PosterPDF Available

Abstract

see: https://kongress2020.soziologie.de/posterausstellung-digital Mit Arbeitslosigkeit werden meist negative Folgen für die spätere Karriere, z.B. weitere Stellenverlus-te, Einkommensverluste und Stigmatisierung, assoziiert. Diese „Narbeneffekte der Arbeitslosigkeit“ genannten Wirkungen sind vielfach untersucht (z.B. Gangl 2004; Gregg/Tominey 2005). Im Gegensatz dazu gibt es in Wissenschaftskarrieren Hinweise darauf, dass Phasen der Arbeitslosigkeit durchlaufen werden, ohne dass Narben entstehen. Forscher*innenarbeitslosigkeit, ihre Bedingungen, Prozesse und Effekte wurden aber bisher nicht explizit untersucht. Zur Analyse benutzen wir ein von Gläser und Laudel (2015) entwickeltes Modell der akademischen Karrieren. Es teilt Forschungskarrieren in drei einzelne, sich beeinflussende Karrieren auf: eine kogniti-ve (aufbauende Forschungsprozesse), eine organisationale (Folge von Organisationsstellen) und eine Community-Karriere in der Fachgemeinschaft. Arbeitslosigkeit ist dabei definiert durch das Fehlen einer Stelle in der Organisationskarriere. Mit Ein-tritt der Arbeitslosigkeit verlieren Forscher*innen neben dem Einkommen auch für ihre Forschung notwendige Infrastrukturen (z.B. informelle Beziehungen, technische Ressourcen). Dieser fehlende Zugang kann den Inhalt der Arbeit, also die Produktion neuen wissenschaftlichen Wissens, das für langfristige Forschungsprogramme (weitere kognitive Karriere), wissenschaftliche Reputation (weitere Community-Karriere) und neue Stellen (weitere Organisationskarriere) notwendig ist, verändern, er-schweren oder verhindern. So verstanden können Forscher*innenkarrieren „inhaltliche Narbeneffek-te“ erfahren. Es gibt aber auch Bedingungen, unter denen keine negativen Folgen für die Karrieren auftreten und die Fortsetzung von Forschungsaktivitäten möglich ist. Wir möchten diese Bedingungen identifizieren, die fachgebietsspezifische „Passung“ der Arbeitslosigkeit zu bestimmten Phasen und Aufgaben in Forschungsprozessen klären und Mechanismen beschreiben, die Karrieren über Arbeitslo-sigkeit hinweg stabilisieren und deren Fortsetzung ermöglichen. Dazu führen wir mittels semi-strukturierter Interviews mit aktuell und ehemals arbeitslosen For-scher*innen vergleichende Fallstudien durch, die die Zusammenhänge zwischen 1) den Forschungs-praktiken der Fachgebiete, 2) den Umgang von Forscher*innen mit Arbeitslosigkeit und 3) den Effek-ten von Arbeitslosigkeit für die weiteren Karrieren, erklären sollen. Unemployment is usually associated with negative consequences for later careers, such as further job losses, loss of income and stigmatization. These "scar effects of unemployment" have been investigated in many studies (e.g. Gangl 2004; Gregg/Tominey 2005). In contrast, there is evidence in academic careers that phases of unemployment are passed through without scarring. However, researcher`s unemployment, its conditions, processes and effects have not yet been explicitly investigated. For analysis, we use a model of academic careers developed by Gläser and Laudel (2015). It divides research careers into three distinct, interrelated careers: a cognitive career (connected research processes), an organizational career (sequence of organizational positions), and a community career in the professional community. Unemployment is defined by the absence of a position in the organizational career. With the onset of unemployment, researchers lose not only their income but also the infrastructure necessary for their research (e.g. informal relationships, technical resources).This lack of access can change, complicate or prevent the production of new scientific knowledge necessary for long-term research programs (further cognitive career), scientific reputation (further community career) and new jobs (further organizational career). Understood in this way, researchers can experience "content-related scarring effects" in their careers. But there are also conditions under which no negative consequences for careers occur and the continuation of research activities is possible. We would like to identify these conditions, clarify the discipline-specific "fit" of unemployment to certain phases and tasks in research processes, and describe mechanisms that stabilize careers across unemployment and enable their continuation. To this end, we will conduct comparative case studies by means of semi-structured interviews with current and former unemployed researchers. These case studies will explain the connections between 1) research practices in the disciplines, 2) how researchers deal with unemployment, and 3) the effects of unemployment on their future careers. Literature: Gangl, Markus, 2004. Welfare states and the scar effects of unemployment: A comparative analysis of the United States and West Germany. American Journal of Sociology 109(6): 1319-1364. Gläser, Jochen und Grit Laudel, 2015. The Three Careers of an Academic. ZTG Discussion Paper 35/2015. Berlin: TU Berlin, Center for Technology and Society. Gregg, Paul und Emma Tominey, 2005. The wage scar from male youth unemployment. Labour Economics 12(4): 487-509.





               


 








 
Erste Beobachtungen
Wie gehen wir damit um, dass sich in die Situation von arbeitslosen
Forscher*innen zunehmend der Faktor „Corona“ einschleicht?
Kontakt:
Susanne Wollin-
Giering
susanne.wollin-giering@tu
-
berlin.de
(1) Collins, Harry M. und Robert Evans, 2002. The Third Wave ofScience Studies: Studies of Expertise and Experience. Social Studies of Science 32(2): 235-296.
(2) Gläser, Jochen und Grit Laudel, 2010. Experteninterviews und qualitative Inhaltsanalyse als Instrumente rekonstruierender Untersuchungen. Wiesbaden: VS Verlag.
(3) Gläser, Jochen und Grit Laudel, 2015a. The Three Careers of an Academic. ZTG Discussion Paper 35/2015. Berlin: TU Berlin, Center for Technology and Society.
(4) Gläser, Jochen und Grit Laudel, 2015b. A Bibliometric Reconstruction of Research Trails forQualitative Investigations of Scientific Innovations. Historical Social Research Historische
Sozialforschung40(3): 299-330.
(5) Gläser, Jochen, Grit Laudel, Christopher Grieser und UliMeyer, 20 18. Scientific fields as epistemic regimes: New opportunities for comparative science studies. The Technical University
Technology Studies Working Papers TUTS-WP-3-2018. Berlin: TU Berlin.
(6) Laudel, Grit und Jochen Gläser, 2007. InterviewingScientists. Science, Technology & Innovation Studies 3(2): 91-111.
(7) Reif, Franziska, 2012. Wissenschaft prekär. Kettenjobber, Leiharbeiter, Forschungsknechte. KarriereSPIEGEL. SPIEGEL-Gruppe.
Hydrologie
„Der Hydrologe Martin Reiter hat eine Promotionsstelle an einem
Helmholtz
-Zentrum (…). Die Stelle läuft zwei Jahre, danach ist ein Jahr
Arbeitslosigkeit eingeplant, in dem er die Doktorarbeit schreiben will.
Diesen Plan, der nicht von ihm, sondern von seinem Chef stammt, findet
er nicht ungewöhnlich. Mit dem Doktortitel will Reiter weiter in der
Forschung arbeiten, gern auch beim selben Arbeitgeber.“ (Reif 2012)
Soziologie
„Und ich habe Glück, dass ich mit relativ vielen Leuten vom [Institut] jetzt
so eine Wissenschafts
-
/private Freundschaft habe, die bedeutet, dass ich
da in vielen Sachen irgendwie noch dabei bin. Es gibt natürlich die
Kolloquien, aber ich merke, dass ich zum Beispiel in diesem Jahr
zu keinem einzigen Kolloquium gegangen bin, ohne, dass es mir
aufgefallen ist.“
(Forscher*in, derzeit arbeitslos, Vorstudie)
Ethnologie
„Ich kann schwer nach [Land in Afrika], das Arbeitsamt ist, … ist schwierig.
Um auszureisen, gehe ich jetzt, ja, fahre ich jetzt dann, ohne dem
Arbeitsamt was zu sagen. Ich riskiere es. Sonst, naja, also es ist halt ein
Unding. Ich bin arbeitslos und ich bin hier gefesselt, ich kann schwer
Daten erheben, ich kann nur schreiben. Klar, ja, aber Feldforschung ist
schwierig.“ (Forscher*in, derzeit arbeitslos, Vorstudie)
Wir verbinden Spezifitäten zu akademischen Karrieren, mit
arbeitsmarktsoziologischen Überlegungen zu
Narbeneffekten und wissenschaftssoziologischen
Überlegungen zu fachgebietsspezifischen Praktiken der
Wissensproduktion, also Wissen über den Inhalt der Arbeit.
Vorgehen
Ausblick
Wir fragen arbeitslose
Forscher*innen nach:
Inhaltlichen
Entwicklungen ihrer
Forschung vor und
während (und nach)
der Arbeitslosigkeit
Forschungshandlungen
während der
Arbeitslosigkeit
Bedingungen der
Forschungshandlungen
vor und während (und
nach) der
Arbeitslosigkeit
Persönlichen
Umgängen mit der
Arbeitslosigkeit
Funktionen und Folgen von Arbeitslosigkeit in den Karrieren von Forscher*innen
Stelle los, aber nicht arbeitslos?
Susanne Wollin-Giering, Markus Hoffmann (TU Berlin)
Der Zusammenhang zwischen Bedingungen, Verläufen und Effekten von Phasen der
Arbeitslosigkeit in Forscher*innenkarrieren ist bisher nicht untersucht worden. Weder die
Forschung zu akademischen Karrieren, Hochschulforschung noch Arbeitsmarktforschung liefern
systematische Erklärungsansätze. Bisher wurden vor allem Prekarisierung und Genderunterschiede
in wiss. Karrieren, sowie „Narbeneffekte“ von Arbeitslosigkeit auf Karrieren untersucht.
Forschungsstand
Welche fachgebietsspezifischen Einflüsse haben
Phasen der Arbeitslosigkeit auf Inhalte der
Forschung und die Karrieren von Forscher*innen?
Ziel ist die Identifikation von Bedingungen, unter denen eine
erfolgreiche Fortsetzung der Forscher*innenkarrieren während und
nach Phasen der Arbeitslosigkeit möglich ist, und von Mechanismen
des fachgebietsspezifischen Umgangs mit Arbeitslosigkeit.
Wir werden…
vergleichende Fallstudien durch
ca. 60 Leitfadengestützten Experteninterviews mit
derzeitigen und früheren arbeitslosen Forscher*innen
aus vier Fachgebieten
in unterschiedlichen Karrierestufen
durchführen und mit …
einer bibliometrischen Analyse von Forschungspfaden
vorbereiten.(Gläser/Lauder 2010, 2015b; Laudel/Gläser 2007)
Konzeptuelles Modell
Schematischer research trail (Gläser/Laudel 2015b)
In der Wissenschaftsforschung oft:
- ein Setting genau beschreibende Arbeiten.
- disziplinübergreifende bzw. den konkreten
Inhalt nicht berücksichtigende Arbeiten.
Es herrscht ein Mangel an vergleichenden
Studien, welche systematisch Unterschiede
zwischen Fachgebieten berücksichtigen:
Fachspezifische Inhalte (Gläser et al. 2018)
In der Arbeitsmarktforschung Folgen von
Arbeitslosigkeit. Bisher meist reduziert auf:
-Einkommensverluste
-Eine erhöhte Wahrscheinlichkeit erneut
arbeitslos zu werden.
Eine Anpassung von Narbeneffekten auf
wissenschaftliche Karrieren ist nötig:
Narbeneffekte
Welche Folgen hat Arbeitslosigkeit auf den
Inhalt der Forschung (kognitive Karriere), auf
die Position in der Fachgemeinschaft
(Community-Karriere) und auf spätere
Stellen in Forschungsorganisationen
(Organisationskarriere)?
Um soziologisch die Handlungen von
Forscher*innen, den Verlauf deren Karrieren
und Fachgebietsunterschiede erklären zu
können, müssen Forschungsinhalte von diesen
Fachgebieten zumindest durch interaktionale
Expertise (Collins/Evans 2002) verstanden werden.
- Kognitive Karriere: Zeitlich aufeinander folgende und oft
thematisch aufeinander aufbauende Forschungsprozesse.
- Community-Karriere: Abfolge von Statuspositionen und damit
verbundenen Rollen und Aufgaben in der Fachgemeinschaft.
- Organisationskarriere: Abfolge von Positionen in meistens
verschiedenen Organisationen.
Community
-Karriere
Kognitive
Karriere
Organisations-
karriere
Lehrling Kolleg*in Elite
Promotionsthema Forschungsthema 1
Promotions-
stelle
Postdoc-
stelle
Meister*in
Forschungsthema 2
Gruppenleiter*in
/Professor*in
Dreikarrierenmodell der Wissenschaft(Gläser/Laudel 2015a)
Methode
Markus Hoffmann
markus.hoffmann@tu-
berlin.de
1
Susanne Wollin-Giering, TU Berlin
Markus Hoffmann, TU Berlin
Abstract für den Call for Posters - digital edition; 40. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziolo-
gie 2020 - Gesellschaft unter Spannung, 14.-25. September 2020 digital
Stelle los, aber nicht arbeitslos?
Funktionen und Folgen von Arbeitslosigkeit in den Karrieren von Forscher*innen
Mit Arbeitslosigkeit werden meist negative Folgen für die spätere Karriere, z.B. weitere Stellenverlus-
te, Einkommensverluste und Stigmatisierung, assoziiert. Diese Narbeneffekte der Arbeitslosigkeit
genannten Wirkungen sind vielfach untersucht (z.B. Gangl 2004; Gregg/Tominey 2005).
Im Gegensatz dazu gibt es in Wissenschaftskarrieren Hinweise darauf, dass Phasen der Arbeitslosigkeit
durchlaufen werden, ohne dass Narben entstehen. Forscher*innenarbeitslosigkeit, ihre Bedingungen,
Prozesse und Effekte wurden aber bisher nicht explizit untersucht.
Zur Analyse benutzen wir ein von Gläser und Laudel (2015) entwickeltes Modell der akademischen
Karrieren. Es teilt Forschungskarrieren in drei einzelne, sich beeinflussende Karrieren auf: eine kogniti-
ve (aufbauende Forschungsprozesse), eine organisationale (Folge von Organisationsstellen) und eine
Community-Karriere in der Fachgemeinschaft.
Arbeitslosigkeit ist dabei definiert durch das Fehlen einer Stelle in der Organisationskarriere. Mit Ein-
tritt der Arbeitslosigkeit verlieren Forscher*innen neben dem Einkommen auch für ihre Forschung
notwendige Infrastrukturen (z.B. informelle Beziehungen, technische Ressourcen). Dieser fehlende
Zugang kann den Inhalt der Arbeit, also die Produktion neuen wissenschaftlichen Wissens, das für
langfristige Forschungsprogramme (weitere kognitive Karriere), wissenschaftliche Reputation (weitere
Community-Karriere) und neue Stellen (weitere Organisationskarriere) notwendig ist, verändern, er-
schweren oder verhindern. So verstanden können Forscher*innenkarrieren inhaltliche Narbeneffek-
te erfahren. Es gibt aber auch Bedingungen, unter denen keine negativen Folgen für die Karrieren
auftreten und die Fortsetzung von Forschungsaktivitäten möglich ist. Wir möchten diese Bedingungen
identifizieren, die fachgebietsspezifische Passung der Arbeitslosigkeit zu bestimmten Phasen und
Aufgaben in Forschungsprozessen klären und Mechanismen beschreiben, die Karrieren über Arbeitslo-
sigkeit hinweg stabilisieren und deren Fortsetzung ermöglichen.
Dazu führen wir mittels semi-strukturierter Interviews mit aktuell und ehemals arbeitslosen For-
scher*innen vergleichende Fallstudien durch, die die Zusammenhänge zwischen 1) den Forschungs-
praktiken der Fachgebiete, 2) den Umgang von Forscher*innen mit Arbeitslosigkeit und 3) den Effek-
ten von Arbeitslosigkeit für die weiteren Karrieren, erklären sollen.
2
Literatur
Gangl, Markus, 2004. Welfare states and the scar effects of unemployment: A comparative analysis of the United
States and West Germany. American Journal of Sociology 109(6): 1319-1364.
Gläser, Jochen und Grit Laudel, 2015. The Three Careers of an Academic. ZTG Discussion Paper 35/2015. Berlin:
TU Berlin, Center for Technology and Society.
Gregg, Paul und Emma Tominey, 2005. The wage scar from male youth unemployment. Labour Economics 12(4):
487-509.
ResearchGate has not been able to resolve any citations for this publication.
Article
The article examines whether, through supporting workers’ search for adequate reemployment, the decommodification achieved by welfare state transfers reduces the longer‐run scar effects of unemployment. Drawing on employment history data from the Survey of Income and Program Participation and the German Socio‐Economic Panel, the analysis establishes positive effects of unemployment benefits on workers’ post‐unemployment jobs: workers’ risks of incurring severe earnings losses, of experiencing occupational mobility, and of entering unstable job arrangements are considerably reduced in both the United States and West Germany. As workers face constrained choices in labor markets, however, this institutional protection of workers’ economic status comes at the economic cost of prolonged unemployment. Simulation analyses suggest that higher benefit coverage alone might account for up to 20% of the smaller cumulative disadvantages associated with unemployment for German workers.
Article
We utilise the National Child Development Survey to analyse the impact of youth unemployment upon the wage up to twenty years later. We find a large and significant wage penalty, even after controlling for education, region and a wealth of family and individual characteristics. Our estimates are robust to an instrumental variables technique, indicating that the relationship estimated between youth unemployment and the wage is causal. Our results suggest a scar from early unemployment in the magnitude of 13–21% at age 42. However, this penalty is lower, at 9–11%, if individuals avoid repeat exposure to unemployment.
Mit Arbeitslosigkeit werden meist negative Folgen für die spätere Karriere, z.B. weitere Stellenverluste, Einkommensverluste und Stigmatisierung, assoziiert. Diese "Narbeneffekte der Arbeitslosigkeit" genannten Wirkungen sind vielfach untersucht (z.B
Mit Arbeitslosigkeit werden meist negative Folgen für die spätere Karriere, z.B. weitere Stellenverluste, Einkommensverluste und Stigmatisierung, assoziiert. Diese "Narbeneffekte der Arbeitslosigkeit" genannten Wirkungen sind vielfach untersucht (z.B. Gangl 2004;
The Three Careers of an Academic. ZTG Discussion Paper 35
  • Jochen Gläser
  • Und Grit
  • Laudel
Gläser, Jochen und Grit Laudel, 2015. The Three Careers of an Academic. ZTG Discussion Paper 35/2015. Berlin: TU Berlin, Center for Technology and Society.