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Auditive Wahrnehmung und die subjektive Repräsentation der Zeit

Authors:
  • Independent Author, Presenter, Coach & Consultant on Multisensory Design & Acoustics

Abstract and Figures

Paper addressing perception and imagination of time and implications for auditory perception. In German language. Der Beitrag verfolgt das Ziel einer ersten Annäherung an die Phänomenologie der Zeitwahrnehmung, soweit sie für die auditive Wahrnehmung bedeutsam erscheint. In diesem ersten Schritt ist die Entwicklung präziser Fragen zu leisten. Eine Frage betrifft die Existenz einer subjektiven Raumzeit als Wahrnehmungsphänomen der auditiven Signalverarbeitung. Welchen Einfluss übt die subjektive und möglicherweise idiosynkratische Zeitwahrnehmung auf die Bildung auditiver Gestalten, die Dekodierung nonverbaler Information und die psychische Belastung aus, die von störenden Geräuschen ausgeht? In welchen Aspekten korreliert die subjektive Repräsentation der Zeit überhaupt mit objektiven Gegebenheiten einer physikalischen Zeit? Die subjektive Raumzeit ist deshalb von höchster Bedeutung, da sich im Bewusstsein Umwandlungen zeitlicher Aspekte in räumliche Konfigurationen ereignen. Dabei finden Transformationen von Koordinatensystemen und Umskalierungen statt. Dies wird mit Beispielen illustriert. Die perzeptive und/oder kognitive Etablierung der subjektiven Raumzeit hat weitreichende Folgen für die Interpretation von Feedbacksignalen, für das Verständnis musikalischer Prozesse sowie für die Detektion des Bewegungsgehaltes von Geräuschen und Musik. Dies ist auch von wesentlicher Bedeutung für die Beurteilung der psychischen und emotionalen Wirkungen, die Geräusche auf die Hörenden ausüben.
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DAGA 2020 Hannover
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Auditive Wahrnehmung und die subjektive Repräsentation der Zeit
Michael Haverkamp
Köln, E-Mail: michael.haverkamp@netcologne.de
Einleitung
Bei der Beurteilung der psychischen Wirkung von
Geräuschen und Musik spielt die subjektive Empfindung der
Zeit eine wesentliche Rolle. Die bewusste Empfindung eines
störenden Geräusches über einen längeren Zeitraum entfaltet
eine stärker negative Wirkung als eine nur beiläufige, durch
ablenkende Tätigkeiten unterbrochene Wahrnehmung. Dies
ist am Beispiel des im Wartezimmer des Zahnarztes
hörbaren Bohrergeräusches unmittelbar nachvollziehbar,
dessen Störwirkung sich durch Lesen in einer Zeitschrift
verringern lässt.
Darüber hinaus stellt sich die Frage, in welchem Maße die
Erwartung dynamischer Änderungen des Schalls die
momentane Wirkung bestimmt. Dies gilt z.B. für plötzlich
einsetzendes Reifenquietschen, dass mit Bezug zur
Wahrnehmungserfahrung die Vorahnung des Knalls eines
Auffahrunfalls impliziert. In welchem Maße bestimmen also
die gegenwärtige und die vergangene Wahrnehmung eines
Schallvorgangs die Schätzung seiner zukünftigen
Veränderung, und so wiederum dessen gegenwärtige
Wirkung?
Das Themenfeld subjektiver Zeitvorstellungen ist Teil der
Qualia-Diskussion, über die im Jahr 2019 bereits einleitend
berichtet wurde [1, 2]. Aufgrund der Komplexität des
Themengebiets kann hier nur eine erste Annäherung an die
Phänomenologie der Zeitwahrnehmung geleistet werden,
soweit sie für die auditive Wahrnehmung bedeutsam
erscheint.
Eine Frage betrifft die Existenz einer subjektiven Raumzeit
als Wahrnehmungsphänomen der auditiven
Signalverarbeitung. Die Etablierung der subjektiven
Raumzeit hat weitreichende Folgen für die Interpretation
akustischer Signale (e.g. funktionales Feedback), für das
Verständnis musikalischer Prozesse sowie für die Detektion
des Bewegungsgehaltes von Geräuschen und Musik. Für die
Beurteilung von Geräuschen stehen zwei Anwendungen im
Vordergrund:
1. Die subjektive Dosis als Beurteilungsgröße der
psychischen Beanspruchung durch Schalls, z.B. der
Annoyance, aber auch der positiven Wirkung von
Geräuschen und Musik.
2. Die Schätzung der subjektiven Wirkung des zu
erwartenden Geräusche (aufgrund des aktuell
Gehörten) und der damit zu erwartenden Prozesse.
Thesen zur objektiven Zeit
In Wissenschaft und Alltag wird die Existenz einer
objektiven, kontinuierlich durchlaufenden Zeit in der Regel
vorausgesetzt. Die Annahme einer solchen, unbegrenzten
Zeitachse ermöglicht es, uns einen Zeitpunkt oder eine
Zeitspanne darauf im jeweils benötigten Maßstab
vorzustellen. Die Zeitskala kann dabei je nach Art der
betrachteten Phänomene zum Beispiel wenige
Nanosekunden, einige Stunden oder viele Lichtjahre
umfassen. Auch das Raum-Zeit-Kontinuum des Universums,
dass unser Lebensumfeld quantitativ extrem weit überragt,
lässt sich so denken, indem verschiedene Orte als auf
unterschiedliche Abschnitte der Zeitachse projiziert gedacht
werden. Es ist jedoch fraglich, ob diese eine Zeitachse, die
alle Zeitphänomene umfasst, tatsächlich in dem Sinne
existiert, in dem von der Existenz objektiv gegebener Dinge
und Wesen ausgegangen werden kann, die durch
physikalische, chemische bzw. biologische Eigenschaften
charakterisiert sind. Die Frage nach der grundsätzlichen
Existenz der Zeit als einer objektiven Gegebenheit ist jedoch
im hier diskutierten Zusammenhang nur von sekundärer
Bedeutung. Unbestritten ist, dass Veränderungen und
Bewegungen von Objekten existieren. Ebenso kann davon
ausgegangen werden, dass Prozesse kausal gerichtet
ablaufen. Zur naturwissenschaftlichen Beschreibung dieser
Vorgänge ist eine Hilfsgröße notwendig, wie die Variable
‘t‘. Die Quantität dieser Hilfsgröße wird durch Vergleich mit
- offensichtlich existierenden - periodischen Prozessen
erzeugt, wie etwa mit der standardisierten Zeittaktung von
Uhren. Damit lassen sich alle Arten naturgegebener
Veränderungen hinreichend beschreiben, unabhängig von
der Frage nach der objektiven Existenz einer durchlaufenden
und alles bestimmenden Zeit.
Thesen zur subjektiven Zeit
Ganz anders als eine mögliche objektive Zeit verhält sich die
subjektive Anschauung von Zeit, auch wenn wir es im Alltag
gewohnt sind, unsere Wahrnehmung von Veränderung und
Dauer von Prozessen mit der oben genannten, periodischen
Referenz abzugleichen. Damit fördern wir den Eindruck, es
gäbe eine absolute Zeit, die sowohl die Physik, als auch
unsere Wahrnehmung bestimmt. In der subjektiven Welt des
individuellen Bewusstseins gilt dies jedoch nicht. Im
Rahmen der Erfahrung der durchschnittlichen Alltäglichkeit
des Daseins (nach Heideggers Worten [3, S.43]) ist der
subjektive Zeitfluss vielmehr ein schwer fassliches, äußerst
variables Phänomen. Die Wahrnehmung der erlebten Zeit ist
auch deutlich unabhängig davon, was logisch ableitbar ist.
Gehen wir von der Wahrnehmung des Moments aus, die
unsere derzeitige Position auf einer gedachten Zeitachse als
Ausgangspunkt der Betrachtung nimmt, so befinden wir uns
in der Gegenwart als einer Schnittstelle zwischen
Vergangenheit und Zukunft. Diese Perspektive einer
modalzeitlichen Betrachtung wir weiter unten näher
beschreiben. Die Frage nach der Existenz von Zeit muss
dabei logisch so beantwortet werden, dass es im Moment der
Betrachtung weder Vergangenheit noch Zukunft gibt. Mit
einem immer detaillierteren Blick auf den Moment der
Gegenwart rücken Vergangenheit und Zukunft infinitesimal
nah aneinander, sodass auch von einer Existenz der
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Gegenwart im Grunde nicht ausgegangen werden kann. Ein
logischer Ansatz führt daher nicht zu Ergebnissen, die mit
unserer Alltagswahrnehmung übereinstimmen. Diese
unterscheidet sich hingegen grundsätzlich von derart
theoretischen Befunden der Logik. Es zeigt sich, dass die
Gegenwart in unserem Bewusstsein nicht auf einen (quasi
mathematischen) Punkt auf einer Zeitachse bezogen ist.
Vielmehr nimmt die Alltagsgegenwart in unserem
Bewusstsein einen ausgedehnten Bereich ein. Abbildung 1
zeigt als Beispiel die graphische Darstellung von
Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft einer
Versuchsperson [4]. Die Vorstellung der Gegenwart umfasst
nicht nur den Bruchteil einer Sekunde, sondern je nach
Thema der Betrachtung zum Beispiel auch die nächsten
Handgriffe, „diesen Vormittag“, „diese Wochen vor dem
Urlaub“ oder die Welt im ersten Viertel des 21.
Jahrhunderts.
Abbildung 1: Darstellung von Vergangenheit, Gegenwart
und Zukunft (von links nach rechts) durch eine
Versuchsperson. „Die Gegenwart ist nicht nur das
Resultat der Vergangenheit und der Zugang zur Zukunft, …
sondern besitzt auch ein ihr eigenes Wesen (…). Die
Zukunft ist von Vergangenheit und Gegenwart
beeinflusst.“ [4, Abb. 22]
Das subjektive Erleben von Veränderung unterscheidet sich
grundlegend von dem, was wir für die „objektive“ Welt der
Physik annehmen können. Während zum Beispiel ein
Lebewesen über Modifizierungen hinweg seine Identität
bzw. Einheit bewahrt, beruht die Wahrnehmung seiner
Veränderung auf dem Verarbeiten und Speichern einer
Vielzahl einzelner Bildern. Diese Bilder können sehr
unterschiedliche Gestalt annehmen (wenn wir etwa eine
Person über ihr gesamtes Leben hin beobachten), und doch
gelingt in der Regel die Zuordnung zu einer Person, die zu
jedem Zeitpunkt ihrer Existenz genau einmal existiert.
Interessant ist, dass die Einheit der Person in unserem
Bewusstsein auch dann nicht verletzt wird, wenn wir zu
einem Zeitpunkt zusätzlich zahlreiche Fotografien (aus
diversen Perspektiven) anfertigen, die Person in diesem
Moment visuell somit vielfach vorhanden ist. Das Erinnern
besteht zunächst in der Reproduktion dieser vielfachen
Eindrücke. Als Ordnungskonzept fungiert die subjektiv
empfundene Zeit, mit deren Hilfe es möglich ist, das
Paradoxon vielfacher Bilder einer eindeutigen Person
aufzulösen und die Verschiedenheit als Funktion einer
Skalierung zu verstehen, die Veränderung als Prozess
verdeutlicht. Diese Skalierung weist deutliche Parallelen zu
räumlichen Koordinatenachsen auf. Dies ermöglicht es uns
auch, Zeit als räumlichen „Verlauf“, „Fortschreiten“, „Fluss“
und mit weiteren Analogien umlicher Bewegung zu
begreifen.
Bereits im 19. Jahrhundert war bekannt, dass die Abfolge
der Monate des Jahres im Bewusstsein in ganz
unterschiedlichen Formen repräsentiert sein kann. Wie
Abbildung 2 belegt, ergaben Befragungen von Erwachsenen
und Kindern sowohl lineare, als auch gekrümmte oder in
sich geschlossene Formen von Jahresdiagrammen [5].
Derartige visuelle Formen nichtvisueller Inhalte wurden zu
dieser Zeit als Photismen bezeichnen. Akustiker sind es
aufgrund der üblichen Darstellungsweisen der betrachteten,
z.B. gemessenen physikalischen Prozesse gewohnt, in
kartesischen Koordinaten zu denken, wobei die Zeit linear
von links nach rechts verläuft. Die intuitive Plausibilität
solcher Zeitachsen wird durch die im jeweiligen Kulturkreis
übliche Schreibrichtung unterstützt. Es ist denkbar, dass
diese Gewohnheit auch das subjektive Zeiterleben im Alltag
beeinflusst.
Abbildung 2: Jahresdiagramme verschiedener Personen
nach Befragungen durch Theodor Flournoy, 1893 [5].
Ganz offenbar findet im Bewusstsein eine Transformation
zeitlicher Abläufe über variable Koordinaten in räumliche
Modelle statt. Diese Modelle können sehr verschiedenartige
Raumkonzepte beinhalten und sind in der Skalierung sehr
variabel. Sie können sich auf Mikrosekunden ebenso
beziehen wie auf Lichtjahre, und die Skalierung ist nicht
notwendig äquidistant. Die folgende Diskussion verwendet
daher den Begriff der subjektiven Raum-Zeit, der jedoch
nicht als Verweis auf die naturwissenschaftliche
Relativitätstheorie missverstanden werden sollte.
Die subjektive Raum-Zeit
Das kognitive System modelliert räumliche
Repräsentationen der subjektiven Zeit mit Bezug zur Art des
betrachteten Prozesses, wie zum Fallen eine Tropfens oder
zur vergangenen Schulzeit. Daher können im Bewusstsein
sehr viele Zeitreihen nebeneinander vorhanden sein, sie
bilden gewissermaßen einen verfügbaren Satz von Linealen
zum subjektiven Vergleich mit dem Erlebten. Ein wichtiges
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Unterscheidungsmerkmal ist dabei die subjektive
Perspektive der Betrachtung, die entweder von einem Punkt
des Zeitreihe oder losgelöst von dieser erfolgt [siehe z.B. 6].
Für den ersten Fall beschreiben A-Reihen die Modalzeit, die
sich relativ zur gerade subjektiv erlebten Gegenwart in
Vergangenheit und Zukunft spannt (Abb. 3 oben). Sie
beruhen daher auf dem subjektiven Standpunkt, der
Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft relativ zur eigenen
Position im Jetzt unterscheidet. Daraus lassen sich logisch
neben der schon angesprochenen These der Nichtexistenz
der Zeit auch Hypothesen ableiten, die nur Vergangenes und
Gegenwärtiges (Possibilismus) oder nur Gegenwärtiges als
existent anerkennen (Präsentismus, growing block model).
Abbildung 3: A- und B-Reihen als Grundtypen subjektiver
Betrachtung von Zeitskalen.
Im Gegensatz zur Modalzeit befindet sich bei der auch als B-
Reihe bezeichneten Lagezeit der Betrachter nicht in der Zeit,
sondern beobachtet aus einer quasi zeitlosen Position von
außerhalb des Zeitstrahls (Abb. 3 unten). Dies gibt auch
Thesen Raum, die Vergangenes, Gegenwärtiges und
Zukünftiges als gleichermaßen - und stets - existent
annehmen (z.B. der Eternalismus, der ein stets vollständiges
„Blockuniversum“ und eine „dauerhafte Ordnung der
Dinge“ voraussetzt).
Abbildung 4: Bewegungskurve nach Alexander Truslit mit
“offener Bewegung“ für die Interpretation des Rondos Es-
Dur Wq.61/1 von Carl Philipp Emanuel Bach [7, S.149].
Die als A- bzw. B-Reihen deklarierten Zeitordnungen
werden also als Räumliche Konfigurationen gedacht. Die
Transformation ins Räumliche beinhaltet jedoch auch die
Erfahrung zeitlicher Bewegung, wobei die Zeit entlang einer
Linie verläuft („voranschreitet“, „verfliegt“). Bewegung ist
ein wichtiges Merkmal von zeitlich variablen Geräuschen
und von Musik. Das Attribut Bewegung kann als Kurve
gedacht werden. Abbildung 4 zeigt ein Beispiel für die
bewegungsgerechte Interpretation eines Klavierstücks [7].
Bewegungskurven sind keine mathematischen Funktionen
im kartesischen Koordinatensystem, da sie Schlingen
aufweisen. Die Zeit verläuft vielmehr entlang der
Bewegungskurve.
Das Bewusstsein einer modalzeitlichen Ordnung beinhaltet
nicht einfach ein Nebeneinander der Anschauungen von
Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Hingegen gibt es
eine komplexe Interaktion der Repräsentation dieser drei
Bereiche im Bewusstsein, wie Abbildung 5 stark vereinfacht
andeutet. Der Phänomenologe Edmund Husserl hat
dargelegt, dass die momentane Wahrnehmung, die
Impression, unsere Vorstellung und Interpretation der
Vergangenheit wesentlich mitbestimmt, die Retention. In
umgekehrter Richtung bestimmen Erfahrungen der
Vergangenheit unser Gegenwartsbewusstsein ebenso wie
unsere Vorstellung von der Zukunft – als Protention.
Abbildung 5: Stark vereinfachtes Schema des modalen
Zeitbewusstsein nach Husserl [8].
Dies entspricht den Aussagen zu Abbildung 1. Bei der
Beurteilung der Wirkung von Geräuschen und Musik ist also
nicht nur die Gegenwart bedeutsam, der aktuelle Reiz, den
die Psychoakustik in ihrer Anfangszeit gerne isoliert
betrachtet hat. Auch die Vergangenheit ist über die
Erfahrung an der aktuellen Wahrnehmung beteiligt. Gleiches
gilt für die Erwartung über die Entwicklung eines
Geräusches in nächster Zukunft, wie eben Unfallgeräusche,
die auf Reifenquietschen folgen. Auch im Sounddesign
spielen implizite Geräuscheigenschaften eine entscheidende
Rolle, die zukünftiges Geschehen anzeigen es ist wichtig,
etwas „kommen zu hören“.
Die subjektive Raumzeit ist deshalb von höchster
Bedeutung, weil sich im Bewusstsein Umwandlungen
zeitlicher Aspekte in räumliche Konfigurationen ereignen.
Dabei finden Transformationen von Koordinatensystemen
und Umskalierungen statt. Art und Lage der Skala, die
einem auditiven Ereignis zugeordnet ist, stellen wesentliche
Gestaltmerkmale dar, die bei der Analyse der Wahrnehmung
unbedingt zu berücksichtigen sind.
Das Circulatio-Paradoxon
Zyklische Prozesse, die durch hörbar periodische Geräusche
zum Ausdruck kommen, sind häufig weniger störend als
solche mit zufallsbedingtem Verlauf. Die damit verbundene
Erwartbarkeit zukünftiger Empfindung beruhigt die
Anspannung und moderiert so die Emotion. Dies gilt auch
für zyklisch wiederkehrende Alltagsriten, wie etwa
Feiertage. Truls Wyller weist darauf hin, dass „die
Wiederholung von Zeitverläufen eine besondere Art der
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Beherrschung der Zeit aufweist.“ [9, S.79] Zyklische
Abläufe bestimmen den Alltag, die Einteilung des Tage, die
Wochen, Monate und Jahre. Wie Abbildung 2 verdeutlicht,
werden solche Zyklen häufig – jedoch nicht grundsätzlich
als geschlossene räumliche Formen aufgefasst. Musikalische
Figuren können ebenfalls den Eindruck kreisartiger
Bewegung vermitteln´. Die aus acht Noten gebildete
Circulatio gilt als rhetorische Figur, die eine kreisende
Bewegung in einem Text verdeutlicht [10, S.114ff]. In
schnellem Tempo wird die kreisende Bewegung jedoch ganz
unmittelbar wahrgenommen. Dann verläuft die subjektive
Zeit nicht mehr entlang einer linearen Achse, sondern kehrt
zyklisch zum Ausgangspunkt zurück. Die musikalische
Bewegung „tritt auf der Stelle“. Die Wahrnehmung ist dabei
durchaus paradox: ein offensichtlich dynamischer und damit
zeitlich fortlaufender Vorgang wird in der räumlichen
Vorstellung zugleich einem zeitinvarianten Ort zugeordnet.
Dies gilt natürlich nur dann, wenn die Periodizität noch
auditiv erfassbar ist. Bei großer Geschwindigkeit der
dynamischen Änderung verliert sie den zeitlichen Charakter
vollends und wird zu einer rein spektralen Qualität: die
Fluktuation wird zur Rauigkeit. Phänomenologisch
betrachtet verschwindet dabei die Zeit.
Abbildung 6: Ein modulierter Sinusschall zunehmender
Mittenfrequenz erzeugt die Wahrnehmung einer Rotation
oder einer schraubenförmigen Bewegungskurve.
Der Sinus-Sweep mit ansteigender Mittenfrequenz der
Abbildung 6 wird als Ergebnis eines in sich rotierenden
Vorgangs aufgefasst. Während er physikalisch als
mathematische Funktion in kartesischen Koordinaten
beschreibbar ist, erzeugt er die Wahrnehmung eines
rotierenden Prozesses. Dem überlagert sich die Vorstellung
eines aufwärts bewegter Drehpunkt, weshalb derartige
Signale in frühen Science Fiction Filmen gerne rotierenden
Ufos zugeordnet wurden. Truslit hat ähnliche musikalische
Vorgänge mit Hilfe schraubenförmiger Bewegungskurven
dargestellt, z.B. das Winken der Isolde in Wagners ‚Tristan‘
[7, Tafel 6].
Bedeutung des Zeitbewusstseins für die
auditive Wahrnehmung
Für die Rolle der subjektiven Zeit bei der
Schallwahrnehmung liefert die Phänomenologie wichtige
Ansätze. Diese bedürfen zur Ableitung einer subjektiven
Geräuschdosis weiterer Analysen.
Darüber hinaus zeig sich, dass für die Wirkung von
Geräuschen und Musik nicht allein die momentane
Einwirkung bedeutsam ist, sondern ebenso die
Repräsentation vergangener Einwirkungen im Bewusstsein
(Retention) und die daraus abgeleitete Erwartung
zukünftiger Einwirkungen (Protention) [8]. Retention und
Protention bestimmen zu jeder Zeit die momentane
Einwirkung, die zu physiologische Reaktionen und
Emotionen führt. Daher sind Schätzverfahren für die
Wirkung von Geräuschen zu entwickeln, die das Potential
einer schlüssigen Vorhersage aufweisen. Ob dies unter
Berücksichtigung individueller Präferenzen allgemeingültig
gelingt, ist zu prüfen.
Die in der Wahrnehmung aufscheinenden räumlichen
Transformationen gehörter Prozesse sind für die subjektive
Wirkung/Bedeutung von Geräuschen wesentlich. Dies ist
eine Folge der im Bewusstsein wirksamen Zeit-Raum-
Transformation. Die Repräsentation der Zeit interagiert
dabei mit subjektiven, auditiv angeregten
Bewegungsvorstellungen. So können etwa Periodizitäten den
Bewegungsgehalt von Geräuschen beruhigen oder ganz zum
Stillstand bringen. Ein genaueres Verständnis subjektiver
Modelle von Zeit und Bewegung ist für die Beurteilung von
Geräuschen und Musik wesentlich. Die als intuitiv passend
empfundenen Arten der räumlichen Transformation der Zeit
im Bewusstsein müssen zwingend in die Analyse von
Geräuschen einbezogen werden.
Literatur
[1] Haverkamp, M.: Wie klingt, was wir hören? Das
Qualia-Problem in der Akustik. Berlin: DEGA, 2019,
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[2] Haverkamp, M.: How does what we hear sound? The
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Niemeyer, 2006. Orig. als Sonderdruck aus Husserl, E.:
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[4] Arnheim, R.: Anschauliches Denken. Zur Einheit von
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[5] Flournoy, Th.: Des Phénomenènes de Synopsie. Paris:
Félix Alcan & Genève: Ch. Eggimann, 1893
[6] Sieroka, N.: Philosophie der Zeit. Grundlagen und
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[7] Truslit, A.: Gestaltung und Bewegung in der Musik.
Chr. Friedrich Vieweg, Berlin, 1938
[8] Husserl, E.: Phänomenologie des inneren
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Stuttgart: Reclam., 2002, nach dem Erstdruck von 1928
[9] Wyller, T.: Was ist Zeit? Stuttgart: Reclam, 2016.
Orig.: Hva er TID. Oslo, Universitetsforlaget, 2011
[10] Bartel, D.: Handbuch der musikalischen Figurenlehre.
Lilienthal: Laaber Verlag, 72017
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The development of quantitative methods for description of auditory perception has extended the possibility of detailed analysis and optimization of sound properties. Psychoacoustic quantities help to assess audible features like loudness, roughness, sharpness, tonality and pitch. But why is it still not possible to precisely describe how an auditory phenomenon really manifests itself within the subjective perception of an individual? This would be essential in terms of defining targets for sound design, the legal determination of branding sounds and comprehension of the annoyance of auditory incidents. In order to approach this question, the so-called qualia problem shall be outlined in view of auditory perception. It is evident that development of effective metrics for sound evaluation is hindered by this matter. Even under the hypothetical presumption that a complete set of relevant parameters could be established, trying to find a definite description would fail due to the impossibility of including the perceived subjective content. Moreover, the holism of perception impedes achieving this goal. Various approaches will be discussed briefly: 1. Verbalization of sensations and onomatopoeia 2. Inclusion of further modalities as tertium comparationis 3. Parameters related to the human body, like movement
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Truslit, A.: Gestaltung und Bewegung in der Musik. Chr. Friedrich Vieweg, Berlin, 1938