Suffizienz an Hochschulen im ländlichen Raum

Book · July 2020with 468 Reads 
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Publisher: netzwerk n e.V.
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Abstract
Diese Sammlung zeigt anschaulich, wie Suffizienz an Hochschulen im ländlichen Raum bereits heute gelebt und erprobt wird. Die systematisch aufgearbeiteten Ansätze, Projekte und Strukturen gelingender Nachhaltigkeit laden zur Nachahmung ein und bieten Denk- und Handlungsimpulse, wie die politisch und gesellschaftlich nach wie vor vernachlässigte Nachhaltigkeitsstrategie der Suffizienz mit Inhalt, Kreativität und Freude gefüllt werden kann. Denn eins ist offensichtlich: Ohne Suffizienz ist ein gutes Leben für zukünftige Generationen auf diesem endlichen Planeten nicht denkbar; Effizienz und Konsistenz sind eben sinnvolle und opportune Strategien, aber alleine stoßen sie in einem Umfeld von endlichen Ressourcen an eine unüberwindbare Grenze hin zu einer nachhaltigen Entwicklung.
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Suzienz
an Hochschulen im ländlichen Raum
Gefördert durch die
Europäische Union
Michael Flohr Luca Markus (Hg.)
Disclaimer
Diese Publikation wurde mit finanzieller
Unterstützung der Europäischen Union erstellt.
Für den Inhalt der Publikation sind im Namen
des netzwerk n e.V. ausschließlich die Herausgeber
verantwortlich. Die Publikation gibt nicht die
Position der Europäischen Union wieder.
Impressum
Herausgeber: Michael Flohr, Luca Markus
netzwerk n e.V.
c/o Thinkfarm e.V.
Oberlandstraße 25-36
12099 Berlin
Lektorat: Michael Flohr, Gesine Wilbrandt
Illustrationen: Lukas Rosen, elrosen.com,
elrosenillustration@web.de
Layout: Michael Flohr, Lukas Rosen
Zeichnung des suffizienten Campus im Grünen:
Lena Sierk
1. Auflage: 800 Stück, Juli 2020, 100 % Recycling-
Papier (Blauer Engel), alkoholfreier Druck,
Biofarben, Verzicht auf umweltbelastende UV-
Strahlung bei der Farbtrocknung
Druckerei: hinkelsteindruck, Lausitzer Platz 15,
10997 Berlin | u.a. Ökostrombezug, nachhaltiges
Entsorgungskonzept
Inhalt
6 Vorwort: Inhalt, Rahmung und Zielrichtung | Michael Flohr
8 Meine suffiziente Hochschule – ein Blick aus der Zukunft | Luca Markus
10 Suffizienz in ländlichen Räumen | Yasmine Willi
14 Suffizienz und Umweltpsychologie | Karen Hamann und Josephine Tröger im Gespräch
Entschleunigung
16 Hochschule Aalen: Virtueller Lehr- und Erlebnispfad KARN
20 Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde: Silence Space
24 Leuphana Universität Lüneburg: Lebenswelt Campus
29 Europa-Universität Flensburg: Radeln zum Campus
30 Achtsame Hochschulen in der digitalen Gesellschaft | Reyk Albrecht, Mike Sandbothe
Entechtung
32 Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde: Regulierung dienstlicher Kurzstreckenflüge
36 Donau-Universität Krems: Klimaresilienzerhebungen
40 Studentenwerk Schleswig-Holstein: Klimaschutz-Mensa Flensburg
44 Hochschule Neubrandenburg: Reallabor Kleinproduzenten
48 Hochschule Trier: Umwelt-Campus Birkenfeld
52 Suffizienz und Suffizienzpolitik | Claudia Wenzl, Angelika Zahrnt
Entkommerzialisierung
56 Universität Vechta: gemueserausch Solidarische Landwirtschaft
60 Cusanus Hochschule: Masterstudiengang » Ökonomie – Nachhaltigkeit – Gesellschaftsgestaltung «
64 Europa-Universität Flensburg: KlimaMap
68 Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt: Foodsharing
72 Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt: Kapuzinergarten Eden – Klimagarten Eichstätt
77 BTU Cottbus-Senftenberg: BTU Bienen e.V.
77 Fachhochschule Graubünden: Strategische Initiative Nachhaltigkeit in der Lehre
77 Universität Passau: Zweisprachiger Leitfaden für einen nachhaltigen (Studien-)Alltag
77 Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde: Fairteiler
78 Suffizienz: vier verbreitete Missverständnisse | Niko Paech
Entrümpelung
80 Hochschule Coburg: CREAPOLIS Makerspace
83 Universität Hohenheim: Greening Repaircafé
84 Leuphana Universität Lüneburg: Zwischenraum
88 Universität Bayreuth: RadBox
91 Technische Hochschule Deggendorf: BikeStation im EcoLab
92 Hochschule Emden-Leer: Fahrradverleihsystem
96 Kleines Lexikon der Suffizienz
98 Kurzvorstellung netzwerk n
4
5
Zeichnung: Lena Sierk
Im Juni 2016 saß ich mit Johannes Geibel inmitten
einer illustren Runde von großen und bekannten In-
teressenvertretungen. Das Bundeskanzleramt hatte
das netzwerk n anlässlich der Anhörung zum Ent-
wurf der Neuauflage der Deutschen Nachhaltigkeits-
strategie eingeladen. Jede eingeladene Organisation
konnte eine Stellungnahme einreichen und ihre
Kritik während der Anhörung mündlich vorbrin-
gen – für unser noch junges, studentisch geprägtes
Netzwerk war es noch ungewohnt, überhaupt an
diesem politischen Prozess zu partizipieren. Bemer-
kenswert war, wie geeint die oftmals im Detail dann
doch zerstrittene Zivilgesellschaft ihre Einschätzun-
gen und Grundüberzeugungen verbalisierte und
den Entwurf kritisierte. Dieser Entwurf steht für
mich exemplarisch für den unhinterfragten poli-
tischen Konsens in Deutschland: Das Verständnis
der starken Nachhaltigkeit findet keinen Einzug in
politische Strategien, die unzähligen Zielkonflikte
zwischen Wirtschaftswachstum und einer nach-
haltigen Entwicklung werden konsequent ignoriert
und Rebound-Effekte sind offenbar in den Augen
politischer Entscheider*innen irrelevant.1 Zuletzt
– und damit schließt sich der Bogen zum Thema
dieses Hefts – war der Entwurf » von Effizienz- und
Konsistenzzielen und -maßnahmen durchzogen. « 2
Mit anderen Worten: Das Fundament der Nachhal-
tigkeitsstrategie bildet ausschließlich eine Wette
auf technische Innovationen in der Zukunft. Zwei-
felsohne sind Effizienz und Konsistenz wesentliche
und unentbehrliche Nachhaltigkeitsstrategien,
doch ohne Suffizienz ist ein nachhaltiger Pfad des
menschlichen Lebens auf unserem Planeten mit
endlichen Ressourcen unerreichbar. Denn: Erst
die Suffizienz fragt nach dem » Warum « und » Ob «
des Ressourcenverbrauchs und setzt in der Gegen-
wart beim Handeln eines jeden Individuums und
einer jeden Organisation an. Letztlich brachte eine
Stichwortsuche der Begriffe » effizient « und » Effizi-
enz « im Entwurf der Nachhaltigkeitsstrategie 111
Ergebnisse – » suffizient « und » Suffizienz « fanden
sich dagegen: null (!) Mal.
Mit dieser Good Practice-Sammlung setzen wir
einen Kontrapunkt zur bequemen, aber zugleich
für künftige Generationen riskanten Wette auf eine
alleinig effiziente und konsistente Zukunft. Wir
nehmen die Gegenwart in den Blick und stellen An-
sätze, Projekte und Strukturen erprobter, etablierter
und gelingender Suffizienz an Hochschulen vor. Suf-
fizienz bedeutet für uns, dass Konsummuster reflek-
tiert und verändert werden, sodass die Nutzung von
1 Zu den Begriffen » starke Nachhaltigkeit « und » Rebound « siehe
unser Lexikon am Ende des Hefts.
2 Stellungnahme netzwerk n zum Entwurf der Deutschen Nachhaltig-
keitsstrategie: https://t1p.de/ex1p.
Ressourcen innerhalb der planetaren Tragfähigkeit
bleibt. Übersetzt heißt das, Genügsamkeit sowie
das » richtige « und » notwendige « Maß des Umwelt-
verbrauchs auf individueller oder organisationaler
Ebene anzuvisieren. Konkret weisen folgende Stich-
wörter auf Suffizienz hin: Reduktion, Substitution
und Anpassung des Ressourcenverbrauchs, ebenso
wie Eigenproduktion oder gemeinsame, langlebige
Nutzung von Gütern – diese Strategien sind über-
dies unmittelbar mit einem achtsamen, bewussten
Umgang mit Mensch und Umwelt verbunden.
Zudem rücken wir nicht die häufig prominent in der
wissenschafts- und hochschulpolitischen Debatte
vertretenen Hochschulen der großen städtischen
Zentren ins Scheinwerferlicht, sondern fokussie-
ren bewusst die mehr als 110 Hochschulen im
ländlichen Raum 3, die dort oftmals als regionale
Ankerpunkte mit Vorbild- und Innovationsfunk-
tion fungieren. Es ist grundsätzlich auffällig, dass
in Deutschland zumeist kleinere und mittlere
Hochschulen wie die Hochschule für nachhaltige
Entwicklung Eberswalde, die Leuphana Universität
Lüneburg oder der Umwelt-Campus Birkenfeld vor-
angehen und Nachhaltigkeit am konsequentesten
in ihre Strukturen überführt haben.
Die Beispiele sind systematisch aufgearbeitet, um
die Nachahmung und Adaption möglichst nied-
rigschwellig zu ermöglichen. Allerdings werden
diejenigen bemerken, die mit unseren Sammlun-
gen vertraut sind, dass wir sowohl die inhaltliche
Vorstellung im Sinne der Zugänglichkeit und Ver-
ständlichkeit weiterentwickelt als auch die grafische
Gestaltung deutlich überarbeitet haben. Die vielfach
zitierten vier E's nach Wolfgang Sachs – Entschleu-
nigung, Entflechtung, Entkommerzialisierung und
Entrümpelung 4 – dienen als inhaltliches Raster, in
das wir intuitiv und gewiss nicht allgemeingültig
und disjunkt alle Beispiele nach ihrem primären Fo-
kus eingeteilt haben. Beiträge, die unterschiedliche
Perspektiven auf das Thema Suffizienz einnehmen,
ergänzen und rahmen inhaltlich die Vorstellung der
Good Practices.
Mit knapp 40 Einreichungen auf unseren Call
wurden unsere Erwartungen erheblich übertroffen.
Vor allem beeindruckt die Vielfalt, wie Menschen
und Initiativen Suffizienz in Hochschulen und der
unmittelbaren Umgebung verankert haben bzw.
verankern wollen. Das Spektrum reicht von Sharing-
und Verleih-Angeboten, Repair Cafés, Maker Spa-
ces, Lehrangeboten, einem Zero Emission-Konzept,
Foodsharing, Regulierung dienstlicher Kurzstre-
3 Abgrenzung des ländlichen Raums nach Küpper (2016): Abgren-
zung und Typisierung ländlicher Räume. Thünen Working Paper 68.
4 Zu den Begriffen siehe Wenzl und Zahrnt in diesem Heft.
Vorwort
Inhalt, Rahmung und Zielrichtung
6
Hochschule Aalen
Virtueller Lehr- und
Erlebnispfad KARN
Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde
Silence Space
Regulierung dienstlicher Kurzstreckenflüge
Fairteiler
Leuphana Universität Lüneburg
Lebenswelt Campus
Zwischenraum
Europa-Universität Flensburg
KlimaMap
Radeln zum Campus
Donau-Universität Krems
Klimaresilienzerhebungen
Studentenwerk Schleswig-Holstein
Klimafreundliche Mensa Flensburg
Hochschule Neubrandenburg
Reallabor Kleinproduzenten
Hochschule Trier
Umwelt-Campus Birkenfeld
Universität Vechta
gemueserausch Solidarische Landwirtschaft
Cusanus Hochschule für Gesellschaftsgestaltung
Masterstudiengang „Ökonomie – Nachhaltigkeit –
Gesellschaftsgestaltung“
Fachhochschule Graubünden
Strategische Initiative Nachhaltigkeit in der Lehre
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
Kapuzinergarten Eden
Foodsharing
BTU Cottbus-Senftenberg
BTU Bienen e.V.
Hochschule Coburg
CREAPOLIS Makerspace
Universität Hohenheim
Greening Repaircafé
Hochschule Emden-Leer
Fahrradverleihsystem
Technische Hochschule Deggendorf
BikeStation im EcoLab
Universität Bayreuth
RadBox
Universität Passau
Zweisprachiger Leitfaden für einen
nachhaltigen (Studien-)Alltag
Entschleunigung
Entflechtung
Entkommerzialisierung
Entrümpelung
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Ernst-Abbe-Hochschule Jena
Technische Universität Ilmenau
Achtsame Hochschulen in
der digitalen Gesellschaft
7
ckenflüge, Campus-Bienen, Urban Gardening, Si-
lence Space, wiederverwendbaren Thermobechern,
Klima-Mapping, Forschungsprojekten, Klimaresili-
enz und gesundes Arbeiten bis Reallabor.
Ziele unseres Hefts
Suffizienz als Nachhaltigkeitsstrategie auf die
Agenda von Hochschulen setzen
Austausch und Vernetzung anregen
den ländlichen Raum als Erprobungsort von
Suffizienz in das Bewusstsein rücken
suffiziente und zukunftsweisende Verhaltens-
weisen und Lebensmodelle an Hochschulen
initiieren und verbreiten
strukturelle Veränderungen für eine Integration
von Suffizienz in die hochschulischen Bereiche
Lehre, Forschung, Betrieb & Campusleben,
Governance und Transfer anstoßen
Verwendungsempfehlung der Sammlung
als Bildungsmaterial in formalen und informel-
len Bildungskontexten an und außerhalb von
Hochschulen
als Inspiration und Anleitung zum Wandel für
Nachhaltigkeitsinitiativen und -akteure an Hoch-
schulen – seien sie studentisch, statusgruppen-
übergreifend, aus der Verwaltung, von Lehrstüh-
len etc. – und in der kommunalen Politik
als starkes Argument in hochschulpolitischen
und regionalen Transformationsprozessen
Ich hoffe, dass diese Sammlung Euch und Ihnen
Motivation und Inspiration liefert und gleichzeitig
aufzeigt, was auch an Eurer und Ihrer eigenen Hoch-
schule möglich ist. Wagt Neues, werft Ballast ab und
zeigt, wie vielfältig und erfüllend Suffizienz für eine
nachhaltige Entwicklung umzusetzen ist.
Dr. Michael Flohr
ist für das netzwerk n tätig und arbeitet zu
den Themen nachhaltige Hochschulent-
wicklung, nachhaltige Digitalisierung und Kulturpolitik.
Webseite: https://nachhaltigkeit-politik-kultur.de
8
Wir schreiben das Jahr 2052. Ich steige von meinem
Fahrrad und schiebe die letzten Meter bis zu den
Fahrradständern meiner alten Uni; zuletzt habe
ich den Campus vor dreißig Jahren besucht. Ich
bin gespannt, was sich in dieser Zeit alles verändert
hat. Erstmal gilt es aber, einen freien Fahrradbü-
gel zu finden – manches bleibt eben doch gleich.
Doch schon auf dem Weg zum Campus fällt mir viel
fundamental Neues ins Auge – die öde Brachland-
schaft auf und um das Gelände ist einer Vielfalt an
Gemüsegärten, Wildblumenwiesen und gemein-
schaftlichen Orten des Austauschs, Innehaltens
und Verweilens gewichen. Überall sind Menschen
unterschiedlichen Alters, diskutieren, lesen, singen,
machen Sport.
Ich stelle mein Fahrrad ab und laufe auf den großen
Hörsaal der Wirtschaftswissenschaften zu, dessen
Fassade fast komplett begrünt ist – ein Paradies
für Insekten und Vögel, die das Gebäude in eine
summende und singende Oase verwandeln. Ob das
wohl ein Neubau ist? Oder immer noch der gleiche
Betonklotz von damals? Ich gehe weiter, bin schon
spät dran. In der letzten Reihe ist noch ein Platz frei,
ich setze mich und lausche gespannt den Worten
der Gastdozentin aus Kolumbien, die per Video live
zugeschaltet ist. Schnell wird deutlich, dass suffizi-
ente Formen des Wirtschaftens auch in der Lehre
zentral sind und eine klare Normverschiebung weg
von der Dominanz einer Wachstums- und Effizi-
enzorientierung hin zu einer theoretischen und
methodischen Pluralität stattgefunden hat – einge-
bettet in die ökologischen Grenzen des Planeten.
Auch ist die Vorlesung deutlich interaktiver und
abwechslungsreicher als früher. Studierende fragen
häufig nach, diskutieren mit der Professorin, neh-
men an Umfragen teil und müssen kurze Aufgaben
erledigen, stellen Bezüge zum eigenen Leben und
gegenwärtigen Phänomenen her.
Danach komme ich mit einigen Studierenden ins
Gespräch. Ich bin neugierig über die Vielfalt im
Studium im Rahmen eines maßvollen Wirtschaf-
tens. Sie berichten, dass Suffizienz und Konzepte zu
Degrowth mittlerweile in den meisten Disziplinen
Einzug gehalten hätten – in den Ingenieurswissen-
schaften werde zu konvivialer Technik geforscht
und gelehrt, die Sozialwissenschaften widmeten
sich verstärkt Initiativen, die genügsames, gemein-
schaftliches und selbstbestimmtes Leben und
Arbeiten praktizieren, in der Biologie sei eine große
Forschungscommunity zum Einsatz der Permakultur
und moderner Subsistenz entstanden.
Ich frage, wie denn so der Studierendenalltag sei –
sehr selbstbestimmt und partizipativ, so könne man
das zusammenfassen, ist der Tenor der Gruppe. So
sei der Anteil von Pflichtmodulen zugunsten eines
höheren Anteils an General Studies-Inhalten redu-
ziert worden, sodass viel Raum für selbstbestimm-
tes Lernen und studentisches Engagement bleibe
– dieses sei mittlerweile nämlich auch anrechenbar,
natürlich unter strengen Auflagen. Besonders sozi-
al-ökologische Initiativen hätten davon profitiert,
würden von Hochschulen intensiv gefördert und
in wichtige Entscheidungen eingebunden. Diese
Gruppen seien es auch, die einfach loslegten und
kreative Impulse für Suffizienz an ihrer Uni setzten;
regelmäßig greife die Hochschulgemeinschaft auf
diese Erprobungen zurück und verankere sie in der
gesamten Organisation.
Durch diesen Studienaufbau, der mehr auf Qualität
statt auf Quantität setzt, sind personelle und räum-
liche Kapazitäten in den Studiengängen frei gewor-
den, die in eine engere Beratung und Betreuung der
Studierenden sowie eine gezielte Förderung fließen,
damit verstärkt weniger privilegierte Menschen
Zugang zu Hochschulbildung erhalten. Gemeinsam
mit einer Reform der Studienzulassung führten diese
Maßnahmen zu einer größeren sozialen Durchlässig-
keit und geringerem Notendruck – Konkurrenz um
Studienplätze sei ein Fremdwort. Auch die Zahl der
Studienabbrecher*innen sei deutlich gesunken, wie
ich höre. Dennoch sei hier immer noch viel zu tun,
merkt ein Student an.
Zwei von ihnen müssen weiter zu einem Workshop,
wir verabschieden uns. Ich blicke ihnen nach. Es ist
immer noch viel zu tun, die Worte hallen in mir nach.
Vor meinem inneren Auge erscheinen die Nachhaltig-
keitsbemühungen zu meiner Studienzeit. Damals, als
sämtliche Klimaabkommen auf der Kippe standen
und gesellschaftliche Konflikte dazu führten, die
Lebensgrundlage der folgenden Generationen fast zu
zerstören und ein selbstbestimmtes, gerechtes und
respektvolles Miteinander von Menschen unabhän-
gig ihrer Klasse, Race und Gender in weiter Ferne
schien.
Und als überdies jene, die sich für Nachhaltigkeit in-
teressierten, Suffizienz belächelten, in ihren Nachhal-
tigkeitsberichten in einer Randnotiz vermerkten und
Meine suziente
Hochschule
Ein Blick aus der Zukunft
9
sich wieder der » Realpolitik « widmeten. Damals, als
eine Generation von Schüler*innen, Studierenden
und weiteren Engagierten laut wurde, um für eine
lebenswerte und gerechte Zukunft zu kämpfen, und
einen radikalen Umbau unseres Wirtschafts- und
Gesellschaftssystems forderte. Langsam wird mir
bewusst, was diese Streiks, Bemühungen und Arbeit
der unzähligen Initiativen für unser Zusammenle-
ben und in der Hochschullandschaft bewirkt haben.
Gedankenversunken gehe ich im Schatten der Obst-
bäume zur Mensa; mein Magen knurrt.
Auf dem Speiseplan finde ich bis auf ein Essen aus-
schließlich Gerichte auf pflanzlicher Basis. Obwohl
die Auswahl überschaubar ist, dauert die Ent-
scheidung eine gefühlte Ewigkeit; ich bin hin- und
hergerissen zwischen den vielfältigen Gerüchen und
Farben. Ich nehme einen Linsensalat, balanciere
mit meinem Tablett zwischen den Reihen hindurch
und setze mich neben eine Gruppe, vermutlich
wissenschaftliche Mitarbeiter*innen. Ich belausche
unauffällig ihr Gespräch. Sie unterhalten sich über
die Modifikationen der Open Source-Plattform,
über die seit Jahren sämtliche Forschungsergebnis-
se publiziert werden – transparent und global für
alle zugänglich.
Jegliche Hektik ist von diesem Ort verschwunden,
keine Spur von schneller Nahrungsaufnahme
zwischen Vorlesungen. Viele Menschen sitzen
noch eine ganze Weile, unterhalten sich oder lesen.
Noch lange bleibe ich sitzen und beobachte das
Geschehen. Dann trete ich ins Freie, erkunde meine
Lieblingsecken von damals und Gebäude, in denen
ich nie gewesen bin. Mir fällt auf, wie effektiv und
vielfältig Räume genutzt werden – in einem Hörsaal
findet eine Lesung statt, in einem Seminarraum
wird meditiert, die Sporthalle dient heute als Ort
zum Blutspenden. Gleichzeitig findet ein Biologie-
seminar in einem der Nutzgärten statt.
Ich merke, dass meine Uni kein isolierter Elfenbein-
turm mehr ist, sondern Verantwortung in und mit
der Gesellschaft übernimmt. In Reallaboren und
Transferprojekten wird ein reger Wissensaustausch
mit Menschen und Initiativen aus der Umgebung
gefördert – seien es suffiziente Raumnutzungs-
konzepte, solidarische Landwirtschaft oder neue
Formen der Mobilität. Zudem werden Studierende
und vielfältige Akteur*innen der Zivilgesellschaft
in Entscheidungsprozesse, was wie erforscht wird,
transparent mit einbezogen und beteiligen sich an
Forschungsprojekten.
Ich verbringe noch eine ganze Zeit an verschiedenen
Orten und kehre, vollgepackt mit Eindrücken, zu
meinem Rad zurück. Als ich eine Person von Fahr-
rad zu Fahrrad gehen sehe, seufze ich ein bisschen
genervt. Immer noch dieselben unnützen Werbe-
flyer auf dem Gepäckträger.
Doch als ich mich nähere, muss ich lächeln. Auf
jedem Fahrrad liegt eine kleine Pflanze.
luca Markus
ist studentischer Mitarbeiter im netzwerk n
und studiert Psychologie an der Universität
Bremen. Seine Schwerpunkte sind psycholo-
gische Aspekte von Degrowth und Grundbe-
dürfnisse.
10
Suffizienz beschreibt das Bemühen, individuelle
und gesellschaftliche Konsum- und Produktions-
muster dahingehend zu verändern, dass mensch-
liche Bedürfnisse ressourcenschonend, lokal und
sozialverträglich gestillt werden. Im Gegensatz zu
den bisher von Politik und Gesellschaft priorisierten
produktorientierten Effizienz- und Konsistenzstra-
tegien stehen bei Suffizienzstrategien das Verhalten
von Konsument*innen im Zentrum. Dabei spielt die
Veränderung der individuellen Erwartungen an die
Lebensqualität eine tragende Rolle. Suffizienzstra-
tegien zielen darauf ab, einen » Mehrwert im Sinne
von Freiheit, weniger Stress, Zeitgewinn, Detox,
mehr soziale Interaktion, Gesundheit und neues
Lebensgefühl « (Burger et al. 2019: 3) zu erzeugen.
Ausgehend von der Einsicht, dass maßvoller Genuss
die Lebensqualität nicht schmälern muss (Linz
2015: 5) und im Wissen über die Grenzen der glo-
balen Ressourcen und Energieträger, sind in den
letzten Jahren eine wachsende Zahl an suffizienten
Initiativen und Angeboten entstanden, die ein res-
sourcenleichtes Leben ermöglichen: Unverpackt-Lä-
den, Tauschbörsen, Repair-Cafés und Sharing-An-
gebote unterstützen Interessierte dabei, ihren
Konsum zu begrenzen, zu reduzieren oder diesem
vollständig zu entsagen (Folkers & Paech 2020: 143)
-– also suffizient zu gestalten.
Bislang finden sich solche Angebote und Initiati-
ven besonders im urbanen Raum. An sich ist der
(Wohn-)Ort für einen suffizienten Lebensstil nicht
ausschlaggebend, da dieser in erster Linie von der
persönlichen Einstellung, Gewohnheiten, Verhal-
tensweisen und Werten abhängt. Dennoch können
politische und gesellschaftliche Rahmenbedingun-
gen dabei helfen, dass Suffizienz im Alltag leichter
erprobt und gelebt werden kann. Städte fungieren
seit jeher als › Reallabore ‹, in denen alternative Le-
bens- und Arbeitsformen getestet und Experimente
gewagt werden können. Städte bieten einer großen
Anzahl an Menschen alle Daseinsgrundfunktionen
und stellen die dafür notwendige Infrastruktur
bereit (Kopatz 2016: 3).
Doch wie sieht es mit Suffizienz im ländlichen
Raum aus? Inwiefern könnten Suffizienzstrategien
ländliche Räume dabei unterstützen, lebenswerte
Räume zu schaffen – trotz Mangel an finanziellen,
materiellen und sozialen Ressourcen. Tatsäch-
lich gibt es bis heute kaum Erkenntnisse darüber,
welche Bedeutung Suffizienz in ländlichen Räumen
hat und wie Suffizienzstrategien gefördert werden
könnten.
Der Begriff ländlicher Raum weckt viele, auch stereo-
type und dichotome Assoziationen – sowohl in der
gesellschaftlichen Wahrnehmung wie auch in politi-
schen Diskussionen. Für die einen stehen ländliche
Räume für sich leerende und entvölkerte Regionen,
verfallene Häuser, Arbeitslosigkeit, » klamme « Kom-
munen, Unterversorgung und Populismus – abge-
hängte Regionen ohne Perspektive. Für andere reprä-
sentieren ländliche Räume unberührte Natur, Ruhe,
Gesundheit, Platz zum Wohnen – ein romantisiertes
Bild einer ländlichen Idylle (Penke 2012: 17; Arl
2019: 2; Franzen et al. 2008: 9). Feststeht, dass es den
ländlichen Raum nicht gibt, sondern eine Vielfalt an
ländlichen Räumen existiert, die sich in ihrer Lage,
ihren sozioökonomischen Rahmendbedingungen,
Entwicklungspotenzialen und ihrer Lebensqualität
stark unterscheiden. Ländliche Räume sind » vielfar-
big und tiefgründig zugleich, von sehr unterschiedli-
chen Wachstumsprozessen betroffen; [ihre] ausge-
prägten regionalen und lokalen Individualitäten, […]
vielschichtigen Potenziale und Probleme, entziehen
sich einer schnellfüßigen Darstellung und Generali-
sierung « (Henkel 2020: 25).
Zur statistischen Abgrenzung der ländlichen Räume
werden in Deutschland häufig Verdichtungs-, Zent-
ralitäts- und / oder Erreichbarkeitsmerkmale sowie
die Bevölkerungsdichte betrachtet (Franzen et al.
2008: 2). Der neuste Raumordnungsbericht aus dem
Jahr 2017 vom Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und
Raumforschung (BBSR) unterscheidet zwischen den
Kreistypen ländliche Kreise mit Verdichtungsansätzen
und dünn besiedelte ländliche Kreise. Dabei macht
erster Typ knapp 28 % der Fläche und rund 17 % der
Bevölkerung und letzter rund 40 % der Fläche und
knapp 14 % der Bevölkerung Deutschlands aus (BBSR
2017: 10).
Andere Abgrenzungsansätze beziehen verstärkt
landschaftliche Merkmale mit ein. So benutzt das
Thünen-Institut – neben der Bevölkerungs- und Sied-
lungsdichte – folgende Landnutzungs-Kriterien, um
verschiedene Typen ländlicher Räume zu unterschei-
den: Anteil an landwirtschaftlich genutzter Flächen,
Wälder und Gewässer, Vorhandensein niedrigge-
schossiger und aufgelockerter Bebauung und die
Entfernung zu Oberzentren. Nach dieser Analyse lebt
knapp 57 % der Bevölkerung in ländlichen Räumen
auf ca. 91 % der Fläche Deutschlands (Küpper 2016).
Nicht nur die Assoziationen und Abgrenzungsan-
sätze für ländliche Räumen sind vielfältig, sondern
auch deren Charakteristika und Herausforderungen.
Besonders strukturschwache Regionen sehen sich
Suzienz in
ländlichen Räumen
11
damit konfrontiert, dass die Bevölkerung überaltert
und junge, gut ausgebildete Fachkräfte wegziehen.
Fehlende Steuereinnahmen können ein Loch in
die Kasse vieler Kommunen reißen, was den Abbau
öffentlicher Infrastruktur und Dienstleistungen be-
schleunigen kann. In manchen Fällen ist der Verlust
von regionaler Identität und Solidarität zu beobach-
ten (BMEL 2019: 18ff.). Vielen ländlichen, struktur-
schwachen Kommunen fällt es daher zunehmend
schwer, Grunddaseinsfunktionen angesichts
begrenzter finanzieller und materieller Ressourcen
sicherzustellen.
Um diese Kommunen zu unterstützen, existieren
verschiedene (politische) Förderprogramme und
instrumente. Viele dieser politischen Maßnahmen
zielen darauf ab, wirtschaftliches Wachstum zu er-
zeugen und so die kommunale Entwicklung positiv
zu beeinflussen. Solche Ansätze setzten jedoch ein
gewisses wirtschaftliches (Innovations-)Potential,
exportorientierte Branchen und eine kritische Mas-
se sowohl an Unternehmenden und Schlüsselak-
teuren voraus, die Innovationsprozesse initiieren,
Projekte umsetzen, als auch an Konsument*innen,
die diese Angebote in Anspruch nehmen. Doch ein
solches Potential ist gerade in strukturschwachen,
ländlichen Regionen nur schwach vorhanden, wes-
halb die regionalpolitische Ausrichtung auf Wachs-
tum in diesen Regionen häufig nicht fruchtet.
Darüber hinaus verhindert die Konzentration auf
Wachstumsförderung, dass alternative Entwick-
lungspfade kaum gesellschaftlich verhandelt und
politisch diskutiert werden. Besonders ländliche
Schrumpfungsprozesse werden von der Politik als
auch der Gesellschaft häufig trivialisiert, tabuisiert
oder dann vehement bekämpft. Doch immer mehr
Kommunen in Deutschland, aber auch in Großbri-
tannien oder den Niederlanden, setzen sich damit
auseinander, solche Prozesse zu akzeptieren und
politische Maßnahmen darauf auszurichten, die ne-
gativen Auswirkungen von Schrumpfung zu mildern
(Hospers 2014: 1513).
Wo dies jedoch nicht geschieht, können wachs-
tumsorientierte Entwicklungsstrategien dazu
führen, dass sich die Probleme in den betroffenen
Kommunen verstärken: Die umworbenen jungen
Familien und Firmenzuzüge bleiben trotz bereit-
gestellter Infrastruktur und Flächenausweisungen
aus oder der Steuerwettbewerb und der Unterhalt
leerstehender und überdimensionierter Infra-
struktur verstärken die finanziellen Engpässe vieler
Kommunen. Vereinzelt wird darauf hingewiesen,
dass das » Aussterben des ländlichen Raums […] in
besonderem Maße denjenigen Regionen [droht],
die weiterhin auf Wirtschaftswachstum und Export
setzen « (Deimling & Raith 2017: 12).
Vor diesem Hintergrund stellen sich die Fragen,
ob und inwiefern Suffizienzstrategien dabei helfen
könnten, alternative Lösungen für den ländlichen
Raum zu entwickeln. Im Zentrum steht die Verände-
rung der Lebensstile: Selbstversorgung statt Erwerbs-
arbeit, Produktion statt Konsum, Re-Lokalisierung
statt globale Abhängigkeit (BBSR 2015: 9). Suffiziente
Ansätze werden bereits heute in verschiedenen Berei-
chen in ländlichen Räumen erprobt und erfolgreich
umgesetzt. Sie stehen häufig im Zusammenhang mit
Bewegungen und Initiativen wie den transition towns
oder den Ökodörfern (Hopkins 2014; Schulz 2017;
Kliemann 2016). Konkrete Beispiele für Suffizienz
im ländlichen Raum gibt es einige: Bürger-, Bücher-,
und Ärztebusse, genossenschaftlich organisierte
Lebensmittelläden mit Erweiterung um Dienstleis-
tungen von Post oder Medikamentenversorgung,
Nutzung leerstehender (kommunaler) Gebäude z.B.
für nicht-kommerziell betriebene coworking spaces,
Werkstätten oder Orte des öffentlichen Lebens (Treff-
punkt, Bibliothek), autarke Energiesysteme oder
Regionalwährungen. Häufig bleiben aber solche suf-
fizienten Initiativen im ländlichen Raum Einzelfälle
und es fehlen Bemühungen, Suffizienz als gesamt-
gesellschaftliche Handlungsweise und politische
Entwicklungsstrategie zu verankern.
Dabei können gewisse Merkmale ländlicher Räu-
me Suffizienz befördern: Das häufig überschau-
bare Sozialgefüge und engmaschige Netzwerke
(z.B. Vereinskultur) können dabei helfen, dass
solidarische Aktivitäten wie z.B. Tauschringe oder
Nachbarschaftshilfen in ländlichen Räumen ein-
facher umgesetzt werden können als in anonymen
Großstädten (Schulz 2017: 11; Linz 2015: 20). Solche
Angebote können Einzelne dabei unterstützen, auf
die Erwerbung bestimmter Gegenstände zu verzich-
ten und diese stattdessen bei Bedarf mit anderen zu
tauschen. Auch andere Dienstleistungen wie Fahr-
gemeinschaften oder Kleinkindbetreuung können
durch Solidarität erleichtert werde. Aber auch meh-
rere Kommunen, die sich zusammenschließen, um
gemeinsame größere Anschaffungen, wie z.B. Kehr-
maschinen oder Feuerwehrautos, zu tätigen, können
von regionaler Solidarität profitieren und gleichzeitig
sowohl ihre Ausgaben als auch ihren Ressourcen-
verbrauch drosseln. Regionale Entwicklungsträger
können Kommunen darin unterstützen, gemeinsam
zu planen und sich gegenseitig abzustimmen – z.B.
bei Schulen, Seniorenheimen oder bei der Revitalisie-
rung von Leerstand um eine Bebauung auf der › grü-
nen Wiese ‹ zu verhindern. Weiter bieten ländliche
Räume viel Platz für die Selbstversorgung mit und
Lagerung von Lebensmitteln (Hahne 2017: 53), aber
auch für die Erzeugung erneuerbarer Energie. Gerade
hierbei bieten sich neue Land-Stadt-Beziehungen in
Regionen an. Auch die solidarische Landwirtschaft,
die neben der Versorgungssicherheit auch auf soziale
Kohäsion setzt, findet gute Voraussetzungen in länd-
lichen Räumen.
Regionalpolitische Förderprogramme könnten
durch die Ausrichtung auf Suffizienz neu gedacht
und formuliert werden. Obwohl dieser Ansatz im
Grunde nicht neu ist – über die › Grenzen des Wachs-
12
tums ‹ wird seit den 1970er Jahren debattiert und
spätestens seit den 1980er Jahren ist die › endogene
Regionalentwicklung ‹ ein bekanntes Thema – ist es
angesichts der heutigen nicht-nachhaltigen globa-
len Produktionsmuster und der Übertretung der
Grenzen der ökologischen Tragfähigkeit mehr denn
je an der Zeit für eine Renaissance dieser Ansätze
in Form von suffizienten Entwicklungsstrategien.
Diese könnten Kommunen dabei helfen, den Fokus
auf das Vorhandene zu legen, anstatt Angebote
für › die großen Unbekannten ‹ – neu zuziehende
Einwohner*innen sowie Firmen – zu ersinnen. Dies
würde auch bedeuten, bewusst auf einen weiteren
Infrastrukturausbau zu verzichten und nicht länger
Neuansiedlungen zu bewerben und zu planen.
Stattdessen ständen die qualitative Verbesserung
des alltäglichen Lebens und die Bedürfnisse der
Bewohner*innen im Fokus.
Damit könnten gerade ländliche Räume zu neuen
Reallaboren werden, in denen altbekannte Wachs-
tumspfade verlassen werden, um neue, suffiziente
Wege auszuprobieren und neue Lebens-, Lern- und
Arbeitsformen zu wagen. Denkbar ist sogar, dass
ländliche Räume damit eine » Vorreiterrolle bei der
aktiven Bewältigung « (BBSR 2015: 6) der ökolo-
gischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen
Veränderungen einnehmen könnten. Doch trotz
erster Erkenntnisse über die Chancen der Suffi-
zienzstrategien für ländliche Räume sind weitere
Forschungsprojekte nötig, um zu verstehen, wie
suffiziente Strategien und Initiativen in ländlichen
Räumen entstehen, welche Faktoren diese fördern
oder hemmen und was gegebenenfalls die öffent-
liche Hand dazu beitragen kann, Menschen in
ländlichen Räumen ein ressourcenleichtes Leben
zu ermöglichen.
Dr. YasMine Willi
ist Geographin, forscht an der Eidg. For-
schungsanstalt für Wald, Schnee und Land-
schaft (WSL) zu Governance, Regionalentwicklung und
nachhaltigen Transformationsprozessen und leitet das
von der Stiftung Mercator Schweiz geförderte Forschungs-
projekt › Suffizienzpolitik in ländlichen Gemeinden
(2020-2023).
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13
14
Gleich zu Beginn: Was ist eigentlich Umweltpsycho-
logie?
Karen Hamann: Die Umweltpsychologie ist eine
ziemlich umfangreiche, anwendungsorientierte
Teildisziplin der Psychologie, in der eigentlich jede
Form von Mensch-Umwelt-Interaktionen behandelt
werden kann – das reicht von Architekturpsycho-
logie über Mensch-Maschinen-Interaktion. Der
stärkste Fokus liegt jedoch aktuell auf der Erfor-
schung umweltschützenden Verhaltens. Dabei
verwenden wir meistens quantitative Methoden,
schauen uns also eine große Anzahl von Menschen
an, um generelle Trends erkennen zu können.
Josephine Tröger: Was zudem an der Umweltpsy-
chologie sehr besonders ist und ich sehr schätze,
ist die große Interdisziplinarität, also der Einbezug
und die Nutzung von Ansätzen und Methoden diver-
ser Wissenschaftsdisziplinen. Das ist teilweise sehr
herausfordernd, bietet aber auch reichlich Chan-
cen. Ein Projekt wie die sozial-ökologische Trans-
formation ist nur zu bewerkstelligen, wenn viele
Disziplinen zusammenarbeiten und -denken.
Für viele Menschen ist Suffizienz die anstrengendste
und unbeliebteste Nachhaltigkeitsstrategie. War-
um fällt suffizientes Handeln so schwer?
JT: Weil unsere gegenwärtigen gesellschaftlichen
Strukturen dafür sehr hohe Hürden etabliert haben
und wir in einem System leben, in dem versucht
wird, Suffizienz v.a. auf die individuelle Ebene zu
verlagern. Dazu habe ich mithilfe von Expert*in-
nen-Interviews vier zentrale Hürden und Hebel
gefunden: Erstens, Narrative. Damit haben die
Expert*innen gemeint: Wie besprechen und be-
werten wir als Gesellschaft die Regeln in unserem
System, wie z.B. unsere Wirtschaftsverhältnisse,
unsere ökonomischen Leitbilder – und haben wir
überhaupt Gegennarrative? Wird dabei von Ver-
lust bzw. Verlustangst gesprochen oder von einer
lebenswerten Zukunft? Der zweite große Punkt sind
die Belohnungs- und Anerkennungsstrukturen, die
in unserer Gesellschaft etabliert sind. Das heißt z.B.:
Was bedeutet Erfolg für uns selbst, für Gruppen, für
Unternehmen? Hier spielen besonders Wachstum
und Steigerung eine zentrale Rolle. Drittens wur-
den Zeitinfrastrukturen genannt. Daran entlang
haben sich viele Pfadabhängigkeiten in unserem
Alltag etabliert wie z.B.: Muss ich jeden Tag mit
der Bahn oder dem Auto zur Arbeit fahren? Kann
ich das Rad nehmen? Habe ich die Möglichkeit, im
Homeoffice zu arbeiten, oder verbietet das meine
Tätigkeit? Haben wir also überhaupt die Gelegen-
heit, uns zu verändern, Dinge zu hinterfragen und
entsprechend unserer Werte zu handeln? Der vierte
genannte Aspekt aus der Studie ist die Verlagerung
von Verantwortung. Denn über Suffizienz wird häufig
als individuelles Verhalten gesprochen, eigentlich ist
es aber eine kollektive Aufgabe, die eben von einer
Gesellschaft und dessen Strukturen ermöglicht und
gemeinsam umgesetzt werden muss.
Und klar, die individuelle Perspektive darf nicht weg-
fallen. Auch hier sehe ich noch großen Forschungs-
bedarf zur klareren Definition von Suffizienz und
zu den Prädiktoren – also Vorhersagevariablen – für
suffizientes Verhalten.
KH: Ich finde es auch sehr sinnvoll, diese Perspektive
kollektiven Handelns stärker zu betonen, besonders
wenn es um Organisationen wie Hochschulen geht.
Durch den Fokus auf individuelles Verhalten wird
leicht die Verantwortung für Konsumentscheidungen
auf das Individuum abgewälzt. Dabei ist ein suffizien-
ter Lebensstil sehr schwer umsetzbar, da er tägliche
Routinen und langfristige Gewohnheitsänderungen
erfordert. Verhalten, das man eher der Effizienz- oder
Konsistenzstrategie zuordnen würde, z.B. den Wech-
sel des Stromanbieters, ist hingegen meist einmalig.
JT: Aus meiner Sicht ist es wichtig zu betonen, dass
Verzichtsorientierung auch eine Rolle bei der Suffizi-
enz spielt – Suffizienz heißt weniger. Punkt. Doch da-
bei geht es nicht um erzwungenen Konsumverzicht.
Es geht vielmehr um die Einsicht in die Notwendig-
keit der Verhaltensänderung aufgrund moralischer
Prinzipien und Gerechtigkeitsüberlegungen. Dass
das bei manchen Personen eine ganz entscheidende
Rolle spielt, lässt sich auch empirisch nachweisen.
Was im ersten Moment wie Verzicht wirkt – wie die
Einsicht, dass ich zu viele Ressourcen verbrauche und
deswegen nicht mehr fliegen möchte – kann Men-
schen langfristig stärken, weil sie sich aus Überzeu-
gung suffizient verhalten.
Was bedeutet eurer Meinung nach Suffizienz für eine
Organisation wie die Hochschule, die sehr stark auf
Internationalisierung, Exzellenz und wachsende Stu-
dierendenzahlen ausgelegt ist?
JT: Internationalisierung sollte nicht gegen Suffizienz
ausgespielt werden; Suffizienz heißt nicht Protekti-
Suzienz und
Umweltpsychologie
Karen Hamann und Josephine Tröger im Gespräch
15
onismus oder per se Begrenzung. Ich denke, dass
Suffizienz ganz elementar damit verbunden ist,
globale Entwicklungen und Zusammenhänge zu
betrachten. Aber natürlich sehe ich den Konflikt an-
gesichts steigender Emissionen, etwa durch globale
Mobilität. Allerdings hat uns die Corona-Pandemie
die Möglichkeiten der Digitalisierung gezeigt: Der
Wegfall der ein oder anderen Reise zur nächsten
Konferenz hat nicht nur Stress, sondern auch CO2
gespart und digitale Vorträge sind plötzlich weltum-
spannend möglich.
Für Exzellenz gilt Ähnliches. Das heißt zunächst,
Profile zu schärfen und gute Forschung zu betrei-
ben. Ich sehe aber die Schwierigkeit, dass hier ein
Konkurrenz- und Effizienzdruck in den Hochschu-
len entsteht, der dem Suffizienzgedanken wider-
spricht. Dennoch kann die Hochschule ja auch nach
qualitativen Kriterien agieren und nach außen auf-
treten. Letztlich ist es eine Haltung, die auch eine
Organisation vertreten kann, wenn sie es denn will.
KH: Hier finde ich die Frage spannend, was wir
eigentlich unter Exzellenz verstehen. Darunter
könnte auch die Frage fallen, was für Studieren-
de und Mitarbeitende ein gutes Leben auf dem
Campus eigentlich ausmacht, was essentiell und
was eigentlich überflüssig ist. Das wäre natürlich
eine Herangehensweise, die den Status Quo nicht
einfach akzeptiert, sondern die dazu führt, dass wir
überhaupt über Suffizienz nachdenken können.
JT: Auch bei wachsenden Studierendenzahlen sehe
ich jetzt nicht direkt einen Konflikt mit der Suffizi-
enz, weil das Studium ja Bildung und Ausbildung
zur Befähigung wissenschaftlichen Denkens sein
soll. Insofern kann das auch einen sehr positiven
Effekt haben, weil in den Hochschulen Menschen
sind, die sich für die Zukunft unserer Welt interes-
sieren und sich dafür auch einsetzen.
KH: An dieser Stelle möchte ich gerne eine provo-
kante These aufstellen: Aktuell konsumieren sich
Hochschulen und Studierende gegenseitig. Zum
einen ist die Lehre wenig partizipativ, meistens neh-
men Studierende Informationen aus Vorlesungen
nur passiv auf. Gleichzeitig sehen wir den Effekt,
dass auch die Hochschulen ihre Studierenden
konsumieren, was sich besonders darin ausdrückt,
dass meist nur die Zahl der Studienanfänger*innen
Bedeutung hat, weniger die Zahl der Absolvent*in-
nen. Vielleicht wäre ein Weg zu einer suffizienten
Hochschule, weniger, aber dafür intensivere Lehr-
veranstaltungen anzubieten, verbunden mit einer
stärkeren Eigenverantwortung der Studierenden.
Auch die studentische Partizipation könnte noch
sehr viel stärker gefördert werden – hier halte ich
es für sinnvoll, nicht genügsam zu sein, sondern
Mitgestaltungsrechte einzufordern.
JT: Hier wünsche ich mir auch noch mehr Freiraum
in Lehrveranstaltungen, damit Studierende ihre
Potentiale kreativ ausleben und praktische Projekte
umsetzen können. Suffizienz muss schließlich auch
ausprobiert und erlebt werden. Reine Wissensver-
mittlung ist nur ein – und oft sogar der kleinere Teil
– der den Weg ins tatsächliche Verhalten zeigt.
KH: Dabei stellt sich auch die Frage, ob nicht die
intrinsische Motivation und das Eigeninteresse der
Studierenden gestärkt werden sollten, oder ob es
nach wie vor bei hochfrequentierter Benotung bleibt,
die sie extrinsisch motivieren.
Wie können studentische Initiativen andere Men-
schen an ihrer Hochschule von Suffizienz überzeugen?
KH: Erstmal braucht es wirklich die Vision einer
suffizienten Hochschule, die am besten gemeinsam
mit Studierenden und Mitarbeitenden erarbeitet wird
– also nicht nur Top-down, sondern auch sehr viel
Bottom-up. Initiativen würde ich raten, ihre Zielgrup-
pe im Kopf zu haben, da der Anteil von Menschen,
die sich wirklich suffizient verhalten, ziemlich klein
ist. Deswegen könnte es sich lohnen, sich erstmal auf
Menschen zu konzentrieren, die bereits ein Interesse
mitbringen, anstatt zu versuchen, direkt alle über-
zeugen zu wollen. Außerdem sollte der Fokus auf der
Gruppe liegen, also nicht nur die Verantwortung des
Individuums betont werden, sondern vielmehr » wir
schaffen das zusammen, wir schaffen das als Hoch-
schule «, weil die Hochschule eben auch eine ziem-
lich bedeutsame Gruppe für Studierende ist. Auch
Aktionen in Form von Suffizienz-Challenges könnte
ich mir gut vorstellen.
JT: Ergänzend dazu halte ich es für wichtig, dass
auch die Initiativen Suffizienz in ihren Strukturen,
in ihren Einstellungen authentisch verkörpern und
eine Kultur des » Weniger « vorleben. Ich glaube, in
diesem neuen Narrativ der Entschleunigung und
Genügsamkeit liegt auch ein großer Unterschied zu
» klassischem « Umweltschutzverhalten, das eher auf
Effizienz ausgerichtet und noch stärker in die Debat-
te um die Begrenzung des Klimawandels mit tech-
nologischen Mitteln eingebettet ist. Und ich halte es
in diesem Prozess für extrem wichtig, mit anderen
Hochschulmitgliedern über Suffizienz zu sprechen
und auch gegensätzliche Positionen zu verhandeln.
karen haMann
promoviert an der Universität Koblenz-
Landau zum Thema › Psychologisches
Empower ment im Umweltschutz ‹, ist
Stipendiatin der Deutschen Bundesstiftung
Umwelt und bringt mit dem Verein Wandelwerk e.V. das
Wissen der Psychologie in den aktiven Umweltschutz.
(Foto: Claudia Menzel)
Josephine Tröger
promoviert an der Universität Koblenz-
Landau zu Suffizienz orientierung, enga-
giert sich bei den Scientists for Future und
hat den S4F-Podcast mit ins Leben gerufen
(www.s4f-podcast.de).
16
Bisherige Erfolge:
Aalener Schulen haben Patenschaften von ein-
zelnen Wegabschnitten übernommen. Nachhal-
tigkeit ist durch den Pfad direkt zu erfahren und
Aalen unmittelbar zu genießen. Letzteres gelingt
durch die in das Projekt eingebundenen Museen
und Erlebnisbereiche wie z.B. Spielplätze.
Besteht seit:
2010
Hochschule &
Kooperationspartner*innen:
Hochschule Aalen, Stadt Aalen und Bildungsträger
der Stadt Aalen
Kontaktdaten für Interessierte:
Prof. Dr. Ulrich Holzbaur
ulrich.holzbaur@hs-aalen.de
Hochschulbereich
Lehre
Forschung
Betrieb
Governance
Transfer
Initiiert von
Studierenden
Lehrenden / Forschenden
Verwaltungsmitarbeitenden
Hochschulleitung
Lokale Agenda 21
Im Rahmen des Umweltprojekts » Grüner Aal « der UN-De-
kade Bildung für nachhaltige Entwicklung ist ein virtueller
Naturpfad entlang der vier Gewässerverläufe um Aalen ent-
standen. Seitdem kooperiert die Hochschule Aalen mit Or-
ganisationen rund um Aalen, um an diesem Weg Projekte zu
realisieren.
Virtueller Lehr- und
Erlebnispfad KARN
Illustr. Foto: Patrick Mueller Unsplash
Entschleunigung
17
KONTEXT
Der virtuelle Lehr- und Erlebnispfad KARN (Ko-
cher-Aal-Rombach-Nachhaltigkeitsweg) ist ein
gemeinsames Projekt der Hochschule Aalen, der
Lokalen Agenda 21 Aalen und der Stadt Aalen. Er
entstand aus dem Wunsch, den Bürger*innen inter-
aktiv und raumbezogen in Landschaft und Stadt das
Thema Nachhaltigkeit nahezubringen. Überdies
soll der Pfad durch die Interaktion und den persön-
lichen Bezug auch Verhaltensänderungen bewirken.
Im Laufe der Zeit sind Ideen aus vielfältigen Projek-
ten eingeflossen.
KARN besteht aus Teilwegen zu Themen der nach-
haltigen Entwicklung in und um die Stadt Aalen.
Diese lassen sich zu einem Rundweg zusammenstel-
len. Die Informationsvermittlung geschieht primär
durch Social Media (Facebook), soll aber durch
Apps, Flyer und Webseiten ergänzt werden. Entlang
des Pfads sollen kleine Schilder mit QR-Codes auf
den Pfad und seine Verlinkungen aufmerksam
machen. Die Besucher*innen können auf Facebook
auch selbst Inhalte, Bilder und Erlebnisberichte
einstellen (User-generated content, Web 2.0). Da-
mit werden die Besucher*innen zu Beitragenden,
die Wanderer zu Redakteur*innen. In den letzten
Jahren hat sich gezeigt, dass die Besucher*innen
umfangreichere Informationen vor Ort wünschen.
KARN wurde deshalb um einige Tafeln ergänzt, die
auf den Weg und lokale Highlights hinweisen.
Der Pfad greift Themen wie Stadtentwicklung, Wirt-
schaft und Industrie, Rohstoffe und Geologie, Bio-
diversität, Integration und Inklusion, Ernährung,
Wasser, Energie etc. auf und vernetzt diese mit der
Region und untereinander.
Die Konzeption des Pfads integriert Aktions- und
Erlebnisorientierung mit raumbezogenen Kompo-
nenten. Zudem werden Bildung für nachhaltige Ent-
wicklung und Social Media verknüpft und inhaltli-
che Elemente der Geologie, Geschichte, Wirtschaft
und Ökologie ebenso aufgegriffen wie gesellschaftli-
che Fragestellungen, Aspekte der Stadtentwicklung
und des Grünflächen- und Klimaschutzkonzepts der
Stadt Aalen. KARN bezieht das lokale Umfeld der
Bürger*innen und moderne technische Entwicklun-
gen ein, um globale Zusammenhänge zu vermitteln
und insbesondere Jugendliche zur Mitgestaltung zu
aktivieren.
Die Komponenten von KARN wurden in studenti-
schen Projekten der Hochschule Aalen mit Unter-
stützung des Grünflächen- und Umweltamtes der
Stadt erstellt. Neben Inhalten und Konzepten haben
Studierende konkrete Implementierungen in Form
von Flyern und Facebook-Seiten sowie im Gelände
vorgenommen. Sie wirken als Redakteur*innen
der KARN-Facebook-Seite mit. KARN selbst soll
im Internet und in der Realität möglichst partizi-
pativ, generationsübergreifend, umweltschonend
und barrierefrei gestaltet sein. Studierende haben
bereits die erste KARN-Tafel entworfen, die an der
Hochschule aufgestellt wird.
Die Grundstruktur und der Name orientieren sich
dabei an den Gewässern Kocher, Aal und Rombach.
Aufgrund der geologischen Besonderheiten der Aa-
lener Bucht bilden sie fast ein Rechteck. In diesem
fließt der Rombach mit seinen Nebenbächen von
der Quelle zunächst nach Süden, als Aal nach Osten
und in Aalen mündet er in den nordwärts fließen-
den Kocher, der nach Westen in Richtung Rhein
abbiegt.
ZIELE
Vermittlung von BNE
Interaktion und Motivation durch Beteiligung
und eigene Beiträge
Herstellen eines persönlichen Bezugs zum The-
ma und von Betroffenheit
Integration von Aktions- und Erlebnisorientie-
rung mit raumbezogenen Komponenten
Integration von BNE und Social Media
Einbindung von Studierenden in Konzeption
und Umsetzung
Ansprache und Einbindung von Jugendlichen
BEZUG ZU SUFFIZIENZ
... Verhaltensänderungen durch Motivation und Auf-
zeigen von Konsequenzen: Das können direkt sicht-
bare Veränderungen sein, die von Besucher*innen
dokumentiert und in die KARN-Medien eingegeben
werden (z.B. Fotos auf Facebook) oder komplexere
Zusammenhänge, die das Redaktionsteam oder die
Studierenden einpflegen.
... direkte Verhaltensänderungen durch Aufzeigen
von Alternativen im Rahmen der KARN-Informati-
onen zu Müll, Naturschutz, Einkaufsverhalten und
dem Umgang miteinander.
... Verhaltensänderungen und Wertewandel hin zu
einer nachhaltigen Entwicklung, indem ein Ver-
ständnis für globale Zusammenhänge anhand lo-
kaler Bezüge vermittelt wird: z.B. Klima, Wetter und
Hochwasser; Ressourcen und Geologie; Flüchtlinge
und Wohnsitzlose und globale Krisen; Wirtschaft
und Energie; Stadtentwicklung; Natur und Grünflä-
chen uvm.
... Veränderungen des Konsumverhaltens im Be-
reich der Mobilität, da die Leute zum Bewandern
des Pfads und weiterer Routen (Panoramaweg,
Lehrpfade) motiviert werden.
AUFBAU UND INHALT
Akteur*innen der Hochschule und der Lokalen
Agenda 21 (Projektgruppe BNE / Grüner Aal) sam-
meln Ideen. Daraus entstehen Themen für studenti-
sche Projekte, die von den Projektteams in Ziele und
konkrete Aktionen umgesetzt werden.
18
Die Schwerpunkte der studentischen Projekte vari-
ieren jedes Semester. Beispiele für Projektschwer-
punkte sind:
inhaltliche Themen wie z.B. Ressourcen, Wasser
und Politik
Themen über den Pfad wie z.B. Barrierefreiheit
und Erlebnisorientierung
technische Themen wie z.B. GPS und QRC
räumliche Themen wie z.B. Innenstadt, Quartier,
Bachabschnitt und Biotop
aktionsorientierte Themen wie z.B. KARN-Wan-
derung, Umfrage und Schilder
ERGEBNISSE
Der KARN-Weg existiert vor allem als virtueller
Pfad im Rahmen einer Facebook-Seite. Diese hat
inzwischen über 220 Likes bzw. Follower. Über zehn
Teams führten die Seite weiter. Bei engagierten
Teams fungierten die Projektleiter*innen gleich-
zeitig als Administrator*innen. Diese Teams haben
auch den Pfad weiterentwickelt und spezielle The-
men (Ökologie, Wasserkraft, Unternehmen in der
Aalener Geschichte, Nutzungskonflikte etc.) vertieft.
Weitere Gruppen haben Erweiterungen aus dem
Rechteck Rombach-Aal-Kocher heraus in Rich-
tung des Ursprungs des Kochers vorgenommen.
Außerdem wurden weitere Gewässer und lineare
Strukturen (historische Bahntrasse) betrachtet.
Es gab Gruppen, die den Schritt vom Virtuellen
zum Reellen gemacht haben. Circa 60 Studierende
beteiligten sich bislang direkt am Projekt, ungefähr
800 wurden durch Semesterpräsentationen oder
kooperative Projekte erreicht.
Der KARN-Weg sensibilisiert und stellt Bezüge zur
Lebensrealität der Bürger*innen her. Dadurch wan-
delt sich z.B. das Konsum- und Tourismusverhalten.
Der Pfad vermittelt direkt auf der Strecke und durch
Fotos Ansätze des Gelingens. Der Weg soll weiter-
hin eine touristische Bereicherung sein sowie zur
Naherholung einladen. Letztlich dient er auch der
Vernetzung der beteiligten Schulen und Bildungs-
träger. Die Schulen sind dabei direkte Anlieger des
KARN-Wegs, Beteiligte an Biotopen oder anderen
Objekten, Beitragende zur Weiterentwicklung, zur
Integration von KARN in den Grünen Aal oder allge-
mein zur Bildung für nachhaltige Entwicklung.
VERSTETIGUNG
Durch die Projektmethoden PPM (Prepared Project
Method) und ESPRESSO (Sustainability Projects)
sind die studentischen Projekte fest in die Lehre
der Hochschule integriert. KARN sowie die Themen
Regionalität und Suffizienz spielen im Rahmen des
Projektportfolios in jedem Semester eine Rolle.
Das lokale Bildungsnetzwerk Nachhaltigkeit
Ostwürttemberg (BN²OW) wurde durch die United
Nations University zur Bildung für eine nachhaltige
Entwicklung als Regionales Kompetenzzentrum an-
erkannt. Das ermöglicht, den Pfad und das Konzept
auf die Region Ostwürttemberg zu erweitern (Rems,
Jagst, Brenz).
Die Lokale Agenda 21 trägt mit den Projektgruppen
Grüner Aal und Weststadt zur Entwicklung von
KARN bei. Einige der beteiligten Schulen der erstge-
nannten Projektgruppe liegen am KARN-Weg und
integrieren u.a. diesen in ihr Lehrkonzept.
STUDENTISCHE PARTIZIPATION
In fast jedem Semester sind Studierende über
lehrveranstaltungsbegleitende Projekte eingebun-
den (siehe oben). Die Teams bekommen eine grobe
Aufgabe und können Inhalt, thematische Schwer-
punkte und operative Ziele selbst bestimmen. Die
studentischen Projekte haben zum Konzept, zu
einzelnen Punkten und zur Facebook-Seite (als Ad-
ministrator*innen / Redakteur*innen) einen Beitrag
geleistet.
Neben den Studierenden sollen auch Schüler*innen
über studentische Projekte in das Projekt KARN
eingebunden werden.
UMSETZUNG
2010: Konzeption virtueller Pfad
2012: Einbindung der Schulen im Grünen Aal
2013: Start Facebook-Seite, kontinuierlicher
Aufbau
2014: Anerkennung als Beitrag zu UN-Dekade
BNE
2016: Ausbau der virtuellen Pfade auf Facebook
2018: Durchführung Befragung – Teilnehmer*in-
nen wünschen sich auch eine physische Präsenz
2019: Konzeption Beschilderung für 2020 (Verzö-
gerung durch Corona)
2021: große Tafel und QRC-Schild an der Hoch-
schule
2022: Hinweistafeln an markanten Punkten,
QRC-Codes an allen Stellen
ERFOLGS FAKTOREN
Methoden PPM und ESPRESSO
Kooperation mit den Agenda-Gruppen Weststadt
und Grüner Aal
Kooperation mit Schulen, Stadtverwaltung und
Museen
HERAUS FORDERUNGEN
Herausfordernd waren die Prozesse bei der Stadt
und die Zuständigkeiten bei der Aufstellung von
Informationstafeln im öffentlichen Raum.
Solange der KARN-Weg rein virtuell bleibt, müssen
keine rechtlichen Schritte berücksichtigt werden.
Zu beachten ist natürlich, dass Besucher*innen
nicht in riskante oder gesperrte Gebiete geleitet wer-
19
den dürfen. Sollen Schilder oder andere Objekte
aufgestellt werden, sind Abstimmung mit Ämtern
und Behörden notwendig.
ÜBERTRAGBARKEIT
Der Ansatz ist grundsätzlich auf alle Hochschulty-
pen übertragbar. Einige Hochschulen, insbeson-
dere Hochschulen mit Lehramtsausbildungen
(z.B. PH Heidelberg), beschäftigen sich bereits mit
dem Thema mobile Bildung. Sie könnten solche
Pfade gut nutzen. Weitere mögliche Anknüpfungs-
punkte für alle Hochschultypen sind folgende Stu-
diengänge bzw. Fächer: nachhaltige Entwicklung,
Pädagogik, Tourismus, Mobilität, Internet der
Dinge, Geodäsie, Geographie mit Spezialgebieten,
Projektmanagement.
Das Konzept eines überwiegend virtuellen
BNE-Lehrpfades ist ebenfalls für andere außer-
schulische Lernorte und touristische Locations
anwendbar.
EINBLICKE
Die studentischen Teilnehmer*innen der ein-
zelnen Projekte sowie die Partner*innen bei der
Stadt haben durchweg positive Rückmeldungen
gegeben.
Die Deutsche UNESCO-Kommission hat den » Vir-
tuellen Nachhaltigkeitsweg Kocher-Aal-Rombach
– KARN « als Beitrag im Rahmen der UN-Dekade
BNE ausgezeichnet.
ZUKUNFTSIDEEN
Projekt publik machen und Nutzung erhöhen:
u.a. Aufnahme in touristische Informatio-
nen; gezielte KARN-Events (Wanderungen,
Flashmobs); Führungen auf dem KARN-Weg;
Integration in das beantragte Reallabor KliBS
(Klima-Bildungs-Stadt Aalen)
Verstetigung: u.a. Verstetigung der Projekte
und Projektmethode an der Hochschule; Ge-
winnung von Studierenden und Agenda-Akti-
ven über längere Zeiträume
Ausbau des Weges: Tafeln (physische Tafeln,
QR-Codes); Fernrohre (Lenkung des Blicks auf
bestimmte Punkte); GPS-Empfänger und Quiz
Vernetzung: verstärkte Einbindung von Schu-
len und des Umweltmanagementsystems Grü-
ner Aal; Nutzung des Netzwerks RCE Ostwürt-
temberg u.a. zur Erweiterung des Konzepts
über die Stadtgrenzen hinaus
räumliche Erweiterung: u.a. Integration und
Reaktivierung des geologischen Pfades, insbe-
sondere zu Themen wie Ressourcen, Energie
und Wasser sowie Evolution
Entschleunigung
Mein bewegendster Moment:
… wenn ich am Ende eines Semesters bei den Prä-
sentationen der studentischen Projekte feststelle,
dass die Studierenden nicht nur tolle Ideen haben,
sondern durch das Projekt auch selbst zum Nach-
denken und zu Verhaltensänderungen angeregt
wurden.
Nachhaltigkeit ist für mich ein
Herzensthema, weil …
… wir eine Verantwortung gegenüber zukünftigen
Generationen haben. Ich möchte durch vorle-
sungsbegleitende Projekte an der Hochschule
Aalen, die Arbeit in der Lokalen Agenda 21 und die
Integration von Stadt und Hochschule im Realla-
bor Aalen dazu beitragen, dass wir für und mit der
Stadt Aalen eine nachhaltige Zukunft gestalten.
Außerdem wünsche ich mir, dass wir zu einer
globalen Zukunftsfähigkeit beitragen.
Mein Tipp für alle, die ein Nach-
haltigkeitsprojekt starten wollen:
Macht Nachhaltigkeit erlebbar und erfahrbar! Das
Konzept Nachhaltigkeit ist nicht nur komplex. Es
ist durch die Verwendung in der Politik beliebig
und abgenutzt. Die Menschen müssen Nachhal-
tigkeit mit Bezug auf die eigene Lebensrealität
erfahren und positiv belegen.
Meine Vision einer nachhaltigen
Hochschule 2050:
Die nachhaltige Hochschule 2050 hat BNE in ihr
Leitbild integriert und lebt dieses. Sie hat BNE und
sozial-ökologische Themen in alle Studiengänge
und Forschungsbereiche integriert. Die Hoch-
schule der Zukunft trägt durch Forschung und
Transfer zu einer nachhaltigen Entwicklung bei.
Im Sinne des Whole Institution Approach ist sie
Vorbild für Umwelt- und Klimaschutz, soziale und
wirtschaftliche Verantwortung sowie Governance.
MEHR ERFAHREN
Facebook: www.facebook.com/KARN.Aalen
Holzbaur, Bühr, Theiss (2013): Regionale Stakehol-
derkooperation einer Hochschule zur Umsetzung
der Nachhaltigen Entwicklung in Projekten. Um-
welt Wirtschaft Forum 21. S. 179-186.
Holzbaur; Daniel (2014): Reallabor Aalen – Be-
standsaufnahme der Bildung und Forschung für
nachhaltige Entwicklung in Zusammenarbeit von
Stadt und Hochschule.
Holzbaur; Bühr; Dorrer; Kropp; Walter-Barthle;
Wenzel (2017): Die Projekt-Methode.
20
Bisherige Erfolge:
abgeschlossener Bau der Jurte
laufendes Programm seit Oktober 2019
Besteht seit:
Oktober 2019
Hochschule &
Kooperationspartner*innen:
Hochschule für nachhaltige Entwicklung
Eberswalde
Kontaktdaten für Interessierte:
silencespace@hnee.de
Hochschulbereich
Lehre
Forschung
Betrieb
Governance
Transfer
Initiiert von
Studierenden
Lehrenden / Forschenden
Verwaltungsmitarbeitenden
Hochschulleitung
Der Silence Space ist ein Ort der Stille in Gestalt einer Jurte
an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde.
An diesem Ort stehen Ruhe, Entschleunigung, Achtsamkeit
und Selbsterfahrung im Vordergrund.
Silence Space
Entschleunigung
21
KONTEXT
Die Jurte (Silence Space) ist ein technik- und kon-
sumfreier Raum für Entschleunigung und Kreati-
vität, um soziale Resilienz zu fördern. Außerdem
wird die Jurte als Raum für Workshops und Kurse zu
Achtsamkeit, Bewusstseinsförderung und anderen
Themen rund um eine sozial-ökologische Transfor-
mation genutzt.
In einer beschleunigten und wachstumsorientierten
Welt ermöglicht der Silence Space einen Ort der
Stille, des erfahrungsbasierten Lernens, der Reflexi-
on und des Austauschs an einem öffentlichen Ort.
Eine Transformation auf der inneren und damit
einhergehend äußeren Ebene wird unterstützt.
Denn wie sollen wir Change Agents werden und
kreative Lösungen im Umgang mit den Herausfor-
derungen unserer Zeit finden, wenn wir uns ledig-
lich zwischen Terminen, Leistungserbringung und
To-do-Listen bewegen? Wann können wir uns selbst
reflektieren, uns unserer Handlungen und ihrer
Konsequenzen bewusst werden? In Stille und Nichts
identifizieren wir eine Wiege der Kreativität und des
Bewusstseins: reflexive Qualitäten, die im digitalen
Zeitalter häufig untergehen.
In unserem Nachhaltigkeitsverständnis verfolgt
der Silence Space einen relationalen Ansatz: Alles
steht in Beziehung zueinander. Es ist wichtig, alle
Bereiche der Nachhaltigkeit in den Diskurs einzu-
beziehen. Nachhaltigkeit kann nicht nur in Zahlen
und Daten ausgedrückt werden. Vielmehr geht es
um eine Haltung. (Geistiges) Wohlbefinden und
Suffizienz können nicht gemessen werden und sind
doch ausschlaggebend für ein intrinsisch motivier-
tes nachhaltiges Leben. Die Beziehungsebene zu
uns selbst spiegelt die Beziehungsebene zum Ande-
ren. Eine Transformation hin zu einer nachhaltige-
ren Gesellschaft muss die soziale und individuelle
Dimension berücksichtigen, da innere Veränderun-
gen und äußere Veränderungen in Wechselwirkung
zueinanderstehen.
Die Umstände, unter denen die Idee des Silence
Space geboren werden konnte, hat Prof. Dr. Heike
Walk ermöglicht. Sie kam im Wintersemester 2017
in unseren Masterstudiengang » Global Change Ma-
nagement « und hat das Seminar » Transformation
Pioneers « vorgestellt. In diesem Seminar konnten
wir keine Leistungspunkte erwerben, aber uns bot
sich die Gelegenheit, ein Projekt zu entwickeln,
das Bildung und Nachhaltigkeit an der Hochschule
für nachhaltige Entwicklung Eberswalde (HNEE)
bereichert.
Uns war es ein Bedürfnis, Achtsamkeit, dem
inneren Wandel und Körperwahrnehmung im
Nachhaltigkeitskontext einen Raum zu geben. Der
Begriff der Transformation ist omnipräsent, aber
für uns war das Potential der Selbsttransformation
im Diskurs unterrepräsentiert. Im Kern geht es um
das Kultivieren einer Geisteshaltung, die Nachhal-
tigkeit nicht bloß als dehnbares und damit häufig
entwertetes Konzept versteht, sondern reflektiertes
nachhaltiges Handeln fördert. Unsere These stand
von Anfang an fest: Der innere Wandel braucht
mehr Beachtung, um auch den äußeren Wandel
besonnen gestalten zu können – dafür braucht es
Zeit und Raum.
Wir machten uns auf die Suche nach einem Raum
an der Hochschule, der Stille und das dazugehörige
Konzept zulässt. Wir wurden an der kleinen Hoch-
schule mit ihrem begrenzten Raum nicht fündig
und so kam es zur Idee des Jurtenbaus. Die Umset-
zung gelang im Rahmen eines Studierendenpro-
jekts der Projektwerkstatt Commons, die selbstorga-
nisierte Studierendenprojekte ermöglichte, die sich
mit der gemeinschaftlichen Nutzung von Gemein-
gütern beschäftigen. Die Projektwerkstatt wird
als Modul an der HNEE angeboten und kann von
Studierenden vieler Studiengänge als Wahlpflicht-
oder Zusatzmodul belegt werden. Daraus sind
beispielsweise der Schenke-Schrank am Stadtcam-
pus und weitere inspirierende Suffizienz-Projekte
hervorgegangen. Dort führte uns Angelika Barral
in die Technik des Jurtenbaus ein und wir setzten
anschließend das Gelernte binnen einer dreimona-
tigen Bauphase mit ca. 15 aktiven Menschen selbst
in der Praxis um.
Doch zuvor galt es, Meinungen von Hochschul-
mitgliedern der HNEE zur Idee einzuholen. Dafür
haben wir Unterschriften gesammelt. Wir bekamen
sehr viel positive Rückmeldungen und 250 Unter-
schriften von Lehrenden und Studierenden. Danach
standen die Verhandlungen mit der Hochschul-
leitung an. Es gelang uns, Fördergelder für den
Silence Space einzuwerben. Zu erwähnen ist zudem,
dass die Hochschulkommunikation von Anfang an
den Prozess unterstützt hat, da sie stetig über uns
berichtete. Der Gewinn des Engagement-Preises der
Hochschule im Februar 2019 verschaffte uns weiter
Rückenwind.
ZIELE
Der Silence Space gibt der Stille und Reflexion
im Studienalltag einen Raum. Dieser Ort schärft
das Bewusstsein, dass Veränderung in uns selbst
beginnen kann.
Selbstwirksamkeit und Selbstermächtigung
sollen gestärkt werden. Diese Eigenschaften
sind wesentlich für eine nachhaltige sozial-öko-
logische Transformation. Die Vision ist es, den
Nachhaltigkeitsdiskurs durch die Dimension des
Selbst zu bereichern.
BEZUG ZU SUFFIZIENZ
Die Jurte ist ein öffentlicher Raum, der allen
Hochschulmitgliedern die Möglichkeit bietet,
das Erlebte und Gelernte kritisch zu reflektieren.
22
Dadurch entstehen neue Erkenntnisse und kreative
Ideen. Als konsum- und technikfreier Ort wird das
Bewusstsein für unsere Verhaltensmuster geschärft
und kann so nachhaltig verändert werden. Mit den
Veranstaltungsangeboten werden den Teilnehmen-
den Tools und Methoden wie Tiefenökologie, Ge-
waltfreie Kommunikation, Meditation, Achtsamkeit
und Atemtechniken für einen bewussteren Umgang
mit sich selbst und anderen vermittelt. Geplant sind
außerdem Reflexionskreise zum Thema Stille im
alltäglichen Leben und dem damit verbundenen
transformativen Potential.
AUFBAU UND INHALT
Die Silence Space AG besteht aus den folgenden
Untergruppen:
Bau- und Gestaltung
Kommunikation
Programmkoordination
Wir treffen uns regelmäßig im Plenum, um die
aktuellen Vorgänge zu besprechen und uns auszu-
tauschen. So haben wir in kürzester Zeit mit vielen
Hochschulmitgliedern, die sich einbringen wollten,
ein vielfältiges Programm auf die Beine gestellt.
Hier organisieren wir auch die Instandhaltung und
Optimierung der Jurte – etwa durch das Anbringen
von Spinden und die Installation einer Infrarot-Hei-
zung für die kalten Monate. Um solche Ausgaben zu
finanzieren, fließen 10 % der Spendeneinnahmen
der Workshops in die AG-Kasse.
Zeitliche Nutzung des Silence Space: 6:00 bis 9:30
Uhr und 17:30 bis 20:00 Uhr stehen als Zeitfenster
für Workshops, Schulungen und Gesprächskreise
zu Körperarbeit, Meditation und der sozial-ökologi-
schen Transformation bereit. In den Zwischenzei-
ten ist der Silence Space ohne Programm ein Ort der
Stille. Ein monatlicher Newsletter und ein Stunden-
plan in der Jurte informieren über das Programm.
ERGEBNISSE
Die Jurte ist seit Oktober 2019 für alle Hochschul-
mitglieder frei zugänglich und nutzbar. Da wir
die eingebauten Infrarot-Heizungen so wenig wie
möglich nutzen wollen, dient der Silence Space wäh-
rend der Wintermonate hauptsächlich als Raum für
Workshops und Veranstaltungen. Derzeit werden
ca. zehn Veranstaltungen pro Woche (darunter
Yoga-Kurse, geführte Meditationen, eine Übungs-
gruppe zur Gewaltfreien Kommunikation und ein
Thai-Massage-Kurs) mit einer variablen Anzahl an
Teilnehmenden (ca. 5-15) angeboten.
VERSTETIGUNG
Der Silence Space wird zunehmend für anderweitige
Veranstaltungen genutzt: etwa von den Projektwerk-
stätten an der Hochschule, dem Career Service, dem
Gründungszentrum der HNEE und vom netzwerk n
für eine Konferenz. Dadurch wird die Jurte immer
stärker in die Struktur der Hochschule integriert.
STUDENTISCHE PARTIZIPATION
Die Jurte wird von einer Gruppe von Studierenden
(Silence Space AG) basisdemokratisch selbst ver-
waltet. Die Arbeitsgruppe ist in drei Untergruppen
unterteilt und trifft sich in der Regel einmal pro Mo-
nat. Derzeit sind etwa 15 Mitglieder in der AG aktiv.
UMSETZUNG
Wintersemester 2017 / 18: Ideenfindung im
Rahmen eines Wahlmoduls » Transformation
Pioneers « bei Prof. Dr. Heike Walk
Wintersemester 2018 / 19: Unterschriftensamm-
lung an der HNEE, Verhandlung mit der Hoch-
schulleitung, Einwerbung von Fördergeldern
Februar 2019: Ehrung durch den Agenda-Preis
für studentische Projekte der HNEE
April bis Juni 2019: Bau der Jurte mit der Projekt-
werkstatt Commons mit 15 aktiven Helfer*innen
September 2019: Eröffnungsfeier Silence Space
Oktober 2019: Gründung der Silence Space AG
und Inbetriebnahme des Silence Space
ERFOLGS FAKTOREN
Das Projekt wurde von Anfang an von Prof. Dr. Heike
Walk unterstützt, die seit 2019 das Amt der Vize-
präsidentin der HNEE innehat. Sie ermöglichte Ge-
spräche mit dem Präsidenten und der Kanzlerin, die
nach Abstimmung des Konzepts ihre Einwilligung
gaben. Das hat zunächst zu einer Förderung von
6.000 Euro geführt. Nachträglich kamen noch 1.000
Euro vom Fachbereich Wald und Umwelt und 300
Euro vom AStA dazu. Auch die Hochschulkommu-
nikation war sehr hilfreich, da unsere Projektidee
und Fortschritte regelmäßig über Hochschulkanäle
verbreitet wurden.
Die größte Hürde waren die rechtlichen Fragen der
Nutzungsvereinbarung. Mithilfe von ca. 20 Studie-
renden der Projektwerkstatt Commons, mit drei
Hauptverantwortlichen und einer professionellen
Jurten-Bauerin konnte der Silence Space binnen
drei Monaten errichtet werden. Das Projekt wird
häufig von verschiedensten Akteur*innen als Vorzei-
ge- und Pionierprojekt der Hochschule genannt.
HERAUS FORDERUNGEN
Für uns stellt es sich als Herausforderung dar, ein
Gefühl der Identifikation der Hochschulmitglieder
mit dem Silence Space zu kreieren, sodass die Jurte
als Ort der Stille angenommen und genutzt wird.
Da der große Wunsch besteht, den Silence Space
in studentischer Hand zu belassen, ist es ebenso
23
herausfordernd, Studierende zu motivieren, sich
langfristig für das Projekt zu engagieren. Denn
die Jurte muss regelmäßig gewartet werden und
braucht sehr viel Pflege, was uns anfangs nicht
bewusst war. Aktuell können wir den Silence Space
bedingt durch die Einschränkung der Corona-Pan-
demie leider nicht nutzen.
ÜBERTRAGBARKEIT
Für die Umsetzung eines Silence Space an ei-
ner Hochschule benötigt es nur sehr begrenzte
Ressourcen (z.B. einen ungenutzten, isolierten
Raum). Da wir in unserem Fall eine Jurte als
Silence Space nutzen, bringt dies weitere Hürden
mit sich (siehe oben). Dazu zählen die Absprachen
für eine Nutzungsvereinbarung mit der Hoch-
schule und die Beheizung der Jurte während der
kalten Monate. Da dies so nachhaltig wie möglich
umgesetzt werden soll, ist die Aufstellung von
Solarzellen der Barnimer Energiegenossenschaft
neben der Jurte in Planung, um den Strom zu
kompensieren.
EINBLICKE
Von den Workshop-Gebenden haben wir stets sehr
positives Feedback erhalten. Die Jurte wird als
sehr angenehmer, ruhiger und entschleunigender
Ort wahrgenommen. Allerdings war es für einige
Veranstalter*innen nicht ganz leicht, die Work-
shops direkt mit Teilnehmer*innen zu füllen.
ZUKUNFTSIDEEN
Wir sind auf jeden Fall bestrebt, andere Hoch-
schulen, Bildungseinrichtungen und Unterneh-
men dazu zu inspirieren, soziale Nachhaltigkeit
stärker mitzudenken. Insbesondere Hochschulen
sollten sich ihrer Leuchtturmfunktion im Hin-
blick auf Nachhaltigkeit und Achtsamkeit bewusst
werden.
Die Silence Space AG kümmert sich bisher um
das Weiterbestehen der Jurte. Darüber hinaus
ist eine Kerngruppe von fünf Menschen als » Die
Schleiereulen « bestrebt, das Projekt nach außen
zu kommunizieren. Es bestand bereits Austausch
mit dem netzwerk n (Bewerbung im Wandercoa-
ching-Programm), der Universität Potsdam und
der FH München. In Bezug auf Unternehmen
haben wir letztes Jahr beim » Leadership Festival
2019 « in Berlin einen Beitrag geleistet. Wir kön-
nen uns gut vorstellen, dass Silence Space-Projekt
voranzubringen und uns zu vernetzen, etwa mit
dem Projekt » Achtsame Hochschulen «.
Entschleunigung
Mein bewegendster Moment:
Es gab einige! Einer davon war beim ersten Aufbau
der Jurte. Einer unserer Dozierenden kam mit
dem Fahrrad an den Waldcampus, sah die Jurte,
hielt abrupt an, warf sein Fahrrad zur Seite und
rief überwältigt: » Potzblitz! « Ein anderer Mo-
ment war, als wir uns an einem langen Bautag bei
strömenden Regen und Kälte alle unter eine Plane
retteten. In Anbetracht dieser Herausforderung
begannen wir zu tanzen und singen.
Nachhaltigkeit ist für mich ein
Herzensthema, weil …
... wir nur auf diese Weise nachhaltig sein können.
Um eine harmonische Existenz auf diesem Pla-
neten erreichen zu können, muss Nachhaltigkeit
im Herzen verankert sein, statt lediglich in Zahlen
und Berichten. Dadurch wird Nachhaltigkeit eher
zu einer Haltung und einem Verhältnis zur Welt,
statt etwas, was wir ausgleichen und kontrollieren
können.
Mein Tipp für alle, die ein Nach-
haltigkeitsprojekt starten wollen:
Gebt Stille ein zu Hause! Am Besten im Kollektiv!
Partizipation und Co-Kreation haben sich als die
wertvollsten Elemente dieses Projekts erwiesen.
Meine Vision einer nachhaltigen
Hochschule 2050:
Im Jahr 2050 gehört Nachhaltigkeit zum Grund-
verständnis von (Hoch-)Schulen. Achtsamkeit
ist hier ein Schlüsselelement, allerdings ohne
aufgezwungen zu werden. Vielmehr werden
Seminare und Kurse angeboten, die einen subjek-
tiven Zugang ermöglichen, Achtsamkeit selbst zu
entdecken. Klimawandel-Fakten können sensible
Mitarbeiter*innen und Studierende überfordern:
Hochschulen können und müssen dieses Gefühl
der Überforderung ernst nehmen.
MEHR ERFAHREN
Webseite allgemein über Silence Spaces: https://
Silencespace.net
Webseite Silence Space HNEE: https://hnee.de/
silencespace
Facebook: www.facebook.com/silencespace.net
Projektwerkstatt Commons: https://hnee.de/com-
mons
Videos Eröffnungsfeier Silence Space: https://my-
better.world/video/514
PM Agenda-Preis 2019: https://t1p.de/k04a
PM HNEE: https://t1p.de/gr8t
24
Bisherige Erfolge:
Partizipationsprozess
Umsetzung eines autoarmen Campus und
Verkehrsberuhigung
Seminare und eine Bachelorarbeit zur Lebens-
welt Campus
Besteht seit:
2017
Hochschule &
Kooperationspartner*innen:
Leuphana Universität Lüneburg
Kontaktdaten für Interessierte:
Irmhild Brüggen
irmhildbrueggen@leuphana.de
+49 (0)4131 677-1523
Hochschulbereich
Lehre
Forschung
Betrieb
Governance
Transfer
Initiiert von
Studierenden
Lehrenden / Forschenden
Verwaltungsmitarbeitenden
Hochschulleitung
Studierende und Beschäftigte verbringen viel Zeit auf dem
Campus. Wir wollen ihn so gestalten, dass sich alle wohl-
fühlen, mit anderen ins Gespräch kommen und sich bei ih-
ren Tätigkeiten unterstützen. Dafür haben wir den Campus
zunächst in einen verkehrsberuhigten Raum verwandelt. In
einem nächsten Schritt entsiegeln wir die Straßen, um einen
Campuspark mit allen und für alle zu gestalten.
Lebenswelt Campus
Entschleunigung
25
KONTEXT
Die Universität ist ein Ort, an dem Studierende
und Beschäftigte viel Zeit verbringen. Gemeinsam
gestalten und prägen sie diesen Ort als » Lebenswelt
Universität «. In den Jahren 2017 und 2018 entwi-
ckelten die Hochschulmitglieder diese Lebenswelt
weiter. Die Senatskommission Nachhaltigkeit
initiierte den Prozess und die Mitglieder der Kom-
mission beteiligten sich maßgeblich in verantwort-
licher Position an den Seminaren und Workshops.
Dazu entwickelten wir mit den Studierenden in den
transdisziplinären Projektseminaren » Nachhalti-
ger Konsum auf dem Campus « und » Nachhaltiges
Abfallmanagement « sowie in einem Workshop mit
Studierenden des Leuphana-Semesters (das erste
Semester im Bachelor für alle neuen Studierenden
an der Leuphana) über zwei Semester hinweg neue
Ideen für den Campus-Betrieb. Anfang 2018 wurden
diese Ideen im Fachforum » Lebenswelt Universität «
aufgegriffen und weiterbearbeitet. In vier Work-
shops zu den Themen » Räume der Begegnung «,
» Konsum «, » Ideen- und Gedankenförderung «
sowie » Gesundheit « brachten sich die Beschäftigten
und Studierenden ein und gestalteten die Weiter-
entwicklung der Lebenswelt Universität mit. Aus
diesem Prozess ist der neue Bereich Lebenswelt
Campus entstanden.
ZIELE
Wir wollen ein Konzept entwickeln, das die verschie-
denen Nutzungsanforderungen an den Campus wie
Repräsentativität, Biodiversität, Mobilität, Orte zum
Verweilen, Lehre, Lernen, Bewegung, Gestaltung,
Pflege, essbarer Campus und Barrierefreiheit einbe-
zieht. Insgesamt sollen so die Aufenthaltsqualität
und die Sicherheit auf dem Campus erhöht werden.
BEZUG ZU SUFFIZIENZ
Das Projekt Lebenswelt Campus hat reichlich An-
satzpunkte für Suffizienz:
Durch das Konzept shared space erfolgt eine
gemeinsame Nutzung des zur Verfügung stehen-
den Raums.
Der motorisierte Individualverkehr und damit
auch die Abgasbelastung werden deutlich redu-
ziert.
Mit dem essbaren Campus bauen wir Obst, Ge-
müse und Kräuter für alle an.
Mit der Einbindung vieler Themen wie z.B. der
Barrierefreiheit leistet das Projekt einen wichti-
gen Beitrag zur Achtsamkeit.
Insgesamt stehen der partizipative Prozess und der
langfristige Blick auf die Gestaltung des Campus
für grundsätzliche Aspekte, die eine nachhaltige
Entwicklung auszeichnen.
AUFBAU UND INHALT
Mit den Ergebnissen aus den Seminaren und Work-
shops der » Lebenswelt Universität « entstanden
Arbeitsgruppen, die sich aus verschiedenen inter-
nen Stakeholdern zusammensetzen und Ideen und
Konzepte für die nachhaltige Weiterentwicklung
des Campus entwickelten. Die Gruppen stimmten
und stimmen weiterhin die Konzepte aufeinander
ab. Die Koordination liegt bei der Nachhaltigkeits-
beauftragten, die mit den jeweiligen thematischen
Ansprechpartner*innen ebenso die Einbindung von
Gremien und des angrenzenden Stadtteils sowie die
Kooperation mit der Stadt Lüneburg begleitet.
Thematische Arbeitsgruppen und deren Mitglieder:
Biodiversität: Institut für Ökologie, Studierende
und Gebäudemanagement
Barrierefreiheit: Vertrauensperson der Schwer-
behinderten, Gleichstellungsbüro und Gebäude-
management
Verkehr: Institut für Stadt- und Kulturraumfor-
schung, Studierende und Gebäudemanagement
Bewegung: Allgemeiner Hochschulsport und
Studierende
Lernorte: Allgemeiner Studierendenausschuss
(AStA), Dachverband der studentischen Initiati-
ven (DSi), weitere Studierende und Ombudsper-
son Studierende
ERGEBNISSE
Verkehrsberuhigter Campus: Das Konzept des
verkehrsberuhigten Campus (gemäß StVO-Zeichen
325) führten wir am 1. Oktober 2019 ein. Es besagt,
dass alle Verkehrsteilnehmer*innen gleichberech-
tigt die Straßen nutzen dürfen und eine Schritt-
geschwindigkeit von 7 km/h vorgeschrieben ist.
Gleichzeitig führten wir das Sektorensystem ein,
mit dem wir den Campus in einen Ost- und West-
teil aufteilen. Ein Übergang zwischen den Teilen
ist mit dem motorisierten Individualverkehr nicht
möglich. Zudem verkomplizierten wir die Wegfüh-
rung auf dem Campus. Statt direkt ein Gebäude zu
erreichen, muss man sein Ziel umwegig von außen
anfahren. Dies zielt darauf ab, dass die Autos bereits
auf den dabei zu querenden, außen liegenden
Parkplätzen abgestellt werden. Der Hintergrund
ist, dass die Universität eine bestimmte Anzahl von
Parkplätzen ausweisen muss, die nicht über die vier
größeren Stellplatzanlagen abgedeckt sind. Daher
sind wir verpflichtet, weitere Parkmöglichkeiten im
Inneren des Campus an den Gebäuden auszuwei-
sen. Die Erreichbarkeit dieser sogenannten Straßen-
randparkplätze soll aber erschwert und ihre Attrak-
tivität dadurch gemindert werden. Damit rückt ein
autoarmer Campus in Reichweite. Die nachhaltige
Mobilität ist die Voraussetzung für einen erholsa-
men Ort.
Eine Studentin untersuchte von Mai bis November
2019 in ihrer Bachelorarbeit die Wirkung dieser
26
Maßnahmen. Auf dem Campus sind durch die Ver-
kehrsberuhigung und das Sektorensystem bereits
Entlastungseffekte vom Autoverkehr nachweisbar.
So konnte sie evaluieren, dass die vier Außenpark-
plätze nach der Einführung der Maßnahmen ca.
90 % stärker belegt sind. Dementsprechend redu-
zierte sich die Anzahl der Straßenrandparker*in-
nen.
Lernorte: Outdoor-Lernorte fördern Aufmerk-
samkeit und freies Denken, da aus bekannten
Lern-Strukturen und klassischen Lernort-Begeben-
heiten ausgebrochen wird. Die Studierenden haben
ein Konzept für zwei Lernorte auf dem Campus
entwickelt, die nun umgesetzt werden: Zum ei-
nen ist dies ein ruhiger Lernort für Personen, die
sich bewusst in geräuscharmer Atmosphäre ihren
Lern-Vorhaben individuell widmen möchten. Zum
anderen ist dies ein belebter Lernort, der auch für
den Austausch in Gruppen nutzbar ist. Das Kon-
zept beinhaltet detaillierte Ziele für beide Lernorte,
Organisation, Mobiliar, Entsiegelung, Material,
technische Ausstattung, Erreichbarkeit usw.
Biodiversität: Es erfolgt eine Erhöhung der Bio-
diversität unter Einbeziehung der verschiedenen
Nutzungsanforderungen an den Campus inklusi-
ve einer Verbesserung des Mikroklimas in Zeiten
des Klimawandels. Dazu gehören u.a. die Themen
Entwicklung von Flächen, Entsiegelung, essbarer
Campus, heimische Arten und Monitoring.
Naturnahe Bepflanzung: Die Mitglieder der AG
Biodiversität haben im Herbst 2018 Flächen mit hei-
mischen Wildarten bepflanzt. Neuanpflanzungen
erfolgen nur noch mit heimischen Wildarten.
Krokusse: Frühblüher dienen im zeitigen Frühjahr
ab Februar den Bienen und anderen Insekten als
erste wichtige Nahrungsquelle. Gerade völkerbil-
dende Arten wie Honigbienen und Hummeln sind
auf Frühblüher wie Krokusse angewiesen. Nektar
und Pollen sorgen für den Aufbau und die Stabili-
sierung der Völker in einer schweren Zeit. Alle 1.500
Erstsemester*innen haben im Oktober 2019 im
Rahmen ihrer Startwoche Krokusse gepflanzt.
Seminare: Weitere Seminare sind geplant, die befor-
schen sollen, wie die Artenvielfalt auf dem Campus
weiter erhöht und nachhaltig entwickelt werden
kann.
Bewegungsangebote: Der Hochschulsport entwi-
ckelte ein umfangreiches Konzept für Nachhaltig-
keit. Darin enthalten sind niedrigschwellige Bewe-
gungsangebote, die wir auf dem Campus umsetzen
und die der Hochschulsport institutionalisiert.
Dazu gehören z.B. Tischtennisplatten, Slacklines,
Schaukeln und spezielle Bewegungsinseln. Über-
dies schildert das Studio 21 des Hochschulsports
Lauf- und Walkingstrecken auf dem Campus und
im nahe gelegenen Wald aus. Auch Lüneburger*in-
nen können die Pfade nutzen. Zudem soll es ein
Angebot an Wasserzapfstellen geben, die auch bei
Veranstaltungen genutzt werden können.
Barrierefreiheit: Wir haben noch bestehende Barri-
eren identifiziert und viele bereits beseitigt. Das ist
ein kontinuierlicher Prozess.
Wir erstellen einen umfangreichen Plan für den
Campus, der langfristig alle Themen integriert.
Dieser Plan hat zum Ziel, den Campus in einen Park
zu verwandeln und z.B. alle Straßen zu entsiegeln,
Wege neu zu denken und Räume für ein Miteinan-
der zu schaffen. Lebenswelt Campus ist ein parti-
zipativer Prozess, der langfristig angelegt ist und
das Bewusstsein der Hochschulmitglieder und der
Besucher*innen auf dem Campus im Sinne der Bil-
dung für nachhaltige Entwicklung fördert.
Mit dem Projekt ist es gelungen, umfassende Auf-
wertungsmaßnahmen für den Campus umzusetzen,
in dem sich Mitarbeiter*innen und Studierende
einen großen Teil ihrer Zeit aufhalten. Gerade die
Gesamtsicht zeigt, dass letztlich alles miteinander
verzahnt ist. Verkehrsräume von parkenden Autos
zu befreien, bleibt beispielsweise unbefriedigend,
wenn man nicht durch Begrünung, Blühpflanzen
und Sitzgelegenheiten neue und schöne Aufent-
haltsflächen gestaltet. Erst dieses Gesamtbild gene-
riert einen hohen Mehrwert für alle.
VERSTETIGUNG
Lebenswelt Campus hat sich aus dem Nachhaltig-
keitsleitbild der Leuphana Universität Lüneburg
entwickelt und ist vollständig in die Hochschul-
struktur eingebunden. Organisatorisch ist der neue
Bereich 2019 im Gebäudemanagement entstanden
und wird von zwei Beschäftigten koordiniert.
STUDENTISCHE PARTIZIPATION
Die Studierenden – wie auch alle weiteren Status-
gruppen – bringen sich in allen Themenfeldern ein
und sind zusätzlich über Seminare oder Bachelorar-
beiten in die nachhaltige Entwicklung der Lebens-
welt Campus eingebunden.
UMSETZUNG
seit dem Wintersemester 2017/18: 6 Seminare zu
verschiedenen Themen
Februar 2018: Tagung Lebenswelt Universität
Juni 2019: Informationsveranstaltung zu den
Ergebnissen
Oktober 2019: Umsetzung des verkehrsberuhig-
ten Bereichs und des Sektorensystems
Februar 2020: Ergebnis der Bachelorarbeit » Auf
dem Weg zu einem autoreduzierten Campus
– Problemanalyse und Handlungsoptionen un-
tersucht am Beispiel der Leuphana Universität
Lüneburg «
27
ERFOLGS FAKTOREN
Die Leuphana Universität Lüneburg versteht sich
als humanistische, nachhaltige und handlungso-
rientierte Universität und hat seit dem Jahr 2000
Leitlinien zur Nachhaltigkeit. Nachhaltigkeit
versteht und lebt die Leuphana als Querschnitts-
thema in allen Wirkungsfeldern der Universität:
Forschung, Bildung, Gesellschaft und Campus-Be-
trieb. Die Leuphana ist seit dem Jahr 2000 nach
dem Umweltmanagementsystem EMAS (Eco-Ma-
nagement and Audit Scheme) validiert. Damit
überprüft sie jährlich ihre Umweltauswirkungen
und setzt in einem jährlichen Umweltprogramm
Ziele und Maßnahmen fest. Insgesamt erfolgt eine
kontinuierliche Verbesserung der Umweltleistung.
An der Leuphana gibt es die Fakultät Nachhaltig-
keit und sechs Studienprogramme rund um das
Thema Nachhaltigkeit. Alle Bachelor-Studieren-
den befassen sich in ihrem ersten Semester an der
Hochschule mit Nachhaltigkeitsfragen. Zudem
agieren mehr als 80 studentische Initiativen auf
dem Campus.
Damit ist ein sehr guter Rahmen geschaffen, um
mit den Akteur*innen an der Universität neue
nachhaltige Ideen zu entwickeln und umzusetzen.
HERAUS FORDERUNGEN
Es gilt, möglichst viele Hochschulmitglieder
in das Projekt einzubeziehen. Das erfordert im
Vorfeld und während der Startphase viel Zeit. Der
Einsatz dieser Zeit ist sehr wichtig, damit alles
gut aufeinander abgestimmt ist und Anregungen,
Kritik und Sorgen ausreichend Gehör finden.
ÜBERTRAGBARKEIT
Eine Übertragbarkeit auf andere Hochschulen
ist sehr gut möglich, wobei die Hochschulen die
Themen und Schwerpunkte dezentral bestimmen
können. Voraussetzung für das umfassende Kon-
zept ist, dass die Hochschulleitung und weitere
Stakeholder wie AStA, Personalrat und Institute
das Vorhaben unterstützen und sich beteiligen.
EINBLICKE
» Die Zusammenarbeit mit den verschiedenen
Gruppen war generell gut. Es gab natürlich immer
unterschiedliche Meinungen bei Themen wie Bar-
rierefreiheit, sportliche Ansprüche, Wünsche der
Studierenden und natürlich auch Ökologie und ei-
genem ästhetischen Empfinden. Auf der anderen
Seite finde ich, dass wir bis jetzt einen sehr guten
Weg beschritten haben. Alle Stimmen zu hören,
war der erste Schritt. Im nächsten Schritt bedeutet
das, diese Infos zusammenzutragen, aufeinander
Entschleunigung
Mein bewegendster Moment:
... während der Infoveranstaltung: Alle Gruppen
stellten ihre Konzepte vor und sie stellten fest,
dass sie sich wertvoll ergänzen und gar keine Ziel-
konflikte haben. Alle waren und sind sehr moti-
viert und freuen sich auf die weitere Umsetzung.
Nachhaltigkeit ist für mich ein
Herzensthema, weil …
... wir nur durch einen ganzheitlichen Ansatz den
heutigen Herausforderungen begegnen können.
Mein Tipp für alle, die ein Nach-
haltigkeitsprojekt starten wollen:
Die Erfahrung hat gezeigt, dass es viele Menschen
an der Universität gibt, die Lust haben, an einer
neuen Entwicklung – auch neben ihrem eigent-
lichen Studium oder ihrer Arbeit – mitzuwirken.
Also würde ich im Vorfeld immer schauen, wer
könnte das Projekt mittragen und unterstützen.
Meine Vision einer nachhaltigen
Hochschule 2050:
In Bezug auf die Lebenswelt Campus ist meine
Vision, dass keine Autos mehr fahren, alle selbst-
verständlich im Sinne der Nachhaltigkeit handeln
und zahlreiche weitere neue kreative Ideen umge-
setzt sind.
abzustimmen und daraus ein Bild zu erstellen,
das so viele Stimmen wie möglich enthält. Mein
Eindruck war und ist, dass die Mehrheit der Hoch-
schulmitglieder sich sehr freut, dass bei diesem
Projekt etwas passiert und sie auch involviert sind.
Das überwiegt bei den meisten. « (Mitarbeiter im
Team Lebenswelt Campus)
» Die Stimmung der Erstsemester*innen, die die
Krokusse gepflanzt haben, war ausgelassen. Alle
hatten Lust mit anzupacken. Es war eine schöne
und sinnstiftende Abwechslung zum Unialltag. «
(Studentin)
» Ich finde, dass es auf dem Campus viel ruhiger
geworden ist. Ich habe viele Jahre darauf gewartet,
dass man sich bei einem Rundgang auf dem Cam-
pus entspannen kann. Und nicht als Fußgängerin
von den Autos verdrängt wird. Auch die Parkplat-
zangebote finde ich nach wie vor sehr komforta-
bel. Wer schon mal einen Arbeitsplatz direkt in
einer Innenstadt hatte, weiß diese kostenfreien
und nahen Parkplätze zu schätzen. « (Verwaltungs-
mitarbeiterin)
» Das Projekt Lebenswelt Campus war eine groß-
artige Möglichkeit, Wünsche von Studierenden
28
vor allem in die Entwicklung neuer Lernorte am
Lüneburger Campus einzubringen. Besonders gut
haben mir die unkomplizierten Treffen mit anderen
Studierenden gefallen, in denen in kürzester Zeit
Ideen zu idealen Lernorten zusammengetragen und
zunächst frei von Einschränkungen durch Verwal-
tungsauflagen angenommen wurden. Ich würde
mich am meisten freuen, wenn im weiteren Verlauf
Lernorte im Freien wirklich so gestaltet werden,
dass Natur erfahrbar bleibt. Insgesamt habe ich
das Gefühl, dass das Projekt in der Universität viel
Anklang findet und Veränderungen, z.B. durch das
neue Mobilitätskonzept, bereits sichtbar sind. «
(Studentin, Dachverband der Studierendeninitiati-
ven Leuphana)
» Die Verkehrsberuhigung war mit einem Wort:
problemarm. Am Anfang ergeben sich bei größeren
verkehrlichen Umgestaltungen – und unser Kon-
zept gehört in diese Kategorie – immer › Irrungen
und Wirrungen ‹, um es mit den Worten Fonta-
nes auszudrücken. Innerhalb kurzer Zeit haben
sich jedoch die Verkehrsregelungen etabliert und
werden akzeptiert. Die Gewöhnung der Verkehr-
steilnehmer*innen geht sehr viel schneller als der
Weg vom Aufkommen einer ideellen Vorstellung bis
zur Umsetzung. Ich schaue zurück: Den autoarmen
Campus hatten wir schon in einem Projektseminar
2007 intensiv thematisiert. Zwölf Jahre hat es gedau-
ert, bis das Konzept konkretisiert und (immerhin)
dann doch relativ schnell umgesetzt wurde. Ich
würde sagen: alles in allem relativ fix, denn meinen
Studierenden sage ich vielfach, dass es von der
wissenschaftlichen Erkenntnis bis zur praktischen
Umsetzung üblicherweise mindestens eine Genera-
tion dauert. « (Professor aus der AG Verkehr)
ZUKUNFTSIDEEN
Das Projekt Lebenswelt Campus lebt davon, dass
sich die Ideen weiterentwickeln und mit allen
Stakeholdern abgestimmt realisiert werden. So
sind wir gespannt und offen, was in den nächsten
Jahren noch kommt. Eine Idee ist, das Konzept
shared space über die Campusgrenzen hinaus in den
Stadtteil hinein wachsen zu lassen. Damit wäre eine
Verbindung zwischen Universität und dem angren-
zenden Stadtteil geschaffen sowie eine Kultur des
Miteinanders initiiert. Eine weitere Vision ist der
autofreie Campus. Dieser kann indes nur realisiert
werden, wenn auf dem Campus zwei Parkhäuser
gebaut werden, damit die Anzahl an Parkplätzen,
die die Universität ausweisen muss, auch vorliegen.
Eine noch schönere Vorstellung wäre es, wenn mög-
lichst viele oder auch alle Beschäftigte, Studierende
und Besucher*innen ein nachhaltiges Bewusstsein
ausprägen und nachhaltig zum Campus pendeln
würden: mit nachhaltigen Mobilitätsvarianten wie
Rädern, Pedelecs, E-Autos oder auch Fahrgemein-
schaften. Die Reaktivierung einer alten Bahnstecke
vom Bahnhof in die Nähe des Campus kann dieses
Vorhaben unterstützen.
MEHR ERFAHREN
Nachhaltigkeitsbericht 2020 der Leuphana Universi-
tät Lüneburg: S. 22 und S. 46
Magazin zum Nachhaltigkeitsbericht 2020: S. 22-25.
https://www.leuphana.de/universitaet/entwick-
lung/nachhaltigkeit/nachhaltigkeitsbericht.html
29
Entschleunigung
Radeln zum Campus
Europa-Universität Flensburg, Hochschule Flensburg
01.01.2017 – 30.06.2018
Durch das Projekt werden die infrastrukturellen Bedingungen für
Radfahrende deutlich verbessert, womit diese suffizientere Mobilitäts-
form gefördert wird. Radwege wurden instandgesetzt, neu gebaut und
beleuchtet. Durch einen neuen Kreisverkehr wurde der Verkehrsfluss
verbessert. Zudem wurden Fahrradbügel überdacht, Fahrradgaragen
und Dienstpedelecs für Mitarbeiter*innen angeschafft sowie Lademög-
lichkeiten, Reparaturstationen und Abstellmöglichkeiten geschaffen.
Weitere Infos unter: https://klimaschutz.campus-flensburg.de/?pa-
ge_id=3560
30
Die Digitalisierungsdynamik erfasst nahezu alle
Arbeits- und Lebenskontexte. Dabei verändert sich
auch das Lehren, Lernen und Forschen.1 Hochschu-
len sind hier von besonderem Interesse, da sie zum
einen den Arbeitsort verschiedener Statusgruppen
der technischen und wissenschaftlichen Mitarbei-
tenden, Lehrenden und Führenden bilden und zum
anderen die Ausbildung von Studierenden gewähr-
leisten und damit die Kultur einer Gesellschaft
wesentlich mitprägen. Daher ist es folgerichtig, dass
die Rolle einer Hochschule im Bereich der Lehre
nicht nur in der Vermittlung » wissenschaftlichen
Fachwissens «, sondern auch in der » Persönlich-
keitsbildung « zu sehen ist.2
Scharmer beschreibt die damit verbundene Her-
ausforderung: » Der Mangel an vertikaler Alphabe-
tisierung ist heute das Hauptproblem an unseren
Universitäten und Schulen. [...] Nach unserer
Erfahrung erfordert dies, dass wir als Lernende die
Art und Weise verbessern, wie wir aufmerksam sind
und zuhören, wie wir uns unterhalten, miteinander
reden und nachdenken. «3 Achtsamkeit kann für
eine vertikale Alphabetisierung eine zentrale Rolle
zukommen. Dieser Alphabetisierung bedarf es
auch, um die Eingebundenheit der je individuellen
Lebensentwürfe und Handlungen in die ökologi-
sche Mitwelt klarer erkennen zu können und damit
im Sinne der Suffizienz das » richtige « Maß einer
individuellen und kollektiven Nutzung begrenzter
Ressourcen zu reflektieren und letztlich angemes-
sener im Einklang mit den planetaren Belastungs-
grenzen zu handeln.
Auch mit Blick auf die Anforderungen am Arbeits-
platz verspricht Achtsamkeit einen möglichen Weg
zum lebensdienlichen Umgang mit der Digitalisie-
rung: » Beides, die Digitalisierung wie eben auch
entlastende bewusstseinsspezifische Angebote,
müssen in einer Hochschule, in der Gesellschaft
stattfindet, bewusst aufgenommen werden. Sie
müssen reflektiert und deren Ergebnisse als Trans-
ferleistung [...] wieder in die Gesellschaft zurückge-
spiegelt werden. «4 Schließlich kann Achtsamkeits-
* gekürzte, überarbeitete Fassung von Albrecht et al. (2020): Acht-
samkeit als Metabildung in der digitalen Gesellschaft. In Achatz et
al. (Hg.): Digitalisierung – Werte zählen? S. 157-170; parallel in: Sand-
bothe, Albrecht (Hg.) (2021): Achtsame Hochschulen in der digitalen
Gesellschaft (im Druck).
1 Wittpahl (Hg.) (2019): Digitalisierung: Bildung, Technik, Innovation;
Dräger, Müller-Eiselt (2015): Die digitale Bildungsrevolution: Der
radikale Wandel des Lernens und wie wir ihn gestalten können.
2 Senat der HRK (2018): Die Hochschulen als zentrale Akteure in
Wissenschaft und Gesellschaft – Eckpunkte zur Rolle und zu den Her-
ausforderungen des Hochschulsystems. S. 1.
3 Scharmer (2019): Education is the kindling of a flame: How to rein-
vent the 21st-century university. In: Huffington Post, 01.05.2018,
eigene Übersetzung.
4 Dievernich et al. (2019): Bildung 5.0: Wissenschaft, Hochschulen und
Meditation. Das Selbstprojekt. S. 32.
praxis damit als Forschungsgegenstand und als
Instrument die wissenschaftliche Arbeit bereichern.
Inhalt und Ziele des Projekts Achtsame Hochschulen
Vor dem skizzierten Hintergrund erforscht das
Thüringer Modellprojekt Achtsame Hochschulen in
der digitalen Gesellschaft die hochschulspezifische
Vermittlung von Achtsamkeit als Metakompetenz.5
Die Ernst-Abbe-Hochschule Jena, die FSU Jena und
die TU Ilmenau initiierten das auf zwei Jahre ausge-
legte Projekt, das von der AOK PLUS und dem Thü-
ringer Ministerium für Wirtschaft, Wissenschaft und
digitale Gesellschaft gefördert wurde. Das Projekt ist
Teil des Gesamtprozesses Thüringer Modell Achtsame
Hochschulen (seit 2015). Die Leiter des Projekts ver-
folgen mit dem vom Wissenschaftsverständnis des
Pragmatismus 6 und der Aktionsforschung 7 inspirier-
ten Vorhaben zwei Ziele:
Entwicklung, Durchführung und Evaluation acht-
samkeitsbasierter Trainingsprogramme, die auf
die zentralen Handlungsfelder des akademischen
Bildungssystems zugeschnitten sind und
praxisorientierte Forschung zur Klärung der
Forschungsfrage, ob und wie die hochschulspe-
zifische Vermittlung der mentalen Metakompe-
tenz der Achtsamkeit a) die Fähigkeit zu einem
souveränen und fokussierten sowie sozial ausba-
lancierten Umgang mit digitalen Technologien
verbessert und b) die Akzeptanz und Motivation
für selbstbestimmte Gesundheitsförderung an
Hochschulen stärkt.
Dabei greift das Projekt auf das von Kabat-Zinn 1979
an der Medical School der University of Massachu-
setts entwickelte Acht-Wochen-Programm Mindful-
ness-Based Stress Reduction (MBSR) 8 zurück. Zuerst
angewendet im klinischen Kontext, liegt mittlerweile
eine weltweite wissenschaftliche Evaluierung in ver-
schiedenen Anwendungsbereichen vor. Auch wenn
sich die Forschung zur Anwendung der Achtsamkeit
noch in ihrer Anfangsphase befindet und teils noch
mit methodischen Unzulänglichkeiten behaftet ist 9,
gibt es insbesondere für MBSR bereits eine Reihe
belastbarer positiver Befunde.10
Zentrale Elemente von MBSR sind achtsame (Kör-
5 Sandbothe, Albrecht (Hg.) (2021): Achtsame Hochschulen in der digita-
len Gesellschaft (im Druck).
6 Sandbothe (2000): Die Renaissance des Pragmatismus: aktuelle
Verflechtungen zwischen analytischer und kontinentaler Philosophie;
Gröschner, Sandbothe (Hg.) (2011): Pragmatismus als Kulturpolitik.
7 Reason, Bradbury (Hg.) (2001): The SAGE Handbook of Action Research.
Participative Inquiry and Practice.
8 Kabat-Zinn (2013): Gesund durch Meditation. Das große Buch der
Selbstheilung mit MBSR.
9 Goleman, Davidson (2017): Altered traits. Science reveals how meditati-
on changes your mind, brain, and body.
10 Hempel et al. (2014): Evidence Map of Mindfulness. In: VA-ESP Pro-
ject #05-226.
Achtsame Hochschulen
in der digitalen Gesellschaft*
31
per-)Wahrnehmung, Kommunikation und Bewe-
gungsübungen (Yoga) sowie die Vermittlung von
dialogischen Meditationsformen (Dyaden), wissen-
schaftlichen Hintergründen und verhaltensthera-
peutischen Angeboten zu Stress und Achtsamkeit.11
Für das Vorgehen des Thüringer Modellprojekts bei
der Entwicklung eigener Kursformate sind die Stra-
tegien und Methoden des Bottom-up und des Rapid
Prototyping zentral. Konkret wurde das klassische
MBSR-Format (acht Wochen mit Einheiten von je
2,5 h plus ein Achtsamkeitstag) an die Bedürfnisse
der Statusgruppen der Hochschule angepasst und
in fünf Kernformate transformiert:
Mindfulness Based Student Training (MBST)
Mindfulness Based Teacher Training (MBTT)
Zertifikatsausbildung Achtsame Hochschullehren-
de (AH- Ausbildung)
Mindfulness Based Employee Training (MBET)
Mindfulness Based Leadership Training (MBLT)
Ein wichtiges Ziel besteht darin, den Teilnehmen-
den dabei zu helfen, eine tägliche Übungspraxis zu
entwickeln und diese nach Möglichkeit über die
Dauer des Kurses hinaus als Teil der eigenen Tages-
struktur fest zu verankern.
Ergebnisse des Modellprojekts
Die Reichweite in den Semestern der Projektlaufzeit
(WiSe 2017/18 bis WiSe 2019/20) umfasst mehr als
2.000 Personen, die an den Kernformaten und an-
deren Projektangeboten teilgenommen haben. Im
Gesamtprozess Thüringer Modell Achtsame Hoch-
schulen wurden seit 2015 mehr als 10.000 Personen
erreicht. Neben den drei Initial-Hochschulen sind
mit der Universität Erfurt, der Bauhaus-Universität
Weimar und der Hochschule Nordhausen weitere
Thüringer Hochschulen kooperativ involviert und
bieten die im Projekt entwickelten Formate an. Nati-
onal und international bestehen zudem Vernetzun-
gen und Kooperationen mit zahlreichen Hochschu-
len, Verbänden und Forschungsinstituten.
Das Projekt wird über ein duales Evaluationssystem
mit medizinischem und sozialwissenschaftlichem
Anteil begleitet. Erste Auswertungen zeigen eine si-
gnifikant verringerte Pulsratenvariabilität nach acht
Wochen MBST. Das Ergebnis belegt die stressredu-
zierende Wirkung auf die autonome Stressregulati-
on des peripheren Nervensystems im Vergleich zur
Kontrollgruppe.12 Bei der sozialwissenschaftlichen
Evaluation werden verschiedene Erhebungsinstru-
mente zu Stress (PSS-10 13), Achtsamkeit (FFA-14 14),
Wohlbefinden (WHO-5, PRU, 2015 15), Internetnut-
11 Kabat-Zinn (2013): Gesund durch Meditation.
12 Voß et al. (2020): Mindfulness-Based Student Training Leads to
a Reduction in Physiological Evaluated Stress. In: Frontiers in
Psychology. Vol. 11.
13 Cohen et al. (1983): A Global Measure of Perceived Stress. In: Jour-
nal of Health and Social Behavior. 24(4). S. 385-396.
14 Walach et al. (2004): Empirische Erfassung der Achtsamkeit –
die Konstruktion des FFA und weitere Validierungsstudien. In:
Heidenreich, Michalak (Hg.): Achtsamkeit und Akzeptanz in der
Psychotherapie. S. 755-799.
15 Winter Topp et al. (2015): The WHO-5 Well-Being Index: A Syste-
MBTT: Achtsamkeitstraining für Hochschullehrende
12 Einheiten à 90min oder 6 Einheiten à 180min und 1 Achtsamkeitstag sowie bei
Bedarf eine vorangehende Informationsveranstaltung
Themen von Lehrenden: z.B. Präsenz in Lehrveranstaltungen, Achtsame Pausengestal-
tung, Gremien- und Teamarbeit, Umgang mit digitalen Medien in Lehre und Forschung
AH-Ausbildung für Hochschullehrende mit eigener Übungspraxis
Aufbau auf MBTT (oder einer äquivalenten Basisausbildung),
5 Module à 2 Tage
aktueller Stand der wissenschaftlichen Achtsamkeitsforschung, Grundla-
gen der Achtsamkeitspädagogik, Anleitung ausgewählter Achtsamkeits-
übungen für u.a. Vorlesungen, Seminare, Gruppen- und Gremienarbeit,
Sprechstundengestaltung, Leitung von Forschungsteams
Zertifizierung zum Achtsamen Hochschullehrenden durch ein Praxisprojekt
MBET: Achtsamkeitstraining für Mitarbeitende in Verwaltung, Technik und Wissenschaft
12 Einheiten à 45min
Verbindung Kernelemente MBSR und des Programms Training Achtsamkeit am Arbeits-
platz (TAA) mit zielgruppenspezifischen Übungen und Themen von Mitarbeitenden
(z.B. Umgang mit digitalen Medien am Arbeitsplatz, achtsame Kommunikation nach
innen und außen, Pausengestaltung und Selbstfürsorge)
MBLT: Achtsamkeitstraining für Hochschulführungskräfte
4 Einheiten à 240min
Themen von Führungskräften: Selbstführung, Mitarbeiterführung, Organisationsführung
Ausbildung von Führungsqualitäten (u.a. Präsenz, Gelassenheit, Offenheit, Klarheit),
achtsame Kommunikation, Förderung von Achtsamkeit in der Hochschulorganisation
zung (CIUS-14 16), Körperlicher Betätigung (GEDA
RKI, 2012 17) und meditativer Übungspraxis (eige-
nes Item) genutzt.
Während der Projektlaufzeit wurde der Youtu-
be-Kanal Achtsame Hochschulen etabliert. Er
enthält bislang 17 Kurzfilme, Video-Interviews
und Video-Vorträge zum Modellprojekt. Weiter-
hin wurden und werden die wissenschaftlichen
Ergebnisse in der Open Access-Buchreihe Acht-
samkeit-Bildung-Medien (transcript Verlag) sowie
auf www.achtsamehochschulen.de zugänglich
gemacht. Die Webseite informiert darüber hinaus
via Newsletter regelmäßig über Aktivitäten des
überregionalen Kooperationsnetzwerks Achtsame
Hochschulen, zu dem derzeit mehr als 350 Hoch-
schulangehörige aus zwölf Bundesländern, Öster-
reich und der Schweiz gehören.
pD Dr. reYk albrechT
arbeitet als wissenschaftlicher Geschäftsführer
des Ethikzentrums der Friedrich-Schiller-Universität
Jena sowie am Klinikum der FSU. Er lehrt und forscht im
Bereich achtsamkeitsbasierter Verfahren.
proF. Dr. Mike sanDboThe
ist Professor für Kultur und Medien an der
Ernst-Abbe-Hochschule Jena und zertifizierter
Trainer für MBSR. Webseite: www.sandbothe.com
matic Review of the Literature. In: Psychotherapy and Psychoso-
matics. 84(3). S. 167-176.
16 Meerkerk et al. (2009): The CIUS: Some Psychometric Properties.
In: CyberPsychology & Behavior. 12(1). S. 1-6.
17 RKI (2014): Daten und Fakten: Ergebnisse der Studie » Gesundheit in
Deutschland aktuell 2012 «.
MBST: Achtsamkeitstraining für Studierende
12 Einheiten à 90min sowie 1 Achtsamkeits-Nachmittag
studentische Themen: z.B. Prüfungsangst, Prokrastination, Studienma-
nagement, Umgang mit digitalen Medien beim Lernen und im Alltag
Leistungsnachweis zum Erwerb von ECTS-Punkten: Anwesenheit, Füh-
ren eines Mindfulness Diary, Verschriftlichung eines Erfahrungsberichts
32
Bisherige Erfolge:
Votum der Hochschulleitung zur Vermeidung
von Kurzstreckenflügen im Rahmen des Klima-
schutzkonzepts
Kompensation aller Reisen in ihrer Klimawir-
kung (CO2) in einem von der HNEE initiierten
und betreuten Regenwald-Schutzprojekt
Besteht seit:
Dezember 2019
Hochschule &
Kooperationspartner*innen:
Hochschule für nachhaltige Entwicklung
Eberswalde
Kontaktdaten für Interessierte:
Kerstin Kräusche, Referentin für Nachhaltigkeit
kerstin.kraeusche@hnee.de
Henning Golüke, Klimaschutzmanager
henning.golueke@hnee.de
Hochschulbereich
Lehre
Forschung
Betrieb
Governance
Transfer
Initiiert von
Studierenden
Lehrenden / Forschenden
Verwaltungsmitarbeitenden
Hochschulleitung
An der HNEE waren 2018 ca. 10 % der CO2-Emissionen auf
Kurzstreckenflüge zurückzuführen. Darauf bezogen ent-
schied sich das Präsidium, dass Dienstreisen mit einem
Aufwand von bis zu zehn Reisestunden bzw. unter 1.000 km
Flugstrecke in Zukunft mit der Bahn zurückzulegen sind.
Regulierung dienstlicher
Kurzstreckenüge
Foto: Sarah-Maria Hartmann
Entechtung
33
KONTEXT
Die Hochschule für nachhaltige Entwicklung
Eberswalde (HNEE) ist sich ihrer Verantwortung
als Mitverursacherin von Klimaveränderungen
bewusst. In diesem Kontext entwickelte die Hoch-
schule 2014 ein Klimaschutzkonzept, das darauf
abzielt, bis 2020 40 % weniger CO2-Emissionen zu
verursachen.
Um dem Prinzip einer klimafreundlichen Hoch-
schule zu entsprechen, haben wir umfangreiche
Maßnahmen umgesetzt. Gerade im Bereich Mobili-
tät kann durch klimafreundliches Verhalten ein gro-
ßer Beitrag geleistet werden. Das Semesterticket der
HNEE wurde in Kooperation mit Partner*innen der
Verkehrsunternehmen und dem AStA klimaneutral
aufgestellt. Wir haben ein als Carsharing betriebe-
nes E-Auto und eine Schnellladesäule angeschafft.
E-Bikes stehen den Angestellten für den Verkehr
zwischen den Campi bereit.
Und letztlich: Was vorher auf einer freiwilligen
Selbstverpflichtung beruhte, ist jetzt bindend; die
HNEE verzichtet auf Kurzstreckenflüge bei Dienst-
reisen. Damit sind Flüge zu Zielorten gemeint, die
auch mit einer Bahnfahrt in zehn Stunden Reisezeit
bzw. unter 1.000 km Flugstrecke erreichbar sind.
Wenn dennoch Flugreisen notwendig erscheinen
(z.B. aus Gründen der Vereinbarkeit mit familiären
Verpflichtungen), braucht es dafür eine Begründung
und Beantragung gegenüber Vorgesetzten. Dauert
die Zugfahrt zum Zielort der Reise länger als zehn
Stunden, können HNEE-Hochschulmitglieder
überlegen, ob sie in ein Flugzeug steigen. Zuvor wird
jedoch hinterfragt, ob eine Dienstreise notwendig
ist oder ob das Dienstgeschäft auch telefonisch oder
per Videokonferenz durchgeführt werden kann.
ZIELE
Reduktion der Treibhausgasemissionen der
Hochschule
Handlungsmöglichkeiten für Klimaschutz aktiv
nutzen
Vorbildwirkung
BEZUG ZU SUFFIZIENZ
In den Nachhaltigkeitsgrundsätzen der HNEE ist
ein achtsamer und sparsamer Umgang mit Res-
sourcen fest verankert. In den Leitlinien für eine
klimafreundliche Hochschule sind Effizienz und
Suffizienz explizit benannt. Ziel ist die Senkung der
durch die Hochschule verursachten CO2-Emissio-
nen. Dazu setzen wir verschiedene Maßnahmen um.
Wir möchten damit nicht nur unseren Beitrag zur
Einhaltung des Pariser Klimaabkommens und des
damit eingeschlossenen 1,5°-Ziels leisten, sondern
auch das Bewusstsein der Hochschulmitglieder für
einen nachhaltigen Ressourcenverbrauch schärfen.
Dienstreisen lassen sich auch mit einer Bahnfahrt
bewerkstelligen oder häufig durch eine Online-Kon-
ferenz ersetzen.
AUFBAU UND INHALT
Die Referentin für Nachhaltigkeit berät die Hoch-
schulleitung u.a. zum nachhaltigen Betrieb und
entwickelt gemeinsam mit den jeweiligen Ver-
antwortlichen Maßnahmen zur Umsetzung. Als
Grundlage dienen die vom Senat beschlossenen
Nachhaltigkeitsgrundsätze, die Leitlinien für eine
klimafreundliche Hochschule und im Ursprung
dem vorgelagert das validierte Umweltmanagement-
system nach EMAS (Eco Management and Audit
Scheme).
Mit dem Votum des Präsidiums zur Vermeidung von
Kurzstreckenflügen erfolgte der Schritt von einer
freiwilligen Selbstverpflichtung zur bewussten Über-
nahme von Verantwortung für das Mobilitätsverhal-
ten der Mitarbeiter*innen durch die Hochschule.
ERGEBNISSE
Durch die neue Regulierung zur Vermeidung von
Kurzstreckenflügen sparen wir als Hochschule
zukünftig voraussichtlich ca. 30 t CO2 pro Jahr ein.
Die Berechnung basiert auf den tatsächlich stattge-
fundenen Kurzstreckenflügen des Jahres 2018 – ca.
50 Flüge mit Emissionen zwischen 200 und 800 kg
CO2-Äquivalente pro Flug.
Auswirkungen auf die CO2-Bilanz sind noch nicht
darstellbar, da der Präsidiumsbeschluss erst Ende
2019 erfolgte. Es ist das erklärte Ziel, die Notwen-
digkeit von Dienstreisen generell zu hinterfragen
und bevorzugt auf andere klimaschützende Ver-
fahren (z.B. Videokonferenzen) zurückzugreifen.
Grundsätzlich kompensieren wir seit 2015 alle von
festangestellten Mitarbeiter*innen der Verwaltung
und der Fachbereiche durchgeführten Dienstreisen.
Gleiches gilt für die Emissionen aus dem Fuhrpark,
aus der Nutzung von Wärme- und elektrischer
Energie sowie aus dem Verbrauch von Papier und
Wasser.
VERSTETIGUNG
Anfang 2020 ist das Präsidiumsvotum in Kraft
getreten. Die Maßnahme ordnet sich in das fest in
den Strukturen der Hochschule verankerte Kli-
ma- und Umweltmanagement ein und verfolgt den
Anspruch, negative Umweltauswirkungen (auch
CO2-Emissionen) kontinuierlich zu verringern.
34
STUDENTISCHE PARTIZIPATION
Im Rahmen des EMAS-Umweltmanagements wird
regelmäßig alle ein bis zwei Jahre eine Umfrage
zur Umweltsituation an der HNEE unter allen
Hochschulmitgliedern durchgeführt. Darin äu-
ßerten Teilnehmer*innen oftmals den Wunsch,
die CO2-Emissionen der Hochschule durch eine
Regulierung bzw. Einschränkung der dienstlichen
Flugreisen zu reduzieren.
UMSETZUNG
In den Nachhaltigkeitsgrundsätzen (2013) und
im Klimaschutzkonzept (2015) sind Maßnah-
men zur Verminderung der von der Hochschule
ausgehenden CO2-Emissionen festgelegt. Diese
stellen ein dynamisches System dar, das wir ste-
tig weiterentwickeln.
Sommer 2019: erste Diskussionen zur ver-
pflichtenden Beschränkung von Flugreisen, auch
angeregt durch die Fridays for Future-Bewegung
(inkl. Students und Scientists for Future)
September 2019: erstmalige Präsidiumsdiskus-
sion über das Thema Vermeidung von Kurzstre-
ckenflügen
Dezember 2019: Verabschiedung des Votums
Januar 2020: Inkrafttreten der Regelung
ERFOLGS FAKTOREN
Wir entwickeln fortlaufend Maßnahmen zur
Verminderung der CO2-Emissionen. Eine Gelin-
gensbedingung für das Vorhaben waren die in den
Vorjahren vom Senat beschlossenen Nachhaltig-
keitsgrundsätze und das Klimaschutzkonzept. Im
Rahmen des EMAS-Umweltmanagements erheben
wir regelmäßig Emissions-Daten, auch zu Dienstrei-
sen. Diese genaue Datengrundlage hilft zu erken-
nen, durch welche Maßnahmen weitere Emissionen
effektiv eingespart werden können.
HERAUS FORDERUNGEN
Es waren Daten und Argumente für die Diskussi-
on des Votums im Präsidium notwendig. Um die
Größenordnung der Emissionen aus Kurzstrecken-
reisen abzuschätzen, war eine differenzierte Analyse
erforderlich, um Ziele formulieren zu können. Wir
haben intensiv diskutiert, wie eine Kurzstrecke zu
definieren ist: anhand der Entfernung und / oder
abhängig von der Reisezeit. Hierfür zogen wir Rege-
lungen aus dem Bundesreisekostengesetz und dem
Arbeitszeitgesetz heran.
Im Antrag auf eine Einzelfall-Genehmigung eines
dienstlichen Kurzstreckenflugs sind Gründe für
eine Ausnahmeregelung formuliert. Diese betref-
fen Familienpflegeaufgaben, Kinderbetreuung für
Kinder unter 13 Jahren und eine Bahn-Reisezeit von
länger als 10 Stunden. Die HNEE ist eine famili-
enfreundliche Hochschule und berücksichtigt in
ihrem Handeln ebenso soziale Kriterien für eine
nachhaltige Entwicklung.
ÜBERTRAGBARKEIT
Neben der HNEE gehen viele Hochschulen und For-
schungseinrichtungen bereits mit gutem Beispiel
voran. Zumeist beruhen diese Ansätze indes auf
freiwilligen Selbstverpflichtungen der Mitarbei-
tenden. Hochschulen übernehmen Verantwortung
für eine nachhaltige gesellschaftliche Entwicklung
auch dann, wenn sie mit beispielhaftem Verhalten
vorangehen.
Für konsequentes Handeln und eine faire Hand-
habung benötigt es allerdings unserer Meinung
nach eine einheitliche Regulierung, insbesondere
bei der Finanzierung von Drittmittelprojekten. Es
wäre hilfreich, wenn klimagerechte Dienstreisen in
der Finanzplanung ebenso berücksichtigt würden
wie Kompensationen für CO2-Emissionen aus der
Reisetätigkeit.
EINBLICKE
» Verlässlichkeit der Bahn vorausgesetzt, ist man im
Vergleich zu einer meist hektischen Flugreise, die
auf kurzen Strecken kaum einen effektiven Zeitge-
winn bringt, deutlich entspannter und zufriedener
unterwegs, kann man doch eine mehrstündige
Bahnfahrt effektiv zum Arbeiten nutzen. Entschleu-
nigung im ICE-Sprinter von Berlin nach Frankfurt
oder München bei knapp 300 km/h ist kein Wider-
spruch. Setzt man dann noch alle (im Kontext der
Corona-Ausgangsbeschränkungen erworbenen)
Kompetenzen zur digitalen Kommunikation zielori-
entiert ein, so erübrigt sich letzten Endes vielleicht
sogar die Bahnfahrt. « (Prof. Dr. Uta Steinhardt,
Vorsitzende des Senats der HNEE)
ZUKUNFTSIDEEN
Wir werden unsere Nachhaltigkeitsgrundsätze
weiterentwickeln und unser Umwelt- und Klima-
schutzmanagement noch konsequenter verzahnen.
Außerdem möchten wir Methoden einer Bildung für
nachhaltige Entwicklung intensiver mit der Ent-
wicklung der nachhaltigen Hochschule verbinden.
Die Erfahrungen des betrieblichen Umwelt- und Kli-
maschutzmanagements integrieren wir weiterhin
in die Lehre. Im Rahmen von Vorlesungen, Modu-
larbeiten, Praktika und Abschlussarbeiten werden
Entechtung
35
Mein bewegendster Moment:
Ein schöner Moment im Prozess war, als auch die
Zauderer*innen sich klar zur Verantwortung der
Hochschule als Vorbild und Multiplikator bekannt
haben.
Nachhaltigkeit ist für mich ein
Herzensthema, weil …
... es die Grundlage unseres Lebens ist.
Mein Tipp für alle, die ein Nach-
haltigkeitsprojekt starten wollen:
... fair und empathisch handeln, das Erfahrungs-
wissen der Beteiligten einbeziehen, Kooperatio-
nen suchen und die jeweils besonderen Stärken
bündeln.
Meine Vision einer nachhaltigen
Hochschule 2050:
Die Hochschule ist eine lernende Organisation,
die sich nachhaltig aus sich selbst heraus durch
Verbindung von Lehre, Forschung, Betrieb und
Transfer weiterentwickelt und zum Motivator und
Multiplikator für eine nachhaltige Entwicklung
der Gesellschaft etabliert hat. Die Governan-
ce-Strukturen sind auf Beteiligung und nachhal-
tige Hochschulentwicklung ausgelegt, Methoden
und Inhalte von Bildung für nachhaltige Entwick-
lung sind ganz selbstverständlich in die Lehre
integriert.
wir weitere Instrumente und Maßnahmen des
Umwelt- und Klimaschutzmanagements konzipie-
ren und erproben.
MEHR ERFAHREN
PM zum Präsidiumsbeschluss: https://www.hnee.
de/de/Aktuelles/Presseportal/Pressemitteilun-
gen/Es-geht-auch-ohne-E10372.htm
Nachhaltigkeitsmanagement an der HNEE: www.
hnee.de/nachhaltig
Klimaschutzmanagement: www.hnee.de/klima-
schutz
Mitarbeiter*innen- und Studierendenbefragun-
gen zur Umweltsituation an der HNEE: https://
www.hnee.de/de/Hochschule/Leitung/Nach-
haltigkeitsmanagement/Beteiligung-und-Mit-
machen/Befragung-zur-Umweltsituation/
Mitarbeiter-und-Studierendenbefragun-
gen-zur-Umweltsituation-K3889.htm
36
Bisherige Erfolge:
Anwendung in Bürgerbeteiligungsprojekten
Verständnis von Wirkungsketten
einfache und praktische Umsetzung der Er-
kenntnisse (z.B. Bau eines Regengartens)
Besteht seit:
Sommer 2019
Hochschule &
Kooperationspartner*innen:
Donau-Universität Krems
Kontaktdaten für Interessierte:
Dr. Christine Rottenbacher
christine.rottenbacher@donau-uni.ac.at
Hochschulbereich
Lehre
Forschung
Betrieb
Governance
Transfer
Initiiert von
Studierenden
Lehrenden / Forschenden
Verwaltungsmitarbeitenden
Hochschulleitung
Im Rahmen eines Forschungsprojekts haben wir eine Resi-
lienz-Matrix entwickelt, die Studierende, lokale Expert*in-
nen und Bürger*innen befähigt, das Zusammenwirken von
Boden, Wasser, Pflanzen und Atmosphäre in ihren Lebens-
räumen besser zu verstehen und beurteilen zu können. Dies
zielt darauf ab, vernetzte Grüne Infrastrukturmaßnahmen in
Siedlungsräumen zu fördern.
Klimaresilienz-
erhebungen
Entechtung
37
KONTEXT
Die Klimaresilienzerhebungen sind entstanden, um
auf unterschiedlichen Ebenen ein Verständnis für
den selbstgemachten Klimawandel zu wecken. Das
Vorhaben basiert auf einem bereits bekannten und
funktionierenden Ansatz, der vernetzte Grüne Infra-
strukturmaßnahmen in Siedlungsräumen entstehen
lässt. Nun sollen darauf aufbauend die Zusammen-
hänge und die vielfältigen Pflanzensysteme ver-
ständlich erklärt und beurteilbar gemacht werden.
Dazu haben wir ein Konzept aus den Naturwissen-
schaften (soil-plant-atmosphere continuum) herange-
zogen, mit dessen Hilfe wir in einem ersten Schritt
ein Kommunikationstool entwickelt haben. Grund-
legend ist die Annahme, dass die Lebensräume in
Österreich ursprünglich fast vollständig mit Wald
bedeckt waren und über viele Jahrhunderte hinweg
klimatisch ausgeglichene Standorte entstanden
sind. Der Boden spielt hierbei eine entscheidende
Rolle. Er speichert auf dem Kontinent die größte
Wassermenge. Diese Leistung des Bodens bezeich-
net man als Ökosystemleistung. Damit der Boden
seine Ökosystemleistung für Wasserspeicherung
und für eine Wasserversorgung erbringen kann,
muss er entsprechend pfleglich behandelt werden.
Dazu gehört u.a., dass er eine gute Bodenstruktur
aufweist und mit verschiedenen Pflanzengemein-
schaften bewachsen ist. Diese Pflanzengemein-
schaften nehmen das Bodenwasser auf, das schließ-
lich in die Atmosphäre verdunstet. Ursprünglich
gelangte in der Folge das Wasser aus der Atmosphä-
re rasch in kleinen, lokalen Wasserkreisläufen wie-
der auf dieselbe Stelle zurück. Bei der Verdunstung
wird Strahlungswärme der Sonne umgewandelt. Das
bedeutet, dass Pflanzen die Oberflächen unserer
Lebensräume vor Überhitzung durch Verdunstung
schützen. Aus diesem Grund trägt das Konzept den
Namen soil-plant-atmosphere continuum, da es auf-
zeigt, wie natürliche Prozesse als natürliche Klima-
anlage die Erde kühlen.
Die letzten Veröffentlichungen des österreichi-
schen Umweltbundesamtes beziffern den Anteil
des versiegelten Siedlungsraums in Österreich auf
ca. 43 %. Auf diesen Flächen stehen Gebäude oder
sie sind asphaltiert oder zubetoniert. Die Tendenz
der zunehmenden Versiegelung hält an. Dies hat
zur Konsequenz, dass Boden und Pflanzengemein-
schaften stetig weniger Wasser zurückhalten und
verdunsten lassen. Ein sinkender Anteil an Pflanzen
führt zudem zu einer geringeren CO2-Aufnahme.
Letztlich werden unsere Lebensräume immer
verletzlicher und können auf Hitzewellen, Trocken-
heit und Starkregenereignisse immer schlechter
reagieren, diese abpuffern oder kompensieren. Das
Entfernen der Boden-, Wasser- und Pflanzensyste-
me lässt somit deutlich die Wahrscheinlichkeit von
Extremwetterereignissen ansteigen.
Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, haben
wir in einem zweiten Schritt in einem Forschungs-
projekt eine Resilienz-Matrix entwickelt. Mithilfe
der Matrix wird zuerst die Verletzlichkeit der oben
geschilderten natürlichen Prozesse erhoben und
anschließend das Potential bewertet, diese Pro-
zesse durch Stärkung der Ökosystemleistungen zu
verbessern. Dabei werden ausgewählte Ökosystem-
leistungen der natürlichen Prozesse beurteilt und
gemeinsam Handlungsfelder in unterschiedlichen
Kontexten gesucht. Im Verlauf des Projekts sind
diverse Beurteilungsschemata entstanden, die
Studierende und Schüler*innen auf Funktionalität
und Verständlichkeit getestet haben und die auch in
Bürgerbeteiligungsverfahren angewandt wurden.
Die Matrix fokussiert u.a. regulierende Ökosystem-
leistungen. Bezogen auf das Klima sind das z.B. a)
eine gesunde, funktionierende Bodenstruktur, b)
vielfältige alterungsfähige Pflanzensysteme, die
den Boden schützen, Regenwasser zurückhalten
und verdunsten, sowie c) ein Regenwassermanage-
ment mit natürlichen Maßnahmen, um die lokalen
Wasserkreisläufe wieder zu stärken. Diese Kriterien
sind für die Beurteilung unterschiedlich zu ge-
wichten, da z.B. im Wald weniger Temperatur- und
Feuchte-Extreme als im Freiland oder in Siedlungs-
räumen auftreten. So gelingt es, die Ausstattung von
Siedlungsräumen mit Boden-Pflanzen-Regenwas-
ser-Systemen zu beurteilen. Ein Park mit vielfältigen
Pflanzensystemen entlang von Gewässern ist noch
als resilient einzuordnen; ein Straßenraum, der
gänzlich versiegelt ist, verursacht eine Hitzeinsel
und trägt nichts bzw. kaum dazu bei, Regenwasser
zurückzuhalten. Diese Beurteilung bezieht sich auf
evidenzbasierte Studien und eigene Untersuchun-
gen zur Wirkung von Grüner Infrastruktur. Um
umfassend die Resilienz beurteilen zu können, ist
letztlich die Analyse der Mensch-Natur-Interaktio-
nen und die Veränderung von Wissenssystemen zu
diesen natürlichen Prozessen entscheidend.
ZIELE
Sensibilisierung für die Verletzlichkeit und
Bedeutung des Systems von Boden, Wasser,
Pflanzen und Atmosphäre
Aufzeigen von Handlungsmöglichkeiten zur
Stärkung von Ökosystemleistungen
Verursacher von Beeinträchtigungen natürlicher
Prozesse ausfindig machen und Ausgleich ein-
fordern, wie z.B. Gebäudebegrünung, Entsieg-
lung von Flächen; bislang wird der Ausgleich aus
Kostengründen meist abgelehnt
Entwicklung vielfältiger Beurteilungstools für
verschiedene Zielgruppen
In Absprache mit Abteilungen der niederöster-
reichischen Landesregierung streben wir eine
Implementierung der Resilienz-Matrix in die
Instrumente der örtlichen Planung an. Derzeit
gibt es noch keine planerisch definierte Versiege-
38
lungsrate, die für einen Lebensraum tragbar ist
– die Forschung beziffert diese auf ungefähr 25 %
Gesamtversiegelung von Siedlungsräumen.
BEZUG ZU SUFFIZIENZ
Ein bewussterer Umgang mit den Ressourcen Bo-
den, Wasser und Pflanzen steigert die Resilienz von
Landschafts- und Siedlungsräumen. Indem Beob-
achtungen offengelegt werden, wie z.B. eine 43 %ige
Bodenversiegelung in Siedlungsräumen wirkt oder
dass nur 10 % des Regenwassers in Siedlungsräu-
men zurückgehalten werden können, entsteht eine
größere Öffentlichkeit für dieses Thema und die
Politik gerät verstärkt unter Druck. Die Kombinati-
on von Bottom-up und Top-down ist dabei beson-
ders vielversprechend, da so Erkenntnisse direkt in
der Raumplanung berücksichtigt werden können.
Ebenso zeigt das Projekt Wege auf, wie Siedlungs-
räume resilienter auszurüsten sind, welche Grünen
Infrastrukturmaßnahmen in der Wohnbauförde-
rung berücksichtigt werden sollten und welche
Vorgaben zur Entsiegelung von Räumen notwendig
sind – so z.B. die Nutzung von strukturierten Erden
im Straßenbau, die vermehrt Regenwasser zurück-
halten. Insgesamt entsteht durch das Projekt eine
breite Reflexion von Resilienz und Suffizienz.
AUFBAU UND INHALT
Wir testen die Klimaresilienzerhebung aktuell in
verschiedenen Kontexten. Dabei steht im Fokus,
welche Daten verfügbar sind, wer wie mit den Daten
umgehen und diese sinnvoll interpretieren kann
und wie mit den häufig fehlenden Vegetationsauf-
nahmen umzugehen ist. Zugleich prüfen wir, wie
in Bürgerbeteiligungsverfahren bei gemeinsamen
Begehungen die relevanten Ökosystemleistungen
erhoben werden können.
Daran anknüpfend möchten wir eine verständliche,
selbsterklärende Beurteilungsmethode für Bür-
ger*innen entwickeln, die mit Schulen, bei Dorf-
und Stadterneuerungs-Projekten, in Klima- und
Energie-Modellregionen (KEM) sowie in Klimawan-
delanpassungsregionen (KLAR) verwendet werden
kann. Bei Interesse können wir jederzeit einen Ent-
wurf für eine Erhebung durch Laien zusenden.
ERGEBNISSE
In Krems führen wir ein Pilotprojekt durch. Die
Öffentlichkeitsarbeit übernimmt die Klima- und
Energie-Modellregion Krems. In verschiedenen
Formaten wie Word-Café, Fishbowl etc. sollen Bür-
ger*innen an dem Projekt partizipieren.
Bislang ist noch nicht abschätzbar, ab wann durch
eine Sensibilisierung z.B. mit einem verbesserten
Regenwassermanagement begonnen wird und ob
in Siedlungsräumen vermehrt strukturierte Erden
und zusammenhängende Boden-Wasser-Pflanzen-
systeme verwendet werden. Wir bieten an, Anrai-
ner*innen-Gruppen zu begleiten, die Begrünungen
durchführen möchten. Dies kann zu verschiedenen
Formen von Urban Gardening führen, von Baum-
scheiben-Patenschaften bis zu gemeinsamen Gärt-
nerinitiativen. Wir haben Monitoring-Strukturen
entwickelt und Wetterstationen an Hitzeinselstand-
orten bzw. an kühlen Standorten aufgestellt, um
unterschiedliche Effekte zu beobachten und nach-
zuvollziehen. Verwaltung, Politik und Förderungs-
landschaft der Stadt Krems beginnen zunehmend,
sich für das Themenfeld zu engagieren, und haben
uns zu einer verstärkten Zusammenarbeit eingela-
den, die schrittweise über weitere Forschungspro-
jekte finanziert werden kann.
Der Standort der Donau-Universität ist ein extremer
Hitzeinselverursacher und leitet das Regenwasser
gänzlich ab. Studierende möchten ein Projekt an
diesem Standort durchführen; dies begrüßt der
Rektor außerordentlich, doch noch mangelt es an
einer Finanzierung. Die Zuständigkeit liegt bei einer
ausgelagerten Gebäudeverwaltung des Landes Nie-
derösterreich, die noch klassischen Kostenkalkula-
tionen unterliegt und keinen Handlungsspielraum
erkennt. Derzeit könnten lediglich Teilvorhaben
realisiert werden, doch keine integrative Schau, wie
das natürliche System insgesamt zu verbessern ist.
VERSTETIGUNG
Im Studiengang Ökologisches Garten- und Grünrau-
management ist die Resilienz-Matrix ein fester Be-
standteil der Erhebungsmethoden. Wir wenden sie
dort an, wo es auch ein Umsetzungspotential gibt.
Eine Modulwoche ist in Bregenz anvisiert, um dort
mithilfe der Matrix Beurteilungen vorzunehmen
und Umsetzungsvorschläge zu entwickeln.
STUDENTISCHE PARTIZIPATION
Studierende entwickeln die Methode in ihrem
eigenen Kontext weiter und adaptieren sie an die
jeweilige Aufgabenstellung. Eine Studienarbeit wur-
de beispielsweise zur Vernetzung von natürlichen
Systemen entlang der ÖBB-Infrastrukturen verfasst;
daraus ging ein eigener Leitfaden für die österrei-
chische Bundesbahn hervor.
UMSETZUNG
Mai bis Dez. 2019: Entwicklung der Resilienz-Ma-
trix im Rahmen eines Forschungsprojekts
Sept. 2019: Verknüpfung mit Studiengang Ökolo-
gisches Garten- und Grünraumanagement
Sept. bis Okt. 2019: Testung der Funktionalität
und Verständlichkeit mit Studierenden und
Schüler*innen
Okt. 2019 bis Mai 2020: Begleitung forschungs-
basierter Lernprojekte von Studierenden
August 2019, Okt. 2019, März 2020: praxisorien-
Entechtung
39
Mein bewegendster Moment:
… als ich mit der Wärmebildkamera mit Teilneh-
menden Hitzeinseln identifizieren und beurteilen
konnte. Es war schön, das Erstaunen zu sehen,
dass eine Asphaltfläche bereits am Morgen auf
über 40°C erwärmt sein kann.
Nachhaltigkeit ist für mich ein
Herzensthema, weil …
… ich schon Großmutter bin und viele soziale und
ökologische Errungenschaften aus der Vergangen-
heit verloren gehen. Ich möchte als Landschaftsar-
chitektin meine Kraft darauf verwenden, dass wir
lebenswerte Lebensräume schaffen und erhalten.
Mein Tipp für alle, die ein Nach-
haltigkeitsprojekt starten wollen:
Einfach anfangen!
Meine Vision einer nachhaltigen
Hochschule 2050:
… dass es eine unkomplizierte, iterative Feed-
back-Schleife von Praxis und Wissen aller Men-
schen, der Verwaltung und der Forschung gibt.
Wir wachsen alle, wenn wir zu einem Kreislauf aus
Tun, Lehren, Lernen, Innehalten und Reflektieren
und dann wieder Tun gelangen.
tierte Anwendung der Klimaresilienzerhebung,
z.B. in kommunalen Planungsvorhaben und
Bürgerbeteiligungsprozessen
ERFOLGS FAKTOREN
Entscheidend ist, ins Handeln zu kommen. Die
Studierenden waren begeistert, haben einfache
Kommunikationsformen gefunden und können
diese nun in der Praxis anwenden. Wesentlich ist
überdies, aktivierend und motivierend zu arbei-
ten, um nicht lange an Hemmnissen zu verharren,
sondern das Machbare umzusetzen – in unserem
Fall mit der ÖBB, mit Stadtgartenämtern und
Wohnungsbaugenossenschaften.
HERAUS FORDERUNGEN
Um die Akzeptanz in Politik und Verwaltung zu
stärken, bemühen wir uns, dieses Beurteilungs-
tool als Entscheidungsgrundlage einzufordern.
Dies ist nach wie vor herausfordernd, da politische
Vertreter*innen andere Akzente setzen; sie stehen
für » leistbares Wohnen « ein und bevorzugen im
geförderten Wohnbau billige Konzepte, ohne
Auswirkungen der Flächenversiegelung zu berück-
sichtigen.
Dass Grüne Infrastrukturmaßnahmen realisiert
werden, um die Resilienz in unseren Lebens-
räumen zu steigern, ist bislang größtenteils auf
Engagement und Eigeninitiative zurückzuführen
und nicht auf Planung und Rahmensetzung zu
Bodenverbrauch und Regenwassermanagement.
Einzelne Gemeinden fordern von der übergeord-
neten Raumplanung ein, die Oberflächenausge-
staltung (begrünte Gebäude, offene Böden …) in
der Flächenwidmung festzulegen.
In Zeiten des Klimawandels sind Versicherungen
zunehmend sensibilisiert für die Auswirkungen
von Extremwetterereignissen. Deshalb versuchen
wir mit Versicherungen regulative Ansatzpunkte
zu finden; die Resilienz-Matrix könnte in diesem
Kontext eine Entscheidungsgrundlage sein.
ÜBERTRAGBARKEIT
Die Übertragung ist einfach möglich. Die Einfüh-
rung und die Durchführung sind an den jeweili-
gen Kontext adaptierbar. Ebenso können in der
Resilienz-Matrix einzelne Aspekte in der Beur-
teilung von Ökosystemleistungen je nach Fokus
stärker herausgearbeitet werden.
EINBLICKE
Noch befinden wir uns in der Erprobungsphase,
aber es gibt bereits erste positive Rückmeldungen
von Studierenden, die die Klimaresilienzerhe-
bung anwenden. Weiterhin werden öffentliche
Stellen und Unternehmen auf unseren Ansatz
aufmerksam. Die ÖBB möchte beispielsweise die
Implementierung nicht nur empfehlen, sondern
schrittweise gezielt umsetzen.
ZUKUNFTSIDEEN
Wir streben an, die Klimaresilienzerhebung als
Methode im Unterricht bei verschiedenen Lehr-
gängen zu verwenden. Überdies möchten wir un-
sere Kontakte in die Landesverwaltungsabteilun-
gen weiter ausbauen, um in Kooperation die heute
genutzten Instrumente in der Raumplanung,
Landschaftsplanung und Wasserwirtschaft zu ver-
bessern. Letztlich eignet sie die Matrix generell für
Begehungen in Ortschaften, um die Wirksamkeit
von Begrünungen erklären zu können.
MEHR ERFAHREN
Nach Abschluss des Forschungsprojekts werden
die Ergebnisse auf der Webseite der Niederös-
terreichischen Wohnbauforschung unter dem
Kennzeichen 2272 mit dem Titel » FIT for Climate
Change – Lösungsorientiertes Anwenden und
Testen einer Beurteilungsmethode für die Stär-
kung der Resilienz von Siedlungsräumen mit dem
Fokus auf Wohnbau « veröffentlicht: https://t1p.
de/1haj
40
Bisherige Erfolge:
Reduktion der Einwegbecherquote im Jahr
2019 um 12,95 % ggü. Vorjahr
CO2-Einsparung um 14,3 t durch Umstellung
auf 44,32 % vegetarische und vegane Gerichte
Energieeinsparung von 9 % im Wärmebereich
(entspricht 13 t CO2) und von 4,5 % im Strom-
verbrauch (entspricht 8 t CO2)
Besteht seit:
2018
Hochschule &
Kooperationspartner*innen:
Campus Flensburg, Studentenwerk Schles-
wig-Holstein
Kontaktdaten für Interessierte:
Simon Laros, simon.laros@uni-flensburg.de, +49
(0)461 805-3013 | Kristin Dahl, dahl@studenten-
werk.sh, +49 (0)431 8816-229
Hochschulbereich
Lehre
Forschung
Betrieb
Governance
Transfer
Initiiert von
Studierenden
Lehrenden / Forschenden
Verwaltungsmitarbeitenden
Hochschulleitung
Die Mensa des Studentenwerks Schleswig-Holstein benö-
tigt für die Herstellung der Gerichte große Mengen Energie.
Ein wachsendes Angebot an vegetarischen und veganen Ge-
richten sowie Maßnahmen zur Energieeinsparung und zur
Müllvermeidung (FairCup) waren große Schritte in Richtung
einer klimafreundlichen Mensa.
Klimaschutz-Mensa
Jackfruit-Burger
Entechtung
41
KONTEXT
Es ist Viertel nach elf: Die Türen zur Mensa öffnen
sich. Hier werden Studierende und Mitarbeiter*in-
nen der Uni nicht nur mit Nahrungsmitteln ver-
sorgt, sondern hier ist Klimaschutz ganz praktisch
und kulinarisch spürbar. Wir tragen alle zur Verän-
derung des Weltklimas bei, egal ob Kanzlerin, Mit-
arbeiter*innen oder Studierende. Und so haben alle
gemeinsam beschlossen, sich in den Flensburger
Hochschulen für den Klimaschutz zu engagieren –
jeder auf seine Art. Die Hochschule hat sich für den
Campus das Ziel der CO2-Neutralität gesetzt und ein
Klimaschutzkonzept erarbeitet. Einstimmig wurde
auch die Mensa in das Konzept integriert. Das
Studentenwerk Schleswig-Holstein, das die Mensa
betreibt, hatte dafür ein offenes Ohr, da Nachhaltig-
keit auch dort im Fokus steht.
Bis das Essen auf dem Teller landet, steckt bereits
in der Zubereitung der Speisen, dem Transport der
Produkte und dem Gebäudebetrieb viel Energie.
Knapp 124.000 Speisen werden jährlich zubereitet.
Ein großer Anteil der CO2-Emissionen entsteht
vorgelagert durch die Produktion der Lebensmittel.
Um den Fußabdruck zu reduzieren, verarbeitet die
Mensa nach Möglichkeit regionale Produkte. Kurze
Transportwege, Fleisch aus artgerechter Tierhal-
tung in der Region und vor allem die Umstellung auf
ein großes Angebot an vegetarischen und veganen
Gerichten verringern den CO2-Ausstoß. Die Studie-
renden nehmen das gerne an: Über 44 % lassen sich
die fleischlose Küche schmecken. Auch sie hatten
mit dazu beigetragen, dass die vegetarischen und
veganen Gerichte beliebter wurden. Sie regten dazu
an, die Küche stärker auf vielfältige fleischlose Ge-
richte auszurichten.
Doch was sind nachhaltige Produkte wert, wenn sie
in Wegwerfverpackungen verkauft werden? Studie-
rende tragen gerne ihre warmen Getränke in die
Vorlesung oder über den Campus. Es braucht eine
nachhaltige Lösung, dachte sich das Klimaschutz-
management und brachte den FairCup ins Spiel.
Eine Gruppe Studierender des Studiengangs Trans-
formationsstudien und des AStA waren sofort dabei.
Müllvermeidung mit dem Mehrweg-To-Go-Becher
funktioniert. Becher und Deckel können gegen
Pfand geliehen und zum Spülen wieder abgegeben
werden. Weniger Fleisch, Müll, Strom und Wärme:
Die Einsparungen sind vielfältig. Dazu haben auch
eine neue Spülanlage, eine bedarfsgerechte Licht-
steuerung und eine Optimierung der Heizzeiten
und Lüftung beigetragen.
ZIELE
CO2-Neutralität bis 2050
Müllvermeidung
nachhaltige Speisen und Getränke
BEZUG ZU SUFFIZIENZ
Die Mensa trägt auf mindestens vier Wegen zu einer
nachhaltigen Entwicklung bei:
Durch die Steigerung des vegetarischen und
veganen Angebots ernähren sich die Mitglieder
und Angehörigen der Hochschule klimafreundli-
cher auf dem Campus.
Vegetarische und vegane Gerichte werden ken-
nengelernt und ggf. wird auch daheim verstärkt
vegetarisch und vegan gekocht.
Die Mensa bietet vermehrt vegetarische und
vegane Produkte an und erkundigt sich bei den
Produzent*innen über das Tierwohl und die
artgerechte Tierhaltung.
Die Mensa bevorzugt kurze Transportwege und
regionale Produkte.
Analog dazu verhält es sich mit dem FairCup-Pfand-
bechersystem. Studierende und Beschäftigte der
Hochschule fragen auch in der Stadt nach nachhal-
tigen Befüllungsmöglichkeiten.
AUFBAU UND INHALT
Die Mitarbeiter*innen der Mensa werden in Koch-
workshops geschult, sodass sich die Qualität und
Auswahl an vegetarischen und veganen Gerichten
stetig ausweitet und verbessert. Zum Weltvegantag
gibt es zusätzlich Aktionsangebote. Zudem werden
die Studierenden für das Thema sensibilisiert, in-
dem das Klimaschutzmanagement mit einem Stand
in der Mensa informiert und in Umfragen Studie-
rende zu Wort kommen lässt. Wir bewerben Ange-
bote explizit, sodass für jede*n sofort ersichtlich ist,
welche Produkte vegetarisch, vegan, biologisch oder
Fairtrade sind. Beilagen lassen sich mühelos nach
Geschmack zusammenstellen. Dadurch erweitert
sich die Palette an vegetarischen und veganen Ge-
richten.
Die Mensa kann Getränke im FairCup günstiger an-
bieten, sodass auch ein finanzieller Anreiz besteht,
auf die Mehrweg-Variante zurückzugreifen und Müll
zu vermeiden. Das Klimaschutzmanagement beob-
achtet und passt bei Bedarf regelmäßig Strom und
Wärmebedarf an.
ERGEBNISSE
Wir haben die Einwegbecherquote gegenüber dem
Vorjahr um 12,95 % reduziert. 2019 wurden 9.337
Einwegbecher weniger verbraucht. Gleichzeitig
wurden 2.500 Heißgetränke im FairCup verkauft.
Der Verkauf im mitgebrachten Becher ist um 3.889
Heißgetränke gestiegen.
Der Anteil der veganen Gerichte ist um 8,67 % gestie-
gen und der vegetarische Anteil um 0,9 %. Insgesamt
beträgt der Anteil der Gerichte ohne Fleisch nun
44,32 %. Mit der Annahme, dass ein umgestelltes
42
Fleischgericht 1 kg CO2 einspart, haben wir den
CO2-Verbrauch 2019 um 14,3 t reduziert.
In den Jahren 2018/19 haben wir im Vergleich zu
den drei Vorjahren in der Hauptmensa 9 % weniger
Wärme (13 t CO2) und 4,5 % weniger Strom (8 t CO2)
benötigt.
Unser Projekt ermöglicht den Studierenden und
Hochschulmitarbeiter*innen langfristig, die vege-
tarische und vegane Küche kennenzulernen und
wertzuschätzen. Sie integrieren die Ernährungsum-
stellung auch in ihren häuslichen Speiseplan.
Der Verzicht auf Wegwerfbecher schärft dauerhaft
den Blick für Mehrweg-Produkte im Alltag.
VERSTETIGUNG
Das Studentenwerk hat breite Strukturen zur
Förderung der Nachhaltigkeit in den Mensen,
Cafeterien und Café Lounges geschaffen. Es gibt
einen Preisnachlass für Heißgetränke im mitge-
brachten Becher sowie im Pfand-To-Go-Becher. Das
Studentenwerk bietet Pfand-To-Go-Systeme zurzeit
für Heißgetränke in allen Betrieben in Flensburg
(FairCup) und Kiel (Tobego) an. FairCup wird auch
für To-Go-Salate an der Salatbar genutzt. Außerdem
verkauft das Studentenwerk einen Mehrweg-Bam-
busbecher. Regelmäßige vegane Kochworkshops
motivieren die Köch*innen und Cafeteria-Mitar-
beiter*innen, die Vielfalt des Angebots zu erhöhen.
Rund um den 1. November feiern wir den Welt-
vegantag mit attraktiven veganen Aktionsangebo-
ten.
STUDENTISCHE PARTIZIPATION
Im Jahr 2018 hat die studentische Vertretung des
Referats für Ökologie die Veränderung hin zu einem
Mensaangebot mit mehr vegetarischen und vega-
nen Optionen adressiert. In direkten Gesprächen
mit der Mensaleitung wurden Vorschläge diskutiert.
Eine Befragung mit 1.000 Rückläufen legte die Wün-
sche der Hochschulmitglieder offen, brachte eine
große Resonanz und diente neben den allgemeinen
Bestrebungen des Studentenwerks als zusätzliche
Bestärkung zur Transformation.
UMSETZUNG
Jan. 2015: Festlegung einer Strategie und einer
Vision für den Campus bezüglich Nachhaltigkeit
und Klimaschutz
Okt. 2015: Schaffung von Kapazitäten (Ressour-
cen, Personal) zur Begleitung des Umsetzungs-
prozesses
Jan. 2018: Erhebung eines Stimmungsbildes
unter den Hochschulmitgliedern bezüglich vege-
tarischer und veganer Gerichte
Mai 2018: Durchführung von Kochkursen und
Umsetzung von Ideen und Veränderungen
Okt. 2019: Optimierung der Heizzeiten
März 2019: Optimierung der Beleuchtungszeiten
und -steuerung
Mai 2019: Einführung eines Pfandbecher-Ver-
leihsystems
ERFOLGS FAKTOREN
Klimaschutzprozess der Hochschulen und der
Stadt Flensburg
öffentliche Debatten im Zuge der Fridays for
Future-Proteste
gute Kooperation aller Beteiligten: Hochschule,
Studierende, Studentenwerk Schleswig-Holstein
HERAUS FORDERUNGEN
Ernährungsfragen können zu einem emotionalen
Thema werden. Vor einigen Jahren gab es Beschwer-
den nach der Einführung eines Veggie-Tages. Hoch-
schulmitglieder sahen darin eine politisch motivier-
te Einschränkung ihrer individuellen Freiheit und
haben ihren Frust am Mensa-Personal ausgelassen.
ÜBERTRAGBARKEIT
Eine Übertragung ist auf jede Hochschule mit
Mensabetrieb möglich.
EINBLICKE
Für eine hohe Akzeptanz unter Studierenden und
Beschäftigten sorgten eine gute Öffentlichkeitsar-
beit rund um Nachhaltigkeitsaktivitäten, ein attrak-
tives Angebot klimagerechter Speisen und beque-
me Mehrwegsysteme. All dies verbunden brachte
Klimaschutz, Genuss und Komfort zu moderaten
Preisen in die Mensa.
ZUKUNFTSIDEEN
Es gab am Campus Flensburg eine große Umfrage
zur Abschaffung von Pappbechern auf dem Cam-
pus: Über 1.000 Hochschulmitglieder (92 % der Ant-
wortenden) befürworteten das. Im Idealfall würde
der Campus zu einem Reallabor zur Erprobung ei-
ner vollständigen Abschaffung von Pappbechern in
der gesamten Stadt und Region Flensburg werden.
Entechtung
43
Mein bewegendster Moment:
… bei der Einführungsveranstaltung hat mich be-
geistert, dass Studierende die Einführung öffent-
lichkeitswirksam mit einem viel frequentierten
Pfandbecher-Getränkestand aktiv unterstützten.
Nachhaltigkeit ist für mich ein
Herzensthema, weil …
... ich einen Betrag zum Erhalt der Umwelt leisten
möchte. So wirkt sich der Einkauf für unsere
Mensen und Cafeterien auf das Angebot unserer
Lieferant*innen aus. Mit unseren nachhaltigen
Angeboten können wir viele Studierende und
Hochschulbeschäftigte erreichen und sensibili-
sieren.
Mein Tipp für alle, die ein Nach-
haltigkeitsprojekt starten wollen:
Macht einen guten Projektplan, der ein klares Ziel,
alle beteiligten Partner*innen und einen realisti-
schen Zeitplan berücksichtigt.
Meine Vision einer nachhaltigen
Hochschule 2050:
… papierlos, klimaneutral und abfallarm, mit
vielen belebten natürlichen Flächen auf dem Cam-
pus-Gelände.
MEHR ERFAHREN
Klimaschutz-Webseite der Hochschulen in Flens-
burg: http://klimaschutz.campus-flensburg.de
FairCup mit Ergebnissen der Umfrage: https://
klimaschutz.campus-flensburg.de/?page_
id=1943
Studentenwerk Schleswig-Holstein und Nach-
haltigkeit: https://www.studentenwerk.sh/de/
essen/nachhaltigkeit-und-ernaehrung/
44
Bisherige Erfolge:
Fallstudie zu Produktionsleistung und -umfang
von Klein- und Kleinstproduzenten in der Regi-
on Mecklenburgische Seenplatte
Besteht seit:
Juli 2019
Hochschule &
Kooperationspartner*innen:
Hochschule Neubrandenburg
Imkerverband Mecklenburg-Vorpommern
Landfrauenverband Mecklenburg-Vorpom-
mern
Kontaktdaten für Interessierte:
Christian Brechler
brechler@hs-nb.de
Hochschulbereich
Lehre
Forschung
Betrieb
Governance
Transfer
Initiiert von
Studierenden
Lehrenden / Forschenden
Verwaltungsmitarbeitenden
Hochschulleitung
Mit dem Reallabor möchten wir die Sichtbarkeit von Klein-
und Kleinstproduzent*innen erhöhen und ein Vermark-
tungsnetzwerk für landwirtschaftliche Kleinproduzent*in-
nen in Mecklenburg-Vorpommern aufbauen.
Reallabor
Kleinproduzenten
Entechtung
45
KONTEXT
Mecklenburg-Vorpommern ist seit jeher ein land-
wirtschaftlich geprägtes Bundesland. Über 60 % der
verfügbaren Fläche ist der landwirtschaftlichen Nut-
zung vorbehalten. Diese Landwirtschaft ist schon
seit der Erschließung des Landes von großräumigen
Strukturen, also großen Einzelflächen und großen
Betrieben geprägt. Allerdings gab und gibt es auch
zahlreiche kleine Höfe und Einzelpersonen, die
Landwirtschaft für die Eigenversorgung betreiben
oder für eine kleine Gruppe von Abnehmer*innen
Lebensmittel bereitstellen. Diese Form (Subsistenz-
wirtschaft) gehört ebenso zum kulturlandschaftli-
chen Bild wie die großen Betriebsstrukturen. Doch
die Konzentrations- und Wandlungsprozesse der
letzten Jahrzehnte erschweren es v.a. kleinen Betrie-
ben, landwirtschaftliche Nutzflächen anzukaufen,
ein geeignetes Marktumfeld zu finden und den
Transfer zu den Verbraucher*innen zu organisieren.
Zudem scheint die Bedeutung der in ihrer Freizeit
aktiven Lebensmittelproduzenten abzunehmen.
Dies zeigt beispielsweise der Blick auf die Kleingärt-
ner*innen in den neuen Bundesländern. Noch Mitte
der 1980er Jahre hat diese Gruppe ein Drittel der Ge-
müseversorgung im gesamten Staatsgebiet der ehe-
maligen DDR gestellt. In der Gegenwart haben diese
Dauerkleingartenflächen vor allem im ländlichen
Raum mit extrem hohen Leerständen und hohen Al-
tersdurchschnitten zu kämpfen – deren Bedeutung
für die und Beitrag zur Lebensmittelversorgung
ist nicht mehr wahrnehmbar. Auch außerhalb der
Kleingärten werden Lebensmittel in großen Teilen
von älteren Personen erzeugt; jüngere Personen
sind, zumindest in unserer Untersuchungsregion,
nach wie vor eher selten. Trotz dieser Entwicklung
erfreuen sich regional oder selbst erzeugte Produkte
einer wachsenden Beliebtheit.
Mit dem Reallabor Kleinproduzenten suchen
wir nach einer Möglichkeit, die Sichtbarkeit von
Klein- und Kleinstproduzenten zu erhöhen und die
Vernetzung untereinander zu fördern. Wir möch-
ten das Angebot der Produzenten so einfach wie
möglich für Verbraucher*innen zugänglich machen
und gleichzeitig den Aufwand seitens der Anbieter
gering halten. Wir zielen darauf ab, die Motivation
für Erzeugung und Konsum regionaler Lebensmit-
tel zu stärken und einen Rahmen zu schaffen, der
Austausch- und Informationsprozesse vereinfacht.
Unser Vorhaben ist eingebettet in das Transfervor-
haben Hochschule in der Region, gefördert durch das
Bundesministerium für Bildung und Forschung im
Rahmen der Initiative Innovative Hochschule. Das
Gesamtvorhaben setzt sich zum Ziel, die Hochschu-
le Neubrandenburg als Partnerin für Wissens- und
Technologietransfer in der Region fest zu veran-
kern. Neben unserem Teilvorhaben werden auch
Themen wie Mobilität in ländlichen Regionen,
Daseinsvorsorge und online-gestützte Bürgerbe-
teiligung bearbeitet. So können wir innerhalb von
Hochschule in der Region auf vielfältige Kompetenzen
zurückgreifen und uns gegenseitig unterstützen.
ZIELE
Sichtbarkeit von landwirtschaftlichen Kleinpro-
duzenten erhöhen
Vernetzung der Produzenten untereinander
stärken
Austauschprozesse zwischen Lebensmittelanbie-
tern und Verbraucher*innen vereinfachen
Förderung des Konsums regionaler Lebensmittel
Erhöhung der Motivation zur Lebensmittelerzeu-
gung
Reduktion der Lebensmittelverschwendung und
-verluste
Erhalt und Förderung einer vielfältigen Agrar-
struktur
BEZUG ZU SUFFIZIENZ
Zum einen sollen regionale Wertschöpfungspo-
tentiale besser ausgenutzt werden, wodurch lange
Transportketten für Lebensmittel reduziert werden.
Zum anderen motivieren wir Menschen, Erzeugnis-
se zu teilen, und mitzuhelfen, Lebensmittelverluste
zu mindern.
AUFBAU UND INHALT
Das Reallabor Kleinproduzenten ist ein Teil des
Transfervorhabens Hochschule in der Region und
dort in den Bereich » Regionale Wertschöpfung «
eingebettet – zusammen mit dem Teilvorhaben
» Lernnetzwerk Ernährung «. Das Projekt wird vertre-
ten durch den Projektleiter und -initiator Prof. Dr.
Theodor Fock und den Mitarbeiter Christian Brech-
ler; beide sind an der Hochschule Neubrandenburg
im Fachbereich Agrarwirtschaft und Lebensmittel-
wissenschaften tätig. Durch den Charakter eines Re-
allabors sind wir eng mit den regionalen Akteuren
in der Lebensmittelbranche der Region verknüpft.
Unsere Partner wie die Regionalvermarktungsiniti-
ative » Die Meck-Schweizer «, der Landesimkerver-
band Mecklenburg-Vorpommern und der Landfrau-
enverband Mecklenburg-Vorpommern helfen uns,
die regionale Struktur zu verstehen und die Bedarfe
der Umgebung zu erkennen.
Gleichzeitig sind wir innerhalb der Hochschule
aktiv in der Lehre eingebunden und betreuen Ab-
schlussarbeiten, die sich mit Themen der regiona-
len Wertschöpfung und bedarfsorientierter Anwen-
dungsentwicklung auseinandersetzen. In der Lehre
bieten wir Wahlpflichtmodule an, die teilweise offen
für alle Fachbereiche sind und sich beispielsweise
mit den Dauerkleingartenflächen in der Region aus-
einandersetzen oder den Entstehungs- und Verwer-
tungsprozess von Lebensmitteln regionsspezifisch
analysieren und praktisch aufarbeiten.
46
ERGEBNISSE
Analyse der Produktionsvielfalt und -leistung von
Freizeitproduzenten in der Mecklenburgischen
Seenplatte (erste Studie ausgewertet)
öffentlich verfügbare studentische Projekte: z.B.
Veröffentlichung einer Kleingartenbroschüre im
Okt. 2020
Entwicklung einer quelloffenen digitalen Platt-
form: Die Plattform wird das Angebot kleiner,
erwerbsmäßiger, aber auch privater Lebens-
mittelerzeuger kartenbasiert darstellen und
durchsuchbar machen. Um den Aufwand für den
Anbieter gering zu halten, gibt es keine Bestell-
oder Bezahlmöglichkeit, nur Informationen und
Kontaktdaten, ähnlich wie bei ebay Kleinanzei-
gen. Neben dem Produktionsort werden alle
Verkaufspunkte angezeigt; das erhöht den Infor-
mationsgewinn und kann den Beschaffungsauf-
wand reduzieren. Die Erzeuger*innen können
sich über die Anwendung untereinander vernet-
zen und gemeinsam z.B. Veranstaltungen oder
Märkte organisieren. Zielgruppe der Plattform
sind kleine Lebensmittelerzeuger, Bürger*innen
der Region und Tourist*innen.
Stärkung des regionalen Lebensmittelangebots
Förderung einer sinnvollen Nebeneinkunft zur
Verbesserung der Lebensqualität im ländlichen
Raum
Unterstützung gesellschaftlicher Teilhabe und
Interaktion durch einfache Kommunikations-
werkzeuge
Erhalt und Unterstützung der vielfältigen Agrar-
struktur in Mecklenburg-Vorpommern durch die
Stärkung kleiner Strukturen
Aufbau einer festen Transferstruktur innerhalb
der Hochschule für regionale und nachhaltige
Wertschöpfung in der Ernährungsbranche
VERSTETIGUNG
Zusammen mit der Hochschule werden stetig neue
Formate entwickelt, mit denen das Thema » regio-
naler Konsum « in die Gesellschaft getragen werden
kann. Dazu werden demnächst innerstädtische
Räume zur Verfügung gestellt, die als Austausch-
plattform oder Pop-up-Store fungieren können. Hier
beziehen wir ebenso Studierende in den Entwick-
lungsprozess mit ein. Besonders gut funktionie-
rende Formate können über den Projektzeitraum
hinweg weitergeführt werden. Zusammen mit den
Akteuren Hochschule und Stadtverwaltung entwi-
ckeln wir dabei Formate, in denen der regionale
Lebensmittelkonsum im Fokus steht.
Auch innerhalb der Hochschule versuchen wir
mit möglichst allen Fachbereichen und der Hoch-
schulverwaltung zusammenzuarbeiten, um unser
Thema über den Projektzeitraum hinaus festigen zu
können. So arbeiten wir in dem Wahlpflichtprojekt
» Essbare Hochschule « mit dem Referat » Ökologie &
Studi-Garten « und allen Fachbereichen zusammen,
um auf dem Hochschulcampus essbare Pflanzen an-
zubauen, sie zu verarbeiten und Campusweit durch
die Teilnehmenden zu verteilen.
STUDENTISCHE PARTIZIPATION
Wir bieten Lehrveranstaltungen an, in denen wir
innerstädtische Kleingartenanlagen betrachten
oder die Wertschöpfungskette der Lebensmittelpro-
duktion an der Hochschule (» Essbare Hochschu-
le «) abbilden. Studierende schreiben bei uns ihre
Abschlussarbeiten und unterstützen das Projekt
mit ihren Erkenntnissen und Fähigkeiten und sind
stark am Entstehungs- und Denkprozess beteiligt.
UMSETZUNG
Juni 2019: Beginn des Teilvorhabens
Juni bis Sept. 2019: Treffen mit allen Kooperati-
onspartnern (Bedarfsanalyse)
Juni bis Dez. 2019: Literatursichtung zum The-
menkomplex
Aug. bis Dez. 2019: Aufbau und Umsetzung der
Fallstudie
Okt. 2019 bis April 2020: Studierendenprojekt
» Erarbeitung einer Kleingartenbroschüre für
Neubrandenburg «
seit Jan. 2020: Fortführung, Analyse und Erweite-
rung der Studie
seit April 2020: Beginn der Entwicklung einer
Plattform
ab Juli 2020: Aufbau eines Netzwerks aus Klei-
nerzeugern in der Region
Sept. 2020: Veröffentlichung der Studie
ab 2021: Überarbeitung, Pflege und Auswertung
der Plattform; Evaluation mit Partnern
ERFOLGS FAKTOREN
Das Gesamtvorhaben Hochschule in der Region
hat verschiedenste Kompetenzen und viel krea-
tiven Spielraum, dadurch können Problemstel-
lungen schnell und unbürokratisch angegangen
werden.
Vereinigung unterschiedlicher Perspektiven im
Projekt – Themen der Daseinsvorsorge, Regio-
nalplanung, Mobilität und Kunst
Das Projektmanagement versucht, neuen Ideen
Raum zu schaffen, und hilft bei der Mittelbe-
antragung oder der Kommunikation mit den
Entscheider*innen; das erleichtert die Arbeit im
Teilvorhaben ungemein
deutschlandweit hohes Interesse an alternativen
Vermarktungskonzepten für regionale landwirt-
schaftliche Erzeugnisse
HERAUS FORDERUNGEN
Insbesondere bei der Vermarktung von Lebensmit-
teln gelten hohe Qualitäts- und Hygienestandards,
Entechtung
47
Mein bewegendster Moment:
Durch die Art des Projekts kommen wir immer
wieder mit Menschen in Kontakt, die sich dem
Thema der Lebensmittelerzeugung vor allem aus
Gewohnheit oder Leidenschaft widmen. Für mich
ist das sehr interessant, weil diese Gruppe eher
keine Gewinnoptimierung verfolgt und Lebens-
mittel erzeugt, um sich selbst zu versorgen oder
neue Dinge auszuprobieren. So lernen wir ein
großes Spektrum an Anbaumethoden und Erzeug-
nissen kennen, die in der klassischen Agrar- und
Lebensmittelwirtschaft wenig Beachtung finden.
Es ist immer wieder beeindruckend, wie vielfältig
auch die Erzeugung in unserer Region ist und mit
welchem Engagement die Menschen dahinterste-
hen.
Nachhaltigkeit ist für mich ein
Herzensthema, weil …
… ein Großteil der genutzten Ressourcen ver-
schwendet werden. Wenn wir die uns verfügbaren
Räume und Kapazitäten bewusster nutzen und
uns die Verteilungsströme anschauen, können wir
ohne Verzicht einen großen Teil der Verschwen-
dung einsparen. Eine Rückbesinnung auf regio-
nale Wertschöpfungsketten – wo es möglich ist –,
kann einen erheblichen Teil dazu beitragen.
Mein Tipp für alle, die ein Nach-
haltigkeitsprojekt starten wollen:
Es ist nicht schlecht, am Anfang in kleineren
und umsetzbaren Dimensionen zu denken, um
die eigene Motivation nicht zu verlieren. Große
Projekte mit vielen Partner*innen können schnell
überfordern und den Fortschritt bremsen, weil ein
Großteil der Zeit für Organisation gebraucht wird.
Meine Vision einer nachhaltigen
Hochschule 2050:
Meiner Meinung nach sollten Studierende und
Lehrende in einer nachhaltigen Hochschule
einen sehr starken Gestaltungsspielraum bekom-
men, damit die Hochschule einem ständigen
Wandlungs- und Reflexionsprozess unterliegt. So
könnten Projekte, die innerhalb der Lehre entwi-
ckelt werden, direkt auf dem Campus oder in der
Hochschulstruktur erprobt und verankert werden.
Die Hochschule Neubrandenburg ist für neue
Ideen schon immer sehr offen gewesen und lässt
auch Gestaltungsspielräume zu. Ein konkreter
Spielraum und ein festes Budget für Themen der
Suffizienz könnten hier zu einer stetigen Entwick-
lung beitragen.
deren Einhaltung mit hohem Aufwand verbunden
ist. Daher ist die Angebotspalette für » Hobbypro-
duzent*innen « auf bestimmte Produktkategorien
und -umfänge beschränkt. Betriebe, die ihren
Lebensunterhalt mit der Lebensmittelerzeugung
verdienen, sollten auch auf unserer Plattform
Wertschätzung erfahren. Sie gewährleisten hohe
Qualitäten und übernehmen eine große, auch
rechtliche Verantwortung. Hier eine frustrations-
freie Struktur zu etablieren, ist technisch an-
spruchsvoll.
ÜBERTRAGBARKEIT
Alle entwickelten Lösungsansätze werden trans-
parent gestaltet, quelloffen und frei nutzbar sein.
Durch unseren Standort ist unser Plattformansatz
eher für ländliche Regionen konzipiert, auch weil
wir hier den größten Handlungsbedarf sehen.
Trotzdem kann jede*r partizipieren.
EINBLICKE
» Früher war es normal, nebenher einen Garten
zu bewirtschaften. Und was man nicht verbraucht
hat, konnte man nahezu überall abgeben. Heute
fehlt leider eine Struktur dafür. « (Teilnehmer
Kleingartenseminar)
ZUKUNFTSIDEEN
Mit dem Projekt wollen wir in der Region eine
neue Informations- und Austauschquelle schaf-
fen, um einerseits den Erzeugern etwas Kommuni-
kations- und Marketingaufwand abzunehmen und
den Verbrauchern andererseits eine übersichtli-
che Informationsebene für regionale Lebensmit-
tel zur Verfügung zu stellen. Das mit den Mitteln
der Digitalisierung erreichen zu wollen, ist ein
Versuch, der nur gelingen kann, wenn der Einstieg
sehr einfach und der Nutzen sehr groß ist. Am
Ende könnte man damit jedoch eine neue Orga-
nisationsebene in der Lebensmittelversorgung
schaffen, die sehr persönlich und transparent den
kleinen Erzeuger*innen die Chance gibt, mehr
Sichtbarkeit zu erfahren und neue Absatzwege zu
finden. Wenn wir es schaffen, den kleinsten Struk-
turen die Zukunft etwas abzusichern, können wir
damit die Vielfalt in der Kulturlandschaft, die Viel-
falt in der Wertschöpfung und die Wertschätzung
für Lebensmittel erhöhen.
MEHR ERFAHREN
Webseite: url.hs-nb.de/kleinproduzenten
Video (ab 1:55 min) und Präsentation zum Projekt:
https://diznb.de/mdc-das-digitale-dorf
48
Bisherige Erfolge:
Veröffentlichung von Umwelt- und Nachhaltig-
keitsberichten unter Einbeziehung von Studie-
renden seit 2004
Auszeichnungen: Top-Platzierungen im Utopia-
und im GreenMetric-Ranking, Award des Inter-
national Sustainable Campus Network 2017,
BNE-Lernort im WAP BNE 2018/2019
Entsprechungserklärung zum Deutschen
Nachhaltigkeitskodex an Hochschulen im
März 2020
Besteht seit:
1996
Hochschule &
Kooperationspartner*innen:
Umwelt-Campus Birkenfeld der Hochschule Trier
Kontaktdaten für Interessierte:
Prof. Dr. Klaus Helling
k.helling@umwelt-campus.de
+49 (0)6782 171307
Hochschulbereich
Lehre
Forschung
Betrieb
Governance
Transfer
Green Office & studentisches Engagement
Initiiert von
Studierenden
Lehrenden / Forschenden
Verwaltungsmitarbeitenden
Hochschulleitung
Der Umwelt-Campus Birkenfeld ist im führenden Nachhal-
tigkeitsranking GreenMetric seit drei Jahren Deutschlands
grünste Hochschule und belegt weltweit Platz 6. Unter dem
Motto » Nachhaltig. Innovativ. Digital. « verfolgen wir einen
ganzheitlichen Ansatz, der alle Bereiche der Hochschule ein-
bezieht und dabei neben Effizienz und Konsistenz auch die
Suffizienz im Blick hat.
Umwelt-Campus
Birkenfeld
Foto: Ch. Müller-Dönnhoff
Entechtung
49
KONTEXT
Bereits im Gründungsauftrag des Umwelt-Campus
Birkenfeld sind Bildung für nachhaltige Entwick-
lung und ein ganzheitlicher, interdisziplinärer
Ansatz im Sinne der Kreislaufwirtschaft fest
verankert. Das Green-Campus-Konzept des Hoch-
schulstandorts Birkenfeld dient als Vorbild für die
nachhaltige Veränderung einer Konversionsfläche
in eine Hochschule. Beim Umbau des ehemaligen
Militärlazaretts und der Erweiterungsbauten der
Hochschule kamen die unterschiedlichsten ökologi-
schen Materialien, insbesondere Holz, zum Einsatz.
Bei der Planung von Anlagen- und Gebäudetech-
nik setzen wir stets auf innovative und modernste
Technik. So ist der Umwelt-Campus die erste » Zero
Emission University « Europas, denn Wärme und
Strom für die Liegenschaft stammen vollständig aus
erneuerbaren Energien. Diese Ausgangssituation ist
für uns Motivation und Verpflichtung, Nachhaltig-
keit ganzheitlich umzusetzen und dabei besonders
auf die Impulse und Beteiligung von Studierenden
zu setzen.
ZIELE
Der Umwelt-Campus Birkenfeld soll als Vorbild
dienen. Wir entwickeln ihn als Best Practice für
Nachhaltigkeit an Hochschulen kontinuierlich
weiter. Dabei verfolgen wir einen ganzheitlichen An-
satz, der Lehre, Forschung, Betrieb, Governance und
Transfer beinhaltet. Unsere Studierenden lernen,
leben und gestalten Nachhaltigkeit an der Hoch-
schule mit und tragen nach dem Studienabschluss
zur nachhaltigen Transformation der Gesellschaft
bei.
BEZUG ZU SUFFIZIENZ
Die Bezüge zu Suffizienz ergeben sich in fast allen
Bereichen der Hochschule. Einige Beispiele verdeut-
lichen das.
Zusammenspiel von Forschung und Betrieb: Wir
realisierten wichtige Einsparungspotentiale – in
den Hörsälen und Büros beispielsweise durch
das Forschungsprojekt » Ressourceneffizienz im
Gebäudebetrieb durch Nutzerintegration und
Automation (Regena) «. Ziel des Forschungspro-
jekts war die konzeptionelle Entwicklung und
Evaluierung geringinvestiver Maßnahmen zur
energetischen Betriebsoptimierung im Hoch-
schulbereich. Im Zuge des Projekts unterrich-
teten wir die Angestellten und Studierenden in
Informationsveranstaltungen und Schulungen
über aktuelle Forschungserkenntnisse. Dort
lernten sie, im Arbeitsalltag schonend mit den
benötigten Ressourcen umzugehen.
Lehre, Forschung und Governance: Durch den
Einsatz von Videokonferenzen vermeiden wir
Dienstreisen zwischen verschiedenen Standor-
ten der Hochschule, zu Projektpartner*innen
und Partneruniversitäten. Für verbleibende
Dienstreisen nutzen wir vorrangig die Bahn. Auf
dem Campus stehen zudem Elektrofahrzeuge
zur Verfügung. Flugreisen werden nur für inter-
nationale Ziele genehmigt. Mit Baumpflanzakti-
onen kompensieren wir darüber hinaus teilweise
verkehrsbedingte Emissionen.
Lehre, Forschung und Transfer: Unter dem Mot-
to » Nachhaltig. Innovativ. Digital. « haben wir
mit der Expertengruppe Internet of Things (IoT)
des nationalen Digital-Gipfels die IoT-Werkstatt
entwickelt, die Digitalisierung, Aufklärung der
Gesellschaft und Klimaschutz für jeden begreif-
bar macht. Gemeinsam mit Partnerschulen be-
handeln wir regelmäßig Nachhaltigkeitsthemen
in der Kinder-Uni und bei Klimaschutzkonferen-
zen. Öffentliche Ringvorlesungen, Ausstellungen
und Fotowettbewerbe thematisieren die Sustain-
able Development Goals und bieten Anregungen
für einen nachhaltigeren Lebensstil.
AUFBAU UND INHALT
Der Nachhaltigkeitsbeauftragte initiiert und
koordiniert die Nachhaltigkeitsaktivitäten am
Umwelt-Campus. Die Hochschulleitung, der Nach-
haltigkeitsrat und das studentische Green Office
unterstützen ihn.
Nachhaltigkeitsrat
Nachhaltigkeits-
beauftragter
Gleichstellungs
büro
Umweltrecht
Dienstreisen
Energie-
management
Umweltreferat
AStA
Labore / Sicherheits-
beauftragte
Wasser, Abfall,
Liegenschaften
Hochschul-
leitung
Assistenz
für UMS
ERGEBNISSE
Wir haben am Umwelt-Campus Birkenfeld eine
ganzheitliche Nachhaltigkeitsstrategie etabliert, die
wir in allen Bereichen der Hochschule leben. Mit
studentischer Unterstützung erfolgt eine regel-
mäßige Nachhaltigkeitsberichterstattung, die wir
aktuell um eine Entsprechungserklärung nach dem
Deutschen Nachhaltigkeitskodex an Hochschulen
(Hochschul-DNK) ergänzt haben. Suffizienz ist für
uns eine wesentliche Strategie der Umsetzung nach-
haltiger Entwicklung an der Hochschule. In For-
schung und Transfer ist Suffizienz darüber hinaus
ebenfalls ein zentrales Anliegen. Über die regelmä-
ßig vereinbarten und umgesetzten Nachhaltigkeits-
ziele sowie das etablierte Green Office beschreiten
wir einen kontinuierlichen Verbesserungsprozess.
Weitergehende Informationen mit Zahlen, Daten
und Fakten finden sich in den Nachhaltigkeitsbe-
richten des Umwelt-Campus.
50
Nicht nur das studentische Engagement für Nach-
haltigkeit nimmt weiterhin zu, sondern auch die
Integration in Lehre, Forschung und Transfer ist
über zahlreiche Projekte richtungsweisend. Als Bei-
spiel sei die Beteiligung des Umwelt-Campus an der
Regionalen Netzstelle für Nachhaltigkeitsstrategien
RENN.west genannt. Über RENN.west haben wir
uns mit zahlreichen zivilgesellschaftlichen Nach-
haltigkeitsinitiativen vernetzt und erreichten über
die Kampagne » Ziele brauchen Taten « Menschen,
die sich bislang noch nicht mit einem nachhaltigen
Lebensstil befasst haben.
VERSTETIGUNG
Das Leitbild der Hochschule beinhaltet eine Ver-
pflichtung zur Nachhaltigkeit. Die Leitlinien zur
Nachhaltigkeit für den Umwelt-Campus konkreti-
sieren diese. Regelmäßig beschließt der Nachhaltig-
keitsrat neue Ziele und bewertet deren Einhaltung.
Somit ist ein kontinuierlicher Verbesserungsprozess
etabliert, der durch die oben beschriebenen Struk-
turen unterstützt wird.
STUDENTISCHE PARTIZIPATION
Studierende können sich über die studentischen
Gremien, das Green Office, die Teestube sowie mit
Projekten in Lehre und Forschung auf vielfältige Art
und Weise beteiligen. Studentische Gremien wie
AStA und Fachschaften setzen sich für alle ökolo-
gisch motivierten Projekte auf dem Campus ein,
unterstützen das Green Office und gestalten das
Campusleben aktiv mit, z.B. durch:
Carsharing und Foodsharing-Gruppen,
das Aufstellen und Betreuen von Krötenzäunen,
die Organisation von » Dreck-weg-Tagen «,
die » Apfel-Sammeltage «, wobei mit dem Obst-
und Gartenverein Hoppstädten-Weiersbach
eigener Apfelsaft gekeltert wird,
Campus-Gardening, insb. die Zuteilung der Par-
zellen und das Bereitstellen von Gartengeräten,
die Teilnahme an Demonstrationen, z.B. Fridays
for Future und Hambacher Forst.
Das Green Office dient als Anlauf- und Schnittstelle
für nachhaltige Projekte: für Studierende, Mitar-
beitende und Lehrende. Es realisiert u.a. vegane
Frühstücke, Kleidertauschpartys, Filmabende in
Kooperation mit den Green Offices Landau und
Kaiserslautern und eine Teestube. In Letzterer wird
seit 1996 Fairtrade-Tee und -Kaffee angeboten; zu-
dem gibt es Produkte von regionalen Unternehmen
sowie eine Partnerschaft mit der Regionalmarke
» SooNahe – Gutes von Nahe und Hunsrück «.
Alle Studierenden erhalten zum Studienstart wie-
derverwendbare Trinkflaschen, die sie kostenlos an
Wasserspendern befüllen können. So vermeiden wir
Plastikabfall. Wer eigene Tassen mitbringt, spart in
der Teestube und beim Kaffeeausschank.
UMSETZUNG
1996: Aufnahme des Lehrbetriebs
2000: Umwelt-Campus wird mit seinem
Zero-Emission-Konzept Außenstandort der
EXPO Hannover
2001: Gründung des Instituts für angewandtes
Stoffstrommanagement (IfaS)
2004: Veröffentlichung erster Umweltbericht
2008: Auszeichnung im Wettbewerb » Deutsch-
land – Land der Ideen «
2012: Platz 1 als grünste Hochschule Deutsch-
lands im Hochschulranking von Utopia
2017: Award-Gewinner für das Zero-Emissi-
on-Konzept in der Kategorie » Campus Planning
and Management Systems « des International
Sustainable Campus Network (ISCN)
2018: Auszeichnung im Weltaktionsprogramm
BNE in Deutschland als BNE-Lernort (Stufe 3/3)
2018/2019: Platz 6 weltweit und Platz 1 in
Deutschland im GreenMetric-Ranking
2020: Veröffentlichung der ersten Entspre-
chungserklärung zum Hochschul-DNK
2021: Einladung als grünste Hochschule mit
der IoT-Werkstatt und dem Blauen Engel für
Software und Rechenzentren zur » Woche der
Umwelt « beim Bundespräsidenten
ERFOLGS FAKTOREN
Drei wichtige Erfolgsfaktoren haben die Umsetzung
von Suffizienz und Nachhaltigkeit erleichtert:
Der Umwelt-Campus hat von Anfang an auf In-
terdisziplinarität und Nachhaltigkeit gesetzt.
Er ist ein Residential Campus, bei dem viele Stu-
dierende direkt auf dem Campus leben, lernen
und arbeiten. Dadurch gibt es viele sehr enga-
gierte Studierende, die sich für » ihre « Hochschu-
le engagieren.
Die Campussituation fördert den Zusammenhalt
von Lehrenden, Mitarbeitenden und Studie-
renden und es gibt viele Professor*innen, die
mit innovativen Projekten und gutem Beispiel
vorangehen.
HERAUS FORDERUNGEN
Für viele gute Ideen müssen wir administrative und
finanzielle Hürden überwinden und natürlich müs-
sen auch immer wieder die Betroffenen zu Beteilig-
ten gemacht werden. Hier gilt es zu vermitteln, dass
Suffizienz und nachhaltige Entwicklung Verände-
rungen von bislang bewährten Handlungsroutinen
mit sich bringen.
ÜBERTRAGBARKEIT
Es ist Zeit zum Handeln, sodass alle Hochschu-
len sich ganzheitlich in Richtung Nachhaltigkeit
entwickeln müssen. Von daher sind sowohl das
Gesamtkonzept als auch viele Einzelaspekte, die in
Entechtung
51
Mein bewegendster Moment:
... wiederholt sich immer dann, wenn sich ein*e
Absolvent*in des Umwelt-Campus bei mir aus
der beruflichen Praxis meldet und von Erfolgen
beim nachhaltigen Umbau seines bzw. ihres
Unternehmens berichtet. Ebenso begeistern mich
Studierende, die neue Nachhaltigkeitsprojekte an
der Hochschule initiieren und mit großem Elan
auch umsetzen, so wie z.B. vor einem Jahr die erste
Kleidertauschbörse.
Nachhaltigkeit ist für mich ein
Herzensthema, weil …
... ich dazu beitragen möchte, die Welt auch für
die Generation meiner Kinder und Enkel lebens-
wert zu erhalten. Dabei spielt die Hochschule eine
Schlüsselrolle, weil wir hier die Führungskräfte
von morgen ausbilden. Motivation dazu liefert die
Kinder-Uni: die Begeisterung der 10-Jährigen für
Nachhaltigkeitsthemen reißt mich mit!
Mein Tipp für alle, die ein Nach-
haltigkeitsprojekt starten wollen:
Übertragen Sie Ihre Begeisterung auf andere – im
Team geht alles besser!
Meine Vision einer nachhaltigen
Hochschule 2050:
2050 sind alle Hochschulen weltweit Impulsgeber
der nachhaltigen Entwicklung und arbeiten an der
Umsetzung der Agenda 2060. Alle Studierende en-
gagieren sich in ihren jeweiligen Fachgebieten für
das Gemeinwesen, jede Hochschule ist nach dem
Vorbild des Umwelt-Campus » Zero-Emission-Uni-
versity « und die Vergabe von Forschungsmitteln
orientiert sich ausschließlich an den Beiträgen der
Forschung zur nachhaltigen Entwicklung.
Birkenfeld etabliert sind, auf andere Hochschu-
len übertragbar. Mit mehreren internationalen
Partneruniversitäten haben wir bereits Projekte
konzipiert, wie die Partner*innen ihre Hochschu-
len in Richtung Zero-Emission und Nachhaltig-
keit verändern können. Die Förderung durch
die Hochschulleitung und die Akzeptanz in der
Professor*innenschaft sowie die Initiativen von
Studierenden sind essentielle Erfolgsfaktoren für
die Umsetzung ganzheitlicher Konzepte. Die Tat-
sache, dass sich weltweit sehr viele Lehrende bei
den Scientists for Future engagieren, ist ein guter
Impuls für eine nachhaltige(re) Hochschule.
EINBLICKE
» Nachhaltigkeit bedeutet für mich, dass wir als
Hochschule Verantwortung für die Ausbildung
zukünftiger Führungskräfte übernehmen und mit
der Vermittlung des erforderlichen Fachwissens
zur Umsetzung der Sustainable Development
Goals der Agenda 2030 beitragen. « (Prof. Dr.
Klaus Helling, Dekan Fachbereich Umweltwirt-
schaft / Umweltrecht)
» One day when I ask myself: What have I done in
my life? I can be proud, because I performed my
actions towards the well being and the protec-
tion of our planet in terms of work, knowledge,
education and research. The IMAT master enables
that capacity and enhanced my passion. « (Navoda
Senanayake, Masterstudent International Material
Flow Management)
» Nachhaltigkeit muss man machen! Wir haben
uns wie jedes Jahr im März darum gekümmert,
dass der Krötenzaun rechtzeitig aufgebaut war.
Tatsächlich dauerte es zwei Wochen, bis die ersten
Kröten in den Eimern landeten. Im Herbst 2018
haben wir drei Apfelsammeltage durchgeführt
und zusammen mit dem Obst- und Gartenbauver-
ein Hoppstädten-Weiersbach etwa 180 l eigenen
Apfelsaft gekeltert. « (Eric Graf und Niklas Tölle,
AStA-Umweltreferat am Umwelt-Campus)
» Nachhaltigkeit bedeutet für uns, dass alle Hoch-
schulmitglieder an der nachhaltigen Entwicklung
teilhaben können und umweltschonendes sowie
sozialverträgliches Handeln gefördert und gefor-
dert wird. « (Team des Green Office)
ZUKUNFTSIDEEN
Der Umwelt-Campus Birkenfeld hat noch viele
Ideen auf dem Weg zu einer nachhaltigen Hoch-
schule. Wir möchten die Vision » Zero-Emission «
noch umfassender umsetzen. Dies betrifft z.B. die
Kreislaufwirtschaft (z.B. plastikfreier Campus),
Null-Emissionslösungen für Wasserversorgung
und Abwasserbehandlung sowie CO2-neutrale
Mobilitätslösungen. Wir möchten in Netzwerken
deutscher und internationaler Hochschulen, die
Nachhaltigkeit ganzheitlich etablieren möchten,
eine führende Rolle spielen. Darüber hinaus
entwickeln wir die Studienangebote und die For-
schungsschwerpunkte kontinuierlich weiter, wo-
bei die internationale Zusammenarbeit wertvolle
Impulse liefert.
MEHR ERFAHREN
Download der Nachhaltigkeitsberichte und wei-
tere Informationen zur Nachhaltigkeit: www.
umwelt-campus.de/green-campus
Webseite: www.umwelt-campus.de
52
Bei der Konferenz der Vereinten Nationen zu Um-
welt und Entwicklung 1992 in Rio hat die Weltge-
meinschaft die Agenda 21 beschlossen: als Agenda
der Nachhaltigkeit für das 21. Jahrhundert. Heute
– fast 30 Jahre später – muss man sich fragen, und
diese kritischen Fragen werden gerade von der
jungen Generation besorgt und ungeduldig ge-
stellt: Was haben Jahrzehnte globalen Dialogs über
nachhaltige Entwicklung und unzählige Studien er-
reicht? All die nationalen Nachhaltigkeitsstrategien,
die Bemühungen um nachhaltige Unternehmens-
führung, um nachhaltige Konsummuster? Wie kön-
nen wir die aktuellen politischen Ziele der Pariser
Klimakonvention und die Sustainable Development
Goals (SDG) der Vereinten Nationen erreichen?
Klimakrise, Artensterben und Rohstoffkrise werden
auch bei uns zunehmend spürbar und sichtbar, und
die Prognosen werden immer dramatischer. Die
Hoffnung der vergangenen Jahrzehnte, mit techni-
schem Fortschritt, Innovationen und Effizienz ließe
sich beides vereinbaren – Ressourcen und Energie
sparen und zugleich wirtschaftliches Wachstum,
sodass die planetaren Grenzen eingehalten werden
können –, hat sich als illusionär herausgestellt. Das
weltweite wirtschaftliche Expansionsprogramm
lässt sich offensichtlich nicht mit dem nötigen
ökologischen Reduktionsprogramm vereinbaren.
Damit wird auch deutlich, dass das harmonisieren-
de Nachhaltigkeitsbild von den drei gleichberech-
tigten Säulen Ökonomie, Ökologie und Soziales ein
Trugbild ist. De facto geben Politik und Wirtschaft
trotz aller Nachhaltigkeitsrhetorik den ökonomi-
schen Zielen Vorrang, statt mit Priorität die natür-
lichen Lebensgrundlagen zu erhalten. Die meisten
Länder des Südens folgen dem Entwicklungspfad
der Industriestaaten. Aber eine Wirtschaftsweise,
die in einer begrenzten Welt mit endlichen Res-
sourcen auf unendliches Wachstum setzt, ist nicht
nachhaltig.
Warum brauchen wir neben der Effizienz auch die
Suffizienz?
In Punkto Effizienz gab es in den vergangenen
Jahrzehnten große Fortschritte. Effizientere Produk-
tionsprozesse und effiziente Produkte haben sich
etabliert, sodass viele Produkte für sich genommen
weniger Energie und Ressourcen verbrauchen und
weniger Schadstoffe ausstoßen. Das nennt man
relative Entkopplung.
Eine absolute Entkopplung wäre erreicht, wenn bei
einer steigenden Menge an Gütern und Dienstleis-
tungen, also bei einem steigenden Bruttoinlandspro-
dukt, die Umweltbelastung insgesamt zurückgeht.
Diese absolute Verringerung von Umweltverbrauch
und Umweltbelastungen bei steigendem Bruttoin-
landsprodukt findet aber bisher nicht statt.
Das kann verschiedene Gründe haben:
Effizientere Produkte werden gleichzeitig größer,
wie Kühlschränke, Fernseher, Autos und Wohnun-
gen,
oder die effizienteren Produkte werden intensiver
genutzt, zum Beispiel wird mit dem sparsamen
Auto mehr gefahren,
es werden mehr Geräte wie Fernseher und LED
angeschafft, und es gibt dann Fernseher in jedem
Zimmer und im Garten durchgängig abendliche
Festbeleuchtung,
oder das durch effizientere Produkte eingesparte
Geld wird auf andere Weise ausgegeben, die zu
Umweltbelastungen führt.
Unter anderem wegen dieser sogenannten Rück-
kopplungseffekte (Rebound-Effekte) sind neben
Effizienz auch andere Verhaltensweisen nötig, sodass
mit effizienten Produkten auch klug umgegangen
wird. Ein weiteres wichtiges Argument für Suffizienz
ist, dass Effizienzmaßnahmen kaum zum Schutz von
Biodiversität beitragen.
Es ist also ein anderer Lebensstil nötig, der auch
das Genug, die Suffizienz kennt. Suffizienz kommt
vom lateinischen » sufficere « und wird übersetzt mit
» genügsam, bescheiden, im Rahmen bleibend, sich
selbst Grenzen setzen «. Der Begriff der suffizienten
Lebensstile betrifft den ökologischen Aspekt: dass
Lebensstile so genügsam im Hinblick auf materielle
Ansprüche sein sollen, dass Nachhaltigkeit erreich-
bar ist – dass nicht nur wir ein gutes Leben haben,
sondern Menschen weltweit und künftige Generatio-
nen.
Suffizienz steht aber auch für einen Lebensstil, der
für den oder die Einzelne das rechte Maß hat, das als
ein gutes Leben empfunden wird. Unter gutem Leben
kann man sehr viele individuelle Lebensentwürfe ver-
stehen, die aber gemein haben, dass sie mit globaler
und langfristiger Verantwortung verbunden sind.
Warum brauchen wir Suffizienzpolitik?
Nach 30 Jahren Lebensstildebatte und -bewegung
und Bemühungen um einen nachhaltigen Konsum
ist deutlich geworden: Individuelle Anstrengungen
allein führen nicht zu den nötigen gesellschaftlichen
Umorientierungen und ökologischen Entlastungsef-
Suzienz und
Suzienzpolitik
53
fekten. Dennoch gilt das Thema Lebensstile als rein
private Angelegenheit, aus der der Staat sich heraus
zu halten habe.
Über nachhaltigen Konsum – wie herkömmliche
Produkte durch ökologisch und sozial verträglichere
Produkte ersetzt oder ergänzt werden können – lässt
sich noch reden, etwa über Ökosiegel und Bio-Pro-
dukte. Die Frage nach weniger Konsum weisen
Politiker*innen jedoch zurück. Diese Aversion der
Politik beruht nicht nur auf einer vornehmen Zu-
rückhaltung gegenüber der Privatsphäre, auf einem
falsch verstandenen Liberalismus, auf einer nicht
zutreffenden Vorstellung von der Trennung von In-
dividuum und Gesellschaft – sondern auch darauf,
dass nachhaltige Lebensstile Sand im Getriebe des
Wachstumsmotors Konsum sind. Denn die Kon-
sumgesellschaft ist darauf ausgerichtet, die Produk-
tion zu steigern. Suffiziente Lebensstile verringern
dagegen die Menge der konsumierten Güter.
Die Konsummuster in den Industriestaaten beru-
hen auf der weltweiten Ausbeutung von Menschen
und Natur. Politiker weisen die Verantwortung dafür
zurück und laden sie bei den Konsument*innen
ab. Aber Politik beeinflusst in umfassender Weise
unsere Lebensstile und deshalb braucht es einen
politischen Handlungsrahmen für suffiziente Le-
bensstile.1
Gestalten, Orientieren, Ermöglichen: Handlungsfel-
der der Suffizienzpoitik
Die folgende Grafik gibt einen Überblick über die
unterschiedlichen Handlungsfelder einer Suffizi-
enzpolitik.
» Rahmen «
» Orientieren «
» Ermöglichen « » Gestalten «
Suffizienz-
politik
Wohlstandsmaße
Wettbewerbsordnung
Infrastrukturen
Verteilungspolitik
Arbeitspolitik
Bildungspolitik
Gesundheitspolitik
Verbraucherpolitik
Mobilität
Bauen / Wohnen / Stadt
Ernährung
Entschleunigung
Entflechtung
Entrümpelung
Entkommerzialisierung
Suffizienz ermöglichen – indem die Vorausset-
zungen und Fähigkeiten jedes und jeder Einzel-
nen gestärkt werden, wie Bildung oder Gesund-
heit;
1 Vgl. Uwe Schneidewind und Angelika Zahrnt » Damit gutes Leben
einfacher wird. Perspektiven einer Suffizienzpolitik « (oekom 2013)
und Web-Landkarte Suffizienzpoltik: http://suffizienzpolitik.post-
wachstum.de/de/suffizienzpolitik.
den gesellschaftlichen Rahmen für Suffizienz
schaffen – als Ordnungspolitik, die individuelle
Entfaltung und sozialen und ökologischen Aus-
gleich in ein neues Gleichgewicht bringt;
Suffizienz politisch gestalten – in konkreten
politischen Handlungsfeldern wie Stadt- und
Wohnungsbau, Mobilität, Ernährung und Land-
wirtschaft;
neue Orientierung schaffen – für das rechte Maß
für Zeit und Raum, das rechte Maß für Besitz und
Markt.
Auf zwei dieser Handlungsfelder gehen wir ausführli-
cher ein.
Orientierung am rechten Maß
Heute prägt unsere Gesellschaft die Steigerungslogik
des » Immer weiter, immer schneller, immer mehr «.
Dies ist verbunden mit erhöhtem Verbrauch an Ener-
gie, Ressourcen, Fläche über die Grenzen der ökolo-
gischen Belastbarkeit hinaus und zugleich mit einem
erhöhten menschlichen Energieaufwand und einer
Steigerung des Lebenstempos, das die menschliche
Belastbarkeit strapaziert und manchmal darüber
hinausgeht. Burn-out ist dann oft die Folge.
Wir wollen dieser Steigerungslogik etwas entge-
gensetzen: Die Orientierung am rechten Maß – hier
erläutert entlang der sogenannten 4E von Wolfgang
Sachs – Entschleunigung, Entflechtung, Entrümpe-
lung, Entkommerzialisierung.2
Entschleunigung steht für das rechte Maß für die
Zeit. Es steht für langsamer, zuverlässiger, für einen
angepassten Rhythmus. Entschleunigung ist ange-
sagt im Alltagstempo – insbesondere im Verkehrsbe-
reich, in der Arbeitswelt, in den Produktzyklen
von Gütern –, um zu Qualität und Langlebigkeit zu
kommen.
Entflechtung steht für das rechte Maß für den Raum.
Es geht um eine neue Aufteilung zwischen globalem
und regionalem Wirtschaften – etwa um eine Regi-
onalisierung der Lebensmittelproduktion und der
Energieversorgung, um regionale Wertschöpfung
durch Handwerk, Mittelstand und regionale Ban-
ken. Regionalgeld kann dabei eine wichtige Funk-
tion haben. Eine ökologische Steuerreform, die die
Transportpreise verteuert, setzt den notwendigen
ordnungspolitischen Rahmen.
Entrümpelung steht für das rechte Maß für den Be-
sitz, für ein Einfacher und Weniger. Hier geht es nicht
um das individuelle Entrümpeln, für das es viele
Ratgeber bis hin zu professionellen Unternehmen
gibt, sondern um einen politischen Vorsorgeansatz,
Gerümpel gar nicht erst entstehen zu lassen. Dazu
zählt:
2 Wir greifen dabei auf früher Erarbeitetes zurück und nehmen die
4E von Wolfgang Sachs, die auch schon der BUND / Misereor-Studie
» Zukunftsfähiges Deutschland « zugrunde lagen, als Orientierungs-
punkte nicht nur für die individuelle Orientierung beim Lebensstil
sondern auch als Orientierung für eine Suffizienzpolitik.
54
Güter langlebig und reparierbar zu produzieren
und eine Kultur des Reparierens zu etablieren,
z.B. in Repair Cafés oder Häusern der Eigenar-
beit,
eine Lebensumgebung ohne permanenten Kon-
sumdruck zu schaffen, das heißt z.B. Werbung
im öffentlichen Raum, im Fernsehen, Internet
und in sozialen Medien reduzieren.
Entkommerzialisierung steht für das rechte Maß für
den Markt. Es soll der zunehmenden Kommerziali-
sierung aller Lebensbereiche entgegenwirken, den
Wohlstand jenseits des Marktes mit einbeziehen.
Das bedeutet in der Bildungspolitik, Menschen zu
einem Glück jenseits des Konsums zu befähigen.
Es bedeutet, öffentliche Einrichtungen wie Biblio-
theken, Sportplätze und Turnhallen, Alten- und
Jugendtreffs beizubehalten, neue Möglichkeiten für
die gemeinschaftliche Nutzung von Autos, Gärten
und Werkzeugen zu unterstützen und ehrenamtli-
ches Engagement zu fördern.
Suffizienz ermöglichen
Die Potentiale für ein suffizientes Leben können
gestärkt werden durch die Bildungs- und Arbeitspo-
litik, Gesundheits- und Verbraucherpolitik.
Bildungspolitik: Sie kann den Wert des » besser,
anders, weniger « individuell erfahrbar machen.
Sie kann handwerkliche und künstlerische Fähig-
keiten vermitteln, Fähigkeiten zu sozialem und
politischem Engagement, zum Naturerleben und
zur Selbstversorgung. Bildung kann so zur Selbstver-
wirklichung jenseits des Konsums befähigen.
Arbeitszeitpolitik: Unter Arbeit ist nicht nur Er-
werbsarbeit zu verstehen, sondern auch die in-
formelle Arbeit wie Hausarbeit, Familienarbeit,
Ehrenamt und Eigenversorgung. Es gilt, die Ar-
beitszeiten zu verringern und flexibler zu gestalten
und die Erwerbsarbeit gleichmäßiger zu verteilen.
Dies schafft die Voraussetzungen für vielfältigere
Lebensentwürfe und für eine zufriedenstellende
Work-Life-Balance.
Gesundheitspolitik: Gesundheit ist ein entschei-
dender Faktor für ein gutes Leben. Politik muss den
Rahmen für ein gesünderes Leben gestalten – über
die allgemeine Gesundheitsversorgung hinaus auch
im individuellen Bereich. Durch eine Vorsorgepo-
litik für gesunde Ernährung, für genug Bewegung,
für wenig Stress im Alltags- und Arbeitsleben. Armut
und Arbeitslosigkeit sind ein hohes Gesundheitsri-
siko.
Verbraucherpolitik: Nachhaltigkeit fordert, Verbrau-
cherpolitik nicht nur am Wohlergehen der hiesigen
Konsument*innen zu orientieren, sondern die Her-
stellungsbedingungen in der gesamten, globalen
Lieferkette zu beachten. Dafür braucht es vor allem
ein Lieferkettengesetz.3 Zugleich sollten Verbrau-
cher*innen darauf vorbereitet sein, dass die Zeiten
3 Initiative Lieferkettengesetz: https://lieferkettengesetz.de.
des billigen Konsums vorbei sind, wenn es besseren
Umwelt- und Arbeitsschutz und faire Preise gibt.
Verbraucherpolitik muss Lösungen dafür finden, wie
mögliche Preissteigerungen für Einkommensschwä-
chere kompensiert werden können. Und eine neue
Aufgabe für Verbraucherberatungen liegt in der Infor-
mation über neue Nutzungsformen wie Tauschringe,
Carsharing und ähnliches.
Suffizienzpolitik umsetzen!
Soweit zu den Konturen einer umfassenden Suffi-
zienzpolitik. Doch wie kann die Umsetzung gelin-
gen? Gute Beispiele für Ansätze und Projekte gibt es
vielerorts4, doch eine umfassende Suffizienzpolitik
ist bisher weit davon entfernt, Eingang in politische
Programme zu finden. Zwar verspüren viele Men-
schen den Wunsch sich neu zu orientieren, gerade
in Zeiten von wirtschaftlichen Krisen. Auch manche
Politiker*innen lassen grundsätzliches Nachdenken
erkennen. Aber zunächst einmal ist jede Neuori-
entierung mit Unsicherheiten und Widerständen
verbunden, zumal Suffizienzpolitik eine Alternative
zur dominanten ökonomischen Wachstumspolitik
schaffen kann. Auf Wachstumspolitik aber haben
sich alle politischen Parteien festgelegt.
Deshalb braucht es für den politischen Wandel zu
einer Suffizienzpolitik gleichzeitig auch einen gesell-
schaftlichen Wandel, der die Perspektiven einer neu-
en Politik sichtbar macht und in dem die Bereitschaft
für neue Wege erkennbar wird.
Durch die Wirtschafts- und Finanzkrise 2008 ist die
wirtschaftliche Krisenanfälligkeit unseres Systems
deutlich geworden. Damals wurde der Glaube vieler
Menschen in die Verlässlichkeit traditioneller, rein
individualistisch und materiell geprägter Karriere-
muster und Absicherung erschüttert. Das hat die
Offenheit für eine persönliche Umorientierung
gestärkt.
Die Auswirkungen der Corona-Krise lassen sich noch
nicht abschätzen. Jedoch zeichnet sich jetzt schon ab:
Die Bedeutung staatlichen Handelns wie auch
der Infrastrukturen z.B. im Gesundheitswesen ist
bewusst geworden.
Die Erfahrung, wie wichtig in einer Gesellschaft
Solidarität ist, die sich in politischen Regelungen
wie dem Kurzarbeitergeld, im beruflichen und
ehrenamtlichen Einsatz und auch im privaten
Bereich gezeigt hat, wird das Handeln in Zukunft
prägen.
Die Alltagserfahrungen in der Krisenzeit lassen
auch Orientierungslinien der Suffizienz wie
Entschleunigung, Regionalisierung und weniger
Abhängigkeit vom Konsum erfahrbar werden und
können damit Anknüpfungspunkte für Suffizienz-
politik sein.
In Kommunen ist angesichts jahrelanger Finanznot
4 Vgl. www.bund.net/suffizienz-dossier und www.bund.net/stadtland-
glück.
55
bzw. Unsicherheiten über die Finanzeinnahmen
die Bereitschaft gewachsen, Suffizienzprojekte zu
unterstützen, weil sie wenig kosten, den sozialen
Zusammenhalt stärken und positiv auf das Lebens-
gefühl in einer Stadt wirken können.
All dies hat das gesellschaftliche Klima verändert,
in dem heute über Lebensstile diskutiert wird und
Neues ausprobiert wird, insbesondere in den Städ-
ten und bei der jungen Generation. » Urban Garde-
ning « vermittelt ein anderes Flair als der » Schreber-
garten «, die » Transition Town « klingt munterer und
aktivierender als die » Agenda 21 «. Wenn auch für
manche Aktiven der älteren Generation manchmal
verwunderlich und gewöhnungsbedürftig, so ist es
letztlich hoch erfreulich, dass das Thema jetzt » in «
ist und durch Internet und soziale Medien befördert
wird.
So bunt und unkoordiniert diese Bewegung für
die Gemeingüter, die » Commons « ist, so stellt sie
doch die Marktlogik und das individualistische und
materialistische Menschenbild des » Homo oecono-
micus « in Frage – durch ihre Betonung des Gemein-
sinns und der Kooperation. Wenn diese Bewegung
sich ausbereitet, wenn sie mehr wird als eine
liebenswürdige Nische oder eine sozial entlastende
Lebensform, dann werden zwangsläufig bestehende
politische und wirtschaftliche Interessen berührt
und das Wachstumsdogma tangiert.
Denn immer wieder stößt auch eine Suffizienzpoli-
tik an Grenzen. Etwa die Idee der Wohnungstausch-
börsen, die viele Städte eingerichtet haben, um
Familien den Umzug in eine größere Wohnung und
älteren Alleinstehenden in eine kleinere Wohnung
zu ermöglichen. Doch der knappe und teure Wohn-
raum in unseren Städten macht Umzüge beinah
unmöglich. Eine neu vermietete kleine Wohnung ist
bald teurer als die langjährig gemietete große. Inst-
rumente wie Wohnungstauschbörsen kommen da-
mit nicht in Schwung. Weiter ließe sich fragen: Was
steht autofreien Innenstädten entgegen? Warum
stoßen Initiativen für Werbefreiheit im städtischen
Raum auf so starken Widerstand? Es sind immer
wieder wirtschaftliche Interessen, die Veränderun-
gen blockieren.
Deswegen darf Suffizienz nicht nur aus Projekten
und Initiativen bestehen, sondern muss als politi-
sches Thema auf allen politischen Ebenen Eingang
finden. Deshalb ist es so wichtig, dass Debatten
über Wachstum, Nachhaltigkeit und gutes Leben
geführt werden und eine Neuorientierung beför-
dern. Unterschiedliche Bewegungen – traditionelle
wie neue – müssen zu einer politischen Kraft für
einen Wandel hin zu Suffizienz und Wachstumsun-
abhängigkeit werden.
Bei der sozial-ökologischen Transformation spielen
zivilgesellschaftliche Organisationen – gerade
solche mit regionalen Gruppen und Aktiven vor Ort
– eine wichtige Rolle. Sie verbinden Visionen des
guten Lebens mit praktischen Projekten und dem
Engagement für Suffizienzpolitik. Auch Bildungsein-
richtungen und Hochschulen können hier wichtige
Impulse geben: Sie vermitteln Wissen auch über
Prozesse der Transformationen. Sie sind ein wich-
tiger Ort gesellschaftlicher Diskussion. Sie können
junge Menschen zu einem individuell suffizienten
Lebensstil motivieren und ebenso zu gemeinsamen
Projekten und Veränderungen in ihren Hochschulen,
sowohl in der universitären Lehre als auch in der
Alltagspraxis.
clauDia Wenzl
ist Politologin und Referentin für Nachhal-
tigkeit in der Bundesgeschäftsstelle des
BUND. (Foto: BUND e.V.)
proF. Dr. angelika zahrnT
ist promovierte Volkswirtin. 2009 wurde sie
mit dem Deutschen Umweltpreis ausge-
zeichnet. Von 2001 bis 2013 war sie Mitglied im Rat für
Nachhaltige Entwicklung der Bundesregierung. Von 1998
bis 2007 war sie Vorsitzende, heute ist sie Ehrenvorsitzende
des BUND.
Lesetipps zur Verbindung von
Suzienz und Postwachstum
Irmi Seidl, Angelika Zahrnt (Hg.) (2010): Postwachstumsge-
sellschaft: Konzepte für die Zukunft.
Irmi Seidl, Angelika Zahrnt (Hg.) (2019): Tätigsein in der
Postwachstumsgesellschaft.
Uwe Schneidewind, Angelika Zahrnt (2013): Damit gutes
Leben einfacher wird. Perspektiven einer Suffizienzpolitik.
Landkarte Suffizienzpolitik: http://www.postwachstum.de/
suffizienzpolitik.
BUND (Hg.) (2018): Perspektive 2030: Suffizienz in der Praxis.
Wie Kommunal- und Bundespolitik eine nachhaltige Ent-
wicklung in den Bereichen Mobilität, Materialverbrauch,E-
nergie, Landwirtschaft und Ernährung gestalten können.
Impulspapier: www.bund.net/suffizienz-dossier.
Ein Set aus fünf Postkarten enthält jeweils auf der Vorder-
seite eine Infografik des Impulspapiers und gibt auf
der Rückseite konkrete Tipps, wie Suffizienz im Alltag
gelebt werden kann: www.bund.net/suffizienz-postkar-
tenset.
Faltflyer: Mehr Lebensqualität – weniger Ressourcenverbrauch.
Wer für » Weniger ist mehr « wirbt, stößt oft auf Skepsis.
Der Flyer gibt Anregungen, wie man seinen Gesprächs-
partner*innen und gängigen Gegenargumenten begeg-
nen kann. www.bund.net/suffizienz-argumente
Faltflyer: Erde am Limit. Eine Publikation zum Erdüberlas-
tungstag: www.bund.net/erde-am-limit.
Broschüre BUND und BUNDjugend Baden-Württemberg:
Ein gutes Leben für alle! Eine Einführung in Suffizienz:
www.bund-bawue.de/gutes-leben
Wuppertal Institut (2016): Kommunale Suffizienzpolitik.
Strategische Perspektiven für Städte, Länder und Bund:
https://www.bund.net/fileadmin/user_upload_bund/
publikationen/nachhaltigkeit/nachhaltigkeit_suffizi-
enz_studie.pdf.
56
Bisherige Erfolge:
gemueserausch hat innerhalb von zehn Mona-
ten 60 Menschen begeistern können
maßgeblicher Beitrag zur vollen Auslastung
der Solidarischen Landwirtschaft des Arche
Wilhelminenhofs
Besteht seit:
März 2019
Hochschule &
Kooperationspartner*innen:
Universität Vechta und Arche Wilhelminenhof
Kontaktdaten für Interessierte:
Florian Schmitt und Tim Schauder
gemueserausch@uni-vechta.de
Hochschulbereich
Lehre
Forschung
Betrieb
Governance
Transfer
Initiiert von
Studierenden
Lehrenden / Forschenden
Verwaltungsmitarbeitenden
Hochschulleitung
Die studentische Initiative gemueserausch möchte möglichst
vielen Universitätsmitgliedern eine regionale, biologische
und saisonale Ernährung ermöglichen. Im Rahmen der soli-
darischen Landwirtschaft (Solawi) liefert der nur zehn Kilo-
meter entfernte Demeter-zertifizierte Arche Wilhelminenhof
jede Woche frisches Obst und Gemüse direkt auf den Cam-
pus.
gemueserausch
Solidarische Landwirtschaft
Entkommerzialisierung
57
KONTEXT
Die Universität Vechta liegt zwischen Bremen und
Osnabrück mitten im sogenannten » Schweinegür-
tel «. Dies ist die Region mit der höchsten Dichte an
intensiver Schweinezucht – kurz Massentierhaltung
– in ganz Deutschland. Im Gegensatz dazu setzt der
Arche Wilhelminenhof seit ungefähr zehn Jahren
verstärkt auf hohe ökologische Standards – mittler-
weile Demeter-Zertifizierung –, Kreislaufwirtschaft
– das Futter für die Tiere entstammt fast vollständig
der eigenen Produktion – und Agroforstkultur. Letz-
teres ermöglicht durch sich gegenseitig fördernde
Pflanzen- und Tiergesellschaften den Verzicht auf
konventionelle und biologische Pflanzenschutz-
mittel. Weiterhin setzt der Hof sowohl bei Obst und
Gemüse als auch bei den Tieren auf alte Sorten und
Rassen. Dadurch werden einerseits alte Bestände
erhalten, die in der sonst industrialisierten Land-
wirtschaft keinen Platz haben. Andererseits erlaubt
die Robustheit dieser alten Sorten und Rassen den
weitgehenden oder sogar kompletten Verzicht auf
Pflanzenschutzmittel und Antibiotika.
Bereits seit einigen Jahrzehnten sehen sich viele
landwirtschaftliche Betriebe in Deutschland und
weltweit vor dem Scheideweg: Wachsen oder Wei-
chen. Um diesem Dilemma zu entkommen, setzen
immer mehr Betriebe auf eine spezielle Form des
Direktvertriebs: der Solidarischen Landwirtschaft.
Verbraucher*innen verpflichten sich für ein Jahr,
einen monatlichen festen Beitrag zu zahlen (35 €
pro Person und Monat) und erhalten dafür einen
wöchentlichen Anteil an der Ernte. Dadurch sind
die Höfe weniger abhängig von Preisschwankungen
im (Groß-)Handel. Außerdem werden die Risiken
durch die in Zukunft wohl immer häufiger auftre-
tenden extremen Wetterlagen auf viele Schultern
verteilt. Durch den Direktvertrieb über die solidari-
sche Gemeinschaft können die Produkte günstiger
als im klassischen Einzelhandel angeboten werden.
Je nach Hof und Mitglied gibt es die Verpflichtung
bzw. die Möglichkeit, einige Male im Jahr die Land-
wirt*innen tatkräftig zu unterstützen: sei es beim
Pflanzen, Unkraut jäten oder Ernten.
Nachdem ich, Florian, im Jahr 2017 auf den Hof und
die sich gerade etablierende Solidarische Landwirt-
schaft aufmerksam wurde, war mir klar, dass ich
mitmachen möchte. Zusammen mit einem Kom-
militonen fuhren wir jeden Freitag auf den Hof und
holten unsere Gemüse-Kiste ab – je nach Saison gibt
es auch Milch, Eier, Obst und Früchte. Nach einein-
halb Jahren musste ich meinen » Gemüse-Buddy «
ersetzten, weil dieser zum Master wegzog. Auf eine
Anzeige am digitalen schwarzen Brett meldeten
sich gleich fünf Personen. Ab diesem Moment
war mir klar, dass ich das Potential die ganze Zeit
unterschätzt hatte. Innerhalb kürzester Zeit lernte
ich Tim, einen weiteren Kommilitonen, kennen,
den ich heute meinen besten Freund nennen darf.
Zusammen fuhren wir fast wöchentlich mit Inte-
ressierten und Neu-Mitgliedern auf den Hof. Den
Rest erledigten die Bauernhof-Idylle – die aber nicht
über den harten Arbeitsalltag der Landwirtsfamilie
hinwegtäuschen darf – samt (Baby-)Katzen, Hunden
und freilaufenden Hühnern und Gänsen. Zusätz-
lich erhöhten wir die Bekanntheit des Projekts mit
Ständen auf dem Campusfest und einem Uni-Floh-
markt, bei dem wir kostenlos einzelne Erdbeeren
verteilten und Nummern für Hofführungen sam-
melten. Da die meisten Studierenden kein eigenes
Auto besitzen, wurde schnell klar, dass es auf Dauer
weder sinnvoll noch machbar sein wird, die Gemü-
sekisten jede Woche vom Hof abzuholen.
Daraus entstand die Idee, einen Naturkeller auf
dem Campus zu bauen. Natur- oder Schwedenkeller
waren in der Region jahrhundertelang eine Mög-
lichkeit für gelebte Subsistenz (Selbsterhaltung).
Eingelassen ca. 1 bis 1,5 Meter tief, mit Erde über-
schüttet und mit einem Lehmboden ausgestattet,
hat es dort das ganze Jahr über, unabhängig von der
Außentemperatur und ohne Energiezufuhr, zwi-
schen 5 und 10°C. Also eine perfekte Möglichkeit,
um Gemüse über die Jahreszeiten hinweg zu lagern
und zu konservieren.
Da die Mühlen der Bürokratie sehr langsam mahlen
und die Beantragung, Planung und der Bau eines
solchen Naturkellers einige Zeit beanspruchen
würde, machten wir uns auf die Suche nach einer
Zwischenlösung. Die Landwirtin schlug vor, einen
ausrangierten Anhänger zum mobilen Depot umzu-
funktionieren. Die Uni zeigte sich sehr kooperativ
und erlaubt uns seit Juli 2019 jeden Montagabend
zwischen 19 und 20 Uhr, den Parkplatz direkt auf
dem Campus als mobile Ausgabestelle zu nutzen.
Die Landwirtin steht in der Zeit persönlich für
Fragen zur Verfügung, z.B. was man mit einer Haf-
erwurzel kochen kann – chefkoch.de ist da überra-
schenderweise relativ ratlos ...
ZIELE
möglichst vielen Universitätsmitgliedern eine
regionale, biologische und saisonale Ernährung
ermöglichen
Verstetigung und nachhaltige Einbettung der In-
itiative und Kooperation mit dem Arche Wilhel-
minenhof in die Universität, durch a) den Aufbau
langfristiger (digitaler) Strukturen, b) den Bau ei-
nes Naturkellers als physische Repräsentanz der
Initiative und Kooperation und c) die Kontakt-
herstellung zwischen Studentenwerk Osnabrück
und Arche Wilhelminenhof, um diesen u.U. als
Lieferant für die Mensaverpflegung zu etablieren
58
BEZUG ZU SUFFIZIENZ
Obwohl vielen Menschen, zumindest implizit,
bewusst ist, dass die Lebensmittel im Supermarkt
um die Ecke nicht die nachhaltigsten sind – Pesti-
zid-Einsatz, Transportwege, Verpackung etc. –, ist
der Gang dahin ein fester Bestandteil des Alltags.
Die Initiaitve gemueserausch ermöglicht es den
Universitätsmitgliedern, sich eine niedrigschwel-
lige, umweltfreundliche Handlungsalternative
anzueignen. Das gelingt durch eine regionale, bio-
logische und saisonale Ernährung über die solidari-
sche Landwirtschaft sowie durch das Depot auf dem
Campus, das leicht zugänglich ist.
AUFBAU UND INHALT
Gestartet als Zwei-Personen-Initiative sind wir
mittlerweile um zwei Personen gewachsen. Dank
unserer regelmäßigen Präsenz auf verschiedenen
Uni-Veranstaltungen verfügen wir über eine hohe
Sichtbarkeit bei vielen Universitätsmitgliedern.
Dadurch erhoffen wir uns, auch in Zukunft stets
genügend Helfer*innen für die Mitgliederwerbung
und das Depot in unseren Reihen zu haben.
Zur Werbung neuer Mitglieder hat sich das digitale
schwarze Brett – bei uns auf stud.IP, mit Moodle
vergleichbar – als zuverlässige Möglichkeit bewährt.
Gleiches gilt für den Erdbeerstand oder den Stand
mit anderen Erzeugnissen des Hofes auf dem Cam-
pusfest.
Wir verwalten die Mitglieder in einer simplen On-
line-Tabelle und haben damit auf dem Schirm, bei
wem demnächst der Vertrag ausläuft. Dadurch kön-
nen wir der Landwirtin konkret mitteilen, wie viele
Menschen aktuell ihren Anteil beim Depot abholen.
Das verschafft der Landwirtin die Möglichkeit, die
Mengen gut abzuschätzen.
Für die Depotverwaltung bezahlen die Solawi-Mit-
glieder pro Vertrag einen Euro zusätzlich pro Monat.
Das Geld wird teilweise als Spritgeld an die Landwir-
tin zurückgeführt. Zudem wurde davon ein White-
board angeschafft, auf dem der wöchentliche Anteil
an Gemüse angeschrieben wird. Für den Sommer ist
das Bereitstellen von Biertischen und -bänken sowie
Snacks geplant. Die angenehme Atmosphäre soll
die Mitglieder zu einem » Klön-Snack « (Ostfriesisch
für » Unterhaltung «) einladen.
ERGEBNISSE
wöchentlich holen 60 Universitätsmitglieder
ihren Anteil der Ernte direkt vom Campus ab
das Zukaufen im Supermarkt entfällt seitdem für
viele Mitglieder
durch das Projekt werden jährlich über 30 t
CO2-Äquivalente eingespart; Berechnung:
Umstellung von konventioneller zu regionaler
Ernährung, Einsparungen durch gebündelte
Lieferung der Lebensmittel an die Universität,
unverpackte Lebensmittel
verändertes Bewusstsein über nachhaltiges Kon-
sumverhalten, insbesondere durch Aufklärungs-
arbeit, z.B. durch regelmäßige Hofführungen
Einführung regionaler Produkte in universitären
Veranstaltungen, dadurch langfristige Förde-
rung von Kooperationen zwischen Universität
und regionalen Produzent*innen
VERSTETIGUNG
Das Projekt ist durch die wöchentliche Ausgabe
auf dem Campus präsent und in den Alltag vieler
Universitätsmitglieder integriert. Es finden vielver-
sprechende Gespräche über den Bau eines Naturkel-
lers auf dem Campus statt. Der Naturkeller dient als
zukünftige Lagerungs- und Verteilungsstätte. Für
dieses Vorhaben initiierten wir die Gründung einer
Arbeitsgruppe, die aus dem Liegenschaftsmanage-
ment, dem Nachhaltigkeitsbeauftragten, einem
Präsidiumsmitglied und Studierenden von gemue-
serausch besteht.
STUDENTISCHE PARTIZIPATION
Die Initiative wird hauptsächlich von Studieren-
den organisiert. Sie übernehmen die wöchentliche
Ausgabe der Ernte-Anteile, Hofführungen oder die
Mitglieder-Werbung und -verwaltung.
UMSETZUNG
November 2018: Fünf Studierende melden sich
aufgrund der Anzeige am digitalen schwarzen
Brett.
März 2019: Tim und Florian gründen die Initiati-
ve gemueserausch.
Juni 2019: Nach ersten Gesprächen mit der Uni-
versität wird klar, dass es keinen freien Raum an
der Universität gibt und der Bau eines Naturkel-
lers noch einige Zeit in Anspruch nehmen wird
Juli 2019: Die Universität erklärt sich bereit, dass
der Parkplatz direkt auf dem Campus als mobi-
les Depot genutzt werden kann.
Oktober 2019: Die Solawi ist vorerst voll! Es gibt
genügend zahlende Mitglieder, um die gesamte
Ernte bis April 2020 über die Solidarische Land-
wirtschaft zu verteilen.
November 2019: Die AG Naturkeller wird ins
Leben gerufen.
März 2020: Es haben sich 20 weitere Interessierte
bei gemueserausch gemeldet, die ab April Teil
des Projekts sein möchten.
Entkommerzialisierung
59
ERFOLGS FAKTOREN
hohe Affinität der Studierenden für Nachhaltig-
keits- und Ernährungsthemen – viele Vegetari-
er*innen und Veganer*innen
geringe Distanz zum Hof
Vechta hat eine Campus-Uni und ist von über-
all in maximal zehn Minuten mit dem Fahrrad
erreichbar, dementsprechend auch das Sola-
wi-Depot
hervorragendes Angebot und Vielfalt der Ernte
der Solawi
Rückhalt und Unterstützung seitens der Uni-
versität
HERAUS FORDERUNGEN
... nichts Spezifisches, nur die langsamen Mühlen
der Universitäts-Bürokratie.
ÜBERTRAGBARKEIT