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Abstract

In der aktuellen Waldkrise drängen forstliche Akteure auf aktive Umgestaltung der Wälder, um mit „neuen Ökosystemen“ dem Klimawandel besser trotzen zu können. Die theoretische und empirische Untermauerung dieses Ansatzes ist dürftig. Gleichzeitig wird behauptet, dass heimische Baumarten vom Klimawandel überfordert würden – die tatsächliche Komplexität der Ökosysteme und die Grundlagen der ökologischen Funktionalität scheinen dabei unterschätzt zu werden. Eine ökosystembasierte Waldbewirtschaftung ist nicht rückwärtsgewandt, sondern ergebnisoffen. Sie priorisiert die Förderung der Selbstregulations- und Selbstorganisationsfähigkeit der Ökosysteme.
A G R A R S O Z I A L E G E S E L L S C H A F T E. V.
H 20781 | 71. Jahrgang | 02/2020 | www.asg-goe.de
Interviews
Werner Schwarz
Vize-Präsident des Deutschen Bauernverbandes
und Präsident des ASG-Kuratoriums
Cajus Caesar
Waldbeauftragter der Bundesregierung
Wald im Klimawandel
Schwerpunkt
Wald im Klimawandel28
| ASG | Ländlicher Raum | 02/2020 |
Für einen ökosystembasierten Umgang mit der Waldkrise
Prof. Dr. Pierre L. Ibisch und Jeanette S. Blumröder
In der aktuellen Waldkrise drängen forstliche Akteure auf aktive Umgestaltung der Wälder, um mit
„neuen Ökosystemen“ dem Klimawandel besser trotzen zu können. Die theoretische und empirische
Untermauerung dieses Ansatzes ist dürftig. Gleichzeitig wird behauptet, dass heimische Baumarten
vom Klimawandel überfordert würden – die tatsächliche Komplexität der Ökosysteme und die Grund-
lagen der ökologischen Funktionalität scheinen dabei unterschätzt zu werden. Eine ökosystembasierte
Waldbewirtschaftung ist nicht rückwärtsgewandt, sondern ergebnisoen. Sie priorisiert die Förderung
der Selbstregulations- und Selbstorganisationsfähigkeit der Ökosysteme.
Prof. Dr. Pierre L. Ibisch und Jeanette S. Blumröder
Centre for Econics and Ecosystem Management,
Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde
pierre.ibisch@hnee.de
www.centreforeconics.org
Foto: Pierre Ibisch
Klimatolerante Enkelbäume und Natur
aus Försterhand
Den Waldökosystemen in Deutschland geht es
schlecht und das nicht nur hier. Die letzten beiden
aufeinanderfolgenden Extremjahre mit heißen und
trockenen Sommern drängen viele Waldbäume
über einen Kipp-Punkt. Ihre Vitalität sinkt rasant,
die Mortalität steigt auf ein neues Rekordniveau.
Warnungen der Vergangenheit wurden überhört
oder ignoriert, ein Jahrzehnt der eektiven Klima-
wandelanpassung durch Stärkung der Funktions-
tüchtigkeit von Ökosystemen verpasst. Forstliche
Fehleinschätzungen werden nicht analysiert und
kritisch reektiert. Die reduktionistische Analyse
lautet vielmehr: Nun ist der Klimawandel da, unsere
heimischen Baumarten sind überfordert; jetzt müssen
wir aufräumen und die Natur neu schaen.
Mit Hilfe von eingeführten Baumarten sollen „neue
Waldökosysteme“1 entstehen, die dann „klimatolerant“2
sein sollen. Dem Dogma vieler Förster*innen und
des Bundeslandwirtschaftsministeriums – „Wald:
Natur aus Försterhand“3folgend, gilt es nun,
mit vereinten Ingenieurskräften dem Wald auf die
Sprünge zu helfen und ihn „zukunftsfähig“4 zu ma-
chen. Zu den postfaktischen Scheingewissheiten,
die in den höchsten Etagen kommuniziert werden,
gehört, dass es ohne aktives Panzen in der Zukunft
keine Bäume mehr geben wird. Positionen, die
mahnen, die Naturkräfte nicht einfach abzuschreiben,
werden von der zuständigen Fachministerin sogar
als „ignorant“ abgetan: „Jetzt ist der Wald am Sterben
und wenn wir da nicht helfen und davon reden, na ja,
in 300 Jahren hat sich das, dann nde ich das ziem-
lich ignorant, weil jeder Baum, den wir heute nicht
panzen, der fehlt unseren Enkeln und Urenkeln“
(Julia Klöckner im Deutschlandfunkinterview 20195).
Bemerkenswert ist auch die regelmäßig geäußerte
Position, dass der Mensch die Natur jetzt zwangs-
läug gestalten müsse, da der Klimawandel auch
von uns verursacht sei. Dahinter steht die Hypothese,
dass der Klimawandel die Ökosysteme überfordern
könnte. Selbstzweifel, dass die Ingenieurskunst
noch schneller an ihre Grenzen geraten könnte als
die Ökosysteme, werden dabei nicht zugelassen.
Die Sprache vieler forstlicher Akteur*innen verrät
ebenso wie ihre Konzepte und ihr Handeln, wie sich
in der Waldkrise statt angemessener Verunsicherung
dogmatische Simplizismen und auch Hybris verbrei-
ten. Die Steuerbarkeit von Natur in Form eines ato-
mistischen Einzelteilmanagements wird ggf. über-
schätzt, der Klimawandel eher unterschätzt. Die
Situation stellt sich im Lichte überaus reichhaltiger
wissenschaftlicher Befunde etwas komplexer dar.
1 Prof. M. Müller in Stellungnahme für den Deutschen Bundestag,
www.bundestag.de/resource/blob/667004/8f82ecd166bc942bdf2b36cd5fc6ed7f/Stellungnahme_C_Mueller-data.pdf (S. 5)
2 Vgl. z. B. Bayerisches Forstministerium: „Waldumbau – zukunftsfähige Strategie für anpassungsfähige und klimatolerante Wälder“,
www.stmelf.bayern.de/wald/forstpolitik/wald-im-klimawandel/005196/index.php
3 www.bmel.de/SharedDocs/Downloads/DE/Broschueren/UnserWald-NaturAusFoersterhand.html
4 Vgl. z. B. Thüringenforst: Große Waldgebiete müssen „zu einem zukunftsfähigen, klimatoleranten Wald umgebaut werden“,
www.thueringenforst.de/waldumbauportal
5 www.deutschlandfunk.de/waldsterben-jeder-muss-sich-um-seinen-wald-kuemmern.694.de.html?dram:article_id=457492
Foto: Pierre Ibisch
Wald im Klimawandel 29
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Klimawandel, Bäume und Ökosysteme:
eine etwas komplexere Sachlage
Der fortschreitende Klimawandel wirkt u. a. durch
Veränderung von durchschnittlichen Werten der
Temperatur und des Niederschlags, von Extrem-
ereignissen oder der Saisonalität subtil und vielfach
auf allen Ebenen der natürlichen Gefüge durch Ein-
üsse auf abiotische Ressourcen, Arten und ökolo-
gische Prozesse. Seltene Extreme sind kurzfristig
wirkmächtiger als allmähliche Veränderungen von
Durchschnittswerten. Auf lange Zeit geht es nicht
um das Eintreten eines neuen zukünftigen Klimas,
sondern um fortgesetzten und ggf. sich beschleuni-
genden Wandel, der sich vor allem auch durch im-
mer wieder neuartige Kombinationen von (Extrem-)
Wettersituationen auszeichnen kann – z. B. warme
Winter und Frühjahre mit Spätfrösten und Serien
von warm-trockenen Sommern mit Rekord-Höchst-
temperaturen und Strahlungsmengen – an die weder
heimische noch exotische Organismen ohne Weiteres
angepasst sind.
Alle Organismen sind „klimatolerant“ – in dem Sinne,
dass sie bei bestimmten Kombinationen von klimati-
schen Gegebenheiten existieren können. Die klima-
tische Toleranz von Arten an gegebenen Standorten
ist nicht absolut, sondern wird auch durch Leistungen
des ökosystemaren Gefüges moderiert. Ökosysteme
sind nicht Ansammlungen von koexistierenden Arten
an einem Ort, sondern vielmehr sich durch Interaktion
ihrer Komponenten selbst organisierende und ent-
wickelnde Gefüge. Diese Interaktionen bedingen
emergente Eigenschaften, die im Zuge von Rück-
kopplungen und Synergien wesentlich das Haushalten
mit knappen Ressourcen und die physikalische
Arbeitsfähigkeit des Ökosystems ausmachen. Wich-
tiger Aspekt der physikalischen Arbeit im Ökosystem
ist die Verwendung von Energieinput zur Erhöhung
desselben, zur Energiespeicherung und dem Aus-
gleichen von Schwankungen der Verfügbarkeit von
Ressourcen (Energie, Wasser, Nährstoe). Den
Ökosystemspeichern in Wäldern wie etwa Humus,
lebendes und totes Holz kommen Vielfachfunktionen
zu – sie sind nicht nur Energie-, Nährsto-, Kohlensto-
und Wasserspeicher, sondern wirken u. a. auch als
Strukturbildner, Schattenspender und Puer.
Etliche in Deutschland vorkommende Baumarten
wie z. B. die Winterlinde, die Hainbuche, die Flatter-
ulme oder der Feldahorn haben große Verbreitungs-
gebiete und kommen sowohl in trockeneren, wärme-
ren als auch in kontinentaleren Regionen vor. Sie
könnten noch für eine geraume Weile die derzeitig
absehbaren Klimaveränderungen tolerieren. Wenn
Ausmaß und Geschwindigkeit des Umweltwandels
diese Arten überfordern sollten, wird es mit hoher
Wahrscheinlichkeit für praktisch alle Baumarten eng
– heimisch oder exotisch.
„Oikos-Systeme“ sind haushaltende Gefüge, die
durch eine Zunahme der Biomasse, des genetisch
gespeicherten Informationsgehalts sowie der Ver-
netzung zwischen den Komponenten reifen. Dabei
nimmt auch ihre Funktionalität und Anpassungs-
fähigkeit zu. Die thermischen, hydrischen und bio-
tischen Puer sind für die Resistenz eines Ökosys-
tems maßgeblich, aber sie beeinussen ebenso wie
Struktur- und Artenvielfalt auch die Resilienz, also
die Fähigkeit nach schwerwiegenden Schädigungen,
z. B. durch ein extremes Wetterereignis, das System
möglichst rasch neu zu organisieren.
Es gibt vielfache Belege für die natürliche Regene-
rationsfähigkeit von geschädigten Waldökosystemen,
vor allem, wenn sie auf intakte Speicher zurückgreifen
Foto: Pierre Ibisch
Foto: Pierre Ibisch
Walderneuerung auf einer ehemaligen, nur teilweise
beräumten Sturmwuräche im Oberbergischen:
Eine Fichte konnte sich auf Totholz etablieren
(Genkeltalsperre, Nordrhein-Westfalen, Mai 2020).
Sukzession nach einem Waldbrand: Eine Fläche, auf der die durch Feuereinwirkung
abgestorbenen Kiefern belassen wurden, wurde nach weniger als 12 Monaten spon-
tan von Espen besiedelt (Treuenbrietzen, Brandenburg, Juli 2019).
Wald im Klimawandel30
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können und die Flächen nicht kahlgeräumt wurden.
Die Sukzession entfaltet sich räumlich-zeitlich die-
renziert, sie kreiert „unordentliche“ Strukturvielfalt.
Natur panzt nicht in Reihen und Altersklassen. Die
im Rahmen von Sukzession entstehenden Wälder
haben sich bisher als robuster erwiesen als vom
Menschen angelegte Plantagen.
Arten in Ökosystemen leben nicht allein, Bäume
schon gar nicht. In jüngster Zeit erfolgt ein rasanter
Wissenszuwachs bezüglich des Status vor allem
von „höheren“ Lebewesen als Holobionten. Insbeson-
dere die Gesamtheit der Mikroorganismen, die mit
und in Mehrzellern leben, das Mikrobiom, scheint
maßgebliche Einüsse auf physiologische, ökolo-
gische und evolutive Eigenschaften ihrer „Wirte“ zu
haben, die über lange bekannte symbiotische Eekte
weit hinausgehen. Sie beeinussen und vermitteln
etwa die Trockenheitsresistenz oder die kommuni-
kative Abstimmung von Panzen. Die vertikale und
horizontale Komplexität und damit die Integriertheit
der haushaltenden Systeme der Natur – die Öko-
systeme – scheinen bislang grob unterschätzt
worden zu sein.
Die diversen Puer in Ökosystemen bedingen,
dass die Klimawandelwirkungen in Ökosystemen
verzögert, nicht-linear und zuweilen abrupt eintreten.
Aufgrund der hohen Komplexität der Wirkungsgefüge
sind ökosystemare Antworten inhärent indeterminiert
und auch mit den besten Rechenkapazitäten nicht
modellierbar – unauösbares Nichtwissen. Der Ver-
änderung des Mikrobioms kommt hierbei eine beson-
dere Rolle zu, vor allem, wenn eine Schwächung
der organismischen Abwehr mit abiotisch bedingtem
Stress und dem Auftreten neuartiger Pathogene zu-
sammenfällt.
Spontan aufwachsende Baum-Holobionten keimen
und überleben an den besser geeigneten Mikro-
standorten, dabei spielen auch evolutive Prozesse
wie Selektion eine Rolle, die die Anpassungsleistung
des Ökosystems stärken.
Schlussfolgerungen für einen ökosystem-
basierten Umgang mit der Waldkrise
Ökosystembasierte Waldbewirtschaftung fokussiert
auf die Stärkung der Ressourcen und Prozesse der
Selbstregulation und -organisation im Wald. Ökosys-
temare adaptive Prozesse sind nicht „von gestern“,
sondern die natürliche Heuristik, die ohne Kenntnis
kommender Herausforderungen sämtliche Entwick-
lung bis heute möglich gemacht und das Ökosystem
in jeweils unbekannte Zukünfte getragen hat. Im
Angesicht großer Unsicherheit und unermesslicher
Veränderungen sowie Störungen gilt die strikte Be-
achtung der Vorsichts- und Vorsorgeprinzipien. Nie-
mals sollte aus dem Wald leichtfertig entnommen
werden, was nicht schnell und von selbst zurück-
kommt. Es sollte zudem nichts eingebracht werden,
was ökosystemfremd ist und zusätzliche, nur schwer
abschätzbare Risiken mit sich bringt. In Zeiten des
Klimawandels geht es insbesondere um die Erhaltung
größtmöglicher Ökosystemspeicher, vor allem von
Biomasse und humusreichen Böden.
Das ökosystemare Primat bedeutet, dass Techno-
logie und entnommene Produkte daran angepasst
werden, was der Wald verträgt, braucht und leisten
kann – nicht umgekehrt. Ökosystembasierte Wald-
bewirtschaftung erkennt an, dass sie sowohl die
Komplexität des Waldes als auch die Nebenwirkun-
gen ihres Tuns mit großer Wahrscheinlichkeit unter-
schätzt. Wälder sind Natur trotz Försterhand.
Foto: Pierre Ibisch
Foto: Pierre Ibisch
Ein Jahr nach einem Waldbrand wächst auf einer
beräumten Fläche eine spontan etablierte Birke
neben einer abgestorbenen gepanzten Kiefer
(Treuenbrietzen, Brandenburg, September 2019).
Über 100 ha großer, ächig befahrener Kahlschlag nach Waldbrand; sämtliche
geschädigte und abgestorbene Kiefern wurden beräumt, um neue Panzungen
vor zubereiten (Treuenbrietzen, Brandenburg, Februar 2019).
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