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Lateinamerika: Nach dem Ressourcenboom und progressiven Politiken zurück auf Los?

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ZUR DISKUSSION GESTELLT
Vom Hoffnungsträger zum
Problemfall:
Lateinamerika
verliert den Anschluss
– was sind die
Ursachen?
Carsten Hefeker, Tobias Boos und Ulrich Brand, Martin T. Braml,
Barbara Fritz, Ingrid Wehr, Angelica Dominguez-Cardoza und
Christoph Trebesch
24
2019
19. Dezember 2019
72. Jahrgang
DATEN UND PROGNOSEN
Veranstaltungen in der Messe
Dortmund und den Westfalen-
hallen: Starke wirtschaftliche
Impulse
Horst Penzkofer
ifo Konjunkturprognose
Winter 2019:
Deutsche Konjunktur
stabilisiert sich
Timo Wollmershäuser,
Florian Eckert, Marcell Göttert,
Christian Grimme, Carla Krolage,
Stefan Lautenbacher,
Robert Lehmann, Sebastian Link,
Heiner Mikosch, Stefan Neuwirth,
Wolfgang Nierhaus, Ann-Christin
Rathje, Magnus Reif, Radek Šauer,
Marc Stöckli, Klaus Wohlrabe und
Anna Wolf
Ausmaß und Auswirkungen
der Schattenwirtschaft
Ergebnisse der Sonderfragen des
ifo World Economic Survey
Dorine Boumans und
Friedrich Schneider
ifo Schnelldienst
ISSN 0018-974 X (Druckversion)
ISSN 2199-4455 (elektronische Version)
Herausgeber: ifo Institut, Poschingerstraße 5, 81679 München, Postfach 86 04 60, 81631 München,
Telefon (089) 92 24-0, Telefax (089) 98 53 69, E-Mail: ifo@ifo.de.
Redaktion: Dr. Marga Jennewein.
Redaktionskomitee: Prof. Dr. Dr. h.c. Clemens Fuest, Annette Marquardt, Prof. Dr. Chang Woon Nam.
Vertrieb: ifo Institut.
Erscheinungsweise: zweimal monatlich.
Bezugspreis jährlich:
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Einzelpersonen EUR 96,–
Studenten EUR 48,–
Preis des Einzelhees: EUR 10,–
jeweils zuzüglich Versandkosten.
Layout: Kochan & Partner GmbH.
Satz: ifo Institut.
Druck: Majer & Finckh, Stockdorf.
Nachdruck und sonstige Verbreitung (auch auszugsweise):
nur mit Quellenangabe und gegen Einsendung eines Belegexemplars.
im Internet:
http://www.ifo.de
ZUR DISKUSSION GESTELLT
Vom Hoffnungsträger zum Problemfall: Lateinamerika verliert den Anschluss –
was sind die Ursachen? 3
Lateinamerikas Wirtscha stagnier t. Die politische Unsicherheit in den wichtigsten Ökonomien, der schwächere
Welthandel und die Handelsstreitigkeiten drücken die Wachstumsprognosen. Die Länder verlieren weiter den
Anschluss im weltweiten Vergleich. Entwickelt sich Südamerika vom Honungsträger zum Risikofaktor für die
Weltwirtscha?
Carsten Hefeker, Universität Siegen, sieht Südamerika in einer tiefen demokratischen und wirtschalichen
Krise. Die Ursachen seien in jedem Land etwas anders gelagert, aber es zeigten sich auch Gemeinsamkeiten.
Neben dem massiven Verfall der Rohsto- und Agrarproduktpreise seien die Gründe in vielen Ländern in einem
Hang zu populistischer Wirtschaspolitik einerseits und unterlassenen Reformen andererseits zu sehen, die
die Stabilität untergraben und zu politischen und ökonomischen Krisen führen.
Nach Ansicht von Tobias Boos und Ulrich Brand, Universität Wien, verliert Lateinamerika erneut den Anschluss.
In der ersten Dekade der 2000er Jahre hatte es danach ausgesehen, als habe die Region einen dauerhaen
Wachstumspfad eingeschlagen. Aber die Regierungen konnten sich nicht aus dem Teufelskreis der Ressour-
cenabhängigkeit befreien. Und nach dem Ende des Ressourcenbooms wurde ein neuer Zyklus der Auslands-
verschuldung in Gang gesetzt.
Martin T. Braml, ifo Institut, zeigt auf, dass gerade die großen lateinamerikanischen Länder Argentinien, Bra-
silien und Mexiko in den vergangenen drei Dekaden nicht im relativen Entwicklungsstand aufholen konnten.
Hingegen sei ein wirtschalicher Konvergenzprozess für Chile und Uruguay, die eine starke Integration im Welt-
handel suchten, zu erkennen. Dies scheine Argentinien und Brasilien, den tonangebenden Staaten innerhalb
des MERCOSUR, nur langsam zu gelingen. Auch deshalb biete der Abschluss des EU-MERCOSUR-Freihandels-
abkommens eine einmalige Chance für die lateinamerikanischen Länder.
Barbara Fritz, FU Berlin, stellt fest, dass bis vor einigen Jahren Südamerika die einzige Region war, der es gelang,
Wachstum mit Umverteilung zu verbinden. Davon sei heute wenig übriggeblieben. Seit Jahren stagniere das
Wachstum, die Verteilung habe sich in Ländern wie Brasilien sogar wieder verschlechtert. Mit ein Grund für
diese Entwicklung sei die Verschlechterung der globalen Rahmenbedingungen seit dem Ende des »sogenann-
ten Superbooms der Rohstopreise«. Zudem sei die Region massiv von den großen Handelskonflikten betrof-
fen. Die globale Staatengemeinscha, ebenso wie die EU, sollten hier unterstützen.
Nach Ansicht von Ingrid Wehr, Heinrich-Böll-Stiung, Santiago de Chile, sind die hohe Abhängigkeit latein-
amerikanischer Volkswirtschaen von Rohstoexporten und die wachsende Reprimarisierung des Exports ein
massives Problem der Länder, die somit eher Rentenökonomien als Marktwirtschaen seien.
Angelica Dominguez-Cardoza und Christoph Trebesch, Inst itutr Weltwir tscha, Kiel, sehen Ar gentinien erneut
vor einem hohen Schuldenschnitt stehen. Dieser sei nur eine Frage der Zeit. Übermäßige Staatsausgaben und
eine exzessive Verschuldung in Fremdwährungen hätten die Krise herbeigeführt, gekoppelt mit hoher Inflation
und einer schwachen Währung.
24/2019
SCHNELLDIENST
DATEN UND PROGNOSEN
Veranstaltungen in der Messe Dortmund und den Westfalenhallen generieren
starke wirtschaliche Impulse 24
Horst Penzkofer
Im Aurag der Westfalenhallen Unternehmensgruppe Dortmund hat das ifo Institut nach 2009 zum zweiten Mal
eine Untersuchung zu den wirtschalichen Eekten durchgeführt, die in einem durchschnittlichen Veranstal-
tungsjahr – u.a. Messen, Kongresse, Tagungen, Konzerte – durch die Unternehmensgruppe ausgelöst werden.
Auf Basis empirischer Erhebungen ausgewählter Veranstaltungen wurden die Gesamtausgaben und, darauf
aufbauend, die Kaufkra-, Beschäigungs- und Steuereekte eines durchschnittlichen Veranstaltungsjahres
berechnet. Danach bewirken Veranstaltungen in den Westfalenhallen in Deutschland einen Kaufkrazufluss
von 493 Mio. Euro. Deutschlandweit werden über 4 200 Arbeitsplätze durch Veranstaltungen in den Westfalen-
hallen gesichert.
ifo Konjunkturprognose Winter 2019: Deutsche Konjunktur stabilisiert sich 27
Timo Wollmershäuser, Florian Eckert, Marcell Göttert, Christian Grimme, Carla Krolage, Stefan Lautenbacher,
Robert Lehmann, Sebastian Link, Heiner Mikosch, Stefan Neuwirth, Wolfgang Nierhaus, Ann-Christin Rathje,
Magnus Reif, Radek Šauer, Marc Stöckli, Klaus Wohlrabe und Anna Wolf
Am 12. Dezember 2019 stellte das ifo Institut seine Prognose für die Jahre 2019, 2020 und 2021 vor. Die deut-
sche Wirtscha hat sich im dritten Quartal 2019 stabilisiert, nachdem das Bruttoinlandsprodukt im Quartal
zuvor noch um 0,2% gesunken ist. Zu dem Anstieg hat vor allem eine kräige Konsum- und Baukonjunktur
beige tragen. Zwar hat sich der Beschäigungsaufbau im Jahresverlauf verlangsamt, die Einkommenszu-
wächse der privaten Haushalte sind aber nach wie vor hoch. Neben spürbar steigenden Tariflöhnen haben
auch Abga benentlastungen und eine Ausweitung staatlicher Transferzahlungen, wie etwa Renten und Kinder-
geld, die Kaufkra gestärkt. Zudem hat ein reges Konsum- und Investitionsgebaren der öentlichen Hand die
in ländische Nachfrage gestützt. Schließlich sind die Hypothekenzinsen noch einmal kräig gefallen, und die
Vergabe von Wohnungsbaukrediten hat sich beschleunigt. Insgesamt wird die Wirtschasleistung im Jahres-
durchschnitt 2019 um 0,5% expandieren; kalenderbereinigt ergibt sich ein Zuwachs von 0,6%. Im kommen-
den Jahr wird das Bruttoinlandsprodukt mit 1,1% wieder kräiger steigen, wenngleich der Kalendereekt von
0,4 Prozentpunkten die eher verhaltene konjunkturelle Grunddynamik überzeichnet. Die deutsche Industrie
wird voraussichtlich erneut einen negativen Wachstumsbeitrag zum Bruttoinlandsprodukt liefern, wenngleich
dieser deutlich geringer ausfallen düre als im laufenden Jahr. Im Jahr 2021 düre das Bruttoinlandsprodukt
mit einer Rate von 1,5% expandieren, und damit kräiger als das Produktionspotenzial. Der Auslastungsgrad
der deutschen Wirtscha düre am Ende des Prognosezeitraums wieder zunehmen und leicht positiv ausfallen.
Ausmaß und Auswirkungen der Schattenwirtscha
Ergebnisse der Sonderfragen des ifo World Economic Survey 90
Dorine Boumans und Friedrich Schneider
Die WES-Sonderfragen für das vierte Quartal 2019 befassen sich mit dem Ausmaß und den Wirkungen der
Schattenwirtscha. Die Teilnehmer wurden gebeten, Fragen zum Ausmaß der Schattenwirtscha in den ein-
zelnen Ländern, zu den Gründen für Schattenwirtscha und zu den Sektoren, die hauptsächlich von Schat-
tenwirtscha betroen sind, zu beantworten. Der Anteil der Schattenwirtscha unterscheidet sich weltweit
zwischen den Ländern und den einzelnen Wirtschassektoren. Die geschätzte Schattenwirtscha in der EU ist
beträchtlich größer als die geschätzte Schattenwirtscha in den USA und anderen fortgeschrittenen Ländern,
wobei in allen Ländern der Haushaltssektor als derjenige Sektor genannt wird, in dem der Anteil der Schatten-
wirtscha am größten ist.
3
ZUR DISKUSSION GESTELLT
ifo Schn elldienst 24 / 2019 72. Jahrgan g 19. Deze mber 2019
Carsten Hefeker
Carsten Hefeker*
Lateinamerika zwischen
Populismus und Washington
Consensus
Die achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts gel-
ten als das »verlorene Jahrzehnt« Lateinamerikas,
und einige Beobachter sagen voraus, dass die Region
vor einem zweiten verlorenen Jahrzehnt stehe (vgl.
Financial Times, 16. November 2019). Momentan gibt
es Proteste, Aufstände und gewalttätige Konflikte
in Bolivien, Chile, Ecuador und Kolumbien, diktato-
rische Regierungen in Kuba, Nicaragua und Vene-
zuela und rechts- bzw. linkspopulistische Regierun-
gen in Brasilien und Mexiko. In Argentinien kehren die
Peronisten an die Macht zurück, die das Land mas-
siv heruntergewirtschaet hatten, bevor es 2015 zum
Machtwechsel kam. Das Land, das 2018 mit 57 Mrd.
US-Dollar den größten Kredit der Geschichte des
Internationalen Währungsfonds erhalten hat, hat
angekündigt, einen Teil der Zahlungen auszuset-
zen. Zudem ist die Inflation hoch, hat der Peso mas-
siv abgewertet und sind die Kapitalverkehrskont-
rollen und Währungsschwarzmärkte zurück, die es
unter Cristina Kirchner gab (vgl. Sturzenegger 2019).
Und Venezuela, das mit seinem Ölreichtum eines der
reichsten Länder der Welt sein könnte, hat in den
letzten Jahren einen rasanten ökonomischen Verfall
erlebt: Das Volkseinkommen ist seit 2013 um mehr
als die Häle gesunken, und die Inflationsrate liegt
nach Schätzungen des Währungsfonds bei 200 000%.
Rund 4,5 Millionen Menschen haben bereits das Land
verlassen, was auch in den Nachbarstaaten zu einer
humanitären Krise führt.
Vom Hoffnungsträger zum Problemfall:
Lateinamerika verliert den Anschluss –
was sind die Ursachen?
Lateinamerikas Wirtscha stagniert. Die politische Unsicherheit in den wichtigsten Ökono-
mien, der schwächere Welthandel und die Handelsstreitigkeiten drücken die Wachstums-
prognosen. Die Länder verlieren weiter den Anschluss im weltweiten Vergleich. Entwickelt
sich Südamerika vom Hoffnungsträger zum Risikofaktor für die Weltwirtscha?
Für die Region insgesamt sagt der Internatio-
nale Währungsfonds in seinem aktuellen Regional-
report für das laufende Jahr nur 0,2% Wachstum vor-
aus, nach mageren 0,8% in den letzten sechs Jahren
(vgl. IMF 2019). Die Region liegt damit deutlich hinter
Asien oder Afrika in der Wachstumsentwicklung, und
das Forschungsinstitut »Latinobarómetro« berichtet,
dass nur noch 48% der Lateinamerikaner die Demo-
kratie für die beste Regierungsform halten, während
es vor zehn Jahren noch über 60% waren. Der Kon-
tinent steckt ganz oenbar in einer tiefen demokra-
tischen und wirtschalichen Krise, die sich in den
Protesten manifestiert. Die Ursachen sind in jedem
Land etwas anders gelagert, aber es zeigen sich auch
Gemeinsamkeiten.
Zum einen ist ein massiver Verfall der Roh-
sto- und Agrarproduktpreise zu konstatieren, der
die Region negativ getroen hat. Die Preise für Öl,
Kupfer und Soja sind um rund 35–40% niedriger als
2011 und für Eisenerz sogar um die Häle (vgl. IMF
2019). Zum anderen spürt die Region die Auswir-
kung des globalen Finanzzyklus. Waren in den Jah-
ren der ultra expansiven Geldpolitik massiv Mittel in
die Region geflossen, scheint sich nun die Risikoein-
schätzung der Anleger zu wandeln. Generell warnt
der IWF davor, dass die Bedingungen auf den globa-
len Kapital märkten die Anfälligkeit der Märkte erhö-
hen, und befürchtet explizit die Gefahr von sudden
stops, also einem abrupten Abfluss ausländischen
Kapitals. Tatsächlich sind die Portfoliozuflüsse seit
Beginn des Jahres in den meisten Ländern nega-
tiv, was durch die Proteste vermutlich weiter ange-
facht wird. Die Verschuldung der Staaten der Region
liegt im Schnitt oberhalb anderer Entwicklungs- und
Schwellenländer und ist besonders anfällig, da ein
großer Teil in ausländischer Währung denominiert
ist und unter dem anhaltend starken US-Dollar leidet
(vgl. Tab. 1). Vor allem die Abhängigkeit von Rohsto-
preisen und volatilen Kapitalströmen führt immer
* Prof. Dr. Carsten Hefeker ist Inhaber des Lehrstuhls for European
Economic Policy an der Universität Siegen; Carsten.Hefeker@uni-sie-
gen.de.
4
ZUR DISKUSSION GESTELLT
ifo Schn elldienst 24 / 2019 7 2. Jahrgang 19. Deze mber 2019
wieder zu boom-bust cycles, die die Region zwischen
Wachstumseuphorie und Krise schwanken lässt (vgl.
Rodrik 2018). Ein weiterer Faktor schließlich ist die
gestiegene Unsicherheit über die Entwicklung des
Außenhandels, wofür die Androhung von Handels-
kriegen durch den amerikanischen Präsidenten ver-
antwortlich ist, aber auch die Abschwächung des
Wachstums in China und Europa (vgl. IMF 2019).
Neben diesen exogenen Einflüssen aber sind die
Gründe in vielen Ländern in einem Hang zu populisti-
scher Wirtschaspolitik einerseits und unterlassenen
Reformen andererseits zu sehen, die die Stabilität
untergraben und zu politischen und ökonomischen
Krisen führen.
POPULISTISCHE WIRTSCHAFTSPOLITIK
Den klassischen populistischen Zyklus in Latein-
amerika haben Dornbusch und Edwards (1991)
beschrieben: Die Bevölkerung ist zunehmend unzu-
frieden mit der wirtschalichen Lage und einer kon-
traktiven Fiskalpolitik, die o auf Auflagen des IWF
zurückgeführt wird. Das Fass zum Überlaufen bringt
o eine Erhöhung der Preise für Treibsto und öent-
lichen Transport, die zu gewalttätigen Demonstra-
tionen führt, wie jetzt in Chile und Ecuador. Ein neuer
charismatischer Kandidat von außerhalb der tradi-
tionellen Politik tritt auf, der angeblich das »echte«
Volk statt der korrupten Eliten vertritt. Nach seiner
Wahl werden Geld- und Fiskalpolitik deutlich expan-
siver, und die Austeritätspolitik wird beendet, was vor
allem durch Rückgri auf Währungsreserven und Aus-
landskredite finanziert wird.
Das Land erlebt einen Aufschwung, aber die
Hochkonjunktur führt irgendwann zu Engpässen, da
Kapazitäten ausge lastet sind und expansive Ge ld- und
Fiskalpolitik zu steigenden Preisen führen. Die zuneh-
mende Knappheit wird mit Preiskontrollen bekämp,
Investition en gehen zurück, Kapital ver lässt das Land,
und Kreditzahlungen an das Ausland werden ausge-
setzt. Eine Konsequenz der Kapitalflucht ist, dass
sie die Ungleichheit weiter verschär. Inflation und
Arbeitslosigkeit treen vor allem die ärmeren Bevöl-
kerungss chichten und die Mittelschi cht, da die oberen
Einkommensgruppen ihr Kapital ins Ausland geschat
haben und von Preissteigerungen und anderen Folgen
der Krise nur wenig betroen sind.
Produktion und Beschäigung gehen weiter
zurück, die Bevölkerung rebelliert und die Regie-
rung bricht schließlich zusammen. Eine neue Regie-
rung bittet den IWF um Hilfe, die Wirtschaspoli-
tik schwenkt auf Sparkurs um. Das Einkommen der
Bevölkerung ist geringer als zuvor, und die Unzufrie-
denheit ru mit der Zeit einen neuen Kandidaten auf
den Plan, der verspricht, die Situation durch einen
Politikwechsel grundsätzlich zu ändern.
Erstaunlicherweise beschreibt dieser stilisierte
Ablauf politisch immer noch recht gut die Situation in
vielen Ländern Lateinamerikas. Politiker wie Maduro,
Morales, Bolsonaro oder Lopez Obrador kommen von
außerhalb der klassischen Politik, scheren sich wenig
um die üblichen Regeln und Mechanismen und leiten
ihre Autorität dadurch ab, dass sie das »wahre« Volk
vertreten. Diese gilt dann zugleich als Rechtfertigung
dafür, dass parlamentarische Mechanismen und Kon-
trolle mit der Zeit ausgesetzt werden, wie in Nica-
ragua oder Venezuela. Der Versuch, das politische
System zum eigenen Nutzen zu manipulieren, kann
aber nur erfolgreich sein, wenn wichtige Gruppen
wie Gewerkschaen oder das Militär auf die eigene
Seite gebracht werden. Es wird massiv um verteilt,
und Chancenungleichheit und Korruption verschär-
fen sich.
Geändert hat sich allerdings der makroökono-
mische Teil der populistischen Politik in den letzten
Jahrzehnten. Edwards (2019) beschreibt einen neuen
Populismus, der im Gegensatz zur klassischen Vari-
ante weniger auf expansive Geldpolitik setzt, son-
dern vielmehr durch mikroökonomische Eingrie
wie Regulierung der Industrie, Verstaatlichungen,
Mindestlöhne und Preiskontrollen bestimmte Inter-
essengruppen bevorzugt. Zudem lehnen die neuen
Populisten in der Regel die Globalisierung ab, statt-
dessen setzen sie auf die nationale Wirtscha und
Protektionismus und wehren sich gegen interna-
tionalen Einfluss, wie beispielsweise Morales in Boli-
Tab. 1
Ökonomische Kennzahlen
Wachstum
des BIP
(%)
Inflation
(%)
Fiskaldefizit
(% des BIP)
Staats-
schuld
(% des BIP)
schuldung
Leistungsbilanz-
überschuss
(% des BIP)
Offenheit (Ex-
und Importe
in % des BIP)
Argentinien
3,1
57,3
5,5
93,3
1,2
14,4
Bolivien
3,9
2,3
1,2
57,7
– 5
26
Brasilien
0,9
3,6
7,5
91,6
1,2
14,8
Chile
2,5
2,6
2,5
27,5
3,5
28,8
Ecuador
0,5
0,5
49,1
0,1
22,8
Kolumbien
3,4
3,9
0,2
51
4,2
15,9
Mexiko
0,4
3,2
0,9
53,8
1,2
39,3
Nicaragua
– 5
7
0,6
39
2,3
42
Peru
2,6
1,9
4,5
26,9
1,9
25,2
Uruguay
0,4
7,5
– 3
64,1
1,7
21
Venezuela
35
200 000
7
16,7
Quelle: IWF: World Economic Outlook Database
; Weltbank: World Development Indicators Database.
Tab . 1
5
ZUR DISKUSSION GESTELLT
ifo Schn elldienst 24 / 2019 7 2. Jahrgang 19. Deze mber 2019
vien, Bolsonaro in Brasilien oder die Peronisten in
Argentinien.
Bisweilen gehen dabei alter und neuer Populis-
mus ineinander über. So war am Ende der Regierun-
gen des Ehep aars Kir chn er (2002–201 5) in Arg ent inien
die Zentralbank ihre r Unabhängigkeit beraubt, wurde
die oizielle Inflationsrate manipuliert und lag der
Schwarzmarktkurs des Peso deutlich über dem oizi-
ellen Kurs. Auch ihr Nachfolger Macri schwenkte nach
anfänglichen Bemühungen der makroökonomischen
Stabilisierung auf expansivere Geld- und Fiskalpoli-
tik um und führte Kapitalverkehrskontrollen ein (vgl.
Sturzenegger 2019).
DER WASHINGTON CONSENSUS ALS URSACHE?
Verantwortlich gemacht für die Krisen wird häufig
der Einfluss von außen. Vor allem die Weltbank und
der IWF werden o als die Verursacher von Sparpo-
litik und sozialen Spannungen gesehen. Sie, und im
Allgemeinen die sogenannte neoliberale Ideo logie,
werden nicht nur von der Bevölkerung für die sozia-
len Folgen von Wirtschas krisen, Ungleichheit und
Armut habar gemacht. Der sogenannte Washing-
ton Consensus mit seinem Fokus auf makroökonomi-
scher Stabilisierung, Deregulierung und Önung von
Märkten nach innen und außen hat auch nach Mei-
nung vieler Ökonomen einen erheblichen Anteil an
Instabilität und Wiederaufleben des Populismus (vgl.
Rodrik 2018).
Bei näherem Hinsehen aber ist diese Kritik wenig
überzeugend. Wie Edwards (2010) darlegt, wurde der
Washington Consensus längst nicht so umgesetzt,
wie man es erwarten würde. Reformen konzentrier-
ten sich vor allem auf Änderungen der Geld- und Fis-
kalpolitik und waren dort auch einigermaßen erfolg-
reich. So zeigt Easterly (2019) in seiner Untersuchung
der langfristigen Folgen des Washington Consensus,
dass im Vergleich zu den 1980er Jahren die Inflations-
raten, Zinsen und Defizite deutlich zurückgegangen
sind, ebenso wie die Schwarzmarktprämien für Wäh-
rungen und ihre Überbewertung.
Was aber unterlassen wurde, sind weitergehende
mikroökonomische und institutionelle Reformen.
Noch heute bestehen in vielen Ländern der Region
staatliche und private Monopole, zudem ist die Steu-
erbelastung hoch und ungleich bei mangelhaen
Leistungen des Staates. Dies führt zu geringer Pro-
duktivität, fördert die Korruption und verschlechtert
das Investitionsklima. So zeigt der Ease-of-Doing-
Business-Index der Weltbank, der die Länder nach
der Güte des Investitionsklimas klassifiziert, dass
die Region deutlich abgehängt ist gegenüber ande-
ren Regionen, vor allem Asien. Als besonders hinder-
lich für Investitionen gelten dabei die strikten Regu-
lierungen der Arbeitsmärkte (vgl. IMF 2019). Auch ist
der Oenheitsgrad der Region relativ gering, was
sich negativ auf das Wachstum auswirkt (vgl. Esteva-
deordal und Taylor 2013). Obwohl diese, und vor alle m
Reformen der »zweiten Generation«, die auf eine Ver-
besserung der institutionellen Qualität und den Aus-
bau von Rechts- und Sozialstaat abheben, seit langer
Zeit angemahnt werden (vgl. Navia und Velasco 2003),
ist der Fortschritt in diesen Bereich bislang gering
(vgl. Tab. 2).
Der Mangel an weitergehenden Reformen auch
in der Steuer- und Sozialpolitik ist nicht zuletzt
ursächlich für die im internationalen Vergleich hohe
Ungleichheit. So weist Brasilien einen Gini-Koeizient
von über 50 auf, und auch andere Länder der Region
liegen nur wenig darunter. Zwar ist vor allem in Chile
die gemessene Ungleichheit in den letzten Jahr-
zehnten zurückgegangen, aber noch immer ist die
Armut in einigen Ländern, wie beispielsweise in
Mexiko, hoch und kann von einer breiten Mit telschicht
in vielen Ländern nicht die Rede sein (vgl. Tab. 2).
Ein weiteres Problem ist die wenig erfolgreiche
Bildungspolitik, die dazu beiträgt, dass die Ungleich-
heit nicht stärker und schneller reduziert wird. Zwar
geben die Länder in Lateinamerika in den meisten
Fällen ähnlich viel Geld für Bildung aus wie die meis-
ten OECD-Staaten, aber die Erfolge sind deutlich
schlechter. Vergleichstests über die Fähigkeiten der
Schüler, wie sie die OECD in ihren Pisa-Studien durch-
Tab. 2
Institutionelle und sozioökonomische Kennzahlen
Korruptions-
index
( 2,5 bis 2,5)
Ease of Doing
Business Rank
(1190)
Anteil der Bevölke-
rung unter der
Armutsgrenze (%)
Gini-Koeffizient
(in %)
Anteil
Mittelschicht
(%)
Pisa-Index
(Alle
Schüler)
Argentinien
0,08
126
32
41,2
53,13
422
Bolivien
0,63
150
34,6
44
33,1
Brasilien
0,42
124
53,3
39,1
395
Chile
1,01
59
8,6
46,6
51,16
441
Ecuador
0,59
129
23,2
44,7
28,76
Kolumbien
0,3
67
27