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Abstract

Mitglieder des Arbeitskreises "Globale Entwicklung und postkoloniale Verhältnisse" der Studienförderung der Friedrich-Ebert-Stiftung veröffentlichen hier praktische Vorschläge für eine Neuausrichtung der Entwicklungszusammenarbeit. Die Gedanken basieren auf einem Treffen mit Vertreter*innen aus der Wissenschaft und aus der Entwicklungszusammenarbeit, bei dem wir gemeinsam über praktische Perspektiven postkolonialer Ansätze und Post-Development Theorien diskutierten. Wir hoffen, dass wir weitere produktive Diskussionen in Richtung einer emanzipatorischen Internationalen Zusammenarbeit anregen können. Unsere Vorschläge umfassen Reformen in der Entwicklungspolitik und -zusammenarbeit. Diese beziehen sich auf die historische Verantwortung des Globalen Nordens, die globalen Wirtschaftsbeziehungen, die Selbstbestimmung von Adressat*innen Internationaler Zusammenarbeit im Globalen Süden sowie die Transparenz und Rechenschaft und einen reziproken Wissensaustausch im Zuge internationaler Kooperation. Disclaimer: Dieses Papier basiert auf Sichtweisen der Autor*innen und nicht zwingend auf denen der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES).
Tim Kornprobst, Tanja Matheis, Adrian Schlegel,
Florian Vitello, Julia Fritzsche, Myriell Fußer,
Clemens Starke, Tatjana Zemeitat, Denise Klüber
Postkolonialismus &
Post-Development
Praktische Perspektiven für die
Entwicklungszusammenarbeit
2
Der Inhalt dieser Publikation ist in Verantwortung der Herausgeber_innen
erstellt, die zum Ausdruck gebrachten Ansichten sind nicht notwendigerweise
die der Friedrich-Ebert-Stiftung.
Danksagung
Wir möchten uns ganz herzlich bei Julia Schöneberg und Aram Ziai für ihre hilfreichen wie
konstruktiven Kommentare und Ideen bedanken. Wir danken allen Teilnehmenden des
Arbeitstreffens herzlich für ihre Diskussionen und Ideen, die dieses Papier entscheidend beeinusst
haben. Wir sind sehr dankbar für die Unterstützung durch Lucas Loizou bei der Übersetzung dieses
Papiers ins Englische.
Wer wir sind
Die Herausgeber*innen sind Teil des stipendiatischen Arbeitskreises Globale Entwicklung und
postkoloniale Verhältnisse der Friedrich- Ebert-Stiftung, eine Gruppe Studierender verschiedener
Fachrichtungen, die sich in der Studienförderung der Stiftung zusammengetan haben, um sich
mit Themen globaler „Entwicklung“ und Internationaler Zusammenarbeit auseinanderzusetzen.
Der Arbeitskreis trifft sich mehrmals pro Jahr und arbeitet zu ausgewählten Fragestellungen,
organisiert Veranstaltungen und veröffentlicht Positions- und Diskussionspapiere. Der Arbeitskreis
arbeitet ehrenamtlich.
08/2020
Impressum
Herausgeber*innen /
Autor*innen:
Tim Kornprobst,
Tanja Matheis,
Adrian Schlegel,
Florian Vitello,
Julia Fritzsche,
Myriell Fußer,
Clemens Starke,
Tatjana Zemeitat und
Denise Klüber
Layout:
Tatjana Zemeitat
Contact:
development.transformation@gmail.com
Bei unserem Arbeitskreistreffen „Postkolonialismus, Post-Development und dann? Alterna-
tiven im Netz globaler Machtstrukturen” vom 22.03.2019 bis 24.03.2019 in Kassel waren
folgende Referent*innen anwesend und haben sich mit Beiträgen in unsere Diskussion einge-
bracht: Prof. Dr. Aram Ziai (Universität Kassel); Dr. Julia Schöneberg (EADI; Universität Kassel);
Dr. Raoul Bagopha (Misereor); Meike Strehl (Universität Kassel; Engagement Global); Kouraich
Jaouahdou (Action Associative); Lisa Maria Klaus (Welthungerhilfe). Ihnen möchten wir sehr
herzlich für ihre inspirierenden Interventionen danken.
3
Nach fast 70 Jahren deutscher und internationaler Entwicklungszusammenarbeit hat
sich die globale soziale Ungleichheit kaum verändert. Vertreter*innen postkolonialer
Ansätze und von Post-Development Theorien weisen seit Jahrzehnten darauf hin,
dass die europäische Vormachtstellung bei der Denition und Umsetzung von
„Entwicklungsvorhaben” in einer kolonialen Kontinuität steht. Damit reproduziert sie
Ungleichheiten anstatt diese aufzubrechen. Diese Ideen nden in den Institutionen
der Entwicklungszusammenarbeit bisher wenig Gehör, vielleicht, weil sie als abstrakt
zurückgewiesen werden oder wenig praktische Vorschläge hervorbringen. Vor
diesem Hintergrund haben sich Mitglieder des Arbeitskreises Globale Entwicklung
und postkoloniale Verhältnisse der Studienförderung der Friedrich-Ebert-Stiftung mit
Vertreter*innen aus der Wissenschaft und aus der Entwicklungszusammenarbeit
getroffen, um gemeinsam über praktische Perspektiven postkolonialer Ansätze und
Post-Development Theorien zu diskutieren. Die diversen Gedanken aus unseren
Debatten veröffentlichen wir hier als praktische Vorschläge für eine Neuausrichtung der
Entwicklungszusammenarbeit. Wir hoffen, dass wir weitere produktive Diskussionen in
Richtung einer emanzipatorischen Internationalen Zusammenarbeit anregen können.
Unsere Vorschläge umfassen Reformen in der Entwicklungspolitik und -zusammenarbeit.
Diese beziehen sich auf die historische Verantwortung des Globalen Nordens, die globalen
Wirtschaftsbeziehungen, die Selbstbestimmung von Adressat*innen Internationaler
Zusammenarbeit im Globalen Süden sowie die Transparenz und Rechenschaft und einen
reziproken Wissensaustausch im Zuge internationaler Kooperation. Aus den Ansätzen des
Postkolonialismus und Post-Development leiten wir 17 Vorschläge ab:
Executive Summary
Als Grundlage einer gerechteren Entwicklungszusammenarbeit muss das
Erbe der deutschen Kolonialgeschichte gesamtgesellschaftlich aufgearbeitet
werden. Dazu gehört eine Anerkennung von und Entschuldigung für
die Gräueltaten des Kolonialismus, eine offen geführte Diskussion über
nanzielle Reparationen und Schuldenerlasse, sowie eine weitreichende
bildungspolitische Aufarbeitung der deutschen Kolonialgeschichte mit den
Nachfolgegesellschaften der ehemaligen deutschen Kolonien.
Seite 12
International agierende Unternehmen sollten durch die deutsche und
europäische Gesetzgebung dazu verpichtet werden, mehr Verantwortung
für faire Produktionsbedingungen durch verbindliche und überprüfbare
Standards entlang der Lieferketten zu übernehmen, z.B. durch ein
Lieferkettengesetz. Ein Dialog von Politik, Unternehmensvertretung und
Zivilgesellschaft hier in Deutschland, wie im Rahmen des „Textilbündnisses”,
sollte dabei helfen, die Überprüfbarkeit einzufordern.
Seite 13
Handelsabkommen müssen fair gestaltet, transparent kommuniziert und mit
Maßnahmen zur Förderung lokaler und ländlicher Infrastruktur ankiert
werden. Dies gilt insbesondere für die European Partnership Agreements
(EPAs).
Seite 15
Die Gemeinsame Agrarpolitik der EU (GAP) bedarf einer umfassenden
Neuausrichtung, auch vor dem Hintergrund des internationalen Handels mit
Agrarprodukten. Unverhältnismäßige Subventionen zugunsten europäischer
Hersteller*innen müssen abgebaut und beispielsweise afrikanische
Agrarproduzent*innen dabei unterstützt werden, ihre Waren in den
europäischen Markt zu exportieren.
Seite 16
Alternative, nachhaltige Wirtschaftsformen sollten in der deutschen
Entwicklungszusammenarbeit mehr gefördert werden.
Seite 17
Wohlstandsmessungen abseits des BIPs und des BNEs müssen von
Entscheidungsträger*innen in Politik, Forschung und Wirtschaft viel stärker
berücksichtigt werden.
Seite 18
Dezentrale Lösungs- und Entscheidungsndungen sind anzustreben.
Partner*innen und Adressat*innen der Entwicklungszusammenarbeit
müssen mehr Mitsprache bei der Denition der Ziele, Umsetzung und Leitung
von Projekten haben.
Seite 19
Eine machtsensible Kooperation mit Projektpartner*innen ist angesichts
komplexer postkolonialer politischer Konstellationen sehr wichtig. Von
Projekten, die zu Interessenkonikten führen oder Teile der Gesellschaft an
ihrer Selbstbestimmung hindern, sollte abgesehen werden.
Seite 20
Mehr selbstinitiierte Projekte marginalisierter Gruppen sollen im Globalen
Süden machtsensibel gefördert werden.
Seite 22
Praktische Perspektiven für
die Entwicklungszusammenarbeit
4
Rechenschaftsmechanismen sollen in der Entwicklungszusammenarbeit
eingeführt werden, durch die von Interventionen betroffene Individuen oder
Gruppen die ausführende Organisation im Falle von Fehlern, Betrug oder
Misswirtschaft besser zur Verantwortung ziehen können.
Seite 23
Radikale Transparenz und Offenheit auf Seiten von Geberorganisationen
und deren Partner*innen bezüglich der Ziele und Erwartungen von
Entwicklungszusammenarbeit müssen etabliert werden.
Seite 24
Mitarbeiter*innen der Entwicklungszusammenarbeit sollen keine
entsandten „Expert*innen” sondern „Sucher*innen” sein. Dabei können
sie als Schnittstelle agieren, die Stakeholder*innen zusammenbringt,
Wissensaustausch ermöglicht und nanzielle Förderung begleitet, wenn sie
konkrete Anfragen dafür bekommen.
Seite 25
Statt Dezitanalysen sollen vermehrt Asset-Analysen durchgeführt werden,
welche die bereits vorhandenen Kapazitäten in Gesellschaften für die Lösung
von Problemen in den Fokus der Projekte rückt.
Seite 27
Partner*innen aus dem Globalen Süden und Norden sollen ihren
Wissensaustausch reziprok gestalten. So können Wissenschaft und Praxis
in einem wechselseitigen Austausch von Ideen auch Problemstellungen im
Globalen Norden angehen und besser an gemeinsamen Herausforderungen
arbeiten.
Seite 28
Deutsche Organisationen der Entwicklungszusammenarbeit müssen
entschiedener gegen Rassismus und andere Diskriminierungsformen
eintreten und bei der Darstellung des Globalen Südens sensibler
vorgehen. International agierende Institutionen sollen kritisch mit den
machtpolitischen Verwicklungen Deutschlands umgehen, die zu den
globalen Ungerechtigkeiten beitragen und auch in Deutschland politisch
Stellung beziehen.
Seite 29
Executive Summary
5
6
Praktische Perspektiven für
die Entwicklungszusammenarbeit
Mitarbeiter*innen in der Entwicklungszusammenarbeit sollten durch
regelmäßige und dem Kontext angepasste Anti-Rassismus-Trainings
geschult werden.
Seite 30
Entscheidungsträger*innen der derzeitigen Entwicklungszusammenarbeit
institutionalisieren eine kontinuierliche Auseinandersetzung mit
fundamentaler Kritik, beispielsweise durch regelmäßige Arbeitstreffen von
Stakeholder*innen aus dem Globalen Norden und Globalen Süden.
Seite 31
7
Executive Summary
Entwicklungszusammenarbeit und
Internationale Zusammenarbeit –
Wen wir adressieren und warum wir um
Begriffe ringen
Dieses Diskussionspapier ist an Vertreter*innen der Institutionen gerichtet, die sich im
weiten Sinne zur „Entwicklungszusammenarbeit” zählen, mit ihr eng zusammenarbeiten
oder sie nanzieren. Wir adressieren sowohl staatliche, als auch nichtstaatliche
Organisationen der deutschen „Entwicklungszusammenarbeit”, die sich an den Regularien
der „Ofcial Development Assistance, ODA”1 orientieren. Im weiteren Sinne beziehen wir
europäische und internationale Institutionen wie die Weltbank mit ein. Ebenso sprechen
wir Strukturen an, die im Diskurs um „Entwicklung” selten aufgegriffen werden, von denen
wir jedoch überzeugt sind, dass sie globale Ungleichheiten stark prägen (z.B. kolonial
gewachsene politische Konstellationen oder globale Wertschöpfungsketten).
Wir nehmen an, dass „Entwicklungszusammenarbeit” im Allgemeinen darauf abzielt,
Gesellschaften in ihren Bestrebungen um wirtschaftliche und soziale Verbesserungen
zu fördern und soziale Ungleichheiten abzuschaffen.2 Dabei kritisieren wir, dass
der westlich sowie imperial gewachsenen und unilinearen Idee von „Entwicklung”
gefolgt wird. Angesichts dessen setzen wir uns für eine Abkehr von einem universalen
„Entwicklungsbegriff” ein, um die Diversizierung von Verständnissen eines „Guten
Lebens” zu ermöglichen.3 Langfristig plädieren wir für einen Wandel von einer
„Entwicklungszusammenarbeit”, die ausschließlich im Globalen Süden agiert, hin zu einer
„Internationalen Zusammenarbeit”, die durch ein machtsensibles Netz von reziprokem
Wissensaustausch und Solidarität funktioniert. Um unsere Vorschläge präzise zu
adressieren, benutzen wir in diesem Papier jedoch wo notwendig die Begrifichkeiten
„Entwicklung” und „Entwicklungszusammenarbeit”. Gleichzeitig verwenden wir den
Begriff „Internationale Zusammenarbeit” an Stellen, an denen wir darauf hinweisen
möchten, dass unsere Vorschläge auch für einen weiteren Kontext einer Internationalen
Zusammenarbeit verstanden werden können.
1 Klingebiel, S. (2013). Entwicklungszusammenarbeit. Eine Einführung (Studies / Deutsches Institut für
Entwicklungspolitik, Bd. 73). Bonn: Deutsches Institut für Entwicklungspolitik.
2 Siehe Klingebiel (2013).
3 Siehe auch Ziai, A. (2013). The discourse of “development” and why the concept should be abandoned.
Development in Practice, 23(1), 123-136.
8
Vertreter*innen postkolonialer Theorien kritisieren, dass sich globale sozioökonomische
Ungleichheit in den letzten Jahrzehnten kaum verändert hat.4 Der Globale Norden
ist immer noch überragender Proteur globaler Wirtschaftsstrukturen, die mit der
Ausdehnung des liberalen Kapitalismus und europäischen Imperialismus gewachsen
sind. Postkoloniale Theorien unterstreichen den historischen Einuss kolonialer Systeme,
und weisen insbesondere darauf hin, dass eine Kontinuität von polit-ökonomischen
Machtstrukturen eine komplexe Marginalisierung des Globalen Südens hervorruft.5 Die
internationale Entwicklungszusammenarbeit hat zum Ziel, diese Ungleichheiten durch
Kooperation abzubauen, aber sie steht in der Kritik. Ein zentraler Kritikpunkt ist das Fehlen
einer ganzheitlichen Aufarbeitung und Reformierung von kolonial gewachsenen Denk- und
Handelsweisen. Dies macht auch deutlich, dass die Vormachtstellung des Globalen Nordens
und globale soziale und wirtschaftliche Ungleichheiten nicht fundamental in Frage gestellt
werden.
Post-Development Theorien machen diese Dominanz im Diskurs um Entwicklung als
zentrale Hürde für einen Abbau von Ungleichheiten verantwortlich.6 Dies ist der Fall, da die
Institutionen der Entwicklungszusammenarbeit von einem Verständnis von Entwicklung
geprägt sind, welches eine gesellschaftliche Rationalisierung nach westlichem und
kapitalistischem Vorbild für alle Regionen der Welt vorsieht.7 Aus der Perspektive von
Post-Development führt dies in der Entwicklungszusammenarbeit zu der rassistischen
Überzeugung, dass Gesellschaften des Globalen Südens rückständig seien.8 Vertreter*innen
von Post-Development sprechen an, dass soziale und ökologische Ausbeutungen im
Globalen Süden weiterhin die Grundlage des materiellen Überusses im Globalen Norden
sind, was Regierungen und Individuen so jedoch nicht anerkennen.9 Menschen aus dem
4 Hickel, J. (2017). Is global inequality getting better or worse? A critique of the World Bank’s convergence
narrative. Third World Quarterly 38 (10), 2208–2222.
Horner, R. & Hulme, D. (2019). From International to Global Development: New Geographies of 21st Century
Development. Development and Change 50 (2), 347–378.
Sumner, A. (2019). Global Poverty and Inequality: Change and Continuity in Late Development. Development
and Change 50 (2), 410–425.
5 Mbembe, A. (2001). On the postcolony (Studies on the history of society and culture, Bd. 41). Berkeley, California:
University of California Press.
Mignolo, W. D. (2012). Local histories. Coloniality, subaltern knowledges, and border thinking (Princeton studies
in culture/power/history). Princeton, New Jersey: Princeton University Press.
Ndlovu-Gatsheni, S. J. (2013). Coloniality of power in postcolonial Africa. Myths of decolonization. Dakar:
CODESRIA.
Sarr, F. (2016). Afrotopia. Reinventer l‘Afrique. New York: French and European Publications Inc.
6 Escobar, A. (1995). Encountering development. The making and unmaking of the third world. Princeton, New
Jersey: Princeton University Press.
7 Ferguson, J. (1994). The anti-politics machine. “Development“, Depoliticization, and Bureaucratic Power in
Lesotho. Minneapolis: University of Minnesota.
8 Rottenburg, R. (2002). Weit hergeholte Fakten: Eine Parabel der Entwicklungshilfe (1. Au.). Berlin: De Gruyter.
9 Brand, U. & Wissen, M. (2017). Imperiale Lebensweise. Zur Ausbeutung von Mensch und Natur im globalen
Kapitalismus. München: Oekom Verlag.
9
Welche Kritik äußern
postkoloniale Perspektiven und
Post-Development Theorien an
Entwicklungszusammenarbeit…
Globalen Süden sind in den Entscheidungsstrukturen der Entwicklungszusammenarbeit
unterrepräsentiert. Zusätzlich führt eine fehlende Akzeptanz von anderen Wissensformen
und alternativen gesellschaftlichen Organisationsstrukturen zur Reproduktion dieses
Ungleichgewichts.10 Marginalisierte Gruppen, die oft ausgemachtes Ziel der Interventionen
sind, können so nicht von ihrer Selbstbestimmung Gebrauch machen, wie die
Projektvorgaben es nach außen hin häug vorgeben.11
… und welche praktischen Erkenntnisse offenbaren sie?
Vor diesem Hintergrund sollten Vertreter*innen der Entwicklungszusammenarbeit
sich intensiv mit der kolonialen Vergangenheit und ihren Verwicklungen in den
gegenwärtigen Entwicklungsdiskurs auseinandersetzen. Es ist auch wichtig, globale
Wirtschaftsstrukturen als Ursache für soziale Ungleichheiten anzuerkennen, um diese
gerechter und nachhaltiger zu gestalten. Selbstbestimmung aller Beteiligten sowie
Transparenz und wechselseitige Rechenschaft sind essentiell, damit alle Beteiligten
auf langfristige und insbesondere für die Gemeinschaft im Globalen Süden nützliche
Lösungen hinarbeiten. Ebenso machen die Post-Development Theorien deutlich, dass
die Wissensproduktion um „Entwicklung” diversiziert und in Netzwerken global
dezentralisiert werden sollte. Statt eines einseitigen Wissenstransfers können auch
Menschen im Globalen Norden von einem wechselseitigen Wissensaustausch protieren.
Vertreter*innen der Entwicklungszusammenarbeit sollten gleichwohl im Globalen Norden
auf gerechtere gesellschaftliche Strukturen hinwirken und Räume in den Organisationen
schaffen, in denen leitendes und ausführendes Personal kontinuierlich von Kritik lernen
kann. Daraus leiten sich verschiedene Handlungsfelder ab, die wir im Folgenden vorstellen.
10 Ziai, A. (2016). Development discourse and global history. From colonialism to the sustainable development
goals (Routledge explorations in development studies). Abingdon, Oxon: Routledge.
11 Kapoor, I. (2004). Hyper-self-reexive development? Spivak on representing the Third World ‘Other’. Third
World Quarterly 25 (4), 627–647.
10
17 Vorschläge
für eine
gerechtere und
machtsensiblere
Entwicklungs-
zusammenarbeit
12
1
Kolonialismus gesamtgesellschaftlich und politisch
aufarbeiten
Die zentrale Voraussetzung für eine machtsensiblere
Entwicklungszusammenarbeit ist die Aufarbeitung des
Erbes des europäischen und deutschen Kolonialismus. Zum
einen wurden viele entwicklungspolitische Institutionen
mit Rückbezug auf den Kolonialismus gegründet, zum
anderen sind die Problemstellungen, mit denen sich die
Entwicklungszusammenarbeit beschäftigt, größtenteils
in postkoloniale Strukturen verwickelt. Das Denken und
Handeln in der deutschen Entwicklungszusammenarbeit
ist noch heute stark durch Rassismus als ideologisches
Erbe des Kolonialismus geprägt und reproduziert auf
zwischenmenschlicher Ebene Ungleichheiten.12 Um
eine emanzipatorische Entwicklungszusammenarbeit
zu gewährleisten, ist es deswegen wichtig, dass der
Deutsche Bundestag und die Deutsche Bundesregierung
die Unrechtmäßigkeit des Kolonialismus anerkennen
und sich bei den Nachfolgegesellschaften entschuldigen.
Auf politischer Ebene sollten dabei Reparationen und
Schuldenerlasse Teil der Aushandlungen sein. Die
Bundesregierung verhandelt beispielsweise seit 2015
mit der namibischen Regierung über die Aufarbeitung
der Verbrechen in seiner früheren Kolonie Deutsch-
Südwestafrika. Allerdings sitzen dabei nicht alle
Verbände der Nachkommen der Nama und Herero mit am
Verhandlungstisch.13 Daher sollte gemeinsam mit allen
betroffenen Vertreter*innen der Nachfolgegesellschaften
ein umfassender Dialog über das Erbe des Kolonialismus
geführt werden, auf der Regierungsebene und darüber
hinaus. Ein breit angelegtes kultur- und bildungspolitisches
Programm sollte dabei helfen, die (post-)kolonialen
Verwicklungen Deutschlands kritisch aufzuarbeiten
und der breiten Bevölkerung zugänglich zu machen. Die
Anerkennung der Gräuel des kolonialen Unrechtssystems
und die totale Souveränität der Nachfolgegesellschaften
sind essentielle Voraussetzungen für eine gerechtere
Entwicklungszusammenarbeit.
Historisch bedingte Verantwortung
des Globalen Nordens anerkennen und
gemeinsam aufarbeiten
12 Bendix, D. (2018). Global Development and Colonial Power: German Development Policy at Home and Abroad.
Rowman & Littleeld International.
13 Pelz, D. (2019). Völkermord: Namibia wartet weiter auf deutsche Entschuldigung” https://www.dw.com/de/
völkermord-namibia-wartet-weiter-auf-deutsche-entschuldigung/a-50402887. Zugegriffen: 09. März 2020.
13
14 z.B. Rossi, A. (2013). Does economic upgrading lead to social upgrading in global production networks? Evidence
from Morocco. World Development 46, 223–233.
15 Kolf, F. & Weishaupt, G. (2018). Firmen scheren aus Bündnis gegen Ausbeutung von Textilarbeitern aus,
Handelsblatt Online. https:// www.handelsblatt.com / unternehmen/ handel- konsumgueter/ einzelhandel- rmen-
scheren- aus- buendnis- gegen- ausbeutung- von- textilarbeitern- aus/ 22869084.html. Zugegriffen: 13. September
2019.
16Transparency International. (2020). Initiative Lieferkettengesetz veröffentlicht Rechtsgutachten https://
www.transparency.de/aktuelles/detail/article/initiative-lieferkettengesetz-veroeffentlicht-rechtsgutachten/.
Zugegriffen: 09. März 2020.
2
Internationale Verantwortung von global agierenden
Unternehmen einfordern
Manager*innen von multinationalen Unternehmen
müssen ihrer internationalen Verantwortung gerecht
werden, insbesondere dort, wo die Unternehmen
von laxer Rechtslage, niedrigen Lohnkosten und
Steuervergünstigungen protieren. Unternehmen
haben natürlich die Picht, ihren Steuer- und
Berichtspichten nachzukommen. Selbst wenn sie dies
in Deutschland tun, so protieren sie in großem Maße
von Steuervergünstigungen in Sonderwirtschaftszonen
und der inkonsequenten Rechtsprechung in den
Produktionsländern, z.B. in Bangladesch, Indien, Myanmar
oder Vietnam. Zudem sind die Lieferketten insbesondere
im produzierenden Gewerbe häug unübersichtlich, da die
Zulieferer selbst standardisierbare Produktionsschritte an
Subunternehmen auslagern. Eine regelmäßige Kontrolle der
Arbeitsbedingungen und gezahlten Löhne ist somit schwer
möglich oder wird bewusst vermieden. Selbst Zulieferer mit
besseren Produktionstechnologien bieten nicht unbedingt
hochwertige und sichere Arbeitsplätze.14 Eine politische
Praxis, die es multinationalen Konzernen erlaubt oder
sie darin unterstützt, fahrlässig zu handeln, kann gerade
durch den Dialog von Politik, Unternehmensvertretung
und Zivilgesellschaft hier in Deutschland überwunden
werden. Ansätze wie das von Gerd Müller ins Leben
gerufene “Textilbündnis” für die Verbesserung von
Arbeitsbedingungen in den langen Lieferketten der
hiesigen Textilbranche sind ein Schritt in die richtige
Richtung, sind jedoch nicht verbindlich genug. Es fehlt auch
am Engagement der großen Handels- und Kaufhausketten.15
Die Elektronik-, Automobil-, Pharma- und Chemiebranchen
sind nach wie vor außen vor. Ein verbindlicher gesetzlicher
Rahmen, wie das angestoßene Lieferkettengesetz, ist
notwendig und machbar, damit Unternehmen ihrer
Sorgfaltspicht nachkommen.16 Regionale Initiativen,
Mehr Gerechtigkeit in globalen
Wirtschaftsbeziehungen
14
wie die „Core Labour Standards Plus” der Friedrich-Ebert-
Stiftung, Gewerkschaften und Partner*innen in Asien,
sollten als Ergänzung zu nationalen Initiativen mehr Gehör
in den Verhandlungen auf EU-Ebene nden. Fairer Handel
im Sinne der International Labour Organisation (ILO)
muss ein verbindlicher Standard auf europäischer Ebene,
und nicht nur eine Ausnahme sein.17 Außerdem sollte die
Deutsche Bundesregierung verstärkt politische Mittel gegen
Steuerucht und illegale nanzielle Flüsse einsetzen, durch
welche insbesondere Staaten des Globalen Südens jährlich
ein großes Mehr von monetären Mitteln im Vergleich zu
Investitionen der Entwicklungszusammenarbeit verlieren.18
17 Portela, C. (2018). Targeted sanctions can help the EU promote labour standards beyond its borders. https://
www.fes-asia.org / news/ targeted- sanctions- can- help- the- eu- promote- labour- standards- beyond- its- borders/ .
Zugegriffen: 13. September 2019.
18 Siehe z.B. Hearson, M. (2018). The challenges for developing countries in International Tax Justice. The Journal
of Development Studies, 54(10), 1932-1938.
Forstater, M. (2018). Illicit Financial Flows, Trade Misinvoicing, and Multinational Tax Avoidance: The Same or
Different? CGD policy paper 123.
15
19 Rudloff, B. & Schmieg, E. (2016). Wieder Hühnchen mit der EU zu rupfen? Umstrittene Geügelexporte nach
Afrika: nachhaltige Handelspolitik als Aufgabe für die G20. Stiftung Wissenschaft und Politik. SWP Aktuell.
https:// www.ssoar.info / ssoar/ handle/ document/ 49977.
20 Lowder, S. K., Skoet, J. & Raney, T. (2016). The number, size, and distribution of farms, smallholder farms, and
family farms worldwide. World Development 87, 16–29.
21 Siehe Rudloff und Schmieg (2016).
3
Transparente und faire Handelsabkommen
Handelsabkommen müssen fair gestaltet, transparent
kommuniziert und mit Maßnahmen zur Förderung
lokaler und ländlicher Infrastruktur ankiert werden. Das
Beispiel der European Partnership Agreements (EPAs) mit
westafrikanischen Staaten ist hierbei anschaulich. Die
EPAs lassen zwar Schutzmechanismen für die lokalen
Wirtschaften aus „generellen Gründen des Marktschutzes
(Art.22)” und für die Ernährungssicherung („Art. 47
ECOWAS-EPA”) zu, jedoch sind diese mit erheblichem
administrativen Aufwand verbunden.19 Vereinbarungen
wie die EPAs zwischen wirtschaftlich sehr unterschiedlich
starken Regionen sind nur sinnvoll, wenn gleichzeitig
infrastrukturell schwache Räume nach den Bedürfnissen
der dortigen Kleinbäuerinnen und Kleinbauern gefördert
werden.20 Handelspartnerschaften, die große strukturelle
Probleme und Ungleichheiten vorweisen, sollten zeitlich
beschränkte Einfuhrverbote und erhöhte Einfuhrzölle in
fragilen Wirtschaftssektoren sanktionsfrei gegenüber
wirtschaftlich starken Ländern umsetzen können. Der in
den EPAs vorgesehene Überprüfungsmechanismus soll
unbedingt so gestaltet werden, dass deren Auswirkungen
insbesondere für Bevölkerungsgruppen in ohnehin
benachteiligten Regionen, z.B. im Landesinneren fernab
westafrikanischer Häfen, messbar und gegebenenfalls
sanktionierbar und veränderbar sind.21 Davon abgesehen
sind jegliche Handelsabkommen auf beiden Seiten
transparent zu kommunizieren. Mögliche Auswirkungen
sollen der allgemeinen Öffentlichkeit zugänglich sein,
um politische Teilhabe verschiedener und insbesondere
marginalisierter Interessengruppen zu ermöglichen (z.B.
Konsument*innen in städtischen und ländlichen Regionen,
Landwirt*innen mit kleinen Anbauächen).
16
4
Neuausrichtung der Gemeinsamen Agrarpolitik der
EU einleiten
Die Gemeinsame Agrarpolitik der EU (GAP) bedarf einer
umfassenden Neuausrichtung, auch vor dem Hintergrund
des internationalen Handels mit Agrarprodukten. Die
GAP vergibt u.a. ächenbezogene Direktzahlungen
an Landwirt*innen innerhalb der EU ohne wirksame
Koppelung an Umwelt- und Sozialdienstleistungen. Die
gegenwärtigen Reformen versprechen wenig Verbesserung
für die Allgemeinheit und für den Umweltschutz. So
kommen weiterhin vor allem Großbetriebe in den Genuss
von Subventionen, die ihnen eine kostengünstigere
Produktion erlauben.22 Dies wirkt sich auch auf
Landwirt*innen in Ländern des Globalen Südens aus. Viele
von ihnen können nicht so kostengünstig produzieren,
was häug auf fehlende Subventionen, mangelhafte
Infrastruktur (z.B. Straßen, funktionierende Lager- und
Kühlketten) und fehlende Finanzierungsmöglichkeiten
zurückzuführen ist.23 So sind Importe von Erzeuger*innen
aus der EU häug wesentlich günstiger für die lokale
Bevölkerung als die Erzeugnisse von heimischen
Landwirt*innen. Diese wiederum gewinnen auch aufgrund
hoher Handelsbarrieren und fehlender Expertise (komplexe
Qualitäts- und Sicherheitsstandards) keinen Zugang zu
den Märkten der EU; Importe aus afrikanischen Ländern
sind in den letzten Jahren sogar um 40 Prozent gesunken.24
Dabei würde die GAP allein aufgrund ihres Budgets
große Gestaltungsspielräume ermöglichen: z.B. könnten
Umweltkosten von europäischen Erzeuger*innen, die durch
Nitratanreicherung im Boden entstehen, internalisiert
werden. Damit würden die Preise von europäischen
Agrarprodukten reale Kosten besser berücksichtigen.25 Für
Agrarzahlungen im Rahmen der GAP sind von 2021 bis
2027 rund 370 Milliarden Euro vorgesehen. Zum Vergleich:
für die gesamte Afrikapolitik der Bundesregierung sind
lediglich 39 Milliarden angesetzt.26
22 Ehlers, K. (2017). Die EU-Agrarpolitik – viel Geld mit wenig Wirkung, Umweltbundesamt. https:// www.
umweltbundesamt.de / themen/ die- eu- agrarpolitik- viel- geld- wenig- wirkung- 0. Zugegriffen: 26. August 2019
23 Siehe Rudloff und Schmieg (2016).
24 Ehrenstein, C. (2018). „Afrikas Jugend wird sich nicht auf die Flucht begeben“.
https:// www.welt.de / politik/ deutschland/ article180719506/ Entwicklungsminister- Mueller- Afrikas- Jugend-
wird- sich- nicht- auf- die- Flucht- begeben.html. Zugegriffen: 26. August 2019.
25 Siehe Rudloff und Schmieg (2016).
26 Siehe Ehrenstein, C. (2018).
17
27 Siehe z.B. D‘Alisa, G., Demaria, F., & Kallis, G. (Eds.) (2014). Degrowth: a vocabulary for a new era. Routledge.
5
Nachhaltige Wirtschaftsformen fördern
Angesichts der Klimakrise und der sozialen Ungleichheit
in der Welt ist ein Fokus auf unbegrenztes materielles
Wachstum und kapitalistische Akkumulation
von Reichtum nicht mehr tragbar. Auch die
Entwicklungszusammenarbeit muss sich anderen,
nachhaltigeren Wirtschaftsformen öffnen und diese
aktiv unterstützen. Sowohl das Bekämpfen von
sozio-ökonomischen Ungleichheiten als auch die Suche
nach klimagerechtem Wirtschaften sind Stärken der
Internationalen Zusammenarbeit, die es auszubauen
gilt. Dabei sollen Wirtschaftsformen gefördert und
weiterentwickelt werden, die das Gemeinwohl stärken
und im Einklang mit der Umwelt funktionieren, wie zum
Beispiel Postwachstums-Modelle.27
Menschlicheres und nachhaltigeres
Verständnis von Wirtschaft fördern
18
6
Wohlstandsmessung diversizieren
Dass die traditionellen wirtschaftlichen Messzahlen,
wie das Bruttonationaleinkommen (BNE) und das
Bruttoinlandsprodukt (BIP), zur Wohlstandsmessung
unzureichend und nicht nachhaltig sind, ist bereits seit
den 1960er Jahren bekannt.28 So zählen beispielsweise der
Raubbau an natürlichen Ressourcen, die bei der Produktion
von Gütern und Dienstleistungen entstehen, oder die
Beseitigung von menschengemachten Umweltschäden zur
Steigerung des Wohlstands.29
Aus der Perspektive der Entwicklungszusammenarbeit
ist zudem wichtig anzuerkennen, dass die
Einkommenssteigerung reicher Haushalte im
BIP überproportional berücksichtigt wird. Die
Einkommenssteigerung armer Haushalte fällt dagegen
kaum ins Gewicht. Dies ergibt nicht nur ein verzerrtes
Bild der Wohlstandssteigerung, sondern verschleiert
sozio-ökonomische Ungleichheiten. Dies ist insbesondere
problematisch, da soziale Ungleichheit in diversen
Themenfeldern der Entwicklungszusammenarbeit eine
zentrale Rolle einnimmt. Außerdem basieren bisherige
Messzahlen auf einem Wirtschaftssystem, das im
Globalen Norden entstanden ist. So können informelle
Arbeit und gemeinschaftsbasierte Ökonomien nur
schwer von der Messung des BIP erfasst werden.30
Angesichts dessen ist für Entscheidungsträger*innen
in der Entwicklungszusammenarbeit essentiell, sich
nicht rein auf quantizierende Wohlstandsmessungen
wie die des BIP zu berufen, sondern im Austausch mit
Entscheidungsträger*innen vor Ort qualitative Indikatoren
oder Konzepte zu entwickeln. Es ist unabdingbar,
einen stärkeren Fokus auf die Entwirrung sozialer und
wirtschaftlicher Ungleichheiten zu legen.
28 Kennedy, R. F. (1968). University of Kansas Address. Lawrence: University of Kansas.
29 Talberth, J. (2010). Measuring What Matters: GDP, Ecosystems and the Environment, World Resources
Institute. https:// www.wri.org / blog/ 2010/ 04/ measuring- what- matters- gdp- ecosystems- and- environment.
Zugegriffen: 25. Juni 2019.
30 Lepenies, P. (2016). The power of a single number. A political history of GDP. New York: Columbia University
Press.
19
31 Matthews, S. (2010). Postdevelopment Theory. In: International Studies Association & Oxford University Press
(Hrsg.), Oxford Research Encyclopedia of International Studies. Oxford University Press, 11
32 Siehe Matthews (2010).
33 Ziai, A. (2010). Postkoloniale Perspektiven auf „Entwicklung“. PERIPHERIE 30 (120), 399–426.
7
Dezentrale Lösungs- und Entscheidungsndung
anstreben
„Think globally, act locally”31 beschreibt eine Devise, die
in der Entwicklungszusammenarbeit mehr Anwendung
nden sollte. Jeder Ort, jede Kommune, jede Region hat
ihre ganz individuellen Charakteristika und daher sollte
eine dezentrale Lösungs- und Entscheidungsndung
auch bei groß angelegten Infrastrukturprojekten
angestrebt werden.32 Die von den Projekten betroffenen
Menschen sollten verstärkt selbst über die Denition
der Ziele bestimmen, mehr Anteil an der Durchführung
haben oder die Leitung der Projekte federführend
übernehmen. In Projekten wird in vielen Fällen wenig
Rücksicht auf traditionelles ökologisches Wissen
genommen. Projektverantwortliche stellen beispielsweise
Ernährungssysteme rein nach ökonomischen und
politischen Interessen um.33 Während Ernährungssicherheit
zentral ist, muss ebenso eine Ernährungssouveränität
für die Bevölkerung gewährleistet sein. Insbesondere
bei groß angelegten Infrastrukturprojekten besteht
die Gefahr, dass die ansässige Bevölkerung nicht oder
unzureichend in den Planungsprozess mit eingebunden
wird, was in verschiedenen Fällen zur unrechtmäßigen
Landnahme führt. Solche Fälle dürfen in der deutschen
Entwicklungszusammenarbeit nicht mehr vorkommen
und ihnen soll durch eine ganzheitliche Einbindung der
Zielgruppen vorgebeugt werden.
Mehr Selbstbestimmung und
Mitsprache für Adressat*innen
von Interventionen der
Entwicklungszusammenarbeit
20
8
Zusammenarbeit mit Projektpartner*innen
machtkritisch gestalten
Viele postkoloniale Staaten sind stark von den vormaligen
kolonialen politischen Institutionen und gesellschaftlichen
Strukturen geprägt.34 Ebenfalls wird kritisiert, dass
Mittel der Entwicklungszusammenarbeit vor allem
den Netzwerken politischer Eliten zugutekommt.35
Es ist deshalb essentiell für Interventionen der
Entwicklungszusammenarbeit, sensibel mit den
Spannungen zwischen der Selbstbestimmung von
gesellschaftlichen Gruppen einerseits, und der Rolle
und dem Einuss von staatlichen Eliten andererseits
umzugehen. Die Frage etwa, ob staatliche oder
nicht-staatliche Akteur*innen einbezogen werden und
die sozioökonomischen und kulturellen Hintergründe
der Partner*innen haben folgenreiche Auswirkungen auf
das Projekt hinsichtlich Wirksamkeit, Zielgruppen und
Reputation.
Ein Dilemma ergibt sich beispielsweise in Zielländern mit
geschwächten staatlichen Strukturen wie El Salvador oder
Honduras; eine Kooperation mit öffentlichen Institutionen
kann hier beträchtliche operative Risiken bedeuten, die
Zusammenarbeit mit nicht-staatlichen Partner*innen
unter Ausschluss des Staates hingegen birgt die Gefahr,
gestörte Legitimitätsbeziehungen zu zementieren und
zu reproduzieren. Ein Mittelweg könnte die Einrichtung
sogenannter „Independent Service Authorities” sein.36
In komplexen sozialen Konstellationen ist es für
Organisationen der Entwicklungszusammenarbeit
wichtig, ihre eigene Position offen mit den involvierten
Gruppen zu reektieren, politisch-ideologische Intentionen
aller Beteiligten vor dem Hintergrund der kolonialen
Vergangenheit zu beleuchten und Machtinteressen
zu hinterfragen. Bei der Kooperation mit Eliten der
34 Siehe Niang, A. (2018). The Postcolonial African State in Transition: Stateness and Modes of Sovereignty.
Rowman & Littleeld International.
Ndlovu-Gatsheni, S. J. (2013). Coloniality of power in postcolonial Africa. African Books Collective.
35 Shikwati, J. (2006). Fehlentwicklungshilfe. Internationale Politik, 61(4), 6-15.
36 Bold, T., Collier, P. & Zeitlin, A. (2009). The Provision of Social Services in Fragile States: Independent Service
Authorities as a New Modality (Centre for the Study of African Economies, University of Oxford), Oxford.
21
Zielländer oder anderen Akteur*innen, die elementare
Funktionen offen oder verdeckt ausüben, sollten
Entscheidungsträger*innen insbesondere überprüfen,
ob für die Beteiligten politische oder nanzielle Vorteile
aus der Schwäche von Kontrollsystemen entstehen.
Akteur*innen der Entwicklungszusammenarbeit müssen
sich dessen bewusst sein, dass sie durch ihre Intervention
möglicherweise ungleiche politische und ökonomische
Strukturen stärken und gar gewaltvolle Konikte zwischen
gesellschaftlichen Gruppen auslösen. Organisationen der
Entwicklungszusammenarbeit sollen eine sensible und
nach Möglichkeit hybride Kooperation aufbauen, die zu
einem Dialog zwischen allen Interessensgruppen beiträgt
und bei den antizipierten Zielgruppen ankommt. Falls
dies nicht möglich ist, sich ein Teil der Gesellschaft gegen
eine Intervention ausspricht oder Menschen durch die
Machtkonstellationen in einem Projekt unterdrückt werden
könnten, soll von einer Projektdurchführung abgesehen
werden.
22
9
Mehr selbstinitiierte Projekte im Globalen Süden
fördern
Eine andere Möglichkeit, die Selbstbestimmung
marginalisierter Gruppen zu garantieren, ist das
Unterstützen von Initiativen aus den vermeintlichen
Zielgruppen selbst. Dabei muss neben der
monetären Unterstützung die volle Souveränität
der Organisationen gewährleistet sein. Einige
zivilgesellschaftliche Organisationen versuchen bereits,
diesen Ansatz zu verfolgen. Um die Möglichkeiten
der staatlichen Unterstützung auszubauen, müssen
Finanzierungsmechanismen exibler werden und eine
Antragstellung auch für Organisationen außerhalb
Deutschlands barrierefrei gestaltet werden.
23
10
Rechenschaftsmechanismen einführen
Ungleiche Machtstrukturen werden in der
entwicklungspolitischen Projektarbeit insbesondere
dadurch sichtbar, dass viele Institutionen Projekte in
den Partnerländern durchführen können, ohne im
Fall von Misswirtschaft zur Rechenschaft gezogen
werden zu können. Dass die Zielgruppen oft nicht
direkt verantwortlich sind, untergräbt nicht nur
die Souveränität der Gesellschaften, in welchen
entwicklungspolitische Organisationen intervenieren,
sondern wirkt einer nachhaltigen Projektarbeit entgegen.
Wenn Entwicklungszusammenarbeit einen ehrlichen
Beitrag zu globaler Gerechtigkeit leisten soll, müssen
Rechenschaftsmechanismen eingeführt werden, durch
die betroffene Individuen oder Gruppen die ausführende
Organisation im Falle von Fehlern zur Verantwortung
ziehen können. Dafür müssen entsprechende Gremien
für Mediation und Klagen geschaffen werden, welche
Konikte schlichten und Betroffene entschädigen. Das
World Bank Inspection Panel ist ein Beispiel für eine solche
Struktur, zeigt aber auch, dass eine aktive Bewerbung der
Mechanismen unabdingbar ist.
Mehr Transparenz und Rechenschaft
gegenüber Gesellschaften im Globalen
Süden und Norden
24
11
Radikale Transparenz und Offenheit durchsetzen
Viele entwicklungspolitische Organisationen haben in den
letzten Jahrzehnten einen starken Wandel durchlaufen
und haben ihre Arbeit transparenter gestaltet. Im Sinne
einer Zusammenarbeit, die von zwei oder mehreren
Partner*innen sowie betroffenen Stakeholder*innen
lebt, ist eine radikale Transparenz über Mittel und Ziele
der einzelnen Organisationen unabdingbar. Eine solche
Transparenz betrifft monetäre Verwendungen und vor
allem auch politische Ziele. Nicht zuletzt trägt dies auch
zu einer stärkeren reziproken Verantwortlichkeit in der
Projektarbeit bei. Partner*innen müssen im Zuge dessen
dazu ermutigt werden, ihre Kritik an der Zusammenarbeit
offen zu kommunizieren. Geberorganisationen müssen
diese Kritik ernst nehmen und nach bestem Gewissen
dafür Sorge tragen, das diese in der künftigen Kooperation
berücksichtigt wird.
25
12
Expert*innenstatus abschaffen - System von
Sucher*innen ausbauen
Institutionen der Entwicklungszusammenarbeit
rekrutieren und entsenden sogenannte „Expert*innen
oder „Berater*innen” für verschiedene Fachgebiete, die
meistens an Universitäten der USA, Kanadas, Europas und
Australiens ausgebildet wurden. Viele dieser „Expert*innen
sind vornehmlich in Ländern des Globalen Nordens
sozialisiert worden. Sie kennen die Lebenswirklichkeit vor
Ort in den Ländern des Globalen Südens durch indirekte
Informationsquellen (z.B. Literatur, Nachrichten) und
durch kurz- und mittelfristige Arbeitseinsätze im Ausland.
In den meisten Fällen fehlt ihnen ein detailliertes und
intuitives Verständnis für die Beziehungen zwischen
Menschen in Machtpositionen und Menschen mit weniger
Einuss vor Ort. Selbst durch sehr gute Sprachkenntnisse
und Kenntnisse der Geschichte, Gesellschaft und Politik
besteht eine Verständnisbarriere für die alltäglichen und
dem Außenstehenden nicht unbedingt ersichtlichen
Lebenswirklichkeiten. Durch das im deutschen
Bildungssystem geförderte (Selbst-)Verständnis des
Expert*innentums verstehen sich die Entsandten als
Überbringer*innen von Lösungen zu vornehmlich im
Globalen Norden denierten Problemen. Dieser Umstand
wird durch die Themen-Vorgaben des BMZ sowie durch
die Vergabe von Fördermitteln nach dem Verständnis
von Bürokrat*innen mit begünstigt. Die Anerkennung
dieser „Expert*innen” schlägt sich auch in einer sehr
ungleichen Bezahlung von lokalen und internationalen
Mitarbeiter*innen nieder, die sich nur teilweise mit der
Wahrung des lokalen Gehaltsniveaus erklären lässt.
Als Alternative für die Zusammenarbeit zwischen
internationalen und nationalen Fachkräften schlagen
wir deshalb die Rolle der „Sucher*innen” vor. Anstelle
der Entsendung von vermeintlichen „Expert*innen”,
Reziproken Wissensaustausch und
Vielfalt an Wissen fördern
26
können ausgebildete Individuen aus dem Globalen
Norden und Süden Kontakte zwischen Förder*innen
und Organisationen beiderorts herstellen, sofern sie
dafür konkrete Anfragen bekommen. So kann die
Entwicklungszusammenarbeit als Plattform dienen, um
Menschen und Organisationen mit komplementären
Bedürfnissen zusammenzubringen. Fachkräfte der
Entwicklungszusammenarbeit würden folglich viel
mehr über Fähigkeiten der Kommunikation und
des Koniktmanagements, sowie über Kenntnisse
der Machtkritik und Wissen über verschiedene
Finanzierungsformen verfügen.
27
13
Statt Dezitanalysen verstärkt Asset-Analysen
durchführen
In der vorgelagerten Projektanalyse legen Institutionen
der Entwicklungszusammenarbeit und beauftragte
Beratungsrmen einen starken Fokus auf die
Auswertung der Dezite der vermeintlichen Zielgruppen.
Dieses Vorgehen reektiert die Überzeugung, dass
Gesellschaften der Partnerländer dezitär wären und
bevorzugt eine Lösungssuche in anderen Kontexten,
vor allem im Globalen Norden. Indigenes Wissen und
lokale Lösungsansätze werden dabei vernachlässigt.
Eine überzeugende Alternative ist das Suchen nach
lokalen Assets, nach Gegebenheiten, die zu einer Lösung
beitragen könnten. Das Anfertigen einer sogenannten
„Asset-Map” kann „die Sichtbarkeit und Glaubwürdigkeit
dessen, was als rückständig, unzureichend oder ‚nicht
vorhanden‘ als Beitrag zur Entwicklung deklariert
wurde, wiederherstellen.37 In ihrer Projektplanung sind
Institutionen der Entwicklungszusammenarbeit und ihre
Beratungsrmen demnach aufgerufen, mehr nach lokalen
Aspekten zu suchen, die zur Lösungsndung beitragen.
37 Gibson-Graham, J. K. (2006). A postcapitalist politics. Minneapolis: University of Minnesota Press, 169.
28
Reziproken Wissensaustausch fördern
Im Sinne der Sustainable Development Goals sind alle
Gesellschaften der Welt „Entwicklungsgesellschaften”,
auf dem Weg zu einem nachhaltigen und friedlichen
Zusammenleben. Entwicklungszusammenarbeit ndet
trotz dessen nur in Ländern des Globalen Südens statt.
Angesichts der verheerenden Umweltverschmutzung und
Emission von klimaschädlichen Gasen, die Menschen
im Globalen Norden bis heute verursachen, ist die Suche
nach nachhaltigen Formen des Zusammenlebens und
Wissensformen sehr wichtig. Viele Gesellschaften im
Globalen Süden haben wertvolle Ideen umgesetzt, die eine
nachhaltigere Alternative bieten können, meist jedoch
nicht ernst genommen werden. Die Ideen des „Ubuntu”,
von „Buen Vivir” oder auch konkrete Gesetze wie das
Verbot von Plastikverpackungen in Ruanda können in
einer Entwicklungszusammenarbeit in Deutschland
genutzt werden, um Klimaschutz zu betreiben und den
sozialen Zusammenhalt stärken. Durch ihre Netzwerke
wären die Institutionen der Entwicklungszusammenarbeit
prädestiniert dafür, Wissen aus Kontexten des Globalen
Südens nach Deutschland zu bringen und eine
Zusammenarbeit in beide Richtungen möglich zu machen.
14
29
15
Machtkritisches politisches Engagement der
Institutionen in Deutschland stärken
Wie in den vorangegangen Teilen klar wird, muss die
Verwicklung der deutschen Politik und Wirtschaft in
Probleme in anderen Teilen der Welt anerkannt werden.
Wenn Entwicklungszusammenarbeit nachhaltig und
positiv verändern soll, müssen sich ihre Organisationen
in Deutschland politisch engagieren, um die soziale und
ökologische Ausbeutung des Globalen Südens zu stoppen
und Ungleichheiten zu beseitigen. Dabei ist es wichtig, dass
Institutionen der Entwicklungszusammenarbeit in ihrem
öffentlichen Auftreten aktiv gegen Rassismus und andere
Diskriminierungsformen eintreten und bei der Darstellung
des Globalen Südens sensibler vorgehen.
Internationale Zusammenarbeit macht-
kritischer und kritikfähiger gestalten
30
Awareness von Mitarbeiter*innen unterstützen
Die Aufarbeitung kolonialer Geschichte ist in Deutschland
unzureichend und die öffentliche Auseinandersetzung
mit Rassismus begrenzt. Daher sollten Mitarbeiter*innen
in der Entwicklungszusammenarbeit in diesen
Bereichen sensibilisiert sein. Bis heute prägen diese
Strukturen unsere Gesellschaft und erschweren eine
Internationale Zusammenarbeit auf Augenhöhe. Deswegen
sind regelmäßige, gesamtheitliche Anti-Rassismus-
Trainings und eine kritische Auseinandersetzung mit
der deutschen wie europäischen Kolonialgeschichte und
ihrem Erbe essentiell. Letztlich ist auch in der täglichen
Zusammenarbeit eine kontinuierliche persönliche
Reektion und das Offenlegen der eigenen Privilegien
im globalen Kontext für eine gelingende Kooperation
unabdingbar.
16
31
17
Kontinuierliche Auseinandersetzung mit
fundamentaler Kritik institutionalisieren
Die zahlreichen Forderungen in diesem Papier sind ein
Versuch, praktische Perspektiven aus den postkolonialen
Ansätzen und Post-Development Theorien zu entwickeln.
Dabei möchten die Verfasser*innen dieses Papiers darauf
aufmerksam machen, dass der Fokus der Vorschläge
einer bestimmten Position und Zeit zugrunde liegt. Das
heißt konkret, dass es gegenwärtig durchaus viel mehr
Kritikpunkte und praktische Ideen gibt und wir überzeugt
sind, dass sich diese auch in der Zukunft verändern
werden. Es geht den Verfasser*innen deshalb vielmehr
darum, in einen kontinuierlichen, offenen Diskurs
mit bestehender Kritik zu treten und gemeinsam zu
überlegen, welche Möglichkeiten zur Transformation
in den Institutionen bestehen. In einer Welt, die von
großer sozialer Ungleichheit geprägt ist und die sich stets
verändert, ist es für die Entwicklungszusammenarbeit
eine zentrale Aufgabe, sich kontinuierlich mit der
an ihr geäußerten Kritik auseinanderzusetzen und
strukturellen Wandel zu ermöglichen. Dies könnte
beispielsweise durch eine Arbeitsgruppe gelingen,
die aus Vertreter*innen aus Wissenschaft und Praxis
besteht, und die sich mit ungleichen Machtstrukturen
und fundamentaler Kritik auseinandersetzt und Impulse
zurück in die Institutionen gibt. Eine solcher Raum
für Kritik muss sich gesamtheitlich mit der deutschen
Entwicklungszusammenarbeit auseinandersetzen und
muss deshalb alle beteiligten politischen Ressorts sowie
zivilgesellschaftliche Organisationen umfassen. Dass dabei
gegenwärtig vor allem Stimmen aus dem Globalen Süden
gehört werden müssen, ist angesichts der erläuterten
postkolonialen Ungleichheiten besonders wichtig. So
kann ein aktives Ermutigen der Partner*innen aus dem
Globalen Süden, ihre Kritik zu äußern, diesen Prozess nur
bestärken. Schlussendlich ist es essentiell, Netzwerke von
verschiedenen Akteur*innen und (wissenschaftlichen)
Kritiker*innen aus verschiedenen Teilen der Welt zu
stärken, um die Zusammenarbeit in Zukunft kritisch
zu begleiten und eine kontinuierliche Reektion der
Strukturen und Prozesse sicherzustellen.
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