wurde mit Mitteln des Bundesministeriums für Bildung,
und Forschung unter dem Förderkennzeichen 01JKD1705 gefördert. Die Verantwortung für den Inhalt
dieser Veröffentlichung liegt bei den Autoren.
Start des Projekts: 01.10.2017 Ende des Projekts: 30.09.2021
Autor°innen: Christoph Richter, Christoph Schröder, Sabrina Thiele & Michael Asmussen (2020)
1. Einleitung
Soziale Medien gehören für die meisten Menschen allen Alters zum Alltag. In der
Forschungslandschaft spiegelt sich die Relevanz des Themas wider: Während sich viele Projekte
und Publikationen qualitativ einzelnen Phänomenen im Umgang mit Sozialen Medien hern
(z.B. Fotopraktiken in Sozialen Medien (Kofoed & Larsen, 2016; Araujo et al., 2015),
Videopraktiken wie Let’s Plays (Ackermann, 2017) o.Ä.) vermessen breit angelegte quantitative
Studien die Nutzungszahlen spezifischer Apps und Technologien (vgl. Medienpädagogischer
Forschungsverbund Südwest, 2018; Rat für Kulturelle Bildung, 2019).
Bis zuletzt bleiben jedoch Untersuchungen aus, die der Frage nachgehen, welche vielfältigen
Nutzungspraktiken in Sozialen Medien zu beobachten sind und wie sich diese systematisch
beschreiben lassen. Insbesondere vor dem Hintergrund, dass sich Soziale Medien permanent
weiterentwickeln, ist hierfür ein Analysemodell notwendig, das auch neu emergierende
sozialen Praktiken beschreibbar macht. Dabei wird angenommen, dass die Nutzung
verschiedener sozialer Medien nicht als ein homogener Vorgang beschrieben werden kann,
sondern dass jede Plattform bereits eine Vielzahl unterschiedlicher Praktiken beherbergt, wie
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Couldry (2012, p. 113) beispielhaft beim Micro-Blogging-Dienst Twitter beobachtet: „Twitter is
a micro-blogging platform founded in 2006. The same platform attracts and supports a number
of different practices which, as forms of life, need to be distinguished.”
Da bislang kein geeigneter Analyserahmen vorliegt, der die Gleichzeitigkeit vielfältiger
Ausdruckspraktiken zum Gegenstand macht, versucht die hier vorliegende Heuristik eine
Forschungslücke zu schließen.
Die Auswertung der im Projekt erhobenen qualitativen Fallvignetten findet vor der
grundlegenden Frage statt, (1) welche sozialen Praktiken der ästhetischen Artikulation im
Kontext sozialer Medien identifiziert werden können. Das vorliegende Rahmenmodell
unterscheidet dabei zu diesem Zwecke, welche Personen-Konstellationen bei den Praktiken in
Erscheinung treten (2), wie sich Technologien und ihre autooperationalen Formen im Gebrauch
unterscheiden lassen (3) und zwischen welchen ästhetischen Formen unterschieden werden
kann (4) (Vgl. Abbildung 1). Die so ausgemachten Praktiken können dann kategorisiert und mit
Beschreibungen von Praktiken in der Forschungsliteratur abgeglichen werden, um ein besseres
Verständnis dafür zu schaffen, welche verschiedenen Praktiken und vielfältigen Kompetenzen
sich sowohl in gestalterischer, als auch in technologischer und individueller Hinsicht, in Social-
Media-Postings zeigen.
Diese an sozialen Praktiken ausgerichtete Vorgehensweise versucht der Hybridität und
Vielfältigkeit des ästhetischen Ausdrucks in Sozialen Medien gerecht zu werden und Formen
der alltäglichen Beteiligung an einer „performativen“ Kultur (vgl. Volbers, 2014) in den Blick zu
rücken.
Das vorliegende Rahmenmodell dokumentiert einen analytischen Zugang zu den erhobenen
Fallvignetten des Forschungsprojekts Onlinelabor für Digitale Kulturelle Bildung (die
Fallvignetten können öffentlich eingesehen werden, vgl. Onlinelabor, 2019a, zum Vorgehen der
Datenerhebung siehe Allert et al., 2019). Im Zentrum der Analyse stehen ästhetische
Ausdruckspraktiken in Sozialen Medien, an der menschliche Subjekte, digitale Technologien
sowie kulturell verhandelte ästhetische Formen beteiligt sind.
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Abbildung 1: Überblick über das analytische Rahmenmodell.
Nach einer Einführung in die theoretischen Modelle und Forschungsstände zum Begriff der
Praktik, sowie der drei identifizierten Elemente, die an der Konstitution von Praktiken in
Sozialen Medien beteiligt sind (Subjekte, Digitale Technologien, ästhetische Artefakte) (2)
werden das methodische Vorgehen und allgemeine Überlegungen zur Entwicklung dargestellt,
aus denen sich der Analyserahmen entwickelt hat (3). Abschließend werden die Praktiken und
die an diesen beteiligten drei Kernelemente sowie Kontextmerkmale beschrieben und anhand
von Definitionen und einer umfassenden Frageheuristik untersuchbar gemacht. Die jeweiligen
Fragen dienen dabei als analytischer Zugang, um zwischen verschiedenen Instanzen der an
Praktiken beteiligten Elemente unterscheiden und somit Zugriffsmöglichkeiten auf die
verschiedenen Praktiken zu erlangen. Darüber hinaus werden Interferenzen zwischen den
untersuchten Elementen beschrieben, um ebenfalls die Wechselwirkung der beteiligten
Elemente zu berücksichtigen. Abschließend wird die Frageheuristik diskutiert und ein Ausblick
über ihre Anwendung formuliert (5).
2. Theoretischer Hintergrund und Stand der Forschung
Aufgrund der im Onlinelabor für Digitale Kulturelle Bildung vorgenommenen Fokussierung auf
kulturelle und ästhetische Bildungsprozesse in sozialen Medien, bedarf es eines hierfür
geeigneten analytischen Rahmenmodells.
Wie in der Einleitung bereits angedeutet, muss ein solches Rahmenmodell vor dem Hintergrund
der kontinuierlichen Weiterentwicklung Sozialer Medien und der hiermit einhergehenden
Transformation der Nutzungsformen insbesondere in der Lage sein, der Dynamik,
Heterogenität und Kontextgebundenheit entsprechender Praktiken Rechnung zu tragen.
Dementsprechend kann ein analytisches Rahmenmodell nicht auf vorgängige soziale
Ordnungsstrukturen rekurrieren, und aus diesen analytische Kategorien ableiten, sondern
muss es ermöglichen die Hervorbringung eben jener Strukturen nachzuzeichnen (siehe hierzu
auch Onlinelabor, 2019b). So kann sich beispielsweise die Analyse ästhetischer
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Artikulationsformen nicht ohne weiteres auf ein vorgegebenes oder etabliertes Repertoire an
Formen, Codes, Normen, Regeln oder Werten stützen, sondern muss vielmehr die
Hervorbringung oder Realisierung eben jener Ordnungsstrukturen thematisieren. Gleiches gilt
auch für die Frage (sub-)kultureller Differenzierungen, der Tradierung und damit verbundenen
Generativität spezifischer Subjektfigurationen wie auch die Charakteristika des Mediums
selbst.
Der hier vorgestellte Analyserahmen schließt insofern an Überlegungen aus dem
Mediatisierungsdiskurs an, wie sie beispielsweise von Krotz (2014) oder auch Hepp & Hasebrink
(2014) vorgeschlagen wurden. Zugleich geht der hier entwickelte Analyserahmen jedoch über
diese Modelle hinaus, indem er Medialität nicht nur als einen sozial-kommunikativen Prozess,
sondern auch als einen immanent materiellen Vorgang zu fassen sucht. Dies impliziert
insbesondere eine Auseinandersetzung sowohl mit der körperlichen Verfasstheit der sich
artikulierenden Subjekte wie auch der Materialität der digitalen Technologien und der in
sozialen Medien entstehenden und geteilten Artefakte.
Ausgehend von aktuellen theoretischen Entwicklungen, die die sozio-materielle Vermitteltheit
sowie die Performativität menschlichen Handelns betonen, folgt das Onlinelabor für Digitale
Kulturelle Bildung deshalb einem praxistheoretischen Zugang zur Erhebung und Analyse
informeller Bildungsprozesse und der mit diesen einhergehenden ästhetischen Modi der
Welterschließung (siehe Allert et al., 2019). Den zentralen Bezugspunkt hierfür bildet die von
Schatzki (u.a. 2002, 2005, 2012) vorgelegte Konzeption sozialer Praktiken als einem sich ständig
entfaltenden Geflecht praktischer Handlungsvollzüge. Ungeachtet der zunehmenden auch
interdisziplinären Verbreitung praxistheoretischer Ansätze und entsprechender Analysen (vgl.
z.B. Hager, Lee & Reich, 2012; Shove, Pantzar & Watson, 2012), mangelt es jedoch bislang an
einer analytischen Perspektive, die es ermöglicht soziale Praktiken in ihrem Verhältnis sowohl
zu den partizipierenden Akteuren, den verwendeten (digitalen) Technologien wie auch den in
dem Praktiken erzeugten und geteilten Artefakten zu erfassen. Um diese Leerstellen
konzeptuell zu überbrücken, umreißen wir im Folgenden zunächst den aktuellen
Forschungsstand in Bezug auf die Analyse (b) ästhetischer Artefakte, (b) beteiligter Subjekte,
sowie (c) des praktischen Gebrauchs digitaler Technologien.
2.1 Forschungsstand zur Analyse von Subjekten (Schröder)
Die vorliegende Analyserahmung von an Praktiken beteiligter Personen wird mit dem Interesse
betrieben, Subjektivierungs- und Bildungsprozesse in den Blick zu nehmen. Dabei wird die Frage
zu klären sein, in welchem Verhältnis Subjektivierung und Bildung stehen und wie auf
Grundlage dieser Perspektiven analytische Zugänge möglich werden.
Viele bildungstheoretische Arbeiten explizieren nicht eindeutig, wer die Adressaten von
Bildungsprozessen sind (während Arnd-Michael Nohl (2006) von „Bildungträgern“ spricht (S.
20), was zuvorderst durch die Methode der biographiebetonten narrativen Interviews bedingt
ist, zielen Winfried Marotzki und Benjamin Jörissen (2009) mit ihrem Verständnis der
Medienbildung stärker auf den Prozess der Bildung sowie seine Bedingungen ab und
adressieren die Frage nach den Träger°innen von Bildungsprozessen nicht näher. Andere
Analyserahmen stellen gänzlich in Frage, ob Bildungsprozesse allein bei Individuen ansetzen,
oder ob auch beispielsweise Kollektive sich bilden können (vgl. Koenig, 2011). Jenny Lüders
(2007) beobachtet bei einem vergleichenden Blick auf Bildungstheorien, dass die implizite
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Annahme eines starken „Bildungssubjekts“, dem klassische Ansprüche wie Autonomie,
Identität und Selbstbestimmtheit zugesprochen werden, als Durchgangspunkt von
Bildungsprozessen konstituierend für den gegenwärtigen Bildungsdiskursen ist. Anstatt sich
vom einem solchen Bildungsbegriff zu distanzieren, versucht sie diesen um Gegenbegriffe
(Heteronomie, Alterität, Differenz) zu erweitern und unternimmt dabei den Versuch, den
Bildungsdiskurs durch ein Subjektverständnis nach Foucault (2005) zu erweitern.
Für den vorliegenden Analyserahmen wird von eben solchen „Subjekten“ ausgegangen, die der
„doppeldeutigen Konstellation“ (Reckwitz, 2010, S. 14) der Selbst-Werdung ausgesetzt sind:
Zum einen geht es um eigenwillig handelnde Menschen und ihre ‚zu Grunde liegenden‘
übersituationalen Eigenschaften (dies umfasst Körperlichkeit, Fähigkeiten und Wissen sowie
überdauernde Präferenzen) während zum anderen die ‚Unterworfenheit‘ unter Macht- und
Anrufungsprozesse betont wird, die das Subjekt historisch hervorbringen. Das Denken von
Bildung unter Vorzeichen der Subjektivierung (vgl. Ricken, 2019) bzw. die kritische
Gegenüberstellung beider Denkgebäude (vgl. Schäfer, 2019, Masschelein & Ricken, 2003)
bietet dabei reichhaltige Anknüpfungsmöglichkeiten an praxistheoretische Lesarten
menschlicher Organisation (vgl. Alkemeyer 2013; Alkemeyer & Buschmann, 2016), die im
Zentrum dieser Forschungsarbeit stehen. Dabei wird davon ausgegangen, dass nicht allein die
Teilhabe an Praktiken bereits subjektivierend ist, sondern dass Subjekte durch die Adressierung
und Anerkennung von sozialen Anderen konstituiert werden (vgl. Ricken, 2013).
Unter diesen Voraussetzungen wurde nach subjekttheoretische Analyserahmen gesucht, die in
vielen Fällen eng an Foucaults Subjektverständnis anschließt (vgl. Renn, 2012). Dabei wurde
sich von Ansätzen wie der Wissenssoziologischen Diskursanalyse mit einem stärker
makrosozialen Ausrichtung an der “Analyse und Erklärung der diskursiven Konstruktion
gesellschaftlicher Wissensbestände” (Keller 2012, S. 92) distanziert, während angenommen
wird, dass mikrosoziale Analyserahmen, die vor allem die Bezugnahmen und Anrufung von
Subjekten in den Blick nehmen, für die Untersuchungen Subjektkonstellationen sowie deren
Relationen hilfreich sind. Insbesondere adressierungsanalytische Zugänge eröffnen dabei
Zugänge zum Selbst- und Fremdverständnis der auftretenden Subjekte, die möglicherweise
Bildungsvorhalte, verstanden als das irritierende „in Zeichen sich andeutende Versprechen
eines Bildungsprozesses“ (Kokemohr, 2017, S. 174) in den artikulierten Relationen sichtbar
machen können. Als Grundlage dienen hierbei zwei Frage-Heuristiken (vgl. Ricken & Reh, 2012;
Rose, 2019), die zentrale Prozesse der Subjektwerdung in artikulativen Akten der Fremd- und
Selbstadressierung sichtbar machen und eine Anknüpfung an die zentrale Frage nach
ästhetischen Ausdruckspraktiken ermöglichen. Diese Subjekt-konstituierenden Adressierungen
sind jedoch nicht ohne Bezug zu den Praktiken zu denken, an denen sich Personen beteiligen,
sodass das adressierungsanalytische Rahmenwerk in der Relation zwischen Person und Praktik
angelegt wird. Für die übersituationalen Eigenschaften von Subjekten wird ein
praxistheoretischer Beobachtungsmodus präferiert, der primär menschliche Körper und ihre
Tätigkeiten in den Blick nimmt und „das Mentale dezentriert und empirisch perspektiviert“ (vgl.
Schmidt 2012, S. 57). Es geht also vorrangig um die Untersuchung der handelnden Subjekte,
nicht um eine spekulative Anmaßung ihrer inneren Motive und Zwecke.
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2.2 Forschungsstand zur Analyse ästhetischer Artefakte (Thiele)
Ästhetisierungsprozesse sind ein global voranschreitendes Phänomen, das dazu führt, dass sich
ästhetische Elemente und Artefakte in nahezu allen Lebensbereichen ausbreiten (vgl. Welsch,
1996). Dabei werden Artefakte als vom Menschen hergestellte Gegenstände definiert, die in
allen Lebensbereichen relevant werden oder sowohl physische Gestalt annehmen können, als
auch als Teil der sozial gestalteten Wirklichkeit zu verstehen sind (vgl. Lueger & Froschauer,
2018). Die Frage ist, welche Konsequenzen dieser Ästhetik-Boom, auch durch die Verbreitung
mit, in und durch die Artefakte in soziale Medien (etwa Tweets, YouTube-Videos oder Snaps),
für die Selbst-, Anderen- und Weltverhältnisse mit sich bringt. Die Artefakte in sozialen Medien
sind dabei als kulturelle Ausdrucksformen zu verstehen, als “[…] die Artikulation von etwas, sei
es einer Überzeugung, einer Stimmung, eines Wunsches, einer Darstellung oder irgendeiner
sonstigen Mitteilung [...]” (Schwemmer, 2005).
Die Frage nach Ästhetik ist in vielen Disziplinen, wie der Mediatisierungs- und
Mediensozialisationsforschung, ein Forschungsdesiderat: [...], das sei hier nur als Ausblick
formuliert und gilt für alle in diesem Beitrag genannten Forschungslinien gleichermaßen,
wahrnehmungsbezogenen und ästhetischen Dimensionen medialer und kommunikativer
Transformationsprozesse stärker Rechnung getragen werden (u. a. Reißmann 2015, S. 44ff.,
114ff.)” (Reißmann & Hoffmann, 2017, S. 75). Der Ruf wird laut, in kommunikativen
Transformationsprozessen die wahrnehmungsbezogenen und ästhetischen Dimensionen
stärker herauszuarbeiten. Dabei sind jedoch sehr vage und widersprüchliche Definitionen zu
beobachten, was Ästhetik überhaupt ist und was es ausmacht. Die methodischen Anleitungen
zur Analyse ästhetischer Artefakte sind oftmals nur fragmentarisch vorhanden, abstrakt und
vage formuliert, nicht selten ohne Anbindung an die Empirie. Die einzelnen Disziplinen, etwa
die Kunstwissenschaften, die Medienwissenschaften oder die Kommunikationswissenschaften,
nehmen ästhetische Artefakte dabei aus sehr unterschiedlichen Perspektiven in den Blick und
entwerfen demnach unterschiedliche Heuristiken und Referenzmodelle.
So beschäftigt sich Stefan Meier etwa mit dem Stil-Begriff als identitäts- und
beziehungsstiftende Zeichenpraxis. Stil wird dabei auf der Produzentenseite durch die Auswahl,
Formung und Komposition bestimmter semiotischer Ressourcen hergestellt, während die
Rezipientenseite diese Zeichenphänomene bedeutungsstiftend einordnet (vgl. Meier, 2017).
Schrift, Bild, Layout, der Einsatz von Sonderzeichen etc., werden mittels semiotischer
Ressourcen wie Linien, Flächen, Farben, Form, Perspektive etc. durch Stil-Praktiken der
Auswahl, Formung und Komposition geschaffen” (Meier, 2017, S. 284). Damit ist jedoch nicht
gesagt, welche Kriterien verschiedene Stile voneinander unterscheidbar machen, um Aussagen
über Differenzen und Gemeinsamkeiten treffen zu können und dadurch die Vielfalt der
Praktiken sichtbar zu machen.
Lev Manovich (2016, S. 2) unterscheidet drei Styles (casual, professional und designed) von
Instagram Fotos und stellt dabei fest: Our Instagram analysis suggests that the subjects and
styles of photographs are strongly influenced by social, cultural, and aesthetic values of a given
location or demographic”. Dieses Modell erlaubt Differenzierungen nur in einem äußerst
geringem Maße. Inwiefern soziale, kulturelle und ästhetische Werte dabei eine Rolle spielen
wird nicht ergründet, lediglich, dass sie es tun.
Ein weiterer Ansatz ist es, Ästhetik in sozialen Medien nicht als Teil kommunikativer
Transformationsprozesse zu untersuchen, sondern an bestimmte Phänomene zu heften. So
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werden einzelne Artefakte, wie das Selfie, in den Blick genommen (vgl. Ide & Kähler, 2018).
Jedoch kann durch die Analyse einzelner Phänomene nicht die Omnipräsenz und Vielfalt von
Ästhetisierungsprozessen in den Blick genommen werden, wie es Wolfgang Welsch fordert.
Werden die Artefakte in sozialen Medien als Ausdruck einer umfassenden
Oberflächenästhetisierung begriffen (vgl. Welsch 1996), so ist eine Orientierung am
Analyserahmen für Produktdesign hilfreich. Analysemodelle aus der Perspektive des
Produktdesigns, fokussieren die Wechselbeziehung zwischen Artikulateur°innen und
Artefakten (vgl. Löbach, 1979). Dabei wird Design sehr weit, nämlich als geplanter und
umfassender Gestaltungsprozess, der arbeitsteilig realisiert wird, gefasst (vgl. Godau, 2003).
Um Artefakte mit dem Werkzeugkasten des Produktdesigns zu analysieren, wird ein ganzes
Bündel von Funktionen betrachtet, die vom Gegenstand ausgehen und auch die daran
beteiligten Artikulateur°innen mit einbeziehen. Damit werden pragmatische Aspekte,
emotionale Funktionen, ästhetische und symbolische Eigenschaften zusammengedacht.
Dadurch bleiben die spezifischen Eigenheiten des Artefakts erhalten, es wird jedoch zudem ein
Abgleich mit anderen Artefakten und ein Herausarbeiten von Gemeinsamkeiten und
Unterschieden ermöglicht.
2.3 Forschungsstand zur Analyse digitaler Technologien (Richter)
Digitale Technologien bilden in Form von Algorithmen, Protokollen, Datenstrukturen,
Datenbeständen, sowie der Hardwaresysteme und physischen Netzwerken, innerhalb derer die
Daten prozessiert werden, die technische Grundlage sozialer Medien. Entsprechende
Technologien sind dabei keine bloßen Werkzeuge, derer wir uns im Kontext sozialer Medien
bedienen, sondern ein integraler Bestandteil jener kulturellen Alltagspraktiken, die sich auf
Instagram, Facebook, Twitter, TikTok, Whatsapp etc. vollziehen (vgl. z.B. Kitchin & Dodge, 2011;
Manovich, 2013; Gillespie, 2014; Introna, 2016; Roberge & Seyfert, 2017). Vor diesem
Hintergrund ist auch im bildungstheoretischen Diskurs seit geraumer Zeit nicht nur eine
empirische, sondern auch eine theoretische Auseinandersetzung mit den ‘Dingen’ im
allgemeinen und (digitalen) Technologien im Besonderen zu beobachten (z.B. Edwards &
Carmichael 2012; Jörissen & Verständig 2016).
Während die Konzeption Digitaler Technologien zunächst vor allem von technik- oder
sozialdeterministischen Positionen geprägt war, wird in der aktuellen Diskussion im Anschluss
an den ‘material turn’ in den Kultur- und Sozialwissenschaften vermehrt auf Modelle
zurückgegriffen, die von einer konstitutiven Verwicklung (constitutive entanglement,
Orlikowski, 2007) des Menschen in die soziale und materielle Welt ausgehen (z.B. Fenwick,
Edwards, & Sawchuck 2011; Röhl 2015; Nohl & Wulf 2013). Die Annahme einer konstitutiven
Verwicklung von Menschen und Dingen, von Materialität und Sozialität weist insofern über
technik- wie auch sozialdeterministische Positionen hinaus, als die Bedeutung und Funktion von
Technologien weder allein auf die Effekte der technischer Artefakte noch auf ihren praktischen
Gebrauch im Rahmen situierter Praktiken reduziert wird (siehe Orlikowski, 2007). Vielmehr
gehen entsprechende Theorieangebote von der Prämisse aus, dass Menschen und (technische)
Dinge nicht unabhängig voneinander existieren, sondern einander konstitutiv bedingen, in dem
sie einander durch ihre Beziehung zueinander hervorbringen (vgl. Latour, 2005; Orlikowski,
2010). Die Annahme einer konstitutiven Verwicklung ist dabei gerade für die theoretische
Konzeption und Analyse digitaler Technologien von zentraler Bedeutung, da diese aufgrund
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ihres informatischen Charakters nicht nur Daten verarbeiten, sondern immer auch eine
Modellierung und damit letztlich eine Informatisierung ihres eigenen Gegenstandsbereichs
bedingen (vgl. Floyd, 1997). Digitale Technologien wie etwa der Newsfeed Algorithmus von
Instagram sind insofern untrennbar mit jenen sozialen Praktiken verwickelt, innerhalb derer sie
ihre Anwendung finden (vgl. Gillespie, 2014; Introna, 2016; Bucher, 2018).
Ungeachtet des theoretischen wie auch empirischen Interesses für die Prozesse der
Subjektivierung in einer von Digitalisierung durchzogenen Gesellschaft (z.B. Meyer, 2014;
Jörissen, 2015; Jörissen & Verständig, 2016; Bettinger, 2018), mangelt es allerdings bislang
noch an analytischen Zugängen, die in der Lage sind den spezifischen Herausforderungen wie
auch der Vielfalt digitaler Technologien Rechnungen zu tragen.
Generische Ansätze, wie etwa das von Lueger und Froschauer (2018) entworfene Modell zur
Artefaktanalyse, das zum Beispiel von Nohl (2018) wie auch von Bettinger (2018) als möglicher
Bezugsrahmen für die Analyse von (digitalen) Dingen in Bildungskontexten diskutiert wird,
lassen sich zwar prinzipiell auch auf technische Dinge anwenden, bieten jedoch keine
konkreteren Hinweise dazu, wie sich die Funktionsweise der Technologien auf der Ebene der
Informationsverarbeitung fassen lässt. Ebenso bleibt offen, wie sich die kontextgebundene und
kontingente Existenz- und Funktionsweise digitaler Technologien, also der Umstand, dass in
Bezug auf digitale Technologien eine eindeutige Trennung von Gestaltung, Herstellung,
Inbetriebnahme und Betrieb nicht möglich ist, systematisch fassen lässt (vgl. Kitchin, 2017).
Andere Ansätze fokussieren hingegen spezifische Aspekte beziehungsweise Strukturelemente
digitaler Technologien wie etwa Software, Netzwerke, Daten(-strukturen), Hardware und
Interfaces (vgl. Unterberg & Jörissen, 2019). So finden sich in der Literatur beispielsweise
Ansätze zur Analyse von algorithmischen Strukturen (z.B. Jörissen & Verständig, 2016; Kitchin,
2017; Bucher, 2018), von graphischen Benutzerschnittstellen (z.B. Light, Burgess, Duguay,
2018), von den jeweiligen Daten und Datenstrukturen (z.B. Dander, 2014) oder dem Umgang
mit digitalen Technologien (z.B. Ramduny-Ellis, et al. 2005). Diese Ansätze liefern insofern
wichtige Einblicke in die unterschiedlichen Elemente digitaler Technologien, ohne diese aber
wieder in ein Gesamtbild zu integrieren. So bleibt in entsprechenden Analysen insbesondere
unklar wie algorithmische Strukturen, Daten und Interfaces im praktischen Gebrauch
miteinander interagieren und aufeinander verwiesen sind.
In Bezug auf die Untersuchung des Umgangs mit und der Rolle von digitalen Technologien in
praktischen Anwendungskontexten, ist das hier vorgelegte Modell deshalb darum bemüht,
einen integrativeren Zugang zu eröffnen. Hintergrund hierfür bildet die aus der Informatik
entlehnte Konzeption von digitalen Technologien als ‘autooperationalen Formen’ (Floyd, 1997;
2002; ausführlicher hierzu Richter & Allert, eingereicht).
3. Vorgehen & allgemeine Überlegungen zur Entwicklung des Rahmenmodells
Wie in Abschnitt 2 diskutiert, bieten praxistheoretische Zugänge einen vielversprechenden
konzeptuellen Ansatzpunkt, um sowohl der sozio-materiellen Vermitteltheit wie auch der
Performativität menschlichen Handelns Rechnung zu tragen, da sie sich von einem
substanziellen Verständnis sowohl des Menschen wie auch der Dinge lösen und stattdessen
sowohl soziale und technische Ordnungen wie auch menschliche Erfahrungen und
Artikulationen als emergente Produkte relationaler Vorgänge fassen.
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Praxistheoretische Ansätze, wie sie im Anschluss an die Arbeiten von Schatzki (u.a. 2002, 2005,
2012) im kultur- und sozialwissenschaftlichen wie auch pädagogischen Diskurs aufgegriffen
worden sind, teilen insofern die Grundannahme einer konstitutiven Verwicklung von Menschen
und Dingen, wie sie auch in anderen sozio-materiellen Ansätzen, wie etwa der Akteur-
Netzwerk-Theorie (z.B. Latour, 2005) oder der kulturhistorischen tigkeitstheorie (z.B.
Engeström, 1999) zu finden ist. Die Ansätze unterscheiden sich aber in der Art und Weise wie
die zugrundeliegenden Relationierungen angelegt sind. Während die Akteur-Netzwerk-Theorie
Mensch und Dinge als Bestandteile heterogener Netzwerke konzipiert, erfolgt in der
kulturhistorischen Tätigkeitstheorie die Relationierung menschlicher Akteure und der von
ihnen verwendeten Artefakte über Handlungsgegenstände, die kollektive Handlungsvollzüge
motivieren. Im Unterschied hierzu vollzieht sich die Relationierung aus praxistheoretischer
nicht im Rahmen vorgängiger Netzwerke oder Handlungssysteme als vielmehr im praktischen
Gebrauch der Dinge wie auch im Umgang der menschlichen Akteure miteinander (vgl. z.B. Röhl,
2015).
Der analytische Zugang über die praktische Relationierung der Menschen und Dinge, macht es
möglich, Praktiken nicht als vorgängige Strukturen und Ordnungen, sondern als dynamische
Prozessfiguren zu verstehen. Zugleich stellt sich hier, wie auch bei anderen relationalen
Modellen jedoch die Frage, wie sowohl Menschen aber auch Dinge eine Eigenständigkeit oder
einen Eigensinn entwickeln können, wenn sie „nur innerhalb der skizzierten Beziehungen ihre
Bedeutung und Wirkmacht erhalten“ (Kalthoff, Cress & Röhl, 2016, S. 30). Um sowohl der
Relationalität wie auch der Eigenständigkeit beziehungsweise dem Eigensinn der an Praktiken
beteiligten menschlichen Körper wie auch Dinge gerecht zu werden, verweist Schatzki (2002,
2012) auf das Konzept der materiellen Arrangements, in dem er unterstellt, das Praktiken
immer auf materielle Entitäten angewiesen und in vielen Fällen nur durch diese realisiert
werden können. Offen bleibt hierbei aber die Frage nach der Beschaffenheit, der Form
menschlicher Körper und Dinge außerhalb einer bestimmten Praktik. Ein solche
praxisunabhängige Bestimmung der Menschen und Dinge erscheint aber notwendig, um auch
Prozesse der Eigensinnigkeit und Widerständigkeit analytisch fassen zu können.
Vor diesem Hintergrund fasst das im Rahmen des Onlinelabors entwickelte analytische
Rahmenmodell sowohl menschliche Akteure, (ästhetische) Artefakte wie auch (digitale)
Technologien sowohl als eigenständige Entitäten wie auch in ihrer Relation zu einer (oder
mehreren) spezifischen Praktik. Die Modellierung als eigenständige Entitäten (vgl. Abschnitte
4.2; 4.3 & 4.4) bezieht sich dabei auf jene Eigenschaften, die einen Menschen, ein Artefakt oder
eine Technologie unabhängig von einer spezifischen Praktik charakterisieren. Umgekehrt
beziehen sich die relationalen Eigenschaften oder ‚Interferenzen‘ (vgl. Abschnitte 4.5) auf jene
Qualitäten, die aus der Partizipation an einer Praktik, aus dem praktischen Gebrauch und
Umgang hervorgehen und insofern an die jeweilige(n) Praktik(en) gebunden sind.
Modellierungstechnisch entspricht diese Differenzierung der Unterscheidung von rollen- und
natürlichen Typen (ausführlicher hierzu Allert & Richter, 2008).
Da der von Schatzki entwickelte praxistheoretische Zugang zwar die konstitutiven Elemente
einer Praktik aufschlüsselt aber hinsichtlich der hierauf bezogenen materiellen Arrangements
sehr allgemein bleibt und insofern nur bedingt Ansatzpunkte für analytische Kategorien zur
Beschreibung der involvierten menschlichen Akteur, ästhetischen Artefakte und digitale
Technologien liefert, wurde das im Onlinelabor entwickelte Rahmenmodell entsprechend
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ergänzt. Ausgangspunkt hierfür bildeten insbesondere die in Kapitel 2 referierten theoretischen
und analytischen Ansätze, die im Rahmen einer breit angelegten Literaturrecherche ermittelt
worden waren. Die in der Literatur gefundenen analytischen Kategorien wurden dann in der
triadischen Grundstruktur des Analyserahmens (siehe Abbildung 1) verortet. Hierbei wurde
insbesondere auf eine klare Differenzierung zwischen praxisbezogen/relationalen und
praxisunabhängigen/konstitutiven Eigenschaften geachtet.
Zusätzlich zu einer (vorläufigen) Definition der analytischen Konstrukte wurde jeweils ein
Fragekatalog erstellt, der die jeweiligen Konstrukte operationalisiert. Die Entwicklung des
analytischen Rahmens erfolgte arbeitsteilig anhand der thematischen
Forschungsschwerpunkte der beteiligten Autor*innen. Die Zwischenergebnisse wurden
regelmäßig diskutiert und abgeglichen. Diese Diskussion erfolgte dabei unter Bezugnahme auf
die bereits vorliegenden Fallvignetten des Onlinelabors.
4. Analyserahmen
Um einen umfangreichen Analyserahmen zur Verfügung zu stellen, der differente, vielfältige
Aspekte und Facetten der Praktiken in sozialen Medien ersichtlich werden lässt, werden als
Ausgangspunkte die beteiligten Subjekte, die zugrunde liegenden Technologien und die daraus
entstehenden Artefakte näher beleuchtet. Aus der jeweiligen Perspektive werden anschließend
die Interferenzen zu den relevanten sozialen Praktiken betrachtet und Interferenzen zwischen
Subjekten und Technologien, Technologien und Artefakten sowie Artefakten und Subjekten
betrachtet.
4.1 (soziale) Praktiken
Unter (sozialen) Praktiken wird im Rahmen dieses Modell im Anschluss an Schatzki (2002, 2005,
2012) eine organisierte Form menschlichen Tätigseins verstanden. Beispiele entsprechender
Formen sind etwa Praktiken der Ernährung, der Erziehung, des Konsums, der Gestaltung, der
Unterhaltung, der Beziehungspflege. Jede Praktik bildet dabei, so Schatzki (2012, p. 13) einen
»open-ended, spatially-temporally dispersed nexus of doings and sayings«. Praktiken bilden
Rahmenmodell zur Analyse von Praktiken der ästhetischen Artikulation in Sozialen Medien
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insofern ein sich in der Zeit entfaltendes Geflecht räumlich und zeitlich verteilter (sprachlicher)
Aktivitäten. Das Spektrum der Aktivitäten reicht dabei von basalen körperlichen und mentalen
Operationen über wiederkehrende Handlungsformen bis hin zu komplexen
ineinandergreifenden Handlungsketten, an denen unterschiedliche Akteure beteiligt sind. Die
Aktivitäten innerhalb einer Praktik greifen insofern ineinander und bauen aufeinander auf, die
in Form ›teleologischer Hierarchien‹ (teleological hierarchies) auf ein Ziel bezogen sind
(Schatzki, 2012, p. 15). Die für eine Praktik charakteristische wie auch konstitutive Organisation
der Aktivitäten erfolgt dabei über (a) das praktische Verständnis der Akteure (practical
understanding), (b) explizite praktische Regeln (practical rules), (c) teleoaffektive Strukturen
(teleoaffective structures), sowie die (d) allgemeine Verständnisse der Akteure (general
understandings) (Schatzki, 2012)
1
.
Praktiken sind keine abstrakten Entitäten, sondern werden durch die »doings and sayings« der
Praktiker°innen realisiert und fortgeführt. Die empirische Beobachtung einer Praktik bezieht
sich insofern immer auch auf ein situatives Geschehen, in dem sich die Praktik realisiert (die
Erstellung und Rezeption eines Postings auf Instagram verweist insofern auf ein situatives
Geschehen, in dem sich eine spezifische Praktik der Nutzung von Instagram realisiert). Die
folgende Abbildung illustriert diesen Umstand:
Zugleich existieren Praktiken nicht isoliert voneinander, sondern sind auf unterschiedliche
Weise miteinander verbunden und auch durch die an ihnen beteiligten Akteure, Technologien
und Artefakte strukturell aneinandergekoppelt.
2
Hieraus ergeben sich übergreifende
1
Schatzki unterscheidet weiterhin analytisch zwischen Praktiken und Arrangements, wobei er unter letzteren die für eine
Praktik relevanten »Verbindungen von Menschen, Organismen, Artefakten und natürlichen Dingen« (Schatzki, 2016, S. 33)
versteht. Im vorliegenden Modell werden die Arrangements über die in die jeweilige Praktik verwickelten Akteure, Artefakte
und Technologien in diese Analyse mit einbezogen. Hierdurch wird dem Umstand Rechnung getragen, dass Akteure,
Artefakte und Technologien zwar von grundlegender Bedeutung für eine spezifische Praktik sein können, sie aber oftmals in
unterschiedliche Praktiken gleichzeitig verwickelt sind. An dieser Stelle kommt wieder das Modell einer strukturellen
Kopplung zum Tragen.
2
Dem vorliegenden Analysemodell liegt die Annahme zugrunde, dass (soziale) Praktiken auf verschiedene Weisen
miteinander verbunden sein können. Neben funktionalen oder kausalen Abhängigkeiten (z.B. Praktiken der Nutzung einer
Technologie setzen Praktiken der Gestaltung des Artefakts voraus), sind Praktiken auch durch die in sie involvierten Akteure,
Rahmenmodell zur Analyse von Praktiken der ästhetischen Artikulation in Sozialen Medien
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Konstellationen von Praktiken bzw. Praktikbündeln (Schatzki, 2012). Diese übergreifenden
Konstellationen lassen sich auch als dynamischer Kontext einer spezifischen Praktik begreifen.
Aufgrund ihrer strukturellen Kopplung präformieren die übergreifenden Konstellationen das
praktische Vollzugsgeschehen semantisch, machtbezogen und normativ, »sie sind
strukturierende Voraussetzungen des Geschehens, durch das sie selbst wiederum strukturiert
werden« (Gottuck & Mecheril, 2014, S. 97).
Abgrenzung/Umschreibung der Praktik
Welche Tätigkeiten/Handlungen sind für die Praktik konstitutiv?
Was ist das übergeordnete »Ziel« der Praktik, was soll durch sie »erreicht« werden?
Wie sind die Tätigkeiten, Handlungen räumlich und zeitlich miteinander verbunden?
Welche Akteure, Artefakte und Technologien gehören zu dieser Praktik?
In welche übergeordneten Konstellationen/Kontexte ist die Praktik eingebettet?
Praktisches Verständnis (Practical understanding)
Das für eine Praktik konstitutive praktische Verständnis umfasst das zur Teilhabe an einer
Praktik erforderliche Handlungswissen (»know-how«) der Akteure, die Fähigkeit zur korrekten
Identifikation praxisrelevanter Handlungsformen, wie auch die Fähigkeit spezifische
Handlungsformen zu initiieren oder auf sie zu antworten (Schatzki, 2002). Das praktische
Verständnis ist in vielen Fällen inkorporiert und auch den Praktiker°innen selbst nur bedingt
bewusst verfügbar.
Artefakte und Technologien strukturell aneinandergekoppelt. Hiermit wird dem Gedanken Rechnung getragen, dass
einerseits Subjektpositionen, der Umgang mit Technologien wie auch die Bedeutung von Artefakten immer situativ und
insofern nur relational zu einer bestimmten Praktik zu verstehen ist, sich andererseits aber weder die Existenz von Akteuren,
Technologien und Artefakten in der Partizipation an einer einzelnen Praktik erschöpft, sondern diese vielmehr strukturelle
Verbindungs- oder Durchgangspunkte unterschiedlicher Praktiken markieren.
Rahmenmodell zur Analyse von Praktiken der ästhetischen Artikulation in Sozialen Medien
13/39
Welche praktischen Fähigkeiten sind zur Teilhabe an der Praktik erforderlich? Über welches
praktische Wissen müssen die Praktiker°innen verfügen?
Wie werden spezifische Aktivitäten für andere sichtbar, kenntlich, anschlussfähig gemacht?
Wie werden spezifische Aktivitäten initiiert?
Wie werden Bezüge zwischen einzelnen Aktivitäten hergestellt?
Praktische Regeln (Practical rules)
Ein weiteres konstitutives Element einer Praktik bilden nach Schatzki die praktischen Regeln,
die die Aktivitäten der Praktiker°innen organisieren. Die praktischen Regeln umfassen hierbei
alle möglichen Formen expliziter Anweisungen, die den Praktiker°innen vorschreiben, sie
auffordern oder instruieren etwas in einer bestimmten Weise oder unter bestimmten
Umständen zu tun oder zu sagen, oder auch bestimmte Umstände anzuerkennen. Praktische
Regeln können dabei etwa die Form von Rezepten, Anordnungen, Prinzipien, Vorschriften,
Instruktionen oder auch Faustregeln und Heuristiken haben (vgl. Schatzki, 2005).
Welche expliziten Regeln sind für die Praktik konstitutiv?
Welche Form haben die praktischen Regeln?
Inwiefern und wie werden die praktischen Regeln festgelegt oder verhandelt?
Wie wird die Regeleinhaltung überwacht? Wie werden Regelverstöße sanktioniert?
Teleoaffektive Struktur (Teleoaffective structure)
Die teleoaffektive Struktur beschreibt die im Rahmen einer Praktik vorgeschriebenen oder von
den Praktiker°innen akzeptierten Ziel- bzw. Handlungshorizonte auf die das praktische Tun hin
ausgerichtet ist. Die Praktiker°innen sind insofern auf bestimmte Ziele verpflichtet. Die
teleoaffektiven Strukturen haben dabei auch eine affektive Komponente, insofern sie auch die
Gefühle und Stimmungen festlegen, die im praktischen Vollzug zum Ausdruck gebracht werden
dürfen, beziehungsweise als akzeptable erachtet werden. Nach Schatzki (2002, S. 80) markieren
teleoaffektive Strukturen »a range of normativized and hierarchically ordered ends, projects,
and tasks, to varying degrees allied with normativized emotions and even moods«.
Welche Zielhorizonte, welche generellen Zielsetzungen bestimmten die Praktik?
Aus welchem Anlass, mit welchem Ziel, findet eine spezifische Aktivität statt?
In welchem Verhältnis stehen Teilziele zueinander?
Wie werden Zielkonflikte innerhalb einer Praktik verhandelt?
Welche Gefühle, Stimmungen sollen, müssen oder dürfen im Vollzug der Praktik
ausgedrückt werden?
Was gilt in Bezug auf eine bestimmte Aktivität als normal beziehungsweise als anormal?
Rahmenmodell zur Analyse von Praktiken der ästhetischen Artikulation in Sozialen Medien
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Allgemeine Verständnisse (General understandings)
Ein weiteres konstitutives Element einer Praktik bilden schließlich die von den Praktiker°innen
geteilten allgemeinen Verständnisse. Diese allgemeinen Verständnisse markieren, so Schatzki
(2012, S. 16), das kollektive ›Gespür‹»of the worth, value, nature, or place of things, which
infuse and are expressed in people’s doings and sayings«. Im Rahmen des hier vorgeschlagenen
analytischen Modells umfassen die allgemeinen Verständnisse auch kollektiv entwickelte
Kriterien des Geschmacks und entsprechender Vokabulare und damit einhergehender
Klassifikationssysteme (siehe Gherardi, 2009). Unter die Rubrik der allgemeinen Verständnisse
fallen im vorliegenden Modell auch Kategorien und die mit diesen einhergehenden praktischen
Differenzbildungen. Kategorien, so Couldry (2012, p. 201), organisieren dabei nicht nur die
Praktiken, sondern stellen auch sicher, »that practices become learned in a form that is
obligatory, repeatable and meaningful«.
Welcher Wert, welche Wertigkeit oder Bedeutung wird bestimmten Dinge, Personen,
Handlungen oder Ereignissen beigemessen?
Welche Kriterien, Kategorien oder Klassifikationssysteme kommen in der Praktik zum
Tragen?
Welche Differenzierungen werden vorgenommen?
Welche spezifischen Begriffe, Vokabulare werden verwendet?
Wie werden die involvierten Akteure, Artefakte oder Technologien adressiert und
differenziert?
4.2 Subjekte
Als Subjekte werden in diesem Rahmen die beteiligten Individuen bezeichnet. Als distinktives
Merkmal von Subjekten werden ihre spezifische, in Praktiken verwobene Körperlichkeit samt
ihrer sinnlichen Wahrnehmungsfähigkeit (vgl. Hillebrand, 2014, S. 75), Formen impliziten
Wissens und inkorporierter Schemata (vgl. Schäfer, 2013, S. 343), damit einhergehende
übersituational verfügbare körperliche oder kognitive Fähigkeiten (vgl. Reckwitz, 2003, S. 290),
sowie geschmackliche Präferenzen (vgl. Gherardi, 2009) unterschieden.
Abgrenzung/Umschreibung der Subjekte
Welche Subjekte können unterschieden werden?
Welche Subjekte sagen eigenständig etwas aus?
Rahmenmodell zur Analyse von Praktiken der ästhetischen Artikulation in Sozialen Medien
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4.2.1 Individuelle Disposition
Körper
Es wird angenommen, dass in jeder sozialen Praktik Menschen mit Körpern “als Speicher
vergangener Praktiken sowie als Medium und Agens in gegenwärtigen Praktiken” (Schmidt,
2012, S. 55) beteiligt sind, deren spezifische Beschaffenheit sowie eingeschriebenen Wissens-
und Verhaltensbestände unterscheidbar sind.
Über welche körperlichen Merkmale und Eigenheiten verfügen die Subjekte?
Welche Handlungen werden ermöglicht, bzw. verhindert?
Welche Gesten und Gebärdenverwenden die Subjekte?
Fähigkeiten / Wissen
Neben der situationsübergreifenden Beständigkeit des in Erscheinung tretenden Körpers wird
darüber nach übersituational abrufbaren Fähigkeiten gefragt und entweder durch körperliche
Dispositionen (ein großer Mensch kann z.B. ein hohes Regal ohne Hilfsmittel erreichen) oder
durch Formen mentaler oder körperlicher oder mentalen Aneignung (z.B. sportliches Training,
Lernen spezifischer Handgriffe oder Denkarten) Subjekten zur Verfügung stehen.
Auf welche kognitiven, emotionalen, empathischen, körperlichen Fähigkeiten können die
Subjekte situationsübergreifend zurückgreifen?
Rahmenmodell zur Analyse von Praktiken der ästhetischen Artikulation in Sozialen Medien
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Präferenzen
Ebenso werden Geschmacksurteile der Subjekte in den Blick genommen (vgl. Gherardi, 2009),
die ebenso an Körperlichkeit wie an die Erfahrung von Akteur*innen gebunden sind.
Welche persönlichen Geschmäcker oder Präferenzen werden bei den Subjekten
situationsübergreifend sichtbar? Woran wird dies erkennbar?
Hybridität
Als Kontextcharakteristik werden für die Beschreibung von Subjekten ebenfalls Dinge „im Sinne
einer prothetischen Aufrüstung des Körpers mit technischen Zusätzen“ (Brinkmann, 2017, S.
156) relevant, um hinreichende Aussagen über die Beschaffenheit von Personen treffen zu
können.
Welche Dinge unterstützen die Wahrnehmungen oder die Tätigkeiten der Subjekte?
Welche weiteren Dinge werden instrumentalisiert?
Kapital
Als weiterer personenspezifischer Kontext können Formen ökonomischen (Finanzmittel),
kulturellen (Wissen, körperliche/sprachliche Habitūs, Distinktionen, Güter, institutionelle
Qualifikationen) und sozialen (Kontakte, Netzwerke, Gruppenzugehörigkeiten) (vgl. Bourdieu,
1986) beobachtet werden, die das Handlungsvermögen von Personen begrenzen.
Welche verkörperlichten Formen kulturellen Kapitals können beobachtet werden?
Über welche objektiven Formen kulturellen Kapitals verfügt eine Person?
Über welches soziale Kapital verfügt eine Person?
Über welches ökonomische Kapital verfügt eine Person?
4.3 digitale Technologie
Unter einer digitalen Technologie werden im Rahmen dieses Modells all jene (hard- und
softwaretechnische) Komponenten und Relationen verstanden, derer es bedarf, um ein
informatisches Programm auszuführen und praktisch einzusetzen (vgl. Floyd, 1997, 2002). Der
Begriff der digitalen Technologie ist damit bewusst weit gefasst und umfasst so
unterschiedliche Dinge wie Programme, die auf einer bestimmten Hardware ausgeführt
werden (z.B. die Instagram-App auf einem Smartphone), Mechanismen zur Organisation und
Relationierung von Informationen (z.B. Hashtags), spezifische Algorithmen (wie etwa einen
Algorithmus zur Objekterkennung) oder auch komplexe technische Systeme (wie etwa eine
Social-Media-Plattform). Aufgrund der Vielschichtigkeit und Vernetztheit digitaler Artefakte ist
die Identifikation und Abgrenzung der jeweils zu betrachtenden ›digitalen Technologie‹ immer
auch abhängig vom jeweiligen Erkenntnisinteresse.
Rahmenmodell zur Analyse von Praktiken der ästhetischen Artikulation in Sozialen Medien
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Abgrenzung/Umschreibung der digitalen Technologie
Welche digitale Technologie wird untersucht?
Aus welchen Elementen/Komponenten setzt sich die Technologie zusammen?
Wie lassen sich die einzelnen Elemente/Komponenten charakterisieren?
Wie/wodurch unterscheidet sich diese Technologie von anderen Technologien, wie lässt sie
sich von anderen Technologien abgrenzen?
(formalisierte) Modelle operationaler Formen des Gegenstandsbereichs
Digitale Technologien lassen sich im Anschluss an Floyd (1997, 2002) als formalisierte Modelle
operationaler Formen verstehen. Eine operationale Form ist dabei “eine Struktur aus
möglichen Operationen in einem interessierenden Gegenstandsbereich” (Floyd, 1997). Diese
Struktur aus möglichen Operationen muss dabei im Falle digitaler Technologien zunächst
modelliert und im weiteren Verlauf der Softwareentwicklung formalisiert werden. Die in einer
digitalen Technologie realisierten Modelle umfassen dabei neben den operativen
Zusammenhängen im engeren Sinne immer auch Annahmen über den Gegenstandsbereich,
die entweder explizit oder implizit mit modelliert werden müssen. Hierzu zählen insbesondere
Annahmen über mögliche Anwender°innen wie auch die mit der Technologie zu
verarbeitenden kulturellen Formen (vgl. Richter, 2020). Da es sich bei jeder Modellierung um
einen Abstraktionsprozess handelt, beinhaltet diese immer auch die Ein- bzw. Ausklammerung
spezifischer Aspekte des jeweils modellierten Gegenstandsbereichs. Digitale Technologien
unterscheiden sich ferner hinsichtlich des Ausmaßes, indem ihre eigene Anwendungssituation
in ihnen mit modelliert wird (Floyd, 2002).
Welche operativen Modelle sind in der digitalen Technologie realisiert?
Wie werden die Prozesse im Gegenstandsbereich modelliert? Welche Annahmen liegen der
Modellierung zugrunde? Welche Aspekte werden ein- bzw. ausgeklammert?
Rahmenmodell zur Analyse von Praktiken der ästhetischen Artikulation in Sozialen Medien
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Wie werden die Anwender°innen modelliert? Welche Annahmen liegen der Modellierung
zu Grunde? Welche Aspekte werden ein- bzw. ausgeklammert?
Wie werden kulturelle Formen modelliert? Welche Annahmen liegen der Modellierung zu
Grunde? Welche Aspekte werden ein- bzw. ausgeklammert?
Ist die Anwendungssituation selbst in die Modellierung miteingeschlossen? Inwiefern wird
der Gebrauch der digitalen Technologie durch diese gesteuert? Welche Aspekte werden ein-
bzw. ausgeklammert?
Daten (Diskretisierungen und Informatisierungen des Gegenstandsbereichs)
Informationen können von digitalen Technologien nur insofern verarbeitet werden, als sie in
Form von Daten vorliegen. Daten können dabei aus informatischer sich als eine
reinterpretable representation of information in a formalized manner suitable for
communication, interpretation, or processing" verstanden werden, die in diskreten
Datenobjekten organisiert sind (ISO/IEC 2382:2015, 2015). Daten existieren dabei nicht für an
und für sich, sondern müssen mit Hilfe entsprechender praktischer Vorkehrungen und
Instrumente erzeugt werden (z.B. Gitelmann & Jackson, 2013; Gießmann & Burkhardt, 2014).
Da analoge, kontinuierliche Ereignisse zum Zweck der digitalen Verarbeitung in diskrete
Datenobjekte überführt werden müssen, impliziert die Generierung immer auch den Rückgriff
auf entsprechende Datenmodelle und eine hiermit einhergehende explizite oder implizite
Kategorisierung. Die Entwicklung digitaler Technologien bedingt insofern immer auch eine
„Informatisierung des Gegenstandsbereichs” (Floyd, 1997).
Mit welchen Daten, Datentypen, Datenformaten operiert die digitale Technologie?
Welche Merkmale/Aspekte des Gegenstandsbereichs werden in den Daten abgebildet?
Wie werden die Daten erzeugt, woher stammen sie? Welchen Einfluss haben die
Anwender°innen auf die Datenproduktion?
Welche Kategorien, Vokabulare, Taxonomien werden gebildet oder verwendet? Woher
stammen die Kategorien?
Interfaces (Schnittstellen zwischen der Autooperationalen Form und dem jeweiligen
Gegenstandsbereich)
Ein digitale Technologie ist neben der in ihr realisieren operationalen Form, den von ihr
verarbeiteten und verwalteten Datenbeständen auch durch die Schnittstellen zu ihrer Umwelt
definiert. Diese Schnittstellen umfassen sowohl technische Interfaces, über die eine
Verbindung und ein Austausch zu anderen technischen Dingen möglich wird, wie auch
Benutzungsschnittstellen, die eine „Kopplung zwischen Mensch und Computer” ermöglichen
(Herczeg, 2005, S. 4). Innerhalb der Benutzungsschnittstellen ist zudem noch einmal zwischen
den hard- und softwareseitigen Interfaces und den hiermit einhergehenden
Gestaltungsentscheidungen zu unterscheiden. Während die softwareseitigen Interfaces im
Bereich der sozialen Medien vor allem in Form von graphischen Benutzeroberflächen realisiert
werden, umfassen hardwareseitige Schnittstellen zum Beispiel die in Smartphones verbauten,
Rahmenmodell zur Analyse von Praktiken der ästhetischen Artikulation in Sozialen Medien
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Touchdisplays, Mikrofone, Kameras, Bewegungs- und Lagesensoren. Die Gestaltung der
Benutzungsschnittstellen ist dabei immer auch Gegenstand kultureller Codierungen (z.B. Kerne,
1998).
Über welche Schnittstellen kommuniziert die digitale Technologie mit ihrer Umwelt?
Wie ist die digitale Technologie über seine Schnittstellen für Anwender°innen sensorisch
wahrnehmbar?
Welche sensorischen Eigenschaften/Qualitäten weist die Technologie auf?
Welche Metaphern und kulturellen Codes werden in den Benutzerschnittstellen realisiert?
Welche Interaktionsmöglichkeiten/Interaktionsmodi bestehen?
Welche Datenschnittstellen bestehen? Wie sind diese realisiert?
Technischer Kontext
Der technische Kontext einer digitalen Technologie bezieht sich auf die zum Betrieb
notwendigen technischen Voraussetzungen. Der technische Kontext umfasst dabei sowohl
Vereinbarungen und Konventionen, wie etwa technische Standards, Protokolle und
Programmiersprachen wie auch die benötigte Hardware und technische Infrastruktur, etwa in
Form von Datenleitungen, Datenspeichern und Rechnerkapazitäten.
Welche technischen Standards, Protokolle & Programmiersprachen finden in der digitalen
Technologie Anwendung?
Sind die Standards, Protokolle & Programmiersprachen frei zugänglich oder proprietär?
Welche Hardware / welche technische Infrastruktur setzt die digitale Technologie voraus?
Welche Zugangsbeschränkungen, Abhängigkeiten entstehen durch die erforderliche
Hardware und tech. Infrastruktur?
Sozialer Kontext
Der soziale Kontext einer digitalen Technologie bezieht sich auf die für den Betrieb der
Technologie relevanten politischen, ökonomischen und rechtlichen Voraussetzungen, wie auch
auf die Fähigkeiten und Kenntnisse, die Anwender°innen zum praktischen Gebrauch einer
bestimmten Technologie mitbringen oder aber erwerben müssen. Der Soziale Kontext umfasst
insofern auch die Frage danach, wem eine Technologie und die mit dieser Erstellten Produkte
gehören, und wer die Technologie und welchen Bedingungen prinzipiell wie verwenden darf.
Rahmenmodell zur Analyse von Praktiken der ästhetischen Artikulation in Sozialen Medien
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Welche Normen und rechtlichen Vorschriften gelten für bzw. regulieren den Einsatz der
digitalen Technologie?
Welche gesellschaftlichen (politischen/ökonomischen) Voraussetzungen sind für die
Verwendung der digitalen Technologie erforderlich?
Wem gehört die digitale Technologie?
Wer darf die digitale Technologie verwenden und unter welchen Bedingungen?
Welche Fähigkeiten, Kenntnisse sind zum praktischen Gebrauch der digitalen Technologie
notwendig?
Wie können die benötigten Fähigkeiten und Kenntnisse erworben werden?
4.4 Ästhetische Artefakte
Artefakte sind, nach Lueger & Froschauer (2018) vom Menschen hergestellte Gegenstände.
Dabei kann es sich um physische Gegenstände, wie beispielsweise ein Polaroid-Foto, als auch
um digitale und immaterielle Gegenstände, wie ein Tweet oder ein Snap, handeln, in denen
sich menschliche Aktivität manifestiert und die unsere Lebenswelt komplett durchziehen.
Auch Ästhetik ist mit unserer gegenwärtigen Lebenswelt vollständig verflochten und
bezeichnet im allgemeinen Sprachgebrauch, laut Wolfgang Welsch (2003), eine Struktur von
Dingen oder Phänomenen, indem wir beispielsweise von einem ästhetischen Sonnenaufgang,
Kleidungsstück oder Gebäude sprechen. Damit kann Ästhetik als Struktur eines Artefakts
verstanden werden, das sich wiederum, angelehnt an Designkriterien, aus den konstitutiven
Elementen der rationalen/ pragmatischen Eigenschaften, der ästhetischen Eigenschaften und
der symbolischen Eigenschaften zusammensetzt, da es in industrialisierten Kontexten kaum
möglich ist, von Nicht-Design zu sprechen (vgl. Godau, 2003; Löbach, 1976). Design ist dabei
nicht etwas, was einem Produkt einfach hinzugefügt wird, sondern ein geplanter und
umfassender Gestaltungsprozess, der arbeitsteilig realisiert wird (vgl. Godau, 2003). Da davon
auszugehen ist, dass die Artefakte in sozialen Medien (z.B. YouTube-Videos, Instagram-Storys
oder Tweets) einer Konzeption unterliegen und zumindest arbeitsteilig von Artikulateur°innen
und Technologien hergestellt werden, unterliegen sie auch dieser weit gefassten Definition von
Design.
Die Artefakte in soziale Medien erfüllen eine pragmatische Gebrauchsfunktion (sie können
beispielsweise betrachtet oder gelesen werden), gehen aber nicht vollständig in einer
technisch-praktischen Argumentation auf, da dies den Aspekt vernachlässigen würde, dass
niemand aus rein rationalen Gründen postet, soziale Medien aufruft und Postings likt (vgl.
Godau, 2003). Die Artefakte in sozialen Medien sind auch Teil eines gesellschaftlichen Gefüges
und gesellschaftlicher Aushandlungsprozesse. Durch ihre symbolischen Funktionen eignen sie
sich darüber hinaus zur sozialen Identifikation und Kommunikation und damit als Symbole zur
Selbstdarstellung (vgl. Godau, 2003).
Rahmenmodell zur Analyse von Praktiken der ästhetischen Artikulation in Sozialen Medien
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Welches Artefakt wird untersucht?
Inwiefern unterliegt das Artefakt einem geplanten, arbeitsteiligen Gestaltungsprozess?
Aus welchen Elementen setzt sich das Artefakt zusammen?
In welcher medialen Umgebung, in welchem Kontext befindet sich das Artefakt?
Was sind die Eigenheiten des Artefakts, das es von anderen abgrenzt?
Welche Praktiken sind für die Entstehung des Artefakts konstituierend?
Welche Praktiken sind für den Gebrauch des Artefakts konstituierend?
Pragmatische Eigenschaften des Artefakts
Orientiert an Theorien des Produktdesigns, „[...] beinhaltet ein Gegenstand ein ganzes Bündel
an Funktionen, von der praktischen Funktion des Gebrauchs bis zur symbolischen Funktion des
Prestiges“ (Godau, 2003). Dabei besitzen Gegenstände, neben ihren ästhetischen und
symbolischen Formen, stabile Eigenschaften, die eine bestimmte Funktion oder einen
bestimmten Gebrauchszusammenhang nahelegen. Die pragmatischen Eigenschaften des
Gegenstands lassen sich dabei präzise benennen und beschreiben. Sie setzen sich aus der
pragmatischen Benutzungsangeboten und dem ökonomischen Nutzen eines Gegenstands
zusammen, die sich in der Form des Gegenstands ausdrücken (vgl. Godau, 2003). Pragmatische
Eigenschaften als funktionalistischer Teil des Gegenstands fokussieren dabei das Potential des
Gegenstands, die Welt zu spezialisieren, vorzustrukturieren und durchzuorganisieren (vgl.
Zirfas & Klepacki, 2013). Damit sind die pragmatischen Eigenschaften des Gegenstands auch
dazu da, die Gestaltung wahrnehmbar und erfassbar zu machen, da sie Ordnungsstrukturen
und Erzeugungsregeln erkennbar macht (vgl. Leopold, 2014).
Rahmenmodell zur Analyse von Praktiken der ästhetischen Artikulation in Sozialen Medien
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Welche stabilen Eigenschaften weist der Gegenstand auf?
Welche Funktionen werden durch den Gegenstand nahe gelegt?
Welche Gebrauchsangebote werden durch den Gegenstand ermöglicht?
Weist der Gegenstand einen wirtschaftlichen Nutzen auf?
Hat der Gegenstand eine abbildende Funktion?
Hat der Gegenstand eine verweisende Funktion?
Welche Eigenschaften zeichnen den Träger des Artefakts aus?
Ästhetische Eigenschaften des Artefakts
Die ästhetischen Eigenschaften eines Artefakts zeigen sich in seinen wahrnehmbaren und
erfahrbaren Sinnesqualitäten, die sich in Gestalt und Form manifestieren. Die Gestaltelemente
(z.B. Form, Material, Oberfläche, Farbe) sind Träger der ästhetischen Information eines
Gegenstands (vgl. Godau, 2003). Die Form eines Artefakts lässt eine emotionale Wirkung
entstehen, noch bevor die Benutzbarkeit bewiesen ist und ist somit ästhetisches Versprechen
(vgl. Godau, 2003).
Das Ausnutzen von Gestaltphänomenen zeigt sich neben den Bereichen der Kunst auch in
außerkünstlerischen Zusammenhängen und alltäglichen Artikulationen, die mitunter durch
kunstgeschichtlich bedeutsame Techniken geschult wurden (vgl. Reck, 2007). So auch in den
Artefakten in sozialen Medien. Das ästhetische Formenrepertoire fußt dabei nicht nur auf
neuen, technisch-materiellen Errungenschaften, sondern auch auf dem Formgefühl einer
Kommunikationsgemeinschaft (vgl. Schmidt-Maiwald, 2018).
Welche Sinne werden durch den Gegenstand angesprochen?
Sind bestimmte Formen und Muster zu beobachten?
Welche Farbgestaltung (Farb-Palette, Farb-Kontraste) lässt sich beobachten?
Wie ist das Verhältnis von Farben zueinander?
In welchem Verhältnis stehen Gegenstand und Hintergrund zueinander?
Welche Perspektive wird genutzt?
Sind strukturierende Elemente zu erkennen?
Ist das Artefakt gegenständlich oder gegenstandsfrei?
Werden Zeichensysteme (Sprache o.ä.) und/oder Symbolsysteme verwendet?
In welchem Umfang werden Zeichensysteme und/oder Symbolsysteme verwendet?
In welchem Verhältnis stehen die Elemente zueinander?
Welche Regeln wurden bei der Gestaltung des Artefakts befolgt?
Symbolische Eigenschaften des Artefakts
Die symbolischen Eigenschaften von Gegenstände beziehen sich auf die in den Gegenständen
enthaltenen verschlüsselten Botschaften (vgl. Godau, 2003). „Ein Symbol ist ein
Bedeutungsträger, ein sichtbares Zeichen, welches meist für nicht direkt wahrnehmbare
Zusammenhänge steht.“ (Löbach, 1976) Die symbolischen Eigenschaften werden durch die
ästhetische Gestaltung mit beeinflusst (vgl. Löbach, 1976), gehen über den praktischen
Rahmenmodell zur Analyse von Praktiken der ästhetischen Artikulation in Sozialen Medien
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Gebrauch hinaus und bestimmen die Wertigkeit des Artefakts, indem sie Bezug auf die
gesellschaftliche Rolle des Nutzenden, den Menschen, als Besitzenden des Artefakts, nimmt.
„Durch die Wahl seines Besitzes oder auch dadurch, welche Dinge er nicht besitzt, gibt der
Mensch anderen fortwährend Zeichen, die diese entschlüsseln.“ (Godau, 2003) Dabei nehmen
diese Zeichen Bezug auf Rituale, Traditionen, Gruppenzugehörigkeiten, Status, Lebensstile und
-auffassungen und emotionale Werte, die sich an den Gegenstand binden. Artefakte müssen
sich dabei zur sozialen identifikation und Kommunikation eignen, um zu Symbolen der
Selbstdarstellung werden zu können (vgl. Godau, 2003).
Welche Symbole sind zu beobachten?
Was wird über die Symbole ausgedrückt?
Für welche nicht-sichtbaren Elemente stehen diese Symbole (quasi stellvertretend)?
Gibt es Verweise auf etwas außerhalb des Artefakts?
Inwiefern bestehen Bezüge zu anderen symbolischen Formen?
Welche sozialen Referenzen stellt das Artefakt her? (Zielgruppe, soziale Schicht,
Altersgruppe, Berufsgruppe, …)
Was drückt der Gegenstand aus? (Freiheit, Sportlichkeit, Reichtum, Prestige, Abenteuer und
Freizeit, Lifestyle, Coolness, …)
Technischer Kontext
Der technische Kontext eines Artefakts bezieht sich auf die Einbettung eines Artefakts, auf seine
mediale Gebundenheit, den Träger des Artefakts und sein technisches Umfeld. Dabei spielen
sowohl die verwendete Hardware und Software zur Erzeugung des Artefakts, als auch die
Materialität und die Eigenschaften des Trägers eine Rolle.
Welche Hardware ist für die Herstellung / den Gebrauch des Artefakts notwendig?
Welche Software ist für die Herstellung / den Gebrauch des Artefakts notwendig?
Wie lässt sich der Herstellungskontext charakterisieren?
Welche Anforderungen werden an den Herstellungskontext gestellt?
Welche Gestaltungsbeschränkungen entstehen durch die erforderliche Hardware und tech.
Infrastruktur?
Wie ist das Artefakt in das soziale Netzwerk eingebunden?
Inwiefern spielt die Veränderbarkeit des Artefakts eine Rolle?
Inwiefern spielt die Permanenz des Artefakts eine Rolle?
Sozio-kultureller Kontext
Der soziale Kontext des Artefakts bezieht sich auf die für die Entstehung und den Ausdruck
relevanten politischen, ökonomischen und rechtlichen Voraussetzungen, wie auch auf die
Fähigkeiten und Kenntnisse, die Artikulateur°innen zum praktischen Gebrauch einer
bestimmten ästhetischen Gestaltung, inklusive ihrer Form und symbolischen Bedeutung,
mitbringen oder aber erwerben müssen.
Rahmenmodell zur Analyse von Praktiken der ästhetischen Artikulation in Sozialen Medien
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Welche Normen und rechtlichen Vorschriften gelten für bzw. regulieren die Varianz an
ästhetischen Formen?
Welche gesellschaftlichen (politischen/ökonomischen) Voraussetzungen sind unabdingbar
für die Hervorbringung des Artefakts?
Welche Artikulateur°innen sind durch das Artefakt involviert? (Wer produziert? Wer
rezipiert? Wer ist ggf. Teil des Sujets?)
Welche Gruppenzugehörigkeit wird durch das Artefakt nahegelegt?
Inwiefern grenzt der Besitz des Artefakts zu anderen Gruppen ab?
An welchen gesellschaftlichen Diskursen ist das Artefakt beteiligt?
Welches Verständnis von Ästhetik kommt durch das Artefakt zum Ausdruck?
4.5 Interferenzen
4.5.1 Interferenzen zwischen sozialen Praktiken und Subjekten (1-2)
Partizipation an Praktiken
Die Beteiligung von Subjekten an sozialen Praktiken kann als Partizipation, bzw. Mitspiel
beschrieben werden. In dieser Hinsicht kann unterschieden werden, ob Subjekte
erwartungsgemäß der impliziten oder explizierten „Spielregeln” an bestehende Praktiken
anknüpfen, oder ob sie die bestehende Praktik bewusst subversiv unterwandern, bzw. durch
kreative Umdeutungen modifizieren (vgl. Richter & Allert, 2017).
An welchen Praktiken beteiligen sich Subjekte?
Wie interpretieren beteiligte Subjekte implizite oder explizierte Regeln einer Praktik?
Wie beteiligen sich Subjekte anschlussfähig an sozialen Praktiken?
Auf welche Weise irritieren Subjekte Praktiken?
Welche Folgen hat die Irritation der Praktik?
Adressierung
Als relationale, über Praktiken vermittelte Perspektive werden adressierungsanalytische
Zugänge genutzt (Ricken & Reh, 2012; Rose, 2019), welche die subjektivierenden Bezugnahmen
und Positionierung von Teilnehmer*innen an Praktiken in den Blick nehmen.
Adressierung wird als eine grundsätzliche Struktur in und von Sozialität und Interaktion” wie
zugleich als basale Operation der Subjektivierung” (Rose 2019, S. 73) verstanden. Die
Untersuchung von Adressierungen findet dabei im Rahmen von Mikroszenen von
Äußerungsakten als Anrufungsspiele” (Wrana, 2016, S. 128) statt, die gleichermaßen
Positionierungen und Relationen von Subjekten sichtbar machen und vor dem Hintergrund
Rahmenmodell zur Analyse von Praktiken der ästhetischen Artikulation in Sozialen Medien
25/39
damit ebenfalls sichtbar werdender Diskurse stattfinden. In der von Rose beschriebenen
Adressierungsheuristik werden vier Dimensionen benannt:
Organisationsdimension
In der Organisationsdimension steht die Frage nach der Selektion und Reaktionen im
Mittelpunkt, die innerhalb der (Re-)Adressierung sichtbar werden.” (Rose 2019, S. 79)
Wie werden Angesprochene ausgewählt?
Wie werden adressierte Personen von Nicht-Adressierten Personen unterschieden?
Mit welchen Mitteln werden Adressat*innen zur Reaktion aufgefordert?
Was geht der Adressierung voraus? Worauf antwortet diese?
Welche sprachlich/gestischen Räume werden mit Adressierung eröffnet & verschlossen?
Machtdimension:
Diese Dimension fragt „nach den Positionen und Relationen, die zwischen Adressierenden und
Adressierten […] entworfen werden“ (ebd.)
Welche Positionierung findet in der aufgerufenen Ordnung statt?
Welche sozialen Relationierungen werden wie hervorgebracht?
Welche Differenzen / Allianzen werden hervorgebracht?
Von wem wird eine Adressierung getätigt? Mit welcher Bedeutung?
Dimension des Selbstverhältnisses
“In der Selbstverhältnisdimension steht [...] die Frage nach dem gezeigten und/oder
geforderten Selbstverhältnis in der Adressierung im Mittelpunkt. Entsprechend richten sich die
leitenden Fragen hier darauf, wie die Beteiligten sich jeweils als selbstbezügliche Subjekte
voraussetzen und verstehen.” (ebd.)
Wie beschreiben sich Subjekte selbst?
Welches Verhältnis zu sich selbst zeigt sich im Verhältnis zu anderen?
Welche Arbeit am Selbst / welche Selbsttechnologien werden sichtbar?
Situation
Es wird angenommen, dass die an einer Handlung beteiligten Personen eine Aussage darüber
treffen müssen, in welcher sozial geteilten Situation sie sich befinden und wie sie passend auf
diese reagieren. Dabei kann die Situation als eine singuläre und immer wieder bestimmungs-
notwendige Instanz einer Praktik verstanden werden. Situationen werden so im Spannungsfeld
Rahmenmodell zur Analyse von Praktiken der ästhetischen Artikulation in Sozialen Medien
26/39
von Konventionen (vgl. Bickhardt, 2008) einerseits, sowie der Neubestimmung und
Problematisierung (vgl. Joas, 1992) andererseits verortet.
Welche bekannten Situationskonventionen werden von Subjekten aufgerufen?
Was wird an einer unbestimmten Situation problematisch?
Welche Lösungsansätze werden für eine problematisierte Situation angesetzt?
4.5.2 Interferenzen zwischen sozialen Praktiken und digitaler Technologie (1-3)
Orlikowski (2000) hat für die Interferenzen zwischen sozialen Praktiken und digitalen
Technologien den Begriff der technology-in-practice geprägt, der darauf verweist, dass sich
im Rahmen sozialer Praktiken immer auch spezifische Formen des Umgangs mit (digitalen)
Technologien entwickeln, die sich nicht aus den immanenten Eigenschaften der
technologischen Artefakte selbst erklären lassen. In Anlehnung an die von Lueger und
Froschauer (2018) vorgeschlagene »distanziert-strukturelle Analyse« werden im vorliegenden
Modell entsprechende Interferenzen in Hinblick auf (a) den praktischen Umgang, (b) die
Funktion und Bedeutung der Technologie sowie (c) die praktische Integration analysiert.
Praktischer Umgang mit der digitalen Technologie im Rahmen einer konkreten Praktik
Die Art und Weise wie eine bestimmte Technologie verwendet wird ist immer auch
situationsabhängig. Der praktische Umgang mit einer digitalen Technologie bezieht sich darauf,
wie eine Technologie im Kontext einer bestimmten Praktik genutzt wird. Er umfasst etwa
spezifische Handlungsmuster und -strategien, die sich im Laufe der Zeit in der Verwendung der
Technologie herausgebildet haben, wie auch die sich aus dem Umgang ergebenden
Handlungsspielräume oder -einschränkungen der Praktiker°innen.
In welchem praktischen Zusammenhang und von wem wird die digitale Technologie
verwendet?
Wie gehen die Anwender°innen mit der digitalen Technologie um? Welche
Handlungsstrategien & -muster haben sie entwickelt?
Wie ist der Gebrauch der digitalen Technologie in übergeordnete
Handlungszusammenhänge eingebunden? (z.B. Nutzung von Sozialen Medien zur
Beziehungspflege)
Wie gehen die Anwender°innen mit einer eingeschränkten Verfügbarkeit oder funktionalen
Restriktionen um? Welche Workarounds haben sie entwickelt?
Wie gehen die Anwender°innen mit Problemen im Gebrauch der digitalen Technologie um?
Welche Handlungsvollzüge, Aufgaben werden an die digitale Technologie diligiert?
Inwiefern erweitert oder beschränkt die digitale Technologie die Handlungsspielräume der
Akteure? Was wird erleichtert, erschwert?
Welche kollektiven Abhängigkeiten, Relationierungen entstehen durch den Gebrauch der
digitalen Technologie, mit welchen praktischen Konsequenzen?
Rahmenmodell zur Analyse von Praktiken der ästhetischen Artikulation in Sozialen Medien
27/39
Welche kollektiven Anforderungen, Handlungsnotwendigkeiten ergeben sich aus dem
Umgang mit der digitalen Technologie?
Bedeutung und Funktion der Technologie in Bezug auf eine konkrete Praktik
Losgelöst von ihrem informationstechnischen Funktionsumfang und den Intentionen ihrer
Entwickler°innen entwickeln digitale Technologien im Rahmen ihres praktischen Gebrauchs
auch spezifische Bedeutungen und Funktionen (so kann beispielsweise Instagram je nach
praktischem Zusammenhang die Funktion einer Erwerbsquelle übernehmen oder als Mittel zur
Beziehungspflege dienen). Die spezifische Funktion und Bedeutung einer digitalen Technologie
ist dabei insbesondere abhängig von den für eine Praktik konstitutiven Verständnissen, Regeln
und teleoaffektiven Strukturen.
Inwiefern ist der Gebrauch der digitalen Technologie für die jeweilige Praktik unabdingbar?
Ließen sich auch andere Artefakte verwenden?
Welche Funktionen übernimmt die Technologie im praktischen Gebrauchskontext?
Welche Produkte/Artefakte/Daten werden mit Hilfe der digitalen Technologie erzeugt?
Welche Bedeutung wird der Technologie von den Anwender°innen zugeschrieben? Welche
Motive verbinden die Anwender°innen mit dem Gebrauch der digitalen Technologie?
Welche Erwartungen haben die Anwender°innen an die digitale Technologie?
Welche Vorstellungen, Ideen (im Sinne eines operativen Modells) haben die
Anwender°innen in Bezug auf die digitale Technologie?
Wird die digitale Technologie als ein Mittel der Er- oder Entmächtigung verstanden?
Praktische Integration
Der Gebrauch einer digitalen Technologie geht immer auch mit einer Informatisierung des
Gegenstandsbereichs einher (Floyd, 1997). Der Gebrauch einer digitalen Technologie impliziert
Rahmenmodell zur Analyse von Praktiken der ästhetischen Artikulation in Sozialen Medien
28/39
damit immer auch eine Anpassung der sozialen Praktik an die in einer digitalen Technologie
realisierten Modelle, z.B. bezüglich durchzuführender Prozesse oder auch möglicher Rollen, die
den Anwender°innen zur Verfügung stehen. Die in der digitalen Technologie realisierten
Modelle können dabei in einem mehr oder weniger engen Passungsverhältnis zu den in einer
Praktik geteilten Handlungsmustern, Kategorien und Differenzordnungen stehen (siehe
hierzu insbesondere Rabenstein, 2018).
Wie trägt die digitale Technologie zur Definition, Strukturierung oder Deutung der
praktischen Situation, des Settings bei? Welche (kollektiven) Modelle, Metaphern, Begriffe
haben sich im Umgang mit der Technologie etabliert?
Inwiefern werden durch die Bezugnahme auf die digitale Technologie Situationsdefinitionen
und Deutungsschema bestätigt, fixiert, modifiziert oder unterlaufen?
Inwiefern hat die digitale Technologie einen regulierenden / steuernden / kontrollierenden
Einfluss auf die situativen Handlungsvollzüge?
Inwieweit können die Anwender°innen die digitale Technologie den Bedürfnissen und
Anforderungen des praktischen Nutzungskontexts anpassen?
Welche normativen Horizonte werden in Verwendung von oder Bezugnahmen auf die
digitale Technologie beansprucht und für gültig erklärt? Wie verhalten sich diese normativen
Horizonte zu anderen für den praktischen Kontext konstitutiven Regeln und Zielhorizonten
(teleoaffektiven Strukturen)?
Wie trägt der Umgang mit der digitalen Technologie zur Entstehung und Aufrechterhaltung
bzw. Instabilisierung und Modifizierung welcher normativen Ordnung bei?
Inwiefern erweitert oder beschränkt die digitale Technologie die kollektiven
Wahrnehmungs- und Erfahrungshorizonte? (was wird sichtbar/unsichtbar)?
Inwiefern erweitert oder beschränkt die digitale Technologie die kollektiven verfügbaren
Symbol- und Ordnungssysteme? (Was wird relevant/irrelevant)?
4.5.3 Interferenzen zwischen sozialen Praktiken und ästhetischen Artefakten (1-4)
Reckwitz (2016) sieht in kreativen Praktiken den Motor gegenwärtiger, gesellschaftlicher
Entwicklungen, in denen sich ästhetische und ökonomische Praktiken und Artefakte ineinander
verschränken. Unsere Lebenswelt ist dabei auf eine ästhetische Aktivierung ausgelegt. Kreativ
zu sein entspricht dem gesellschaftlich geforderten Ideal, das letztlich, vermittelt über soziale
Praktiken, zur Ästhetisierung aller Lebensbereiche führt. Auch Waren und kommunikative
Artefakte sind nicht mehr nur als Gebrauchsgüter zu verstehen, sondern als kreativ erdachtes
Mittel der Inszenierung. Soziale Medien sind als mediale und kommunikative Infrastrukturen
besonders geeignet, Präferenzen, Formen der Selbstinszenierung und Zugehörigkeiten zu Stil-
und Konsumgesellschaften, anhand sozialer Praktiken zu visualisieren und kollektiv zu
erzeugen.
Praktischer Umgang mit ästhetischen Artefakten im Rahmen einer konkreten Praktik
Die Hervorbringungen ästhetischer Artefakte erfolgen vor dem Hintergrund sozialer Praktiken.
In sozialen Medien wird durch die Wahrnehmung und Wiederholung bestimmter ästhetischer
Formen und der Verknüpfung dieser Formen eine spezifische Ästhetik der Artefakte etabliert.
Rahmenmodell zur Analyse von Praktiken der ästhetischen Artikulation in Sozialen Medien
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Artikulateur°innen nehmen erfolgreich an sozialen Praktiken in sozialen Netzwerken und in den
darin verankerten kommunikativen Prozessen teil, wenn sie deren Muster und
Gestaltungselemente kompetent anwenden, reproduzieren oder modifizieren (vgl. Improda,
2016)
Wie gehen die Artikulateur°innen mit den Artefakten um? Welche Handlungsstrategien & -
muster haben sie entwickelt?
Wie sind die Artefakte in übergeordnete Handlungszusammenhänge eingebunden? (z.B.
Nutzung der Artefakte, um Aufmerksamkeit zu gewinnen, Likes zu bekommen)
Wie gehen die Artikulateur°innen mit eingeschränkten Gestaltungsmöglichkeiten der
Artefakte um?
Welche individuellen oder kollektiven Anforderungen ergeben sich aus dem Umgang mit
Artefakten?
Wirkungen, Bedeutung und Funktionen der Artefakte in Bezug auf eine konkrete Praktik
Artefakte beinhalten ein ganzes Bündel an Eigenschaften, von rationalen Eigenschaften über
ästhetische Eigenschaften bis hin zu symbolischen Eigenschaften, die in ein komplexes
Beziehungsgeflecht zwischen Artikulateur°innen und Artefakt verwoben sind (vgl. Godau,
2003). Inhalte und Zweck von Artefakten werden dabei auch durch den
Verwendungszusammenhang bestimmt. Dies ist unter anderem bei nicht-künstlerischen Bilder
zu beobachten, die allgemein als Gebrauchsbilder definiert werden. Bei Artefakten wie
Gebrauchsbildern wird die innere Struktur (wie Komposition, Farbgebung oder
Hervorhebungen) durch den Verwendungszusammenhang organisiert. Im Anschluss daran
kann ein Gros der Artefakte in sozialen Medien (z.B. Bilder, Tweets, YouTube-Videos) als
Gebrauchsartefakte verstanden werden, die durch ihren Verwendungszusammenhang (etwa
als Erwerbsquelle, zur Kommunikation mit Freunden oder als Selbstpräsentation) organisiert
und maßgeblich mitbestimmt werden.
Welcher Umgang mit der Welt wird durch das Artefakt ausgedrückt?
In welchem Verwendungszusammenhang ist das Artefakt eingebunden?
Inwiefern sind Artefakte für die jeweilige Praktik unabdingbar?
Welche Funktionen übernehmen die Artefakte im praktischen Gebrauchskontext?
Wie unterstützen die Artefakte die Beziehungen der Artikulateur°innen zu anderen?
Welche Leerstellen würden sich ergeben, wenn das Artefakt nicht-existent wäre?
Praktische Integration
Die Verstrickung von sozialen Medien, Alltag und Kommunikation verändert, wie sich die
Artikulateur°innen inszenieren und präsentieren, wie sie Welt wahrnehmen und welche
sozialen Praktiken, in Bezug auf die entstehenden oder vorhandenen Artefakte, bedeutsam
werden. Schon die Auswahl des Moments des Postens, das Zücken des Smartphones, die Wahl
Rahmenmodell zur Analyse von Praktiken der ästhetischen Artikulation in Sozialen Medien
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eines Bildausschnitts oder Themas bilden bestimmte Vorstellungen ab, die die
Artikulateur°innen von Welt haben und die sich im ständigen Fluss befinden. Auf kultureller
Ebene verschreiben sich die Artikulateur°innen in der Art und Weise ihrer Artikulation
bestimmten Traditionen und Ritualen vgl. Godau, 2003). Die dabei relevanten Praktiken folgen
Handlungsmustern vor dem Hintergrund bestimmter Normen und Wissensvorstellungen sowie
Gestaltungsmustern, die sich durch das Anpassen an individuelle Kontexte fortwährend
modifizieren.
Inwiefern werden durch die Bezugnahme auf Artefakte Situationsdefinitionen und
Deutungsschema bestätigt, fixiert, modifiziert oder unterlaufen?
Wie trägt der Umgang mit Artefakten zur Entstehung und Aufrechterhaltung bzw.
Instabilisierung und Modifizierung welcher normativen Ordnung bei?
Inwiefern erweitern oder beschränken die Artefakte die kollektiven Wahrnehmungs- und
Erfahrungshorizonte? (Was wird sichtbar/unsichtbar)?
Welche Bedeutung haben die Artefakte in Bezug auf die Praktik?
Welche Funktionen erfüllen die Artefakte im Rahmen der Praktik?
Welche Erfahrungen ermöglichen die Artefakte in Bezug auf die Praktik?
4.5.4 Interferenzen zwischen Subjektformen und digitalen Technologien
Die in einer digitalen Technologie realisierten Modelle bedingen immer auch eine mehr oder
minder explizite und umfassende Modellierung der Anwender°innen. Insofern implizieren
digitale Technologien immer auch mehr oder minder spezifische Subjektfigurationen zu denen
sich eine Anwender°in ins Verhältnis setzen muss (vgl. z.B. Dander, 2014; Rabenstein, 2018).
Zugleich ist die Funktionsweise einer digitalen Technologie aber immer auch abhängig von den
Modellen und Erwartungen, die die Anwender°innen einer Technologie entgegenbringen (z.B.
Bucher, 2018). Aus den Interferenzen zwischen Subjektformen und digitalen Technologien
kann es darüber hinaus zu einer Erweiterung oder auch zu einer Beschränkung individueller
Wahrnehmungs- und Erfahrungshorizonte kommen (vgl. Jörissen & Unterberg, 2019).
Rahmenmodell zur Analyse von Praktiken der ästhetischen Artikulation in Sozialen Medien
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Inwiefern bringt die digitale Technologie spezifische Subjektfigurationen hervor?
Zu wem wird jemand im Umgang mit der digitalen Technologie gemacht, bzw. wozu macht
er/sie sich selber?
Welche Merkmale, Eigenschaften einer Person werden durch die digitale Technologie
prozessiert und ggf. für andere Personen (un-)sichtbar?
Welche etablierten Subjektfigurationen werden durch die digitale Technologie bestätigt,
fixiert, modifiziert oder unterlaufen?
In welche Beziehung, in welches Verhältnis wird eine Person durch die digitale Technologie
zu anderen Subjekten gesetzt?
Inwiefern erweitert oder beschränkt die digitale Technologie den individuellen
Handlungsspielraum?
Inwiefern erweitert oder beschränkt die digitale Technologie die individuellen
Wahrnehmungs- und Erfahrungshorizonte?
Welche Interaktionsmöglichkeiten mit der digitalen Technologie bestehen für den Einzelnen
/ die Einzelne?
Welche individuellen Abhängigkeiten, Relationierungen entstehen durch den Gebrauch der
digitalen Technologie, mit welchen praktischen Konsequenzen?
Welche individuellen Anforderungen, Handlungsnotwendigkeiten ergeben sich aus dem
Umgang mit der digitalen Technologie?
4.5.5 Interferenzen zwischen Subjektformen und ästhetischen Artefakten
Aus dem Design von Produktpaletten geht hervor, dass Artefakte immer auch das
Markenimage profilieren und unterstützen sollten (vgl. Godau, 2003). Wenn die
Artikulateur°innen in sozialen Medien sich selbst vermarkten”, müssen die von ihnen
artikulierten ästhetischen Artefakte diesen Anspruch ebenfalls erfüllen.
Welche Fähigkeiten, Kenntnisse sind zum praktischen Gebrauch des Artefakts notwendig?
Welche Fähigkeiten, Kenntnisse sind zur ästhetischen Gestaltung des Artefakts notwendig?
Welche Fähigkeiten, Kenntnisse sind zur symbolischen Verschlüsselung/Entschlüsselung des
Artefakts notwendig?
Inwiefern bringen die Artefakte spezifische Subjektfigurationen hervor?
Inwiefern stiften die Artefakte Beziehungen zwischen selbst und selbst?
Inwiefern erweitert oder beschränken die Artefakte den individuellen Handlungsspielraum,
Wahrnehmungs- und Erfahrungshorizonte?
Inwiefern entsteht durch die Artefakte eine emotionale Wirkung auf Subjekte?
Wie kann das Artefakt von Subjekten erfahren werden?
Inwiefern eignet sich die das Artefakt zu einer (sozialen) Identifikation?
Rahmenmodell zur Analyse von Praktiken der ästhetischen Artikulation in Sozialen Medien
32/39
4.5.5 Interferenzen zwischen digitalen Technologien und ästhetischen Artefakten
Insofern jedes (ästhetische) Artefakt eines medialen und damit auch letztlich materiellen
Trägers bedarf, stellt sich mit dem Einsatz digitaler Technologien auch immer die Fragen nach
den hiermit einhergehenden medialen Formbildungsmöglichkeiten (z.B. Schwemmer, 2005).
Um die individuelle, ästhetische Wahrnehmung zu artikulieren, ist eine mediale Realisierung
notwendig, die die ästhetische Wahrnehmung in Form eines Artefakts artikuliert. Die
Unmittelbarkeit des ästhetischen Gegenstands oder der Erfahrung wird durch das Moment der
Vergegenständlichung zu etwas (Ver-)Mittelbarem. Dadurch wird ein Austausch innerhalb
einer Kommunikations-, Praxisgemeinschaft möglich. Wir erleben die Gegenstände oder
Momente nicht nur durch unsere körperliche Resonanz darauf, sondern werden ihnen gewahr,
indem wir einen medialen Wechsel vollziehen, die Gegenstände zum Teil unserer eigenen
Artikulationen machen und diese mit anderen teilen (vgl. Röhl, 2015). Gerade in Bezug auf
digitale Technologien erfolgt der medialen Formbildungsmöglichkeiten immer auch vor dem
Hintergrund sich wandelnder (ästhetischer) Ausdrucksformen und sich hieraus ergebender
Bedarfe und Maßstäbe, die wiederum Einfluss auf die Wahl der technischen Mittel wie auch
deren Weiterentwicklung haben. Zugleich ergeben sich auch durch unintendierte Nutzung und
Zweckentfremdung bestehender Technologien neue Ausdrucksformen.
Inwiefern bringt die digitale Technologie spezifische kulturelle Formen hervor? (bsp. Selfie,
Meme?)
Wie verändern sich, bzw. inwieweit müssen kulturelle Formen verändert werden, damit sie
von einer digitalen Technologie prozessiert werden können?
Welche Aspekte einer kulturellen Form, werden durch die digitale Technologie prozessiert,
welche Aspekte werden ein- bzw. ausgeklammert?
Welche etablierten kulturellen Formen werden durch die digitale Technologie bestätigt,
fixiert, modifiziert oder unterlaufen?
Inwiefern werden durch die digitale Technologie unterschiedliche kulturelle Formen
miteinander in Beziehung gesetzt?
Inwiefern erweitert oder beschränkt die digitale Technologie die kulturellen
Formbildungsmöglichkeiten?
Inwiefern verändern bestimmte Präferenzen in der Gestaltung die dafür notwendigen
Technologien?
Wie verändert Technologien das Repertoire an Gestaltungselementen für Artefakte?
Inwiefern stellen Artefakte eine Beziehung zwischen Technologien und Welt her?
5. Diskussion & Ausblick
Das vorliegende Dokument beschreibt das im Onlinelabor für Digitale Kulturelle BIldung
entwickelte Rahmenmodell zur Analyse ästhetischer Alltagspraktiken. Der Analyserahmen
basiert auf einer praxistheoretischen Konzeption menschlicher Interaktion und Artikulation und
ergänzt diese um analytische Kategorien zur systematischen Beschreibung der hierin
involvierten menschlichen Akteure, ästhetischen Artefakte und digitalen Technologien. Der
vorgelegte Analyserahmen geht dabei über bestehende Ansätze hinaus, als dass in der Literatur
Rahmenmodell zur Analyse von Praktiken der ästhetischen Artikulation in Sozialen Medien
33/39
bislang weitgehend nebeneinander herlaufende Analyseperspektiven miteinander verbindet.
Zudem macht es der Analyserahmen möglich, zwischen praxisbezogenen und
praxisunabhängigen bzw. -übergreifenden Eigenschaften der beteiligten Akteure, Artefakte
und Technologien zu unterscheiden und hierdurch auch ihrer Eigensinnigkeit bzw.
Widerständigkeit Rechnung zu tragen. Der Analyserahmen bietet somit die Möglichkeit zu einer
differenzierten Betrachtung der Praktiken, die sich in sozialen Medien entwickeln und
vollziehen. Dies betrifft sowohl die Rekonstruktion von Ist-Zuständen wie von dynamischen
Entwicklungen.
Das hier dargestellte Modell, spiegelt das aktuelle Verständnis der beteiligten Autor*innen
wieder und ist insofern als work-in-progress’ zu verstehen. Das Modell bietet aber bereits in
der vorliegenden Form einen wichtigen Bezugspunkt für die bereits durchgeführten wie auch
noch ausstehenden Analyse der im Onlinelabor gesammelten Fallvignetten. Durch den
kontinuierlichen Abgleich mit dem empirischen Material auch in der kommenden Projektphase
noch weiterentwickelt werden. Entsprechende Weiterentwicklung und Ausdifferenzierungen
werden in den noch anstehenden Berichten und Publikationen dokumentiert werden.
Ergänzend hierzu ist auch geplant den Analyserahmen in Form eines fokussierten
Fragenkatalogs auch für Teilnehmer*innen und Multiplikator*innen zugänglich zu machen.
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Chapter
Die programmatische Konstitution einer praxeologischen Theoriebewegung - der sogenannte »Practice Turn« - wurde in der deutschsprachigen Soziologie in den letzten Jahren intensiv rezipiert und weiterentwickelt. Dieser Band zieht eine Zwischenbilanz und stellt die Praxistheorie als ein Forschungsprogramm vor, das die Soziologie in theoretischer und analytischer Hinsicht bereichert und neu ausgerichtet hat. Er markiert unterschiedliche Positionen innerhalb der Debatte und behandelt Desiderata der Praxistheorie, die sich aus konzeptuellen Überlegungen und empirischen Analysen ergeben. Mit Beiträgen von Frank Hillebrandt, Stefan Hirschauer, Herbert Kalthoff, Andreas Reckwitz, Theodore Schatzki, Robert Schmidt, Elizabeth Shove u.a.
Chapter
Die programmatische Konstitution einer praxeologischen Theoriebewegung - der sogenannte »Practice Turn« - wurde in der deutschsprachigen Soziologie in den letzten Jahren intensiv rezipiert und weiterentwickelt. Dieser Band zieht eine Zwischenbilanz und stellt die Praxistheorie als ein Forschungsprogramm vor, das die Soziologie in theoretischer und analytischer Hinsicht bereichert und neu ausgerichtet hat. Er markiert unterschiedliche Positionen innerhalb der Debatte und behandelt Desiderata der Praxistheorie, die sich aus konzeptuellen Überlegungen und empirischen Analysen ergeben. Mit Beiträgen von Frank Hillebrandt, Stefan Hirschauer, Herbert Kalthoff, Andreas Reckwitz, Theodore Schatzki, Robert Schmidt, Elizabeth Shove u.a.
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Medienkulturelle und ästhetische Bildungsprozesse vollziehen sich zunehmend im alltäglichen Umgang mit digitalen Medienprodukten und -technologien: Wir liken, sharen, kommentieren, posten und chatten auf den unterschiedlichsten Plattformen. Soziale Medien sind als Orte der direkten Interaktion und Kommunikation wie auch der produktiven, selbstpräsentativen Darstellung (vgl. Wagner/Brüggen/Gebel 2009) immer auch Räume kultureller und ästhetischer Bildung. Die starke Ausdifferenzierung und der rasante Wandel digitaler Plattformen und Artikulationsmöglichkeiten stellen eine grundlegende Herausforderung für medien-, kunst-, und kulturpädagogische Bildungsangebote und Forschungen dar. Sie erfordern sowohl eine intensive Auseinandersetzung mit den individuellen Formen medienkulturellen und ästhetischen Alltagshandelns wie auch die genaue Betrachtung sozial geteilter Ausdrucksformen und Technologien. Mit der Fokussierung auf die Bedeutung ästhetischer Artikulationsprozesse im Rahmen informeller digitaler Alltagspraktiken in Sozialen Medien beleuchtet das Projekt Onlinelabor für Digitale Kulturelle Bildung (DiKuBi-on) einen bislang weitgehend vernachlässigten Aspekt kultureller Bildung.
Article
This article explores the ways aesthetic practices and emerging digital technologies are entangled in the practices of industrial designers. Despite the increased interest in the socio-materiality of aesthetic practices, the conception of the materiality and historicity of digital artefacts remains an open issue. It is suggested that the concept of operational form provides an integrative perspective on the technical development and practical enactment of digital technologies. Drawing on an ethnographic case study on the appropriation of a digital sketching application, it is shown how the aesthetic practices and qualities of the digital technologies are reflexively coupled. The study points to the fact that digital technologies are inherently reductive in that they have to abstract from the particularities and richness of concrete aesthetic practices.