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Digitalisierung und Nachhaltigkeit: humanökologische Aspekte

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Die virtuelle Tagung der Deutschen Gesellschaft für Humanökologie sondierte Vorteile und Nachteile der digitalen Technologien für die nachhaltige Entwicklung. Als Basis diente das aktuelle Gutachten des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen zur digitalen Zukunft ‐ allerdings unter Berücksichtigung des rapiden Digitalisierungsschubs durch die Corona-Krise. Die Themen reichten von der Ökologie der Digitalisierung bis zu Mensch und Menschenbild als neue Ontologie durch Daten.
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Digitalisierung und Nachhaltigkeit:
humanökologische Aspekte
Die virtuelle Tagung der Deutschen Gesellschaft für Humanökologie sondierte Vorteile
und Nachteile der digitalen Technologien für die nachhaltige Entwicklung. Als Basis diente
das aktuelle Gutachten des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale
Umweltveränderungen zur digitalen Zukunft – allerdings unter Berücksichtigung des rapi-
den Digitalisierungsschubs durch die Corona-Krise. Die Themen reichten von der Ökologie
der Digitalisierung bis zu Mensch und Menschenbild als neue Ontologie durch Daten.1
Felix Tretter, Christian Reichel, Tobias Gaugler
Digitalisierung, nachhaltiges Ressour cen -
management und Reboundeffekte
Eine pro-ökologische Transformation der
Gesellschaft bedeutet klimaneutrales, res-
sourcenschonenderes Wirtschaften, das
auch soziale Ungleichheiten mindert
(Schneidewind 2018). Dem entsprechen
werteorientierte Konzepte wie Gemeinwohl -
ökonomie (Felber 2014) oder Postwachstums-
wirtschaft (Paech 2012). Sie scheinen für
positive Effekte von digitalen Technologi -
en (DT) nötig zu sein, was unter anderem
Tilman Santarius (Berlin) betonte (Lange
und Santarius 2018). Datenbasiertes Ener-
giemanagement, das bei der smart factory,
smart city, smart mobility und beim Smart
Home zumindest punktuell effizient ist,
induziert aber Reboundeffekte (zusätzlich
aufkommende energieintensive Verhaltens-
weisen), ein positiver Nettoeffekt bleibt aus.
So sind neue Computer energieeffizient,
aber der flächendeckende Betrieb von DT
benötigt sehr viel Energie, vor allem zur
Kühlung; für Deutschland in der Größen -
ordnung von 45 Terawattstunden2Strom,
was der Jahresleistung von vier mittleren
Atomkraftwerken entspricht. Neue digita -
le Effizienzfallen wären lernende Service-Ro -
boter in Smart Homes, wie Wolfgang Ertel (Ra-
vensburg-Weingarten) zeigte (Ertel 2019).
Bei der Hausarbeit verbräuchten sie drei-
mal mehr Energie als der Mensch. Ver-
bräuchten die Haushalte darüber hinaus
in der „gewonnenen“ Zeit die Men ge an
Energie, die die Bundesumweltagentur
für durchschnittliches Freizeitverhalten
ansetzt, käme noch der Freizeit-Rebound-
effekt hinzu.
Auch in ihrer Produktion zeigen DT ei-
nen erheblichen ökologischen Fußabdruck
(Santarius): Hardwarehersteller schöpfen
seltene Erden aus und abgesehen von den
unfairen Arbeitsbedingungen verschärfen
Probleme beim DT-Recycling die Situation.
Formen der Digitalisierung im Rahmen
der Sharing Economy sah Santarius als Suf-
fizienzeffekt und damit als Chance für die
nachhaltige Entwicklung. Die in der Coro-
na-Krise gestiegene Nutzung von digitalen
Kommunikationstechnologien (Home of -
fice, Onlineshopping etc.) habe eine gerin -
gere Verkehrsaktivität und daher weni ger
CO2-Emissionen bewirkt. Skeptisch blickt
Santarius auf den Konsistenzeffekt der Di-
gitalisierung: Häufig würden Illusionen in
Bezug auf die Einpassung der DT in Kon-
zepte nachhaltiger Entwicklung genährt.
Digitalisierung, Arbeit und Soziale Welt
Die DT werden die Arbeitswelt nach An-
sicht von Santarius drastisch ändern: Im
mittleren Qualifikationsbereich werden
Substitutionen eintreten und nur noch Be-
rufe mit einfachen Arbeiten im Niedrig-
lohnsektor und Berufe mit hohen Qualifi -
kationsanforderungen werden stark nach-
gefragt werden. Dies könnte zu einer Art
digitalem Neofeudalismus führen, mit einer
Expertokratie über eine digitale Welt, die nur
mehr Spezialist(inn)en durchschauen. Die
ökonomische Effizienzsteigerung von DT
würde die gesellschaftlichen Dissoziations-
prozesse weiter beschleunigen. Im Gegen -
satz dazu wäre eine sanfte Digitalisierung
zu fordern.
Digitisation and sustainability: human-ecological aspects
GAIA 29/2(2020): 132 – 133 |Keywords: digital technologies, homo digitalis, rebound effect, soft digitisation, sustainability
Prof.Dr.Dr. Dr.Felix Tretter |Deutsche Gesellschaft
für Humanökologie (DGH) |Berlin |Deutschland |
felix.tretter@dg-humanoekologie.de
Dr.Christian Reichel |Leibniz-Institut für
Raumbezogene Sozialforschung (IRS) |Erkner |
Deutschland |christian.reichel@leibniz-irs.de
Dr.Tobias Gaugler |Universität Augsburg |
Augsburg |Deutschland |
tobias.gaugler@mrm.uni-augsburg.de
DGH: Uta J.Runst, M.Sc. |General sekretärin DGH |
Holbeinstr. 12a |04229 Leipzig |Deutschland |
uta.runst@dg-humanoekologie.de |
www.dg-humanoekologie.de
©2020 F.Tretter et al.; licensee oekom verlag.
This Open Access article distributed under the terms
of the Creative Commons Attribution License CCBY 4.0
(http://creativecommons.org/licenses/by/4.0).
https://doi.org/10 .14512 /gaia.29.2.14
GAIA 29/2(2020): 132 – 133
1 Der Bericht über die Tagung wird zweigeteilt. In Heft 3 werden die grundlegenden Fragen anhand von
smart cities und smart farming and nutrition vertieft.
2www.digitalstrategie-hessen.de/mm/entwicklung-des-ikt-bedingten-strombedarfs-in-deutschland-
abschlussbericht.pdf
132_133_DGH 09.07.20 15:21 Seite 132
GAIA 29/2(2020): 132 – 133
Deutsche Gesellschaft für Humanökologie COMMUNICATIONS 133
Der Hintergrund liegt, wie Ortwin Renn
(Potsdam) ausführte, vor allem in der Or-
ganisation der Produktion. Nach der Stu-
fe der Automatisierung sei die Algorithmisie-
rung erfolgt, die den Einsatz von Sensoren,
Matrizen und Aktuatoren in Funktions-
kreisen zur Regulierung von Arbeitsprozes -
sen erlaube (vergleiche Industrie 4.0), an
die sich die Autonomisierung komplexer
Prozesse, etwa von Lieferketten, anschlie-
ße. All dies führe zu einer signifikanten ge-
sellschaftlichen Kontrollminderung. Die-
sen Doppelaspekt der DT – Mittel und Me -
dium zu sein –, vertiefte Thomas Schmaus
(Alfter/Bonn): Technik sei Mittel zur Ef-
fektsteigerung und fordere zugleich An-
passungen von uns, insbesondere bei ih-
rer systemhaften breiten gesellschaftlichen
Anwendung. So werde Technik zur Um-
welt des Menschen mit einer eigenen Lo-
gik und Dynamik, die wesentliche Lebens-
bereiche des Menschen erfasse und ande -
re in den Hintergrund dränge.
Von besonderer gesellschaftlicher Be-
deutung ist die permanente und idealisie-
rende massenmediale Kommunikation über
die Digitalisierung. So heißt es, dass die Di-
gitalisierung – nebenwirkungsfrei – alles
besser machen „werde“, statt die Bedingun-
gen anzugeben, unter denen es besser wer-
den „könnte“. Dem Digitalisierungsnarrativ
folgend müssen Menschen und vor allem
Kinder für die Digitalisierung „fit“ gemacht
werden, was Armin Grunwald (Karlsruhe)
dezidiert kritisierte (Grunwald 2018). Wie
Peter Reichl (Wien)betonte, müsse daher ei -
ne Diskurshygiene stattfinden, etwa wenn
einseitig von „Daten als das neue Öl“ die
Rede sei, das Risiko der prinzipiell nicht er-
reichbaren Datensicherheit aber verschwie-
gen werde. Negative soziale Effekte der Di -
gitalisierung betonte auch Santarius, die
er vor allem im Digital Divide (jung und alt,
männlich und weiblich, reich und arm, glo-
bales Nord-Süd-Gefälle) sah. Der Verstär-
kereffekt von DT bei sozialen Disparitäten
trete besonders hervor, wenn lokale Lebens-
welten mit Bedürfnissen, Hoffnungen und
Ängsten nicht berücksichtigt werden, so
Christian Reichel (Erkner/Berlin).
Digitalisierung und „der“ Mensch
Deutlich wird, dass die digitale Transfor-
mation der Umwelt auch auf den Men-
Emotionen und Bedürfnisse als Präferen-
zen, die sich auch ändern, nicht adäquat
algorithmisierbar seien. Besonders frag-
würdig in Hinblick auf die Digitalisierung
erscheine die Sinnbildung, die für den
Menschen existenziell bedeutsam ist. Das
Prinzip der Effizienzsteigerung, das opti-
mierende Algorithmen verfolgen, werde
hier nicht greifen.Wenngleich lernende Al-
gorithmen besser Spezialaufgaben lösen
können, ist die generelle Fähigkeit des Men-
schen, Sinn zu erkennen, zu kreieren und
sich danach auszurichten, funktionssprach-
lich nicht abbildbar. Folglich sei es Aufga-
be, eine sozialverträgliche Digitalisierung zu
entwickeln. Bis dahin sei auch von den In -
formatiker(inne)n zu fordern, so Reichl, dass
sie – ähnlich wie Ärzt(inn)e(n) – einen hip-
pokratischen Eid schwören müssten.
Literatur
Ertel, W. 2019. Artificial intelligence, the spare time
rebound effect and how the ECG would avoid
it. In: International Conference: Economy for
the Common Good (ECGPW-2019), Bremen,
28.– 30. November. www.hs-weingarten.de/
~ertel/ecg-reb-eff-engl.pdf (abgerufen
17.06.2020).
Felber, C. 2018. Die Gemeinwohl-Ökonomie.
Eine demokratische Alternative wächst.
München: Piper.
Grunwald, A. 2018. Der unterlegene Mensch.
München: Riva.
Lange, S., T. Santarius. 2018. Smarte grüne Welt?
Digitalisierung zwischen Überwachung, Konsum
und Nachhaltigkeit. München: oekom.
Paech, N. 2012. Befreiung vom Überfluss. Auf
dem Weg in die Postwachstumsökonomie.
München: oekom.
Schneidewind, U. 2018. Die Große Transformation.
Eine Einführung in die Kunst gesellschaftlichen
Wandels. Frankfurt am Main: S. Fischer.
WGBU (Wissenschaftlicher Beirat der Bundes -
regierung Globale Umweltveränderungen).
2019. Unsere gemeinsame digitale Zukunft.
Berlin: WBGU.
schen zuläuft, und zwar mit einer hohen
Ambiguität. Dies wird auch im Gutachten
des WBGU (2019, S. 36) betont: der „Ho -
mo sapi ens“ wird zum „Homo digitalis“,
der sich „in einem Kontinuum von Natur,
Kultur und Technik“ im Sinne des Trans-
humanismus aufzulösen scheint. Daher
müssten anthropozentrische, rationalisti -
sche, individualistische, ethnozentrische
und kulturalistische Verengungen traditio -
neller humanistischer Konzepte überwun-
den werden. Stattdessen müsse der Mensch
in seinen systemischen Zusammenhängen
mit Natur und Technik und dem daraus
erwachsenden Gestaltungspotenzial be-
schrieben werden. Auf diese humanöko-
logische Perspektive wies Felix Tretter (Wien)
in einem Grundlagenreferat hin. Er ver-
wies auf eine Videokonferenz des Berta-
lanffy Centers for the Study of Systems
Science (Wien), zum Thema Homo digi-
talis und die Conditio humana, an der ei-
nige Referenten teilgenommen hatten.3
Der Mensch wurde von Grunwald als ein
zunehmend einer digitalen Welt unterge-
ordnetes Wesen beschrieben, das durch
die Digitalisierung eine „dritte Natur“ be-
kommt, wenn man im Sinne von Theodor
W. Adorno die Maschinenwelt als „zweite
Natur“ des Menschen ansieht (Grunwald
2018): Mehr und mehr werden Mensch
und Welt zum Datensatz und in der Folge
beansprucht die Datenebene allmählich die
wirklichere Wirklichkeit zu sein. In Hinblick
auf diese technozentrische Entwicklung ist
das prohumane Leitkonzept des „Digitalen
Humanismus“ interessant, das von der TU
Wien und der Stadt Wien verfolgt wird.4
Daran anknüpfend stellte Reichl, der auch
das Konzept einer „Digitalen Ökologie“ ent-
wickelt, das Programm einer „Digitalen
Anthropologie“ vor, die in Hinblick auf die
systemischen Veränderungen unserer di-
gitalisierten Gesellschaft „den Menschen
wieder in den Mittelpunkt stellt“ („antiko -
pernikanische Wende“ der Informatik).
An gesichts der Frage nach der Digitali -
sierung humaner Funktionen wie Intelli -
genz im Kontext einer immer komplexer
werdenden Welt stellte Renn heraus, dass
3www.bcsss.org/de/2020/join-our-bertalanffy-lecture-and-conference-homo-digitalis
4www.wien.gv.at/wirtschaft/standort/digital-humanism.html
DGH-Jahrestagung 2020
Humanökologie der Krisen –
Digitalisierung als Hilfe?
17. bis 19. September 2020
Sommerhausen bei Würzburg
WEITERE INFORMATIONEN:
www.dg-humanoekologie.de
132_133_DGH 09.07.20 15:21 Seite 133
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In dieser Studienarbeit geht es um die Wechselbeziehung zwischen der Digitalisierung und der Nachhaltigkeit, welche mithilfe einer branchenbezogenen und qualitativen Ex�pertenbefragung untersucht wird. Generell werden in der Interviewstudie vier Experten aus drei deutschen Druckereiunternehmen befragt. Es ließ sich feststellen, dass alle untersuchten Druckereien zum aktuellen Zeitpunkt eine nachhaltige Digitalisierung implementiert und umgesetzt haben, welche sich zudem in einer andauernden Weiterentwicklung befindet. Auch lässt sich eine positive Auswirkung der nachhaltigen Digitalisierung auf das Unternehmensimage bestätigen. Des Weiteren konnte ein möglicher Zusammenhang zwischen finanziellen Ressourcen (Budget und ähnliches), dem zugrundeliegenden Geschäftsmodell mit den dazugehörigen Strukturen und Prozessen als auch mit der Schnelligkeit der Implementierung und Umsetzung von digitalnachhaltigen Maßnahmen und Projekten mithilfe der qualitativen Inhaltsanalyse identifiziert werden. Zukünftig kann diese Studienarbeit als möglicher Ausgangspunkt einer quantitativen Forschungsmethode oder in der Praxis für Druckereiunternehmen, um beispielsweise Ideen und Bildung für eine nachhaltige Digitalisierung beziehungsweise digitale Nachhaltigkeit für das eigene Unternehmen zu sammeln, genutzt werden.
Conference Paper
Full-text available
Artificial Intelligence (AI) promises more convenience and comfort for our every day life in the coming decades. However, this does not come for free. Rebound Effects (Santarius, 2012) will lead to increasing consumption of natural ressources. Using service robots for home help as an example, we give a rough estimate for the size of these effects. The major contributor is the so-called "spare time rebound effect". If the robot takes over household chores, its user gets additional spare time for further activities such as travelling, shopping, exercising etc., leading to a higher energy and ressource consumption in addition to the resources consumed by the robot. By establishing a common good balance sheet (Vogt & Jäpel, 2019) the ECG may be used to counteract the rebound effects. The external costs caused by robot use could be part of the VAT and a usage tax. Very interesting is the accounting of the spare time Rebound Effect. All activities of the robot owners during their newly gained spare time will be taxed accordingly via the ECG anyway. For social equity we suggest increasing duties to be paid on larger incomes.
Book
Full-text available
Seit 30 Jahren diskutieren wir die Wende zu einer nachhaltigen Entwicklung: als Energiewende, als Ernährungswende, als Mobilitätswende. Dahinter steht die Idee einer »Großen Transformation«. Damit ist der umfassende Umbau von Technik, Ökonomie und Gesellschaft gemeint, um mit den sozialen und ökologischen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts umzugehen. Die Blaupausen für die Wende liegen vor. Aber es tut sich wenig. Uwe Schneidewind zeigt mit den Erfahrungen des Wuppertal Instituts auf, wie die Kunst einer Zukunftsgestaltung aussieht, die Zukunftsvisionen mit einem aufgeklärten Innovations- und Transformationsverständnis verbindet.
Die Gemeinwohl-Ökonomie. Eine demokratische Alternative wächst
  • C Felber
Felber, C. 2018. Die Gemeinwohl-Ökonomie. Eine demokratische Alternative wächst. München: Piper.
Der unterlegene Mensch
  • A Grunwald
Grunwald, A. 2018. Der unterlegene Mensch. München: Riva.
Befreiung vom Überfluss. Auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie
  • N Paech
Paech, N. 2012. Befreiung vom Überfluss. Auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie. München: oekom.