PreprintPDF Available

DIE ÖKOLOGISCHE KRISE UND DIE ROLLE DER VOLKSWIRTSCHAFTSLEHRE

Authors:
Preprints and early-stage research may not have been peer reviewed yet.

Abstract

This paper argues that economics as a whole ignores the multiple ecological crises. Although ecological economics has been dealing with the relation between the ecology and the economy for a long time, it does not shape mainstream economic thinking. The public and political perception of economics in Germany is strongly influenced by the Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung (SVR – German Council of Economic Experts). By law the council is expected to facilitate the formation of public opinon on economic issues. This paper provides evidence that between 2009 and 2019 the SVR did not demonstrate awareness of ecological crisis, did not assess effective climate policy as urgent, and made few constructive proposals on how to deal with the ecological crisis. This is shown with a detailed analysis of the SVR`s annual reports. Futhermore, I analyse the joint report of the SVR and the French Conseil d’Analyse Èconomique „Monitoring economic performance, quality of life and sustainability“ and the SVR special report 2019 „Setting out for new climate policy“. The SVR uses arguments which downplay the importance of climate protection in the public dircourse and delay effective climate policy. Since economic activities are the root cause of most ecological problems, economic thinking plays an important role whether these problems can be solved or not.
Centrum für
Umweltmanagement,
Ressourcen- und
Energie
CURE-DISCUSSION-PAPER
NR. 1 // 2020
DIE ÖKOLOGISCHE KRISE UND DIE ROLLE
DER VOLKSWIRTSCHAFTSLEHRE
MICHAEL ROOS
DIE ÖKOLOGISCH
DIE ÖKOLOGISCHE KRISE UND DIE ROLLE
DER VOLKSWIRTSCHAFTSLEHRE
MICHAEL ROOS
Lehrstuhl für Makroökonomik
michael.roos@rub.de
11. August 2020
Die Fakultät für Wirtschaftswissenschaft der Ruhr-Universität führt im Centrum für
Umweltmanagement, Ressourcen und Energie (CURE) diejenigen zusammen, die auf die
Themen
Energie- und Klimaökonomik
betriebliche und volkswirtschaftliche Nachhaltigkeitsökonomik in
wettbewerbsbasierten Wirtschaftssystemen,
betriebliches Umweltmanagement,
Dekarbonisierung betrieblicher Produktions- und Leistungsprozesse,
Arten- und Ressourcenschutz
in Forschung und Lehre fokussiert sind.
Ziel des Centrums ist es zum einen, unter einem Dach die relevante Lehre in den Bachelor und
Masterstudiengängen zu bündeln und abzustimmen.
Zum anderen wird zu den aufgeführten Themen integrativ, d.h. aus betriebs- und
volkswirtschaftlicher sowie juristischer Sicht, gemeinsam geforscht.
Die Discussion Paper Reihe publiziert Beiträge, die im CURE erarbeitet wurden.
CURE-DISCUSSION-PAPER NR. 1// 2020 3
INHALTSVERZEICHNIS
1 Einleitung 5
2 Die ökologische Krise 7
3 Expertise der Sachverständigenräte 14
4 Jahresgutachten des Sachständigenrates 19
4.1 Kein Bewusstein für die ökologische Krise 20
4.2 Kein Bewusstsein für die Dringlichkeit effektiver Klimapolitik 23
4.3 Kaum konstruktive Vorschläge zum Umgang mit der
ökologischen Krise 25
5 Sondergutachten des Sachversändigenrates zur Klimapolitik 29
6 Beitrag der Ökonomen zum ökologischen Diskurs 32
7 Fazit 35
Literatur 36
ABBILDUNGEN
Abbildung 1: Planetare Belastungsgrenzen nach Steffen et al. (2015) 8
Abbildung 2: Verbindungen zwischen ökologischen Teilproblemen 12
Abbildung 3: Auswirkungen der ökologischen Krise auf die Menschheit 13
DIE ÖKOLOGISCHE KRISE UND DIE ROLLE DER VOLKWIRTSCHAFTSLEHRE
CURE-DISCUSSION-PAPER NR. 1// 2020 4
ABSTRACT
This paper argues that economics as a whole ignores the multiple ecological crises. Although
ecological economics has been dealing with the relation between the ecology and the
economy for a long time, it does not shape mainstream economic thinking. The public and
political perception of economics in Germany is strongly influenced by the
Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung (SVR
German Council of Economic Experts). By law the council is expected to facilitate the
formation of public opinon on economic issues. This paper provides evidence that between
2009 and 2019 the SVR did not demonstrate awareness of ecological crisis, did not assess
effective climate policy as urgent, and made few constructive proposals on how to deal with
the ecological crisis. This is shown with a detailed analysis of the SVR`s annual reports.
Futhermore, I analyse the joint report of the SVR and the French Conseil d’Analyse
Èconomique „Monitoring economic performance, quality of life and sustainability“ and the
SVR special report 2019 „Setting out for new climate policy“. The SVR uses arguments
which downplay the importance of climate protection in the public dircourse and delay
effective climate policy. Since economic activities are the root cause of most ecological
problems, economic thinking plays an important role whether these problems can be solved
or not.
ZUSAMMENFASSUNG
In diesem Aufsatz wird argumentiert, dass die Volkswirtschaftslehre als Ganzes die
vielfältigen ökologischen Krisen ignoriert. Zwar beschäftigt sich die ökologische Ökonomik
seit langem mit dem Verhältnis von Ökologie und Ökonomie, sie prägt aber nicht das
Denken des Mainstreams. Die öffentliche und politische Wahrnehmung der
Volkswirtschaftlehre in Deutschland wird stark durch den Sachverständigenrat zur
Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung (SVR) beeinflusst, der den
gesetzlichen Auftrag hat, die öffentliche Urteilsbildung zu ökonomischen Themen zu
erleichtern. Dieser Aufsatz weist nach, dass der Sachverständigenrat von 2009 bis 2019 kein
ökologischen Krisenbewusstsein zeigte, effektive Klimapolitik nicht für dringlich hielt und
kaum konstruktive Vorschläge zum Umgang mit der ökologischen Krise machte. Dies wird
durch eine detaillierte Analyse der Jahresgutachten gezeigt. Zudem werden die gemeinsame
Analyse „Wirtschaftsleistung, Lebensqualität und Nachhaltigkeit: Ein umfassendes
Indikatorsystem“ des SVR und des französischen Conseil d’Anayse Économique und das
SVR-Sondergutachten 2019 zur Klimapolitik untersucht. Der SVR benutzt
Argumentationsmuster, die im öffentlichen Diskurs die Bedeutung des Klimaschutzes
relativieren und effektive Klimapolitik verzögern. Da ökonomische Aktivitäten die Ursache
der meisten ökologischen Probleme sind, spielt das ökonomische Denken eine wichtige
Rolle dabei, ob diese Probleme gelöst werden können oder nicht.
JEL
A11, O44, Q54, Q57, Q58
KEYWORDS
Ökologie, Klimawandel, Sachverständigenrat, Diskurs
DIE ÖKOLOGISCHE KRISE UND DIE ROLLE DER VOLKWIRTSCHAFTSLEHRE
CURE-DISCUSSION-PAPER NR. 1// 2020 5
1 EINLEITUNG
Die Welt befindet sich in einer lebensbedrohlichen ökologischen Krise. Zu diesem
Schluss muss man kommen, wenn man die Forschungsarbeiten von Naturwissenschaftlern liest.
Marien (2019) bietet einen Überblick über 25 öffentlich zugängliche Berichte - die meisten
davon 2018 und 2019 veröffentlicht -, in denen Naturwissenschaftler eine akute Gefahr für das
Leben auf der Erde sehen, die sich noch im 21. Jahrhundert manifestieren könnte. Weitere
solcher Veröffentlichungen sind das Consensus Statement from Global Scientists
1
und der
Bericht Our Future on Earth des Think Tanks Future Earth
2
. Diese Berichte sind keine
Einzelmeinungen, sondern Sammelwerke von Hunderten von Wissenschaftlern, die Tausende
aktueller Studien zusammenfassen. Zu den bekanntesten Berichten zählt sicher der
Sonderbericht des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) Global Warming of
1.5°C aus dem Jahr 2018, der über 6000 Studien auswertet. Der Bericht äußert die Erwartung,
dass die globale Erwärmung die kritische Marke von 1,5°C wahrscheinlich zwischen 2030 und
2052 erreichen wird, was schwerwiegende Risiken für Korallenriffe, die Arktik, die Fischerei,
Küsten und Ökosysteme an Land mit sich bringt. Weniger bekannt als das IPCC, aber nicht
weniger wichtig, ist die Intergovernmental Science Policy Platform on Biodiversity and
Ecosystem Services (IPBES)
3
. Die IPBES ist ebenfalls eine UN-Organisation und wurde 2012
mit Sitz des Sekretariats in Deutschland gegründet. Im Assessment Report on Land Degradation
and Ecosystem Services (IPBES 2018) werteten 184 Wissenschaftler ca. 4000 Studien aus und
kommen zu dem Ergebnis, dass die jährliche Landdegradation von ca. 12 Millionen Hektar das
Wohl von wenigstens 3,2 Milliarden Menschen beeinträchtigt. Der IPBES Global Assessment
Report in Biodiversity and Ecosystem Services, der auf ungefähr 15000 Quellen basiert, kommt
zu einem alarmierenden Befund: „The biosphere, upon which humanity as a whole depends, is
being altered to an unparalleled degree across all spatial scales. Biodiversity the diversity
within species, between species and of ecoysystems is declining faster than at any time in
human history“ (IPBES 2019, S. 10).
Die These dieses Aufsatzes ist, dass die Volkswirtschaftslehre als Ganzes die ökologische
Krise noch nicht erkannt hat und dazu beiträgt, Maßnahmen zur effektiven Bekämpfung der
Krise zu erschweren. Dies wird anhand einer Auswertung der Jahresgutachten des
Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung (SVR)
nachgewiesen. Zudem wird die gemeinsame Expertise Wirtschaftsleistung, Lebensqualität und
Nachhaltigkeit: Ein umfassendes Indikatorensystem analysiert, das der SVR zusammen mit
dem Conseil d’Analyse Économique (CAE) im Auftrag des Deutsch-Französischen
Ministerrates 2010 erstellt hat. Es wird gezeigt, dass die beiden Sachverständigenräte ein dem
Ernst der Lage nicht angemessenes Verständnis von ökologischer Nachhaltigkeit haben.
Man kann argumentieren, dass die Sicht der Sachverändigenräte in Deutschland und
Frankreich nicht repräsentativ für das ganze Fach Volkswirtschaftslehre ist, insbesondere weil
die Denkschule der Ökologischen Ökonomik sich seit den 1980er Jahren intensiv mit der
Problematik befasst. Die Ökologische Ökonomik gehört jedoch nicht zum neoklassisch
geprägten Mainstream des Fachs (Anderson und M’Gonigle 2012). Roos und Hoffart (2020)
zeigen, dass der neoklassische Mainstream sich kaum mit dem Klimawandel als
prominentestem ökologischen Problem beschäftigt. So hatten unter allen 18882 in den
sogenannten Top-5-Journalen (AER, JPE, Econometrica, QJE, RES), die zwischen Januar 1957
1
https://mahb.stanford.edu/consensus-statement-from-global-scientists/
2
https://futureearth.org/publications/our-future-on-earth/
3
www.ipbes.net
DIE ÖKOLOGISCHE KRISE UND DIE ROLLE DER VOLKWIRTSCHAFTSLEHRE
CURE-DISCUSSION-PAPER NR. 1// 2020 6
und September 2019 veröffentlicht wurden, nur 17 den Begriff „climate change“ im Titel. Als
Vergleich mag dienen, dass im selben Zeitraum 49 Top-5-Artikel „wedding“ bzw. „marriage“
im Titel hatten und 643 „tax“ bzw. „taxation“. Illge und Schwarze (2009) zeigen anhand von
Umfragedaten, dass es deutliche Unterschiede zwischen „ecological economists“ und „open-
minded neoclassical environmental economists“ gibt. Ein zentraler Unterschied ist, dass
neoklassische Umweltökonomen ganz im Gegensatz zu den ökologischen Ökonomen keine
fundamentalen Änderungen des Wirtschaftssystems für erforderlich halten, sondern glauben,
dass die richtige Bepreisung von Umweltgütern das zentrale Element von
Nachhaltigkeitspolitik ist. Diese Position vertritt auch der SVR, wie nachfolgend gezeigt wird.
Zudem hat vor allem der deutsche SVR eine sehr exponierte Stellung im öffentlichen Diskurs.
Er hat den gesetzlichen Auftrag, „in seinen Gutachten die jeweilige gesamtwirtschaftliche
Lage und deren absehbare Entwicklung dar[zu]stellen“ (GSVR §2) und „zur Erleichterung der
Urteilsbildung bei allen wirtschaftspolitisch verantwortlichen Instanzen sowie in der
Öffentlichkeit“ (§1) beizutragen. Selbst wenn der SVR das Fach nicht in angemessen
repräsentiert (vgl. Fricke 2017), steht er doch für eine breite Strömung in der
Volkswirtschaftslehre und hat einen großen Einfluss auf den öffentliche Diskurs.
Man muss feststellen, dass zumindest der Klimawandel mit der Verleihung des
Nobelpreises an William Nordhaus im Jahr 2018 im Fach stärker wahrgenommen wird. Der
Klimawandel nimmt auch einen gewissen Raum in den SVR-Gutachten ein. Die Analyse der
SVR-Gutachten zeigt jedoch zum einen, dass der SVR im Klimawandel kein dringendes,
existenzielles Problem sieht. Zum anderen vernachlässigt er die anderen ökologischen Risiken
völlig. Interessanterweise hinkt der SVR damit Entscheidungsträgern aus Wirtschaft und
Gesellschaft hinterher. Im Global Risks Report 2020 des World Economic Forum (WEF 2020),
dessen Ergebnisse auf den Antworten von über 700 Experten aus der Praxis aus aller Welt
beruhen, waren alle Top-5-Risiken im Hinblick auf die Eintrittswahrscheinlichkeit ökologische
Risiken, darunter Extremwetterereignisse und der Verlust an Biodiversität. Hinsichtlich des zu
erwarteten Impacts war das einzige nichtökologische Risko unter den Top-5 die Gefahr durch
Atomwaffen. Die vom WEF befragten Experten nennen den Verlust an Biodiversität und den
Klimawandel seit 2011 unter den Top-5-Risiken. Auch Pandemien und Infektionskrankheiten
werden vom WEF seit 2007 als große Risiken identifiziert, im Gegensatz zum SVR. Seit 2011
kann man feststellen, dass die WEF-Experten zunehmend die nicht-ökonomischen globalen
Risiken sowohl für wahrscheinlicher als auch für folgenschwerer halten als die ökonomische
Risiken, obwohl der größte Anteil der Experten aus der Wirtschaft kommt und einen
ökonomischen Hintergrund hat (WEF 2020, S. 91).
Ebenfalls im Gegensatz zur Darstellung in den WEF-Berichten ist nicht festzustellen,
dass der SVR und die VWL als Ganzes die enge Verflechtung zwischen ökologischen,
politischen, sozialen und ökonomischen Risiken erkennen. Die Global Risks Reports des WEF
beinhalten regelmäßig Global Risks Interconnections Maps. In der Vernetzungskarte für 2020
gibt es eine direkte Verknüpfung zwischen dem Versagen bei der Bekämpfung des
Klimawandels mit unfreiwilliger Migration und dem Scheitern der globalen Governance. Die
Migration wiederum wird im Zusammenhang gesehen mit sozialer Instabilität, dem Scheitern
nationaler Governance und der Arbeitslosigkeit. Das Scheitern globaler Governance hängt
zusammen mit Konflikten zwischen Staaten, dem Scheitern nationaler Governance und sozialer
Instabilität. Von einer solchen systemischen Sicht auf die Welt ist in der Volkswirtschaftslehre
wenig zu sehen.
Im zweiten Abschnitt wird die ökologische Krise aus Sicht der Naturwissenschaften
skizziert. Anders als die meisten Ökonomen sehen Naturwissenschaftler eine globale
ökologische Krise von hoher Dringlichkeit. Ebenso warnen sie wiederum im Gegensatz zu
den meisten Ökonomen vor gravierenden sozialen Folgen ökologischer Katastrophen.
Ökologische Systeme sind komplexe Systeme, die durch Nichtlinearitäten gekennzeichnet sind.
Dies steht im Widerspruch zum in der Ökonomik verbreiteten linearen Denken, weshalb es
DIE ÖKOLOGISCHE KRISE UND DIE ROLLE DER VOLKWIRTSCHAFTSLEHRE
CURE-DISCUSSION-PAPER NR. 1// 2020 7
vielen Ökonomen so schwer fällt, die Sorgen der Naturwissenschaflter zu verstehen. Zwei
Besonderheiten nichtlinearer Systeme sind, dass sie sehr plötzlich in einen anderen Zustand
übergehen können und solche Transitionen jedenfalls in menschlichen Zeiträumen
irreversibel sind.
Im dritten Abschnitt folgt eine kritische Erörterung der gemeinsamen Expertise des
deutschen SVR und des französischen CAE, die 2010 veröffentlicht wurde. Vor dem
Hintergrund der Finanz- und Wirtschaftskrise von 2008/2009 entstand in der deutschen und
französischen Regierung der Eindruck, dass das Verständnis von Funktion und Funktionsweise
der Wirtschaft fundamental überdacht werden sollte. Die Erfahrung der unerwarteten
Wirtschaftskrise rückte auch die Frage der Nachhaltigkeit neu ins öffentliche Bewusstsein. Die
Analyse der Expertise vermittelt jedoch das Bild, dass sich die beiden Sachverständigenräte vor
allem mit dem Überdenken wirtschaftlicher Tätigkeit im Zusammenhang mit ökologischer
Nachhaltigkeit sehr schwertaten.
Abschnitt 4 enthält eine Auswertung der Jahresgutachten des SVR von 2009 bis 2019.
Dieser Zeitraum bietet sich an, weil 2009 nicht nur das Jahr der Finanz- und Wirtschaftkrise
war, sondern auch das Jahr der enttäuschenden UN-Klimakonferenz von Kopenhagen. Die
Konferenz von Kopenhagen erfuhr in den Medien eine große Aufmerksamkeit, weil auf ihr ein
völkerrechtlich verbindliches Nachfolgeabkommen des auslaufenden Kyoto-Protokolls zum
Klimaschutz verabschiedet werden sollte. Es wird gezeigt, die Gutachten des SVR dem
Klimaschutz keine besondere Priorität oder Dringlichkeit einräumen und andere ökologische
Probleme gar keine Rolle spielen.
Abschnitt 5 stellt das Sondergutachten des SVR aus dem Juli 2019 mit dem Titel
Aufbruch zu einer neuen Klimapolitik vor. Dieses Sondergutachten wurde von der
Bundesregierung in Auftrag gegeben, um Reformoptionen in der Klimapolitik dargelegt zu
bekommen. Bei der Erstellung des Gutachtens hat sich der SVR intensiv mit dem französischen
CAE beraten. Das Sondergutachten kommt weitgehend zu denselben Ergebnissen und
Empfehlungen wie die Jahresgutachten des SVR in den Jahren zuvor.
In Abschnitt 6 wird diskutiert, warum die Vernachlässigung der ökologischen Krise in
der Volkwirtschaftslehre ein schwerwiegendes gesellschaftliches Problem ist. Die
Volkswirtschaftslehre nimmt für sich in Anspruch, eine politikrelevante wissenschaftliche
Disziplin zu sein, die sich damit befasst, wie die kurz- und langfristige Wohlfahrt der
Menschheit erhalten und gesteigert werden kann. Die Blindheit für die Bedrohung der
menschlichen Lebensgrundlagen durch die ökologische Krise stehen dazu in eklatantem
Widerspruch. Die ökologische Krise ist untrennbar mit ökonomischen Aktivitäten verbunden,
so dass sie auch eine ökonomische Krise ist. Die Wirtschaftswissenschaft hat daher
umvermeidlich einen signifikanten Einfluss auf den gesellschaftlichen Umgang mit dieser
Krise.
2 DIE ÖKOLOGISCHE KRISE
Die ökologischen Probleme sind so vielfältig und die naturwissenschaftliche Forschung
dazu so umfangreich, dass es schwierig ist, die ökologische Krise angemessen in wenigen
Absätzen zusammenzufassen. Ein guter Ausgangspunkt sind die sogenannten Planetaren
Belastungsgrenzen, die 2009 von einem Team von Erdsystem- und Umweltwissenschaftlern
erstmals veröffentlicht (Rockström et al. 2009a,b) und 2015 aktualisiert wurden (Steffen et al.
2015).
Nach diesem Konzept gibt es neun ökologische Themenbereiche, die alle für den
Fortbestand der Menschheit wichtig sind (siehe Abbildung 1). Darunter sind das Klima, die
Biosphäre, biogeochemische Kreisläufe, die Landnutzung und der Zustand der Ozeane. Für
sieben dieser neun Bereiche postulieren die Verfasser quantitativ messbare Grenzen, deren
Überschreitung plötzliche und irreversible Veränderungen der ökologischen Systeme auslösen
DIE ÖKOLOGISCHE KRISE UND DIE ROLLE DER VOLKWIRTSCHAFTSLEHRE
CURE-DISCUSSION-PAPER NR. 1// 2020 8
können, die ein hohes Risiko für das Leben auf der Erde darstellen. Innerhalb der Planetaren
Grenzen halten die Autoren das Risiko für solche Veränderungen für gering, so dass die
Planetaren Grenzen einen sicheren Handlungsspielraum für die Menschen darstellen (grüner
Bereich in Abbildung 1). Gegenüber der ursprünglichen Publikation von 2009 ergänzt das
Update von 2015 eine Zone der Unsicherheit (gelber Bereich in Abbildung 1), in der ein
erhöhtes Risko gefährlicher Entwicklungen besteht. Bereits 2009 waren nach Rockström et al.
(2009a) drei Plenare Grenzen überschritten. Nach Steffen et al. (2015) sind die Unversehrtheit
der Biosphäre und die biogeochemischen Kreisläufe klar außerhalb des Unsicherheitsbereiches,
so dass ein hohes Risko besteht. Beim Klima, der Landnutzung und der Ozeanversauerung sind
die Planetaren Grenzen (wenigstens regional im Fall der Ozeane) überschritten, so dass es ein
erhöhtes Risiko gibt.
Abbildung 1: Planetare Belastungsgrenzen nach Steffen et al. (2015)
Planetare Leitplanken nach der Studie von Will Steffen et al. aus dem Jahr 2015. Die roten Bereiche zeigen den
derzeitigen Status der jeweiligen Teilbereiche. Der grüne innere Kreis markiert die sichere
Belastungsgrenze/Leitplanke, der gelbe Kreis den Unsicherheitsbereich mit steigenden Risiko. Ausserhalb des
gelben Kreises gelegene Bereiche stellen ein hohes Risiko für die Menschheit dar. Quelle: Felix Müller,
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Ökologische_Belastungsgrenzen_2015.png
Während die Klimakrise mittlerweile in das öffentliche Bewusstsein vorgedrungen ist,
werden die Gefahren durch den Verlust der Biodiversität und die Störung der
biogeochemischen Kreisläufe in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen, obwohl von ihnen
bereits heute ein deutliches höheres Risko ausgeht. Welche Gefahr diese Krisen mit sich
DIE ÖKOLOGISCHE KRISE UND DIE ROLLE DER VOLKWIRTSCHAFTSLEHRE
CURE-DISCUSSION-PAPER NR. 1// 2020 9
bringen, soll kurz dargestellt werden.
Phosphor und Stickstoff sind als Dünger in der industriellen Landwirtschaft praktisch
unverzichtbar. Der weit übermäßige Einsatz von Stickstoff und Phosphor findet vor allem in
der Landwirtschaft in Nordamerika, Europa, China und Indien statt. Das Problem besteht darin,
dass sie durch den intensiven Einsatz in die Binnengewässer und schließlich ins Meer gelangen.
Durch die Überdüngung der Gewässer und des Meeres (Eutrophierung) kommt es zu
übermäßigem Wachstum von Phytoplankton und Cyanobakterien, was zur Bildung von
Toxinen und zu Sauerstoffarmut führt. Dadurch bilden sich im Meer sogenannte Totzonen als
Folge des Massenaussterbens anderer Meereslebewesen. Derzeit gibt es im Meer weltweit
bereits über 600 Totzonen mit stark steigender Tendenz (Ripple et al. 2017). Teile der Ostsee
zählen seit 2011 als Totzone (Conley et al. 2011). Die große Gefahr der Überdüngung der
Meere ist, dass es zu einem Ozeanischen Anoxischen Ereignis (OAE) kommen kann. Ein OAE
liegt vor, wenn die Ozeane unterhalb der Oberfläche völlig an Sauerstoff verarmen und somit
zu einer einzigen Totzone werden. Zusätzlich kann in großer Menge Schwefelwasserstoff durch
die Zersetzung des toten organischen Materials gebildet werden. Dieser giftige
Schwefelwasserstoff kann sehr plötzlich in großen Mengen aus dem Meer in die Atmosphäre
aufsteigen und dann zu einem Massenaussterben an Land führen. Solche Ereignisse gabe es in
der Erdgeschichte bereits mehrfach (Kump et al. 2005). Neben einem erhöhten Nährstoffeintrag
waren sie auch mit erhöhten CO2-Konzentrationen in der Atmosphäre und globalen
Temperaturerhöhungen verbunden. Die Überdüngung der Meere in Verbindung mit dem
Klimawandel durch die Emission von Treibhausgasen führt also nicht nur zu ökonomischen
Schäden, sondern könnte das menschliche Leben völlig auslöschen. Ein weiteres Problem bei
Stickstoff ist, dass er sich als Nitrat im Boden und in Gewässern ansammelt und von Bakterien
zu giftigem Nitrit umgewandelt wird. Neben den globalen Auswirkungen gibt es also auch
lokale Risiken. Außerdem enstehen bei der Nitrifikation und durch die Landwirtschaft auch
Lachgas, das in die Atmosphäre freigesetzt wird und als Treibhausgas 265-mal so stark zum
Klimawandel beiträgt wie Kohlendioxid (Myhre et al. 2013). Nach Kohlendioxid und Methan
ist es das drittwichtigste Treibhausgas (Thomsen et al. 2019). Dies zeigt, dass ökologische
Risiken miteinander verbunden sind.
Die Unversehrtheit der Biosphäre ist der zweite Bereich, bei dem nach Steffen et al.
(2015) ein hohes Risiko für die Menschheit besteht. Sie hat zwei Komponenten: die genetische
Diversität und die funktionale Diversität. Genetische Diversität entsteht durch eine Vielfalt
genetischen Materials von Lebewesen. Sie ist gewissermaßen die Datenbank des Lebens und
wichtig für das Potenzial der Entwicklung neuer Arten. Je kleiner die genetische Diversität ist,
desto geringer sind die Chancen der Evolution, neue Arten hervorzubringen, die besser an
Veränderungen der unbelebten (abiotischen) Umwelt angepasst sind. Die funktionale Diversität
erfasst die Rolle der Biosphäre im Erdsystem-Funktionszusammenhang. Pflanzen und Tiere
beeinflussen die Zusammensetzung der Luft, die Beschaffenheit von Gewässern und Böden
und das lokale Klima. Die Eigenschaften, Anzahl und Verteilung der Organismen in
Ökosystemen bestimmen deren Funktionsweise und Stabilität. Ökosysteme stellen sogenannte
Ökosystemdienstleistungen zur Verfügung, die den Menschen Nutzen stiften und für ihre
Existenz unabdingbar sind. Im Millennium Ecosystem Assessment, einer Studie, die 2001 von
den Vereinten Nationen in Auftrag gegeben wurde
4
, werden vier Kategorien von
Ökosystemdienstleistungen unterschieden: 1) unterstützende Dienstleistungen, z.B.
Bodenbildung und Nährstoffkreislauf, 2) bereitstellende Dienstleistungen, z.B. Nahrung,
4
http://www.millenniumassessment.org/en/index.html
DIE ÖKOLOGISCHE KRISE UND DIE ROLLE DER VOLKWIRTSCHAFTSLEHRE
CURE-DISCUSSION-PAPER NR. 1// 2020 10
Trinkwasser, organisches Baumaterial, Arzneien, 3) regulierende Dienstleistungen, z.B.
Regulierung klimatischer Bedigungen und von Schadstoffkonzentrationen, Bestäubung von
Pflanzen und 4) kulturelle Dienstleistungen, z.B. Erholung in der Natur. Auf Grund von
Forschungslücken legten Steffen et al. (2015) bisher nur eine präzise Grenze für die genetische
Diversität fest, während es für die funktionale Diversität zwar eine Grenze, aber auch ein sehr
breites Unsicherheitsband gibt. Zudem ist bei der funktionalen Diversität noch nicht bekannt,
wo sich die Kontrollgröße global gesehen befindet. Die Kontrollgröße der genetischen
Diversität ist das Artensterben. Wie bereits erwähnt spielt die Artenvielfalt auch eine Rolle bei
der funktionalen Diversität. Die Kontrollgröße ist die Aussterberate, für die die Planetare
Grenze bei 10 ausgestorbenen Arten pro Million Arten und Jahr (extincions per million species
and year, E/MSY) vorgeschlagen wird. Der Unsicherheitsbereich liegt zwischen 10 und 100
E/MSY. Die natürliche Aussterberate ohne menschliches Zutun wird auf 0,1 1 E/MSY
geschätzt. Schätzungen zufolge (Steffen et al. 2015) liegt die tatsächliche Aussterberate bei 100
1000 E/MSY, also bis zu 100-fach über der Planetaren Grenze und 1000 10000-fach über
der natürlichen Aussterberate, so dass man auch vom sechsten Massenaussterben in der
Erdgeschichte spricht (Ceballos et al. 2015).
Das Aussterben von Arten und der Zusammenbruch von Ökosystemen wie
Korallenriffen, Mangroven, Regenwäldern und Binnengewässern stellen eine direkte
Bedrohung für die Menschheit dar. Dies wird besonders deutlich am Beispiel der Korallenriffe,
die nur ca. 1,2% des Festlandsockels bedecken, aber eine enorme Bedeutung für marine
Ökoysteme und die Menschheit haben. Die globale Initiaitive The Economics of Biosystem &
Biodiversity (TEEB)
5
schätzt, dass die Nahrungsversorgung von 500 1000 Millionen
Menschen, vor allem in den ärmsten Ländern der Welt, vom Fischfang und damit direkt von
den Korallenriffen abhängt (TEEB 2009). Der Gesamtwert der Öksystemdienstleistungen der
Korallenriffe wird auf 172 Mrd. US$ pro Jahr geschätzt (Martinez et al. 2007). Die
Korallenriffe sind bereits heute stark geschädigt. Im Sonderbericht von 2018 stellt das IPCC
fest, dass bei einer globalen Erwärmung von 2°C nahezu alle Korallenriffe verloren sind (IPCC
2018). Von besonderer Bedeutung ist, dass der Zusammenbruch von lokalen und globalen
Ökoystemen irreversibel ist und abrupt stattfinden kann, wenn Kipppunkte (tipping points)
überschritten sind. Dies kann z.B. geschehen, wenn sogenannte Schlüsselarten in Ökosystemen
wie Seeotter oder Haie aussterben und damit das komplette System zum Kollabieren bringen
(Paine 1969). In den Naturwissenschaften setzt sich seit Anfang der 2000er Jahre zunehmend
die Überzeugung durch, dass das Risiko katastrophischer Systemänderungen, die sehr plötzlich
auftreten, durch menschliche Eingriffe in die Umwelt zunimmt (Scheffer et al. 2001, Scheffer
und Carpenter 2003, Lenton et al. 2008, Schellnhuber 2009). Nach der Einschätzung von
Barnosky et al. (2012) ist vor der Hintergrund der gegenwärtigen menschlichen Eingriffe in die
Ökosysteme deren globaler Zusammenbruch innerhalb von Jahrzehnten bis Jahrhunderten
hochplausibel, wenn er nicht bereits begonnen hat. Auch Trisos et al. (2020) erwarten einen
abrupten ökologische Zusammenbruch, der bei weiterhin hohen C02-Emissionen bereits vor
2030 in den tropischen Ozeanen beginnen und sich bis 2050 in die tropischen Wälder ausbreiten
könnte.
Die Abholzung von Wäldern und andere Land-System-Veränderungen sind ebenfalls ein
großes Problem. Die Wälder spielen eine wichtige Rolle für die Regulierung des Klimas, z.B.
durch Verdunstung, den Rückstrahleffekt und den Entzug von CO2 aus der Atmosphäre. Neben
dem Einfluss auf das Klima führen Abholzung und nicht nachhaltige Landnutzung zur
5
http://www.teebweb.org/
DIE ÖKOLOGISCHE KRISE UND DIE ROLLE DER VOLKWIRTSCHAFTSLEHRE
CURE-DISCUSSION-PAPER NR. 1// 2020 11
Verschlechterung von Ökosystemdienstleistungen des Bodens bis hin zum völligen Verlust.
Nkonya et al. (2016) belegen, dass ca. 30% der globalen Landfläche, die den Lebensraum von
etwa 3,2 Milliarden Menschen darstellt, von signifikanter Bodendegradation betroffen ist. Die
geschätzen Kosten der Bodendegradation belaufen sich demnach auf ca. 300 Mrd. US$ pro
Jahr, wobei der größte Teil dieser Kosten auf die afrikanische Länder südlich der Sahara
entfällt. Die Bodendegradation betrifft sowohl Ackerböden als auch Weideflächen.
Bevölkerungswachstum in Verbindung mit weltweit zunehmendem Fleisch- und Milchkonsum
lässt eine weitere Bodendegradation erwarten. Die zunehmende Bodendegradation ist eine
große Gefahr für die Sicherheit der Nahrungsmittelversorgung (IPCC 2018).
Als letztes Problem soll kurz die Klimakrise angesprochen werden, obwohl sie von allen
ökologischen Krisen mittlerweile die größte öffentliche Aufmerksamkeit erhält. Gegenwärtig
hat sich die globale Durchschnittstemperatur bereits im ca. 1°C gegenüber der vorindustriellen
Zeit erhöht (IPCC 2018). Nach jüngsten Forschungsergebnissen erscheint es wahrscheinlich,
dass eine Begrenzung der Temperaturerhöhung auf 2°C oder gar 1,5°C, wie es im Abkommen
von Paris beschlossen wurde, auf Grund der schwachen Begrenzungsanstrengungen nicht zu
schaffen ist. Es ist vielmehr davon auszugehen, dass die Temperaturerhöhung von 1,5°C
wahrscheinlich zwischen 2030 und 2052 erreicht (IPCC 2018) und dass die
Temperaturerhöhung im Jahr 2100 bei ca. 3°C liegen wird (Hausfather und Peters 2020). Da
der IPCC (2018) bereits bei einer Erhöhung von 2°C gegenüber 1,5°C bei vier von fünf
„Gründen zur Besorgnis“ eine Höherbewertung der Risikoniveaus vornimmt, ist die Aussicht
einer Temperaturerhöhung von 3°C erst recht höchst besorgniserregend. So sieht der IPCC
(2018) bereits bei 2,5°C ein hohes Risiko für sogenannte großräumige Singularitäten wie das
Abschmelzen der Eisschilde in Grönland und der Westantarktis oder die Verminderung der
CO2-Speicherung im Südlichen Ozean. Zwischen 2°C und 3°C erscheint auch der Kollaps des
Permafrostes in der Arktis möglich, was zu großen Methanfreisetzung führen würde. Bei 3°C
könnte auch der Kipppunkt liegen, bei dem der Amazonasregenwald stirbt. Die aktuell
wahrscheinliche Klimaentwicklung legt also nahe, dass mit erheblichen
Selbstverstärkungsprozessen zu rechnen ist, die in den kommenden Jahrhunderten zu weiterer
Erwärmung führen, die von der menschlichen Aktivität unabhängig ist. Bei 2°C wären 3,6
Milliarden Menschen Wasserstress ausgesetzt. Laut IPCC (2018) wäre damit zu rechnen, dass
die Bewohner der Tropen über Distanzen von mehr als 1000 km migrieren müssten. In den
Subtropen könnte die Bevölkerungsdichte daher um mehr als 300% steigen.
Die Beschäftigung mit der naturwissenschaftlichen Literatur zeigt, dass natürliche
Systeme komplexe, nichtlineare Systeme sind. Nichtlineare Systeme sind zum einen durch
Selbstverstärkungs- oder Feedbackeffekte charakterisiert, d.h. die Effekte von
Parameteränderungen sind meist nicht proportional, sondern häufig überproportional. Zum
anderen können in nichtlinearen Systemen plötzliche, irreversible Zustandsänderungen
auftreten, d.h. es kann zu Systemzusammenbrüchen kommen, die sich nicht von selbst wieder
umkehren und auch vom Menschen nicht geheilt werden können. Systeme kollabieren, wenn
genügend Systemelemente destabilisiert sind. Leider ist vielen Ökonomen das Denken in
nichtlinearen, komplexen Systemen fremd.
Eine weitere Lehre aus der naturwissenschaftlichen Forschung ist die Dringlichkeit der
ökologischen Probleme. Die ökologische Krise ist bereits in vollem Gange und die
Forschungsergebnisse legen nahe, dass bereits in wenigen Jahrzehnten lebenswichtige Systeme
kollabieren könnten. In Verbindung mit dem Wissen, dass bereits in Gang gesetzte Prozesse
eine Trägheit aufweisen und nicht schnell umgesteuert werden können, erzeugt dies einen
hohen Handlungsdruck, wenn der Kollaps ökologischer Systeme vermieden werden soll.
Es ist gerechtfertigt, von einer einzigen ökologischen Krise zu sprechen, weil die
dargestellten Probleme miteinander lokal und global interagieren. Die Fokussierung auf ein
einziges Problem wie den Klimawandel, greift zu kurz. Abbildung 2 stellt einige Verbindungen
zwischen den diskutierten ökologischen Problemen dar.
DIE ÖKOLOGISCHE KRISE UND DIE ROLLE DER VOLKWIRTSCHAFTSLEHRE
CURE-DISCUSSION-PAPER NR. 1// 2020 12
Abbildung 2: Verbindungen zwischen ökologischen Teilproblemen
Was bisher noch nicht zur Sprache kam, ist das Bevölkerungswachstum. Während die
globale Bevölkerung vor der Industriellen Revolution nur sehr langsam wuchs (ca. 0,3% pro
Jahr), setzte im 18. Jahrhundert ein starkes Bevölkerungswachstum ein. Von ca. 500 Millionen
Menschen im Jahr 1650 wuchs die globale Bevölkerung auf ca. 7,7 Mrd im Jahr 2020. Bis zum
Ende des 21. Jahrhunderts wird trotz einer zu erwartendenden Abnahme des
Bevölkerungswachstums mit einer Weltbevölkerung zwischen 9 und 12,5 Mrd Menschen im
Jahr 2100 gerechnet (UN 2019). Neben medizinischen Fortschritten trugen
Produktivitätssteigerungen in der Landwirtschaft maßgeblich zum Bevölkerungswachstum bei.
Die Intensivierung der Landwirtschaft führt allerdings zu Bodendegradation und Überdüngung.
Der Verlust an fruchtbarem Boden und das Bevölkerungswachstum tragen zur Abholzung von
Wäldern bei, um neue Acker- und Weideflächen, aber auch Wohnraum, Verkehrswege und
andere Infrastruktur zu schaffen. Die Freisetzung von Lachgas durch die Verwendung von
Stickstoffdünger und die Abholzung befördern den Klimawandel, was Ökosysteme schädigt
und zu weiterer Bodendegradation führt. Man erkennt in Abbildung 2, dass es zahlreiche
Feedbackeffekte zwischen den ökologischen Problemen gibt, z.B. zwischen der Intensivierung
der Landwirtschaft und der Bodendegradation. Man sieht auch, dass die globale Erwärmung
auf vielfältige Weise mit den anderen ökologischen Krisen zusammenhängt.
Die ökologische Krise hat zahlreiche Auswirkungen auf das Wohlergehen der Menschen.
Abbildung 3 stellt dar, dass es unterschiedliche Arten von Effekten gibt. Man kann direkte und
indirekte Effekte unterscheiden. Die direkten Effekte sind eine unmittelbare Folge der
ökologischen Veränderungen, z.B. Nahrungsmittelknappheit durch Bodendegradation oder
Klimaveränderungen. Auch Epidemien durch Zoonosen, d.h. die Übertragung von
Infektionskrankeiten von Wildtieren auf den Menschen infolge der Zerstörung natürlicher
Habitate gehören dazu, ebenso wie Tote durch Hitzewellen oder andere Wetterereignisse.
Robine et al. (2008) schätzen, dass die Hitzewelle im Sommer 2003 in 16 europäischen Ländern
über 70000 zusätzliche Tote verursacht hat.
In der Öffentlichkeit weniger beachtet und wissenschaftlicher schwieriger zu untersuchen
sind die indirekten sozialen Effekte der ökologischen Krise. Unter indirekten Effekten verstehe
ich soziale Prozesse, die durch die direkten Effekte ausgelöst werden. Bei den indirekten
Effekten kann heuristisch man wiederum zwei Ebenen unterscheiden, wobei die Effekte der
DIE ÖKOLOGISCHE KRISE UND DIE ROLLE DER VOLKWIRTSCHAFTSLEHRE
CURE-DISCUSSION-PAPER NR. 1// 2020 13
zweiten Ebene durch die Effekte der ersten Ebene (mit-)verursacht werden
6
.
Abbildung 3: Auswirkungen der ökologischen Krise auf die Menschheit
Durch Mangel an Wasser und Nahrungsmitteln in den am stärksten von der ökologischen
Krise betroffenen Regionen, z.B. in Afrika oder Südasien, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit
von gewalttätigen Konflikten innerhalb von Staaten und zwischen Staaten (IPCC 2018). Dabei
ist es unerheblich, ob diese Konflikte direkt durch die ökologischen Probleme ausgelöst oder
nur verstärkt werden. Welzer (2008) und Dyer (2008) beschreiben das 21. Jahrhundert als
Jahrhundert der Klimakriege. Auch der Wissenschaftliche Beitrat der Bundesregierung Globale
Umweltveränderungen (WBGU) sieht im Klimawandel ein globales Sicherheitsrisiko (WBGU
2007). Es ist zu konstatieren, dass es bisher schwierig ist, einen Zusammenhang zwischen
Klimaveränderungen und Konflikten zweifelsfrei nachzuweisen, jedoch wird diese Frage aktiv
beforscht (Salehyan 2014). Sicherheitsexperten gehen davon aus, dass die Bedeutung des
Klimawandels als Konfliktursache in Zukunft zunehmen wird (Mach et al. 2019). Konflikte
zwischen Staaten und der Zusammenbruch staatlicher Ordnung in sogenannten Failed States
sind eine wichtige Ursache für internationale Migration, wie Europa 2015 bei der Immigration
von Kriegsflüchtlingen aus Syrien erleben konnte. Bisher wenig diskutiert, aber durchaus
denkbar ist, dass nationale und internationale Konflikte den internationalen Handel empfindlich
stören können. Dies kann sowohl den Export von Gütern aus dem globalen Norden in den
globalen Süden betreffen als auch den Export von Rohstoffen in der umgekehrten Richtung.
6
Es ist vermutlich unmöglich, eindeutige Kausalitäten zu bestimmen. So kann Migration eine Folge von
Konflikten sein, aber auch eine Ursache davon. Ebenso kann es auch ohne Konflikte durch Nahrungsmangel und
Hitzestress zu Migration kommen, so dass die erste Ebene „übersprungen“ wird. Die Unterteilung der indirekten
sozialen Effekte soll lediglich eine Tendenz andeuten, wonach die Effekte der 2. Ebene durch die Effekte der 1.
Ebene verstärkt werden.
DIE ÖKOLOGISCHE KRISE UND DIE ROLLE DER VOLKWIRTSCHAFTSLEHRE
CURE-DISCUSSION-PAPER NR. 1// 2020 14
Schätzungen der Kosten des ökologischen Probleme vernachlässigen meist die indirekten
Effekte, da diese schwer zu messen sind. Jedoch erscheint es plausibel, dass auch die indirekten
Effekte sehr groß sein können und vor allem die Industriestaaten von den indirekten Effekten
möglicherweise deutlich stärker betroffen sind als von den direkten Auswirkungen. Es wäre
daher verfehlt, in einer globalisierten Welt die ökologischen Probleme vor allem als Probleme
des globalen Südens zu betrachten. Abgesehen davon hätte eine weltweite
Nahrungsmittelknappheit auch direkte Auswirkungen auf den globalen Norden.
3 EXPERTISE DER SACHVERSTÄNDIGENRÄTE
Im April 2010 beauftragte die Bundesregierung den Sachverständigenrat zusammen mit
seinem französischen Pendant eine Expertise zur Messung von nachhaltigem Wachstum und
gesellschaftlichem Fortschritt zu erstellen. Diese Expertise sollte ausdrücklich an den Bericht
der Stiglitz-Sen-Fitoussi Kommission (SSFK) anknüpfen, die der französischen Präsident
Nicholas Sarkozy Anfang 2008 eingesetzt hatte. Obwohl sich die SSFK vor allem mit der
Messung ökonomischer Leistung und des sozialen Fortschritts befassen sollte, enthält der
Abschlussbericht der SSFK auch einen ausführlichen dritten Teil zu nachhaltiger Entwicklung
und Umwelt, was die Kommission selbst als zentrales Anliegen bezeichnet (SSFK 2009, S. 16).
Dabei geht es nach ihrer Meinung beim Thema Nachhaltigkeit um die Frage, ob wenigstens das
gegenwärtige Wohlfahrtsniveau für zukünftige Generationen aufrechterhalten werden kann.
Als eine Empfehlung (Recommendation 12, S. 17) hält die SSFK fest, dass die Umweltaspekte
der Nachhaltigkeit u.a. durch physikalische Indikatoren gemessen werden sollten, die klar
anzeigen, wie nah die Gesellschaft an gefährlichen Niveaus von Umweltschäden ist, z.B. in
Verbindung mit dem Klimawandel oder der Erschöpfung von Fischbeständen. Im Vorwort
stellen der SVR und der CAE die Frage, wie Warnsignale entwickelt werden können, „die uns
einen Hinweis geben, wenn unser derzeitiger Lebensstil die Nachhaltigkeit gefährdet, um
unseren Kurs zu unserem eigenen Wohl und dem zukünftiger Generationen zu ändern“
(CAE/SVR 2010, S. III). Nachfolgend wird gezeigt, dieses Ziel eher als Lippenbekenntnis
erscheint und die Sachverständigenräte die ökologische Nachhaltigkeit nur aus einer sehr engen
Perspektive betrachten.
Bereits in der Einführung des Berichts legen die Sachverständigenräte den Rahmen fest,
innerhalb dessen sie bereit sind, ökologische Nachhaltigkeit zu betrachten. Sie schreiben:
„Unter .. [dem] Eindruck [der Krise] glauben einige Kommentatoren sogar, dass ein
geringeres BIP-Wachstum erforderlich ist, um die Natur nicht zu zerstören. In der Tat,
wenn unaufhörliches Streben nach Wachstum tatsächlich unsere Rohstoffbasis
zerstörte, könnte dies nicht immer so weitergehen. Andererseits gilt, dass immer dann,
wenn Regierungen hohe Schulden aufnehmen, um diskretionäre Maßnahmen zur
Überwindung eines wirtschaftlichen Abschwungs zu finanzieren, sie diese Mittel von
zukünftigen Generationen leihen. Wenn wir also diesen Generationen die Chance
nähmen, ein substanzielles wirtschaftliches Wachstum zu erzielen, dann würden sie
darunter leiden. In diesem Sinne ist Wachstum unzweifelhaft erforderlich, um
Arbeitslosigkeit abzubauen, die Wohlfahrt zu erhöhen, den Aufholprozess der
Entwicklungsländer zu erleichtern und den möglicherweise entstehenden Streit um die
Verteilung des Wohlstandes zu schlichten. Dann sollte es aber ein intelligentes
Wachstum sein, mit nur geringen CO2-Emissionen und ohne negative Nebeneffekte für
die Wohlfahrt.“ (CAE/SVR 2010, S. 3, Hervorhebungen im Original).
In dieser Passage sind einige Aussagen bemerkenswert. Die Sachverständigenräte
verwenden den Konjunktiv, wenn es um den Zusammenhang zwischen dem „unaufhörlichen
Streben nach Wachstum“ und der Zerstörung der Rohstoffbasis geht. Damit wird angedeutet,
DIE ÖKOLOGISCHE KRISE UND DIE ROLLE DER VOLKWIRTSCHAFTSLEHRE
CURE-DISCUSSION-PAPER NR. 1// 2020 15
dass ein solcher Zusammenhang keineswegs zwingend ist. Die Sachverständigenräte halten
Wachstum für „unzweifelhaft erforderlich“ und deuten somit Wachstumszwänge an. Die Frage,
ob die erwähnten Ziele auch ohne Wachstum zu erreichen wären, wird nicht gestellt. Eines der
Ziele ist, „die Wohlfahrt zu erhöhen“. Dies steht im Kontrast zur Frage der SSFK, ob es
überhaupt möglich ist, die gegenwärtige Wohlfahrt für zukünftige Generationen
aufrechtzuerhalten. Schließlich gehen CAE und SVR davon aus, dass es „intelligentes
Wachstum … mit nur geringen CO2-Emissionen und ohne negative Nebeneffekte für die
Wohlfahrt“ geben kann. Die in der ökologischen Ökonomik diskutierte Frage, ob nachhaltiges
Wachstum überhaupt dauerhaft möglich ist (z.B. Klaassen und Opschoor 1991, Ward et al.
2016), wird nicht aufgeworfen.
Aus diesen (normativen) Annahmen ergibt sich, dass CAE/SVR an keiner Stelle der
Expertise auf das Konzept der Planetaren Grenzen eingehen, obwohl es bereits ein Jahr zuvor
von Rockström et al. (2009a,b) veröffentlicht wurde. Die eigentliche Idee der Planetaren
Grenzen ist bereits deutlich älter und findet sich bereits im Jahresgutachten 1996 des WBGU
unter der Bezeichnung „Leitplanken“. Der WBGU (1996, S. 185) definierte: „Die `Leitplanke´
grenzt den Entwicklungsraum des Mensch-Umwelt-Systems von den Bereichen ab, die
unerwünschte oder gar katastrophale Entwicklungen repräsentieren und die es zu meiden gilt.
Nachhaltige Entwicklungspfade verlaufen innerhalb des durch diese Leitsplanken definierten
Korridors“. Es sei erwähnt, dass 1996 unter den elf Mitgliedern des WBGU vier Ökonomen
waren, darunter der Vorsitzende. Auffällig ist, dass die Sachverständigenräte die Arbeiten des
WBGU weitgehend ignorieren. Lediglich der Sonderbericht des WBGU aus dem Jahr 2009 und
zwei Factsheets aus dem Jahr 2009 zum Klimawandel werden im Literaturverzeichnis genannt.
Dies ist erstaunlich, da der WBGU ein wissenschaftliches Gremium ist, das die
Bundesregierung in Nachhaltigkeitsfragen berät und seit 1993 regelmäßig umfangreiche
Gutachten veröffentlicht. Es ist offensichtlich, dass das Konzept einer Leitplanke mit dem Ziel
dauerhaften Wirtschaftswachstums in Konflikt geraten kann. Wenn man also Wachstum für
„unzweifelhaft erforderlich“ hält, ist es naheliegend, sich nicht zu genau mit Planetaren
Grenzen zu beschäftigen, die dieses Ziel in Frage stellen könnten.
Die Sachverständigenräte nehmen eine klare Priorisierung der Themen vor. Sie schreiben,
dass sie unter Nachhaltigkeit nicht nur Umweltfragen behandeln, sondern auch die
wirtschaftliche Nachhaltigkeit einbeziehen (S. 13). Dies bedeute nicht, dass
„der Bewahrung des ökologischen Kapitals nicht auch höchste Bedeutung
beigemessen wird. Im Gegenteil: Öffentliche Investitionen in eine ökologische
Modernisierung unserer Volkswirtschaften können nur bei soliden Staatsfinanzen
und einem privaten Finanzsektor aufrechterhalten werden, der von Erschütterungen
verschont bleibt“ (S. 13).
Zwar behaupten CAE/SVR, dass die ökologische Nachhaltigkeit höchste Bedeutung
habe, machen dann aber klar, dass die ökonomische Nachhaltigkeit eine Voraussetzung dafür
sei. Dies lässt sich so lesen, dass die ökonomische Nachhaltigkeit Priorität haben muss, weil
ohne sie die ökologische Nachhaltigkeit gar nicht erreicht werden kann.
Es fällt auf, dass die Sachverständigenräte die ökonomische Nachhaltigkeit und die
ökologische Nachhaltigkeit unterschiedlich definieren und behandeln. Eine Komponente der
ökonomischen Nachhaltigkeit ist die finanzielle Nachhaltigkeit. CAE/SVR stellen fest, dass
eine starke Zunahme von Krediten und Boomphasen bei den Vermögenswerten nicht nachhaltig
sind, weil sie regelmäßig in Finanzkrisen enden, bei denen dauerhaft Humankapital und
physisches Kapital vernichtet werde (S. 122f). Das Ziel sei „exzessive fundamental und
unerwünschte Entwicklungen, wie sie häufig in Boomphasen zu beobachten sind, zu
untersuchen, die möglicherweise zu schweren wirtschaftlichen Krisen wie der derzeit
beobachteten führen“ (S. 123, Hervorhebung im Original). Dazu soll „ein kleines Set von
DIE ÖKOLOGISCHE KRISE UND DIE ROLLE DER VOLKWIRTSCHAFTSLEHRE
CURE-DISCUSSION-PAPER NR. 1// 2020 16
halbwegs robusten Frühwarnindikatoren, die die Politik und die Öffentlichkeit im Fall von
fundamentalen Fehlentwicklungen im Finanzsektoren alarmieren sollen“, (S. 123,
Hervorhebung im Original) entwickelt werden. Dabei sei dieser Ansatz nichts Neues in der
Wirtschaftwissenschaft: „Eine umfangreiche empirische Literatur versucht, Indikatoren zu
identifizieren, mit denen sich die Anhäufung von Risiken und deren Materialisierung
vorhersehen lassen“ (S. 127).
Dieser Ansatz ist sehr nachvollziehbar und erinnert auffallend an den Ansatz, den
Rockström et al. (2009a,b) mit den Indikatoren zur Messung der ökologischen Nachhaltigkeit
verwenden. Rockström et al. (2009b) schreiben: „further pressure on the Earth System could
destabilise critical biophysical systems and trigger abrupt or irreversible environmental damage
that would be deleterious or even catastrophic for human well-being“ (S. 3). Um dies zu
verhindern, suchen sie nach angemessenen Kontrollvariablen „that … can function as a robust
indicator of process change“ (S. 6). Sie stellen fest: „choices and actions will to a large extent
determine how close we are to the critical thresholds involved, or whether we cross them“ (S.
7). Das Ziel ist „to minimize the risk of crossing critical thresholds that may lead to undesirable
outcomes“ (S. 7).
Die Konzepte, die CAE/SVR zur Warnung vor nicht-nachhaltigem Verhalten im
Finanzsektors und Rockström et al. (2009a,b) zur Warnung vor ökologisch nicht-nachhaltigem
Verhalten verwenden, sind also völlig analog. Bei der Behandlung der ökologischen
Nachhaltigkeit verwenden die Sachverständigenräte jedoch einen völlig anderen Ansatz, indem
sie von der neoklassischen Knappheitslogik ausgehen. Sie schreiben:
„Insbesondere darf ein ökologisch nachhaltiges System seine Ressourcenbasis nicht
verschwenden. Dies lässt sich nur erreichen, wenn eine Über-Ausbeutung
erneuerbarer Ressourcen oder von natürlichen Senken vermieden wird.
Ökologische Nachhaltigkeit erfordert zudem, dass die Ausbeutung nicht-
erneuerbarer Ressourcen effizient und intergenerativ gerecht erfolgen. Schließlich
verlangt sie die Aufrechterhaltung der Biodiversität, um so die Belastung des
ökologischen Systems bei Schocks sicherzustellen“ (CAE/SVR 2010, S. 133,
Hervorhebungen im Original)
Weiter heißt es „Ökologische Nachhaltigkeit berührt zweifellos Kerngebiete der
Ökonomie, die Knappheit der Ressourcen und den Wettbewerb der Wünsche“ (S. 134). Es folgt
eine merkwürdige Auffassung, was die die Wirtschaftswissenschaft in den ökologischen
Nachhaltigkeitsdiskurs einbringen kann:
Gleichwohl können auch die Wirtschaftswissenschaften aus unserer Sicht einen
bedeutenden Beitrag zur Debatte der ökologischen Nachhaltigkeit leisten. Dies zeigt
sich etwa in der Erkenntnis, dass die Abwägung der Wohlfahrt verschiedener
Individuen ganz zu schweigen verschiedener Generationen immer eine äußerst
umstrittene Angelegenheit sein muss. Eines der eisernen Prinzipien, das Ökonomen
in jede Diskussion über Wohlfahrtvergleiche einbringen müssen, ist, dass deutlich
sein muss, wessen Wohlfahrtsgewinne und -verluste gegeneinander abgewogen
werden. Nur dann kann man diskutieren, welche Voraussetzungen erfüllt sein müssen,
um eine solche Abwägung vornehmen zu können. Wenn diese Minimalforderung nicht
erfüllt ist, gibt es keine sinnvolle Möglichkeit, vermeintliche Knappheitsindikatoren zu
interpretieren und dann sollte man sie erst gar nicht ausweisen.“ (CAE/SVR 2010,
S. 134, Hervorhebungen im Original)
Die Sachverständigenräte sehen also im Finanzsektor die Gefahr von Krisen, die der
Wohlfahrt der Menschen großen und dauerhaften Schaden zufügen, und halten es auch für ein
DIE ÖKOLOGISCHE KRISE UND DIE ROLLE DER VOLKWIRTSCHAFTSLEHRE
CURE-DISCUSSION-PAPER NR. 1// 2020 17
etabliertes Thema der Wirtschaftswissenschaft, solche Krisen frühzeitig zu erkennen und einen
Beitrag zur Vermeidung zu leisten. Knappheit oder Effizienz werden den Abschnitten zur
finanziellen Nachhaltigkeit nicht diskutiert. Die Gefahr von wohlfahrtmindernden
ökologischen Krisen, die in der naturwissenschaftlichen Literatur die zentrale Rolle spielt, ist
für die Sachverständigenräte hingegen nicht sehr wichtig. Das fehlende ökologische
Krisenbewußtsein zeigt sich anschaulich in folgender Aussage:
„Schließlich ist im weiten Sinne auch die Biodiversität eine Art von Kapital, das zur
Produktion von Ökosystemdienstleistungen benötigt wird, um die Bedürfnisse des
Menschen zu befriedigen. Ihre Bewahrung ist wohl für viele wünschenswerte Facetten
der derzeitigen und zukünftigen menschlichen Existenz von Bedeutung, wie die
Sicherstellung der Nahrung, den medizinischen Fortschritt oder für industrielle
Rohstoffe“ (CAE/SVR 2010, S. 27)
Die Sicherstellung der Nahrung ist für die Ökonomen also eine „wünschenswerte Facette
der menschlichen Existenz“, aber keine absolute Notwendigkeit.
Eine Folge des SVR-Konzeptes der ökologischen Nachhaltigkeit ist, dass die gewählten
Indikatoren wenig aussagekräftig sind. CAE/SVR wählen drei Themenfelder r das
Monitoring der ökologischen Nachhaltigkeit: die Treibhausgasemissionen, die Biodiversität
und nicht-erneuerbare Rohstoffe. Bei den Treibhausgasemissionen werden die normalisierte
zeitliche Entwicklung der nationalen Gesamtniveaus und der Emissionen pro Kopf gezeigt. Die
Biodiversität wird durch den Vogelindex gemessen, der den Bestand bei 59 beobachteten
Vogelarten erfasst. Hinsichtlich der Rohstoffe werden die zeitliche Entwicklung der
Rohstoffproduktivität und des Rohstoffverbrauchs pro Kopf ausgewiesen.
Zum Vogelindex schreiben die Sachverständigen:
„Aus ökonomischer Sicht erscheint die Sinnhaftigkeit derartiger Zielgrößen unklar.
Außerdem gibt es keinen klaren Beleg dafür, dass die Zahl von Vögeln
Biodiversität angemessen widerspiegelt Dennoch ist bisher unklar, welche
Beziehung zwischen der Biodiversität, wenn sie auf so einfache Art erfasst wird, und
der großen Bandbreite von Ökosystemdienstleistungen besteht, die das komplexe
Ökosystem bereitstellt. Dennoch haben wir uns entschlossen, diesen Indikator als
vorläufigen Indikator in das Indikatorensystem aufzunehmen“ (CAE/SVR 2010, S.
149, Hervorhebung im Original).
Die Sachverständigen betonen, dass die ökonomische Forschung zur Biodiversität noch
in den Anfängen sei und daher keine operationalen und qunatifizierbaren ökonomischen Maße
verfügbar seien. Sie schreiben:
„Der G8+5-Gipfel der Umweltminister im Jahr 2007 startete die Forschungsinitiative
„The Economics of Ecosystems and Biodiversity“ (TEEB). Der erste Bericht an die
Politiker (TEEB, 2009) blieb aber recht vage und stellt keinen einzigen quantitativen
Indikator vor, der in unser Indikatorensystem als Indikator der Nachhaltigkeit
aufgenommen werden könnte“ (CAE/SVR 2010, S. 150f, Hervorhebung im Original)
Diese Aussage verwundert. Es ist richtig, dass der TEEB-Bericht an die Politiker keine
quantitativen Indikatoren nennt. Jedoch stellt sich die Frage, warum die Sachverständigen nicht
stattdessen den im März 2010 erschienenen TEEB-Arbeitsbericht (TEEB 2010) verwendet
haben, der ein ganzes Kapitel von 47 Seiten allein über Indikatoren enthält. Darin wird zum
Beispiel der Indikator „fish stock outside safe biological limits“ genannt, für den gute EU-Daten
DIE ÖKOLOGISCHE KRISE UND DIE ROLLE DER VOLKWIRTSCHAFTSLEHRE
CURE-DISCUSSION-PAPER NR. 1// 2020 18
vorliegen
7
. Dieser Indikator wird neben dem Vogelindex auch im Bericht der SSFK erwähnt.
Das Niveau der Treibhausgasemission und die Pro-Kopf-Emissionen sagen wenig über
die Nachhaltigkeit in Deutschland und Frankreich aus. Zwar diskutieren die
Sachverständigenräte, dass man diese Größen zu den im Kyoto-Protokoll vereinbarten
Minderungszielen in Beziehung setzen müsste (S. 138), aber die gewählten quantiativen
Indikatoren spiegeln dies nicht wider. Abgesehen davon sind die politisch vereinbarten
Emissionsziele nicht notwendigerweise ein guter Schwellenwert für die Messung der
Nachhaltigkeit. Die Sachverständigen erwähnen das vom WBGU berechnete jährliche Pro-
Kopf-CO2-Budget von 2,7 Tonnen, mit dem es möglich wäre, die Temperaturerwärmung unter
2°C zu halten (S. 139). Es bleibt offen, warum sie die tatsächlichen Emissionen von 11,7
Tonnen pro Kopf und Jahr in Deutschland nicht zu diesem Wert in Beziehung setzen. Die
Verwendung absoluter Werte statt eines relativen Indikators für die Treibhausgasemissionen
erstaunt auch deshalb, weil die Sachverständigenrate für die Messung der finanziellen
Nachhaltigkeit sogenannte „Lücken“ verwenden, mit denen der aktuelle Wert eines Indikators
im Vergleich zum geschätzten nachhaltigen Niveau ausgewiesen wird. Es wäre naheliegend,
diesen Ansatz auch für die Treibhausgasemissionen zu verwenden.
Schließlich zeigt die Verwendung der Rohstoffindikatoren die ökonomische
Interpretation der ökologischen Nachhaltigkeit. Das Problem nicht-erneuerbarer Ressourcen ist
ein ökonomisches, kein ökologisches. Aus Sicht der Ökologie ist es wenig relevant, ob es
weitere abbaubare Bestände eines Stoffes gibt oder nicht. Wenn ein Rohstoff aber wichtig ist
für die Produktion ökonomischen Outputs, bedeutet seine Endlichkeit, dass diese Produktion
irgendwann nicht mehr möglich ist jedenfalls dann, wenn der Rohstoff nicht durch einen
anderen substituiert werden kann. Aus Sicht der Sachverständigenräte bedeutet die nachhaltige
Nutzung solcher Rohstoffe, dass die Bestände möglichst lange genutzt werden bzw. möglichst
sparsam mit ihnen umgegangen wird. Genau dies kommt in den beiden Indikatoren
Rohstoffproduktivität auf der Angebotsseite und Rohstoffverbrauch auf der Nachfrageseite
zum Ausdruck. Auch hier äußern die Sachverständigen selbst Zweifel, wie aussagekräftig diese
Indikatoren sind:
„Trotz unserer grundsätzlichen Zurückhaltung gegenüber diesen Maßen ist deren
Verwendung aber immer noch besser, als einfach von der Vermutung auszugehen,
dass unser derzeitiger Abbau von Ressourcen schlichtweg zu hoch ist, und auf dieser
Basis gewünschte Abbauraten in Relation zu willkürlich gesetzten Schwellenwerten
vorzuschreiben. Im Idealfall erfordern die möglichen Externalitäten, die mit der
derzeitigen Art der Ressourcenausbeutung verbunden sind, ein ausgeklügelteres
Berichtssystem, als es in unser Indikatorensystem eingeht“ (CAE/SVR 2010, S.
147)
Die Ausführungen der ökonomischen Sachverständigenräte zur ökologischen
Nachhaltigkeit stehen in deutlichem Kontrast zur, ja sogar im Widerspruch zur Wahrnehmung
der ökologischen Krise in anderen Wissenschaftsdiziplinen. Wie in Kapitel 2 gezeigt wurde,
präsentieren Naturwissenschaftler immer mehr Evidenz dafür, dass ein erhebliches Risiko
besteht, dass die menschlichen Lebensgrundlagen sehr bald irreversibel zerstört werden
könnten. Die ökonomischen Sachverständigen zeigen hingegen kein solches
Krisenbewusstsein. Sie schreiben:
7
https://www.eea.europa.eu/data-and-maps/indicators/fish-stocks-outside-safe-biological-limits/fish-stocks-
outside-safe-biological-limits
DIE ÖKOLOGISCHE KRISE UND DIE ROLLE DER VOLKWIRTSCHAFTSLEHRE
CURE-DISCUSSION-PAPER NR. 1// 2020 19
„Heute gibt es sicherlich eine breite Übereinstimmung unter Politikern und der
Öffentlichkeit, dass es gut wäre, so früh wie möglich etwas über Entwicklungen zu
wissen, die in Zukunft zu störenden Korrekturen führen könnten. Die
Lebenserfahrung lehrt zwar, dass es oftmals zwei Pfade gibt, die eine Gesellschaft
einschlagen kann; aber dass es in der langen Frist immer möglich ist, den gewählten
Weg noch zu verändern“ (CAE/SVR 2010, S. 10)
Was für Naturwissenschaftler existenzielle Katastrophen sind, sind für die Ökonomen
„störende Korrekturen“. Interessant ist auch, dass die Ökonomen mit „Lebenserfahrung“
argumentieren, während naturwissenschaftliche Expertengruppen wie das IPCC oder die
IPBES Tausende von Quellen mit empirischer Evidenz auswerten. Diese Evidenz legt nahe
entgegen der Lebenserfahrung der Ökonomen , dass bestimmte ökologische Pfade eben nicht
mehr verändert werden können, wenn kritische Grenzen überschritten wurden und es zu
Systemübergängen gekommen ist.
Das Gutachten ist im Hinblick auf die ökologische Nachhaltigkeit sehr defensiv. Die
Sachverständigen verweisen auf ihre fehlende Expertise in ökologischen Fragen:
„Wir sind uns durchaus bewusst, dass die richtige Ausgestaltung all dieser
Indikatoren, insbesondere des Indikators zur Biodiversität, nicht allein von
Ökonomen geleistet werden kann. Unsere Auswahl spiegelt deshalb den derzeitigen,
keinesfalls befriedigenden Stand der Diskussion so gut wie möglich wider. Gegenüber
Anpassungen des Indikatorensystems sind wir offen, sobald die interdisziplinäre
Forschung bessere Maße liefert“ (CAE/SVR 2010, S. 133).
Die Sachverständigenräte verweisen auf einen Mangel in der interdisziplinären
Nachhaltigkeitsforschung. Dies ist aber eher ein Wahrnehmungsproblem der Sachverständigen
als ein tatsächliches Problem. Seit den 1980er Jahren gibt es das Forschungsfeld der
ökologischen Ökonomik mit ihrem Leitjournal Ecological Economics, das 1989 gegründet
wurde. Das Journal ist dezidiert interdisziplinär und veröffentlicht Arbeiten, die Erkenntnisse
aus der ökologischen und der ökonomischen Forschung integrieren. Bis November 2010
veröffentlichte das Journal 69 Bände mit jeweils einer monatlichen Ausgabe, also 828
Ausgaben insgesamt mit ca. 15 Artikeln pro Ausgabe. Von den über 12400 resultierenden
Artikeln zitieren die Sachverständigen in der Expertise genau einen aus dem Jahr 1991. Zwei
relevante, zu dieser Zeit aktuelle Artikel aus Ecological Economics wären z.B. Van de Kerk
und Manuel (2008) oder Nourry (2008) gewesen. Nourry (2008) ist deswegen besonders
interessant, weil dort sowohl ein aggregierter Nachhaltigkeitsindikator als auch ein Dashboard-
Ansatz für nachhaltige Entwicklung für Frankreich vorgestellt werden, was in unmittelbarem
Zusammenhang mit dem Vorhaben von CAE/SVR steht. Wie bereits erwähnt liefert der nicht
beachtete TEEB-Arbeitsbericht eine ausführliche Diskussion von ökologischen
Nachhaltigkeitsindikatoren. Auch der Bericht der SSFK, auf dem die Expertise der
Sachverständigenräte ausdrücklich aufbauen sollte, diskutiert die Messung der ökologischen
Nachhaltigkeit viel ausführlicher und differenzierter als CAE/SVR.
4 JAHRESGUTACHTEN DES SACHVERSTÄNDIGENRATES
In den Jahresgutachten des Sachverständigenrates zeigt sich, welche Bedeutung die
ökologische Krise in der regulären Arbeit des Beratergremiums hat. Für die Auswertung der
Jahresgutachten wird der Zeitraum von 2009 bis zum letzten vorliegenden Gutachten
2019/2020 gewählt. 2009 bietet sich als Startpunkt an, weil in diesem Jahr sowohl der
wegweisende Aufsatz von Rockström et al. (2009a,b) zu den Planetaren Grenzen veröffentlicht
wurde als auch der UN-Klimagipfel von Kopenhagen sehr im Mittelpunkt des öffentlichen
Interesses stand. Man könnte erwarten, dass diese Ereignisse sich auch in den Jahresgutachten
DIE ÖKOLOGISCHE KRISE UND DIE ROLLE DER VOLKWIRTSCHAFTSLEHRE
CURE-DISCUSSION-PAPER NR. 1// 2020 20
des SVR widerspiegeln. Es ist nicht möglich, im Rahmen eines Aufsatzes alle Gutachten seit
2009 detailliert zu besprechen. Daher erfolgt hier eine zusammenfassende Darstellung, die
wiederkehrende Themen aufgreift und somit die allgemeine Einstellung des SVR zur
ökologischen Krise wiedergibt. Insgesamt ergibt sich der Eindruck, dass der SVR 1) kein
Bewusstsein für die ökologische Krise hat, 2) keine Bewusstsein für die Dringlichkeit effektiver
Klimapolitik zeigt und 3) kaum konstruktive Vorschlage zum Umgang mit der ökologische
Krise macht.
4.1 KEIN BEWUSSTSEIN FÜR DIE ÖKOLOGISCHE KRISE
Der SVR betont regelmäßig, wie wichtig es für die Bundesregierung sei, eine
zukunftsorientierte Politik zu betreiben. Dies zeigt sich bereits in den Titeln der Gutachten:
Die Zukunft nicht aufs Spiel setzen (2009/2010)
Gegen eine rückwärtsgewandte Wirtschaftspolitik (2013/2014)
Zukunftsfähigkeit in den Mittelpunkt (2015/2016)
Für eine zukunftsorientierte Wirtschaftspolitik (2017/2018)
Vor wichtigen wirtschaftspolitischen Weichenstellungen (2018/2019)
Den Strukturwandel meistern (2019/2020)
Jedoch wird die ökologische Krise nicht als Gefahr für die Wirtschaft oder die
Bevölkerung gesehen. Das Gutachten 2009/2010 beginnt wie folgt:
„Die neue Bundesregierung wird in den nächsten Jahren mit großen
wirtschaftspolitischen Herausforderungen konfrontiert sein. Konkret muss es darum
gehen,
- eine Exit-Strategie vorzubereiten und umzusetzen, welche die konjunkturelle
Stabilisierung nicht gefährdet, aber die durch die Krise bedingten staatlichen Eingriffe
auf ein normales Maß zurückführt, und
- Zukunftsinvestitionen zu fördern und zu tätigen, die Deutschland auf einen
höheren Wachstumspfad bringen“ (S. 1, Hervorhebung im Original)
Weiter heißt es:
Zentrale Handlungsfelder sind demnach die Finanzpolitik, die nationale und
internationale Finanzmarktordnung, die Bildungs- und Innovationspolitik sowie die
Arbeitsmarkt- und Strukturpolitik“ (S. 1, Hervorhebung im Original).
Die Klimapolitik wird nicht erwähnt, obwohl das Gutachten ca. sechs Wochen vor dem
mit vielen Erwartungen befrachteten Klimagipfel von Kopenhagen erschien. So veröffentlichte
das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung in November ein Memorandum, in dem 60
Nobelpreisträger die Regierungen der Welt aufforderten, sich auf ein tragfähiges
Klimaabkommen zu einigen
8
: „Ein solcher Vertrag müsse dem Ausmaß und der Dringlichkeit
8
https://www.pik-potsdam.de/aktuelles/pressemitteilungen/archiv/2009/60-nobelpreistraeger-kopenhagen-muss-
wende-zur-nachhaltigkeit-bringen
DIE ÖKOLOGISCHE KRISE UND DIE ROLLE DER VOLKWIRTSCHAFTSLEHRE
CURE-DISCUSSION-PAPER NR. 1// 2020 21
der sich bereits heute abzeichnenden sozialen, ökologischen und wirtschaftlichen Krisen
gerecht werden, heißt es in einem entsprechenden Memorandum“. Die Konferenz von
Kopenhagen wird weder im Gutachten 2009/2010 noch im darauffolgenden Gutachten
2010/2011 erwähnt. Im Gutachten 2010/2011 kommt das Wort „Klima“ nicht ein einziges Mal
vor. Im Gutachten 2009/2010 werden Klimawandel und Klimaschutz zwar behandelt, aber
nicht als eigenständige Handlungsfelder für die Politik, sondern als Unterthemen der
Innovationspolitik und der Industriepolitik. Im Abschnitt „Eckfeiler moderner
Innovationspolitik“ heißt es:
„Hinzugekommen ist der Klimawandel, der möglicherweise einen gewissen
Wachstumsverzicht erforderlich macht … Will eine entwickelte Volkswirtschaft diese
Probleme überwinden, so kann das wohl nur im Wege der Forcierung von
Innovationen gelingen … Innovationen sind die Grundlage des technologischen
Fortschritts und damit die wesentliche Treibfeder langfristigen wirtschaftlichen
Wachstums“ (SVR 2009, S. 241, Hervorhebung im Original).
Im Kapitel zur Industriepolitik führt der SVR aus:
„Der Industriepolitik fällt daher die Rolle zu, in der Abwägung der Elemente des
Zieldreiecks die Versorgungssicherheit und die Wirtschaftlichkeit nicht allzu sehr ins
Hintertreffen gegenüber der Umweltverträglichkeit geraten zu lassen genauso wie
es die Verantwortung der Umwelt- und Klimapolitik ist, darauf zu achten, dass die von
ihr angestrengten Maßnahmen wirtschaftliche Effekte nicht völlig aus dem Auge
verlieren“ (SVR 2009, S. 235, Hervorhebung im Original)
Es schließt sich eine längere Erörterung an, warum der SVR das Erneuerbare-Energien-
Gesetz (EEG) für ineffizient und ineffektiv hält (S. 239 241). Als Empfehlung für die
Klimapolitik wird eine internationale Koordination mit dem Ziel international gültiger
Kohlendioxidpreise und flankierender Förderung von Grundlagenforschung zur Erhöhung der
Effizienz des Energieeinsatzes empfohlen (S. 241). Dass die empfohlene internationale
Koordinierung auf dem Gipfel von Kopenhagen scheiterte und welche Konsequenzen daraus
zu ziehen sind, wird im Gutachten 2010/2011 und auch später nicht aufgegriffen.
Im ersten betrachteten Gutachten werden die Leitthemen hinsichtlich der Klimakrisen
und der anderen ökologischen Krisen für das folgende Jahrzehnt bereits gesetzt. Das 2009
intonierte Thema wird in der Folge nur variiert, aber nicht verändert. Das Jahresgutachten
„Zukunftsfähigkeit in den Mittelpunkt“ aus dem Jahr 2015 beginnt so:
„Die Zuspitzung der Krise in Griechenland und die dramatisch zunehmende
Flüchtlingsmigration haben die wirtschaftspolitische Diskussion in diesem Jahr
dominiert. Andere, für die langfristige wirtschaftliche Entwicklung ebenso relevante
Herausforderungen wie der demografische Wandel, die Globalisierung und die
Digitalisierung traten deshalb in den Hintergrund, ohne jedoch ihre Bedeutung
einzubüßen. Das vorliegende Jahresgutachten zeigt Wege auf, wie diese Aufgaben mit
einer an der Zukunftsfähigkeit der deutschen Volkswirtschaft orientierten
Wirtschaftspolitik bewältigt werden können, die sich auf volkswirtschaftliche
Effizienz rückbesinnt“ (SVR 2015, Vorwort).
Wiederum ist die ökologische Krise keine erwähnenswerte relevante Herausforderung
und der Klimaschutz wird aus der Perspektive der mangelnden Effizienz des EEG diskutiert:
„Der Umbau der Energieversorgung in Europa ist ein gemeinschaftliches Projekt von
hohem politischen Stellenwert und Basis einer Vorreiterrolle Europas beim globalen
DIE ÖKOLOGISCHE KRISE UND DIE ROLLE DER VOLKWIRTSCHAFTSLEHRE
CURE-DISCUSSION-PAPER NR. 1// 2020 22
Klimaschutz. Dabei sollte das primäre Ziel sein, Emissionen von Treibhausgasen
zurückzuführen, ohne dabei die Wirtschaftlichkeit aus den Augen zu verlieren. Soll das
System der Energieversorgung wirtschaftlich effizient umgebaut werden, sind
nationale industriepolitische Maßnahmen, wie in Deutschland das Erneuerbare-
Energien-Gesetz (EEG), ungeeignet. Stattdessen sollte die Bundesregierung das
europaweite Handelssystem für Treibhausgasemissionen (EU-ETS) als
gemeinsames Leitinstrument der europäischen Klimaschutzpolitik begreifen. Dazu
muss es auf weitere Wirtschaftsbereiche angewandt und das von ihm ausgehende
Preissignal stabilisiert werden“ (SVR 2015, S. 5, Hervorhebung im Original)
Auch im letzten verfügbaren Gutachten hat sich trotz der heißen Sommer 2018 und 2019
und der Fridays-for-Future-Bewegung nichts grundsätzlich geändert. Das Gutachten „Den
Strukturwandel meistern“ wird wie folgt eingeleitet:
„Zudem bestehen erhebliche Risiken für die weitere Entwicklung. Insbesondere eine
Eskalation der Handelskonflikte würde die exportorientierte deutsche Wirtschaft
empfindlich treffen. Vor dem Hintergrund der verhaltenen konjunkturellen
Aussichten und des Strukturwandels, insbesondere aufgrund des technologischen
Fortschritts im Zuge der Digitalisierung und des notwendigen Aufbruchs in eine neue
Klimapolitik, ist die Wirtschaftspolitik gefordert, das langfristige
Wachstumspotenzial der deutschen Volkswirtschaft zu stärken“ (SVR 2019, Vorwort).
Für den „notwendigen Aufbruch in eine neue Klimapolitik“ werden dabei dieselben
Empfehlungen gegeben wie in den Jahren zuvor: die internationale Koordination der
Klimapolitik mit einer einheitlichen und effizienten CO2-Bepreisung (vgl. S. 8f), die
technologieneutrale Förderung von Grundlagenforschung und Investitionen in Technologien
zur Entnahme von CO2 aus der Atmosphäre (S. 6) und die Reform des als ineffizent und teuer
angesehenen EEGs (S. 39ff).
Über den Klimaschutz hinaus berücksichtigt der SVR die Themen Nachhaltigkeit und
Ökologie nicht. Eine Ausnahme ist das Jahresgutachten 2013/2014 „Gegen eine
rückwärtsgewandte Wirtschaftspolitik“. Dieses enthält ein ganzes Kapitel (Kapitel 12:
Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität), in dem sowohl auf der Bericht der Enquete-
Kommission des Bundestages Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität Wege zum nachhaltigen
Wirtschaften und gesellschaftlichem Fortschritt in der Sozialen Marktwirtschaft als auch die
gemeinsame Expertise von CAE und SVR besprochen werden. Der SVR führt aus, dass es
durch die Wirtschaftskrise zu einer (erneuten) Wachstumsskepsis gekommen sei, woraus die
Forderung nach einem ganzheitlicheren Berichtswesen resultiere. Diese sollte neben der
gesamtwirtschaftlichen Begutachtung auch die soziale und ökologische Nachhaltigkeit
betrachten. Dabei sei diese Forderung für Ökonomen nicht „revolutionär“, da ihnen die Mängel
des Bruttoinlandsprodukcts schon immer präsent gewesen seien (S. 482). Aus Sicht des SVR
ging die gemeinsame CAE/SVR-Expertise über „eine bloße Konkretisierung der Vorstellungen
der Stiglitz-Kommission hinaus, da es den dort vorgesehenen Elementen der ökologischen
Nachhaltigkeit Aspekte der ökonomischen Nachhaltigkeit hinzufügte“ (SVR 2014, S. 483).
Diese Passage ist aufschlussreich, da der SVR es offenbar für ein Verdienst hält, den in
ökologischer Hinsicht viel ausführlicheren Bericht der SSFK durch die Betonung der
ökonomischen Nachhaltigkeit zu ergänzen (oder auch zu verwässern). Ebenfalls
aufschlussreich ist, was der SVR zu den Unterschieden zwischen dem Bericht der Enquete-
Kommission und der CAE/SVR-Expertise schreibt:
„Die konkreten Entscheidungen, welche die Enquete-Kommission bei der Auswahl der
Leitindikatoren der Säule Ökologie getroffen hat, weichen wohl am stärksten von der
DIE ÖKOLOGISCHE KRISE UND DIE ROLLE DER VOLKWIRTSCHAFTSLEHRE
CURE-DISCUSSION-PAPER NR. 1// 2020 23
Vorlage des Indikatorensatzes der Sachverständigenräte ab. Insbesondere wird im
Indikatorensystem W3 der Frage der Ressourcenproduktivität nicht weiter
nachgegangen. Stattdessen sind hier drei Leitindikatoren vorgesehen, die sich am
Konzept der globalen Umweltgrenzen orientieren (Rockström et al., 2009). Im
Einzelnen sollen dabei die Treibhausgas-Emissionen, der Stickstoff-Überschuss und
der Vogelindex als Maß für die Entwicklung der Artenvielfalt jeweils die
nationalen Entwicklungen erfassen“ (S. 488, Hervorhebungen im Original)
Die Enquete-Kommission hat also die Ressourcenindikatoren, die wie in Kapitel 3
argumentiert wird, Indikatoren für ökonomische Nachhaltigkeit sind, durch einen wichtigen
ökologischen Indikator ersetzt, bei dem eine der Planetaren Grenzen ganz klar überschritten ist.
Der SVR kommentiert dies aber nicht weiter.
Im Abschnitt „3 Wachstum, Wohlstand, Lebensqualtität im Jahresgutachten“ - man
beachte das der Begriff Nachhaltigkeit fehlt -, berichtet der SVR, wie er die W3-Indikatoren in
seiner Berichterstattung berücksichtigt, einordnet und kommentiert (S. 488ff). Zu den
ökologischen Indikatoren schreibt der SVR am Ende des Abschnitts:
„Zwar setzt sich das aktuelle Jahresgutachten nicht explizit mit den von der
Enquete-Kommission vorgeschlagenen Indikatoren zur Ökologie auseinander.
Dennoch spielen der Klimawandel und die Klimaschutzpolitik in den im
energiepolitischen Kapitel des aktuellen Jahresgutachtens vorgelegten Diskussionen
zur Umsetzung der Energiewende eine zentrale Rolle“ (SVR 2013/2014, S. 491,
Hervorhebung im Original).
Dabei versäumt er nicht, darauf hinzuweisen, dass es „einer veränderten Energie- und
Umweltpolitik [bedarf], die deutlich mehr auf die Effizienz der dort eingesetzten
wirtschaftspolitischen Instrumente achtet als bislang“ (S. 491, Hervorhebung im Original).
Als Zwischenfazit kann man festhalten, dass der SVR kein Bewußtsein einer
ökologischen Krise mit potenziell katastrophalen Auswirkungen zeigt. An keiner Stelle wird
die Bekämpfung der Krise als zentrale Zukunftsaufgabe angesehen. Mit Blick auf den
Klimaschutz ist für den SVR die vordringliche Aufgabe, die Effizienz der Klimapolitik zu
erhöhen. Andere ökologische Themen als den Klimawandel behandelt der SVR gar nicht.
4.2 KEIN BEWUSSTSEIN FÜR DIE DRINGLICHKEIT EFFEKTIVER
KLIMAPOLITIK
Im Vorwort des Syntheseberichts zum Fünften Sachstandsberichts des IPCC, der 2014
veröffentlicht wurde, findet man eine klare Aufforderung zu schnellem Handeln:
„Jedoch erfordert eine Stabilisierung des Temperaturanstiegs auf unter 2 °C im
Vergleich zum vorindustriellen Niveau eine dringende und fundamentale Abkehr vom
Business-as-Usual. Mehr noch - je länger wir zögern zu handeln, umso mehr Kosten
werden wir zu tragen haben, und umso größer werden die technologischen,
wirtschaftlichen, sozialen und institutionellen Herausforderungen sein, denen wir
gegen überstehen“ (IPCC 2014, S. vii).
Im Text betont der IPCC ebenfalls die Bedeutung schneller Emissionsminderungen:
„Eine Verzögerung zusätzlicher Minderung bis zum Jahr 2030 wird die
Herausforderungen, die mit einer Begrenzung der Erwärmung über das 21.
Jahrundert auf unter 2°C gegenüber dem vorindustriellen Niveau verbunden sind,
DIE ÖKOLOGISCHE KRISE UND DIE ROLLE DER VOLKWIRTSCHAFTSLEHRE
CURE-DISCUSSION-PAPER NR. 1// 2020 24
beträchtlich erhöhen (hohes Vertrauen)“ (IPCC 2014, S. 89).
Leider legt neuere Forschung nahe, dass der Klimawandel noch schneller voranschreitet
als im IPCC-Bericht von 2014 beschrieben. Xu et al. (2018) erwarten, dass eine globale
Temperaturerhöhung von 1,5°C bereits 2030 erreicht wird, weil zuvor der kombinierte Effekt
weiter steigender CO2-Emissionen, verringerter Luftverschmutzung und natürlicher
Klimazyklen unterschätzt wurde. Schwalm et al. (2020) argumentieren, dass die gegenwärtige
Entwicklung der globalen CO2-Emissionen am besten dem negativsten IPCC-Scenario RCP8.5
entsprechen, das bis 2100 zu einem Temperaturansteig zwischen 3.2°C und 5.4°C führen
könnte. Cheng et al. (2019) berichten, dass sich die Ozeane um bis zu 40% schneller erwärmen
als zuvor vom IPCC angenommen wurde. Außerdem gibt es Evidenz, dass die Freisetzung der
Treibhausgase Methan und Lachgas durch das Auftauen von Permafrost schneller abläuft
(Schoolmeester et al. 2019; Wilkerson et al. 2019; Farquharson et al. 2019) und dass große
Gletscher und Eismassen in Grönland schneller schmelzen (Bevis et al. 2019, Zemp et al. 2019).
Für den SVR sind all diese Befunde kein Grund, im Klimawandel ein dringendes Problem zu
sehen. Die zeitliche Dimension des Klimawandels und die kleiner werdenden Zeitfenster, in
denen die Gefahr von irreversiblen Prozessen durch effektive Maßnahmen zur Begrenzung des
Temperaturanstiegs vermindert werden kann, spielen in den Ausführungen des SVR keine
Rolle. Der SVR verhält sich, als ob noch viel Zeit zur Verfügung stünde. Dies wird deutlich an
seinen Ausführungen „rationalen Klimapolitik“ im Gutachten 2011/2012. Dort stellt er den
Klimaschutz als globales Öffentliches Gut dar, bei dem es für alle Staaten einen rationalen
Anreiz zu Trittbrettfahrerverhalten, d.h. zu geringen eigenen Bemühungen um den Klimaschutz
gibt (S. 239 ff). Daraus leitet der SVR zwei politische Handlungsempfehlungen ab. Zum einen
empfiehlt er Maßnahmen zu Anpassung an den Klimawandel, da sich damit der Drohpunkt in
internationalen Klimaverhandlungen verschieben ließe: „Länder, die in
Anpassungsmaßnahmen investieren, verringern ihre Abhängigkeit von
Vermeidungsanstrengungen und verstärken auf diese Weise bei den Verhandlungspartnern die
Anreize, eigene Emissionsminderungen vorzunehmen“ (SVR 2011, S. 242). Zum anderen
könnten „sorgsam dosierte Vorleistungen“ (S. 242) mit Bezug auf Vermeidungsanstrengungen
nützlich sein, um anderen Ländern die Machbarkeit einer umfassenden Energiewende und die
eigene Ernsthaftigkeit zu demonstrieren. „Bei einer fehlenden internationalen Kooperation
lohnen sich eigene Anstrengungen jedoch lediglich bis zu einem Niveau, das deutlich
unterhalb dessen liegt, was bei einem global erfolgreich abgestimmten Vorgehen zur
Begrenzung des Klimawandels optimal wäre“ (S. 242). Obwohl die Klimaverhandlungen von
Kopenhagen 2010 ein Misserfolg waren, schreibt der SVR 2011:
„Für die Zeit bis zum Abschluss eines internationalen Klimaschutzabkommens
bietet sich für die europäische Klimapolitik eine Strategie verhaltener Vorleistungen
an, die erweitert werden sollten, wenn andere Staaten sich ebenfalls zu einer
Emissionsminderung verpflichten“ (SVR 2011, S. 243, Hervorhebung im Original).
Im darauffolgenden Jahr plädiert der SVR für eine stärker marktwirtschaftliche
Gestaltung der Energiewende und argumentiert:
„Bereits dieser Schritt könnte den bislang alles dominierenden, teilweise zügellosen
Ausbau der erneuerbaren Stromerzeugungskapazitäten auf einen besser planbaren
Pfad bringen und der Energiepolitik die nötige Zeit zum Atmen gewähren. Diese Zeit
ist dringend nötig, um den langfristigen institutionellen Rahmen für den Strommarkt
zu schaffen und ein Gesamtkonzept für die Energiewende zu entwickeln, in dem die
künftige Förderstrategie für die erneuerbaren Energien so ausgestaltet ist, dass sie
sich in ein europäisches Gesamtbild einfügt“ (SVR 2012, S. 6, Hervorherbung im
DIE ÖKOLOGISCHE KRISE UND DIE ROLLE DER VOLKWIRTSCHAFTSLEHRE
CURE-DISCUSSION-PAPER NR. 1// 2020 25
Original).
Im Gutachten von 2015/2016 nimmt der SVR keinen Bezug auf den im Vorjahr
erschienenen IPCC-Bericht. Allerdings geht er auf den bevorstehenden Klimagipfel von Paris
ein. In diesem Zusammenhang erkennt der SVR an, dass der hinsichtlich der planetarischen
Belastungsgrenzen „eine der dringendsten Herausforderungen“ (SVR 2015, S. 323) ist. Er
betont, sich die globale Erwärmung nur dann begrenzen lässt, wenn es „eine globale Allianz
zur effektiven Reduktion der Emission von Treibhausgasen“ (S. 323) gibt. Zum Umbau der
Energieversorgung in Europa heißt es dann:
„Vielmehr sollte bei diesem umfassenden und voraussichtlich Jahrzehnte in Anspruch
nehmenden Projekt die wirtschaftliche Effizienz nicht außer Acht gelassen werden.
Denn aus ökonomischer Perspektive stellt dieser Umbau eine Investition dar, mit
erheblichen, bereits heute anfallenden Kosten, die jetzt von Haushalten und
Unternehmen getragen werden müssen, und mit weitgehend unsicheren Erträgen,
die in der Zukunft liegen“ (SVR 2015, S. 323, Hervorhebung im Original).
Der Klimaschutz müsse wirtschaftsverträglich sein, denn die „hohen Kosten der
Emissionsvermeidung [stellen] aus Sicht der Wirtschaft zunächst eine Belastung für
Produktivität und Standortattraktivität dar“ (S. 36, Hervorhebung im Original).
Einen weiteren Beleg dafür, dass der SVR kein Bewußtsein für die Dringlichkeit von
Maßnahmen gegen die ökologische Krise hat, ist seine regelmäßige Forderung der
technologieneutralen Förderung von (Grundlagen-)Forschung. Dies findet man z.B. im
Gutachten 2011/2012:
„Eine wirtschaftspolitische Strategie zur Energiewende sollte zusätzlich eine
intelligente Innovations- und Technologiepolitik imfassen. Sie ist im Hinblick auf das
Ergebnis ihrer Bemühungen ergebnisoffen Vor allem erkennt sie an, dass
Fortschritt selbst bei einem idealen Zuschnitt der Innovationsprozess Zeit braucht. …
Zu fördern ist dabei vor allem der technologieoffene Wettbewerb um wissenschaftliche
Spitzenleistungen, unterstützt durch entsprechende Bemühungen im Bildungsbereich
… Technologieneutralität bedeutet insbesondere, dass die Forschung in Richtung
klimaverträglicherer Nutzung der fossilen Energieträger ausgebaut werden kann“
(SVR 2011, S. 260, Hervorhebung im Original).
Dieselbe Argumentation findet man auch in den Gutachten SVR (2012, S. 279ff), SVR
(2016, S. 28f und 454ff), SVR (2018, S. 72f) und SVR (2019, S. 87ff). Das Ratsmitglied Peter
Bofinger äußerte allerdings mehrfach eine andere Meinung. So verteidigt er im Gutachten
2012/2013 das EEG und ist kritisch gegenüber der von der Ratsmehrheit geforderten
marktwirtschaftlichen Ausrichtung der Energiewende. Dabei erkennt er auch eine
„Notwendigkeit, möglichst rasch den Ausbau erneuerbarer Energien zu fördern“ (S. 295). Im
Gutachten 2018/2019 tritt er für eine staatliche Industriepolitik ein und begründete diese u.a.
durch Koordinationsprobleme und Pfadabhängigkeiten, die von Marktakteuren allein nicht
beseitigt werden können (SVR 2018, S. 77f).
4.3 KAUM KONSTRUKTIVE VORSCHLÄGE ZUM UMGANG MIT DER
ÖKOLOGISCHEN KRISE
Der SVR akzeptiert die politischen Ziele der Emissionsvermeidung und der
Energiewende mit dem Ausbau eneuerbarer Energien. Allerdings tritt er vor allem als Kritiker
der Umsetzung der politischen Ziele auf. Dies zeigt sich bereits im Gutachten 2009/2010 im
DIE ÖKOLOGISCHE KRISE UND DIE ROLLE DER VOLKWIRTSCHAFTSLEHRE
CURE-DISCUSSION-PAPER NR. 1// 2020 26
Kapitel 6 „Industriepolitik: Marktprozesse wirken lassen und Innovationen ermöglichen“. Im
bereits mehrfach angesprochenen Gutachten 2011/2012 bettet der SVR die deutsche
Klimapolitik in den europäischen Kontext ein und kritisiert:
„Durch die gegenwärtige Strategie, die Förderung der erneuerbaren Energien im
alleinigen Zuständigkeitsbereich der Mitgliedsländer zu lassen, wird dieses Ziel
ökonomischer Effizienz jedoch verfehlt. Zum einen bleiben dadurch meteorologische
und topografische Standortvorteile für die Nutzung erneuerbarer Energien
ungenutzt; zum anderen vermengen die Nationalstaaten bei der Förderung
erneuerbarer Energien häufig das reine Ausbauziel mit weiteren industrie- und
technologiepolitischen Zielen, wodurch die Kosten der Förderung ansteigen. Ein
Beispiel hierfür ist das Erneuerbare-Energien-Gesetz in Deutschland“ (SVR 2011, S.
239, Hervorhebung im Original).
Der SVR wird hier normativ und benennt selbst ein Ziel: ökonomische Effizienz. Wie
bereits im Abschnitt 4.1 belegt wurde, misst er die Handlungen der Bundesregierung vor allem
an diesem Ziel und kritisiert die ineffiziente Politik.
Im Einklang mit der Mainstream-Forschungsliteratur (vgl. Nordhaus 2019) sieht der SVR
in einer international einheitlichen Bepreisung von CO2-Emissionen das beste Instrument, um
effizienten Klimaschutz zu betreiben (z.B. SVR 2011, S. 243, SVR 2014, S. 23). Unabhängig
von der Frage, ob dieser Argumentation folgt, muss man feststellen, dass die Empfehlungen
des SVR an die Regierung wenig hilfreich sind. Der SVR fordert regelmäßig, dass
Treibhausgasemission international angemessen bepreist werden sollen, lässt aber offen, wie
dies erreicht werden kann. Im Gutachten 2012/2013 schreibt der SVR:
„Für die Klimaschutzpolitik, die darauf abzielt, die Emissionen an Treibhausgasen
zu reduzieren, ist das geeignete Instrument der (weltweite) Handel mit entsprechenden
Emissionsrechten und die Festlegung einer stetig sinkenden Obergrenze für
(weltweite) Emissionen. Mit dem EU-ETS und damit einer in Europa gültigen
Obergrenze für Treibhausgasemissionen der beteiligten Sektoren, zu denen der
Energiesektor gehört, steht bereits ein in diesem Sinne konzipiertes Instrument zur
Verfügung, das den Ausbau von Stromerzeugungskapazitäten aus erneuerbaren
Energien unterstützen könnte. Verringerte man diese Obergrenze für
Treibhausgasemissionen in den kommenden Jahren stärker als bisher geplant, würde
der Preis für Emissionsrechte vermutlich ansteigen und damit unter anderem der
Anreiz erhöht, in erneuerbare Energien zu investieren. Dieser Schritt setzt allerdings
das Bekenntnis auf europäischer Ebene voraus, das Emissionshandelssystem als
primäres klimapolitisches Instrument zu etablieren und zudem die
Emissionsobergrenzen entsprechend stark abzusenken. Daher sollte die (europäische)
Politik mit aller Anstrengung darauf hinwirken, ein weltweit harmonisiertes
Emissionshandelssystem zu etablieren. Dass dies bislang nicht erreicht wurde, kann
durchaus als (internationales) Politikversagen angesehen werden“ (SVR 2012/2013,
S. 279f, Hervorhebungen im Original).
Ganz ähnlich äußert sich der SVR 2016/2017:
„Beim Klimagipfel von Paris haben sich 195 Staaten auf ambitionierte Klimaziele
verständigt und bis zum Ende des Jahrhunderts netto einen Emissionsausstoß von null
(„Emissionsneutralität“) für alle Sektoren in allen Ländern vereinbart. Dies bestätigt
Deutschland zwar in seinem eigenen Bemühen um den Übergang zu einem
nachhaltigen System der Energieversorgung. Doch eine Energiewende, die primär
DIE ÖKOLOGISCHE KRISE UND DIE ROLLE DER VOLKWIRTSCHAFTSLEHRE
CURE-DISCUSSION-PAPER NR. 1// 2020 27
dem Klimaschutz dienen soll, kann nicht sinnvoll im Alleingang einer einzelnen
Volkswirtschaft betrieben werden. Ohne die Einführung eines globalen
Emissionshandels oder einer globalen CO2-Steuer würde eine glaubwürdige und
volkswirtschaftlich effiziente Strategie fehlen, um die vereinbarten globalen Ziele
tatsächlich zu erreichen. Die Bundesregierung hat auf diese absehbaren
Zielverfehlungen in planwirtschaftlicher Ausrichtung mit verschiedenen
Aktionsprogrammen und -plänen mit über 100 Einzelmaßnahmen reagiert, welche die
Energiewende zwangsläufig immer mehr verteuern werden. Anstelle dieser
Feinsteuerung sollte in den kommenden Jahren die internationale Dimension der
Energiewende in den Vordergrund rücken, verbunden mit einem klaren Bekenntnis der
Bundesregierung zum Europäischen Emissionshandelssystem (EU-ETS) als
Leitinstrument. Insbesondere sollte darauf hingewirkt werden, den Zertifikatehandel
auf den Verkehrssektor, die Privathaushalte und die bisher ausgenommenen
Industrien zu erweitern. Nationale Förderinstrumente und zahlreiche
Subventionstatbestände würden dadurch überflüssig“ (SVR 2016, S. 431,
Hervorhebungen im Original).
Die Position des SVR ist prinzipien-geleitet und wenig pragmatisch. Sie verkennt
politische Realitäten. Natürlich kann man Politikern Versagen vorwerfen, wenn sie es nicht
schaffen, politische Vereinbarungen zu erzielen. Dies hilft aber nicht, das Problem zu lösen.
Die oben zitierten Stellen sind im Kontext der europäischen Ereignisse in diesem Zeitraum zu
sehen. 2012 war die Griechenlandkrise auf ihrem Höhepunkt, und es wurde unter großen
politischen Mühen mit nachhaltigen politischen Schäden das zweite Hilfspaket verabschiedet.
Deutschland nahm dabei eine sehr konfrontative Haltung ein, in dem es z.B. den Vorschlag von
Eurobonds ablehnte und auf strikte Einhaltung des mangelhaften EU-Rahmenwerks pochte.
Mit ihrer kompromisslosen und von vielen als schulmeisterlich empfundenen prinzipien-
orientierten Politik verlor die Bundesregierung in der EU politisches Kapital. 2016 stand unter
dem Eindruck des Brexit-Referendums in Großbritannien und Spannungen zwischen den EU-
Ländern über die Bewältigung der Flüchtlingskrise von 2015. Die zunehmend konflikthaften
Beziehungen zwischen den EU-Staaten lassen die Erfolgsaussichten auf große Durchbrüche bei
einer gemeinsamen EU-Klimapolitik gering erscheinen. Die vielen nationalen
Einzelmaßnahmen der Bundesregierung kann man auch als Versuch sehen, wenigstens im
Rahmen ihrer eigenen Möglichkeiten einen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten, wenn
Fortschritte auf internationaler Ebene schwierig sind.
Das Beharren des SVR auf der theoretischen First-Best-Lösung eines einheitlichen
globalen CO2-Preises wirkt schon fast skurril, wenn im Gutachten 208/2019 die politischen
Realitäten des Jahres 2017 diskutiert werden:
„Im Sommer 2017 hat US-Präsident Trump den Austritt der Vereinigten Staaten aus
dem Klimaabkommen von Paris erklärt. Damit steigt ausgerechnet der nach China
weltweit zweitgrößte Emittent von Treibhausgasen aus dem von 195 Staaten
unterzeichneten Abkommen aus und wirft die Bemühungen um eine globale Lösung
für den Klimaschutz um Jahre zurück. Dies wiegt deswegen besonders schwer, weil
nationale Alleingänge in diesem Bereich volkswirtschaftlich höchst ineffizient sind und
ein globales Vorgehen letztlich unverzichtbar ist … Statt nationaler Energiewenden
und Aktionsprogramme wäre die Festlegung auf einen einheitlichen globalen CO2-
Preis als Leitinstrument wirksamer, was bereits seit einiger Zeit von vielen
Institutionen gefordert wird … Die Schwierigkeiten bei der internationalen
Koordination können nicht rechtfertigen, dass die deutsche Politik sich auf nationale
Maßnahmen konzentriert, statt ihre Koordinationsbemühungen zu verstärken.
Cramton et al. (2017) zeigen Wege der internationalen Kooperation über einen CO2-
DIE ÖKOLOGISCHE KRISE UND DIE ROLLE DER VOLKWIRTSCHAFTSLEHRE
CURE-DISCUSSION-PAPER NR. 1// 2020 28
Preis und Möglichkeiten der gemeinsamen Verpflichtung unterschiedlicher Staaten
auf. So könnte, den grundsätzlichen Willen der Staatengemeinschaft zum
Klimaschutz vorausgesetzt, etwa ein gemeinsam gewählter globaler Preis, der
national mit unterschiedlichen Systemen also etwa Steuern oder Marktsystemen
erreicht werden kann und deren Einnahmen national verbleiben, in Kombination mit
einem Fonds zur Förderung von ärmeren Staaten, die Koordination erleichtern
(MacKay et al., 2015)“ (SVR 2018, S. 20f, Hervorhebungen im Original).
Es ist eine Herausforderung, angemessen umzusetzen, wie der Sachverständigenrat die
Regierung bei ihrer Tätigkeit unterstützen kann und soll. Das Gesetz schreibt folgendes vor:
„Bei der Untersuchung sollen jeweils verschiedene Annahmen zugrunde gelegt und
deren unterschiedliche Wirkungen dargestellt und beurteilt werden. Der
Sachverständigenrat soll Fehlentwicklungen und Möglichkeiten zu deren
Vermeidung oder deren Beseitigung aufzeigen, jedoch keine Empfehlungen für
bestimmte wirtschafts- und sozialpolitische Maßnahmen aussprechen“ (GSVR, §2).
Der Sachverständigenrat ist regelmäßig mit der schwierigen Frage konfrontiert, wo die
Grenze zwischen der geforderten Beurteilung der Wirkungen verschiedener Annahmen und
dem Aufzeigen von Möglichkeiten der Beseitigung von Fehlentwicklungen einerseits und der
untersagen Empfehlung bestimmter Maßnahmen andererseits liegt. Man kann argumentieren,
dass die geforderte Zurückhaltung bei Empfehlungen in der Praxis schwer umzusetzen ist, wenn
eine Beurteilung von Alternativen erfolgen soll. Eine negative Beurteilung einer Maßnahme
legt immer eine Ablehnung nahe und eine positive Empfehlung impliziert zumindest indirekt
eine Empfehlung. Wie aus den Zitaten auf in den vorhergehenden Seiten ersichtlich ist, scheut
sich der SVR nicht, der Regierung klare Handlungsanweisungen zu geben. Was man vom
Sachverständigenrat vor dem Hintergrund der gesetzlichen Regelung auf jeden Fall erwarten
muss, ist, dass er verschiedene Möglichkeiten zur Lösung von Problemen aufzeigt. Der SVR
diagnostiziert selbst, dass freiwillige internationale Vereinbarungen zum Klimaschutz wenig
bringen. Nordhaus (2019) diskutiert dieses Problem ebenfalls. Als Lösung schlägt er
sogenannte Klimaclubs vor, d.h. Koalitionen von Ländern, die bereit sind,
Klimaschutzmaßnahmen zu ergreifen und andere Staaten, die sich nicht beteiligen,
sanktionieren. Handelssanktionen oder Klimazölle könnten eine entsprechende Maßnahme
sein. Nordhaus diskutierte diese Idee bereits ausführlich in einem Aufsatz im American
Economic Review im Jahr 2015 (Nordhaus 2015). Andere Autoren setzten sich bereits früher
mit der Frage von CO2-Zöllen auseinander, z.B. Gros et al. (2010) und Nartova und Shingal
(2014), und halten sie für ein probates Mittel, um Fortschritte beim globalen Klimaschutz zu
erreichen. Der SVR stellt diese Möglichkeit aber im Jahresgutachten selbst nicht vor.
Allerdings enthält das Jahresgutachten 2019/2020 als Anhang das Sondergutachten zur
Klimapolitik, das im nächsten Kapitel diskutiert wird. Dort behandelt der SVR auch die Idee
der Klimaclubs, sieht sie aber kritisch.
Insgesamt lässt sich festhalten, dass der SVR in seinen Jahresgutachten seit 2009 klar die
Rolle eines Kritikers der Klimapolitik der Bundesregierung eingenommen hat. Dabei orientiert
er sich sehr an theoretischen Idealvorstellungen, wie eine gute Politik auszusehen hat, und
postuliert Effizenz dabei als übergeordnetes Kriterium. Politit-ökonomische Erwägungen, wie
man die gewünschten Effizienzsteigerungen oder auch eine höhere Effektivität des
Klimaschutzes erreichen könnten, werden nachrangig behandelt. Der SVR fordert die
Regierung auf, sich für eine international einheitliche CO2-Bepreisung als anzustrebendes
Instrument einzusetzen, überlässt es aber weitgehend der Regierung herauszufinden, wie dieses
Ziel erreicht werden könnte.
DIE ÖKOLOGISCHE KRISE UND DIE ROLLE DER VOLKWIRTSCHAFTSLEHRE
CURE-DISCUSSION-PAPER NR. 1// 2020 29
5 SONDERGUTACHTEN DES SVR ZUR KLIMAPOLITIK
Vor dem Hintergrund der Friday-for-Future-Proteste, aber auch der Gelbwesten-Proteste
in Frankreich gegen eine Erhöhung von Umweltsteuern erbat die Bundesregierung am 20. Juni
2019 vom SVR ein Sondergutachten zur Bepreisung von CO2 und zu Reformoptionen in der
Klimapolitik. Der SVR schloss das gewünschte Sondergutachten am 5.7.2019 ab und
veröffentlichte es eine Woche später. Es überrascht wenig, dass der SVR innerhalb der zwei
Wochen, in denen das Sondergutachten erstellt wurde, seine eigene Haltung zur Klimapolitik
der vorhergehnden zehn Jahre nicht grundsätzlich änderte. Dies kommt im Fazit der
Kurzzusammenfassung zum Ausdruck:
„Die aktuelle Debatte bietet die historische Chance, die deutsche Klimapolitik von
einer kleinteiligen, teuren und ineffizienten Vorgehensweise auf ein System
umzustellen, in dessen Zentrum die Bepreisung von Treibhausgasemissionen steht. Für
eine Eindämmung der Erderwärmung ist ein globales Vorgehen unabdingbar, für das
eine neu aufgestellte Klimapolitik einen wertvollen Baustein darstellen kann. Doch
selbst wenn dies mittelfristig nicht gelänge, hätte Deutschland durch diese
Umstellung die Möglichkeit, Emissionsminderungen mit niedrigeren Kosten zu
erreichen. Von Europa und Deutschland kann nur dann eine Vorbildfunktion
ausgehen, wenn sich Emissionsminderungen mit wachsendem Wohlstand und
gesellschaftlicher Akzeptanz verbinden lassen“ (SVR 2019, S. 8, Hervorhebung im
Original).
Die Argumentation des Sondergutachtens im Detail zu wiederholen, ist hier nicht
erforderlich, da sie im Kapitel 4 bereits vorgestellt wurde. Drei Aspekte sind allerdings
erwähnenswert, da sie gegenüber den Jahresgutachten neu sind.
Erstens diskutiert der SVR explizit ordnungsrechtliche Maßnahmen zur
Emissionsreduktion. Die Regierung könnte durch das Ordnungsrecht gesetzliche Auflagen zur
Emissionsminderung bzw. im Straßenverkehr oder im Wohnsektor erlassen und damit eine
CO2-Emissionsreduktion strafbewehrt erzwingen. Der SVR macht ganz deutlich, dass er diese
Option auf Grund ihrer Ineffizienz ablehnt und marktbasierte Optionen bevorzugt. Die
bevozugte Option ist die Einbeziehung zusätzlicher Sektoren in der Emissionszertifikatesystem
der EU. Als einzigen Nachteil sieht der SVR dabei, dass nur eine mittelfristige politische
Umsetzbarkeit gegeben ist, da dafür EU-Verhandlungen notwendig sind (SVR 2019, S. 62).
Die Vor- und Nachteile eines separaten deutschen Emissionshandelssystems und einer
deutschen CO2-Steuer für Sektoren, die nicht vom EU-Emissionshandelssystem erfasst sind,
halten sich für den SVR in etwa die Waage. Das Ordnungsrecht ist für den SVR so klar durch
die anderen Optionen dominiert, dass er es in der Übersichtstabelle, die die Optionen anhand
verschiedener Kriterien bewertet, nur als „nachrichtlich“ führt und somit zeigt, dass es gar keine
ernstzunehmende Option sein kann (S. 62). Der einzige Vorteil des Ordnungsrechtes besteht
für den SVR darin, dass es kurzfristig national umsetzbar wäre. Der SVR hält es aber nicht für
nötig, diesen Aspekt außerhalb der Tabelle zu erwähnen. Damit bestätigt sich der Eindruck aus
Kapitel 4.2, dass für den SVR nicht wichtig ist, dass schnell effektive Maßnahmen zum
Klimaschutz ergriffen werden.
Der zweite neue Aspekt des Sondergutachtens ist, dass sich der SVR viel detaillierter mit
den Folgen des Klimawandels auseinandersetzt als zuvor und auf die Berichte des IPCC
verweist. So erkennt der SVR die vielfältigen möglichen Auswirkungen des Klimawandels
ausdrücklich an:
„Der globale Klimawandel hat erhebliche Auswirkungen auf den Einzelnen und
die Gesellschaft. So haben die klimatischen Veränderungen unter anderem Einfluss
auf die menschliche Gesundheit, die biologische Vielfalt und die Landwirtschaft.
DIE ÖKOLOGISCHE KRISE UND DIE ROLLE DER VOLKWIRTSCHAFTSLEHRE
CURE-DISCUSSION-PAPER NR. 1// 2020 30
Zudem können sie ein Auslöser für massive Wanderungsbewegungen und gewaltsame
Konflikte sein. Die von ihnen auf diese Weise verursachten ökonomischen Kosten
sind regional sehr unterschiedlich. Die konkrete Vorhersage ist dabei mit großer
Unsicherheit behaftet. Die Kosten dürften aber erheblich sein, insbesondere ohne
klimapolitische Gegenmaßnahmen und bei Eintreten der besonders adversen
Szenarien. Solche Szenarien lassen sich aber typischerweise erst erkennen, wenn
es aufgrund der Trägheit der Prozesse für ihre Abwendung zu spät ist. Es ist demnach
im Sinne eines rationalen ökonomischen Vorgehens optimal, wenn sich ein
Industrieland wie Deutschland an einer globalen Strategie zur Abmilderung des
Klimawandels aktiv beteiligt“ (SVR 2019, S. 10, Hervorhebungen im Original).
Der SVR betont hier wie auch später mehrfach (vgl. S. 15, 16, 17, 20, 21, 22, 23, 59, 60),
dass die die Vorhersagen über die Folgen und Kosten der Klimaszenarien mit hoher
Unsicherheit verbunden sind. Außerdem betrachtet der SVR die Konsequenzen des
Klimawandels im Einklang mit der neoklassischen Klimaökonomik in der Tradition von
Nordhaus unter Kostenaspekten.
„In Literaturüberblicken präsentieren Tol (2018) sowie Nordhaus und Moffat
(2017) Schätzwerte für die langfristigen Auswirkungen klimatischer Veränderungen
auf die globale Wohlfahrt. Eine Erwärmung um 2 bis maximal 3 Grad dürfte demnach
einen Niveaueffekt zwischen 3,6 % und +0,1 % auf das globale Einkommen im
Vergleich zu einem Basisszenario ohne Erwärmung haben. Bei einer Erwärmung
von über 3 bis maximal 4 Grad liegen die Schätzwerte zwischen 17,8 % und +0,9 %.
Dabei verdeckt die Darstellung einer einzigen Schätzung je Studie die noch höhere
Unsicherheit, die sich aus der Unsicherheit innerhalb einer jeden Studie ergibt“
(SVR 2019, S. 20, Hervorhebung im Original).
Der Sachverständigenrat erkennt an, dass durch das Überschreiten von Kipppunkten
durch Nichtlinearitäten zu weit höheren Effekten kommen kann:
„So kommen etwa Burke et al. (2015) bei Einbeziehung von nicht-linearen Effekten
auf einen 2,5- bis 100-mal stärkeren Rückgang des BIP für Szenarien mit einem
Temperaturanstieg von 2 Grad als bei Beachtung von lediglich linearen Effekten. Bei
einer Erwärmung um 4 Grad schätzen sie ein um 23 % niedrigeres weltweites BIP im
Jahr 2100 als das projizierte Niveau der Wirtschaftsleistung im Basisszenario“ (SVR
2019, S. 20; Hervorhebung im Original)
Dies rechtfertige den Einsatz ökonomischer Ressourcen zur Abwendung des
Klimawandels als Versicherung gegen katastrophale Ereignisse (S. 21). Auch erwähnt der
SVR, dass es durch Klimaveränderungen weltweite Migration, gewaltsame Konflikte, „Effekte
auf die Tier- und Pflanzenwelt, auf die Biodiversität sowie soziale oder gesundheitliche
Auswirkungen“ (S. 21) geben kann. Die Effekte dazu seien aber äußerst unsicher, schwer
monetär zu bewerten und fänden in den Klimamodellen nur begrenzt Eingang (S. 21).
Auch wenn der SVR diese Effekte und Risiken erwähnt, zieht er daraus nicht die
Schlussfolgerung, dass schnelles und entschlossenes Handeln geboten wäre. Zwar werden
weitere Studien zitiert, die Risiken sehen, aber insgesamt entsteht der Eindruck, als mache sich
der SVR eine eher optimistische Sicht zu eigen:
„Nordhaus (2019) geht davon aus, dass die meisten Industriestaaten hingegen in der
Lage sein werden, sich zu vergleichsweise geringen Kosten zumindest über die
nächsten Jahrzehnte an den Klimawandel anzupassen. … Für die Industriestaaten
DIE ÖKOLOGISCHE KRISE UND DIE ROLLE DER VOLKWIRTSCHAFTSLEHRE
CURE-DISCUSSION-PAPER NR. 1// 2020 31
dürften die unmittelbaren ökonomischen Kosten durch die klimatischen
Veränderungen daher mittelfristig recht gering bleiben. So geht die OECD
(2015) davon aus, dass etwa für die Gruppe der vier größten EU-Mitgliedstaaten bis
zum Jahr 2060 aus dem Klimawandel nur geringe negative Einflüsse auf die Höhe des
BIP entstehen werden“ (SVR 2019, S. 23, Hervorhebung im Orginal).
Der letzte neue Aspekt des Sondergutachtens ist, dass sich der SVR mit der Frage
auseinandersetzt, wie der geforderten internationalen Preis auf Treibhausgase erreicht werden
könnte. Ähnlich wie im Gutachten von 2011/2012 befürchtet er, dass eine nationale
Vorreiterrolle beim Klimaschutz den Anreiz anderer Länder für eigene Maßnahmen vermindert
(S. 25f). Statt dessen empfiehlt er die Einnahme einer „Vorbildfunktion“, die zeigt, dass eine
hochentwickelte Volkswirtschaft die internationalen Ziele effizient und ohne größere
gesellschaftlichen Verwerfungen erreichen kann. Den Vorschlag von Nordhaus Klimaclubs zu
gründen, die andere Staaten gegebenfalls sanktionieren, lehnt er ab:
„Vielfach wird zur Durchsetzung ambitionierter internationaler Vereinbarungen
die Erhebung allgemeiner Zölle auf Importe aus Staaten diskutiert, die am
internationalen Vorgehen nicht teilnehmen. Nordhaus (2015) zeigt, dass relativ
niedrige einheitliche Zölle auf Nicht-Mitglieder eines „Climate Club“ zu einer
großen Koalition mit hohen Zielen für die Emissionsreduktion führen können.
Diese allgemeine Zollerhöhung, die von einem Grenzausgleich. zu unterscheiden ist,
wäre für einen offenen Wirtschaftsraum wie die EU und Deutschland jedoch mit
hohen Risiken verbunden und ist daher nicht ratsam. Zölle würden die Gefahr
einer Eskalation des Protektionismus im Welthandel erhöhen und dem
arbeitsteiligen weltweiten Wirtschaftssystem entgegenstehen“ (SVR 2019, S. 27f,
Hervorhebung im Original)
Der SVR nimmt hier also eine sehr pauschale, nicht durch Evidenz untermauerte
Risikoabwägung vor zwischen den Risiken den ungebremsten Klimawandels und dem Risiko
von Handelsbeschränkungen und kommt implizit zu dem Ergebnis, dass das Risiko durch
Handelsbeschränkungen das größere ist. Dies ist ein sehr weitreichendes Ergebnis, dessen
Grundlage nicht ausgeführt wird.
Statt dessen schlägt der SVR den entgegengesetzten Weg vor, positive Anreize für andere
Länder zu setzen:
„Wollen Deutschland und die EU das Zustandekommen eines ambitionierten und an
einem Preis orientierten globalen Vorgehens zusätzlich befördern, könnten sie
neben der Stärkung ihrer Verhandlungsposition durch Adaptionsmaßnahmen und das
Einfordern von Reziprozität die Teilnahme mit zusätzlichen finanziellen Anreizen
verknüpfen. Diese könnten etwa der Zugang zum gemeinsamen Markt oder zu den
Transfers aus einem Klimafonds sein. Gegenüber entwickelten Volkswirtschaften
könnte eine adäquate CO2-Bepreisung Teil der Verhandlungen von
Freihandelsabkommen sein“ (SVR. 2019, S. 27, Hervorhebung im Original).
Man muss festhalten, dass der SVR in diesem Sondergutachten eine differenziertere Sicht
auf den Klimawandel hat an in den meisten Jahresgutachten. Zudem setzt er sich konstruktiver
mit den Handlungsoptionen der Bundesregierung auseinander, was aber auch der von der
Regierung erteilte Auftrag war. Insgesamt entsteht jedoch nicht der Eindruck, dass sich die
Welt oder gar Deutschland in einer ernstzunehmenden Klimakrise befindet, die entschlossene
und schnelle Gegenmaßnahmen dringend erforderlich machten. Dies steht im deutlichen
Kontrast, zum Sonderbericht des IPCC zum 1,5-Grad-Ziel, in dem mehrfach von dringendem
DIE ÖKOLOGISCHE KRISE UND DIE ROLLE DER VOLKWIRTSCHAFTSLEHRE
CURE-DISCUSSION-PAPER NR. 1// 2020 32
Handlungsbedarf („urgent action“) die Rede ist (z.B. IPCC 2018, S. 95).
6 BEITRAG DER ÖKONOMEN ZUM ÖKOLOGISCHEN DISKURS
In diesem Kapitel wird begründet, warum die Vernachlässigung der ökologischen Krise
durch den ökonomischen Mainstream ein Problem ist. Die ökologische Krise ist in zweierlei
Hinsicht ein ökonomisches Thema. Zum einen betrifft sie die Wohlfahrt der Menschen, da sie
Leben, Gesundheit und die Versorgung mit Gütern bedroht. Da sich die Volkswirtschaftlehre
als Wissenschaft versteht, die sich mit der Wohlfahrt der Menschen befasst und die
Wirtschaftspolitik regelmäßig danach beurteilt, welche Wohlfahrtswirkungen sie hat, sollte sie
sich mit der ökologischen Krise beschäftigen. Zum anderen und das ist wohl der wichtigere
Punkt sind ökonomische Aktivitäten die Ursache der ökologischen Krise. Die menschliche
Zerstörung und Beeinträchtigung der Umwelt hat immer einen ökonomischen Kern. Wenn die
Volkswirtschaftslehre dies nicht anerkennt, leistet sie keinen Beitrag zu Bekämpfung der Krise.
Alle zentralen Themen der Volkswirtschaftlehre haben ökologische Implikationen: Produktion,
Konsum, Güterhandel. Ökonomische Lehrbücher bilden dies aber nicht ab. Die üblichen
Produktionsfaktoren sind Arbeit, physisches Kapitel, Technologie und in manchen Fällen
Humankapital, aber natürliches Kapital, Rohstoffe und Energie werden selten behandelt. Das
zweite Kapitel „Produktivität: Wachstumsbedingungen verbessern“ des SVR-Gutachtens
2019/2020 belegt diese Vernachlässigung anschaulich. Bei der Behandlung des Konsums
konzentrieren sich Lehrbücher meist auf produzierte, marktgehandelte Güter und
vernachlässigen Naturgüter. Ebenso werden die Nebeneffekte des Konsums meist
ausgeblendet, abgesehen von externen Effekten, die aber als direkte Effekte auf den Nutzen
anderer Konsumenten definiert sind, nicht aber als physische Auswirkungen auf Ökosysteme.
Schließlich ist auch der Handel mit ökologischen Effekten verbunden. Auch diese Thema wird
meist ausgeblendet. Der SVR demonstriert dies im Jahresgutachten 2017/2018 im Kapitel 7
„Protektionismus verhindern, Strukturwandel unterstützen“, indem er schreibt:
„Dieses Kapitel konzentriert sich auf die ökonomischen Wirkungen einer verstärkten
Handelsintegration. Doch die ökologischen Wirkungen dürften durchaus relevant
sein, etwa aufgrund einer Verlagerung von mit Rohstoff- und Umweltverbrauch
einhergehender Produktion aus den wohlhabenderen Volkswirtschaften in Länder mit
geringen Umweltstandards. Die ökonomische Analyse verdeutlicht, wie hoch die
Wohlfahrtsverluste ausfielen, würde man derartige ökologische Wirkkungen schon im
Ansatz durch einen Verzicht auf internationale Integration des Handels zu vermeiden
versuchen. Die bessere Antwort auf etwaige Zielkonflikte zwischen ökonomischen und
ökologischen Wirkungen liegt ohnehin nicht in einem solchen Verzicht, sondern in der
konsequenten Festlegung eines globalen Preises für externe Effekte“ (SVR 2017, S.
317f, Hervorhebung im Original).
Der SVR weiß also um die ökologischen Probleme, klammert sie aber bewusst aus der
Diskussion des Themas Handel aus. Damit nimmt er eine Prioritätensetzung vor und vermeidet
eine explizite Abwägung von Vorteilen und Kosten des Handels. Letztlich vermeidet der SVR
an dieser Stelle wie auch bei der Diskussion des ökonomischen Wachstums die fundamentale
Frage, ob ökonomische Expansion nicht notwendigerweise zu Lasten der Ökologie geht und
damit langfristig die Basis ökonomischer Aktivitäten untergräbt. Es ist die Frage der
Nachhaltigkeit ökonomischer Aktivitäten, der ausgewichen wird. Wenn sie doch gestellt wird,
beantwortet sie der SVR im Einklang mit der Mainstreamposition, dass das ökonomische
Wachstum nicht grundsätzlich in Frage gestellt werden kann, sondern „intelligent“ oder „grün“
oder „nachhaltig“ sein muss (vgl. Kapitel 3). Dies muss und kann durch bessere Technologie
erreicht werden.
DIE ÖKOLOGISCHE KRISE UND DIE ROLLE DER VOLKWIRTSCHAFTSLEHRE
CURE-DISCUSSION-PAPER NR. 1// 2020 33
Man kann jedoch noch einen Schritt weitergehen bei der Beurteilung des ökonomischen
Beitrags zu Debatte um die ökologische Krise. Demnach verhält sich die Disziplin nicht nur
passiv, indem sie die ökologische Krise weitgehend ignoriert. Man kann auch die Position
vertreten, dass die ökonomischen Argumente Fortschritte bei der Bewältigung der Krise aktiv
behindern.
Lamb et al. (2020) analysierten öffentliche Diskurse in Deutschland, Großbritannien,
Norwegen und den USA über Maßnahmen zum Klimaschutz. Aus Medienquellen erstellten sie
eine Typologie von Diskursmustern, die den Klimaschutz verzögern. Dabei identifizierten sie
vier Grundmuster der Verzögerung:
1) Umleitung von Verantwortung: jemand anderes sollte zuerst Maßnahmen ergreifen.
2) Forcieren nicht-transformativer Lösungen: disruptiver Wandel ist nicht notwendig.
3) Betonung der Nachteile: Veränderungen werden disruptiv sein.
4) Kapitulation: es ist nicht möglich, den Klimawandel zu mildern.
Diese vier Grundmuster werden in zwölf Argumente weiter unterteilt. Mindestens sechs
dieser Argumente lassen sich auch die den hier analysierten Gutachten des SVR finden, wie
nachfolgend gezeigt wird. Dabei gehören zwei (Whataboutism, Trittbrettfahrerausrede) zum
ersten Grundmuster, zwei zum zweiten Grundmuster (Technologieoptimismus, Keine-
Peitsche-nur-Zuckerbrot) und zwei zum dritten (Politikperfektionismus und Appell an soziale
Gerechtigkeit). Das vierte Grundmuster verwendet der SVR nicht.
Das erste Argument ist Whataboutism: Our carbon footprint is trivial compared to […].
Therefore it makes not sense for us to take action, at least until […] does so“. Dieses Argument
findet man z.B. im Sondergutachten zum Klimaschutz: „Deutschland und die Europäische
Union (EU) können selbst bei vollständiger Rückführung ihrer Treibhausgasemissionen
nur einen sehr kleinen direkten Beitrag zur Eindämmung der Erderwärmung leisten“ (SVR
2019, S. 2). In diesem Kontext präsentiert eine Graphik, die die CO2-Emissionen in
ausgewählten Ländern, z.B. China und die USA, zeigt und verweist auf die Notwendigkeit
global koordinierten, gemeinsamen Vorgehens.
Das zweite Argument ist die Trittbrettfahrer-Ausrede, nach der andere keinen Absicht
haben, selbst ihre Emissionen zu verringern und von den eigenen Anstrengungen profitieren.
Wie bereits zuvor diskutiert, bringt der SVR dieses Argument explizit im Jahresgutachten
2011/2012 und im Sondergutachten (z.B. SVR 2019, S. 15).
Technologieoptimismus findet man zum Beispiel im Sondergutachten: „Um die
langfristigen Klimaziele zu erreichen, die eine weitgehende Vermeidung von
Treibhausgasemissionen vorsehen, ist vor allem die Entwicklung neuer Technologien von
großer Bedeutung“ (SVR 2019, S. 105). Nach Lamb et al. (2020) lautet das zugehörige
Argumentationsmuster: „Wir sollten unsere Anstrengungen auf gegenwärtige und zukünftige
Technologien konzentrieren, wodurch große Möglichkeiten freigesetzt werden, den
Klimawandel zu bekämpfen“.
Keine-Peitsche-nur-Zuckerbrot (no stick, just carrots) ist ein Argument gegen
transformative Lösungen und besagt, dass die Gesellschaft nur auf unterstützende und und
freiwillige Politiken reagiert. Restriktive Maßnahmen würden scheitern und sollten vermieden
werden. Der SVR verwendet ein ähnliches Muster, indem er auf die Ineffizienz von
Zwangsmaßnahmen verweist, z.B. bei der bereits erwähnten Ablehnung des Ordnungsrechts
oder von Klimazöllen im Sondergutachten (vgl. Kapitel 5).
Das Argument des Politikperfektionismus sagt, dass nur perfekt ausgearbeitete
Lösungen angestrebt werden sollen. Andernfalls käme es zu Ressourcenverschwendung und
dem Verlust von öffentlicher Akzeptanz. Der SVR verwendet dieses Argument immer wieder,
wenn er das EEG kritisiert. Auch das Streben nach der theoretischen First-Best-Lösung eines
einheitlichen globalen Preises auf Treibhausgase folgt diesem Muster.
DIE ÖKOLOGISCHE KRISE UND DIE ROLLE DER VOLKWIRTSCHAFTSLEHRE
CURE-DISCUSSION-PAPER NR. 1// 2020 34
Schließlich verwendet der SVR auch das Argument der sozialen Gerechtigkeit, bei dem
vor allem die hohen Kosten des Klimaschutzes betont werden. Es ist nicht so, dass der SVR
den Klimaschutz aus Kostengründen grundsätzlich in Frage stellen würde. Vielmehr wird vor
allem das EEG dafür verantwortlich gemacht, dass „die mit dieser Förderung verbundenen
Kosten förmlich explodiert“ (SVR 2016, S. 448) seien. Dieser Kostenanstieg schade der
gesellschaftlichen Akzeptanz der Energiewende (z.B. SVR 2016, S.443).
Lamb et al. (2020) erörtern, dass die verschiedenen Argumente oft miteinander
kombiniert werden und sehr überzeugend sein können, insbesondere weil sie richtige Elemente
enthalten und durchaus in guter Absicht vorgebracht werden. Dennoch tragen sie dazu bei,
effektiven und vor allem schnellen Klimaschutz zu verhindern. Besonders bedenklich ist, dass
diese Argumentationsmuster auch von Interessengruppen verwendet werden, die keinen
Klimaschutz wollen. Eine direkte Leugnung des anthropogenen Klimawandels ist angesichts
der klaren Evidenz nicht mehr möglich, so dass sich die Argumentationsmuster der Gegner
effektiver Klimapolitik in Richtung einer Verzögerungstaktik weiterentwickelt haben. Indem
der SVR dieselben Argumente verwendet, wertet er die Klimaschutzgegner auf und gibt ihren
Positionen wissenschaftliche Legitimität.
Die Volkswirtschaftlehre wird oft als die Sozialwissenschaft mit dem größten politischen
Einfluss angesehen. Hirschman und Berman (2014) legen dar, dass Ökonomen politischen
Einfluss auf Grund ihrer professionellen Autorität, ihrer institutionellen Positionen und der von
ihnen bereitgestellten „kognitiven Infrastruktur“ haben. Die Politikwissenschaft betont, dass
alle Politik letztlich das Ergebnis von Ideen und Diskursen ist (Schmidt 2008). Ökonomen
liefern solche Ideen und prägen Diskurse u.a. durch ihren „Denkstil“ (style of reasoning), der
Konzepte wie Anreize, Wachstum, Effizienz und Externalitäten bereitsstellt. Daraus ergeben
sich auch ökonomische Ansätze, wie man Probleme löst, z.B. durch die Setzung von Anreizen,
Kosten-Nutzen-Überlegungen und Quantifizierung. Ihren Einfluss haben Ökonomen auch
dadurch, dass dieser Denkstil wenigstens ansatzweise von anderen Disziplinen und von
ökonomischen Laien übernommen wird. Nach Hirschman und Berman (2014) ist der Einfluss
von Ökonomen auf die Politik besonders groß, wenn es um eher technische Fragen und die
Wahl der richtigen Instrumente zur Erreichung politischer Ziele geht. Die Diskussion der
deutschen Klima- und Energiepolitik durch den SVR bewegt sich scheinbar auf einer
technischen Ebene. Der SVR wird nicht müde, das EEG und den „planwirtschaftlichen Ansatz“
zu kritisieren und eine globale Emissionsbepreisung und technologieneutrale
Forschungsförderung als überlegene Instrumente darzustellen. Mit Verweis auf soziologische
Forschung argumentieren Hirschman und Berman (2014), dass auf diese Weise technische
Autorität in moralische Autorität verwandelt wird und die Empfehlung bestimmter Instrumente
normative, politische und kognitive Auswirkungen hat, die aber hinter den technischen
Argumenten verborgen bleiben.
Dies lässt sich gut zeigen an der ökonomischen Betrachtung des Klimawandels aus einer
Kostenperspektive. Wie in Kapitel 5 gezeigt beruft sich der SVR im Sondergutachten u.a. auf
Nordhaus, wonach eine Erwärmung zwischen 2 und 3 Grad „einen Niveaueffekt zwischen –3,6
% und +0,1 % auf das globale Einkommen im Vergleich zu einem Basisszenario ohne
Erwärmung haben“ dürfte (SVR 2019, S. 20). Das klingt nicht sonderlich dramatisch, verbirgt
jedoch, was hinter diesen Zahlen steckt. In Nordhaus und Boyer (2000) wird detailliert
ausgeführt, wie solche Berechnungen zustande kommen. In solche Kostenschätzungen fließt
z.B. der Wert von verlorenen Lebensjahren (years of life lost) durch Tropenkrankheiten ein
(Nordhaus und Boyer 2000, S. 78 82), ebenso wie die Auswirkung von höheren Temperaturen
auf Freizeitaktivitäten wie Camping und Skifahren (Nordhaus und Boyer 2000, S. 82 85). Für
die Welt insgesamt werden also Kosten durch klimabedingte Todesfälle z.B. in Afrika mit dem
erhöhten Nutzen durch mehr Outdooraktivitäten wie Camping in den USA gegengerechnet.
Abgesehen von der ethischen Fragwürdigkeit solcher Aufrechnungen suggerieren die
Kosten-Nutzen-Betrachtung und die Betonung der Effizienz als Ziel, dass die ökologischen
DIE ÖKOLOGISCHE KRISE UND DIE ROLLE DER VOLKWIRTSCHAFTSLEHRE
CURE-DISCUSSION-PAPER NR. 1// 2020 35
Probleme beherrschbar sind. Das Streben nach Effizienz impliziert eine Marginalbetrachtung,
bei der Grenzkosten und Grenznutzen verglichen und idealweise zum Ausgleich gebracht
werden. Abgesehen von der Unmöglichkeit, die Grenzkosten und Grenznutzen präzise zu
bestimmen (vgl. Roos und Hofffart 2020), vernachlässigt diese Denkweise, dass es nicht nur
einen quantiativen Unterschied macht, ob die Temperaturerhöhung 2°C oder 3°C beträgt,
sondern auch einen qualitativen. Wenn zwischen 2°C und 3°C Kipppunkte von Ökosystemen
überschritten werden, z.B. der Kollaps von Korallenriffen, verursacht dies nicht nur höhere
Kosten, sondern es verändert die Funktionsweise unserer Welt grundlegend und dauerhaft. Die
sich daraus ergebenden ökologischen und sozialen Auswirkungen sind aus Sicht der
Komplexitätsforschung kaum zu prognostizieren und noch weniger zu steuern. Die
Herangehensweise des SVR und der neoklassischen Klimaökonomik verdeckt diese
Unwägbarkeiten.
7 FAZIT
Ein wichtiges Ergebnis dieses Aufsatzes ist die Feststellung eines deutlichen Kontrastes
zwischen Naturwissenschaftlern und Ökonomen.
In den Naturwissenschaften gibt es einen breiten Konsens darüber, dass menschliche
Aktivitäten zahlreiche miteinander verbundene ökologische Probleme verursacht haben, die
hohes Krisenpotenzial in sich bergen. Eine große Sorge von Naturwissenschafltern ist, dass
durch fortschreitende Belastungen der Umwelt Ökosysteme kollabieren, d.h. plötzlich in einen
anderen Zustand übergehen. Solche Prozesse sind in menschlichen Zeiträumen irreversibel. Da
der Kollaps von Ökosystemen menschliche Lebensgrundlagen fundamental bedrohen würde,
sehen Naturwissenschaftler einen hohen Handlungsdruck und eine hohe Dringlichkeit,
Maßnahmen zu ergreifen, die die Schädigung der Umwelt stoppen.
Die meisten Ökonomen haben einen anderen Blick auf die Ökologie. Während der
Klimawandel mittlerweile auch in der Mainstream-Ökonomik als Problem gesehen wird,
spielen andere ökologische Probleme wie das Artensterben oder die Abholzung der Wälder
kaum eine Rolle. Der entscheidende Unterschied zu den Naturwissenschaftlern besteht darin,
dass die Ökonomen wenig Krisenbewusstsein haben und in den meisten Fällen keinen
dringenden Handlungsbedarf zur Abwendung ökologischer Katastrophen sehen. Dies wurde
anhand der Gutachten des SVR aus dem vergangenen Jahrzehnt nachgewiesen.
Ein weiteres Ergebnis dieser Studie ist, dass ökonomische Argumente, wie sie in den
Gutachten des SVR zum Klimaschutz vorgetragen wurden, dazu beitragen können, effektive
Maßnahmen zum Klimaschutz zu verzögern. Es wurde gezeigt, dass der SVR mindestens sechs
Argumentationsmuster verwendet, die im Klimaschutzdiskurs bremsend wirken.
Interessanterweise zitiert die Deutsche Presseagentur Bundeswirtschaftsminister Peter
Altmaier am 5.8.2020 wie folgt : „Ich gebe allerdings zu, dass wir in den letzten Jahren auch
Fehler gemacht und zu spät gehandelt haben. Mehr als 15 Jahre lang wurde versucht, den
Klimaschutz weltweit in einer gemeinsamen Kraftanstrengung aller wichtigen Länder zu
erreichen. … Dabei haben wir viel Zeit verloren, ohne dass etwas Durchgreifendes geschehen
ist.“ Ob es in einer nahen Zukunft zu einem Kollaps lebenswichtiger Ökosysteme und damit
auch menschlicher Gesellschaften kommt, ist natürlich eine spekulative Frage, die ex ante nicht
zweifelfrei beantwortet werden kann. Während viele Naturwissenschaftler eine eher
pessimistische Sicht haben (vgl. Ehrlich und Ehrlich 2013), neigen Ökonomen und Ingenieure
eher zu einer optimistischen Sicht (vgl. Kelly 2013). Zwei Standardargumente der Optimisten
lauten dabei wie folgt: 1) Die Pessimisten (oft Neo-Malthusianer genannt) haben in der
Vergangenheit mit ihren pessimistischen Prognosen nicht recht gehabt. Insbesondere passen
Menschen ihr Verhalten an, z.B. im Hinblick auf die Fertilität, wodurch Krisen sich ins Positive
wenden. Warum sollte es dies in Zukunft anders sein? 2) Die Pessimisten unterschätzen den
DIE ÖKOLOGISCHE KRISE UND DIE ROLLE DER VOLKWIRTSCHAFTSLEHRE
CURE-DISCUSSION-PAPER NR. 1// 2020 36
menschlichen Erfindungsgeist und die menschliche Vernunft. Neue Technologie hat in der
Vergangenheit viele Probleme gelöst und wird es auch in Zukunft tun.
Pessimisten wiederum können darauf erwidern, es gerade im Wesen von komplexen,
nicht-linearen System liegt, dass Zustandsänderungen plötzlich auftreten und nicht aus dem
vergangenen Systemverhalten vorhergesagt werden können. Dass ein Kollaps bisher nicht
eingetreten ist, beweist nicht, dass er in Zukunft nicht eintreten kann. Gegen
Technikoptimismus lassen sich viele Argumente anführen (vgl. Huesemann und Huesemann
2011). Diamond (2006, S. 623) schreibt dazu: „Alle derzeitigen Probleme sind unbeabsichtige,
negative Auswirkungen der vorhandenen Technologie. Durch die schnellen technischen
Fortschritte des 20. Jahrhunderts sind schwierige neue Probleme entstanden, und das weit
schneller, als alte gelöst wurden. Das ist die Ursache für unsere derzeitige Lage. Wie kann man
auf den Gedanken kommen, dass die Technik vom 1. Januar 2006 an zum ersten Mal in der
Menschheitsgeschichte auf wundersame Weise keine unvorhergesehenen neuen Probleme
mehr verursacht, sondern nur noch zur Lösung der bisher geschaffenen Probleme führt?“.
Der SVR hat den gesetzlichen Auftrag „zur Erleichterung der Urteilsbildung bei allen
wirtschaftspolitisch verantwortlichen Instanzen sowie in der Öffentlichkeit“ (§1, SVRG)
beizutragen. Was sollten politische Entscheidungsträger und die Öffentlichkeit von einem
solchen Expertengremium und der dahinterstehenden Wissenschaft erwarten? Das Mindeste,
was man erwarten kann, ist eine ausgewogene Auseinandersetzung mit dem Thema und die
ernsthafte Berücksichtigung der Evidenz und der Argumente der Naturwissenschaftler. Dies
fängt damit an, dass die Literatur überhaupt rezipiert wird, was der SVR in der vergangenen
Dekade, wie gezeigt, nur sehr verhalten und zöglich getan hat. Es reicht aber nicht, lediglich
zur Kenntnis zu nehmen, dass Naturwissenschaftler nicht-lineare Effekte und katastrophale
Ergebnisse für möglich halten. Wenn Ökonomen glauben, dass man diese Gefahren
vernachlässigen kann, müssen sie begründen, wie sie zu dieser Einschätzung kommen. Der
bloße Optimismus, dass der technische Fortschritt helfen wird, Katastrophen zu vermeiden,
reicht dabei nicht. Da es um die Bedrohung menschlicher Lebensgrundlagen geht, liegt die
Beweislast bei den Optimisten zu begründen, warum sie schnelle, weitreichende und auch teure
Maßnahmen für nicht erforderlich halten.
Noch weitergehend könnte man sich jedoch wünschen, dass die Volkswirtschaftslehre
akzeptiert, dass sie einen wichtige Beitrag zur Bekämpfung der ökologischen Krise leisten kann
und sollte. Dazu müsste sie nicht nur anerkennen, dass ökonomische Aktivitäten eine zentrale
Ursache der ökologischen Krise sind. Sie müsste auch die Frage stellen, ob und wie es möglich
ist, die aktuelle Wirtschaftsordnung zu zu verändern, dass die Ursache des Problems bekämpft
wird. Letzlich läuft dies auf die Frage hinaus, ob und wie man in einem System ökonomischer
Expansion innerhalb planetarer Grenzen bleiben bzw. in den sicheren ökologischen Raum
zurückkehren kann. Diese Frage muss die Volkswirtschaftslehre als Ganzes stellen und
beantworten.
LITERATUR
Anderson, B., M. M'Gonigle (2012): Does ecological economics have a future? Ecological
Economics 84, 3748.
Barnosky, Anthony D., E. A. Hadly, J. Bascompte, E. L. Berlow, J. H. Brown, M. Fortelius et
al. (2012): Approaching a state shift in Earth’s biosphere. Nature 486 (7401), 5258.
Bevis, M., C. Harig, S. A. Khan, A. Brown, F. J. Simons, M. Willis, X. Fettweis, M. R. van den
Broeke, F. Bo Madsen, E. Kendrick, D. J. Caccamise, T. van Dam, P. Knudsen, T. Nylen
(2019): Accelerating changes in ice mass within Greenland, and the ice sheet's sensitivity to
atmospheric forcing. Proceedings of the National Academy of Sciences 116(6):19341939.
DIE ÖKOLOGISCHE KRISE UND DIE ROLLE DER VOLKWIRTSCHAFTSLEHRE
CURE-DISCUSSION-PAPER NR. 1// 2020 37
CAE/SVR (2010): Wirtschaftsleistung, Lebensqualität und Nachhaltigkeit: Ein umfassendes
Indikatorensystem. Conseil d´Analyse économique und Sachverständigenrat zur
Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. Expertise im Auftrag des Deutsch-
Französischen Ministerrates.
Ceballos, G. P. R. Ehrlich, A. D. Barnosky, A. García, R. M. Pringle, T. M. Palmer (2015):
Accelerated modern humaninduced species losses: Entering the sixth mass extinction.
Science Advances. 1, e1400253.
Cheng, L., J. Abraham, Z. Hausfather, K. E. Trenberth (2019): How fast are the oceans
warming? Science 363(6423), 128129.
Conley, D. J., J. Carstensen, J. Aigars, P. Axe, E. Bonsdorff, T. Eremina, B.-M. Haahti, C.
Humborg, P. Jonsson, J. Kotta, C. Lännegren, U. Larsson, A. Maximov, M. Rodriguez
Medina, E. Lysiak-Pastuszak, N. Remeikaitė-Nikienė, J. Walve, S. Wilhelms, L Zillén
(2011): Hypoxia is increasing in the coastal zone of the Baltic Sea. Environmental Science
& Technology 45 (16), 67776783.
Diamond, J. M. (2006): Kollaps. Warum Gesellschaften überleben oder untergehen. Frankfurt
am Main: Fischer-Verlag.
Dyer, G. (2008): Climate wars: The fight for survival as the world overheats. Oneworld
Publications.
Ehrlich, P. R., A. H. Ehrlich (2013): Can a collapse of global civilization be avoided?
Proceedings of the Royal Society B. Biological sciences 280 (1754), S. 20122845.
Farquharson, L. M., V. E. Romanovsky, W. L. Cable, D. A. Walker, S. V. Kokelj, D. Nicolsky
(2019): Climate Change Drives Widespread and Rapid Thermokarst Development in Very
Cold Permafrost in the Canadian High Arctic. Geophysical Research Letters 46(12): 6681
6689.
Fricke, T. (2017): Altes Einheitsdenken oder neue Vielfalt? Eine systematische Auswertung
der großen Umfragen unter Deutschlands Wirtschaftswissenschaftler_innen. FGW-Studie
Neues ökonomisches Denken 03, Düsseldorf.
Gros, D., C. Egenhofer, N. Fujiwara, S.S. Guerin, A. Georgiev (2010): Climate change and
trade: taxing carbon at the border? CEPS Paperbacks, 2010, Available at SSRN:
https://ssrn.com/abstract=1618297
GSVR (1963): Gesetz über die Bildung eines Sachverständigenrates zur Begutachtung der
gesamtwirtschaftlichen Entwicklung.
Hausfather, Z., G. P. Peters (2020): Emissions the ‘business as usual’ story is misleading.
Nature 577 (7792), 618620.
Hirschman, D., E. P. Berman (2014): Do economists make policies? On the political effects of
economics. Socio-Economic Review 12 (4), 779811.
Huesemann, M., J. Huesemann (2011): Techno-Fix. Why technology won't save us or the
environment. Gabriola Island: New Society Publishers.
Illge, L. und R. Schwarze (2009): A matter of opinionHow ecological and neoclassical
environmental economists and think about sustainability and economics. Ecological
Economics 68(3), 594604.
IPBES (2018): The IPBES assessment report on land degradation and restoration.
Montanarella, L., R. Scholes, und A. Brainich (Hrg.). Secretariat of the Intergovernmental
Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services, Bonn, Germany,
IPBES (2019): Summary for policymakers of the global assessment report on biodiversity and
ecosystem services of the Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and
Ecosystem Services. Díaz, S., J. Settele, E. S. Brondízio E.S., H. T. Ngo, M. Guèze, J. Agard,
A. Arneth, P. Balvanera, K. A. Brauman, S. H. M. Butchart, K. M. A. Chan, L. A. Garibaldi,
K. Ichii, J. Liu, S. M. Subramanian, G. F. Midgley, P. Miloslavich, Z. Molnár, D. Obura, A.
Pfaff, S. Polasky, A. Purvis, J. Razzaque, B. Reyers, R. Roy Chowdhury, Y. J. Shin, I. J.
Visseren-Hamakers, K. J. Willis, and C. N. Zayas (Hrg.). IPBES Secretariat, Bonn,
DIE ÖKOLOGISCHE KRISE UND DIE ROLLE DER VOLKWIRTSCHAFTSLEHRE
CURE-DISCUSSION-PAPER NR. 1// 2020 38
Germany.
IPCC (2014): Klimaänderung 2014 Synthesebericht. Beitrag der Arbeitsgruppen I, II und III
zum Fünften Sachstandbericht des Zwischenstaatlichen Ausschusses für Klimaänderungen
(IPCC). P. C. Pachauri und L. A. Meyer (Hrg.) IPCC, Genf, Schweiz. Deutsche Übersetzung
durch Deutsche IPCC-Koordinierungsstelle, Bonn 2016.
IPCC (2018): 1,5°C globale Erwärmung - Der IPCC-Sonderbericht über die Folgen einer
globalen Erwärmung um 1,5 °C gegenüber vorindustriellem Niveau und die damit
verbundenen globalen Treibhausgasemissionspfade im Zusammenhang mit einer Stärkung
der weltweiten Reaktion auf die Bedrohung durch den Klimawandel, nachhaltiger
Entwicklung und Anstrengungen zur Beseitigung von Armut. Intergovernmental Panel on
Climate Change. https://www.ipcc.ch/sr15/
Kelly, M. J. (2013): Why a collapse of global civilization will be avoided. A comment on
Ehrlich & Ehrlich. Proceedings of the Royal Society B. Biological sciences 280 (1767), S.
20131193.
Klaassen, G. A. J., J. B. Opschoor (1991): Economics of sustainability or the sustainability of
economics. Different paradigms. Ecological Economics 4(2), 93115.
Kump, L. R., A. Pavlov, A., M. A. Arthur (2005): Massive release of hydrogen sulfide to the
surface ocean and atmosphere during intervals of oceanic anoxia. Geology 33 (5), 397.
Lamb, W. F., G. Mattioli, S. Levi, J. T. Roberts, S. Capstick, F. Creutzig, J. C. Minx, F. Müller-
Hansen, T. Culhane, J. K. Steinberger (2020): Discourses of climate delay. Global
Sustainability 3, e619, 1-5.
Lenton, T. M.; Held, H.; Kriegler, E.; Hall, J. W.; Lucht, W.; Rahmstorf, S.; Schellnhuber, H.
J. (2008): Tipping elements in the Earth's climate system. Proceedings of the National
Academy of Sciences 105(6), 17861793.
Mach, K. J., C. M. Kraan, W. N. Adger, H. Buhaug, M. Burke, J. D. Fearon et al. (2019):
Climate as a risk factor for armed conflict. Nature 571(7764), 193197.
Marien, M. (2019): Scientists Reporting: Top 25 Recent Online Reports on the Global
Environmental Emergency. Cadmus 4 (1), 127138.
Martinez, M .L., A. Intralawana, G. Vázquez, O. Pérez-Maqueo, P. Sutton, R. Landgrave
(2007): The coasts of our world: ecological, economic and social importance. Ecological
Economics 63, 254-272.
Myhre, G., D. Shindell, F.-M. Bréon, W. Collins, J. Fuglestvedt, J. Huang, D. Koch, J.-F.
Lamarque, D. Lee, B. Mendoza, T. Nalajima, A. Robock, G. Stephens, T. Takemura, H.
Zhang et al. (2013): Climate Change: The Physical Science Basis. Working Group I
contribution to the IPCC Fifth Assessment Report. Hrsg.: Intergovernmental Panel on
Climate Change. 30. September 2013, Chapter 8: Anthropogenic and Natural Radiative
Forcing, S. Table 8.1.A, Seiten 888 bis 899.
Nartova, O., A. Shingal (2014): The potential of tariff policy for climate change mitigation:
legal and economic analysis. Journal of World Trade 48(5), 1007 1037.
Nkonya, E., A. Mirzabaev, J. von Braun (Hrg.) (2016): Economics of land degradation and
improvement A global assessment for sustainable development. Heidelberg, Springer
Open.
Nordhaus, W. (2015): Climate clubs: overcoming free-riding in international climate policy.
American Economic Review 105(4), 1339 1370.
Nordhaus, W. (2019): Climate change: the ultimate challenge for economics. American
Economic Review 10(6), 1991 2014.
Nordhaus, W., Boyer, J. (2000): Warming the world Economic models of global warming.
MIT Press, Cambridge, M.A.
Nourry, M. (2008). Measuring sustainable development: some empirical evidence for France
from eight alternative indicators. Ecological Economics 67, 441 456.
Paine, R. T. (1969): A Note on Trophic Complexity and Community Stability. The American
DIE ÖKOLOGISCHE KRISE UND DIE ROLLE DER VOLKWIRTSCHAFTSLEHRE
CURE-DISCUSSION-PAPER NR. 1// 2020 39
Naturalist 103(929), 91-93.
Ripple, W. J., C. Wolf, T. M. Newsome, M. Galetti, M. Alamgir, E. Crist, M. I. Mahmoud, W.
F. Laurance und 15.364 Biowissenschaftler aus 184 Ländern (2017): World Scientists’
Warning to Humanity: A Second Notice. BioScience 67(12), 2017, 10261028,
doi:10.1093/biosci/bix125.
Robine, J.-M., S. L. K. Cheung, S. Le Roy, H. van Oyen, C. Griffiths, J.-P. Michel, F. R.
Herrmann (2008): Death toll exceeded 70,000 in Europe during the summer of 2003.
Comptes Rendus Biologies 331(2), 171178.
Rockström J., W. Steffen, K. Noone, Å. Persson, F. S. Chapin, III, E. F. Lambin, T. M. Lenton,
M. Scheffer, C. Folke, H. J. Schellnhuber, B. Nykvist, C. A. de Wit, T. Hughes, S. van der
Leeuw, H. Rodhe, S. Sörlin, P. K. Snyder, R. Costanza, U. Svedin, M. Falkenmark, L.
Karlberg, R. W. Corell, V. J. Fabry, J. Hansen, B. Walker, D. Liverman, K. Richardson, P.
Crutzen, J. A. Foley (2009a): A safe operating space for humanity. Nature 461(24), 472
475.
Rockström J., W. Steffen, K. Noone, Å. Persson, F. S. Chapin, III, E. F. Lambin, T. M. Lenton,
M. Scheffer, C. Folke, H. J. Schellnhuber, B. Nykvist, C. A. de Wit, T. Hughes, S. van der
Leeuw, H. Rodhe, S. Sörlin, P. K. Snyder, R. Costanza, U. Svedin, M. Falkenmark, L.
Karlberg, R. W. Corell, V. J. Fabry, J. Hansen, B. Walker, D. Liverman, K. Richardson, P.
Crutzen, J. A. Foley (2009b): Planetary boundaries: exploring the safe operating space for
humanity. Ecology and Society 14(2), Art. 32,
https://www.ecologyandsociety.org/vol14/iss2/art32/
Roos, M. und F. Hoffart (2020): Climate economics a call for more pluralism and
responsibility. Palgrave Studies in Sustainability, Environment and Macroeconomics,
Palgrave Macmillan.
Salehyan, I. (2014): Climate change and conflict. Making sense of disparate findings. Political
Geography 43, 15.
Scheffer, M., S. Carpenter, J. A. Foley, C. Folke, B. Walker (2001): Catastrophic shifts in
ecosystems. Nature 413(6856), 591596.
Scheffer, M., S. Carpenter, (2003): Catastrophic regime shifts in ecosystems. Linking theory to
observation. Trends in Ecology & Evolution 18(12), 648656.
Schellnhuber, H. J. (2009): Tipping elements in the Earth System. Proceedings of the National
Academy of Sciences 106 (49), S. 2056120563.
Schmidt, V. A. (2008): Discursive institutionalism. The explanatory power of ideas and
discourse. Annual Review of Political Science 11 (1), 303326.
Schoolmeester, T., H.L.Gjerdi, J. Crump, B. Alfthan, J. Fabres, K. Johnsen, L. Puikkonen, T.
Kurvits, E. Baker (2019): Global Linkages A graphic look at the changing Arctic
(rev.1). UN Environment and GRID-Arendal, Nairobi and Arendal. www.grida.no
Schwalm, C. R., S. Glendon, P. B. Duffy, (2020): RCP8.5 tracks cumulative CO 2 emissions.
Proceedings of the National Academy of Sciences 577, 202007117.
SSFK Stiglitz, J. E., A. Sen, J.-P. Fitoussi (2009): Report by the commission on the
measurement of economic performance and social progress.
https://www.researchgate.net/publication/258260767_Report_of_the_Commission_on_the
_Measurement_of_Economic_Performance_and_Social_Progress_CMEPSP/link/5834488
208aef19cb81f795f/download
Steffen W., K. Richardson, J. Rockström, S. E. Cornell, I. Fetzer, E. M. Bennett, R. Biggs, S.
R. Carpenter, W. de Vries, C. A. de Wit, C. Folke, D. Gerten, J. Heinke, G. M. Mace, L. M.
Persson, V. Ramanathan, B. Reyers, S. Sörlin (2015): Planetary boundaries: guiding human
development on a changing planet. Science 347(6223), 1259855.
SVR (2009): Die Zukunft nicht aufs Spiel setzen. Sachverständigenrat zur Begutachtung der
gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. Jahresgutachten 2009/2010. Statistisches Bundesamt,
Wiesbaden.
DIE ÖKOLOGISCHE KRISE UND DIE ROLLE DER VOLKWIRTSCHAFTSLEHRE
CURE-DISCUSSION-PAPER NR. 1// 2020 40
SVR (2010): Chancen für einen stabilen Aufschwung. Sachverständigenrat zur Begutachtung
der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. Jahresgutachten 2010/2011. Statistisches
Bundesamt, Wiesbaden.
SVR (2011): Verantwortung für Europa wahrnehmen. Sachverständigenrat zur Begutachtung
der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. Jahresgutachten 2011/2012. Statistisches
Bundesamt, Wiesbaden.
SVR (2012): Stabile Architektur für Europa Handlungsbedarf im Inland. Sachverständigenrat
zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. Jahresgutachten 2012/2013.
Statistisches Bundesamt, Wiesbaden.
SVR (2013): Gegen eine rückwärtsgewandte Wirtschaftspolitik. Sachverständigenrat zur
Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. Jahresgutachten 2013/2014.
Statistisches Bundesamt, Wiesbaden.
SVR (2014): Mehr Vertrauen in Marktprozesse. Sachverständigenrat zur Begutachtung der
gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. Jahresgutachten 2014/2015. Statistisches Bundesamt,
Wiesbaden.
SVR (2015): Zukunftsfähigkeit in den Mittelpunkt. Sachverständigenrat zur Begutachtung der
gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. Jahresgutachten 2015/2016. Statistisches Bundesamt,
Wiesbaden.
SVR (2016): Zeit für Reformen. Sachverständigenrat zur Begutachtung der
gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. Jahresgutachten 2016/2017. Statistisches Bundesamt,
Wiesbaden.
SVR (2017): Für eine zukunftsorientierte Wirtschaftspolitik. Sachverständigenrat zur
Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. Jahresgutachten 2017/2018.
Statistisches Bundesamt, Wiesbaden.
SVR (2018): Vor wichtigen wirtschaftspolitischen Weichenstellungen. Sachverständigenrat zur
Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. Jahresgutachten 2018/2019.
Statistisches Bundesamt, Wiesbaden.
SVR (2019a): Den Strukturwandel meistern. Sachverständigenrat zur Begutachtung der
gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. Jahresgutachten 2019/2020. Statistisches Bundesamt,
Wiesbaden.
SVR (2019b): Aufbruch zu einer neuen Klimapolitik. Sachverständigenrat zur Begutachtung
der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. Sondergutachten Juli 2019. Statistisches
Bundesamt, Wiesbaden.
TEEB P. Sukhdev, J. Bishop, P ten Brink, H. Gundimeda, K. Karousakis, P.Kumar, C.
Neßhöver, A. Neuville, D. Skinner, A. Vakrou, J.-L. Weber, S. White, H. Wittmer (2009):
TEEB climate issues update. The Economics of Ecosystems and Biodiversity, September
2009
TEEB (2010): The Economics of Ecosystems and Biodiversity Ecological and Economic
Foundations. P. Kumar (Hrg). Earthscan, London und Washington.
http://www.teebweb.org/our-publications/teeb-study-reports/ecological-and-economic-
foundations/
Thompson, R. L. , L. Lassaletta, P. K. Patra, C. Wilson, K. C. Wells, A. Gressent, E. N. Koffi,
M. P. Chipperfield, W. Winiwarter, E. A. Davidson, H. Tian, J. G. Canadell (2018):
Acceleration of global N2O emissions seen from two decades of atmospheric inversion.
Nature Climate Change 9, 993 998.
Trisos, C. H., C. Merow, A. L. Pigot (2020): The projected timing of abrupt ecological
disruption from climate change. Nature 580 (7804), 496501.
UN (2019): Word population prospects 2019. United Nations - Department of Economic and
Social Affairs, Population Dynamics,
https://population.un.org/wpp/Graphs/DemographicProfiles/Line/900
Van de Kerk, G., A. R. Manuel (2008). A comprehensive index for a sustainable society: the
DIE ÖKOLOGISCHE KRISE UND DIE ROLLE DER VOLKWIRTSCHAFTSLEHRE
CURE-DISCUSSION-PAPER NR. 1// 2020 41
SSI the Sustainable Society Index. Ecological Economics 66, 228 242.
Ward, J. D., P.C. Sutton, A. D. Werner, R. Costanza, S. H. Mohr, C. T. Simmons, D. E. Naya,
(2016): Is decoupling GDP growth from environmental impact possible? PLoS ONE 11 (10),
e0164733.
WBGU (1996): Welt im Wandel: Herausforderung für die deutsche Wissenschaft.
Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen.
Jahresgutachten 1996.
WBGU (2007): Welt im Wandel: Sicherheitsrisiko Klimawandel. Wissenschaftlicher Beirat der
Bundesregierung Globale Umweltveränderungen. Hauptgutachten 2007, Springer Verlag.
WEF (2020): The global risks report 2020. World Economic Forum, 15th Edition.
https://www.weforum.org/reports/the-global-risks-report-2020
Welzer, H. (2008): Klimakriege. Wofür im 21. Jahrhundert getötet wird. S. Fischer Verlag.
Wilkerson, J., R. Dobosy, D. S. Sayres, C. Healy, E. Dumas, B. Baker J. G. Anderson (2019):
Permafrost nitrous oxide emissions observed on a landscape scale using the airborne eddy-
covariance method. Atmospheric Chemistry and Physics 19(7):42574268.
Xu, Y., R. Veerabhadran, D. G. Victor (2018): Global warming will happen faster than we
think. Nature 564(7734):3032.
Zemp, M., M. Huss, E. Thibert, N. Eckert, R. McNabb, J. Huber, M. Barandun, H. Machguth,
S. U. Nussbaumer, I. Gärtner-Roer, L. Thomson, F. Paul, F. Maussion, S. Kutuzov, and J.
G. Cogley (2019): Global glacier mass changes and their contributions to sea-level rise from
1961 to 2016. Nature 568(7752), 382386.
ResearchGate has not been able to resolve any citations for this publication.
Article
Full-text available
Climate warming in regions of ice‐rich permafrost can result in widespread thermokarst development, which reconfigures the landscape and damages infrastructure. We present multisite time series observations which couple ground temperature measurements with thermokarst development in a region of very cold permafrost. In the Canadian High Arctic between 2003 and 2016, a series of anomalously warm summers caused mean thawing indices to be 150–240% above the 1979–2000 normal resulting in up to 90 cm of subsidence over the 12‐year observation period. Our data illustrate that despite low mean annual ground temperatures, very cold permafrost (<−10 °C) with massive ground ice close to the surface is highly vulnerable to rapid permafrost degradation and thermokarst development. We suggest that this is due to little thermal buffering from soil organic layers and near‐surface vegetation, and the presence of near‐surface ground ice. Observed maximum thaw depths at our sites are already exceeding those projected to occur by 2090 under representative concentration pathway version 4.5.
Article
Full-text available
Climate simulation-based scenarios are routinely used to characterize a range of plausible climate futures. Despite some recent progress on bending the emissions curve, RCP8.5, the most aggressive scenario in assumed fossil fuel use for global climate models, will continue to serve as a useful tool for quantifying physical climate risk, especially over near- to midterm policy-relevant time horizons. Not only are the emissions consistent with RCP8.5 in close agreement with historical total cumulative CO 2 emissions (within 1%), but RCP8.5 is also the best match out to midcentury under current and stated policies with still highly plausible levels of CO 2 emissions in 2100.
Article
Full-text available
As anthropogenic climate change continues the risks to biodiversity will increase over time, with future projections indicating that a potentially catastrophic loss of global biodiversity is on the horizon1–3. However, our understanding of when and how abruptly this climate-driven disruption of biodiversity will occur is limited because biodiversity forecasts typically focus on individual snapshots of the future. Here we use annual projections (from 1850 to 2100) of temperature and precipitation across the ranges of more than 30,000 marine and terrestrial species to estimate the timing of their exposure to potentially dangerous climate conditions. We project that future disruption of ecological assemblages as a result of climate change will be abrupt, because within any given ecological assemblage the exposure of most species to climate conditions beyond their realized niche limits occurs almost simultaneously. Under a high-emissions scenario (representative concentration pathway (RCP) 8.5), such abrupt exposure events begin before 2030 in tropical oceans and spread to tropical forests and higher latitudes by 2050. If global warming is kept below 2 °C, less than 2% of assemblages globally are projected to undergo abrupt exposure events of more than 20% of their constituent species; however, the risk accelerates with the magnitude of warming, threatening 15% of assemblages at 4 °C, with similar levels of risk in protected and unprotected areas. These results highlight the impending risk of sudden and severe biodiversity losses from climate change and provide a framework for predicting both when and where these events may occur. Using annual projections of temperature and precipitation to estimate when species will be exposed to potentially harmful climate conditions reveals that disruption of ecological assemblages as a result of climate change will be abrupt and could start as early as the current decade.
Article
Full-text available
Nitrous oxide (N2O) is the third most important long-lived GHG and an important stratospheric ozone depleting substance. Agricultural practices and the use of N-fertilizers have greatly enhanced emissions of N2O. Here, we present estimates of N2O emissions determined from three global atmospheric inversion frameworks during the period 1998–2016. We find that global N2O emissions increased substantially from 2009 and at a faster rate than estimated by the IPCC emission factor approach. The regions of East Asia and South America made the largest contributions to the global increase. From the inversion-based emissions, we estimate a global emission factor of 2.3 ± 0.6%, which is significantly larger than the IPCC Tier-1 default for combined direct and indirect emissions of 1.375%. The larger emission factor and accelerating emission increase found from the inversions suggest that N2O emission may have a nonlinear response at global and regional scales with high levels of N-input.
Article
Full-text available
Research findings on the relationship between climate and conflict are diverse and contested. Here we assess the current understanding of the relationship between climate and conflict, based on the structured judgments of experts from diverse disciplines. These experts agree that climate has affected organized armed conflict within countries. However, other drivers, such as low socioeconomic development and low capabilities of the state, are judged to be substantially more influential, and the mechanisms of climate–conflict linkages remain a key uncertainty. Intensifying climate change is estimated to increase future risks of conflict.
Article
Full-text available
The largest collection so far of glaciological and geodetic observations suggests that glaciers contributed about 27 millimetres to sea-level rise from 1961 to 2016, at rates of ice loss that could see the disappearance of many glaciers this century.
Article
Full-text available
Observational records of ocean heat content show that ocean warming is accelerating
Article
Full-text available
Three trends will combine to hasten it, warn Yangyang Xu, Veerabhadran Ramanathan and David G. Victor. Three trends will combine to hasten it, warn Yangyang Xu, Veerabhadran Ramanathan and David G. Victor.
Article
Stop using the worst-case scenario for climate warming as the most likely outcome — more-realistic baselines make for better policy. Stop using the worst-case scenario for climate warming as the most likely outcome — more-realistic baselines make for better policy. A rainbow forms behind giant windmills near rain-soaked Interstate 10, Palm Springs, California