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Syntaktische Variation "oberhalb" des Dialekts? Die Erhebung der regionalsprachlichen Syntax des Deutschen: horizontal, indirekt, vertikal und online

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Syntaktische Variation "oberhalb" des Dialekts? Die Erhebung der regionalsprachlichen Syntax des Deutschen: horizontal, indirekt, vertikal und online

Abstract and Figures

1. Einleitung 3 2. Methodenreflexion 4 2.1 Probleme der Erhebung syntaktischer Phänomene in der Horizontale 4 2.2 Probleme der Erhebung syntaktischer Phänomene in der Horizontale per indirekte Methode 5 2.3 Die REDE-Erhebung syntaktischer Phänomene: horizontal, vertikal, indirekt und online 6 2.4 Zur Rolle der Stimulusvarietät 10 3 Drei Fallstudien 14 3.1 Gewährspersonen 14 3.2 Präteritumschwund / Perfektexpansion 15 3.2.1 Einleitung 15 3.2.2 Aufgabe 16 3.2.3 Ergebnisse 17 3.3 Progressivkonstruktionen 22 3.3.1 Einleitung 22 3.3.2 Aufgabe 23 3.3.3 Ergebnisse 24 3.4 Relativsatzanschluss 30 3.4.1 Einleitung 30 3.4.2 Aufgabe 32 3.4.3 Ergebnisse 32 4 Fazit 38 Literatur 38
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Syntaktische Variation „oberhalb“ des Dialekts? Die Erhebung der regionalsprachlichen
Syntax des Deutschen: horizontal, indirekt, vertikal und online.
Jeffrey Pheiff & Simon Kasper
Forschungszentrum Deutscher Sprachatlas
Philipps-Universität Marburg
Inhalt
1. Einleitung ............................................................................................................................... 3
2. Methodenreflexion ................................................................................................................. 4
2.1 Probleme der Erhebung syntaktischer Phänomene in der Horizontale ............................ 4
2.2 Probleme der Erhebung syntaktischer Phänomene in der Horizontale per indirekte
Methode .................................................................................................................................. 5
2.3 Die REDE-Erhebung syntaktischer Phänomene: horizontal, vertikal, indirekt und online
................................................................................................................................................ 6
2.4 Zur Rolle der Stimulusvarietät ....................................................................................... 10
3 Drei Fallstudien ..................................................................................................................... 14
3.1 Gewährspersonen ........................................................................................................... 14
3.2 Präteritumschwund / Perfektexpansion .......................................................................... 15
3.2.1 Einleitung ................................................................................................................ 15
3.2.2 Aufgabe ................................................................................................................... 16
3.2.3 Ergebnisse ............................................................................................................... 17
3.3 Progressivkonstruktionen ............................................................................................... 22
3.3.1 Einleitung ................................................................................................................ 22
3.3.2 Aufgabe ................................................................................................................... 23
3.3.3 Ergebnisse ............................................................................................................... 24
3.4 Relativsatzanschluss ....................................................................................................... 30
3.4.1 Einleitung ................................................................................................................ 30
3.4.2 Aufgabe ................................................................................................................... 32
3.4.3 Ergebnisse ............................................................................................................... 32
4 Fazit ....................................................................................................................................... 38
2
Literatur .................................................................................................................................... 38
3
1. Einleitung
Das von der Mainzer Akademie der Wissenschaften und Literatur geförderte Langzeitprojekt
Regionalsprache.de (REDE) (20082027) verfolgt zwei übergeordnete Ziele: erstens den Auf-
bau eines wissenschaftlich fundierten, sprachgeographischen Informationssystems (REDE
SprachGIS) und zweitens die erstmalige systematische Erhebung und Analyse der Struktur und
Dynamik der modernen Regionalsprachen des Deutschen.
1
Im Rahmen des zweiten Teilziels
erfolgt gegenwärtig die erstmalige flächendeckende Erhebung der (Morpho-)Syntax der mo-
dernen Regionalsprachen des Deutschen für die gesamte Bundesrepublik Deutschland. Am
Ende der Erhebungen werden die zentralen Ergebnisse im SprachGIS veröffentlicht werden
und darüber hinaus die gesamten Daten im Rahmen des SprachGIS der Forschungscommunity
zur Verfügung gestellt.
Die angezielte Erhebung der (Morpho-)Syntax der modernen Regionalsprachen bein-
haltet die Untersuchung der (morpho)syntaktischen Systemebene aller regionalsprachlichen
Register der Einzelsprache Deutsch.
2
Seit 2018 werden die regional bedingten syntaktischen
Varianten von Sprecher*innen mit unterschiedlichem sozio-demographischem Profil im Rah-
men unserer Erhebung untersucht. Sie zielt auf die Dokumentation und Analyse des gesamten
variativen Spektrums des Deutschen in der Vertikale und Horizontale.
Die Horizontale, die geographische Variation (morpho-)syntaktischer Variablen, ist
mittlerweile gut untersucht, da die Dialektsyntax in den letzten zwanzig Jahren einen großen
Aufschwung erlebt hat. Für den deutschsprachigen Raum liegen mittlerweile umfangreiche Er-
gebnisse dazu vor, welche Konstruktionen in welcher Häufigkeit in welchen Teilräumen vor-
kommen (siehe etwa SADS, SyHD, SynAlm).
3
Dagegen liegen kaum Daten zu der Frage vor,
welche syntaktischen Phänomene in welcher Häufigkeit in der Vertikale vorkommen. Ausnah-
men sind etwa Studien zu Einzelphänomenen wie etwa Pronominaladverbien (z. B. Negele
2012, Otte-Ford 2016), Artikelverwendung bei Personennamen (Werth 2017), die bei hetero-
genen Quellen auch große Räume abdecken können, sowie besonders Kallenborn (2019), der
die vertikale Variation mehrerer Phänomene im Moselfränkischen unter hochgradig kontrol-
lierten Bedingungen untersucht hat, dessen Untersuchung aber entsprechend sprachgeogra-
phisch umgrenzt ist. Auch wenn die Untersuchung der vertikalen Dimension in den Blick der
modernen Dialektologie geraten ist, konzentriert sich die Erforschung des vertikalen Spektrums
auf phonetisch-phonologische Phänomene (etwa Kehrein 2012, für eine Zusammenfassung
vorliegender Studien siehe Schmidt 2017 und Kehrein 2019). Während zwar Einzelstudien zur
vertikalen Variation vereinzelter syntaktischer Phänomene vorliegen (etwa Berg 2012, Lang-
hanke 2011, 2012, Kallenborn 2019, Lenz et al. 2019), liegen keine großangelegten Studien
vor, die systematisch die horizontalen und vertikalen Variationsdimensionen syntaktischer Phä-
nomene untersuchen.
4
Zwar untersucht der Atlas zur deutschen Alltagssprache (AdA) die All-
tagssprache, der einen funktionalen Begriff der sog. Alltagssprache ansetzt und somit potentiell
1
Zum REDE SprachGIS siehe Limper / Pheiff / Williams (2020), zum Aufbau und zu den Arbeitsbereichen des
Projekts Regionalsprache.de (REDE) siehe Ganswindt / Kehrein / Lameli (2015).
2
Mit Kallenborn (2011a, 2011b) wird Register als Hyperonym für die Hyponyme Sprechlagen und Varietäten im
Sinne von Schmidt / Herrgen (2011) verwendet.
3
Eine Diskussion über die Motivation der theoretischen Linguistik (sprich: der Generativen Grammatik) und der
Sprachtypologie, die Dialektsyntax zu erforschen, erfolgt in Weiß (2004).
4
Die Dialekt-Standard-Achse wird im Rahmen einer direkten Erhebung syntaktischer Phänomene anhand von
language production tasks (LPEs) im SFB Deutsch in Österreich (DiÖ) einbezogen (zu den Phänomenen siehe
Lenz et al. 2019: 66, zum Projekt DiÖ siehe z. B. Budin et al. 2018).
4
alle Register in der Dialekt-Standard-Achse mit einbezieht, der Schwerpunkt des Projekts liegt
dabei aber hauptsächlich auf Unterschieden in der Aussprache und Lexis. Hinzu kommt das
Projekt Variantengrammatik des Deutschen, die länder- und regionsspezifische Unterschiede
in der Grammatik des geschriebenen Standarddeutschen untersucht (etwa Dürscheid
/ Elspaß / Ziegler 2019). Dass die horizontalen und vertikalen Variationsdimensionen bei der
Untersuchung syntaktischer Phänomene bislang nicht ausreichend zusammenführt wurden,
wird in der Literatur mehrfach bemängelt (siehe etwa Henn-Memmmesheimer 1989: 171, Kal-
lenborn 2011a, 2011b, 2019, Ramelli 2016: 4950). Dieser Zustand ist umso bedauerlicher,
weil ein enger Zusammenhang zwischen der Frage danach, welche syntaktischen Varianten in
der Horizontale und welche syntaktischen Varianten in der Vertikale vorkommen, besteht. So
wird gemeinhin angenommen trotz unterschiedlicher theoretischer Ausrichtungen, dass be-
stimmte syntaktische Varianten in standardnäheren Registern vorkommen, sofern sie in den
entsprechenden, lokal gebundenen Basisdialekten vorkommen:
5
[…] daß die gesprochene Sprache in einer Region mit ihrer Schichtung bis hinauf zum Stan-
dard stets vor dem Hintergrund der in ihr geltenden (basis)dialektalen Sprachform zu sehen
ist, was auch der Grund dafür ist, daß selbst in den höchsten Varietäten Regionalismen fest-
zustellen sind (Patocka 1993: 409).
Die […] Funktionserweiterung, die das Gegenwartsdeutsche vor allem im Bereich der All-
tagskommunikation erfahren hat, hat im syntaktischen System funktionale Lücken generiert
bzw. aufgedeckt, was zumindest teilweise durch die Übernahme syntaktischer Muster aus
den Dialekten kompensiert wurde (Weiß 2004: 32).
Weitere Fragestellungen und das Erkenntnisinteresse einer areallinguistisch orientierten Syn-
taxforschung werden von Lenz (2018: 242247) ausführlich diskutiert. Mit der Erhebung der
(Morpho-)Syntax der modernen Regionalsprachen möchten wir dazu beitragen, die skizzierte
Forschungslücke zu füllen.
Der Beitrag ist folgendermaßen gegliedert: Zunächst werden wir die besonderen metho-
dischen Herausforderungen identifizieren und reflektieren, die mit einer Erhebung (morpho-
)syntaktischer Phänomene in der Vertikale und Horizontale einhergehen, und dargelegen, wie
wir diese Herausforderungen in der REDE-Erhebung zu bewältigen versuchen. Im Anschluss
präsentieren wir drei Fallstudien zu drei Phänomenen (Präteritumschwund / Perfektexpansion,
Progressivkonstruktionen, Relativsatzanschüsse). Nach einem Abriss der aktuellen For-
schungslage und einer Besprechung des jeweiligen Abfragekontexts präsentieren wir die Er-
gebnisse eines intervariativen und intergenerationellen (etwa Bailey et al. 1991) Vergleichs und
ordnen sie in die aktuelle Forschung ein. Wir schließen den Beitrag mit einem Fazit und Aus-
blick.
2. Methodenreflexion
2.1 Probleme der Erhebung syntaktischer Phänomene in der Horizontale
Zunächst ist prinzipiell zu fragen, ob es möglich oder sinnvoll ist, Syntax horizontal in ihrer
diatopischen Verbreitung zu erheben. Der Grund für eine solche prinzipielle Skepsis ist, dass
5
Für eine „mittlere“ Varietät des Niederländischen in Limburg zeigt Cornips (2006), dass syntaktische Varianten
vorkommen können, die weder aus dem Dialekt noch aus der Standardsprache stammen.
5
eine Meinung wie die folgende lange Zeit als mehrheitsfähig galt: Da, so das Argument, Dialekt
wesensmäßig gesprochene Sprache sei,
[…] ist vermutungsweise eine Dialektsyntax als Kontrast zum Literaturdeutsch unergiebig,
da die dialektspezifischen Besonderheiten sich als Unterschiede gesprochen geschrieben
entpuppen. Echte Unterschiede liegen vermutlich nur im Wortbereich, womit aber die Syn-
tax bereits wieder verlassen wird. (Löffler 2003: 110, auch Löffler 1974: 125126)
Dabei hatten schon zahlreiche Arbeiten vor 1970 gezeigt, dass areale nicht mit medialen Un-
terschieden verwechselt werden sollten, und erfolgreich Dialektsyntax erforscht (etwa Schiepek
1899, Weise 1909, Mironow 1957, Sperschneider 1959, Schirmunski 1962, Keseling 1968, Ho-
dler 1969). Zwischen der Zeit um 1970, d.h. derjenigen der Erstpublikation des obigen Zitats,
und etwa 2000 haben dann zwar wenige, aber dennoch einschlägige Arbeiten gezeigt, wie Syn-
tax in bestimmten geographischen Räumen variiert und sich nicht auf mediale Variation redu-
zieren lässt (etwa Patocka 1989, Tatzreiter 1989, Glaser 1997, Weiß 1998, SNiB). Erst in jün-
gerer Zeit ist die Meinung dahingehend verändert, dass Dialektsyntax zwar Syntax gesproche-
ner Sprache ist, aber nicht mit ihr zusammenfällt. Sie fällt nicht mit ihr zusammen, weil sie bei
aller Mündlichkeit dennoch geographisch variiert. Nach dem Modell Peters Auers ist Di-
alektsyntax „a subset of oral syntax which is defined by a restricted geographical reach.(Auer
2004: 72)
2.2 Probleme der Erhebung syntaktischer Phänomene in der Horizontale per indirekte Methode
Ebenso prinzipiell wie nach der syntaktischen Variation in der Horizontale ist zu fragen, ob es
möglich und sinnvoll ist, Dialektsyntax mit der indirekten Methode zu erheben. Berechtigt ist
diese Frage durch die lange gehegte und auch prominent geäußerte Meinung, dass die indirekte
Erhebung (und wohlgemerkt auch die direkte Erhebung) dialektaler Syntax unmöglich sei.
Diese Meinung gehörte lange Zeit zum germanistischen Handbuchwissen, wie die beiden
Passagen aus der 1. und 13. Auflage von Werner Königs dtv-Atlas Deutsche Sprache illustrieren
(König 1978, 2001):
Dialektsyntax ist verhältnismäßig großräumig differenziert und läßt sich im Gegensatz zur
Morphologie, Semantik und (teilweise auch) Phonologie nicht auf dem Wege der direkten
Befragung oder mit einem Fragebogen erforschen (König 1978: 163; kursiv: JP/SK)
Dialektsyntax ist eher großräumig differenziert und läßt sich im Gegensatz zur Morphologie,
Semantik und (z. T.) Phonologie nicht durch direkte Befragung oder mit Fragebogen erfor-
schen (König 2001: 163; kursiv: JP/SK)
Diese Ansicht wurde also von 1978 bis 2001 in fast unveränderter Form vertreten. Erst in der
14. Auflage (König 2004) wird diese Ansicht abgeschwächt:
Dialektsyntax ist eher großräumig differenziert und lässt sich nur sehr schwer durch direkte
Befragung oder mit Fragebogen erforschen (König 2004: 163; kursiv: JP/SK).
Im Vergleich zur Behauptung in der Auflage von 2001 ist die Behauptung in der Auflage von
2004, dass die Erhebung der Dialektsyntax mit der indirekten Methode nur sehr schwer“ ist,
6
progressiv gegenüber dem, was sogar Anfang des 20. Jahrhunderts im Buch steht. Dabei hatte
schon vor 2000 mindestens das niederländische Dialektsyntaxprojekt AND (Gerritsen 1990,
1993) und ab 2000 das Dialektsyntaxprojekt SADS im deutschsprachigen Raum gezeigt, dass
sich Dialektsyntax sehr wohl erfolgreich indirekt erheben lässt. Nachfolgeprojekte aus dem
deutschsprachigen Raum wie etwa SyHD, SynBai, SVLM, SynAlm und Plattdüütsch hüüt ha-
ben dies bestätigt.
Bei solchen indirekten Dialektsyntaxerhebungen ist es seit dem SADS zur Regel gewor-
den, die sprachlichen Stimuli zu „dialektalisieren“. Die Stimuli in den schriftlichen, papiernen
und in der Regel postalisch versendeten Fragebogen werden den Gewährspersonen dabei in
einer Laienschreibung präsentiert, die den Lautungen der jeweiligen Ortsdialekte möglichst na-
hekommen soll. Tabelle 1 zeigt für verschiedene Projekte auf, mit wie vielen verschiedenen
Dialektalisierungen sie jeweils gearbeitet haben.
Projekt
Land
Fragebogenversionen
SADS
CH
3
SyHD
DE
25
SVLM
AT / LI
5
SynAlm
DE
8
SynBai
DE
16
Plattdüütsch hüüt
DE
5
Tabelle 1: Dialektsyntaktische Projekte und Anzahl der Dialektalisierungen
Erstaunlicherweise ist die Notwendigkeit von solchen Dialektalisierungen so gut wie nie wis-
senschaftlich begründet worden (siehe Kasper / Pheiff 2018: 130133 für Diskussion und Lite-
raturverweise).
6
Wir haben nur eine einzige Begründung im Kontext des SyHD-Projekts gefun-
den, in der die Dialektalisierung als methodische Vorsichsmaßnahme vorgestellt wird:
Aus kognitionspsychologischer Perspektive erscheint es sinnvoll, die sprachlichen Stimuli
den Informanten in jeweils (zumindest lautlich) adäquaten Dialektübersetzungen/-translite-
rationen zu präsentieren: Nach allem, was wir bislang zur regionalsprachlichen Situation im
Westmitteldeutschen wissen, ist davon auszugehen, dass unsere SyHD-Informanten meist
Sprecher mit bivarietärer Kompetenz (vergleiche Schmidt / Herrgen 2011) sind, die eine
Kompetenz im Dialekt und einer standardsprachnäheren Varietät besitzen, d. h., in Kommu-
nikationssituationen je nach Situationsanforderung implizites sprachliches Wissen anwen-
den und sich für eine Varietät „entscheiden“. Beispielsweise wird ein Fragebogenstimulus
auf Standarddeutsch nicht dialektale Wissensbestände des Informanten aktivieren, sondern
seine regiolektalen bzw. standardsprachlichen. Daher ist darauf zu achten, SyHD-Informan-
ten möglichst adäquat formulierte Dialektsätze zu präsentieren, um sicher zu sein, dass die
intendierte Varietätenkompetenz erhoben wird (Fleischer / Kasper / Lenz 2012: 11).
2.3 Die REDE-Erhebung syntaktischer Phänomene: horizontal, vertikal, indirekt und online
Wie oben skizziert, wurde also etwas, das es vermeintlich nicht gibt horizontale syntaktische
Variation mit einer vermeintlich ungeeigneten Methode indirekte Fragebogenerhebungen
in großem Umfang erfolgreich erhoben (siehe z. B. Fleischer / Lenz / Weiß 2015, Lenz 2016).
In unserer REDE-Erhebung haben wir versucht, die vertikale Variationsdimension zusätzlich
6
Abgesehen davon, dass angemerkt wird, dass der Einfluss der Standardsprache minimiert werden solle (etwa
Seiler 2010: 523).
7
einzubeziehen und die Erhebungsmethode (noch) weiter zu vereinfachen, indem wir in Anleh-
nung am Atlas zur deutschen Alltagssprache (AdA) die Daten mit Fragebogen im Internet ver-
breiten. Unseres Wissens stellt dieser Versuch, horizontale und vertikale syntaktische Variation
indirekt und online zu erheben, methodologisches Neuland dar. Im Folgenden werden wir dis-
kutieren, welche spezifischen Herausforderungen damit verbunden sind und wie wir mit ihnen
umgegangen sind.
Zunächst war ein Fragebogen zu konzipieren, mit dem das vertikale Spektrum ermittel-
bar ist, also die Register (Sprechlagen und Varietäten) von der Standardsprache bis zum Orts-
dialekt. Dabei mussten nicht nur dialektkompetente Gewährspersonen erreicht und mit dem
Fragebogen adäquat angesprochen werden, sondern alle möglichen Personen, deren vertrau-
teste Sprechweise sich irgendwo im vertikalen Spektrum verorten lässt. Der Fragebogen musste,
grob gesprochen, der Situation in Abbildung 1 gerecht werden. Nach König (2011: 134) exis-
tiert in der Mitte und im Süden ein Kontinuum von Ortsdialekten über regional gefärbte All-
tagssprache/Umgangssprache bis hin zu gesprochenem Standarddeutsch. Im Norden gibt es
eine schmale Dialektbasis mit wenigen Sprecher*innen, eine Kluft bei regionalen Sprechweisen
und dann sehr standardnahe Register.
Abbildung 1: Vertikale Spektren im Deutschen auf der NordSüd-Achse (nach König 2011)
Königs (2011) Modell spiegelt sich auch in den variativen Spektren wider, die im Rahmen des
Projekts Regionalsprache.de (REDE) ermittelt werden. In Abbildung 2 bis Abbildung 5 sind
die Dialektalitätswerte von Sprachproben von Gewährspersonen in verschiedenen Situationen
abgebildet. Die Symbole stehen für Situationstypen und von oben nach unten nimmt die For-
malität der Situation ab. Die blaue Raute steht dabei für das individuell beste Hochdeutsch, die
rote Raute steht hingegen für den individuell besten Dialekt. Von links nach rechts steht ein
Sprecher aus der jeweils älteren, mittleren und jüngeren Generation. An dieser Stelle genügt
der Hinweis, dass die Spektren aus REDE das Modell Königs (2011) bestätigen. Am Beispiel
8
des Ortes Borken im Westfälischen (Niederdeutsch) zeigt sich, dass, falls der Dialekt im Nor-
den noch beherrscht wird, dann eine ziemlich große Kluft zwischen diesem und standardnähe-
ren Registern besteht.
Abbildung 2: Regionalsprachliches Spektrum (Dialektalitätsmessung) für Borken (Westfälisch)
Am Beispiel des Ortes Wittlich im Moselfränkischen (Westmitteldeutsch) ist diese Kluft zwar
noch vorhanden, aber sie ist dennoch kleiner.
Abbildung 3: Regionalsprachliches Spektrum (Dialektalitätsmessung) für Wittlich (Moselfränkisch)
Im Thüringischen (Ostmitteldeutsch) gibt es nur noch ein schmales Spektrum, dass weder be-
sonders hohe, noch besonders niedrige Dialektalitätswerte aufweist. In allen Situationen wird
also relativ ähnlich dialektfern, aber deutlich regional markiert, gesprochen.
Abbildung 4: Regionalsprachliches Spektrum (Dialektalitätsmessung) für Erfurt (Thüringisch)
Im Mittelbairischen (Oberdeutsch) verfügen die Sprecher aller drei Generationen schließlich
über tiefe Dialektpole und relativ standardferne „bestes individuelles Hochdeutsch“-Pole.
9
Abbildung 5: Regionalsprachliches Spektrum (Dialektalitätsmessung) für Trostberg (Mittelbairisch)
Wie ist dieser Situation mit dem Mittel eines Online-Fragebogens zu begegnen? Erstens er-
schien es uns notwendig, wie beim AdA jede Person, die geschriebenes Deutsch verstehen und
produzieren kann, an dem Fragebogen teilnehmen lassen zu können und anders als bei den oben
genannten dialektsyntaktischen Projekten nicht nach bestimmten Sozialparametern (üblicher-
weise nach Chambers / Trudgill (2004: 29) nonmobile, older, rural males oder females, sog.
NORMs und NORFs) vorzuselegieren.
Zweitens erfragen wir in dem grundsätzlich anonymen Fragebogen die üblichen
sprachbiographischen Daten. Dazu gehören beispielsweise Geburtsjahre, Geburtsorte nach
Ortsnamen und Postleitzahlen, längere Abwesenheiten vom Heimatort, (Aus-)Bildungsab-
schlüsse und einiges mehr. Daneben wird jede Gewährsperson aber auch danach gefragt, wie
ihre Eltern mit ihr gesprochen haben, als sie klein war. Dabei wird „Dialekt/Platt/Mundart ge-
genüber Regional geprägter Alltagssprache gegenüber Hochdeutsch zur Auswahl angebo-
ten. Durch Lenzʼ (2008: 78) Studie zum Westmitteldeutschen ist bekannt, dass Sprecher*in-
nen womöglich unterschiedliche Konzepte mit diesen Termini verbinden. Um zu verhindern,
dass dies geschieht, werden die drei Varietäten in Anlehnung an Huesmann (1998: 272) jeweils
allgemeinverständlich erläutert (siehe Tabelle 2). Nachdem sie hier eine Auswahl getroffen ha-
ben, werden die Gewährspersonen gefragt, welche dieser Sprechweisen ihre vertrauteste
Sprechweise ist bzw. welche Sprechweise die Gewährspersonen am sichersten sprechen. Sie
werden dann aufgefordert, die dann nachfolgenden Fragen zur Syntax in der Sprechweise zu
beantworten, die sie an dieser Stelle wählen.
Varietätenbezeichnung
Erläuterung im Fragebogen
Dialekt/Platt/Mundart
Dialekt, Platt oder Mundart ist die Sprechweise, die nur für einen Ort oder eine
sehr kleine Region typisch ist. Sie weist so viele sprachliche Eigenheiten auf, dass
Außenstehende sie nicht ohne weiteres verstehen können. Diese Sprechweise
wird in südlicheren Gebieten Deutschlands Dialekt genannt, in weiter nördlich
gelegenen Gegenden heißt sie Platt.
Regional gefärbte Alltags-
sprache/Umgangssprache
Regional gefärbte Alltagssprache ist die Sprechweise, die für eine Region typisch
ist und eine regionale Färbung aufweist, aber von Außenstehenden in der Regel
verstanden werden kann.
Hochdeutsch
Hochdeutsch ist die Sprechweise, die im ganzen Bundesgebiet verstanden wird
und die von den Nachrichtensprechern und -sprecherinnen im überregionalen
Fernsehen und Radio gesprochen wird. Sie enthält keine regionalen Auffälligkei-
ten.
Tabelle 2: Bezeichnungen und Erläuterungen der Varietäten im Fragebogen
10
Drittens sollen die Gewährspersonen im nächsten Schritt ihre subjektive Dialektkompetenz und
Regiolektkompetenz
7
jeweils auf einer Siebenerskala von „sehr gut“ bis „gar nicht“ einschät-
zen. Wenn sie subjektiv Dialektkompetenz besitzen, werden sie am Ende des Fragebogens zu
einem „objektiven“ Dialektkompetenzschnelltest in Anlehnung an Purschke (2011) geleitet,
den sie absolvieren müssen. Im „objektivenTest müssen Gewährspersonen zehn standarddeut-
sche Lexeme in ihren Dialekt übersetzen. Fünf davon weisen den mittelhochdeutschen bzw.
westgermanischen Bezguslaut *ei (heiß, Fleisch, kein, Seife, Kleid) auf und fünf Lexeme wei-
sen mittelhochdeutsch *î (Eis, Wein, sein, weiß, beißen) auf. Wenn Gewährspersonen in der
Lage sind, die Phonem-Lexem-Zuordnung von mindestens 80 % der Lexeme zu treffen, neh-
men wir an, dass sie dialektkompetent sind. Die Erwägung dabei ist, dass, wer die Distribution
dieser Laute in den Lexemen einer Varietät kennt, eine phonologische Kompetenz in dieser
Varietät besitzen muss. Und, so die Erwägung weiter, wer die phonologische Kompetenz für
eine Varietät besitzt, besitzt mit allerhöchster Wahrscheinlichkeit auch die syntaktische Kom-
petenz für sie.
8
Wenn Gewährspersonen den Test nicht bestehen, werden ihre Daten nicht mit-
berücksichtigt.
Fassen wir unsere Überlegungen zur Frage, wie wir mit der Herausforderung der
Sprechlagen und Kompetenztypen umgehen, zusammen. Wir treffen keine Vorselektion an Ge-
währspersonen. Die Umfrage ist (in allen Runden) für alle Typen an Deutschkompetenzen ge-
öffnet. Gewährspersonen dürfen ihre eigene Kompetenz subjektiv einschätzen und wenn sie
behaupten, dialektkompetent zu sein, wird diese behauptete Dialektkompetenz anhand eines
Verfahrens (= Dialektkompetenzschnelltest) geprüft. Schließlich werden Gewährspersonen
dazu aufgefordert, den Fragebogen für ihre vertrauteste Sprechweise auszufüllen.
An diese Überlegungen schließen sich zwei weitere Fragen an: 1) Wie können Gewähr-
spersonen Gewährspersonen ausgewählt und erreicht werden und 2) in welchem Medium kann
die Abfrage erfolgen? Da die Gewährspersonen nicht vorselegiert werden und die Umfrage (in
allen Runden) anonym erfolgt, können potentielle Gewährspersonen nicht auf dem papiernen
Postweg erreicht werden. Stattdessen sind wir darauf angewiesen, die Umfrage möglichst breit
in das World Wide Web zu streuen. Im Internetauftritt des Projekts Regionalsprache.de
(REDE) gibt es einen „Mitmachen“-Knopf, über den Gewährspersonen auf die jeweils aktuell
verfügbaren Fragebogen und zu ersten Umfrageergebnissen gelangen können. Wir verbreiten
die Nachricht über verfügbare Fragebogen und Aufrufe zur Teilnahme über soziale Medien,
Mailverteiler und Anfragen an Verbände. Wer an einem Fragebogen teilgenommen hat, hat die
Möglichkeit, die E-Mail-Adresse zu hinterlassen, um über Ergebnisse und weitere Fragebogen-
runden informiert zu werden. Die Speicherung der E-Mail-Adressen erfolgt unabhängig von
den Antworten auf die Fragebogenfragen.
2.4 Zur Rolle der Stimulusvarietät
Am Schluss der Methodenreflexion steht die schwierigste Frage: Wie präsentieren wir die Sti-
muli, damit sie jedem Kompetenztyp angemessen sind? Im oben bereits aufgeführten Zitat hat-
7
„Dialekt“ dient uns als linguistisch-objektiver Terminus für das alltagssprachlich-subjektive „Dia-
lekt/Platt/Mundart“ und analog für „Regiolekt“ und „regional geprägte Alltagssprache/Umgangssprache“. Ebenso
ist „Hochdeutsch“ der alltagssprachliche Ausdruck für inhaltlich aber vorerst unbestimmtes gesprochenes
Standarddeutsch.
8
Der Dialektkompetenzschnelltest wurde bereits in Schmidt (2017) und Kasper / Pheiff (2018) erprobt.
11
ten Fleischer / Kasper / Lenz (2012: 11) sinngemäß behauptet, die sprachlichen Stimuli in Syn-
taxfragebogen müssten in derjenigen Varietät präsentiert werden, hinsichtlich deren die Ant-
worten auch ausgewertet werden, damit das entsprechende implizite prozedurale Wissen zur
Zielvarietät „angezapft“ wird und nicht etwa dasjenige zu einer eventuell davon abweichenden
Stimulusvarietät. Für die vertikalen und horizontalen Variationsdimensionen würde dies bedeu-
ten, dass sozusagen für jeden möglichen Punkt in einem Koordinatensystem mit x- (diatopische
Dimension) und y-Achsen (diastratische Dimension) eine eigene sprachlich angepasste Frage-
bogenversion zur Verfügung gestellt werden müsste und zudem für jede Gewährsperson im
Vorhinein ermittelt werden müsste, welche dieser Versionen für sie die adäquate ist. Derartige
Fragebogen auf solche Weise zur Verfügung zu stellen übersteigt aber erstens unser Wissen
über die existierenden Varietäten und die Gewährspersonen und zweitens wäre dies mit einem
kaum zu realisierenden Aufwand verbunden. Uns schien es stattdessen angezeigt, die Voran-
nahme von Fleischer / Kasper / Lenz (2012) zu hinterfragen und empirisch zu testen, ob Ge-
währspersonen Fragebogen zu ihrer dialektsyntaktischen Kompetenz tatsächlich unterschied-
lich beantworten in Abhängigkeit davon, in welcher Varietät man ihnen die Stimuli präsentiert.
9
Hierzu haben wir eine Vorstudie im Bundesland Hessen durchgeführt. An drei Erhe-
bungsorten haben wir schriftliche Fragebogen mit fünfundzwanzig Fragen an dialektkompe-
tente Gewährspersonen verteilt. In einer Teilmenge der Fragebogen wurden die Stimuli in dia-
lektalisierter Form und in der anderen Teilmenge in standardsprachlicher (= nicht-dialektali-
sierter) Form präsentiert (siehe Tabelle 3). Die Fragen und die Dialektalisierungen wurden dem
Fragenkatalog des SyHD-Projekts entnommen. Dabei haben die Erhebungssituationen leicht
variiert. Während Gewährspersonen in Bürg-Gemünden und Grebenau-Schwarz den Fragebo-
gen zu Hause ausgefüllt haben, haben die Gewährspersonen in Hartenrod / Schlierbach im ei-
genen Bürgerhaus im Beisein Universitätsangehöriger ausgefüllt. Die Dialektkompetenz der
Gewährspersonen wurde vorab mit einem Schnelltest überprüft. Die Antworten der Gewährs-
personen, die den Kompetenzschnelltest nicht bestanden haben, wurden bei der Auswertung
nicht berücksichtigt.
Ort
Burg-Gemünden
Grebenau-Schwarz
Hartenrod / Schlierbach
Dialektgebiet
Zentralhessisch
Nordhessisch-Osthessisch
Zentralhessisch
Situation
zu Hause
im Bürgerhaus
zu Hause
Kompetenztest
Satzübersetzung
Satzübersetzung
ei/î-Test
dialektalisiert
10
10
9
standardsprachlich
10
8
6
Tabelle 3: Eckdaten zur Vorstudie (Kasper / Pheiff 2018: 133136)
Zur Auswertung der Fragebogen haben wir in Zusammenarbeit mit Alfred Lameli (Freiburg i.
Br.) ein aufwändiges Verfahren entwickelt. Im ersten Teil diente der dialektalisierte Fragebo-
gen als Referenzfragebogen. Für jede Aufgabe haben wir eine ortsdialektale Variante auf Basis
des dialektalisierten Fragebogens abgeleitet: Diese Variante war die am häufigsten gewählte
Variante. Für jede Aufgabe haben wir die Antworten für die am häufigsten gewählte Variante
auf Basis des dialektalisierten Fragebogens (= D-Max) und die Antworten auf die restlichen
9
Es ist auch bekannt, dass andere Faktoren die Ergebnisse einer syntaktischen Erhebung beeinflussen können wie
etwa das Medium (Pröll / Kleiner 2016), der Aufgabentyp (Seiler 2010, Kuhmichel 2016) und die Aufnahmeme-
thode (Fleischer / Lenz / Weiß 2015).
12
gewählten Varianten (= D-Rest) ausgezählt. Dann haben wir alle D-Max-Varianten und alle D-
Rest-Varianten über alle Aufgaben hinweg jeweils addiert. Wir haben dann die entsprechenden
Werte der D-Max-Varianten und der D-Rest-Varianten aus dem dialektalisierten Fragebogen
auch im standardsprachlichen Fragebogen gezählt. Daraus ergibt sich eine 2x2-Kontingenzta-
belle mit den vier Werten D-MaxDIALEKTALISIERT, D-RestDIALEKTALISIERT, D-MaxSTANDARDSPRACHLICH, D-
RestSTANDARDSPRACHLICH. Im zweiten Schritt haben wir das spiegelbildliche Verfahren angewendet.
Dabei diente der standardsprachliche Fragebogen als Referenzfragebogen. Für jede Aufgabe
haben wir eine ortsdialektale Variante auf Basis des standardsprachlichen Fragebogens abge-
leitet: Diese Variante war je Aufgabe die am häufigsten gewählte Variante. Für jede Aufgabe
haben wir die Antworten für die am häufigsten gewählte Variante auf Basis des standardsprach-
lichen Fragebogens (= S-Max) und die Antworten für die die restlichen gewählten Varianten
(= S-Rest) ausgezählt. Dann haben wir alle S-Max-Varianten und anschließend alle S-Rest-
Varianten über alle Aufgaben hinweg im standardsprachlichen Fragebogen jeweils addiert. Wir
haben schließlich die entsprechenden Werte der S-Max-Varianten und der S-Rest-Varianten im
dialektalisierten Fragebogen gezählt. Daraus ergibt sich erneut eine 2x2-Kontingenztabelle mit
den vier Werten S-MaxSTANDARDSPRACHLICH, S-RestSTANDARDSPRACHLICH, S-MaxDIALEKTALISIERT, S-RestDI-
ALEKTALISIERT.
Die Ergebnisse zeigen für Burg-Gemünden und Grebenau-Schwarz keine signifikanten
Unterschiede. In Hartenrod / Schlierbach lassen sich im Vergleich der S-Max- und S-Rest-Va-
rianten keine Unterschiede feststellen. Es gibt allerdings einen signifikanten Unterschied zwi-
schen den D-Max-Varianten und D-Rest-Varianten in diesem Ort in Abhängigkeit von der Sti-
mulusvarietät. Die Ergebnisse in Grebenau-Schwarz zeigen eine Tendenz in die gleiche Rich-
tung. Zur Qualität der Unterschiede lässt sich sagen, dass die (signifikanten) Unterschiede einen
gemeinsamen Nenner in charakteristischen „Gipfelstrukturen“ haben. In Hartenrod / Schlier-
bach und teilweise in Grebenau-Schwarz sind diese Gipfelstrukturen über alle Aufgaben hin-
weg erkennbar.
Abbildung 6: Gipfelstrukturen im standardsprachlichen und dialektalisierten Fragebogen
standardsprachliche Vorgabe
dialektalisierte Vorgabe
0
1
2
3
4
5
6
7
8
13
Diese Tendenz lässt sich am besten an einem Beispiel aus Hartenrod / Schlierbach illustrieren,
nämlich zum Pronominaladverb daran im Satz „Daran hättest du auch früher denken kön-
nen“ (siehe Abbildung 6). Die dunkelgraue Gipfelstruktur ist die aus dem dialektalisierten Fra-
gebogen, die hellgraue Gipfelstruktur ist die aus dem standardsprachlichen. Wir können be-
obachten, dass die am häufigsten gewählten Varianten für beide Fragebogen unterschiedliche
sind. Die D-Max-Variante im dialektalisierten Fragebogen ist gespaltenes da… dran. Das ist
mutmaßlich die ortsdialektale Variante. Im standardsprachlichen Fragebogen gehört diese Va-
riante bloß zum „Rest“, wurde aber durchaus gewählt. Die häufigste Variante im standard-
sprachlichen Fragebogen ist die standardsprachliche Variante, nämlich unverdoppeltes un-
gespaltenes daran (Duden 2016: 591592). Diese Variante spielt im dialektalisierten Fragebo-
gen aber kaum eine Rolle. Dieses asymmetrische Verhältnis ist für verschiedenen Gipfelstruk-
turen verantwortlich.
Diese Asymmetrie zeigt sich tendenziell auch bei den Aufgaben, bei denen die am häufigsten
gewählte Variante in beiden Fragebogenversionen übereinstimmt. Im standardsprachlichen
Fragebogen entfallen dann auf die standardsprachliche Variante immer Antworten, im dialek-
talisierten aber nicht unbedingt, so dass sich dort die Antworten auf nur eine Variante konzent-
rieren. Die flache Gipfelstruktur entsteht dann, wenn standardsprachliche und mutmaßlich orts-
dialektale Varianten um den Max-Wert konkurrieren. Dies geschieht nur im standardsprachli-
chen Fragebogen.
Die Analysen zeigen, dass die Stimulusvarietät nicht notwendigerweise das zeigen die
Ergebnisse aus Burg-Gemünden und Schwarz (signifikante) Unterschiede im Antwortverhal-
ten der Gewährspersonen zeitigen muss, sie es aber kann das zeigt die Analyse in Harten-
rod / Schlierbach. Wenn solche Unterschiede bestehen, besitzen sie die genannte Qualität. Sie
sind tendenziell schon in Grebenau-Schwarz zu erkennen, signifikant sind sie in Hartenrod /
Schlierbach. Wir glaube, dass aufgrund der besonderen Erhebungssituation, die anders war als
in Burg-Gemünden und Grebenau-Schwarz, die Mobilisierung der Dialektkompetenz in Har-
tenrod / Schlierbach nicht in vollem Maße gelungen ist. Dort haben die Gewährspersonen die
Fragebogen zu Hause ausgefüllt, in Hartenrod / Schlierbach bei einer Dialektveranstaltung im
Bürgerhaus unter Beisein von Universitätsangehörigen. Hier könnte die Mobilisierung dialek-
taler Wissensbestände trotz bestandenem Kompetenztest an der Situation gescheitert sein.
Wir haben Folgendes aus unseren Ergebnissen geschlussfolgert (siehe Tabelle 4): Wenn
man dialektkompetente Personen oder solche, bei denen die Mobilisierung der Dialektkompe-
tenz gelingt, mit dialektalisierten Stimuli konfrontiert, kann es sein, dass man Reliktformen
befördert, die nur noch zur passiven Kompetenz gehören. Wenn Personen mit mobilisierter
Dialektkompetenz mit standardsprachlichen Stimuli konfrontiert werden, kann es zu einer
leichten Tendenz zu standardkonformen Antworten im Vergleich zu dialektalisierten Stimuli
kommen. Legt man die standardsprachlichen Stimuli nun nicht dialektkompetenten Personen
vor oder solchen, bei denen die Mobilisierung der Dialektkompetenz nicht gelingt, dann be-
kommt man standardkonforme Antworten in besonderem Maße. Wenn schließlich diesen dau-
erhaft oder zeitweise dialektinkompetenten Personen dialektalisierte Stimuli vorgelegt werden,
dann muss man mit Hyperformen, Reliktformen und xenogenen Formen rechnen. Als xenogene
Formen begreifen wir dabei solche, die die Personen schon einmal gehört haben, die aber nicht
zum örtlichen Dialekt gehören (vgl. „knowledge by acquaintance“ bei James 1890: 221).
14
DIALEKTALISIERT
STANDARDSPRACHLICH
DIALEKTKOMPETENT /
GELUNGENE MOBILISIERUNG
Beförderung von Reliktfor-
men?
leichte Tendenz zu standard-
konformen Antworten
NICHT DIALEKTKOMPETENT /
MISSLUNGENE
MOBILISIERUNG
Beförderung von Hyper-,
Relikt- und xenogenen
Formen
standardkonforme Antwor-
ten in besonderem Maße
Tabelle 4: Die Wahl der Stimulusform und ihre Konsequenzen für die Erhebung der Dialektkompetenz
Aus diesen Überlegungen haben wir die folgenden Konsequenzen für die Erhebung der regio-
nalsprachlichen (Morpho-)Syntax in REDE gezogen: 1) Alle Stimuli werden standardsprach-
lich präsentiert, 2) Standardsprachliche Stimuli können die Resultate zwar in Richtung Stan-
dardkonformität verzerren. Diese Art der Verzerrung kann (nach diesen empirischen Ergebnis-
sen) aber in den Daten erkannt werden und ist damit interpretativ leichter handhabbar als andere
mögliche Verzerrungen, die an den Daten nicht erkennbar sind. 3) Dialektal bzw. regiolektal
inkompetente Gewährspersonen mit dialektalen bzw. regiolektalen Stimuli zu konfrontieren,
ist allemal inadäquat, wenn ihr aktueller Sprachgebrauch erhoben werden soll und nicht ihre
irgendwie geartete Bekanntheit mit (eigenen oder fremden) Varianten.
3 Drei Fallstudien
Vor dem Hintergrund der methodologischen Vorentscheidungen, die wir im vorangegangenen
Teil des Artikels diskutiert haben, präsentieren und reflektieren wir im Folgenden die Ergeb-
nisse für drei Aufgaben aus der ersten Erhebungsrunde in REDE (siehe Tabelle 5). Die Fragen
der ersten Erhebungsrunde entstammen direkt von wenigen Modifikationen abgesehen dem
Fragenkatalog des Projekts „Syntax hessischer Dialekte (SyHD). Bevor wir auf die Ergebnisse
eingehen, beschreiben wir die Gewährspersonen, die bisher teilgenommen haben.
Phänomen
SyHD
Unsere Umfrage
Aufgabentyp
Präteritumschwund
E1_12
E1_12
Übersetzung
Progressivkonstruktion
E1_08
E1_08
Bildbeschreibung
Relativsatzanschluss
E1_18
E1_18
Übersetzung
Tabelle 5: Ausgewählte Phänomene
3.1 Gewährspersonen
Bevor wir auf ausgewählte Ergebnisse der ersten Umfrage eingehen, möchten wir einen Ein-
blick darin geben, welche Altersgruppen an unserer ersten Umfrage teilgenommen haben. Diese
Zahlen spiegeln den Stand Juni 2019 wider. Zu diesem Zeitpunkt lagen 3124 vollständig aus-
gefüllte Fragebogen vor.
10
Davon entfallen 258 ausgefüllte Fragebogen auf die vertrauteste
Sprechweise „Dialekt/Platt/Mundart“, 1013 auf die vertrauteste Sprechweise „Regional ge-
prägte Alltagssprache“ und 1451 auf die vertrauteste Sprechweise „Hochdeutsch“.
10
Mittlerweile liegen mehr als 3600 vollständig ausgefüllte Fragebogen aus der ersten Erhebungsrunde vor.
15
Aus Abbildung 7 wird ersichtlich, dass die Gewährspersonen tendenziell jünger sind,
was ja auch vor dem Hintergrund des Mediums Internet nicht verwunderlich ist. Die meisten
Gewährspersonen wurden zwischen 1980 und 2000 geboren. Mit zunehmendem Alter sinkt die
Anzahl der Gewährspersonen allmählich. Ähnliche Ungleichverteilungen im Informantenpool
hin zur jüngeren Generation zeigen andere Projekte, die im Internet ihre Daten sammeln, wie
etwa das AdA-Projekt (z. B. Elspaß / Möller 2015) und das Applikationsprojekt Schnëssen
(z. B. Entringer et al. im Ersch.: 1213).
Abbildung 7: Anzahl der Gewährspersonen nach Varietät und Geburtsjahr
3.2 Präteritumschwund / Perfektexpansion
3.2.1 Einleitung
Im Deutschen können sowohl Präteritum- als auch Perfektformen dazu verwendet werden, um
auf vergangene Verbalsituationen Bezug zu nehmen (Fischer 2017: 25). Die Präteritumformen
(ich sagte, ich kam) werden synthetisch gebildet, während die analytischen Perfektkonstrukti-
onen (ich habe gesagt, ich bin gekommen) mit einem finiten Hilfsverb und dem Partizip II eines
Vollverbs (bzw. dem Ersatzinfinitiv eines Modalverbs) gebildet werden.
Ursprünglich verfügte das Germanische mit dem Präsens und dem Präteritum über zwei
Tempora. Im Althochdeutschen etablierte sich die neue, periphrastische Form und wurde in das
Tempussystem integriert. Sie war zunächst auf den Ausdruck abgeschlossener Eventualitäten
spezialisiert. Seit dem Mittelhochdeutschen hat das Perfekt dann eine Expansion im Gebrauch
erfahren, indem es sukzessive in die Gebrauchskontexte der Präteritumformen eingedrungen
ist.
11
Während das Perfekt ursprünglich nur typische, gegenwartsbezogene „perfektische“ Be-
deutungen ausdrücken konnte, konnte es zunehmend und kann es heute zum Ausdruck von
perfektiver und imperfektiver Vergangenheit verwendet werden. Mit der Expansion der Ge-
brauchskontexte in den Dialekten ging auch eine diskursmodale Erweiterung des Perfekts ein-
her: Das Perfekt konnte zunehmend als Narrationstempus verwendet werden. Das Perfekt und
11
Traditionell wird der oberdeutsche Präteritumschwund mit der Schwa-Apokope im Oberdeutschen in Zusam-
menhang gebracht (Reis 1894). Der These zufolge ist der Schwund durch den formalen Zusammenfall der 3. Per-
son Singular Indikativ des Präsens und Präteritums bedingt. Diese These gilt längst als widerlegt (siehe dazu aus-
führlich Fischer 2018: 328341, aber auch Fischer 2015: 110, Fleischer / Schallert 2011: 130132).
0 100 200 300 400 500 600 700 800 900
19311940
19411950
19511960
19611970
19711980
19811990
19912000
20012010
1931
1940 1941
1950 1951
1960 1961
1970 1971
1980 1981
1990 1991
2000 2001
2010
Dialekt 10 31 46 48 37 61 69 3
Regiolekt 535 84 167 222 325 327 5
Hochdeutsch 961 114 242 293 462 454 14
16
das Präteritum stehen so in einer Konkurrenzbeziehung zueinander, die durch den funktionalen
Ausbau der Perfektkonstruktionen ausgelöst wurde (vgl. Fischer 2015, 2017). Beim „Oberdeut-
schen Präteritumschwund“ beziehungsweise der Perfektexpansion handelt es sich in den Dia-
lekten um einen areal gestafftelten Sprachwandelprozess seit mittelhochdeutscher Zeit. Er be-
schränkt sich jedoch nicht (mehr) nur auf die oberdeutschen Dialekte, sondern ergriff allmäh-
lich die mitteldeutschen und z. T. die niederdeutschen Dialekte. Der Prozess zeigt verbspezi-
fisch einen unterschiedlichen Verlauf. Zu den Faktoren, die den Erhalt oder Abbau der Präteri-
tumformen begünstigen, gehören u. a. die Tokenfrequenz, Verbsemantik und syntaktischen Ei-
genschaften (z. B. Klammerbildung) (vgl. Fischer 2018: 362382).
Fischer (2020) ist eine gebrauchsbasierte Studie zur Verwendung von Perfekt- und Prä-
teritumformen in sechs Regionalsprachen des Deutschen. Fischer bezieht sich in ihrer Untersu-
chung auf eine Auswertung von Sprachaufnahmen, die im Rahmen des Projekts „Regionalspra-
che.de“ durchgeführt wurden. Die Aufnahmen sind zwar allesamt der Erhebungssituation „In-
terview mit Explorator“ zuzuordnen (s. Ganswindt / Lameli / Kehrein 2015 zur Strukturierung
der REDE-Erhebung), doch ist die Sprechweise in Abhängigkeit der individuellen Situations-
einschätzung und der regional unterschiedlich strukturierten Dialekt-Standard-Spektren z. T.
dem Dialekt und z. T. dem Regiolekt der jeweiligen Regionalsprache zuzuordnen (Fischer 2020:
4446). Fischers Studie konnte zeigen, „dass die regionalsprachlichen Tempussysteme mit ih-
ren spezifischen Formeninventaren auf einen regional unterschiedlichen Formengebrauch zu-
rückzuführen sind“ (Fischer 2020: 206). In unserem Zusammenhang sind die zwei Ergebnisse
zur vertikalen Variationsdimension von besonderem Interesse: Dass die Verbformen der drei
Varietäten sich bezüglich ihrer phonologisch-morphologischer Form unterscheiden, überrascht
nicht. Das zweite Ergebnis ist wichtiger: „Distributionsstaffelungen“ lassen sich in der Verti-
kale beobachten, d. h. standardnäheres Sprechen geht mit einer typen- und tokenfrequenteren
(und z. T. einer hyperkorrekten) Verwendung von Präteritumformen einher (vgl. Fischer 2020:
207). Da die Varietätenwahl je nach Sprecher bzw. Regionalsprache unterschiedlich ausgefal-
len ist, war zwar ein horizontaler Vergleich möglich, doch „die genaue Erforschung der Verti-
kale im Hinblick auf die Tempusformendistribution bleibt […] als zu erforschendes Desiderat
Folgestudien überlassen“ (Fischer 2020: 207). Mit der vorliegenden Fallstudie knüpfen wir an
dieses Desiderat an.
3.2.2 Aufgabe
Die Konzeption dieser Aufgabe wird von Fischer (2015: 127129) ausführlicher diskutiert. Der
Kontext der Frage lautet „Thomas fragt seinen Kollegen, seit wann er neben der Schule wohnt.
Er antwortet:“. Daraufhin werden Gewährspersonen zur Übersetzung des folgenden Satzes in
ihre vertrauteste Sprechweise aufgefordert: „Früher wohnten wir hinter der Kirche, aber dann
bauten wir noch mal neben der Schule“. Mit diesem Satz wird untersucht, wie Gewährsperso-
nen in der Übersetzung der Präteritumformen wohnten und bauten umgehen. Während der erste
Teil der Parataxe eine Eventualität beschreibt, die durch die Temporalangabe früher in der ab-
geschlossenen Vergangenheit verortet ist (Ereigniszeit und Referenzzeit liegen vor der Sprech-
zeit), ist der zweite Teil der Parataxe etwas komplexer. Die Handlung des Bauens liegt zwar
vollständig in der Vergangenheit, das Resultat der Handlung ‚bauen‘ ist jedoch für die Gegen-
wart relevant: bauen wird hier in der Bedeutung ‚ein Eigenheim errichten‘ verwendet. Im Fol-
genden präsentieren wir nur die Ergebnisse zu wohnen.
17
3.2.3 Ergebnisse
Wir finden in den Auswertungsergebnissen drei Hauptvarianten: eine Übersetzung mit der Prä-
teritumform früher wohnten wir, eine Übersetzung mit der Perfektkonstruktion früher haben
wirgewohnt und schließlich eine Übersetzung mit der Plusquamperfekt-Konstruktion früher
hatten wirgewohnt. Daneben gibt es eine kleine Anzahl an „irrelevanten Angaben, in denen
die angezielten Tempuskonstruktionen nicht realisiert wurden oder nicht klar erkennbar sind.
Die Anzahl der Antworten für jede Variante ist Fehler! Verweisquelle konnte nicht gefunden
werden. zu entnehmen.
Abbildung 8: Häufigkeit der Varianten nach Varietät
Die räumliche Verteilung der Varianten ist, nach Varietät differenziert, in Karte 1 bis Karte 3
visualisiert. Rote Punkte signalisieren Präteritumformen, blaue Punkte Perfektperiphrasen und
hellblaue Punkte Periphrasen mit dem Plusquamperfekt. Diese Variante ist nach Fehler! Ver-
weisquelle konnte nicht gefunden werden. mit 0,51 % (= 14/2742) marginal in den Antwort-
angaben belegt und zeigt auch keine besondere Raumbildung. Daher wird sie in den folgenden
Ausführungen außer Acht gelassen. Wir sehen, dass die Präteritumformen im Dialekt erwar-
tungsgemäß weitgehend auf den Norden beschränkt sind. In der „regional geprägten Alltags-
sprache“ wird ersichtlich, wie die Präteritumformen in dieser standardnäheren Sprechweise in
ihrer Frequenz zunehmen und nun im Gegensatz zum Dialekt auch im Süden auftauchen, in
dem der Schwund der Präteritumformen am weitesten vorangeschritten ist. In Bezug auf die
vertrauteste Sprechweise „Hochdeutsch“ beobachten wir, dass die Anteile der Präteritumfor-
men in allen Regionen inklusive des oberdeutschen Raums wiederum zunehmen. Auch wenn
die Frequenz der Präteritumformen in allen Regionen zu den standardnäheren Sprechweisen
hin ansteigt, darf dies nicht darüber hinwegtäuschen, dass unsere Sprecher*innen die Perfekt-
formen in allen Varietäten und Sprechweisen häufiger verwenden.
Dialekt Regiolekt Hochdeutsch
Präteritum 22 108 264
Perfekt 238 905 1191
Plusquamperfekt 068
irrelevant 419 34
0%
10%
20%
30%
40%
50%
60%
70%
80%
90%
100%
irrelevant Plusquamperfekt Perfekt Präteritum
18
Karte 1: Präteritum-/Perfektformen in der Sprechweise Dialekt
19
Karte 2: Präteritum-/Perfektformen in der Sprechweise „regional geprägte Alltagssprache“
20
Karte 3: Präteritum-/Perfektformen in der Sprechweise „Hochdeutsch“
Um die Dynamik dieses Sprachwandelprozesses zu untersuchen, betrachten wir nun die Ant-
wortangaben in Form einer Analyse in apparent-time. In Übereinstimmung mit der These, dass
Präteritumformen zugunsten von Perfektperiphrasen seit mittelhochdeutscher Zeit abgebaut
werden, erwarten wir eine Zunahme in der Tokenfrequenz der Perfektformen und eine Ab-
nahme in der Tokenfrequenz der Präteritumformen.
In Abbildung 9 ist die Tokenfrequenz der Perfektformen nach Varietät und Geburtsjahr
dargestellt. Jede Linie bezieht sich auf eine Varietät. Es zeigt sich, dass die Perfektformen in
tokenfrequenzieller Hinsicht von der ältesten Generation zur jüngsten Generation häufiger wer-
den. Diese Zunahme in der Frequenz lässt sich in allen drei Sprechweisen feststellen. Dabei ist
es interessant zu beobachten, dass die Varietäten Unterschiede in der Frequenz der Perfektfor-
men aufweisen. Während die (historisch junge) Sprechweise Hochdeutsch die niedrigste Fre-
quenz an Perfektformen aufweist, was sicherlich auf den konservierenden Einfluss der Schrift
zurückzuführen ist, ist die Frequenz der Perfektformen in der regional geprägten Alltagssprache
21
und im Dialekt beide Sprechweisen sind ja primär mündliche Varietäten am höchsten. Auf-
fällig ist auch die Beobachtung, dass die älteste Generation, die Hochdeutsch als vertrauteste
Sprechweise angegeben haben, die Perfektformen am wenigsten häufig verwendet. In dieser
Varietät nimmt die Frequenz der Perfektformen um ungefähr 40% von der ältesten zur jüngsten
Generation zu. Während also in der ältesten Generation die Frequenz der Perfektformen nach
Varietät unterschiedlich ausgefallen ist, weisen die Sprecher*innen der jüngsten Generation in
allen Varietäten ähnliche Häufigkeiten in der Verwendung der Perfektformen auf.
Abbildung 9: Tokenfrequenz der Perfektformen nach Varietät und Geburtsjahr (Analyse in apparent time)
In Abbildung 10 ist die Tokenfrequenz der Präteritumformen nach Varietät und Geburtsjahr
dargstellt. Wir können feststellen, dass die Präteritumformen als Folge der sich ausbreitenden
Perfektenformen in jeder Varietät über die Zeit hinweg an der Häufigkeit einbüßen.
Abbildung 10: Tokenfrequenz der Präteritumformen nach Varietät und Geburtsjahr (Analyse in apparent time)
19301949 19501969 19701989 19902009
Hochdeutsch 47% 71% 84% 89%
Regiolekt 74% 86% 90% 90%
Dialekt 84% 85% 94% 100%
0%
10%
20%
30%
40%
50%
60%
70%
80%
90%
100%
19301949 19501969 19701989 19902009
Hochdeutsch 53% 28% 15% 10%
Regiolekt 26% 14% 9% 9%
Dialekt 16% 15% 6% 0%
0%
10%
20%
30%
40%
50%
60%
22
3.3 Progressivkonstruktionen
3.3.1 Einleitung
In der nächsten Fallstudie wird der Ausdruck von Progressivität im intervariativen und interge-
nerationellen Vergleich untersucht. Im Mittelpunkt steht eine als am-Progressiv oder „rheini-
sche Verlaufsform“ bezeichnete Konstruktion. Der am-Progressiv „setzt sich einer finiten Form
von sein, der Kontraktion am (von an dem) und einem (substantivierten) Verb im Infinitiv zu-
sammen“ (Kuhmichel 2017: 120). Seine Funktion besteht darin, „eine Handlung oder ein Ge-
schehen aus der internen Perspektive, also im Verlauf befindlich, ohne zeitlichen Rahmen und
als (noch) nicht abgeschlossen, darzustellen“ (Kuhmichel 2016: 67, vgl. Glück 2001: 81). An-
ders als in einer Sprache wie Englisch ist der Ausdruck von Progressivität im Deutschen nicht
obligatorisch. Aus diesem Grund kann ein finites Vollverb als alternative Ausdrucksweise ge-
nutzt werden (Kuhmichel 2016: 67, Szczepaniak 2011: 159160). In der Forschungsliteratur
zum Deutschen werden auch weitere Ausdrucksmöglichkeiten von Progressivität diskutiert,
wie etwa die Konstruktionen mit beim X-en sein, dabei sein zu x-en, im X-en sein, gerade x-en
mit Adverb und finitem Vollverb sowie x-en tun mit tun als Auxiliar (vgl. etwa Glück 2001,
Krause 2002, Flick / Kuhmichel 2013, Kuhmichel 2016, 2017).
12
Es ist zwar keine der deut-
schen Progressivkonstruktionen vollständig grammatikalisiert, aber die Progressivkonstruktion
mit am gilt als die am weitesten grammatikalisierte Konstruktion (vgl. Glück 2001, Krause
2002, Rödel 2003: 100, Szczepaniak 2011). Dies ist unter anderem daran zu erkennen, dass der
am-Progressiv im Gegensatz zu koexistierenden Konstruktionen mit im und beim keine lokale
Bedeutung der Präposition am mehr aufweist (Szczepaniak 2011: 160161, auch Rödel 2003:
102).
13
Der Status der beim-Konstruktion, der tun-Periphrase (Fischer 2001: 148149) und der
Konstruktion aus Temporaladverb gerade und finitem Vollverb gilt aufgrund ihrer potentiellen
Multifunktionalität als umstritten (s. z. B. Glück 2001: 8385, Krause 2002: 242, Kuhmichel
2017: 122).
Auch wenn der Gebrauch des am-Progressivs als fakultativ gilt, gibt es trotzdem ge-
wisse Gebrauchskontexte, in denen die Konstruktion bevorzugt vorkommt, so beispielsweise
im Rahmen des Inzidenz-Schemas, bei dem eine Handlung eintritt, während eine andere noch
andauert, als Antwort auf die Frage Was macht X gerade? oder im Fall des aspetto continuo,
der eine Handlung über einen längeren Zeitraum hinweg als im Verlauf befindlich beschreibt.
Außerdem legen Untersuchungen nahe, dass die Kompatibilität eines Verbs mit dem Progressiv
von seiner Aktionsart abhängt (Glück 2001, Krause 2002, Flick / Kuhmichel 2013). In der Re-
gel wird in diesem Zusammenhang auf Vendlers (1957, 1967) semantische Klassen verwiesen,
in die sich Verben einteilen lassen: die atelischen states (u. a. lieben, glauben) und activities
(u. a. laufen, schwimmen, nachdenken, backen, beten) sowie die telischen Verbklassen accom-
plishments (u. a. ein Bild malen, aufwachsen) und achievements (u. a. gewinnen, den Gipfel
erreichen, sinken). Während activities sich progressivieren lassen, ist der Progressiv mit states
12
Neben dem Ausdruck von Progressivität dient die tun-Periphrase auch dem Ausdruck von Kausativät, der Prä-
sens- und seltener der Präteritumsbildung mit Topikalisierung des Infinitivs und der Konjunktiv-Umschreibung.
Vgl. z. B. Erben (1969) und rezenter Fischer (2001) für eine Überblicksdarstellung der Funktionen der tun-Peri-
phrase im Frühneuhochdeutschen und in den rezenten Dialekten sowie Weber (2015) und Kölligan (2004) für eine
Besprechung der Funktionen der tun-Periphrase im Niederdeutschen bzw. im Ripuarischen.
13
Sprachtypologisch entwickeln sich progressive Konstruktionen oft aus lokativen Ausdrücken, die Menschen im
Raum positionieren (Krause 2002: 240, Szczepaniak 2011: 161).
23
schlecht vereinbar. Accomplishments and achievements nehmen eine mittlere Position ein.
14
Neben der Ausweitung auf weitere Gebrauchskontexte und Verben ist die Expansion auf immer
mehr syntaktische Kontexte als Diagnostik für seinen Grammatikalisierungsgrad wichtig, etwa
eine Erweiterung mit direkten Objekten.
Variationslinguistische Studien zeigen, dass der am-Progressiv sich von einer ursprüng-
lich dialektalen Form zu einem sowohl überregional als auch varietätenübergreifenden, selbst
standardsprachliche auftretenden Phänomen entwickelt (Flick / Kuhmichel 2013: 52, 54). Nach
einer Korpus-Auswertung von Elspaß (2005: 409) ist die einfache am-Konstruktion „inzwi-
schen auch standardsprachlich im gesamten Sprachgebiet verbreitet“. Flick / Kuhmichel (2013:
73) prognostizieren, dass der am-Progressiv in Zukunft „immer stärker konventionalisiert wird
und sich weiter ausbreitet“. Ihrer Einschätzung nach sind besonders Regionen von Interesse, in
denen sich nach ersten Auswertungen des Projekts Syntax hessischer Dialekte (SyHD) keine
bzw. kaum am-Belege finden lassen. Es handelt sich hierbei um ostmitteldeutsche und west-
oberdeutsche Dialekte. Aufgrund eines Vergleichs zum AdA zeichnet sich „eine stärkere Aus-
dehnung der Konstruktion in den Süden des deutschen Sprachraums ab. Die AdA-Karten legen
entsprechend eine Ausbreitung des am-Progressivs ausgehend von höheren Sprachschichten
nahe“ (Kuhmichel 2016: 84, vgl. auch Schmidt / Möller 2019: 537).
Bei der tun-Periphrase handelt es sich um eine seit den Grammatikern des 18. Jahrhun-
derts in den normativen Grammatiken des Deutschen stigmatisierte Erscheinung (Fischer 2001:
149150). Die Herausstellung des Vollverbs in das Vorfeld und die Besetzung der linken Satz-
klammer durch das Auxiliarverb tun ein Phänomen, das sich „Verb-Topikalisierung“ nennt –
wird jedoch in den normativen Grammatiken des Deutschen als standardsprachlich angesehen
(Duden 2016: 435). Am Beispiel einer Auswertung des Korpus „Deutsch heute“ zeigen Brinck-
mann / Bubenhofer (2012), dass die Topikalisierung des Vollverbs bei ca. 54 % aller tun-Peri-
phrasen im gesprochen-sprachlichen Korpus vorliegt und somit die häufigste Verwendung der
Konstruktion darstellt. Diese Konstruktion kommt im gesamten Sprachraum vor. Die Verwen-
dung der tun-Periphrase ohne topikalisierten Infinitiv hingegen ist von einer Handvoll Aus-
nahmen abgesehen in ihrem Korpus weitgehend auf den mitteldeutschen und oberdeutschen
Sprachraum beschränkt (Brinckmann / Bubenhofer 2012: 161163). Da die Autoren die Funk-
tionen der tun-Periphrase ohne topikalisierten Infinitiv nicht ausdifferenzieren, ist die Auswer-
tung eine erste Annäherung. In einer weiteren Auswertung des Deutschen Referenzkorpus
(DeReKo) beläuft sich die Frequenz der tun-Periphrase auf nur 0,49 % aller tun-Belege, dabei
dient sie v. a. der Wiedergabe gesprochener Sprache und der Erzielung stilistischer Effekte.
Trotz der geringen Belegzahlen zeigt sich auch eine regionale Staffelung in der Häufigkeit der
tun-Periphrase von Süden nach Norden in diesem schriftsprachlichen Korpus (Brinck-
mann / Bubenhofer 2012: 164).
3.3.2 Aufgabe
In dieser Aufgabe zur Erhebung der Progressivausdrücke sehen Gewährspersonen ein Bild, auf
dem ein Mädchen zu sehen ist. Sie werden aufgefordert, zu beschreiben, was das Kind gerade
auf dem Bild macht (Abbildung 11). Mögliche Antworten sind etwa Das Mädchen betet, Das
14
Nach Flick / Kuhmichel (2013) gilt dies auch für Achievements, wobei wir ihren Beleg dafür als Instanz von
Accomplishments klassifizieren würden.
24
Mädchen betet gerade, Das Mädchen ist dabei zu beten, aber auch etwa Das Mädchen ist am
Beten, das Mädchen ist beim Beten oder Das Mädchen tut beten.
Abbildung 11: Bildbeschreibung zur Elizitierung der Progressivkonstruktionen
3.3.3 Ergebnisse
Wir haben es mit insgesamt sechs verschiedenen Varianten zu tun, deren Vorkommenshäufig-
keit in Abbildung 12 nach Varietät aufgelistet sind.
Abbildung 12: Häufigkeit der Varianten nach Varietät
15
Die Verwendung des finiten Verbs im Präsens ohne Temporaladverb ist in allen Varietäten am
häufigsten belegt und nimmt in der Frequenz vom Dialekt zur Standardsprache zu (siehe Karte
4 bis Karte 6). Die Variante mit dem Temporaladverb gerade ist auch belegt und tritt im ge-
samten Sprachraum auf, doch sind die Belegzahlen für diese Variante gering. Diese Varianten
15
Hinzu kommen noch 145 Antwortangaben, die über die drei Varietäten verteilt sind. Es handelt sich um Fälle
mit einem finiten telischen Accomplishment-Verb wie etwa Faltet die Hände oder spricht ein Gebet (116), mit
einer Nebensatzkonstruktion (8) oder mit einer scheint-Konstruktion (21).
Dialekt Regiolekt Hochdeutsch
Das Kind betet 142 831 1277
Das Kind tut beten 57 40 10
Das Kind ist am Beten 31 86 57
Das Kind betet gerade 813 11
Das Kind ist dabei zu beten 938 51
Das Kind ist beim Beten 111
irrelevant 47 122 146
0%
10%
20%
30%
40%
50%
60%
70%
80%
90%
100%
25
treten im gesamten Untersuchungsgebiet auf und zeigen keine charakteristische Raumvertei-
lung, auch wenn diese Variante eine niedrigere Frequenz in westmitteldeutschen Dialekten auf-
weist. Die Variante dabei sein zu x-en nimmt im intervariativen Vergleich vom Dialekt zu
„Hochdeutsch“ in seiner Frequenz zu. Sie lässt sich dabei im gesamten Sprachraum beobachten.
Die Konstruktion mit beim tritt in Übereinstimmung mit Flick / Kuhmichel (2013: 66) nur in
Einzelbelegen auf. Die tun-periphrase dominiert im Süden (Kuhmichel 2016: 123, 125,
Flick / Kuhmichel 2013: 66) und wird immer seltener in standardnäheren Registern. Vor dem
Hintergrund der geringen Belegzahlen für die anderen Varianten konzentrieren wir uns in der
folgenden Analyse der Kurzzeitdiachronie auf die Konstruktion mit einfachem Präsens ohne
das Temporaladverb gerade, den am-Progressiv und die tun-Periphrase.
Karte 4: Progressivkonstruktionen in der Sprechweise Dialekt
26
Karte 5: Progressivkonstruktionen in der Sprechweise „regional geprägte Alltagssprache“
27
Karte 6: Progressivkonstruktionen in der Sprechweise Hochdeutsch
Was den intergenerationellen Vergleich angeht, zeigt sich in Bezug auf die Konstruktion ohne
das Temporaladverb gerade, dass ihr Anteil in der standardnächsten Sprechweise auf insgesamt
hohem Niveau weitgehend stabil ist (siehe Abbildung 13). Dabei steigt ihr Anteil im Regiolekt
von der ältesten zu den jüngeren Jahrgängen hin um etwa 7% und im Dialekt um etwa 18% an.
Weitere Daten müssten zeigen, ob die Frequenzzunahme im Regiolekt auf einen diachronen
Trend hinweist oder ob es sich lediglich um random variation handelt. Eindeutiger ist der Trend
im Dialekt, der auf eine Zunahme dieser Variante hinweist. Mit unserem standardsprachlichen
Fragebogen erwarten wir eine leichte Tendenz zu standardsprachlichen Antwortangaben bei
dialektkompetenten Gewährspersonen und besonders viele standardsprachliche Antwortanga-
ben bei weniger dialektkompetenten Gewährspersonen (siehe Abschnitt 2.4). Wir könnten die
Antworten in den jüngeren Generationen dahingehend interpretieren, dass sie nicht in der Lage
waren, ihre entsprechende Kompetenz zu mobilisieren aus welchem Grund auch immer. Dies
würde auch erklären, warum der am-Progressiv und die tun-Periphrase diachron in der Fre-
quenz abnehmen (siehe Abbildung 14 und Abbildung 15).
28
Abbildung 13: Tokenfrequenz der Präsensformen ohne das Temporaladverb gerade nach Varietät und Geburtsjahr
In Hinsicht auf die tun-Periphrase lässt sich konstatieren, dass ihr Anteil in den beiden Non-
standardvarietäten über die Zeit hinweg abnimmt. Im Dialekt und der regional geprägten All-
tagssprache sinkt ihre Frequenz im intergenerationellen Vergleich um 13% beziehungsweise
16%. In Hochdeutsch ist ihre sehr geringe Frequenz stabil geblieben. Dass diese Variante
in der Kurzzeitdiachronie in der Frequenz abnimmt, überrascht insofern nicht, als wir wissen,
dass sie in den normativen Grammatiken des Deutschen seit mindestens dem 18. Jahrhundert
als nicht korrekt ausgewiesen wird (Fischer 2001: 149150). Eine mögliche Interpretation wäre
auch, dass die tun-Periphrase mit dem am-Progressiv zum Ausdruck von Progressivität kon-
kurriert (Fischer 2001). In unserem Zusammenhang erscheint uns diese Erklärung nicht plausi-
bel, da wir ebenfalls eine Abnahme in der Frequenz des am-Progressivs über die Generationen
hinweg beobachten (siehe Abbildung 15).
Abbildung 14: Tokenfrequenz der tun-Periphrase nach Varietät und Geburtsjahr (Analyse in apparent time)
19301949 19501969 19701989 19902009
Dialekt/Platt 45% 53% 61% 63%
Regional gefärbte Alltagssprache 75% 80% 84% 82%
Hochdeutsch 90% 94% 92% 87%
40%
50%
60%
70%
80%
90%
100%
19301949 19501969 19701989 19902009
Dialekt 34% 22% 22% 21%
Regiolekt 18% 7% 3% 2%
Hochdeutsch 2% 1% 0% 1%
0%
5%
10%
15%
20%
25%
30%
35%
40%
29
Unsere Ergebnisse zeigen, dass der am-Progressiv im intergenerationellen Vergleich in der re-
gional geprägten Alltagssprache stabil bleibt. In der Sprechweise Hochdeutsch beobachten
wir eine U-Kurve, bei der die Frequenz dieser Variante von der ältesten zur mittleren Genera-
tion abnimmt und dann in der jüngsten Generation ansteigt. Damit lässt sich eine gewisse Sta-
bilität über die Zeit hinweg auch in dieser Sprechweise belegen. In der Sprechweise Dialekt
beobachten wir von der ältesten zur jüngsten Generation eine klare Abnahme in der Frequenz
der Variante um 8%. Dieses Ergebnis ist aus zwei Gründen überraschend: Erstens wird eine
fortschreitende Grammatikalisierung in der Forschung erwartet, und zweitens wird erwartet,
dass der am-Progressiv in standardnähere Register vordringt (etwa Flick / Kuhmichel 2013,
Elspaß 2005). In Bezug auf den ersten Punkt würden wir einwenden, dass das Ergebnis nicht
logisch auszuschließen ist, da eine Zunahme in der Tokenfrequenz einer Konstruktion zwar ein
Hinweis auf seine fortschreitende Grammatikalisierung sein kann, aber nicht muss. Gewichti-
ger ist die Tatsache, dass wir das vermehrte Vorkommen des am-Progressivs in standardnähere
Register nicht beobachten. Stattdessen beobachten wir, dass der am-Progressiv in seiner räum-
lichen Verteilung in standardnäheren Registern zurückgeht und dass seine Tokenfrequenz dia-
chron abnimmt.
Abbildung 15: Tokenfrequenz des am-Progressivs nach Varietät und Geburtsjahr
Wie lassen sich diese Differenzen zu den Erwartungen der aktuellen Forschung erklären? Hat
die Erhebungsmethode an dieser Stelle keine validen Ergebnisse geliefert? An dieser Stelle
können wir uns keine endgültige Antwort auf diese Frage leisten, da wir die Ergebnisse der
Progressivaufgabe im Kontext der Gesamterhebung betrachten müssten. Dies ist derzeit noch
nicht möglich und stellt demnach auch vorläufig eine Grenze der Erhebungsmethode dar. Ne-
ben der offensichtlichen Tatsache, dass wir es für die tun-Periphrase und für den am-Progressiv
mit vergleichsweise geringen Belegzahlen für den gesamten deutschen Sprachraum zu tun ha-
ben (siehe Abbildung 12), möchten wir aber zwei weitere Überlegungen zur Erklärung anbieten.
19301949 19501969 19701989 19902009
Dialekt/Platt 14% 19% 11% 6%
Regional gefärbte Alltagssprache 7% 9% 8% 10%
Hochdeutsch 8% 2% 3% 6%
0%
5%
10%
15%
20%
25%
Dialekt/Platt Regional gefärbte Alltagssprache Hochdeutsch
30
Mit Flick / Kuhmichel (2013: 6970) ließe sich das Ergebnis auf den Abfragekontext
und die Verbsemantik zurückführen. Gemäß Forschungskonsens gilt die Antwort auf die Frage
Was macht XY gerade? als Progressivkontext. Daneben gibt es Kontexte wie etwa das Indizi-
denz-Schema, die als noch prototypischer für die Verwendung des Progressivs erachtet werden.
Die Vorgabe in unserer Aufgabe könnte also zum einen Antworten des Typs XY macht bzw.
XY macht gerade in besonderem Maße vorgebahnt haben (Priming) und zum anderen dadurch,
dass es kein idealer Progressivkontext ist, höhere Anteile von Progressivformen verhindert ha-
ben. Daneben könnte die Verbsemantik einen Einfluss auf die Ergebnisse ausgeübt haben. Zwar
handelt es sich beim Verb beten um ein sog. activity-Verb im Sinne Vendlers (1957, 1967),
doch gibt es innerhalb dieser semantischen Klasse Unterschiede. Flick / Kuhmichel (2013: 69)
argumentieren beispielsweise, dass Activity-Verben, die körperliche Tätigkeiten bezeichnen,
leichter progressivierbar sind als solche Verben, die mentale Aktivitäten bezeichnen. Diese
Überlegungen müssen anhand von Vergleichen zu anderen Progressivaufgaben untermauert
werden.
3.4 Relativsatzanschluss
3.4.1 Einleitung
Im Deutschen werden Relativsätze, die ein Substantiv modifizieren, von einem sog. d-Prono-
men eingeführt, das nach Kasus flektiert und welches Kongruenz mit dem Kopfsubstantiv be-
züglich Genus und Numerus aufweist. Es ist für die grammatische Beschreibung von Relativ-
satzanschlüssen im Deutschen sinnvoll, die syntaktische Funktion des Relativums und das Ge-
nus und Numerus des Substantivs im übergeordneten Satz zu berücksichtigen. In der Stan-
dardsprache werden Relativsätze, die sich auf ein Substantiv im übergeordneten Satz beziehen,
mit den Pronomen der/die/das oder welch eingeleitet (vgl. Duden Grammatik 2016: 303). Mit
bestimmten, hinsichtlich Genus neutralen Bezugswörtern ist auch die Verwendung von was
möglich (Duden 2016: 10471049). Dialektsprecher*innen des Deutschen verfügen über ver-
schiedene Möglichkeiten zur Einleitung von Relativsätzen (Fleischer 2004a, 2004b, 2005): Es
gibt solche mit einem Marker und ohne einen Marker bzw. solche mit einem overten Element
und ohne ein overtes Element. Bei den Relativsätzen mit einem overten Element sind flektierte
und nicht-flektierte Einleitungen möglich. Schließlich variieren die flektierten, overten Ele-
mente dahingehend, ob sie genusdifferenziert oder nicht genusdifferenziert sind (vgl. Fleischer
2005: 174).
Während eine Relativsatzeinleitung mit dem Pronomen der/die/das in den Dialekten des
Deutschen durchaus belegt ist, auch wenn sie jedenfalls in den Dialekten Hessens keine
Raumbildung zeigt (Fleischer 2017: 563), verhält es sich bei der Variante welch- anders. Die
Variante welch- ist zwar nach Fleischer (2005: 176) eine „grundsätzliche Option zur Relativ-
satzbildung in der Standardsprache“, aber in seiner Übersichtsdarstellung der Relativsatzeinlei-
tung in den deutschen Dialekten findet Fleischer (2005) diese Variante nur im Westfälischen
und im Jiddischen. Er kommt dabei zum Schluss, dass es sich bei der Variante welch- um eine
eher „schriftsprachlich induzierte Entwicklung“ handelt, die vergleichsweise jung ist (Fleischer
2005: 176). Hinzu kommen Relativsatzanschlüsse, die im Standarddeutschen kaum (3) oder
nicht (45) verbreitet sind.
(1) Das Geld, das ich verdiene, gehört mir.
31
(2) Das Geld, welches ich verdiene, gehört mir.
(3) Das Geld, was ich verdiene, gehört mir.
(4) Das Geld, wo ich verdiene, gehört mir.
(5) Das Geld, das wo ich verdiene, gehört mir.
Nach unserem derzeitigen Wissenstand gibt es keine Gesamtdarstellung zur Verwendung der
Relativsatzanschlüsse im intervariativen und intergenerationellen Vergleich für die Varietäten
des Deutschen in der Bundesrepublik. Neben den Überblicksdarstellungen über die Dialekte
von Weise (1917) und Fleischer (2004a, 2004b, 2005) verfügen wir über eine Studie zur Rela-
tivsatzeinleitung in den Dialekten Hessens (Fleischer 2017), zwei Untersuchungen zu standard-
nahen und -fernen Registern in Wien (Breuer 2016, 2017) sowie eine Karte zur Relativsatzein-
leitung in der sog. Alltagssprache bei einem femininen Substantiv im gesamten deutschspra-
chigen Raum.
16
In einer korpusbasierten Untersuchung gesprochener (Pfeffer-Korpus) und ge-
schriebener der 60er und 70er Jahre stellt Pittner (2004) u. a. fest, dass die Verwendung von wo
in Relativsätzen in Subjekt- und Objektfunktion möglich ist, sondern auch dass die Verwen-
dung auf die gesprochene Sprache des süddeutschen Raums beschränkt ist. Murelli (2012) dis-
kutiert anhand von Einzelbelegen die Alternanz von das und was in der Vertikale. Er stellt fest,
dass was in das Gebrauchsgebiet von das in der überregionalen gesprochenen Sprache „ein-
dringt“ und somit „ein Charakteristikum der gesprochenen bzw. Umgangssprache angesehen
werden kann“ (Murelli 2012: 148). In der geschriebenen Sprache findet er auch Belege für die
Verwendung von was bei neutralem Bezugsnomen, aber oft bei der Redewiedergabe in Inter-
views oder Berichten (Murelli 2012: 148149). Als weiteren Faktor identifiziert er die Texts-
orte, da die Verwendung von was eher in Textsorten belegt ist, die der konzeptionellen Münd-
lichkeit zuzuordnen sind, als in solchen, die konzeptionell schriftlich geprägt sind (zur Unter-
scheidung zwischen konzeptioneller Schriftlichkeit und Mündlichkeit vgl. etwa Koch / Oester-
reicher 1985). Es liegen zwar keine Korpusstudien mit einer diachronen Ausrichtung vor, doch
Murelli (2012: 151) fasst die diachronen Trends ausgehend von Beschreibungen des Mittel-
und Frühneuhochdeutschen zusammen: Demnach kam im Mittelhochdeutsch was nur in freien
Relativsätzen vor. Ab frühneuhochdeutscher Zeit wurde was mit pronominalen Bezugswörtern
wie etwa das, einiges, alles und ab dem 17. Jahrhundert mit substantivierten Adjektiven ver-
wendet. Seit dem 16. Jahrhundert ist die Verwendung von was mit Nomen noch vereinzelt, wird
aber im 18. und 19. Jahrhundert häufiger. In Fuß / Konopka / Wöllstein (2017: 250251) wird
gezeigt, dass „in Belegen, die als direkte Rede gekennzeichnet sind (wie Interviews oder Zitate)
sowie in Textsorten, die der Mündlichkeit nahe stehen [sic!] (Parlamentsdebatten, Wikipedia-
Diskussionen), was vermehrt auch in Konstruktion mit lexikalischen Nomina auftrifft“. Damit
hat sich die Variante was in der Mündlichkeit weiter ausgebreitet. Über diese variationslingu-
istischen Untersuchungen hinaus gibt es korpuslinguistische Untersuchungen zur Wahl der Re-
lativanschlüsse das und was im Deutschen (Brandt / Fuß 2014, 2018, auch Fuß / Ko-
nopka / Wöllstein 2017: 243250). Es stellt sich dabei heraus, dass der entscheidende Faktor
bei der Wahl zwischen das und was die Anwesenheit eines lexikalischen Kopfnomens ist
(Brandt / Fuß 2014). Die Variation wird außerdem durch die Nominalellipse (das), substanti-
16
URL: http://www.atlas-alltagssprache.de/runde-7/f12c/ [zuletzt aufgerufen: 25.02.2020]. Zum Begriff Alltags-
sprache siehe Elspaß (2010).
32
vierte Adjektiva und semantische bzw. pragmatische Faktoren gesteuert. Im Falle substanti-
vierter Adjektive wird das bei anaphorischer Lesart verwendet, während das und was bei sub-
stantivierten Adjektiven ohne anaphorische Lesart alternieren, wobei das überwiegt. Schließ-
lich wird hauptsächlich was bei substantivierten Superlativen verwendet (Brandt / Fuß 2018:
203213). Wir können also resümierend festhalten, dass sich was aus den Dialekten in stan-
dardnähere Register ausbreitet und diachron in seiner Frequenz zunimmt, da es sich auf immer
mehr Gebrauchskontexte ausweitet. Dabei stellt das neutrale Bezugsnomen einen Kontext dar,
auf den was sich erst später in seiner Entwicklung ausbreitet. Die Ergebnisse, die im Folgenden
präsentiert werden, sind damit ein Novum der Regionalsprachenforschung des Deutschen.
3.4.2 Aufgabe
Im Folgenden präsentieren wir die Ergebnisse einer Aufgabe zur Verwendung eines Relativ-
satzanschlusses, in der die Relativsatzeinleitung bei einem neutralen Substantiv erfragt wird,
das die Funktion eines direkten Objekts einnimmt. Dabei wurden die Gewährspersonen aufge-
fordert, den folgenden, standardsprachlich präsentierten Satz in ihre vertrauteste Sprechweise
zu übersetzen: „Das Geld, das ich verdiene, gehört mir“.
3.4.3 Ergebnisse
In den Antwortangaben zu dieser Aufgabe finden wir fünf Varianten, die in Abbildung 16 auf-
gelistet sind. Es zeigt sich, dass die dominante Variante in allen Varietäten das Relativprono-
men das ist. Die zweithäufigste Variante ist was. Während im Dialekt und der regional gepräg-
ten Alltagssprache die Variante wo die dritthäufigste Variante ist, ist welch- die dritthäufigste
Variante in der Sprechweise „Hochdeutsch“. Die Variante das wo ist in allen drei Sprechweisen
marginal belegt, dabei kommt sie im Dialekt häufiger als in der regional geprägten Alltagsspra-
che und Hochdeutsch vor. Die Variante welch- ist nur in letzteren beiden belegt.
Abbildung 16: Häufigkeit der Varianten nach Varietät
Dialekt Regiolekt Hochdeutsch
das Geld, das 89 592 1001
das Geld, was 50 213 169
das Geld, wo 80 40 11
das Geld, welches 0 3 16
das Geld, das wo 932
irrelevant 25 156 230
0%
10%
20%
30%
40%
50%
60%
70%
80%
90%
100%
33
Die Variante das ist in allen Regionen Deutschlands verbreitet (siehe Karte 7 bis Karte 9). Auf-
fällig ist, dass sie im Dialekt und der regional geprägten Alltagssprache am wenigsten im Süd-
westen verwendet zu werden scheint. Ihre Tokenfrequenz nimmt in der Vertikale vom Dialekt
zu Hochdeutsch zu. Die Variante was ist in allen drei Sprechweisen belegt und zeigt keine
charakteristische Raumbildung (vgl. auch Weise 1917: 65, Fleischer 2005: 178, Fleischer 2017:
563).
17
Nach Weise (1917: 65) handelt es sich um eine „Neuerung der Mundart“, die in die
Schriftsprache eingedrungen ist. Fleischer (2017: 561) weist darauf hin, dass was das Relativ-
pronomen das in den Dialekten ersetzt und dass diese Verwendung von was auch „in umgangs-
sprachlichen Registern“ vorkommt, auch wenn sie nach Duden Grammatik (2016: 1050) als
„nicht korrekt“ ausgewiesen wird. Auf diese Beobachtungen werden wir unten zurückkommen.
Die Variante welch- ist in den Dialekten, wie erwartet, nicht belegt. Wir können aber sehen,
dass sie auch in der regional geprägten Alltagssprache und im Hochdeutschen“ insgesamt mar-
ginal belegt ist. Die Variante das wo kommt in unseren Ergebnissen nur vereinzelt vor. Nach
Fleischer (2005: 176) ist diese Variante in moselfränkischen und ostfränkischen Dialekten be-
legt. In den Dialekten Hessens ist sie nach Fleischer (2017: 565) punktuell im Rheinfränkischen
und im rheinfränkisch-ostfränkischen Übergangsgebiet belegt. Diese Variante tritt in allen
Sprechweisen nur im hochdeutschen Raum auf. In den Dialekten ist sie in Übereinstimmung
mit Fleischer (2005) vereinzelt im Moselfränkischen belegt. Außerdem kommt sie in unseren
Ergebnissen im Mittelbairischen, nahe der deutsch-österreichischen Grenze, vor. In der regional
geprägten Alltagssprache ist sie vereinzelt im Rheinfränkischen und Ostfränkischen belegt.
Was die Karte zum Hochdeutschen anbelangt, halten manche Sprecher*innen aus dem Mosel-
fränkischen und Rheinfränkischen die Variante sogar für Hochdeutsch.
18
Die Variante wo ist
in den Dialekten sprachgeographisch auf den hochdeutschen Raum beschränkt. Sie wird vor
allem im Westoberdeutschen verwendet, aber ihre Verbreitung reicht ins Rheinfränkische und
ins Südmoselfränkische hinein. Darüber hinaus ist die Variante wo im Ostoberdeutschen belegt.
17
Wir weisen darauf hin, dass die Analyse von was als Pronomen oder Partikel dialektabhängig ist. Da wir nur
einen einzigen Kontext mit einem neutralen Substantiv untersucht haben, sind wir nicht in der Lage, genauer zu
bestimmen, ob es sich beim was um ein Relativpronomen oder eine Relativpartikel handelt. Es gibt Dialekte, in
denen was das neutrale Relativpronomen das ersetzt hat, was zur Herausbildung eines suppletiven Paradigmas des
Relativpronomens führte (Fleischer 2017: 561). Bekannt ist auch, dass was auch dann auftreten kann, wenn das
vorangehende Substantiv nicht neutrales Genus aufweist (Weise 1917: 65, Fleischer 2005: 178181).
18
Hierzu passen die Ergebnisse einer Perzeptionsstudie. In einer Untersuchung zur Wahrnehmung regionaler Mor-
phosyntax im alemannischen Raum zeigt Hanulíková (2019) u. a., dass verschiedene Hörergruppen die gramma-
tische Akzeptabilität des Relativsatzanschlusses wo als hoch einschätzen im Vergleich zu anderen Konstruktionen
in standardnaher und dialektaler Aussprache, auch wenn der wo-Relativ in einem Pretest als dialektal eingeschätzt
wurde.
34
Karte 7: Relativsatzeinleitung in der Sprechweise „Dialekt“
35
Karte 8: Relativsatzeinleitung in der Sprechweise „regional geprägte Alltagssprache“
36
Karte 9: Relativsatzeinleitung in der Sprechweise „Hochdeutsch“
Im intergenerationellen Vergleich scheinen die Varianten das und was im Dialekt stabil zu sein,
auch wenn die Variante was im Dialekt Schwankungen in der Frequenz unterliegt (siehe Ab-
bildung 17 und Abbildung 18). In der regional geprägten Alltagssprache steigt die Tokenfre-
quenz der Variante das von der ältesten zur jüngsten Generation um 13% an, während die To-
kenfrequenz der Variante was um 5% absinkt. Bei der Variante was ist es nicht klar, ob es sich
um einen Wandel handelt, der sich in dieser Richtung fortsetzen wird, oder ob es sich um ran-
dom variation handelt. Fleischer (2017: 566) stellt nach einem Vergleich der Verbreitung der
Variante was in den Daten des SyHD-Projekts mit Angaben zur Verbreitung von was im 19.
Jahrhundert die Hypothese auf, dass sich das Verbreitungsgebiet der Variante in den Dialekten
Hessens ausgedehnt hat. Für eine weitere Ausdehnung in den rezenteren Dialekten Deutsch-
lands im intergenerationellen Vergleich können wir also keine Evidenz finden. Im Hochdeut-
schen sind die Verhältnisse anders. Hier zeigt sich ein eindeutiger Wandel, bei dem die Fre-
quenz der Variante das von der ältesten zur jüngsten Generation um 10% sinkt. Die Frequenz
der Variante was steigt dagegen um 14%. Damit liegt quantitative Evidenz in der Kurzzeitdia-
chronie vor, dass sog. d-Relativsatzanschlüsse von sog. w-Relativsatzanschlüssen in der
37
Sprachgeschichte des Deutschen ersetzt werden (Fleischer 2004a: 231, Murelli 2012). Wir kön-
nen damit außerdem beobachten, wie eine Variante einer (fast nur) mündlichen Varietät (= Di-
alekt) in eine mündliche und schriftliche Varietät des Deutschen eindringt (= Hochdeutsch).
Abbildung 17: Tokenfrequenz der Relativsatzeinleitung das nach Varietät und Geburtsjahr
Abbildung 18: Tokenfrequenz der Relativsatzeinleitung was nach Varietät und Geburtsjahr
Abschließend wenden wir uns der Variante welch- zu, die eher eine schriftsprachliche Variante
darstellt (siehe Abbildung 19). Vor dem Hintergrund der kleinen Verwendungshäufigkeit
(n = 19) dient die Analyse in apparent time als Ausblick. Es zeigt sich, dass die Frequenz dieser
Variante in der Varietät Hochdeutsch von der ältesten zur jüngsten Generation zunimmt. Dieses
vorläufige Ergebnis muss durch weitere Studien bzw. weitere Daten untermauert werden.
19301949 19501969 19701989 19902009
Dialekt/Platt 39% 45% 35% 37%
Regional gefärbte
Alltagssprache 57% 67% 71% 70%
Hochdeutsch 92% 85% 83% 82%
30%
40%
50%
60%
70%
80%
90%
100%
Dialekt/Platt Regional gefärbte Alltagssprache Hochdeutsch
19301949 19501969 19701989 19902009
Hochdeutsch 2% 13% 15% 16%
Regional geprägte
Alltagssprache 30% 26% 24% 25%
Dialekt/Platt 21% 30% 13% 23%
0%
5%
10%
15%
20%
25%
30%
35%
38
Abbildung 19: Tokenfrequenz der Relativsatzeinleitung welches nach Varietät und Geburtsjahr (Analyse in appa-
rent time)
4 Fazit
Im zweiten Kapitel haben wir die methodologischen Herausforderungen, die damit verbunden
sind, (morpho-)syntaktische Phänomene in ihren vertikalen und horizontalen Dimensionen in-
direkt und online zu herben, ausführlich diskutiert und unsere Vorgehensweise begründet. Im
dritten Kapitel haben wir Ergebnisse zu drei Phänomenen (Präteritumschwund / Perfektexpan-
sion, Ausdruck von Progressivität und Relativsatzeinleitung) präsentiert und vor dem Hinter-
grund der Forschungsliteratur diskutiert. Anhand der Fallstudien haben wir die Möglichkeiten
und Grenzen unserer Fragebogenerhebung aufgezeigt. In der Fallstudie zum Präteritum-
schwund bzw. zur Perfektexpansion konnten wir Befunde bestätigen und präzisieren. In der
Fallstudie zum Ausdruck der Progressivität konnten wir die Grenzen unserer Erhebungsme-
thode aufzeigen und problematisieren. Sie betreffen, soweit wir sehen, den „indirekten“ Teil
unserer Methode, nämlich die Formulierung der Aufgaben, aber nicht die Kombination unserer
methodologischen Teilentscheidungen und erscheinen daher auch prinzipiell lösbar zu sein. In
der Fallstudie zur Relativsatzeinleitung konnten wir schließlich neue Ergebnisse vorlegen.
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19301949 19501969 19701989 19902009
Dialekt/Platt 0% 0% 0% 0%
Regional gefärbte
Alltagssprache 0% 0,6% 0,3% 0,3%
Hochdeutsch 0% 0,8% 1,3% 1,9%
0%
1%
2%
39
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Forschungszentrum Deutscher Sprachatlas
Philipps-Universität Marburg
Pilgrimstein 16
D-35039 Marburg
E-Mail: <jeffrey.pheiff@staff.uni-marburg.de>
Dr. Simon Kasper
Forschungszentrum Deutscher Sprachatlas
Philipps-Universität Marburg
Pilgrimstein 16
D-35039 Marburg
E-Mail: <simon.kasper@staff.uni-marburg.de>
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Article
Full-text available
This article presents computer supported “language production experiments” (LPEs) as a method for the investigation of syntactic variation. It describes the setup for the investigation of numerous syntactic phenomena and provides a sample study of the German GET passive across Austria. It also suggests that LPEs offer possibilities for the targeted investigation of linguistic variation in various ways. They may be used to explore speakers’ individual linguistic repertoires and an according corpus setup can be used to examine e.g., interspeaker patterns of variation. LPEs also enable researchers to investigate which linguistic factors control or influence syntactic variation.
Article
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This paper addresses how morphosyntactic variation stemming from the Alemannic regional variety is perceived, evaluated, and judged in written and spoken language. Based on data from a questionnaire and speeded grammaticality judgments, this study examines which grammatical variants are salient to the listener as a function of speaker accent (regional vs. standard) and listener background (students from different school types and cities). The results show that, in addition to the regional morphosyntax, regional accent co-determines grammaticality judgements, in particular for naive listeners. Expert listener (students of language and literature) judgements are less affected by speaker accent, and appear to follow their subjective normative expectations concerning the prescriptive syntax usage. The most normative judgments on both syntactic and phonological levels were observed for dialectal variants within a group of high school students, despite being active users of the Alemannic variety. This result is a likely consequence of an explicit discard of dialect usage during classroom interactions.
Chapter
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This chapter proposes that acceptability judgments do not offer a direct window into an individual's competence. It discusses an intermediate speech repertoire that exists in the province of Limburg, the Netherlands. In this repertoire, some constructions are difficult to obtain. It also talks about acceptability judgments that are given by local dialect speakers in the same area. Using data from reflexive impersonal passives, reflexive ergatives, and inalienable possession constructions, the chapter argues that the occurrence of intermediate variants and the variation at the level of the individual speaker is not because of the specific task-effects, but is due to the induced language contact effects between the standard variety and the local dialects. © 2006 organization and editorial matter Gisbert Fanselow, Caroline Féry, Ralf Vogel, and Matthias Schlesewsky, the chapters their various authors. All rights reserved.
Article
The present contribution addresses the phenomenon of grammatical change using a historical sociolinguistic approach, which is based on the principle that systematic language change can only be described and explained by accounting for sociopragmatic and variational factors of language use. The approach is illustrated by an empirical investigation of the change of selected morphological and syntactic features in (Middle) New High German, using Labov’s distinction between ‘language change from above’ and ‘language change from below’ as a starting point of analysis. The aim of the paper is to demonstrate that the historical sociolinguistic approach not only complements other methods of historical linguistics, but may also lead to results and findings that could perhaps not be achieved by other methodological approaches. Moreover, it is considered central to the description and explanation of the development of language varieties in periods of language standardisation.