ArticlePDF Available
Das Stichwort
Prof. Dr. Alexis Fritz*
Vertrauen
https://doi.org/10.1515/spircare-2020-0016
V. bezeichnet das Phänomen, dass eine Person darauf
setzt, dass eine andere erwartbar und nicht willkürlich
handelt.
Das wissenschaftliche Interesse am Phänomen des V.s
als eigenständigem Thema ist deutlich gestiegen. Ein
wichtiger Grund dafür ist das erstarkte Bewusstsein von
V.skrisen in beinahe allen gesellschaftlichen Bereichen.
Der Gesundheitssektor ist davon nicht ausgenommen
(Stichworte: Gerätemedizin, Ökonomisierung, Korruption
oder Datensicherheit).
Das gegenwärtige Verständnis von V. wurde maßgeb-
lich durch die soziologische These beeinflusst, dass V. die
Funktion hat, soziale Komplexität zu minimieren. In mo-
dernen Gesellschaften müssen Personen nämlich unter
komplexen und fluiden Bedingungen mit anderen koope-
rieren, die sie nicht persönlich kennen. V. erleichtert da
die Zusammenarbeit und erweitert individuelle Hand-
lungsräume. Subjektive Sicherheit und Komplexitätsredu-
zierung sind allerdings nicht Ziel, sondern Folge des V.s.
Gemeinsam mit anderen Disziplinen (Soziologie, Politik-
wissenschaften oder Entwicklungspsychologie) leistet die
Theologie ihren spezifischen Beitrag zur V.sforschung:
Zentrale Momente des V.s sind Geborgenheit, Hoffnung,
Zuversicht, Sich-Einlassen und Preisgeben. Ohne V. kann
der christliche Glaube nicht verstanden werden. Nicht we-
nige ersetzen deshalb den traditionellen Glaubensbegriff
mit dem lebenspraktisch anschlussfähigeren V.sbegriff.
Die verstärkte Auseinandersetzung mit der mora-
lischen Dimension von V.sbeziehungen legt substantielle
Schwächen der einflussreichen Vertrags- und Rational
Choice Theorie offen. Diesen Theorien folgend wird ein Ver-
trag zwischen zwei grundsätzlich gleichberechtigten Part-
nern aus bloßem rationalen Eigeninteresse geschlossen.
Die Vertragsparteien vertrauen sich nicht gegenseitig, son-
dern darauf, dass aus Furcht vor Sanktionen das Verspro-
chene gehalten wird. Allerdings vermögen vertragstheo-
retische Modelle solche zwischenmenschlichen V.sverhält-
nisse nicht zu erklären, die durch Altruismus und/oder
eindeutige Abhängigkeitsverhältnisse und Machtasym-
metrien gekennzeichnet sind. Diese oft lebenstragenden
und förderlichen Beziehungen (z.B. Eltern/Kind, Arzt/Pa-
tient...) entstehen in ihrem je eigenen, konkreten sozialen
Kontext und können nicht davon losgelöst betrachtet wer-
den. Anders als bei einem Vertrag wird bei einem V.sbruch
das Innerste einer Person unmittelbar geschädigt: Z.B. be-
nötigt ein Kind eine starke V.sbeziehung zu seinen Eltern,
um Selbstv. und Autonomie auszubilden; Patientinnen/Pa-
tienten vermögen eine risikobeladene medizinische Be-
handlung besser zu bewältigen, wenn sie dem medizi-
nischen Personal v. Insbesondere Personen, die wie Kin-
der oder schwer erkrankte Menschen existenziell
abhängig von anderen und daher außerordentlich vulnera-
bel sind, haben ein moralisches Recht auf v.swürdiges Ver-
halten.
V. ist nicht nur bloßes Gefühl, sondern eine persönli-
che Haltung mit der Erwartung, dass der andere einem zu-
mindest wohlgesonnen ist und sich alle Beteiligten (Per-
sonen wie Institutionen) an bestimmten Normen und Wer-
ten (z.B. Respekt, Wahrhaftigkeit...) orientieren. Wenn
alle Beteiligten sich gemeinsam auf einen normativen Er-
wartungshorizont verpflichten, begründet dies ein V.sver-
hältnis. Dieses kann sich zu sozial akzeptierten und nor-
mativen Rollen- (z.B. Mutter, Pfleger, Ärztin...) wie Institu-
tionenbildern (z.B. Hospiz, Krankenhaus...) verfestigen.
Etablierte soziale V.spraxen können Personen im Umgang
mit komplexen und unsicheren Situationen helfen.
So erleben sich z.B. unheilbar schwer erkrankte Pa-
tientinnen/Patienten phasenweise überfordert und wollen
Entscheidungen nicht selbst verantworten, übertragen
diese also lieber auf andere Akteure (medizinisches Per-
sonal und/oder Angehörige), denen sie v. möchten.
Gleichzeitig bleibt bei den Patientinnen/Patienten das
starke Interesse bestehen, die medizinischen Abläufe ak-
tiv mitzugestalten und als Person moralisch geachtet zu
werden. Das V.sparadigma wird beiden Anliegen der Pa-
tientinnen/Patienten gerecht. Auf der einen Seite begrün-
den die Werte und Normen (z.B. Verlässlichkeit, Fürsorg-
lichkeit, moralischer Respekt vor der Person...), auf die
sich alle Beteiligten implizit oder explizit verpflichten, ein
V.sverhältnis. Dieses erweitert innerhalb eines allgemein
bestimmten normativen Rahmens den Handlungsspiel-
raum der Akteure, denen vertraut wird. Im Gegenzug müs-
sen sich diese Akteure das V. verdienenund auf die Er-
*Korrespondenzautor: Alexis Fritz, KU Eichstätt- Theologische
Fakultät, Ingolstadt, E-Mail: alexis.fritz@ku.de
Spiritual Care 2020; aop
wartungen und Bedürfnisse der Patientinnen/Patienten
besonders eingehen. Auf der anderen Seite ist V. ein rezi-
proker Prozess, den alle Beteiligten verantworten müssen.
Patientinnen/Patienten sind nicht bloßes Objekt der Für-
sorge, sondern können medizinische Abläufe aktiv beein-
flussen, insoweit sie bspw. ihre Vserwartungen und Pro-
bleme mitteilen.
Lit.:
Owusu Boakye S., Nauck F, Alt-Epping B, MarxG (2016) Selbst-
bestimmung braucht Vertrauen Entscheidungsfindung am
Lebensende. In: Steinfath H, WiesemannC (Hg.) Autonomie und
Vertrauen. Schlüsselbegriffe der modernen Medizin. Wiesba-
den: Springer. 101132.
LassakA (2015) Grundloses Vertrauen. Tübingen: Mohr Siebeck
HartmannM (2011) Die Praxis des Vertrauens. Frankfurt a.M.: Suhr-
kamp.
WiesemannC (2016) Vertrauen als moralische Praxis Bedeutung für
Medizin und Ethik. In: Steinfath H, WiesemannC (Hg.) Auto-
nomie und Vertrauen. Schlüsselbegriffe der modernen Medizin,
Wiesbaden: Springer. 69-99.
2Alexis Fritz: Vertrauen
ResearchGate has not been able to resolve any citations for this publication.
Chapter
In modernen demokratischen Gesellschaften mit einem wissenschafts- und technologiebetonten Gesundheitswesen gilt das Recht auf Selbstbestimmung mittlerweile, nach einer über hundert Jahre währenden Auseinandersetzung, als ein notwendiges und weitgehend akzeptiertes moralisches Prinzip. Wer Patient oder Patientin im Gesundheitswesen ist, kann damit rechnen, an Entscheidungen beteiligt und auch bei eher ungewöhnlichen Wünschen ernst genommen zu werden. Die Entwicklung hin zu mehr Patientenselbstbestimmung fand in Deutschland im Patientenrechtegesetz von 2013 einen wichtigen Abschluss.
Chapter
Bereits Norbert Elias macht in seinem Aufsatz ‚Über die Einsamkeit der Sterbenden in unseren Tagen‘ (1983) darauf aufmerksam, dass die allmähliche Verdrängung des Todes ein Phänomen moderner hochzivilisierter Gesellschaften sei. Durch den stetig voranschreitenden medizinischen Fortschritt, die steigende Lebenserwartung und die Möglichkeiten durch Präventivmaßnahmen Krankheiten vorzubeugen, habe der Tod mit der Zeit an Bedrohlichkeit verloren. Die Vorstellung vom Tod sei häufig an ein Bild ‚friedlichen‘ Sterbens gebunden (ebd. 75).