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Wahrnehmung als pädagogische Übung. Theoretische und praxisorientierte Auslotungen der phänomenologisch orientierten Bildungsforschung

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Abstract

"Was aber heißt das: etwas wahrzunehmen?" Diese scheinbar einfache Frage von Käte Meyer-Drawe geht diesem Buch als Inspiration voraus: Wohl alle glauben zu wissen, was es heißt, etwas zu sehen, zu riechen, zu schmecken, zu tasten, zu hören. Die Frage aber, was das nun wirklich heißt, erfordert die Überprüfung vermeintlicher Selbstverständlichkeiten und gewohnter Einordnungen. Im pädagogischen Handeln wird das Hinschauen, Hinhören, Einfühlen vielfach übersprungen zugunsten eines vorschnellen Deutens und Urteilens. Wahrnehmen als pädagogische Übung bedarf eines Innehaltens, das dem Verstehen bequeme Abkürzungen versperrt und eingespielte Sicherheiten irritiert. Erst dies erlaubt es, hinter Diagnosen, Bewertungs-rastern und Begabungskategorien das konkrete Kind in seinem Lernen, den Mitmenschen in seinen Nöten und Potenzialen zu suchen. Das vorliegende Buch diskutiert und vertieft die phänomenologisch orientierte Vignetten-und Anekdotenforschung als Methode für die Reflexion und Sensibilisierung der Wahrnehmung von Lern-und Bildungsprozessen in Schule und Gesellschaft.
ISBN 978-3-7065-5969-0
7Erfahrungsorientierte
Bildungsforschung
Band 7
Unser vollständiges Programm und
viele weitere Informationen nden Sie auf:
Erfahrungsorientierte Bildungsforschung Band 7
Hans Karl Peterlini/Irene Cennamo/
Jasmin Donlic (Hg.)
Wahrnehmung
als pädagogische
Übung
eoretische und praxisorientierte
Auslotungen einer phänomenologisch
orientierten Bildungsforschung
Was aber heißt das: etwas wahrzunehmen?“ Diese scheinbar einfache Frage
von Käte Meyer-Drawe geht diesem Buch als Inspiration voraus: Wohl alle
glauben zu wissen, was es heißt, etwas zu sehen, zu riechen, zu schmecken,
zu tasten, zu hören. Die Frage aber, was das nun wirklich heißt, erfordert die
Überprüfung vermeintlicher Selbstverständlichkeiten und gewohnter Ein-
ordnungen. Im pädagogischen Handeln wird das Hinschauen, Hinhören,
Einfühlen vielfach übersprungen zugunsten eines vorschnellen Deutens und
Urteilens. Wahrnehmen als pädagogische Übung bedarf eines Innehaltens,
das dem Verstehen bequeme Abkürzungen versperrt und eingespielte
Sicherheiten irritiert. Erst dies erlaubt es, hinter Diagnosen, Bewertungs-
rastern und Begabungskategorien das konkrete Kind in seinem Lernen, den
Mitmenschen in seinen Nöten und Potenzialen zu suchen.
Das vorliegende Buch diskutiert und vertie die phänomenologisch ori-
entierte Vignetten- und Anekdotenforschung als Methode für die Reexion
und Sensibilisierung der Wahrnehmung von Lern- und Bildungsprozessen
in Schule und Gesellscha.
Wahrnehmung als pädagogische Übung
Hans Karl Peterlini/
Irene Cennamo/
Jasmin Donlic (Hg.)
Hans Karl Peterlini/Irene Cennamo/Jasmin Donlic (Hg.)
Wahrnehmung als pädagogische Übung
Erfahrungsorientierte Bildungsforschung
Band 7
Im Bildungsbereich werden täglich vielfältige Aktivitäten initiiert, Prozesse in Gang
gesetzt und Aufgaben bearbeitet. Wenig ist darüber bekannt, wie sie vollzogen
werden. Die Reihe „Erfahrungsorientierte Bildungsforschung“ erschließt einen in
den Bildungswissenschaen vernachlässigten Bereich, indem sie den Erfahrungen
nachspürt, die sich in Bildung und Erziehung zeigen. Die einzelnen Bände machen
die Erfahrungsmomente pädagogischen Handelns versteh- und erfahrbar. Über ver-
dichtete Beschreibungen (z.B. Vignetten, Anekdoten) werden Erfahrungsdimensio-
nen erschlossen, welche zum Überdenken der eigenen pädagogischen Erfahrungen
beitragen können.
Herausgegeben von Evi Agostini, Markus Ammann, Siegfried Baur, Hans Karl
Peterlini, Michael Schratz und Johanna F. Schwarz
Hans Karl Peterlini/Irene Cennamo/Jasmin Donlic (Hg.)
Wahrnehmung als
pädagogische Übung
eoretische und praxisorientierte Auslotungen der
phänomenologisch orientierten Bildungsforschung
Die Drucklegung dieses Werkes wurde freundlicherweise unterstützt durch den Forschungsrat der
Alpen-Adria-Universität Klagenfurt und der Fakultät für Kulturwissenscha en der Alpen-Adria-
Universität Klagenfurt.
© 2020 by Studienverlag Ges.m.b.H., Erlerstraße 10, A-6020 Innsbruck
E-Mail: order@studienverlag.at
Internet: www.studienverlag.at
Buchgestaltung nach Entwürfen von himmel. Studio für Design und Kommunikation, Innsbruck /
Sche au – www.himmel.co.at
Satz: Da-TeX Gerd Blumenstein, Leipzig
Umschlag: himmel. Studio für Design und Kommunikation, Innsbruck / Sche au – www.himmel.
co.at
Umschlagfotos: Hans Karl Peterlini
Gedruckt auf umweltfreundlichem, chlor- und säurefrei gebleichtem Papier.
Bibliogra sche Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliogra e;
detaillierte bibliogra sche Daten sind im Internet über <http://dnb.dnb.de> abru ar.
ISBN 978-3-7065-5969-0
Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (Druck, Fotokopie, Mikro lm
oder in einem anderen Verfahren) ohne schri liche Genehmigung des Verlages reproduziert oder
unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
Inhalt
Hans Karl Peterlini
Die Übung des Wahrnehmens als pädagogische Aufgabe – Einführung
und Vorwort 7
Leiblichkeit als Perspektive der Wahrnehmung
Käte Meyer-Drawe
Was aber heißt das: etwas wahrzunehmen? 13
Hans Karl Peterlini
Der zweifältige Körper
Die Leib-Körper-Dierenz als diskriminierungskritische Perspektive –
Vignettenforschung zu Rassismus, Sexismus und Behinderung 25
Methodologische Vertiefung und methodische (Weiter-)
Entwicklungen
Johanna Schwarz
Erfahrungen wahrnehmen – Wahrgenommener Erfahrung zum
Ausdruck verhelfen 49
Anja ielmann
Von der Wahrnehmung zur Vignette
Wie Vignetten leibliche Wahrnehmungen und intersubjektive
Erfahrungen in Sprache ‚übersetzen 65
Silvia Krenn
Die ‚merkwürdige‘ Geschichte einer (Lern-)Erfahrung
Über die Herausforderung, eine erzählte erinnerte Lernerfahrung in
einer Anekdote als Forschungsinstrument zu gestalten 81
Silvia Krenn
Die Kunst des Anekdoten-Schreibens
Vom Gespräch zur Anekdote – Über das Verfassen von Anekdoten als
Forschungsinstrument 97
Rahel More
Hermeneutik und Phänomenologie – eine Ergänzung
Am Beispiel der Interpretativen Phänomenologischen Analyse (IPA) 107
Pädagogische Bezüge und Praxiserfahrungen
Siegfried Baur
Wahrnehmen im pädagogischen Handlungsprozess 125
Evi Agostini und Stephanie Mian
Schulentwicklung mit Vignetten
Ein Beispiel zum Einsatz von phänomenologisch orientierten
Vignetten in der Weiterbildung von Lehrpersonen 137
Abgrenzungen – Annäherungen – Überschreitungen
Evi Agostini
Lernen ‚am Fall‘ versus Lernen ‚am Beispiel‘. Oder: Zur Bedeutung der
pathischen Struktur ästhetischer Wahrnehmung für die Narration von
phänomenologisch orientierten Vignetten 153
Irene Cennamo, Jasmin Donlic, Hans Karl Peterlini
Die Vignette im Forschungsdesign
Potenziale, Grenzen und Anknüpfungspunkte einer
Methodenkombination am Beispiel einer Antragstellung 179
Daniela Lehner
Widerfahrnis Wildheit?
Leiberfahrung und Fremdes 201
Hans Karl Peterlini
Die Übung des Wahrnehmens als
pädagogische Aufgabe – Einführung
und Vorwort
Titel und Fokus dieses Bandes verdanken sich einer Frage, die Käte Meyer-Drawe
am Ende eines Workshops und am Anfang ihres Beitrages stellt: „Was aber heißt
das: etwas wahrzunehmen?“ Es ist die Qualität und Sprengkra scheinbar einfacher
Fragen, dass sie vermeintlich Fragloses, als geklärt Vorausgesetztes mit einem Mal
einer Erschütterung aussetzen. Die Frage nach der Wahrnehmung ist entwanend:
Sie erfordert das Ablegen genau jener Instrumente, die wir für die Beantwortung
bräuchten, die nun aber Gegenstand der Befragung sind und nicht Auskun über
sich selbst geben können. Wohl alle glauben zu wissen, was es heißt, etwas zu sehen,
zu riechen, zu schmecken, zu tasten, zu hören, weil wir dies in einem immerwäh-
renden Fluss tun, ohne es besonders reektieren zu müssen. Die Frage danach, was
es nun aber heißt, etwas zu sehen oder zu hören, verunsichert die vermeintliche
Übereinstimmung in den möglichen Antworten. Ähnlich ist es, wenn wir wissen
möchten, ob das, was wir als rot sehen auch für die anderen rot ist; allein schon im
Phänomen sogenannter Farbenblindheit erkennen wir die Bodenlosigkeit unseres
Vertrauens in geteilte Erfahrungen. Selbstverständlich glauben wir zu wissen, was
Rot ist, und berechtigter Weise gehen wir davon aus, dass wir in der Wahrnehmung
von Rot alle dasselbe meinen. Aber haben wir Gewissheit, können wir es uns gegen-
seitig beweisen? Wir sind unseren Sinnen in gleichem Maße ausgesetzt, wie sie uns
überhaupt erst Zugang zueinander und zur Welt verschaen. Hinter sie gelangen
zu wollen, das Wunder des Sehens, Hörens, Spüren und Fühlens entschlüsseln zu
wollen, führt an Grenzen des Aussprechbaren und Denkbaren. Es verlangt die para-
doxe Übung, dem zu misstrauen, worauf wir sehend und zugleich blind, hörend und
zugleich taub vertrauen. Dabei ist interessant, dass wir auf manche Sinne so ver-
trauen, dass wir gar kein Wort dafür haben, wenn sie ausfallen: Tasten, Schmecken,
Riechen. Wir müssen uns von den Entwürfen unserer Wahrnehmung distanzieren,
wenn wir sie reektieren wollen, wir müssen ihre vermeintlich sicheren Ausküne,
auf die wir uns im täglichen Leben verlassen, um überhaupt über eine Straße zu
kommen oder uns mit den Nachbarn zu unterhalten, dazu einer Befremdung aus-
setzen. Aus einer phänomenologischen Perspektive ist Wahrnehmen weder ein nur
autonomer noch ein nur passiver Akt, weder haben wir die absolute Freiheit zur
Willkür, etwas als etwas zu erkennen, noch sind wir gerade in diesem Prozess, etwas
als etwas wahrzunehmen, völlig fremdbestimmt von Dingen und Sinnen. Was wir
wahrnehmen, hat mit uns, mit unseren Vorerfahrungen und unserem Vorwissen
zu tun, mit den Wahrnehmungsmöglichkeiten unserer Sinne und Übersetzungs-
leistungen unserer kognitiven Anstrengungen, im Wahrnehmen konstituieren wir,
was wir sehen, hören, riechen, schmecken, tasten, fühlen, was auf uns einwirkt,
aber wir können dies nicht beliebig tun, wir können nicht Rot für Grün erklä-
ren, können den schrillen Ton nicht als lieblich begrüßen, den harten Schlag nicht
als zärtliches Streicheln empnden. Innerhalb dieser Gegensätze aber liegt eine
Bandbreite von Empndungsmöglichkeiten des Wahrgenommenen, liegen Schat-
tierungen und Nuancierungen, liegen Widersprüche und Ambivalenzen, ist uns der
direkte Zugang zur Wirklichkeit hinter dem Erscheinen von Dingen und Farben
verwehrt. So sehen wir ein Möbelstück deshalb als rot, weil der rote Gegenstand
vom weißen Licht alle anderen Facetten des Lichtspektrums verschluckt und nur
jene Wellenlängen reektiert, die für uns dann rot sind. Mit den Augen mancher
Tiere würden wir mehr und andere Farben wahrnehmen, weil sie mit anderen
Rezeptoren ausgestattet sind. Was die Farbe Rot „ist“, können wir somit letztlich
nicht sagen, wohl aber können wir – intersubjektiv – uns darüber austauschen, wie
Rot in unseren Sinnen erscheint, welche Vorkommnisse von Rot wir wahrnehmen
und welche Bedeutungen wir damit verbinden. Damit scheitert jede Engführung
in der Begrisbestimmung von „Rot“, wohl aber tut sich ein Universum von mög-
lichen Vorkommnissen und Deutungen von Rot in unserer Lebenswirklichkeit auf:
von der Farbe der Liebe zum Stopp im Straßenverkehr, von der Farbe des Blutes bis
zum Abendrot als Schönwetterbot’.
Die Frage des Wahrnehmens tritt in pädagogischen Diskursen vielfach hinter die Frage
des Verstehens zurück, sie wird o schlicht übersprungen zugunsten eines Einordnens
des Wahrgenommenen in Verständniskategorien. In einer Übung mit Studierenden,
Zeichnungen über pädagogische Interaktionen zu deuten, ohne dass Hintergründe,
Vorgeschichte, Kontext mitgeliefert werden, zeigt sich vielfach eine Verunsicherung,
die an die eingangs verwendete Metapher der Entwanung erinnert. Die Instrumente,
mit denen pädagogische Situationen gemeinhin eingeordnet und damit einem Ver-
stehen zugänglich gemacht werden, werden in diesem Fall vorenthalten: Was ist die
Vorgeschichte dieses Kindes und der dargestellten Situation, was ist das für eine Schule
oder sonstiges Lernfeld, gibt es eine Funktionsdiagnose, Noten und Verhaltensbe-
schreibungen, was ist mit den Eltern? Es gibt nur eine Zeichnung, vielleicht eine Sonne
und eine Wolke über zwei Menschen, die lachen oder heruntergezogene Mundwinkel
haben, eine Faust, Strahlen, Blitze, ein Fluss vielleicht … Die erste Übung liegt darin,
nicht zu deuten, was das sein könnte, sondern was sich im Bild zeigt: die Farben,
in denen die Szene gemalt ist, dickere oder dünnere Striche, Symbole. Allmählich
geht dieses Wahrnehmen in Deutungen über, in Überlegungen, was dies oder jenes
bedeuten könnte. Allein durch die Hürde, die dem Deuten durch Vorenthaltung von
Kontext gestellt wurde, durch die Verzögerung, dass vor dem Deuten das genaue Hin-
sehen eingefordert war, entstehen vielfältige Auslegungsmöglichkeiten. Wenn dann,
im Anschluss an die Übung, die Person sich outet, die das Bild gemalt hat, und nun
ihren Kontext, ihre Darstellung anbietet, kommt es zwar wieder zu einer Engführung,
aber diese ist nun facettenreicher. Die zeichnende Person hat Deutungsangebote erhal-
ten, die ihrer eigenen Deutung teilweise widersprechen, diese teilweise verstärken,
teilweise zusätzliche Aspekte sichtbar machen, die ihr selbst entgangen waren.
9
Wahrnehmen als pädagogische Übung meint genau dies – der schnellen Deutung,
der Abkürzung auf dem Weg zum möglichen Sinngehalt, der sicheren Diagnose
das Hinschauen, das Hinhören, das Hinfühlen, das Einfühlen, das möglichst lange
oen gehaltene Wahrnehmen vorlagern. Wenn wir von einem Kind wissen, dass
es die Diagnose ADHS hat, wird es schwerlich außerhalb dieses Verhaltensmodells
wahrgenommen werden können. Es wird dieser Diagnosehoheit unterworfen. Dies
kann hilfreich sein, um Maßnahmen für das Kind zu ergreifen; es kann aber vieles
ausblenden und der Wahrnehmung entziehen, was dieses Kind sonst noch alles ist,
sein kann, sein möchte. Es wird das Kind in seinen Überschüssen über die Diag-
nose hinaus verkannt; und es wird vieles nicht getan werden, was dem Kind helfen
könnte, der eigenen Diagnose zu entkommen.
Die phänomenologische Haltung, sich Aussagen darüber möglichst zu enthalten,
was die Dinge vermeintlich sind, und sich dafür intensiver damit zu beschäigen,
wie sie uns erscheinen, was sie für uns sind und was sie aus anderer Perspektive
sein könnten, ist ein Ausweg aus Engführungen im pädagogischen Urteil. Diese
Einstellung önet Augen, Ohren und unser Mitfühlen für erweiterte Bedeutun-
gen dessen, was uns in der pädagogischen Arbeit begegnet und herausfordert. Es
weitet die Einordnungsraster, was dieses oder jenes gesellschaliche oder perso-
nale Verhalten bedeuten mag, weil dem schnellen Urteil, der klaren und sicheren
Einordnung die Übung der Wahrnehmung vorgeschaltet wird. Es ist letztlich das,
was mit der phänomenologisch orientierten Vignetten- und Anekdotenforschung,
von Innsbruck ausgehend und nachfolgend in Brixen (Südtirol/Italien), in Zürich,
Klagenfurt, Wien repräsentiert und versucht wird: Lernprozesse, ob in der Schule
oder in sozialen Räumen, dadurch zu verstehen zu versuchen, indem zunächst
hingeschaut, hingehört, eingefühlt wird. Als Band 5 der Reihe „Erfahrungsorien
-
tierte Bildungsforschung“ reiht sich diese Publikation somit ein in die Auseinan-
dersetzung mit und ematisierung von Zugängen zu phänomenologischen Fra-
gestellungen des personalen und gesellschalichen Lernens. Der Band entspringt
einer Forschungswerkstatt mit Käte Meyer-Drawe an der Universität Klagenfurt im
Sommer 2018 zur phänomenologischen Vignetten- und Anekdotenforschung, geht
aber insofern über einen Tagungs- oder Werkstattband hinaus, als mit der Frage
nach der Wahrnehmung ein besonderer, unterbelichteter Aspekt pädagogischen
Denkens und Handelns fokussiert wird.
Das Buch gliedert sich in vier größere Abschnitte. Im ersten Abschnitt „Leiblichkeit
als Perspektive der Wahrnehmung“ geht Käte Meyer-Drawe in ihrem Beitrag „Was
aber heißt das: etwas wahrzunehmen?“ auf die hier nur angerissene Fragestellung
ein – ohne Zweifel der Schlüsseltext dieses Bandes, der für das Verständnis der
nachfolgenden Beiträge einen – um im Bild der Farbwahrnehmung zu bleiben –
weitgespannten Regenbogen erönet, einen Verstehensrahmen, innerhalb dessen
Vielfalt und Vieldeutigkeit möglich wird. Auf die Fragestellung, wie eine leibphäno-
menologisch orientierte Wahrnehmung diskriminierungsanfällige Einordnungen
in Bezug auf Kultur, Rasse, Geschlecht und Behinderung durchkreuzen kann, geht
der Beitrag „Der zweifältige Körper“ (Hans Karl Peterlini) ein.
10
Im nachfolgenden Abschnitt „Methodologische Vertiefung und methodische
(Weiter-)Entwicklungen“ führt Johanna Schwarz über das Wahrnehmen von Erfah-
rungen in die Vignettenforschung ein. Anna ielmann thematisiert den theore-
tischen Rahmen phänomenologischer Forschung in Bezug auf konkrete Einblicke
in die Vignettenforschung – ein Betrag zum eorie-Praxis-Problem. Ähnlich
theoretisch explorierend und forschungspraktisch darlegend sind zwei aneinan-
dergereihte Beiträge von Silvia Krenn zur Anekdotenforschung, in denen es – im
Unterschied zur Vignette als Instrument der augenblickbezogenen Wahrnehmung
– um erinnerte Erfahrungen geht. Rahel More schließt diesen methodologischen
und methodischen Teil mit Überlegungen zu Hermeneutik und Phänomenologie
als Ergänzung ab, was im speziellen an der Interpretativen Phänomenologischen
Analyse (IPA) diskutiert wird.
Der dritte Abschnitt stellt den Bezug von eorie und Forschungsmethodologie zu
pädagogischen Handlungsfeldern dar. Siegfried Baur reektiert in einem sowohl
ideengeschichtlichen als auch gegenwartsbezogenen Beitrag Wahrnehmen im päd-
agogischen Handlungsprozess. Evi Agostini und Stephanie Mian loten die Arbeit
mit Vignetten im Rahmen der Weiterbildung von Lehrpersonen im Hinblick auf
ihr Potenzial für Schulentwicklung aus.
Im vierten und abschließenden Abschnitt des Bandes wird die phänomenologisch
orientierte Vignetten- und Anekdotenforschung unter der Perspektive von Abgren-
zungen, Annäherungen und Überschreitungen beleuchtet. Evi Agostini stellt sich
der erkenntnistheoretisch und forschungspraktisch zentralen Fragestellung, ob und,
wenn ja, wie sich Kasuistik (als Lernen am Fall) von einem exemplarischen Wis-
senschasansatz (als Lernen am Beispiel) abgrenzen lässt. Irene Cennamo, Jasmin
Donlic und Hans Karl Peterlini untersuchen dagegen am Beispiel eines konkreten
Forschungsprojektes die Möglichkeit der Verknüpfung von phänomenologisch
orientierter Forschung mit anderen Zugängen. Der Beitrag von Daniela Lehner
bezieht die Vignettenforschung auf Momente der Widerfahrnis in einem gestaltthe-
rapeutischen Gruppenselbsterfahrungsprozess – sie überschreitet damit bisherige
Anwendungsfelder zugunsten eines Erprobens auf unbetretenem Gelände. Wahr-
nehmung bedarf genau dieser Übung – vertraute Perspektiven zu verlassen oder,
in Husserl’scher Diktion, zumindest einzuklammern, um das Gewohnte wieder neu
sehen, hören, fühlen zu können.
Chapter
Folgender Beitrag versteht sich als Plädoyer für ein historiografisch begründetes und breites Verständnis von Weiterbildung Erwachsener, auch abseits organisierter Erwachsenenbildung. Er steht gleichfalls für die wissenschaftliche Rehabilitation abseits gedrängter impliziter Bildungsformen, für deren Entgrenzung auch Wissenschaft und Forschung nicht ganz unverantwortlich sind. Es werden freie Bildungstätigkeiten in Engagement-Feldern der Erwachsenenbildung wissenschaftlich beleuchtet, die mittels Invisibilisierungspraxen (u. a. bildungspolitisch) ausgeblendet werden. Auch rücken forschungstheoretische und forschungspraktische Überlegungen zu qualitativen Verstehensprozessen hinsichtlich andragogischer Lernvollzüge in den Blick. In diesem Zusammenhang weist die Autorin auf pädagogische Lerntheorien hin, die in der qualitativen Weiterbildungsforschung (neben den dominierenden lernpsychologischen Paradigmen) vermehrt zum Einsatz kommen sollten. Die genannten Themen werden am Fallbeispiel und anhand der erwachsenenpädagogischen Bildungsarbeit des Kärntner Bildungswerks kritisch-reflexiv beleuchtet. Der Beitrag wird mit der noch unbeantworteten Frage, ob Bildung (und ebenso Wissenschaft) für alle möglich sei(en), argumentativ abgerundet.
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