ArticlePDF Available

Das virtuelle Museum. Mehr als nur ein digitaler Informationsraum im Internet (Essay)

Authors:

Abstract

Virtualisierung begegnet uns in der heutigen Informationsgesellschaft auf Schritt und Tritt: Bankgeschäfte werden online abgewickelt, Arztkonsultationen finden in virtuellen Sprechzimmern statt, Geschäfte haben virtuelle Schaufenster. Erfahrungen werden nicht mehr im direkten Kontakt gemacht, sondern über Medien vermittelt. Von dieser Entwicklung ist auch das Museum betroffen.
46 Essay
DAS
VIRTUELLE
MUSEUM
von Werner Schweibenz
Virtualisierung begegnet uns in der
heutigen I nformationsgesel lschaft
auf Schritt und Tritt: Bankgeschäfte
werden online abgewickelt, Arzt-
konsultationen finden in virtuellen
Sprechzimmern statt, Geschäfte
haben virtuelle Schaufenster.
Erfahrungen werden nicht mehr im
direkten Kontakt gemacht, son-
dern über Medien vermittelt. Von
dieser Entwicklung profitiert längst
auch das Museum.
Mehr als nur ein
d ig italer I nformationsrau m
47
Die Durchdringung von
Museen mit, digitaler Technik,
wie sie bereits seit einigen
Jahren voranschreitet, lâuft
gegenwärtig auf zwei Ebenen
ab: nach innen durch die Digi-
talisierung von Sammlungsbe-
ständen und Arbeitsabläufen
sowie nach außen mit einer
publikumsorientierten Außen-
wirkung.l Das,,virtuelle Mu-
seum" vereint dabei zwei Orte,
die auf den ersten Blick gegen-
sâtzlich erscheinen: einen
traditionellen Raum für reale
Objekte - und das Virtuelle als
etwas nicht F assbares, das der
Möglichkeit nach vorhanden
ist, sich aber nicht zwangslâufig
realisieren muss.
Wegen seiner breiten Spanne
(noch) nicht realisierter Mög-
lichkeiten wird das Virtuelle
manchmal für das Gegentell
des Realen gehalten. Gerade
das Museum zeigt, dass diese
Annahme auf falschen Vor-
stellungen beruht. Nehmen
wir eine griechische Vase als
Museumsobjekt: Diese kann in
verschiedenen Museumskon-
texten ganz unterschiedliche
Aspekte veranschaulichen -
in einem Kunstmuseum die
künstlerischen F ertigkeiten
der Töpfer und Figurenmaler,
in einem kulturgeschichtlichen
Museum den Kulturaustausch,
in einem archäologischen
Museum die Besiedlungsge-
schichte, in einem Technikmu-
seum die Praxis der Gefåßher-
stellung etc. Dies zeigt, dass
auch das traditionelle Museum
grundsátzlich immer eine vir-
tuelle Komponente hat.2
Als digitale Erweiterung
des physischen Raums in den
virtuellen Raum des Internetss
kombiniert das virtuelle Muse-
um verschiedene Medien (Bild,
TexL, Ton, [¡ilm, dreidimensio-
nale Repräsentationen etc)
und Technologien (Suchma-
schinen, Lernumgebungen,
Assistenten, Datenanalyse
und -visualisierung, Partizipa-
48 Essay
tionswerkzeuge, Augmented
und VirtuaÌ Reality etc.), um
Museumsinformationen im
Internet zu präsentieren und
zu vermitteln. Gerade das
Publikum prof,tiert von dieser
Digitalisierung und Virtuali-
sierung. Unl ersuchungen zeigen,
dass die Zahlder Onlinebesu-
cher diejenige der physischen
Besucher deutlich übeririffi.
So hat das Haus der Geschichte
der Bundesrepublik Deutsch-
land 1,5 Millionen digiiale Be-
sucher pro Monat - ein in der
analogen Sphiire unerreich-
barer Wert.
Ergänzung und Vertief ung
statt Ersatz
Was aber suchen digitale
Nutzer in virtuellen Museen?
Neben bebilderten Objekt-
informationen, wie sie auch
in Katalogen zur Verfügung
stehen, nutzen sie dort häuflg
hochauflösende Fotos mit
Zoomfunktionen für Details,
Konlextin formationen wie
Personen- und Obj ektbiogra-
f,en, Objektgeschichten und
-anaìysen sowie Links zu
objektbezogenen I nha lten wie
Videos, Texten, Lehrmateria-
lien, aber auch Verweise wie
,,Siehe-auch-Links", dle zu ver-
wandten oder kontrastierenden
Objekten führen. Damit ent-
steht ein Online-lnformations-
raum, der es Benutzern erlaubt,
Informationen zu Objekten
ihres Interesses nach Lust,
Laune und Zeitbudget zu ver-
tiefen, und zwar sowohl wäh-
rend des Museumsbesuchs mit
MobiÌgeräten als auch von zu
Hause aus oder von unterwegs.
Wie begegnen deutsche Mu-
seen schon jetzt dem sttindig
wachsenden Interesse ihrer
(Online-)Besucherinnen und
Besucher? Ein Blick ins Inter-
net verrât zahÌreiche, sich teil-
weise ergánzende Angebote,
von denen hier einige exempÌa-
risch vorgestellt werden sollen.
Die "Sammlung Digital<< der
Staatsgalerie Stuttgart zeigt
onÌine weit größere Bestânde
als die aktueÌl ausgestellte
Kunst, wobei sich einzelne
Sammlungsbereiche ebenso
über FiÌter auswählen lassen
wie Künstlerinnen und Künst-
ler. Neben einer Suchmöglich-
keit gibt es auch thematisch
aufbereitete Einstiegsmöglich-
keiten wie Neuzugänge in der
Sammlung, Plakate oder aus-
gewählte Lieblingsstücke.
Die mull,imedia len Digi-
torials des Städelmuseums
bzw. der Skulpturensammlung
Liebieghaus in Frankfurt am
Main dienen aÌs Medium zur
Vorbereitung des Ausstellungs-
besuchs. Sie geben vorab einen
facettenreichen Einblick in die
Ausstellung, und das kostenlos.
Dabei können Onlinebesucher
gezieìt Teiìe der InlormaLjonen
ein- und ausblenden, um sie
nach ihren Bedürfnissen zu
nutzen. Im Digitorial ,,Bunte
Götter - Die Farben der Antike"
wird mit multimedialen Mitteln
erzahlt, wie Forschung ent-
deckte, dass die vermeintlich
weißen Marmorstatuen ur-
sprünglich bunt bemalt waren.
LeMO LebendigesMuseum
Online ist das Onlineportal zur
deutschen Geschichte mit 2,6
Millionen digitalen Besuchern
jâhrlich. Es lädt ein, Objekte,
Texte, Medien, Ze|tzeugen-
berichte uncl Dokumente zu
entdecken, zu recherchieren
und zu vertiefen. Dantnutzf
es multimedlale Zugânge tiber
einen Zeitstrahl, nach ausge-
wählten Themen, riber Zeit-
zeugen oder mittels Recherche
im Bestand und zu Lernmate-
rialien.
Die OnÌineausstellungen
der Deutschen Digitalen Bi-
bliothek, des Kulturportals
für Deul.schland, bietet eine
sl ândig wachsende Zahl vir-
tueller Ausstellungen, dle
Geschichten erzählen, und
dies ausschließlich im virtu-
ellen Raum des Internets. So
zeigt die virtueÌle Ausstellung
,Jick Tack Trick - Schwarz-
walduhren mit figuren',
kuratiert vom Deutschen
Uhrenmuseum Furtwangen,
durch eine Kombination von
Bild, Text und Animationen
die Bandbreite mechanischer
Automaten, die früher auf
VoÌksfesten, Jahrmårkten oder
im Kuriositätenkabinett dem
staunenden Publikum vorge-
führt wurden.
Die Europeana, das Kul-
turportal der Europäischen
Union, präsentiert über 58
Millionen Obj ekte (Artefakte,
Bücher, Audios und Videos),
die von Kultureinrichtungen
aus ganz Europa digitalisiert
wurden. Thematische Zugänge
zu den Onlinesammlungen bie-
ten die Europeana Collections,
die es erlauben, die Sammlun-
gen nach Thema oder Genre zu
entdecken.
Von der Einwegkommuni-
kation zu Dialog und Aus-
tausch
Ftr Museen und Besucher
sind die Angebote im Internet
nicht nur eine Informations-
quelle oder Wissensbasis.
Vielmehr bietet das Netz die
Möglichkeit, die traditionelle
Einwegkommunikation ab-
zulösen, in der das Museum
den Sender und die Besucher
die Empfänger bildeten - oft
sogar ohne die Möglichkeit,
einen Rückmeldekanal an das
Museum zu nutzen.
Das Internet bietet eine
PlaLLform flir einen Dialog zwi-
schen Museum und Besuchern,
indem diese die MögÌichkeit
erhalten, an der lnterpretation
cler Museumsobjekte und ihren
Bedeutungen mitzuwirken.
Dies schafft neue Perspektiven
auf Objekte und Sammlungen,
von denen Museum und Be-
sucher gleichermaßen prof, -
tieren. Parallel dazu agieren
Museen in den Kanälen der
sozialen Medien und können
mit den Benutzern ins Ge-
spräch kommen, Meinungen
'ick - Schwarz-
it Figuren",
L Deutschen
m Furtwangen,
rmbination von
C Animationen
;e mechanischer
ie früher auf
lahrmärkten oder
enkabinett dem
'ublikum vorge-
eana, das Kul-
Europâischen
itiert ùber 58
ekte (Artefakte,
rs und Videos),
reinrichtungen
rpa digitalisiert
natische Zrgange
:sammlungen bie-
reana Collections,
rn, die Sammlun-
ma oder Genre zu
inwegkommuni-
log und Aus-
en rrnd Besucher
:bote im Internet
: Informations-
'issensbasis.
et das Netz die
lie traditionelle
,unikation ab-
:r das Museum
nd die Besucher
:r bildeten - oft
e Möglichkeit,
:ldekanal an das
utzen.
ret bietet eine
einen Dialog zwi-
n und Besuchern,
lie MögÌichkeit
ler Interpretation
objekte und ihren
mitzuwirken.
Leue Perspektiven
nd Sammlungen,
tseum und Be-
:rmaßen profl-
11 dazu agieren
n Kanälen der
en und können
[zern ins Ge-
en, Meinungen
Í
l'
wahrnehmen und darauf rea-
gieren. Hinzu kommt die Kom-
munikation der Onlinebesu-
cher untereinander, die neue
Bezüge zum Museum und zu
seinen Objekten schafft, bzw
in Chats mit Kuratoren oder in
Einblicken hinter die Kulissen,
zum Beispiel wie Ausstellungen
entstehen, mit entsprechenden
Frage-Antwort- und Kommen-
taroptionen. Dabei sind Kom-
munikation und Austausch
zentrale Aspekte, denn das
Museum, sei es traditionell
oder virluell, ist nicht nur ein
Ort der Kultur, sondern auch
ein sozialer Ort, den man ge-
meinsam besucht und erfährt.
Was kann ein virtuelles
Museum sein? Ein Ausblick
Prognosen sind schwieri g,
vor allem, wenn sie die (digitale)
Zukunft betreffen. Dies gilt
insbesondere für Vorhersagen,
welche technischen Plattfor-
men sich durchsetzen werden.
Um viele gibt es einen Hype,
manche werden bleiben, einige
werden verschwinden. Ðin Bei-
spiel für eine extrem gehypte
Technologie, die dann von
der Bildfláche verschwand, ist
Second Life, eine Online-3-D-
Infrastruktur, in der Menschen
durch Avatare als Stellvertre-
terflguren interagieren. Dort
zeigte die Gemäldegalerie Alte
Meister der Staatlichen Kunst-
sammlungen Dresden von Mai
2007 bis Dezember 2011 in
virtuellen Repräsentationen
der 54 zugänglichen Räume
der Galerie alle 750 Kunstwerke
der ständigen Ausstellung.
Beispiele wie dieses zeigen,
dass Museen ein breites Spek-
trum von Plattformen bedienen
mùssen, um online relevant zu
bleiben.
Eines scheint sicher: Das
Museum des 21. Jahrhunderts
wird eine physische Basis
haben und eine gleichberech-
tigle digitale Erweiterung im
virtuellen Raum des Internets.
Das Ziel muss sein, möglichst
nahtlose Übergänge zwischen
analogem und digitalem Besuch
bzw. umgekehrt zu schaffen.
Bei einer solch engen Verbin-
dung von analog und digital
werden TechnoÌogien wie Aug-
mented und Virtual Reality
voraussichtlich eine wichtige
Rolle spielen.a
Wichtig ist dabei, dass sich die
traditionelle und die digitale
Umgebung sinnvoll ergänzen,
denn jede funktioniert auf ihre
eigene Art und Weise.s
DR.WERNER SCHWEIBENZ
ist Experte für Museen, Archive
und Repositorien am B¡bliotheks-
service-Zentrum Baden-Württem-
berg (BSZ).
Das virtuelle Museum 49
.,|
Dennis Niewerth, Virtuelle
Museen. ln: Dawid Kasprowicz;
Stefan Rieger (Hrsg.), Handbuch
Virtualität, Wiesbaden 2019,
S. 1-12, hier S. 5.
2
Ebenda, S.3f.
3
Regina Franken-Wendelstorf ;
Sybille Greisinger; Christian
Gries; Astrid Pellengahr (Hrsg.),
Das erweiterte Museum. Medien,
Technologien und lnternet, Berlin
2019. eBook: degruyter.com/
viewbooktoc/product/504361.
4
Ebenda, 5.127 -141
5
Werner Schweibenz, Das virtuelle
Museum im lnternet. ln: Claudia
Emmert; lna Neddermeyer
(Hrsg.), Schöne neue Welten.
Virtuelle Realitäten in der zeit-
genössischen Kunst, Friedrichs-
hafen 2019, 5.232-243.
il
{
ResearchGate has not been able to resolve any citations for this publication.
ResearchGate has not been able to resolve any references for this publication.